THE UNIVERSITY
OF ILLINOIS
LIBRARY
V.702-
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für die Schriftleitung: Amulfstr. 26 (Sprechstunden Sl-i— 1 Uhr),
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MÜNCHENER
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Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 27. 6. Juli 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sinh dae ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Ueber die Einwirkung der weissen Blutkörperchen,
der Milz- und Leberzellen auf den Blutfarbstoff.
Eine historische Notiz von Friedrich Müller.
Die Beobachtung, dass in der kruppösen Pneumonie die Lungei.-
schnittfläche bei dem Uebergang Von der roten in die graue Hepati¬
sation den roten Farbenton vollständig verliert, obwohl doch eine sehr
grosse Zahl von Erythrozyten im Fibrinnetz der Alveolen angehäuft
waren, wirft die Frage auf, was aus dem Hämoglobin dieser roten
Blutkörperchen geworden ist. Man kann bei der grauen Hepatisation
zwar noch die Schatten, also die Stromata der roten Blutkörperchen
in den Alveolen nachweisen, sie haben aber ihren Farbstoff verloren.
Fs muss also angenommen werden, dass eine Hämolyse stattgefunden
hat, aber der Vorgang der Hämolyse, also des Hämoglobinaustrittes
aus den roten Blutkörperchen muss von demjenigen des Verschwin¬
dens des Farbstoffes getrennt werden, was nicht immer mit genügen¬
der Schärfe betont worden ist. Gewiss liegt die Vermutung nahe, dass
das aus den roten Blutkörperchen ausgetretene Hämoglobin rasch re¬
sorbiert und weggeschwemmt wird, aber die bekannte Tatsache, dass
im Stadium der grauen Hepatisation die Kapillaren meist blutleer ge¬
troffen werden und grossenteils nicht einmal mehr injizierbar sind
(Mac Call um) spricht nicht gerade in diesem Sinne. Jedenfalls
muss auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass das aus den
roten Blutkörperchen ausgetretene Hämoglobin unter dem Einfluss der
massenhaft eingewanderten Leukozyten eine Umwandlung in ein farb¬
loses Produkt erfährt.
Dieser Gedanke erweckt zunächst gewisse Bedenken, weil wir
gewohnt sind, die direkte Umwandlung des Blutfarbstoffes in das Bili¬
rubin als eine gesicherte Tatsache anzusehen. Freilich darf man sich
diese Umwandlung nicht in der Weise vorstellen, als ob es sich dabei
einfach um den Austritt des Fisens und den Eintritt von Sauerstoff in
das Molekül handelte; vielmehr haben die Untersuchungen von Hans
Fischer, P i 1 o t y und Thannhauser nachgewiesen, dass der
Blutfarbstoff in seinem chemischen Aufbau wesentlich verschieden ist
von dem Bilirubin, so dass bei der Umwandlung des ersten in das
zweite ein völliger Umbau des Moleküls angenommen werden muss.
Wenn wir auch gute Gründe haben für die Annahme der Bilirubiri-
bildung aus dem Blutfarbstoff, so ist doch noch keineswegs erwiesen,
dass die Umwandlung des Blutfarbstoffes in das andere gefärbte Pro¬
dukt direkt geschieht, e§ könnten dabei auch farblose Zwischen¬
stufen auftreten. Ferner ist es nicht wahrscheinlich, dass das aus
den roten Blutkörperchen ausgetretene Hämoglobin ausschliesslich
und vollständig in Gallenfarbstoff umgewandelt wird, vielmehr spricht
manches dafür, dass es auch auf anderem Wege abgebaut werden
kann. ,
Wenn wir von der Bildung kleiner Hämatoidin- oder Bilirubin¬
mengen in alten Blutextravasaten absehen, so galt bis vor kurzem nur
die Leber als die Stätte der Gallenfarbstoffbildung, und diese An¬
sicht ist vor allem durch die Experimente von Naunyn und Min¬
kowski gestützt, ln neuerer Zeit mehren sich jedoch die Be¬
obachtungen, welche auch der Milz eine wichtige Rolle in diesem
chemischen Prozess zuschreiben. Die Tatsache, dass beim hämo¬
lytischen Ikterus die Gelbsucht nach Entfernung der Milz verschwin¬
det, ist das wichtigste Argument für diese Annahme. Ferner spricht
der therapeutische Erfolg der Milzexstirpation bei der B a n t i sehen
Krankheit dafür, dass die Milz hei dem Untergang der roten Blut¬
körperchen beteiligt sei. Manche Autoren nehmen direkt die Bildung
von Bilirubin in der Milz an, während andere der Milz nur eine vor¬
bereitende Rolle zuschreiben, und die endgültige Bildung des Bili¬
rubins doch ausschliesslich oder in der Hauptsache als eine Funktion
der Feber ansehen. Die Gründe, welche für eine Bilirubinbildung in
der Milz sprechen, sind vorderhand noch wenig beweiskräftig, ein
kleiner Unterschied im Farbstoffgehalt des arteriellen und venösen
Blutes der Milz kann nicht als ausschlaggebend angesehen werden
(Gur witsch); sind docli überhaupt die Angaben über die ver¬
schiedene Zusammensetzung des arteriellen und venösen Blutes, be¬
sonders der Bauchorgane, sehr widersprechend.
Bei der Durchsicht der neueren Literatur über diese Fragen kam
mir die Erinnerung, dass ich während meiner Assistentenzeit Dorpat.r
Dissertationen in den Händen gehabt hatte, welche entgegen der da¬
mals herrschenden Meinung die Ansicht vertraten, dass der Milz
eine wichtige Rolle bei der Umwandlung des Blutfarbstoffes zuzu¬
schreiben sei.
Nachdem ich zunächst vergeblich versucht hatte, diese Disser¬
tationen wieder aufzufinden, gelang es durch die liebenswürdige Ver¬
mittelung von Herrn Gustav v.Bergman n, mit der Familie des Dor-
pater Physiologen Alexander Schmidt in Verbindung zu treten, in
dessen Laboratorium, wie ich wusste, die Dissertationen angefertigt
worden waren. Der Schwiegersohn, Herr Dr. Egbert Koch, hatte
die Güte, mir aus Reval eine Anzahl dieser Arbeiten zu schicken, und
nachdem die Spur auf gefunden war, konnte das Fehlende aus unserer
Universitätsbibliothek ergänzt werden. Die Arbeiten gehen auf das
Jahr 1888 zurück und reichen bis 1893. Die wichtigste unter ihnen
ist die Dissertation von A. Schwartz:
Dieser brachte dünne wässerige Lösungen von kristallisiertem Hämo¬
globin mit einem Brei von weissen Blutkörperchen zusammen, der nach
A. Schmidts Methode aus dem Pferdeblut gewonnen worden war. Er
konnte beobachten, dass der Hämoglobingehalt in wenigen Tagen vollständig
verschwand und zwar wurde das Hämoglobin zunächst von den Leukozyten
aufgenommen, was daraus zu erkennen war, dass der Eisengehalt in der über¬
stehenden, nunmehr farblosen, Flüssigkeit verschwand und dass die Eisen¬
menge in dem Leukozytenbrei zunahm. Dieses Verschwinden des Hämo¬
globins wurde spektroskopisch verfolgt und es stellte sich dabei heraus, dass
als Zwischenstufe Methätnoglobin auftrat. Das Hämoglobin war nicht etwa
von den Leukozyten absorbiert, sondern es war auch in dem Leukozyten-
brei nicht mehr nachweisbar. Nach völliger Entfärbung des Gemisches stellte
sich bemerkenswerterweise etwa nach Ablauf von einem Tage wieder eine
Rotfärbung ein, welche den Streifen des reduzierten Hämoglobins darbot und
bei Sauerstoffzufuhr rasch eine ziegelrote Farbe und die beiden Streifen des
Oxyhämoglobins aufwies. Schwartz nimmt eine Regeneration des Hämo¬
globins aus den farblosen Abbauprodukten an. Versuche mit den aus-
gepressten Gewebszellen der Lymphdrüsen fielen negativ aus. Die
Lymphozyten unterscheiden sich also auch hier wieder, ähnlich wie bei der
Autolyse und der Oxydasereaktion, von den anderen Leukozyten, indem sie
ohne Einwirkung auf das Hämoglobin sind. Derselbe Versuch wurde nunmehr
auch mit der abgeschabten Milzpulpa durchgeführt und es ergab sich,
dass die Milzzcllen die Entfärbung des Hämoglobins noch viel energischer, in
3 — 4 mal kürzerer Zeit zuwege brachten. Auch hier kam nach völliger Ent¬
färbung ein Wiiederauftreten der roten Farbe zustande, und zwar schien es
nach spektrophotometrischer Messung, dass schliesslich der Hämoglobingehalt
noch etwas grösser war, als ursprünglich, so dass Schwartz eine Neu-
b.ldung von Hämoglobin durch die Milzzellen als wahrscheinlich betrachtete.
Auch di'e Leberzellen, welche ähnlich wie bei der Milz durch
stumpfes Abschaben der frisch entnommenen Leber als Brei gewonnen worden
waren, haben die Fähigkeit die Hämoglobinlösung zu entfärben und sie tun
dies auch, wenn sie nach Zerreib'ung durch Glassplitter völlig in ihrer Form
zerstört worden waren. Es muss sich also um ein in den Zellen liegendes
Ferment handeln. Aber diese Entfärbung macht im Gegensatz zu den Ver¬
suchen mit Milz- und Leukozytenbrei nicht wieder einer Rotfärbung Platz und
diese bleibt auch dann aus, wenn man dem schon entfärbten Milz-Hämoglobin-
gemisch nachträglich Leberbrei zusetzt. Die Entfärbung des Hämoglobins
durch die Leberzellen ist 'also bleibend, eine Regeneration tritt nicht auf.
Ferner ist bemerkenswert, dass die Leberzellen das Hämoglobin nur dann ent¬
färben, wenn der Brei genügend glykogenhaltig . ist oder wenn man ihtji
Glykogen oder Traubenzucker zusetzt. Der Traubenzucker ist also unbedingt
notwendig für die Entfärbung des Hämoglobins durch die Leberzellen, er wird
dabei vollständig verbraucht und die Autoren glaubten während dieses Pro¬
zesses eine Zunahme von Gallensäuren in der Gesamtflüssigkeit nachweisen
zu können.
Durch diese Arbeiten der Alexander Schmidt sehen Schule, von
denen die späteren in mancher Beziehung eine Erweiterung und Er¬
gänzung der Angaben von Schwartz bringen, scheint erwiesen zu
sein, dass das Hämoglobin unter dem Einfluss der weissen Blutkörper¬
chen und der Milzzellen eine Umwandlung in ein farbloses Produkt er¬
fährt. Diese Umwandlung ist nicht durch Bakterieneinwirkung oder
Fäulnis zu erklären, sondern muss auf eine Wirkung der Zellen selbst
und ihrer Fermente zurückgeführt werden. Eine Bildung von Bilirubin
ist dabei nicht beobachtet worden, wohl aber ist die Einwirkung der
Leberzellen anders geartet, als wie diejenige der Milzzellen und
Leukozyten, indem bei jener ein Produkt gebildet wird, welches im
weiteren Verlauf nicht wieder zu einem roten Farbstoff umgebildet
werden kann. Ob der von der Milz und den weissen Blutkörperchen
regenerierte rote Farbstoff wirklicli identisch ist mit dem Hämoglobin,
scheint mir nicht sicher erwiesen. Der regenerierte Farbstoff zeigt
zwar die Streifen des Hämoglobins und dessen Oxydierbarkeit, aber
er verhält sich im Farbenton und gegen Essigsäure etwas anders.
Fs erscheint als ein Gebot wissenschaftlicher Gerechtigkeit, diese,
interessanten Studien der Vergessenheit zu entreissen, weil sie uns
neue Möglichkeiten eröffnen ein Problem zu studieren, welches chemi¬
scher Art ist und das nicht durch morphologische Untersuchungen
R6(>
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
allein gelöst werden kann. Diese schlichten Dorpater Dissertationen
geben uns ein anschauliches Bild von dem regen wissenschaftlichen
Leben, welches damals an jener Universität geblüht hat. und von dei
geistigen Bedeutung der Männer, welche an ihr gewirkt haben.
Unter ihnen ist der Physiologe Alexander Schmidt vielleicht nicht
immer in dem Maasse anerkannt worden, als es dem Ideenreichtum
und der Gründlichkeit seiner Arbeiten entsprochen hatte. war er doch
’/.u bescheiden, als dass er in seinen beiden Büchern über die Blutlehiv.
der vorerwähnten Arbeiten seiner Schüler ausführlich Erwähnung g
tan DM deutsche Universität Dorpat ist vernichtet und die deutsche
Kultur ist Schritt für Schritt aus dem Osten verdrängt wie durch eine
Völkerwanderung. Wir aber sind verpflichtet die Erinnerung an cl!
vergangene deutsche Blüte aufrecht zu erhalten.
Möge es dem Manne, dessen Bild unsere heutige Wochen¬
schrift ziert, beschieden sein, dass auch seine und seiner Schüler
Werke noch nach vielen Jahrzehnten eine gerechte Würdigung er¬
fahren.
Literatur.
A. Schwartz: lieber die Wechselbeziehungen zwischen Hämoglobin
und Protoplasma. Dissertation Dorpat 188S- Max ,v' $.! 5 n?>fäl!e
Bestimmung des Hämoglobingehalts im Blut der zu- und abführenden OcDs.
der Leber und Milz. 1888. — V. ü 1 a s s: Die Milz als blutbildendes Organ.
igg9 — g Wiek lein: Experimenteller Beitrag zur Lehre vom Muz-
pigment 1889 — N. Hoff mann: Einige Beobachtungen betr .die Funk¬
tionen der Leber und Milzzellen. 1890. - Anthem Ueber die Wu rk“"« der
Leberzellen auf Hämoglobin. 1889. — Kallmeyer: J Klein. Ein Be¬
trag zur Punktion der Leberzellen. 1890. — A. P a n s k i: Ueber den Ptgment-
gehalt der Stauungsmilz. 1890. — N. H ö hl ein: Ueber die Einwirkung der
Milzzellen auf das Hämoglobin. 1889. — S. Ooltz: Blutgefässe der Milz.
1893 — M. Our witsch: Quantitative Analysen des zu- und abstrornenden
Milzblutes. 1893. - M. Eliasberg: Blutbildung in der Milz. 893. _
Alexander Schmidt: Zur Blutlehre. Leipzig, F. C. W. Vogel. 1892.
Derselbe- Weitere Beiträge zur Blutlehre (nach dem lode des Verfassers
herausgegeben). Wiesbaden. J. F. Bergmann. 1895. — H. Epp inger und
F Ranzi- Die hepatolienalen Erkrankungen. Enzyklopädie der klinischen
Medizin. Berlin, Springer, 1920, und zahlreiche Arbeiten im D. Arch. f.
klin Med.; siehe auch L. Asher: Biochem. Zschr. 1916, 72.
Aus der experimentell-chirurgischen und wissenschaftlichen
Abteilung der Chirurgischen Klinik München.
(Vorstand: Geh. Hofrat Prof. Dr. Sauer bruch.)
Zelluläre Abwehrvorgänge und ihr Ausdruck im Para-
bioseversuche.
Von F. Sauer bruch.
Immunitätsvorgänge und Abwehrmassnalimcn wurden bisher \ or-
wiegend von serologischen Gesichtspunkten aus betrachtet. Dabei
kamen die begleitenden geweblichen Veränderungen zu kurz.
Und doch kennt die pathologische Histologie Gewebsreaktionen,
die zu den spezifisch-entzündlichen gehören und versuchte oder ge¬
lungene örtliche Immunvorgänge darstellen, z. B. bei der tuber¬
kulöse, der Syphilis, dem Typhus. Diese örtliche Abwehrreaktion
wird in der Hauptsache von mesenchymalen Zellen geleistet (B o r t,
Borden, Baum garten, Lu bar sch). Es kann aber auch --
histologisch verfolgbar — die anfangs auf den Herd beschrankte Ao-
wehrleistung auf entfernte Gebiete des m e s e n c h y m a 1 e n
Gewebes übergreifen (M. B. Schmidt u. A.). Sie wird dann mit
Vorliebe in jenem mesodermalen Zollgebiete angetroffen, das an der
Phagozytose von Fremdkörpern und Bakterien hervorragend beteiligt
ist (Retikuloendothelien — Asch off-Landau; Ribbert).
Innerhalb einer neuzeitigen erweiterten Auffassung der Abwehr¬
vorgänge liegt es nahe, anzunehmen, dass das mesenchymale Gewebe
nicht bloss auf anorganische Fremdkörper oder spezifische Bakterien,
sondern vielmehr auf alle körperfremden Stoffe, ja sogar auf Stofi-
wechsel- und Zellzerfallserzeugnisse des eigenen, aber krankhaft ver¬
änderten Körpers reagieren werde.
Diese Gedankengänge wurden fruchtbar bei unseren Parabiose-
Zwischen den beiden künstlich vereinigten und anatomisch fest
verwachsenen Parabiosepartnern bildet sich gesetzmässig ein gegen¬
seitiger Abwehrkampf, eine wechselseitige Vergiftung heraus. Sie
beruht darauf, dass aus einem in das andere Tier normale oder krank¬
hafte Erzeugnisse des fremden Körpers eingeschwemmt werden rnd
zur Abwehr reizen. .
Bei histologischen Untersuchungen haben wir uns seit längerer
Zeit davon überzeugt, dass innerhalb dieses zellulären Lebenskampfes
in dem reaktionskräftigeren der beiden Tiere das lymphatische
Zellgewebe wuchert und viele Plasmazellen bildet.
Eng verbunden mit solchen Proliferationsvorgängen im lympha¬
tischen Gewebe haben sich nun — besonders bei langdauernden Pa-
rabiosen — weitere Veränderungen im mesenchy¬
malen Zellapparat, zumal der Leber, gefunden. Solange sie
lediglich als Ausdruck einer Funktionsteigerung des makro-
pliagen Zellsystems (vermehrte erythrophage Tätigkeit) er¬
schienen, haben wir ihnen keine entscheidende Bedeutung zumessen
dürfen.
Erst in letzter Zeit fanden’ wir nun mehrfach in der Leber des
reaktionskräftigeren Parabionten Bilder von erheblicher Neu-
b i 1 d u n k der retikuloeudotheliulen Zcllclenie nt c in
Gestalt von knötchenartiger Wucherung der Sternzellen. Sie lassen
kaum einen Zweifel, dass Funktion Steiger u n g u n d H y p e r-
p 1 a s i e der mensenchy m a 1 e n Z e 1 1 e n e i n e n a 1 1 g e m e i -
neu Abweh rversuch bedeuten. Auf innige Beziehungen zwi-
scheu der ersterwähnten lymphatischen und einer makrophagen Zcll-
reaktion im Gefolge von allgemeinen Abwehrleistungen hat
Kuczynski hingewiesen. .
Ich halte diese aus den Untersuchungen Nisse ns sich er¬
gebende Folgerung für wichtig genug, um sie an dieser Stelle be¬
sonders hervorzuheben.
Ringt sich doch die Auffassung mehr und mehr durch, dass die
Anlage und die Lebenskraft des Mes e n c h ,\ m s
Grundlagen körperlicher Konstitution und Dispo¬
sition sind.
Für das viel zu wenig beachtete sogenannte „individuelle Mo¬
ment“ bei der Krankheitsempfänglichkeit und -abwehr gewinnt diese
Feststellung besondere Bedeutung.
Die ausführliche Mitteilung wird an anderer Stelle durch Nissen
erfolgen.
Aus der Abteilung für Chemotherapie des Instituts für
Infektionskrankheiten „Robert Koch".
Ueber Zustandsänderungen der Streptokokken.
(Zugleich ein Beitrag zur Kenntnis des Streptococcus
viridans der Endocarditis lenta.)
Von R. Schnitzer und F. Pul vermachet.
Es soll hier in Kürze über Beobachtungen berichtet werden, die
an grünen, als solche vom Menschen gezüchteten Streptokokken an¬
gestellt wurden und in engem Zusammenhänge stehen mit den früher
ausführlich beschriebenen Zustandsänderungen hämolytischer
: Streptokokken im Tierkörper *).
Aus diesen Untersuchungen hatte sich ergeben, dass die Strepto¬
kokken teilweise in den ersten Stunden nach der intraperitonealen Infektion
von Mäusen einen Niederbruch der Virulenz, oft bis zur völligen Apathogenität
für Mäuse erleiden, für welchen das Wachstum mit grüner Verfärbung des
Blutagars als Indikator dienen kann. Unter den verschiedenen Graden der
durch die Vergrünung angezeigten Zustandsänderung fanden v/ir auch solche,
bei denen die vergrünten Streptokokken noch die Fälligkeit besassen. in den
i folgenden Nährbodenpassagen, meist aber bei Infektion von Mäusen das
Wachstum mit Hämolyse und damit auch die — oft hohe — Virulenz des
hämolytischen Ausgangsstammes wiederzugewinnen.
Das Verhalten der Virulenz stand hei unseren Versuchen von
vornherein im Vordergrund der Betrachtungen*). Die Möglichkeit
des Auftretens avirulenter Modifikationen in virulenten Populationen
von Streptokokken findet offenbar ein Analogon auch bei anderen
Bakterien.
Das zeigen die neuen Untersuchungen de K r u i f s * * 3) über die Bazillen
der Kaninchenseptikämie, bei welchen — auch bei Anwendung von Einzell-
kulturen — die Abspaltung einer für Kaninchen fast oder ganz avirulenten,
durch ihr Verhalten auf Nährboden charakterisierten Modifikation beobachtet
wurde. Bemerkenswert war, dass Bazillen in diesem avirulenten Zustande,
wie sie in einigen Fällen auch aus dem Nasensekret gesunder Kaninchen ge¬
züchtet wurden, bisher nicht in die virulente Form übergingen.
Nach unseren Erfahrungen an Streptokokken ist es aber — - wie
schon erwähnt — durchaus möglich, dass avirulente Keime in die für
Mäuse virulente Form übergehen resp. Zurückschlagen, und zwar
war damit in unseren Versuchen4 * *) das Auftreten der hämolytischen
Fähigkeit verbunden.
Aeltere Beobachtungen dieser Art, die in der Literatur vorliegen,
sich aber hauptsächlich mit der Klassifizierung der Streptokokken
nach dem Merkmal der Hämolyse beschäftigen, sind früher ') ein¬
gehend besprochen worden, worauf hier nur verwiesen sei. Neuer¬
dings berichtet Philipp“) über klinisch-bakteriologische Befunde
bei puerperaier Sepsis, welche, im Gegensatz zu einer von
E. F. Müller7) geäusserten Ansicht die Möglichkeit von Zustands¬
änderungen der Streptokokken im Verlaufe septischer Erkrankungen
' des Menschen zulassen.
Unsere Beobachtungen erstrecken sich auf 10 grüne, als
solche vom Menschen gezüchtete Streptokokken,
die teils hei Fortzüchtung auf Nährboden, teils im Versuch an der
! Maus hämolytisch wurden.
>) Schnitzer und Munter: Zschr. f. Hyg. u. Infektionskjkh.
1921, 93, 96; 1921, 94, 107; 1923, 99. 366.
*) Morgenrot h: B.kl.W. 1919 S. 1172.
3) P. de Kruif: Journ. exp. med. 1921, 33, 773; 1922, 35, 561; Journ.
of gen. physiolog. 1922, 4, 587, 395.
4) Neuerdings berichten Valentine und Krumwiede (Journ. exp.
med. 1922. 36, 157) über Virulenzsteigerung eines grünen Streptokokkus durch
14 Mäusepassagen ohne Rückschlag zur Hämolyse..
fi) Schnitzer und Munter: 1. c. I. Mitteilung; s. a. F. Munter:
1 Inaug.-Diss.. Berlin 1921.
“) Philipp; Arch. f. Qyn. (im Druck).
Q E. F. Müller: Verhandl. d. 34. Kongr. d. D. Oes. f. inn. M., Wies¬
baden 1922. S. 530,
♦
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Diese Stämme bilden die Minderheit der zahlreichen von uns im
Laufe der letzten Jahre untersuchten, im grünen Zustande vom Men¬
schen gezüchteten Streptokokkenstämme. Die weitaus meisten
grünen Streptokokken behielten, ebenso wie wir es auch bei vielen
experimentell vergrünten Streptokokken gefunden hatten, während
der Beobachtungszeit, die stets 2 — 4 Wochen betrug, oft wesentlich
länger war, unter allen Bedingungen den grünen Zustand unverändert
bei und zeigten stets das für diese Keime charakteristische Merkmal
geringer oder völlig fehlender Mäusepathogenität. Einige Stämme,
darunter auch zwei aus dem Blut bei Endocarditis lenta gezüchtete
Streptokokken, die sich im übrigen wie die anderen Stämme ver¬
hielten, Messen sich nur kurze Zeit in künstlichen Medien fortzüchten
und gingen dann nicht mehr an.
Die grünen Streptokokken, welche in den hämolytischen Zustand
übergingen, sind in der folgenden Tabelle I zusammengefasst h) ; sie
zeigten sämtlich in den ersten Kulturen auf Blutagar das typische
Wachstum in zarten Kolonien mit deutlicher, oft intensiv grüner Ver¬
färbung des umgebenden Nährbodens.
Bezüglich der in unserem Laboratorium üblichen Technik der
Züchtung und des Tierversuchs verweisen wir auf die ausführlichen
Angaben der früheren Mitteilungen8). Die hier beschriebenen
Stämme wurden bei täglicher bis höchstens zweitägiger Ueber-
impfung in regelmässigem Turnus auf Serumbouillon, Blutagar u. s. f.
geführt.
Die in Tabelle I dargestellten Versuche zeigen den Uebergang
von 10 grünen, aus menschlichen Erkrankungen gewonnenen Strepto-
867
Wochen langer Fortzüchtung und im Mäuseversuch seinen Zustand
nicht änderte; nach 4 Wochen wurde er in Serum übertragen, und
bei seiner Abimpfung aus diesem Medium nach weiteren 4 Wochen
wuchsen lediglich hämolytische Kolonien. Für einen Ein¬
fluss gerade der anaeroben Konservierung sprechen auch Beobach¬
tungen J. H. Browns 10), dem es n u r durch anaerobe Züchtung
gelang, Streptokokken vom a-Typ (d. h. die grünen Streptokokken
unserer Benennung) in hämolytische (ß-Typ der Amerikaner) um¬
zuwandeln.
Unsere früher mitgeteilten Erfahrungen 41) über die Konservie¬
rung grüner Streptokokken in Serum nach Ungerman n, dass
diese nämlich schwer, oft nur ganz kurze Zeit zu konservieren sind,
müssen heute dahin ergänzt werden, dassdie grünen Strepto¬
kokken im Verlauf der Konservierung auch Zu¬
standsänderungen im Sinne eines Uebergang s zum
hämolytischen Wachstum erleiden können. Dieser
Befund ist um so auffallender, als die hämolytischen Streptokokken
bei der Konservierung nach dem U n g e r m a n n sehen Verfahren
ihren Charakter in allen seinen Zügen lange Zeit unverändert be¬
wahren.
Der Umschlag zur Hämolyse im Tierversuch erfolgte, ent¬
sprechend unseren Beobachtungen an einer Reihe experimentell ver¬
grünter Stämme, stets in der I. Tierpassage. Dabei zeigten sich, wie
bei den auf Nährboden hämolytisch gewordenen Stämmen, Unter¬
schiede in dem Ausmass der Umwandlung. In den meisten Fällen war
der Uebergang zur Hämolyse komplett (Str. 712, 902, 5, 123, S.),
Tabelle 1.
St re |>t.-
Stamm
Herkunft
Wachstum in
Serumbouillon
I. Mäusepassage
Tag nach der
Gewinnung
Infektionsdosis
Umschlag zur
Hämolyse Ö
Untersuchung
Tage nach der
Infektion
Verhalten der grünen
Stämme bei Fortziichtuns
Umschlag
zur
Hämolyse
Tag nach der
Gewinnung
Kl.
I.
19.
?
?
Urin
Klar mit Bodensatz
Trübe „ „
Klar ,, ,,
0,5 Vio-'/ioo ip- und subkutan
f 0,5 Vollkultur ip.
1 0,5 Vollkultur subkutan
Getötet 5
Getötet | j
+++
+++
) C+>
5
3
Siehe
Anmerkuntr *)
712.
902.
5.
123.
JScharlacliangma
Rachenabstrich
Kieferhöhlenempyem
Trübe ,
Klar ,
Trübe ,
Klar ,
0;5 Vollkultur ip.
0,3 Vollkultur ip.
0,5 Vollkultur ip. und subkutan
0,5 Vollkultur subkutan
+++
+++
Getötet l
t 3
Getötet 1
t 1
+++
$
(+)
6
4
6
13
S.
73.
F.
Bronchitis (Sputum)
Pleuraexsudat
Herzklappe bei Eudo-
carditis lenta
Trübe ,
Trübe ,
Klar ,
0,2 V, o und Vioo subkutan
0,2 Vollkultur subkutan
0,5 Vollkultur ip.
d — I — h I
lhäm. Kol. (subk.)
3 häm. Kol. (Milz)
Getötet 2
Getötet 1
Getötet 2
i). Die Kreuze veranschaulichen die Stärke des Umschlages; bei +4+ wachsen nur noch hämolytische Kolonien, in den anderen Fällen waren neben grünen
Kolonien mehr oder minder zahlreiche hämolytische aufgetreten. 6 = kein Umschlag zur Hämolyse.
Der Uebergang zur Hämolyse erfolgte in der 2. Näbrbodenpassago nach 20-tägiger Konservierung des Stammes in Serum nach Ungermann
kokkenstämmen in den hämolytischen Zustand. Drei Stämme wur¬
den nur bei der Fortzüchtung auf Nährboden hämolytisch. Bei drei
weiteren Streptokokken erfolgte das Auftreten der hämolytischen
Kolonien nur im Organismus der Maus, und vier weitere Stämme
zeigten sowohl im Tierversuch, wie auch bei der Züchtung in künst¬
lichen Medien den Uebergang zum hämolytischen Wachstum. Bei
diesen Streptokokken trat der Umschlag im Tierkörper stets, einmal
(Str. 123) ganz erheblich, früher ein als bei Fortzüchtung.
Damit ist erwiesen, dass die frisch vom Men¬
schen gezüchteten grünen Streptokokken sich be¬
züglich eines U e b e r g a n g s in den hämolytischen
Zustand analog verhalten wie die experimentell
vergrünten, aberzumRückschlagbereitenStämm e.
Auch diese werden im Tierkörper, besonders kurz nach ihrer üe-
winnung, wieder hämolytisch, während sie auf Nährboden teils sehr
bald (L— IV. Generation), unter Umständen aber auch spät (Str.
Schmidt (Schnitzer u. Munter, 1. Mitteilung, 1. c. I nach
156 Tagen) in der hämolytischen Form erscheinen können.
Der Umschlag zur Hämolyse bei der Fortzüchtung auf Nähr¬
boden erfolgte liier innerhalb der ersten 14 Tage in den meisten
Fällen in der Art, dass 18 ständige Serumbouillonkulturen, die von
rein grünen Blutagarkulturen angelegt waren, bei Aussaat auf Blut¬
agarplatten entweder vollständig hämolytisch waren (Str. KL, L. 712),
oder neben den noch in der Ueberzahl vorhandenen grünen Kolo¬
nien mehr oder minder reichlich hämolytische aufwiesen. Eine Son¬
derstellung nimmt dabei der Str. 19 ein, welcher — • anfangs bei Eort-
ziiclitung und im Tierversuch konstant grün — nach zirka 20 tägiger
Konservierung in Serum nach Ungermann in der darauffolgenden
2. Nährbodengeneration Kolonien mit hämolytischem Wachstum auf¬
wies. Ob in diesem Fall das Verweilen im Serum unter anaeroben
Bedingungen den Uebergang des Stammes zur Hämolyse begünstigt
hat, lässt sich nicht entscheiden. Dass aber im Konservierungs¬
medium eine Zustandsänderung der grünen Streptokokken erfolgen
kann, zeigt ein weiterer, in der Tabelle nicht enthaltener Stamm,
Str. 6. Dies war ein grüner, von einem Rachenabstrich bei Diph¬
therieverdacht gezüchteter Streptokokkus, welcher während vier
H) Wir verdanken diese Stämme Herrn Dr. Kurt Meyer, Leiter der
bakteriol. Abteilung des Virchow-Krankenhauses, und Herrn Dr. Levin-
t h a 1 vom Untersuchungsamt des Instituts.
°) Siehe auch R, Schnitzer: Zsehr. f. Hyg. u. Infektionskrkh. 1923.
100, 59.
zweimal (Str. 73, F.), traten nur einzelne hämolytische neben grünen
Kolonien auf.
Die weitere Untersuchung der hämolytisch gewordenen Stämme
hat gezeigt, dass der hämolytische Zustand nicht in allen Fällen kon¬
stant bleibt. Str. 902, der im Tierversuch und bei Fortzüchtung in
den hämolytischen Zustand übergegangen war, liess sich in dieser
Form nicht weiterzüchten, sondern wuchs schon in der nächsten
Blutagarpassage ganz anhämolytisch, auch ohne Grünfärbung. Nach
einer weiteren Mäusepassage zeigte er wieder schwach hämolyti¬
sches Wachstum, verlor dies aber bei neuerlicher Mäusepassage, aus
welcher er wieder im grünen Zustande gewonnen wurde.
Auch bei Str. 5 wurde einmal wieder das Auftreten grüner Ko¬
lonien beobachtet, und zwar bei Infektion von Mäusen mit sehr
kleiner Infektionsdosis.
Während 0,2 ccm 1:1000 und 1:10 000 verdünnter Serum¬
bouillonkultur des umgcschlagenen und rein hämolytischen Str. 5 bei
subkutaner Infektion nach 24 Stunden Phlegmonen erzeugten, aus
denen dichtester Rasen hämolytischer Kolonien
wuchs, wurden von der Infektionsstelle einer mit 0,2 1 : 100 000 -Kul¬
tur infizierten Maus spärlich grüne Kolonien gezüchtet.
Ein derartiges Verhalten zeigen jedoch auch gelegentlich Strepto¬
kokken, die von vornherein im hämolytischen Zustande vom Men¬
schen gezüchtet wurden. Der umgeschlagene Str. 5 war im übrigen
hinsichtlich der Hämolyse bei geeigneter Dosierung konstant und
hatte vor allem eine recht hohe Pathogenität für Mäuse, indem er
noch mit 1 : 10 000 - Kultur Phlegmonen erzeugte, was bei einem
grünen Streptokokkus bisher noch nie zu beobach¬
ten war.
Dass die Streptokokken im grünen Zustand nur eine geringe
Virulenz für Mäuse haben, geht schon aus der Tabelle I hervor. In
der Mehrzahl der Fälle vertrugen die infizierten Tiere — soweit sic
nicht vorzeitig getötet wurden — auch die liier angewandten grossen
Infektionsdosen ohne Erkrankung. Die beiden der Infektion er¬
legenen, mit Str. 902 bzw. 123 infizierten Mäuse zeigten kompletten
Uebergang der Streptokokken in den hämolytischen Zustand, wo¬
durch der akut eingetretene Tod hinreichend erklärt ist.
Die zur Hämolyse umgeschlagenen Stämme, die im hämolyti¬
schen Zustand relativ konstant bleiben, zeigen nun — wie schon bei
Str. 5 erwähnt wurde — in besonders eindringlicher Weise eine
10) J. Howard Brown: Monographs of the Rockefeller Institute
1919, Nr. 9.
41) Pulvermacher: Zschr. f. Hyg. u. Infektionskrkh. 1922. 97. 89.
8b8
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRir
Nr. 27.
gegenüber dem grünen Ausgangsstamm erhöhte
' f Für drei von den zur Hämolyse -umgeschlagenen Stämmen liegen
vergleichbare Virulenzeinstellungen mit den grünen Ausgangsstam¬
men vor, die in der folgenden Tabelle II zusammengestellt sind.
T a b e 1 1 e 2. Vergleich der Virulenz grüner und hämolytischer Streptokokken
Strept.-
Stamm
Tödi. Dosis bei intraperit. L fekt.
Minimale Pkleumonendosis
prün. Stamm
hämol. Stamm
grün. Stamm
hämol. Stamm
19
123
73
>0,5 Vollkult.
>0,5 Vollkult. s)
0,3 1/100 t 2. Tag
0,3 1,1000 f 2. Tag
0,3 1/10 MilLf 1. -2. Tag
<0.3 Vollkult.
>0,2 Vollkult.
>0,2 Vollkult.
0,2 1/10 000
0,2 1/10 0
0.2 1/10 Mill.
Bei intraperitonealer Infektion ist danach Str. 19 haem. 100 >mal
virulenter als der entsprechende grüne Stamm; Str. 73 ist im hämo¬
lytischen Zustand sogar mehr als das 10 - Millionen - fache starker
virulent. Auch bei subkutaner Infektion zeigt sich stets eirje gegen¬
über den grünen Ausgangskulturen erhöhte Virulenz der hamolyt -
sehen Stämme. Zur Erzeugung einer Phlegmone genügen mindestens
1000 fach kleinere Infektionsmengen; für Str. 73 ist wiederum der
Unterschied in der Virulenz des grünen und hämolytischen Stammes
ganz besonders gross, annähernd wie 1 : 10 Millionen.
Es zeigen also auch hinsichtlich der Virulenz
die vom Menschen gezüchteten, aus dem 2 r u n e n i n
den hämolytischen Zustand ub.er.?e2^ng^, pr
Streptokokken ein ganz charakteristischester-
1, alten, das den Befunden entspricht, die wir an
experimentell vergrünten und In den hämolyti¬
schen Zustand zurückgeschlagenen Strepto¬
kokken erhobenhaben.
Es sei ferner erwähnt, dass den hämolytisch gewordenen Stam¬
men 19. 73 und 123 auch normal hohe Empfindlichkeit gegenüber
Rivanol im Reagenzglas- und Tierversuch zukam, wahrend die Wir¬
kung des Rivanols auf die grünen Ausgangskulturen bedeutend ge¬
ringer war (1:4). Die Beeinflussbarkeit der Streptokokken durch
spezifisch wirkende chemotherapeutische Antiseptika, wie Vuzin und
Rivanol, bildet nach unseren neueren Untersuchungen *) ein wich¬
tiges Merkmal für die Kenntnis der Zustandsänderungen der Strepto¬
kokken. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass vom Menschen
stammende, grünwachsende Streptokokken, die bei fraktionierter
Aussaat frisch gezüchteter hämolytischer Reinkulturen isoliert waren,
sich hinsichtlich ihrer Empfindlichkeit gegenüber chemotherapeutischen
Antiseptika durchaus ebenso verhielten wie die experimentell ver¬
grünten Streptokokken.
Die Gesamtheit unserer Beobachtungen berechtigt uns wohl zu
dem Schluss, dass die grünwachsenden Streptokokken
aus men schliclien Erkrankungen mit den experi¬
mentell erzeugten, in den avirulenten, d u r c h Ver¬
grünung gekennzeichneten Zustand über geführten
Streptokokken grundsätzlich identisch sind.
Dabei ist es von besonderer Bedeutung, dass auch ein grün-
wachsender Streptokokkus aus einem Fall von
Endocarditis lenta (Str. F.) sich nicht anders verhielt als die
grünen Streptokokken im allgemeinen.
Der in Tab. 1 aufgeführte Str. F. (für die Ueberlassung des Stammes,
der Krankengeschichte und des Sektionsprotokolles sind wir Herrn l rot.
U. Friedemann zu grossem Dank verpflichtet) stammte von den Aut-
lagerungen der Herzklappen eines Kranken, der nach einem in der -lugen
durchgemachten Gelenkrheumatismus an einer rezidivierenden Endokarditis
litt und mit den Symptomen einer infektiösen Purpura starb. Bei der Sek¬
tion fand man eine ausgedehnte verruköse Endokarditis mit alten und
frischen Auflagerungen, von denen zahlreiche Kolonien von Streptococcus
viridans gezüchtet wurden. Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, schlug der
Stamm, der von einer Viridanskolonie gewonnen war, in dem nach 6 1 agen
vorgenommenen Tierversuch teilweise in den hämolytischen z u -
stand um. Die einige Tage später mit dem regelmässig fortgezuchteten
grünen Ursprungsstamm wiederholten Versuche führten trotz Anwendung
extrem hoher Dosen (1—2 ccm Kultur), entsprechend unseren Anschauungen
über die Bedeutung gerade der frühen Tierpass.ige. nicht mehr zum Umschlag
des grünen Stammes. . , _ „ B
Ein weiterer, gleichfalls von einem klinisch sicheren Fall von Endo¬
carditis lenta stammender grüner Streptokokkus ist nach neueren Beobach¬
tungei) von Herrn Dr. Am st er in unserem Laboratorium bei intra¬
venöser Infektion von Mäusen nach 3 Tagenim
Schwanzblut in der hämolytischen Form aufgetreten.
Dieser hämolytische Stamm hatte gute Mäusep ithogemtät, indem er hoch
mit 0,2 ccm 1: 10 000 verdünnter Serumbouillonkultur Phlegmonen erzeugte.
Bei intraperitonealer Infektion töteten 0.3 ccm 1:10 Kultur akut binnen
24 Stunden. Derselbe grüne Streptokokkus sowie noch em anderer, gleich¬
falls aus dem Blute eines Kranken mit Herzklappenentzündung schlugen im
Tierversuche unter der Einwirkung starker Rivanolkonzentrationen in den
hämolytischen Zustand um. Uebcr diese Versuche wird Herr Dr. Freund
aus unserem Laboratorium ausführlich berichten.
Derartige Beobachtungen an grünen Streptokokken aus klinisch
und z. T. auch anatomisch sicheren Fällen von Endocarditis lenta
sind für die Klärung der Frage des Streptococcus viridans der endo-
12) Siehe Morgenroth und Schnitzer: Zschr. f. Hyg. u. ln-
fektionskrkh. 1922, 97, 77; 1923, 99. 221.
karditis nicht ohne Belang. Ergibt s i c h d o c h d ara u s dass
grüne Streptokokken von Endokarditis in den
hämolytischen Zustand üben: eh en könne n u n d in
dieser Hinsicht den grünen Streptokokken aus
anderen menschlichen Erkrankungen und de.n ex¬
perimentell vergrünten Stämmen gleichzu stellen
Bei aller Anerkennung des grossen und dauernden Wertes, wel¬
cher der Abgrenzung des Krankheitsbildes und der Aet.ologie der
Endocarditis lenta durch Schottmüller für die Klinik dieser
Erkrankung zukommt, lässt sich nach d ®n, n,°,u e r.c' n
Untersuchungen die ätiologische und bakterio¬
logische Sonderstellung des Streptococcus yiri-
dans nicht länger aufrecht erhalten. Als Erreger der
Endocarditis lenta fungieren, wie uns auch eigene Untersuchungen in
dieser Richtung zeigen, zwar fast stets Streptokokken, aber so wo
_ selten — hämolytische, wie auch besonders grüne
Stämme. Von diesen werden neben den ganz be¬
sonders labilen, schwer oder gar nicht fortzuent-
baren Formen, wie sie auch im Mäuseversuch in
einzelnen Fällen von uns beobachtet wurden ), gilt
weiterzuzüchtende, im grünen Zustand relativ
konstante Formen gefunden und sthliesslic h auen
Streptokokken, welche wie die hier beschriebenen
in den hämolytischen Zustand übergeh en.
In diesem Zusammenhänge erscheint besonders bedeutungsvoll
eine ältere Beobachtung von Much14), aus der eindeutig hervor-
ging, dass ein ursprünglicher Streptococcus viridans kurz vor dem
Tode des Kranken in einen hämolytischen Streptokokkus ubergehen
kann. Ganz im selben Sinne ist die frühere Beobachtung M or gen¬
rot hs15) zu verwerten, dass bei einem Fall von Endocarditis lenta
aus dem Herzblut hämolytische, aus der Niere grüne Streptokokken
gezüchtet wurden. Ueber die Gewinnung eines hämolytischen und
eines grünen Streptokokkus von derselben Aortenklappe hat kürzlich
auch Ho well16) berichtet. . , „
So ordnet sich der Streptococcus viridans in das Gesamtbild du
grünen Streptokokken ein und tritt in enge Beziehung zu den bio¬
logischen Zustandsänderungen der Streptokokken überhaupt; er ist
nur .ein Glied in der grossen Reihe der mannigfachen Zustandsande¬
rungen. welche die Streptokokken erleiden können (Schnitzer
und M u n t e r, III. Mitt. 1. c. S. 389). .
Die Wandelbarkeit der Streptokokken in bezug auf beide lypen
schafft aber neue und besondere Schwierigkeiten für die Erkenntnis
der Pathogenese der Endocarditis lenta, die nicht durch einige obei-
flächliche theoretische Betrachtungen beiseite zu schieben sind, son¬
dern auf dem Wege sachlicher Forschung überwunden werden
müssen. Ob der Streptokokkus der Endocarditis lenta im Beginn der
Infektion im grünen oder hämolytischen Zustand auftritt. weiss heute
niemand. Das Vorkommen grüner Streptokokken auf den Schleim¬
häuten der Atmungswege lässt die Möglichkeit einer direkten In¬
vasion als vorhanden erscheinen1'). Aber auch eine Umwandlung m
dem einen oder anderen Sinne kann sicher unter den verschiedensten
Bedingungen eintreten 18).
Aus dem staatlichen Hygienischen Institut zu Hamburg.
(Dir. : Geh. Med. -Rat Prof. Dr. med. et phil. R O. N e u m a n n.)
Zur Frage der ärztlichen Ueberwachunq von Stereo¬
typeuren, Schriftgiessern und Schriftgiessereihilfs-
arbeiterinnen.
Von Privatdozent Dr. med. L. Schwarz.
Wie in dem Bericht Hl über die auf Veranlassung des Instituts
für Gewerbehygiene in Frankfurt a. M. im deutschen Reich vorgenom¬
menen Untersuchungen von Buchdruckern erwähnt ist, war Gelegen¬
heit gegeben, eine Anzahl Stereotypeure, Schriftgiesser und Schrift-
giessereihilfsarbeiterinnen unter Benutzung der neueren Blut- und
Urinuntersuchungsmethoden auf Bleiwirkung zu untersuchen. Das Er¬
gebnis soll hier mitgeteilt und eine kurze Erörterung daran ange¬
schlossen werden.
Von drei Zeitungsbetrieben kamen insgesamt 33 Stereotypeure
zur Untersuchung. Bei keinem (s. I abelle) konnten Symptome von
Bleiwirkung gefunden werden, trotz teilweise jahrzehntelanger Be¬
rufstätigkeit. _ . ..£,.
Feiner Bleistaub entsteht bekanntlich bei dieser Beschäftigung
so gut wie gar nicht, und etwaige indirekte Bleiaufnahme durch die
Hände wird sehr erheblich herabgesetzt infolge Benutzung von Hand¬
schützern, die wohl weniger der Bleigefahr wegen als zum Schurze
gegen Verbrennungen durch die noch recht warmen Stereotypie¬
platten verwendet werden.
ls) Schnitzer und Munter: III. Mitteilung. 1. c.
”) Much: Nachwort zu Zocppritz. M.K1. 1909 S. 1112.
15) Schnitzer und Munter: I. Mitteilung. 1. c. S. 98.
I8) H o w e 1 I: Journ. inf. dis. 1922. 30. 299.
17) s. And re wes und H o r d e r: Lancet 1906. 2. S. 708.
18) S. besonders Libman und Ce 11 er (Am. Journ. med Sc. 1910.
140, S. 516), welche den Str. viridans vorn hämolytischen Streptokokkus resp.
vom Pneumokokkus 'ableiten.
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCilENSCIIRIET.
Beschäftigungs-
Zahl der
Uuter-
Typisches
Blei-
Saum
Gekörnte
Erythr.
mehr als
100/ 1000 000
Ver¬
mehrtes
Eosinophilie
art
suchten
kolorit
Porpliyrin
Stereotypeure
98
__
_
— *).
nicht untersucht
Schriftgiesser
51
—
2
3
8
JJ »7
Schriftgiesser-
hilfsarboiterin.
37
_
_
2
7
Jl 1»
Schriftgiesser-
lehruoge
Bleisclmielzer
13
1
I
i
1
2
1
7 v»
nicht untersucht
*) Einer hatte gering vermehrtes Porphyriu. Eine Nachuntersuchung ergab
kein vermehrtes Porphyrin. 9) Darunter einer mit vermehrtem Porphyrin.
Soweit man aus der Zahl der untersuchten Stereotypeure S hliis e
ziehen darf, kommt demnach für Stereotypeure, die unter, wie hier
vorliegend, hygienisch günstigen Bedingungen arbeiten, eine ärzt¬
liche Ueberwachung nicht in Frage.
Wie ferner aus der Tabelle ersichtlich ist, konnten auch in Schrift-
giessercien nur sehr geringe Befunde von Bleiaufnahme festgestellt
werden. Von 51 Schriftgiessern aus zwei Betrieben zeigten 2 einen
Bleisaum, und zwar nur .sehr fein oder fein (mit Lupe festgestellt),
ohne sonstige Zeichen von Bleiwirkung oder Bleiaufnahme. Bei drei
anderen ergab sich als einziges Symptom ein geringer für Bleiwirkung
sprechender Blutbefund, wenn man die von P. S c h m i d t aufgestellte
Grenzzahl 100 1 000 000 der Beurteilung zu gründe legt. Acht Leute
hatten vermehrtes Porphyrin ohne andere Zeichen von Bleiwirkung.
Im Frühjahr 1921 untersuchte ich einen Schriftgiesserlehrling, der
an den bekannten für leichte Bleikolik verdächtigen Symptomen er¬
krankt war. Er hatte sich schon längere Zeit schwach und matt ge¬
fühlt. Seine Gesichtsfarbe und die Augenbindehaut waren blass. Sein
Blut zeigte 2000 basophil gekörnte Erythrozyten auf 1 Million. Wie¬
derholte Nachuntersuchungen ergaben Schwankungen in der Zahl der
gekörnten Erythrozyten; etwa 2 Monate nach der ersten Unter¬
suchung hatte er noch 1Q0 auf 1 Million. Der Urin zeigte bei der
ersten Untersuchung Spuren Eiweiss. Vermehrtes Porphyrin war
nicht nachweisbar. Da sich die subjektiven Beschwerden nicht bes¬
serten, wurde dem Vormund des 16 jährigen Lehrlings im Einverneh¬
men mit dem behandelnden Arzt angeraten, sein Mündel den Beruf
wechseln zu lassen; dem Rat wurde Folge geleistet.
Die Schriftgiesserlehrlinge waren bei der diesmaligen Unter¬
suchung durchweg recht blass und zeigten nicht die sonst in diesem
Alter vorhandene jugendliche Frische. Objektive Zeichen von Blei¬
wirkung waren bei im ganzen 13 untersuchten Lehrlingen ausser
dieser Blässe, wenn man sie als Bleiwirkung ansprechen darf, nicht
vorhanden, mit Ausnahme zweier Befunde vermehrten Porphyrins
im Urin. Dagegen zeigten 7 von 13 eine Vermehrung der eosinophilen
Leukozyten. Ob diese Eosinophilie vielleicht durch Darmparasiten zu
erklären war, konnte aus äusseren Gründen nicht festgestellt werden.
Dies Untersuchungsergebnis steht im Einklang mit Befunden von
Schrumpf und Zabel [2], die bei Schriftgiesserlehrlingen selten
sichere Zeichen von Bleivergiftung fanden, dagegen in mehreren Fäl¬
len ein Krankheitsbild, bestehend in müdem Gesichtsausdruck, Klagen
über Nervosität, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Müdigkeit. Schwindel,
Kopfweh, Muskelschmerzen, Brechreiz, Appetitlosigkeit. Magendarm¬
störungen und Verstopfung fanden. Die Blutuntersuchung ergab eine
auffällige Verminderung der Gesamtzahl der Leukozyten mit relativer
Vermehrung der eosinophilen Zellen. Schrumpf und Zabel be¬
stätigten in Tierversuchen mit Antimon die beim Menschen erhobenen
Blutbefunde und führen deshalb diese Erscheinungen auf Antimon¬
wirkung zurück.
Es ist selbstverständlich nicht sicher, dass die Blässe der Lehr¬
linge nur oder überhaupt auf Blei- oder Antimonwirkung beruht;
kommen doch ausser der Stubenatmosphäre gerade bei Jugendlichen
auch andere Momente in Frage, z. B. Onanie, die Blässe des Ge¬
sichtes und auch Verstopfung verursachen kann.
Die 37 Hilfsarbeiterinnen aus den Schriftgiessereien, meist 1 eile¬
rinnen und Fräserinnen, zeigten nur in 2 Fällen einen unbedeutenden
Blutbefund ohne andere Zeichen der Bleiwirkung, und in 7 Fällen ver¬
mehrtes Porphyrin. Bleisaum ergab sich keinmal. Dies kann auch
damit Zusammenhängen, dass Arbeiterinnen, insbesondere die jungen,
meist eine viel bessere Mundhygiene und Zahnpflege treiben als die
Arbeiter der gleichen Altersklasse.
Ein Schriftgiessereischmelzer, der fast ausschliesslich an einem
grossen Schmelzkessel die Abfälle usw. zu schmelzen hatte, zeigte
Bleisaum, 350 basophil gekörnte Erythrozyten auf 1 Million und stark
vermehrtes Porphyrin. Er war zur Zeit der Untersuchung in ärzt¬
licher Behandlung.
Soweit die Zahl der Untersuchten eine allgemeine Schlussfolge¬
rung zulässt, erscheint demnach in hygienisch einwandfreien Betrie¬
ben für Schriftgiesser und Schriftglessereihilfsarbeiterinnen die Ge¬
fahr. bleikrank zu werden, sehr gering.
Durch eine in gewöhnlicher Weise gehandhabte ärztliche Ucber-
wachungsuntersuchung ohne Heranziehung der Blut- und Urinunter¬
suchungen würden nur der Bleischmelzcr, zwei Schriftgiesser mit
feinem Bleisaum und vielleicht noch der eine oder andere wegen
Blässe des Gesichts als bleiverdächtig herausgefunden sein. Ausser¬
dem würde bei sämtlichen Lehrlingen die auffällige Blässe festge¬
stellt sein.
Was würde in der Praxis mit diesen geschehen? „
869
Der Schmelzer würde auf Grund der subjektiven Erscheinungen
in ärztliche Behandlung kommen; ausserdem würde es wünschens¬
wert sein, ihn von der Bleischmelzarbeit zeitlich auszuschliessen, bis
die verhältnismässig unbedeutenden subjektiven Krankheitszeichen
geschwunden sind. Mit den übrigen würde wahrscheinlich nichts
geschehen.
Demnach würde der Arbeitsaufwand der ärztlichen Ueber¬
wachung und die dadurch entstehenden Kosten in gar keinem Ver¬
hältnis zu den prophylaktischen Erfolgen stehen.
Die Schriftgiesser gehören mit zu den höchststehenden Hand¬
werkern; es ist daher anzunehmen, dass sic sich schon von selbst
ärztlich untersuchen und behandeln lassen, wenn sich irgendwelche
Krankheitszeichen bei ihnen einstellen.
Die’ Hilfsarbeiterinnen sind an sich sehr wenig gefährdet, so dass
eine ärztliche Untersuchung nicht erforderlich scheint. Etwas anders
steht es mit den Lehrlingen. Die gewöhnliche ärztliche Ueberwachung
wird hier nicht sehr erfolgreich sein. Nimmt man aber regelmässig
die modernen Blut- und Urinuntersuchungen zu Hilfe und untersucht
die Lehrlinge vor der Einstellung und dann in halbjährlichem Turnus,
so wird man an der Hand der regelmässig aufgenommenen Blut- und
Urinbefunde etwaige zu Bleikrankheit Disponierte finden und sie ge¬
gebenenfalls zum Berufswechsel, der alsdann noch ohne grosse
Schwierigkeit möglich ist, veranlassen können.
Die Zahl der Schriftgiesserlehrlinge ist so gering, dass eine dau¬
ernde ärztliche Ueberwachung in der angegebenen Weise ohne
Schwierigkeit durchführbar erscheint, wenn die Ueberwachungsärzte
sich die Mitarbeit der “hygienischen Institute oder Medizinalunter¬
suchungsämter sichern..
Nur in grossen Schriftgiessereien sind besondere Schmelzer vor¬
handen; da sie leicht durch Blei geschädigt werden können, erscheint
eine regelmässige ärztliche Ueberwachung dieser etwa im Vs jähr¬
lichen Turnus erforderlich.
Es ist erwünscht, dass auch in anderen Städten systematische
Untersuchungen in Schriftgiesserei- und Stereotypeurbetrieben unter
Anwendung der gleichen Methodik [3] wie hier ausgeführt werden,
zur Feststellung, ob die von mir vorgeschlagene Art der ärztlichen
Ueberwachung allgemein Anwendung finden kann.
L i t ej: a t u r.
1. M.itn.W. 1923, Nr. 17, S. 535. — 2. Arch. f. exper. Path. 1910, 63. —
3. Kl in. Wschr. 1922 S. 2426 und D.m.W. 1923 S. 212.
Aus der Universitäts - Frauenklinik, Heidelberg.
(Direktor: Geh. Rat Menge).
Eine neue Reaktion der Blutflüssigkeit des Neugeborenen.
Von Kj. v. Oettingen.
In einer Reihe früherer Arbeiten hatte ich Versuche über die
Strukturverschiedenheiten menschlichen Blutplasmas und ihre Resul¬
tate veröffentlicht. Ich konnte zeigen, dass ein Parallelismus zwischen
Blutkörperchensenkung, Plasmafällbarkeit, Plasmagerinnung (durch
Schlangengifte und Kalksalze), Bakterienagglutination, hämolytischer
Serumwirkung und kobragiftaktivierender Wirkung des Serums be¬
steht. Als gemeinsame Ursache dieses Parallelismus wies ich — ab¬
gesehen von quantitativen Unterschieden der einzelnen Eiweissfrak¬
tionen — auf die variablen Eigenschaften der physiko-chemischen
Struktur der Blutflüssigkeit hin. Bei diesen Arbeiten beschäftigte
mich lebhaft der Gedanke, ob und wieweit Veränderungen im bio¬
logischen Ablauf des Zelllebens durch die veränderte physikalische
Struktur des Plasmas bedingt sein könnten und müssten. Es bedeutet
diese Erwägung vielleicht einen Schritt rückwärts zur .alten Humo¬
ralpathologie, die bekanntlich von der Zellularpathologie abgelöst
wurde. In neuerer Zeit scheint aber der Gedanke allgemeiner sich
aufzudrängen, dass die Betrachtungsweise biologischer Vorgänge auf
der gemeinsamen Basis humoral-zellularpathologischer Anschauungen
zweckmässig und fruchtbringend ist. Es handelt sich hier um ein
Gebiet, welches mir Ausblicke und heute noch nicht übersehbare
Möglichkeiten zur Erkennung biologisch-pathologischer Vorgänge zu
eröffnen scheint, und so habe ich — obwohl nicht Serologe von
Fach — • dieses Arbeitsfeld nebenher weiter gepflegt und versucht,
Erfahrungen zu sammeln, die uns dem Verständnis zahlreicher un¬
aufgeklärter Vorgänge näherbringen könnten.
Ich möchte in vorliegender kurzer Arbeit über eine Eigenschaft
des Neugeborenenplasmas berichten, die, bisher unbekannt, vielleicht
von Bedeutung sein kann für manche Vorgänge auf geburtshilflichem
Gebiete. Ich beschränke mich aber in der Hauptsache darauf, die be¬
obachteten Tatsachen zu bringen, und überlasse es bewusst den spe-
zialistisch geschulten Fachserologen, besonders dem, der physikalisch¬
chemisch zu denken geneigt ist, eine Analyse dieser Iatsachen zu
geben. Je tiefer man in das verschlungene und äusserst schwer zu
beherrschende Gebiet der Eiweisschemie und der Kolloidchemie ein¬
dringt, um so mehr lernt der Kliniker sich bescheiden, der in seinen
wissenschaftlichen Arbeiten im allgemeinen anders orientiert ist und
nicht allumfassend orientiert sein kann. Ich glaube, cs ist frucht¬
barer, Tatsachen zu bringen und den Spezialisten zu bitten, sich der
870
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27
Erklärung und weiteren Bearbeitung dieser Tatsachen anzunelnnen,
als selber mit halben Kenntnissen sich auf Irrwege zu begeben und,
statt erklärend, verwirrend zu wirken. Wenn ich trotzdem einige
Versuche einfüge, die sich mit den ersten Anfängen der Analyse des
zu beschreibenden Phänomens abgeben, so geschieht es mit aller Zu¬
rückhaltung aus dem Gedanken heraus, weitere Bearbeiter vor zeit¬
raubenden Versuchen zu bewahren, oder auch — ohne vorgreifen zu
wollen — Wege zu zeigen, die der Analytiker vielleicht als Ansgangs¬
punkt seiner Arbeiten zu nehmen geneigt ist.
Kottmann veröffentlichte vor einigen Jahren eine Versuchs¬
anordnung, Seren verschiedenen Ursprunges zu differenzieren. Die
Methode, die er anwandte, war an sich äusserst originell erdacht,
scheint aber in ihren Resultaten nicht ganz klar zu sein. Ihre Grund¬
lagen sind diese: Um das Dispergierungsvermögen verschiedener
Seren zu bestimmen, prüfte er den durch sie bewirkten Dispersitäts-
mstand kolloider Jodsilbersalzc vermittels ihrer Photosensibilität, in-
lem er die mehr oder weniger leichte Reduzierbarkeit derselben nach
/orausgegangener Belichtung beobachtete. Als äusserlich sichtbarer
Endeffekt resultierte eine mehr oder weniger starke Verfärbung des
Serums von hellbrauner bis schwarzbrauner Eabe. Ich versuchte
nun, dies Verfahren auf Plasma anzuwenden. Im Laufe meiner Ver¬
suche sah ich mich jedoch veranlasst, das Jodsilber durch Bromsilber
tu ersetzen. Die Reaktion verlief schneller und trat — für meine
Zwecke wenigstens — klarer in Erscheinung. Hierbei beobachtete
ich nun folgendes:
Während im Schwangerenplasma das entstehen¬
de Bromsilber kolloidal gelöst wurde und nach
Belichtung und Entwicklung mit Hydrochinon die
kolloidale Plasmabromsilberlösung sich tief¬
braunrot färbte, das so behandelte Plasma also ein
dem Kollargol sehr ähnliches Bild bot, wurde im
Neugeborenenplasma eine kolloidale Bindung
völlig vermisst. Das Jodsilber fällt sehr energisch
und in schwarz-braunen Flocken ans, während das
Plasma an sich ungefärbt bleibt. Normalplasma,
welches, wie ich schon in früheren Arbeiten be¬
tonte, in seinen Reaktionsverläufen in der Mitte
zwischen Schwangeren - und Neugeborenenplasma
steht, zeigte auch hier ein die Extreme verbinden¬
des Verhalten, indem die Fällung eine wesentlich
geringere, oft nur angedeutete war. Es handelt
sich also auch hier um eine den eingangs erwähnten
Vorgängen parallele Erscheinung.
Die angewandte Technik war folgende:
In 1 ccm Plasma wird */* oo Bromkali 0,3 und 1/ 200 Argent. nitric. 0,25
gegeben. Es entsteht das lichtempfindliche Bromsilber. Als zweckmässig
erwies es sich, das Hydrochinon sofort zuzufügen in einer Menge von 0,3
V100 Hydrochinon. Dieses Gemisch wurde dann, um eine sich gleichbleibende
energische Lichtquelle zu haben, unter der Höhensonne in einem Abstande
von 1 m 5 Minuten lang belichtet. Der Erfolg ist aus folgender Tabelle zu
ersehen. Der Grad der Fällung ist durch H — ^-Zeichen kenntlich gemacht.
Tabelle 1.
Vaoo Bromkali 0,3 Vaoo Argent. nitric. 0,25 4- V100 Hydrochinon 0,3
1,0 com Plasma
Grad der Fällung 10 Min.
nach der Belichtung
Senkung des Blutes
nach 20 Min.
1. Plasma Schwanger m. X.
— Klar braunrot
43 mm
2. „ Normal (Frau)
+ Deichte Fällung
12 mm
3. ,, Normal (Mann;
4- ,1 ,■
4 mm
4. „ Neugeborenes
Grobe Fällung
0 mm
Es ist aus der Tabelle ersichtlich, dass Fällung und Senkung in
einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu einander stehen. Je
stärker die Senkung, um so geringer die Fällung.
Wurde der gleiche Versuch mit Serum angestellt, so ergab sich,
dass der Unterschied zwischen den einzelnen Blutsorten aufgehoben
war. Folgendes Beispiel möge zur Illustration dienen:
Tabelle 2.
Vaoo Bromkali 0,3 -f- Vaoo Argent. nitric. 0,25 -(- V400 Hydrocbmjn 0,3
1,0 ccm Serum
Grad der Fällung 10 Min. nach
der Belichtung
1. Serum Schwanger m X.
2. „ „ +- 0,2 ccm 5°/o Natr. citric.
3. „ Normal (Frau)
4. ., „ -f- 0,2 ccm 5° o Natr. citric.
5. „ Normal (Mann)
ß. ., „ + 0,2 ccm 50/<> Natr. citric.
7. „ Neugeborenes
8. ., + 0,2 ccm 5% Natr. citric.
Klar braunrot
Wie die Kontrollen (Röhrchen 2, 4, 6 und 8) zeigen, ist die Fäl¬
lung nicht abhängig von dem Natriumzitratzusatz, der zur Verhütung
der Gerinnung in gewohnter Weise dem Blute zugesetzt wurde.
Nachdem die fällenden Eigenschaften des Neugeborenenplasmas
insbesondere, in geringerem Grade des Normalplasmas, und völliges
Fehlen dieser Eigenschaften im Schwangerenplasma auf diese Weise
in zahlreichen Versuchen eindeutig festgelegt war, prüfte ich das
Verhalten der Plasmen gegenüber einem Kolloid, ich verwandte
Kollargol. Folgende Tabelle illustriert die Resultate:
Tabelle 3.
0,5 ccm Kollargol
Plasma 1,0 ccm
Fällung nach 2 Stunden Ziinmcrtem|>erHtwr
1. Plasma Schwangerm. X.
*
2. „ Normal (Frau)
—
3. „ „ (Manu.)
4. „ Neugeborenes
+-I-+
Der gleiche Versuch mit Serum ergibt keine Fällung.
Von den zur Analyse dieser Erscheinung ausgeführten Versuchen
möchte ich nur 2 hier anführen. Die Tatsache, dass im Serum keine
Fällung zu beobachten ist, nur im Plasma, legt den Gedanken nahe,
dass die ausfällende Wirkung an das Fibrinogen, welches dem Serum
fehlt, gebunden ist. Es wurde deshalb Neugeborenenplasma mit Tier¬
kohle geschüttelt, abzentrifugiert und nun der Versuch wiederholt.
Es zeigte sich, dass das Plasma sein Fällungsvermögen nicht ganz
verloren hatte, wenn es auch wesentlich geringer und verzögert in
Erscheinung trat.
Ferner wurde das Plasma gegen HsO dialysiert, um zu sehen, ob
durch Dialyse irgendwelche kolloidfällenden Stoffe zu erhalten seien.
Der Versuch gestaltete sich folgendermassen:
10 ccm Plasma wurden 36 Stunden lang bei 3 maligem Wasser¬
wechsel dialysiert, das Dialysat auf 5 ccm eingedampft. Das Plasma,
das zunächst noch klar geblieben war, zeigte infolge Entsalzung grobe
Eiweissfällung. Die Fällungsreaktion ergab folgende Resultate:
Tabelle 4.
‘/•oo Bromkali 0,3 -f Vjoo Argent. nitric. 0,25 j- 'im Hydrochinon 0,3
1 ccm Fällung 1 Stunde nach Belichtung
1. Neugeborenenplasma (Ausgangsmaterial) 4 -H-T
2. „ serum ' _
3. HpO _
4. Dialysat, nicht eingedampft _
5. Dialysat, eingedampft —
6. Dialysat, eingedampft 4- Neugeboronenserum
(0,5 4- 1,0 ccm Serum)
7. Neugeborenenplasma, dialysiert, von den aus¬
gefallenen Eiweisskörpern abzentrifugiert
Ich bin mir bewusst, dass diese der Analyse dienenden Versuche
völlig unzureichend sind, und verweise auf das oben Gesagte. Immer¬
hin glaube ich soviel sagen zu dürfen, dass die quantitative Vertei¬
lung und die Disponibilität der Eiweisskörper infolge ihrer verschie¬
denen Stabilität eine Rolle bei dem Zustandekommen dieser Reaktion
spielen. Man kann sich vorstellen, dass das Fibrinogen an sich fällend
wirkt, im Ueberschuss (im Schwangerenplasma) die fällende Eigen¬
schaft verliert. Im Serum fehlt das Fibrinogen, also tritt keine Fäl¬
lung auf. In mit Kohle geschütteltem Neugeborenenplasma ist es nur
teilweise entfernt. Bei der bekannten Stabilität des Kinderplasmas
ist das zu erwarten. Die fällende Wirkung tritt daher, wenn auch
abgeschwächt, ein. Im dialysierten Plasma ist das Fibrinogen durch
Entsalzung völlig gefällt. Das Plasma verhält sich wie Serum.
Biologisch ist die Tatsache dieser äusserst heftig kolloidfällenden
Wirkung des Neugeborenenplasmas vielleicht von Interesse. Ob die
Veränderungen in der Plazenta, die Infarktbildung, die, wie v. Ra¬
venstein kürzlich zeigen konnte, nicht mit der Albuminurie
Schwangerer parallel geht, ob ferner die Beeinflussung der Erreg¬
barkeit des Uterusmuskels und damit der Beginn der Geburt mit
diesen Verhältnissen in Zusammenhang zu bringen sind, ist ein Ge¬
danke, der zu prüfen ist. Experimentelle Versuche, die zur Klärung
dieser Fragen beitragen sollen, sind in Vorbereitung.
Aus der Psychiatrischen Universitätsklinik Jena.
(Direktor: Prof. Dr. Hans Berger.)
Bestehen Unterschiede im Eiweissgehalt des Liquor
cerebrospinalis in verschiedenen Höhen?
(Ein Beitrag zur Frage der Liquorströmung.)
Von Privatdozent Dr. med. Walter Jacobi, Assistenzarzt.
Auf Grund der Ausführungen von Weinberg, W e i g e 1 d t,
Eskuchen, Walter u. a. in dieser Wochenschrift besteht wohl
kein Zweifel mehr darüber, dass die Untersuchung einer einzigen Li¬
quorportion keine Schlüsse gestattet auf den Zellgehalt im Gesamt¬
liquor. Wenn man mit noch so grossen Vorsichtsmassregeln (vgl.
Matzdorff und L o e b e 1 1: Zschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Bd. 75,
H. 1,2, S. 147 bis 157, 1922) vergleichende Untersuchungen des Zell¬
gehaltes von Liquorportionen verschiedener Höhen anstellt, wird man
auf jene fiir theoretische und praktische Fragestellungen gleich wich¬
tige Tatsache unabweislich hingewiesen. Eine weitere Frage, die für
das Problem der Liquorströmung und der Homogenität des Liquor
cerebrospinalis nicht minder wichtig ist, die Frage, ob auch der E i -
w e i s s gehalt des Liquors in verschiedenen Höhen Schwankungen
unterworfen ist, bedarf noch weiterer Erörterungen.
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
871
Walter sah bereits im Jahre 1908 bei Entnahme grösserer
Mengen von Lumbalflüssigkeit, die er nach Nissl und Nonne -
A p e 1 1 untersuchte, bei einzelnen Fällen Differenzen im Eiweiss¬
gehalt, der dann stets in den ersten Portionen grösser war (Monats¬
schrift f. Psych. u. Neur. 1908, 24, 251). Kafka dagegen beobach¬
tete nur selten ein geringes Schwanken des Globulingehaltes, soweit
die Phase I-Reaktion als Indikator hierfür angesehen werden konnte
(Zschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. 1912, Orig. 13, S. 192).
In letzter Zeit haben besonders Weinberg (M.mW. 1921, S 577)
und Weigel dt (M.m.W. 1921, S.838) Untersuchungen nach dieser
Richtung angestellt. Ersterer fand nach Pandy und Nonne-
Apelt Unterschiede im Globulingehalt und in der Eiweissmenge;
letzterer erhielt auf Grund quantitativer Eiweissbestimmungen nach
Brandberg-Zalociecki und Mestreczak sowie auf Grund
vergleichender Bestimmungen des spezifischen Gewichts Ergebnisse,
die für eine gewisse Eiweissschichtung des Liquors sprachen. Die
Konzentration wurde kaudalwärts immer höher.
Es k uchen (M.m.W. 1922, S. 1537), der ebenfalls für eine un-
gleichmässige Zusammenstellung des Liquor eintrat, hielt im Gegen¬
satz zur Zellverteilung in der Spinalflüssigkeit die Verteilung der Ei-
weiss- und luischen Reaktionskörper infolge der Liquorvermischung
für eine glcichmässigere. Eine völlige Uebereinstimmung der Wasser¬
mann- sowie der Eiweissreaktionen in den verschiedenen Liquor¬
portionen sahen M a t z d o r f f und L o e b e 1 1 (Zschr. f. d. ges. Neur.
u. Psych., Bd. 75, 1922, S. 147 bis 157). Auch der Versuch einer Aus¬
wertung der Nonne sehen Reaktion durch Ansetzen derselben mit
verschiedenen Liquorverdünnungen brachte keine Unterschiede und
wurde wieder aufgegeben.
Auch Schönfeld beobachtete nie Unterschiede im Ausfall der
Globulin- und Wassermannreaktionen.
Schliesslich muss in diesem Zusammenhang hingewiesen werden
auf die Ergebnisse von Dahlström und W i d e r ö e (Zschr. f. d.
ges. Neur. u. Psych. 1921, S. 75), die ausgesprochene Unterschiede in
der Eiweisszusammensetzung der Gehirnventrikel- und Lumbalflüssig¬
keit fgststcllten (Sublimatreaktion, Phase I - Reaktion, Titrierungs¬
untersuchungen nach B i s g a a r d).
Den Anregungen P. A. Höfers (Berl. klin. W. 1921, S.835) fol¬
gend, war mir daran gelegen, der Lösung des aufgeworfenen Pro¬
blems auf dem Wege vergleichender interieroinetrischer Liquorunter¬
suchungen näherzukommen.
Als Versuchspersonen wählte ich Liquorgesunde (6 Fälle) und
Kranke (13 Paralytiker, davon 8 zweimal, 2 dreimal, die übrigen ein¬
mal untersucht). Die in rechte Seitenlage gebrachten Kranken blieben,
meist noch unter der Wirkung von Schlafmitteln, morgens punktions¬
bereit etwa 20 Minuten liegen, bevor Liquor entnommen wurde. Hier¬
durch sollte, wenn diese mechanische Vorstellung überhaupt am
Platze ist, eine Liquordurchmischung infolge körperlicher Bewegungen
nach Möglichkeit ausgeschaltet werden.
Nach Ablassen von etwa !4 ccm wurden nach der Versuchsanord¬
nung von Weinberg in Zentrifugiergläschen langsam, tropfenweise
aufgefangen:
In Röhrchen I: 1 ccm
?» ff
J> ff
ff ff
ff ff
Dieser frisch aufgefangene Liquor wurde zentrifugiert und an¬
schliessend sofort interferometrisch untersucht, so dass eine Vor¬
täuschung von Konzentrationsveränderungen durch Verdunsten oder
bakterielle Zersetzungsprozesse mit Sicherheit auszuschliessen
war.
Auf die Technik der interferometrischen Messungen soll hier nicht
näher eingegangen werden (vgl. Hirsch, Paul, Fermentstudien;
Jena, 1917, Fischer).
Für diese Ausführungen bleibt lediglich wichtig, dass bei jenen
Konzentrationsunterschiede des Liquor durch Differenzen im Liciit-
brechungsvermögen der verschiedenen gegen destilliertes Wasser
ausgemessenen Liquorflüssigkeiten in Erscheinung treten. Zur Auf¬
nahme der beiden zu vergleichenden Flüssigkeiten dienen Kammern,
die zwecks Temperaturausgleichs in einem Temperierbad angeord¬
net sind.
Sind die beiden Hälften der Doppelkammer mit Flüssigkeiten der¬
selben Konzentration gefüllt, zeigen beide Interferenzfiguren das
gleiche Aussehen (Nulllage), enthält jedoch die eine Kammer eine
Flüssigkeit von grösserer Konzentration, so wird hierdurch ein Unter¬
schied in der sogenannten optischen Weglänge bedingt. Demzufolge
sind beide Interferenzbilder verschieden. Gegenüber der Nulllage lässt
sich diese Verschiebung der Interferenzerscheinung sehr leicht be¬
obachten und durch einen Kompensator zum Ausgleich bringen.
Unterschiede der Liquorkonzentration finden daher in der wechseln¬
den Anzahl der Trommelteile, die notwendig sind, um die optische
Weglänge wieder auszugleichen, und die als Ausschlag an einer dreh¬
baren Trommel abzulesen sind, ihren Ausdruck.
Höf er (Berl. klin. Wschr. 1921, S.835), Wüllenweber
M.m.W. 1922, S. 927) und ich (Zschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., er¬
scheint demnächst) haben auf den Wert dieser neuen Methode von
Konzentrationsbestimmung der Spinalflüssigkeit hingewiesen.
Nr. 27.
Die Ergebnisse der interferometrischen Untersuchungen, die für
die hier aufgeworfene Fragestellung von Wert sind, sind nachfolgend
aufgeführt:
U ebersicht I. (Liquorgesunde.)
Name
M.
K.
F.
s.
J.
S.
H.
[nt. Wert I
1317
1278
1337
1356
1360
1339
1340
„ „ II
1308
1321
1329
1347
1362
1321
1298
„ „ in
1315
1321
1326
1324
1338
1318
1 01
„ ,. IV
1311
1311
1324
1346
1327
1278
1312
„ „ v
1306
1312
1324
1343
1335
1302
1300
U e b e r s i c h t II. (Liquorkranke.)
Name
G.
K.
M.
H.
I.
R.
B.
H.
M.
s.
L.
K.
B.
Int. Wert I
1464
1379
1513
1542
1462
1502
1523
1380
1465
1416
1532
1377
1430
„ „ II
1422
1367
1145
1411
1467
1503
1527
1384
1160
1403
1499
1362
1423
„ III
1425
1370
1415
1406
1466
1502
1523
1387
1457
1408
1478
1373
1425
„ „ IV
1419
1357
1451
1400
1468
1485
1507
1387
1449
1409
1450
1356
1427
» .. V
1433
1353
1437
1396
1462
1462
1519
1378
1443
1403
1443
1359
1417
Erneute Punktion
WievielTage
nach der
1. Puuktion?
12
10
14
14
14
9
11
11
Int. Wert I
1410
1350
1385
1416
1478
1485
1531
1471
„ II
1395
1333
1384
1411
1482
1467
1523
1428
„ „ HI
1400
1338
1382
1411
1468
1473
1527
1132
„ „ iv
1389
1338
1375
1418
1423
1459
1487
1417
„ „ V
1390
1327
1374
1417
1431
1479
1486
1413
Abermalige Punktion
WievielTage
nach der
2. Punktion?
12
14
Int. Wert 1
:: ' :: äi
- .” ^
» ►>) a *
1424
1417
1.22
1420
1415
1325
1308
1306
I3u8
1306
Die Zahlen stellen Vergleichsziffern dar, die in ihrem Schwanken
Rückschlüsse auf eine wechselnde Liquorkonzentration zulassen. Eine
prozentuale Umrechnung in Eiweiss ist, wie in den oben aufgeführten
Arbeiten näher dargetan, zurzeit noch nicht möglich. Auf alle Fälle
aber genügen die gewonnenen Ergebnisse, um Stellung zu nehmen zu
dem von uns- erörterten Problem.
Walter (M.m.W. 1921, S. 1352) hat mit vollem Recht darauf
hingewiesen, dass zur Feststellung des Liquor-Eiweissgehaltes in ver¬
schiedenen Höhen eine Punktion im Liegen Nachteile hat gegenüber
einer solchen im Sitzen. Bei noch so vorsichtiger, langsamer Ent¬
nahme der Spinalflüssigkeit, wie ich sie anstrebte, wird diese von
allen Seiten Zuströmen, so dass eine gewisse Vermischung derselben
kaum zu vermeiden ist. Dazu kommt, dass eine Liquormenge von
etwa 15 ccm nur über die Zusammensetzung sehr gering differierender
Höhenquerschnitte unterrichten wird.
Aber gerade auf Grund der ungünstigen Untersuchungsbedin¬
gungen sind meine Ergebnisse von Belang, weil sie hinweisen auf
regelmässige Unterschiede in der Konzentration des Liquoreiweiss¬
gehaltes verschiedener Höhen. Beim Ueberblicken meiner ge¬
samten Ergebnisse zeigt sich eine deutliche Tendenz im Sinne einer
Konzentrationsminderung des Eiweisses mit zunehmender Höhe des
spinalen Arachnoidealsackes. Diese kam, was mit den Ergebnissen
Kafkas versöhnt und wesentlich ist, in den gleichzeitig angestellten
Reaktionen nach Pandy, Nonne-Apelt und Weichbrodt
nicht zum Ausdruck.
Jedenfalls sprechen auch meine Untersuchungen für eine ge¬
wisse Schichtenbildung des Liquoreiweisses im Sinne von Wei¬
gel d t, die allerdings im Einzelfall nicht immer nachweisbar zu sein
braucht. Sie stehen im Gegensatz zur Vorstellung einer regelrechten
aktiven Liquorströmung im Sinne von P r o p p i n g (M. a. d. Grenz¬
geb. d. Med. u. Chir. 1909, S. 441), sind aber m. E. durchaus vereinbar
mit den Anschauungen von Becher (M.m.W. 1921, S. 837). Becher
stellt sich bekanntlich vor, dass infolge der rhythmischen Hirnbewe¬
gungen periodische Wellen zustande kommen, die über die Liquor¬
säule des Arachnoidealsackes hinstreichen. Hierdurch brauchte m. E.
die Spinalflüssigkeit in Gegend der austretenden Nervenwurzeln, wo
wohl die lebhafteste Liquorresorption vor sich geht, und in Gegend
der durch die Wurzeln und das Liq. denticulatum gebildeten Taschen
(F. K. Walter) kaum in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Mit
dieser Anschauung scheint mir die weitere vereinbar, dass infolge des
vertikalen Resorptionsstromes eine stetige Liquorverschiebung von
den Ventrikeln nach den Subarachnoidealräumen kaudalwärts nach
Art eines ständig an Konzentration zunehmenden Schichtensystems
stattfindet.
II: 5
III: 1
IV: 5
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _ Nr. 27. j
872
Aus der Hautklinik der städtischen Krankenanstalten in Essen
(Prof. Dr. Bering.)
Ueber physikalisch-chemische Serumuntersuchungen bei
Hautkranken*).
Von Dr. Alois M em nies h e i in e r.
13a man mit den physikalisch-chemischen Methoden feinste Ver¬
änderungen der Serumkolloide feststellen kann, erschienen uns gerade
bei Hautkrankheiten diese Untersuchungen interessant. Für die nor¬
male Arbeit des Organismus ist ein ganz bestimmter Zustand der
Serumkolloide erforderlich. Jede Erschütterung des Gleichgewichts
in diesem System bedingt Störungen.
Von den physikalisch-chemischen Methoden wählten wir 1. die
Bestimmung der Viskosität, 2. die der Oberflächenspannung, 3. als
Serumstabilitätsprüfungen die, Bestimmung der Koagulationstempera¬
tur und der Alkoholzahl und 4. zur Prüfung der Schutzwirkung der
Serumkolloide die Bestimmung der Goldzahl. Die Bestimmung der
Viskosität erfolgte im Thermostaten bei 28 0 C mittels des Ost wal d-
schen Viskosimeters, wobei die Ausflussgeschwindigkeit von 5 ccm
dest. Wassers 1 gesetzt wurde. Die Oberflächenspannung bestimm¬
ten wir bei fast gleichbleibender Zimmertemperatur mit dem
T r a u b e sehen Viskostagmometer, wobei wir als Mass das Volumen
von 3 Tropfen annahmen. Die Koagulationstemperatur wurde durch
Erwärmen von 1 ccm Serum im engen Reagenzglas bestimmt, wobei
die Temperatur des Wasserbades unter dauerndem Umrühren um
zirka 1 Grad pro Minute gesteigert wurde. Wir unterschieden erste
Trübung und Kpagulation. Als Alkoholzahl bezeichneten wir die
Menge 95 proz. Alkohols, die nötig ist, um in 1 ccm Serum die erste
Trübung zu erzielen. Etwas abweichend von Zsigmondy be¬
zeichneten wir als üoldzahl die Volummenge Serum, die gerade noch
nötig ist, um 1 ccm roter Goldsollösung vor dem Farbenumschlag
durch 0,1 ccm einer 10 proz. NaCl-Lösung zu schützen. Die Ablesung
erfolgte nach 14 Stunde. Wir mussten zu Serumverdünnungen bis zu
1 : 500,0 gehen.
Unsere bis jetzt vorliegenden Ergebnisse beziehen sich auf
Serumuntersuchungen bei Ekzem, Psoriasis, einzelnen Fällen ver¬
schiedenartiger Krankheitsbilder und Lues.
• Unter den untersuchten Ekzemfällen finden wir bei den chro¬
nischen in der Regel eine erhöhte Viskosität parallelgehend mit er¬
niedrigter Oberflächenspannung. Die Serumstabilität ist herabgesetzt,
die Goldzahl ist meist sehr klein, was einer erhöhten Schutzwirkung
entspricht. Diese Veränderungen möchten wir aus bestimmten Grün¬
den einer Globulinvermehrung im Serum zuschreiben. Bei den akuten
Krankheitsfällen finden wir die geschilderten Veränderungen in ge¬
ringerem Grade. Von Psoriasis vulgaris fanden wir in den bisher
untersuchten Fällen bis auf erhöhte Schutzwirkung der Kolloide keine
wesentlich veränderten Werte. Zwei Fälle von Pemphigus vulgaris
zeigten hohe Viskositätswerte und grosse Serumschutzwirkung. Ob
hier die schon mehrfach festgestellte Kochsalzretention oder ebenfalls
ülobulinvermehrung eine Rolle spielt, können wir zurzeit noch nicht
entscheiden. Ein Fall von idiopathischer Hautgangrän zeigte neben
hoher Viskosität und geringer Goldzahl sehr starke Herabsetzung des
Koagulationspunktes. Bei frischen unbehandelten Lues-II-Fällen fin¬
den wir in der Mehrzahl der Fälle erhöhte Viskositätswerte, in einigen
Fällen Herabsetzung, in anderen geringe Erhöhung des Koagulations¬
punktes und schliesslich eine sehr hohe Schutzwirkung des Serums.
Die Bestimmung der Alkoholzahl ergab uns in allen Fällen keine
sicheren Werte. Die erhöhten Viskositätswerte bei der Lues II möch¬
ten wir der schon früher nachgewiesentn Vermehrung der Globulin¬
fraktion zuschreiben.
Die Untersuchungen gehen weiter.
Aus der Universitäts-, Kinder- und Poliklinik Qöttingen.
(Direktor: Prof. F. Göppert.)
Zur Klinik und Diagnose der protrahierten Hirnhaut¬
reizung nach banalen Infektionen.
Von Dr. J. Schwab.
Göppert hat in letzter Zeit erneut auf die Beteiligung der
Hirnhäute bei den fieberhaften Infektionen der oberen Luftwege hin¬
gewiesen (Klin. Wschr. 1. Jahrgang Nr. 2). Grundlegend waren die
Beobachtungen beim Säugling und Kleinkind. Es hatte sich gezeigt,
dass banale Infektionen der oberen Luftwege zuweilen entweder eine
auffallende Unruhe oder eine Apathie hervorriefen im Gegensatz zu
dem weit häufigeren munteren Verhalten anderer Säuglinge oder
Kleinkinder mit Schnupfen. Fortlaufende Beobachtungen, Unter¬
suchungen, gelegentliche Lumbalpunktionen bei vorgewölbter Fonta¬
nelle oder positivem Kernig gaben den Beweis für das Bestehen
einer meningealen Reizung seröser Natur. Das Kernigsymptom
sagte uns auf diese Weise oft, wenn durch die banale Nasen-Rachen-
infektion das ungewöhnliche psychische Verhalten nicht zu erklären
war, dass eine Meningitis vorliegen musste. Göppert war in der
Lage, bei einer grossen Anzahl von Kindern mit positivem Kernig
bei oder nach Infektionskrankheiten durch die Lumbalpunktion einer¬
*) Nach einem Vortrag für den XIII. Dermatologenkongress in München.
seits den Zusammenhang zwischen Infektion und Meningitis zu be- |
weisen, anderseits auch den Beweis erneut zu bringen, dass der
positive Kernig ein sicheres Zeichen für Meningitis ist, eine Frage, |
die schon von Kernig in bejahendem Sinne beantwortet worden i
war. Diese meningeale Reizung bestand oft noch lange nach Ab- i
klingen der akuten Erscheinungen des Schnupfens, der Bronchitis,
kurz der Infektionen, und gab so die Erklärung für nervöse Sym¬
ptome, von deren Häufigkeit wir uns auch beim älteren, schulpflich¬
tigen Kind in letzter Zeit überzeugen konnten. So kamen wir, durch !
G ö p p e r t s Untersuchungen veranlasst, dazu, weiter auf das K e r - <
nigsche Symptom auch beim älteren Kinde zu achten und durch
gelegentliche Lumbalpunktion seine Bewertung zu erhöhen. Genaue 1
Aufnahme der Anamnese auf Häufigkeit der Erkältung und besonders |
auf Grippe ermöglichten es, ein nicht seltenes Krankheitsbild und .
seine Therapie erneut festzulegen.
Im Vordergrund des Interesses standen für uns die klinischen
Reizerscheinungen, Phänomene, die als Erkennungszeichen für Reiz- 1
zustande des zentralen und peripheren Nervensystems zu deuten
waren.
Vielseitig sind die Klagen der Kinder und noch mehr ihrer Eltern '
und Lehrer. Von verschiedenen Aerzten bereits behandelt, kamen )
diese Kinder in unsere Klinik. Kopfschmerzen morgens, dann nur *
abends, oft den ganzen Tag, nach der Schule, sind ein fast ständiges 1
Symptom. Müdigkeit ebenfalls morgens, abends, nach der Schule, i
den ganzen Jag über bis zu leichten Graden von Schlafsucht: dann i
wieder bei anderen Kindern üereiztsein, „Nervös“-sein, schlechter ]
Schlaf, Gequältsein von J räumen, unleidlich, zänkisch bis zur „Tob- 3
sucht“, wie eine Pflegerin von einer Warteschule uns berichtete, j
bieten in allen Graden uns ein mannigfaches Bild. Oft auch wurde ]
nur über Müdigkeit, Mattigkeit in den Beinen geklagt. Dazu gesellte ]
sich bei Kindern im schulpflichtigen Alter oft ein auffallendes, plötz¬
liches Nachlassen in den Leistungen des bis dahin guten Schülers, 3
das oft zu Bestrafung des Kindes sowohl in der Schule als auch zu '
Hause führte. Oft gab das Kind selbst an, dass das Lernen schwerer
sei, „es vergässe alles gleich wieder“, oft sitzt es stundenlang über .5
seinen Büchern, wie eine Mutter uns erzählte, und „döst*. Dann <
wieder gibt es Wochen, wo diese Kinder besser lernen, oft, wenn j
eine Erkältung eine Schonung oder ein Fernbleiben aus der Schule auf
Tage bewirkt hatte. Wieder bei anderen Kindern fiel der Mutter
auf, dass ihr Kind weniger gern spiele, nicht mehr so gern auf die
Strasse gehe und auch zu Hause auf dem Sofa müde dasitze, anstatt j
zu spielen.
Das Auffallendste und bei weitem häufigste Symptom, oft das ,
einzigste, das zu so vielen Fehldiagnosen und langdauernden thera¬
peutischen Behandlungen ohne Besserung geführt hatte, war die i
Appetitlosigkeit. Ein interessantes Symptom! Wie oft waren Wurm¬
kuren vorgenommen worden! Wie oft waren dem Kinde die besten j
Leckerbissen zugeschoben worden, das Kind nahm nichts und nahm
ab! „Es ist das eines der dunkelsten und anziehendsten Kapitel der •;
klinisch-biologischen Forschung der Infektionskrankheiten, welches j
dringend eingehendster Aufklärung bedarf,“ schreibt v. G r o e r in
seiner Arbeit zur Kenntnis des Meningoenzephalismus. v. G r o e r
fasst die Appetitlosigkeit als „nachschleppende, verzögernde Re- j
aktionserscheinung“ auf und spricht von „rasch abklingenden, nach
Ablauf der Grundkrankheit auftretenden Psychosen und auch längere !
Zeit nach der Entfieberung fortdauernder Apetitlosigkeit“. Oft geht :
Hand in Hand hiermit ein anhaltender Brechreiz. Interessant war, <
dass oft schon nach acht Tagen Bettruhe die Eltern erfreut von :
dem wieder guten Appetit des Kindes Mitteilung machten, während
die anderen erwähnten Symptome noch bestanden. Auch über ;
Schwindelgefühl wurde oft, besonders auch von Mädchen, geklagt. S
Ein nicht so häufiges Symptom war das Schwitzen, besonders nachts. J
Wiederholte Temperaturmessungen morgens und abends bei Bett¬
ruhe, genaueste wiederholte Lungenuntersuchungen, wie Durch- *
leuchtung, ergaben keinen Anhaltspunkt für Tuberkulose. Dass als \
Begleiterscheinung aller dieser Symptome ein schlechtes, fahles, mü- |
des Aussehen des Kindes in allen Fällen vorhanden war und auch I
deshalb die Kinder von Arzt zu Arzt wunderten, sei nur erwähnt.
Bei all diesen Klagen ergab nun die wiederholte Untersuchung 1
ausser einem positiven Kernig kein anderes fassbares Symptom I
irgendwelcher Organerkrankung. Es war also unsere Aufgabe, die I
klinische Bedeutung des Kernig auch für das spätere Kindesalter zu j
prüfen und so den Zweifel zu beheben, dass die Diagnose durch 3
einen positiven Kernig allein nicht hinreichend gesichert sei.
Die Reflexe waren in einzelnen Fällen gering gesteigert, durchweg ,]
jedoch normal. Der Augenhintergrund zeigte keine krankhafte Ver- 1
änderung. Wir gingen nun so vor, dass wir durch genaue Aufnahme 1
der Anamnese das Vorhergehen einer Grippe bestätigen, die Tempe- i
ratur bei achttägiger Bettruhe messen, den Urin kontrollieren und j
den Stuhl auf Würmer beobachten Hessen. Nach achttägiger Bett- •
ruhe wurden die Kinder zum ersten Mal wiederbestellt. Oft wurde
dann schon, wie oben erwähnt, von dem wiedergekommenen Ap- .
petit berichtet, oft fühlte sich das Kind wieder ganz gesund und war
nicht mehr im Bett zu halten. Der positive Kernig war natürlich ’
meist noch vorhanden. Durch öfteres Wiederbestellen der Kinder
konnten wir unsere Notizen über den Kernig machen.
Es liegen so Beobachtungen über 17 Fälle, 10 Jungen, 7 Mädchen,
vor. Das Alter der Jungen schwankte zwischen 6 und 12, das der
Mädchen zwischen 8 und 13 Jahren. Die Dauer der Beobachtung
des Kernig betrug in einem Fall 2 Jahre, die kürzeste 1 Monat.
■■
(». Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
bl 3
Positiv war der Kernig in 2 Fällen bei 110°, in 5 Fällen bei 120", in
9 Fällen bei 130°, in einem Fall 140°. Geprüft wurde der Kernig
nach der von Qöppert in der oben erwähnten Arbeit beschrie¬
benen Weise. Bei 11 Kindern konnte eine Lumbalpunktion, und zwar
stets in Narkose, vorgenommen werden. Der Druck betrug in je
2 Fällen 18 cm. 35 cm, 43 cm und in je einem Fall 19 cm, 30 cm,
33 cm, 3b ein, 54 cm. Das Punktat war in allen Fällen klar-serös.
Die Essigsäurekochprobe war in allen Fällen, die Non ne sehe Glo¬
bulinreaktion in einem Fall positiv. Zucker (F c h 1 i n g sehe Probe)
war in allen Punktaten nachweisbar. Der Zellgehalt im Punktat be¬
trug in den 11 punktierten Fällen je 0, 1, 2, 2, 4, 6, 51, 63, 250, 500,
966 Lymphozyten. Der Zellgehalt im Punktat war kein Maassstab
für die Schwere des Krankheitsbildes.
Zum Schluss seien einige typische Krankengeschichten mitgeteilt.
1. F a 1 1. E. R., 9 Jahre alt.
16. IV. 20. Häufig Kopfschmerzen, Schmerzen im Leib, seit Wochen ohne
Appetit, schwitzt nachts viel. Mutter vor 8 Jahren an Tuberkulose gestor¬
ben. Innere Organe o. B. Diagnose: i. B. Therapie: Nahruugsmittelattest.
15. XI. 20. Klagen wie oben, Attest erneuert.
8. IV. 21. Kommt wegen Mattigkeit und Kopfschmerzen. Innere Organe
o. B., keine Nachtschweisse.
23. I. 23. Vor 1 Jahr Grippe, immer oft erkältet gewesen, dauernd Kopf¬
schmerz, schlechter Appetit. Innere Organe o. B. Kernig: + (120°). Bett¬
ruhe.
31. I. 23. Kernig + (110°). Reflexe o. B., Augenhintergruud o. B., innere
Organe o. B. Ektebin +, keine erhöhten Temperaturen. Kopfschmerzen
immer in Ruhe und nach der Schule. Bettruhe.
7. II. 23. Nur immer Kopfschmerzen gehabt. Kernig fraglich +.
19. II. 23. Ausser Bett gewesen. Kernig wieder + (120°). Lumbal¬
punktion t D. = 33 cm, E. +, Nonne ߣ, P. — klar, Z. +, Z. = 4*).
Bettruhe. Lymph.
23.11.23. Hausbesuch, keine Klagen. Kernig 110°.
2. Fall. O. D„ 6 Jahre alt.
29. XII. 22. Oft erkältet, zuletzt Weihnachten, schläft schlecht, blasses
Aussehen. Appetit schlecht. Innere Organe o. B. Kernig + (130°). Bett¬
ruhe.
5. I. 23. Kernig + (130°), sehr lebhaft, nervös, träumt viel.
12. I. 23. Appetit besser, lebhaft, träumt noch viel, wieder erkältet ge¬
wesen. Kernig + (130°). Innere Organe o. B. Urin o. B.
13. I. 23. bis 1. II. 23 im Bett gelegen wegen Windpocken. Appetit gut,
keine Klagen, ausser allzu grosser Lebhaftigkeit. Kernig + bei 110°. Keine
Temperaturen. Augenhintergrund o. B.
8. II. 23. Ausser Bett gewesen, Kernig wieder + 130 °.
9. II. 23. Lumbalpunktion: D. = 43 cm, E. +, N. = J2r, P. = klar,
Z. +, Z. — 2 Lymph.
13.11.23. Keine Klagen. Kernig + (120°). Appetit gut. Schonung.
16. III. 23. Kernig 100°, keine Klagen.
3. F a 1 1. K. H., 6 Jahre alt.
2. I. 23. Februar 1920 die ganze Familie Grippe. Kind lag 8 Tage zu
Bett. Darauf gut erholt. Nach 1 Jahr müde, appetitlos, matter. Müde in den
Beinen, Kopfschmerz, blasses Aussehen. Innere Organe o. B. Kernig + (130").
Nabelekzem. Tonsillen geschwollen. Bettruhe.
26.1.23. Kernig + (110°). Bettruhe.
5. II. 23. Appetit gebessert, nicht mehr so müde. Seit einigen Tagen
Schnupfen. Kernig bis 130°. Augenhintergrund o. B.
6. II. 23. Lumpalpunktion. D. = 54 cm, E. +, Nonne -0", P. = klar,
Z. +. Z. - e.
10.11.23. Keine Klagen. Kernig + (120").
4. Fall. R. W., 11 Jahre alt. Früher Pneumonie, Rachitis, oft Bronchitis
gehabt.
20. II. 22. Vor 14 Tagen Grippe gehabt. Seitdem schlechter Appetit,
matt, schwindelig. Oft Kopfschmerzen gehabt. Innere Organe o. B. Rachen
gerötet. Kernig + (140"). Bettruhe.
27.11.22. Kernig + (140°), Kopfschmerzen, Schwindelanfälle. Bettruhe
weiter.
7. III. 22. Kernig + (110°), munter, keine Klagen.
1. IV. 22. War inzwischen zur Schule. Vor 8 Tagen vom Lehrer wegen
Doppelsehen zur Augenklinik geschickt. Kein pathologischer Befund (Augen¬
klinik). Schläft viel, wird morgens nicht wach, Oefters Ohnmachtsanfälle.
Ihnere Organe o. B. Kernig + (110°). Kernig bleibt weiter positiv. Kein
Doppelsehen. Im Sommer zur Erholung in der Schweiz gewesen.
13-. I. 23. Gestern mit Fieber erkrankt, matt, Kopfschmerzen, starkes
Schwitzen. Rachen rot, sonst kein krankhafter Organbefund. Kernig +
(130"). Bettruhe.
19.1.23. Innere Organe o. B. Kernig + (130°). Bettruhe weiter.
1. II. 23. Gebessert. Keine Kopfschmerzen mehr. Appetit gut. Noch
leicht müde, besonders morgens nicht wach zu bekommen. Schläft mittags
mehrere Stunden, zänkisch, „leicht gereitzt, bis zur Tobsucht“ (Bericht der
Warteschule). Kernig + (130°). Lumbalpunktion. D. = 35 cm, E. +,
Nonne ßt, P. = klar, Z. +, Z. = 966 L.
2. II. 23. Aufnahme in die Klinik wegen heftiger Schmerzen nach der
Punktion. Sicher bewiesene Aggravatio.
19.1123. Entlassen; keine Klagen. Kernig + (120°).
7. 111.23. Kernig 120°.
5. F a 1 1. E. W„ 9 Jahre alt.
23. II. 23. Januar 22 und Dezember 22 Grippe, Matt und gedankenlos
seit der Grippe. Kind in der Schule sehr nachgelassen, wird Sitzenbleiben,
nach Ansicht der Mutter „wegen der Grippe“. Früher gut in der Schule.
Appetit sehr wechselnd. Kopfschmerzen. Kernig + (120"). Innere Organe
o. B. Bettruhe 8 Tage lang.
2. III. 23. Appetit gut, keine Kopfschmerzen. Anscheinend nach Bett¬
ruhe nicht mehr so matt. Keine Temperaturen. Innere Organe o. B. Ker¬
nig + (120°). Lumbalpunktion. D. = 30, Z. +, Nonne = •©". P. — klar,
E. +, Z. = 500 L.
6. Fall. E. W„ 12 Jahre alt.
12.11.23. Bisher gesund. Vor 4 Wochen Grippe, dann Masern; seit¬
dem Kopfschmerzen, schlechter Appetit. 9 Wochen im Bett gelegen, seit
*) D. = Druck, P. = Punktat, E. = Eiweiss, Z. — Zucker, Z. = Zellen,
L. = Lymphozyten.
einigen Tagen wieder auf. Konjunktivitis. Rachen rot. Innere Organe o. B.
Kernig + (120°). Bettruhe.
28. II. 23. Appetit schlecht, starke Kopfschmerzen. Innere Organe o. B.
Keine Temperaturen. Kernig + (120°). Lumbalpunktion. D. = 43 cm,
Z. + (Milchzucker-Osazone), P. — klar, E. 4*. Nonne = ßr, Z. = 63 L.
16. III. 23. Keine Kopfschmerzen. Besserer Appetit. Gutes Allgemein¬
befinden. Kernig + (120”).
7. Fall. A. K., 6 Jahre alt. Früher in klinischer Beobachtung wegen
Lungentuberkulose.
13. II. 23. Weihnachten 1922 Grippe. Seitdem müde, schläfrig, keine
Lust zum Spielen, schläft oft auf dem Sofa ein. Kein Appetit. Leibschmerzen.
Kernig + (130°). Aufnahme in die Klinik. Bettruhe.
15. 11. 23. Lumbalpunktion. D. = 18 cm, E. +, Nonne ßi, P. — klar,
Z. +, Z. = 1 L. Kein Spinngewebegerinnsel,
8. F a 1 1. B. T„ 12 Jahre alt.
9. III. 23. Herbst 1922 Grippe, seitdem viel Kopfschmerzen, Müdigkeit,
Mattigkeit, sitzt viel in der Ecke, döst viel, unleidlich, Appetit schlecht.
Innere Organe o. B. Kernig + (130°). Lumbalpunktion. D. = 36 cm,
E. +, Nonne ßr, Z. +, Z. = 2 L.
Der Kernig ist also ein sicheres Zeichen für eine Meningitis. Eine
Meningitis kann als Begleiterscheinung oder nach einer Infektion auf-
treten. Nach Infektionskrankheiten, besonders nach Grippe, bestehen
oft Monate, ja Jahre Reizerscheinungen des Z.N.S., die ein man¬
nigfaches Symptombild zeigen. Klinisch wird dieses Krankheitsbild
oft nur aus dem positiven Kernig zu diagnostizieren sein. Die Thera¬
pie besteht in frischen Fällen in einer oft wochenlangen Bettruhe, ln
älteren Fällen muss eine den Verhältnissen entsprechende Bettruhe
bzw. Schonung verordnet werden, wie z. B. Bettruhe nach Tisch, Be¬
freiung von weniger wichtigen Schulstunden.
Literatur.
Göppert: Beteiligung der Hirnhäute bei den fieberhaften Infektionen
der oberen Luftwege. Klin. Wschr. 1. Jg. Nr. 2. — Blühdorn: Meningitis
serosa und verwandte Zustände im Kindesalter. B.'kl.W. 1912 Nr. 38. —
Harke: Ueber Meningitis serosa im Kindesalter. Mschr. f. Kinderhlk.
1918/19, 15. — Kernig: Ueber ein wenig bemerktes Meningitissymptom.
B.kl.W. 1884 Nr. 52. — Kernig: Ueber die Beugekontraktur im Kniegelenk
bei Meningitis. Zschr. f. klin. M. 1907, 64. — v. Groer: Zur Kenntnis des
Meningoenzephalismus. Zschr. f. Kinderhlk. 1909. 21.
Aus dem Patholog. Institut der Städt. Krankenanstalt Kiel.
(Vorstand: Prosektor. Dr. Emmerich.)
Tonsillen und Tuberkulose.
Von Dr. med. P. Fischer, früher Assistent am Institut.
Bereits in einer Anzahl älterer Arbeiten wurde auf den Zusam¬
menhang der Tuberkuloseinfektion mit den Gaumenmandeln hinge¬
wiesen, ohne dass man über Vermutungen und über die wahrschein¬
liche Annahme, dass eine primäre Infektion der Gaumenmandeln mit
Tuberkulose sekundär eine Allgemeininfektion verursachen kann,
wesentlich hinausgekommen ist. So gibt z. B. Bandelier [l] an,
dass die tuberkulöse Erkrankung der Tonsillen bei Lungentuberku¬
lose häufig, bei vorgeschrittener Phthise fast die Regel sei. Eine
retrograde lymphogene Entstehung der Tonsillentuberkulose sei un¬
wahrscheinlich, die primäre Entstehung als Fütterungs- und Aspira¬
tionstuberkulose nicht so enorm selten.
Im Gegensatz dazu ist in mehreren neuen Arbeiten über die Ton¬
sillen als Eingangspforte für Infektionen die Möglichkeit einer In¬
fektion durch Tuberkulose überhaupt nicht erwähnt. Nur in einer
englischen Arbeit aus der allerneuesten Zeit beschreibt Ne Hie
Wall [2], dass sie. bei Untersuchungen von 170 Drüsen und Ton¬
sillen von 120 Kindern 3 mal Tuberkulose der Tonsillen fand. Es
handelte sich in diesen Fällen klinisch nicht um Tuberkulose, sondern
nur um eine Hyperplasie.
Einer Anregung von Herrn Prosektor Dr. Emmerich folgend,
habe ich die seit dem Jahre 1916 eingeleiteten Untersuchungen der
Tonsillen auf tuberkulöse Erkrankung fortgesetzt und unsere Ergeb¬
nisse zusammengestellt. Die Untersuchungen wurden an gefärbten
Schnittpräparaten nach pathologisch-anatomischen Gesichtspunkten
bei von Sektionen gewonnenenem Material angestellt. Als mit I u-
berkulose infiziert wurden die Fälle angesprochen, wenn sich für
Tuberkulose charakteristische Veränderungen (Epitheloidknötchen
mit und ohne Riesenzellen und Verkäsung) fanden. Diese Fälle be-
zeichneten wir als positiv, die ohne anatomische Veränderungen als
negativ. Der Nachweis von Tuberkelbazillen in den Krypten hat nur
bedingten Wert, da damit eine Infektion der 1 onsillen nicht sicher¬
gestellt ist. Bei den von uns als negativ bezeichneten Fällen muss
noch gesagt werden, dass sich auch ihre Zahl noch verringern würde,
wenn es uns möglich wäre, überall Serienschnitte anzulegen. Im
ganzen wurden 173 Fälle untersucht. Davon waren 161 an luberku-
lose, 12 an anderen Krankheiten gestorben. Wenn ich zunächst die
12 Fälle, in denen die Tuberkulose nicht die Todesursache war,
herausgreife, so fand sich Tuberkulose als Nebenbefund in 10 Fällen,
davon in einem Tuberkulose der Tonsillen, ln den beiden anderen
keine Tuberkulose, auch nicht der Tonsillen. In dem Fall, der eine
Tuberkulose der Tonsillen aufwies, handelt es sich um ein 8 jähriges
Mädchen, das an einer Diphtherie starb. Die Mesenterialdrüsen
zeigten mikroskopisch z. T. in Einschmelzung begriffene Epitheloid¬
knötchen, im übrigen fand sich ausser den Tonsillen keine Tuberkulose
der anderen Organe. Es wäre also wohl denkbar, dass es sich hier
primär um eine Fütterungstuberkulose, vielleicht sowohl der Ion-
3*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
874
Nr. n.
sillen, als der Mesenterialdrüsen, handelt; zum mindesten muss die
Erkrankung der Tonsillen als solche eine primäre sein, selbst wenn
die Mesenterialdrüsen zeitlich früher ergriffen waren.
Leider ist dieses der einzige Fall, der ein derartig eindeutiges
Ergebnis liefert. Die übrigen 161 Fälle, bei denen die Tuberkulose
die Todesursache war, bieten indessen gleichfalls manches Inter¬
essante. Inwieweit die Tonsillen in diesen Fällen als Eintrittspforte
in Frage kommen, lässt sich jedoch nicht entscheiden, weil es sich
zum grossen Teil um ulzerierende Lungenprozesse handelt, bei
denen Kehlkopf und Tonsillen auch sekundär durch das Sputum in¬
fiziert sein können.
Ich lasse eine kurze Zusammenstellung der 161 Fälle folgen. Es
handelt sich dabei um 4 frische und 157 chronische Fälle.
Im ganzen fanden sich die Tonsillen in 66,6 Proz. der Fälle infiziert.
Von den 4 frischen Fällen war einer positiv (Kavernenbildung in der
Lunge), 3 Fälle negativ.
Das ergibt bei den 157 chronischen Fällen einen positiven Befund von
67,5 Proz.
Von den 161 Fällen waren die Lungen in 158 Fällen tuberkulös erkrankt,
die Tonsillen waren in diesen 158 Fällen in 67,7 Proz. der Fälle miterkrankt,
ln den 3 Fällen, in denen die Lungen nicht befallen waren, waren auch die
Tonsillen frei.
ln den 158 Fällen, in denen die Lungen erkrankt waren, handelt es sich
in 147 Fällen um ulzerierende Prozesse, unter diesen waren die Tonsillen sogar
in 73,2 Proz. der Fälle mitbeteiligt (wohl infolge der Sputuminfektion).
Von den 11 Fällen, wo die Lungen nur indurierende Prozesse
aufwiesen, waren nur 5 mal die Tonsillen miterkrankt.
Nach dem Lebensalter geordnet, ergibt sich folgendes:
Von 161 an Tuberkulose Gestorbenen
Im Alter bis zu 1 Jahre:
4 Fälle,
davon
1
positiv,
3 negativ,
„ „ von 1 — 14
Jahren: 9 „
9t
5
99
4
„ „ „ 15—20
99
17 „
99
11
99
6
„ 1, „ 21—30
99
38 „
99
31
99
7
„ * „ 31—40
99
28 „
99
25
99
3
,, », 41—60
,,
52 „
99
29
99
23
„ „ über 60 Jahre:
13 „
99
4
99
9
Eine Bevorzugung
des
männlichen
oder
weiblichen Geschlechts
liess sich nicht nachweisen, mit Ausnahme der alten Leute über
60 Jahre. Hier handelt es sich um 8 Männer und 5 Frauen; von den
8 Männern waren 5 positiv, von den 5 Frauen keine. Indessen er¬
scheint mir die Zahl von 13 zu gering, um irgendwelche Rückschlüsse
zu gestatten.
Auffallend ist dagegen die Mitbeteiligung der Tonsillen im Alter
von 21—30 und 31—40 Jahren. Es scheint mir hier der Schluss
berechtigt, dass es sich in diesen Fällen doch meist um eine sekundäre
Infektion der Tonsillen handelt, da sich in diesem Lebensalter die
schwersten ulzerierenden Lungenprozesse mit sekundärer Kehlkopf-
und Darmtuberkulose fanden, während besonders im späteren Alter
die indurierenden Lungenprozesse überwiegen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Nur in einem Fall
gelang uns mit Wahrscheinlichkeit der Beweis, dass eine primäre
Infektion der Tonsillen durch Tuberkulose erfolgt ist. Trotzdem
scheint uns auch dies schon von Wichtigkeit für die Möglichkeit der
Infektion durch Tuberkulose zu sein.
Bei ausgedehnten Lungentuberkulosen ist die Mitbeteiligung der
Tonsillen eine sehr grosse, bei ulzerierenden Lungenprozessen bis zu
73,2 Proz.; hier handelt es sich indessen wohl meist um eine sekun¬
däre Infektion durch das Sputum.
Immerhin ist es auffallend, dass auch bei Fällen, die keine ulze¬
rierenden Lungenprozesse haben, eine Tuberkulose der Tonsillen vor¬
handen sein kann und dass diese infektiös sowohl für andere, als für
den eigenen Körper sein kann, während doch allgemein der Stand¬
punkt vertreten wird, dass nur die offene Lungentuberkulose als än-
steckend zu betrachten ist.
Literatur-.
Bandelier: Tonsillen als Eingangspforte der Tuberkelbazillen.
Brauers Beitr. z. Klin. d. Tbk. 1906, 6, H. 1. — Nellie Wall: The bacteria of
the tonsils and adenoids. Brit. med. Journ. 1922 Nr. 3230 S. 1625.
Der Junge gab nun an, seit der Geburt das Leiden gehabt zu haben, des
weiteren, dass diese Abnormität in seiner Familie erblich auftrete, ln der
mir zugänglichen Literatur habe ich über angeborene Ankylosen und Erblich¬
keit derselben nichts finden können. Ich untersuchte daher seine Geschwister:
Aus der Behörde für öffentliche Jugendfürsorge.
(Oberarzt; Dr. Man c hot.)
Ueber angeborene Ankylosen der Fingergelenke.
Von Dr. Brügger, Assistenzarzt.
In diesem Sommer kam ein Zögling von uns, Georg B., geb. 11. IV. 1907.
aus der Böttcherlehre zurück, weil er die Böttcherarbeiten nicht habe verrichten
können. Es ergab sich bei der Untersuchung, dass die Mittelgelenke des
Mittel-, Ring- und kleinen Fingers links und des Ring- und kleinen Fingers
rechts völlig versteift waren. Die Grundgelenke waren frei beweglich. Statt
des Mittelgelenks fühlte man einen Wulst. Die Hautfalten über dem Gelenk
fehlten vollkommen. Die Mittelphalangen waren verkleinert, die Endgelenke
wieder frei beweglich. Die Weichteile der fünf befallenen Finger waren
hypotrophisch, besonders an den Mittelphalangen. Die kleinen Finger waren
im ganzen kurz, ragten nur bis zur Mitte der Mittelphalangen der Ringfinger.
Auch die Daumen waren abnorm kurz, ragten bis zum Grundgelenk der Zeige¬
finger. Der weitere Untersuchungsbefund zeigte keine Besonderheiten. Eine
Röntgenplatte, die in Eppendorf angefertigt wurde, ergab folgendes (siehe
Röntgenbild) :
Knöcherne Ankylose der prominenten Epyphysenkerne der linken 3., 4.
und 5. Mittelphalangen und der rechten 4. und 5. Grundphalangen.
Paula B., geb. 6. XII. 1900. Die Mittelgelenke beider kleinen Finger
waren vollkommen versteift, die Grundphalangen erschienen abnorm lang, die
Mittelphalangen waren klein. An Stelle des Gelenks fühlte man auch dort
einen Wulst; die Hautfalten über dem Gelenk fehlten. Die kleinen Finger
waren im ganzen abnorm klein, reichten nur bis zur Mitte der Mittelphalangen
der Ringfinger. Ebensolche Ankylose bestand in den Mittelgelenken des
rechten Ringfingers und des rechten Mittelfingers. Der linke Mittelfinger
konnte in seinem Grundgelenk nur in geringem Maasse bewegt werden, ebenso
der linke Zeigefinger. Die Weichteile sämtlicher Mittelphalangen waren hypo¬
trophisch, ein Faustschluss war ebenso wie bei ihrem Bruder nicht möglich.
An der rechten Hand erreichte nur der Zeigefinger den Handteller, an der
linken nur der Ringfinger. Die übrigen Finger standen frei dem Daumen¬
ballen gegenüber. Handarbeiten konnten nicht gemacht werden, nur gröbere
Hausarbeiten. P. ist Bettnässer.
Else B. Die Mittelgelenke der kleinen Finger sind ankylotisch, die
kleinen Finger sind abnorm klein, die Mittelphalangen besonders kurz. Die
Weichteile der kleinen Finger sind hypotrophisch.
Deren Kirjd hat gesunde Finger.
Adele B. Die Mittelgelenke beider Mittel-, Ring- und kleinen Finger sind
ankylotisch.
Ein Bruder ist an Lungentuberkulose gestorben, hatte normale Finger,
ebenso haben zwei lebende Schwestern normale Finger (s. anliegende Zeich¬
nung).
¥a
Die Kinder gaben an, auch ihre 1908 in Eppendorf an Tuberkulose ver¬
storbene Mutter habe „steife Finger“ gehabt. Im Eppendorfer Krankenhause
sei diese Eigentümlichkeit aufgefallen und es sei eine Röntgenaufnahme an¬
gefertigt worden. Es gelang nun dank der Liebenswürdigkeit von Herrn
Dr. L o r e y, diese Platte noch aufzutreiben. Es zeigte sich nun, dass auch
bei der Mutter sämtliche Mittelgelenke der Finger ankylotisch waren, be¬
sonders am 4. und 5. Finger, während am 3. und 2. die Ankylose nur
angedeutet war. Die Mittelphalangen waren bei allen Fingern sehr klein, die
Daumen ragten nur etwas über die Grundgelenke der Zeigefinger hinaus (siehe
Diapositiv der Röntgenplatte).
Der Vater der Kinder endete durch Suizid.
Die Mutter hatte 9 Geschwister, die ich, soweit sie lebten, aufgesucht
habe. Von den 9 Geschwistern (s. anl. Zeichnung) starb ein Zwillingspaar
an Lebensschwäche: gesunde Finger. Ein Bruder starb mit \'A Jahren an
Krämpfen: normale Finger. Eine Schwester starb mit 19 Jahren an Tuberku¬
lose: normale Finger. 3 Schwestern sind verheiratet: normale Finger, jede
von ihnen hat 2 Kinder. Von diesen 6 Kindern, Knaben wie Mädchen, hat nie¬
mand diese Abnormität.
Ein Bruder hat Ankylosen der Mittelgelenke sämtlicher Finger, nur die
Zeigefinger sind im Mittelgelenk etwas beweglich. Die kleinen Finger sind
abnorm kurz. Er hat 5 Kinder, 2 Mädchen haben normale Finger, 1 Mädchen
und 2 Knaben haben Ankylosen der Mittelgelenke sämtlicher Finger. Auch
bei den Kindern sind die kleinen Finger abnorm kurz.
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
875
Ein Bruder hat Ankylosen der Mittelgelenkc der kleinen Finger; dessen
drei Kinder sind gesund.
Die Geschwister der verstorbenen Mutter erzählten nun einzeln über¬
einstimmend, auch ihre Mutter, die an Asthma gestorben sei, habe Ankylosen
der Mittelgelenke der Ring- und kleinen Finger gehabt; ihr Vater sei in
Langenhorn an Paralyse gestorben.
Per einzige Bruder ihrer Mutter (sie habe auch keine Schwester gehabt),
habe Versteifung der Mittelgclenke sämtlicher Finger gehabt, lieber diese
Familie liess sich nichts Näheres ermitteln, da sie schon lange von Harburg
zum Rheinland übergesicdelt ist.
Weiter berichteten die Geschwister von ihrer Grossmutter, dass sie
normale Finger gehabt habe, Geschwister habe sie nicht gehabt. Ueber-
einstimmend erzählten sie von der Urgrossmutter, der Ururgrossmutter der
vorhin erwähnten Zöglinge, dass Ring- und kleine Finger beider Hände in den
Mittelgclenkcn steif gewesen seien, und zwar auch schon von Geburt an.
Da diese Abnormität in der ganzen Familie wohlbekannt ist und
sofort bei der Geburt auf diese Eigentümlichkeit geachtet wird, dürfte
man den Angaben der Geschwister der Mutter über ihre Vorfahren
doch einigermassen Glauben schenken. Aber selbst wenn man diese
Angaben bezweifelt, so steht doch die Erblichkeit der Ankylosen in
der Familie fest, da von den 7 Kindern 4 dasselbe Leiden wie die
Mutter haben, und von den 9 Geschwistern der Mutter 2 Brüder,
von denen der eine es auf 3- von 5 Kindern vererbt hat. Irgendeine
Regelmässigkeit in der Vererbung lässt sich nicht nachweisen.
Herrn Oberarzt Dr. M a n c h o t war nun ein ähnlicher Fall in Er¬
innerung, der früher als Zögling im Waisenhause gewesen war. Es
gelang, den jetzigen Wohnort zu ermitteln. Bei diesem Mädchen
waren die Daumenendgelenke versteift, die Falten über den Gelenken
fehlten ebenfalls. Die Weichteile der Daumen waren hypotrophisch.
Auch hier hatte .die Abnormität seit der Geburt bestanden. Die Rönt¬
genaufnahme. die auch in Eppendorf gemacht wurde, zeigte nichts Be¬
sonderes. Es lag hier keine knöcherne Ankylose vor, sondern wohl
eine bindegewebige. Sämtliche Angehörige hatten normale Finger.
Die Ankylose in diesem letzten Falle könnte man vielleicht so er¬
klären. dass bei der Bildung der Gelenke eine Hemmung eingetreten
ist. Nach Hertwig: „Elemente der Entwicklungslehre“ werden d>e
einzelnen Knorpelstücke in dem Mesenchym des Körpers, die sich
durch Metamorphose anleven, durch Reste des Muttergewebes ver¬
bunden. Dieses wird derbfaserig und gestaltet sich zu einem be¬
sonderen Bande. Hier hat die Gelenkentwicklung bei obigen Ge¬
lenken anscheinend haltgemacht. Eine derartige Vereinigung ist bei
niedrigen Wirbeltieren, wie bei den Haien, die vorherrschende. Bei
höheren Wirbeltieren und bei Menschen erhält sie sich nur an man¬
chen Orten, wie an der Wirbelsäule, in welcher die einzelnen Wirbel¬
körner durch bindegewebige Zwischenscheiben Zusammenhängen. An
solchen Stellen, an welchen die aufeinanderstossenden Skeletteile
einen höheren Grad von Wichtigkeit zueinander gewinnen, tritt an
Stelle der einfacheren bindegewebigen Vereinigung die komplizier¬
tere Gelenkverbindung.
Bei den Ankylosen der Familie B. könnte man an einen ähnlichen
Vorgang denken. Wie aber aus der bindegewebigen eine knöcherne
Ankylose wird, bleibe dahingestellt.
So glaube ich nachgewiesen zu haben, dass es angeborene Anky¬
losen gibt, die im ersten Fall sogar erblich auftraten durch mehrere
Generationen, im letzten Falle nur bei einer Person.
Aus meiner Gerichtsmappe. VII.
Anklage des Dr. G. wegen fahrlässiger Tötung.
Von A. D ö d e r 1 e i n.
Am 19. Juli 1911 starb dahier die 27 Jahre alte, ledige Kassierin D„ zu¬
letzt als Kellnerin tätig.
Die näheren Umstände der Erkrankung und des Todes der D. führten zur
Einleitung einer Voruntersuchung gegen den die Kranke zuletzt behandelnden
praktischen Arzt Dr. G„ der nun unter Anklage der fahrlässigen Tötung steht.
Dr. G. macht über seine Behandlung selbst folgende Mitteilung: D. kam
erstmals am 13. VII. 1911 zu Dr. G. in die Sprechstunde mit der Angabe, seit
längerer Zeit an Blutungen aus den Genitalien, kolikartigen Leibschmerzen
und hartnäckiger Obstipation, verbunden mit Uebelkeit und Brechreiz, zu
leiden. Die Blutungen bestünden bereits seit 7 Wochen in wechselnder Stärke.
Ob sie vorher oder während dieser Zeit länger ausgeblieben waren, ist nicht
bemerkt. Als Ursache der Blutungen gab sie eine Erkältung in einem Eis¬
keller an. Die Untersuchung des Genitalapparates war wegen fettreicher
Bauchdecken und starker Spannung der Muskulatur undurchführbar. Aeussere
Merkmale einer Schwangerschaft konnten nicht nachgewiesen werden. Die
untere Bauchgegend war sehr druckempfindlich. Die Beschaffenheit des Her¬
zens war eine schlechte, was Dr. G. auf starkes Zigarettenrauchen und Trin¬
ken bezog. Es wurde in die Scheide ein kleiner Tampon eingeführt, da die
Kranke aus den Genitalien blutete, ausserdem ein Klysma verordnet und bei
Fortsetzung der Blutungen ein operativer Eingriff in Aussicht gestellt.
Am folgenden Tage kam die D. wieder zu Dr. G. in die Sprechstunde.
Wegen weiterer Blutungen wurde abermals ein Tampon eingelegt. Bauch¬
schmerzen und Uebelkeit bestanden weiter.
Am 15. Juli fand abermals eine Untersuchung statt. Nach Einführung des
Mutterspiegels zur Feststellung des Sitzes der Blutungen fand Dr. G. den
äusseren Muttermund für ca. 1 Finger durchgängig. Wegen starker Schmerz¬
haftigkeit war eine weitere Untersuchung unmöglich. Es wurde ein Jodoform¬
gazetampon in die Scheide eingelegt und Bettruhe verordnet. Bei Fortbestand
der Blutungen wurde für den übernächsten Tag eine Narkose zu genauer Unter¬
suchung und ev. Operation (Kürettage) in Aussicht gestellt. Die Blutungen
verstärkten sich am folgenden Tage.
Am 18. Juli kam sie nachmittags, nachdem sie vorher grüne Kochäpfel
gegessen und Bier getrunken hatte, wieder in die Sprechstunde. Dort bekam
sie einen leichten Ohnmachtsanfall und klagte über heftige Schmerzen im Leib.
Nachdem sie sich etwas erholt hatte, wurde sie nun in dem Sprechzimmer des
Dr. G. auf den Operationstisch gelegt und mit Chloroform narkotisiert, wo¬
bei die Schwester des Dr. G. assistierte. Die Atmung sei schlecht gewesen,
was Dr. G. auf den chronischen Alkoholismus bezog. Beim Tuschieren spannte
die Kranke so stark, dass die manuelle Untersuchung nicht durchgeführt wer¬
den konnte. Dr. G. sondierte nun den Uterus, „gelangte jedoch statt in die
Uterushöhle sehr bald in unergründliche Tiefen“. Er ging nun, „um sich
von dem Charakter der Schleimhaut zu überzeugen“, mehrmals mit der
Kürette ein, „brachte aber nur uncharakteristische Gewebsfetzen zutage“.
Plötzlich wurde ein bläulicher Streifen im inneren Muttermund sichtbar, wor¬
auf die Narkose abgebrochen wurde, da Dr. G. den Darm vor sich zu haben
vermutete. „Ein fötider oder charakteristischer Darmgeruch, wie er sich
sonst bei Eröffnung der Bauchhöhle bemerkbar macht (?), war nicht zu be¬
obachten.“ Nach kurzer Spülung wurde ein Tampon eingeschoben und wegen
bedrohlicher Schocksymptome wurden Kamnferinjektionen gemacht. Als bald
darauf stärkerer Verfall eintrat, liess Dr. G. die Kranke durch die Sanitäts-
gescllschaft nach ihrer Wohnung überführen. Im Laufe des Abends entwickel¬
ten sich rasch die Erscheinungen einer Bauchfellentzündung mit bedrohlichen
Symptomen von Nachlassen der Herztätigkeit und am folgenden Tage mittags
12 Uhr starb die Kranke. Ob die D. schwanger war oder nicht, vermochte
Dr. G. nicht aufzuklären.
Am 21. Juli wurde von Landgerichtsarzt Dr. H. und Bezirksarzt Dr. B.
die gerichtliche Sektion ausgeführt.
Aus der Bauchhöhle entleerten sich nach ihrer Eröffnung ziemlich viel
Gase, die anfänglich einen charakteristischen Jodoformgeruch an sich trugen.
Die Darmschlingen waren aufgetrieben, mit schmierigen, rötlich verfärbten,
filzigen Auflagerungen und im oberen Dritteile mit einem stellenweise mit
Blutgerinnseln versehenen Netz überdeckt. Hinter dem Uterus fand sich klum¬
pig geronnenes, übelriechendes But in der Grösse einer Welschnuss. Im vor¬
deren Scheidengewölbe, unmittelbar an der Gebärmutterwand, war ein mehr
nach links verlaufender, scharfrandiger, 3 cm langer Schlitz, welcher sich
unter dem Bauchfellüberzug etwas in die Gebärmuttersubstanz hinein er¬
streikte. Durch dieses Loch waren zwei zusammengedrehte, dunkelbräunlich
verfärbte Dünndarmschlingen voreefallen, so dass sie aus dem Scheiden¬
eingang herausragten. 3 cm oberhalb des Muttermundes befand sich in der
vorderen Wand des Gebärmutterhalses, schräg nach aussen und oben ver¬
laufend. eine 4 cm breite, scharfrandige Oeffnung, die den Oebärmutterkanal
mit der vorderen Bauchhöhle verbunden hatte. In diesem Wundkanal lagen
teilweise eingeklemmt und bis in die Scheide vorfallend zwei Dünndarm¬
schlingen, welche dem untersten Teil des Dünndarms angehörten und zu¬
sammen eine Länge von 76 cm hatten. In der Scheide lag ein teilweise
durch die vorgefallenen Dünndarmschlingen durchgesteckter. 2 54 m langer, mit
übelriechender Füssio'keit getränkter Gazestreifen. In der Gebärmutterhöhle,
namentlich an der Rückwand und am Gebärmuttergrunde, hafteten teilweise
schwer ablösbare, schmierige Gewebsfetzen und hantige Reste, welche mit
klumpig geronnenem Blut durchsetzt waren und die Beschaffenheit von Nach¬
geburtsresten zeigten. Die Oebärmutterhnhle war mit stellenweise zottig ver¬
änderter, glatter, stark geröteter Schleimhaut bedeckt. Der BaurhielHiberzug
der Gebärmutter war schmierig, von rotgelblicher Färbung. Das Bauchfell
war überall mit jauchig-schmierigem Sekrete, teilweise mit flockig-gelblichen
und rötlichen Gerinnseln bedeckt, von rötlich-grauer Färbung und sehr
mattem Glanze.
Das vorläufige Gutachten der Gerichtsärzte geht dahin, dass der Tod in¬
folge von Bauchfellentzündung und daran sich anschliessender allgemeiner
Sepsis eingetreten ist. „Diese Bauchfellentzündung ist zurückzuführen auf eine
instrumentebe Verletzung der Gebärmutter der Verstorbenen, die sich dem
erhobenen Befunde nach in schwangerem Zustande befand.“
Die gerichtliche Untersuchung erstreckte sich nun auf das Vorleben der
Verstorbenen, wobei sich ergab, dass sie im allgemeinen einen einwandfreien
Lebenswandel führte und zuletzt ein Verhältnis hatte mit einem gewissen
K. Dieser gibt zu, 14 Tage vor dem Ableben der D. mit ihr geschlechtlichen
Verkehr gepflogen zu haben. Er erklärte es für ausgeschlossen, dass dabei
eine Verletzung vorgekommen sei. Vorher habe die D. mehrfach mit anderen
Männern verkehrt. Die Recherchen, ob irgendwelche Abtreibungsmanipu¬
lationen, etwa von Kurpfuschern, an der Verstorbenen vorgenommen worden
waren, haben keine positiven Anhaltspunkte dafür ergeben.
Aus der Krankengeschichte und dem Leichenbefunde geht wohl
mit Sicherheit hervor, dass bei der D. eine beginnende, etwa einige
Wochen alte Schwangerschaft bestanden hatte und eine unvollständige
Fehlgeburt erfolgt war, als deren Folge die heftigen Blutungen auf¬
traten, weshalb sie Dr. Q. aufsuchte. Die Todesursache ist Bauchfell¬
entzündung und davon ausgehend allgemeine Sepsis. Die Veranlassung
zu dieser Bauchfellentzündung gaben die Verletzungen der Scheide
und der Gebärmutter, die zu einer Eröffnung der Bauchhöhle geführt
hatten und durch die hindurch Darmschlingen vorgefallen waren.
Diese Verletzungen sind aller Wahrscheinlichkeit nach bei dem am
18. Juli in dem Sprechzimmer des Dr. G. von ihm vorgenommenen
operativen Eingriffe erfolgt. Dr. G. gibt zwar selbst an, dass der
Wundkanal mit Eröffnung der Bauchhöhle sicher schon vorher be¬
standen hatte. Es ist jedoch nicht aus den Akten ersichtlich, worauf
er diese Behauptung stützt, da in seinen Untersuchungsbefunden davon
niemals die Rede ist. Sowohl bei der Untersuchung mit dem Finger
als auch bei der Besichtigung der Scheide durch einen eingeführten
Spiegel hätte eine derartige Verletzung im vorderen Scheidengewölbe,
unterhalb des Muttermundes dem Untersucher wohl kaum entgehen
können. Sicherlich ist erst bei der Operation der Darmvorfall ein¬
getreten. welches Ereignis Dr. G. darauf zurückführt, dass er die schon
vorhandene Oeffnung bei der Einführung der Kürette so erweitert
habe, dass der Darmvorfall erst ermöglicht wurde.
Selbst wenn aber auch schon in der Scheide eine derartige Ver¬
letzung vorhanden gewesen wäre, so könnte sie für den üblen Aus¬
gang deshalb nicht verantwortlich gemacht werden, weil die D. ja
bis zum Augenblick der Operation nicht nur ausser Bett war, sondern
auch herumgehen konnte, was eine schwerere Erkrankung vollkom¬
men ausschliesst. Wenn diese Verletzung etwa durch eine von unbe¬
fugter Seite ausgeführte Abtreibung veranlasst worden wäre, wofür
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
876
übrigens kein Anhaltspunkt in den Akten gegeben ist, so war sie jeden¬
falls relativ ungefährlich. Ausserdem kommt aber in Betracht, dass
der Sektionsbefund eine zweite in der Gebärmutter selbst vorhandene
Oeffnung aufwies, durch die ebenfalls Darmschlingen vorgezogen
waren, ein Befund, der unmöglich vor der Operation schon bestanden
haben kann, da auch diese so schwere Erkrankungen der 1). nach
sich gezogen hätte, dass sie nicht imstande gewesen wäre, über die
Strasse zu gehen. Es darf also wohl als feststehend betrachtet
werden, dass diejenigen Verletzungen, die die schweren Folgen und
den Tod der D. nach sich gezogen haben, erst bei der Operation vor¬
gekommen sind. Jedenfalls könnte nicht gerechtfertigt werden, dass
Dr. G. unter den ungünstigen Verhältnissen des Privathauses in seiner
Sprechstunde ohne geeignete Assistenz einen derartigen Eingriff unter¬
nimmt, der um so mehr hätte unterbleiben müssen, wenn schon vorher
vorhandene Verletzungen in der Scheide die Gefahr des Eingriffes
dazu noch so wesentlich erhöhten.
Eine weitere Frage ist, ob dem Dr. G. aus der Unterlassung
weiterer operativer Eingriffe nach geschehener Verletzung der Bauch¬
höhle ein Vorwurf gemacht werden kann. Wenn nach derartigen
Vorkommnissen, wie Eröffnung der Bauchhöhle mit Vorfall von Darm¬
schlingen, sofort ein grosser chirurgischer Eingriff gemacht wird,
der in Leibschnitt besteht, in Reinigung der Bauchhöhle, Vernähen
des Loches, vielleicht auch gleichzeitiger Wegnahme der verletzten
Organe, so kann noch eine Heilung der Kranken erfolgen, sofern eben
nicht schon zwischen der Verletzung und dem operativen Eingriffe
sowiel Zeit verstrichen ist, dass inzwischen eine Entzündung des
soviel Zeit verstrichen ist. Dazu ist aber nötig, dass dieser opera¬
tive Eingriff möglichst sofort, jedenfalls aber in den nächsten Stunden
unternommen wird. Statt nach Hause hätte dann die Kranke sofort in
eine Klinik transportiert werden müssen, wo allein derartige Opera¬
tionen möglich sind.
Unser Gutachten geht somit dahin:
1. Dass die D. an den Folgen des von Dr. G. in seinem Sprech¬
zimmer vorgenommenen Eingriffes gestorben ist.
2. Ob die in der Scheide vorhandene Verletzung schon vor der
Operation bestanden hat oder nicht, muss offengelassen werden.
Jedenfalls aber war dies eine relativ ungefährliche Verletzung. Die
Komplikationen, Eröffnung der Bauchhöhle unter Vorfall des Darmes,
die den unglücklichen Ausgang veranlasst haben, sind bei der Opera¬
tion erfolgt.
3. Nach Auftreten dieses unglücklichen Ereignisses hätte die D.
sofort in eine Klinik transferiert werden müssen, um dort den Ver¬
such zu machen, das sonst verlorene Leben zu retten.
Aus der Klinik für Psychiatrie und Nervenheilkunde der k.
ung. Qr. Stefan Tisza Universität in Debreczin.
(Vorstand: o. ö. Prof. Dr. Ladislaus Benedek )
Ueber Anwendung einer neuen Methode zwecks Wirk¬
samergestaltung der Salvarsantherapie nervenluetischer
Erkrankungen.
Von Dr. Eugen v. Thurzö, Assistent.
Einige Autoren empfahlen zwecks Wirksamergestaltung der Sal¬
varsantherapie luetischer Erkrankungen des Zentralnervensystems
verschiedene Verfahren. Das bezweckte eigentlich die von Wech¬
selmann 1913 eingeführte Methode endolumbaler Salvarsanein-
spritzungen. Gennerich wendet jetzt eine neue endolumbale
Salvarsantherapie an (M.m.W. 1922, Nr. 42). Er stellt zwei Lumbal¬
punktionen an; in zwei voneinander möglichst fernliegenden Zwischen¬
wirbelspalten und mit zwei Büretten arbeitend, löst er das Salvarsan
in grösseren Mengen Liquors. Durch Salvarsanisieren grösserer Li¬
quormengen, zirka 30 — 70 ccm, und dessen Resorption trachtet er die
Behandlung wirksamer zu machen und gibt über günstige therapeu¬
tische Erfolge Mitteilung.
1921 empfahl Hoefer (Ber. kl in. W. Nr. 36) gleichzeitig oder
kurz nach intravenöser Salvarsaninjektion eine Lumbalpunktion. An
Stelle des abgenommenen Liquors bildet der Organismus rasch
frischen, so wäre das Salvarsanisieren des Liquors besser zu er¬
reichen. Auf dem Wege ücs salvarsanisierten Liquors sind einerseits
der Nervensubstanz leichter spirillozide Stoffe beizubringen, •ander¬
seits sind aber meningeale luetische Affektionen leichter zu beein¬
flussen.
Gennerich will in Verbindung mit dem Hoefer sehen Ver¬
fahren die ausgiebigere Liquorsezernierung mit intravenösen, physio¬
logischen Kochsalzinfusionen oder mit einer eventuellen Pilokarpin¬
dosierung unterstützen. Stern und G a u 1 1 i e r hatten unlängst auf
Grund ihrer Versuche die Hypothese aufgestellt, dass das Parenchym
des Zentralnervensystems gegen ihm durch den Blutstrom zuge¬
brachte Stoffe, Noxen sowohl als Arzneimittel, mit gewisser relativer
Schutzwirkung ausgestattet sei. Das benennen sie als hämatoenze-
phalische Schranke (Barriere haematoencephalique). Nach ihren und
anderer Autoren Versuchen scheint diese Theorie genügend begründet
zu sein.
Von diesen ausgehend, möchte ich in der Salvarsantherapie lueti¬
scher Erkrankungen des Zentralnervensystems, besonders metalueti¬
scher Affektionen, eine neue Methode empfehlen, die wir an der Klinik
für Psychiatrie und Nervenheilkunde in Debreczin in manchen Fällen
von Dementia paralytica progressiva und Tabes dorsalis auch ange¬
wendet hatten.
Wir machten bei den Kranken die Bin ge Ische endolumbale
Lufteinblasung, und gleichzeitig oder Tags darauf begannen wir die
antiluetische Kur (Einspritzungen von Neosalvarsan bzw. Neosilber-
salvarsan, besonders aber die L i n s e r sehe Mischspritze: Neosalvar¬
san + Novasurol oder Neosilbersalvarsan + Novasurol). Die In¬
jektionen wurden intravenös, in manchen Fällen, nach Knauer-
Endcrlen1), intrakarotisch gegeben. In diesem einleitenden Auf¬
sätze will ich bloss ganz kurz die Prinzipien dieses neuen Verfahrens
besprechen. Gegenwärtig wenden wir diese kombinierte Behandlung
an unserer Klinik in mehreren Fällen an.
Die endolumbale Lufteinblasung geschah mit dem in Nr. 1 der
M.m.W. 1923 bekanntgemachten Apparate. Es genügt bei diesem Ver¬
fahren das fraktionierte Ablassen von 30 — 40 ccm Liquors und Ein¬
blasen von solchen Luftmengen, dass bei der Kontrolle des Liquor¬
drucks grössere Schwankungen des Liquorspiegcls vermieden werden.
Die an unserer Klinik behandelten Fälle von „künstlicher Pneu-
menzephalie“, wenn sie mit Anwendung von Neosalvarsan oder L i n-
s e r scher Mischspritze (Sa + Hg) am folgenden läge kombiniert
waren, zeigten als Reaktionswirkung am nachfolgenden Tage bloss
Temperatursteigerungen bis 37,3 — 37,8°C. Diese Steigerung ist binnen
1 — 2 l agen ebenso verklungen, als wenn man nur endolumbale Luft¬
einblasung appliziert hätte. Die antiluetische Kur wurde bei den
Kranken von nun an auf die übliche Weise fortgesetzt oder am läge
vor jeder dritten Injektion eine neuerliche künstliche Pneumcnze-
phalie angestellt.
Das eben dargestellte kombinierte Behandlungsverfahren möchte
es bezwecken, dass durch die auf endolumbale Lufteinblasung erfol¬
gende leichte meningeale Irritation die hämatoenzephalischc Schranke
eliminiert werden könne und so die Resorption des in den Blutstrom
gelangenden. Neosalvarsans bzw. bei der L i n s c r sehen Mischspritze
des Salvarsans und Quecksilbers, das heisst das Salvarsanieren des
rasch sezernierten frischen Liquors, leichter erfolge, infolgedessen die
spirillozide Wirkung im Zentralnervensystem wirksamer zur Geltung
komme.
Es ist bekannt, dass bei luetischer Meningitis die negative WaR.
in hohem Grade positiv wird. Die Wassermannsubstanz wird von der
normalen Pia nicht durchgelassen. Bei Meningitis erleidet die Permea¬
bilität der Hirnhäute eine Aenderung, und der Liquor zeigt das Bild
grösster Läsion (hochgradige Pleolymphozytose, gesteigerter Globu¬
lin- und Albumingehalt).
Infolge der endolumbalcn Lufteinblasungen werden in gewissem
Grade die Meningen für hämatogene Elemente durchgängiger. So
konnte Camus bei seinen Versuchen mit Salvarsaninjektionen unter
vier Hunden bei einem Arsen im Liquor nachweisen, wenn vorher
Natr. nucleinicum oder Wollfettsäure cndolumbal gespritzt wurden
(Comptes rendus soc. biol. 1913).
Ich möchte meine Untersuchungen betreffend Wirkung der endo-
lumbalen Lufteinblasungen auf Liquor und Liquorläsion kurz er¬
wähnen. In zahlreichen Fällen (von Tabes dors., Dementia paralytica
progr., Taboparalyse* Epilepsie) habe ich die Reaktionsänderungen
des Liquors nach pncumenzephalischen Einblasungen serienweise
untersucht. Ueber die Ergebnisse mich nur ganz kurz fassend s),will
ich hervorheben, dass ausser den von Hermann beobachteten und
beschriebenen Aenderungen des Zellwertes (nach seinen Angaben
steigt der Zellwert nach Pneumenzephalie bis 3 — 4000, ja 11000
dann fällt er stufenweise, um in 14 Tagen nach der Einblasung den
normalen Wert zu erreichen) die nach der Einblasung in 6 Stunden
oder 1 — 2 Tagen genommenen Liquore, auf Goldsol oder Normal¬
mastix untersucht, serotypische Kurven, in vielen Fällen mehr oder
weniger ausgesprochene meningitische Kurven gaben. Der Zellwert
erreichte in unseren Fällen in 5—12 Tagen die Werte vor der Ein¬
blasung und sank in den meisten Fällen von Paralyse, Taboparalyse
und Tabes auf normale Werte: seit Monaten konnte ich den Schwund
der Pleozytose konstatieren. Mit Sinken der Pleozytose zeigten auch
die Globulinreaktionen Besserung; in manchen Fällen, wo die Serum-
WaR. negativ war, der Liquor aber von dem niedrigsten Titer an posi¬
tive Wa. gab, wurde sie in 10 — 12 Tagen nach der Einblasung auch im
Liquor negativ. Also konnte die Liquorläsion in vielen Fällen durch
endolumbale Lufteinblasungen günstig beeinflusst werden.
Auch Reiche3) und Herman n verweisen darauf, dass bei
Meningitis tbc. mit intralumbaler Luft- oder eventuell Sauerstoffein¬
blasung therapeutische Erfolge zu erzielen seien. S c h a r p ') refe¬
riert bei so behandelten Meningitis-tbc.-Fällen von günstigen Erfolgen.
Herman n warf die Frage auf, ob bei Pp. durch künstliche Pneuineu-
zcphalie nicht auch ein therapeutischer Erfolg zu erwarten wäre.
Bei Paralysis progressiva sind paraspezifische Verfahren im all¬
gemeinen sehr verbreitet, besonders in der klinischen Praxis. Auch
die endolumbalen Lufteinblasungen könnte man als paraspezifische,
lokale Reiztherapie auffassen. Ausserdem scheint es zweckmässig zu
*) Knauer hat 1919 zuerst in Fällen von Paralysis progressiva und
Lues cerebri die intrakarotische Einspritzung von Neosalvarsan und Silber-
salvarsan angewendet; in Liegestellung bei hängendem Kopfe spritzte er
direkt in die unter der Haut palpable Karotis ein. Ueber seine therapeutischen
Erfolge äussert er sich günstig.
’) Meine Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Detaillierte Mit¬
teilungen in Verbindung mit Fällen werden veröffentlicht. Referierte über
meine Untersuchungen kurz in der Satzung der Debrecziner Aerzteschaft im
November 1922. 3) Klin. Wschr. 1923. Nr. 8, S. 252.
*) Zbl. f. ges. Neurol. u. Psych. 1922. 28. H. 10. S. 529.
f». Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
877
sein, die künstliche Pneumenzephalie auf die von mir empfohlene Weise
zu kombinieren mit intravenösen oder intrakarotischen Neosalvarsan-
bzw. Linser sehen Neosal.- + Hg-Spritzkuren. Aus unseren wenigen
Fällen, wo wir bei Pp.- und Tabop. -Kranken ausser Besserung der
Liquorläsion grössere bis kleinere Erholung auch in körperlicher und
geistiger Hinsicht verzeichnen können, will icli keine Folgerungen ab-
lciten. In der Behandlung der Metalues, wo doch so viele Verfahren
geprüft werden, möchte ich auch diese Methode, schon wegen ihrer
Gefahrlosigkeit in der klinischen Praxis des Ausprobierens an einem
grossen Material, für wert halten, ob dadurch die übliche antiluetische
Behandlung (Salvarsan und Neosalvarsan + Hg) nicht doch wirk¬
samer gestaltet werden könnte.
Ueber die Wirkung des Neu-Cesols auf die Magensekretion.
Von Felix Böen heim.
Die Zahl der Mittel, welche eine bestellende Hypersekretion
hemmen, bzw. zu viel sezernierte Magensäure im Mageninnern neu¬
tralisieren, beträgt Legion. Im Gegensatz dazu kennen wir nur
wenige Mittel, die noch funktionsfähige, aber ungenügend arbeitende
Magendrüsen zu verstärkter Sekretion anregen. Neben den reflek¬
torisch wirkenden Stoffen, wie Wein, Tinctura Gentiana usw., neben
den in wenigen Fällen wirksamen Inkreten (besonders Thyreoidea)
sind wir in solchen Fällen in der Hauptsache gezwungen, grobe Sub¬
stitutionstherapie zu treiben, indem wir Salzsäure, ev. in Verbindung
mit Pepsin, dem Magen zuführen.
Von L ö w y und Wolffenstein wurde vor kurzem ein Prä¬
parat angegeben, das dem Arecolin ähnliche Wirkung habe, aber seine
unangenehmen Nebenerscheinungen vermissen lasse. Es wirkt auf
den Parasympathikus. Chemisch handelt es sich um Anlagerung
von N-Methylgruppen an den Nikotinsäurerest. Der so entstan¬
dene Körper erhielt den Namen Cesol. Durch Hydrierung hieraus
entsteht das „Neu-Ceso 1“. Das Neu-Cesol verursacht starken Spei¬
chelfluss und wurde daher von Umber zur Bekämpfung von lästi¬
gem Durstgefühl in die Therapie eingeführt, besonders nach Blutungen
aus dem Magen-Darmkanal infolge von Ulzera oder Karzinomen.
Gute Erfolge hierbei sah auch Horwitz an der B i e r sehen Klinik.
Kollert und Bauer geben als einzige an, dass nach dem Mit¬
tel Nausea, Erbrechen und Sodbrennen aufträte. Ihre Untersuchungen
über die Beeinflussung der Magensalzsäure ergaben, dass nach 20 Mi¬
nuten die Säurewerte herabgesetzt waren. H a r a m a k i fand an
Hunden mit P a w 1 o w schem Magenblindsack, dass das Neu-Cesol
„eine stark safttreibende Wirkung auf den Magen ausübt“.
Diese Angaben schienen es zu erlauben, das Mittel bei Magen¬
kranken auszuprobieren. Naturgemäss konnte von einer fest um-
rissenen Indikation zunächst nicht die Rede sein. Ich möchte ein
paar Fälle skizzieren und zeigen, aus welcher Ueberlegung heraus
im einzelnen das Mittel gegeben wurde und mit welchem Erfolg.
Fall 1. 24jährige Kranke. Klagen: Gefühl der Völle. Obstipation.
Zur Zeit der Menses Verschlimmerung der Beschwerden.
Druck in der Magengegend. Am 21. 3. PF.: 75 ccm von der Aeid. 15 : 25.
Wenig Schleim.
Diagnose: Subazide Gastritis.
Kranke bekam 3 mal täglich eine kleine Tablette Neu-Cesol ( - 0,025 g).
Nach 14 Tagen waren die Beschwerden gebessert. Nach einem PF. wurden
160 ccm ausgehebert mit der Azid. 9: 30. Wieder etwas Schleim.
Wir sehen also in einem Falle von leichter subazider Gastritis eine Besse¬
rung auftreten. Da die Menge bei der zweiten Exprimierung vergrössert war,
und da wir wissen, dass das Arecolin (und nach vorliegenden Untersuchungen
auch das Cesol) die Magenmotilität fördert, so müssen wir annehmen, dass
der Magen stärker sezerniert hatte als vorher, wobei dahingestellt bleiben
muss, ob nicht auch mehr Oesophagussekrct und Mundspeichel beigemengt
war als vorher. Dagegen spräche allerdings die leichte Erhöhung der Säure¬
werte. Da die subjektiven Beschwerden unter Neu-Cesol behoben waren
(eine weitere unterstützende Behandlung hatte nicht stattgefunden), so konn¬
ten wir in diesem Falle mit dem Erfolg zufrieden sein.
Ungünstiger lagen die Verhältnisse von vornherein in einem zweiten Falle
von sekundärer Achylia gastrica. Nach PF. wurden bei dem 33 jährigen
Kranken nur wenige Kubikzentimeter ausgehebert, die eine kaum merkliche
Reaktion mit Lackmuspapier zeigten. An dem objektiven Magenbefund änderte
sich durch Neu-Cesol nichts. Interessant war nun, dass der Kranke, der in
seinem Beruf viel sprechen muss (er ist Oberlehrer), klagte, dass er nach den
Tabletten (3mal täglich 2) mehr Durst habe und dass sein Mund schneller
austrockne. Diese paroxysmale Erscheinung ist übrigens auch von Oster-
I a n d . beobachtet worden. Er fand nämlich, dass nach dem Abklingen der
Wirkung „das Gefühl der Trockenheit im Munde entstand“, ebenso wie Durst.
Neben dieser merkwürdigen und interessanten Erscheinung, dass nach
Mehrleistung eine reaktive, über die Norm hinausgehende Ruhe eintritt, lehrt
diese Beobachtung, dass Drüsenzellen, die erloschen sind, durch Neu-Cesol
nicht wieder zur Arbeit angeregt werden. Ob ein anderes Mittel grösseren
Erfolg erzielt hätte, ist mehr als fraglich. Am ehesten wäre noch ein Versuch
mit Inkreten in Frage gekommen.
Ferner möchte ich einen Fall von Vertigo e stomacho laeso anführen.
Es handelt sich um einen 26 jährigen Mechaniker mit asystematischem Schwin¬
del, Schw.arzwerden vor den Augen, Brechreiz, Blähungen. Nach PF. wurden
40 ccm exprimiert von der Azidität 40: 60. Da die Möglichkeit besteht, dass
nach Neu-Cesol vermehrte Magensekretion mit einer relativen Verdünnung ein¬
hergeht. so wurde Neu-Cesol gegeben. Nach 14 Tagen waren die Beschwer¬
den schlimmer. Die Aziditätswerte nach PF. waren 50 : 60 bei einer Menge
von 25 ccm. Das Mittel hatte also versagt.
Schliesslich sei über eine 26 jährige Migränerin berichtet, die über Magen.
I< rümpfe klagte. Die Beschwerden werden etwa 8 Tage vor der Menstruation
so stark, dass die Kranke (eine Studentin) psychisch und physisch arbeits¬
unfähig war. Auf meinen Vorschlag war die Kranke bereit, für die nächsten
6 Wochen von jeder Medikation ausser Neu-Cesol und von jeder Diät ab¬
zusehen. Eine Magenuntersuchung bei Beginn der Kur ergab nach PF. 35 ccm
von der Azidität 55 : 95. Viel Schleim. Nach 6 Wochen wurden wieder
35 ccm exprimiert mit viel Schleim. Die Azidität war auf 40: 70 gesunken.
Diese Depression der Säurewerte liegt sicher ausserhalb der Fehlerquelle.
Wir müssen hier annehmen, dass eine verstärkte Sekretion stattgefunden
hatte. Da auch die Motilität durch Neu-Cesol verstärkt wird, so hatte die
ausgeheberte Menge nicht zugenommen. Die Kranke fühlte sich sehr wohl.
Ihre Kopfschmerzen waren verschwunden. Der Circulus vitiosus war unter¬
brochen und damit auch das imponierendste Symptom, das einer Behandlung
allein jahrelang getrotzt hatte, beseitigt. Natürlich wäre dasselbe erreicht
worden durch jedes andere Mittel, das die vermehrte Azidität des Magen¬
inhalts zur Norm heruntergedrückt hätte. Nur die Erkenntnis des Angriffs¬
punktes des Neu-Cesols kann die Frage entscheiden, ob es irgendwelche Vor¬
züge dabei hat. Es ist anzunehmen, dass die Werte herabgingen durch ver¬
mehrte Sekretion alkalischer Sekrete (Oesophagus und Speichel), die ver¬
schluckt wurden. Diese Kranke, die 7 Jahre lang in Badeorten und von vielen
Aerzten behandelt worden war, steht jetzt 34 Jahr lang in meiner Beobachtung.
Der Erfolg dauert an.
Wenn ich nun auf Grund der vier Beispiele, die je aus einer
Gruppe ähnlich gelagerter Fälle gegriffen wurden, das Resultat zu-
sammenfassen soll, so möchte ich es dahin fassen: 1. Drüsen, die
erloschen oder fast erloschen sind, werden durch Neu-Cesol nicht zu
neuer Tätigkeit angeregt.
2. In manchen Fällen von Superazidität gelingt es, eine Abstum¬
pfung des Mageninhaltes zu erzielen, wahrscheinlich in der Haupt¬
sache durch verschluckte Sekrete aus Speiseröhre und Speichel, so
dass die Wirkung als Analogon zu der der gallensauren Salze, die
bekanntlich einen Rückfluss aus dem Darm erzielen, angesehen wer¬
den kann. Vielleicht kommt daneben noch eine Wirkung auf den Ma¬
gen zustande, derart, dass eine grössere Flüssigkeitsmenge sezerniert
wird. Dafür sprechen die Versuche von Haramaki.
3. In Fällen mit Subazidität auf funktionell-entzündlicher Basis
gelingt es, eine vermehrte Tätigkeit der Magendrüsen hervorzurufen.
Ein gleichguter Erfolg dürfte auf einfachere Weise (keine Trink¬
kuren, keine Magenspülungen wegen Katarrhs) nicht erzielt werden
können, so dass hier das eigentliche Anwendungsgebiet des Neu-
Cesols liegt.
Nebenwirkungen habe ich niemals auftreten sehen. Wenn von
anderer Seite Nausea, Erbrechen usw. beobachtet wurde, so liegt
das vielleicht daran, dass das Mittel injiziert wurde, wofür ich niemals
eine Indikation bisher gefunden habe. Für jedes Mittel ist die An¬
wendung per os als die Therapie der Wahl anzusehen, wenn nicht
besondere Indikationen für eine Injektion vorliegen.
Literatur.
Umber: Ther. d. Gegenwart 1919. — Horwitz: Arch. f. klin. Chir.
Bd. 118. — Kollert und Bauer: Ther. d. Gegenwart 1921. — Hara¬
maki: Biochem. Zschr. Bd. 130. — Osterland: M.m.W. 1920.
Aus dem Patholog. Institut der Kgl. Ungarischen Elisabeth-
Universität, derzeit in Pest (Vorst.: Prof. Dr. B el a v. Entz).
Ueber das Aufkleben mikroskopischer Schnitte mittels
Wasserglas.
Von Dr. Franz Wind holz.
Die bisher bekannten Aufklebemethoden mikroskopischer Prä¬
parate weisen die mannigfachsten Nachteile auf. Gudern ätsch1)
erwähnt bereits, dass Präparate, die mit Eiweissglyzerin aufgeklebt
worden sind, während des mehrstündigen Aufenthalts im Thermo-
state oft schrumpfen. Es kommt auch oft vor, dass die Entfernung
des überflüssigen Klebemittels sogar im absoluten Alkohol nicht ge¬
lingt. Dann werden die zurückgebliebenen Eiweissschollen mit den
Präparaten mitgefärbt; jedermann weiss, wie störend dies wirkt.
Oft schwimmen auch unsere Präparate ab, wenn wir sie mit stark
quellenden Farbstoffen behandeln; es ist auch keine Seltenheit, dass
die bereits gefärbten Präparate durch die Mitfärbung der im Eiweiss-
glyzerin angesammelten Bakterien unbrauchbar werden. Ein wei¬
terer Nachteil dieser Aufklebemethode ist die Kostbarkeit des Ei¬
weissglyzerins, und auch dieser Umstand, dass nach der Original¬
vorschrift [P. Mayer 2)] mehr als vier Stunden nötig sind, um die
Präparate ordentlich zu trocknen.
Die Kapillarattraktionsmethodc hat dem Eiweissglyzerinver¬
fahren gegenüber auch verschiedene Nachteile. Wir können z. B.
mif dieser Methode ausschliesslich nur die glatt anliegenden Prä¬
parate „aufkleben“. Kommt nämlich zwischen den Objektträger und
das Präparat etwas Luft oder Wasser, dann können die Kapillar¬
attraktionskräfte nicht zur Geltung kommen und die Schnitte schwim¬
men glatt ab. Dies bezieht sich in erster Linie auf Präparate, die in
weichem Paraffin eingebettet wurden, weil der weiche Paraffinmantel
beim Schneiden sich mehr zusammenrollt wie die Präparate selbst.
Nach Ehrlich3) kleben auch die Knorpelschnitte, sowohl die
mit Chromsäure oder deren Verbindungen behandelten Präparate,
schlecht. Von all dem abgesehen, setzt diese Methode eine lang¬
wierige Vorbereitung der Objektträger voraus, und es dauert aucli
hier zu lange, bis die Präparate derart trocknen, dass wir sie färben
können.
*) Zur Technik der Wasseraufkleb.ung. Zschr. f. wiss. Mikrosk. 22.
2) Einfache Methode zum Aufkleben rnikr. Präparate. Mitteil. a. d. zoolog.
Station Neapel, Bd. 4.
3) Ehrlich: Enzyklopädie der mikroskopischen Technik.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
878
Die Präparate, die mit Zclloidin aufgeklebt wurden, werden oft
durch das Mitfärben der Zelloidinschicht unbrauchbar. Die Methoden,
die von Schällibaum4), Qiocomini, Obregia, Weigert
und von anderen angegeben worden sind, geben zwar gute Erfolge,
aber wegen ihrer schwierigen und langdauernden Durchführung haben
sie sich in der allgemeinen Laboratoriumspraxis nicht eingebürgert.
Beim Färben mit Lithiumkarmin eiweissgeklebter Präparate bemerkte
ich, dass 10—12 Prozent meiner Präparate abgeschwommen sind, und
dieser Umstand hatte mich darauf geführt, dass ich mit neuem Klebe¬
mittel Versuche anstelle. So kam ich zum Wasserglas, das als Klebe¬
mittel bereits ausserhalb des Laboratoriums seit langer Zeit be¬
kannt war.
Das Wasserglas (NasSiOs) ist eine alkalische Flüssigkeit, die sich
im Wasser in jeder Konzentration löst und wegen ihrer vielfachen
Benützung überall leicht erhältlich ist. In dünner Schicht trocknet
es in einigen Minuten, und dann wird sein Brechungsvermögen dem
des Glases ganz gleich. Es ist im trockenen Zustande weder im Was¬
ser, noch in Chloroform, Acther, Xylol, Alkohol, Säuren oder Laugen
löslich.
Ich habe meine Versuche mit dem im Handel käuflichen Wasser¬
glase begonnen, es hat sich aber sehr rasch gezeigt, dass eine Ver¬
dünnung aufs 2Va fache Volumen optimale Erfolge zeigt. Ich be¬
merke hier gleichzeitig, dass kleinere Differenzen in der Konzen¬
tration die Wirkung des Wasserglases nicht beeinträchtigen. Mit
dem verdünnten Wasserglase gestaltet sich nun die Aufklebemethode
folgendermassen:
1. Wir bringen mit einem Glasstäbchen oder mit der Kleinfingerspitze
ein Tröpfchen Wasserglas auf die Mitte des Obiektträgers, das wir
2. ebenfalls mit der Spitze des kleinen Fingers in möglichst dünner
Schichte auf der Oberfläche des Objektträgers ausbreiten. Wir müssen darauf
achten, dass das Verstreichen nicht länger oder kürzer dauern soll1, als wir
es mit unserem Finger fühlen, dass die Glattheit des Obiektträgers bereits
abnimmt. Das ist der richtige Augenblick, um den Objektträger unter den
Schnitt zu bringen und nach einer nicht mehr als 10 — 15 Sekunden dauernden
Orientierung holen wir den Objektträger mit dem Schnitte aus dem Wasser.
3. Wir löschen den Objektträger mit dem Schnitte gründlich ab. nach¬
dem wir die überflüssige Flüssigkeit mit einem feuchten Flanelltuche ab¬
gewischt haben. Nach 10 — 15 Minuten können wir die Färbung beginnen.
Ich stelle mir den Mechanismus der Aufklebung folgendermassen
vor: Das Wasserglas, welches auch in seinen dünnsten Konzentra¬
tionen alkalisch reagiert, quellt die Oberfläche des ihm anliegenden
Schnittes in ganz geringem Maasse auf, und durch den Kapillardruck
dringt es auch in den Schnitt hinein. Nachdem es getrocknet ist,
fixiert es den Schnitt an den Objektträger.
Durch diese Auffassung des Aufklebemechanismus werden uns
auch die Fehlerquellen vollkommen klar. Das Präparat kann ab¬
schwimmen, wenn zu wenig Wasserglasteilchen in der Aufklebung
tcilnehmcn. Das kommt in folgenden Fällen vor:
1. Wenn die Konzentration der Lösung zu gering ist.
2. Wenn wir den Objektträger früher unter den Schnitt gebracht haben,
als unsere Fingerspitze es gefühlt hat. dass die Oberfläche des Objektträgers
von seiner Glätte verliert. In diesem Falle sind nämlich die einzelnen Wasser¬
glasteilchen noch sehr entfernt voneinander; wenn dabei die Orientierung
mehr als 10 — 15 Sekunden gedauert hat, kann das Wasser noch soviel von
ihnen abspiilen und auflösen, dass in der Klebung wieder zu wenig Wasser-
glasteilchen in Betracht kommen.
3. Wenn wir den Objektträger zu spät ins Wasser gebracht haben,
dann ist ein Teil des Wasserglases bereits an der Oberfläche des Objektträgers
angetrocknet. Wie ich es bereits erwähnte, reagieren die trocknen Wasser¬
glasteilchen weder chemisch noch mechanisch weiter, und die Zahl der zurück¬
gebliebenen aktiven Wasserglasteilchen ist wieder zu wenig, um die Auf¬
klebung genau durchführen zu können.
Nach dem oben Gesagten wünscht diese Methode von der Handfertigkeit
gar nichts mehr, als dass wir den richtigen Augenblick treffen, um den
Objektträger unter den Schnitt zu bringen.
Ausser den Paraffinschnitten können wir nach dem oben ge¬
schilderten Vorgang auch Gefrierschnitte aufkleben. Die bereits vor
der Färbung aufgeklebten Schnitte können dann viel leichter weiter¬
behandelt werden, als wenn wir sie mit Glasnadeln oder Spateln
von Flüssigkeit zu Flüssigkeit befördern würden. Natürlicherweise
dürfen Gefrierschnitte nicht ganz getrocknet werden.
Meines Erachtens haben wir in dem in der Mikrotechnik bisher
nicht angewandten Wasserglase ein vorzügliches Klebemittel kennen
gelernt, welches unsere Präparate in 10 — 15 Minuten ohne jede
störende Nebenwirkung auf den Objektträger fixiert.
Die Methode ist nicht nur billiger und rascher, sondern auch viel
einfacher zu handhaben als die bisher bekannten.
Aus der Chirurg. Abt. des Stadt. Krankenhauses Augsburg.
(Leitender Arzt: Prof. Dr. P. Ha eck er.)
Ueber einen eigenartigen Fremdkörper im Rektum.
Von Sekundärarzt Dr. Kurt Wisotzki.
Im folgenden möchte ich kurz über einen Fall berichten der aus
mehrfachen Gründen erhöhtes Interesse beanspruchen dürfte.
Am 10. III. 23 wurde ein Mann au.f die Chirurg. Abteilung aufgenommen,
dessen Krankengeschichte kurz folgende ist;
L. H., 48 Jahre alt, angeblich ausser einem Lungenspitzenkatarrh nie
ernstlich krank gewesen. Am 8. 111. will er von starkem Durchfall geplagt
4) Ueber ein Verfahren, mikroskopische Schnitte auf dem Objektträger zu
fördern. Arch. f. mikrosk. Anatomie 4.
gewesen sein. Um diesen zu beseitigen, habe er sich, dem Rate eines guten
Freundes folgend, einen Stock, dessen vorderes Ende mit „Hundefett“ ein¬
geschmiert war, in den Mastdarm eingeführt. Dabei sei ihm der Stock ans der
Hand geglitten und es sei ihm nicht mehr möglich gewesen, denselben zu ent¬
fernen. Da am 9. III. Erbrechen und heftige Leibschmerzen auftraten, suchte
er am 10. III. einen Arzt auf, der ihn sofort ins Krankenhaus wies.
Kranker kommt zu Fuss ins Krankenhaus. Der Aufnahmebefund daselbst
war folgender: Kleiner, schwächlich gebauter Mann in leidlichem Allgcmein-
zustand. H. macht psychisch einen verschlossenen, ziemlich dementen Ein¬
druck.
Bei der nach der erhobenen Anamnese sofort erfolgten digitalen Rektum¬
untersuchung fühlt man gerade noch mit der Fingerspitze erreichbar einen
kreisrunden, glatten Fremdkörper. Der Leib ist iin ganzen mittelstark auf¬
getrieben, überall auf Druck schmerzhaft. Dicht unterhalb der Gallenblasen¬
gegend sieht man eine deutliche Vorwölbung, die besonders schmerzhaft ist.
Bei bimanueller Untersuchung von aussen und vom Rektum aus zeigt cs sich,
dass es wohl der Fremdkörper ist, den man leicht hin und her bewegen kann.
Lungen- und Herzuntersuchung ergibt keinerlei krankhaften Befund. Die
Temperatur beträgt 37.6, der Puls 80.
Als Nebenbefund finden sich Tätowierungen obszöner Art am ganzen
Körper.
Da am Vormittag noch Erbrechen aufgetreten war und Kranker noch über
Brechreiz klagte, so lag der Verdacht vor. dass der Fremdkörper den Darm
durchbohrt haben und in die freie Bauchhöhle durchgetreten sein könnte. Es
wurde deshalb sofort zur Laparotomie geschritten (Prof. Haecker). In
Aethernarkose Medianschnitt; nach Eröffnung der Bauchhöhle finden sich keine
Zeichen von Peritonitis. Das Sigmoid ist stark heraufgedrängt bis an die
Stelle, wo man die Vorwölbung unterhalb der Gallenblasengegend fühlte, ist
jedoch nicht perforiert und ausser einer Sugillation in der Wandung nicht
wesentlich geschädigt, ln ihm fühlt man das vordere Ende des Fremd¬
körpers, das halbkugelig abgerundet erscheint. Am Mesokolon finden sich
entsprechend den am stärksten durch den Stock gespannten Partien einige
kleine Hämatome. Ausserdem sieht man alte derbe strahliee Narben am
Sigmoid. Es gelingt nicht ohne Schwierigkeit, durch kombinierten Druck
von oben und Zug vom Rektum aus den Fremdkörper per vias naturales zu
entfernen. Er entpunnte sich als ein runder Stock mit vorn halbkugelig ge¬
formtem Ende, der die beachtenswerte Länge von 24 cm. sowie einen Durch¬
messer von 3% cm besass. Die Bauchwunde wurde völlig verschieden. In
den ersten Tagen bestand ziemlich starke Bronchitis und erhöhte Tempera¬
tur. Nach einigen Tagen trat völliges Wohlbefinden ein. so dass Kranker nach
reaktionslosem Heilverlauf am 17. Tage das Bett verlassen konnte. Durch¬
fälle sind während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes nicht beobachtet
worden.
Der Fall ist m. E. nach mehreren Richtungen hin interessant:
1. wegen der Grösse des Fremdkörpers, der ohne irgendeine
ernstere Verletzung zu setzen die Sigmoidschlinge bis fast zur Leber¬
gegend hinaufdrängte.
2. weil trotz der starken Spannung der Schlinge und des Druckes
durch den fast 3 Tage im Darm liegenden Holzstab keine Nekrose
bezw. Perforation erfolgt war.
3. wegen des eigenartigen Verhaltens des Kranken, der ohne
irgend etwas zu unternehmen noch seinem Dienst als Hausknecht den
nächsten Tag nachging und erst am übernächsten Tage auf Anraten
des Arztes, und zwar zu Fuss das Krankenhaus aufsuchte.
Stieldrehung eines Ovarialtumors beim Kinde.
Von Dr. J. P. zum Rusch, Chirurg in Kreuznach
(früher London).
Der von Mittelstaedt in Nr. 21 dieser Wochenschrift be¬
schriebene Fall von Stieldrehung eines Ovarialtumors brachte mir
2 Fälle in Erinnerung, die ich 1898 und 99 im Deutschen Hospital zu
London operiert habe.
,1m ersten Falle wurde ich eines Mittags vom Hausarzt zu einem 7 jährigen
Mädchen gerufen, das an Appendizitis leiden sollte. Das Kind war wenige Tage
vorher aus Südafrika gekommen und hatte während der Seereise 2 mal
einen Anfall gehabt, der vom Schiffsarzt als ungewöhnlich schwere Seekrank¬
heit betrachtet wurde. Beide Male soll der Leib unter heftigen Schmerzen
sich anfgetrieben haben, es sei kein Stuhl abgegangen und das Erbrechen sei
äusserst heftig und anhaltend gewesen. Dann seien wieder Tage gekommen,
wo sich das Kind ganz wohl gefühlt habe, seit der vor einigen Tagen er¬
folgten Landung sei das Kind munter gewesen und herumgelaufen. In der ver¬
gangenen Nacht seien plötzlich sehr heftige kolikartige Schmerzen aufgetreten,
der Bauch sei wieder gespannt. Stuhl und Winde seien nicht mehr ab¬
gegangen und alles Aufgenommene werde erbrochen. Ich fand ein sonst ge¬
sundes. gut genährtes Kind mit normaler Temperatur und mässig be¬
schleunigtem Puls, das über sehr heftige, anfallsweise auftretende Schmerzen
im ganzen Unterbauch klagt. Der Bauch ist stark gespannt, besonders rechts,
man fühlt deutlich einen grossen Tumor, der bis über den Nabel reicht und die
ganze rechte und einen Teil der linken Unterbauchvegend einnimmt. Der
Schall über der Geschwulst ist überall gedämpft, freie Flüssigkeit konnte nicht
nachgewiesen werden. Die ganze Entstehungsgeschichte und der Befund
wiesen so deutlich auf einen stielgedrehten Ovarialtumor hin, dass die Dia¬
gnose mit Sicherheit gestellt werden konnte. Die sofort vorgenommene Opera¬
tion ergab eine rechtsseitige glattwandige einkammerige Eierstockszvste mit
blutigem Inhalt, der Stiel war mehrfach gedreht. Im Becken geringe Exsudat¬
mengen. Es erfolgte glatte Heilung. Viele Jahre nachher sah ich die seither
verheiratete Frau wieder, sie hatte 2 Kinder geboren. Es ist nicht unmöglich,
dass die aussergewöhnlich stürmische Seereise mit dem vielen Erbrechen
und Würgen den Anlass zur Stieldrehung gegeben hat.
Im zweiten Falle handelte es sich um ein 10 Tage altes Mädchen, das
wegen eingeklemmter rechtsseitiger Leistenhernie zur Operation kam. H;er
fand sich als Bruchinhalt der stark vergrösserte und geschwollene rechte
Eierstock, dessen Tube eine mehrfache Drehung und beginnende Gangrän auf¬
wies. Nach Entfernung von Eierstock und Tube sowie Verschluss des Bruches
in üblicher Weise erfolgte glatte Heilung.
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
879
Max v. Gruber zum 70. Geburtstag.
(6. Juli 1923.)
Wer unseren Jubilar kennt, wer ihn kürzlich sprechen gehört hat,
wird es kaum glauben wollen, dass der Mann mit den frischen Earben,
den vollen Haaren und blitzenden Augen wirklich an der Schwelle
des achten Jahrzehnts angekommen ist. Sein freiwilliger Rücktritt in
ungeschwächter Kraft von seinem Lehramt in Bayern, wo gliicklicner-
weise keine pedantische Vorschrift den Abgang bedeutender Gelehrter
erzwingt, wird von all seinen zahlreichen Freunden, Schülern und
\ erehrern mit schmerzlicher Ueberraschung aufgenommen. Es liegt
nahe anzunehmen, dass der scheidende Gelehrte Zeit gewinnen will
für Arbeiten, die bisher unter dem Drucke der Tagesgeschäfte liegen
bleiben mussten.
Gruber ist am 6. Juli 1853 als der Sohn eines angesehenen
Ohrenarztes in Wien geboren. Er studierte Medizin in Wien, München
und Leipzig, wobei Chemie, Physiologie und Hygiene bevorzugt wur¬
den. Die Chemie bildet die feste Grundlage seines Wissens und
Könnens. Er war 5 Jahre lang Assistent am chemischen Universitäts¬
institut in Wien und hat mehrere rein- chemische Abhandlungen ver¬
öffentlicht, von denen die über die Einwirkung von Salpetrigsäure-
Anhydrid auf Protocatechusäure grosse Beachtung gefunden hat.
1882 habilitierte er sich in Wien,
1884 wurde er a.o. Professor und
1887 ord. Professor der Hygiene in
Graz, 1891 in Wien, 1902 in Mün¬
chen; er ist Mitglied der Akade¬
mien der Wissenschaften in Wien
und München.
Sein Lebensganz ist die grad¬
linig aufsteigende Laufbahn eines
erfolgreichen deutschen Gelehrten.
Früh wurde seine Begabung er¬
kannt und anerkannt, im besten
Alter erlangte er den Lehrstuhl
seines verehrten Lehrers Max
v. Pettenkofcr. Der unver¬
gessliche Hans Büchner, der
nach des Altmeisters Rücktritt von
1896 — 1902 die Münchener Stelle
innegehabt, sagte auf dem Sterbe¬
bette zu seinem erschütterten
Freunde Gruber: „Wenn ich Dir
nur meine Lebenslust vermachen
könnte!“ Nun, die Arbeitslust hat
er ihm jedenfalls hinterlassen.
Aus den engen Räumen des
Instituts in der Schwarzspanier¬
gasse in Wien übersiedelte Gru¬
ber auf der Höhe seiner Kraft und
Erfahrung in Pettenkofers
1879 begründetes und damals v'on
den Münchenern als „Hypothesen¬
palast“ angestauntes Institut —
280 000 M. hatte es damals ge¬
kostet! Aber 1902 war es schon
viel zu klein, und Anbauten konn¬
ten nichts wesentliches daran
bessern, der Bau eines grossartig
geplanten neuen Instituts wurde
erst mehrfach verschoben und
durch den Krieg und seine Nach¬
wirkungen bisher vereitelt, und
so hat Gruber auch in München
unter sehr bescheidenen äusseren
Bedingungen arbeiten müssen, aber
er hat sich dadurch nicht
lähmen lassen und die engen Räume waren stets" von eifrigen Schülern
gefüllt.
Eine früchteschwere Ernte auf den verschiedensten Gebieten hat
Gruber nicht im leichten Spiele, sondern in der vom Dichter ver¬
langten Vereinigung von Talent und glühendem Streben eingebracht;
es war mir ein Genuss, in den letzten Wochen die inhaltsreichen
Arbeiten wieder zu lesen.
Es würde hier zu weit führen, die schönen physiologischen
Jugendarbeiten aus den Laboratorien von Ludwig und Voit
(1881—1883) über seinen Respirationsapparat für isolierte Organe (mit
v. Frey), über den Stickstoffwechsel und den Einfluss von Borax
und Kochsalz auf den Stoffwechsel und die schneidige und überlegene
Abwehr der ungnädigen Kritik des berühmten Physiologen Ernst
Pflüger über die Methoden der Harnstofftitrierung eingehend zu
besprechen. Ex ungue leonem gilt schon für diese erste Polemik.
Unter diesen Stoffwechselarbeiten hat die grösste Anerkennung
gefunden seine Arbeit „Ueber die Ausscheidungswege des Stickstoffs“,
mit welcher er die Bildung von elementarem Stickstoff im Eiweiss¬
stoffwechsel endgültig widerlegte, eine Musterleistung exakter
Analyse (1882).
Aus jener Zeit stammt auch die erst 1901 veröffentlichte Abhand¬
lung „Einige Bemerkungen über den Eiweissstoffwechsel“, in welcher
Nr. 27.
Gruber u. a. klarlegte, dass die bis dahin ganz ialsch gedeuteten
Eigentümlichkeiten des zeitlichen Ganges der Stickstoffausscheidung
einfach auf der Superposition der über länger als einen lag sich hin¬
ziehenden Ausscheidungskurven beruhe („Zirkulierendes Eiweiss“).
Der Münchener Zeit (1883) entstammt eine treflliche Abhandlung über
die Giftigkeit des Kohlenoxyds, die er mit Hilfe des Pettcnkofer-
V o i t sehen Respirationsapparates bearbeitete und die den Nachweis
der Ungiftigkeit kleiner Dosen auch für viele Stunden erbrachte.
Erst von einem bestimmten Gehalt ab beginnt rasch ansteigend die
Giftwirkung. Die Arbeit ist das Vorbild vieler ähnlicher geworden
— indem sie Tiere in stets frisch zuströmenden, genau dosierten Gas¬
gemischen untersuchte.
In den späteren Arbeiten waren es namentlich zwei Pole, um die
Gr ubers Gedanken immer wieder kreisten: Bakteriologie und
Immunitätslehre einerseits, soziale Hygiene und zwar vor allem
Hygiene des Geschlechtslebens, des Ungeborenen und der Rasse
andererseits. Beschäftigte die Bakteriologie mehr seinen tief schür¬
fenden Verstand, so boten ihm die sozialhygienischen Probleme Ge¬
legenheit, auch seinem warmen Empfinden und strengen Verantwort¬
lichkeitsgefühl für sein Volk Worte leihen zu dürfen.
Die Bearbeitung bakteriologischer Probleme, die in den achtziger
Jahren seit den bahnbrechenden Arbeiten von Pasteur und Koch
die reizvollste Aufgabe für jeden
Hygieniker sein musste, wurde
schon in Graz aufgenommen. Die
wichtigsten Arbeiten (1885 in der
W.m.W. vorläufig mitgeteilt und
mit Fritsch |Arch. f. Hyg. 1888,
8] weitergeführt) über die Varia¬
bilität der Bakterien bedeuteten
schwere Einwände gegen die da¬
mals noch von Koch gelehrte
Unveränderlichkeit der Bakterien¬
kultur. Bei genauer Beobachtung
zeigte sich, dass insbesondere die
Verflüssigungskraft für Gelatine in
weiten Grenzen schwankt und
dass sich aus einer alternden
Stammkultur sehr versenieden
stark verflüssigende Rassen ge¬
winnen lassen. Diese Arbeiten
waren in einer Zeit, wo auf die
verschiedene Verflüssigung der
Gelatine die Choleravibrionen von
ihren Verwandten dogmatisch un¬
terschieden wurden, von grosser
Bedeutung, sie halfen im Verein
mit den Studien Pasteurs,
Büchners u. a. den wichtigen
Mittelweg der Auffassung zu fin¬
den zwischen der Billroth-
N a e g e 1 i sehen Irrlehre des
schrankenlosen Variierens und dem
Cohn-Koch sehen Dogma der
starren Unveränderlichkeit. — Den
Erregern der Buttersäuregärung
ging er mit neuen anaeroben Me¬
thoden nach (Zbl.f. Bakt. l.Jahrg.,
1887). Hof f mann von W ei¬
le n h o f arbeitete in seinem In¬
stitut über die Frage der Bezie¬
hungen der Diphtherie zu Pseudo¬
diphtherie; als Micromyces Hoff-
manni beschrieb Gruber einen
interessanten pathogenen Aktino-
myzeten, den sein früh verstorbe¬
ner Schüler entdeckte.
Die Choleraepidemie in Südösterreich 1885/86 veranlasste
Gruber, der Epidemiologie der Cholera und dem schwierigen
Problem der Choleradiagnose, Infektion und Immunität in einer
Reihe von Arbeiten näherzutreten. Er fand eine gewaltige Bak¬
terienvermehrung bei intraperitonealer Injektion und bestritt die
Pfeiffersche Ansicht, dass freiwerdende Proteine der Bakterien
die Krankheitsursache seien. Die Choleravibrionen bedürfen^ zeit¬
weise einer Kultur auf totem Nährboden bei reichem Sauer¬
stoffzutritt, um ihre Infektionstüchtigkeit zu erhalten. Das Cholera¬
gift, das Hueppe und Scholl durch Hühnereiinfektion gewonnen
hatten, lehrte Gruber von Alkohol und Schwefelwasserstoff befreit
anzuwenden. Diese beiden Körper besitzen bei der Versuchsanord¬
nung von Hueppe und Scholl eine so gewaltige Wirkung, dass
von ihnen die bescheidenere aber wichtige des eigentlichen Cholera¬
giftes übersehen werden konnte. Später gelang es übrigens Gruber
nicht mehr, das lösliche Choleragift so typisch wie früher zu er¬
halten, verschiedene Stämme verhalten sich biologisch und morpho¬
logisch verschieden. Ucbcrall betrachtet Gruber die Probleme
gleichzeitig vom Standpunkt des Bakteriologen und Hygienikers.
Unter den Arbeiten über Cholera verdient noch die Abhandlung „Die
Cholera in Oesterreich 1885/86“, Bericht des VI. internat. Kongresses
f Hygiene u. Demographie 1887 genannt zu werden, da sie mit neuen
4
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
oSO
.statistischen Mitteln die ausschlaggebende epidemiologische Bedeu¬
tung der „zeitlichen Disposition“ klarstellt, dagegen die ausschlag¬
gebende Bedeutung des Erdbodens für die „örtliche Disposition“
widerlegt und schlagend beweist, dass Qruber niemals ein ein¬
seitiger Bakteriologe gewesen ist. Sie zeigt die Bedeutung von Kultur,
Bildung, Einkommen, sozialer Lage für die Ausbreitung der Seuchen
und gehört zum Besten, was über Epidemiologie geschrieben wurde.
Eingehende Studien über physikalische (Thursfiel ds Desinfektor,
nach seinen Angaben gebaut) und über chemische Desinfektionsmittel
hat Grub er teils selbst ausgeführt (Arch. f. Hyg. 16), teils von
Beider (Arch. f. Hyg. 15, 340), Lode (Arch. f. Hyg. 24), P i c k u. a.
ausführen lassen und auch in München kehren verwandte Probleme
wieder. Einen Fortschritt in der Wasseruntersuchung bedeutete seine
Abhandlung „Grundlagen der hygienischen Beurtei¬
lung des Wasser s.“ D. Vrtljschr. f. öff. Ges.Pfl. 1893.
Einen gewaltigen Eindruck machten die zwei Vorträge, die
G r u b e r in seinem letzten Wiener Jahre zur Kritik der Ehrlich-
schen Seitenkettentheorie veröffentlichte. Während 90 Proz. der
deutschen Bakteriologen begeistert über die reiche Ernte, die Ehr-
1 i c h s fruchtbarer Gedanke von den Seitenketten geliefert,
Arbeit auf Arbeit auf den Ausbau der Lehren des bewunderten Mei¬
sters verwendeten und Hilfshypothesen häuften, um Unstimmigkeiten
zu erklären, brachte G r u b e r eine Fülle der schwersten Bedenken
gegen die Ehrlich sehe Grundanschauung vor. Bedenken, an die
zum Teil noch niemand gedacht zu haben schien, andere, die viele sich
zu denken stille verboten, sprach er unverhohlen aus. Die unbequeme
Kritik wurde teils mit scharfen Gegenangriffen beantwortet, teils (in
den Lehrbüchern) ziemlich totgeschwiegen. G r u b e r blieb aber
keine Erwiderung schuldig, auch Witz und Ironie boten ihm scharfe
Waffen, und er hielt in vollem Umfange seine Einwände aufrecht. Man
muss anerkennen, dass die Wirkung insoferne die gewünschte war,
als von dieser Zeit ab das ganze Gebiet kritischer und undogmatischer
auch von Ehrlich und seinen Schülern bearbeitet wurde und dass
die Seitcnkettenlehre seitdem mehr und mehr als heuristische Hypo¬
these statt als bewiesene Theorie behandelt wurde.
Gr ubers volkstümlichste Entdeckung, die seinen Namen welt¬
berühmt machte, ist das Auffinden der spezifischen Agglutination. Mit
Dur ha m zusammen entdeckte er die spezifische Verklumpung der
Bakterien, speziell von Typhus- und Cholerabakterien, durch das ver¬
dünnte Serum von Tieren, die man mit den Bakterien vorbehandelt,
immunisiert hatte.
Mit dem Scharfblick des genialen Mannes erkannte Gruber
sofort das Wesentliche: Die Bakterien werden nicht getötet, sondern
nur verklebt, aber zur Tötung durch die Alexine vorbereitet. Im
Reagenzglas erholen sich die verklebten Organismen nach einiger Zeit
von der Schädigung, es schwärmen neue bewegliche Individuen von
dem verklebten Paket aus.
Die Bedeutung der Entdeckung für die Prüfung eines Bakteriums
auf Echtheit durch das Serum immunisierter Tiere haben Gruber
und D u r h a m ganz klar erkannt. Die Entdeckung war eine Be¬
reicherung der bakteriologischen Diagnostik von erstem Rang, die
Aehnlichkeit der Agglutinine verwandter Arten — die „Gruppen¬
agglutination“ — versprach auch für die Systematik der Bakterien
erfolgreich zu sein.
Auch die umgekehrte Verwendung der Methode: Echte Bakterien
mit dem Serum zweifelhafter Kranker zu behandeln, um über das Be¬
stehen von Typhus- oder Cholerainfektionen ins klare zu kommen,
hat (i ruber sofort angegeben, aber mit Grünbaum aus Mangel
an Menschenmaterial nur so spärlich und langsam studieren können,
dass ihm W i d a 1 mit der Publikation beweisenden Materials zuvor¬
kam — auch diese Anwendung ist von grösster Bedeutung für die
Klinik geworden. Es wird heute kein Typhusbakterium und kein
Typhuskranker, ferner keine Cholera- oder Ruhrdiagnose anerkannt,
die nicht durch Agglutination gestützt ist.
ln München hat Gruber an den Büchner sehen Arbeiten
weiterbauend sich mit einer Reihe von Schülern, namentlich
Schneider und F u t a k i, jahrelang mit dem verwickelten Problem
der Abwehrkräfte und Abwehrstoffe des unvorbereiteten und des
immunisierten Organismus einerseits und der Parasiten andererseits
beschäftigt. Es gelang, erhebliche Tatsachen über die Bedeutung der
Körpersäfte und der Leukozyten für die Abtötung der Bakterien zu
finden (Entdeckung der Leukine und Plakine). Keine exklusive Lehre
erwies sich als allgemein richtig, bei jedem Zusammenkommen eines
Makroorganismus und eines Mikroben liegen die Verhältnisse anders,
so dass das Problem in zahllose Einzelfragen zerfällt. Die bisher nur
summarisch veröffentlichten Untersuchungen über das Zustande¬
kommen der Infektion bei Milzbrand (mit F u t a k i) haben die For¬
schung ganz ungemein vertieft. Es gibt keine Krankheit, bei welche1'
die Bedingungen des Kampfes ums Dasein zwischen Wirt und Parasit
klarer erkannt sind. — Zu seinen wichtigsten bakteriologischen Mit¬
teilungen gehört die Arbeit über „Die Opsonine“. Zbl. f.
Bakt. 1909.
So hoch Gruber als Bakteriologe und Epidemieforscher steht
— seine Leistungen gehören zum Besten, was das letzte Menschen¬
alter hervorbrachte — , für unser Volk und für die Hygiene als Wissen¬
schaft hat er meines Erachtens als Sozialhygieniker fast noch eine
höhere Bedeutung gewonnen. Es ist nach dem Jahre 1918 vielfach
der Versuch gemacht worden, die Sache so darzustellen, als ob in
Deutschland die soziale Hygiene bisher vernachlässigt, ja eben erst
entdeckt worden sei, und als ob ihre Probleme bisher von der offi¬
ziellen deutschen Hochschulhygiene gar nicht oder hochmütig und
stiefmütterlich behandelt worden wären. Wie falsch das ist, beweist
ja schon, dass schon Altmeister Pettenkofer die Hygiene als
„Gesundheitswirtschaftslehre“ behandelt hat und dass er selbst sehr
viele Arbeiten geschrieben hat, wo soziale Fragen das Thema be¬
stimmt hatten oder doch durch die Arbeit direkt gefördert worden
waren. Nicht nur seine Schüler, sondern alle deutschen Hygienelehrer
haben sich bei jeder Gelegenheit bemüht, aus den theoretischen Er¬
gebnissen ihrer Arbeiten sozialhygienische Massnahmen abzuleitcu;
ja die meisten haben von selbst rein sozialhygienischc Themata be¬
handelt. Es kann doch überhaupt nur jemand Hygieniker werden, dem
es Selbstverständlich ist, in diesem Sinne zu denken und zu handeln.
Gruber trat schon in Graz als bewusster Sozialhygieniker und
Sozialreformer im nationalen Sinne Adolf Wagners auf; in Wien
war er mit Prof. v. Philippovich, dem jetzigen österreichischen
Bundespräsidenten H a i n i s c h u. a. Führer der sog. „Fabier“, welche
den zerfallenden Staat durch Sozialreform neu zu beleben versuchten.
Einen grossen Teil seiner besten Zeit und Kraft widmete er in Wien
und München der Wolm- und Siedlungsrcform. Er war 20 lahre l.Vor-
sitzender des Vereins zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in
München, Mitgründer des Bayer. Landesvereins für Wohnungswesen;
man verdankt ihm viele wertvolle Abhandlungen über diese Fragen.
Auch das begeisterte und planmässige Eintreten von Gruber
für Erhaltung und Vermehrung der Tüchtigkeit der Rasse beginnt
schon ganz im Anfang seiner Laufbahn.
Die festen Fundamente für eine streng wissenschaftliche
Behandlung der sozialhygienischen Probleme liefert nur eine
gründliche naturwissenschaftlich-medizinische Bildung, eine logische
Fragestellung und eine gründliche Vertrautheit mit den Regeln der
Statistik, deren Aufzeichnungen strengstens nach allen Richtungen zu
prüfen sind; endlich ist zur Kritik der statistischen Ergebnisse eine
Kenntnis des praktischen Lebens auf Schritt und Tritt nötig.
Wer die Schärfe des Kritikers Gruber an einem Beispiel
kennen lernen will, der studiere z. B. seine Einwändc gegen K ö r ö s i s
Lehre von der relativen Intensität der Todesursachen. Der aner¬
kannte Pester Statistiker hatte das tolle Resultat errechnet, dass
Armut die Sterblichkeit an wichtigen Infektionskrankheiten licrab-
setzt. Gruber wies haarscharf nach, dass zwar die Berechnungen
von K ö r ö s i richtig sind, seine Fragestellung aber falsch ist. Die
Hygiene interessiert bloss das Verhältnis der Todesfälle an Infektions¬
krankheiten zu den Lebenden und nicht zu allen Todesfällen. Es ist
die Vermehrung der Todesfälle an Infektionskrankheiten auf 100 Arm¬
lebende immer erheblich grösser als bei 100 Wohlhabenden, darüber
darf uns nicht trösten, dass die Gesamtzahl der Todesfälle bei den
Armen noch in grösserem Prozentsatz vermehrt ist, so dass die
„relative Intensität“ sinkt. Die relative Intensität ist also ein absolut
irreführender Begriff und die Schlüsse daraus ohne jeden praktischen
Wert.
Grossen Eindruck machte die Ausstellung und der dazugehörige
buchartige reichillustrierte Katalog über Fortpflanzung, Vererbung und
Rassenhygiene auf der Dresdener Hygieneausstellung 1911. Eine
grosse Menge von Erfahrungswissen aus dem Gebiet der Botanik
und Zoologie war hier in Verbindung mit R ti d i n zum ersten Male
übersichtlich zusammengestellt als Basis für ähnliche Studien am Men¬
schen, als erwünschte Materialsammlung für Vorträge und Vor¬
lesungen.
Erst in den letzten Monaten ist der von Gruber mit K a u p
bearbeitete Band des grossen von Gruber-Rubner-Fickcr
herausgegebenen sechsbändigen Handbuchs der Hygiene erschienen,
in dem er selbst in einer sehr lesenswerten, streng wissenschaftlichen
Darstellung mit allen Hilfsmitteln der Mathematik die theoretischen
Grundlagen der Statistik als Rüstzeug des gewissenhaften Hygienikers
entwickelt hat. Es sind nur 50 Seiten, aber klar und bestimmt tretem
Aufgabe, Leistungsfähigkeit und Leistungsgrenzen der Statistik hervor.
Die Statistik taugt vorzüglich zur Dienerin, aber gar nicht zur Herrin!
Nie kann sie das Experiment ersetzen, aber sie lehrt das Experiment
deuten.
Wichtige Entdeckungen der letzten Jahre über das Verhältnis
zwischen den Körpermaassen und dem „Grundumsatz“ an Energie sind
bisher von ihm erst in kurzer vorläufiger Mitteilung publiziert, wir
dürften jetzt wohl bald auch darüber näheres erfahren.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen G r u b e r s zahlreiche histo¬
risch-biographische Arbeiten, unter denen „Pasteurs
Lebenswerk“ (1896) und Max v. Pettenkofer s Biographie
(1904) in den Berichten der Deutschen chemischen Gesellschaft her¬
vorzuheben sind, da sie auf sorgfältigem Literaturstudium beruhen,
sich grösster Objektivität befleissigen und daher dauernden
Wert für die Geschichte der Mikrobiologie und Hygiene haben.
Mächtig gewirkt hat Gruber durch seine volkstümlichen Vor¬
trage auf dem Gebiete der Rassen- und Sozialhygiene. Da er eigene
Wege einschlug, die Wege bis ans Ziel verfolgte und den Mut hatte
auszusprechen, was er am Ziel gefunden, so fehlte es nie an lebhaftem
Beifall und scharfem Widerspruch. Der Alkohol hat in ihm einen
seiner schärfsten und bewusstesten Gegner gefunden. Mit Kraepelin
hat er Wandtafeln über die Wirkung des Alkohols auf den Menschen
herausgegeben, um das Tatsachenmaterial zur Unterstützung von Vor¬
trägen zur Hand zu haben. Doch verschmähte Gruber Ueber-
treibungen; er war niemals geschworener Abstinent und ist niemals
für Prohibition eingetreten.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1 iefdurchdacht war sein Münchener Vortrag 1913 über Mädchen¬
erziehung, worin er sich gegen das allgemeine Streben der Mädchen
nach Berufstätigkeit aus sozialhygienischen Grundsätzen aussprach,
wobei er aber für besondere Fälle jegliche geistige Betätigung auch
den Frauen zubilligte. Mann und Frau sind aber verschieden und
man soll die Gegensätze nicht ohne Not verwischen. Man ver¬
kümmere nicht die subjektive, naive, gebende Seite des Weibes.
Im Mutterberuf liegt vor allem die Aufgabe des Weibes. —
Der schwere Ernst der Zeit hat seitdem an die Tätigkeit der Frau
weit höhere Ansprüche gestellt wie früher — aber trotz allem schein¬
baren Zwang zur Berufstätigkeit verdienen Gr ubers ernste Worte
mit dem wundervollen Einschlag tiefen Gcmiitslebens von allen
Männern und Frauen gelesen und gewissenhaft bedacht zu werden.
Grossen Eindruck machte Grubers machtvolles Eintreten für
die Pflicht, dem Vaterlande tüchtige Kinder aufzuziehen und die zum
I eil einschneidenden gesetzlichen Vorschläge, wie dies zu ermöglichen
sei, auf der Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche
Gesundheitspflege in Aachen 1913: Ursachen und Bekämpfung des
Geburtenrückganges im Deutschen Reiche. Weite Verbreitung hat
Grubers kleines Buch über die Hygiene des Geschlechtslebens
gefunden, ln herrlichen Worten wird hier das Ideal der Einehe
körperlich und geistig harmonierender Gatten geschildert und die
gesundheitlichen, moralischen und völkischen Gefahren des ausser-
ehelichen Geschlechtsverkehrs in jeder Form, auch in der Form der
freien Liebe, kritisch dargestellt. G r u b e r hat nach dem frühen
lode der ersten geliebten Gattin eine zweite glückliche Ehe, beide
mit mehreren Kindern gesegnet, erlebt — überall spricht er aus der
reiten Erfahrung des Mannes und Vaters zu seinen Lesern. Auch die
sexuellen Gefahren aller Art erfahren warmherzige Schilderung.
Im Weltkrieg wurde der Hygieniker Gr über, der niemals
.Parteimann gewesen ist, zum Politiker. In Zeitschriften und Zei-
tungen, vor allern aber auch brieflich und mündlich in Vorstellungen
und Reden hat Grube r vom Kriegsbeginn an auf die furchtbare
Grösse der Gefahr, auf den Vernichtungswillen der Feinde aufmerk¬
sam gemacht und an den Opferwillen, die Einigkeit und Vaterlands¬
liebe seiner \ olksgenossen ohne Unterschied der Partei sich gewendet
Seine gewichtige Stimme hat viele zur Erkenntnis gebracht, sein
mannhaftes Beispiel viele angefeuert. Für seine Gegner hatte er auch
harte Worte und nichts konnte ihn abhalten, die Wahrheit, die er er¬
kannt, auch zu sagen. Am Königsthron und in der Volksversammlung,
in Fachausschüssen und Parteibesprechungen suchte er zu raten, zu
helfen, zu retten. Seine Voraussagen waren auf streng begründete
Gedankenreihen, auf gründliches Wissen aufgebaut und haben sich
nur allzusehr als richtig bewährt.
Den Zusammenbruch Deutschlands hat er aufs schwerste emp¬
funden, hat aber aufrecht in „Deutschlands Erneuerung“, in den „Süd¬
deutschen Monatsheften“ und im „Archiv für Rassen- und Gesell¬
schaftsbiologie“ weiter an der Willensstärkung und der idealen WeU-
auftassung seiner Volksgenossen gearbeitet.
Schon früh wurde Gruber von der österreichischen Regierung
zur Mitarbeit an der Sanitätsgesetzgebung herangezogen. Auch für
Bayern München, das Reich und gelegentlich auch für Private hat er
wertvolle praktische Beratung auf den verschiedensten Gebieten der
Gesundheitspflege geleistet. Von diesen vielen Arbeiten können nur
einzelne erwähnt werden, so Studien über die soziale Verwaltung
Oesterreichs am Ende des 19. Jahrhunderts, über die Wasserver-
sorgung und Reinigung der Wässer und die Verunreinigung der öster¬
reichischen Gewässer, Gutachten über die Verwendung des Formalins
als Desinfektionsmittel, den Mutterkorngehalt des Brotes, über Ar¬
beiten in komprimierter Luft, Gasbeleuchtung und Ventilation, über
Konservierung und mancherlei anderes. So oft Gruber sich
ausserte, hatte er gründliche Studien gemacht und unbestechlich ver¬
trat er seine Ueberzeugung, wenn sie auch von der landläufigen nicht
selten erheblich abwich. Ueberall suchte er aber auch den BediirL
mssen des praktischen Lebens Rechnung zu tragen. Seine hervor¬
ragendste Leistung auf dem Gebiete der 'Sanitätsverwaltung ist das
österreichische Lebensmittelgesetz und die Organisation der Lebens¬
mittelkontrolle in Oesterreich, die von ihm und dem späteren Statt-
nalter r reih, y . Handel geschaffen wurden. Jahrelang war er selbst
Direktor des Wiener Untersuchungsamtes und hat treffliche Nahrungs-
rmttclchemiker heranbilden geholfen; einer der ausgezeichnetsten war
rührt2 ^c‘iara’nger’ von ^em die bekannte Milchreaktion her-
Neben den eigenen Arbeiten hat Gruber stets viele Schüler zu
Arbeiten angeregt; sie alle sprechen von ihrem Lehrer in Worten
höchster Verehrung. Lehrstühle bekleiden u. a. Schattenfroh
und Grassberger in Wien, Lode in Innsbruck, K a u p, Lenz
und S u P fl e in München, Land steiner, jetzt New York, Bail
m I rag, C h i c k in London, B e 1 1 e i in Bologna, F u t a k i in Tokio-
von jüngeren seien Schneider, Ilzhöfer, Schumacher-
Berlin und Cv. Anger er genannt. Die G r u b e r sehe Schule
e .g,rIosstenteils die Hauptgebiete ihres Lehrers, Bakteriologie und
Sozialhygiene, bearbeitet, weit über den Kreis der Schule hinaus
sind alle deutschen Hygieniker von G r u b e r nach diesen Richtungen
angeregt und beeinflusst.
A|s Hochschullehrer geniesst er höchstes Ansehen, sein Vortrag
vereinigt klare schlichte Sachlichkeit mit Herzenswärme. Die
Schriftleitung des Archivs für Hygiene hat nach Rubners Rück-
Kchr zur Physiologie im wesentlichen Gruber geführt — streng
gegen sich und andere. Viele Arbeiten hat er mit kritischen Bemer¬
kungen zurückgesandt und um Verbesserung gebeten zum Nutzen des
Archivs, das trotz mancher Schwierigkeiten noch immer den Ruf einer
führenden hygienischen Zeitschrift bewahrt hat.
Namentlich der Rassenhygieniker Gruber dürfte seinem Volke
in den nächsten Jahren als getreuer Eckart noch vieles zu sagen
haben — er wird ehrerbietige Aufmerksamkeit finden. Möchte ps
unserem Jubilar vergönnt sein,* noch lange- Jahre in alter Frische die
Wirkung seiner Lehren und seines steten Vorbildes beobachten zu
können und den Aufstieg des deutschen Volkes aus tiefster Schmach
durch Selbstzucht und opferfreudige Einigkeit zu erleben.
K. B. Lehmann- Würzburg.
Für die Praxis.
Neuritis und Polyneuritis.
Von Prof. Hans C ursch mann.
Sowohl Mononeuritis, als besonders Polyneuritis sind für den
Praktiker in therapeutischer, noch mehr in differentialdiagnostischer
und prognostischer Beziehung sehr kennenswert. Bei den Mononeuri¬
tiden stehen an Häufigkeit die mit dem vorwiegenden Schmerzsym¬
ptom, also die Neuralgien, wohl voran; sie sind bereits bei Bespre¬
chung der Ischias, der Meralgie, der Quintus- und Okzipitalneuralgie
usw. behandelt worden. Jede Neuralgie eines rein sensiblen oder ge¬
mischten Nerven kann auch durch eine Neuritis bedingt sein (wobei
den sehr fraglichen Charakter der echten Entzündung und seine kli¬
nische Feststellbarkeit hier zu diskutieren, zu weit führen würde).
Nicht jede Neuritis eines gemischten Nerven aber führt zum
Schmerz, zur Neuralgie. Es ist sogar auffallend, eine wie geringe
Rolle Schmerzen und andere sensible Störungen bei vielen Neuritiden
spielen können.
Der Häufigkeit nach steht unter den Mononeuritiden die periphere
Fazialislähmung an erster Stelle. Allermeist ist sie „rheumatischer“,
d. i. unbekannter Genese, seltener durch eitrige, oder kariöse Prozesse
im Felsenbein, Affektionen der Gehirn- oder Schädelbasis, Lues oder
Trauma bedingt. Zumeist tritt sie einseitig auf. Plötzlich „über
Nacht" ist sie da; Kopf-, Ohren- oder Gesißhtsschmerzen können sie
begleiten, oft auch fehlen. Im Gegensatz zur zerebralen (supranukle¬
aren) Lähmung sind alle Aeste des Nerven, d. i. auch die der Stirn
und des Augenschliessmuskels, befallen. Alle Muskeln sind anfangs
meist total gelähmt; besonders auffallend wird die Störung beim
Lachen, beim Versuch des Augenschlusses, des Pfeifens usw. Bis¬
weilen (je nach Lokalisierung im Nerven, die aber für die Praxis
nicht von Belang ist) sind Tränen- und Speichelsekretion, Geschmack
und Gefühl der Zunge und Gehörfunktion (Hyperakusis) mitbeteiligt.
Die Prognose richtet sich bis zu einem gewissen Grade nach dem
Ausfall der elektrischen Prüfung: komplette Entartungsreaktion (ER.)
mahnt zur Skepsis, leichte Grade der partiellen ER. erlauben einen
(vorsichtigen) Optimismus. Der Praktiker kann die Reaktion im Not¬
fall mittels faradischer Prüfung allein vornehmen: sind Muskeln und
Nerven faradisch völlig unerregbar, besteht sicher ER., d. i. schlechte
oder unsichere Prognose.
In günstigen Fällen heilt die Fazialislähmung in 5 — 6 Wochen, in
schwereren braucht sie Monate, in vielen Fällen bleiben Reste (selten
komplette Lähmung) dauernd, zumeist durch Kontraktur der betref-
[enden Muskeln etwas korrigiert werdend. Dazu gesellen sich Mit¬
bewegungen oft unschöner Art.
Die Behandlung ist (m Anfang antirheumatisch (Salizylate,
Schwitzen, Warmhaltung der Seite). Später galvanisiere man mit der
Kathode stabil (3 — 4 MA.) und labil (5 — 6 MA.). Hier ist m. E. die
herrschende elektrotherapeutische Skepsis nicht am Platze. Ausser¬
dem schütze man das ungenügend geschlossene Auge. In allen Fällen
mache man die Wassermannreaktion. Luetische Fälle sind häufiger
als man glaubt, sowohl spontane, wie (seltener) als Neurorezidiv auf¬
tretende. Differentialdiagnostisch kommt nur die Kernlähmung des
Fazialis in Betracht, die zumeist den Abduzens, oft an dem Kerne, und
auch die kortikospinale Bahn mit beteiligt. Die zerebrale Fazialis¬
lähmung verschont Stirn- und Augenschliessmuskeln (nach Auf¬
hören des ersten Schocks) meist völlig.
Als Mononeuritis kann auch die Bleilähmung auftreten: in Ge-
stalt der oft ausschliesslichen Radialislähmung, bei der das
häufige Verschontbleiben der M. supinator longus und triceps und der
diesen Nerven entsprechenden Gefühlsfunktion auffällt. Oft ist die
Lähmung doppelseitig, selten befällt sie auch andere Muskelgruppen,
z. B. des N. ulnaris, medianus, axillaris, so dass eine Polyneuritis
saturnina resultiert. Schlaffe Lähmung, Muskelatrophie, elektr. ER.,
fibrilläre Zuckungen sind konstant. Nicht selten sind inkomplette
Lähmungen oder nur leichte Parasen, z. B. nur einzelner Finger¬
strecker; ausgedehnte neue Untersuchungen unter Bleiarbeitern
zeigen die grosse prozentuale Häufigkeit der letzteren.
Meist bestehen auch andere Bleisymptome, vor allem Bleikolik
und -Obstipation, Bleigicht, seltener die Zeichen der Enzephalitis
(Krämpfe, zerebrale Lähmungen).
Die Bleilähmung kommt sowohl bei allen gewerblichen, wie bei
zufälligen Intoxikationen vor; man beachte ihre Möglichkeit auch bei
Steckschussträgern! Die Diagnose wird durch die Anamnese, den
Bleisaum am Zahnfleisch, die (nur in frischen Fällen nachweisbaren)
basophil getüpfelten Erythrozyten, bisweilen durch den Bleinachweis
882
MÜNCHENER MEDIZINISCHE^ WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
im Liquor gestellt. Die Prognose wird durch die Möglichkeit kom¬
plizierter Bleianämie, Nephritis und Enzephalitis getrübt. Auch die
Neigung zu sekundären Psychoneurosen (Hysterie) haftet der Blei-
intoxikation an, soweit sie entschädigungspflichtig ist (N a e g e 1 i).
Es gibt auch seltene saturnine Psychosen.
Sitz der Bleilähmung ist nicht nur der periphere Nerv, sondern
wahrscheinlich das ganze periphere Neuron; sicher ist die Mitbeteili-
gung der Meningen.
Die Therapie erfordert grösste Vorsicht und Sauberkeit bei
der betreffenden Arbeit (organisierte Prophylaxe in den Betrieben!),
eventuell Wechsel des Berufes, der in schweren Fällen unbedingt not¬
wendig ist; bei nichtgewerblichen Intoxikationen suche und beseitige
man ihre Quelle. Medikamentös gebe man Jod in mittleren Dosen
und lasse Schwefelbäder nehmen. Mit der operativen Beseitigung
von Bieisteckschüssen sei man vorsichtig; ich sah nach derselben
akute Exazerbation der Bleivergiftung und Tod.
Zu den Mononeuritiden gehören auch die vielzitierten, aber im
ganzen seltenen professionellen Lähmungen gewisser ständig über¬
anstrengter oder gedrückter oder sonstwie irritierter Nervmuskel¬
gebiete (Hand-Unterarmlähmung der Trommler, Krautschneider, Gold¬
polierer, Zigarrenwickler, Feilenhauer, Ruderer, Xylographen, Fräse¬
arbeiter usw.). Zu diesen gesellen sich auch die kombinierten Plexus¬
lähmungen des Erb sehen oder K 1 u m p k e sehen Typus meist in¬
folge berufsmässiger Kompression des Armnervengeflechts über dem
Schlüsselbein (z. B. bei Stein-, Kraxen-, Baum- und anderen Last¬
trägern) und die Lähmungen der Tibialis- und Peroneusmuskeln bei
Arbeitern in kniender Stellung (Rüben- und Kartoffelbuddler usw.),
oder bei entsprechenden Ueberanstrengungen (z. B. Nähmaschinen¬
arbeiter!). Schmerzen sind stets vorhanden, desgleichen oft Para-
ästhesien, selten richtige Hypästhesien. Die Muskelatrophien sind
meist gering. Komplette ER. ist sehr selten, meist ist sie nur an¬
gedeutet.
Viele Fälle sind sicher rein myositischen, die Mehrzahl aber doch
wohl echt neurogenen Ursprungs. Progagiert werden sie durch gleich¬
zeitigen Alkoholismus, Nikotinismus, Unterernährung (Avitami-
nosen!) u. a. m.
Die Therapie besteht im zeitlichen oder dauernden Aufgeben
der schädigenden Tätigkeit, Ruhe, Wärme, Galvanisation und Mas¬
sage. Die Prognose ist meist auffallend gut. Heilung in wenigen
Wochen ist häufig. '
Mononeuritis kann auch durch örtliche Erfrierungen (auch
professionelle) entstehen, wie ich bei Eisarbeitern u. a. sah; auch im
Felde hat man derartiges oft gesehen (v. S a r b o u. a.).
Die Polyneuritis ist zumeist durch infektiöse oder toxi¬
sche Schädigungen bedingt; kennt man diese nicht, nennt man
sie — unnötigerweise — „idiopathisch“. Von den ersteren sei als
häufigste und darum als treffendes Beispiel für die ganze Gruppe ge¬
nannt: die postdiphtherische Polyneuritis. Sie ist recht häufig in ge¬
ringer Ausbildung (Beschränkung auf Gaumensegel- und Akkommo¬
dationslähmung). Dazu treten leichte Paresen und Koordinations¬
störungen mit Abschwächung der Sehnenreflexe an den Beinen. In
schwereren Fällen kommt es zu ausgesprochener Areflexie und Läh¬
mungen an Beinen und Armen, die besonders die Peroneusgruppe,
und das Ulnaris-Medianusgebiet bevorzugen. Es können aber auch
die Muskeln des Stammes gelähmt werden; bisweilen tritt die Läh¬
mung sogar vorzugsweise in denjenigen des Rückens und des Schul¬
ter- und Beckengürtels auf. Die motorischen und sensiblen Hirn¬
nerven bleiben meist ganz verschont; Augenmuskellähmungen sind
selten. Blase- und Mastdarmlähmungen kommen — selten — vor.
Besonders gefährlich quoad vitam sind die Schluck- und Atemmuskel¬
lähmungen. Die Sensibilität ist fast nie intakt; ihre Störungen sind
aber meist gering, schwer abgrenzbar. Schmerzen fehlen sehr oft.
Die diphth. Polyneuritis tritt meist im fieberlosen Stadium, d. i.
8 — 14 Tage nach Krankheitsbeginn, auf (also zugleich mit der Myo¬
karditis, die sie ungemein häufig begleitet) und dauert bis zur — meist
komplett eintretenden — Heilung 5—10 Wochen, in schweren Fällen
auch viele Monate lang. Restlähmungen sind sehr ungewöhnlich
(z. B. an den Augenmuskeln, Ptose!). Die Prognose wird durch
die obengenannten speziellen Lokalisationen und ganz besonders
durch die begleitende Myokarditis getrübt, besonders bei kleinen
Kindern. Schwerste diffuse Polyneuritis mit Atemlähmung kommt
aber gerade bei Erwachsenen relativ häufiger vor.
Bezüglich der anatomischen Lokalisation sei bemerkt — was für
die meisten anderen Polyneuritiden auch gilt — , dass nicht nur der
periphere Nerv entzündlich und degenerativ verändert ist, sondern
auch die Wurzeln und die spinalen Meningen. Dies kommt durch
die — scheinbar der Polyneuritis pathognomonische — erhebliche Ei¬
weissvermehrung bei geringer Pleozytose des Liquor cerebr. zum
Ausdruck. Man hat deshalb das Leiden als primäre Radikulitis ge¬
deutet.
Therapeutisch hat das Di-heilserum keine vorbeugende
Wirkung auf die Polyneuritis; seine heilende (i n t r a 1 u m b a 1 e) An¬
wendung (B i n g e 1) wird angenommen. Grösste Ruhe, vorsichtige
Massage und Galvanisation sind angezeigt. Ob Strychnin hilft, ist
sehr fraglich. Wir verordnen es wohl mehr aus Gewohnheit, als aus
Ueberzeugung.
Aehnliche Formen der Polyneuritis (mit Ausnahme von Gaumen¬
segel- und Akkommodationsparese) können, wenn auch viel seltener,
andere Infekte, Typhus, Grippe, Ruhr, Erysipel, Purpura,
Sepsis, Tuberkulose, Malaria, Lues u. a., erzeugen. Beim.
Typhus hat man sie noch relativ am häufigsten gesehen. Sie können —
im Gegensatz zur Di. — bisweilen mit psychischen Störungen des-
K o r s a k o f f sehen Typs (s. u.) verlaufen; besonders bei Typhus und
Grippe sah ich das. Die Therapie ist die gleiche wie bei Di., die Pro¬
gnose meist besser wegen des Fehlens der Schlinglähmung, der Sel¬
tenheit der Atemlähmung und des Fehlens der Myokarditis.
Auch Autointoxikationen (Diabetes, Gicht, Karzinom¬
kachexie) können bisweilen Polyneuritis erzeugen. Häufiger dürfte
es sich dabei um funikuläre Myelitis handeln. Auch die Arterioskle¬
rose führt manchmal zu neuritischen Lähmungen (besonders an den
Beinen), die bisweilen mit den Zeichen der arteriosklerotischen Dys-
basie (Verlust der Fusspulse) vereinigt sind. Uebrigens kommen ähn¬
liche, nur gutartigere Gefässstörungen (Spasmen?) nach meiner Er¬
fahrung auch bei postinfektiöser Polyneuritis (besonders bei Typhus)
vor. In seltenen Fällen verlaufen auch die Gravidität und das nor¬
male Puerperium mit einer Polyneuritis wiederum besonders in den
Beinen. Es handelt sich dabei wohl um eine echte loxonose (Syn-
zytiolysine oder ähnliche Gifte?). Ihre Prognose ist meist besonders-
gut. Sie kann aber bei jeder Gravidität rezidivieren. Auch grosse
Ueberanstrengungen und Strapazen hat man während des
Krieges als Ursache von Polyneuritis beschuldigt.
Viel häufiger sind Polyneuritiden durch exogene Gifte.
Neben dem bereits erwähnten Blei spielt der Alkohol die weitaus¬
wichtigste Rolle. Geringe Grade der Affektion sind bei Trinkern ausser¬
ordentlich häufig. Sie äussern sich z. B. in Wadenkrämpfen, „rheu¬
matischen“ Schmerzen und dem geradezu pathognoinonischen Verlust
der Achillessehnenreflexe. In schwereren Fällen werden besonders Ra-
dialis-, Ulnaris-, Medianus- und Peroneusgebiet befallen. Hirnnerven-
beteiligung ist sehr selten. Bisweilen sahen Nonne und i c h echte
Lichtstarre der Pupillen dabei. Blase und Mastdarm bleiben ver¬
schont. Die Sensibilität ist häufiger gestört als bei infektiösen Fällen.
Schmerzen, Parästhesien und Hypästhesien an den Beinen fehlen
selten.
Besonders oft tritt die Alkoholpolyneuritis mit gröberen atakti¬
schen Geh- und Greifstörungen auf: „Pseudotabes periphe¬
rica“; ähnliches, wenn auch seltener sehen wir ja auch nach Diph¬
therie. In solchen Fällen sollen besonders ausgeprägte Störungen
der Tiefensensibilität (der Bewegungsgefühle) vorhanden sein, die
Paresen sehr zurücktreten. (Nach meinen Erfahrungen sind auch bei
ihnen stets gröbere Lähmungen nachweisbar. Wie oft wird para¬
lytischer Steppergang mit tabischem Schleudern verwechselt!) Bei
diesen pseudotabischen Formen ist der (oben erwähnte) krankhafte
Liquorbefund besonders ausgesprochen, eine prädilektorische Beteili¬
gung der Hinterwurzeln also recht wahrscheinlich.
Oft verläuft die Alkohollähmung mit toxisch verursachter Epi¬
lepsie und nicht selten mit der polyneuritischen K o r s a k o f f sehe»
Psychose, die sich vor allem in hochgradigen Merkfähigkeitsdefekten
mit entsprechenden, oft scharf umrissenen Erinnerungslücken und
starker Neigung zur konfabulatorischen Ausfüllung und Korrektur der¬
selben kennzeichnet. Diese Psychose ist langwierig und heilt oft nur
mit Defekt. Natürlich können auch alkoholisches Delirium oder
Demenz (Pseudoparalyse) zu einer Polyneuritis treten.
Die Prognose ist nicht absolut günstig. Bei völliger Absti¬
nenz können die Lähmungen in einigen Wochen, oft erst nach Mo¬
naten heilen; Restlähmungen, besonders im Peroneusgebiet, sind, aber
nicht allzu selten. Es gibt auch hier stürmische akute, wie eine
L a n d r y sehe Paralyse verlaufende Fälle, deren rein alkohologener
Charakter zweifelhaft ist), die infolge Atem- und Vaguslähmung rasch
letal verlaufen. Bei Rückfall in die Trunksucht kann die Neuritis-
rezidivieren. Die Therapie heisst demgemäss: dauernde Absti¬
nenz; ausserdem hat sie alles zu berücksichtigen, was bereits oben¬
erwähnt wurde. '
Neuerdings hat man besonders schwere akute Intoxikationen von-
Methylalkohol gesehen, die aber selten einen polyneuritischen
Charakter haben und vor allem mit Amblyopie oder Amaurose ver-
laufen.
Seltener, als der Alkohol, erzeugen Schwefelkohlenstoff (bei Gum-
mifabrikarbeitern), Arsen bzw. Salvarsan, Nikotin (bei Rauchern so¬
wohl, wie bei Tabakarbeitern), Kohlenoxyd, Morphium, Kokain,
Quecksilber (bei Zinnober-, und Spiegelarbeitern!), vielleicht auch
Kupfer, Antimon. Zink, Schlafmittel verschiedener Art u. a. m. Poly¬
neuritiden. Zum Teil haben diese verschiedenen Formen individuelle
Züge; im ganzen ähneln sie aber doch der Alkoholpolyncuritis, ohne
aber deren spezifische psychische Züge zeigen. Andere, vor allem
die Schwefelkohlenstoffintoxikationen, haben wieder eigene psycho¬
tische Syndrome, die bald hysteriform, bald mehr als Amentia, Manie¬
oder katatonieähnlich auftreten. Bei der Nikotinneuritis seien die
Sehstörungen (Neuritis retrobulbaris u. a.) hervorgehoben, bei der Ar¬
seniklähmung ihr relativ häufiges Auftreten als „periphere Pseudo¬
tabes“ und ihre dermatitischen Komplikationen.
Ganz im allgemeinen sei bemerkt, dass die Prognose dieser toxi¬
schen Polyneuritiden, wie bei Alkohol und Blei, von der Entziehung-
der Giftaufnahme abhängt und darum meist nicht ungünstig ist.
Von Bedeutung sind endlich neuerdings die polyneuritischen Syn¬
drome der Avitaminosen geworden, die in Deutschland nicht,
dagegen in tropischen und subtropischen Gegenden Vorkommen. Ihr
Hauptvertreter ist die endemische Polyneuritis B e r b e r i, in Ja¬
pan Kakke genannt. Es ist zwar nicht sicher, ob es nicht auch eine-
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
883
infektöse Form bzw. Komponente des Leidens gibt. Zumeist wird es
jedoch als Avitaminose gedeutet. Man nimmt an, dass der einseitige
Genuss von enthülsten, „polierten“, d. i. seines Silberhäutchens be¬
raubten Reises sie verursacht. Das „antineuritische Vitamin“ steckt
eben nach C. Funks Untersuchungen in dem Silberhäutchen des
Reises, der Milch, Gehirn und anderen Substanzen, mittels deren Zu¬
fuhr cs auch gelingt, experimentelle Vogelberiberi glatt zu heilen.
Abgesehen von der akuten und schwersten kardio-vaskulären Form,
bei der es scheinbar nicht zur Ausbildung der Polyneuritis kommt,
findet man diese ausgesprochen sowohl in der sensibel-motorischen
Form, sowie deren Folge, der trockenen atrophischen Form der Poly¬
neuritis. Bei der ersteren kommt es zu Schmerzen, Paresen und
leichten Oedemen der Beine, bei der letzteren zu atropischen Läh¬
mungen an den Unterschenkeln, seltener den Händen. Im Endstadium
treten starke Oedeme dazu. In den Nerven überwiegen die degene-
rativen Veränderungen vor den entzündlichen. Die Prognose ist zu¬
meist günstig; es können aber Restparesen und -kontrakturen Zurück¬
bleiben. Die Therapie hat neben den üblichen Massnahmen vor allem
das fehlende Vitamin zuzuführen. In ihnen liegt auch die Prophylaxe
des Leidens. Auch die Pellagra, ebenfalls eine vorwiegende Avi¬
taminose (Mais!), kann bisweilen mit vorwiegend polyneuritischen
Symptomen verlaufen. Dasselbe gilt auch von der Lepra.
Es sei übrigens nachgetragen, dass alle schweren, akuten Poly¬
neuritiden zuweilen auch mit hohem Fieber verlaufen können. Auch
trophische und vasomotorische Symptome kommen ge¬
legentlich bei allen Formen vor, z. B. Zyanose, Hyperämie, Hautatro¬
phien. Abschilfern der Haut, Glanzhaut. Herpesausschläge, Petechien,
vor allem aber neurogene Oedeme. Die letzteren treten besonders
im Beginn schwerer Lähmungen auf und können sehr hartnäckig sein.
In selteneren Fällen kann auch eine allgemeine Dermatomyositis mit
neuritischen Symptomen verbunden sein.
Endlich sei noch der Landryschen aufsteigenden (seltener abstei¬
genden) Paralyse gedacht, die in manchen Fällen als Polvneuritis ge¬
deutet wird, in anderen aber als Verlaufsform einer Poliomyelitis,
wahrscheinlich auch einer epidemischen Enzephalomyelitis (gripposa).
In schweren Fällen verläuft sic unter Fieber und entsprechenden All¬
gemeinerscheinungen, beginnt an den Beinen, aszendiert am Stamm
und ergreift zum Schluss Arme, Atemmuskulatur, bisweilen die Hirti-
nerven. besonders das Bulbärgcbiet. Solche Kranke sterben oft nach
wenigen Tagen an Atemlähmung (mit und ohne Pneumonie). Leich¬
tere Fälle können genesen. Die Gefühlsphäre ist meist wenig beteiligt;
Schmerzen fehlen oft. können aber in Fällen mit meningitischem Ein¬
schlag auch heftig sein.
Auch bei den meisten La ndry fällen findet sich ein positiver
Liquorbefund (Pleozytose, Eiweissvermehrung usw.), der darauf hin¬
weist. dass neben den peripheren Nerven auch Meningen und Wurzeln
erkrankt sind. Die Aetiologie ist sicher nicht einheitlich. Ausser der
Heine-Medin sehen Krankheit und der epidemischen Enzepha¬
litis können auch andere Infekte (z. B. Typhus, Pneumokokken u.a.)
das Syndrom erzeugen.
Die Therapie erfordert in Fällen mit meningitischem Einschlag
Lumbalpunktionen, im übrigen Salizylate oder Urotropin, grösste
Ruhe und Pflege (Vorbeugung des Verschluckens!), vor allem aber
Ueberwachung der Atmung, bei deren Erschwerung künstliche At¬
mung und Sauerstoffinhalationen, am Platze sind. Später sind elek¬
trische und Massageprozeduren auch hier angezeigt.
Soziale Medizin und Hygiene.
Schularzt und Vererbungslehre.
Von Stadtschularzt Dr. Weide. Kinderarzt in Leipzig.
Jeder Schul- und Fürsorgearzt, Berater von Eltern, jungen Müt¬
tern, Schwangeren, Ehestandsaspiranten, Berufsberater und Erzieher
sollte sich umgehend so gründlich wie möglich mit der Lehre von der
Vererbung vertraut machen, um weitsichtiger und besser als bisher
Kinderfürsorge im Sinne, rechtzeitiger Vorsorge treiben zu können.
Wer sich erst einmal die Mühe genommen hat, sich mit diesem Stoff
etwas zu beschäftigen, den lässt er einfach nicht wieder los. Man
bekommt dadurch Unterlagen für die ganze Fürsorgetätigkeit, die
einem viel besser begründet erscheinen als viele bisherige. Und was
das Erstaunlichste und Erfreulichste ist, man stösst dabei auf grosses
Verständnis in der Laienwelt, die bekanntlich den bisherigen Begrün¬
dungen über Ziel, Zweck und Nutzen der Fürsorge oft vollständig
verständnislos und abgeneigt gegenüberstand, wie ich das in einer
sehr ausgedehnten populären Lehrtätigkeit in allen Bevölkerungs¬
schichten der Grossstadt, der Kleinstadt, des Industriezentrums und
des Bauerndorfes immer wieder zu meinem Aerger erlebt habe. Seit¬
dem ich mich mit den Grundlagen der Vererbungslehre, der Familien¬
forschung, der Rassenhygiene u. ä. etwas vertraut gemacht habe und
sie mit zugrunde lege, habe ich viel weniger Schwierigkeiten, auch
an die einfacheren Gemüter heranzukommen, denen Sterbl ichkeits-
und Erkrankungsstatistiken und ähnliche schöne Sachen vollständig
gleichgültig waren. Mit den Lehren von der Vererbung, der Rassen¬
hygiene usw. stösst man offenbar beim Volke, besonders beim Tier¬
zucht treibenden Landvolk, auf alte volkstümliche Erfahrungen und
eigene Beobachtungen, die ihm nun auch im modernen wissenschaft¬
lichen Gewände einleuchten. Ich bin z. B. nirgends auf Abneigung
und Widerstand gestossen mit der (von jeher vertretenen) Forde¬
rung, Fürsorge zuerst den gesund veranlagten lebens- und entwick¬
lungsfähigen Kindern angedeihen zu lassen, erst in zweiter Linie
(falls dafür noch Mittel vorhanden sind) den kranken und minder¬
wertigen. Auch die Ausführungen darüber, dass eine der besten und
sichersten Grundlagen der Kindererziehung in geeigneter Gattenwahl
besteht, hat allseits das Verständnis der Eltern- und Lehrerschaft ge¬
funden. Gerade als Schulärzte haben wir ja heute in den Eltern- und
Lehrerversammlungen mehr denn je Gelegenheit, über solche Dinge
zu sprechen, und wir sollten gerade diesen Teil der Aufklärung
eifrigst pflegen. Aber noch in einem anderen Zusammenhang müssen
wir Schulärzte uns um die Vererbungslehren kümmern, den ich bitte,
ganz kurz skizzieren zu dürfen.
Die schulärztliche Untersuchung und Begutachtung der Schul¬
kinder erfolgt heute wohl fast überall nach zwei Richtungen. Erstens
versucht man den allgemeinen Gesundheitszustand festzustellen, zwei¬
tens sucht man nach konstitutionellen oder organischen Fehlern. Zur
Beurteilung der körperlichen Allgemeinbeschaffenheit wird ausser
dem sichtbaren Fettpolster Fülle und Tonus der Muskulatur, Farbe
und Turgor der Haut und Schleimhäute sowie der sonstige Allge¬
meineindruck (besonders auch der ganzen Körperhaltung) berück¬
sichtigt. Schriftlich (zum Zwecke der Statistik) zusammengefasst
wird dieses immerhin aus vielen und ätiologisch unter Umständen
recht verschieden bedingten Einzeleindrücken entstehende Gesamt¬
bild in die lapidaren Worte „gut“, „mittel“, „schlecht“, bzw. I. II, III.
Das ergibt schöne, imponierende, leicht übersehbare Statistiken, die
für bestimmte Zwecke (z. B. Speisungsbedürftigkeit u. dergl.) oder für
Propagandaschriften leidlich brauchbar und genügend sein mögen.
Mir hat dieses Bestreben, einen lebenden menschlichen Organismus,
vollends einen noch in der Entwicklung begriffenen jugendlichen, in
eine dieser drei Rubriken hineinzwängen zu müssen, von jeher wider¬
strebt (wenngleich ich seine teilweise Brauchbarkeit nicht verkenne).
Man hat nun geglaubt, die Beurteilung des kindlichen Organismus
auf „exaktere“ Grundlagen stellen zu müssen, und deshalb Körper¬
länge und Gewicht festgestellt. Gewiss lässt sich aus diesen beiden
Befunden und ihren Wechselbeziehungen manches Interessante her¬
auslesen. Aber das, was uns am lebenden Menschen am meisten inter¬
essieren sollte, nämlich seine Leistungsfähigkeit, geht daraus m. E.
keineswegs genauer hervor als aus der allgemeinen Betrachtung. Es
fehlt uns bis heute (trotz aller Indizes) eben immer noch ein ein¬
facher Maassstab für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des kind¬
lichen Körpers. Die zweite Untersuchungsrichtung, die Feststellung
organischer oder sonstiger Fehler, bewegt sich vollends in negativer
Richtung und ist zudem vielerlei Fehlschlüssen ausgesetzt. Ein Kind
mit Skoliose, Herzfehler und dergleichen ist oft im ganzen viel lei¬
stungsfähiger als ein anderes ohne jeden organischen Fehler. Beim
Erwachsenen haben wir das an den verschiedenartigen Kriegsteil¬
nehmern wieder mit Erstaunen gesehen. Wir sind also noch immer in
der unangenehmen Lage, bei unseren Schulkindern zwar feststellen zu
können, was ihnen alles fehlt, aber nicht, was sie eigentlich nositiv an
Gesundheit (= Anpassungsfähigkeit), Kraft und Leistungsfähigkeit in
sich haben. Und gerade heute in unserer vaterländischen Not sollten
wir mit erneuten Kräften dieses ungeheuer wichtige Problem zu lösen
suchen. Wir sehen aus unseren bisherigen schulärztlichen Unter¬
suchungen, wieviel mehr oder weniger kranke, dürftige und fürsorge¬
heischende Kinder wir in Deutschland haben, und sehen die Zahlen
täglich ansteigen. Wir haben aber tatsächlich keine Ahnung davon,
welche Summe von Gesundheit und Kraft sich in den übrigen Kindern
verkörpert. Wir reden dauernd von Wiederaufbau und hoffen dabei
vorwiegend auf die nächsten Generationen und wissen gar nicht, mit
welchen Kräftemassen und -zahlen wir ungefähr werden rechnen
dürfen. Die ganze Frage nach dem möglichst einfach feststellbaren
Maassstab für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer .Tugend
ist also brennender denn je. Und da geben uns m. E. die
neueren Lehren der Vererbung' und der Familien¬
forschung ausgezeichnete Hilfsmittel an die Hand,
der Lösung dieses Problems n ä herzu kommen.
Wir müssen uns abgewöhnen, das zu beurteilende Schulkind als
isoliertes Einzelindividuum zu betrachten und müssen besser lernen,
es als Glied einer nach oben (Ahnen) und seitlich (Geschwister) ver¬
laufenden Kette von Gliedern zu betrachten, die auf seine Beschaf¬
fenheit von entscheidendem Einfluss gewesen sind und deren Be¬
trachtung uns deshalb wertvolle Aufschlüsse geben kann. Die Herren
Kollegen brauchen nicht zu erschrecken und zu fürchten, dass sie
nun bei jedem Kind die ganze Familie bis zur Urgrossmutter hinauf
und bis zum angeheirateten Stiefzwilling hinunter selbst untersuchen
sollten. Es gibt einen relativ einfachen und schon ganz brauchbaren
Weg. den ich mir zunächst einmal an einer Mädchenfortbildungsschule
ausprobiert habe.
1. Man besteht darauf, dass Angehörige bei der Untersuchung
zugegen sind. Diese Angehörigen werden kurz mit betrachtet.
Eine ganz kurze Famiüenannmnese stellt die Tüchtigkeit der
Eltern fest (Kinderzahl, Stillfähigkeit, Erfolg im Beruf u.a.).
Kurze diesbezügliche Anfrage über die Grosseltern (erreichtes
Alter?).
2. Man veranlasst die Eltern, das Kind gleichzeitig mit anzusehen,
und zwar in der Richtung: allgemeiner Körperbau, Kopfform,
Gesichtsform. Augen- und Haarfarbe oder sonstige charakte¬
ristische Merkmale.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
884
3. Und nun stellt man die Frage, wem in der Familie das Kind
am meisten ähnelt (natürlich auch geistig). Erfolgt darauf eine
prompte und bestimmte Antwort, fragt man weiter, was der
betreffende Vorfahr im Leben geleistet hat, und ist daraufhin
doch wohl berechtigt, gewisse Schlüsse zu ziehen. Ich will
natürlich nicht statt der kritisierenden Rubriken 1, II und III
die neuen Rubriken Marke Qrossvater oder Vater - Mutter,
Halb und Halb und dergleichen einführen. Und ich schicke
gleich voraus, dass bei einer gerade in Leipzig sehr grossen
Zahl von Kindern diese Methode keine Resultate ergibt und
nach den Mendel sehen Regeln nicht ergeben kann, nämlich
bei den Mischtypen im Sinne Virchows (siehe unten!).
Man darf natürlich keine Schlüsse ziehen wollen aus der Ueber-
einstimmung einzelner Merkmale (z. B. der Haarfarbe, Augen¬
farbe, Schädelform, Nasenform oder dergl.), sondern man muss auf
Merkmalskomplexe achten. Wenn ich also z. B. von der an¬
wesenden Mutter höre, das untersuchte Mädel hat dieselben hell¬
blonden, schlichten Haare wie der Grossvater, dieselben hellblauen
grossen Augen, dieselbe dolichozephale Schädelform und dieselbe
hochgewachsene schlanke Figur (also einen rassenmässig bedingten
Merkmalskomplex) und ausserdem viele seiner Charaktereigenschaf¬
ten, und wenn ich höre, dass der Grossvater etwas Tüchtiges hat
leisten können und trotz dürftiger Lebensbedingungen ein hohes, ge¬
sundes Alter erreicht hat, so gehe ich wohl nicht irre, wenn ich
diesem Mädel eine günstige Lebensprognose stelle und ihr sogar die
Zensur I zubillige, trotzdem sie vielleicht zurzeit so wenig Fett auf
den Rippen hat, dass sie eigentlich nur die II oder III haben dürfte.
Auch für die Berufsberatung erscheint mir diese Vergleichsmethode
wichtig. Sie ist, wie gesagt, gar nicht so zeitraubend und mühsam,
wie sie auf den ersten Blick aussieht. Erstens kann man sich dabei
wirksamst unterstützen lassen von einer interessierten Lehrkraft oder
einer Schulschwester (das heisst, wenn man letztere hat — Leipzig
hat noch keine!), zweitens halte ich es für besser und rationeller, die
Kinder im ersten Schuljahr einmal möglichst gründlich im obigen
Sinne zu untersuchen, als womöglich jedes Jahr mehr oder weniger
oberflächlich. Mit dieser einmaligen gründlichen Untersuchung, die
die Erbanlagen soweit als möglich berücksichtigt, hat man einen
ziemlich dauerhaften Grundstock (trotz etwaiger späterer Milieu¬
schädigungen) und kann sich dann viele weitere Einzeluntersuchungen
(zu Turn- und Schwimmbefreiung, Fürsorgemassnahmen usw.) er¬
sparen.
Ich weiss natürlich, dass diese Methode noch sehr primitiv ist
und die Gefahr vieler Irrtümer birgt, und die Anthropologen, Ver-
erbungs- und Rassegelehrten werden sich sicher darüber entrüsten.
Hoffentlich gelingt es ihnen, praktische Gegenvorschläge zu bringen.
Eins habe ich jedenfalls schon erreicht, was von vornherein meine
Nebenabsicht war. Es gelingt mir auf diese Weise mehr und mehr,
die Kinder sowohl wie die Eltern, Lehrer usw. von der durch die
Hungerblockade heraufbeschworenen, teilweise zur Zwangsvorstel¬
lung gewordenen Idee etwas abzubringen, als ob der Mensch nun
bloss noch nach dem Ernährungszustand gewertet werden müsse. Das
Interesse für die Erbanlagen wird dadurch in unaufdringlicher Weise
in weiten Kreisen geweckt. In diesem Sinne habe ich beim Neudruck
unserer Leipziger Gesundheitsscheine gebeten, neben dem Schema
für Körpermaass und Gewicht die folgende (den Gedankengängen
Virchows nachgebildete) Rubrik anfügen zu können:
i) Augen- und Haarfarbe bei Kind. Vater. Mutter, und besondere
Erbanlagen in der Familie.
Iin Jahre 1872 beschloss die Deutsche anthropologische Gesell¬
schaft, Erhebungen über die Farbe der Haut, der Haare und der
Augen der Schulkinder in Deutschland anzustellen, und erliess zu
diesem Zweck ein Rundschreiben an die Lehrer der höheren Unter¬
richtsanstalten und der Volksschulen, in dem sie ihre Mitarbeit erbat.
Sie begründete ihr Ersuchen damit, dass eine Aufklärung der Ab¬
stammung sämtlicher Völker unseres Weltteils nötig sei für eine ge¬
nauere Kenntnis der Eigenschaften der einzelnen Völker und Stämme
und für das Verständnis der Besonderheiten, wie sie in verschiedenen
Abschnitten derselben Nation — und so auch der deutschen — mit
grosser Schärfe hervorgehen. Dieses ganze wissenschaftliche Unter¬
nehmen verfolge dasselbe Ziel, dem auch die Schule zustrebe, nämlich
der Selbsterkenntnis. Die Frage aber nach unserer Abstam¬
mung werde immerdar ein wichtiges Glied in der Erforschung unseres
natürlichen Wesens bleiben. Die Regierungen unterstützten diese
Forschung lebhaft. 1875 wurden die Hauotzählungen vorgenommen
(später noch etwas fortgesetzt), und 1885/86 konnte Rudolf Vir-
cliow im Korrespondenzblatt für Anthropologie (Band 16. S. 89) einen
kürzeren und im Archiv für Anthropologie (Band 16, S. 275 — 475) den
ausführlichen Gesamtbericht erstatten, der noch heute ungemein an¬
regend wirkt.
Die Gesamterhebung erstreckte sich auf 6 758 827 Schulkinder
(darunter 1.1 Proz. Juden). Von dieser Gesamtzahl gehören dem sog.
blonden Typ an 2 149 027 = 31,80 Proz.. dem sog. brünetten
Typ 949822 = 14.05 Proz. und den Mischformen 3659978 — 54,15
Prozent. Unter blondem und brünettem Typ sind keineswegs Blond¬
haarige oder Braunhaarige zu verstehen, sondern die „Blonden“
haben die Merkmalekombination: blaue Augen, blonde
Haare, weisse Haut, die „Brünetten“ die Merkmale¬
kombination: braune Augen, braune Haare, braune
Haut. Alle anderen Merkmalekombinationen (z. B. blaue
Nr. 27.
Augen, braune Haare, weisse Haut u. a.; im V i r c h o w sehen
Formular sind 9 der häufigsten Kombinationen enthalten) sind zusam¬
mengefasst unter dem Namen „Mischformen“. Virchow begründet
diese Gruppierung folgendermassen: „Bei denjenigen Individuen einer
Rasse, die uns als typische erscheinen, besteht ein bestimmtes, mehr
oder weniger konstantes Verhältnis zwischen den Farben der Haut,
der Haare und der Augen. Häufig sind alle drei dunkel, häufig alle
drei hell; es besteht in der Regel ein gewisser Parallelismus in der
Färbung der drei Teile. Eine bloss auf die Haarfarbe oder bloss auf
die Augenfarbe gestützte Einteilung wäre höchst unvollkommen. Als
leitendes Prinzip muss die Aufstellung von Gruppen der drei gefärbten
Teile erfolgen.“
Die genaue Abgrenzung der einzelnen Farben voneinander ist
oft recht schwer. Virchow sagt aber dazu: „Es ist freilich schwer,
manchmal unmöglich, ein einzelnes Individuum nach seiner Farbe
zu klassifizieren. Hätte man also die ganze deutsche Schuljugend nur
in zwei grosse Abteilungen eingereiht (eine blonde und eine brünette),
so wäre ganz unbrauchbares Material entstanden. Da aber neben 'j
den beiden Haupttypen noch eine Reihe von Mischtypen aufgestellt
und den Haupttypen nur die sicheren Individuen zugewiesen wurden,
blieb die ganze Reihe der zweifelhaften für die grosse Mittelklasse
übrig.“
Virchow zeigt nun an Hand zahlloser ausführlicher Tabellen
und mehrerer Karten die geographische Verteilung des blonden, des
brünetten Typs und der Mischformen in Deutschland mit vielen inter¬
essanten Einzelheiten (Unterschiede zwischen Nord-, Mittel- und Süd¬
deutschland, zwischen Land und Stadt, besonders Grossstadt, Ver¬
halten in den Flussgebieten usw.). Im ganzen lässt sich eine deut¬
liche vertikale Schichtung heller- und dunkelfarbiger Zonen erkennen,
und zwar eine Reihenfolge von west-östlichen Gürteln (Norden heller,
nach Süden dunkler, Westen relativ dunkler, Osten relativ heller).
Virchow erklärt sich diese letztere Erscheinung aus der Rück¬
wirkung der während der karolingischen, fränkischen und sächsischen
Reichsorganisation nach Osten gerichteten Kolonisation (Regermani-
sierung des Ostens) und knüpft noch weitere geschichtliche und ethno¬
logische Betrachtungen und Kombinationen an.
Die grosse Frage ist nun die, ob diese ganze, mit fabelhaftem
Fleiss durchgeführte Massenerhebung für uns heute nur noch histo¬
rischen Wert hat, oder ob es angezeigt und der Mühe wert erscheint,
sie heute, nach fünfzig Jahren, die nicht nur politische Verschie¬
bungen, sondern auch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse gebracht
haben, zu wiederholen, und sei es auch nur in kleineren Gebieten,
z. B. einer einzelnen Grossstadt. Entgegen verneinenden Urteilen der
meisten neueren Fachleute glaube ich, die Frage doch bejahen zu
müssen. Ich übergehe die schon zu Virchows Zeiten erhobenen
Einwände wegen Schwierigkeit der Technik, Nachdunkeln der Far¬
ben im Kindesalter u. ä. Sie sind von ihm selbst bereits entkräftet
worden. Die Fehlerquellen sind im übrigen heute dieselben wie da¬
mals, und der Zweck der erneuten Erhebung wäre weniger die Fest¬
stellung der heutigen absoluten Zahlen, sondern der Vergleich
zwischen damals und jetzt, der immerhin interessant wäre. Das
wird, wie gesagt, heute von vielen Seiten bestritten, mit der Begrün¬
dung, man wolle gar nicht wissen, wieviel wir äusserlich blonde
oder brünette Typen von Schulkindern hätten, sondern man wolle
wissen, was an wichtigen Erbanlagen in unseren heutigen Schul¬
kindern stecke. Und das könne man eben aus solchen „äusserlichen“
Merkmalen nicht ersehen. Diese Begründung erscheint mir nicht
ganz stichhaltig. Erstens sind doch wohl Augen-, Haar- und Haut¬
farbe keine so ganz äusserlichen Merkmale, sondern stehen im innigen
Zusammenhang mit Stoffwechsel, Konstitution, Anlagen (vielleicht
innerer Sekretion?) u. ä„ worauf mancherlei klinische Beobachtungen
hindeuten, so dass aus der Betrachtung des äusseren Integumentcs
doch wohl gewisse Rückschlüsse erlaubt erscheinen. Es muss aber
ferner immer wieder an die von Virchow geforderte Trias der
äusseren Erscheinung erinnert werden. Wo ein deutlicher Parallelis¬
mus der Beschaffenheit dreier verschiedener Körpergewebe besteht,
sind doch wohl weitere, so zu sagen in die Tiefe reichende Parallelen
wahrscheinlich. Ich habe darüber bei meinen Fortbildungsschülerinnen
merkwürdige Beobachtungen anstellen können. Ich bin von dem
Gedanken ausgegangen, dass es der Geist sei, der sich den Körper
formt (bzw. färbt). Siehe auch bildende Kunst, Schönheitsideal ab¬
hängig von Rassenzugehörigkeit u. ä., wie das unter anderem auch .1
Günther in seiner „Rassenkunde des deutschen Volkes“ er¬
wähnt. Von Röse u. a. ist auf überraschende Parallelen zwischen
Körperbau, besonders Kopfform und -grosse, und Schulleistungen hin¬
gewiesen worden. Ich habe einmal, angeregt durch Virchow,
Günther u. a„ gefahndet auf Parallelen zwischen Virchow sehen '
Farbentypen und Schönheitsidealen bzw. Rasseninstinkten, und bin
dabei ebenfalls zu überraschenden Resultaten gekommen, dass näm¬
lich Mädchen von reinem Farbtyp auf Befragen prompt gleichsinnige
Schönheitsideale kundtaten, während die Mischformen meist über¬
haupt keine derartigen Gefühle kannten. Der äusserlich erkennbare
Typ spiegelte sich auch innerlich wieder. Natürlich bedürfen solche
Beobachtungen kritischster Nachprüfung anderer, vielleicht weniger
voreingenommener Untersucher. Präktisch bin ich so verfahren, dass
ich die Mädchen fragte, wie ihr Zukünftiger aussehen solle, mit wem-
sie am liebsten umgingen, wie ihre Lieblingspuppe ausgesehen
habe, welcher Theater- oder Romanheld oder -heldin ihnen am
besten gefalle und dergleichen. Die Mischlinge konnten sich in
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
885
der Mehrheit zu keinem reinen Typ entscheiden oder lehnten jedes
Ideal überhaupt ab, mit der Angabe, das Aussehen sei ganz gleich¬
gültig, die Hauptsache sei, dass „er“ Geld habe bzw. dass überhaupt
einer komme. Die reinen Typen hatten fast ausnahmslos ganz be¬
stimmte Wünsche, meist, wie gesagt, gleichsinnige; nur wenige
schwärmten für den anderen Typ (da stak vielleicht ein rezessiv in
ihnen schlummernder Vorfahr dahinter?!).
Ich komme zuin zweiten Haupteinwand. Man sagt, nach der
M e n d e I sehen Unabhängigkeitsrogel würden beim Menschen die
einzelnen Vorfahreneigenschaften unabhängig voneinander vererbt.
Es könne deshalb sein, dass ein Mädchen zwar drei äusserlich sichtbare
Merkmale von einem Vorfahren bzw. einer Vorfahrengruppe (Rasse)
geerbt habe, alle bzw. die Mehrzahl der anderen Erbanlagen könnten
aber von anders gearteten Vorfahren stammen, so dass eben gerade
mit den wichtigsten inneren Anlagen keine Parallele zu bestehen
brauche. Das ist theoretisch richtig. Ob es aber häufig vorkommt
und sehr wahrscheinlich ist? Ich glaube es nicht. Es muss
doch wohl bedacht werden, dass es sieh bei der Augen-,
Haar- und Hautfarbe nicht um drei beliebige isolierte Einzelmerkmale
handelt, sondern um eine Trias auf gleicher ätiologischer Grund¬
lage. und diese Grundlage liegt nicht ausserhalb des Körpers (Milieu,
Belichtung oder dergl.), sondern innerhalb. Wo aber schon so deut¬
liche Wechselbeziehungen dreier zusammengehöriger Merkmale be¬
stehen, da sollte diese Trias ganz isoliert und unabhängig von anderen
Erbanlagen sein und keine irgendwie wichtige Rolle spielen? Ich kann
es nicht glauben, wennschon ich noch keine exakten Beweise er¬
bringen kann. Das ganze Kapitel der kindlichen Erbanlagen muss
eben nunmehr gründlichst in Angriff genommen werden, und zwar
möglichst in die Tiefe gehend, weniger in die Breite. Ich muss des¬
halb einerseits denjenigen Recht geben, die es für wissenschaftlich
wertvoller halten, anstatt die Virchowschen Erhebungen nochmals
zu wiederholen, lieber eine kleine Anzahl von Kindern nach exakten
anthrophologischen und Vererbungslehrenmethoden gründlichst zu
untersuchen. Anderseits gebe ich zu bedenken, dass sich an diesen
Forschungen nur ein kleiner Kreis spezieller Fachgelehrter wird be¬
teiligen können, die wiederum keine direkte Fühlung mit der schul¬
ärztlichen Praxis haben. Ausserdem werden die Resultate dieser
Forschungen noch mehrere Jahre auf sich warten lassen müssen und
dann noch schwieriger als heute schon an weitere Kollegen- und sonst
interessierte Kreise heranzubringen sein. In unserer heutigen Lage
aber tut Eile not, und man muss das Eisen schmieden solange es heiss
ist. Das Interesse an Vererbungsfragen, Familienforschung und der¬
gleichen nimmt heute mit begrüssenswerter Schnelligkeit in allen
Kreisen zu. Wer weiss, wie lange in unserer unruhigen, sprung¬
haften, neuerungssüchtigen Zeit diese Welle anhält? Ich ziehe des¬
halb die zwar primitivere, aber schneller ins Werk zu setzende
Virchowsche Methode vor und betrachte sie vorwiegend als an¬
regendes Stimulans für unser zurzeit vom „Ernährungszustand“ hyp¬
notisiertes Volk.
Ich komme zum Schluss auf den Anfangssatz zurück, dass sich
jetzt jeder Schularzt mit der Lehre von der Vererbung vertraut
machen sollte. Man soll solche Forderungen nur aussprechen, wenn
man praktisch an ihrer Erfüllung mitarbeiten kann. Das ist mir in
Leipzig insofern gelungen, als sich unser hiesiger Anatom Professor
Kästner auf meine Bitte hin dazu verstanden hat, einen zwölf-
stündigen allgemein verständlichen Einführungskursus in Vererbungs¬
lehre, Familienforschung und Rassenhygiene abzuhalten, der nicht nur
von Aerzten, sondern auch Lehrern, Philologen, Juristen und Be¬
amten und Beamtinnen der Wohlfahrts- und Gesundheitsämter u. a.
überraschend stark besucht war. Die Kurse sollen daraufhin jedes
Semester wiederholt werden. Fortbildungskurse sollen auf dieser
Grundlage weiterbauen. Zur Förderung und Organisierung dieser
Bestrebungen ist unter dem Vorsitz von Herrn Obcrinedizinal-
rat Dr. Hertzsch (Kreikhauptmannschaft) die Bildung einer Leip¬
ziger Gesellschaft für Vererbungsforschung usw. erfolgt, über die
gelegentlich genauer zu berichten sein wird.
Haben die Beratungsstellen für Geschlechtskranke eine
Berechtigung?
Von Dr. Leonhard Qörl, leitender Arzt der Beratungs¬
stelle Nürnberg.
In dem gegenwärtig zur Beratung stehenden *) Gesetzentwurf zur
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten wird den Beratungsstellen
eine bedeutungsvolle Stelle angewiesen. Ihnen muss vom Arzt Mel¬
dung erstattet werden, wenn ein Geschlechtskranker infolge seines
Berufs oder seiner persönlichen Verhältnisse andere besonders ge¬
fährdet oder wenn er sich der ärztlichen Behandlung entzieht. Der
Kranke ist dann verpflichtet, den Weisungen der Beratungsstelle Folge
zu leisten, widrigenfalls die Meldung an die Gesundheitsbehörde
weitergegeben wird. Die Hauptarbeit in der Bekämpfung der vene¬
rischen Krankheiten hat also die Beratungsstelle zu leisten, und der
Erfolg der beabsichtigten Massnahmen wird in erster Linie von der
verständnisvollen Tätigkeit dieser Aemtcr abhängen.
Nähere Bestimmungen über die Einrichtung der Beratungsstellen
enthält das Gesetz nicht, doch wird man in der Annahme nicht fehl-
*) inzwisehen angenommenen, Schrftl.
gehen, dass diese Stellen auf der Grundlage der bereits bestehenden
und bewährten Anlagen der Landesversicherungsanstalten sich auf¬
bauen müssen und sich deren langjährige Erfahrungen zunutze machen
müssen.
Da ist es nicht besonders ermutigend, zu hören, dass die Landes-
versicherungsanstalt Oberbayern z. 13. schon einige Beratungsstellen
aufgehoben hat und dass man anderweitig auch schon zu dem Ergeb¬
nis gelangt sein soll, dass der Erfolg der Beratungsstellen im Ver¬
gleich zu dem Aufwand nicht im rechten Verhält¬
nis s t e h e.
Ich habe nun im Verein mit Herrn Dr. Voigt eine Zusammen¬
stellung der im Jahre 1922 an der Beratungsstelle in Nürnberg be¬
ratenen Kranken gemacht, um an Hand der erhaltenen Zahlen nach¬
zuprüfen, ob diese Meinung richtig ist. Allerdings liegen hier in
Nürnberg die Verhältnisse insofern günstig, als die Landesversiche¬
rungsanstalt Mittelfranken die hohe Bedeutung der' Beratungsstellen
stets voll gewürdigt hat und aus dieser Erkenntnis heraus ihr die
weitgehendste ideelle und materielle Förderung angedeihen lässt.
Gemeldet und beraten wurden im Jahre 1922 1738 Personen, dar¬
unter befinden sich 758 Geschlechtskranke aus früheren Jahren. Be¬
raten wurden 1479 Personen in 2367 Einzelberatungen. Bei 431 Sy¬
philitikern wurde die nötige Kur veranlasst, ebenso wurden weitere
165 zur Durchführung einer vorbeugenden Kur bewogen. 114 Ga-
norrhöekranke wurden der Behandlung zugeführt.
Die Entwicklung der Beratungsstelle im allgemeinen möge durch
folgende Zahlen illustriert werden:
Jahr
Neumeldungen
darunter Selbstmeldungen
Beratungen
1917
118
18
106
1918
315
49
319
1919
995
316
1155
1920
1101
392
1493
1921
1504
415
2100
1922
1856
365
2367
Ehe ich weiter die von uns gewonnenen Zahlen mitteile, muss ich
kurz auf den Geschäftsgang eingehen.
Das Lokal der Beratungsstelle befindet sich in einem Privathause,
Panierplatz 35. Sprechstunde wird zweimal wöchentlich abgehalten und
zwar in den Abendstunden von 5 — 6, also nach Schluss der Arbeitszeit. Für
jeden neu zugehenden Kranken wird das vorgeschriebene Krankenblatt an¬
gelegt, in welches die Vorgeschichte einschliesslich der bisher geübten Be¬
handlung und der jeweilige Befund eingetragen werden. In gleicher Weise
wird bei jedem Besuch des Kranken die Krankengeschichte weitergeführt.
Ebenso werden sämtliche für später ev. wichtige Notizen vermerkt (Schreiben
an Behörden, ev. Hausbesuche etc.). Die Kranken werden, wenn ihre
weitere Beobachtung nötig erscheint, in angemessenen Zeiträumen wieder
bestellt. Erscheinen sie nicht, so werden sie zweimal schriftlich gemahnt.
Bleibt auch dies erfolglos, dann wird die Schwester zu einem Hausbesuch
hingeschickt. Meldet sich der Kranke auch dann nicht, dann wird er, soferne
nach Lage des 'Falles eine Gefahr für andere zu bestehen scheint, dem
städtischen Gesundheitsamt zur weiteren Veranlassung übergeben.
Auf welch verschiedenartige Weise die Kranken in die Beratungs¬
stelle gelangen, geht aus nachfolgender Zusammenstellung hervor:
Im Jahre 1922 wurden gemeldet durch:
Männer
Frauen
Zusammen
Krankenkasse
151
145
296
Aerzte
165
105
270
Freiwillige Meldung
147
76
223
Krankenhaus
48
S6
134
Poliklinik
49
47
96
Gesundheitsamt
28
36
64
Beratungsstelle
15
• 17
32
Angehörige
12
13
25
Militär
8
—
8
Fürsorge
. 1
5
6
624
530
1154
Die Meldung durch die Kassen erfolgt für alle Kranke, von denen
sie erfahren, dass sie geschlechtskrank Aaren oder sind, einmal durch
schriftliche Mitteilung, anderseits dadurch, dass die Kranken gleich
direkt zur Nachuntersuchung und weiteren Beobachtung gesandt wer¬
den. In gleicher Weise kommen die Meldungen vom Krankenhaus
zugleich mit der Angabe des Termins, zu welchem eine Vorladung als
nötig erachtet wird.
Erfreulich ist auch die hohe Zahl der von den Aerzten gesandten
Kranken, und legt Zeugnis dafür ab, dass das Vertrauen der Kollegen
zu der Tätigkeit der Beratungsstellen im Wachsen begriffen ist. Ein
gutes Verhältnis zu den Aerzten ist für eine Beratungsstelle Lebens¬
bedingung. Um dieses gute Einvernehmen zu erhalten, ist unbedingt
zu fordern, dass die Beratungsstelle keinerlei Behandlung vornimim,
dass auch der ärztliche Leiter in taktvoller Weise sich eines Ein¬
griffs in die Art der von dem einzelnen Arzte gewählten Bchandlungs-
massnahmen enthält. Ausserdem ist der Vorteil, welchen die prak¬
tizierenden Aerzte von der Beratungsstelle ziehen, ein sehr reeller.
Durch die ständig bis zur Heilung erfolgenden Vorladungen werden
die Kranken zur Vornahme der etwa nötigen Kuren immer wieder dem
Arzte zugeführt, dem sie sonst in der Mehrzahl der Fälle vollständig
entgleiten und zum grossen Teil ungehcilt aus der Behandlung weg¬
bleiben. Sie selbst wieder zu holen, ist dem einzelnen Arzt ja
gänzlich unmöglich. Viele Kranke suchen den Arzt schon dann
wieder auf, wenn sie nur die Vorladung von der Beratungsstelle er¬
halten. Die Meldung der Aerzte an die Beratungsstelle verfolgt ver¬
schiedene Ziele. Praktische Aerzte melden vielfach zur Vornahme
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
eingehender Spezialuntersuchungen, Fachärzte oft zur Vornahme der
regelmässigen Wassermann nschen Proben. Auch werden Kranke
angezeigt, welche ungeheilt aus der Behandlung wegbleiben.
Ein enge Verbindung besteht mit der Poliklinik, welche ihre Ein¬
träge gleich in die Krankenblätter der Beratungsstelle macht und
diese nach Beendigung der Behandlung der Stelle wieder zulcitet.
Ausbleibende Kranke werden durch die Schwester, die auch den
Dienst in der Poliklinik mit versieht, sofort namhaft gemacht und
vorgeladen.
Ebenso ist mit dem städtischen Gesundheitsamt (bzw. Sitten¬
polizei) eine Vereinbarung getroffen, wonach Kranke, die einer poli¬
zeilichen Aufsicht eigentlich nicht bedürfen, der Beratungsstelle zur
weiteren Behandlung zugewiesen werden und umgekehrt dem Ge¬
sundheitsamt diejenigen Kranken abgegeben werden, welche den An¬
ordnungen der Beratungsstelle nicht Folge leisten, und die, da sie
noch behandlungsbedürftig sind, eine Gefahr für ihre Umgebung
bilden.
Die Zahl der freiwillig sich Meldenden ist auch im Zunehmen
begriffen, ein Zeichen dafür, dass die Beratungsstelle in weiteren
Kreisen bekannt wird und Vertrauen geniesst. Meistens sind es
Kranke, welche glauben, „nur eine Kleinigkeit“ zu haben, wegen der
sie einen Arzt nicht aufsuchen wollen. Manche Syphilis des ersten
Stadiums konnte auf diese Weise einer sofortigen Behandlung zu¬
geführt werden, die sonst viel später eingesetzt hätte.
Die in der nachfolgenden Tabelle 111 aufgeführten Kranken ,mit
Lues I gehörten fast alle dieser Kategorie an.
Lues I
Männer
32
Frauen
4
Zusammen
36
Lues II
48
63
111
Lucs III
19
19
38
Lues latens
296
294
590
Menineo-Enzephalitis
4
5
9
Lues des Herzens
4
3
7
Lues cerebri
9
3
12
Tabes
19
9
28
Paralyse
1
—
1
Lues congenita
10
10
20
Gemischter Schanker
3
—
3
Gonorrhöe und Lues
20
21
41
Gonorrhöe
159
99
258
624
530
1154
Die relativ niedige Zahl der Gonorrhoiker findet dadurch ihre
Erklärung, dass diese Kranken gewöhnlich nur aus dem laufenden
Jahr stammen, während die Beobachtungszeit der Syphilitiker sich
über Jahre hin erstreckt. Die Hälfte der Kranken macht natürlich
die mit Lues latens aus. Viele dieser Kranken waren nur mit Mühe
zu weiterer ärztlicher Behandlung zu bewegen, da sie sich subjektiv
vollkommen wohl fühlten. Als sie aber auch auf der Beratungsstelle
von unparteiischer und uninteressierter Seite dasselbe hörten, was
ihnen bereits der Arzt gesagt hatte. Hessen sich fast alle wieder weitcr-
behandeln, wenn man ihnen die Folgen ihrer Handlungsweise klar¬
machte. Vielfach war leider bei den Kranken die Meinung ver¬
breitet, dass sie nur dem Egoismus der Aerzte, ihren materiellen
Interessen zum ODfer fallen sollten. Die Fälle von Lues des Herzens
und teilweise auch die von beginnender Tabes wurden erstmalig auf
der Beratungsstelle entdeckt und zu sofortiger Behandlung veranlasst.
Wenn man bedenkt, dass ohne rechtzeitige Therapie all die Kranken
dieser Kategorie sicher rasch in Invalidität geraten wären, wird man
den hohen Wert dieser Institution auch für die Versicherungsträger
erkennen.
Grundsätzlich bleiben die Kranken solange unter Beobachtung,
bis sie als geheilt betrachtet werden
können.
Eine solche
Beobach-
tungszeit zieht sich oft über Jahre
deutlich wird:
hin, wie
aus folgender Tabelle
Jahr der Meldung Männer
Frauen
Zusammen
1917 —
3
3
1918 6
8
14
1919 43
36
79
1920 77
71
148
1921 184
176
360
1922 414
236
550
624
530
1154
Wie die einzelnen Fälle behandelt wurden, geht aus nachfolgen¬
der Zusammenstellung hervor:
Männer
Frauen
Zusammen
Erledigt
447
322
769
Noch in Beobachtung
148
156
304
Nicht auffindbar
13
6
19
An auswärtige Ber.-St. gemeldet
6
7
13
An das Gesundheitsamt gemeldet
5
27
32
Der Beratung entzogen
3
9
12
Nach auswärts verzogen (wohin?)
1
3
4
Verstorben
1
—
1
624
530
1154
Aus technischen Schwierigkeiten liess sich diese Ausscheidung
nicht genau am Ende des Jahres durchführen, sondern erstreckt sich
im Endresultat bis zum Zeitpunkt der Vornahme der Statistik, also
April 1923. Die als erledigt geschriebenen Luetiker umfassen meist
solche, welche nach Vornahme einer Sicherungskur wieder negativ
befunden wurden. Ein grosser Teil derselben kommt weiterhin noch
freiwillig zu Blutkontrollen. Als erledigt betrachtet werden auch ein¬
zelne vertrauenswürdige Personen, welche sich ständig in ärztlicher
Behandlung bzw. Beobachtung befanden, ausserdem Leute, bei denen
ein Endzustand erreicht war, der sich trotz Behandlung nicht mehr
ändert (ältere Fälle von Tabes oder Lues 111). Ueber die Meldung
an das Gesundheitsamt würde oben schon gesprochen. Nach auswärts
Verziehende werden, wenn sie noch der Behandlung bedürfen, ihrer
nächstgelegenen Beratungsstelle gemeldet. 4 Kranke waren nach
auswärts verzogen, ohne dass der neue' Aufenthalt bekannt geworden
war. Es bleibt nun nur mehr ein geringer Rest von Kranken, die in
Beratung zu bringen nicht möglich war, das sind 31 oder 2,6 Proz.
Bei 19 — meist vom Krankenhaus oder den Kassen ohne feste Woh¬
nung gemeldet — war der Aufenhalt nicht zu ermitteln, sie können
also eigentlich nicht zu den Kranken der Beratungsstelle gerechnet
werden. So bleiben nur noch 12 qder 1 Proz., welche sich eigentlich
der Beratung entzogen haben — wirklich ein Erfolg, mit dein man
zufrieden sein kann und dem gegenüber man nicht von einem Fiasko I
der Bciatungsstellen sprechen kann.
Von anderer Seite werden verschiedentlich viel ungünstigere Er- ‘
gebnisse berichtet. Es ist nun von Interesse, der Frage nachzugehen,
warum hier in Nürnberg eine so günstige Entwicklung sich anbahnen
konnte, und warum dies anderwärts nicht in gleichem Maasse mög¬
lich war.
Die Gründe hierfür liegen einerseits in der Einrichtung der Be- '
ratungsstelle selbst, anderseits in der Art des Verkehrs mit dem •
Publikum.
Zur Einrichtung einer Beratungsstelle sind nur grössere Städte
geeignet. In kleineren, wo die Einzelnen sich fast alle kennen, wird
keiner freiwillig, und wenn gezwungen nur ungern zur Beratung er-
scheinen.
Wichtig ist auch die Wahl des Lokals. Ganz verfehlt dürfte es
sein, die Stelle im Polizeigebäude unterzubringen, wie es in einer bay¬
erischen Stadt der Fall ist. Eine scharfe Trennung von der Polizei j
ist ein dringendes Erfordernis, ja man muss jeden Schein einer Po- i
lizeimassnahme vermeiden. Für endgültig Widerstrebende steht
immer noch die Gesundheitsbehörde als Ultimum refugium zur Ver¬
fügung. Sonst aber muss es unser Bestreben sein, dem zwar starken,
aber immerhin etwas gröber zugreifenden Arm der Polizei möglichst !
viel Kranke zu entreissen. Auch das Gebäude einer Hautklinik ist
nicht der geeignete Platz, eben weil diese als Aufenthaltsort polizei- ,
lieh eingewiesener Dirnen eine gewisse Berühmtheit in der Stadt ge¬
wöhnlich hat und manchen abschreckt. Um es hier auch gleich zu
erwähnen: Die Vornahme von Behandlungen auf der Beratungsstelle ’
selbst ist auf jeden Fall entschieden zu verwerfen, weil ein solches j
Vorgehen die schärfste und berechtigte Gegnerschaft der praktizie¬
renden Aerzte hervorrufen wird und muss und weil ein gutes Ver- :
hältnis zur Aerzteschaft, wie bereits betont, eine Lebensnotwendig- j
keit für die Beratungsstellen bedeutet. Auserdem muss an dem Grund¬
satz der freien Arztwahl unter allen Umständen festgehalten werderf, 1
vor allem bei Geschlechtskrankheiten, wo die Wahl des Arztes Ver¬
trauenssache ist, wie bei kaum einer anderen Krankheit. Die ärzt¬
lich geleitete Beratungsstelle darf nicht den Traum der Krankenkassen
von einem Behandlungsinstitut der Verwirklichung näherbringen. Am
besten ist immer noch, wie hier, die Unterbringung in einem Privat- i
hause. Günstig wäre auch die Verbindung mit anderen Beratungs¬
stellen im gleichen Hause (Tuberkulose, Mütterberatung usw.), wo j
sich dies ermöglichen Hesse. Wir haben hier in Nürnberg eine enge
Verbindung mit der Trinkerfürsorge eingegangen, dergestalt, dass die |
Räume und das Bureaupersonal das gleiche ist. nur die Person des j
ärztlichen Leiters ist verschieden. In diesem Fall wird der Stelle doch ■
etwas von dem ominösen Charakter genommen, der ihm doch immer '
noch anhaftet.
Das Rückgrat einer gutgeleiteten Beratungsstelle ist die Ordnung j
im Betriebe des Bureaus. Es muss jeder Kranke so registriert wer¬
den. am besten in einer Karthotek. dass sein Krankenblatt jederzeit j
auffindbar ist: die Hinausgabe der Vorladungen muss entsprechend
der ärztlichen Vormerkung ganz automatisch erfolgen. Als Leiter
dieses technischen Teiles hat uns die Landesversicherungsanstalt in
der Person des Herrn Verwaltungsinspektors Dill mann eine aus- .
gezeichnete Kraft zur Verfügung gestellt. AH diese weitverzweigten .
Fäden, die zu allen möglichen Behören und Stellen laufen, müssen in :
eine selbsttätig ordnende Hand zusammengefasst werden. Dass an j
diesen Posten kein Beamter kommen darf, der recht und schlecht seine !
acht Stunden Amtszeit absitzt, liegt auf der Hand. Es muss ein Mann ,
sein, der neben peinlicher, im besten Sinne des Wortes bureaukrati- j
scher Ordnung auch eigene Initiative besitzt und gewandt im Verkehr
mit Publikum und Behörden ist. der vor allem auch Interesse für die j
Sache hat. Wenn der Tätigkeitsbereich wächst, ist eine weitere ;
Schreibkraft anzustellen. Sehr von Vorteil ist auch die Verwendung 1
einer Krankenschwester, welche schon durch ihre Tracht den Kranken i
das Vertrauen gibt, dass es sich hier um gesundheitliche Fragen dreht. !
Der rein bureaukratische Betrieb muss dem ärztlichen Leiter 1
möglichst erspart werden, damit er sich der rein ärztlichen Seite ganz
widmen kann. Am besten wird dieser aus der Reihe der in der Praxis :
stehenden Aerzte zu wählen sein, weil er als solcher am besten Ver¬
ständnis für die Interessen der Praktiker haben wird, mit denen er
doch viel zu tun haben wird. Ganz ungeeignet ist es natürlich, wenn
Hochschullehrer die Beratungsstelle durch einen jungen Assistenten
6. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
887
so nebenher mitfüliren lassen. Die Untersuchung und Begutachtung
älterer Luetiker erfordert einen allseitig durchgebildeten Arzt, der
niclit nur auf dem Liebiete der Haut- und Ueschlechtskrankheiten er¬
fahren ist, sondern der auch auf dem der inneren und Nervenkrank¬
heiten gute Kenntnisse besitzt.
Wichtig lür die gute Einführung einer Beratungsstelle ist auch die
Art des Verkehrs mit den Kranken. Schon das Eormular, auf dem die
Vorladung erfolgt, muss richtig abgefasst sein. Da man nicht weiss,
in welche Hände das Schreiben gelangen kann, wird es vorteilhaft
sein, den Zweck der Vorladung nicht ganz genau anzugeben. Auf
unserem Eormular steht nur, dass der Betreffende aufgefordert wird,
sich zu den angegebenen Zeiten auf der Beratungsstelle einzufinden
und Invalidenkarten mitzubringen. Auch das Kuvert trägt nur die
Aufschrift eines Postschliessfaches, an das der Brief, wenn unbestell¬
bar, zurückgeht. Dass in diesem Schreiben jede Drohung fehlen
muss, ist selbstverständlich. Die Schwester, welche die etwa nötigen
Hausbesuche zu machen hat, muss auch für dieses Amt die besondere
Eignung besitzen. Wer sich in ärztlicher Behandlung befindet, braucht
nicht auf die Beratungsstelle zu kommen, wenn eine Bestätigung vom
Arzt vorliegt, unter Umständen genügt auch ein telephonischer Anruf
beim Arzt.
Volladungen sollen nur erfolgen, wenn sie nötig sind. Am besten
ist es, man sagt dem Kranken gleich beim letzten Besuch, wann er
wiederkommen soll, und lädt ihn erst vor, wenn er ausbleibt. Es
muss jede unnötige Belästigung des Kranken vermieden werden;
14 tägige Besuche, wie es auf einer Beratungsstelle verlangt wird,
sind überflüssig und tragen nur dazu bei, die Beratungsstelle unbeliebt
und die Kranken renitent zu machen, so dass sie schliesslich ganz
wegbleiben. Eine oft nicht leichte Aufgabe ist es auch, den passiven
Widerstand mancher Kranker, die vorgeladen wurden, zu über¬
winden. Einzelne fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit dadurch
beschränkt, andere halten sich für vollkommen gesund usw. Hier
muss die psychische Behandlung individuell abgestuft werden und
das Vertrauen der Kranken gewonnen werden, eine Aufgabe, bei der
das übrige Personal (Ueschättsführer und Schwester) bereits im Vor¬
zimmer unterstützend nntwirken können, wenn sie, wie bei uns, das
nötige Verständnis dafür haben. Wie aus unseren statistischen Zahlen
hervorgeht, ist es uns in fast allen Eällen gelungen, die Kranken in
Beratung zu bekommen und dann in Beobachtung zu halten. Wer
einmal dagewesen ist, kommt meist regelmässig wieder.
Es erünrigt sich, näher auf den Wert der Beratungsstelle für den
einzelnen Kranken einzugehen. Die Vorteile liegen aut der Hand. Es
! wird frulizeitig eine Behandlung eingeleitet und durch die ständige
Kontrolle auch bis zum Ende durchgetührt.
So werden die schweren Spätfolgen der Syphilis immer mehr zu¬
rückgedrängt. Aus einer im Vorjahr in Nürnberg vorgenommenen
: Statistik geht hervor, dass lUProz. aller wegen Lues bei der uesann-
heit der Nürnberger Aerzte in Behandlung befindlichen KranKen an
solchen Erscheinungen litten. Weitaus die Mehrzahl derselben war
nie oder nicht ausreichend behandelt. Hieraus ergibt sich auch der
Vorteil für die Landesversicherungsanstalt selbst. Alle diese Kranken
mit Lues cerebri, Tabes, mit Syphilis des Herzens, der Augen usw.
werden früher oder später vollkommen arbeitsunfähig und fallen
selbstverständlich der Invalidenversicherung für eine lange Reihe von
Jahren zur Last. Es sind riesige Summen, welche von den Anstalten
auf diese Weise erspart werden und die das in der Unterhaltung der
Beratungsstellen investierte Kapital reichlich wieder zurückbringen.
Die Ausgaben für die Nürnberger Beratungsstelle betrugen im Jahre
1922 für den Arzt 181 807 M., für das Bureaupersonal 516 031 M., dazu
die sonstigen Ausgaben bis zur Gesamtsumme von 753 048 M. Rech¬
net man eine durchschnittliche Rente von nur 10 000 M. pro Invaliden,
so wird, wenn man nur 5 Personen pro Jahr annimmt, die Summe
bei einem Rentenbezug von 10 Jahren schon wieder gedeckt sein.
Abgesehen wird dabei von den hohen Summen, welche öffentlichen
Kassen (Krankenkassen, Ortsarmen- und Landarmenverbänden usw.)
durch die oft Jahre dauernde Aufnahme derartiger Kranker in Irren¬
anstalten, Kranken- und Siechenhäusern erwachsen.
Zweckentsprechend eingerichtet und vorsichtig geleitet sind also
die Beratungsstellen eines der vorzüglichsten Hilfsmittel im Kampfe
gegen die Ueschlechtskrankheiten und ein wirksames Organ zur
Hebung der Volksgesundheit, und das auf einem Gebiete, wo es wirk¬
lich möglich ist, etwas Tatsächliches zu erreichen, weil es sicli liier
um Krankheiten handelt, die unabhängig von wirtschaftlicher Not und
Ernährungsschwierigkeiten durch relativ einfache medikamentöse Be¬
handlung geheilt werden können. Leider kann man dies von einem
anderen Gebiet der Volksgesundheitspflege, für das sehr grosse Mittel
aufgewendet werden, nicht in gleicher Weise behaupten — die Tuber¬
kulosebekämpfung. Diese wird letzten Endes immer ein Ernährungs¬
problem bleiben. Wird man dann hier bei der Geschlechtskranken¬
fürsorge, wo uns ein sicherer Erfolg winkt, mit der Bewilligung von
Mitteln zurückhalten wollen?
Zum Schluss kann man also mit vollem Recht, entgegengesetzt
den Erfahrungen anderer Landesversicherungsanstalten, die Meinung
vertreten, dass bei Einhalt der obenerwähnten Grundsätze auch die
durch das Reichsgesetz vorgeschlagenen Beratungsstellen ebenso
günstige Resultate haben werden wie die Beratungsstelle der Landes¬
versicherungsanstalt Mittelfranken in Nürnberg.
Bücheranzeigen und Referate.
L. Krehl: Pathologische Physiologie. 12. Aufl. Leipzig, E. C. W.
Vogel, 1923. Grundpreis: 18 M., geb. 22 M.
Seit unserer letzten Besprechung in dieser Wochenschrift (Juli
1920) sind wieder 2 Autlagen des beliebten Krehl sehen Lehrbuchs
notwendig geworden. Sie haben mit der Entwickelung der Wissen¬
schaft Scnritt gehalten, manches Alte umgewandelt und Neues auf¬
genommen. Völlig umgearbeitet ist in den beiden neuesten Auflagen
die „Einführung“. Der Verfasser bekennt darin, dass er noch keine
allgemeine Krankheitslehre, wie sie ihm vorschwebe, geben könne;
er müsse sich in der Hauptsache an der bescheidenen Aufgabe der
Organpathologie genügen lassen. Aber er betont mit Nachdruck die
Notwendigkeit, nicht die Krankheit als solche, sondern den kranken
Menschen zu erforschen unter Berücksichtigung alles dessen, was der
Kranke vermöge seiner Anlage (Konstitution) in seine Krankheit
hineinbringt, und der gesamten Bedingungen, die auf den Organismus
eingewirkt haben und einwirken. Dazu gehört auch die grundlegende
Bedeutung des Ausgangsmaterials, des Keimplasmas, wie übernaupt
die in unserer Zeit in rascher Entwicklung begriffene Vererbungs- und
Konstitutionsiehre. So wertvoll die Kehre von den OrgankranKheiten
ist, ebenso wichtig ist die Korrelation der Störungen vieler, oder aller
Organe unter einander und die Betrachtung der Einheit aller Gewebe
und Zellen in der „Persönlichkeit“, ln diesem Zusammenhang brient
auch der Verfasser eine Lanze für die vielverlasterte „Philosophie der
Natur". Sie müsse — allerdings in unzertrennlicher Verbindung mit
induktiver (physikalischer und chemischer) Forschung — wieder in
ihre Hoheitsrechte eingesetzt werden.
Beim Durchblättern haben wir unter vielem anderen die bessernde
Hand des Verfassers bemerkt im Kapitel „Nervensystem“, in dem sich
ein Abschnitt über die neueren Eorschungen über das Pallidum und
Striatum und ihre Beziehungen zum Thalamus, Gross- und Kleinhirn
findet, ferner im Kapitel „Kreislauf“ in einer Stellungnahme zu den
Ursachen der hypertonie und im Kapitel „Blut“ an einer Umarbeitung
der Anämien. Bei den Störungen des Zusammenwirkens der Organe
wird neu erörtert die Trage der allgemeinen und speziellen Wirkungen
krankhaft funktionierender Zellen, eine Trage, die eben erst in Angriff
genommen ist, und die über den unsicheren Weg der biologischen
Arbeitsmethode nach Verfassers Ansicht zur chemischen For¬
schung führen muss.
Dass die 12. Auflage das in der vorhergegangenen des Raumes
wegen weggelassene und gewiss von Vielen entbehrte Register wieder
bringt, das wird von dem Leser als wesentliche Erleichterung beim
Nachschlagen nur begrüsst werden. Trotzdem und trotz vieler son¬
stiger Ergänzungen ist es der Oestaltungskunst des Verfassers ge¬
lungen, den alten Umfang des Buches beizubehalten.
Zum Schluss kennzeichnet der Verf., zurückgreifend auf seine
„Einführung“ noch einmal die allgemeinen Gesichtspunkte, von denen
das ärztliche Handeln getragen werden soll. Sein Buch solle einen
Feil der „rationellen“ Vorgänge des krankhaften Geschehens schildern,
aber die zukünftige Torschung müsse und werde auch neue Wege
finden zur Erklärung und Förderung einer zweiten Torrn des Handelns,
die schon heute die ärztliche Tätigkeit beherrscht: die Einwirkung
des im weitesten Sinne als seelisch bezeichneten Geschehens auf die
ganze Persönlichkeit, auf das Sein des Kranken.
Ein Werk, wie das vorliegende, wird wie bisher einen aus¬
gewählten Kreis dankbarer Verehrer unter den Aerzten und Torschern
finden, die ihren Beruf ernst und gewissenhaft nehmen. Und das
verdankt es neben der meisterhaften Beherrschung seines reichen In¬
halts, neben der vorsichtig abwägenden Beurteilung alles nicht voll¬
kommen Gesicherten und der Anregung neuer Tragestellungen vor
allem den idealen Zielen, denen es dienen soll, und der hohen Auf¬
fassung vom ärztlichen Berufe, die den Verfasser erfüllt.
S t i n t z i n g.
M. Rubner, M. v. Gruber, M. Ficker: Handbuch der
Hygiene. IV. Band. 3. Abteilung mit 22 Abbildungen. 478 Seiten.
1923. Verlag von S. H i r z e 1, Leipzig. Gz. 8 M., geb. 20 M.
Der neu erschienene Band enthält als erste Abhandlung die Arbeit
von Tritz Lenz über Rassenhygiene. Eine ausgezeichnete
Monographie, in der die Abgrenzung der Rassenhygiene, die Bedeu¬
tung der Erbanlagen für das Gedeihen der Individuen, für Krankheit
und Sterblichkeit, die erbliche Bedingtheit der geistigen Begabung,
die Ursachen der Entartung durch Idiokinese und ungünstige Auslese¬
verhältnisse behandelt wird. Im Schlusskapitel über Praktische
Rassenhygiene bespricht Verf. alle Vorschläge die bisher zur Ver¬
besserung der Rasse empfohlen worden sind in kritischer und sehr
objektiver Weise. Das ganze Problem hat aber, wie man sieht, seine
sehr grossen Schwierigkeiten, Es wäre wünschenswert, dass diese
gediegene Bearbeitung des gesamten Materials auch als Sonder¬
ausgabe weite Verbreitung fände.
Die zweite Arbeit über Alkoholismus stammt von
R. Wlassak. Auch dieser Artikel bringt an der Hand von
240 Literaturzitaten eine erschöpfende Darstellung der Alkoholfrage
und behandelt die physiologischen Wirkungen des Alkohols, an der
Hand von medizinischen und statistischen Erfahrungen den Einfluss
des Alkohols auf Erkrankungen und Todesfälle, die Schädigungen des
Alkohols und seine Wirkungen auf Nachkommenschaft, das Volk und
die mit dem Alkohol im Zusammenhang stehenden Verbrechen. Das
Schlusskapitel beschäftigt sich mit der Bekämpfung des Alkoholismus.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
K88
I )er dritte Abschnitt ist der Hygiene des Sexuallebens
gewidmet und von L. Bettmann bearbeitet worden. Wie es bei
dein fast unübersehbar grossen Gebiete des Geschlechtslebens nicht
anders angängig war, hat der Verf. nicht nur das hygienische Moment
herausgegriffen, sondern die ganze Frage im Zusammenhang dar¬
gestellt, so dass jeder Interessent auch seine speziellen Gebiete be-
1 iicksichtigt findet. Grosse Sachlichkeit und sehr ansprechende
Schreibweise zeichnete die Arbeit aus. Sie zerfällt in die Hygiene
der sexuellen Entwicklung, die sexuelle Hygiene der Ehe, die Be¬
kämpfung der Geschlechtskrankheiten, die gesundheitliche Ueber-
wachung der Prostituierten und in die persönliche Prophylaxe. (S. u.)
Als vierte Abhandlung folgt die von M. v.Gruber und J. K a u p
gegebene Statistik. Zunächst hat v. Gr über in geistvoller
Weise die Theorien der Statistik erörtert und macht den Leser mit
dem Wesen, den Grundregeln und der Methodik der Statistik bekannt.
Dann folgt das sog. Gesetz der grossen Zahl, die Berechnungen der
Variabilität, der alternativen Variabilität und der Korrelation und die
Darstellung der Sterblichkeitsverhältnisse. Wir finden erstmalig alles
das, worauf sich eine Statistik aufbaut in ausgezeichneter Weise dar-
gestelit und lernen dabei die Schwierigkeiten kennen, die das Problem
der Statistik einschliesst. Ueber die eigentliche Statistik gibt
.1. Kaup in dem Bevölkerungsstande und der Bevölke¬
rungsbewegung Auskunft. Zahlreiche 1 abeilen veranschaulichen
in kritischer Sichtung das Gesamtbild der Bevölkerungsdichte, der
Fluktuation in Stadt und Land, den Aufbau nach dem Alter, Geschlecht
und Religion, sodann die Bewegungen in der Eheschliessung, Ehe¬
scheidung, Geburten, Totgeburten, in den Berufen und in der Fa¬
milie und in der Säuglingssterblichkeit. Wer die Zeit abzuwägen weiss,
die statistisches Material zusammenzustellen fordert, wird die gründ¬
liche Arbeit der Verfasser genügend hoch einschätzen.
Mit diesem 3. Teil des 4. Bandes ist ein Abschnitt von hohem
sozialhygienischem Wert zu Ende geführt worden, und zwar von
Fachmännern, die auf diesen Gebieten führend sind. Es muss die Er¬
wartung ausgesprochen werden, dass die mühevolle Arbeit auf guten
Boden fällt und reichlich Früchte trägt.
R. O. Neumann - Hamburg.
Hilgertnann und Lossen: Diagnostik der Infektionskrank¬
heiten mittels bakteriologischer, serologischer, zytologischer und che¬
mischer Untersuchungsmethoden. Mit einem Anhang: Vakzine¬
therapie. Mit 73 Abbildungen und 2 Tafeln. 499 Seiten. Verlag von
Gust. Fischer, Jena. Grundpreis br. 12 M., geb. 15 M.
Es ist sehr zu begrüssen, dass sich zur Abfassung dieses Buches
ein Fachbakteriologe und ein Kliniker, beide auf ihrem Gebiet sehr
erfahren, zusammengefunden haben, der erstere als gründlicher
Kenner seines Faches, insbesondere der bewährten Methodik, der
letzere als Richtungsgebender, wohl auch Beschränkender bezüglich
der Auswahl des für die klinische Praxis Wesentlichen. Bei der
erdrückenden Fülle des Materiales bestand für einen einzelnen Autor,
entweder den Bakterio-Serologen oder den Kliniker allein, ohne Zweifel
die Gefahr des Versagens bzw. der Produktion eines praktisch oder
auch theoretisch mangelhaften Buches.
In ausgezeichnet übersichtlicher Disponierung des Stoffes und
Beschränkung auf wirklich Bewährtes und Anerkanntes bringen die
Autoren zuerst einen allgemeinen Teil (Technik der bakteriologischen
Methoden, Untersuchung der verschiedenen Körperbestandteile und
Ausscheidungen etc.). Zu begrüssen ist hier besonders, dass jede
Methodik ab ovo gelehrt wird; z. B. beginnt die Blutuntersuchung
mit der Technik der Blutentnahme, die genau so sorgfältig geschildert
wird, wie irgendeine feinere Sonderuntersuchung bakteriologischer,
serologischer oder zytologischer Art. Gerade bei diesem Kapitel
fällt die gleichmässig erschöpfende und ausgezeichnete Dar¬
stellung aller eben genannten methodischen Aufgaben auf ; ohne Abirren
auf Dinge, die mit den Infektionskrankheiten nichts zu tun haben. Wie
ausgezeichnet ist auch der Abschnitt über Untersuchung der Spinal¬
flüssigkeit! Auch hier — trotz der bekannten Polypragmasie der
Literatur — kritische Beschränkung auf das Wesentliche, so dass der
Kliniker doch den Eindruck des durchaus Erschöpfenden hat.
Nicht minder gut ist der spezielle Teil geraten. Er zeigt dieselben
Vorzüge der klaren Disponierung, der ausführlichen (auch für
den Anfänger geeigneten) Darstellung des Wichtigen und Richtigen
und der Ausschaltung strittiger und unwesentlicher Dinge. Hervor¬
zuheben ist beispielsweise das Kapitel Typhus, in dem die Unter¬
suchung des Blutes auf Bazillen, Agglutinine (Ref. möchte aber ener¬
gisch dafür eintreten, stets von G r u b e r - Widalscher Reaktion zu
sprechen!), andere Serumreaktionen und Leukozyten, alsdann die
Untersuchung der Ausscheidungen und Entzündungsprodukte, endlich
das Thema Bazillenträger abgehandelt wird. Bei der Bewertung der
Gruber-Widalprobe vermisste ich übrigens den Hinweis auf das
Neuansteigen des Agglutinationstiters ehemals Schutzgeimpfter nicht
nur auf Fleckfieber, sondern auch auf ganz alltägliche unspe¬
zifische Infekte (Grippe, Tuberkulose etc.) hin; eine praktisch nicht
unwichtige Sache.
Ganz vortrefllich scheint mir auch das Kapitel der Protozoen¬
erkrankungen, insbesondere der Spirochätosen, in der auch neueste
Forschungen (z. B. multiple Sklerose) gebührend gewürdigt werden.
Dass die Syphilis eine überaus eingehende Darstellung erfährt, ist
natürlich. Hier bewährt sich so recht die Mitarbeit des Klinikers.
Ich verweise nur auf das kritische und erschöpfende Kapitel der
Liquordiagnose.
Sehr zu begrüssen ist endlich der Anhang der Vakzinetherapie,
die — entsprechend der Aufgabe des Buches — mehr methodologisch,
als in Einzelheiten der Indikationen etc. dargestellt wird. In letzterer
Beziehung ist ja allerdings noch vieles strittig und mehr „Glaubens¬
sache“ als Faktum. Ich wünsche gerade diesem Kapitel bei der näch¬
sten, zweifellos bald folgenden Neuauflage eine gewisse Erweiterung.
Zu den vielen Vorzügen des Buches treten endlich noch gut ge¬
wählte und reichliche Litvraturangaben und eine vorzügliche Aus¬
stattung, insbesondere auch in der reichlichen Illustrierung durch
schwarze und farbige Abbildungen.
Alles in allem: ein hervorragend gutes Buch für den Kliniker
und Arzt, das aber auch den Fachbakteriologen der Human- und
Veterinärmedizin sehr interessieren und befriedigen wird.
H. Curschmann - Rostock.
H. Schottmüller: Leitfaden für die klinisch-bakteriologischen
Kulturmethoden. Urb an -Schwarzenberg, Berlin-Wien 1923.
Grpr.: 3.3 M.
Es ist das Verdienst Schottmüllers, durch systematische
Anwendung der Blutagarplatte einen Einblick in die Verschiedenheiten
der Strepto- und Staphylokokken geschaffen und die Diagnose bei
derartigen Infektionen erleichtert zu haben. Auf diesem Verfahren
baut dann auch der Leitfaden auf, der die bakteriologischen Unter¬
suchungen am Krankenbett für Diagnostik und Therapie fruchtbarer
gestalten soll. Den grössten Teil des Heftchens von 92 Seiten nehmen
„Die bakteriologischen Untersuchungen des Blutes“ ein. Entnahme
des Blutes, Züchtungsmethoden, Ergebnisse der Blutuntersuchungen
werden aus den Erfahrungen der Praxis heraus besprochen. Wertvoll
ist der Abschnitt über die Wachstumserscheinungen der einzelnen
pathogenen Bakterien des Blutes. Die Besprechung der bakterio¬
logischen Untersuchung, der Se- und Exkrcte und Organe berücksich¬
tigt in der Hauptsache die Blutagarplatte als Kulturmedium und be¬
friedigt wegen dieser Einseitigkeit nicht ganz. Der Leitfaden gibt
manche Anregung und Belehrung und kann daher den ärztlichen Stel¬
len, die bakteriologische Untersuchungen des Blutes häufiger zur Di¬
agnosestellung heranziehen müssen, nicht minder empfohlen werden
als den bakteriologischen Untersuchungsstellen. R i m p a u - Solln.
.Julius Citron: Die Methoden der Imniunodiagnostik, Immuno-
tind Chemotherapie und ihre praktische Verwertung. 4. Aufl. Georg
T h i e m e, Leipzig 1923. 353 S. Geh. 7.50 M., kart. 10.50 M.
Das gut eingeführte Lehrbuch von Citron erscheint zum
grössten Teil unverändert. Eingeflochten in den Text sind alle seit
1919 bekannt gewordenen immunbiologischen Tatsachen, die eine we¬
sentliche diagnostische oder therapeutische Bedeutung haben, so die
Ausflockungsreaktionen bei Syphilis, die Besredka sehe Methode
der Serodiagnostik der 'Tuberkulose u. a. Ebenso kommen die be¬
deutsamen Fortschritte der Chemotherapie, das Wismut, Bayer 205
und das Morgen roth sehe Eukupin zu ihrem Recht. Der in den
letzten Jahren erheblich weiterentwickelten unspezifischen Immunität
in Form der Proteinkörpertherapie wurde ein eigenes Kapitel einge¬
räumt, in dem die wesentlichen Tatsachen klar, eingehend und kritisch
behandelt werden. So ist dem Buche auch diesmal eine möglichst
weitgehende Verbreitung zu wünschen. S a a t h o f f - Oberstdorf.
Günther, Dr. Hans: Die Grundlagen der biologischen Kon¬
stitutionslehre. 136 S. Leipzig 1922. Verlag T h i e m e. Grund¬
preis: 2.10 M.
Von der geistigen Eigenart des Verfassers gibt seine Entdeckung
von „Generationsrhythmen“ Kunde: „Das Studium einer grossen Zahl
von Stammbäumen mit Vererbung sowohl dominanter als auch rezes¬
siver Anomalien . . . ergab nun, dass tatsächlich das Auftreten der
betreffenden Anomalien an bestimmte Zeitintervalle gebunden
ist,“ „Wenn wir die Zeitintervalle, in welche die anormalen Indivi¬
duen fallen, als .negative1, die andern als .positive* Phasen
bezeichnen, so finden wir, dass immer positive Phasen mit negativen
Phasen abwechseln, dass diese Intervalle gleiche Dauer, und
zwar stets die Länge von 214 Jahren, haben.“ „Der Rhythmus wird
durch denjenigen Elter bestimmt, der allein oder vorwiegend die Ver¬
erbung eines Merkmals bewirkt. Der 234-Jahre-Rhythmus beruht da¬
tier auf konstitutionellen Schwankungen des Menschen, welche nicht
an ein bestimmtes Geschlecht gebunden sind.“ „Auf diesen physio¬
logischen Hauptperioden können sich nun weitere, grössere Perioden
(Oberperioden) aufbauen.“ „Der Generationsrhythmus beträgt
hiernach genau 33 Ovulationsperioden oder 314 Fötalzeit oder 34 Sta¬
dium.“ Diese Periodenkonstruktion ist natürlich unmittelbar geistes¬
verwandt dem „Siebenjahr“ Swobodas, welches Referent bei
früherer Gelegenheit in dieser Zeitschrift besprochen hat. Anderseits
finden sich auch mancherlei beachtenswerte Ausführungen in
Günthers Büchlein. Eine Fülle von neuen Ausdrücken, Symbolen
und Formeln, von Irrtümern, Schiefheiten und Druckfehlern lassen
indessen nur bei sehr kritischen Lesern, die mit dem Gegenstand
schon einigermassen vertraut sind, überwiegenden Nutzen von der
Lektüre erhoffen. Richtiggestellt seien hier nur die Angaben über
angebliche Anschauungen des Referenten (Lenz); es trifft absolut
nicht zu, dass er den Begriff des Paratypus mit dem der phäno¬
typischen Konstitution, den des Idiotypus mit genotypischer Kon¬
stitution gleichgesetzt hätte. Auch stammen die Ausdrücke Idiotypus
und Paratypus nicht von ihm, sondern von Siemens. Bemerkt sei
b. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
889
noch, dass der Verfasser nicht etwa mit dem Philologen Hans
G ü n t h e r identisch ist, der für den Verlag 1. e h m a n n eine „Rassen¬
kunde des deutschen Volkes“ geschrieben hat. Lenz.
Geschlechtsleben und Hygiene. Erziehung — Ehe — Geschlechts¬
krankheiten — Prostitution — Persönliche Prophylaxe. (Sonderdruck
aus Handbuch der Hygiene IV. 3) von S. Bett mann. Leipzig bei
G. H i r z e 1, 1923. 132 Seiten. Gz. 2.50 M.
Mit ungemeiner Gründlichkeit ist in dem B e 1 1 m a n n scheu
Werke alles zusammengetragen, was wesentlich ist; man findet alle
Fragen, welche von Interesse sind, besprochen. Es berührt dabei sehr
angenehm, dass der Verfasser nicht darauf verzichtet, seine eigene
Ansicht auszusprechen, dass er es nicht beim blossen Referieren be¬
wenden lässt. Gerade dadurch ist die Lektüre des Buches interessant,
zumal die geäusserten Meinungen nach Ansicht des Ref. durchaus
zutreffend sind. Dass sich der Verf. auf durchaus realem Boden be¬
wegt und utopischen Vorstellungen, die ja auf diesem Gebiet leider
eine grosse Rolle spielen, abhold ist, kann als sehr erfreulich be¬
zeichnet werden; nirgends treiben so viele Weltverbesserer in und
ausserhalb von Vertretungskörpern ein solches Unwesen, wie auf dem
Gebiete der Geschlechtskrankheitenbekämpfung. Jedermann, der sich
überhaupt für die im Titel genannten Fragen interessiert, wird das
Buch mit Nutzen lesen und Belehrung daraus schöpfen.
L. v. Zumbusch.
Beiträge zur gerichtlichen Medizin. Herausgegeben von Pro¬
fessor Dr. Albin H a b e r d a. 5. Band. Festschrift zur Eröffnung des
neuen Instituts. Leipzig und Wien, Verlag von Franz D e u t i c k e.
211 S. Grpr.: 12.50 M.
Der vorliegende Band der bekannten Wiener Beiträge ist aus
Anlass des neubezogenen Instituts für gerichtliche Medizin heraus¬
gegeben worden; dieses Institut ist aus der früheren Prosektur des
Garnisonspitals Nr. 1 und aus dem bakteriologischen Laboratorium
des Militärsanitätskomitees geschaffen worden und entspricht nach
der einleitenden Beschreibung in der vorliegenden Festschrift hin¬
sichtlich seiner Zweckmässigkeit und seiner Ansgestaltung den mo¬
dernsten Anforderungen sowie auch dem Ansehen, das die Wiener
Lehrkanzel für die gerichtliche Medizin seit dem Anfang des vorigen
Jahrhunderts geniesst. Die vorliegenden, in dem Band vereinigten
15 wissenschaftlichen Arbeiten, die zum Teil aus dem Institut selbst
stammen und zum Teil aus der Feder von früheren Schülern des¬
selben, reihen sich den früheren Publikationen vollkommen würdig
an die Seite. H. Merkel- München.
B i a c h, Paul: Die Therapie an den Wiener Kliniken. Ein Ver¬
zeichnis der an denselben gebräuchlichen Heilmethoden und Rezepte.
Begründet von Ernst Land es mann. 10. Aufl. Leipzig und Wien
1923, bei D e u t i c k e. 740 Seiten 8°. Grpr.: 17 M. ungeb.
Da längere Zeit keine neue Auflage des Buches erschienen ist,
musste es in allen Teilen gründlich umgearbeitet werden. Die Rönt¬
gentherapie ist jetzt eingehend dargestellt von P o r d e s, ein neues
Kapitel über Heilquellenbehandlung von Schütz ist beigegeben. Die
Bearbeitung der einzelnen Teile ist nicht gleichwertig. Schon äusser-
lich fällt auf, dass die innere Medizin 114 Seiten umfasst, die Hals-,
Nasen- und Ohrenkrankheiten fast ebensoviel, 101, die Haut- und Ge¬
schlechtskrankheiten sogar mehr: 123. Kerschensteiner
Zeitschriften- Uebersicht.
Zeitschrift für klinische Medizin. Band 95. Heft 4 — 6.
J. Burmeister: Ueber unspezifische Protoplasmainaktivierung als
Heilfaktor, unter besonderer Berücksichtigung der Kalziumtherapie.
Die Krankheit ist der Ausdruck des Kampfes zwischen Organismus und
Noxe, zu dem es kommt durch Reaktion der Zelle auf die Noxe. Eine
Unterstützung des Körpers in diesem Kampf ist auf dreierlei Weise möglich:
Durch Ablenkung der schädlichen Einflüsse — Adsorptionstherapie, durch
Verstärkung der natürlichen, aktiven Abwehr — Reaktionstherapie und durch
Verleihung eines passiven Schutzes — Exklusionstherapie. Gelingt es durch
irgendwelche Massnahmen „die Tätigkeit der gereizten Zelle zu beruhigen,
sie zu inaktivieren“, also gewissermassen eine Schranke aufzurichten zwi¬
schen Zelle und Noxe, so ist mit dieser „Exklusionswirkung“ ein Eingriff
geleistet, der in seinem Effekt das Wesen der Protoplasmainaktivierung aus¬
macht. Unter den protoplasmainaktivierenden Mitteln spielt z. Z. das Kalzium
die Hauptrolle. Deshalb wählt Verf. das Kalzium als Beispiel für die Be¬
sprechung der Beeinflussung der gesamten Lebenstätigkeit des Organismus
durch pr.-inakt. Stoffe. An Hand eines Schemas, das in 20 Punken die
Wirkung pr.-akt. und pr.-inakt. Stoffe gegenüberstellt, wird unter ausgiebiger
Berücksichtigung der einschlägigen Literatur über die Einzelwirkungen Bericht
erstattet.
A. Loewy und H. Zondek: Ueber endokrine Fettsucht.
Gaswechselbestimmungen bei 4 Fällen hypophysärer Fettsucht und
5 weiblichen Kranken mit lokalisierter Fettvermehrung. Es findet sich keine
Herabsetzung des Ruhestoffwechsels. Der Ruheumsatz bewegt sich an der
oberen Grenze der Norm und darüber, in einem Falle bis 100 Proz. darüber.
Unter Thyreoidindarreichung in allen Fällen Steigerung des Sauerstoffver¬
brauches, dabei allgemeine Abmagerung, die aber gerade die fettleibigen
Teile verschonte. Durch direkte Bestimmung des kalorischen Umsatzes kann
das Wesen solcher Fälle daher nicht erschlossen werden. Nervöse Einflüsse
werden zur Erklärung der abnormen Fettverteilung herangezogen. Neben
einer Störung des Fettunisatzes wurde in einem Falle eine Störung des
Wasserwechsels beobachtet. Da bei dem mit Thyreoidindarreichung wieder¬
holten Wasserversuch eine erhebliche Steigerung der Diurese beobachtet
wurde, schliessen die Verf., dass die mit Wasserretention einhergehenden
Fälle von Fettsucht thyreogenen Ursprungs sind.
Annelise Wittgenstein: Endolumbale Salvarsantherapie bei svphilo-
genen Erkrankungen des Zentralnervensystems, zugleich zur Frage der
Liquorlues.
Bericht über zweijährige Erfahrungen an 40 Kranken, die mit der W e c h-
selmann-Gennerich sehen Methode behandelt wurden. Unter 300 In¬
fusionen trat kein Kollaps auf; als Begleiterscheinungen werden Kopfschmerzen
und zuweilen Schweissausbruch angegeben. 50 — 100 ccm Liquorentnahme sind
durchaus nötig. Salvarsandosis Va — 2 mg. Die Nachteile der Methode
scheinen ihre Vorteile zu iiberwiegen. Hinsichtlich der therapeutischen Er¬
folge verdient sie keine höhere Wertschätzung als die intravenöse Sa. -Be¬
handlung.
Hans Werner Wollenberg: Beiträge zur Monozytenfrage.
Die Monozyten sind eine eigene Zellart mit nahen Beziehungen zum
Endothel. Sie geben keine Oxydasereaktion. Weiteren Untersuchungen
bleibt es Vorbehalten, zu entscheiden, ob man neben der reticulo-endothelialen
auch noch eine peripher-endotheliale Abkunft der Monozyten annehmen muss.
Hans Oeller: Ueber die nosologische Stellung der Krankheitsformen
des Typhus im Rahmen der septischen Erkrankungen. Allergie und Ent¬
zündung. Ein Beitrag zur Pathogenese des Typhus.
Weder die hämatogene noch die enterogene Theorie der Typhusausbrei¬
tung vermag die verschiedenen Aeusserungsformen des Typhus befriedigend
zu erfassen. Beide Theorien sind häufig nicht in Einklang zu bringen mit dem
klinischen Bild und dem pathologisch-anatomischen Befund. Es war ein grosser
Irrtum, den pathologisch-anatomischen Befund als Gradmesser der Schwere
einer Infektionskrankheit zu nehmen; das pathologisch-anatomische Bild ist der
(u. U. fehlende) Ausdruck allgemeiner humoraler und lokalzellulärer Abwehr¬
vorgänge, die abgesehen von der Zahl und der Virulenz der Infektionserreger
wechseln mit den allgemeinen immunbiologischen Bedingungen des befallenen
Individuums. Wenn man in gewisser Analogie zur Tuberkulose den Typhus
als septische Erkrankung vom immunbiologischen Standpunkt betrachtet, ge¬
lingt es leicht und gut vereinbar mit der heutigen Lehre vom Wesen der
Entzündung, alle Krankheitsformen des Typhus auf eine einheitliche Patho¬
genese zurückzuführen.
Als Endotoxinkeim ist der Typhusbazillus zur Schleimhautoberflächen-
infektion nicht befähigt; er gelangt ins Körperinnere und erreicht einen
„Siedelungsort“, von wo eine Aussaat in Schüben oder kontinuierlich er¬
folgen kann. In immunbiologisch günstig gelagerten Fällen bleibt die In¬
fektion auf die Siedelungsherde beschränkt oder die in die Blutbahn ge¬
langten Keime werden durch die allgemeinen Abwehreinrichtungen ver¬
nichtet, so dass es zu lokalisierten, metastatischen reaktiven Prozessen gar
nicht kommt. Werden Mikroorganismen oder ihre Zerfallsprodukte nicht
völlig unschädlich gemacht, so wirken sie als Gifte und rufen Zellschädigungen
verschiedenen Grades hervor, von der Zellproliferation (schwache Giftwirkung)
bis zur Nekrose (schwerste Giftschädigung). Wird der zur Bakterienvernich¬
tung befähigte Zellapparat insuffizient, geht die aktive Zellwirkung, die im
Blut kreisenden Keime zum Haften und zu lokalem Kampf zu zwingen, ver¬
loren, so entsteht das Bild der Typhusseptikämie.
Die herdförmigen Entzündungsprodukte beim Typhus, die jetzt noch den
Mittelpunkt der Betrachtung einnehmen, stellen somit nur einen Teilausschnitt
aus dem gesamten Abwehrmechanismus dar. In vielen Fällen wird eine der¬
artige zelluläre Reaktion gar nicht nötig sein, während sie in anderen dem
befallenen Organismus nicht mehr möglich ist. Klinische Beobachtungen
werden angeführt, die den Uebergang von dem einen in das andere Stadium
| dartun; durch pathologisch-anatomische Untersuchungen wird die vor¬
getragene Auffassung gestützt.
Anton Hittmair: Das Adrenalinblutbild bei Erkrankungen der häino-
poetischen Organe.
Die Untersuchungen an Kranken mit Pseudoleukämie, Lymphosarkom,
Lymphadenosen, tuberkulösen Lymphdrüsen, chronischer Myelose, Icterus
haemolyt., essentieller perniziöser Anämie, sekundärer Anämie, Polyzythämie
ergeben, dass es weder bei Erkrankungen des lymphatischen noch des
myeloischen Systems zu einem bestimmten Ablauf der Adrenalinreaktion
kommt. Zur Funktionsprüfung und Diagnosenstellung ist der Adrenalinversuch
ungeeignet.
Walter Eliassow: Ueber den Einfluss der Mono- und Polysaccharide
auf den Blutzucker.
Systematische vergleichende Untersuchungen an 12 Diabetikern, die durch
Behandlung zuckerfrei geworden waren. Es wurden gleichwertige Mengen
von Glykose, Lävulose, Weizenmehl und Inulin gereicht. Ein starker Anstieg
des Blutzuckers wurde beobachtet nach Glykose- und Weizenmehlgabe, ein
merklich geringerer nach Lävulosedarreichung; Inulin erhöhte den Blutzucker¬
spiegel gar nicht.
J. E. Holst: Studien über die alimentäre Glykosurie.
Bei der Urinprobe mit Benedicts Reagens und Alrauns Reagens
reduzierte der Harn nach zuckerreichen Mahlzeiten bei 31 von 159 Kranken
mehr oder minder stark.
R. Niemeyer: Intravenöse Traubenzuckerinfusionen und Blutzucker
bei Herzkranken.
Hypoglykämie als Symptom der Kardiodystrophie fand sich unter
63 Herzkranken nur einmal, bei allen übrigen (darunter 7 Kranke mit Angina
pectoris und 17 mit Myodegeneratio cordis) war der Blutzucker zwischen
70 und 120 mg-Proz. Eine den Einspritzungstag überdauernde Hyperglykämie
wurde niemals beobachtet. Therapeutischer Wert ist der Zuckerinfusion nicht
beizumessen; in einigen Fällen wurde eine vorübergehende Euphorie beob¬
achtet, in anderen traten nach der Infusion starke Beschwerden auf.
Hans Eisenstädt: Zur Frage der Theorie und praktischen Brauch¬
barkeit von W 1 d a I s häinoklastischer Krise.
Verf. lehnt die von W i d a 1 gegebene theoretische Begründung der hämo-
klastischen Krise ab und schliesst sich der Meinung F. Glasers an. der
auf Grund seiner Beobachtungen in der hänioklastischen Krise eine Art
anaphylaktischen Schocks sieht. Eigene Untersuchungen über den Ablauf der
Kurven für den Bluteiweissgehalt, den Blutdruck, die Leukozytenzahl und
-Verschiebung nach Milchmahlzeit überzeugen den Verf. von der praktischen
Unbrauchbarkeit der W i d a 1 sehen hämoklastischen Krise für die Diagnostik
der Leberkrankheiten.
Julius Rother: Zur Kritik der Blutharnsäurebestimmung.
Bei der Ueberprüfung der von F o 1 i n und W u angegebenen Bestim¬
mungsmethode der Blutharnsäure stellt sich heraus, dass beträchtliche Anteile
890
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
der Blutharnsäure mit dem Eiweisskoagulum niedergerissen werden. Es fehlt
an einer Methode, die den wahren Harnsäuregehalt eiweisshaltiger Flüssig¬
keiten quantitativ zu bestimmen gestattet.
Fritz Breuer: Beiträge zur biologischen und klinischen Bedeutung der
Staiagmone.
Stalagmone = oberilächenaktive Harnkolloice, kolloidale und semi¬
kolloidale Stoffe sind vermehrt bei Entzündungen, Tumoren, Leber- und
Nierenschädigungen, intra graviditatem. Nach der von S c h e in e n s k y an¬
gegebenen Methodik wurden bei 50 Kranken (darunter 16 Ulcus ventriculi
und 16 Ca ventriculi) die stalaginomelrischen Werte festgestellt. Die stalag-
mometrischen Quotienten sind normal in allen Ulcusfällen, sie sind erhöht in
allen Fällen von Ca ventriculi. Mit der Grösse des Tumors wächst die Er¬
höhung des stalagmometrischen Wertes: ein Tumor von Kirschgrösse fängt
erst an, sich in dieser Hinsicht bemerkbar zu machen. Eine gewisse differen-
tialdiagnostische Bedeutung ist der Methode, besonders in zweifelhaften
Fällen, nicht abzusprechen.
Heinrich Higier: Endemie dysalimentärer Osteoarthropathie, Osteo¬
malazie und Spätrachitis und ihre Stellung zur neuen Lehre von den Vitaminen
oder Nutramliien.
Spätrachitis und Frühosteomalazie sind zwei nahe Verwandte, wenn nicht
dieselbe Krankheit; sie sind gleich hinsichtlich ihrer Symptomatologie, ihres
Verlaufes, sowie ihrer therapeutischen Beeinflussbarkeit. Sie bilden die
Mittelglieder einer Kette von Krankheitsbezeichnungen für dasselbe Leiden,
das wir beim Föt Chondrodystrophia congenita, beim alten Individuum Osteo-
malacia senilis nennen. Bei beiden Leiden können wir pathologisch-anatomisch
regressive und reparatorische Vorgänge unterscheiden. Aber mit dem Alter
des befallenen Individuums werden die Wucherungsprozesse, die Osteophyt-
bildung und die Störungen der endochondralen Ossifikation immer weniger
lebhaft; dafür rückt mit dem Nachlassen der allgemeinen Wachstumsenergie
die Osteoporose immer mehr in den Vordergrund. Pathogenetisch sind Spät¬
rachitis und Osteopathie wahrscheinlich identisch. Sie sind die Folge¬
erscheinung eines „Partialhungers“, sie verdanken dem Fehlen eines wich¬
tigen Ergänzungsstoffes, des sog. lipoiden Vitamins, ihre Entstehung.
G6za Hetönyi: Die Funktionsprüfung der Leber mittels gleichzeitiger
Bilirubinbestimmungen im Blutserum und in der Galle.
Die Bestimmungen wurden mit dem Autenrieth sehen Kolorimeter
ausgeführt. Der Vergleichskeil ist mit einer roten Testlösung unbekannter
Zusammensetzung gefüllt, deren Farbton nicht immer mit dem des zu unter¬
suchenden Serums übereinstimmt. Die Resultate der Untersuchungen bei
Leberzirrhose, Lues hepatica, Ca hepatis, Icterus catarrhalis, Cholelithiasis.
Herzkrankheiten, perniziöser Anämie und an Normalfällen ergeben keine ein¬
deutigen, differentialdiagnostisch sicher verwertbaren Befunde.
Ad. M. Brogsitter - München.
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie.
Band 36, Heft 2 — 4. Jena 1923, ü. Fischer.
Heft 2/3. W. Gold Schmidt (I. Chir. Klinik Wien): Einige Be¬
merkungen über akute Colitis pseudodysenterica, postoperative Magen-Darm¬
blutungen und Geschwürsbildung.
Die genannten Erscheinungen lassen sich auf gemeinsame Ursachen,
nämlich Zirkulationsstörung und Nervenschädigung, zurückführen; sie treten
auf nach Traumen, verschiedenen Erkrankungen und Operationen. Dieselbe
Schädigung kann je nach ihrem Grade und nach der lokalen Disposition zu den
verschieden genannten Störungen führen, z. B. das retroperitoneale Hämatom
zur Pseudodysenterie (oft mit echter Ruhr verwechselt), oder zu Obstipation
und Ileus. An Hunden Hessen sich ähnliche postoperative Erscheinungen
erzeugen,
E. Kirch und E. Stalin ke (Path. Inst. u. Chir. Klinik Würzburg):
Pathologisch-anatomische, klinische und tierexperimentelle Untersuchungen
über die Bedeutung des Soorpilzes für das chronische Magengeschwür.
Unter 37 Ulcusmägen fand sich das Oidium albicans nur 6 mal; Mägen
mit multiplen Ulzera waren nicht bevorzugt. Der Pilz blieb auf die ober¬
flächlichsten, aus totem Material bestehenden Geschwürsschichten beschränkt.
Im Hundeexperiment war ©ine pathogene Eigenschaft desselben nicht er¬
kennbar. Er ist in der Regel also ein zufälliger, harmloser Saprophyt. Aus¬
nahmsweise mag bei echter Soorerkrankung in Mund, Schlund oder Speise¬
röhre auch der Magen metastatisch beteiligt werden.
Eugen F r a e n k e 1 - Hamburg: Ueber Cholecystitis typhosa.
Nach seinen histologischen Untersuchungen glaubt Verf., dass der
Typhusbazillus wohl in einer kranken, aber nur ganz ausnahmsweise in einer
gesunden Gallenblase schwerere Veränderungen hervorrufen kann. Was ihr
Hineingelangen betrifft, so ist nur soviel sicher, dass sie mit dem Gallen¬
strom eingeschwemmt werden können. Die Cholezystektomie bei Typhus¬
bazillenausscheidern hält er nur dann für berechtigt, wenn die Gallenblase
nachweislich erkrankt ist, was keineswegs der Fall zu sein braucht.
E. Grafe und E. v. Redwitz (Chir. und Med. Klinik Heidelberg):
Ueben den Einfluss ausgedehnter Strumaresektionen auf den Gesamtstoff¬
wechsel beim Menschen.
4 von 11 Kranken mit gewöhnlicher Struma zeigten nach Entfernung der
Schilddrüse ein vorübergehendes erhebliches Absinken des Stoffwechsels.
Fälle mit vorher erhöhtem Stoffwechsel zeigten lange eine entsprechende Er¬
niedrigung. Die Ergebnisse erweisen die Berechtigung der weitgehenden Re¬
duktion der Schilddrüse mit Unterbindung der 4 Arterien.
Hennig und Schütt (Chir. Klinik und Path. Institut Halle a. S.): Ein
Fall von diffusem, kavernösem Hämangiom des Mastdarmes.
Bei dem jungen Manne bestand ein angeborenes kavernöses Lymph¬
angiom am Knie und ein wahrscheinlich ebenfalls angeborenes diffuses
kavernöses Hämangiom des Mastdarmes. Die Blutungen aus letzterem hatten
zu schwerer sekundärer Anämie geführt, waren aber bis kurz vor dem Tode
für hämorrhoidale gehalten worden.
Fritz Schulze (Chir. Klinik Berlin) : Skelettveräuderungen als Ursache
von Verkalkungen.
Bei einem 16 jähr. Mädchen mit schwerer chronischer Osteomyelitis eines
Femur und eines Humerus zeigte sich im Röntgenbild Verkalkung der Gefässe
an Rumpf und Extremitäten und zwar gerade an den kleinen Verzweigungen
am deutlichsten. Dem gesteigerten Kalkbedürfnis der osteomyelitischen Kno¬
chen, die im Eiter Kalk verlieren, entspricht eine Kalkverarmung auch der
entfernteren Knochen. Dementsprechend ist der Kalkspiegel im Blut erhöht
(,, Kalkaushilfe“). Bei der erwähnten Kranken war die Kalkausscheidung
durch chronische Nephritis gestört. — Aehnliche „Störungen des Umbaues“
zeigte ein 11 jähr. Knabe, bei dem der Blutkalkgehalt vermehrt, der Knochen¬
abbau gehemmt und der Anbau gesteigert war (Albers-Schönberg-
sche „Marmorknochen“). Es fanden sich Kalkeinlagerungen unter der Haut,
in Sehnen, Gefässen, auch Koronararterien, in der Magenschleimhaut, in
Lunge, Niere usw. Im Anschluss an die V i r c h o w sehe Theorie von den
„Kalkmetastasen“ erörtert Verf. die theoretischen Gesichtspunkte.
B. Breitner (I. Chir. Klinik Wien): Studien zur Schilddrüsenfrage.
Verf. zeigt die Wege, auf denen man das morphologische Substrat der
Kröpfe mit der funktionellen Tätigkeit in Einklang bringen kann. Diese
Wege sind in den folgenden Arbeiten der Eiseisberg sehen Klinik be¬
schritten. Jede Aenderung der Schilddrüsenfunktion zieht entsprechende
Schwankungen im gesamten innersekretorischen Ring nach sich (pluriglandu¬
läre Erkrankung). Gesteigerte und verminderte Sekretbildung (Kolloid) ist
der gesteigerten oder verminderten Abfuhr gegenüberzustellen. Der Zustand
der Sekretionszellen der Drüsenschläuche und die Kolloidmenge sind der
Ausdruck der jeweiligen Funktionsphase. Das Kolloid ist der Wertmesser
für die Abfuhr, ist unfertiges Sekret, das erst durch Jodierung ausfuhrfähig
wird. Das Adenom nimmt als Geschwulstbildung eine Sonderstellung ein.
Aetiologisch unterscheidet Verf. die endogenen und die exogenen Strumen.
Aus der funktionellen Diagnose leitet er die prognostischen und therapeuti¬
schen Richtlinien ab. Alle endugen durch Sekretabfuhrbehinderung bedingten
Strumen sind durch Jodgabe weitgehend beeinflussbar. — Die Arbeit erörtert
das Schilddrüsenproblem nach den verschiedensten Richtungen und enthält
eine Fülle von Anregungen für die weitere Forschung.
R. Demel, St. J a t r o n und Ad. W a 1 1 n e r (I. Chir. Klinik Wien) :
Beziehungen der Ovarien, Nebennieren und des Thymus zur Thyreoidea bei
Ratten.
Experimentelle Studie. Verfolgt wurde die Wirkung der Ovariektomie
auf die Schilddrüse (Kolloidvermehrung) und Nebenniere, ferner die Wirkung
der Tliymusimplantatiion auf Nebenniere (hemmend) und Schilddrüse, sowie
die Wirkung beider Operationen zusammen (Umbau der Schilddrüse), auch
bei trächtigen Tieren, ferner unter Hinzufügung einseitiger Vagusreizung bzw.
Exstirpation einer Nebenniere.
F. Starlinger (1. Chir. Klinik Wien): Physikalisch-chemische Unter¬
suchungen zum Schilddrüsenproblcm.
Es wurden die Dispersitätswerte (Fibrinogenbestimmungen) von Schild¬
drüsenarterien- und -venenblut vor und nach der Operation verglichen. Die
Schilddrüse hat die Fähigkeit und Aufgabe, die Plasmadispersität zu ver¬
feinern; das entsprechende dissimilatorische Hormon ist jedoch kein spe¬
zifisches Schilddrüsensekret, sondern es handelt sich um abiurete Umbau¬
körper im intermediären Eiweissstoffwechsel, bedingt durch ein energetisches
Moment katalytischer Natur. Die Ueberspannung dieser Funktion durch
dauernd gesteigertes Angebot grobdisperser Eiweissalkaloide führt zu funk¬
tioneller Hypertrophie, Struma. Für viele Strumen erscheint die länger
andauernde Eibrinogenanreicberung im Plasma — ohne exogene Noxe als
genügende Erklärung.
St. Jatron (1. Chir. Klinik Wien): Die Bedeutung des Chvostek-
schen Phänomens für die postoperative Tetanie.
Das Fazialisphänomen als Zeichen einer postoperativen Tetanie fand sich
bei 23 von 71 Strumen; 14 mal auch vor der Operation, meist bei Rezidiv¬
strumen. Nach Thyreoideaimplantation verschwand es vorübergebend. Nach
der Operation trat es zwischen 1. und 9. Tag auf, ziemlich oft einseitig oder
stärker auf der einen Seite; es überwogen jugendliche Kranke und solche
mit eutrophisch-hyperrhoischer Struma. Als erste Ursache ist Epithelkörper¬
chenschädigung anzunehmen, doch haben wahrscheinlich auch die Wechsel¬
beziehungen zu Thyreoidea und anderen innersekretorischen Drüsen Einfluss.
E. Just (I. Chir. Klinik Wien): Die postoperative Temperatur nach
Strumektomlen.
Adenomkröpfe zeigten in 80 Proz. afebrilen, Parenchymkolloidstrumen in
76 Proz. febrilen postoperativen Verlauf. Letzterer wird so erklärt, dass das
operative Trauma den Abbau hochwertiger Eiweisskörper bewirkt, die in
ihren Endphasen das Wärmezentrum erregen. Das Fieber führt zum rascheren
Abbau des Restkolloids und stellt die innersekretorischen Verhältnisse
wieder her.
H. Homma (I. Chir. Kliink Wien): Kropfform und Jodwert.
Die höchsten Jodwerte zeigten die diffusen Kolloidstrumen des eutrophisch-
liyperrhoischcn Typus. Adoleszentenstrumen und jüngere hatten sehr geringe
Jodmengen. Adenome sehr geringen oder keinen Jodgehalt. Die funktionell
hochwertige Drüse ist jodrcich, die unterfunktioniereude Speicherdrüse jodfrei.
V. Orator und H. Pöch (I. Chir. Klinik Wien): Vorversuche zu
einer konstitutionell-somatischen Kennzeichnung verschiedener Krankheiten,
insbesondere des Kropfes.
Die Untersuchungstabelle enthält 1. eine anthropometrische Messungs¬
tabelle, 2. die Anamnese (Erblichkeit, konstitutionell wichtige funktionelle
Befunde), 3. klinischen Status mit Hervorhebung aller konstitutionell wichtigen
Merkmale. Vorläufig ergab sich hinsichtlich der Kröpfe, dass die eutrophische
Kolloidstruma häufiger grazil gebaute Astheniker befällt, während die Ar¬
thritiker zu Schilddrüsenadenomen disponiert zu sein scheinen.
E. Gold und V. Orator (I. Chir. Klinik Wien): Ueber Kropfform
und -funktion.
Der Charakter der diffusen Struma = Hyperplasie ist grundverschieden
von dem der Adenome = Geschwülste. Bezeichnet man die Kröpfe je nach
ihrem Kolloidgehalt (Resultante zwischen Produktion und Abfuhr) als hyper-,
eu- und hyporhoisch, und je nach dem Zustand des Epithels als hyper-, eu-
und hypotrophisch, ferner je nach dem Zustand des Stromas (Interfollikulär¬
gewebes) als normostromisch und dysstromisch (degenerativ verändert), so
ergibt sich folgende Einteilung: 1. diffuse Kolloidstruma, häufigste Form;
meist neben reichlichster Kolloidanhäufung keine auffallenden Epithelatrophien,
aber umschriebene Zylinderepithelwucherung und Follikelneubildung in Form
flacher Polster — Struma eutrophica (selten hypotrophica) hyporhoica normo-
stromica; 2. Basedowstruma, diffus, papillär wuchernd, kolloidarm = Struma
hypertrophica hyperrhoica, 3. Adoleszentenkropf, zur alten „diffusen paren¬
chymatösen“ Form gehörig, kolloidarm oder meist kolloidfrei (gesteigerter
Kolloidbedarf des Organismus), deutlichste Gliederung in Läppchen: teils
solide, in Follikel auflösbare Bläschen, teils verzweigte, drüsenschlauchartige
Hohlräume. Epithel hochkubisch bis zylindrisch, Follikelwand nur wenig ge¬
faltet, fast nirgends Papillen. — Für das Adenom ist neben dem Mangel eines
Läppchenaufbaues der Degenerationszustand des Interfollikulärgewebes be¬
zeichnend. Die Entartung entwickelt sich entweder in fibrös-interstitieller
oder kolloid-zystischer Richtung.
r>. Juli 1923.
MÜNCH liNPR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
891
V. Orator (I. Chir. Klinik Wien): Neue Gesichtspunkte in der Be¬
urteilung der pharmakodvnamischen Funktionsprüfung.
Versuche mit Adrenalin und Pilokarpin. Bei Menschen mit hochwertiger
Schilddrüse (Basedow, diffuser Parenchymkropf, diffuse eutrophische Kolloid¬
struma) zeigt sich rasche Resorption und damit starke Allgemeinreaktion,
während bei unterwertiger Schilddrüse (ältere Knotenkröpfe) bei schwacher
Allgemeinreaktion eine deutliche Lokalreaktion auftritt. Nach der Operation
ist das Verhalten umgekehrt, die Allgemeinreaktion ist bei Adenomen ver¬
stärkt. bei diffusen Kröpfen abgeschwächt.
Heft 4. Daniel Schuster (Chir. Klinik Heidelberg): Experimentelle
Untersuchungen über lokale bakterielle Entzündungsvorgänge, insbesondere
über die Chemotaxis.
Versuche an Meerschweinchen und Kaninchen zeigten, dass die Eiterbe¬
schaffenheit abhängt vom Grade der Leukozytenauswanderung, vom Grade
und der Beschaffenheit der Exsudation und von der Virulenz der Bakterien:
I je stärker letztere, desto geringer die Emigration. Für Tetanusbazillen haben
die Leukozyten grosse, für Tetanussporen viel geringere Empfänglichkeit.
Letztere wird durch Tetanusgift aufgehoben. Theoretische Ueberlegungen
i zur Wirkung der prophylaktischen Antitoxingabe.
C. Roesebeck (Chir. Abt. d. städt. Krankenhauses Siloah zu Han¬
nover): Auskultatorische Befunde bei der Untersuchung des Bauches.
Bei Kindern bis zum 13. — 14. Jahre hört man das Ateingeräusch und die
Herztöne physiologischer Weise, die Herztöne bei einer grösseren Anzahl
normaler Erwachsener, das Atemgeräusch bei Zuständen mit Darmblähung
(Entzündungen. Unwegsamkeit).
FT. Schoening (Städt. Krankenhaus Erfurt): Ueber einige postopera-
tive Komplikationen und ihre Entstehung. Zugleich ein Beitrag zur Konsti-
(utionsfrage.
Besprechung einiger „personspezifischer" Komplikationen, die von der
Konstitution des Operierten abhängen, mit Beispielen: Schock, postoperative
I Darmparese. Darmparalyse (Atonie). akute Magendilatation. Durchfälle (kon¬
stitutionelle Achylie, Vagotonie), trophisobe Störungen: Dekubitus. Binde¬
ge websanomalien: Adhäsionen, Ankylosen. Keloide, Thrombosen und Embolien
(Thrombophilie, Gefässschock).
Grueter (Chir. Univers.-Klin. Köln-Lindenburg): Ueber ein objektives
Symptom bei zerebralen Läsionen (Ohrlidschlagreflex nach Bruno Kisch).
Der Kischreflex (kurzer Lidschlag bei kalorischer oder taktiler Reizung
der tieferen üehörgangteile oder des Trommelfells) findet sich physiologisch
bei Ohr- und Nervengesunden. Ein- oder doppelseitiges Fehlen oder Herab¬
setzung deutet auf sichere Veränderung des Zentralnervensystems. Der
Reflex ist daher wichtig für Begutachtung Schädelverletzter.
Sicgm. A u e r b a c h - Frankfurt a. M.: Neurologisches und Chirur¬
gisches zur Neurochirurgie.
Verf. mahnt zu möglichst schonendem Vorgehen bei allen Manipulationen
am Gehirn und Rückenmark; wo vermeidbar, sind sie zu unterlassen. A. gibt
strenge Indikationen für die diagnostische Lumbal- und Hirnpunktion (Technik;
K e e n scher Punkt für Seitenventrikclpunktion). Nach Hirnpunktion ist der
Hirndruck zu überwachen, man muss zur Trepanation gerüstet sein. Indika¬
tionen zur Dekompressionstrepanation, zum Balkenstich, Okzipitalstich. Rat¬
schläge für die Lokaldiagnostik der Hirngeschwülste und ihre operative Frei¬
legung. Gebrauch von Hammer und Meissei wird verpönt, ebenso die Bauch¬
lage wegen Gefahr der Atmungslähmung; Alkoholinjektionen bei Trigeminus¬
neuralgie wird abgelehnt.
E. Murr (Chir. Klinik Rostock): Zur Beeinflussung des Wasserver¬
suches durch extrarenaie Faktoren. Nachprüfung der von Gundermann
und D ü 1 1 m a n n bei Ulcus und Carcinoma ventriculi gefundenen ..schlechten“
Wasserversuche.
„Auf der Deutung eines jeden Wasserversuches lastet das Dunkel einer
Menge von Fehlerquellen, die im Einzelnen nicht jedesmal feststellbar sind."
M. fand den Ausfall der Versuche so verschieden, dass er die Unterscheidung
des Ulcus vom Karzinom mit Hilfe des Wasserversuches und der Kochsalz¬
ausscheidung für unmöglich hält.
Yuzo Hara (Chir. Klinik Bern): Untersuchungen über die pathologische
Phy siologie des Kropfes mittels der A s h e r sehen Methode der Empfindlich¬
keit der Ratte gegen Sauerstoffmangel.
Ratten ohne Schilddrüse sind weniger empfindlich gegen Sauerstoff¬
mangel; bei Zufuhr von Schilddrüsensekret, welches den Stoffwechsel (Ei¬
weisszerfall) anregt, wird die Empfindlichkeit der Ratte gegen Sauerstoff¬
entzug unter der Glasglocke gesteigert. Daher wurde weissen Ratten Kropf¬
substanz per os, Blut aus der Ellbogenvene gesunder und kropfiger Menschen
und Schilddrüsenvenenblut von Kropfträgern subkutan einverleibt und das
Verhalten gegen Sauerstoffentzug beobachtet. Die Aktivität von Kropfgewebe
nahm vom Basedowkropf über den Kolloid- und parenchymatösen zum Kre-
tinenkropf ab. Das Schilddrüsenvenenblut des gewöhnlichen Kropfes war
aktiv, das des Kretinen inaktiv, das Armvenenblut von Kolloidkropfträgern
schwach aktiv, bei parenchymatösem und Kretinenkropf inaktiv. Dass das
Blut von Kretinen mit knotigem parenchymatösem Kropf, noch mehr das von
Kretinen mit atrophischer Schilddrüse das Sauerstoffbedürfnis der Ratte berab-
setzt, spricht für eine entgiftende neben der stimulierenden Funktion der
Schilddrüse.
Yuzo Hara (Chir. Klinik Bern): Die Wirkung des Jods auf den respira¬
torischen üaswechsel.
Rattenversuche wie in der vorhergehenden Arbeit. Beim Kretinen mit
Kropf aktiviert Jodzufuhr sowohl das Schilddrüsenvenenblut wie die Kropf-
substanz. Jod zusammen mit Normalmenschenseruni hat im Durchschnitt eine
leichte Steigerung des Sauerstoffbedürfnisses der Ratte zur Folge; Serum
Scliilddrüsengesunder wirkt am 1. Tage nach. Jodkalikur. am 3. nicht mehr.
K. La qua (Chir. Klinik Breslau): Ein Beitrag zur Kenntnis der Neben¬
nierenfunktion.
Nach Entfernung von 1 + J4 Nebenniere beim Menschen wurde in den
ersten Tagen erhebliche Blutdrucksteigerung beobachtet, die absoluten Leuko¬
zytenwerte waren bei relativer Lymphozytenverminderung vorübergehend
erhöht. Grashey - München.
Zentralblatt für Chirurgie. 1923. Nr. 24.
K r o n a c h c r - München: Ueber kurzdauernde Narkosen mit Aether und
Chloräthyl.
Verf. sieht im Aetherrausch ein prompt wirkendes und völlig gefahrloses
Betäubungsmittel, das für kleine bis mittelgrosse Operationen sich vorzüglich
eignet. Vom Chloräthyl kann man dies nicht behaupten; bei ganz harmlosen
Eingriffen sind schon üble Zufälle, sogar Todesfälle vorgekommen; deshalb
sollte es zur Narkose überhaupt nicht mehr benützt werden. Nach Aether¬
rausch sind bis jetzt in der Literatur Todesfälle noch nicht verzeichnet worden!
J. Clemens-Bonn: Beitrag zur Verbesserung der Allgemeinbetäubung
mit einer neuen Narkosenmaske. (D.R.P.)
An der Hand von 2 Abbildungen beschreibt Verf. seine neue Metallmaske,
welche die Dosierung und gute Uebcrwachung der Narkose erleichtert, für
alle Narkotika sich eignet, für gute Ventilation sorgt, indem gesonderte Ein-
und Ausatmungsvent'ile vorhanden sind und endlich die Abkühlung der
Inspirationsluft einschränkt.
J. iP fo i 1 i p o w i c z - Czernowitz: Fall von Herz- und Atemlähmung bei
hoher Rückenmarksanästhesie, durch Herzmassage gerettet.
Verf. erlebte bei einer Nephrektomie nach Eröffnung des Abdomens bei
einem elenden 65 jährigen Kranken im Anschluss an eine hohe Rückenmarks¬
anästhesie mit Stovain-Sirychnin Stillstand von Herz und Atmung. Dadurch,
dass Verf. von der Operationswunde aus durch das Zwerchfell hindurch eine
typische Herzmassage ausführte, begann wieder regelmässige Herz- und Atem¬
tätigkeit sich einzustellen, so dass die Operation glücklich beendet werden
konnte. Dieser Fall zeigt die Gefährlichkeit der hohen Rachianästhesie bei
kachektischen Personen.
J. Philip owiez- Czernowitz : Vereinfachte Lokalanästhesie zur
Operation der Fissur und der Hämorrhoiden.
Mit Kokainmiischung nach Schleich spritzt Verf. in der Mittellinie
2 Querfinger hinter dem Analrand um und in den Sphinkter und dann intra.-
und subkutan gegen den Analrand zu ein und kann dann schmerzlos die sonst
so schmerzhafte Sphinkterdehnung bei Analfissur vornehmen. Zur Entfernung
der Hämorrhoiden spritzt er in jeden einzelnen Knoten nacheinander 3—5 ccm
der Schleich sehen Lösung. Liegen die Knoten nicht vor, dann erfolgt
zuerst die Anästhesierung zur Dehnung des Sphinkters. Diese beiden
Methoden hat Verf. an mehr als 500 Fällen ohne üble Zufälle und ohne Ver¬
sager ausgeführt.
P f e i 1-S c h n e i d e r- Schönebeck a. Elbe: Fall von Hermaphroditismus
verus alternans unter dem Bilde einer Hodenverlagerung.
Verf. schildert ausführlich einen Fall von Hermaphroditismus verus auf der
rechten Seite, der stärkere Beschwerden machte und unter dem Bilde einer
Hodenverlagerung zur Operation kam. Dabei zeigte sich, dass es sich um
einen normalen Eierstock mit Eileiter und Gebärmutter handelte. In dem
Hodensekret Hessen sich niemals Spermatozoen nachweisen. Nach der
Operation schloss sich der 17 jährige Kranke mehr an seine Kameraden an
und zeigte nicht mehr die einstige Abneigung gegen das weibliche Geschlecht.
H. A. Grüter-Köln: Zur Behandlung der durch hohe Dünndarmfistein
entstandenen Bauchdeckenekzeme.
Zur Heilung der durch Dünndarmfisteln entstandenen lästigen Ekzeme
empfiehlt Verf. Tierkohle, die früh und abends aufgestreut rasch das Ekzem
zum Verschwinden bringt.
Abrashanow - Ekaterinoslaw: Geschlossene Methode der Ignipunktur
bei der Therapie der tuberkulösen Gelenke.
Die vom Verf. geübte zugedeckte Ignipunktur besteht darin, dass er vor
der Ignipunktur durch einen Hautlappen die Gelenkkapsel eröffnet, dann die
ganze Oberfläche des Gelenkes mit dem Paquelin durchbrennt und zuletzt die
ganze ignipunktierte Oberfläche mit dem Hautlappen bedeckt. Diese Methode
schützt die Haut und verhütet eine von aussen eindringende Sekundärinfektion.
O. B e c k - Frankfurt ä. M.: Schlussbemerkung zum sog. Aktionsstrom
der granulierenden Wunde. (Zu Nr. 7, 1923.)
Verf. setzt kritisch auseinander, dass der von Melchior und R a h tri
bezeichnete „Aktionsstrom“ als Aktionsstrom der granulierenden Wunde gar
nicht nachgewiesen wurde; ebensowenig haben sie eine ausreichende Er¬
klärung für den von ihnen gefundenen Strom erbracht.
E. Heim- Schwoinfurt-Oberndorf.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 24.
R. M e y e r - Berlin : Ueber Epidermoidalisierting (Ersatz des Schleim¬
epithels durch Plattenepithel) au der Portio vaginalis Uteri nach Erosion, an
Zervikalpolypen und in der Zervikalschleimhaut. Ein Beitrag zur Frage der
Stückchendiiagnose und des präkanzerösen Stadiums.
Häufig wird Schleiinepithei an Portio und Polypen durch atypisches
mehrschichtiges Plattenepithel ersetzt. Die Entscheidung, ob es sich um
präkanzeröses Stadium handelt, kann der Pathologe allein nicht geben, obwohl
Lubarsch dies nochmals neuerdings betont. Nur die klinische Erfahrung
kann lehren, ob derartige Bildungen zu blastomiatösem Wachstum führen. Auf
Grund der sich in seiner Person vereinigenden reichen histopathologischen
und klinischen Erfahrungen warnt Verf. vor vorschneller Verwendung der
Bezeichnung „präkanzerös“. Insbesondere sind die Polypen fast durchgängig
gutartig. Derartige, pathologisch noch nicht einwandfrei sich als Karzinom
charakterisierende Fälie können erst dann vielleicht als präkanzerös bezeichnet
werden, wenn man einmal weiss, welche andere Momente (Disposition usw.)
noch hinzutreten müssen, um solche Bildungen, die der Mehrzahl nach gemäss
der klinischen Erfahrung nicht bösartig werden, zu destruktivem Wachstum
zu bringen. Umfangreiche, mit Abbildungen versehene Arbeit.
P. Rissmann (Hebammensoliule Osnabrück): Ueber maschinelle und
Handkompressioii der Aorta in der Geburtshilfe.
Verf. empfiehlt statt des maschinellen sein Handkompressorium, das zu
wenig beachtet sei und besonders auch von den Lehrbüchern nicht erwähnt
werde. Seine Anwendung sei weniger schmerzhaft als die des maschinellen
und genüge für fast alle praktischen Fälle. Die Uteringefässe hören oft schon
vor der Femoralis zu pulsieren auf.
E. O p i t z - Freiburg: Zur Technik der Wendung.
„Der Streit, welchen Fuss man bei dorsoposteriorer Querlage zur
Wendung nehmen soll, ist müssig." Verf. lehrt, den Fuss zu nehmen, den man
gerade erfasst hat. Da bei Tiefertreten docli schliesslich das herunter¬
gezogene Bein führender Teil wird, ist die Gefahr, dass der Rücken hinten
bleibt und der Steiss sich hinter der Symphyse einhackt, praktisch sehr
gering. Bei Schwierigkeit hole man, wenn nicht besondere Umstände cs
verbieten, den zweiten Fuss herunter. Das Auffinden des theoretisch „rich¬
tigen“ Fusses ist für den Anfänger auch oft zu schwierig.
J. Schiff mann (Bettina-Stiftungspavillon W'ien): Ist der prophylak¬
tische Kaiserschnitt beim engen Becken berechtigt? (Zur gleichnamigen Ver¬
öffentlichung E. W. Siegels in Heft 3 u. 4, Bd. LXII der Mschr. f. Geb.
u. Gyn.)
#92
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
Neben den Kaiserschnitt aus absoluter und relativer Indikation tritt der
prophylaktische bei betontem Wunsche der Mutter nach lebendem
Kinde und relativer Unwahrscheinlichkeit weiterer Graviditäten, so besonders
erschwerter Konzeption und höherem Alter; enges Becken ist also nicht aus¬
schlaggebend. Die Sectio ist eben sicherer als jede andere Methode, besonders
auch als Hebosteotomie, zur Gewinnung eines lebenden Kindes. Auseinander¬
setzung mit Siegel.
E. Frey (Univ.-Fraucnklinik Zürich): Die gleichzeitige Unterbrechung
der Schwangerschaft und Tubensterilisation auf abdominalem Wege
Vor Sellheim hat schon der Chef des Verf., W a 1 1 h a r d. 1912 bei
der die Gravidität verbietenden tuberkulösen und Herzerkrankung aut
abdominalem Wege gleichzeitig die Gravidität unterbrochen und sterilisiert.
Da die Narkose bei diesen Leiden schädlich ist. wurde neben 36 in Allgemein¬
narkose ausgeführten Operationen 16 mal mit bestem Erfolge in Lokal¬
anästhesie operiert. Verf. empfiehlt daher dieses Verfahren. Bis zum 3. Monat
schüesst die Züricher Klinik an die digitale Ausräumung bei Lungenerkrankung
die Röntgenkastration an, die sie als nützlich zur Ausheilung der
Tuberkulose erachtet. Robert K u h n - Karlsruhe.
Klinische Wochenschrift. 1923. Nr. 24.
M. Rose nfeld -Rostock: nie Lokalisation der Grosshirnfunktionen,
Uebersichtsaufsatz. It, . ..
Pr. W. M ü 1 1 e r - Tübingen: Form und Lage des menschlichen Magens
nach neuen Untersuchungen. ..
Verf. erörtert zunächst, ob der Schatten des «Magens überhaupt die
Formen des Magens (Syphon- oder andererseits Stierhornform) richtig wieder¬
gibt. Aus den Ergebnissen an 6 lebensfrisch mit Formalin injizierten Leichen
Hingerichteter kommt Verf. zur Folgerung, dass es eine Stierhornform des
Magens überhaupt nicht gibt; das Röntgenbild täuscht eine Form vor. welche
dem Magen selbst niemals zukommt, sondern nur dem Magensohatten ent¬
spricht Die bezeichnete Form ist nur das Kennzeichen für eine bestimmte
Stellung des Magens bei der Durchleuchtung oder Aufnahme. Die Röntgen¬
methode ist für sich allein überhaupt nicht imstande, ein zuverlässiges Bild
des Organs zu liefern. u
Th. F a h r - Hamburg-Barmbeck: Kurzer Beitrag zur Frage des Myx¬
ödems und der pluriglandulären Insuffizienz.
Die beiden Fälle von Myxödem bei Erwachsfenen. welche Verf. imtteilt.
waren durch eine chronische Thyreoiditis hervorgerufen. Die schleichende
Forin letzterer äusserte sich in den beiden Fällen „durch Verkleinerung und
den Mangel an Verwachsungen mit der Umgebung“. Bei verspäteter Dia¬
gnose kann aus der , reparablen Schilddrüseninsuffizienz eine irreparable pluri¬
glanduläre Insuffizienz werden.
F. R o s e ti t h a 1 und M. v. Falken hausen - Breslau : Ueber eine
quantitative Bestimmung der Glykocholsätire und 1 aurocholsäure in der
menschlichen Duodenalgalle.
Vortrag auf der diesjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft tur
innere Medizin in Wien.
A. Heyn und Th. M e s s t o r f f - Kiel: Ueber die W i d a 1 sehe Leber-
funktionsprüfuns» an Schwangeren. ...
Diese Prüfung ergibt bei einem Drittel der Fälle in den letzten Gravi¬
ditätsmonaten ein positives Resultat, was man aber auch durch Kohlehydrat¬
nahrung erzielen kann. Als eine Methode zur Funktionsprüfung der Leber
kann die Reaktion nicht angesehen werden. Der positive Ausfall, zum
mindesten der Grad des Leukozytensturzes, ist von der Höhe des Atifangs-
wertes der im peripheren Blut kreisenden Leukozyten abhängig. Ein gleich¬
starker Leukozytenabfall wurde bei gynäkologisch kranken Frauen mit Leuko¬
zytose festgestellt. Die Erklärung für den positiven Ausfall der Reaktion liegt
wahrscheinlich in einer Verteilungsleukopenie. Veränderungen in der
Stabilität der Plasmakolloide scheinen gleichfalls eine Rolle zu spielen.
E. E. P r i b r a m - Giessen: Konstitutionspathologie und Prolapsfraee.
An 490 Frauen mit Prolaps wurden in 447 Fällen ausgesprochene Zeichen
konstitutioneller Minderwertigkeit gefunden, so dass offenbar ätiologische
Beziehungen zwischen diesen Zuständen anzunehmen sind, wie Verf. weiter
darlegt. Mit der gynäkologischen operativen Behandlung des Prolapses darf
daher die Behandlung nicht beendigt sein. Die Widerstandsfähigkeit des
Körpers gegen äussere Einflüsse muss gehoben werden. Wichtig ist auch die
Frage der Berufswahl.
K. H e 1 I m u t h - Hamburg-Barmbeck : Untersuchungen über Indlkanämie
am Ende der Schwangerschaft.
Nach den Ergebnissen des Verfassers liegt der Indikanspiegel im Blut¬
serum am Ende der normal verlaufenden Schwangerschaft nicht höher, als im
nichtgraviden Zustande. Das ergab sich nach der Methode Rosenberg-
R ü b s a tn c n an 38 Fällen. Wieweit pathologische Schwangerscbafts-
zustände hierin eine Aenderung bringen können, lässt sich nach dortigem
Material noch nicht sagen.
Ph. K i s s o f f - Sofia-Heidelberg: Ueber Behandlung der Sänglings-
dyspepsle mit Yoghurt.
Wenn die Yoghurtmilch nach bestimmtem, im Artikel angegebenen Ver¬
fahren gleichmässig hergestellt wird, kann sie als passende Dyspepsienahrung
verwendet werden. Auch aus anderen Sauermilcharten lassen sich nach dem
Prinzip der antibakteriellen Diät gleichwertige Nahrungen hersteilen.
A. W a 1 I g r en - Gothenburg: Der Arzt als Ansteckungsquelle bei Polio¬
myelitis. ..
Mitteilung eines einschlägigen Falles, wo Verf. selbst als Virustrager
ernstlich in Betracht kain.
H. S c h ä f c r - Altona : Ein Fall von nichttropischer Sprue.
Grassmann - München.
Deutsche medizinische Wochenschrift.
Nr. 24. E. M a n g o I d - Ereiburg i. B.: Die Muskelliärte.
Beschreibung des „Sklerometers“ zur objektiven Bestimmung der
Muskelliärte.
W. L i p s c h i t z. - Frankfurt a. M.: Die Bedeutung der Gewebsatmung
fiir klinische Fragestellungen.
A s c h - Breslau: Obstipation als Frauenleiden.
Die Obstipation ist namentlich bei Frauen und Mädchen ein sehr häufiger
Zustand, begünstigt u. a. durch verschiedene unzweckmässige Lebensgewohn-
heiten gerade der Frauen. Für die Behandlung kommt daher in erster Linie
die vernünftige Regelung dieser Lebensgewohnheiten, insbesondere die regel¬
mässige Bedachtnahme auf die Stu'hlentleerung, geeignete Ernährung u. dgl.
in Betracht, wobei Abführmittel besonders zu vermeiden odeT nur im Aus-
nahmefail zu gebrauchen sind.
O. Grütz-Kiel: Extragenitale Syphilisepidemie unter holsteinischen
Landarbeitern. . , „ . _
Nicht weniger ais 15 Personen erkrankten an extragenitaler Lues grössten¬
teils der Rachenorgane. Die Infektion ist höchstwahrscheinlich auf einen
genital infizierten Arbeiter zurückzuführen, die Uebertraguivg erfolgte wahr¬
scheinlich durch gemeinsame Benützung des Ess- und I rinkgeschirres.
K. K o v a c s - Szegeditt: Der Wert der Senkungsreaktion der roten Blut¬
körperchen bei Inneren Erkrankungen.
Bei Gesunden (ausgenommen Gravidität) kommt beschleunigte Senkung
nicht vor, sie weist deshalb auf krankhafte Vorgänge hin; bei manchen Krank¬
heiten scheint die Senkung auch verlangsamt zu sein. Bei Tuberkulose spricht
die Beschleunigung für einen aktiven Prozess, dauernde und fortschreitende
Beschleunigung ist prognostisch ungünstig. In der Differentialdiagnose
zwischen Magen-Darmgeschwür und Krebs spricht die Beschleunigung in
letzterem Sinne. Bei entzündlichen Prozessen und Infektionen gibt sic
Anhaltspunkte für die Schwere und Ausbreitung der Krankheit.
B. M e n d e 1 - Berlin: Eine Lcberfunktlonsprriifung mittels intravenöser
Plilorrliizininiektion.
M. verwertet die Ausscheidungsdauer des intravenös gegebenen
Phlorrhizins (0,005 g). das bei Gesunden und Leberkranken bereits nach
einigen Minuten Glykosurie bewirkt. Bei Gesunden hält die Glykosurie
40—60 Minuten, bei Leberkranken länger, bis zu 2 Stunden, an. Diuretiker
und Nephritiker sind für die Probe auszuschiliessen,
D. K 1 i n k e r t - Rotterdam: Ueber die Bedeutung des Hautjuckens als
Anfangssvmptom des allergischen Schocks.
H. G öd de -Honnef a. Rh.: Ueber Reaktionen bei Ouarzlampenbestrah-
inng Lnngentuberknlöser.
Die Quarzlampenbestrahlung Lungentuberkulöser ist keineswegs gefahr¬
los. insbesondere ist es unrichtig, . dass Lungenblutungen eher günstig be¬
einflusst werden sollen. Die nicht selten erfolgende Allgemeinreaktion mit
Fieberanstieg und die Erscheinungen der Herdreaktion mahnen entschieden zur
Vorsicht und schränken zumal die ambulante Behandlung ein.
R. Rolrbach - Bremen : Erfahrungen mit der K 1 1 n g m ii 1 1 e r sehen
Terpentintherapie. .
Das Olobintin unterstützt oft wirksam, etwa gleichwertig mit der
Vakzine- oder Proteinkörpertherapie, die lokale Behandlung vieler Hautleiden
(Pyodermie, Furunkulose, manche Ekzemformen, Trichophytie, Akne. Lupus
exulcerans, Skrophuloderma u. a.).
A r j e f f - Petersburg: Ueber die Tuberkulinbehandlung des Bronchial¬
asthmas.
Erfolge waren nicht oder nur im mässigen Grade und vorübergehend zu
verzeichnen.
G. A b e 1 s d o r f f - Berlin: Ein weiterer Fall von Optochlnainblyople mit
chorioretinalen Degenerationsherden.
Nach 3 mal 0.25 Optochin. hydrochlor. erfolgte seinerzeit Erblindung
beiderseits, von welcher auch später noch beträchtliche Sehstörungen zurück¬
blieben. Diese toxische Wirkung auf Sehnerv. Netzhaut und Aderhaut kommt
nur dem Optochin zu und verbietet die innere Darreichung des wasserlöslichen
Präparates.
F. L o e w e n li a r d t - Charlottenburg: Ueber die „Helfenberger Kal-
züuminiektion“. ein neues Präparat zur intravenösen Kalktheraple.
Bei gleichem therapeutischen Wert hat das Mittel vor dem Kalzium¬
chlorid den Vorzug völliger Reizlosigkeit auch bei nicht einwandfreier Technik
der Injektion.
A. A I e x an d e r - Berlin: Die unblutige Heilung der Hämorrhoiden nach
Boas.
A. empfiehlt die Methode von Boas als die zweckmässigste für alle
Formen der Hämorrhoiden. Berge a t - München.
Medizinische Klinik. Heft 24.
,E. Joel -Berlin: Kokainismus.
Eindrucksvolle Darstellung dieser modernen Sucht, wobei auf Grund von
Schilderungen der Kranken die psychischen Formen und Stadien der Ver¬
giftung umrissen werden.
Umfrage über die Anwendung und den Nutzen der Bluttransfusion.
Der Herausgeber fasst die Antworten einer Reihe von chirurgischen und
Frauenkliniken zusammen, die auf einen Fragebogen eingelaufen waren. Im
wesentlichen werden die Anzeichen zum Eingriff bei akuten sekundären
Anämien gesehen; andere Indikationen gelten nur vereinzelt. Bei der
Methodik und den Sicherungen gegen Nebenwirkungen zeigen sich mehrfache
Verschiedenheiten. Das Verfahren von Oeh lecker wird allgemein be¬
vorzugt.
F. Munk -Berlin: Die Chagaskrankheit.
Fortsetzung und Schluss des vielseitigen Reiseberichtes, der als Ganzes
auch hinsichtlich wirtschaftlicher und nationaler Fragen zu denken gibt.
M. Weiss-Wien: Die Behandlung der Lungenblutung.
Empfehlung der Kampfertherapie: 6 — 10 ccm 25proz. OL camph. subkutan
wirkt gewöhnlich sicher und rasch, der Erfolg hält fast immer mindestens
12 Stunden an.
G. He rrman - Prag: Kasuistischer Beitrag zu den Hvpophvsentumoren.
Krankengeschichte und Sektionsbefund eines Falles mit hervortretenden
psychischen Erscheinungen.
U n v e r r i c h t - Berlin: Ist die P o n n d o r f sehe KutanimpSiing ein un¬
gefährliches Verfahren? .
Verf. hat mehrfach unangenehme Nebenwirkungen vor allein in Gestalt
von starken Herdreaktionen gesehen (3 Krankengeschichten als Beispiele) und
muss die gestellte Frage verneinen.
P. Klein-Prag: Ueber einen seltenen Fall von Darniverschluss.
Tödlicher Obturationsileus durch 2 Baryumsulf;flsteinc nach Kontrast¬
füllung des Darmes.
F. T u r a n - Franzensbad: Die Wirkung intravenös verabreichten Kaliums
auf das erkrankte menschliche Herz.
Die Versuche des Verf. legen es nahe, zur Herabsetzung der Erregbarkeit
das Kalium bei Tachykardie, Vorhofflattern und Vorhofflimmern entweder
allein oder in Verbindung mit Kalzium anzuwenden.
R. Kobes: Die Ausstossung eines Geschosssplltters an der Eplglottis-
wurzel.
Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
S93
6 Jahre nach der Verwundung an der linken Halsseite erfolgte die
spontane Entbindung.
H. T r a u s n e r - Knittelfeld: Ein Fall von Luxatlo genu mit Einwärts¬
rotation der Patella um 180 Orad.
Blutige Reposition.
E. J. C r a m e r -Berlin: Klinische Erfahrungen über die Wirkung von
„Cigll“ bei erhöhtem Blutdruck.
(iünstige therapeutische und prophylaktische Wirkung.
H. W e i s e - Berlin : lieber Verodigcn intravenös.
Schnelle und intensive Digitaliswirkung bei sparsamem Gebrauch.
W. S e i f f e r t - Freiburg i. B.: Neue Untersuchungen über den Charakter
des d ’ H e r e 1 1 e sehen Phänomens.
Neuartiger Versuch einer Erklärung.
H. E n g e 1 - Berlin: Arthropathia tabica in einem verletzten Fussgelenk
als mittelbare Unfallfolge anerkannt. S.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 17 u. 18.
L. As her- Bern: Eine neue Lehre von der Unermüdbarkeit des will¬
kürlichen Muskels und das Problem der autonomen Innervation desselben.
.Mit einer besonderen Versuchsanordnung, die möglichst physiologische
Bedingungen gewährleistete, konnte Verf. an Kaninchen nachweisen. dass bei
Anwendung tetanisierender Reize in bestimmter Frequenz auf eine kürzere
Periode der „Anfangsermüdung“ eine 4 — 6 Stunden dauernde Periode relativer
Unermüdbarkeit folgt (darüber hinaus wurden die Versuche bisher nicht aus-
ged6hnt). Selbst bei einer Belastung des M. gastroenemius mit 600 — 700 g
konnte eine langdauernde relative Unermüdbarkeit festgestellt werden. Trat
auf eine langdauernde tetanische Kontraktion ein Abfall der Kurve ein. so
genügte es, wieder auf eine rhythmische Frequenz der Tetanie zirka jede
dritte Sekunde zurückzukehren, um die alte Unermüdbarkeit wieder zum
Vorschein zu bringen. Es besteht also eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit
der Muskulatur bei physiologischer Reizung. Beim Kaltblüter (Frosch) zeigte
sich eine wesentliche Steigerung der Unermüdbarkeit bei Erwärmung des
Tieres, wahrscheinlich infolge Beschleunigung des Ablaufes der Restitutions¬
vorgänge und Begünstigung der Diffusion von schädlichen Stoffwechsel¬
produkten. Die Ermüdung der Muskeln beim Menschen muss also ihren
Sitz im Zentralnervensystem haben; diesem bzw. der Impulsgebung in ihm
ist eine noch höhere Bedeutung als bisher beizumessen. Auch bei Tieren,
bei denen die gesamten sympathischen Nerven der Extremität entfernt, die
zerebrospinalen motorischen erhalten waren, ergeben die Versuche die
gleiche Unermüdbarkeit. Durchschneidung der hinteren Wurzeln, also voll¬
ständige Desensibilisierung, führte zu späterem Auftreten von Ermüdung;
ebenso wirkte Azetylcholin, ein parasympathisch reizendes Gift.
G o o d - Münsingcn: Dauerausscheider von Typhusbazillen und deren
chirurgische Behandlung.
Interessante Darstellung des anfangs fruchtlosen Kampfes gegen den
Typhus in einer Irrenanstalt (1908 — -1919 ca. 40 Fälle, davon 9 mit tödlichem
Ausgang, in 3 Jahren Erkrankung von 17 Wärterinnen!). Schliesslich wurden
durch Gruber-WidaLReaktion und Stuhluntersuchung die Dauerausscheider zum
Teil herausgefunden und 15 von ihnen operiert. Trotzdem dauerten die
Infektionen fort, weil offenbar nicht alle Dauerausscheider unschädlich ge¬
macht waren. Erst nach Einführung der Impfung (sie war anfangs von
den Behörden abgelehnt, weil die Kosten ca. 100 Fcs. betrugen!!) hörten
die Erkrankungen beim Personal völlig auf, verminderten sich bei den
Kranken.
C. Arnd-Bern: Dauerausscheider von Typhusbazillen und deren chi¬
rurgische Behandlung.
Verf. gibt zunächst einen Ueberblick über die Literatur, aus dem die
Häufigkeit der Dauerausscheider, ihre Gefährlichkeit, Erfolge und Misserfolge
der medikamentösen Therapie ersichtlich sind und berichtet dann über
15 Fälle aus der Irrenanstalt Münsingen, bei denen er die Gallenblase ent¬
fernte. In 8 von 10 Fällen verschwanden nach der Operation die Bazillen,
zweimal traten nachträglich im Stuhl Paratyphusbazillen auf, trotzdem in
der Gallenblase und im Stuhl Typhusbazillen in Reinkultur vorhanden waren.
Unter 10 Typhusausscheidern war 4 mal die Gallenblase steril, unter 5 Para¬
typhusausscheidern dreimal. Nur 8 Kranke von den 15 hatten Steine in der
Blase (einmal steril). Die Operation ist als letzter Versuch zulässig, ihr
Erfolg aber zweifelhaft.
A. H o 1 1 i n g e r - Basel: Zur Wirkungsweise des Schwefels.
Der Schwefel wird im Darm zu Schwefelwasserstoff reduziert: dieser
bindet Schwefel zu Pölysulfiden, die sich umlagern und leicht S. abspalten,
lin biologischen Geschehen wirkt Schwefel als Wasserstoff-Akpepton (W i e -
Und) in dem er sich zu Schwefelwasserstoff reduziert. Er scheint dadurch
eine grosse Rolle spielen zu können bei Oxydationsprozessen im Organismus,
speziell beim Abbau gewisser saurer Stoffwcchselprodukte.
A. Mül ler -Bern: Ueber Pocken.
Beobachtungen an ca. 300 Fällen, die durchweg leicht verliefen,, ihrem i
Verlauf nach als Variolois zu bezeichnen sind. Kontinuierliche Entwicklung
des Ausschlags, nicht schubweise wie bei Varizellen. Enanthem immer erst
nach Entwicklung des Ausschlages an der Haut, wie isoliert am harten
Gaumen. Der Hauptunterschied gegen Varizellen ist in der viel derberen
Konsistenz der Eruptionen zu suchen, sie sind hart, hellkugelig, kreisrund,
die Varizellenpusteln dagegen lassen sich mit Leichtigkeit ausdrücken. Die
Verteilung des Exanthems lässt sich für die Diagnose nicht verwerten.
Nr. 18.
C 1 a i r m o n t - Zürich: Der lymphangitische Halsabszess.
An Hand von 3 Fällen beschreibt Verf. eine Form des Halsabszesses, der
klinisch der Strumitis suppurativa gleicht, als lymphangitischer Abszess auf-
/ufassen ist, sich im unteren vorderen Halsabschnitt zwischen Schilddrüse und
Muse, sternocleidomastoideus, unter der mittleren Halsfaszie, dorsal von den
kleinen Halsmuskeln ausbreitet. Die Prognose ist bei Inzision günstig.
Jentzer Ma'rkovic und Raskin: Traiteinent de la tuberciilosc
au moyen du Gamelan. Schluss folgt.
T i e c h e: Einige differentialdiagnostische Bemerkungen über Variola vera.
modifizierte Pocken beim Nichtgeimpften und Varizellen.
Verf. gebraucht die Bezeichnung Variolois für die modifizierten Pocken
beim früher Geimpften und bezeichnet als primär modifizierte Pocken oder
Variola modificata die Form der Krankheit, wie sie seit 1921 epidemisch in
der Schweiz sich ausbreitete. Charakteristisch ist die grosse Gutartigkeit der
Erkrankung und das oft sehr spärliche Exanthem, so dass die Abgrenzung
gegen Varizellen oft grosse Schwierigkeiten machte. Es ist aber kein Zweifel,
dass es sich um echte Pocken handelt, eine Abart der Variola vera. Nach¬
impfungen bei nicht geimpften Varizellenfällen waren immer positiv, während
der Pustelinhalt von Varizellen immer negative Kutanreaktion und negative
Paul sähe Reaktion gab. Fehlendes Prodromalfiebcr und Fieberschübe
während der Exanthemausbreitung sind charakteristisch für Varizellen, die
im übrigen in Zürich of tein schwereres Krankheitsbild machten als die gleich¬
zeitig beobachteten Pocken. Grosses Gewicht legt Verf. auf die Ausbreitung
des Exanthems; auch bei diesen modifizierten Pocken die gleichmässige.
gesetzmässige Entwicklung des grössten Teiles der Effloreszenzen. besonders
Befallensein des Gesichtes und der Extremitäten (an diesen zentrifugale An¬
ordnung), sehr wenig an Brust und Abdomen. Sehr charakteristisch ist ferner
das Derbe, Harte der Effloreszenzen, die sich nicht abwischen lassen wie die
Varizellenblasen. Rosettenformen sind nicht charakteristisch. Irritationen
führen bei Pocken zu deutlicher Häufung des Exanthems, bei Varizellen viel
weniger.
S. Chapuis: Contributlon ä l’etude du Rachitisme.
Fehrmann: Septacrol. Experimentelle und klinische Erfahrungen.
Septacrol ist eine Silberdoppelverbindung mit Brillantiphosphin, wobei
das Silber in liondisperser Form verteilt ist. Verf. sah gute Wirkung als
Desiinfiziens hauptsächlich lokal in Lösung oder Streupulvre bei eitrigen
Prozessen (Furunkel, Wunden, Angina, Stomatitis). L. J a c o b - Bremen.
Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie. Band XII,
Heft 1. Zürich 1923. Verlag Orell Füssli. (Auswahl.)
van V a 1 k e n b u r g - Amsterdam: Zur Psychologie der Aphasie.
Ausgehend von der Erfahrung, dass durch vaskuläre Herde bedingte
Sprachstörungen sich zum Studium der Aphasie unter Umständen mindestens
ebensogut wie durch Kopfschuss entstandene eignen, falls der Gefässver¬
schluss in der Aphasieregion ein Gehirn trifft, das sonst in guten Ernährungs¬
und Kreislaufverhältnissen sich befindet und dessen Träger im relativ jugend¬
lichen Alter steht, erörtert Verf. einen solchen Fall, den er im Residuärstadium
während vieler Monate klinisch beobachten konnte. Die Abweichung der
29 jähr. gebildeten Kranken, die, nach vorausgegangener Venenthrombose einen
Beines im Anschluss an Ovarialzystenoperation, plötzlich bewusstlos wurde
und beim Erwachen, nach 24 Stunden, völlig aphasisch war, bot bei guter
Disposition dem gewöhnlichen Beobachter kaum etwas Auffallendes, zeigte
aber in derselben guten Verfassung bei tieferem Eindringen mannigfache
Unterschiede sowohl expressiver wie rezeptiver Art gegenüber dem normalen
Verhalten: Singen war unmöglich, die Auffassung erschwert, die Reaktion
auf Reizworte sehr verlangsamt; Folge der erschwerten Auffassung ist die
verminderte Merkfähigkeit. Der ganzen Symptomatologie lag ein embolischer
Vorgang im Bereich der linken Arteria fossae Sylvii zugrunde; die dadurch
verursachte „Betriebsstörung“ hat sich, wie aus des Verfassers Schilderung
hervorgeht, auf ein grosses Gebiet der psychischen Wirksamkeit ausgedehnt
und stellt eine Hypofunktion zerebraler Mechanismen dar, zu deren Ver¬
ständnis die Berücksichtigung der chronogenen Funktionslckalisation nach
Monakows Darlegungen notwendig ist, weil sie in rein anatomischem
Sinne nicht zu erklären sind (siehe v. Monakows „Diaschisislehre“. ine
„Neue Gesichtspunkte in der Frage nach der Lokalisation im Grosshirn“.
Bd. 54 d. Zschr. f. Psychol. 1909. Ref.)
Franziska und Eugen Minkowski: Probleme der Vererbung von
Geisteskrankheiten auf Grund von psychiatrischen und genealogischen Unter¬
suchungen an zwei Familien.
Die beiden Verfasser besprechen ausführlich die Resultate vieljähriger
Untersuchungen in zwei, umfangreiches Material liefernden Familien. Was
sie bringen, beweist, dass auf diesem Gebiete sich der Forschung ein frucht¬
bares Arbeitsfeld öffnet, in dessen Verfolg viele wichtige Fragen sowohl
der Psychiatrie als auch des Lebens und Wirkens der Menschen überhaupt
gelöst werden könnnen. Die grosszügig angelegte und durchgeführte Arbeit
schildert eingehend Ausgangspunkt und Methode der Untersuchungen, die
biologischen und sozialen Probleme der Erblichkeitsforschung und die aus
diesen sich ergebenden psychiatrisch-klinischen Fragestellungen.
Pick: Sprachpsychologische und andere Studien zur Aphasielehre.
Die linguistischen Massenerfahrungen an Gesunden bahnen das Ver¬
ständnis an für die Individualexperimente, die die Natur an Aphasischen
macht: Das Studium verschiedenartiger Sprachmischungen, aus deren Konflikt
der Verlust der Grammatik resultiert, lässt den Gedanken als_ richtig er¬
scheinen, dass der Telegrammstil des Motorisch-Aphasischen in seiner Sprach-
not begründet ist, weil ihm die geläufige Münze der Wendungen, Formeln,
kleinen Redeteile nicht zur Verfügung steht. Der ethnische Agrammatismus
stimmt mit dem pathologischen völlig überein.
F o r e I - Waldau-Bern: Masochismus und Kleptomanie.
Die allgemeine Ansicht, Masochismus führe nicht zu Konflikten mit dem
Strafgesetz, sowie die geringe Zahl der publizierten Fälle von weiblichem
Masochismus veranlassen F. zu seiner Mitteilung: die Kleptomanie des Falles
ist als unbewusst ersonnenes Mittel aufzufassen, strafrechtliche Konflikte zu
erzwingen, um die masochistische Befriedigung zu erlangen. Die Klepto¬
manie ist das Mittel, der Masochismus das Treibende, die sexuelle Befriedi¬
gung das Ziel, das Ganze auf hysterischem Boden.
Zum Schlüsse kommt ein Aufruf verschiedener Bibliotheken der Schweiz,
es möchten für die valutaschwachen, sprachverwandtcn Bibliotheken in
Deutschland und Deutschösterreich wissenschaftliche Bücher und Zeitschriften
abgegeben werden. Die Verteilung erfolgt durch die Notgemeinschaft der
deutschen Wissenschaft in Berlin und „Arnba“ in Wien.
Richard B 1 u in nt - Hof (Saale).
üesterreichisclie Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 24. H. F i n s t e r e r - Wien: Zur chirurgischen Behandlung des nicht
resezierbaren Ulcus duodeni. (Magenresektion zur Ausschaltung des Ulcus.)
Siehe Bericht M.m.W. 1923 S. 792.
L. N e u m a n n - Agram: Zur Frage der Magenlues.
Krankengeschichte eines Falles. Wahrscheinlichkeitsdiagnose. Wegen
der lebhaften Beschwerden Resektion mit Gastroenterostomie. Dann anti¬
luetische Kur. Heilung.
G. Hummer- Wien: Eine neue Methode der Phimosenoperation mit
plastischer Erweiterung des Inneren Blattes des Präputiums.
A. E i s e 1 s b e r g - Wien : Gedächtnisrede auf W. C. v. Röntgen.
894
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 27.
Wiener medizinische Wochenschrift.
Nr. 21. H. E. K e r s t e n - Münster (Westf.): Ueber Fleckfieber und seine
Behandlung mit kolloidalen Silbermitteln.
Günstige Wirkung auf Temperaturverlauf und Allgemeinzustand durch
intravenöse (event. tägliche) Injektionen von 5 ccm einer 5 proz. Kollargol-
lösung oder 5 ccm Fulmargin.
Nr. 20/22. H. E. Hering- Köln: Nervöse Herzstöruneen.
Nr. 23. H. Katz-Wien: Ein Fall von Geburtsbehinderung durch fötale
Zystenleber und Zystennieren. B e r g e a t - München.
Vereins- und Kongressberichte.
Aerztlicher Bezirksverein Erlangen.
Sitzung vom 15. Februar 1923.
Herr J a m i n und Herr S t e 1 1 n e r: Ernährung. Leistung und Wachs¬
tum. (Mit Krankenvorstellung.)
J a in i n bespricht an der Leitung einer schematischen Aufstellung die
mannigfaltigen Faktoren, die bei der Beurteilung von Ernährungs- und Wachs¬
tumsstörungen berücksichtigt werden müssen. Im Mittelpunkt stehen die
Lebensbedingungen und -erscheinungen der Zelle mit Stoffaustausch. Aufbau
und Abbau, Osmose, Quellung, Elektroosmose, Leben, Reizerscheinungen und
Ted. Dieses Zelleben wird bestimmt durch konstitutionelle Faktoren
(Erbanlage, Alterszustand), die '.m Körperverband sich auswirken durch
chemische Wechselbeziehungen (Anlage des endokrinen Systems) und
unter ihrem Einfluss durch nervöse Wechselbeziehungen (animales Nerven¬
system: Funktion und Beanspruchung; vegetatives Nervensystem). Anderer¬
seits ist die Ausführung der Zelleistung abhängig von der äusseren
Beeinflussung: physikalische Einflüsse: Licht, Wärme, Schwere: alimentäre
Einflüsse: Ernährung: Einfuhr, quantitatives und qualitatives Angebot,
Verwertung in Verdauungsarbeit und Stoffwechsel, Ausfuhr; Kreislauf: alles
in Abhängigkeit von nervösen Einflüssen, innerer Sekretion und Funktion.
Dazu kommt die Bedeutung der akzessorischen Nährstoffe. Vitamine:
A. (Wachstum), B. (Leistung und Nerventonus). C. (Erhaltung). Endlich
störende Einflüsse: Schädigung örtlich oder allgemein durch Trauma,
Infekt, Vergiftung.
Die Bedeutung dieser Beziehungen wird an folgenden Beispielen dar¬
gelegt: A. Innere Sekretion und Nervensystem: Fall 1. A. R„
13 jähr. Mädchen: Myxödem, zerebrale Diplegie, Porenze¬
phalie, motorische Aphasie. Heredität: In der Familie der
Grossmutter väterlicherseits mehrere Fälle von Geisteskrankheit, in der
Familie der Grossmutter mütterlicherseits mehrere Fälle von geistiger
Minderwertigkeit. Das Kind selbst nach Abschluss des 1. Lebensjahres mit
Schilddrüse behandelt, vom 6. Lebensjahr ab regelmässig. Lernte mit
6 Jahren erst laufen, vom 7. Lebensjahr ab bettrein. Im 4. Lebensjahr
Sprachverständnis, musikalisches Gedächtnis. Kann singen, aber nicht
sprechen, nicht schreiben. Schilddrüsenimplantation hatte keinen Dauererfolg.
Körpergrösse 113,5 cm ( — 31,5 gegenüber dem Altersdurchschnitt). Körper¬
gewicht 21,1 der Länge entsprechend ( — 14,3 gegenüber dem Altcrsdurch-
schnitt von 36,2 kg). Die Ossifikation des Handskeletts etwa dem 11. Lebens¬
jahr entsprechend. Infolge der intermittierenden Behandlung mit (verschieden¬
wertigen?) Schilddrüsenpräparaten zahlreiche wie Jahresringe angeordnete
Q u e r s t r e i f e n an den Epiphysen. Türkensattcl auffallend klein und un¬
regelmässig. Schädelknochen verhältnismässig dick. Lymphozytose. Die auf
früherem Bild sichtbare Makroglossie, Nabelhernie und Trommelbauch sind
verschwunden. Die Glieder noch plump. Schwachsinn ohne Spontaneität,
spricht nur stammelnd einige Silben. Versteht aber gut, spielt und ahmt leicht
alle Handlungen mit häufigen Wiederholungen nach. Spasmen, gesteigerte
Sehnenreflexe, Babinski +. Ataktisch-spastischer Gang. Keine Schilddrüse.
Gute Zahnentwicklung. Keine Hautverdickung, keine Fettanhäufung. Infantiler
Habitus ohne sekundäre Geschlechtsmerkmale.
B. Ernährungsstörung nach Infektionskrankheiten
in der Zeit lebhaften Wachstums und starker Beanspruchung der Knochen.
Ausserdem vegetative nervöse Einflüsse (?).
Fall 2. E. K-, 6'/% jähr. Knabe: Osteochondritis deform ans
juvenilis der rechten Hüfte, Arthntismus, leichte Fettleibigkeit In der
Familie Gicht und Gallensteine. Das Kind Yi Jahr gestillt, 1. Zähne mit
7 Monat, lernte mit l'A Jahr laufen. Geboren 3. IV. 12. Im Jahre 1918:
Ende Januar: Angina, Fieber, Milzschwellung, Erythema nodosum an den
Beinen,^ Endokarditis, Mitralinsuffizitnz. Anfangs Februar Rückfall: Fieber,
neues Erythem, Lymphdrüsenschwellung am Halse. Ende Juni: Pertussis. Er¬
brechen. Anfangs Juli vorübergehende rechtseitige Armlähmung und Sprach¬
lähmung (Hirnblutung). Kurz darauf Mittelohrentzündung mti Fieber, Darm¬
störungen, Erbrechen. Im September Besserung. Nach Weihnachten Grippe.
Im Jahre 1919 i;m Januar Angina. Erst ab Ostern Schulbesuch. Anfangs Mai,
8 Tage nach Schulbeginn, hingeworfen und auf die rechte Hüfte gefallen.
2 I age später Hinken. Nach einigen Tagen Bettruhe 8 tägige Muimpserkran-
kung. Nach einem längeren Marsch im August stärkeres Hinken. Im Sep¬
tember 1919 ausgesprochene Deformität des rechten Hüftgelenkes nach
Perthes. Zu gleicher Zeit am Röntgenbild des Handskeletts: Verzögerung
der Ossifikation etwa um 1 Jahr, zahlreiche Qu erstreifen an der Epi¬
physe, Verdichtung und ausgesprochene Unregelmässigkeit der Rand¬
zonen, massige Kalkarmut der Knochen. Nach längerer Behandlung später
wieder fast vollkommene funktionelle Herstellung,
Fall 3. L. D., 7'/’ jähr. Knabe: Osteochondritis deform ans
j u v e n i 1 i s, Neuropathie. Von gesunden Eltern normal geboren 16. VIII. lb.
Ein halbes Jahr gestillt, lernte mit \Vt Jahr laufen, vor dem 2. Lebensjahre
bettrein. Mti 3 Jahren Masern, mit 4 Jahren Keuchhusten. Häusliche Ver¬
hältnisse gut, einseitige, vitaminarme Ernährung jedoch wahrscheinlich (Milch¬
end Buttermangei). Sehr kluges, lebhaftes, etwas ängstliches und leicht erreg¬
bares Kind. Während der Beobachtung einigemale Enuresis nocturna und
- im Affekt — Enkoprose am Tage. Körpergrösse 110 cm ( — 2), Gewicht
17,8 kg ( — 3,2). Deutliche Deformität am rechten Hüftgelenk im Röntgen¬
bild (nach Perthes) mit Atrophie des Oberschenkels, Verkürzung des
rechten Beines, Trochanterhoehstand. Beschränkung der Abduktion, geringer
der Aussenrotation (Untersuchung durch Herrn Prof, Dr. v. Kryger). Im
Rüntgenbild des Handskeletts: Verzögerung der Ossifikation um etwa 2 Jahre,
zahlreiche Querstreifen, Verdichtung und deutliche Unregel¬
mässigkeiten der Randzonen an den Epiphys -n, Aehnlichc Bilder am
Unterschenkel. Deutliche Kalkarmut der Knochen. Nach dreimonatiger Behand¬
lung Besserung. Die beiden letzten Fälle lehren, dass die Osteochondritis juve¬
nilis deformans (Perthes) der durch besondere Umstände bedingte ört¬
liche Ausdruck einer allgemeinen Wachstums- und Ernährungsstörung
der Knochen sein kann, die durch gleichzeitige Röntgenuntersuchung des
Skeletts an mehreren Stellen aufgedeckt werden kann. Die Entstehungs¬
bedingungen sind auch hier aus verschiedenen endogenen und exogenen
Faktoren kombiniert. Die Prophylaxe wird vor allem die am leichtesten
zugänglichen alimentären Grundlagen (Nahrungsmängel, Avitaminosen) be¬
achten müssen.
Stettner: Die wesentlichsten Wachstumsphasen sind Massenzuwachs,
formaler und materieller Aufbau. Diese 3 Geschehnisse äussern sich am
Knochen als Längenwachstum, Formveränderung und Anlage von Knochen¬
zentren. und als EinFagerung von Mineralien.
Unter pathologischen Verhältnissen vermag durch lokale und allge¬
meine Einflüsse Beschleunigung, Stillstand und Hemmung dieser Ge¬
schehnisse zustande zu kommen.
Lokale Störungen, welche direkt oder indirekt am Intermcdiärknorpcl an¬
greifen, können zu den verschiedenartigsten klinischen Bildern führen. Be¬
merkenswert ist der partielle Riesenwuchs, der Wachstumsstillstand nach
Epiphysenlösung, die lokale Förderung der Differenzierung (Auftreten neuer
Ossifikationspunkte) durch Zirkulationsänderung infolge benachbarter Entzün¬
dung (Tuberkulose), das Kalkarmwerden traumatisch verletzter Knochen nach
chirurgischen Eingriffen, sowie das Auftreten kalkarmer Zonen mit sekundärem
Umbau in geflechtartigen Knochen, der sog. L o o s e r sehen Umbauzonen, bei
immer wiederkehrender lokaler Einwirkung erhöhter Beanspruchung.
Allgemeine Störungen vermögen gleichfalls den Ablauf der genannten
Phasen zu fördern und zu hemmen. Beispielsweise werden Steigerungen
des Längenwachstums als Folgen des Sommerklimas gesehen, Hemmungen
durch die allgemeine Ernährungsstörung bei Mangel an. Nahrungsangebot oder
Unmöglichkeit einer genügenden Verwertung des Angebots, besonders bei
Krankheiten. Akuter Wachstumsstillstand wird im Röntgenbild in Form des
diaphysären Randstreifens, nach dem Wiedereinsetzen des appositionellen
Wachstums als metaphysärer Querstreifen gesehen.
Veränderungen der Differenzierung sind häufige Begleiterschei¬
nungen vieler Krankheiten, besonders innersekretorischer Störungen. Hem¬
mungen und Förderungen kommen vor, bei vorübergehenden Zuständen viel¬
fach „Reihenfolgestörungen“.
Abweichungen von der normalen Knochenarchi¬
tektur und Form sind ständige Begleiter einiger chronischer Infek¬
tionen, wie Lues und Tuberkulose, sowie einiger Ernährungsstörungen im
engeren und weiteren Sinne des Wortes, wie des Skorbuts und der Rachitis.
Die Epiphysenzone zeigt sich überhaupt als äusserst empfindlich gegen jede
Art von Allgemeinstörung, besonders an den funktionell stark beanspruchten
Röhrenknochen der unteren Extremität. Als Folge der Störung der
enchondralen Ossifikation kommt es zu charakteristischen „Unebenheiten“ an
der Knochenfuge (Röntgenhilder). Solche Unebenheiten sind besonders häufig
zwischen 6 und 12 Jahren und finden sich generell bei chronischen Er¬
krankungen, wie Diabetes, schweren Blutschäden, Osteochondritis juvenilis
u. a. und sind offenbar der Ausdruck eines Missverhältnisses von Ernährung
und Waohstumsleitunig dieser Gebiete.
Der allgemeine Körperschaden macht sich aber auch durch Störung des
materiellen Aufbaues des Knochens 'bemerkbar. Im Röntgen-
bilde erkennen wir dies leicht an der mehr oder minder starken Schattendichte.
Abnahme des Kalkgehaltes ist uns von den Bildern der Rachitis und des Skor¬
butes her lange bekannt. Eine Durchsicht von 1200 Randskelettaufnahmen hat
aber gezeigt, dass Kalkarmut des Knochens in den 3 ersten Lebensjahren be¬
sonders häufig anzu treffen ist und dass in der Zeit von März 1918 bis August 1919
unter der gleichen Anzahl von Fällen fast 3 mal soviel Fälle von Kalkarmut
anzutreffen sind, wie in der nachfolgenden Zeit bis zur Gegenwart. Es ‘.st
naheliegend, dafür die schlechten Ernährungsbedingungen der Kriegs- und
Revolutionszeit anzuschuldigen. Der Knochen zeigt sich also gegen Hunger
in jeder Form äusserst empfindlich, es kann demnach der wahre Ernährungs¬
zustand eines Kindes ain Knochen leicht und objektiv nachgeprüft werden.
Ein Drittel aller Fälle von Kalkarmut waren direkt auf Hunger und Verwahr¬
losung zurückzuführen; die übrigen zwei Drittel begleiteten Ernährungs¬
störungen und Darmkrankheiten, eitrige Infekte, Erkrankungen des Zerebro-
spinalsystems, Blutschäden, Nierenleiden, Spasmophilie u. a. Die Kalkarmut
bei diesen Erkrankungen gewinnt eine besondere Bedeutung, wenn gleich¬
zeitig pathologische Druck- oder Zugspannungen vorhanden sind, wje dies
bei zerebralen Lähmungen und Empyem der Fall ist. Es können dann*
Knochenverbiegungen die Folge sein und schwere deformierende Verände¬
rungen auch ohne Rachitis auftreten. Vorstellung eines 2 jährigen Jungen mit.
Kyphoskoliose bei Kalkarmut infolge Verwahrlosung und schlechter Konsti¬
tution ohne Rachitis (Röntgenbilder).
Aussprache: Herren v. Kryger, Busch, Weinland.
Verein der Aerzte in Halle a. S.
(Bericht des Vereins.)
S i t z u n g v o m 30. M a i 1923.
Vorsitzender: Herr F i e 1 i t z. Schriftführer: Herr Grote.
Herr Grote: Ueber Novoprotinbehandlung des Magengeschwürs.
Es sind über 100 Fälle behandelt. Ueber 70 genau beobachtete wird
berichtet. Die Ulcusdiagnose war mit allen möglichen Mitteln sichergestellt.
24 davon wurden im ersten Anfall behandelt (akute Schmerzulcera), 46 waren
schon mehrere Male rückfällig geworden. In 17 Fällen lagen erheblichere
Eva'kuationsstörungen vor. Im ganzen sind 52 Fälle fast völlig beschwerdefrei
geworden, 18 Fälle verhielten sich refraktär. Drei Fälle mit typischer Nische
an der kleinen Kurvatur wurden ebenfalls schnell besser, allerdings rezi-
divierten 2 davon schon nach 2 Monaten und wurden dann operiert. Im ganzen
wurden 9 Fälle späterhin chirurgisch behandelt. Die Kranken sind durchwegs
ohne längere Bettruhe, als höchstens während der Fieberreaktionen, und ohne
besondere Schonungskost gehalten worden. Ebensowenig sind Medikamente
gegeben. Der Injektionsmodus war folgender: In Abständen von 3 — 4 Tagen
bekamen die Kranken steigende Dosen von 0,2 — 1,0 ccm intravenös. Fast alle
b95
6. Juli 1923. _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCH RIFT.
zeigten Herdreaktionen in Form von Schmerz in der Magengegend, etwa
K« — 1 Stunde nach der Injektion beginnend und 1—2 Stunden anhaltend. Dabei
gelegentlich Erbrechen. Fiebersteigerung bis zu 39,5" kommt vor. Wir sind
aber so vorgegangen, dass wir nur immer eine, wenn auch schwache, H erd-
r e a k t i o n erzielten und durch niedrige Dosierung das Fiche r
vermieden. Nach etwa 6 Injektionen pflegt das Fieber nicht mehr er¬
heblich zu werden Fs tritt eine üeWölmung ein. Eine sichere B e z i e h u n g
zwischen Starke der Herd- und Allgemeinreaktion und der
erzielten Besserung besteht nicht. In 25 Fällen injizierten wir mehr
als 8 mal (davon 20 gebessert), in 45 Fällen weniger als 8 mal (davon 32 ge¬
bessert). Durch während der Injektion eingeleitete fraktionierte Ausheberung
des Magens nach Alkohol-Probefrühstück — in Abständen von Hl Minuten
während lX Stunden — wurde nachgewiesen, dass die unmittelbare
Reaktion nach der Injektion nicht mit Herabsetzung
der Magett-HCI einhergeht. Die Kurve der fraktionierten Aus¬
heberung verlief genau so wie ohne Injektion (8 Fälle). Die Besserung ist
wohl auf eine Resistenzsteigerung der Magenwandzelle, nicht auf eine Neu¬
tralisierung des Magensaftes zurückzuführen. Zusammengefasst ergeben sicli
folgende Vorteile der Methode: Möglichkeit der ambulanten Be¬
handlung, relative Unabhängigkeit des Erfolges von
der Diät, Entbehrlichkeit differenter Medikamente und,
namentlich bei akuten Schmerzulcera, schnelle Anfangsbesseriung
der Beschwerden.
Besprechung: Herr Kürten demonstriert 2 Fälle mit schwerer
Pylorusstenose, bei denen die Stenosenerscheinungen gut nach 12 Novoprotin-
iniektionen zurückgingen. Gewichtszunahme beträchtlich. Röntgenbilder.
Herr V o I ha r d hat einen ausgezeichneten Erfolg bei narbigem Sanduhr¬
magen gesehen. Röntgenbild.
Herr J V o I k m a n n hat mehrere Kranke operiert, die mit Novoprotin
behandelt waren und teils unverändert, teils nach vorübergehender Besserung
zur Operation kamen. Wesentliche Aenderungen waren weder makro- noch
mikroskopisch an den Geschwüren nachweisbar. Novoprotin scheint nicht
d a s Mittel zu sein, das die Ulcuskrankheit in ihrer Gesamtheit
heilt. V. zieht bei der Operation die Resektion nach Billroth 1 vor und
hat gute Dauerergebnisse bis zu 3 Jahren.
1 ierren Winternitz und S c h i e c k.
Herr Stleve: Einfluss höherer Aussenwärme auf die Keimdrüsen der
Maus.
Weisse und graue Hausmäuse, die bei Zimmerwärme gehalten worden
waren, wurden in den Brutschrank, also in eine Aussenwärme von 37° ge¬
macht. Schon 24 Stunden nach dem Beginn des Versuches lassen sich schwere
Veränderungen an den Hoden feststellen, die Samenbildung kommt mit einem
Schlage zum Stillstand, die Samenbildungszellen werden abgestossen. Schon
am 6. Versuchstage besteht der Kanälcheninhalt nur noch aus einer einfachen
-age kleiner Ursamenzellen, der ganze Hoden hat sich stark verkleinert, er
hält jetzt kaum noch r> des früheren Rauminhaltes. Hand in Hand mit diesen
Veränderungen sinkt das Körpergewicht, die Tiere nehmen etwa 10 — 20 Proz.
des Gewichtes ab. Vom 14. Versuchstage an steigt das Körpergewicht wieder
an. allerdings nur bei einem Teil der Mäuse, bei einem andern Teil sinkt das
Gewicht dauernd ab, diese Tiere gehen gewöhnlich zwischen dem 40 und
. Versuchstage zugrunde. Die Tiere aber, bei denen das Körpergewicht
wieder ansteigt, passen sich mehr oder weniger vollkommen an die höhere
Aussenwärme an. in ihren Hoden beginnt die Keimzellenreifung von neuem,
“"d."?ch '^0—140 Tagen sind bei ihnen wieder reife Samenfäden vorhanden,
weibliche Mäuse verhalten sich etwas anders. Bei ihnen gehen in den ersten
Versuchstagen alle grösseren Follikel ohne zu platzen zugrunde, nach und
nach befällt dann die Atresie auch die kleineren Follikel, so dass das ganze
Kenngewebe zerstört ist. Die weiblichen Tiere werden also durch die Hitze
sterilisiert, auch bei solchen Weibchen, die sich im übrigen vollkommen an
die hohe Aussenwärme anpassen, findet keine erneute KeinmzeLlenreifung statt.
Herr v. Lanz: Verhalten des Nebenhodens von Mäusen bei höherer
Aussenwärme.
a) Die allgemeine Hitzewirkung lässt die Zelleiber schrump¬
fen und sich intensiver färben. Kanälchenlumen wird enger. Auch makro¬
skopisch tritt diese Volumensverminderung in Erscheinung, allerdings nicht
im gleichen Maasse, wie bei der Keimdrüse. Sekret wird spärlicher Zell-
zerfa 1 >st gesteigert Ersatz erfolgt teilweise durch Basalzellen.
r. ’V. Das Aufhören der Spermiogenese bewirkt im Epithel der
Ductuli efferentes eine Verschiebung des Verhältnisses von
Sekret io ns- und Flimmerzellen. Vom 6. Versuchstag an ver¬
drängt das Flimmerepithel mehr und mehr die Schleimzellen. Am 16. Tag sind
kaum noch einzelne nachweisbar. Die zeitliche Inkongruenz im Auftreten
der Veränderungen im Hoden und Nebenhoden lässt die Epithelumwandlung
deutlich als sekundär erscheinen. Damit stimmt überein, dass das Epithel
bei wieder beginender Soermiogenese den rückläufigen Prozess durchmacht
bis zu annähernd normalem Verhältnis von 1: 1.
Der Kanälcheninhalt ist stark verändert. Nach 24 Stunden treten
- permatiden auf. Die Mehrzahl der Samenfäden quillt zu blassen, unregel¬
mässigen Gebilden, die ihre Schwänze verlieren. Teilweise werden sie von
Riesenzellen aufgenommen, die sich von eingewanderten Leukozyten her-
leiten.
Zur Resorption der in der Pars ampullaris noch bis
,9 nach Beginn der Hitzesterilität angestauten Spermienmassen reichen
die Spermatophagen bei weitem nicht aus. Für dieses Problem ergeben sich
aus den Befunden in diesem Abschnitt neue Gesichtspunkte. Abgesehen von
Epithel Veränderungen, die auf Amitosen und Riesenzellbildung schliessen
lassen, häufen sich vom 4. Tag an im Zwischengewebe Rundzellen: Lympho-
zyten, Bindegewebszellen, sogar Leukozyten, diese aber nur bei Tieren mit
steilabfallender Gewichtskurve. Längs der Lymphgefässe werden vom 7. Tag
an Bindegewebszellen mit Körncheneinlagerungcn getroffen, die alle Ueber-
gänge an Zahl und an Färbbarkeit zeigen. In späteren Stadien verlieren diese
Zellen immer mehr an Zellsaft und ähneln den Kohlenstaubzellen im Lungen-
zu ■schengewebe. Dieser Reizzustand der Kanälchenwandung wird in Zu-
sammeiihang mit der Stauung des sich auflösenden Kanälcheninhaltes gebracht.
..." aucJ* unter normalen Bedingungen eine Resorption im Nebenhoden statthat,
lasst sich aus diesen Befunden nicht entscheiden.
Herr Mett: Der Einfluss höherer Aussentemperatur auf Leber und Milz
der Mausmaus.
Die ersten Zeichen der Hitzeeinwirkung bestehen in Zunahme des Fett¬
gehaltes. Zunächst besteht keine deutliche Bevorzugung einzelner Teile des
Läppchens. Am 2. bis spätestens 3. Tage ist die Vermehrung deutlich. Später
tritt eine abermalige Vermehrung des Infiltrationsfettes ein, wobei jetzt be¬
sonders die Peripherie des Leberläppchens betroffen ist. Am 4. bis 5. Tage ist
eine ausgesprochene periphere Fettleber entstanden. Damit ist das Maximum
der Verfettung erreicht. Bei Tieren, die sich rusch anzupassen vermögen,
nimmt das Infiltrationsfett wieder ab, so dass bei vollkommen angepassten
I icren die Leber ihren normalen Gehalt an Fett aufweist.
Als Folge der Ablagerung von Fettmassen in der Zelle entstehen Kern-
deformationen, schliesslich auch Kerndegenerationen, ln den Stadien der
Regeneration wurden Mitosen, die vom Lebergewebe selbst ausgingen, be¬
obachtet. Hier und dort im Parenchym von Hitzelebern vorkommende In-
filti ationen von Rundzellen und Leukozyten sind mit Resorptionserscheinungen
von zugrunde gehendem Gewebe zusammenzubringen. — Riesenzellen, die
'-9 ,<?un Kapillaren der Leber gesehen wurden, stammen von ausgeschwemmtei,
Zellen der Milz.
Bei Vergleich der gleichzeitig in anderen Organen festgestellten Verände¬
rungen ergab sich, dass die Leber eher regeneriert als der Hoden, so dass
deutlich nachgewiesen wurde, dass der Hoden abhängig ist vom Zustand des
Gesamtkörpers.
Bei genauerer Beobachtung des Körpergewichtes der Tiere und gleich¬
zeitiger Organkontrollc Hessen sich viele individuelle Varianten feststellen.
Neben Geien, die sich gut anpassen, wurden auch solche beobachtet, die erst
langsam sich den veränderten Bedingungen anpassten. Rin gewisser Prozent-
satz ging bei den Versuchen zugrunde.
Die in der Hitze gehaltenen Weibchen werden durch die hohe Aussentem-
peratur kastriert. Infolgedessen setzen sie an vielen Stellen des Körpers Fett
an. Ebenfalls in Vier Leber wurden grössere Infiltrationen von Fett beobachtet.
Diese Fettleber ist nicht als direkte Folge der Hitze aufzufassen, sondern sie
ist sekundär dadurch entstanden, dass die Hitze die Ovarien geschädigt hat.
Die Milz zeigt ebenfalls starke Veränderungen, hauptsächlich der "Pulpa.
Am 1. und 2. Tag der Hitzeeinwirkung treten in der Milzpulpa Erthrolilasten
aul Die Gruppen dieser Blutzellen sind in ihrer Hauptmasse am 3. Tag
wieder verschwunden und man sieht dann besonders die sonst spärlich vor¬
kommenden Riesenzellen der Milz vermehrt, so dass Teile der Pulpa fast
ganz von diesen Zellen eingenommen werden. Neben den Riesenzellen waren
die kleinen Pulpazellen in Mitose. Vielleicht liefern die Pulpazellen in der
Hitze mehr Leukozyten als gewöhnlich. Ausserdem trat in der Pulpa bei
riitzetieren noch Pigment auf. Alle diese Erscheinungen schwinden bei all¬
mählicher Anpassung.
Die Arbeit erscheint ausführlicher anderenorts.
Besprechung: Herr H a r t w i c h hat bei der Untersuchung der
Hoden von unter hohem Fieber verstorbener Kranker keine wesentlichen Ver¬
änderungen gefunden. Nur chronische Lungentuberkulose und Amyloidose
scheinen einen Einfluss auf die Spermiogenese zu haben.
Herr Roux: Herr Stieve hat heute nur seine eigenen Versuche mit¬
geteilt. Anderenfalls würde er auch über frühere Versuche von I. Schiller
und Carlo C a n i über die Wirkung lokaler, grobmechanischer Eingriffe am
1 ierkörper auf die Keimdrüsen berichtet haben. Sch. machte Kaulquappen
Brandnarben an der Schwanzspitze und unterband Mäusen eine Extremität.
Die danach eingetretene Degeneration der Keimdrüse leitete er aber nicht
von direkten lokalen Beziehungen dieser Organe, sondern von der Bildung ab¬
normer Stoffe ab. Er hatte auch ermittelt, dass die Keimdrüsen, die am leicli-
testen durch Einwirkung auf das Tier veränderlichen Organe sind (Arch. f.
Entw.Mech. Bd. 34 u. 38). C a n i beobachtete hochgradige Degeneration der
Hoden von Hähnen und Hunden nach Beklopfen des Schädels. Er leitet diese
Wirkung lokal ab, und zwar von der Wirkung der Erschütterung der Genital¬
zentren des Gehirns.
Herr Beneke: Die demonstrierten Veränderungen sind verschiedenster
Art und deshalb schwer analysierbar. Das Verbindende sind wohl Verände¬
rungen des „fiebernden“ Blutes, bei denen die Zerlegung leicht angreifbarer
flüssiger Substanzen gewiss besonders bedeutungsvoll ist. Sofern diese als
Nährmaterial gelten, kann ihr Mangel eine Art Hungeraustand erzielen. So
erinnert mich der Hodenzellschwund an die beim Hungerödem vorkommenden
Bilder beim Menschen. Eine neue Arbeit von V a 1 d e s berichtet über jähen
Glykogenschwund in den Muskeln des Reizleitungssystems des Herzens bei
verschiedenen, einer Ueberhitzung ausgesetzten Versuchstieren.
Hei ren V o 1 h a r d und W i n t e r n i t z.
Herr P. S c h m i d t: Die Untersuchungen haben mich um so mehr inter¬
essiert, als ich vor langer Zeit im Hamburger Tropeninstitut an weissen Mäu¬
sen Studien über den Einfluss der Hitze auf das Blut anstellte. E. G r a w i t z
hatte mitgeteilt, da s ihm der Nachweis von Blutveränderungen (basophile
Körnung. Polychromasie, Erscheinen kernhaltiger roter Elemente) bei weissen
Mäusen nach Einwirkung von Brutschranktemperatur gelungen sei. Ich konnte
jedoch feststellen, dass eine Fehlerquelle unberücksichtigt geblieben war: die
künstliche Anämisierung der Tiere durch tägliche Blutentnahme mittels Ab-
schneidens eines Stückchen Schwanz. Ich erhielt bei dem von E. G r a w i t z
geübten Verfahren genau dieselben Veränderungen, nicht aber, wenn ich in
Parallelreihen die Blutung sorgfältig mit Eisenchlorid stillte oder nur eine Ein¬
nahme nach ca. 5 Tagen vornahm.
Auf Grund dieser Resultate musste ich die Schlussfolgerung Gra witz’
von der Entstehung der Hitzeanämie bei Mäusen und erst recht einer Tropen¬
anämie beim Menschen allein durch Tropenhitze ablehnen.
Einer Anregung meines damaligen Chefs, Prof. N o c h t, folgend, habe ich
die Frage auch beim Menschen auf einer Tropenreise bei unsern Schiffs¬
heizern und dem Deckspersonai geprüft und wiederum ganz ohne
E r f o 1 g. Bei einigen Malariaf ällen traten natürlich Blutveränderungen ein.
Ich bin geneigt, die Gewebsveränderungen, die die Herren sahen, aus¬
schliesslich auf die Hyperthermie zurückzu führen; bei
lemperatur von 40" Blutwärme muss ja schon erheblicher Eiweisszerfall und
Verfettung stattfinden.
In den Tropen gelingt ja die Wärmeregulierung auch bei Neuankömm¬
lingen sehr gut, selbst wenn sie, d. h. ihr Nervensystem, unter dem Klima
litten. Es gibt keine Temperatursteigerung von Bedeutung in der Zeit der
Akklimatisation, es sei denn durch Hitzschlag, durch starke körperliche
Arbeit oder Infektionskrankheit. Bekanntlich leiden auch Zeugungsfähigkeit
und Empfangsfähigkeit keineswegs in den Tropen.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. :7.
8%
Naturforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostock.
(Medizinische Sektion.)
Sitzung vom 17. Mai 1923.
Vorsitzender: Herr W. Müller. Schriftführer: Herr R. Stahl.
Erfahrungen über Pathologie und 1 heraoie
Hals-, Nasen- u. Ohrenheilkde.
Brunn, Körner. Hanne¬
werden
der volle
noch
nähere Begründung
den selbst in der
Tagesordnung:
Herr Körner: Einige
otogener Hirnabszesse.
Der Vortrag erscheint in der Zschr. f.
Aussprache: Herren Müller, v.'
manu, v. W a s i e 1 e w s k i, Körner.
Herr Dönges: Ueber Streptokokkenbefunde und Streptokokkenzüch¬
tung aus dem Blute von Masernkranken. Vorläufige Mitteilung.
In 14 Fällen aus dem Blute Masernkranker, in 1 Falle aus Blut und
Schüppchen eines Masernkranken, in 3 Fällen aus Schüppchen Masernkranker
und in 1 Falle aus dem Mandelabstrich eines Masernkranken wurden in der
<i rüge Ischen Mucinbouillon Streptokokken gezüchtet, die morphologisch
dein Streptococcus longissimus und conglomeratus glichen; alle Reinkulturen
zeigten auf Schottmüller schein Blutagar Hämolyse.
Erscheint ausführlich im Zbl. f. Bakt.
Aussprache: Herren E h r i c h, Dönges, v. Brunn. Stahl.
Felke, Dönges und D e u s c h.
Herr B e h in: Heber die Resektion des Nervus laryngeus Superior bei
Kehlkopftuberkulose.
B. berichtet über 4 Fälle von Kehlkopftuberkulose, bei denen die durch
die tuberkulösen Ulzerationen im Larynx bedingten Schluckschmerzen durch
Resektion des N. laryngeus superior sofort und dauernd beseitigt
konnten. Dreimal genügte einseitige Nervenresektion. einmal trat
Erfolg erst nach beiderseitiger Nervenresektion auf. In einem Falle war
ausserdem deutlicher Rückgang der Infiltration und Ulzeration in der Arygegend
zu beobachten.
Herr v. Wasielewskl: Zur Bakteriologie der Noma.
Die Deutung der S e i f e r t - P e r t h e s sehen Nomafäden bedarf
immer einer Klärung; sie wurden von Seifert ohne
als eine Cladothrixart bezeichnet, ein Organismus, über
mikrobiologischen Fachliteratur nur wenig bekannt ist. Die Beschaffung
einer Vergleiohskultur war uns bisher nicht möglich. Ein Krankheitsfall,
den wir auf Wunsch der Chirurgischen Klinik bearbeiteten, zeigte ausser¬
ordentlich reichliche Mengen der im Ausstrichpräparat Gram-negativen,
langen Nomafäden. Daneben fanden sich, besonders im Abstrich frisch aus¬
geschnittenen Nomagewebes, ungeheure Mengen Spirochäten, Kokken, sehr
schlanke fusiforme Stäbchen und zahlreiche Exemplare von Spirillum sputi-
genum. Das vielfach in der Literatur geschilderte Verhalten der Nomafäden
im Gewebsschnitt war nach Sublimatalkoholfixierung besonders im Giemsa-
präparat gut zu verfolgen; nach Gram färben sie sich hier positiv. Die Noma-
fäden zeigen im feuchtfixierten Ausstrichpräparat grosse Aehnliohkeit mit
dem färberischen Verhalten der fusiformen Stäbchen, so dass es naheläge,
sie als besondere Wuchsformen einer der von Knorr beschriebenen Arten
der Gattung Fusobakterium Lehmann zu deuten. Damit würde ihre syste¬
matische Einreihung unter den bakterienähnlichen Kleinwesen im Sinne der
Lehma nn-Neumarin sehen Einteilung geboten sein und das Interesse
an diesen eigenartigen, den echten Bakterien verhältnismässig
Lebewesen gesteigert. Die Bezeichnung der Nomafäden
Streptatricheen erscheint geeignet, irrige Vorstellungen
formen zu erwecken: echte Verzweigungen oder Andeutungen derselben fanden
sich in dem für die Entscheidung dieser Frage allein entscheidenden Aus¬
strichpräparat bisher niemals. Auf die Herstellung von Reinkulturen musste
aus äusseren Gründen verzichtet werden; eine Anreicherung der Fäden mit
Gram-positiven Kokken gelang ohne Schwierigkeiten anaerob in Aszites-
bouillo'n. Tierversuche an Meerschweinchen und Kaninchen misslangen, wie
bisher auch anderwärts in den allermeisten Fällen. Die Ausführungen wurden
an der Hand von Schnitt- und Ausstrichpräparaten näher erläutert.
Eine Zusammenstellung der Nomaliteratur durah den praktischen Zahn¬
arzt Herrn Hans Meier (I D.) ergab, dass die Mortalität der Krankheit
trotz der Anwendung von Salvarsan und energischer chirurgischer Eingriffe
in den seit 1900 in Deutschland publizierten 107 Fällen noch über 60 Proz. lag.
Wenn auch diese Zahl gegenüber eine Statistik von Springer über
1V7 bis 1904 beschriebene Fälle mit 92 Proz. Mortalität einen Fortschritt
bedeutet, so beweist sie doch, wie hilflos wir dieser mörderischen Krankheit
gegenüberstehen. „ , , .
Es muss deshalb bei allen zur klinischen Beobachtung gelangenden
Nomafällen angestrebt werden, die Biologie und ätiologische Bedeutung der
beteiligten Kleinwesen weiter zu klären, weil nur
wirksamen Behandlung gefunden werden kann.
Würzburger Aerzteabend.
(Offizielles Protokoll.)
fernstehenden
als Pilzfäden oder
über ihre Wuchs-
hierdurch ein Weg zur
Sitzung des Aerztlichen Bezirksvereins
im Luitpoldkrankenhaus am 19. Juni
Infiltrate, links ebenfalls Dämpfung, Bronchialatmen. Röntgenologisch ein
grosser Schatten. Fieber. Das Allgemeinbefinden besserte sich, das Fieber
verschwindet. Der Röntgenschatten geht zurück. Später Exitus an den
Folgen der Tuberkulose; bei der Sektion ergibt sich an der Stelle des ge¬
heilten „epituberkulösen Herdes“ ein deutlicher käsiger Herd von etwa
Kirschkerngrösse, um den herum chronische (bindegewebige) pneumonische
Infiltration vorhanden ist. Keine gelatinöse Pneumonie, kein eigentliches
alveoläres Exsudat. Die Ansicht, dass die Epituberkulose ein nichttuber¬
kulöser Prozess sei. wird durch den Sektionsbefund nicht bestätigt.
5. Ausführliche Besprechung der neueren Ansichten über die Pathogenese
der Tetanie.
Würz bürg
1923.
Herr Riet sc hei: 1. Schwerer Pylorospasmus. Erstgeborenes Kind.
Knabe. Trotz aller internen Therapie sistiert das Erbrechen nicht und die
Abnahme schreitet weiter fort. Kind im desolatesten Zustand, deshalb Pyloro-
plastik nach Weber-Ra mmstedt. Vom Tage der Operation an fort¬
schreitende Zunahme des Gewichtes. Dauernde Besserung. Heilung.
2. Hirschsprung sehe Krankheit. Kind 8 Monate. Seit der Geburt
obstipiert. Allmähliche Auftreibung des Abdomens. Die Röntgenunter¬
suchung mit Füllung des Kolons ergibt ein stark erweitertes S romanum. das
bis in die Zoekumgegend herüberreicht. Besprechung des Krankheitsbildes,
das im wesentlichen zustande kommt durch ein abnorm langes Mesenterium
des Sigmoideum bzw. des ganzen Kolon bzw. des Mesenterium ileocolicum
commune (G o e b e 1) event. kombiniert mit Spasmen.
3. Typischer Fall von Mikromelie oder Chondrodystrophie im Alter von
<S Monaten. Die Aermchen und Beinchen sind Itn Längenwachstum zurück¬
geblieben. Kopf gross. Ausgeprägter breiter Nasenrücken. Intelligenz
normal. Besprechung des Krankheitsbildes. Therapeutisch soll Hypophysen¬
saft des Vorderlappcns injiziert werden.
4. Besprechung eines Falles von Tuberkulose bei einem 8 Monate alten
Säugling, der vorübergehend im linken Oberlappen die Zeichen eines sog.
„epituberkulösen“ Herdes bot. An der rechten Seite deutliche tuberkulöse
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Mai 1923.
Herr F. Kumer berichtet über die Fortschritte der Technik der Ra-
diumtherapie und demonstriert von Herrn Ferna u hergestellte Hohlnadeln,
die bei 2 mm lichter Weite 0,3 mm Wandstärke besitzen und 5 mg Radium¬
salz enthalten.
Herr F. Korltschoner berichtet über Versuche von Uebertranune
des Enzephalitisvirus auf Hunde und Kaninchen.
Ein Kranker, der von einem Hunde gebissen wurde, kam zur Schutz¬
impfung nach Pasteur. Es zeigten sich bei dem Manne keine Symptome
\on Lyssa. 6 Wochen nach dem Biss wurde er wegen einer schweren Er¬
krankung des Zentralnervensystems aufgenommen; er stand unter starker
Morphinwirkung, so dass eine präzise Diagnose nicht möglich war. Die Ob¬
duktion ergab eine Enzephalomyelits.
6 Kaninchen wurden mit Hirnsubstanz geimpft, 5 subdural, 1 intramusku¬
lär. Letzteres lebt noch, wenngleich in einem recht schlechten Zustand; die
subdural infizierten sind ausnahmslos zugrunde gegangen, und zwar unter
ziemlich gleichartigen Umständen. Zuerst zeigt sich Parese der Hinter¬
beine, dann treten Streckkrämpfe auf. Das Rückenmark der Kaninchen wurde
auf einen jungen Hund (6 Wochen alt) überimpft. Dieser erkrankte am 4. Tage
unter spastischen Lähmungen, dann traten Zuckungen in den hinteren Ex¬
tremitäten auf, dann Laufbewegungen bei dem auf der Seite liegenden Tier.
Von diesem Hund Hess sich die Krankheit wieder auf ein Kaninchen über¬
tragen, von diesem wieder auf einen grösseren Hund, von dessen Verwendung
man ein anderes Resultat erwartete, weil vermutet wurde, dass vor allem in¬
folge der Jugend des vorhin erwähnten Hundes der Versuch den geschil¬
derten Ausgang nahm. Die Infektion nahm einen protrahierten Verlauf. Am
4. Tag wurde Strabismus divergens beobachtet, am Abend des 5. Tages
Ataxie der Hinterbeine, dann spastische Lähmungen. Später lag das Tier
ruhig und teilnahmslos da. Jede halbe Stunde traten anfallsweise Lauf¬
bewegungen in allen 4 Beinen auf. Es wurde mit Hilfe von Injektionen von
Koffein und Roborantien aufrechterhalten. Es schrie bei jeder Injektion, war
also augenscheinlich überempfindlich geworden. Vortragender hat über seine
Untersuchungen berichtet, weil bisher eine Uebertragung der Enzephalitis auf
den Hund nicht gelungen ist. Vielleicht wird sich aus diesen Versuchen
noch manches für die Aufhellung der Enzephalitis ergeben.
Herr R. O. Stein stellt einen Mann (Melker) mit einer Milzbrandpiistel
am Vorderarm vor.
Herr A. Strasser demonstriert einen Mann mit Obliiteratiou der
Arterien am Fusse.
Vor einem Jahre bildete sich eine Nekrose an der Ferse und an der
kleinen Zehe. Wenn die Beine herabhängen, treten starke Schmerzen .und
Zyanose auf; beim Anlegen einer Binde entsteht Zyanose ohne Schmerzen.
Es wäre in einem solchen Falle die soziale Indikation für die Ablatio gegeben.
Vorher könnte die Entfernung der Adventitia nach L e r i c h e versucht werden.
Herr I. K o f 1 e r und Herr H. Seidel berichten über Beseitigung von
Wagenstörungen bei chronischer Tonsillitis nach Tonsillektomie.
Herr R. Uhfirz: Stand der Jugendfürsorge.
Aus ärztlichen Standesvereinen.
Aerztlicher Bezirksverein Nürnberg.
277. ordentliche Mitgliederversammlung am 22. Juni 1 923.
Nach geschäftlichen Mitteilungen des Vorsitzenden Dr. Stander
ersucht Herr Bändel den Bezirksverein im Hinblick auf die Impfgegner
um Stellungnahme zum Schutz des Impfgesetzes und
schlägt folgende Entschliessung vor, welche ohne Debatte angenommen wird:
„Der Aerztliche Bezirksverein hat von einer im Mai d. J. hier stattgefundenen
Impfgegnerversammlung und einer daselbst angenommenen Entschliessung
Kenntnis genommen. Er hält in dem durch Seuchen viel mehr als früher
gefährdeten Deutschen Reiche den ungeschmälerten Schutz des Rcichsimpf-
gesetzes notwendiger als je und hält an dem auf dem 39. deutschen Aerzte-
tag 1913 zum Ausdruck gebrachten Entschluss der deutschen Aerzteschaft,
das Impfgesetz unverrückt beizubehalten, fest. Er gibt hiervon der Reichs¬
regierung und dem Reichstag Kenntnis und bittet, impfgegnerischen Be¬
strebungen keinerlei Folge zu geben. Er gibt ferner von dem neuerlichen
Vorgehen bayerischer Impfgegner dem bayer. ärztL Landesausschuss
Kenntnis mit dem Ersuchen, die ärztl. Bezirksvereine, in deren Bereich
jeweils impfgegnerische Veranstaltungen stattfinden, zu entsprechender
Gegenaufklärung bei der Bevölkerung insbesondere auch mit Hilfe der
Schüler (Elternabend) anzuregen und impfgegnerischen Resolutionen an den
Reichstag mit einer Gegenentsehliessung gegenüberzutreten.“
Herr Kreitmair fragt nach dem Stand der Bahnkassenarztfrage und
erinnert daran, dass seinerzeit die Stadtärzte und die Armenärzte ihre Stelle
ohne weiteres zugunsten der Einführung der freien Arztwahl niedergelegt
hätten. Es sei nicht recht verständlich, dass und warum die Einführung der-
freien Arztwahl bei den Bahn- und Postbetriebskrankenkassen so grosse
Schwierigkeiten bereite, nachdem dieselbe im ganzen übrigen Deutschland
möglich war. Herr Stander erwidert, dass die bayerischen Bahnkassen¬
ärzte, nicht die Nürnberger Bahnkassenärzte, das grösste Hindernis bilden,
weil sie Sabotage in der Sache und in der Form trieben. Am kommenden
bayerischen Aerztetag werde die Angelegenheit beraten werden und hoffent¬
lich zu einem guten Ende führen.
f>. Juli 1923.
MÜNCH RN RR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Kleine Mitteilungen.
Tarif der Deutschen Röntgengesellschaft.
Gültig ab 20. Juni 1923.
I . Unkostentarif.
1. Diagnostik: 9X 12 Platte und Zahnfilm 14 400 M., 13Xl8 Platte
17 550 M„ 18X24 Platte 22 750 M., 24 X 30 Platte 31 150 M.. 30 X 40 Platte
45 600 M„ 4(lX50 Platte 71 750 M.; Orthodiagranim 13 950 M.; Dureh-
leuchtung 12 450 M.; Gitobaryummahlzeit 6300 M.; Solllauchfüllung 12 600 M.;
Einlauf mit Citobaryum 7550 M.; Abzüge bis zur Grösse 18 X 24 10 000 M.:
Abzüge darüber hinaus 20 000 M.; Glasdiapositiv 25 000 M.
2. Therapie: a) Oberflächentherapie p. M.A.M. 800 M.; b) (vollw.)
Tiefentherapie p. M.A.M. 650 M.
2. Honorar tarif.
Allg. Deutsche Geb.-Ordn. (Ausg. in. Deckbl.) Ziffer 336 — 371 mal 200.
Assistenten- und Studentenbelange.
Der bayer. Landtag stimmte dem Antrag der Regierung betr. die
Unterstützung der Medizinalpraktikanten (vorgl. d. Wschr. S. 827) zu.
Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft.
Aus Berlin erfahren wir: Der Reichspräsident empfing nachmittags zum
Tee im Garten seines Hauses Studierende der deutschen Universitäten und
I Hochschulen, Professoren und führende Persönlichkeiten des deutschen wirt¬
schaftlichen Lebens, die sich zu einer Verwaltungsratssitzung der Wirtschafts¬
hilfe der deutschen Studentenschaft in Berlin eingefunden hatten.
Prof. Lozano in München.
Die Münchener Medizinstudierenden hatten die Freude, Prof. Lozano,
den namhaften Chirurgen der Universität Saragossa, im Hörsaal der hiesigen
chirurgischen Klinik begrüssen zu können. Herr Geh. Rat Sauerbruch
hiess Herrn Prof. Lozano im Namen der Studierenden herzlich willkommen
und sprach ihm die Hochachtung der deutschen Mediziner vor den wissen-
1 schaftlichen Leistungen der spanischen Kollegen aus. Desgleichen ehrte
Herr Geh. Rat Sauerbruch in warmen Worten die freundschaftlichen
Beziehungen der spanischen Nation zu Deutschland und dankte Herrn Pro¬
fessor Lozano besonders für seine aktive Teilnahme und das grosse
Interesse, das er der deutschen med. Wissenschaft entgegenbringe. Als
Vertreter der Medizinerschaft sprach Herr Ortner Herrn Prof. Lozano
den Dank und das Willkommen der Studenten aus. Herr Pro.f. L o z a n o
I erwiderte die Ausdrücke herzlicher Freundschaft und überbrachte die ürüsse
der spanischen Kollegen. Darauf hielt er eine Vorlesung über traumatische
Frkrankungen der Gelenke, die grosses Interesse fand. — An einem der
nächsten Tage las Herr Geh. Rat Sauerbruch den Vortrag Prof. Lo¬
zano s über Echinokokkenfälle vor, der im Aerzteverein gehalten worden
war. Am 30. Juni verliess Herr Prof. Lozano München wieder, er hinter-
liess der Studentenschaft das dankbare Bewusstsein der aufrichtigen Kol¬
legialität der spanischen Mediziner und nahm den Ausdruck gleicher Ge¬
sinnung als Gruss der deutschen Studentenschaft mit nach Saragossa.
P. H. T.
Richtlinien zum Abschluss eines Tarifvertrages. für
die Assistenten an den konfessionellen und charita-
tiven Krankenanstalten.
Die Geschäftsstelle des Bundes deutscher Assistenzärzte schreibt uns:
Unsere letzte Notiz ist anscheinend von einigen Stellen falsch verstanden
worden. Die vereinbarten Sätze, d. h. im 1. Dienstjahr 27/4 Proz., im
2. Dienstjahr 33% Proz., im 3. Dienstjahr 40 Proz. der Gruppe X, gelten
als Barentschädigung, daneben wird freie Beköstigung vom 1. Tisch, Woh¬
nung, Licht usw. gewährt, ln Zweifelsfragen erteilt die Geschäftsstelle des
Bundes deutscher Assistenzärzte Berlin NW. 87, Turmstr. 7-6, Auskunft.
Dortselbst ist auch die Abschrift des vollständigen Tarifvertrages zu haben.
Galerie hervorragender Aerzte und Naturforscher.
Das auf S. 879 d. Nr. abgedruckte Bildnis Max v. G ruber s ist auch als
353. Blatt der Galerie erschienen. Unsere Bezieher erhalten es gegen Ersatz
unserer Auslagen durch Einzahlung von 1000 M. auf das Postscheckkonto
J. F. Lehmanns Verlag, München Nr. 129, Nichtabonnenten gegen Ein¬
zahlung von 2000 M. Früher erschienene Blätter können zum Preise von
500, bzw. 1000 M. mitbezogen werden. (In letzter Zeit sind erschienen
A. v. S t r ü in p e TI, Quincke, Marchand, Schleich, P e n z o 1 d t.)
Tagesgeschichtliche Notizen,
München, den 4. Juli 1923.
— Am 6. d. M. feiert der ausgezeichnete Hygieniker der Münchener
Universität, Geheimer Rat Prof. Dr. Max v. G ruber, seinen 70. Geburtstag.
Den warmen Worten, mit denen er aus diesem Anlasse an anderer Stelle
d. Nr. von berufener' Seite begrüsst wird, wollen wir für unsere Schrift¬
leitung nur wenige Worte herzlicher Beglückwünschung beifügen. Seit
seiner Uebersiedelung nach München ein stets hochgeschätzter Mitarbeiter
unserer Wochenschrift und seit mehr als einem Jahrzehnt als Mitglied des
Herausgeberkollegiums enger mit ihr verbunden, hat er uns unzählige Be¬
weise seiner Freundschaft und seines Interesses für unser Blatt gegeben.
Dafür danken wir ihm heute. Möge er der Verehrung und Liebe, die er
sich als Forscher und Lehrer, als Freund des VoTkes und als kerndeutscher
aufrechter Mann in den Herzen aller erworben hat, die ihm näher getreten
sind, noch viele Jahre hindurch im Vollbesitze seiner geistigen und körper¬
lichen Kraft sich erfreuen können.
— In der vergangenen Woche erfreute sich das medizinische München
des Besuches eines illustren spanischen Arztes, des Professors der
chirurgischen Klinik in Saragossa, Prof. Lozan o. Der Ruf nicht nur
eines der ausgezeichnetsten Vertreter seines Faches in seinem Vaterlande,
sondern auch der eines Freundes der deutschen Wissenschaft und des
deutschen Volkes ging ihm voraus; man wusste, dass Lozano schon
S07
während des Krieges aus seinen Sympathien für Deutschland kein Hehl ge¬
macht hatte und dass er nach dem Kriege lebhaft und mit bestem Erfolge für
die Anbahnung eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen deutschen
und spanischen Aerzten eingetreten ist. Kein Wunder, dass die Münchener
Aerzteschaft und die med. Fakultät sich freuten, diesen Mann in ihrer
Mitte zu wissen und dass sic ihn mit allen ihnen zur Verfügung stehenden
Ehren empfingen. Zunächst stellte sich Herr Lozano den Münchener
Aerzten vor in einer Sitzung des AerztÜchen Vereins, in der er einen
inhaltsreicheti Vortrag über die „Cchinokokkenkrankheit" hielt.
Dieser Vortrag wird ausführlich in d. Wschr. erscheinen. Den Höhepunkt
der Lozano-Feiern bildete ein von der Medizinischen Fakultät gegebenes
Essen, bei dem der Dekan der medizinischen Fakultät, Geheimrat v. Gru-
b e r den Gast mit zündenden Worten begrüsste, während ihm der Rektor
der Universität, Prof. Pfeilschifter, Diplom und Ehrenzeichen eines
Ehrenbürgers der Universität München überreichte. Die Antwort L o -
zanos war ein erneutes Bekenntnis seiner Anerkennung deutscher Wissen¬
schaft und deutschen Wesens. Besondere Aufmerksamkeit erwiesen dem
spanischen Fachkollegen Geheimrat Sau er br uch und dessen Klinik,
worüber an anderer Stelle d. Nr. (s. Stud. -Belange) berichtet wird. Wir
wünschen, dass Prof. Lozano freundliche Eindrücke aus München in
seine spanische Heimat mitnehmen und dass sich sein Besuch für die Festi¬
gung der deutsch-spanischen Beziehungen als erfolgreich erweisen möge.
— Der Reichsrat hat am 2. ds. mit 48 gegen 13 Stimmen beschlossen,
gegen das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechts¬
krankheiten in der vom Reichstag beschlossenen Form Einspruch zu
erheben, obwohl Reichsinnenminister O e s e r darauf hinwies, dass dadurch
das ganze Gesetz gefährdet sei. Der Einspruch richtet sich vor allem gegen
den Paragraphen 6 des Gesetzes, wonach die Behandlung von Geschlechts¬
krankheiten auch „unter der verantwortlichen Leitung von Aerzten stehenden
Personen“ gestattet ist.
— Der preuss. Minister für Volkswohlfahrt hat zu den Sätzen der
preuss. Gebührenordnung für appr. Aerzte und Zahnärzte vom
10. Dezember 1922 vom 1. Juni an einen Teuerungszuschlag von 1700 v. H.
angeordnet. — Die Gebühr für Besichtigung einer Apotheke am Wohnort
des medizinischen Kommissars wurde ab 1. April d. .1. von 6 M. auf 1500 M.
erhöht. Für Besichtigungen in der Zeit vom 1. Oktober 1922 bis 31. März
d. J. kann auf Antrag ein Zuschuss von je 174 M. gezahlt werden. —
Die Gebühr für Ausstellung eines wiederholten Impfscheins wurde auf
100 M. erhöht. (Wenn nur bei solcher Freigebigkeit die Finanzen des
preuss. Staates nicht Schaden leiden!)
— Das b. Staatsministerium des Innern hat die Verordnung über die
Prüfung des ärztlichen Staatsdienstes dahin abgeändert, dass § 12 1 mit Wir¬
kung vom 1. Juli 1923 an folgende Fassung erhält: Die Gebühr für die
Gesamtprüfung, die bei Zustellung der schriftlichen Aufgaben zu erlegen
ist, beträgt 6000 M
— Von der biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft
wird uns geschrieben: Ameisen als Plage in Krankenhäusern.
Die aus den Tropen (wahrscheinlich aus Indien) stammende, aber seit der
Mitte des vorigen Jahrhunderts durch den Schiffsverkehr weit verbreitete und
auch in Deutschland nicht seltene, kleine gelbrote Pharaoameise (Monomorium
pharaenis [L] Mayr) ist in neuerer Zeit in verschieden grossen Kranken¬
häusern als überaus lästiger Schädling aufgetreten. Diese Ameisen überfallen
in Scharen die Lebensmittel, sind besonders begierig auf süsse Stoffe, wie
Zucker, Marmelade und Kuchen, bevorzugen aber auch frisches Fleisch.
Gefährlich werden sie in Krankenhäusern durch ihre Vorliebe für Eiter, Blut
und Sputum, die sie verschleppen. Es ist ferner beobachtet worden, dass sie
kranke Kinder, gelegentlich auch Erwachsene (besonders an Tuberkulose
leidende) massenhaft überfielen und ihnen in Nase, Mund, Ohren und Augen
krochen. Im bakteriologischen Institut einer Krankenanstalt drangen sie
in die Plattenkulturen ein, in einer pathologischen Abteilung nagten sie die
I Leichen an. Ihre Bekämpfung ist sehr schwierig, weil sich ihre Nester meist
I in den Grundmauern der Häuser befinden. Noch weit unangenehmer ist eine
zweite, bisher in Deutschland nur in Gewächshäusern gefundene, grössere
1 Ameisenart, die argentinische Ameise, Iridomyrmex humilis Mayr, die in den
1 südlichen Vereinigten Staaten in Krankenhäusern grossen Schaden anrichtet.
I Auf ihr Vorkommen wäre auch bei uns zu achten. Ferner treten bei uns
! in Krankenhäusern, ebenso wie in Wohnhäusern, auch einige einheimische
Arten der Gattungen Lasius und Formica auf, deren Bekämpfung leichter
durchgeführt werden kann. Die Biologische Reichsanstalt für Land- und
Forstwirtschaft, Laboratorium für Vorrats- und Speicherschädlinge, ist mit
der Bearbeitung solcher Fälle beschäftigt und bittet um Mitteilung über Vor¬
kommen und Schädigungsart von Ameisen in Krankenhäusern. Jede ge¬
wünschte Auskunft wird kostenlos erteilt. Einsendungen (Ameisen in denat.
Alkohol) und Anfragen sind zu richten an die Biologische Reichsanstalt für
Land- und Forstwirtschaft (Laboratorium für Vorrats- und Speicherschädlinge),
Berlin-Dahlem, Königin-Luise-Strasse 17/19.
— Man schreibt uns: Infolge der zunehmenden wirtschaftlichen Schwierig¬
keiten ist die Geschäftsstelle des Re ichsaus Schusses für hygie ni-
sche Volksbelehrung (Sitz Dresden), die bisher gemeinsam mit der
des Sächsischen Landesausschusses von Herrn Dr. Neu¬
st ä 1 1 e r hauptamtlich geleitet wurde, dem Deutschen Hygienetnuseum un¬
gegliedert worden. Der Sitz des Reichsausschusses war seinerzeit des
Hygienemuseums wegen nach Dresden gelegt worden. Die engere Ver¬
bindung beider Stellen wird ihrer Zusammenarbeit und damit der hygieni¬
schen Volksbelehrung besonders förderlich sein. Das Amt des Generalsekre¬
tärs für beide Ausschüsse wird in Zukunft von Dr. med. Martin Vogel.
Kustos und Abteilungsvorsteher am Deutschen Hygienemuseum neben¬
amtlich versehen. (Anschrift: Dresden-N. 6. Grossenhainerstr. 9. Fernspr.
25 201.)*
— Am 17. Mai hielt Professor Dr. K 11 h n in Dresden auf Einladung
des Vereins Sächsischer Richter und Staatsanwälte einen Vortrag über „Ver¬
erbungslehre und Rechtspflege“, in dem besonders die Sterilisierung
Minderwertiger gefordert wurde. Die Versammlung stimmte den
Ausführungen des Redners zu.
— Geh.-Rat Ln barsch ist vom Vorstand der „Robert Koch-Stiftung
zur Bekämpfung der Tuberkulose“ als Nachfolger des verstorbenen Oeh.-
Rats Orth zum Mitglied gewählt.
— Die Mediz. Fakultät Tübingen wird in der Zeit vom 22. bis
24 Oktober einen dreitägigen Fortbildungskurs für praktische Aerzte abhalten.
Hauptthema: „Innere Sekretion“, behandelt in Vorträgen und. soweit Kranken¬
material vorhanden ist, an der Hand von Demonstrationen von allen in Be-
m
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 21.
t rächt kommenden Fachvertretern. Ausserdem Vorträge und Demonstrationen
über aktuelle Nebenthemen. Im Anschluss an den Kurs Gelegenheit zur r.,-
lernung besonderer Methoden. Ausführlicher Stundenplan erscheint nn Sep¬
tember. Kein Honorar, nur Erstattung der aufiaufendert Verwaltungskosten.
— Die Fürsorgestellenkommission des Deutschen Zentralkomitees zur
Bekämpfung der Tuberkulose verunstaltet während des Monats Oktober d. J.
in Berlin wieder einen Lehrgang in der Tuberkulosenfürsorge für etwa
30—40 Teilnehmerinnen. Anmeldungen sind bis spätestens 1. September d. J.
an die Geschäftsstelle des Tuberkulose-Zentralkomitees, -Berlin W. 9,
Königin-Augusta-Strasse 7. zu richten. .
— Vom 26. bis 28. Juli findet ein Tuberkulose-Fortbil¬
dung s k u r s an der Universität Rostock statt. Vortragende: Brüning.
C ursch mann. Deusch, Felke, Fischer, Grafe, Körner,
Müller. I’ e t e r s, Stahl. Auskunft erteilt Prof. Dr. H. G u r s Ch¬
ina n n - Rostock. Medizinische Klinik. . , , .
— An dem Fortbildungskurs in Bad Kissingen, 3. bis
6. September, nehmen ausser den schon genannten auch die Herren 1 ro-
fessor E p p i n g e r - Wien und Prof. M a s i n g - Dorpat als Vortragende
— Der Deutsche Aerztetag in Bremen (14. und 15. Sep¬
tember) weist folgende Verhandlungsgegcnstände auf: 1. Regelung der
Facbarztfrage (Berichterstatter: S t u e 1 p - Mülheim a. d. Ruhr und
Küster mann -München). 2. Das ärztliche Versorgungswesen (Bericht¬
erstatter: Voll mann- Berlin). 3. Fürsorgerische und gesetzgebensche
Massnahmen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (Berichterstatter.
R o esc hmann- Berlin). Ferner Antrag des Aerztevereins Ostfriesland
auf Verschmelzung des Deutschen Aerztevereinsbundes und des Hartmann¬
bundes und Zusammenlegung der beiden Publikationsorgane.
— Man schreibt uns: Am 20. Juli, dem, Vorabend des diesjährigen bayer.
Aerztctages findet vormittags Vj9 Uhr in Nürnberg in den Raumen des
ärztlichen Vereins, Luitpoldhaus 1. Stock die Jahresv er s a in ml u n g
des Vereins bayer. Krankenhausärzte statt mit Jahresbericht
und Besprechung folgender standespolitischer Tagesfragen: Zentrale Verein¬
barungen über Dienst- und Besoldungsverhältmsse und ihre Durchführung,
zunehmende Bedrohung des Fortbestandes der Provinzkrankenhauser durch
systematischen Abtransport der operativen Kranken in die grossen Kranken¬
häuser und Universitätskliniken seitens der Krankenkassen der Provinz
zwecks kostenloser Behandlung, unentgeltliche Behandlung bemittelter
Privatkranker in grossen Krankenhäusern und Universitätskliniken. Zu¬
lassung der praktizierenden Aerzteschaft zur krankenhausärztbchen Tätigkeit.
Krankenkassenkontrolle im Krankenhause, Vereinheitlichung der Verpflegs-
sätze. Am Schlüsse der Tagung findet eine Besichtigung des Stadt. Kranken¬
hauses Nürnberg mit seiner mustergültigen Einrichtung durch Herrn Direktor
Prof. Dr. Müller statt. Privatquartiere stehen durch Vermittlung des
Landessekretariats Nürnberg. Klaragasse 5 zur Verfügung.
— Alkoholverbotskonferenz in Hamburg. Der Al ge¬
meine Deutsche Zentralverband zur Bekämpfung des Alkoholismus (Vor¬
sitzende: Prof. Delbrück- Bremen und Pater Franke- Berlin ver¬
anstaltet gemeinsam mit dem Ausschuss für Alkoholyerbot in Deutschland
(Vorsitzende: Dr. S t r e c k e r - Darmstadt und Erl. G. v. Blücher-
Drcsden) eine Konferenz vom 26. bis 28. August in Hamburg, um die mit
dem Verbot gemachten Erfahrungen durch Vorträge von Vertretern ver¬
schiedener Länder mit teilweisem oder völligem Verbot und durch Personen,
die aus eigener Anschauung und Erfahrung schöpfen, klarzustellen. Mit¬
teilungen und Anfragen sind an Herrn F. Goesch, Hamburg 30, Eppendorfer
Weg 211, zu richten. . , .. ,
— Die Vereinigung der Mitteldeutschen Psychiater und Neurologen
hält ihre diesjährige Tagung am 28. Oktober in Leipzig ab. Vortrage sind bei
Herrn Geheimrat B u m k e, Leipzig, Windmühlenweg 29, bis spätestens
1. September 1923 anzumelden. . . xl. , „ ,
— Die Deutsche Gesellschaft für gerichtliche und
.soziale Medizin tagt vom 18. bis 20. September in Bad St eben
— In Dresden fand am 4. VII. d. J. die achte Landestagung der
Zentrale für Jugendfürsorge in Sachsen statt. Es wurden
folgende Vorträge gehalten: Dr. Richard B ö 1 1 g e r, Dozent an der Gehe¬
stiftung sprach über männliche und weibliche Erziehung. Ein \ ortrag vom
Jugendrichter, Amtsgerichtsrat Beyer behandelte das neue Jugendgerichts¬
gesetz. Am Nachmittag wurde die Jahresschau: „Spiel und Sport be-
— - in Berlin erfolgte im Januar d. J. die Gründung einer „Deutschen
Gesellschaft für dentale Anatomie und Pathologie.
Der Vorsitz liegt in Händen des Herrn Prof. Dr. Römer, Direktor des
zahnärztlichen Universitäts-Instituts Leipzig. Der Zweck der Gesellsctiatt
ist, einen Mittelpunkt für die gesamte wissenschaftliche Adbeit auf dem
Gebiete der dentalen Anatomie und Pathologie zu bilden; weiter das Interesse
für dieses Gebiet unter der Zahnärzte- und Aerzteschaft zu fordern und
die Einführung eines speziellen Unterrichts in der dentalen Pathologie an
den zahnärztlichen Universitätsinstituten anzustreben. Die Gesellschaft ver¬
anstaltet mindestens einmal im Jahre eine (ordentliche) Tagung im Zu¬
sammenhang mit der Jahresversammlung des Zentralvereins deutscher Zahn-
. — Pest. Niederländisch Indien. Vom 1. bis 15. April 264 tödlich
verlaufende Pestfälle auf Java. — Aegypten. Vom 14. Mai bis 3. Juni
207 Erkrankungen, davon in Alexandrien 14, Port Said 8 und Suez 1.
— Pocken. Schweiz. Vom 27. Mai bis 2. Juni 46 Erkrankungen,
und zwar in den Kantonen Zürich 6 — davon in der Stadt Ziilrich 2 .
Bern 23 — 2—, St. Gallen 9, Aargau 6, Blaselstadt und Uri je 1. Vom
3 bis 9 Juni 48 Erkrankungen, und zwar in den Kantonen Zürich 4 davon
in der Stadt Zürich -2 — , Bern 34 — 5—, St. Gallen 7, Luzfern 2 und Base>-
landschaft 1. — England und Wales. Vom 27. Mai bis 9. Juni 101 Er¬
krankungen. __ „„„ _ . . . _
— Fleckfieber. Polen. Vom 1 1. bis 13. März 1263 Erkrankungen
(und 96 Todesfälle), davon in der Stadt Warschau 17 (2).
— In der 22. Jahreswoche, vom 27. Mai bis 2. Juni 1923, hatten von
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Mainz
mit 17.4. die geringste Frankfurt a. M. mit 8.4 Todesfällen: in der
23. Jahreswoche, vom 3. bis 9. Juni 1923. hatten die Kröss e Sterblichkeit
Wiesbaden mit 22.0. die geringste Mannheim mit 6,8 Todesfällen pro Jahr
und 1000 Einwohner. von. •
H o.c hscli u lnach richten.
Erlange n. Der Oberarzt an der psychiatrischen Klinik. Privat¬
dozent Dr. Gottfried E wa 1 d. wurde zum a. o. Professor ernannt.
G ö t t i n g e n. Der Professor für innere Medizin Geh. Med. -Kat
Dr. Otto Dänisch. Leiter der med. Poliklinik, ist zum 1. Oktober 1923
von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden, (hk.)
Heidelberg. Das Ordinariat der Physiologie an der Universität
Heidelberg (an Stelle von Geh. Rat A. Kosscl) ist dem ord. Pr<«essor
Dr. phil. et med. August Pütt er in Kiel angeboten worden. Pütt et.
dessen Arbeiten besonders vergleichende Physiologie und allgemeine Bio¬
logie betreffen, ist ein geborener Stralsunder. Er studierte in Breslau und
Jena Medizin und Naturwissenschaften, besonders Zoologie, war 1903—1911
Assistent am Göttinger physiologischen Institut unter Verwörn und
habilitierte sieh ebenda als Privatdozent. 1909 erhielt er das Prädikat
Professor und siedelte 2 Jahre später an das Bonner physiol. Institut (wieder
unter V e r w o r n) über, wo ihm ein Lehrauftrag für vergleichende l hysio-
logie erteilt wurde. Ostern 1922 kam P ü 1 1 e r als Abteilungsvorsteher an
das physiol. Institut in Kiel und erhielt zugleich die Ernennung zum
Ordinarius, (hk.) . , ... .... . . ...
j e n a. Im Sommersemester 1923 sind an der Universität Jena immatn-
kodiert : Studierende der Medizin: 407 m., 96 w„ darunter 1. Semester:
19 m., 4 w. Studierende der Zahnheilkunde: 44 m., 11 w.. darunter 1. Se¬
mester: 0 m.. 0 w. . _ .
M a r b u r g Im S.-S. 1923 beträgt die Frequenz der Studierenden
insgesamt 2444. davon 314 Damen (im W.-S. 1922/23 2080). In der mediz.
Fakultät 464 (409 : 55), W.-S. 1922/23 484 (428 : 56). Im ersten Semester
befinden sich 36. darunter 2 Damen und 4 Ausländer; Studierende der Zahn¬
heilkunde im. ersten Semester 36, darunter 2 Damen und 1 Ausländer.
Rostock. Der Oberarzt der Chirurg. Universitäts-Klmik. Iriyat-
dozent Dr Lehmann, ist zum ausserplanmässigen ausserordentlichen
Professor ernannt worden. — Am 2. Juli wurde als Rektor der Universität
der o. Professor und Direktor der psychiatrischen Univ.-Klmik Dr. Rosen-
f e 1 d ins Amt eingeführt. . _ ... . ,
Würzburg. Dem Privatdozenten für allgemeine Pathologie und
pathologische Anatomie an der Würzburger Universität, Dr. med. Eugen
K i r c h (aus Siegen in Wcstf.) wurde der Titel eines ausserordentlichen
Professors verliehen, (hk.)
Todesfälle.
Mit dein Tode ihres berühmten Ophthalmologen, des Geh. Rates Prot
Dr C v Hess erleidet die Münchener Universität einen neuen uner¬
setzlichen Verlust. Er erlag nach anscheinend nur kudzer Krankheit im
61. Lebensjahre einer perniziösen Anämie. C. v. Hess twar eine oer
Säulen, auf denen der Weltruf der Münchener Universität ruht. ein. Förderer
seines Faches, wie ihn die Augenheilkunde seit A\ v. O r a e f e nicht mehr
erlebt hat, ein segenspendender Arzt, ein scharfsinniger, ideenreicher For¬
scher. Einen solchen Mann in der Vollkraft seines Schaffens Opfer eines
heimtückischen Leidens werden zu sehen, ist namenloser Schmerz Hir seine
Familie und Freunde, ein tragisches Geschick für die Wissenschaft und
die Welt. Seine Lebensarbeit wird in d. Wschr. von berufener Seite
gewürdigt werden. _ .
In Innsbruck ist der Direktor der dortigen Universitäts-Frauenklinik,
Prof. Dr. Paul Mathe», im Alter von 52 Jahren freiwillig aus dem Leben
geschieden. _
Pensionsverein für Witwen und Waisen Bayer. Aerzte
An unsere Mitglieder!
Es besteht Aussicht, dass das B. Rote Kreuz in München im Benchmei
mit einer Schweizer Persönlichkeit einer Anzahl erholungsbedürftiger Kintlei
(Knaben und Mädchen), hauptsächlich Mittelschüler im Alter von 8 14 Jahren
einen etwa zweimonatlichen unentgeltlichen Aufenthalt in der Schweiz vc ■
mittein kann. Nach gegenwärtiger Information kommt als Zeit der Hmreisi
die 2. Augusthälfte, event. erst Ende August in Betracht. Die Vorstandschal
des Pensionsvereins ist eingeladen worden — wofür auch an dieser Stelh
namens unserer Mitglieder herzlich gedankt wird im Laufe der nächste
Wochen eine Anzahl Vorschläge, die sich nicht nur auf München, sonderi
über ganz Bayern erstrecken sollen, bezüglich der aus den Kreisen unsere
Mitglieder zu berücksichtigenden Kinder einzureichen. Wir fordern dane
unsere in Betracht kommenden Mitglieder, besonders auch die Witwen au
sich in dieser Sache bei unserem Geschäftsführer, Herrn Dr. ningst- "'er
Aldringenstr. 2, zu melden und die vorliegenden Verhältnisse schriftlich dar-
zulegen. Besonders soll auch die Bedürftigkeit (Angaben über Emkommei
event. Bestätigung) nachgewiesen werden. F.twa besonderer FtlcKi
bedürftige Kinder sind besonders zu bezeichnen, da für diese die Möglich
keit der Aufnahme in Heime besteht. Die Kosten für die Ausrüstung de
Kinder und das — voraussichtlich zu ermässigende— Reisegeld bis zu
Schweizer Grenze müssen von den Angehörigen aufgebracht (und konntei
bei der Lage des Vereins nur im allerseltensten Falle vom Vereine selbs
getragen) werden. Von der Schweizer Grenze ab würden die Reise- um
anderen Unkosten von der Schweizer Organisation übernommen werden
Wir erwarten die Anmeldungen an obige Adresse bis längstens 10. Juli
Die Vorstandschaft ersucht hiemit zugleich alle Herren Kollegen, welche diesi
Notiz lesen, unsere Mitglieder und deren Angehörige, von welchen sehr viel
eine medizinische Zeitung längst nicht mehr abonnieren können, in kollegialen
Geiste auf diese den Standesangehörigen zugedachte Wohltat aufmerksai
machen zu wollen. _ ... . „
1. A. der Vorstandschaft des Pensionsvereins für Witwen und Waise
bayerischer Aerzte: * c
San.-Rat Dr. Grassmann, München, Ottostr. 8.
Anmeldungen an Dr. Hingst, München. Aldringenstr. 2.
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnun
und Kleidung beträgt für den Monat Mai 3816 ^im April 2954). Die Lrhöhuii
beträgt somit 29,2 v. H. Basiszahl 191314 — 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist ab 30. VI. 1923: Umh
VerUg von ] F.
,r, in Mfinrhcn SW?* PauMleyse»Str. 26. — Bruck von b. MüliUl.-iler'* Huch- und Kunst trucWrrei <T m It.H. Münob-n
tTrrls d<T ein/elncii Nummer freibleibend . M l8ud.-. . Bezugspreis
in Deutschland und Aus’and siche unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
lür die Schriftle tum': Arnulfstr. 26 tSpreciistuiiden 8':;— 1 Uhr),
liir Bezug: an J. h. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-Strasse 2d.
MÜNCHENER
Anzeigen- Vnnahmi:
Leo Wat bei, München, Tlieatinerstrasse 3 und sämtliche
tieschäftsstellen der „Ala“ Vereinigte Anzeigen-Gesel1-
schalteiiHaasenstein&VoglerA.O.jDaube&Co.m.bH,
Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 28. 13. Juli 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Outachten für die Deutsche Gemeinsame Arzneimittel¬
kommission.
Ueber die Auswahl von Digitalispräparaten.
Von Ernst Romberg (München).
Per Erfolg jeder Digitalisbehandlung hängt von der Dosis des
Mittels ab, die zur Wirkung an Herz, Kreislauf und Gesamtorganis-
tnus gelangt, und weiter vom Zustand des Kranken, vor allem vom
Verhalten seines Herzens und seiner Blutgefässe. Je nach Anwen-
dungsweise und Art des Präparats ergeben sich in den genannten
Richtungen, aber auch in Einzelheiten der Wirkung bedeutsame
Unterschiede. Als Digitalispräparate bezeichnen wir in weiterem
Sinne alle Arzneien, die in charakteristischer Weise Herz und Blut¬
gefässe beeinflussen.
Die unbedingte Voraussetzung des Erfolges ist die üleichmässig-
keit des Präparats. Seit man den wechselnden Gehalt des natürlichen
Mbterials an wirksamen Stoffen je nach Wuchsort und Zeit der Ein-
s; mmlung, je nach der Art der Zubereitung und Aufbewahrung
kennen gelernt hat, ist die erste Forderung eine gleich massige
Einstellung der verwendeten Arzneien nach ihrem Wirkungs¬
grad. Sie erfolgt biologisch nach der Einwirkung auf das Froschherz,
r.r ch sogenannten Froschdosen (F. D.). Nicht so titrierte Präparate,
wie die gewöhnlichen Digitalisblätter der früheren Arzneibücher für
das Deutsche Reich, die daraus hergestellten Arzneiformen und gaie-
nischen Präparate, wie das Infus, Ta. Digitalis, Extract. Digitalis,
Acetum Digitalis, ebenso nicht titrierte Strophanthustinktur, Adonis
vernalis, Convallaria majalis, Apocynum cannabinum, Bulbus Scillae
inaritimae sollten grundsätzlich nicht mehr gebraucht werden. Man
kommt mit ihnen nie zu ausreichender Sicherheit der Digitalisbehand-
lung, jedenfalls nicht in einem ausgedehnteren Wirkungskreis, in dem
die jeweilige Qualität des verordneten Mittels nicht zu übersehen ist.
Freilich hängt die Einstellung eines bestimmten, meist mittelstarken
W irkungsgrades durch entsprechende Mischung des Ausgangsmate-
rials von der Zuverlässigkeit der Bezugsquelle ab. Bei den meist-
gcbrauchten Mitteln darf man sie aber jetzt als gegeben annehmeu.
Die gleichmässige Einstellung der Präparate nach Froschdosen
gibt zwar wohl Gewähr für eine stets gleiche Wirksamkeit des glei¬
chen Präparats unter gleichen Bedingungen, gestattet aber in keiner
Weise eine Abschätzung der Wirksamkeit verschiedener Präparate.
Sie hängt massgebend von der Resorption ab. Abgesehen von
dem nachher zu berührenden Einfluss mancher starken Pfortader¬
stauung, üben bei der gewöhnlichen Verabfolgung per os die Digitalis¬
mittel durch die ihnen allen gemeinsame örtliche Reizung der Appli¬
kationsstelle einen irritierenden Einfluss auf Magen und Darm. Je
nach der Art des Mittels und je nach Reaktion des Kranken ist sie
verschieden. Bei beträchtlicher Stärke stört sie die Resorption im
Darm. Auch von einem am Froschherzen sehr kräftigen Mittel kann
dadurch so wenig zur Resorption gelangen, dass die Kreislaufwirkung
recht gering wird. So enthalten z. B. 0,1 Pulv. fol. Digital, titratus
200 F. D., eine Tablette Scillarcn 600 F. D.; beide wirken aber nach
den Erfahrungen meiner Klinik am Menschen gleich, weil die starke
Reizung von Magen und Darm durch das Scillaren nur den kleineren
I eil seines tatsächlichen Gehalts an wirksamen Stoffen zur Resorption
in bestimmter Zeit kommen lässt. So entsprachen 5 Tropfen einer be¬
stimmten titrierten Strophanthustinktur 400 F. D. Die Wirkung war
aber wegen der viel stärkeren Magen-Darmwirkung wesentlich
schwächer als die von 0,2 titriertem Digitalisblätterpulver, das die
gleiche Wirksamkeit im Tierversuch hatte. So muss von dem in ge¬
wöhnlicher Weise aus zerschnittenen Digitalisblättern hergesteilten
Infus wohl wegen der stärkeren Magen-Darmschädigung die 1 h -2-
fache Menge des Mittels wie von dem Blätterpulver zur Erzielung
des gleichen Erfolges gegeben werden.
Die störende Wirkung der Gewebsreizung für die Resorption
lässt sich durch intravenöse Anwendung umgehen, zu der aber natür¬
lich nur ein Teil der Präparate geeignet ist. Man erhält so die
Geh erste und schnellste Wirkung, die überhaupt erreichbar ist, da
die intrakardiale Anwendung durch Einstich in das Herz in der allge¬
meinen Praxis nicht empfohlen werden kann. Bemerkenswerterweise
ist hier und da auch vom Mastdarm aus eine bessere Resorption als
per os zu erzielen, natürlich auch nur bei wasserlöslichen Arzneien.
Die subkutane Anwendung ist bei allen Digitalismitteln wegen der
heftigen Schmerzen und der entzündlichen Reizung dringend zu
widerraten. Auch die intramuskuläre Einspritzung ist meist recht
empfindlich und kann an Sicherheit und Schnelligkeit der Wirkung
mit der intravenösen nicht konkurrieren.
Endlich ist noch ein wichtiger Unterschied auf seiten der Prä¬
parate zu beachten. Alle aus der Digitalis hergestellten Arzneien
wirken erst nach einer bestimmten Anreicherung im Herzen,
die stets eine gewisse Zeit auch bei stomachaler Einverleibung des
besonders rasch wirksamen Verodigens, selbst bei intravenöser Ein¬
spritzung anderer Präparate, braucht. Die S t r o p h a n t h i n e wir¬
ken dagegen, sobald sie eine bestimmte Konzentration im
Blute erreicht haben, unmittelbar in voller Stärke. Ihre VVirku-.ig
geht aber rascher vorüber als die der Digitalispräparate, welche die
Einverleibung länger überdauert. Das Cymarin aus Apocynum canna¬
binum scheint den Strophanthinen, das Scillaren den Digitaliskörpern
ähnlich zu sein. Ueber andere Substanzen sind wir noch nicht ge¬
nügend unterrichtet.
Möglicherweise werden sich noch weitere Unterschiede
in der Art der Wirkung für die verschiedenen Mittel her¬
aussteilen. Bis jetzt ist auch für die eigentlichen Digitalis-
präparate, trotz ihres verschiedenen Gehalts an Aktivglykosiden,
nichts in dieser Richtung bekannt, wenn von der mehrfach betonten
besonders guten diuretischen Wirkung des Digipurats abgesehen
wird. Die therapeutisch besonders in Betracht kommenden Stoffe,
resp. Fraktionen, das Gitalin und das Digitalein, scheinen sehr ähn¬
lich zu wirken. So sehen wir den gleichen Erfolg von den ent¬
sprechenden Mengen titrierter Digitalisblätter mit ihrem 1 Proz. Ak¬
tivglykosiden, zu etwa gleichen Teilen Gitalin, Digitalein, Digitoxin,
des Digitalysat (Bürger) und des Digipurat mit etwa 75 Proz.
Gitalin, 25 Proz. Digitalein und Spuren von Digitoxin, des Digipan
und Digalen mit 54 — 57 Proz. Gitalin, 46 Proz. Digitalein und ohne
Digitoxin, und endlich der reinen Gitalinfraktion, dem Verodigen, von
dem 0,8 mg etwa der Wirkung von 0,1 g Blätterpulver entspricht.
Welche Bedeutung die Art der Herstellung der Arznei hat, sieht man
am Infus. Schon nach etwa 24 Stunden wird es um die Hälfte weniger
wirksam, wohl weil das darin enthaltene Digitalein unter Säuerung
zersetzt wird.
Sichere Einstellung des Wirkungswertes vorausgesetzt, ist es so
bedeutsam, ob man Digitalispräparate oder Strophanthin anwendet,
ob man die Mittel stomachal oder intravenös, ev. rektal appliziert,
ob man unter den Digitalispräparaten das sehr schnell wirkende Vero¬
digen bevorzugt und den Nachteil in Kauf nimmt, dass seine nützliche
Menge und seine schädigende Dosis näher beieinander liegen als bei
den übrigen langsamer wirkenden, aus Digitalis hergestellten Mitteln.
Ganz zwecklos ist es dagegen, nach einem wirklich wirksamen Digi¬
talispräparat ohne unerwünschte Nebenwirkungen zu suchen. Der
Hauptvorzug der speziellen Digitalispräparate, die lange Nachwirkung,
wird bei zu anhaltendem Gebrauch zu einem Nachteil durch uner¬
wünschte Kumulierung. Die Strophanthine lassen in ihrer Wirkung
schneller nach, haben aber bei ihrer Abhängigkeit von der jeweiligen
Konzentration im Blute in viel höherem Maasse den Uebelstand un¬
mittelbarer Ueberdosierung, der zu einer wirklichen Gefahr werden
kann, wenn zu kurze Zeit nach einer noch nachwirkenden, wenngleich
zur Herzkräftigung vielleicht unzureichenden Digitalisbehandlung
Strophanthin eingespritzt wird. Gar nicht zu empfehlen sind Kom¬
binationen von Digitalis und Strophanthus, wie das Disotrin oder das
Digistrophan, die die Kumulierung vermindern sollen. In Wirklichkeit
verschlechtern sie die Resorption, wie alle Strophanthuspräparare.
Man würde dasselbe mit kleineren Digitalisdosen erreichen. Die gute
Wirksamkeit dieser Präparate soll damit natürlich nicht bestritten
werden. Sie sind aber überflüssig.
Die notwendige Digitalismenge hängt weitgehend vom Zustand
des Kranken, vom Verhalten seines Herzens und seiner Blutgefässe
ab. Bei wirklich gesundem Herzen scheinen arzneiliche Digitalisdosen
wirkungslos zu sein. Sie nützen nur bei kardialen Kreislaufstörungen.
Die Schwere der Herzinfusionen ist für die Grösse der erforderlichen
Dosis weitgehend gleichgültig. Audi leichte Störungen werden erst
durch dieselben Mengen gebessert, wie schwere Abweichungen. Nur
in der Notwendigkeit öfterer Wiederholung oder anhaltenden Ge¬
brauchs bestehen natürlich grosse Unterschiede. Dass jede Digitalis¬
behandlung nur bei Erleichterung der äusseren Herzarbeit, bei ent¬
sprechender Einschränkung körperlicher und geistiger Tätigkeit, bei
zweckmässiger Gestaltung der Ernährung, besonders der Flüssigkeits-
2*
900
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
zufuhr, Erfolg hat, ist hier nicht zu erörtern. Nicht zu besprechen
sind hier auch die Zeichen schädlicher Ueberdosierung, das Auftreten
von Extrasystolen, besonders von Bigeminie, Ueberleitungsstörungen,
vereinzelt bei vorher rhythmischen Herzen das Erscheinen perpetu-
eller Arhythmie, die öftere Bremsung befriedigend einsetzender
Harnausscheidung, das Auftreten von Angina pectoris, Embolien und
die so häufigen Magen-Darmstörungen durch die unmittelbare Rei¬
zung der Schleimhaut, oder durch ungünstige zentrale Nebenwir¬
kung, endlich das Flimmern vor den Augen, das ziemlich oft die erste
Mahnung zur Vorsicht ist. Um so nachdrücklicher sind die Grund¬
sätze der Dosierung zu betonen, von deren Beachtung der
Erfolg massgebend abhängt.
Wie bei allen eingreifenden Arzneimitteln ist das Lebensalter
wichtig. Als Normaldosis für die Behandlung per os zwischen
15 und 50 Jahren betrachte ich die Tagesdosis von 0,3 Pulv. fol.
Digital, titrat. Meist muss sie 5 — 7 Tage hindurch zur Erzielung des
Erfolges gebraucht werden. Jenseits des 50. Jahres gibt man zunächst
3 — 4 mal 0,05, bei Leuten zwischen 70 und 80 Jahren zunächst
1 — 2 mal 0,05 und steigert nur, wenn diese Menge nicht zum Ziel
führt. Zwischen 10 und 15 Jahren werden 4 — 6 mal 0,05, zwischen
7 und 10 Jahren 3 mal 0,05, bei noch jüngeren Kindern 3— 4 mal
0,025 verordnet.
Bei perpetueller Arhythmie sind zur Herbeiführung der
therapeutisch wichtigen Erschwerung der Ueberleitung und zur Er¬
zielung ausreichender Verlangsamung der Kammern durchschnittlich
grössere Mengen erforderlich, z. B. statt 3 mal 0,1 besser 4 mal 0,1
Pulv. fol. Digital, titrat. Zu beachten ist dabei, dass der Erfolg hier
ab und zu schon nach 24—36 Stunden auftreten kann. Diese Kranken
sind zur Vermeidung einer Ueberdosierung besonders gut zu über¬
wachen.
Dieselbe höhere Dosis ist bei fiebernden Kranken, z. B. mit
den so häufigen Stauungspneumonien, zu wählen, deren erhöhte Tem¬
peratur freilich oft nur bei Darmmessung festzustellen ist. Die gleicne
Menge empfiehlt sich bei thyreotoxischer Herzschwäche.
Kommen Fieber oder thyreotoxische Herzstörung und perpetuelle
Arhythmie zusammen, kann man unter Umständen die Tagesdosis
auf 0,5 Pulv. fol. Digit, titrat. steigern.
Umgekehrt ist bei jeder Hypertonie mit regelmässigem Herz¬
schlag wegen der oft so deutlichen Ueberempfindlichkeit ihres Her¬
zens und ihrer Uefässe auf arzneiliche Einwirkungen die Dosis jeden¬
falls zunächst eher kleiner zu wählen, also 3 — 4 mal täglich 0,05. Auch
hier bedingen perpetuelle Arhythmie, Fieber und thyreotoxische Stö¬
rungen eine entsprechende Steigerung der Anfangsdosis. Das bei
schweren Störungen oft deutliche Steigen des vorher unter Umständen
bis zur Norm erniedrigten Blutdrucks bildet keine Gegenanzeige für
die Fortsetzung der Behandlung. Es zeigt nur die bessere Kompen¬
sation des bestehenden Gefässwiderstandes durch das Herz. Bei
leichteren Störungen geht der Blutdruck ja nicht selten unter Digi¬
taliswirkung herunter, weil die Kontraktion der Gefässe zusammen
mit Abnahme der Schweratmigkeit, mit Verminderung des Meteoris-
mus nachlässt.
Aehnliche kleinere Dosen gibt man zunächst bei empfind¬
lichem Magen. Bei hochgradigen Arteriosklerosen mit
ihrer verminderten Widerstandsfähigkeit, bei bedrohlich pulsierenden
sackförmigen Aneurysmen, bei kurz vorher eingetretenen Em¬
bolien, wenn das Herz eine Störung braucht.
Von den anderen per os zugeführten Digitalispräparaten sind die
entsprechenden Dosen zu wählen.
Bei intravenöser Anwendung gelten für die speziellen
Digitalispräparate dieselben Regeln. Für Strophanthin wird man sie
meist auch bestätigt finden. Bei der Eigenart seiner Wirkungsweise
ist es empfehlenswert, stets mit der kleinen Menge von 0,25 mg zu
beginnen, mit den nächsten Einspritzungen 0,5 ev. 0,75 mg nach je
24 Stunden zu geben, wenn keine Wirkung erreicht wurde, erst nach
36 Stunden, wenn eine Wirkung auch nur angedeutet war'. Bei ent¬
sprechender Besserung ist die gleiche Menge wie das letzte Mal zu
wiederholen, wenn die Wirkung nachzulassen anfängt. Jede schema¬
tische Steigerung der Dosen ist zu verwerfen. Die rektale Zufuhr
ist nur als Notbehelf zu betrachten.
Ob man intravenös behandelt, hängt von folgenden Gesichts¬
punkten ab: Bei manchen hochgradigen Stauungen in Leber und
Pfortaderkreislauf gelingt die intravenöse Digitalisierung nicht selten
bei Kranken, bei denen durch die erschwerte Resorption vom Darm
aus keine ausreichende Hebung der Herztätigkeit erzielt werden
kann. Die intravenöse Behandlung ist ferner bei sicher bekannter
Unverträglichkeit von Magen und Darm gegen Digitalispräparate zu
bevorzugen, wenn auch die Passage des Mittels durch den Magen in
den erst im Darm löslichen Pohl sehen Geloduratkapseln die Dys¬
pepsie nicht verhindert. Strophanthin ist unbedingt erforderlich und
durch kein anderes Herzmittel zu ersetzen, wenn bedrohlichste Herz¬
schwäche sofortige Hilfe erfordert, wenn selbst das so rasch wir¬
kende Verodigen nicht abgewartet werden kann, freilich nur unter
der Voraussetzung, dass die letzte Digitalisanwendung schon etwas,
am besten 3 — 4 Tage, zurückliegt. Auch bei Herzinsuffienz mit Fieber
ist das Strophanthin bisweilen der intravenösen Anwendung anderer
Digitalispräparate überlegen.
Ueberblicken wir von dem vorgetragenen Standpunkt die wich¬
tigsten zurzeit in Deutschland benutzten Digitalispräparate. Der
Oberapotheker des städtischen Krankenhauses lks. d. Isar, Herr
Dr. Rapp, hat mich bei ihrer Zusammenstellung in dankenswerter
Weise unterstützt.
Ich bespreche zuerst die wichtigsten Eigenschaften der einzelnen
Mittel und gebe dann eine Zusammenstellung ihrer im Handel be¬
findlichen Formen und der Kassenpreise im Mai 1923.
1. P u 1 v. f c 1. D i sc i t. t i t r a t. in Pillen zu 0,05 oder 0,1 sollte als die
Digitalisverordnung der Wahl betrachtet werden. Die Pillenform sichert die
zuverlässige Einnahme der verordneten Mengen. Der unangenehme Ge¬
schmack des Mittels wird dabei nicht empfunden. Können Kranke Pillen
nicht schlucken, ist das Pulver zu verordnen. Die Unverträglichkeit des
Magens schon gegen kleine Mengen bei einzelnen Kranken ist durch Ver¬
wendung der P o h 1 sehen Geloduratkapseln meist auszuschalten oder ist
durch Verabfolgung anderer Digitalispräparatc zu verhüten. Die Pillen sind
vor allem die bei weitem billigste Verordnungsweise. Die viel geübte
Kombination des Digitalispulvers mit Diuretin, Morphium usw. ist nicht zu
empfehlen. Zu oft muss die Dosierung der verschiedenen Bestandteile ge¬
wechselt werden. 0,1 titrierten Pulvers enthält 200 F.D.
2. Das I n f u s. f o 1. Digit, meist 1,5 : 150 steht dem Blätterpulver an
Wirksamkeit nach. Es reizt den Magen stärker. Sein Geschmack ist un¬
angenehm. Wir erwähnten schon die geringe Haltbarkeit und die Not¬
wendigkeit zur Erzielung des gleichen Erfolges die 1/4 — 2 fache Menge wie
vom Pulver zu geben. Auch für rektale Anwendung sind die modernen
flüssigen Digitalispräparate zu bevorzugen. Zudem ist es wesentlich teurer
als die Verordnung von Pillen. Dass Ta. Digit., Extract. Digit., Acetum
Digit, besser nicht gebraucht werden, wurde schon erwähnt. Zu ihrer Her¬
stellung aus titrierten Digitalisblättern liegt kein Grund mehr vor, wenngleich
die Erfolge dadurch wohl etwas sicherer würden.
3. Digitalis- Dispert Krause, ein Digitaliskaltextrakt in
Trockenform, wirkt ebenso gut wie das Pulver. Die unmittelbare Reiz¬
wirkung des Magens schien mir nicht nennenswert geringer. Es ist die wohl¬
feilste Tablettenform eines Digitalispräparats. Eine Tablette entspricht
150 E.D., ein Zäpfchen 300 F.D.
4. Digitalysat Bürger, ein Dialysat des Presssaftes frischer
Blätter, ist ein warm zu empfehlendes, verhältnismässig wohlfeiles Präparat
in flüssiger Form. Einzelne Kranke, deren Magen gegen feste Digitalis¬
präparate unverträglich ist, vertragen dieses Mittel besser. 20 Tropfen ent¬
sprechen 0,1 titriertem Blätterpulver, 30 Tropfen = 1 g 0,15 Blätterpulver.
5. Sehr ähnlich sind L i q u i t a 1 i s Gehe, die die kaltwasserlöslichcn
Aktivglykoside enthält, und das Digitalysatum Colaz. Nur ist das
letzte etwas schwächer eingestellt, da 1 g 0,1 titriertem Blätterpulver ent¬
spricht. Beide sind wesentlich teurer, als das Digitalysat.
6. D i g ip u r a t u m K n o 1 1 ist der wichtigste Vertreter einer ganzen
Reihe von Digitalispräparaten, die von den für die Kreislaufwirkung gleich¬
gültigen und für den Magen schädlichen Beimengungen möglichst befreit sind.
Es wirkt vortrefflich. Seine oft besonders gute diuretische Wirkung wurde
schon betont. Für die intravenöse Anwendung von Digitalispräparatcn ver¬
wende ich es gern. Leider ist es besonders kostspielig. 1 Tablette oder
1 ccm entsprechen 0,1 titriertem Digitalispulver.
7. Digifolin Ciba wird nach den gleichen Grundsätzen wie das
Digipurat gewonnen. Nach meiner Kenntnis ist cs zurzeit in Deutschland
kaum erhältlich. Bei intramuskulärer Anwendung hatte es von allen so ver¬
wendeten Digitalispräparaten wohl die geringste, aber keineswegs eine
fehlende Schmerzwirkung.
8. Digipan Temmlerwerke, ebenfalls nach denselben Grund¬
sätzen hergestellt, hat eine etwas abweichende Dosierung. Eine Tablette
entspricht nur 0,075 titriertem Blätterpulver, 1 ccm = 24 Tropfen 0,15 davon.
Bei Berücksichtigung dieser abweichenden Dosierung ist es durchaus zu
empfehlen.
9. Vom D i g i t o t a 1 Heyden, das wohl auch in diese Reihe gehört,
entspricht eine Tablette - 1 ccm des flüssigen Präparats 0,15 Blätterpulver.
10. Digonorgine Norgine Prag gehört wohl ebenfalls hierher.
1 ccm entspricht nach Angabe 200 F.D., eine Tablette 50 F.D., sie werden
aber von der Fabrik nicht 0,1 bzw. 0,025 titriertem Blätterpulver, sondern
den doppelten Mengen in ihrer Wirkung gleichgesetzt. Offenbar ist ein
anderes Vergleichsobjekt als bei deutschen Präparaten gewählt. Das Prä¬
parat kommt wegen seines Valutapreises für Deutschland nicht in Betracht.
11. Digalen Grenzach ist ein 25 Proz. Glyzerin enthaltender
Digitalisextrakt. Dass es kein Digitoxin enthält und in der Zusammen¬
setzung der wirksamen -Glykoside etwa dem Digipan entspricht, wurde schon
oben betont. Wird es nach der noch vorwiegend durchgeführten Vorschrift
nach Kubikzentimetern abgemessen gegeben, so ist wichtig zu wissen, dass
man auf diese Weise eine 0,15 Blätterpulver entsprechende Menge zuführt.
Die vielfach hervorgehobene besonders kräftige Wirkung des Mittels erklärt
sich aus dieser höheren Dosierung. Tatsächlich wirkt es sehr gut, ausser¬
ordentlich gleichmässig, aber nicht stärker als die entsprechende Menge
Blätterpulver. Als Digitoxin sollte es nach dem heutigen Sprachgebrauch
nicht mehr bezeichnet werden. Es ist ein recht teures Mittel.
12. Vom Digitrat Kahlbaum, das eine titrierte Digitalistinktur
darstellt, entspricht 1 ccm 120 — 150 F.D., eine Ampulle 100 F.D. Es ist eben¬
falls recht kostspielig.
13. Das D i g i n o r m. D r. Degen und K u t h ist ein von magen¬
reizenden Nebenbestandteilen sorgfältig befreiter Auszug. Es hat den
Valor IV nach F o c k e. Auch seine Reizwirkung auf den Magcn-Darmkanal
wird biologisch geprüft. Ob es mehr zur Reihe des Digipurat oder des
Digalen gehört, konnte ich in der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht
ermitteln.
Isolierte Digitalisglykoside enthalten die folgenden Prä¬
parate:
14. Verodigen Böhringer ist die Gitalinfraktion der Blätter.
Eine Tablette mit 0,8 mg entspricht 0,1 Blätterpulver. Es wurde schon
erwähnt, dass das Verodigen ausserordentlich rasch wirkt. Es ist deshalb
das Mittel der Wahl bei bedrohlichen Zuständen, die rasche Abhilfe fordern
und bei denen eine intravenöse Behandlung unmöglich ist. Sein Nachteil ist.
wie ebenfalls hervorgehoben, dass die nützliche Dosis und die unerwünschte
Kumulierung hervorrufende Menge näher als bei allen anderen Digitalis-
13. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Präparaten zusummettliegen. Die Gefahr der UebcrdosieruiiK ist besonders
gross. Es sollte nur bei der Möglichkeit täglicher ärztlicher Uebcrwachung
gegeben werden. Zu anhaltender Digitalisierung ist es ungeeignet.
15. Das Digitoxinuni crystallisatum Merck wird wohl
wegen seiner Unlöslichkeit im Wasser in ganz verschiedener Menge resor¬
biert. Gleichmässige Wirkungen sind damit nicht zu erzielen. Es wird besser
nicht gebraucht.
16. Digital inum. verum Böhringer ist wohl nicht sicher
identisch mit dem jetzt als Digitalin bezeichneten Schmiedeberg sehen
Digitalin in den Samen der Digitalis. Auch dieses Mittel, das nur bei intra¬
muskulärer Verwendung Digitaliswirkung einigermassen regelmässig zeigte,
wird jetzt besser nicht gebraucht.
17. D i g o t i n G e h e, die kristallisierenden Bestandteile der Blätter,
ist nach den mir vorliegenden Angaben nicht ausreichend zu beurteilen.
Es folgt eine Reihe von Mitteln, die aus anderen Pflanzen
gewonnen werden.
18. Tinctura Strophanthi hat trotz ihres im titrierten Präparat
hohen Valors von 100 nach F o c k e wegen der starken Reizwirkung auf
Magen und Darm eine unverhältnismässig schwache Kreislaufwirkung. Da
es zur Erzielung einer Wirkung auf die Herstellung einer gewissen Kon¬
zentration im Blute ankommt, ist die stomachale Anwendung nicht mehr zu
empfehlen.
19. Strophanthin Böhringer, amorphes Glykosid aus Kombe-
samen, ist, wie hervorgehoben, das unentbehrliche Mittel der intravenösen
Digitalistherapie in Notfällen. Sofort nach Herstellung einer gewissen Kon¬
zentration im Blute tritt die Wirkung ein. Es bedarf nicht erst der eine ge¬
wisse Zeit beanspruchenden Anreicherung im Herzmuskel.
20. Strophanthin gratus Thoms, Güstrow Dr. Hillring¬
haus und Dr. Heilmann, oder Ouabaiin, ein kristallisierendes Glykosid,
ist nach Schmiedeberg für pharmakologische Untersuchungen wohl das
ideale Vergleichspräparat. Es hat eine etwa doppelt so starke Herzwirkung
wie das Strophanthin Böhringer. Aber die arzneiliche und die toxische
Dosis liegen näher zusammen. Für die allgemeine Anwendung kann es des¬
halb einstweilen nicht empfohlen werden.
21. Strophalen T o s s e, ebenfalls mit Strophanthin gratus her¬
gestellt, kann ich nicht beurteilen.
22. D i s o t r i n Fauth & Co. enthält nach dem Prospekt 0,3 mg
Gesamtglykoside von Digitalis purpurea und Strophanthus Kombe. Wie schon
besprochen wurde, ist cs nicht zu empfehlen, da die durch den Strophanthus-
zusatz angestrebte Wirkung sich auch einfacher erreichen lässt.
23. Digistrophan Goedecke & Co. ist ein bei niedriger Tem¬
peratur eingeengtes Fluidextrakt von Digitalis und Strophanthus. Eine
Tablette oder 3 Tropfen oder eine Ampulle entsprechen 0,1 Blätterpulver
+ 0,05 Sem. Strophantin. Für seine Beurteilung gilt dasselbe wie für das
Disotrin.
24. Von Apocynuin cannabinum wird nur das C y m a r i n,
das wirksame Glykosid, intravenös gebraucht. In den empfohlenen Dosen
von 0,5 — 1 mg steht es weit hinter dem Strophanthin trotz naher chemischer
Beziehungen zurück.
25. Bulbus Scillae m a r i t i m a e ist neuerdings wieder warm
empfohlen worden. Bei gleicher Dosierung wie beim Blätterpulver der
Digitalis soll er besonders bei Stickstoffretention sehr gut wirken. Die
diuretische Wirkung wurde besonders hervorgehoben. Für die angegebene,
namentlich die Diastole des Herzens steigernde Wirkung scheinen mir die
pharmakologischen Unterlagen nicht beweisend zu sein. Die bei grösseren
Dosen lästigen Nebenwirkungen, Erbrechen und Durchfall, haben bisher den
allgemeinen Gebrauch des Mittels verhindert.
26. Scillaren Sandoz, das wirksame Glykosid des Bulbus Scillae,
wirkt trotz seines hohen Gehalts von 600 F.D. pro Tablette vom Magen
aus nur entsprechend 0,1 Blätterpulver, eine Folge seiner durch die starke
örtliche Reizwirkung verursachten schlechten Resorption. Irgendwelche Vor¬
züge vor dem Blätterpulver konnte ich nicht feststellen. Zur intravenösen
Anwendung kann ich es nicht empfehlen
27. Aus den Flores Conva.llariae majalis wird das Kar-
d io ton in Degen und Kuth als Extrakt unter Zusatz von 5,5 Proz.
Coffeinum natro-benzoicum gewonnen. Eine deutliche Digitaliswirkung ist
damit nicht zu erreichen. Aus der Reihe der eigentlichen Digitalismittel
wird es deshalb wohl besser gestrichen.
28. Herba Odonidis verna lis wird als Infus wegen der da¬
durch hervorgerufenen starken Durchfälle besser nicht gebraucht. Emp¬
fehlenswerter scheint das daraus gewonnene Adonigen Chemische
Werke Bad Homburg. Seine gleichmässige Zusammensetzung und
das Freisein von störenden Nebenstoffen werden gelobt. Ich habe darüber
noch keine ausreichende Erfahrung.
Neben den aufgeführten Mitteln existiert noch eine ganze Anzahl
brauchbarer Präparate. Es ist unmöglich, sie vollständig aufzuzählen
und zu würdigen. Dringend zu widerraten sind Kombinationen wie
das Digimorval, ein Gemisch aus Digitalis, Valeriana und Mor¬
phium, weil es untunlich ist, Herzkranken bei der ganz verschiedenen
Grösse einerseits der wünschenswerten Digitalis-, anderseits der
Morphiumdosen die beiden Mittel in schematischer Form zusammen
zu verordnen.
Die Zusammenstellung lässt die Unterschiede zwischen den ver¬
schiedenen Digitalispräparaten ausreichend erkennen. Braucht auf
die aufgewendeten Kosten keine Rücksicht genommen zu werden, ist
die grosse Auswahl sicher ein Vorteil. Für den angestrebten Erfolg
ist, wie gezeigt wurde, die Wahl des Mittels nach bestimmten Ge¬
sichtspunkten sicher wichtig. Für die stomachale Verabfolgung brau¬
chen wir je nach den persönlichen Bedürfnissen die wirksame Sub¬
stanz in Pillen, Pulvern, Tabletten oder in flüssiger Form. Das Vero¬
digen ist wegen der Schnelligkeit seiner Wirkung kaum entbehrlich.
Die intravenöse, nicht zu missende Behandlung braucht neben dem
ganz unentbehrlichen Strophanthin Böhringer ein sicher sterilisiertes,
gleichmässig haltbares, flüssiges Digitalispräparat. Dies voraus-
Kesetzt, istaberfürdenErfolgwenigerdie Wahl des
901
Mittels unter den verschiedenen Gruppen, als die
richtige Dosierung massgebend. So kann ohne jeden
Nachteil für die Kranken in der Kassenpraxis und ebenso bei allen
mit öffentlichen Geldern arbeitenden Anstalten und Einrichtungen
weitgehende Rücksicht auf den Preis genommen werden. Ich lasse
eine Zusammenstellung darüber folgen, die nach den Kassenpreisen
für Mai 1923 die Kosten einer 0,1 titriertem Blätter¬
pulver entsprechenden Dosis des Mittels angibt und
Angaben über die im Handel befindlichen Formen der ein¬
zelnen Präparate bringt. Ich verdanke diese Zusammenstel¬
lung, wie schon bemerkt, Herrn Oberapotheker Dr. R a p p - München.
Pilul. fol. Digit. 0,1 30 St. = 807 M. 1 St. 27 M.
Pilul. fol. Digit. 0,05 30 St. = 731 M. 2 St. 49 M
Pilul. fol. Digit, titr. 0,1 30 St. 878 M. 1 St. 29 M.
Pilul. fol. Digit, titr. 0,05 30 St. 768 M. 2 St. 51 M.
Pulv. fol. Digit. 0,1 6o M.
Pulv. fol. Digit, titr. 0,1 63 M.
Geloduratkapseln (Pohl) c. fol. Digit, titr. 0,05 20 St. 1100 M. 2 St. 110 M.
Geloduratkapseln (Pohl) c. fol. Digit, titr. 0,1 20 St. 1100 M. 1 St. 55 M.
Infus, fol Digit. 1,5 : 150 90 M.
Digitalis-Dispert Krause 12 Tabletten 602 M. 66 M.
3 Suppositorien 561 M. 125 M.
Digitalysat Bürger 10 ccm 1160 M. 77 M.
6 Ampullen 1400 M. 155 M.
Liquitalis Gehe 7,5 ccm 1520 M. 136 M.
6 Ampullen 3060 M. 340 M.
Digitalysatum Golaz 15 ccm 2500 M. 166 M.
6 Ampullen 2500 M. 416 M.
Digipuratum Knoll 10 ccm 2760 M. 276 M.
6 Tabletten 1070 M. 178 M.
3 Ampullen 2640 M. 880 M.
Digipan 15 ccm 2709 M. 121 M.
12 Tabletten 1327 M. 139 M.
3 Ampullen 1563 M. 347 M.
Digitotal Heyden 15 ccm 5000 M. 222 M.
25 Tabletten 1800 M. 48 M.
Digalen 7,5 com 2321 M. 207 M
12 Tabletten 2089 M. 217 M.
3 Ampullen 2321 M. 516 M.
Digitrat Kahlbaum 15 ccm 2630 M. 233 M.
3 Ampullen 1834 M. 1222 M.
Diginorm Dr. Degen und Kuth 15 ccm 3722 M. 248 M.
12 Tabletten 1821 M. 151 M.
5 Ampullen 5682 M. 1136 M.
Vereidigen Böhringer (für besondere Fälle) 6 Tabletten 1000 M. 166 M.
Digotin Gehe 15 ccm 3060 M. 204 M.
12 Tabletten 1790 M. 150 M.
6 Ampullen 3680 M. 613 M.
Tinctura Strophanthi titr. 10 g 1105 M.
nicht titriert 10 g 1053 M.
Strophanthin Böhringer 3 Ampullen 1830 M. (besondere Gefahr, teuer)
Strophanthin gratus Thoms 5 Amp. 2760 M.
Strophalen Tosse 20 ccm 3145 M.
20 Drag. 1875 M.
Yi mg 5 Ampullen 2890 M.
Yi mg 5 Ampullen 3215 M.
Disotrin Fauth u. Co. 15 Tabletten 740 M.
Digistrophan Goedecke u. Co. 20 Tabletten 3120 M. 156 M.
Bulbus Scillae maritimae Pulv. zu 0,1 68 M.
Scillaren Sandoz 20 ccm 3600 M. 180 M.
20 Tabletten 3000 M. 150 M.
6 Ampullen 3000 M. 500 M.
Cardiotonin Dr. Degen und Kuth 15 ccm 3840 M.
25 Tabletten 3840 M.
Adonigen 10 ccm 2612 M.
Digimorvan 20 Tabl. 4800 M. (1 Tabl. mit 0,05 Digit. 0,005 Morph.) 2 St. 480 M.
Die angeführten Zahlen werden leicht feststellen lassen, wieweit
in Rücksicht auf die verfügbaren Mittel mit der Zulassung der ver¬
schiedenen Arzneien zur Kassenpraxis zu gehen ist.
Auf Grund dieses Gutachtens hat die Gemeinsame Arzneimittel¬
kommission, nach einem Referat von Herrn Geheimrat H e f f t e r,
beschlossen, den deutschen Aerzten die folgenden Herzmittel zur
Auswahl zu empfehlen:
Pilul. fol. Digitalis,
Pilul. fol. Digitalis titr.,
Pulv. fol. Digitalis,
Pulv. fol. Digitalis titr.,
Geloduratkapseln c. fol. Digit, titr.,
Digitalis-Dispert,
Digitalysat,
Liquitalis,
Dialysatum Digitalis,
Digipurat,
Digipan,
Digitotal,
Digalen,
Digitrat,
Diginorm,
Verodigen,
Strophanthin.
Zur Anwendung in der Kassenpraxis empfiehlt die Gemeinsame
Arzneimittelkommission mit Rücksicht auf den Preis Pillen und
Pulver der Digitalisblätter, auch Geloduratkapseln mit 0,1 Pulv. fol.
Digit., aber nicht das Infus, ferner Digitotal und Digitalis-Dispert in
Tabletten, auch das Digitalysat: für besondere Fälle und bei drohen¬
der Gefahr wird Verodigen und Strophanthin empfohlen.
>
902
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
Aus der Universitäts-Kinderklinik zu Köln.
Temporärer Verschluss der Kardia vom Magen aus
wegen erschöpfender Rumination des Säuglings. Heilung.
Von F. Si eger t-Köln.
Das Wiederkauen — Rumination, Merycismus — , seit fast
200 Jahren beim älteren Kinde und Erwachsenen beschrieben, befallt
mit Ausnahme des Säuglingsalters fast nur das männliche Geschlecht.
Relativ häufig ist es eine familiäre Unart, in 3 Geschlechtern fest¬
gestellt (Literatur bei A. W i r t, diese Wochenschrift 1910, bei S fern,
R i e h n u. a.), was schon Zeppenfeld 1835 bekannt war. Sicher
gelangen nur die wenigsten familiären Fälle zur ärztlichen Kenntnis,
da das Leiden, wie beim Nägelkauen, Lutschen, Onanieren der Urn-
gebung verheimlicht wird, soweit nur möglich, vor allem von den
Erwachsenen wie den Eltern dem Arzt gegenüber. Beim Säugling
wurde es erst in jüngster Zeit, in rasch zunehmenden Veröffent¬
lichungen, bekannt, wegen der früher fehlenden Krankenhausaufnahme
der dabei zugrunde gehenden Säuglinge und damit der ärztlichen Un¬
kenntnis der Pathologie des Säuglingsalters. Auch wurde ^es von
Laien und Aerzten erst allmählich vom „habituellen Speien unter¬
schieden.
Allerdings wurde die Lehre von der Rumination von der Pädiatrie
der jüngsten Zeit zum Teil verwirrt, statt gefördert. Denn sie be¬
achtete nicht die eindeutigen Erfahrungen freimütiger Aerzte, welche,
selbst Wiederkäuer, ihr eigenes Leiden beschrieben und deren An¬
gaben über intelligente, erwachsene oder jugendliche Wiederkäuer.
Die Aerzte Rossbach (Monographie, Langensalza 1875, Kling-
hammersche Buchhandlung), Na ecke (Neurol. Zbl. 1893), Loewe
(d. Wschr. 1891) und H o 1 1 i d a y (New York med. Record 1897) geben
bessere Auskunft zur objektiven Beurteilung als alle subjektiven,
theoretischen Ueberlegungen Dritter. Nach Rossbach wurden als
organische Grundlage zweimal Anomalien des 11. Hirnnerven, resp.
des N. accessorius Willis» beschrieben (Fr. Arnold, v. Patru-
ban). er selbst litt mit 13—14 Jahren an einem klinischen Krampt
der Muskulatur in dessen Bereich. Betreffs des Magens wurde Atome
der Kardia wie Magenerweiterung wiederholt behauptet, andrerseits
bestritten, daneben Hyperazidität wie Hypazidität berichtet. Viel er¬
örtert wurde als Beweis der Kardiaatonie der bekannte Versuch von
A 1 1 (B.kl.W. 1898), der einen 24 jährigen Ruminanten nach gründlicher
Magenspülung mit 54 Liter Wasser zwei lebende Goldfische von 5/;
und 6% cm verschlucken liess, die nach 20 resp. 28 Minuten wohl¬
behalten durch Rumination wieder heraufgelangten. Der Beginn der
Rumination fällt fast stets in die „früheste Jugend , in die Zeit der
ersten Erinnerung, tritt gelegentlich auch später ein und fuhrt dann
zuin jahrelangen oder lebenslänglichen Wiederkauen. Bei den einen
auch willkürlich auslösbar, erfolgt es bei den andern ungewollt der¬
art, dass es nach dem Einsetzen bei beiden gar nicht oder oft auch
nicht in Gesellschaft unterdrückt werden kann, was peinlichst empfun¬
den und mit grossem Geschick zu verbergen gesucht wird. Niemals
wird zum Wiederkauen die geringste Anstrengung gemacht oder etwa
die liegende Stellung eingenommen, es erfolgt im Gehen, Reiten. Je
gröber, ungekauter, schmackhafter die Speisen, um so sicherer, langer,
oft auch später, bis 4 Stunden nach der Mahlzeit setzt das Wieder¬
kauen ein und beginnt sofort nach dem Heraufkommen der Nahrung,
von ..Hcraufpumpcn“ (R i e h n) ist keine Rede. Erst wenn die Mahl¬
zeit fertig kleingekaut und geschmacklos oder sauer geworden, hört
das Wiederkauen auf, das vorher angenehm empfunden wird auch,
wie gesagt, meist bei bestem Willen nicht zu unterdrücken ist.
Alles das spricht durchaus gegen die pädiatrischen Behauptungen
der letzten Zeit von „extrem gesteigerter Form des Latschens , vom
grässlichen Egoismus“ der ruminierenden Säuglinge ('), von der
Auslösung „besonders durch reichliche flüssige Nahrung — schon
5(1 ccm werden ruminiert und zäher Brei so gut wie Milch , von
„umgekehrtem Saugmechanismus“ und zu dessen Forderung ein¬
genommener Lage mit nach hinten gebogenem Kopf, wodurch ener¬
gische Muskelkontraktion der zum Kinn und zur Zunge verlaufenden
Muskeln erreicht werden soll. Wohl mag aktive Rückenlage un
Rückwärtsbeugung des Kopfes instinktiv zum Verhüten des Ablaufens
der ruminierten Flüssigkeit verwendet werden. Alle diese Angaben
über Ursprung und Verlauf des Wiederkauens sind subjektive Ver¬
mutungen, keine begründeten Anschauungen.
Auch die Ansicht, Ersatz des ..egozentrischen Denkens“ des Säug¬
lings „durch das Interesse an den Vorgängen der Umwelt — Goe p-
nert, R i e h n — heile die Rumination. ist problematischer Natur.
Kinder, wie Erwachsene ruminieren jahrelang trotz grösstem Interesse
an der Umwelt, ohne „grässliche Egoisten“ zu sein.
Das Ruminieren ist. wo kein nennenswerter oder sehr grosser
Verlust der jieraufgekommenen Flüssigkeit, wie beim Säugling zu¬
weilen. eintritt. für den Wiederkäuer ohne jeden Schaden. Erhöhte
Reizemofän Hichkcit. das Zeichen der Neurasthenie. Neuropathie, oru-
disponiert sicher auch zur Rumination, ist aber kein ätiologische r
Faktor. _ „ ,
Wahrscheinlich spielt in der Aetiologie eine grosse Rolle das ge¬
legentliche Hinaufgelangen von eben erst verschluckter Nahrung m
die Mundhöhle. Beim Säugling schon wegen seiner Magenverhalt¬
nisse und flüssigen bi« breiigen Kost häufig, durch den Schnuller, das
1 ut«rhen, wie das Einführen von Hand und Fuss in den Mund oft be¬
dingt, veranlasst ihn zum Kauen und Schlucken der im Geschmack
noch unveränderten, meist zuckerhaltigen Nahrung, bei schon ver¬
zuckertem Kohlehydrat. Durch wiederholte Erfahrung wird der Vor¬
gang geläufig, wohl öfter auch gewollt, die Rumination ist da. Die
Angabe so vieler Erwachsenen „seit frühester Jugend“, „im 4„ 5. Le¬
bensjahr“ bezieht sich auf die erste Zeit persönlicher Erinnerung,
besagt nichts gegen den früheren Beginn. Eher besteht eine Ver¬
anlagung dazu, wie sie für das Lutschen, Nägelkauen, Erbrechen, Bett¬
nässen seit langem feststeht. Gesteigerte Reflextätigkeit wird objeK-
tiv nicht häufiger festgestellt, wie ausdrücklich als fehlend angegeben.
Einmal längere Zeit geübt, kann ja das Wiederkäuen nur sehr schwer
bei bestem Willen unterdrückt werden, nach Einsetzen des Vorgangs
überhaupt fast niemals. Wäre nicht die Tatsache des Ruminicrens Er¬
wachsener wie Kinder fast nur beim männlichen Geschlecht, man
müsste an die hysterische Auslösung denken, die auch trotzdem nicht
von der Hand zu weisen ist und hier, wie bei dem Nagelkauen, der
Enuresis als monosymptomatische Form anzusprechen wäre. Da das
Ruminieren ein Lustgefühl bereitet — sonst käme es kaum vor ,
wie es seit langen Jahren bekannt, auch von Goett wieder betont
wird, also einem im Unterbewusstsein vorhandenen Zweck dient,
anderseits alle möglichen suggestiven Massnahmen und Einflüsse ge¬
legentlich zur sofortigen, vorübergehenden, wie allmählichen dauern¬
den Heilung führen, da ferner zu Zeiten nervöser Ermüdung Rück¬
fälle Vorkommen, wird der Gedanke an die Hysterie als ätiologisches
Moment nahegelegt, die auch bei normalem „Egoismus“ und bei
„grösstem Interesse für die Vorgänge der Umwelt“ sich findet.
In dem nun zu besprechenden Falle war für die I herapie aller¬
dings in erster Linie entscheidend die äusserste Erschöpfung des
Säuglings dadurch, dass er beim Ruminieren nach jeder Mahlzeit,
flüssig wie dickbreiig, fast die ganze aufgenommene Nahrung aus dem
Munde verlor, was meist fehlt, oder nur ganz gering in die Erschei¬
nung tritt, sowie dass monatelange therapeutische Versuche keine
Besserung brachten, also entweder die Rumination einfach untei-
driiekt werden oder aber das Kind zugrunde gehen musste.
Auch dieser Kranke, der sechste meiner Beobachtung, ist männ¬
lichen Geschlechtes, wie alle anderen *).
C. E. v. B., geb. am 2. Vll. 22, aufgenommen am 7. XL 22. Nach
schwerer Dyspepsie vor 3 Monaten, die etwa 1 Yi Monate dauerte, gut erholt,
begann er vor 8 Tagen sich die ganze Faust in den Mund zu stecken, nach
jeder Mahlzeit, dann so lange diese hochzubringen und zu kauen, bis unge¬
fähr alles zum Munde hepausgelaufen ist. Rasche Abmagerung. Zur Klinik
gebracht. ,
Befund: Elender Atrophikus, Gewicht 4010g, Bauch tief eingesunken.
Grosse Fontanelle ebenso. Rachenschleimhaut gerötet. Zervikaldrüsen ver-
grössert. Ekzem am Rücken. Sonst nichts Besonderes.,
Verlauf: Nach jeder Mahlzeit, ob flüssig oder dickbreiig, fährt er mit
der ganzen Hand bis zmn Gelenk in den Mund, bringt den Mageninhalt
hoch, ruminiert andauernd, wobei die Nahrung allmählich fast vollständig
über die Unterlippe abläuft.
17. XI. Fesselung der Hände, Bauchlage, Ablenkung ohne Erfolg,
ebenso Magenspülung mit folgender Sondenfütterung. Starkes Oedem. Angina.
Temp. bis 38,4". Rapide Gewichtszunahme auf 4490 g vom 13. XI. bis
heute. Aeusserste Hydrolabilität. .
23. XI. Abstieg um 540 g auf 3950 g. Temp. 38,8 . Angina.
24. XI. Temp. 39,6°. Kochsalz subkutan und per Klysma (Tröpfchen¬
klysma). . , _ . .
2. XII. Auf Plasmonwasser (2 Proz.) + Milch, Brei und Gemüse wird
vorübergehende Zunahme erreicht. Pferdeserum 2,0 pro die vom 5. XII. an.
Gewichtsschwankungen von 570 g in 7 Tagen.
14. XII. Abnahme auf 3970 g, gleichmässig andauernd. Schnupfen.
Konjunktivitis. Magensalzsäure: freie 0, gebundene HO.
23. XII. Fesselung der Hände, Bauchlage, auch in der Schwebe. Ab¬
lenkung. andauernd vergeblich. Ruminiert bis ungefähr die ganze Mahlzeit
aus dem Munde abgeflossen. Dabei munter und vergnügt. Belladona, Opium.
Atropin versagen, ebenso Chloralhydrat. Gewichtsschwankungen 450 g in
7 Tagen.
5. I. 23. Bei gänzlicher Verelendung dauernde Untertemperatur. Ge¬
wicht 3920 g mit 7 Monaten. Versuch des Kardia Verschlusses
mit Magensonde, an deren Ende eine Fischblase derart
befestigt ist (mit Paragummi und übergestreiftem
Gummisch lauchstreifche n), dass sie aufgeb lasen einen
runden Ballon von 2 cm Durchmesser bildet. Einfüh¬
rung nach jeder Mahlzeit. Abklemnxung. Fesselung
der Hände. Gemischte Kost: Milch, Brei, Gemüse.
13. I. Zunahme 390 g! Kardia muss verschlossen werden, sonst sofort
Rumination! . .
Eine interkurrente Grippe, gefolgt von fieberhafter Bronchitis, 10 Tage
später eine fieberhafte Angina, die so oft bei dem elenden hydrolabilen Lym-
phatiker zu schweren Gewiichtsstürzen geführt hatte, halten die dauernde,
starke Zunahme nicht auf. Das Kind blüht zusehends auf.
3. II. Nach dickbreiiger Nahrung muss die Sonde bis 2/2 Stunden liegen
bleiben, aber auch ohne aufgeblasenen Ballon unterbleibt meist das Wieder¬
käuen, selbst spontan an einzelnen Tagen. .
16. II. Sehr rege Esslust, schreit, sobald er seine Mahlzeit sieht, bis
er sie hat. Ballon muss wieder fast regelmässig aufgeblasen werden. P. lässt
die Sonde, die durch eine grossere Klemme aussen ain tieferrutschen be¬
hindert ist, ruhig liegen, lacht vergnügt dabei.
1 III. Keine Veränderung im tadellosen Gedeihen. Aber der Ballon-
verschluss nach jeder Mahlzeit nötig, sonst wird ruminiert und alles läuft ab.
10. III. Trotz erneuter Angina und Rhinitis glänzendes Gedeihen.
Ballon wie Sonde können oft fortbleiben. P. von fröhlichstem Sinn, sitzt
gern aufrecht. . . , _ .
13. III. Hat gestern und heute nicht mehr ruminiert! Sonde weg
20. III. Geheilt. Zunahme seit dem -5. I. 1830 g!
•) Andere Beobachter, R i e h n und Grimm- Köln nach mündlicher Mit¬
teilung. sahen auch Mädchen in grösserer Zahl.
13. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
903
E p i k r i s e. Bei schwerstem Fall
von Wiederkauen mit fast restlosem
Abfliessen oder Ausspucken der wieder
heraufbeförderten Nahrung, aufgetreten
nach habituellem Einführen der linken
Hand in die Mundhöhle, tritt äusserste
Erschöpfung ein. Fehlschlagen aller
empfohlenen Heilverfahren. Verschluss
der Kardia vom Magen aus durch
kleinen Qummiballon am Ende der ein¬
geführten Magensonde. Sofortige,
gleichmässige Gewichtszunahme. Hei¬
lung des aufblühenden Kindes in
2V4 Monaten, ohne jede Unterbrechung
durch aifth nur geringe tägliche Ge¬
wichtsschwankungen.
Während alle therapeutischen
Massnahmen bisher nur gegen das ego¬
zentrische Denken, den Egoismus, die
Rückenlage des Ruminanten, gegen die
Auslösung durch grössere Flüssigkeits¬
mengen, gegen das Eingehen mit Hand
oder Fuss in den Mund sich wenden,
versuchte und erreichte ich in die¬
sem hoffnungslosen Fall die Beseiti¬
gung der Ruminationsmöglichkeit selbst
durch Aufblasen eines kleinen Gummi¬
ballons im Magen und Verschluss der Kardia sofort nach der Mahlzeit
und nach Erschöpfung aller bekannten Massnahmen, mit Abnahme
des 7 Monate alten Knaben auf 3950 g, die sofortige ununterbrochene
Zunahme auf 5780 g in 2lA Monaten unter vollständiger Heilung des
Wiederkauens.
4" ■+■ — + — — +
130 210 IW 90 130 200 180 90 10 10 110 250 VtO 100 2.00 160 200 130
— - — Gewichtswochenkurve. - . = Gewichtsschwankungen im Verlau
der Wochenkurve.
Vom 7. XI. 1922 bis 5. 1. 1923 minus 160 g. Nährklysmen. NaC! subkutan.
I.eerserum. Atropin. Ablenkung! Hände gefesselt. Sondenfütterung.
Magenspülung. Belladonna, Opium, Bauchlage. Schwebe nach Y 1 p p o e.
Ich empfehle die Nachprüfung bei allen gleichen und ähnlichen
i allen, wo die schnelle Gewöhnung an die liegende Sonde mit dem
aufgeblasenen Ballon eintritt. Der Erfolg ist sicher, der Eingriff mühe¬
los und ungefährlich.
Das Verfahren scheint bisher nie versucht worden zu sein.
Es eröffnet Aussichten für weitere Anwendung. Zunächst bei
habituellem Speien und bei intermittierendem Pyloruskrampf, wie bei
unstillbarem Erbrechen auf nervöser Grundlage. Sodann ist zu den¬
ken an die Luftfüllung von Blase und Dickdarm mit anschliessendem
Ballonverschluss des Sphinkters zur erfolgreichen Röntgenunter¬
suchung, wie zur Luftfüllung des Oesophagus ohne jeden gefährlichen
Druck durch Einführung eines röhrenförmigen Gummiballons zur Er¬
kennung ring- oder bandförmiger Verengerungen oder Erweiterungen.
Anmerkung bei der Korrektur: Die Arbeit Wcrnstedts
(Acta Paediatrica, Vol. I, iFasc. 1, Upsala 1921) geht mir nach der Korrektur
leider verspätet zu.
Aus der inn. Abt. des evang. Krankenhauses Mülheim-Ruhr.
Ueber den Unterschied der Wirkung von Milch und
Kasein bei der intravenösen Proteinkörpertherapie der
Lungenentzündung.
Von Privatdozent Dr. J. Schürer und Dr. K- Eimer.
In einem kritischen Referat über die parenterale Behandlung mit
unspezifischen Eiweisskörpern ist Stintzing 1922*) zu dem Resultat
gekommen, dass diese Therapie auf gewisse entzündliche Erkran¬
kungen einen die Entzündung neu anfachenden Reiz und häufig einen
allgemeinen Reiz auf den Gesamtorganismus ausübt und dass diese
Reizwirkung bisweilen heilsam sein kann. „Aber ob, in wel¬
chen Fällen und durch welche Eiweisskörper diese
Heilwirkung zu erreichen ist, das genauer festzu¬
stellen muss die Aufgabe weiterer Versuche sei n.“
Hiernach ist also trotz der ungeheuren Fülle von Arbeit nicht nur
Anwendungsgebiet und Indikationsstellung für die Proteinkörperthera¬
pie weitgehend ungeklärt, sondern es lassen sich auch noch keine
sicheren und wissenschaftlich ausreichend begründeten Angaben dar¬
über machen, welche Eiweisskörper besonders oder überhaupt wirk¬
sam sind. Von der grossen Zahl von eiweisshaltigen Stoffen, mit
denen therapeutische Versuche gemacht sind, hat die Milch seit den
Arbeiten von R. Schmidt die grösste Bedeutung gewonnen. Aber
die Behandlung mit Albumosen und Pepton, mit arteigenem oder
tierischen Serum und Gesamtblut, mit unspezifischer Vakzine, mit
Sanarthrit usw. scheint im Prinzip auf der gleichen Stufe zu stehen.
In fast allen Fällen arbeitet man mit Mischungen von organischen
Substanzen, deren Zusammensetzung nicht nach exakten chemischen
Methoden geprüft wird und zum Teil auch kaum geprüft werden
könnte. Die bedeutungsvollen experimentellen Arbeiten von Schif¬
te nhelm und Weich ardt über die Wirkung von einzelnen Ei¬
weisskörpern und über die Gruppenwirkungen haben noch keine prak¬
tische Auswirkung für die Therapie gefunden. Das liegt wohl in
erster Linie daran, dass dem Fremdkörperreiz als solchem bei der
Proteinkörpertherapie eine immer grössere Bedeutung zugeschrieben
wurde, nicht der spezifischen Wirkung bestimmter Stoffe. „Bestim¬
mend für den Effekt ist vielleicht weniger die Qualität der injizierten
Substanz, als die mit Umgehung von Darm und Leber parenteral und
parahepatal erfolgende, mehr oder minder brüske Einverleibung eines
.Etwas* überhaupt“ (R. Schmidt). Unter der Voraussetzung, dass
diese Vorstellung richtig ist, würde es zweifellos einen grossen Fort¬
schritt bedeuten, wenn man an Stelle so kompliziert und variabel zu¬
sammengesetzter Produkte wie Milch und Serum eine exakt dosier¬
bare Substanz verwenden könnte. In diesem Sinne müssen wir die
Arbeiten von L i n d i g, nach denen man an Stelle der Milch eine
Kaseinlösung therapeutisch benutzen kann, als einen bedeutungsvollen
Versuch betrachten. Eine vergleichende Untersuchung
der therapeutischen Wirksamkeit der Milch und
einer Kaseinlösung schien uns deshalb von Interesse zu sein.
Die häufigste Anwendung hat die Proteinkörperbehandlung bei chro¬
nischen lokalen Entzündungsprozessen gefunden. Ein Urteil über den
therapeutischen Erfolg ist hierbei, wie bei allen chronischen Infek¬
tionen, besonders schwierig, weil der weitere Krankheitsverlauf sich
kaum voraussagend bestimmen lässt. Wir haben deshalb unsere ver¬
gleichenden Beobachtungen über die Wirksamkeit des Kaseins und
der Milch an Pneumoniekranken angestellt. Auch hier wird das Urteil
über den therapeutischen Enderfolg, d. h. die Mortalität nur an einem
ungewöhnlich grossen Krankenmaterial möglich sein. Aber der cha-
rakteristische Krankheitsverlauf lässt doch immerhin noch verhältnis¬
mässig leicht ein Urteil darüber zu. welchen Einfluss die Therapie auf
die Fieberkurve, den Kreislauf und das Allgemein¬
befinden hat. Mit diesen drei Kriterien haben wir uns vorläufig
begnügt.
lieber die Behandlung der Pneumonie mit Proteinkörpern ver¬
schiedener Art liegt noch kein sehr grosses Beobachtungsmaterial
vor. Allerdings wird man vielleicht einen Teil der mit Pneumokokken¬
serum erzielten Erfolge hierher rechnen dürfen, da die spezifische
Wirkung dieses Serums trotz der bedeutungsvollen Arbeiten des
R o c k e f e 1 1 e r - Instituts noch nicht als erwiesen gelten kann (vgl.
W. S. Thomas). Mit gewöhnlichem Pferdeserum, Diphtherie- oder
anderem unspezifischen Serum hatten Friedemann, v. d. Vel¬
den, V a u b e 1, B e 1 1 i n g e r u. a. hauptsächlich bei Grippepneumo¬
nien mehr oder weniger eindeutige Erfolge, während Alwens und
I s a a c keine besonders günstige Beeinflussung feststellen konnten.
Wieweit die Behandlung der Grippepneumonie mit Gripperekonvales-
zentenscrum (E. R e i s s, Holwei», Pfeiffer, Prausnitz u. a.)
in das Gebiet der unsnezifischen Proteinköroertherapie zu rechnen
ist, lässt sich noch nicht übersehen. Ueberblickt man alle diese Ar¬
beiten, «o hat man den Eindruck, dass in einer ganzen Reihe von
Fällen Erfolge erzielt wurden, dass aber die Resultate doch noch
*) M.m.W. 1922 S. 229.
904
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
ausserordentlich unsichere sind. Das gleiche gilt von der bisherigen
Anwendung des Caseosans (R. Neu m a n n) und der Milch bei Pneu¬
moniekranken (Pfitz). Auch über die Wirksamkeit der Milchem-
spritzungen bei Grippeerkrankungen, die z. 1. durch Pneumonien
kompliziert waren, ist durchaus noch kein abschliessendes Urteil mög¬
lich (Müller und Zalewsky, Patschkowsky).
Wir haben 24 Pneumoniekranke mit Einspritzungen von Milch
und Kaseinlösungen behandelt. Zum grössten Teil handelte es sich
um kruppöse Pneumonien. Ais Milchpräparat wählten wir das
A o 1 a n, das nach den Angaben der Hersteller eine entfettete, keun-
und toxinfreie Milch ist. Das Kasein wurde in 5 proz. Lösung in Form
des Caseosans injiziert. Alle Einspritzungen erfolgten i n t r a -
venös. Gegen die intravenöse Einspritzung der Milch bestanden
keine Bedenken, da das Aolan ja weitgehend entfettet ist und da
ausserdem nach den neueren Arbeiten die intravenösen Injektionen
von Oel relativ ungefährlich sind, besonders wenn es sich um Emul¬
sionen handelt (B. Fischer, Lenzmann u. a.). Die Dosis betrug
gewöhnlich 1 ccm Caseosan und 10 ccm Aolan. Gelegentlich schick¬
ten wir diesen Mengen probeweise eine geringere Dosis voraus,
ln einzelnen Fällen stiegen wir bis auf 2 ccm Caseosan. Im ganzen
haben wir bei unseren 24 Pneumoniekranken 17 Einspritzungen von
Aolan und 38 Einspritzungen von Caseosan ausgeführt. Drei Kranke
wurden nur mit Aolan, 9 Kranke nur mit Caseosan behandelt. Bei
den übrigen 12 Kranken wurden beide Mittel angewandt, indem teils
zuerst das Aolan, teils zuerst Caseosan injiziert wurde.
Ein Vergleich der Wirksamkeit der intravenösen Einspritzung
der Milch und des Kaseins ergab nun höchst auffallende und bemer-
kenswerte Unterschiede. Bei 13 Kranken bewirkte das Aolan keinerlei
nachweisbare Reaktion. Die Fieberkurve verlief völlig unbeeinflusst,
es wurde weder Frösteln, noch Schüttelfrost oder irgendwelche
Aenderung des teilweise stark darniedcrlicgenden Kreislaufs beobach¬
tet, und auch das subjektive Befinden besserte sich nicht. Bei einem
Kranken trat innerhalb 24 Stunden nach der Aolaninjektion kritische
Entfieberung ein; da es sich aber um eine unkomplizierte Pneumonie
am 7. Krankheitstage handelte und da sonst keine direkte Einwirkung
des Aolans festgestellt werden konnte, dürfte es sich wohl um den
normalen Krankheitsablauf gehandelt haben. Bei einem zweiten Kran¬
ken waren zwei Aolaneinspritzungen ohne jeden sichtbaren Effekt, der
dritten, am 8. Krankheitstage ausgeführten Injektion folgte eine vor¬
übergehende Temperatursenkung von 39,1° auf 36,2°. Auch hier ist
eine zufällig zu diesem Zeitpunkt eintretende Pseudokrise wohl um
so weniger auszuschliessen, als die beiden vorausgehenden Ein¬
spritzungen am 6. und 7. Krankheitstage wirkungslos geblieben waren.
Im ganzen Hess sich also bei 17 intravenösen Aolan¬
einspritzungen, die bei 15 Pneumonickranken aus¬
geführt wurden, in keinem Fall öine sichere Beein¬
flussung des Krankheitsbildes feststellen.
Im Gegensatz hierzu bewirkten von den 38 C a -
seosaninjektionen 22 eine ausgesprochene Re¬
aktion. Bei 11 Einspritzungen konnte keine Reaktion beobachtet
werden; meist handelte es sich um die Kranken, bei denen wir vor¬
sichtshalber nur 0,25—0,5 ccm Caseosan angewandt hatten, ln fünf
Fällen schien es uns zweifelhaft, ob die nach dem Caseosan auftretende
Steigerung oder Senkung der Temperatur im ursächlichen^ Zusam¬
menhang mit der Einspritzung gestanden hat. Die durch das Caseosan
hervorgerufenen Reaktionen waren zum Teil recht erheblicher Natur.
12 mal trat ein ausgesprochener Schüttelfrost auf, 7 mal statt dessen
ein starker Schweissausbruch. Die Temperatur stieg 15 mal vorüber¬
gehend an und fiel 18 mal um mehrere Grade kritisch ab. In der
Mehrzahl der Fälle kombinierten sich diese Erscheinungen. Eine dau¬
ernde kritische Entfieberung nach der Caseosaninjektion wurde aber
nur bei zwei Kranken beobachtet, bei allen übrigen Kranken handelte
es. sich nur um vorübergehende Temperatursenkungen. Die Vermin¬
derung des Fiebers machte durchaus nicht den Eindruck einer Kol¬
lapstemperatur, vielmehr konnte in der Regel gleichzeitig eine Ver¬
besserung des Kreislaufs festgestellt werden; der Puls wurde lang¬
samer und kräftiger. Schüttelfröste von bedrohlicher Stärke mit
nachfolgendem schweren Kollaps kamen nicht zur Beobachtung. Wie
so häufig bei der Proteinkörpertherapie, so traten auch bei der Ca¬
seosa nbehan diu ng von Pneumoniekranken ganz
eindeutige Besserungen des subjektiven Befin¬
dens teilweise mit ausgesprochener Euphorie
auf, während wir das bei der Aolan therapie
n i e s a h e n.
Ueberblicken wir die Erfolge der von uns durchgeführten Protein¬
körperbehandlung der Pneumonie, so müssen wir zunächst feststellen,
dass die intravenösen Injektionen von Aolan gänzlich wirkungslos
sind. Aber auch die mit Caseosan erzielten Besserungen sind doch im
ganzen recht bescheiden. Vorübergehende Herabsetzung der Tempe¬
ratur mit vorübergehender günstiger Beeinflussung des Kreislaufs
und des subjektiven Befindens, das sind Wirkungen, die zwar nicht
unterschätzt werden dürfen, denn sie können in dem einen oder an¬
deren Fall wohl gerade die Hilfe bedeuten, die nötig ist, um den Kör¬
per bis zum natürlichen Heilungsablauf der Pneumonie am Leben zu
erhalten. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Caseosan
derartige Besserungen nur in einem Teil der Fälle und nicht mit aus¬
reichender Sicherheit bewirkt. Von unseren 21 mit Caseosan behan¬
delten Pneumonickranken starben drei. Davon waren zwei ältere
Männer und nur ein Mann von 39 Jahren. Die Zahl der Todesfälle
dürfte also wohl der durchschnittlichen Krankenhausmortalität ent¬
sprechen.
Im ganzen möchten wir uns dem Urteil R. Neumanns an-
schliessen, dass die bisherigen Erfolge der Caseosanbchandlung der
akuten kruppösen Pneumonie noch nicht dazu ermutigen, diese I he-
rapie für eine ausgedehntere Anwendung vor allem in der allgemeinen
Praxis zu empfehlen. Die bisher bei einem I eil der Fälle erzielten
Besserungen deuten aber doch darauf hin, dass die Proteinkörper¬
therapie auch bei akuten Infektionen, wie bei der kruppösen Pneu¬
monie nicht wirkungslos ist. Vielleicht handelt es sich hier um die
ersten Anfänge einer Therapie, deren weiterer systematischer Ausbau
erfolgversprechend wäre. Für die Behandlung der chroni¬
schen Pneumonie mit mangelhafter Lö su n g. auf die
wir an dieser Stelle nicht näher eingehen wollen, möchten wir
schon jetzt die Caseosanbchandlung warm empfeh-
1 e n. Wir sahen hierbei vor allem bei chronischen Influenzapneumo¬
nien, die wochenlang vergeblich hydrotherapeutisch behandelt waren,
überraschend schnelle Lösungen der chronischer
Infiltrationsherde. Allerdings wird man auch hier den Erfolg
nur bei einem Teil der Kranken erwarten dürfen.
Wie erklären sich nun die auffallenden Unterschiede in der \\ irk-
samkeit der intravenösen Einspritzung von entfetteter Milch und von
Kasein? Die Angaben über den Kaseingehalt der Kuhmilch schwanken
etwas. In 10 ccm Aolan sind etwa 0,3 g Kasein enthalten. Diese
Menge war gänzlich wirkungslos, während die so
viel geringere Menge von 0,05 g Kasein in Form des
Caseosans den oben geschilderten starken Ein¬
fluss auf Temperatur, Kreislauf und subjektives
Befinden hatte. Warum das Kasein zusammen mit den
übrigen Milchbestandteilen wirkungslos ist, während das i s o 1 i e r t e
Kasein schon in viel kleinerer Dosis stark wirksam ist, lässt sich
zurzeit wohl kaum mit Sicherheit entscheiden. Zwei Erklärungs¬
möglichkeiten kämen vor allem in Frage. Erstens läge es nahe, daran
zu denken, dass es nicht auf die S u b s t a n z K a s e i n als solche an-
kommt, sondern auf ihren physikalischen Zustand. Es
braucht nur an die Vorstellungen über den kolloidalen Schock und
über die Proteinkörpertherapie als KolloidMierapie erinnert zu wer¬
den. Zweitens scheint es durchaus möglich, dass die Wirksamkeit
des pharmazeutischen Prännrats Caseosan gar nicht auf dem Kascin-
gehnlt beruht, sondern auf Beimengungen, die erst bei der Gewinnung
des Kaseins aus der Milch in die Lösungen hineingclangen oder in ihr
entstehen. Ich meine bakterielle Zersetz ungsnrodukte
des Kaseins oder Bakterien protei ne selbst. Diese
zunächst rem hypothetische Vorstellung findet eine Stütze in zwei
Tatsachen. Bei intramuskulärer Einspritzung wirkt die gewöhnliche,
durch Kochen sterilisierte Milch mit all ihren bakterie'Ien Beimen¬
gungen auf chronische lokale Entzündungsprozesse zweifellos stärker
e’n als die keim- und toxinfreie Milch (Aolan). Das beweisen viel¬
fältige Erfahrungen. Die grosse Sauberkeit bei der Gewinnung der
Milch und die Verhütung des Bakterienwachstums in der Milch beein¬
trächtigt ihre therapeutische Wirksamkeit. Die Milchthcraoie ist min¬
destens zum Teil eine Heterovakzinetherapie. Dass diese Erfahrungen
auch möglicherweise auf die Caseosanbchandlung übertragen werden
dürfen, dafür spricht die weitere Tatsache, dass das Caseosan trotz
seines konstanten Kaseingehaltes in seinen verschiedenen Lieferungen
durchaus nicht gleichmässig wirksam ist. Diese Inkonstanz der Wir¬
kung allein mit der wechselnden individuellen Empfindlichkeit zu er¬
klären, ist nicht angängig. Das scheint mir aus der ausgedehnten
Anwendung des Caseosans an einem grossen Krankenmaterial klar
hervorzugehen. Die schwankende Wirksamkeit des Caseosans würde
sich ohne weiteres erklären, wenn man der Beimengung von Bak¬
terienproteinen eine erhebliche Bedeutung für die therapeutische
Wirksamkeit zuschreibt. Das verwendete Kasein könnte trotzdem
..chemisch rein“ sein, denn die biologische Wirksamkeit der Bak¬
terientoxine gehört ja wohl einer anderen Grössenordnung an als die
chemische Nachweisbarkeit.
Ueber die Bedeutung der Onanie und ihre Beziehung
zur Neurose.
Von Dr. Hans v. Hattingberg, Nervenarzt in München
Dass es heute noch Bedeutung haben kann, die Onanie in einem
so allgemeinen Sinne zu behandeln, diese Frage, die schon die römi¬
schen und griechischen Aerzte beschäftigte, das lässt sich ganz nur
verstehen, wenn man Werke etwas älteren Datums zur Hand nimmt.
Etwa Rohleders 1902 in zweiter Auflage erschienene Monographie
„Die Masturbation“, durch längere Zeit die wichtigste wissenschaft¬
liche Bearbeitung unseres Themas. Man blättert darin und liest z. B.
über die „Prophylaxe der Onanie im Schulalter“: Schüler, bei denen
die Onanie entdeckt wurde, sollten am besten entweder ohne Rück¬
sicht auf die Eltern mit einem Vermerk im Abgangszeugnis dimittiert
werden, oder ausser Karzerstrafen empfindliche körperliche Züchti¬
gungen — vom Lehrer in Gegenwart des Vaters — oder des
Familienarztes erhalten.“ Oder im Kapitel über die „operative
Therapie der Onanie“, dass zwar die Infibulation, die schon von
Celsus angegebene Vernähung der Vorhaut beim Manne und die
Klitoridektomie bei der Frau (abgesehen von ganz verzweifelten
Fällen) abzulehnen sei, dass jedoch kleinere mehr oder weniger
schmerzhafte operative Eingriffe „zur Heilung des Lasters wohl be¬
rechtigt sind“. „So hat Fürbringe r“, heisst es dort, „einen jungen
13. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T.
905
Burschen, bei dein keine Belehrung und Strafe half, durch Abköpfen
des vorderen Teiles seiner Vorhaut mit schartiger Schere — natürlich
ohne Narkose (sic!) — dauernd geheilt.“ Der Geist, der aus diesen
kleinen Proben spricht — damals der Ausdruck einer sehr allgemeinen
Haltung nicht nur der Laieij, sondern auch der Aerzte, hat es aui
dem Gewissen, dass eine ernst zu nehmende wissenschaftliche
Literatur erst seit wenigen Dezennien besteht. Die Behandlung der
Frage von hier besonders bedeutsamen ätiologischen Gesichtspunkten
aus und damit die wahrhafte Befreiung von jeder einseitigen Vor¬
eingenommenheit durch moralische Vorurteile brachten erst die
Arbeiten der psychoanalytischen Schule unter Freuds Führung.
Aber auch die berühmte Diskussion der Wiener Psychoanalytiker
über die Onanie ') führte zu keiner Einigung darüber ob, wieweit
und warum die Onanie schädlich sei, in welcher Beziehung sie zu den
Neurosen und den Perversionen steht, ja sogar darüber nicht, was
man unter Onanie verstehen soll. Deshalb ist auch heute noch der
Versuch gerechtfertigt, dem Wesen jener eigentümlichen Lebens¬
erscheinung näherzukommen.
Den Zugang zu der Kernfrage unseres Themas finden wir am
besten von der instinktiven Abwehr des gesund empfindenden Men¬
schen gegenüber der Onanie. Eine solche instinktive Abwehr müssen
wir voraussetzen als tiefere Grundlage der allgemeinen gesellschaft¬
lichen Ablehnung ebensosehr wie der oft verzweifelten Abgewöhnungs¬
kämpfe des einzelnen Onanisten. Selbst S t e k e 1, der eifrigste Apo¬
stel der Behauptung, die Onanie wäre völlig unschädlich, wenn sie
nicht verboten wäre, muss zugeben, dass häufig Menschen zu onanieren
aufhören, ohne irgendwie von jemand gewarnt oder sonst beeinflusst
worden zu sein; eine innere Stimme sagt ihnen plötzlich etwa „mache
das nicht, es ist eine Sünde“. — Die Onanie wird in zahlreichen Fällen
durchaus nicht deshalb aufgegeben, weil sie verboten ist, sondern
weil sich in dem Betroffenen ein ihm meist nur unklar bewusstes Etwas
dagegen wehrt.
Man kann diese Abwehr verstehen wollen als das Lächeln des
erwachsenen Mannes gegenüber einer Sexualbetätigung des Knaben.
Die Onanie ist ein Zug von Infantilismus, es bedeutet ein Stehenbleiben
auf der Stufe des Kindes, wenn sie die einzige geschlechtliche Betäti¬
gung1 des Erwachsenen darstellt Aber wir werten das Kindliche am
Menschen ebensogut positiv (kindliche Frische und Begeisterungs¬
fähigkeit); damit kann also nicht das wesentliche getroffen sein.
Nun heisst uns Onanie „Selbstbefriedigung“, und wenn wir dieses
Wort in seinem tieferen Sinne verstehen, dann führt es auf die richtige
Spur. Wir dürfen freilich Selbstbefriedigung nicht einfach äusserlich
nehmen als „Gewinnung von Sexuallust durch Manipulationen am
eigenen Körper“, wie die meisten älteren Definitionen. Wir müssten
sonst darauf verzichten, gewisse Akte zu verstehen, bei denen weder
an den Genitalien, noch an anderen Körperteilen herumgespielt wird,
die aber trotzdem onanistischen Charakter tragen. Gewohnheiten,
wie die eines jungen Mädchens, das sich täglich oft stundenlang
zurückzog, um an einem verborgenen Ort, auf dem Dachboden, im
Keller, sitzend ununterbrochen rhythmisch den Oberkörper vor- und
zurückzuwiegen, in der Art, wie es die orthodoxen Juden beim Lesen
der hl. Schriften tun. Sie tat das gleiche jeden Abend im Bett und
konnte anders nicht einschlafen. Nachher war sie dann befriedigt,
aber auch erschöpft, entspannt, müde, hatte halonierte Augen, genau
wie ein Onanist nach dem Akt. Ebenso blieben unberücksichtigt alle
die Formen der rein psychischen Onanie, sei es durch Erregung an
wollüstigen Bildern bis zur Ejakulation, oder die später eingehender
zu besprechende Angstonanie. — Formen, bei denen überhaupt nichts
am Körper geschieht. Ungenügend, weil noch äusserlich, bleibt auch
Stekels Fassung der Onanie als eines „asozialen Geschlechtsakts“,
denn damit ist für ihn „ein Akt ohne Mithilfe eines anderen“ gemeint.
Danach wäre die so ungemein häufige mutuelle Masturbation keine
Onanie und noch grössere Schwierigkeiten böte das Verständnis des
onanistischen Koitus. Für manche Männer bedeutet aber
die Frau nur einen Ersatz und eine Umkleidung, für manche Frauen
der Mann nicht mehr als einen article de Paris und zwischen einem
Koitus solcher Art und der mutuellen Onanie besteht psychologisch
sicher kein wesentlicher Unterschied.
Psychologisch gefasst berührt jedoch das Wort vom asozialen Akt
den tieferen inneren Gegensatz, der unserem Problem zugrunde liegt.
Wenn wir sehen, wie ein gesunder Säugling mit seinem Körper, mit
den eigenen Füssen spielt, dann drängt sich fast von selbst der Ver¬
gleich auf mit dem Kreis, der in sich selbst zurückkehrt, dem Sinn¬
bild des „in sich Geschlossenseins“. In all seinem Tun ist das kind¬
liche Wesen ganz und ungeteilt, der Kreis des seelischen Zusammen¬
hangs ist gleichsam ungebrochen, wie beim Tier. Ich und Umwelt
fallen noch in eins. Alles ist innen, und zugleich ist das kleine Wesen
unmittelbar eingeschlossen in den Zusammenhang seiner Umgebung,
weil Aktivität und Passivität, die beiden grossen seelischen Grund¬
richtungen, noch nicht in die Spannung der Subjekt-Objektspaltung
auseinandergetreten sind.
Es ist ein völlig anderes, wenn ein erwachsener Mensch mit
seinem Körper spielt, sich mit sich selbst beschäftigt. Hier trennt
Ich und Umwelt eine unüberbrückbare Kluft. Dem Ich gegenüber
ist die Welt nach aussen gerückt und auch der eigene Körper, ja das
eigene Fühlen kann so objektiviert, zum Gegenüber gemacht, d. h.
nach aussen geschoben werden. Der Mensch steht dann sich selbst
als Objekt gegenüber, er ist entzweit, in eine aktive und eine passive
*) Urban & Schwarzenberg.
Nr. 28.
Hälfte. Es ist etwas ganz anderes, wenn sich hier die Aktivität gegen
die eigene Passivität wendet und sich mit ihr gleichsam in einem
seelischen Kurzschluss2) zum Kreise zusammenschliesst.
Es ist etwas völlig anderes, wenn hier das erotische Interesse im
„Narzissmus“ an das eigene Ich gebunden wird.
Wie jedes lässt auch das erotische Interesse neben dem geliebten
Gegenstand, auf den es sich bezieht, alles andere zurücktreten. Was
nicht in seinen Kreis gehört, wird nicht bemerkt und verschwindet
schliesslich überhaupt. Der Liebende hört, sieht und fühlt nichts
anderes als das geliebte Wesen, die übrige Welt ist irgendwo draussen
und rückt immer ferner, je stärker er die üefühlsbeziehung erlebt,
die sein Bewusstsein einengt, wie das des Hypnotisierten. Richtet
sich nun das erotische Interesse auf das eigene Ich, auf den eigenen
Körper, so kommt es zu einem Zustand, dessen höchste Entwicklung
in der schizophrenen Geistesstörung Bleuler als „Autismus“ be¬
zeichnet hat. Ein solcher Mensch ist seiner Umgebung gegenüber in
einer eigentümlichen Weise isoliert und abgeschlossen. Er ist nicht
wie der üesundempfindende unmittelbar mit Liebe und Hass der Welt
und den Mitmenschen zugewendet. Sein Interesse macht immer den
Umweg über das Ich. Er fühlt, empfindet, denkt im Grunde nur
sich — er erlebt nur das, was zu der Art seines Interesses an der
eigenen Person passt, er erlebt die Umwelt nur als Inhalt und Spiege¬
lung seines Ichs, nie als das, was sie ist, das heisst was sie ilm un¬
mittelbar bedeuten würde.
Wie grundverschieden die beiden Haltungen sind, das kann jeder
erleben, der gelernt hat, einfühlend andere Menschen zu erfassen.
Während die Geschlossenheit des kindlichen Lebens, diese in sich
ruhende Ganzheit, etwas beglückendes und beruhigendes hat, emp¬
finden wir es durchaus anders, wenn sich jemand in unserer Gegen¬
wart autistisch abschliesst oder „isoliert“. Wir werden in der Nähe
solcher Menschen nicht warm; es ist als ob sie eine unsichtbare aber
undurchdringliche Glaswand umgäbe, wir fühlen keinen lebendigen
Kontakt mit ihnen. Tritt die Selbstliebe nach aussen hervor, dann hat
ihr Verhalten oft etwas eigentümlich Aufreizendes und Lächerliches
zugleich, wenn sie etwa im Gespräche scheinbar uns zugewandt an¬
gelegentlich ihre Hände besehen, an den Fingernägeln beissen, oder
sonst irgendwie an sich herumspielen, als ob sie sich der eigenen
geliebten Gegenwart dauernd versichern müssten.
Diese Entwicklung der „I s o 1 i e r u n g“, der Abschliessung in
sich selbst, liegt nun freilich in der Richtung eines der stärksten
instinktiven Bedürfnisse, des Triebes zur Ichbehauptung, zur Indi¬
viduation, das jedem Menschen eignet. Immer wenn wir Ich sagen,
scheiden wir uns von dem Nichtich, der Umwelt, und je mehr wir die
Ichseite betonen, desto grösser wird die Entfernung von unserer
Umgebung. In der „Isolierung“ wird dieses Bedürfnis auf die Spitze
getrieben und das zerreisst das natürliche seelische Gleichgewicht,
denn dem Trieb zur Ichbehauptung steht als sein grosser Gegenspieler
ein Drang zur Hingabe, zum Einssein mit der Welt und mit den
anderen Menschen entgegen, jener Trieb, der uns mit dem Natur-
ganzen verbindet, der den Menschen zum animal sociale, zum ge¬
selligen Wesen macht. Diesem Grösseren, und darauf kommt
es für unseren Zusammenhang vor allem an, dient auch der
Geschlechtstrieb. Der Geschlechtstrieb geht durchaus
nicht nur auf die Detumeszenz, auf die Entleerung der Samenblasen
im Orgasmus; unzählige Missverständnisse sind aus einer solchen
oberflächlichen, weil seelenlosen Auffassung entstanden. Er geht
zugleich auf die seelische Vermischung mit dem
Geschlechtspartner, auf das Einswerden im Rhythmus der
gleichen1 Erregung, auf die Hingabe an das Erlebnis gemeinsamer Lust.
Wo dieser seelische Kontakt fehlt, da bleibt nach dem Orgasmus
eine Leere zurück, als Zeichen dafür, dass das Hingabebedürfnis un¬
befriedigt geblieben ist.
Aus der quälenden Leere dieser Unbefriedigung verstehen wir
den Katzenjammer, die Depression, welche dem onanistischen Orgas¬
mus folgt, in ihr aber begreifen wir zugleich das tiefste Wesen der
Onanie. Der Onanist erregt sich an der eigenen Erregung. Alles in
ihm ist auf den Augenblick der höchsten Lust gerichtet und diese
seine eigene Lust wird ihm Selbstzweck. Seine
sexuelle Aktivität ist nicht einem Geschlechtspartner, sondern der
eigenen Passivität zugewendet und dieser „Kurzschluss“ verhindert
den seelischen Kontakt, die Hingabe, selbst dann, wenn dabei sein
Körper dem eines anderen in engster Berührung verschlungen wäre.
Wir verstehen ebenso unmittelbar aber auch, wie sehr die Onanie
in die Richtung der „Isolierung“ als einer seelischen
Dauerhaltung passt. Sie begünstigt die Entwicklung dieser
Abschliessung in sich selbst einmal, weil sie heimlich betrieben werden
muss. Der Onanist kann sein Geheimnis mit niemand teilen und
deshalb steht es zwischen ihm und den anderen Alenschen, er ist da¬
durch ausgeschlossen aus der unbefangenen Gefühlsgemeinschaft des
kindlichen Vertrauens. Alles was er sonst noch zu verbergen hat,
kann sich nun an diesen Störungskern ankristallisieren; das Ge¬
schlechtsgeheimnis wird Sinnbild und Inhalt aller Heimlichkeit über¬
haupt, die Onanie wird Anlass zur Einsamkeit. Sie ist aber zugleich
ihr Trost, denn sie verschafft auf die einfachste Weise hohe Lust,
ohne dass man auf irgendeinen anderen, ohne dass man auf die Um¬
welt angewiesen wäre; man ist unabhängig, man befriedigt sich selbst.
2) Auf die Bedeutung des Begriffs „seelischer Kurzschluss“
kann hier nicht eingegangen werden. Auch die „autohypnotischen“ Versen¬
kungszustände, wie sie durch die verschiedensten Techniken (Yogha, Atem¬
übungen, Meditation) erreicht werden, gehören unter diese Rubrik.
3
900
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 2&.
So ist die Onanie der beste Ausdruck und zugleich
die stärkste Befestigung der seelischen Ab-
schliessungs Haltung, der lsolieru n g. Hi e r in 1 1 e * t
ihre eigentliche Bedeutung. Das aber ist zugleich de
tiefere Sinn der instinktiven Abwehr der gesund empfindenden Men¬
schen Sie warnt uns meist nicht klar und bewusst, deswegen abe
nicht weniger sicher vor jener gefährlichen Entwicklung, vor dei
Absonderung aus der menschlichen Gefühlsgemeinschaft Wir ver¬
stehen also als Onanie eine Betätigung des je
s c h 1 e c h t s t r i e b s, gerichtet auf den eigenen Orgas¬
mus als Selbstzweck, welche den seelischen Kon¬
takt mit dem Geschlechtspartner ausschliesst
Den Beweis für die Brauchbarkeit dieser rein psychologischen
Begriffsbestimmung bietet die Tatsache, dass sich von ihr aus ohne
weiteres der Zugang zu der Lösung aller leilfragen finden lasst, v o ■
denen die wichtigsten hier kurz gestreift werden sollen. Wir ver¬
stehen zunächst, wann und warum die Onanie s c h a d 1 u c h ist J er
einzelne masturbatorische Akt als solcher, als rascheste Erledigung
einer auftauchenden Sexualspannung, die Ersatz- oder Not-
o n a n i e, ist an sich ebenso unschädlich (oder schädlich) als ein nor¬
maler Koitus. Wo es sich um eine Befriedigung handelt, die sich
der Trieb gleichsam erzwingt, fällt der einzige von den gewöhnlich
dafür ins Feld geführten Gründen fort, der eine schädliche Wirkung
der Onanie verständlich machen könnte, die Notwendigkeit, bei der
Masturbation die sexuelle Erregung durch Erhitzung der Phantasie
zu erzeugen oder besser, die (hypothetische) Vermehrung des psychi¬
schen Energieverbrauchs, der durch dieses sich in die Kriegung-
steigern bedingt sein sollte. Auch tägliche Masturbation konnte des¬
halb (St ekel führt zahlreiche Fälle dieser Art an) völlig ohne nach¬
teilige Folgen bleiben, wenn der Mensch trotzdem dadurch in seinem
Gefühlsverkehr zum anderen, in seinem Verhältnis zum üeschlechts-
partner nicht behindert wäre, wenn er trotzdem sein Hingabebedurtnis
befriedigen könnte. Gerade das aber verhindert die Onanie, wenn sie
den Anstoss zur Entwicklung der Isolierungshaltung gibt.
Es liegt nur zu nahe, dass der Onanist, der im Katzenjammer
nach dem Akt die Unbefriedigung seines Hingabedranges als quälende
Leere empfindet, über diese Depression hinwegzukommen sucht, aber¬
mals durch die Onanie als Trösterin der Einsamkeit. Dann aber ist
ein gefährlicher Zirkel geschlossen. Je einsamer er sich fühlt, desto
mehr onaniert er, je mehr er onaniert, desto einsamer wird er, oder
je mehr er onaniert, desto stärker wird die Depression, je starker die
Depression, desto heftiger der Drang zu neuerlicher Onanie Die De¬
pression wird dabei um so tiefer sein, je heftiger der Kampf war, der
dem Akt voranging. Denn die Niederlage gegenüber dem Trieb bringt
die Enttäuschung an der Kraft des eigenen Willens, die Enttäuschung
an sich selbst. Dieser Enttäuschung gesellt sich meist eine andere,
wenn aus dieser Haltung heraus die Beziehung zu einem Geschlechts¬
partner gesucht wird. Ist auch dabei alles auf den Orgasmus ge¬
richtet, dann kommt es zu der berühmten tristitia post coitum, dem
typischen Erlebnis eines Onanisten. Es gibt dann am Weibe nur das
Genitale, weil die eigene Lust Selbstzweck geworden ist. Ist aber
das Weib nur „Objekt der Sinnlichkeit“, dann kann die natürliche Ge¬
fühlsgemeinschaft mit dem anderen Menschen nicht zustande kommen
und deshalb bringt der onanistische Koitus die Enttäuschung am
Weibe, die Enttäuschung an der Liebe. Diese Enttäuschungen ver¬
stärken notwendig die Abkehr von einer Aussenwelt, die an Reiz ver¬
liert, je mehr ihr das erotische Interesse, die wichtigste seelische
Triebkraft entzogen wird, sie bestärken die Isolierung als Schutz für
das Ich, an dessen besten Kräften, dem eigenen Willen man ver¬
zweifeln musste. Aus dieser Verzweiflung heraus wird es verständ¬
lich, dass manche Menschen ganz ernstlich den Versuch unternehmen
sich totzuonanieren. . ,
Nur dann, wenn sie in diesen Zusammenhang eingegliedert ist,
nur dann, wenn aus der dauernden Unbefriedigung des Hingabe¬
dranges der Onanismus oder die Zwangs onanie entsteht,
nur dann ist die Onanie schädlich; dann aber auch in
Fällen, wo es nur alle Monate zu einem Akt kommt. Ihre Schäden
sind also rein seelischer Natur, körperlicher nur dort, wo der Onanie¬
zwang zu Exzessen oder zu einer latenten sexuellen Dauererregung
führt. Wie jede nervöse Ueberreizung kann auch diese eine rein
physiologische Schädigung des Nervensystems, also etwa die be¬
rühmte „Spinalirritation“ der Autoren setzen. Von ihr gilt jedoch das
gleiche wie von jeder reinen Erschöpfungsneurasthenie. Sie ver¬
schwindet beim Fortfall der Noxe — hier der sexuellen Ueberreizung
in kurzer Frist. Bleibt sie länger bestehen, dann wirkt ein psychi¬
scher Ueberbau fixierend. Freuds Auffassung der Neurasthenie
als einer „Aktualneurose“, d. h. als einer nicht psychisch bedingten
Schädigung des Nervensystems durch die Onanie lässt sich mit der
hier vertretenen nicht vereinigen.
Aus der hier skizzierten Anschauungsweise ergibt sich aber auch
unmittelbar das Verständnis für die Beziehung der Onanie
zu den Perversionen. Sie wird am deutlichsten beim Feti-
schisten, den an der Frau etwa nur der Fuss, das Haar oder irgend¬
ein anderer Körperteil erregt. Zwischen ihm und jenem Onanisten, tür
den an der Frau nur das Genitale existiert, dem der Geschlechts¬
partner nur „Objekt“ seiner „Sinnlichkeit“ ist, besteht kein prinzmfeller
Unterschied, ja man könnte sagen, der onanistische Koitus sei die ver¬
breitetste Perversion. Auch dem Fetischist en kommt es nur auf den
Orgasmus an, und durch die ausschliessliche Richtung seines ero¬
tischen Interesses auf einen Körper teil des Geschlechtspartners,
wird der seelische Kontakt, das Einswerden im gleichen Gefühl mit
Sicherheit verhindert. Die gleiche seelische Haltung liegt aber allen
Perversionen zugrunde. Sie alle führen zur Isolierung und lassen da¬
her das Hingabebedürfnis unbefriedigt, das gilt auch für den ex¬
tremsten Masochismus, der in Selbsterniedrigung vergeht (die „susse
Herrin“ muss den „Knecht“ verachten, darf also nicht mit ihm un
gleichen Gefühl vereinigt sein). Das macht die Dämonie der 1 er- ^
Versionen, das macht sie unheimlich für den gesunden Dritten wL
für den Perversen selbst. Der Perverse steht mit seinem Liebes-
bedürfnis ausgeschlossen aus der Gefühlsgemeinschaft der Gesunden.
Die Perversionen werden so in einem weiteren Sinne als besondere I
Formen der Onanie untergeordnet, die alles umfasst, was ausserhalb
des normalen Liebesaktes , d. h. der gleichzeitigen körperlichen und
seelischen Vermischung liegt u). . , , . .. „
Ebenso unmittelbar verständlich ergibt sich aber auch die Be¬
ziehung der Onanie zur Neurose. Auch der Neurotiker
ist durch sein Bewusstsein, anders als die anderen zu sein (Getunl der
Minderwertigkeit oder Selbstüberschätzung), abgesondert aus der
natürlichen Gefühlsgemeinschaft mit den gesunden Menschen. Diese
Absonderung, die viele fast körperlich, wie eine unsichtbare, aber
undurchdringliche Wand empfinden, die sie von der Weit und den Men¬
schen trennt, so dass sie sich oft gerade in Gesellschaft anderer am
einsamsten fühlen, ist durch Freuds Vergleich der Neurose mit
einem Kloster getroffen. In das „Kloster“ der neurotischen Isolierung
ziehen sich die Menschen zurück, die vom Leben enttause.it wurden,
die sich zu schwach, zu verletzlich fühlen, ohne dieses Schneckenhaus
zu existieren. Die Grundhaltung der Isolierung ist also der Onanie
und der Neurose gemeinsam, ebenso wie beide in einem gleichen binu-
zusammenhang eingeschlossen sind. Der Sinn der Neurose ist Abwelu
(oder Sicherung) gegen das vollverantwortliche Leben des Er¬
wachsenen, gegen die Uebernahme der üeschlechtsrolle usw., Auf¬
gaben, denen sich der Nervöse als ewiges Kind nicht gewachsen fühlt.
Ebenso ermöglicht es die Onanie ihrem Observanten, sich vor dei
Aufgabe zu drücken, etwa als ein rechter Mann die seelische Ver¬
antwortung bei Frau und Kinder zu übernehmen.
Die Analogie beschränkt sich jedoch nicht auf diese allgemeinen
Züge, sie gilt auch für die feineren Mechanismen. Es ist für das ner¬
vöse Symptom charakteristisch, dass es verdrängten Trieben dienst¬
bar wird, die sich auf diesem Umwege eine Art von Befriedigung ver¬
schaffen. Völlig Analoges finden wir bei der Onanie, wie am besten
ein einfaches Beispiel zeigt.
Ein Kriegsgefangener Offizier litt unter einem qualvollen Onaniezwang,
der ihn trotz verzweifelter Abwehr täglich mehrmals zum Akt nötigte. Da
erfuhr er, dass einer seiner Leidensgefährten, ein besonders gesunder und
kräftig aussehender Mensch (er selbst war immer sehr blass), den er wegen
seiner fröhlichen Schneidigkeit und wegen seiner sportlichen Gewandtheit
stets besonders bewundert hatte, ebenfalls onaniere und das g e n ü g t e,
dass der Zwang für Monate völlig verschwand. Er fühlte
sich nun nicht mehr als einzig Verworfener einsam unter lauter Gerechten,
sein Erniedrigungsdrang (der sich ausserdem in einem extremen Masochismus
kundgab) kam nicht mehr auf seine Rechnung, wenn er onanierte und damit
verlor der Zwang seinen Reiz.
Der Onaniezwang ist durchaus nicht etwa einfach durch einen
besonders gesteigerten Geschlechtstrieb zu erklären. Andere, dem
Onanisten unbewusste seelische Regungen machen ihn erst zu einer
Gewalt, die dem Ich als etwas Fremdes, als etwas „Krankhaftes
gegenübertritt, und diese Regungen verschaffen sich dabei auf dem
gleichen Umwege ihre Befriedigung, den wir beim nervösen Symptom
kennen.
Die Mitwirkung solcher Faktoren wird besonders auch durch die bekannte
Tatsache nahegelegt, dass gerade skrupulös veranlagte, schwernehmerische
Menschen, die zum Selbstquälen neigen, besoners häufig von dem Zwang be¬
fallen werden. So erinnere ich mich eines jungen Lehrers, der als Kind so
prüde war, dass er sich nicht vor seinen Geschwistern auskleiden wollte, der
die von der katholischen Kirche geforderte Gewissenserforschung ungeheuer¬
lich übertrieb, indem er sich schon den leisesten Gedanken, der irgendwie mit
dem Geschlechtlichen zusammenhing, zur schweren Sünde machte. Derselbe
Mensch verfiel später in einen so schweren ünaniezwang, dass er daran denken
musste, seinen Beruf aufzugeben, weil er sich nicht enthalten konnte, während
des Unterrichts in der Hosentasche zu onanieren. Die Enttäuschung eines
inasslos gesteigerten Ehrgeizes, sowie ein ausgesprochener Selbstvernichtungs-
drang waren die Hauptmotive, die den Zwang begründeten, der mit ihrer
völligen Bewusstmaehung rasch verschwand.
Die Motivierungen dieser Art sind so vielfältig, wie die des ner¬
vösen Symptoms — Liebesbedtirfnis, Wut und Aerger, I rotz und
Todessehnsucht, die widerstreitendsten Gefühle können ihren Ausdruck
in der Onanie finden, so dass schliesslich das ganze seelische Leben
um diesen Störungskern kreist, geradeso wie sich beim Neurotikci
alles um das nervöse Symptom dreht, das den Lebensmittelpunkt be¬
setzt hält. Durch diesen psychischen Oberbau wirc
die Onanie festgehalten oder „neurotisch fixiert“
Der einzelne masturbatorische Akt ist nicht neuro
tisch, selbst wenn solche Akte gehäuft- auftreten (Not- odei
Ersatzonanie). Ueberall dort aber, wo die Onanie Ausdrucl
geworden ist und zugleich Befestigung der Isolierung, des seelischei
Absonderungskrampfes, als einer Grundhaltung, wo es deshalb zu
Zwangsonanie kommt, haben wir es mit einem neurotischen Mecha
nismus zu tun. Der Onanismus ist die häufigste mono
3) Ganz analog hat schon Steiner in der Diskussion der Wiene
Analytiker die Onanie deiiniert als das, „was an Geschlechtsbetätigung ausser
halb des normalen Koitus liegt, gleichgültig ob diese Betätigung mehr körper
lieh oder mehr geistig ist“.
MÜNCHENER MEDIZINISCH!: WOCHENSCHRIFT.
13. Juli 1923.
symptomatische Neurose4). Dieser Satz Kilt mit allen
therapeutischen Konsequenzen: in ausgeprägten Hüllen hilft nur syste¬
matische Psychotherapie (in allererster Linie Psychoanalyse), diese
aber mit grosser Sicherheit.
Mit dieser Kennzeichnung des Onanismus als Neurose sind aber
die Beziehungen zwischen den beiden Erscheinungen durchaus nicht
erschöpft, es lässt sich wahrscheinlich machen, dass auch in jeder
Neurose ein Stück Onanie steckt. Diese Behauptung be¬
dürfte keines anderen Beweises, wenn wir als Onanie in einem er¬
weiterten und durchaus möglichen Sinn jede lustvolle spielerische Be¬
schäftigung mit sich selbst verstehen: Jedes nervöse Symptom dient
offensichtlich als Anlass und Legitimation einer ausschliesslichen Be¬
fangenheit in der Selbstbeschäftigung, die sich in dem schlechten Ge¬
wissen verrät, das den Neurotiker nie ganz verlässt, und das ihn un¬
sicher macht, wie den Onanisten. Die Behauptung will jedoch in
einem viel tieferen und buchstäblicheren Sinne genommen werden.
Um das wenigstens in grossen Zügen verständlich zu machen, ist es
am vorteilhaftesten, an einigen praktischen Beispielen zu verfolgen,
wie die Zusammenhänge verlaufen.
Den Ausgangspunkt bilden die recht häufigen Fälle von Angst-
o n a n i e.
So berichtet ein Kollege über seine sexuelle Entwicklung: „Mit zirka
9 Jahren hatte ich die erste ausgesprochene sexuelle Erregung und zwar
als ich zu spät in die Schule kam und in grosser Hast und Angst die Treppen
hinauflief. Hierbei trat ein Wollustgefühl auf. Später verschaffte icli mir
diese Gefühle absichtlich, indem ich im Schulhof nach dem Klingeln am Ende
der Pause noch weiter draussen blieb und in ängstlicher Erregung über das
Zuspätkomrnen die Kletterstangen hinaufkletterte. Hierbei trat das Gefühl
auf, jedoch nur, wenn die erwähnte Angst dabei bestand. Ich erwähne dies
namentlich deshalb, weil es nach jahrelanger Pause wieder auftrat und zwar
während des schriftlichen Abituriums, als ich mit der französischen Arbeit
nicht fertig wurde, während der Lehrer ungeduldig neben mir stand. Ich
bekam damals aus Erregung eine regelrechte Pollution.“
Diese Angst- oder Spannungspollutionen machen es verständlich,
dass sich bei manchen Menschen der Angst regelmässig eine sexuelle
Erregung beimischt, so dass die Angst zur A n g s 1 1 u s t 5) wird.
Die Folge ist die, dass eine Situation, die Angst erregt, deshalb nicht
vermieden wird, wie es der Wirkung normaler Angst entspricht. Sie
wird im Gegenteil festgehalten, ja sogar aufgesucht. Die Angst wird
Selbstzweck oder sie wird (neurotisch) fixiert dadurch, dass sie Lust
bringt.
Der gleiche Zusammenhang wird in einem anderen Falle wahr¬
scheinlich, bei dem von einer absichtlichen Herbeiführung der
sexuellen Erregung nicht die Rede sein konnte.
Ein intellektuell gut begabter, jedoch kindlich verträumter Mensch, im
allgemeinen ein sehr guter Schüler (besonders auch in der Mathematik), der
sein Abiturium mit der Durchschnittsnote I bestand, bekam mittendrin manch¬
mal durch einige Zeit schlechte Noten, Sein Versagen wird aus seinem fol¬
genden Bericht unmittelbar verständlich.
„Wir hatten Mathematikschulaufgabe. Vier Arbeiten waren gestellt,
Arbeitszeit 2 Stunden. Nach der Bearbeitungsregel fing ich mit der Lösung
der leichtesten an — das Resultat war falsch. Bei der zweiten blieb ich in
der Mitte stecken und die dritte verpatzte ich bereits im Ansatz. Inzwischen
waren 1 Vi Stunden vergangen und ich hatte das Gefühl, die Arbeit würde
schlecht ausfallen. Der Gedanke ah die furchtbaren Unannehmlichkeiten zu
Hause (sein Vater hielt ihn sehr streng) brachte mich zur Verzweiflung —
da gipfelte mein Zustand in einer sexuellen Erregung —
eine Pollution trat ein. Nach Verlauf derselben wurde ich ruhig, mein Geist
schien auffallend erleichtert, und meine Denkkraft gestärkt. Ich machte mich
sofort an die Lösung der schwierigsten der Aufgaben und erzielte in 10 Minuten
ein richtiges Resultat, ln den noch übrigen 20 Minuten löste ich mit meister¬
haftem Geschick noch 2 Aufgaben, so dass ich als Ergebnis dieser Schulaufgabe
die Note 1—2 erzielte. Aehnliche Erfahrungen habe ich in Physik, Chemie
und sogar im deutschen Aufsatz gemacht.“
Ein aus dem Gesamtverhalten unverständliches Versagen (wäh¬
rend der ersten 1 X> Stunden) gegenüber Aufgaben, die nach den vor¬
handenen Fähigkeiten eigentlich spielend bewältigt werden konnten
(Beweis ihre Lösung in Vs Stunde) wird hier durch eine Angst hervor¬
gerufen, deren Entstehung und Verlauf von dem normaler Angst völlig
abweicht. Sie entsteht „unmotiviert“ und verschwindet in einem Zeit¬
punkt, wo sie eigentlich am stärksten sein müsste. Sie diente anderen
Zwecken — der sexuellen Erregung, war diese befriedigt, d. h. war
der Zweck der Angst erreicht, dann konnte sie wieder verschwinden.
Noch bedeutsamer heben sich die gleichen Zusammenhänge end¬
lich in dem folgenden Falle heraus, der deshalb etwas ausführlicher
berichtet werden muss.
Es handelt sich um einen 31 jährigen Beamten aus einer Emigrantenfamilie,
dessen Jugendgeschichte ausser einem Hang zur Einzelgängerei nichts be¬
sonderes bot. Mit 18 Jahren ging er freiwillig als Soldat für 3 Jahre nach
China und dann nach Angola. Im Krieg kam er schon 1914 in französische
Gefangenschaft, wo er ausserordentlich viel auszustehen hatte, nicht zuletzt,
«eil er seine Leiden durch herausforderndes Benehmen den Franzosen gegen¬
über noch verschlimmerte. So antwortete er einmal einem Kommandanten,
der ihn auf seinen französischen Namen hin ansprach, er würde sich anspucken,
wenn er nur noch einen Tropfen französischen Blutes in sich hätte. Er ver¬
brachte deshalb und besonders auch weil er sich in seiner Stellung als Unter¬
offizier stets ohne Scheu gegen die Franzosen für seine Leute energisch ein¬
setzte, den grössten Teil seiner vieljährigen Gefangenschaft in Straflagern zu.
Als er schliesslich 1918 zurückkam, war er mit den Nerven völlig fertig.
4) Freuds Kennzeichnung der Neurose als eines „Negativs der Per¬
version" ist ausschliesslich vom Sexualtrieb aus gemeint.
5) Eine eingehendere Darstellung dieser Zusammenhänge habe icli in der
Arbeit „Analerotik, Angstlust, Eigensinn“ in der Intern. Zschr. f. Psychoanal.
1914 versucht.
9(1/
Er bekam Anfälle von sinnloser Wut oder eine Schwäche mit Weinkrämpfen,
er konnte nicht schlafen usf. Dieser Zustand besserte sich jedoch bald, er
konnte wieder arbeiten und trat in die Beamtenlaufbahn ein, in der er wegen
seiner grossen Tüchtigkeit, Gewissenhaftigkeit und wegen seines grossen
Fleisses sehr rasch vorankam. August 1920 heiratete er und es ging alles ganz
gut, bis er 1921 einen neuen Vorgesetzten bekam, einen innerlich unsicheren
und dabei rechthaberischen, kleinlich schikanösen Menschen, einen richtigen
Kommissknopf. Mit diesem Vorgesetzten, dem er sich eigentlich überlegen
fühlte, der zudem dasselbe Dezernat führte, das er selbst vertretungsweise
durch Monate innegehabt hatte, kam er nun in einen sich stets verschärfenden
Gegensatz. Es kam zu immer häufigeren Zusammenstössen, bei denen er
zwar dem Dezernenten manchmal „schrecklich die Meinung sagte“, bei denen
der andere aber als Vorgesetzter immer äusserlich Recht behielt. Das brachte
ihn aber jedesmal in eine ohnmächtige Wut, so dass er die Fassung oft völlig
verlor. Er konnte nach einer solchen Szene nicht mehr arbeiten — er war
ganz erledigt. Er wunderte sich dabei selbst darüber, dass es ihm nicht
gelang, die Szenen, unter denen er so litt, zu vermeiden. Er hätte den Vor¬
gesetzten, der weniger vom Dienst verstand als er, geradesogut fürcherlieh
aufsitzen lassen können, um so sein Mütchen an ihm zu kühlen. Es gelang ihm
nicht, trotz energischer Versuche, sich zusammen zu nehmen, und er kam
schliesslich in den gleichen Zustand, wie damals nach der Kriegsgefangenschaft.
Er brach völlig zusammen, fürchtete, er müsse in die Irrenanstalt und suchte
deshalb den Arzt auf.
Um die gleiche Zeit, d. h. also seit der Konflikt mit dem Dezernenten
begonnen hatte, trat bei ihm eine merkwürdige Aenderung in seinem Sexual¬
leben auf. Es war in dieser Richtung bis dahin völlig normal gewesen.
Weder die chinesischen Bordelle mit ihren ausgesuchten Perversitäten, noch
sadistische Szenen, die er in Afrika öfters mit ansah, hatten ihn besonders
erregen können. Er hatte nie masochistische oder sadistische Neigungen ge¬
kannt. Seit dem Konflikt mit dem Dezernenten jedoch kam ihn anfallsweise,
oft nur auf Stunden, manchmal auf 1 — 2 Tage, der Drang an, sich von einer
Frau, die an Bildung und Rang über ihm stünde, quälen oder demütigen, sich
von ihr misshandeln zu lassen. Er kämpfte mit seinem ganzen Willen dagegen,
aber „die Bilder malten sich immer wieder aus“. Manchmal wurde der Drang
so stark, dass er meinte, er müsse auf der Strasse zu einem Weib hingehen
und sich ein paar Ohrfeigen geben Lassen. Er hielt dann öfters den Kopf
unter die Wasserleitung, nur um von dem Zwang loszukommen.
In der Behandlung wendete ich die Methode des Abreagierens in leichter
Hypnose an. Kaum hatte er die Augen geschlossen, so begann schon die
Reproduktion von Szenen mit dem Vorgesetzten. Er wand sich dabei auf dem
Lager unter Stöhnen, wie einer, der grosse Schmerzen aussteht, und erlebte
mit vollem Affekt die ganze ohnmächtige Wut — oft unter Tränen wieder,
die ihn so heruntergebracht hatte. Eines Tages karn jedoch in der Hypnose
plötzlich eine andere Szene dazwischen, über die er folgenden (nachher steno¬
graphierten) Bericht gab: „Die Gedanken konzentrierten sich alle auf einen
Punkt. Zuerst hatte ich die Erscheinung eines Weibes — die Gedanken haben
das Bild ziemlich scharf ausgemalt — eines Weibes, von dem ich gequält
werden wollte.' Dazwischen hinein kam immer wieder der Gedanke an den
Dezernenten. Diese Gedanken rangen mit einander. Bald war der Gedanke
an den Dezernenten da, bald der an ein Weib, von dem ich gequält sein wollte.
Keines der beiden Bilder hat die Oberhand behalten. Ich hatte bei
beiden Bildern dasselbe Gefühl. Es war, wie wenn mir der
Brustkasten zerreissen müsste. — Mir wurde so schwer und eigenartig — so
eng vom Magen herauf, wie wenn ich in Fesseln läge.“
Den Hauptinhalt der Neurose bilden hier Anfälle von sinnloser
ohnmächtiger Wut, die den Kranken so sehr aus dem Gleichgewicht
bringen, dass der sehr ehrgeizige und arbeitsfreudige Mensch zu¬
sammenbricht. Er selbst meint, es hätte ihm möglich sein müssen,
die Zusammenstösse zu vermeiden, da er doch bisher mit allen seinen
Vorgesetzten gut ausgekommen) war. Er fühlt also, dass die Angaben
seines Bewusstseins eine Lücke offenlassen, dass sich aus ihnen allein
sein Verhalten nicht zureichend erklären lässt. So liegt die Ver¬
mutung nahe, ein Etwas aus dem Unbewussten müsste wirksam ge¬
wesen sein, das den Mann in die ihm so unerwünschten Szenen hinein¬
trieb. Die Ergebnisse des Abreagierens wiesen mit soviel Sicherheit
als es den stets mehrdeutigen seelischen Zusammenhängen gegenüber
möglich ist, auf dieses unbekannte Etwas hin, um auf seinen „maso¬
chistischen Drang“, um es abgekürzt zu benennen, den er auf der
anderen Seite als Wunsch erlebte, sich von einer Frau quälen und
misshandeln zu lassen; beide „Bilder“ waren für ihn mit dem gleichen
Gefühl verbunden. Dieser Drang hätte sich also nicht nur in dem
bewussten Wunsch sondern zugleich auch unbewusst in den Szenen
mit dem Dezernenten Befriedigung verschafft. Anders ausgedrückt:
die Symptome, die Wutanfälle, wären mitbedingt gewesen von dem
Drang nach einer Art von geschlechtlicher Befriedigung, in den An¬
fällen steckte ein Stück Onanie. Der masochistische Drang wurde
dabei freilich nicht als Lust erlebt wie bei dem Perversen, der ihm
nachgibt. Er war verdrängt und dadurch in besonderer Weise ge¬
hemmt. Er zielte jedoch auch hier auf Lust, auf eine Lust, die nicht,
jedenfalls nicht bewusst erreicht wurde, weil der Krampf, das Gegen¬
einander der sich bekämpfenden Triebe das Bewusstsein mit Unlust
erfüllte.
Diese Andeutungen mögen genügen, die Behauptung wenigstens
ungefähr verständlich zu machen, dass in der Neurose wie in den
nervösen Symptomen ein Stück Onanie stecke. Dabei bleibt die Frage
offen, ob das in jedem Falle zutrifft, oder ob der vorliegende zu den
Ausnahmen zählt. Die Erfahrungen der psychoanalytischen Arbeit
scheinen mir unbedingt dafür zu sprechen, dass in die „Triebver¬
schränkung“ (Adle r), die jede Neurose darstellt, stets auch der üe-
schlechtstrieb mit einbezogen wird, ebenso wie der ihm entgegen¬
stehende Machttrieb. Dieser Mechanismus der Triebverschränkung,
die Tatsache, dass die einzelnen Triebe nur in einem eigentümlichen
Gegeneinander zur Auswirkung gelangen, und zwar infolge der Ver¬
drängung ins Unbewusste auf einem Umwege, gleichsam hinten¬
herum, wobei sie sich gegenseitig hemmen, kurz — der seelische
Krampf ist das Charakteristikum der Neurose. Charakteristisch ist
3*
908
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
weiter, und darin beruht die schon mehrfach betonte wichtigste Be¬
ziehung der Neurose zur Onanie, dass die Grundhaltung des Neurot -
kers oder, anders gefasst, die Resultante der 1 riebverschranku g
jene Richtung geht, die wir als Isolierung bezeichnet haben.
Die Bedeutung der Onanie ist mit dem fluchtigen Ueberblick, der
im gegebenen Rahmen allein möglich war, gewiss nicht erschöpft, auch
nicht einmal was ihre allgemeinen Beziehungen angeht, wie z. b. die
zum Geistesleben überhaupt. Die Ausdrücke „onanis tische Kunst ,
„Denkonanie“, die für viele psychologisch Geschulte einen unmittel¬
bar verständlichen Inhalt haben, weisen deutlich genug auf das Be¬
stehen solcher Beziehungen. Hier konnte es jedoch vor allem nur
darauf ankommen, die Fruchtbarkeit einer Psychologischen Betrac -
tung des Onanieproblems zu zeigen und zur Nachprüfung der vor
geschlagenen Auffassung anzuregen.
Aus der Universitätsklinik tur orthopädische Chiiurgie in
Frankfurt a. M. (Direktor: Proi. Dr. K- Ludlotf.)
Ueber Erfahrungen mit Eukodal.
Von Privatdozent Dr. Otto Beck, Oberarzt der Klin.k.
Unter den zahlreichen als Ersatz des Morphiums angepriesenen
und angewandten Mittein hat das von Freund u. S p e y e r aus
dem ihebain dargestellte Uhloralhydrat des Dihydrooxykodemons,
das Eukodal, der kritischen Beurteilung standgehalten. Wir haben
bereits 1919 in dieser Wochenschrift über Ertatirungen mit Eukodal
berichtet, die wir in der Hauptsache bei Kriegsverwundeten in einem
Zeitraum von über 1 Jahr gewonnen hatten. Die damals mit dem
Mittel gemachten günstigen Beobachtungen gaben uns Veranlassung,
auch in der Friedenspraxis das Eukodal in weitgehendem Maas,
an Stelle von Morphium zu gebrauchen. Wir können im folgenden
über Erfahrungen in einer Zeitperiode von 4 Jahren berAcjf1ttp1”
wollen kurz Indikation, Anwendung und Wirkung des Mittels bt-
Es waren vornehmlich chirurgisch-orthopädische Erkrankungen,
bei denen von uns das Eukodal verwendet wurde: vor der Nar¬
kose bei allen Redressements, üsteosklasen und operativen Ein¬
griffen, nach Operationen zur Schmerzstillung, ferner als
schmerzstillendes Mittel bei Gelenkerkrankungen, bei Tuberkulose
der Knochen und Gelenke, beim akuten und chronischen Gelenkrheu¬
matismus, bei der gonorrhoischen Gelenkentzündung, bei schmerz¬
haften Sehnen- und Muskelaffektionen, bei Neuralgien und arterio¬
sklerotischen üefässkrämpfen. ... . , .
Die Narkose wird durch Eukodal günstig beeinflusst, das Exzi¬
tationsstadium wird abgekürzt und verläuft fast durchwegs ruhig, die
Atmung erfolgt regelmässig, tief. Der Verbrauch von Aether ist bu
Eukodalgabe (zirka 30 Min. vor der Operation) geringer als wenn
keine Injektion von Eukodal erfolgt. Erbrechen wahrend der Narkose
haben wir bei Eukodal sehr selten gesehen, ein Erbrechen nach der
Narkose ist bei Eukodalzufuhr geringer als bei Morphium.
Die Herztätigkeit wird durch Eukodal nicht gestört, auch bei Herz¬
erkrankungen und Erkrankungen des Gefässsystems kann Eukodal
ohne Nachteil gegeben werden; selbst wenn nach längeren und schwe¬
ren operativen Eingriffen Koffein oder Kampfer zur Flebung der Herz¬
kraft verabreicht werden musste, haben wir nie durch gleichzeitige
Eukodalinjektion nachteilige Folgen gesehen. . .
Die Wirkung des Eukodals ist im allgemeinen die gleiche wie die
des Morphiums, die ungünstigen Nebenerscheinungen treten bei Euko¬
dal weniger hervor wie bei Morphium. Bei fortgesetzten, zu hohen
Dosen von ETukodal treten allerdings ähnliche Vergiftungserschei¬
nungen wie bei Morphium auf. , , .
In der schmerzstillenden Wirkung steht Eukodal dem Morphium
nicht nach. Kleine Dosen von Eukodal, 0,005, setzen die Schmerz¬
empfindung herab; gewöhnlich tritt eine geringe Euphorie und ein
angenehmes Wärmegefühl, das auf einer Erweiterung der Hautgefasse
beruhen wird, auf. Eine Dosis von 0,01 genügt im allgemeinen, um die
Schmerzempfindung vollkommen aufzuheben; nur bei kräftigen Kran¬
ken und besonders heftigen Schmerzen muss die Einzeldosis auf 0,02
erhöht werden. Gewöhnlich stellt sich nach der Beseitigung der
Schmerzen ein ruhiger, tiefer Schlaf ein. Die Verabreichung von
Eukodal in Tablettenform ist von geringerer Wirkung wie die In¬
jektion; deshalb empfehlen wir, nach operativen Eingriffen und hef¬
tigen Schmerzen Eukodal nicht in Tablettenform, sondern als Injektion
ZU V Als 'unangenehme Nebenerscheinung zeigt sich bei Eukodalzufuhr
bei einzelnen Kranken lästiges Hautjucken; in 2 Fällen mussten wir
wegenUrtikaria das Mittel aussetzen. In wenigen Fallen beobach¬
teten wir nach der Injektion leichte Aufregung und Verwirrung, sehr
rasch folgte aber darauf ein ruhiger Schlaf. Die Darmtätigkeit wird
bei längerer Eukodalzufuhr verlangsamt, in seltenen Fallen beobach¬
teten wir hartnäckige Obstipation. • u • f n ^oi
Mattes Gefühl, Uebelkcit und Erbrechen haben wir bei Eukodal
fast nie gesehen. „ , , .....
Bei unseren orthopädisch-chirurgischen Krankheitsfällen war es
im allgemeinen nur für kürzere Zeit, oft nur für einige läge oder mit
grösseren Zwischenpausen nötig, schmerzstillende Mittel zu geben.
In den Fällen, in denen längerdauernde Anwendung von Eukodal oder
von Morphium notwendig ist, wie bei heftigen Neuralgien, schmerz¬
haften chronischen üelenkerkrankungen (chronischem Gelenkrheuma¬
tismus, Arthritis gonorrh., schwerer Tuberkulose der Ge [e”k«> ISJ
unbedingt erforderlich, möglichst sparsam und vorsichtig nut dem
Gebrauch von Eukodal vorzugehen. Wenn auch dem Eukodal eu g
Vorzüge vor dem Morphium nicht abzusprechen sind, ™
Gewöhnung und niedrigere Giftdosis, so steht das ; tukodal doch dun
Morntiium an uiftigkeit bei ii b e r m a s s i g e m Gebrau c h nicht
wesentlich nach. Man soll bei Eukodal für gewöhnlich nicht
über eine Tagesdosis von Ü,06 hinausgehen; in schwersten Fallen
haben wir 0,0« Eukodal pro die verabreicht, und zwar nur für höch¬
stens 3' Tage. Auch Dosen von 0,06 sollen möglichst sparsam vtr
wendet werden Für den Gebrauch von Eukodal ist es für den Arzt
genau so wie für den Gebrauch von Morphium strenge 1 flicht, nur in
den notwendigsten Fällen und für die kürzeste Zeit die möglichst ge¬
ringsten Dosen anzuwenden. Als Schlafmittel im allgemeinen darf
Eukodal überhaupt nicht in Frage kommen, wie es nur allzuoft au.
zu grosser Nachgiebigkeit gegenüber den Kranken geschieht nur
wegen Schlaflosigkeit infolge Sch m er z e n kann Tukodalgegeben
werden. Anwendung, und Dosierung des Eukodals hat lediglich der
Arzt zu bestimmen; das Mittel gehört nicht in die Hände des 1 flege-
personals oder gar des Kranken. , ? , hp
Gegen Schlaflosigkeit, die nicht ursächlich durch Schmerzen be¬
dingt ist, haben wir eine Reihe von guten, weniger schädlichen
Mitteln, wie das Veronal, Adalin, Chloralhydrat und das neue V -
luntal Sehr vorteilhaft hat sich uns bei nervöser Schlaflosigkeit und
zur Beruhigung Baldrian in Form von Tropfen und 1 ee bewahrt.
Bei Kindern unter 14 Jahren geben wir vor einer Narkose weder
Eukodal, noch Morphium. Dagegen kann bei Kindern selbst unter
6 Jahren zur Bekämpfung heftiger Schmerzen nach einem Rcdics.t
ment für die ersten 2 Nächte 1 Eukodaltablette in 2 Hälften in Milch
verabreicht werden. Damit gewinnt man eine Herabsetzung der
Schmerzen; meistens tritt bei den Kindern, die ohnehin durch da.
Schreien ermüdet sind, Schlaf ein.
Bei Kindern über 5 Jahren können nach Operationen oder Re¬
dressements zur Schmerzbekämpfung pro lag bis zu - 1 abletten
in bestimmten Abständen immer eine halbe lablette — mit Vorteil
Für Erwachsene genügt als Einzeldosis 0,01, bei kräftigen Män¬
nern ist meistens eine Dosis von 0,02 erforderlich.
aus der Behörde für öffentliche Jugendfürsorge in Hamburg.
(Oberarzt: Dr. Manchot.) Abteilung: Kleinkmderhaus.
Ueber Behandlung der Diphtheriebazillenträger im Säug¬
lingsalter mit Yatren.
Von Dr. Brügger, Assistenzarzt.
Zur wirksamen Diphtherieprophylaxe ist es besonders in grossen
Säuglingsanstalten erforderlich, ein Hauptaugenmerk auf die Diph¬
theriebazillenträger zu richten, mag es sich nun um Säuglinge han¬
deln, die nach einer Diphtherie - und zwar kommt ja bei Säuglingen
vorwiegend eine Nasendiohtherie in Frage — noch Bazillen ausschei-
den (Bazillenausscheider, Hauptträger nach C o n r a d i), oder aber
um Säuglinge, die selbst nicht an Diphtherie erkrankt sind, bei denen
aber Diphtheriebazillen kulturell nachgewiesen wurden (eigentliche
Bazillenträger, Nebenträger nach Conradi). Viele Autoren sind
nun der Ansicht, dass die Diphtherieinfektion eigentlich nur durch die
Ausscheider (Hauptträger) stattfindet und mellt durch die Bazillen¬
träger im engeren Sinne (Nebenträger). (Conradi, Schloss¬
mann, S i e g e r t, Schrammen, Rohmer u. a.) Danach konnte
man diese Kinder mit anderen Zusammenlegen. Andere Autoren ver¬
langen aber auch Isolierung und Behandlung der Bazillenträger
(Bauei, Schloss, Seligmann, Cammerer, Weich ar dt,
Pape, D r i g a 1 s k i, Sobernheim, R i e b o 1 d u. a.). Von meh¬
reren der letztgenannten wird ausgeführt, dass einerseits von Bazil¬
lenträgern aus eine richtige Diphtherieerkrankung übergehen kann
auf Gesunde, und dass anderseits die harmlos schmarotzenden DjPh-
theriebazillen bei dem Träger selbst die Ursache einer echten ip i-
therie werden können, wenn das Kind durch andere Infektionen ge¬
schwächt wird. In erster Linie werden hier die Masern beschuldigt.
Ausserdem wird betont, dass im Anschluss an Rachenoperationen die
Bazillenträger an echter klinischer Diphtherie erkranken können.
Auch an unserer Anstalt sahen wir mehrmals von Bazillen-
trägem aus, die mit anderen Säuglingen in demselben Raume lagen,
eine Infektion mit Diphtherie ausgehen. So erkrankte ein gesundes
Kind, das neben einem Bazillenträger lag, plötzlich an Kehlkopfdiph¬
therie Dann sahen wir aber auch mehrmals, wie Bazillenträger an
klinischer Nasendiphtherie erkrankten, vor allem, wenn bei ihnen
Masern auftraten. Deshalb wird in unserer Anstalt dauernd auch
nach Bazillenträgern gefahndet. So werden bei jeder Aufnahme
Nasenabstriche gemacht, ebenso von der ganzen Umgebung eines an
Diphtherie erkrankten Säuglinges. Die Abstriche werden zur Unter¬
suchung dem hygienischen Institut eingesandt. / . ,. D
Bazillenträger werden bei uns ebenso streng isoliert wie die Ba-
ZlllCSieht mandie Literatur über die Behandlung der Diphtheriekeim¬
träger in den letzten 10 Jahren durch, so staunt man über die Man¬
nigfaltigkeit der angegebenen Mittel. Sie alle aufzuzahlen, lohnt nicht.
Bei uns wurde vor allem mit 10 proz. Protargolsalbe, Pinselungen
1.?. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
909
mit Argentum nitricum- und Pyoktanin - Lösungen behandelt. Einiger-
inassen gute Resultate wurden nicht erzielt.
Eine Behandlung mit Eukupin und Optochin wurde hier nicht aus¬
geführt. Dagegen machten wir ein halbes Jahr lang Versuche mit dem
von Langer angegebenen Berieselungsverfahren mit Diphthosan.
Sehr gute Resultate hatte vor allem B i c m a n n. I rotz genauer
Innehaltung der Vorschriften konnten wir nicht zu gleich guten
Resultaten kommen.
Wir wandten uns daher dem Yatren zu, das schon 1913 von
Bise hoff und Kausch empfohlen war. neuerdings wieder von
Riet sch el. Yatren (Jodoxychinolinsäure mit zirka 30 Proz. Jod¬
gehalt. der Natron bicarbonicum zugesetzt ist) ist ein sicher bakteri¬
zides Mittel. Nach Bisch off werden Diphtheriebazillen nach
35 Minuten in 5— 10 proz. Yatrenlösung abgetötet. Dabei soll nach
dem Bericht der Behringwerke die normale Körperzelle in keiner
Weise geschädigt werden, selbst wenn es in reiner Form (100 Proz.)
aufgepudert wird, sondern soll eine starke granulationsanregende
Wirkung entfalten (Sonntag, Finger, Pfeiler, Kaiser,
Balkhause n).
Behandelt wurden 68 Säuglinge, und zwar 37 Bazillenträger und
31 Bazillenausscheider. Sämtliche klinisch sicheren Nasendiphtherien
wurden zunächst mit Serum, dann einige Tage mit essig¬
saurer Tonerde- oder Präzipitatsalbe behandelt, und dann setzte
Yatrenbehandlung ein. Die Behandlung mit Yatren geschah bei
Bazillenträgern wie Bazillenausscheidern in derselben Weise: mittels
eines Pulverbläsers wurde reines Yatrenpulver dreimal am Tage in
die Nase eingeblasen. Bei dieser Manipulation schrien natürlich die
Säuglinge, beruhigten sich aber dann bald wieder. Zweimal wöchent¬
lich wurde ein Nasenabstrich gemacht: als geheilt wurden die Fälle
angesehen, von denen der Abstrich dreimal nacheinander negativ
war und während der nächsten Monate negativ blieb. Zur Kontrolle
wurde nach 14 Tagen nach dem letzten der drei negativen Abstriche
wiederum ein Abstrich gemacht, dann alle 4 Wochen.
Von den 37 Bazillenträgern blieben
25 nach 4 tägiger Behandlung negativ,
3 8 „ „ „
2 ,, 14 ,, ,, i,
4 „ 3 wöchiger „ „
1 ,, 4 ,, i, ,,
Versager 2.
Die beiden letzten Säuglinge zeigten Besonderheiten.
1. J. K. Nach 6 wöchiger Behandlung waren noch Bazillen nachweisbar.
Nun erkrankte das Kind an Masern und zu gleicher Zeit trat eine klinisch¬
sichere Nas-endiphtherie auf. Hier zeigte sich, wie die ursprünglich harm¬
losen Diphtheriebazillen Ursache einer richtigen Diphtherie werden können.
2. W. B. Erst nach 7 wöchiger Behandlung waren keine Bazillen nach¬
weisbar. Nach 3 Vi Monaten trat eine Nasendiphtherie auf, 4 Tage darauf er¬
krankte das Kind an Masern. Auch diesen Fall haben wir als Versager be¬
trachtet, da erst nach 7 Wochen der Erfolg erreicht wurde.
Ob dann nach 3Vs Monaten eine Neuübertragung stattgefunden
hat, oder aber ob Diphtheriebazillen noch in irgendeinem Winkel des
Nasenrachenraumes geschlummert haben, die dann durch den den
Masern voraufgehenden Katarrh aufgestört wurden, lässt sich nicht
feststellen. Im letzteren Fall wären wiederum die ursprünglich harm¬
losen Diphtheriebazillen die Ursache der Diphtherieerkrankung ge¬
wesen.
Erwähnenswert sind in der ersten Rubrik (Säuglinge, die nach
4 tägiger Behandlung negativ wurden) 2 Fälle, die nach 8 tägiger
Diphthosanbehandlung positiv geblieben sind und nach 2 tägiger Ya¬
trenbehandlung dann negativ wurden.
31 Diphtheriebazillenausscheider nach Nasendiphtherie wurden
behandelt. Davon waren
12 nach 8 tägiger Behandlung negativ,
8 „ 14 „
2 „ 3 wöchiger „ „
1 ,, 4 ,, ,, ,,
1 yt O ,, ,, ,,
Fraglicher Erfolg bei 6 Säuglingen.
Versager bei 1 Säugling.
Bei 3 Säuglingen mit fraglichem Erfolg wurden, nachdem 2 — 3
Monate die Abstriche negativ waren, wieder Diphtheriebazillen ge¬
funden. Nach 14 tägiger Behandlung verschwanden dann wieder die
Bazillen dauernd. Die erste Behandlungszeit betrug bei einem dieser
Säuglinge 14 Tage, bei 2 Säuglingen 4 Wochen. Ob neue Ueb^rtra-
gungen Vorlagen, oder ob Diphtheriebazillen nach der Nasendiph¬
therie noch irgendwo verborgen lagen und somit dem Nachweis ent¬
gangen waren, lässt sich nicht bestimmen. Zu erwägen ist. dass die
Infektionsmöglichkeit bei einer Anzahl von etwa 270 Kindern unter
2 Jahren eine grosse ist.
Bei den drei anderen Säuglingen der vorletzten Gruppe wurde
die Behandlung wegen schwerer anderer Erkrankung abgebrochen,
und zwar wegen Bronchormeumonie. In allen drei Fällen hatten wir
absolut keinen Anhalt dafür, dass die Lungenerkrankung in irgend¬
einem Zusammenhang mit der Yatrenbehandlung stand.
Das erste Kind erkrankte drei Wochen nach Beginn der Nasen-
diphtherie. als noch Bazillen nachgewiesen wurden, an Masern. Als
Komplikation trat eine Bronchopneumonie auf, der das Kind erlag,
wie wir überhaupt in der diesjährigen Masernepidemie sehr viele
Bronchopneumien mit tödlichem Ausgang erlebten.
Das zweite — es handelte sich um ein kümmerliches, rachitisches
Kind — erkrankte zugleich mit einer Infektion der oberen Luftwege
an Nasendiphthcric, weshalb einige Tage darauf eine Yatrenbehand¬
lung eingeleitet wurde. Das Kind überwand nicht den grippalen In¬
fekt, sondern nach 8 Tagen trat eine Pneumonie und einige Tage
später ein Pneurriokokkenempyem auf. Nach weiteren 7 Tagen starb
das Kind.
Das dritte war ein elender, tuberkulös infizierter Säugling (Pir¬
quet + 10 mm), der sich eine Nasendiphtherie zuzog. Nach 8 tägiger
Behandlung, als die akuten Erscheinungen der Nasendiphtherie zu¬
rückgegangen waren, trat ein grippaler Infekt auf, und am Tage dar¬
auf war eine doppelseitige Bronchopneumonie nachweisbar, der der
Säugling erlag. Bei der Sektion wurden ausser doppelseitiger Unter¬
lappenpneumonie verkäste Bronchial- und Trachealdrüsen und ein
verkäster Herd im linken Unterlappen nachgewiesen.
Als Versager haben wir einen Fall betrachtet, der erst nach drei
Monaten negativ wurde.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir an unserer Anstalt
mit der Behandlung von Yatren bei Diphtheriebazillenträgern relativ
gute Erfahrungen machten, weniger gute bei Diphtheriebazillenaus¬
scheidern, doch konnten wir bis jetzt mit keinem anderen Mittel
gleich gute Resultate wie mit Yatren erzielen.
Literatur.
1. C o n r a d i: Vorarbeiten zur Bekämpfung der Diphtherie. 1913,
Fischer, Jena. — 2. Bauer: Behandlung der Diphthericbazillenträger. Vor¬
trag auf der 20. Versammlung der Südwestdeutschen, niederrheinisch-west¬
fälischen Vereinigung für Kinderheilkunde. Wiesbaden 1913. — 3. Gett-
'kant: Ueber Klassenepidemie von Diphtherie. D.m.W. 1913 Nr. 39. —
4. Seligmann und Schloss: Beiträge zur Epidemiologie und Klinik der
Diphtherie. Zschr. f. Kinderhlk. 1912 Nr. 4. — 5. Sobcrnheim: Diph-
theriebaziller.träger. Vortr. i. d. Berl. Med. Ges. B.klAV. 1912 Nr. 49. — ■
6. D r i g a 1 s k i: Zur Epidemiologie und Bekämpfung der Diphtherie. B.kl.W.
1912 Nr. 49. — 7. Cämerer: Diphtheriebazillen im Säuglingsalter. Vortr.
i. d. D. Ges. f. Kinderhlk. in Wien. 1913. — 8. Weichardt und Pape:
Dauerträger und Dauerbehandlung bei Diphtherie. Ergebnisse d. inn. Med. u.
Kinderhlk. 1913, 11. — 9. Schrammen: Ueber Diphtheriebazillenträger in
einem Kölner Schulbezirk. Zbl. f. Bakt. 1913 Nr. 67. — 10. Rieb old:
M.m.W. 1914 Nr. 14. • — - 11. Biemann: Diphthosanbehandlung bei Oiphtherie-
bazillenträgerü. M.m.W. 1922 Nr. 1. — 12. Bischof f: Bekämpfung der
Dauererscheinung von Bazillen mittels Yatren. D.m.W. 1913 Nr. 38. —
13. Kausch: D.m.W. 1913 Nr. 48. — 14. R i e t s c h e 1: Ueber Yatren. M.K1.
1921 Nr. 4§- — 15. Ueber Yatren, Behringwerke 1923.
Aus der Heilanstalt für Herz- u. Nervenkrankheiten München.
Beitrag zur Behandlung des Basedow.
Von Dr. Ludwig Raab.
Als der alte Merseburger Kreisarzt Basedow im Jahre 1840
zum erstenmal ein scharf umrissenes Bild der Krankheit gab, die
seinen Namen unsterblich machen sollte, da ahnte er wohl kaum,
welch schwere Nuss er der Aerztewelt mit dieser wichtigen, weit¬
verbreiteten und in ihren unausgeprägten Formen oft schwer erkenn¬
baren Krankheit zu knacken gab. Heute noch nach fast 100 Jatiren
reiflicher und fleissiger Forschung und Arbeit stehen wir dem vahren
Wesen dieser Krankheit noch mit völliger Unkenntnis gegenüber.
So wird es wohl auch bleiben, bis dereinst die Fortschritte der bio¬
chemischen Forschung, als unserer nächsten medizinischen Zukunfts¬
hoffnung, geeignet sind, das Dunkel der pathologischen Vorgänge,
welche mit dieser Krankheit verknüpft sind, aufzuhellen und auch der
Therapie neue Wege zu bahnen oder mindestens einen sichereren
Boden als bisher zu verschaffen.
Zur Zeit nimmt man an, dass das Sekret der Thyreoidea kein
eigentliches Hormon darstellt, sondern wenigstens in seinem wesent¬
lichen Teil der Entgiftung bzw. Neutralisierung im intramediären
Stoffwechsel entstandener Toxalbumine dient. Bei Erkrankung der
Schilddrüse, sofern sie zu Basedow führt, glaubt man, dass in einem
Teil der Fälle zu viel Sekret von der Halsdrüse abgesondert wird
und dass dieser Sekretüberschuss, welcher zur Bildung der Tox¬
albumine nicht verwendet wird, nun seinerseits wieder giftig wirkt
und so den Basedow erzeugt. Es ist das der durch Hyperttnreoidis-
mus entstandene Basedow. In anderen Fällen soll die Ursache des
Basedow der Dysthyreoidismus sein, d. h. es wird nicht zu viel S^ki et
abgesondert, wohl aber solches, das in seiner chemischen Struktur
fehlerhaft ist. Noch ganz ungeklärt ist die Rolle, welche die Thymus¬
drüse beim Zustandekommen des Basedow spielt, ganz zu schweigen
von der Beteiligung des Ovarialsystems, welches noch von einigen
Autoren angenommen wird auf Grund der Tatsache, dass Basedow
hauptsächlich eine Erkrankung der Frauen ist. Jedenfalls haben sich
therapeutische Versuche mit Thymusdrüsen und Ovarialpränaraten
bisher als aussichtslos erwiesen. Unbekannt ist ferner der mögliche
Einfluss auf den Basedow seitens der naraglandulären Epithelkörper¬
chen, deren Exstirpation bekanntlich Tetanie erzeugt, während die
Exstirpation der Schilddrüse zu Myxödem führt.
Die allgemeine Anschauung geht zurzeit dahin, dass die Haupt¬
quelle des Basedow der Hyperthyreoidismus ist. Dafür spricht schon
die Vcrgrösserung der Schilddrüse in der weit überwiegenden Anzahl
der Fälle und die Besserung und teilweise Heilung des Basedow
durch die Partialexstirpation des Organes, ferner auch der Gegensatz
der Symptome zwischen Basedow und Myxödem, letzteres als Folge
des Fehlens der Schilddrüse, während andererseits Schilddriisenver-
fütterung den Basedow zu verstärken pflegt.
910
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 26.
An Dysthyreoidismus wäre dagegen zu denken in den Fällen
basedowoider Erkrankung, wo die Schilddrüse nicht oder ' nur S' e* ir
wenig vergrössert ist. Ob hier, wie es Robin (B.kl.W. 1913 Nr. 1-0
als möglich hinstellt, die Schilddrüse eine Rolle spielt, ist nicht zu
entscheiden und therapeutisch zurzeit belanglos.
Es ist ein Glück für die Medizin, dass in vielen Fallen die I herapic
der tiefgründigen- Erkenntnis einer Krankheit vorauseilt. So auch hier.
Ausgehend von der Ueberlegung, dass eine Zufuhr von Stoffwechscl-
produkten, welche bei mangelndem Schilddrüsensekret im schtlJJru-
scnlosen tierischen Körper entstehen, bei dem Hyperthyreoidismus des
Menschen dem Uebersekret der Schilddrüse Gelegenheit zur Bindung
gibt und die Giftwirkung des übermässigen Schilddrüsensckrctes auf¬
hebt, haben 1905 Ballet-Enriquez 'das Serum entkropfter Hunde,
Burghort und Lanz die Milch entkropfter Ziegen innerlich ge¬
geben. Unter dem Namen Rodagen wurde dieses Milchpulver längere
Zeit ordiniert. Die Erfolge waren recht gering. Wesentlich bessere
Erfolge erzielte erst Möbius, als er 1901 die Firma E. Merck ver-
anlasste, das Serum entkropfter Hammel zu verwenden. Dieses I ra-
parat hat sich bis heute als bestes Mittel erhalten und wird in einer
umfangreichen Literatur vielfach gerühmt. Auch ich habe es längere
Zeit verwendet, ohne gerade von den Heilerfolgen bei pcroraler Dar-
reichung immer befriedigt zu sein. Ausgehend von der Anschauung,
dass alle hochwertigen Eiweisspräparate empfindlichen Schaden durch
die Aufnahme in den Verdauungstraktus erleiden müssen, habe ich
seit etwa 10 Jahren meine Basedowkranken ausschliesslich mit sub¬
kutaner Einspritzung des Antithyreoidin behandelt und von da an ganz
prompte Erfolge erzielt im Gegensatz zu Möbius und K 1 e w 1 1 z,
welch letzterer (D.m.W. 1920 Nr. 35) auch heute noch behauptet, dass
die Einspritzungen erfolglos seien. Soweit ich augenblicklich die
Literatur übersehe, finde ich nur von D e v i c und G a r d e r e einen
mit Einspritzung erfolgreichen Fall beschrieben. Diese Autoren gaben
1 ccm Serum alle 2 Tage während 5 Tagen, dann 1 ccm täglich
10 Tage lang und 2 ccm täglich während 10 Tagen. Ich selbst gebe
in leichteren Fällen etwa 20, in schwereren bis zu 30 Injektionen
ä 1 ccm und zwar die ersten 15 täglich, von da ab jeden 2. oder 3. lag.
Die Einspritzungen sind an sich vollkommen reizlos und ohne jede
Nebenwirkung. Nun hat sich bei der Verwendung der üblichen
Fläschchen trotz sorgfältigster Aseptik des Spritzenmateriales gezeigt,
dass sich sehr leicht am Tage nach der Einspritzung entzündliche Röte
der Injektionsstelle, verbunden mit Druckempfindlichkeit und be¬
sonders auch Juckreiz, einstellte, worüber die Kranken, obwohl die
Erscheinung nach 2—3 'Tagen ohne jede Folgeerscheinung wieder ver-
schwand, sich mehr oder minder beklagten, so dass ich mich öftei zur
Aussetzung des Mittels genötigt sah. Diese unliebsame Erscheinung
trat prompt ein, wenn entweder der Fläschcheninhalt an sich schon
leichte Trübung zeigte oder wenn die Trübung einige Tage nach
Oeffnung eines Fläschchens auftrat, was besonders in den Sommer¬
monaten bald der Fall zu sein pflegte. Ich habe nun die Firma Merck
veranlasst, das Serum in Ampullenform ä 1 ccm zu Injektionszwecken
zu bringen. Seitdem kommen die Erytheme nur noch äusserst selten
in meine Beobachtung. Gründliche Reinigung der Spritze und Nadel,
am besten mit destilliertem Wasser, ist nach jeder Applikation natür¬
lich Vorbedingung; auch ist es nötig, die Ampullen an einem kühlen
ürt aufzubewahren. Die Einspritzung selbst mache ich stets ab¬
wechselnd in den rechten und linken oberen Quadranten des Gesässes
intramuskulär mit langsamer Einführung des Spritzeninhaltes.
Zugunsten der Injektionstherapie spricht auch der sparsame Ver¬
brauch dieses an sich und heutzutage doppelt kostbaren Stoffes. Ich
brauche für eine Injektionskur höchstens 30 ccm. für eine interne
Behandlung mindestens 50 ccm, in der Regel wesentlich mehr, wozu
noch der manchen Kranken manchmal nicht zusagende Geschmack
des mit einem Konservierungsmittel versetzten Mittels kommt.
Auf Grund meiner langjährigen guten Erfahrungen mit der Injek¬
tionsbehandlung stehe ich heute auf dem Standpunkt, jeden Fall von
Basedow oder Basedowoid mit Serum zu behandeln, da man damit
keinerlei Risiko läuft. Dies gilt auch für die Fälle von möglichem
Disthyreoidismus, für den das Fehlen der Drüsenschwellung spricht
wenn auch keineswegs immer. Erst der Misserfolg der Serumbehand¬
lung rechtfertigt etwa einen vorsichtigen Versuch mit Jodmedikation
in solchen zweifelhaften Fällen. Ich habe hier als bestes Präparat
die Jodtinktur erkannt, von der ich erst 1 '1 ropfen 3 mal täglich und
dann steigend bis zu 10 'Tropfen in % Tasse Wasser nach dem Essen
nehmen lasse. Mit Rücksicht auf die Ungefährlichkeit und vielfach
ausserordentliche Wirksamkeit des Basedowserums soll meines Er¬
achtens zunächst jeder Basedow, bevor er der Operation zugefiihrt
wird, mit Serum behandelt werden. Nur die Anzeichen von I racheal-
kompression seitens der vergrösserten Drüse sind für midi absolute
Indikation für den chirurgischen Eingriff, da ich bis Jetzt noch nie,
selbst bei eintretender Verkleinerung des Halsumfanges durch die
Injektionsbehandlung, eine Besserung des Drüsendruckes auf die
Trachea in solchen Fällen beobachtete. •
Nicht unerwähnt darf ich lassen, dass ich zur Bekämpfung dei
kardiovaskulären Symptome fast regelmässig neben der Antithyrcoidin-
behandlung eine Behandlung mit elektrolytischen Vollbädern einher-
gelien lasse, wie ja auch eine Reihe von Autoren Kohlensäurcbader-
behandlung damit kombinierte. Wenn auch von einigen Autoren, so
von Aronstein (M.m.W. 1906 Nr. 32). ein Rückgang der Herz-
erweiterung durch Bascdowseruiri beobachtet wurde, glaube ich doch
nach meinen Beobachtungen feststellen zu müssen, dass gerade auf die
gleichzeitig meist vorhandene Herzerweiterung und Herzinsuffizienz
das Serum den geringst bemerkbaren Einfluss zu haben pflegt. Um¬
gekehrt hat auch die Erfahrung gelehrt, dass wieder die Baderbehand-
lung — ich habe auch kohlensaure Solebäder versucht — in bezug
auf die Beeinflussung der nervösen Symptome zu wünschen übrig
lässt wenn auch die Erfolge der unkombinierten Bäderbehandlung,
wie auch Stein (Zschr. f. Bakt. 4. Jg. Nr. 14) berichtet, an sich schon
recht überraschend waren.
Endich möchte ich auch erwähnen, dass in den rallen, wo der
Basedow mit Magendarmsymptomen, insbesondere Diarrhöen, ver¬
knüpft ist, nach dem Vorgang von Schnee (Zbl. f. inn. Med. 1913
Nr. 19) die Verabfolgung von Pankreontabletten gute Dienste leistete.
Zur Beleuchtung der vorstehenden Ausführungen füge ich im
folgenden einige besondere Fälle aus dem vorhandenen Material an.
Baronin K. in M. 38 Jahre alt.
Anamnese: Klage über ständiges Herzklopfen, Neigung zu lästigen
Schweissen, besonders nachts, fortwährende Unruhe und Herzklopfen, Mattig¬
keit, eingenommener Kopf, Zittern der Hände, zunehmende Abmagerung und
häufige plötzliche Durchfälle. Kuren mit Antithyreoidin (innerlich) und Roda¬
gen zweimal ohne Erfolg.
Status: Magere Dame, blass, 49 kg netto, Grösse 160 cm, Herztöne
rein. Ruls in Ruhe 104, gespannt mittelvoll. Herz erheblich erweitert. Ortho-
diagramm 4 cm über rechte Faustgrösse, BuLbi etwas vorgetrieben, Gräfe und
Stellwag +, Romberg: etwas Schwanken, leichter Tremor manuum, Salzsäure¬
gehalt des Magens normal, rechte Schilddrüse etwas vergrössert. Behandlung
vom 3. Vll. 13 bis 1. VIII. 13 mit faradischen und galvanischen Vollbädern.
Herzrückgang von Längsdurchmesser 15,5 auf 12,3 cm. Guerdurchtnesscr 14,0
auf 12,S cm, Ruls noch 104 p. M. Fühlt sich leistungsfähiger. Kopf frei, Schlaf
ruhiger, sonst keine Besserung, Gewicht gleich geblieben. Antithyreoidm-
injektion vom 1. VIII. 13 bis 30. VIII. 13 täglich. Nach 10 Einspritzungen
lassen Tremor und Unruhe nach. Puls vom 11. VIII. 13: 84 p. M., noch)
Schweisse und Durchfälle.
Am 20. VIII. 13 keine Schweisse mehr, kein Tremor, fühlt sich sehr wohl,
geht ohne Beschwerden 2 Stunden lang. Appetit zunehmend, Gewicht 51 kg.
Am 15. IX. 13 entlassen, nachdem Kranke beschwerdefrei kleinere Berg-
touren gemacht hat, Gewicht 53 kg, kein Tremor, 'keine Schweisse, fühlt sich
frisch und leistungsfähig.
Frau E. K. in M., 26 Jahre alt.
Anamnese: Klage über Herzklopfen, Angstgefühle, ständige Müdig¬
keit und innere Unruhe, Neigung zu Schweissen, Schlaf unruhig.
Status praes.: Guter Ernährungszustand, leichte Protrusio bulbo.
Romberg: leichtes Schwanken und bemerkbarer Tremor an den Händen,
Schilddrüse beiderseits gleichmässig etwas vergrössert, Herz etwas ver¬
grössert, Puls im Stehen 120 p. M., im Liegen 104, sehr weiche Pulskurve,
gleichmässig, aber hoch und ohne Spannung stark dikrot (nach meinen Er¬
fahrungen eine für Basedow charakteristische Form der Pulskurve). Sonst
kein Befund. Behandlung: Lediglich Antithyreoidin. Nach 20 Injektionen vom
27. III. 20 bis 21. 4. 20 Herzgrösse unverändert, Schilddrüsenumfang 1,5 cm
verringert. Romberg ohne Befund, Puls 86, im Liegen 78. Kurve wesentlich
niederer, zeigt wieder Etastizitätsschwankungen. Subjektives Befinden sehr
gut und beschwerdefrei. Ist seitdem so geblieben.
Frau K. M. in M.. 61 Jahre alt: 27. VII. 21.
Anamnese: Seit I Jahr Herzklopfen, grosse Schwäche, kann kaum
gehen, Stiche in der Herzgegend, viel Durst, Hals stets trocken, Schlaf ganz¬
schlecht, schwere Träume. Appetit schlecht, Neigung zum Erbrechen, viel
Kopfweh.
Status: Zystenkropf faustgross rechts, Tremor der Hände, Haut
des ganzen Körpers feucht, keine Vortreibung der Bulbi, Abmagerung, schi-
bleich, Gewicht 60 kg netto, Grösse 165 cm, Herz stark vergrössert (Längs¬
durchmesser 16,5 cm, Querdurchmesser 13 cm), Elektrokardiogramm: Vorhof¬
tachykardie, totale Arhythmie, Harn leichte Eiweisstrübung. Leber vergrössert.
Behandlung: Zunächst elektrische Vollbäder und Antithyreoidin innerlich.
Am 7. IX. 21 Herz verkleinert (Längsdurchmesser 14 cm, Querdurchmesser
11 cm), kann 2 Stunden ohne Beschwerden gehen, Hals weniger trocken, Herz
noch unruhig, Schweisse noch lebhaft, Magen besser, ebenso Schlaf. Tremor
besteht weiter. Befinden noch wenig befriedigend. Vom 7. IX. 21 bis 17. X. 21
30 Antithyrcoidininjektionen nebst Chinidin innerlich. 27. X. 21: Kranke unter¬
sucht nach einem dreistündigen Weg mit Besteigung des Klosterberges
Andechs. Fühlt sich vollkommen wohl. Objektiv: Puls regelmässig
(Chinidinwirkung?), kein Tremor mehr, keine feuchte Haut. Kropf unverändert,
Urin ei weissfrei, Elektrokardiogramm: Vorhofarbeit normal, Leber nicht mehr
vergrössert. Vom 27. VI. 22 bis 2. VIII. 22 nochmals Behandlung nötig der
gleichen Art und mit gleichem Erfolg.
Frau U. L. in R., 54 Jahre alt: 20. IX. 21.
Klagt über beinahe völlige Schlaflosigkeit seit fast 4 Monaten, Abend¬
temperatur 37.6 Achselhöhle, Hitzegefühle, beim Steigen und auch im Bett
Atemnot, viel Herzklopfen, Unruhe in den Beinen, Verdauung gut.
Statuspraes.: Sehr blass und mager Gewicht 50 kg, Grösse 160 cm,
syst. Geräusch an der Herzspitze, Puls klein, weich, in Kurve ungleichmässig
hoch. Hämoglobin Sahli 75 Proz. Schilddrüse rechts vergrössert, Herz:
Längsdurchmesser 14 cm, Querlurchmesser 13 m, Blutdruck RR. 145 mm Hg,
syst. Puls 132 p. M., schwache Hervortreibung der Bulbi, Stellwag positiv,
Urin enthält 0,1 Proz. Zucker.
Therapie: Arsenikinjektionen und elektrische Vollbäder. Am
4. XI. 21 Hämoglobin 100 Proz., Gewichtszunahme 2 Pfd., Herzrückg-.ing
(Längsdurchmesser 11,5 cm, Querdurchmesser 10 cm), Schlaf besser, Herz¬
klopfen besteht noch, körperlich leistungsfähiger, Temperatur abends 37,4
und 37,5 in der Scheide. Ordination Antithyreoidin: Nach 10 Injektionen
Puls 96, Blutdruck 125 mm Hg, Harn zuckerfrei, schläft 7 Stunden, keine
Hitze mehr, Temperatur 36,9 bis 37 abends in der Scheide, Unruhe ver¬
schwunden. Entlassen am 16. XI. 21 nach Besteigung eines 1700 m hohen
Berges bei vollem Wohlbefinden und nach 30 Seruminjektionen im ganzen.
Harn bleibt zuckerfrei.
Frau J. M. aus P., 47 Jahre alt: 2. VI. 21.
Zittern an Händen und Füssen, sehr lästiges Brausen in den Ohren, viel
Herzklopfen und Schweisse, sehr erregbar, stets müde, nur 2 Stunden Schlaf.
Starke Abmagerung, Appetit gering. Befund: Rechte Schilddrüse vergrössert,
Kyphoskoliose (leichte), sehr mager, leichter Tremor der Hände, Haut feucht,
keine Basedowsymptome der Augen, Herz normal gross, 2. Gefässtöne betont.
Puls 132 im Stehen, 86 im Liegen, schnellend und in Kurve Schleuderpuls ohne
WICHTIGE
NEUERUNG
Hiermit mache ich Ihnen die wichtige Mit¬
teilung, daß ich seit einiger Zeit Röntgenröhren
herstelle, bei deren Anfertigung zum Teil
überhaupt kein Platin mehr, zum Teil nur noch
sehr geringe Mengen Platin zur Verwendung
gelangen. Nach monatelangen Versuchen in
meinem Laboratorium wie auch in einer
großen Anzahl führender Kliniken und bei
führenden Privatärzten habe ich diese Her¬
stellung zur normalen gemacht, da sie für
die Kliniken und Ärzte eine außerordentliche
Ersparnis bedeutet, und da in allen Fällen
einwandfrei nachgewiesen ist, daß diese Röh¬
ren den Platinröhren sowohl an Lebensdauer
wie Leistung nicht im geringsten nachstehen.
Die Röhren der neuen Bauart sind durch den
eingeätzten Buchstaben „C“ und durch eine
Nummer kenntlich gemacht. Selbstverständ¬
lich liefere ich auf Wunsch nach wie vor meine
Röhren in der alten Ausführung mit Platin.
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MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
911
Spannung und ungleich hoch, Herzstoss hebend, Karotiden pulsierend, Blut¬
druck 1<>4 nun Hg syst.
Vom 2. VI. 21 bis 15. VII. 21 30 Antithyreoidininjcktionen, Schweisse
haben aufgehört, Herz ruhiger. Puls 100, Schlaf wesentlich besser. Puls
besser gespannt, Kurve zeigt noch umfangreiche Höhe, aber keine Schleude¬
rung, Appetit gut, Unruhe gering, Leistungsfähigkeit noch gering. Ordination:
Von du ab elektrische Bäder ohne Antithyrcoidin und Halsgalvanisation. Am
21. IX. 21 entlassen nach einer Bergbesteigung frei von jeder Beschwerde,
objektiv Herztöne normal betont, Pulsbild gleichmässig, Puls 84 im Stehen,
72 im 1 iegen. b Pfd. Gewichtszunahme, Herzstoss schwach sichtbar und
fühlbar. Schläft' nachts durch. Bis jetzt (Oktober 1922) gesund geblieben.
Frl. M. R. aus Z., 22% Jahre alt: 19. VI. 22.
Herzklopfen mit Zittern am Körper, Schwächezustände mit Hitzegeiühlen
im Kopf, Schlaf sehr schlecht, Anfälle von Schweissen und Hitze, viel Angst¬
zustände. Schon viel behandelt wegen nervöser Herzschwäche.
Status praes. : Protrus. bulbor., Schilddrüse nicht fühlbar. Stell¬
wag und Graefc positiv. Gesicht stark gerötet, Herztöne rein, Herz etwas ver-
grössert, Blutdruck 145 systol.. Puls 72, gleichmässig voll. Nervensystem ohne
Befund. Ordination: Zunächst elektrische Vollbäder, ab 17. Vll. 22 Anti-
thyreoidininjektionen, da Hitze, Schwäche und schlechter Schlaf noch fort-
bestehen. Nach 28 Injektionen am 16. VIII. 22 entlassen. Schlaf gut,
Hitze- und Schwächeanfälle nur selten mehr auftretend. Tritt als Beschliesserin
in Landwirtschaftsbetrieb, wo sie bis jetzt (Oktober 1922) voll leistungsfähig
ist. Die Protrus. bulb. besteht noch fort.
Ich wiederhole zusatnmenfassend, dass mir die Antithyreoidin-
injektionsbehandlung hei Basedow sehr sute Dienste geleistet hat and
dass es sich nach meinen Erfahrungen empfiehlt, der Operation, sofern
diese nicht dringend indiziert ist, stets eine Serumbehandlung voraus¬
zuschicken; sie kann unter Umständen einen chirurgischen Eingriff
erübrigen. _
Luminaltherapie unter besonderer Berücksichtigung der
Giftigkeit und der endolumbalen Anwendung.
Von Dr. Albert Gmelin, Stetten i. R.
Seitdem das Luminal von Impens auf seine Giftigkeit an lieren
genau untersucht und daraufhin 1912 der Hand des Arztes zunächst
als Schlafmittel und dann nach H a u p t m a n n s erfreulicher Ent¬
deckung als Epilepsiemittel übergeben wurde, hat sich eine stattliche
Anzahl von Aerzten (in der Hauptsache waren es Nervenärzte) mit
diesem Mittel beschäftigt, ln den bisher erschienenen 200 zum I eil
sehr eingehenden Arbeiten über Luminal sprechen sich so ziemlich
alle Autoren, deren Beobachtungen von einem gröseren Material aus¬
gehen, anerkennend darüber aus, dass Luminal sowohl als Schlaf-,
wie als einzig dastehendes Epilepsiemittel ein erstklassiges Medi¬
kament darstellt. In einer grösseren Anzahl dieser Arbeiten wird
ausserdem besonders betont, dass gar keine schädlichen Neben¬
erscheinungen und keine Gewöhnung beobachtet werden konnte,
selbst bei jahrelangem Gebrauch. Es mutet aber nicht verwunderliüi
an. dass über ein Mittel von der Bedeutung des Luminals im Laufe
der Zeit auch Mitteilungen laut werden von gelegentlichen Nebenwir¬
kungen der verschiedensten Art. Richtig sagt ein bedeutender Kli¬
niker: „Ein wirksames Hypnotikum, das völlig gefahrlos ist und in
Drogerien in beliebiger Menge von jedermann gekauft werden kann,
wird von der Wissenschaft niemals erfunden werden“ (Stein). Im
übrigen handelt es sich in beträchtlicher Anzahl der Berichte über
schädliche Nebenwirkungen um Suizidversuche oder irrtümliche Ver¬
wendung, wobei zum Teil ungeheure Dosen eingenommen wurden ')•
Dagegen hat das Gesetz durch den Reichsratsbeschluss vom 12. Fe¬
bruar 1920, der die Abgabe des Mittels durch die Apotheker von
jedesmal erneutem Rezept abhängig macht, einen Riegel vorge¬
schoben. Anderseits wird von den Autoren bei Berichten über
Nebenwirkungen immer wieder betont, dass hierbei eine gewisse
Ueberempfindlichkeit „vasomotorische Uebererregbarkeit“ (Luce
und Fei gl) mitspielt. Solche Fälle zur Kritik über therapeutische
Verwendungsmöglichkeit heranzuziehen, ist natürlich nicht ohne wei¬
teres angängig. Es ist doch bezeichnend, wenn wir im Jahre 1921
von englischer Seite (G o 1 i a) erfahren, dass es schade sei, dass ein
solch wichtiges Arzneimittel wie das Luminal nicht in England
hergestellt werden könne, sondern von Deutschland bezogen werden
müsse.
Trotzdem das Luminal seinem inneren Aufbau nach nahe Ver¬
wandtschaft mit Veronal zeigt, 'ist es bis heute nicht in die Listen der
mit Höchstgabe versehenen Arzneimittel aufgenomnten, obgleich
dieses von einzelnen Forschern (besonders Hcinsius) schon 1914
energisch verlangt wurde. Immer ist auch zu berücksichtigen, dass
von verschiedenen Stellen gelegentlich eine leicht kumulative Wir¬
kung beobachtet wurde.
Trotz der schon ziemlich umfangreichen Literatur über Luminal,
speziell bei Epilepsie, glaube ich doch, auch meine Beobachtungen an
einem grösseren Material aus der Heil- und Pflegeanstalt für Epilep¬
tische und Schwachsinnige zu Stetten im Remstal veröffentlichen zu
müssen, zumal ich angesichts der veröffentlichten Nebenerscheinungen
besonders mein Augenmerk auf die Giftigkeit des Luminals richtete
und dabei eine m.W. neue Beobachtung machen konnte.
Itn Oktober 1919 wurde hier bei den durchschnittlich 188 epilep¬
tischen Pfleglingen ganz langsam, aber gleichmässig ein Abbau der
') Aus Raummangel sei hier nur die Literatur verwiesen. Ausführ¬
lich werden Vergiftungsfälle berichtet von: Hajek. Hering, MoNertncy,
Ungar.
Bromgaben und Ersatz dieser durch Luminal durchgeführt. Die
Tagesgabe für den einzelnen Kranken war anfangs 0,05 Luminalnatrium
oder 0,045 Luminal. Heute ist sie durchschnittlich 0,15, wobei seit
Juli 1922 kein Brom mehr verabreicht wird. Bei den durchschnittlich
30 epileptischen Pfleglingen der Zweiganstalt Rommelshausen wird
heute noch Brom neben Luminal gegeben, und zwar aus der Erfau-
rting heraus, dass bei alten, geistig stark geschädigten und verblöde¬
ten Epileptikern dieses zuträglicher erscheint. In der Hauptsache
wird das Luminal in Tablettenform und das Luminalnatrium in einer
Lösung 2,0 zu 100,0 per os gegeben. Gelegentliche Versuche der
Einspritzungen unter die Haut oder in den Muskel brachten keine
bessere Wirkung und werden deshalb heute nicht mehr gemacht. Die
Wirkung der Einverleibung unter die Haut scheint nach neuen Be¬
obachtungen verlangsamt und weniger sicher zu sein gegenüber der
oralen Anwendung. Die Beobachtung an anderer Stelle, dass bei Ein¬
spritzung einer konzentrierten, nicht isotonischen Lösung oberfläch¬
lich unter die Haut gelegentlich Entzündungen und brandiges Ab¬
sterben der Haut an der Einstichstelle gefunden wurden, ist weiter
nicht zu verwundern. Schädliche Wirkung irgendwel¬
cher Art konnte ich nie beobachten. Dies mag der von
vornherein angewandten Vorsicht und der Befolgung aller früher in
der Literatur gegebenen Ratschläge zuzuschreiben sein. Sowie ein
Krampfkranker auch nur die leiseste Empfindung von Taumeligsein
äusserte, erhielt er sofort eine etwas nach unten abgerundete Tages¬
und Einzelgabe.
Ein ganz neues Gebiet der Anwendung des Luminals eröffnete
sich mir, als ich gelegentlich einer Lumbalpunktion eine intralumbale
Verabreichung’ des in steriler Lösung befindlichen Luminalnatriums
(2 ccm einer Lösung 5,0 zu 100,0 = 0,1 g Luminalnatrium) machte. Es
trat keine Schlafwirkung ein, der Kranke bekam kurze Zeit nach¬
her Kopfweh und Fieber, das nach etwa 12 Stunden seinen Höhepunkt
(bis 39,5) überschritt und nach etwa 12—14 Stunden verschwunden
war. Dieser Versuch wurde wiederholt. Vereinzelt traten Neben¬
erscheinungen (Hirnreizungen: Pulsverlangsamung, Erbrechen, leicht-
gradige Nackensteifigkeit, Schwindel beim Aufrichten im Bett) auf,
jedoch waren dieselben stets geringgradig und vorübergehend. Im
Liquor cerebrospinalis fanden sich bei der erst maligen Lumbal¬
punktion vor der erstmaligen endolumbalen Verabreichung des Mittels
nur vereinzelte Zellen (höchstens 2 Zellen in der Fuchs-Rosenthal-
Kammer), während 2 Tage nach der Verabreichung des Mittels auf
endolumbalem Wege die 30 — 60 fache Zahl (etwa 15 — 120 Zellen im
emtn) gezählt wurden. 3 — 5 Tage später konnten die Kranken wieder
aufstehen und blieben längere Zeit anfallfrei.
Es war mir nun von ausserordentlicher Wichtigkeit, dass in der
M.m.W. 1922, Heft 50, von Strecker über ähnliche Wirkungen bei
endolumbaler Verabreichung von Tetra-ß-Hydronaphthylamin be¬
richtet wurde. Zu Vergleichszwecken Hess ich von M e r c k - Darm¬
stadt T-ß-N. kommen und fand, dass T-ß-N. stärkere 'I emperaturreize,
nicht aber dieselbe anfallhemmende Wirkung äusserte wie Luminal.
Anderseits glaube ich, nach den bisherigen (nur 12) Beobach¬
tungen schliessen zu können, dass das Luminal wie das I-ß-N., endo-
lumbal verabreicht, eine Reiz Wirkung auf das Grosshirn und seine
Häute ausübt, wie dies ähnlich durch Proteinkörper (Xifalmilch) zu
erreichen erstrebt wurde. Seit Frühjahr 192.0 habe ich bei jeder Form
von gehäuften Anfällen Lumbalpunktion gemacht und habe diese von
vielen Forschern als glänzend bewährte Art der augenscheinlichen
Entlastung des geplagten Kranken stets mit guten Erfolgen angewandt.
Dass das Fieber auch sonst in gewissem Grade anfallhemmend
mitwirkt, ist eine dem Epileptiker und seinem Arzt bekannte I atsache.
Exantheme wurden neben den obengeschilderten Hirnreizungen
nie beobachtet. Die Kranken klagten noch etwa acht Tage über ge¬
ringe Mattigkeit wie nach einer Krankheit leichten Grades, waren
aber bisher alle des Dankes voll wegen der teilweise gänzlichen
Beseitigung ihrer Anfälle.
Diese Erfahrungen seien als vorläufige Mitteilung den Giftwir-
kutigen des Luminals entgegengesetzt. Weitere Fragen sind die:
einerseits, ob Luminal im Blute des Epileptikers Veränderungen an
Zahl der Blutplättchen, oder ob es auf den Grad des Füllungszustan¬
des der Blutgefässe im Gehirn eine direkte oder indirekte Wirkung
ausübt, anderseits, ob das Luminal bei dieser Form der Verabrei¬
chung eine Art Therapie im Sinne Weich ardts unspezifischer
Reiztherapie ausübt, auf „chronisch latente“ (nicht gänzlich abge-
laufene) Hirnhautentzündungen, deren Ausdruck nach meiner Auffas¬
sung die Epilepsie in vielen Fällen darstellt.
Damit wären dem Luminal neue Aufgaben gestellt, und es könnte
trotz Haupt man ns Warnung (M.m.W. 1919, S. 1321) auf diesem
Wege das Heil für eine wissenschaftlich begründete Epilepsiebehand¬
lung liegen.
Zusammenfassung: In beschränkter Gabenhöhe mit nöti¬
ger Vorsicht und Indikationsstellung, gemäss den in der Literatur
niedergelegtcn Erfahrungen bei der Anwendung des Luminals, haben
wir schädliche Wirkungen irgendwelcher Art nicht beobachtet. Es
kann jahrelang gegeben werden und behält dabei dauernd seine gün¬
stige Wirkung auf die Grosshirnrinde bei.
Unsere günstigen Erfahrungen bei endolumbaler Anwendung des
Luminalnatriums berechtigen zu der Forderung, diese neue Anwen¬
dungsmethode ausgiebig nachzuprüfen.
Es wäre dringend wünschenswert, Luminal mit einer Höchst¬
einzelgabe von 0,3 und einer Höchsttagesgabe von 0,6 unter die
Höchstgaben aufzunchmen.
912
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
Literatur.
Auf GiftwirkuiiK des L. wurden sämtliche bisher erschienenen Ab¬
handlung geprüft. Besonders erwähnt seien nur: F. Hajek: Aus Casopis
lekarno ceskych 1919. Nr. 42. — Hauptmann: M.m.W 1912 Nr 35'
Q. Heinsius: Med. Klin. 1914 Nr. 14. — Hering: Khn. Wschr. 1922
Nr 21 — I m p e n s: Toxikologie. — König: B.kl.W. 1921 Nr. 40. Luc
und Fei gl: Ther. Mh. Juli 1918. - McNertney: Ther .( 3az„ Jchnt
2/1922. — Julius Ungar: Ein Fall von Luminalvergiftung. W.kl.W. 1914
Nr. 24. — Strecker: M.m.W. 1922 Nr. 50.
Aus der Medizinischen Universitätsklinik zu Rostock.
Zur Korrelation zwischen Thyreoidea und dem weib¬
lichen Genitale.
Von Prof. Hans Curschmann.
H Knaus1) berichtet in einer Arbeit unter der obigen Ueber-
schrift (aus der Grazer chir. Klinik) über die interessante Iatsache,
dass nach partieller Strumektomie von 21 Patientinnen 19 eine teils
verstärkte teils verfrühte, meist aber vorzeitigere und intensivere
Alenstrualblutung erfuhren, dass also eine Verminderung der Schild-
drüsensubstanz (und damit auch ihrer Funktion) einen aktivierenden
Einfluss auf den Menstruationszyklus zur Folge zu haben scheine.
Er zitiert auch Beobachtungen der Literatur (Th. Kocher, Biedl,
Herthoge, Lewi, Rothschild u. a.), aus denen hervorgeht,
dass sowohl bei operativen Strumipriven, wie beim angeborenen
und erworbenen Myxödem und auch bei dessen inkompletten Formen
Menorrhagien „zu den niemals fehlenden Symptomen der Athyreosis
gehörten“ (Biedl). . . v
Diesen Erfahrungen gegenüber möchte ich auf einige Knaus
scheinbar entgangene Beobachtungen und Arbeiten meiner Klinik-)
hinweisen, die gerade das entgegengesetzte Ergebnis hatten.
Ich beobachtete zuerst an 5 Fällen, dass die spontane oder auch opera¬
tive Klimax zum Myxödem führte, währenddessen keinerlei Menstrua¬
tionen mehr auftra'ten. Auch beim vorzeitig eintretenden Myxödem
(zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr) ging Cessatio mensium der
Ausbildung des Myxödems voraus. Und zugleich mit anderen Zeichen
der Besserung des Myxödems sah ich gerade nach energischem
Thyreoidingebrauch auch nach mehrjährigem Verschwinden der
Periode menstruelle Blutungen wieder auftreten. Deusch berichtete
über ganz analoge Beobachtungen bei postoperativer Klimax und auch
P e r 1 s Fälle von inkomplettem Myxödem (Fälle meiner Beobachtung)
zeigen gleiches: unter 7 Fällen wiesen 5 (zumeist jugendliche weib¬
liche Personen) Amenorrhoe auf, eine Verminderung der Periode und
nur eine ungestörten Ablauf derselben. Auch bei der Adipositas dolo¬
rosa, deren hypothyreogener Ursprung ja oft, nicht immer, ex juvanli-
bus nachzuweisen ist, fand mein Assistent B. F r o w e i n Verminde¬
rung der bis dahin starken Menstruation.
Spätere zahlreiche Beobachtungen von komplettem und inkom¬
plettem Myxödem verschiedener Art und auch von Adipositas dolorosa
haben mir das obige Ergebnis immer wieder bestätigt: mit dem
Einsetzen der Hypothyreose niemals Aktivierung
des Menstruation s zyklus, sondern stets Vermin¬
derung, allermeist Erlöschen der Periodenblutung.
Ich kam deshalb — auf Grund meines Materials — zu dem
Schluss, dass die Funktionsminderung oder -aufhebung des Ovars eine
pressorische bzw. inaktivierende Wirkung auf die Schilddrüse haben
könne, eine Annahme., die ja auch durch experimentelle
Beobachtungen (Biedl, Tandler und Gross, Tescione,
Frankel u. a.) gestützt wurde und in der allgemein bekannten Hem¬
mung der genitalen Entwicklung und Funktion bei Athyreosen ein
Analogon findet.
Wie es kommt, dass sich unsere Erfahrungen mit denen (insbeson¬
dere bezüglich des Menstruationsverhaltens beim spontanen Myx¬
ödem) anderer Autoren, die Knaus zitiert, durchaus nicht decken,
ist schwer zu sagen. Möglicherweise ist daran der Umstand schuld,
dass unsere Beobachtungen in der Mehrzahl den langen Jahren der
Unterernährung entstammen, deren provozierender Einfluss auf
die Entstehung (und Steigerung) des spontanen Myxödems ja zuerst
von meinem Mitarbeiter Hinz3) beschrieben wurde.
Uebrigens kann ich auch der Annahme Knaus’, dass die Hvper-
funktion der Schilddrüse überwiegend Cessatio mensium veranlasse,
auf Grund unseres Materials nicht zustimmen und befinde mich mit
dieser Erfahrung in Uebereinstimmung mit A. Sänger. Gewiss
kommen beim Basedow Dvsmenorrhöe, Hypo- und Amenorrhoe vor.
aber keineswees gesetzmässig; ja ich habe nicht selten lästige und
langdauernde Menorrhagien beim Basedow gesehen. Mit der An¬
nahme einer pressorischen Wirkung des Hyperthyreoidismus auf die
Funktion des Genitals stimmt auch die gar nicht seltene, auch von
mir gemachte Beobachtung gesteigerter Erotik mancher Basedow¬
kranken wenig überein. Es kann dabei zu förmlich nymphomanischen
Zuständen kommen.
H M.m.W. 1923 Nr. 21.
-) Hans Curschmann: Klimax und Myxödem. Zschr. f. d. ges.
■Neurol. u. Psych. 1918. Bd. 41. — J. E. Perl: Ueber inkomplette Formen
des Mvxödems. Ebenda Bd. 71. — G. Deusch: Klimax und Mv'-ödem.
M.m.W. 1919 Nr. 22. — G. Deusch: Blutuntersuchungen bei Myxödem.
Ebenda 1921 Nr. 10. — Bernhard Frowein: Adipositas dolorosa. D. Zschr.
f. Nervenhlk. Bd. 72. 3) M.K1. 1920 Nr. 12.
Wenn wir nun die Möglichkeit einer aktivierenden iätig-
keit nicht des Hvpo-, sondern des Hyper thyreoidismus
auf die Genitalfunktion ins Auge fassen, so verdient auch
der Umstand Beachtung, dass wiederum die Kriegs- und
Nachkriegsernährung nicht nur die so oft zitierte Knegs-
amenorrhöe, sondern auch, wie ich4) gezeigt habe, eine Ver¬
minderung der Zahl und Schwere der Basedowerkran¬
kungen gezeitigt hat.
Schnellhärtungsverfahren mit Aethyl- bzw. Methylalkohol.
Von Prof. R. Heinz, Erlangen.
Zur Verwendung kommen kleine Stücke des zu untersuchenden
Präparates, die 3—6 Stunden in 10 proz. Formalin fixiert worden sind.
Für kleinere Stücke genügen nach meiner Erfahrung 3 Stunden: ich
lege von dem zu untersuchenden Präparat stets noch ein „Kontroh-
stückchen“ (gleicher Grösse wie die übrigen) bei und überzeuge mien
(durch Querschnitt), ob das Formol bis in die Mite vorgedrungen, das
Präparat durchfixiert ist. Es ist wichtig, dass das benutzte Formol
keine Ameisensäure enthält (Formaldehyd oxydiert an Luft und Licht
allmählich zu Ameisensäure), weil sonst die Gewebe unter der Ein¬
wirkung der organischen Säure „verquellen“. Quellend wirkt natür¬
lich nur die freie Säure, nicht neutrales ameisensaures Salz. Ich be¬
nutze seit über 20 Jahren zur Fixierung von Präparaten eine Mischung
von 100 ccm Formalin + 900 ccm 0,9 proz. Kochsalzlösung (in dunkler
Flasche), welcher Mischung ich einige Stücke Marmor zusetze: der
kohlensaure Kalk neutralisiert dann sofort die entstehende Ameisen¬
säure und bildet mit ihr neutrales ameisensaures Kalzium.
Aus dem Formol kommen die Stücke auf eine halbe Stunde in
Wasser und dann in das untere Gefäss B meines „Schnellhärtungs¬
apparates“, wo sie mit wenig Wasser so übergossen
werden, dass das Wasser wenige Millimeter über sie
hinaussteht. Gefäss A und B. jedes ca. 100 ccm fassend
und mit einem kleinen, fein regulierbaren Glas, bahn ver¬
sehen, sind übereinander an einem Stativ befestigt. Der
Apparat ist in jedem Laboratorium mit einfachen Mitteln
zusammenzustellen, nachdem man vom Glasbläser sich
die beiden Gefässe A und B herstellen hat lassen.
In Gefäss A kommen ca. 100 ccm 80 proz. Alkohols.
Der Hahn A wird geöffnet und so fein eingestellt, dass
langsam, Tronfen für Tropfen, 80 proz. Alkohol in das
Wasser in B fällt. Nach zirka VA Stunden ist Gefäss A
in Gefäss B entleert. In letzterem ist aus einer 0 proz.
eine 1, 2. 5, 10 _ bis ca. 75 proz. Alkohollösung ent¬
standen, also ganz allmählich, so dass eine Schrumpfung
der Gewebsstücke durch plötzliche Wasserentziehung
nicht entstehen kann. Jetzt wird der ca. 75 proz. Alko¬
hol aus Gefäss B in eine Vorratsflasche abgelassen, als
„gebrauchter 80 nroz. Alkohol“, der dann weiter benutzt
werden kann. (Es ist ganz gleich, ob man die „erste
Entwässerung“ mit 80 proz. oder 75 proz. oder 70 proz.
Alkohol vornimmt.)
Gefäss B ist soweit abzulassen, dass die Gewebs¬
stückchen gerade noch von 75 proz. Alkohol bedeckt
sind. Dann wird Gefäss A mit 96 proz. Alkohol gefüllt und dieser
konzentrierte Alkohol in Gefäss B eintropfen gelassen (Vorgang ge¬
nau wie oben).
Ist Gefäss A vollständig ausgelaufen, so wird Gefäss B aus¬
gegossen in eine „Vorratsflasche mit gebrauchtem Alkohol“, der dann
noch einige Male benutzt werden kann. Die Gewebsstücke selbst
kommen in ein kleines weithalsiges Gefäss (mit Glasstopfen oder gut¬
sitzendem Korkstopfen) mit reinem Alkohol. Aus diesem werden sie
in Xylol oder besser Chloroform gebracht, aus letzterem in Chloro¬
form-Paraffin und zuletzt in reines Paraffin, worauf sie — 24 Stunden
nach Einlegen der Präparate — schnittfertig sind.
Anstatt Aethylalkohol kann man sehr gut bzw. besser auch Me¬
thylalkohol benützen. Methylalkohol mischt sich, wie Aeth. Alk.,
mit Wasser, wie anderseits mit Xylol oder Chloroform. Reiner Me¬
thylalkohol zieht ebenso wie Aether intensiv Wasser an und ist des¬
halb zur Entwässerung („Härtung“) geeignet. Der käufliche Methyl¬
alkohol ist, wenn von einer einwandfreien Quelle bezogen, „absolut“,
während der käufliche Aeth. Alk. nur 90 — 96 proz. ist und bekanntlich
erst durch geglühtes Eisensulfat in „absoluten“ Alkohol verwandelt
werden muss. Ich bestimmte das spezifische Gewicht von Aethvi-
alkohol zu 0,8145 = 93 Proz., von Methylalkohol zu 0,7970
= 99,5 Proz. Man braucht also zuletzt aus Methalk., nicht aus
„Alkohol“ in „absoluten Alkohol“ überzuführen, was das Verfahren
vereinfacht. Ich benutze seit 6 Monaten ausschliesslich Methylalkohol
zur Härtung mit dem eben beschriebenen „Schnellhärtungsverfahren“
und habe bezüglich Färbbarkeit, Erhaltung der Strukturen usw. die
besten Resultate erhalten. Gleichzeitig gehärtete Präparate von
Leber und Niere von Frosch, Maus, Kaninchen und Katze (normal
wie pathologisch verändert) zeigten durchaus keinen Unterschied.
Vor 6 Monaten war Methylalkohol ca. 2% mal billiger als Aethyl¬
alkohol. Neuerdings kostet aber Methylalkohol ebensoviel als Aethyl-
4) Klin. Wschr. 1922 Nr. 26.
13. Jul» 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
913
alkohol. Man kann aber zur Härtung auch vergällten Alkohol be¬
nützen. am besten mit Methylalkohol (2%) vergällten (96 proz.)
Alkohol.
Schnelleinbettung mit Zelloidin-Paraffin.
Von Prof. R. H e i n z - Erlangen.
Zelloidineinbettung ist bekanntlich für gewisse Objekte („lok-
keres“ Gewebe, z. B. Plazenta, oder „spröde“ Gewebe, Muskulatur.
Gefässwand u. ähnl.) unerlässlich, aber zeitraubend, und das Schnei¬
den der Zelloidinstücke umständlich. Noch zeitraubender ist die kom¬
binierte Zelloidin-Paraffin-Einbettung, während das Schneiden einfach
und bequem ist.
Bei der Zelloidin-Paraffin-Einbettung war bisher am besten nach
der Vorschrift Apäthys vorzugehen, welches Verfahren aber
2 Wochen und länger dauert. P6terfi hat (Zschr. f. wiss. Mikro¬
skop. 1921, 38, S. 243) ein abgekürztes Verfahren gelehrt, bei dem
die Objekte vor dem Ueberführen aus Alkohol bzw. Aetheralkohol in
Xylol oder Chloroform mit einer 1 proz. Lösung von Zelloidin in Nel¬
kenöl durchtränkt werden.
H o f f m a n n - Jena (Zool. Anz. 1923, S. 142) rühmt dieses Ver¬
fahren sehr. Er empfiehlt, das Zelloidin nicht direkt in Nelkenöl zu
lösen, sondern erst eine 2 proz. Lösung von Zelloidin in Aether- Alkohol
(1:1) herzustellen und diese mit der gleichen Menge Nelkenöl zu
versetzen. An Stelle des Nelkenöls könne mit gleich gutem Erfolge
Methylbenzoat verwendet werden.
Nelkenöl ist ein ätherisches Oel, und zwar enthält Nelkenöl gegen¬
über anderen ätherischen Oelen eine Phenolgruppe. Eine OH-Gruppe
enthält bekanntlich auch die Salizylsäure, also auch der Salizylsäurc-
Methylester = synth. Wintergrünöl. Salizylsäure und noch
mehr Salizylsäure-Methylester ist ein ausgezeichnetes k e r a t o -
lytisches Mittel und dringt leicht in Gewebe ein. Ich habe an
Stelle des teuren, leicht nachdunkelnden Nelkenöls das billigere, hell¬
bleibende Wintergrünöl benützt und damit ausgezeichnete Erfolge er¬
zielt. Ich stelle nicht erst eine 2 proz. Lösung von Zelloidin in Alkohoi-
Aether a~ä her, sondern löse 1 g Zelloidin in Alkohol 25, Aether 25,
Wintergrünöl 50; die Lösung geht rasch vonstatten. Die Gewebs-
stücke kommen aus absolutem Alkohol auf 12 Stunden in Alkohol-
Aether aä, dann 24 Stunden in die Zelloidinlösung; hierauf in Chloro¬
form, Chloroform-Paraffin und Paraffin. Das Verfahren dauert also,
der gewöhnlichen Paraffineinbettung gegenüber, nur um lYz Tage
länger. Die Präparate sind tadellos schneidbar und geben aus¬
gezeichnete Färbungen.
Peritonitis beim jungen Säugling, entstanden durch Fort¬
leitung des Eiters einer infektiösen Orchitis durch den
offenen Processus vaginalis.
Von Dr. Karl F. Beck, Kinderarzt in Bayreuth.
In seinem „Lehrbuch der Säuglingskrankheiten“ (2. Aufl., S. 37 3)
berichtet Finkeistein im Kapitel Sepsis von einem besonders
auffälligen Fall von Peritonitis, entstanden duich Fortleitung einer
doppelseitigen metastatischen Orchitis durch der. offenen Prozessus
vaginalis in die Bauchhöhle.
Ich bin in der Lage, von einem ähnlichen Fall berichten zu
können, der diagnostisch nicht einfach lag und in mancher Beziehung
lehrreich sein dürfte.
Der Knabe wurde am 18. 11. 23 geboren. Die Geburt verlief normal,
1. Schädellage (ll.-para), das Kind war ausgetragen und schrie lebhaft. Ge¬
burtsgewicht 3250 g. Nach der Geburt bemerkte die Hebamme eine leichte
Schwellung des Skrotums und eine Verengung der Vorhaut. Ein zugezogener
Arzt löste die epithelialen Verklebungen und behandelte die „Phimose“ durch
Dorsalinzision.
Das Kind ging in den ersten Tagen gut an die Brust und trank aus¬
reichende Mengen. Die Schwellung des Hodensackes ging zurück, so dass
die Hebamme die Mutter darauf aufmerksam machte, dass der Hodensack
jetzt faltig wurde, was sie als Wirkung des vorausgegangenen Eingriffes an¬
sah.
Am 5. Tag wurde ich konsultiert, da das Kind nicht mehr so gut trank
und leicht fieberte. Ich fand ein normal entwickeltes Kind, das in typischer
Haltung ruhig schlief. Temp. 38,4. An der Brust saugte es befriedigend. Die
Bestimmung der Trinkmengen mit der Wage ergab anfangs gerade aus¬
reichende Mengen. Der Hodensack war geschwollen, nicht besonders gerötet.
Der Tastbefund liess auf eine doppeltseitige Hydrocele testis schlicssen. rechts
Kleinpflaumengross, links kirschgross.
Da die Mutter äusserst nervös war, glaubte ich die Stillschwierigkeiten
hauptsächlich auf das Konto der Mutter setzen zu müssen, besonders da
morgens 80 — 90 g abgetrunken waren, während untertags nur Mengen von
20 — 40 g zu erreichen waren. Das Fieber hielt ich für Durstfieber, w'eil
nach Verabreichung von Tee die Temperatur regelmässig herunterging. Das
Kind wurde nun 6 mal an beide Brüste angelegt.
Während der nächsten Tage steigerte sich die Trinkunlust des Kindes,
die Brust liess noch mehr nach, so dass ich mich zur Zwiemilchernährung ent¬
schloss.
Der Zustand blieb ziemlich gleich, die Gewichtskurvc blieb auf der glei¬
chen Höhe, nur waren öfters Temperaturstegerungen bis 39 zu beobachten.
Das Kind trank immer schlechter, die Stühle wurden etwas grünlich, zerhackt,
doch wurden nicht mehr als 2 — 3 Stühle täglich entleert. Der Befund am
Nr. 28
Skrotum änderte sich wenig, auffallend war allerdings, dass die Schwellung
und Rötung etwas zunahm.
Am 15. lag (5. III.) wurde ich gerufen, weil das Kind schlecht tränke.
Temp. 39,2. Die angebotene Flasche Va-Schleimmilch (50 g) wurde sehr lang¬
sam ausgetrunken. Der Hodensack war gerötet und kleinapfelgross. Auffal¬
lend war, dass das Kind nur schrie, wenn es gewickelt wurde, sonst lag es
ruhig schlafend in seinem Wagen. Gewichtszunahme seit dem vorigen Tag
30 g! (wahrscheinlich beginnende Exsudation in der Bauchhöhle).
Am nächsten Tag (6. III.) war das Kind unruhig und wimmerte leise vor
sich hin. Doch trank es während des Vormittags noch etwa 100 g. Mittags
wurde ich geholt, da der Bauch auffallend stark und hart wurde.
Ich fand das Kind gegen gestern auffallend verändert, kläglich wimmernd.
Facies abdominalis! Der Bauch war stark meteoristisch aufgetrieben, brett¬
hart mit deutlicher Venenzeichnung. Beim Druck auf das gegen gestern nicht
vergrösserte Skrotum bemerkte ich, dass sich der Flüssigkeitsinhalt ver¬
drängen liess, dass aber nach Aufhören des Druckes das Skrotum sich wieder
prall füllte.
Nun war mir klar, dass eine Verbindung zwischen dem Inhalt des Hoden¬
sackes und der freien Bauchhöhle bestand und dass der entzündliche Inhalt
des Skrotums, sei es durch vermehrten inneren Druck, sei es durch / Be¬
wegungen des Kindes in die freie Bauchhöhle gepresst worden war und so
die Peritonitis verursacht hatte.
Die baldigst im Krankenhaus vorgenommene Operation bestätigte meine
Vermutung. Nach Eröffnung des Skrotums entleerte sich reichlich viel eiterige
Flüssigkeit. Eine eingeführte Sonde gelangte glatt in die Bauchhöhle. Nach
Einlegen eines ziemlich dicken Glasdrains entleerte sich aus der Bauchhöhle
eine grössere Menge gelben, leicht getrübten Exsudates. Leider konnte der
Eingriff das Leben nicht mehr retten, das Kind starb 4 Stunden später.
Wenn man sich über das Zustandekommen der Infektion Rechen¬
schaft geben will, so wird man wohl zu der Ansicht kommen, dass
der nicht unter aseptischen Vorsichtsmassregeln vorgenommene Ein¬
griff am Glied als Infektionsquelle anzusehen sein wird. Möglicher¬
weise ist das schon bei der Geburt leicht geschwollene Skrotum mit
seinem Inhalt als Locus minoris resistentiae anzusehen. Von einer
angeborenen Orchitis konnte ich in der mir zugänglichen pädiatrischen
und chirurgischen Literatur nichts finden.
Ich veröffentliche diesen kasuistisch interessanten Fall haupt¬
sächlich, weil nicht oft genug an die geringe Widerstandsfähigkeit des
Neugeborenen gegen Infekte erinnert werden kann, und um vor allem
vor nicht dringend angezeigten chirurgischen Eingriffen am Neuge¬
borenen zu warnen, ln unserem Fall bestand keinerlei Anlass, die
physiologischen Verklebungen zu lösen oder gar eine Dorsalinzision
vorzunehmen. Chirurgische Eingriffe am Neugeborenen müssen unter
strengsten aseptischen Kautelen vorgenommen werden.
Aus der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten des
Städt. Krankenhauses Mainz. (Leit. Arzt: Dr. H u g o M ü 1 1 e r.)
Veränderungen des Blutbildes bei Wismutbehandlung
der Syphilis.
Von Dr. Franz Betz.
Nachdem gelegentlich früherer Mitteilungen über aufgetretene
Eosinophilie bei Wismutbehandlung von Hugo Müller und weiteres
über das Blutbild aus der Finger sehen Klinik (R o s n e r) berichtet
wurde, erfolgten auf der Mainzer Abteilung nunmehr systema¬
tische Blutuntersuchungen bei primärer und sekundärer Syphilis.
Dass Veränderungen des Blutbildes gegenüber der Norm zu erwarten
waren, geht schon aus der von mehreren Beobachtern berichteten
ausgesprochenen Blässe des Gesichtes und der sichtbaren Schleim¬
häute bei einer Anzahl von wismutbehandelten Syphilitikern hervor.
Die Untersuchungen wurden an 25 Fällen vorgenommen, von
denen 5 primäre seropositive, 10 seropositive sekundäre manifeste
und 10 seropositive sekundäre latente Syphilis darstellten; sie er¬
streckten sich jeweils auf den Hämoglobingehalt, die Erythrozyten-
und Leukozytenzahl und ihre Morphologie. Letztere wurde ermittelt
durch Ausstrichpräparate, nach Pappenheim gefärbt (500 Ge¬
samtuntersuchungen). Der Blutstatus wurde erhoben un¬
mittelbar vor und 24 Stunden nach jeder Einspritzung, und zwar
vor einer grösseren Mahlzeit, um Veränderungen im Blutbilde durch
Verdauungsvorgänge ausschliessen zu können. Die Einspritzungen
erfolgten jeden 4. oder 5. Tag mit durchschnittlich 1,0 ccm Nadisan
(= Kalles Wismutkaliumtartrat in 10 proz. öliger Suspension).
Das Ergebnis unserer Untersuchungen ist folgendes:
I. Primäre seropositive Syphilis (5 Fälle).
Der Hämoglobingehalt, der bei 2 Fällen bereits vor der
Behandlung um ein Geringes reduziert war, sank stets nach den
ersten Einspritzungen, um langsam im Verlauf der Kur um 12—25 Pro¬
zent abzufallen. 4 mal mässiges Wiederansteigen des Hämoglobins
nach der 7. und 8. Einspritzung.
Erythrozytenzahl sank von normalen Ausgangswerten
bis zur 7. Einspritzung auf Werte von 3,6 — 3,1 Millionen pro Kubik¬
millimeter, um dann regelmässig langsam anzusteigen. Die Erythro¬
zyten zeigten nie pathologische Grösse oder Form oder Färbbarkeit;
auch keine Vorstufen derselben wurden gefunden.
Der Färbeindex, zu Beginn der Kur nahezu gleich 1, wurde
gegen Ende derselben bedeutend kleiner als 1 durch das stärkere An¬
steigen der Erythrozyten.
4
914
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
Es bestand demnach eine massige bis mittelstarke Störung der
Erythropoese, die gegen Ende der Wismutkur durch Regenera¬
tion der Erythrozyten und des Hämoglobins wieder kleiner wird.
Weisse Blutkörperchen: Ihre Zahl stieg in allen Fallen
im Beginne der Behandlung um einige I ausende, erreichte meist den
Wert 15 000 pro Kubikmillimeter, um gegen Ende der Kur wicde
massig zu sinken; mehrfach wurde beobachtet, dass die Leukozyten¬
werte vor der Einspritzung etwas niedriger waren als nach der v -
hergehenden. Im einzelnen ist hierzu zu bemerken, dass die n u-
troohilen Leukozyte n nach den ersten Einspritzungen immer
um 8 -12 Proz. gegenüber der Norm vermehrt sind; Vorstufen der
Leukozyten oder Frühleukozyten wurden in diesen Eallen nicht gc
funden. Langsam und kontinuierlich fallen gegen E de
Neutrophilen auf 50-55 Proz aller weissen autkorperchen ^
Entgegengesetzt ist das Verhalten der L>niphoz> * ’ . ,
anfangs normale, manchmal unternormale Werte zeigen, ge«m Ab¬
schluss der Bi-Behandlung 35-40 Proz. aller weissen Blutkörperchen
ansmacfien^ s } n Q p ^ j i e n Leukozyten waren in allen 5 Fällen
erhöht, nach der 3. bis 4. Injektion wurden durchschnittlich 8 bis
12 Proz beobachtet. Da auch bei den anderen 20 weiter unten an¬
geführten Syphilisfällen ausgesprochene Eosinophilie wahrend
der Wismuttherapie beobachtet wurde, suchten wir nach Losmop
bedingenden Faktoren, wie Helmmthiasis, ast hm aahn-
liehen Zuständen, Neurosen, Darmaf t e k tion e n etc.,
jedoch ohne positives Resultat, so dass die Ansicht berechtigt iS.
dass die Eosinophilie in Zusammenhang zu bringen ist mit der Wis
inutapplikation (vergl. andere Autoren). ,
Die Monozyten. Uebergangsformen und baso¬
philen Leukozyten sind in normaler Zahl gefunden worden.
II Sekundäre seropositive manifeste Syphilis
(10 Fäll e).
Die Störung in der Erythropoese ist im wesentlichen, wie
unter I beschrieben wurde. In 4 Fällen mit universellem Exantiem
bestand vor der Therapie bereits geringe Verminderung des Hamo-
globingehaltes und der Erythrozytenzahl.
1 )ie Zahl der weissen Blutkörperchen wurde wähl end
der ersten 3 Einspritzungen stärker erhöht gefunden, 2 mal über
20 000 pro Kubikmillimeter; auch hier staffeiweises Ansteigen nach
den Injektionen, Konstantblciben der Werte gegen Ende der Kur.
Die neutrophilen Leukozyten sind zu Anfang um
durchschnittlich 15—20 Proz, gegenüber der Norm vermehrt (bei
LUC 3 mal''wurden nTut'r ophile Metamyelozyten ^Arneth_
sehe Formen) angetroifen, doch nur nach den ersten 4 Einspritzungen,
und zwar bei Kranken mit universellem Exanthem. Die Neutrophilen
fallen dann im weiteren Verlauf auf 50—43 Proz. (also gleicher Be-
Un<*Die Eosinophilen sind auch hier in 8 Fällen vermehrt; die
höchsten Werte fand man nach den Anfangseinspritzungen, durch¬
schnittlich 9—14 Proz. Während der Herxheimerreaktion
stiegen sic in 2 Fällen auf 18—26 Proz. ..
Die Kurve der Lymphozytenwerte verlauft auch in diesen
Fällen nahezu entgegengesetzt derjenigen der mye'0l?cph^
Reihe- zu Anfang der Bi-Anwendung fast überall nur 12— -0 Proz.
aller weissen Blutkörperchen ausmachend, steigen die Lymphozyten
gegen Ende der Kur an Zahl oft über die Zahl der mye'oischen Zellen
so, dass eine Lymphozytose mittleren Grades als Schlussenekt
daraus resultiert. u-k».
Wie in der 1. Serie (primäre Syphilis) zeigen die Ueber¬
gangsformen und basophilen Leukozyten hier eben¬
falls kein abweichendes Verhalten gegenüber der Norm, wahrend die
Mononukleären gegen Ende der Behandlung leicht vermehrt (4 bis
6 Proz.) gefunden werden.
* 111 Sekundäre, seropositive latente Syphilis
(10 Fäll e).
Der Hämoglobingehalt und die Erythrozytenzahl
waren schon vor der Kur 5 mal deutlich herabgesetzt, so dass der
Färbeindex kleiner als 1 war. Im Anfang der Bi-Behandlung sinken
auch hier in allen Fällen das Hämoglobin und die Erythro¬
zyt e n werte, um jedoch gegen Ende der Kur, i. e. nach der 8. und
9 Injektion, besonders was die Erythrozytenzahl anbetrifft, eine
mässige Zunahme aufzuweisen. In einem Fall sank das Hämoglobin
unter 40 Proz der Norm für kurze Zeit, währenddessen auch
Anisozytose beobachtet wurde. Gleichzeitig bestand eine klein-
fleckige Wismutpurpura an den unteren Extremitäten.
Die fast in allen Fällen beobachtete deutliche Regenerationsten¬
denz der Erythropoese gegen Ende der Kur ist recht bemerkens-
WCr Die Zahl der weissen Blutkörperchen stieg bei den
latenten Syphilisfällen nicht so hoch während der Kur. Höchstwerte
waren 12 — 14 000 pro Kubikmeter. . .
Die neutrophilen Leukozyten machten zu Beginn der
Kur SO— 65 Proz. gegen Ende 45 — 55 Proz. aller weissen Blutkörper¬
chen aus. Vorstufen der Neutrophilen wurden keine gefunden.
Eosinophilie war auch in diesen Fällen 9 mal vorhanden;
sie war am ausgeprägtesten nach der 4. und 5. Einspritzung, durch¬
schnittlich 8—10 Proz.: einmal 29 Proz. eosinophile Leukozyten!
Lymphozytose mässigen Grades bestand bereits 6 mal vor
der Behandlung. Im Gegensatz zu den sub I und 11 beschriebenen
Fällen stiegen die Lymphozyten bei den latenten Syphilitikern bereits
nach der 2. und 3. Einspritzung durchschnittlich auf 35—40 Proz. an,
um fast kontinuierlich auf dieser Höhe zu bleiben, ln 4 Latenzfällen
wurden im Verlauf der Bi-Behandlung reichlich viel grosse Lympho¬
zyten gefunden mit oft beträchtlicher Polymorphie des Kernes.
Endlich war in diesen Fällen eine Vermehrung der Mono-
z y t e n (6 — 7 Proz.) gegen Ende der Kur festzustellen.
Aus diesen Untersuchungen geht demnach kurz folgendes hervor;
Der Blut Status, erhoben an 25 Patienten vor und nach
jeder Wismuteinspritzung in den verschiedenen Stadien von primärer
und sekundärer Syphilis ergibt eine meist mässige Störung der
Erythropoese — Herabsetzung der Erythrozytenzahl und des
Hämoglobingehaltes so, dass der Färbeindex stets kleiner als 1 ist,
dies besonders gegen Ende der Kur durch Ansteigen der Erythro¬
zytenwerte. Die Leukopoese ist insofern alteriert und gegen¬
über der Norm verändert, dass die Zahl der weissen Blutkörperchen
sich besonders im Anfang der Wismuttherapie meist gradatim nach '
jeder Injektion steigert; das Steigen der Leukozytenzahl ist im Be¬
ginne der Kur bedingt durch Vermehrung der Neutrophilen und
eosinophilen Leukozyten, gegen Ende der Behandlung jedoch der
Lymphozyten.
Poikilozytose und schlechte Färbbarkeit der Erythrozyten,
die an der F i n g e r sehen Klinik gelegentlich der Blutuntersuchungen
von wismutbehandelten Syphilitikern beobachtet wurden, fanden wir
nicht, während auch wir oben von einer z. I. starken Abnahme des
Hämoglobins, der Erythrozytenzahl, Anisozytose. Leuko¬
zytose und Eosinophilie berichten konnten.
Vergleicht man die in der Literatur bisher mitgeteilten Beobach¬
tungen über die Veränderungen des Blutbildes während der Sal-
v arsan- und Qu e c k s i 1 b e r behandlung bei Syphilitikern mit den
oben angeführten während der Wismut behandlung. so ergeben
sich mannigfache Unterschiede, auf die kurz hingewiesen sei. Nach
den übereinstimmenden Untersuchungsresultaten der Autoren sinkt
nach intravenöser S a 1 v a r s a n applikation in den meisten Fällen
das Hämoglobin und die Erythrozytenzahl nach der 1. und 2. Ein¬
spritzung um ein Geringes; darauf setzt eine intensive Neubildung der
Erythrozyten, weniger des Hämoglobins ein. Die weissen Blut¬
körperchen sind nach den ersten Einspritzungen erhöht, fallen aber
im weiteren Verlauf auf hohe Normalwerte. Die vorübergehende An¬
fangsleukozytose ist\bedingt durch Vermehrung der Neutrophilen;
gegen Ende der Kur nehmen die Eosinophilen und basophilen Leuko¬
zyten, die nicht über die Norm erhöht gefunden werden, an Zahl ab.
Wesentliche Abweichungen der Lymphozytenwerte gegenüber den
gewöhnlichen Mengenverhältnissen werden nicht angegeben.
Im Gegensätze zur Salvarsanwirkung nimmt unter jeder Behand¬
lungsart von Quecksilber, wie die diesbezüglichen Unter¬
suchungen mehrerer Autoren zeigen, der Hämoglobingehalt des Blu¬
tes stärker zu als die Erythrozytenzahl; letztere wurde nach Ab¬
schluss der Hg-Behandlung gegenüber dem Status vor der Kur immer
vermehrt gefunden. Auch hier wurde in den meisten Fallen zuerst
Abnahme des Hämoglobins und der Erythrozytenzahl nach den An¬
fangsdosen beobachtet. Ueber Veränderungen des weissen Blut¬
bildes werden von den Autoren Unterschiede angegeben zwischen
lnunktions- und Injektions therapie. Während die weissen
Blutkörperchen im Anfang der Inunktionsmethode leicht erhöht ge¬
funden werden, fallen sie im weiteren Verlauf meist langsam und kon¬
tinuierlich, um gegen Ende der Kur in einzelnen Fällen Neigung zu
hohen Normalwerten aufzuweisen. Bei der Injektionstherapie da¬
gegen steigt die Zahl der Leukozyten sofort nach der 1. Einspritzung
über die Norm an. fällt dann etwas zur nächsten, um dann wieder
grösser zu werden, so dass unregelmässige Schwankungen in der
Kurve entstehen, ähnlich wie wir sie bei unserer Wismutbehandlung
sahen; gegen Ende der Kur ist hier die Leukozytenzahl meist den
oberen Gienzwerten der Norm entsprechend. Die Neutrophilen nei¬
gen während der Hg-Behandlung zu geringer Abnahme, abgesehen
von den Fällen, bei denen nach Injektion vorübergehend Leukozytose
eintrat (Abszessbildung, Phagozytose). Die grossen Mononuklearen
und Uebergangsformen werden von einzelnen Beobachtern vermehrt
gefunden, während über die Werte" der eosinophilen Zellen und
Lymphozyten stark differente Angaben gemacht werden. Weitaus
am häufigsten werden niedrige Lymphozytenwerte angegeben mit
Neigung zu Lymphopenie nach Beginn der Quecksilberbehandlung.
Die Literatur der. letzten Zeit ist uns leider infolge der ungünsti¬
gen Postverhältnisse im besetzten Gebiet nicht zugänglich gewesen.
Indem wir nun zum Schlüsse nochmals auf die oben ausgeführte
Zusammenfassung über die Blutbildveränderungen während der Wis¬
mutbehandlung bei Syphilitikern zurückkommen, so könnte die An¬
nahme gemacht werden, dass die Veränderung des weissen Blutbildes
durch 2 Faktoren bedingt ist, von denen der eine den rein toxischen
darstellt (Leukozytose), während in dem anderen (Lymphozytose)
die allergische Heilwirkung zu erkennen ist.
1.1. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
915
Für die Praxis.
Die Untersuchung Magen- und Darmkranker.
Von Hofrat Dr. Crämer.
I in Laufe der Jahre hat die Untersuchung Magen- und Darm-
kranker, d. h. derjenigen, die zum Arzt kommen, weil sie glauben,
inageii- oder darmleidend zu sein, mancherlei Wandlung und Verände¬
rung erfahren, manche Methoden sind verschwunden (üastrodiaphonie
z. ID, neue sind hinzugekommen; im Grunde ist der Gang der Unter¬
suchung der gleiche geblieben, aber vertieft und verbessert worden.
Zwei der neuen Untersuchungsmethoden kann man als wirklich
grossen, ja man kann sagen umwälzenden Fortschritt bezeichnen:
Jie Röntgenuntersuchung und die Gastroskopie.
Da ich nur für die Praxis eine Zusammenstellung geben will,
'Ollen auch nur die fiir die allgemeine Praxis wichtigen und möglichen
Wege besprochen werden. Di« ungeheure Teuerung aller Instrumente
und Chemikalien zwingt uns leider auch bezüglich unserer Unter¬
suchungsmethoden zu oft recht unliebsamen Einschränkungen, des¬
wegen müssen wir uns mit möglichst einfachen Mitteln durchzuhelfen
suchen.
Jeder Untersuchung muss eine genaue Anamnese vorausgehen,
Jeren Besprechung eine gesonderte Abhandlung verlangt. Eines möchte
ich nur hervorheben, weil es bei Magen- und Darmkranken unter Um¬
ständen von ausschlaggebender Bedeutung sein kann: man muss sich
Jie Lebensweise der Kranken genau schildern lassen und namentlich
Jen Gebrauch bzw. Missbrauch der Genussmittel genau notieren.
Da man nicht wissen kann, ob man einen wirklich Magen- und
»armkranken vor sich hat, da weiterhin solche Erkrankungen nicht
selten sekundärer Natur sind — die Folge einer Erkrankung anderer
Organe — , so ist es unbedingt notwendig, dass man bei derartigen
Kranken, soweit man sie nicht ärztlich von früher her kennt, eine
genaueste allgemeine Untersuchung vornimmt und dann erst die
Bauchorgane untersucht. Ich betrachte zuerst das Aussehen der
Kranken, achte auf stärkere Pigmentierung der Kopfhaare bei älteren
-Guten, schätze den Ernährungszustand und den Körperbau, beobachte
Jie Farbe der Sklera, die Reaktion der Pupillen, sehe mir die Zunge,
Jas Zahnfleisch und die Zähne an. Gerade die genaue Besichtigung
Jer letzteren ist von grosser Bedeutung, weil ihr Zustand namentlich
)ei Schnellessern oft eine gute Erklärung für die Entstehung der Ver-
Jauungsbeschwerden abgibt. Rachen und Mandeln dürfen nicht über¬
sehen werden; besonders muss man sich von der Blutfüllung der
achtbaren Schleimhäute überzeugen.
Bei der Besichtigung des Halses kommt es vor allem darauf an,
schilddrüsenvergrösserungen festzustellen, dabei auch gleich zu
teilen, ob Iremor der Hände vorhanden ist und Protrusio bulbarum
>der Glanzauge.
Die Untersuchung der Lungen geschieht in der gewöhnlichen
Aeise; wichtig ist der Zwerchfellstand (Status gastro-cardiacus) und
ler Nachweis der Verschiebung der unteren Lungengrenzen auf beiden
Seiten. Eine basilläre Pleuritis kann zuweilen zu heftigen Magon-
schmerzen Veranlassung geben. Legt man die beiden Hände auf die
jegend der Unterlappen auf und lässt tief atmen, so kann man schon
deine Unterschiede in der Zwerchfellbewegung mit Sicherheit nach-
.veisen.
Da es gar nicht selten vorkommt, dass Insuffizienz des Herzens
m Magenstörungen führt, ist auch die Untersuchung des Herzens
sorgfältig vorzunehmen. So manche Verordnung von Salzsäure und
ähnlichen Mitteln, die in solchen Fällen natürlich keinen Nutzen
»ringen können, muss einer Digitalistherapie weichen, die dann den
nagen rasch in Ordnung bringt.
Den wichtigsten Teil der Untersuchung bildet die des Leibes.
)a bei muss der Kranke bequem auf einem Untersuchungsbett liegen;
he Eüsse dürfen nicht herunterhängen, die Beine werden am besten
testreckt. Der Untersuchende setzt sich auf die rechte Bettkante, in
»er kalten Jahreszeit sorge er dafür, dass er warme Hände habe.
Man beginnt mit der Besichtigung des Leibes, überzeugt sich,
»b der Leib aufgetrieben ist, im ganzen oder nur stellenweise, ob
iur rechts oder links, oder nur der untere Teil oder der obere. Man
tiisst den Umfang des Leibes bei Auftreibungen, und zwar nicht
»loss, um den Grad der Auftreibung festzustellen — der Umfang des
-eibes soll nicht grösser sein wie der der Brust — , sondern auch,
im im Laufe der Behandlung durch wiederholte Messungen die
■rz leite Besserung zahlenmässig nachweisen zu können. Ein be-
luemer Griff ist der von Fr. X. Mayer angegebene: Ein normaler
-eib muss mit der rechten ausgespreitzten Hand gut umgriffen
A-erden können, so zwar, dass der Daumen an die rechte Darm-
»einschaufef, der kleine Finger an die linke zu liegen kommt, während
ne übrigen Finger den linken Rippenbogen berühren.
Dann beobachtet man, ob Steifungen bzw. peristaltische Wellen
»achweisbar sind. Besteht auf Grund der Anamnese ein Verdicht
mt eine Stenose, so tut man gut daran, das Hemd erst hochheben
•u lassen, wenn man schon beim Kranken sitzt. Die kühle Luft, die
\r die Bauchdecken einwirkt, löst oft peristaltische Wellen aus,
Jie sonst nicht sichtbar sind. Zu berücksichtigen ist aber dabei, dass
lamenthch bei mageren Frauen, die schon öfter geboren haben, die
»auchdecken ausserordentlich dünn sind, so dass die normalen Be¬
legungen des Dünndarmes durchscheinen.
Weiterhin überzeuge man sich, ob Hernien vorhanden sind, ob
sie (Nabelhernie, Hernie der Linea alba) durch ein Bruchband zurück-
gehalten werden oder nicht, ob sie gut zurückgeschoben werden
können. Bei der Untersuchung im Stehen beobachte man auch, ob
ein Hängebauch da ist, wenn ja, so unterstütze man ihn mit ' der
rechten Hand und lasse dabei den Kranken tief atmen. Häufig hört
man dann von Kranken — gewöhnlich handelt es sich um Frauen
dass sie beim Hochheben des Leibes viel leichter atmen und sich viel
freier fühlen, als wenn der Leib hängt. Bei den Verordnungen wird
man diesen Befund mit Vorteil verwenden und das Tragen einer
entsprechenden Leibbinde empfehlen, die oft allein schon ein gut Teil
der geklagten Beschwerden beseitigt.
A-'IV u
. ,, a i v uni ui Kauz. ucMi.mmen
Fallen wertvolle Anhaltspunkte. Lebhaftes Gurren im Leib deutet
meist auf eine grosse Unruhe im Darm, auf Reizzustände, Katarrh,
Gahrungen hin ; doch lassen sich aus diesen Geräuschen bestimmte
bchlusse nicht ziehen. Anders ist es bei Steifungen des Darmes,
die gewöhnlich, wenn sie sich lösen, von lebhaften Geräuschen,
Glucksen, wie wenn man eine Flasche Wasser ausschüttet, begleitet
SKd‘v.^üSS,erde7,T1 kommt noch bci stärkeren Stenosen, bei denen sich
oberhalb der Verengerung eine beträchtliche Erweiterung des Ver¬
dauungskanals mit Hypertrophie der Muskulatur entwickelt hat, ein
von mir „Schüttgeräusch genanntes Symptom vor, ganz ähnlich dem
wenn man einen Krug Wasser auf den Boden hinschüttet. Dieses Ge¬
räusch scheint sich nur bei gutartigen Stenosen zu entwickeln Ein
von mir beobachteter Fall mit mehrfacher Stenose und diesem
Geräusch wurde in einer Dissertation beschrieben. Diese Geräusche
hört man im ganzen Zimmer, so laut können sie auftreten.
Auf das Gurren im Darm komme ich nach der Besprechung der
Palpation zurück; es tritt ja meist nicht freierdings auf. sondern nur
bei der Untersuchung.
... Pje ü e r k u 5 s i o n des Leibes wird anscheinend zu wenig ge¬
übt, ihre Ergebnisse sind viel wertvoller, als man glauben möchte.
Bei ganz normalen Verhältnissen schallt die rechte Seite etwas heller
wie die linke, ausserdem ist der Schallunterschied auch der Höhe
nach anders; er beträgt zwischen rechts lincFlinks gewöhnlich eine
1 erz, wie ich dies bei häufigen Untersuchungen bei musikalischen
Menschen einwandfrei nachweisen konnte.
Bei Funktionsstörungen des Darmes ändert sich das gewöhnlich-
der Höhenunterschied im Schall zwischen rechts und links wird
grösser, eine Quint, ja bis eine Oktav, und wenn dann noch ein starker
Wechsel im Schall bei der Perkussion von rechts nach links, etwa
dem Verlauf des Kolons entsprechend, dazukommt, dann kann man
sicher sein, dass die Darmverdauung eine wesentliche Störung er¬
fahren hat. Häufig, besonders bei der Dyspepsia intestinalis flatulenta,
begegnet man auf der linken Seite, von der linken Flexur angefangen,
,,e..m % romanum entsprechend, eine von oben nach unten zunehmende
Dampfung, so zwar, das über den untersten Partien der Schall völlig
leer erscheint. Diese Dämpfung verschiebt sich nicht bei Lage-
Wechsel, hellt sich aber nach I remolomassage z. B. in wenigen Mi-
nuten völlig auf. Damit scheint auch bewiesen, dass sie nicht durch
Kotmassen bedingt sein kann. Üb eine mangelhafte Spannung der
Darmwände daran schuld ist, wage ich nicht zu hehaupten. Merk¬
würdig ist, dass die betreffenden Kranken sich nach Anwendung der
1 remolomassage wesentlich freier im Leib fühlen und dass die elek-
trische Prüfung der Bauchdecken mit dem faradischen Strom eine
auffallende 1 rägheit der linksseitigen Bauchdeckenmuskulatur er¬
kennen lasst; die Kontraktionen erfolgen weit langsamer und weniger
stark wie auf der rechten Seite, mit der zunehmenden Besserung aber
wird die Reaktion auf den elektrischen Strom lebhafter und stärker
und gleicht sich allmählich ganz aus. Fühlbar kotgefüllte Darm+eile
sind meist nicht gedämpft.
P a 1 P a * i o n des Leibes ist von ganz ausserordentlicher
Wichtigkeit und kann nicht sorgfältig genug vorgenommen werden.
V ier Stellen sind es hauptsächlich, die besonders eingehend unter-
sucht werden müssen: das Epigastrium, die Leber bzw.' Gallenblasen¬
gegend, die R. ileocoecalis und das S romanum. Im normalen Zu¬
stand ist der Leib weich und lässt sich leicht durchtasten und die
1 iefenpalpation nach allen Richtungen bequem durchführen. Jede
Spannung, wenn sie nicht wegen eines Kitzelgefühls absichtlich ge¬
macht wird, muss als abnorm bezeichnet werden. Man beginnt nicht
mit der Untersuchung der vom Kranken angegebenen Schmerzstelle,
also bei Magenschmerzen z. B. nicht mit der Untersuchung der
Magengrube; es ist vorteilhafter, sich sozusagen etwas einzuschlei-
chen und so den Kranken abzulenken. Gewöhnlich fange ich mit dem
Abtasten der S. romanum - Gegend an, das sehr häufig mehr weniger
kontrahiert gefühlt werden kann und dessen Verlauf sich dann gut
verfolgen lässt. Gleich hier möchte ich bemerken, dass stärker ge¬
füllte Darmschlingen häufig empfindlich sind. Enthält das S. romanum
harte Kotteile, so ist eine Verwechslung mit Tumoren dann besonders
leicht möglich, wenn eine stärkere Empfindlichkeit besteht. Oeftere
Untersuchungen, namentlich nach gründlicher Entleerung, können
Klarheit schaffen. Zuweilen ist die Empfindlichkeit nur beim Rollen
des Darmrohres nachweisbar, zuweilen treten auch nur Rcflex-
schmerzen nach rechts oben auf, während die Gegend selbst ganz
schmerzlos bleibt. Gurren beim Untersuchen der Flexura sigmoidea
ist stets als abnorm zu bezeichnen.
Von ganz besonderer Bedeutung ist die Untersuchung der Regia
ileocoecalis. Häufig findet man bei Darmstörurigen den Blinddarm
etwas aufgetrieben, als rundliche Wurst in ganzer Ausdehnung ab-
916
Münchener medizinische Wochenschrift.
Nr. 28.
tastbar meist leicht vei schiebbar. Starkes Quatschen und Gurren
st wohl immer abnorm. Das Ranze Zökum kann empfindlich sein
namentlich beim Rollen: öfter auch nur die Gegend den MB Pungtes;
nicht selten findet man nur einen mehr weniger heftigen Refl-X
schmerz, in die Magengegend ausstrahlend, wahrend R. 1. c. selost
ganz unempfindlich ist: manche Kranke behaupten dann: das wart
ihr Magenschmerz. Bei entzündlichen Prozessen in der R. t.c haUe
man sich an die trefflichen Ausfuhrungen Kr ecke s. Von lumoren
in der Blinddarmgegend kommen ausser chronischen e itzundlu. en
Prozessen hauptsächlich Tuberkulose, bösartige Geschwülste und
“SSSl sch, schlaff - bei fraucn „ach hähifgcn
fäpz ÜÄ £ SSÄJ fi «
halbwegs noch kräftige Muskulatur stösst die Hand zurück, oder man
lässt die Kranke aufsitzen, während man untersucht; bet norm den
Verhältnissen wird auch da die Hand zurückgestossen.
Will man feststellen, ob ein Schmerzpunkt, den man nachgewiesen
hat, den äusseren Bedeckungen oder der Muskulatur angehort, so
lässt man den Leib stark heraustreiben, so dass eine I lefenpalpation
nicht mehr möglich ist. Schmerzen, die dann, bei der Betastung mit
den Fingerspitzen deutlich hervortreten, bei der Erschlaffung des
Leibes aber nicht mehr, gehören höchstwahrscheinlich den Baudi-
dCCkNRhtn‘übersehen darf man, die Blasengegend abzutasten. Findet
sich eine rundliche prallelastische Geschwulst, die auch nach dem
Urinlassen noch fortbesteht, so denke man an Residualharn. Die
Harnstauung in der infolge Prostatavergrösserung erweiterten Ha -
blase führt zu lebhaften und eigenartigen Magenbeschwerden, nament¬
lich zu starkem Durstgefühl. Geeignete facharztlicht Behandlung
kann bei nicht zu langem Bestehen des Leidens oft rasch eine Bvsse-
rU"kfiat man bei Frauen begründeten Verdacht auf ein Unterleibs¬
leiden, d.h. dass die Verdauungsstörung mit einem solchen Leiden in
Zusammenhang steht, so soll man, soweit möglich, einen Facnuzt
beiziehen, wenn man nicht selbst in solchen Untersuchungen „e-
nÜS<D?e Abtastung des Kolons ist ziemlich oft möglich; zuweilen
treten nur einzelne Abschnitte deutlicher hervor, am häufigsten Pas
S. romanum.
Als besonders wichtig ist die Untersuchung der Lebei und der
Gallenblasengegend anzusehen. Bei der grossen Häufigkeit der
chronischen Cholezystitis muss diese Gegend, die ja dem Wttter-
winkel des Leibes zugehört, mit besonderer Sorgfalt abgetastet wer¬
den. Die Grösse der Leber ist meist unschwer festzustellen; bei
Verdauungsstörungen muss man sich stets gegenwärtig halten, dass
die Leberdämpfung oft nur sehr klein oder gar nicht vorhanden ist,
infolge stärkerer Auftreibung des Kolons und des Jejunums Mai
untersucht die Leber am besten bimanuell; mit der linken Hand hebt
man sozusagen die Leber von hinten her, mit der rechten Hand sucht
man den Rand der Leber abzutasten. Man darf sich aber nicht dar¬
auf beschränken, nur den rechten Lappen zu untersuchen; gerade
die Gallenblasengegend und der linke Lappen bedürfen unserer be¬
sonderen Aufmerksamkeit. Während einfacher Druck auf die Leber
oft gar nicht empfindlich ist, kann man beim Gleiten las s e n uer
Finger über den Leberrand in der Gallenblasengegend und nn Verlaut
des linken Lappens oft eine recht beträchtliche Schmerzhaftigkeit
feststellen, die sich nicht selten auf einen ganz kleinen Bezirk
(Gallenblase) beschränkt. Dabei ist noch eine besondere Beobachtung
hervorzuheben. Der Schmerz, der beim Gleitenlassen der Gailen-
blasengegnd entsteht, hat die sehr bemerkenswerte Eigentümlichkeit,
nachzuwimmern, oft stundenlang. Aus dem Nachlassen dieses Nach-
wimmerns des Untersuchungsschmerzes kann man die eingetretene
Besserung fast zahlenmässig feststellen. Druckschmerzen an anderen
Stellen im Leib pflegen nach m.E. nicht nachzuwimmern; insofern ge¬
stattet der Nachweis dieser Erscheinung zugleich auch eine 1 rennung
von anderen Erkrankungen und Schmerzarten. Ist der Leberrana
und die Gallenblasengegend beim Gleitenlassen empfindlich dann
pflegt auch die direkte Perkussion an diesen Stellen einen lebhaften
Schmerz auszulösen, der an anderen Stellen im Leib oder in der
Magengegend im allgemeinen nicht so stark zu sein pflegt. Zuweilen
lässt sich die Gallenblase als bimförmiger Körper deutlich abtasten;
ja, manchmal gelingt es auch, Steine in der Gallenblase nachzuweisen,
die eine Art Knirschen beim Abtasten erkennen lassen, ähnlich wie
wenn man auf einem mit Schrot gefüllten Beutel die Finger hin und
her bewegt. Untersuchung im Stehen lässt die gefundenen Verände¬
rungen oft noch deutlicher hervortreten.
Die Vergrösserung der Milz ist bei Erkrankungen des Magens
und Darmes zumeist ohne besondere Bedeutung, kann aber zuweilen
doch für die Diagnose wertvoll sein (Leukämie z. B.).
Bei allen Erkrankungen des Magens muss die Magengrube
im Liegen und Stehen auf das sorgfältigste untersucht werden. Die
sichtbaren Veränderungen und Erscheinungen habe ich schon er¬
wähnt. Bei der Palpation stellen wir fest, ob schmerzhafte Punkte
und greifbare Veränderungen vorhanden sind. Weitaus am häufigsten
findet man die Mitte oder die Pförtnergegend druckempfindlich, ganz
gewöhnlich den obersten Winkel, ohne dass man aber daraus be¬
sondere Schlüsse ziehen könnte. Auch der Processus xiphoideus und
die Rippenbogen werden nicht selten druckempfindlich befunden.
dabei ist oberflächlicher Druck oft unangenehmer wie starker. Nach
meiner Erfahrung und bei dem Krankenmaterial, das ich zu unter¬
suchen Gelegenheit habe, ist die Druckempfindlichkeit in der Magen¬
grube selten so genau lokalisiert, dass man von einem eigentlichen
Schmerzpunkt sprechen könnte. Am häufigsten tritit das noch fur
die Mittellinie, ewa in der Mitte zwischen Nabel und I rocessus
xiphoideus, zu. Als Kontrolle gewissermassen kann die d rekte Per¬
kussion dienen, die dann gewöhnlich die schmerzhafte Stellv wesent¬
lich deutlicher hervortreten lässt wie die Palpation, und besonders
die Untersuchung im Stehen bei etwas vorgebeugtem Körper des
Kranken. Namentlich die Druckempfindlichkeit in der Gegend der
kleinen Kurvatur pflegt dann weit starker zu sein wie 'm Liegen
Zuweilen ist die ganze Magengegend hart anzufuhlen, ^e RecL smd
gespannt, so dass eine Tiefenpalpation nicht möglich ist, häufiger ist
nur der rechte Rektus gespannt, ohne das das aber ein sicheres
Zeichen dafür wäre, dass eine greifbare Veränderung in der I fortnt -
bzw. Gallenblasengegend vorhanden sein muss. Meist ist dann die
genannte Gegend druckempfindlich oder man fühlt wirklich unter dem
Rektus eine vermehrte Resistenz; die Muskelspannung ist dann eine
echte Schutzmassnahme. Nicht selten kann man den Pylorus, wenn:
er fest kontrahiert ist, gut abtasten, die runde, etwa daumendicke
Geschwulst verschwindet und kommt wieder unter den 1 mgern, ein
sicheres Zeichen, dass man diesen Magenteil fühlt. Der Nachweis
von Quatschen im Magen und von Sukkussion kann wertvoll senn
darf aber nicht überschätzt werden; bewiesen ist damit für c:ne
Magenerweiterung noch nichts.
Die untere Magengrenze soll man nicht bloss im Liegen zu be¬
stimmen suchen, sondern vor allem im Stehen. Sie wird me!st etwas
oberhalb des Nabels gefunden unter normalen Verhältnissen, ist aas
Organ erweitert, dann kann sie bis an die Symphyse reichen. Bei
starker Erweiterung des Magens und beträchtlicher Stauung des
Mageninhaltes kann man in linker Seitenlage eine Damptung nac i-
weisen, die bei Lageveränderung sich aufhellt.
Geschwülste, die dem Corpus ventriculi angeboren, sind palpa-
torisch nur selten nachweisbar, während greifbare Veränderungen n
der Pylorusgegend und der kleinen Kurvatur meist lemht gefühlt
werden können, wobei neben der Schmerzhaftigkeit, Oberfläche,
Ausdehnung auch die Beweglichkeit, namentlich bei der Atmung,
festgestellt werden muss. Zuweilen treten diese Veränderungen im
Stehen deutlicher hervor. Tumoren des Corpus ventriculi werden
manchmal in rechter Seitenlage des Kranken noch zugänglich. Gedtm
der Hautdecken in der Magengegend wird zuweilen bei Carzmoma
ventriculi beobachtet. ... ,
Bei der Untersuchung des Magens im Stehen überzeugt man
sich, ob er luftkissenartig aufgetrieben ist (bei Raschessern ganz ge¬
wöhnlich, auch bei Reitern häufig); die im Liegen estgestelteDruck
empfindlichkeit tritt oft weit deutlicher hervor und wird allermeist in
der Gegend der kleinen Kurvatur und in der Mittellinie gefunden.
Der Nachweis von Rückenschmerzpunkten vervollständigt die Unter-
suehmis von Max Einhorn eingeführte Untersuchung mittels Duo¬
denalsonde, die, gänzlich gefahrlos, namentlich für die Diagnose der
Erkrankungen des Duodenums und der Gallenwege von grosser Be¬
deutung zu sein scheint, dürfte sich wold fur die Sprechstunde im
allgemeinen nicht eignen, in Kliniken und Sanatorien aber mit gröss¬
tem Vorteil verwendet werden.
Handelt es sich um längerdauernde Diarrhöen mit Abgang von
Blut und Schleim, Spritzern, vermehrtem Zwang, so darf nie mal'
vergessen werden, das Rektum mit dem Finger genau zu unter¬
suchen. Leider geschieht diese Untersuchung viel zu selten, und du
Beruhigung, es seien halt Hämorrhoiden, hat schon manchem Kran¬
ken das Leben gekostet. Eine Spiegeluntersuchung, die in der bprech
stunde leicht ausgeführt werden kann, wird die Diagnose siclit-rn
I iegt eine Proktitis mit Geschwürbildung vor, dann sei man mit de
Spiegeluntersuchung sehr vorsichtig, untersuche niemals un Dunkeln
sondern stets bei genügender Beleuchtung, und vermeide ausgiebigen
Bewegungen nach der Seite mit dem Spiegel und vor a lern jede ue
waltanwendung. Um ein möglichst klares Bild zu bekommen, sol
jeder Rektoskopie eine Darmspülung vorausgeschickt werden, abe
stets mehrere Stunden vor der beabsichtigten Untersuchung, v\e:
sonst immer Flüssigkeitsreste, die zurückgeblieben sind, über da
Gesichtsfeld laufen und höchst störend wirken. Zur lokalen Behandhin
der Proktitis und anderer Erkrankungen des Mastdarmes ist di
Spigeleinffthrung unerlässlich. Besteht Verdacht auf eine Fissura an
so kann man am einfachsten zu einer sicheren Diagnose komme!
falls nicht schon bei der äusseren Besichtigung die Fissur nacligc
wiesen werden kann — Spiegeleinführung ist ausserst schmerz.ia
und führt nicht zum Ziel — , wenn man eine Knopfsonde mit Wati
4 _ 5 ein lang armiert, in 10 proz. Kokainlösung taucht und dann voi
sichtig in den Darm schiebt, soweit die Watte reicht, und sie einig
Minuten liegen lässt. Ein mehr weniger langer Blutstreifen lasst m
Sicherheit Lage und Ausdehnung der Fissur erkennen: die Anastm
sierung lässt auch sofort eine geeignete Behandlung anschliessen A
dem immer kleiner werdenden Blutstreifen kann auch die fortsenre
tende Heilung am einfachsten und sichersten nachgewiesen werdi
Eine genaue Urinuntersuchung ist unbedingt erforderlich, könne
doch Nierenerkrankungen die Verdauungsorgane schwer beeiniiacl
tigen; ebenso kann eine Glykosurie mit Verdauungsstörungen i n 1 1 e
gehen.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIET.
917
l.E Juli 192.1.
Ist der allgemeine Status aufgenommen, dann m u s s bei Magen¬
erkrankungen zur Feststellung der Sekretionsverhältnisse und der
Motilität eine Probespülung gemacht werden, 3 Stunden nach einer
Hauptmahlzeit oder 6 Stunden nach einer solchen; bei Verdacht auf
Stauung des Mageninhaltes ist eine Spülung morgens nüchtern er¬
forderlich.
Für die Entnahme einer Probe sind die verschiedensten Früh¬
stücke empfohlen worden; am häufigsten wird das Ewald-Boas-
sche gewählt. In letzter Zeit ist ein Alkoholfrühstück Mode geworden.
Nun wollen wir doch nicht wissen, wie der Magen auf Alkohol ant¬
wortet, sondern wollen und müssen fcststellen, wie die Säureverhält¬
nisse bei gewöhnlicher Kost sind. Ich entnehme die Probe fast
ausschliesslich 3 Stunden nach einem gewöhnlichen Mittagessen und
erfahre so am besten die Hauptleistung des Magens.
Der gewonnene Mageninhalt muss auf Aussehen, Farbe, Menge,
I Schichtung, Geruch, Schleim- und Blutgehalt, auf Reaktion und Säure¬
menge geprüft werden, eine Untersuchung, die nur sehr wenig Zeit
in Anspruch nimmt. Für die allgemeine Praxis und zum Nachweis
der Säure dürfte Kongopapier völlig genügen.
Die Sondeuntersuchung kann vorläufig durch nichts anderes
ersetzt werden; sie ist zu einer richtigen Diagnose in den meisten
Fällen unbedingt notwendig. Es ist als Fehler zu bezeichnen,
wenn man diese einfache Untersuchung unterlässt, denn die ge¬
klagten Beschwerden lassen niemals eine so sichere Beurteilung
zu, dass man sich ohne weiteres darauf verlassen könnte.
Ist der Mageninhalt besonders stark fetthaltig — nach Genuss
I sehr fetten Fleisches kann es Vorkommen, dass der Mageninhalt in
; wenigen Minuten völlig gerinnt — , dann kann es schwierig werden,
mit Kongopapier eine Säurebestimmung zu machen. Man muss die
, dicke Fettschicht durchstossen und die darunter befindliche fettf.eic
Flüssigkeit untersuchen.
Bei Verdacht auf Ulcus ventriculi wird man mit Vorteil die
Benzidinprobe anstellen, die in sehr kurzer Zeit ausgeführt werden
kann.
Eine mikroskopische Untersuchung des Mageninhaltes muss sich
anschliessen.
Bei Darmstörungen ist die Untersuchung des Stuhls, makrosko-
I oisch und mikroskopisch, unbedingt notwendig; sie kann in wenigen
j Minuten ausgeführt werden. Hat man Gelegenheit, den Gesamtstuhl
I zu sehen, wie er abgesetzt worden ist, so bietet das manche Vorteile.
.Man kann dann rasch feststellen, ob der Stuhl schwimmt, also sehr
gashaltig ist, ob das umgebende Wasser stark gefärbt ist oder nur
leinen schmalen gefärbten Kranz um den Stuhl erkennen lässt, wie
es der Norm entspricht, ob der Stuhl beim Hinunterspülen an der
Schüssel stärkere Rückstände lässt, also schmierig und lettig ist.
j Verrührt man eine kleine Stuhlprobe mit Wasser auf schwarzer
Unterlage, so kann man den gröberen Schleimgehalt und unverduite
Speisereste rasch nachweisen.
Untersuchung auf okkulte Blutung geschieht am einfachsten mit
der Benzidinprobe am Ausstrichpräparat; zur mikroskopischen Unter¬
suchung bedient man sich am besten des F r i e d i g e r sehen Färbe¬
mittels. So kann man sich in kurzer Zeit über Schleimgehalt, Aus-
l nützung und pathologische Beimengungen ein Bild machen.
Erst nach Beendigung der klinischen Untersuchung lässt sich be¬
stimmen. ob eine Röntgenuntersuchung wünschenswert oder not¬
wendig ist. Bei den allermeisten Magen- und Darmerkrank.ngen
kommt man ohne sie aus: zum Nachweis von Tumoren. Verlagerun¬
gen, Stenosen, Verwachsungen, UDerationen ist sie oft allein im¬
stande, die Diagnose zu sichern. Aber stets darf die Röntgenunter¬
suchung nur eine Ergänzung der klinischen sein: sie kann die kli¬
nische nicht ersetzen. Das wichtigste bleibt immer die richtige
j Deutung der Bilder, und das setzt eine grosse Sachkenntnis, Kritik
und Frfahrung voraus.
i Die Gastroskopie wird stets nur in der Hand eines gewiegten
: Untersuchers ausführbar sein: sie wird vorläufig wenigstens nicht
Allgemeingut der Aerzte werH^n können. Schindler hat genau
begrenzt, was man dam’t nachweisen kann; trotz dieser Begrenzung
wird sic segensreich wirken können.
Soziale Medizin und Hygiene.
Das preussische Tuberkulosegesetz in der vom Land¬
tag angenommenen Fassung.
Kritische Betrachtungen von Karl Heinz B lüm el -Halle,
Facharzt für Hals, Nase, Lunge, Leiter der Tuberkulose¬
fürsorgestelle.
Das preussische Tuberkulosegesetz ist bekanntlich Ende April d.J.
vom Landtag angenommen, aber vom Staatsrat dem Landtag zurück¬
gegeben worden, angeblich weil der Staatsrat annahm, dass die
wirtschaftliche Belastung durch die gesetzlichen Bestim¬
mungen für die Gemeinde zu gross war. Vom Standpunkt der
I ubcrkulosebekämpfung als Abwehr gegen eine Volksseuche ist es an
sich zu begrüssen, dass das Gesetz noch einmal im Landtage ver¬
handelt wird. Hoffentlich wird nicht nur die wirt¬
schaftliche Seite dann einer Aenderung unter¬
z o g c n, s o n d e r n> a u c li die volksgesundheitliche (d. h.
sozialhygienische). Diesem Wunsche ist auf der diesjährigen
Jahresversammlung der Tuberkulosefürsorge¬
ärzte, die die Arbeitsgemeinschaft der Heilstätten- und Tuberkulose¬
fürsorgeärzte in der Woche vor Pfingsten in Mannheim abhielt,
von allen Seiten Ausdruck gegeben worden, mit dem Hinzufügen, dass
endlich einmal die Aerzteschaft der Praxis vor der Verabschie¬
dung zu solchen Gesetzentwürfen auch gehört wird. Es ist
fast unverständlich, dass die Fürsorgeärzte, die in
der Gesellschaft deutscher Tuberkulosefürsorgeärzte zusammen¬
geschlossen sind, zu den Vorberatungen gar nicht zu¬
gezogen wurden, ebensowenig wie die schon 17 Jahre
organisierten Heilstättenärzte. Denn das Gesetz — man
merkt es wenig — will die Fürsorgestellen zum Mittel¬
punkt der Tuberkulosebekämpfung machen und will
ihnen eine Reihe von Pflichten auferlegen. Da hätte man aber gerade
auf den Rat der Fachleute nicht leichten Herzens verzichten sollen.
Mit ihrer Hilfe wäre das Gesetz anders ausgefallen.
Was muss nun ein Tuberkulosegesetz enthalten,
wenn es überhaupt wirksam sein soll?
1. Klare Begriffe über das, was erfasst werden
soll;
2. weitgehende Erfassungsmöglichkeit der Tu¬
berkulosefälle;
3. Sic herstellungeinesausreichenden Schutzes
für die Gesunden durch gesundheitliche Gestaltung und
Erhaltung des Lebenskreises der Offentuberkulösen;
4. Sicherstellung hinreichender Geldmittel;
5. Sicherung der praktischen Durchführbarkeit
der Bestimmungen des Gesetzes.
Wie weit das preussische Gesetz diesen Bestimmungen gerecht
wird, soll in folgendem kurz betrachtet werden.
Entwurf eines Gesetzes
betreffend Bekämpfung
der Tuberkulose.
§ 1.
(1) Jede ansteckende Er¬
krankung und jeder T o d e s f a 1 1
an Lungen- und Kehlkopf¬
tuberkulose ist dem für den
Wohnort oder den Sterbeort zu¬
ständigen beamteten Arzt
innerhalb 8 Tagen, bei Todesfällen
innerhalb 24 Stunden schriftlich oder
mündlich mitzuteilen.
(2) Der Minister für Volkswohl¬
fahrt kann zulassen, dass die Mel¬
dung an Füi sorgestellen. Gesund-
heits- oder Wohlfahrtsämter, die den
nötigen Vorbedingungen entsprechen,
statt an den beamteten Arzt ge¬
richtet wird. Diese zugelassenen
Meldestellen haben die ihnen zu¬
gehenden Mitteilungen an den be¬
amteten Arzt weiterzugeben.
(3) An eine 'Fürsorgestelle, die
als Meldestelle nicht zugelassen ist.
hat der beamtete Arzt einlaufende
Mitteilungen weiterzugeben.
(4) Zur Mitteilung verpflichtet ist
der zugezogene Arzt.
§ 2.
(1) Wechselt ein solcher Kranker
die Wohnung, so ist dieser Wechsel
unverzüglich nach erlangter Kcnntms
des beabsichtigten Wohnungswech¬
sels unter Angabe der alten und der
neuen Wohnung der für die alte Woh¬
nung zuständigen Meldestelle münd¬
lich oder schriftlich durch den Haus¬
haltungsvorstand mitzuteilen.
(2) Wechselt mit der Aenderung
der Wohnung zugleich der Haushal¬
tungsvorstand. so liegt die Anzeige¬
pflicht dem bisherigen Haushaltungs¬
vorstand ob.
§ 3.
Für Erkrankungen und Todes¬
fälle. welche sich in Kranken-, Ent-
bindungs-, Pflege-, Gefangenen- und
ähnlichen Anstalten ereignen, ist der
Vorsteher der Anstalt oder die von
der zuständigen Stelle damit beauf¬
tragte Person innerhalb 24 Stunden
zur Mitteilung verpflichtet.
§ 4.
Die Kreise haben auf Verlangen
Meldekarten für schriftliche Mit¬
teilung unentgeltlich zu verabfolgen.
Kritik.
Zu § 1.
Statt „ansteckend“ muss * es
in der ersten Zeile § 1 „o f f e n“
heissen, um klare Begriffe zu schaffen,
d. h. nur die Fälle mit posi¬
tivem Bazillenbefund sind
meldepflichtig. Eigene Er¬
fahrungen und die mustergültigen
Untersuchungen Braeunings be¬
weisen, dass sich der Begriff „offen“
und „ansteckend“ in den meisten
Fällen deckt. Mit der Versorgung
der Offentuberkulösen hätten die
Fürsorgestellen auch vollauf zu tun.
Statt nur „jeder Todesfall
an Lungen - und Kehlkopf¬
tuberkulose“ muss es heissen
„jeder Todesfall an Tuber¬
kulös e“. Denn gerade die Mel¬
dung von Knochen-, Gelenk-,
Drüsen-, Bauchfell-, Nie¬
ren-, Hirnhaut-, Miliar- und
anderen Tuberkuloseerkrankungsfor-
men weist uns oft auf bisher ver¬
borgene Krankheitsquellen hin,, sie
hilft uns oft den Seuchenherd auf¬
decken' und ermöglicht uns so die
Verhütung weiterer Opfer.
Ich trete für Meldung an
beamteten Arzt ein, der ja
nach dem Gesetz diese an die Für¬
sorgestelle weitergibt. Denn Arzt
und Kreisarzt sind bei anderen über¬
tragbaren Krankheiten im Melde¬
wesen aneinander gewöhnt,
der Gedanke eines Wettbewerbs
der Fürsorgestelle schaltet
bei Meldungen an den Kreisarzt
schon von selber aus. und schliess¬
lich werden Strafmassnahmen
gegen säumige Melder nicht von der
Fürsorgestelle, sondern vom Kreis¬
arzt dann weiter veranlasst.
Zudem muss der Kreisarzt als
beamtete Medizinalperson, wie über
den Gesundheitszustand der Ein¬
wohnerschaft sonst, auch bezüglich
der Tuberkulose sich ein Urteil bil¬
den können. Seine Teilnahme an
der Tuberkulosebekämpfung wird so
ohne Schädigung der Fürsorgcstelle
— in Preussen sind bisher ungefähr
20 Fürsorgestellen auf ihren Antrag
hin unter Umgehung des Kreisarztes
zur Entgegennahme direkter Mel¬
dungen zugelassen — wachgehalten.
Die Bezirke, in denen auf Antrag die
Zulassung erfolgen soll, dürfen nicht
unter 75 000 Einwohner umfassen.
Zu § 2.
Nichts einzuwenden.
918
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
§ 5.
(1) Hält eine Fürsorgestelle für
Lungenkranke Fürsorgemassnahmen
für notwendig, so hat die Gemeinde
des Wohnsitzes des Kranken mög¬
lichst im Benehmen mit d cm
behandelnden Arzte das Er¬
forderliche zu veranlassen, soweit
nicht die Fürsorgestelle eintritt.
(2) Ist keine Fürsorgestelle vor¬
handen, so hat der beamtete Arzt
die zur Verhütung der Weiterver¬
breitung der Krankheit und zur Für¬
sorge für den Kranken und seine Fa¬
milie dienlichen Massnahmen zu be¬
sprechen.
§ 6.
Die Mitteilung vom Wohnungs¬
wechsel eines Kranken haben der be¬
amtete Arzt und die bisher zustän¬
dige Fürsorgestelle auszutauschen
und gegebenenfalls an die für die
neue Wohnung des Kranken zu¬
ständige Meldestelle weiterzugeben.
Diese hat das nach § 5 Erforderliche
zu veranlassen.
§ 7.
Die zuständige bakterio¬
logische Untersuchungsstelle hat über
jede Untersuchung des Auswurfs auf
Tuberkelbazillen dein einsendenden
Arzt und über jeden positiven Be¬
fund der zuständigen Meldestelle Mit¬
teilung zu machen.
§ 8.
(1) Auf Antrag des beamteten
oder behandelnden Arztes oder einer
seitens des Ministers für Volkswohl¬
fahrt zugelassenen Meldestelle (§ 1)
kann die Ortspolizeibehörde eine
Desinfektion nach den Vorschriften
der Desinfektionsordnung ausführen
lassen.
(2) Ist die Desinfektion im Ver¬
hältnis zum Werte der Gegenstände
zu kostspielig, so kann von den Orts-
polizeibohörden die Vernichtung an-
georduet werden.
(3) Gegen die Anordnungen der
Ortspolizeibehörde finden die gegen
polizeiliche Verfügungen gegebenen
Rechtsmittel Anwendung.
(4) Die Anfechtung der Anord¬
nungen hat keine aufschiebende Wir¬
kung.
§ 9.
Für eine Desinfektion oder eine
Vernichtung von Gegenständen, wel¬
che auf Grund des § 8 dieses Ge¬
setzes polizeilich ungeordnet wird,
gelten die S?§ 14, 15 und 17 bis 24
des Gesetzes, betreffend die Be¬
kämpfung übertragbarer Krankheiten,
vom 28. August 1905 jedoch mit Aus¬
nahme des dort angezogenen S 28.
S 32 Ziff. 2 und § 33 Ziff. 2 des
Reichsgcsetzcs, betreffend die Be¬
kämpfung gemeingefährlicher Krank¬
heiten, vom 30. Juli 1900.
§ 10.
(1) Die amtliche Beteiligung des
beamteten Arztes bei der Ausführung
des gegenwärtigen Gesetzes erfolgt
gebührenfrei.
(2) Die Kosten der Desinfektion
sind aus öffentlichen Mitteln zu be¬
streiten.
§ 11.
Mit Geldstrafe bis zu 1500 M.
wird bestraft:
1. Wer die ihm nach den §§ 1
bis 3 dieses Gesetzes obliegenden
Mitteilungen böswillig unterlässt.
Die Strafverfolgung tritt nicht ein,
wenn die Mitteilung von einem an¬
deren dazu Verpflichteten oder einem
Dritten rechtzeitig gemacht wor¬
den ist.
2. Wer Räume oder bewegliche
Gegenstände, für welche auf Grund
des § 8 dieses Gesetzes eine Desin¬
fektion polizeilich angeordnet war.
vor Ausführung der angeordneten
Desinfektion in Gebrauch nimmt oder
einem anderen überlässt.
Zu § 3.
Zusatz: „Krankenkassen.
Reichs- und Landesver-
sicher, ungsanstalten mel¬
den ausserdem alle Fälle und
alle Formen von Tuberkulose (auch
geschlossene), die zu ihrer Kenntnis
kommen.“
Diese Meldungen geschehen durch
Versicherungsanstalten in gut ar¬
beitenden Fürsorgestellen schon seit
Jahren. Nur bei den Krankenkassen
ist das Meldewesen erst an wenigen
Orten entwickelt (Breslau u. a.).
Es wäre falsch und fahrlässig, wenn
eine vielerorts bewährte Einrichtung
nicht auch gesetzlich verankert
würde, um sie überall pflichtmässig
durchzuführen.
Zu § 4.
Nichts einzuwenden.
Zu § 5.
Unglückliche Fassung. Durch das
Gesetz soll die Tuberkulosefürsorge¬
stelle in den Mittelpunkt der Tuber¬
kulosebekämpfung gerückt werden.
Es müsste also heissen . so hat
. . . das Erforderliche auf Anre¬
gung der Fürsorgestelle
zu veranlassen“. Der praktische
Arzt muss aus dem Gesetz
hier herausbleiben, weil die
bürsorgestelle in seine Belange ja
gar nicht eingreiit. Kranken¬
hilfe ist ja nicht ihre Aufgabe,
sie dient der Seuchenbekämp-
f u n g. Das Objekt ihrer Tätigkeit
ist ja nicht der Kranke, sondern der
Gesunde oder die gefährdete Um¬
gebung des Kranken. Krankenhilfs-
massnahmen wie therapeutische Vor¬
schläge wenden sich ja selbsttätig an
den behandelnden Arzt, ebenso wie
seine Mitwirkung bei Heilverfahren
von selber bedingt ist.
Der § 5 geht noch von der über¬
wundenen Vorstellung aus,
dass die Fürsorgestelle
eine Wohltlätigke.itsan-
stalt oder eine Behand¬
lung s s t e 1 1 e sei.
Ganz zu Unrecht wird auch von
den ärztlichen Stellen betont, dass
der Allgemeinpraktiker aus wirt¬
schaftlichen Gründen der Fiirsorge-
arbeit abhold sei, und deshalb auf
ihn weitgohendstRücksicht genommen
werden müsse. Es sind aber zu¬
meist sittliche Gründe, die in einer
besonderen Berufsauffassung begrün¬
det liegen und weit achtbarer sind
als rein wirtschaftliche Gesichts¬
punkte. Sie müssen daher als etwas
Selbstverständliches berücksichtigt
werden. Gesetzlicher Verfügungen
bedarf es darin nicht, denn auch der
lursorgearzt untersteht der ärzt¬
lichen Ehrengerichtsordnung und hat
auf sie peinlicher als jeder andere
im Belange der Kollegialität Rück¬
sicht zu nehmen.
Zu § 6.
Nichts einzuwenden.
Zu § 7.
Statt „zuständige bak¬
teriologische Untersuch¬
ung s s t e 1 1 e“ muss es heissen
„jeder Untersuche r“. denn
die zuständigen Untersuchungsstellen
werden nach vielfachen Erfahrungen
umgangen, indem Apotheker, Che¬
miker, ja auch Aerzte den Auswurf
selbst untersuchen, (s. Blümel:
Beitr. iz. Kl in. d. Tuberkulose 55
H. 2: ..Mehr Geschlossenheit in der
Abwehrfront gegen die Tuber¬
kulose,.“)
Der § 7 wäre am zweckmässig-
sten dem § 3 als Absatz anzuglie¬
dern, wo die übrigen Meldepflich¬
tigen schon aufgezählt werden.
Zu § 8.
Betrifft die Desinfektions mög-
1 i c h k e i t — nicht -zwang. Der
erste Absatz schaltet die nicht vom
Minister zugelassenen Fürsorgestellen
§ 12.
Die zur Bekämpfung der Lungen-
und Kehlkopftuberkulose erlassenen
Bestimmungen des Gesetzes, be¬
treffend die Bekämpfung übertrag¬
barer Krankheiten, vom 28. August
1905 (Gesetzsamml. S. 373) werden
aufgehoben.
§ 13.
(1) Der Zeitpunkt des Inkraft¬
tretens dieses Gesetzes wird durch
den Minister für Volkswohlfahrt be¬
stimmt. Es tritt spätestens am 1. Juli
1923 in Kraft.
(2) Der Minister für Volkswohl¬
fahrt erlässt die zur Ausführung des
Gesetzes erforderlichen Bestim¬
mungen.
als Veranlasserinnen der Entwesung
aus. Es ist notwendig, dass es an¬
statt „eine Meldestelle" heisst „oder
Fürsorgestelle n“. Denn auch
die übrigen FUrsorgestellcn müssen
das Recht haben, Desinfektionen zu
veranlassen. Vom Desinfektions¬
zwang ist anscheinend aus Rücksicht
auf die Kosten Abstand genommen.
Wir Fürsorgeärzte halten denn auch
viel mehr als von der Entwesung, die
zumeist erst nach dem Tode des
Tuberkulösen vorgenommen wird,
von der sog. laufenden Des¬
infektion am Krankenbett und der \
unermüdlichen Aufklärung der An¬
gehörigen sowie der gesund¬
heitlichen Gestaltung und
Erhaltung des Lebens-,*
kreises des kranken, nicht
des toten Tuberkulösen.
Was fehlt im Gesetz über ha u p t?
Ausser dem, was im Anhang aufgeführt wird, fällt das Folgende
auf: Es fehlt ein unentbehrlicher Paragraph, der Zwangsmass-
u a lt m e n enthält, und zwar bei Unvermögen, Fahrlässig¬
keit oder Böswilligkeit. Hier ist zwangsweise Ab-
s o n d e r u n g als gesetzliche Massnahme unentbehrlich. Gewöhnlich
genügt ja schon die Androhung solcher Zwangsmassnahmen (F.r-
fuhrungen von S t e 1 1 i n), um Willfährigkeit zu erzielen.
(Die Kostenfrage muss durch die Ausführungsbestimmungen ge¬
regelt werden.)
Von den Regierungsstellen wird angeführt, man habe derartige
Bestimmungen absichtlich nicht aufgenommen, um den Eindruck
eines Polizeigesetzes zu vermeiden.
Vom Standpunkte der Volksgesundheitspflege sind derartige Be¬
gründungen abzulehnen. Wenn wir Erfolge wollen, müssen uns auch
die richtigen Mittel recht sein. Warum denn bei der Tuberkulose¬
bekämpfung so ängstlich, wenn man bei den Geschlechtskrankheiten
so scharf in die persönlichen Rechte eingreifen kann.
Ebenso fehlt eine Bestimmung, die Offentuberkulöse aus
gewissen Berufen ausschliesst, so als Lehrer, Erzieher,
Kranken- und Kinderpfleger, Pensionsinhaber, Kinderhalter, Haus¬
angestellte in Häusern mit Kindern, Bartscherer. Das sind Berufe,
die ein nahes und wiederholtes Anhusten und damit eine I röpfchen-
ansteckung besonders ermöglichen.
Ausserdem fehlt ein Hinweis in folgender Form: „zur prak¬
tischen Förderung der Fürsorgearbeit sind die
W olinu n> gsämter verpfichte t“.
Denn ohne bevorzugte Wohnungsvermittlung für Offentuberkulöse
kommen wir nicht weiter. Sie müssen genau so behandelt werden wie
die Beamten, die entweder umgehend im Tausch eine Wohnung er¬
halten oder sonst an erster Stelle, ln manchen Städten (Halle,
Stettin) geht diese Zusammenarbeit schon sehr glatt.
Es fehlt auch eine besonders wichtige Bestimmung dahingehend,
dass die Hebung der Abwehrkraft G c f ä h r d et e r, inson¬
derheit der Kinder, unerlässliche Voraussetzung für einen erfolg¬
reichen Kampf gegen die Tuberkulose ist. Er Kostet natürlich Geld.
Aber die Mittel dafür müssen da sein. Bei guter Organisation, bei
Auswahl der wirklich Bedürftigen sind sie nicht unerschwinglich.
Für unbegründete und überflüssige Kuren wird heute
mehr (ield ausgegeben, als für eine wirkliche Tuberkulosebekämpfung
notwendig wäre.
Die gesetzlichen Vorschriften müssten also ungefähr lauten:
§ 5a. Offentuberkulösen ist die Ausübung der genannten
B e r u f e (s. o.) bei Strafe verboten. Entschädigung für die Umstellung
und Einkommcnausfall wird wie folgt geregelt (folgen- entsprechende Be¬
stimmungen). .
§ 5 b. Zur praktischen Förderung der Fürsorgearbeit sind die woh-
n u n "g s ä m t c r verpflichtet. (Näheres in den Ausführungsbestimmungen.)
§ 5c. Alle Mittel zur gesundheitlichen Gestaltung und
E r ha 1 1 u n g des Lebenskreises Offentuberkulöser müssen
von den Gemeinden bereitgestellt werden, insonderheit muss die Sicherung
eines Mindest lebensbedarfs sowie der Schutz der Ange¬
hörigen und die Hebung der Abwehrkraft der Kinder ge¬
währleistet werden.
Ausserdem hat der Landtag folgende hnt-
Schliessung angenommen, nämlich das Staats-
ministerium zu ersuchen:
1. auf die Reichsregierung einzuwirken, mit tunlichster Beschleu¬
nigung eine plan massige und einheitliche r e i ch s ge¬
setzliche Bekämpfung der Tuberkulose in di<
Wege zu leiten,
Zu Punkt 1 ist zu sagen, dass er auch den Staatszusc hu s :
regeln müsste. Dieser müsste betragen: 1 / Ooldpfetinig je Ein
wohn er des Fürsorgebezirkes, d. h. 1 / IMennig vervielfacht mit den
Goldankaufswert. Daneben müsste das Reicli die Sozialversicherungen
Krankenkassen. Reichs- und Landesversicherungsanstalten durch gesetzlich«
Verfügung mittels einer geringen Beitragserhöhung der Zwangs
versicherten (Y\ — Vi P r o z.) a n h a 1 1 e n. -einen Pflichtbei
trag von 2'A Gold Pfennigen vierteljährlich je Ver
sicherten an die Fürsorgestelle zahlen. Denn zu einem planmässigei
Ausbau gehört vor allem auch die Finanzierung der Fürsorge
stelle, die der Gesetzgeber ganz vergessen hat.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
919
13. Juli 1923.
2. sämtliche beamtete Aerzte zur Zusammenarbeit mit den
in ihrem Betrieb befindlichen Fürsorgestellen zu verpflichten,
Zu Punkt 2. Nicht nur die beamteten Aerzte, sondern aiuch die Heil¬
stätten sollen in it den Fürsorgcstcllcn zusammen-
arbeite n. Durch Belehrung ihrer Pfleglinge und Mitgabe folgenden ge¬
druckten Zettels an sie bei der Entlassung würde viel geholfen. „Ihre '1 uber-
kulose ist durch die eben beendete Kur keineswegs geheilt, sondern etwas
gebessert worden. Dass Sie an Gewicht zugenommen haben und sonst
beschwerdefrei sind darf Sie nicht täuschen. Tuberkulose ist eine Krankheit,
die einer jahrelangen Behandlung zu ihrer Ausheilung bedarf und von dem
Kranken ebenso lange die Verwendung aller freien Zeit und aller verfüg¬
baren Geldmittel auf seine Genesung fordert. Begeben Sie sich sofort nach
Ihrer Entlassung wieder in die Behandlung Ihres Hausarztes, für den in
der Anlage ein Bericht beiliegt. Versäumen Sie nicht, sich und Ihre Ange¬
hörigen sofort nach Ihrer Rückkehr der zuständigen Lungenfürsorgestelle in
j . Sprechzeit .... vorzustellen, um die heimtückische Krankheit von
den Ihrigen abzuwenden.“
Einzuschieben wäre hier ein Punkt 2 a. der auch die Sozialver¬
sicherungen nicht nur zu geldlicher, sondern auch zu geistiger Zu¬
sammenarbeit mit den Eürsorgestellen anregt.
3. die Schulärzte zu verpflichten, auch die Verdachtfälle auf
Tuberkulose der Fürsorgestelle zu überweisen.
Zu Punkt 3 wäre nichts einzuwenden, als dass ihm ein anderer Punkt
vorangehen müsste mit der Bestimmung, dass als Pflichtunterricht
Gesund he itskunde'an allen Schulen eingeführt wird, mit be¬
sonderer Betonung der Tuberkulose. Diese ausserordentlich einfache Mass¬
nahme würde ohne viel Kosten eine grosse Aufklärung schaffen. Notwendig
ist solcher Unterricht auch in allen Lungenheilstätten
und für alle in der Sozialversicherung tätigen Verwal¬
tungsbeamten.
4. zur praktischen Mitarbeit in den Fürsorgestellen Frauen
heranzuziehen,
Zu Punkt 4. Die Tuberkulosefürsorgearbeit wird schon jetzt durch
Frauen gleistet. Welche praktische Mitarbeit der Gesetzgeber etwa aussen-
stchenden Frauen zumessen will, ist uns verborgen. Wir nehmen an. dass
sachverständige Frauen, wie unsere Fürsorgerinnen, ,die brauchbarsten Mit¬
arbeiter sind. Also der Punkt 4 könnte in dieser Fassung .fehlen.
5. A u s b a u und Vermehrung der Heilstätten für
Tuberkulose anzustreben, um eine längere Behandlungsdauer und
kürzere Wartezeit zu ermöglichen,
Punkt 5 steht lediglich auf dem Papier, denn ein Land, das die wenigen
Mittel für eine plan «lässige Fürsorgearbeit nicht aufbringen
kann, kann unmöglich Kosten für Neubauten von Heilstätten bezahlen. Wenn
einmal Mittel für Neubauten bereitgestellt werden können, so müsste Punkt 5
lauten : „In jedem Regierungsbezirk ist umgehend mit dem
Bau eines Tuberkulose k rankenhause s, genannt „Lan¬
destuberkulosehau s“, zu beginnen, um eine sachge-
mässe Behandlung aller und Absonderung der über¬
tragbaren Tuberkuloseformen zu ermöglichen.“ Wie
wir Provinzialirrcntnstalten in grosser Menge haben, die nicht ansteckend
Kranke jahrzehntelang pflegen, müssen wir auch menschenwürdigere Ab¬
sonderungsmöglichkeiten für Tuberkulöse endlich schaffen. Heilanstalten
haben wir mehr als alle anderen Nationen. Sie sind nur in einigen Monaten
des Jahres (Sommer) überfüllt und bedürfen daher im allgemeinen keiner
Vermehrung, abgesehen davon, dass sie der Tuberkulosebekämpfung als
Volksseuche kaum dienen. Denn die Zahl der Bazillenstreuer
wird durch sie auf die Dauer kaum vermindert.
6. eine bessere Ausbildung der Aerzte in allen Fragen
der Tuberkulosebekämpfung anzustreben,
Punkt 6 müsste bei der (Neuordnung des medizinischen Studiums gesetz¬
liche Vorschriften in folgender Form enthalten : Ein Semester Pflicht-
k o 1 1 e g als s o z i a l.h y g i e1 n i s c h e s Seminar in der Hoch-
s c h u I f ü r s o r e e s t e 1 1 e (wöchentlich 2 Stunden). 4—0 Wochen
Dienst als Medizin a-lpraktikant in einer Fürsorge-
steile.
7. für entlassene Lungenkranke auf besondere Berücksichtigung
bei den Arbeitsnachweisen und auf angemessene Ar¬
beitsgelegenheit hinzuwirken,
Punkt 7 sollte so lauten: Lungenkranke sind in Bezug auf
Arbeitsvermittlung den Schwerkriegsbeschädigten
gleichzustellen.
8. eine ausreichende Zahl und zweckentsprechende Verteilung
von Tuberkulosefürsorgestellen in Stadt und Land anzustreberi.
Zu Punkt 8 ist nichts einzuwenden.
Schlussbetraclitung.
Das Gesetz sowohl wie die Zusatzentschliessungcn stehen nach
dem Urteil der Fürsorgeärzte noch viel zu sehr unter dem Eindruck,
dass dieTuberkulosebckämpfuugeiiicKrankcuhilfs-
massnahme sei. Die Heilung vorhandener Tuberkulose kann nur
insofern die Fürsorgestelle kümmern, als sie die Wege dazu vermittelt.
Ihre Hauptaufgabe ist, den Seuchenk a m p f aufzunehmen, der
sich gegen die Uebertragung des Erregers richtet und gegen die
Gefährdung der Gesunden. Dies Ziel muss erst noch Ge¬
meingut der Aerzteschaft und dann der Bevölkerung werden. Dann
wird es auch mehr gelingen, die richtige Einstellung zu unsern Fragen
zu linden. Der Gesetzgeber sollte aber auch schon heute eins tun,
nämlich die vorhandenen Fachleute sich massgeblich
ä u s s e r n lassen, sonst kann das Gesetz in Preussen wie das be¬
vorstehende Reichstuberkulosegesetz leicht ein Schlag ins
Wasser werden. Denn lediglich Registrierungen und Belästigungen
der Familienkranken bringen uns in der Tuberkulosebekämpfung nicht
vorwärts. Ohne die Mittel zur Abhilfe für die Gesunden geht es
eben nicht.
Es muss aber auch in diesem Zusammenhang dringend davor ge¬
warnt werden, von Gesetzen oder anderen Verwaltungsmassnahmcn
jetzt besondere Erfolge zu erwarten. Wenn es nur einem
Bruchteil des deutschen Volkes noch möglich ist,
sich den Mindestlebensbedarf zu b e s c li a f f e n, dann
in ussdie Tuberkulose Ziffer erheblich steigen. Auch
Tuberkulosefragen können nur im Zusammenhang mit der gesamten
wirtschaftlichen Lage, nicht losgelöst davon, betrachtet werden. Aber
je mehr die Not steigt, um so mehr ist auch die Arbeit der Fiirsorgc-
stelle notwendig, um so notwendiger ein wirksamer T u berku-
loseschutz. Gute Gesetze können uns darin sehr unterstützen.
Leider liegt auch die Gesundheitsgesetzgebung in ihrer endgültigen
Fassung in der Hand der Parlamente, in denen Laien die
Oberhand haben. Der Wirksamkeit der Gesundheitsbehör¬
den mit ärztlichen Spitzen ist daher eine recht enge Grenze
gezogen. Es ist deshalb unsere Pflicht, durch rechtzeitige und fach¬
männische Kritik ihnen den Rücken zu stärken, zum Segen unseres
Volkes.
Bücheranzeigen und Referate.
G. Schmort: Die pathologisch-histologischen Uiitersuclumgs-
methoden. 12 und 13. neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Verlag von
F. C. W. Vogel, 1922.
Die vorliegende Auflage unterscheidet sich nur unwesentlich von
der vorhergehenden, welche erst vor wenig mehr als einem Jahr er¬
schienen ist. Nur die Abschnitte über das Blut und das Nervensystem
haben neben bedeutenden Kürzungen auch manche Zusätze erfahren.
Namentlich der Abschnitt über das Zentralnervensystem wurde unter
Mitwirkung von Dr. Schob zum Teil umgearbeitet. Sonst finden
sich nur geringfügige Aenderungen, wie z. B. in den Abschnitten über
die Herstellung von Gefrierschnitten, die Darstellung der Kollagen-
fasern usw. Auch der Umfang des Werkes hat sich nicht geändert,
da die Zusätze durch Fortfall der Darsteilung veralteter Methoden
und durch häufigere Anwendung von Kleindruck ausgeglichen wurden.
Besonderer Empfehlung bedarf das im In- und Ausland gleich
hochgeschätzte Werk schon längst nicht mehr. G. Hauser.
R. Kraus und P. Uhlenhut h: Handbuch der mikrobiologi¬
schen Technik. Band II, 2. Hälfte. Wien und Berlin 1923. ürpr.:
10.20 M.
Im Mittelpunkt dieses zweiten Teiles des ersten Bandes steht die
leider nicht ganz zu Ende geführte Arbeit „Allgemeines über Ernäh¬
rung der Mikroorganismen“ von dem verstorbenen Dr. Unger¬
man n. Sie behandelt grosszügig die Probleme der Mikrobenzüch¬
tung und weist auf zukünftige Lösung hin. Sie zeigt so recht, wie mit
Ungerman n ein vor der Ausreifung stehender tüchtiger Forscher
zu früh dahingegangen ist. In gründlicher Weise behandelt Gilde¬
meister die „Nährböden“, v. Drigalskis Kapitel „Differential¬
diagnostische Nährböden“ bringt naturgemäss manche Wiederholun¬
gen dessen, was im Kapitel „Nährböden“ von G. steht. Zu starke
Zersplitterung der Themata dürfte nicht zweckmässig sein. Eine gute
Zusammenstellung der Züchtungsverfahren bei tierischen Parasiten
und Krankheitserregern gibt N ö 1 1 e r. Dörr berichtet über „Trok-
ken- und Konservennährböden“, Küster über „Brutschränke“,
Neisser und' B e k e y über „Das Platteüv erfahren“.
Rimpau - Solln.
P. Morawitz: Klinische Diagnostik innerer Krankheiten.
2., vermehrte und durchgesehene Auflage. Mit 268 Abbildungen im
Text und 17 Tafeln. Leipzig, F. C. W. Vogel, 1923. Grundpreis:
15 M„ geb. 19 M.
Wenn ein Lehrbuch, das keine Lücken aufwies, schon nach
2 Jahren neu erscheint, so kann man nicht erwarten, dass sich die
neue Auflage von der alten wesentlich unterscheidet. So hat sich
auch die vorliegende klinische Diagnostik in ihrer Anlage gar nicht,
in bezug auf ihren Inhalt nur insoweit geändert, als unter Berücksichti¬
gung der — bescheidenen — Fortschritte der Wissenschaft neue
Untersuchungsmethoden und Tatsachen nachgetragen wurden. Bei
der Durchsicht fanden wir beispielsweise die Phenolsulfophthalein-
probe nach Rowntree und Qeragthy bei der funktionellen
Nierendiagnöstik und im Kapitel „Lumbalflüssigkeit“ die P a n d y sehe
Reaktion neu eingefügt, kurz erwähnt ferner bei den Zentralganglien
die Bedeutung des Corpus Striatum für den amyostatischen Sym-
ptomenkomplex und des Nucleus ruber für das extrapyramidale moto¬
rische System u. a. m. Gründlicher neubearbeitet sind die Abschnitte
„Diagnostik der Krankheiten des Respirations- und des Urogenitai-
apparates“. Trotz zeitgemässer Ergänzungen ist eine Ueberschreitung
des bisherigen Umfanges durch reichlichere Verwendung von Klein¬
druck vermieden worden.
Als besondere Vorzüge des Buches für den Lernenden betrachten
wir, wie schon in unserer ersten Besprechung hervorgehoben wurde,
die anatomisch-physiologischen Einleitungen der einzelnen Kapitel, die
zusammenfassenden .Symptomatologien am Schlüsse grösserer Ab¬
schnitte und die schematischen Darstellungen. So wird auch die
zweite Auflage einen dankbaren Leserkreis unter Studierenden und
Aerzten finden. S t i n t z i n g.
920
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
Norbert Ortner: Klinische Symptomatologie innerer Krank¬
heiten. I. Bd. I. Teil. Bauchschmerzen. 3. verbesserte Auflage.
1 923. Urban & Schwarzenberg.
Das eigenartige, in seiner ungemeinen Beherrschung der Sympto¬
matologie der Bauchpathologie auch einzigartige Buch erlebt, seit
1917 — trotz aller Not der Zeiten — seine 3. Auflage. Das beweist,
dass 'es einem Bedürfnis weiterer Aerztekreise entspricht; ein übri¬
gens erfreuliches Symptom der Abkehr von allzu kompendienhaften
Darbietungen unserer Literatur. Die grossen Vorzüge der ersten
beiden Auflagen teilt selbstverständlich auch die vermehrte und ver¬
besserte dritte. Auch der gleichfalls leidlich Erfahrene steht staunend
vor der ungeheuren Erfahrung und Beherrschung der Symptomato¬
logie sowohl typischer Erkrankungen und ihrer Spielarten, als auch
seltener und alierseltenster Dinge. Ich verweise z. B. auf die grossen
Kapitel der kolikartigen lliacalgia dextra, der akut anhaltenden
(Dauer-) lliacalgia dextra und der chronisch rezidivierenden und chro¬
nisch anhaltenden Form dieser Schmerzlokalisation, die tatsächlich die
ganze Pathologie des Zwerchfells, der Pleura, der Lunge und der
Leber und Gallenblase, aller Darm- und Bauchfellabschnitte, der Milz,
des Pankreas, der Nieren und des Paranephron, der Wirbelsäule und
des Psoas, des Beckens und des Hüftgelenks, des weiblichen und
männlichen Genitals u.a.m. berücksichtigen. Das Feinste und Beste
steckt stets in den eigenen Beobachtungen des Verfassers. Es gibt
kaum ein Kapitel, aus dem man nicht viel lernen könnte, selbstver¬
ständlich auch manche, in denen die eigene Erfahrung gelegentlich
Einwände oder Zusätze machen möchte (so ging es mir beispielsweise
mit der „Darmtetanie“ unter dem Bilde des Ileus; nach meiner Er¬
fahrung können verschiedenartig groborganisch verursachte, nicht
spastische Darmokklusionen Tetanie erzeugen).
Das Buch ist als ungeheure Sammlung von Erfahrungstatsachen,
die sich in raschem, bisweilen allzu raschem Wechsel und nicht immer
der Gefahr der .Wiederholung entgehend vor uns abspielen, nicht
leicht zu lesen. Wenn man sich aber hineingelesen hat, so fesselt
es immer stark durch seine lehrkräftige Eigenart. Es verdient noch
viele Auflagen und wird sie ohne Zweifel auch erleben, als würdiges
Dokument eines nirgends iibertroffenen spezifisch Wiener Kliniker-
tums. H. Curschmann- Rostock.
Garre-Küttner und Lex er: Handbuch der praktischen
Chirurgie. 5. Auflage, VI. Band. Stuttgart, Verlag Ferd. Enke, 1923.
Grundpreis M. 25.65.
Der Schlussband des grossen Werkes enthält die Chirurgie der
unteren Extremitäten und behandelt auch die orthopädischen Be¬
handlungsmethoden. Die Einteilung ist so getroffen, dass Hüfte und
Oberschenkel (früher H o f f a) von v. Brunn- Bochum, Knie und
Unterschenkel von R e i c h e 1 - Chemnitz, Fussgelenk und Fuss von
B o r c h a r d t - Berlin bearbeitet wurden. Der Band passt nach
Inhalt und Form zu seinen Vorgängern. Das ganze Werk bleibt eine
Leistung, welche den Hochstand der deutschen Chirurgie auch in der
unheilvollen Gegenwart beweist: möge es immer so bleiben! Die
Ausstattung des Werkes in Papier, Druck und Abbildungen ist
tadellos. H e 1 f e r i c h.
W. Stoeckel: Lehrbuch der Geburtshilfe. 2., vermehrte und
verbesserte Auflage, mit 616 grösstenteils farbigen Abbildungen im
Text. Jena 1923. G. Fischer.
Bezüglich der allgemeinen Inhaltsverwertung verweise ich auf
die Besprechung der ersten Auflage in diesem Blatte. Die Verbesse¬
rung der Neuauflage durch Straffung der Disposition, Kürzungen und
Streichungen, anderseits durch einige wünschenswerte Ergänzungen
ist anzuerkennen. Dabei erscheint unter teilweiser Auswechs'ung sowie
mehrfach vergrösserter Umzeichnung der durchwegs anschaulichen,
zum grössten Teil farbigen Abbildungen, auch durch zweckmässigere,
gleichzeitig übersichtlichere typographische Anordnung, die Seiten¬
zahl des Textumfanges um nahezu 70 Druckseiten verringert. Konnte
der grösste Teil des Textes unverändert bleiben, so dass die erste
Auflage gewiss noch mit vollem Nutzen zu gebrauchen sein wird, fin¬
den sich bei aufmerksamem Studium und genauerer Vergleichung
stellenweise doch nicht unwesentliche Abänderungen. H o e h n e s
Abschnitte über die Anatomie der Geburtswege, B0fmchtung, Ein¬
bettung und Entwicklung des Eies ergaben hierzu keinen Anlass. Da¬
für erscheint die Darstellung der Asepsis und Antisepsis Walt-'
h a r d s an der Hand von drei neuen Abbildungen erweitert. S e i t z’
physiologische Biologie in der Schwangerschaft weist einige Umstel¬
lungen und Ergänzungen auf, unter letzteren Bemerkungen über die
Blutviskosität sowie über die interstitielle Driise des Eierstocks (mit
Abb.). Die Abhandlungen über die normale Schwangerschaft: 0 o i t z,
und normale Geburt: Stoeckel, erfuhren nur geringfügige Aende-
rungen, vorwiegend Umstellungen, auch von Abbildungen. Neu ist
eine Darstellung des 4. Handgriffes in der Ausführung Stoeckels,
weggeblieben die eimrehendere Besprechung der Sakralanästhesie ; ge¬
ändert sind die Abbildungen zur Veranschaulichung des GebärmutUr-
standes nach Ausstossung der Frucht, ferner zwei Bilder, das Ver¬
halten des Hautnabels darstellend. Reifferscheid wiederholt
seine Abschnitte der normalen Wehentätigkeit und „Regelwidrigke'ten
der Wehen und Wehenmittel“, unter Hinzufügung einiger Bemerkungen
über Sekaleersatz. Im besonderen wäre zu bemerken, dass die intra¬
muskuläre Injektion gegenüber der intravenösen wohl stets an erste
Stelle zu setzen sein dürfte, ferner dass man nicht sagt: „durch Nar-
coticis“. H o e h n e s weiterer Abschnitt über Mehrlings-Schwan¬
gerschaft und-Geburt gibt keinen Anlass zu Bemerkungen, ln
ü p i t z’ Physiologie, Behandlung und Ernährung der Neugeborenen
finden sich Kermauners Behelfe zur Ernährung lebensschwacher
Kinder angeführt und abgebildet, v. Jaschkes Teil: die regelwid¬
rige Geburt und Seitz: Geburtsstörungen durch Anomalien des
Beckens haben, besonders dieser Abschnitt, durch wertvollen Aus¬
tausch von Abbildungen, darunter der Assimilationsbecken sowie der
Kopfstellungen und des Geburtsmechanismus bei einzelnen, den prak¬
tisch wichtigeren pathologischen Beckenformen, gewonnen. Zur Be¬
handlung pathologischer Geburtsblutungen trägt Stoeckel die in
der ersten Auflage versehentlich entfallene Abbildung des Uterus¬
katheters von Fritsch-Bozemann nach. Neu sind Bilder zum I
Komprssionsverbande des Unterleibes sowie der Sehrt sehen
Aortenklemme. Die Nachteile und Gefahren des Momburgschlauches .4
werden einigermassen stärker betont. Im Kapitel Rissblutungen
finden sich einige Bemerkungen über zentrale Zervixrupturen einge¬
schaltet. Hier sind auch einige Zeilen Hitschmanns Statistik zur
Plac. praev. gewidmet. In Seitz’ pathologischer Biologie erscheint
die Frage der Genese der Eklampsie wesentlich erweitert, auch sonst
finden sich hier Abänderungen und mehrfach bemerkenswerte Er¬
gänzungen. Bezüglich der Therapie wird für den Praktiker ein mög¬
lichst konservatives Verhalten empfohlen. Neuabbildungen betreffen ;
die Schwangerschaftsdermatosen, Lues, Pathologie der Plaz.- und
Nabelschnur, das Chorioepitheliom und Missbildungen der Frucht 1
(farbige Bilder). v. Franquös Abschnitt: Störungen der •
Schwangerschaft und Geburt durch Regelwidrigkeiten der Ge- J
schlechtsteile und ihrer unmittelbaren Nachbarogane konnte mit vol¬
lem Recht textlich unverändert bleiben. Hinzugekommen sind vier
neue Bilder, während die Literatur jetzt am Schlüsse zusammenge¬
fasst und bis auf die neueste ergänzt erscheint. Stoeckels Abort¬
behandlung ist von 6 auf 23 Abbildungen erweitert, desgleichen ver¬
anschaulichen einige neue Bilder die Tubargravidität. W a 1 1 h a r d s 1
Patholgie des Wochenbettes und Reifferscheids Erkrankungen
der Brustdrüse sind unverändert geblieben, v. Jaschkes Patho- -j
logie d. Neugeb. hat eine Ergänzung durch einige lehrreiche Abbil- 1
düngen gefunden. Stoeckels Abschluss des Lehrwerkes mit dem '
Abschnitt über geburtshilfliche Operationen, nahezu 100 Druckseiten 1
mit 65 Abbildungen, erfreut sieb ausser der ausgezeichneten, nahezu
unveränderten Darstellung in der ersten Ausgabe einer übersicht¬
lichen typographischen Hervorhebung wichtiger Bemerkungen. Dass )
an der Empfehlung des Braun sehen Hakens hartnäckig festgchalten
wird, dürfte objektiv wohl kaum zu begründen sein! — Eine histo¬
rische Epikrise Ottows in einem Umfange von 8 Seiten bringt, mit
Geschick ausgewählt, was sich in dieser Beschränkung sagen lässt. 1
Liessen sich einige geringfügige Vorschläge, wie beispielsweise einer ;
vielleicht richtiger geordneten Umstellung der „Feststellungen“ auf
S. 222, wohl auch anderwärts anbringen, so wären dies Kleinigkeiten, j
welche dem hohen Werte des Gesamtwerkes gegenüber in den
Hintergrund treten. Dafür wird in einer weiteren Neuauflage aber¬
mals Gelegenheit sein, einige, nur wenige Druckfehler auszumerzen, 1
insbesondere aber die Schreibung einzelner Eigennamen, wie G o 1 1 z, J
K i e w i s c h, S t r o g a n o f f u. a., richtigzustcllen. Knapp- Prag. .
Wilhelm Prausnitz: Grundziige der Hygiene, unter Berück¬
sichtigung der Gesetzgebung des Deutschen Reiches und Oesterreichs.
Bearbeitet von Carl Prausnitz und Wilhelm Prausnitz.
12. Auflage. 821 Seiten mit 295 Abbild. J. F. Lehmanns Verlag,
München 1923. Grundpreis: 14 M., geb. 17 M.
Nach sehr kurzer Zeit nach dem Erscheinen der 11. Auflage, hat
sich bereits wieder eine Auflage des sehr beliebten Lehrbuches als
notwendig erwiesen, an dessen Bearbeitung nunmehr auch Carl
Prausnitz teilgenommen hat. Im Umfang wesentlich erweitert, im
Inhalt wiederum verbessert, ist das kleine Lehrbuch von früher zu einem
unserer grössten Unterrichtsbücher der Hygiene herangewachsen.
Die verschiedenen Kapitel sind einer ausgiebigen Revision unterzogen,
die Abschnitte über Bakteriologie, Immunität und Infektionskrank¬
heiten, besonders auch die der sozialen Hygiene und des Fürsorge¬
wesens erheblich vermehrt worden. Die Autoren haben es sich auch
angelegen sein lassen, durch neue charakteristische Skizzen und Ab¬
bildungen, sowie durch neue Uebersichtstabellen die Ausgestaltung
des Buches zu verbessern. Verschiedene Typenwahl erhöht die
Uebersichtlichkeit über das Wichtige und das Unwesentlichere. Wie
schon bei der Besprechung der früheren Auflagen stets hervorgehobe'n
wurde, besteht der Vorzug des P r a u s n i t z sehen Lehrbuches in
wohlverstandener Auswahl der Haupttatsachen/ der klaren Schreib¬
weise, in den für die hygienische Praxis wichtigen Gesichtspunkten
und in der Zuverlässigkeit seiner Angaben. Da die gesamte Hygiene,
inkl. Bakteriologie und Immunität darin enthalten ist, so berät das
Buch in allen notwenigen Fragen und ist für den Studierenden und
Fachmann gleich unentbehrlich. Ein noch grösserer Interessenten¬
kreis als bisher dürfte ihm beschicden sein.
R. 0. Neumann - Hamburg. I
Lehrbuch der experimentellen Psychologie von Josef F r ö b e s,
S. I., Professor der Philosophie an der philosophisch-theologischen
Lehranstalt in Valkenburg. Mit 64 Textfiguren und einer farbigen
Tafel. Erster Band. Zweite und dritte, umgearbeitete Auflage.
3. — 6. Tausend. Fr ei bürg im Breisgau, 1923. Herder & Co.,
ü. m. b. H. 630 Seiten.
13. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
921
Schon die erste Auflage des Werkes wurde in dieser Wochen¬
schrift oer beachtung der Kollegen empfohlen. Ausser der gleieli-
massigen Darstellung aller T eile der empirischen Psychologie und
besonnener Zurückhaltung in strittigen Fragen machte sie gerade lur
Jen Arzt die ausgiebige Verwendung physiologischer und pathologi¬
scher latsachen geeignet. Nun liegt von der 2. und 3. Auflage der
erste band, umgearbeitet und durch Berücksichtigung der neuesten
Forschungsergebnisse bereichert, vor. Die in- und ausländische Lite¬
ratur des jahres 1921 ist so gut wie vollständig, die des Jahres 1922
schon ausgiebig verwertet. z.u Ergänzungen, die tür den Arzt von
besonderer Bedeutung sind, hat sich der Verfasser durch folgende Ar¬
beiten veranlasst gesehen: W. Fuchs’ Untersuchungen über das
Sehen der hemianopiker und Hemiamblyopiker; F. W. Fröhlichs
Untersuchungen über die Nachwirkungen des Lichtreizes (Nach¬
bilder); die Versuche Jae lisch’ und E. A. Müllers über die
Wahrnehmung farbloser Helligkeiten und den Helligkeitskontrast und
über den Einfluss farbiger Beleuchtungen (Jaensch); O. Krohs
Arbeiten über Farbenkonstanz und FarDentransformatiou; F. Sch uh-
mai.us Forschungen über die Repräsentation des leeren Raumes
und über die Dimensionen des Sehraumes; die Versuche Benussis,
Linkes, J. Wittmanns über Scheinbewegungen; Urban-
t s c h i t s c h , Ja ent sch u. a. Beobachtungen und Versuche über
Jie Anschauungsbilder der Eidetiker; Ratz' pkychologische Versuche
hat Amputierten; K. Bücklens und P. Villeys Arbeiten zur
Bündenpsychologie. Auch das Neue in der Lehre von den physio¬
logischen Begleiterscheinungen der sinnlichen Gefühle, den Verlage¬
rungen in der Sehfläche, der Sehgrösse, der Uestaltwahrnehmung hat
leben seiner allgemeinen teilweise grosse medizinische Bedeutung.
Lin Ueberblick über die Gesamtheit der neuen Forschungen zeigt,
lass ihre Mehrzahl zu physiologischen und pathologischen Fragen
engste Beziehungen hat.
Die Anlage des ganzen Werkes ist die alte geblieben und kann
in allgemeinen als durchaus zweckmässig bezeichnet werden. Als
hörend emptinde ich nur, dass zwischen den III. Abschnitt „Die
Wahrnehmungen“, und den V. „Assoziation der Vorstellungen“, als
V. die „Psychophysik“ gestellt ist. Er gliedert sich in ein Kapitel
iber „die psychophysische Methodik“, eines über „die Messung der
dmpfindungsintensität. Das Weber sehe Gesetz“ und ein drittes
iber „die Berechnung der Korrelation zwischen psychischen Fähig¬
keiten“. Verfasser selbst sagt in einer Anmerkung: „der vierte Ab¬
schnitt und im besonderen sein erstes Kapitel können ohne wesent-
iclie Störung für den Zusammenhang bei der ersten Durchsicht Über¬
tangen werden. Ich finde, dass man sie übergehen muss, wenn man
’ich den Zusammenhang nicht zerreissen will. F r ö b e s sieht sich auch
tenötigt, schon in früheren Abschnitten auf den IV. zu verweisen,
"'ände dieser also nicht im Anschluss an die Einleitung über „Ziel und
Wege der empirischen Psychologie“ als erster Abschnitt des Werkes
■einen gegebenen, besten Platz? — Für nicht gut halte ich endlich die
Bezeichnung des Werkes als „Lehrbuch der experimentellen Psyclio-
ogie , während es in der Tat nach dem Vorbilde der Physiologie von
I igerstedt „ein etwas ausführlicheres Lehrbuch zur Einführung
n alle I eil e der Psychologie“ sein will und ist. Das sei betont, damit
licht die Furcht vor breiten Darlegungen über das Rüstzeug der
isychologischen Arbeit und einer dürftigen Behandlung des üegen-
•tandes selbst vom Studium des Buches abhalte! Als Ganzes ist das
Werk warm zu empfehlen. Hirt.
Max L o e w y - Marienbad: Dementia praecox, intermediäre
isycliische Schicht und Kleinhirn-Basalganglien-Stirnhirnsysteine.
Berlin, Karger, 1923.
^’ne Zusammenfassung nahezu aller einigermassen ertragreichen
\rbeiten über die Dementia praecox der letzten Jahrzehnte lässt den
Verfasser schliessen, dass die gesamten Störungen der Dementia
iraecox einem gemeinsamen Funktionsbereiche angehören, welches
ds die gemeinsame intermediäre Schicht den unbemerkten
lemeinsamen Unterbau des verschieden gerichteten und auseinander-
■trebenden bewussten Erlebens darstellt. Die Schädigungen der
ntermediären Schicht werden als ein psychisches Korrelat der
on Kleist angenommenen Störungen der Kleinhirn-Basalganglien-
Mirnhirnsysteme betrachtet. Es wird bei den späteren Schizophrenen
anc angeborene Schwäche der entsprechenden Hirnsysteme ange-
lommen, die entweder schon unter dem Einfluss der normalen
-ebensitize oder unter jenem besonderer konstellativer Schädigungen
rkranken. Schwere, Sitz und Ausbreitung der Schädigungen in dem
veiten Gebiete können die Verschiedenheiten der klinischen Bilder
rklären.
Das Buch ist zum mindesten anregend geschrieben und bietet
inen bemerkenswert versöhnlichen Ueberblick über ein sehr weites
iebiet. Dabei handelt es sich aber, wie auch vom Verfasser betont
vird, um nur vorläufige Ergebnisse, die auch in der Art der Dar-
tellung ihren noch unfertigen Charakter verraten. J. Lange.
Therapeutische Technik für die ärztliche Praxis. Ein Handbuch
ur Aerzte und Studierende, herausgegeben von Prof. Dr. Julius
’ c h w a I b e. Geh. San.-Rat. Mit 685 Abbildungen. 6. verbesserte
md vermehrte Auflage. Leipzig 1923, Verlag von Georg Thieme.
reis Grundzahl 26 M. Seitenzahl 1182.
Die Reichhaltigkeit, ja Vollkommenheit, und Zuverlässigkeit der
Darstellung unserer so vielverschlungenem therapeutischen Technik
n dem von Schwalbe mit Hilfe hervorragender Mitarbeiter
herausgegebenen Werk ist an dieser Stelle bei Besprechung der
früheren Auflagen schon wiederholt besonders hervorgehoben worden.
Der immer noch ansteigende Umfang des grössten deutschen Werkes
über therapeutische Technik zeugt von dem trotz allem unermüd¬
lichen Fortschritt unseres Wissens und Könnens. Eingefügt ist ein
Abschnitt „lechnik der Geburtshilfe“ von Jaschke und Siegel -
Giessen, was sicher vielen Abnehmern sehr willkommen sein wird.
Eine etwas ausführlichere Darstellung der Technik der Anwendung
der doch vielfach benützten Vierzellenbäder wäre für die nächste
Auflage willkommen. Auch das Kapitel über die Strahlenbehandlung
ist wieder modernisiert. Hoffen wir, dass in wenig Jahren die
deutschen Aerzte schon eine siebente Auflage sich schaffen können.
Grass mann - München.
r, ,c- Bachem: Arzneitherapie des praktischen Arztes. 3. Aufl.
Urban «Schwarzenberg, Berlin- Wien 1923. 288 S. Gross-8 0
Grpr: 6 M. ungeb.
...L ^1C n,eue Autiage des vortrefflichen Buches enthält 150 neue
Mittel und 30 neue Rezepte. Mit Recht sind zahlreiche von den
neuen Spezialitäten aufgenommenj wenn sie auch nichts taugen, muss
man doch die Möglichkeit haben, sich über ihre Zusammensetzung zu
unterrichten. Sehr dankenswert ist auch, dass im Register die Namen
der Hersteller der Präparate beigefügt sind.
Kersch en steiner.
Pr°L De Bernhard Diirken: Allgemeine Abstammungslehre.
zOo S. Berlin 1923, Verlag Bornträger.
Es handelt sich um eine der üblichen „Widerlegungen“ der Selek-
tionstheorie; alles andere ist mehr oder weniger nur Beiwerk Das
Buch wendet sich „in erster Linie an die weitesten Kreise der ge¬
bildeten Laien . „Diesem Zwecke ist die ganze Darstellung unter¬
geordnet.“ Und in der Tat, es ist nicht nur populär geschrieben, son¬
dern auch populär gedacht. Die ältere Generation der Biologen ist
nach D ur ken grossenteils rettungslos von einem „unkritischen Tra-
ditionalismus“ beherrscht; Dürken selber nach Ansicht des Ref
von den Anschauungen Oskar H e r t w i g s, Paul Kämmerers und
ihrer Parteigänger. Obwohl Dürken äusserlich den Lamarckismus
ebenso wie den Darwinismus ablehnt, ist der Dürkenismus mit seiner
Annahme einer „hologenen Induktion“ nach Ansicht des Ref. doch nur
eine Spielart des Lamarckismus. Wissenschaftliche Bedeutung kommt
der Schrift nicht zu. Lenz.
Zeitschriften-Uebersicht.
Archiv für Verdauungskrankheiten mit Einschluss der Stoff¬
wechselpathologie und der Diätetik. Professor Dr. I Boas- Benin
Band 31, Heft 1,2.
E i n h or n - New York: Ueber die Wirkung verschiedener Substanzen auf
die Leber. (Aus dem Lenox Hill Hospital.)
Nachdem E. einwandfrei nachgewiesen, dass verschiedene Substanzen,
gleichgültig auf welchem Wege sie dem Körper zugeführt wurden, sofern sie
nur im Blutstrom die Leber erreichten, diese zu vermehrter Tätigkeit und
damit zur Produktion einer dunkler gefärbten Galle anregen, benützte er
diesen Befund zur Prüfung der Leberfunktionstätigkeit. Er verwendet dabei
Magnesiumsulfat als Repräsentant der Salze, Pepton, Glukose und Olivenöl
als Vertreter der wichtigsten Nährgruppen zur Feststellung der jeweiligen
Farbenreaktion und damit als Ausdruck der Funktionstüchtigkeit der Leber.
£ 1 z as - Rotterdam: Ueber physiologische alimentäre Hyperglykämie.
Erwiderung E.s auf Offenbachers und Hahns Arbeiten über die
Bedeutung des Alimentärversuches, speziell der glykämischen Reaktion für
die funktionelle Prüfung des Zuckerstoffwechsels Bd. 29 und 30 d. Archivs,
M.m.W. 1922 Nr. 24, veranlasst durch den Irrtum beider Forscher hinsichtlich
einer früheren Arbeit E.s auf diesem Gebiete. Wohl stimmen die Resultate
darin überein, dass die alimentäre Hyperglykämie bei verschiedenen Per¬
sonen ziemlich weit auseinandergehende Zahlen zeigt, jedoch ist E. weder
mit dem von 0. und E. verwendeten Glukosenprobefrühstück einverstanden,
noch auch mit der von beiden Forschern betätigten Verwertung der reak¬
tiven Hypoglykämie, wie er auch schliesslich Bedenken äussert gegen ihren
glykämischen Quotienten.
K 1 a w a n s k y - Berlin: Die Viskosität des Magensaftes im gesunden
und erkrankten Magen. (Aus der inneren Abteilung des Augusta-Hospitals,
Prof. Dr. S c h 1 a y e r.)
Während die Viskosität des Magensaftes im gesunden Magen fast kon¬
stante Werte ergibt, 1,2 — 1,8, ist dieselbe im nüchternen Magensaft ungleich
wechselnder, 1,25 12,8, bedingt durch Schleim, Galle und Blutbeimengung:
jedoch unabhängig von der jeweiligen Azidität. Der Gehalt an verdautem
Eiweiss ist für die Zähigkeit des Magensaftes belanglos, ebenso haben Tem¬
peraturunterschiede von 10 — 35° fast keinen Einfluss. Alkoholprobefrühstück
erhöht infolge seiner schleimproduzierenden Eigenschaft; ebenso häufig auch
Gelatinezusatz sowie Zusatz von Gesamtblut. Bei Karzinom finden sich auf¬
fallend hohe Werte.
De Brufne Ploos van A m s t e 1 - Amsterdam: Gedeckte und pene¬
trierende Magen- und Duodenalulzera.
Glücklich hatten sich Chirurgen und Internisten über die Ulcusbehandlung
auf einer sog. mittleren Linie geeinigt und dadurch gerade auf diesem so
unendlich wichtigen Grenzgebiet die schönsten Erfolge erzielt, da erhebt van
Amstel in vorliegender Arbeit, allerdings gestützt auf einen umfassenden
Literaturnachweis die Forderung, dass in jedem Falle von Ulcus ventriculi
oder duodeni zur Operation zu raten sei. Gewiss, für gedeckte und pene¬
trierende Ulcera Ist dieser Standpunkt sicher der einzig richtige und kann
nicht genug davor gewarnt werden, den Kranken erst siech und erschöpft
dem Chirurgen zuzuführen, aber auch jedes gewöhnliche nicht komplizierte
Ulcus von vornherein chirurgisch zu behandeln, dieser Vorschlag schiesst
denn doch entschieden übers Ziel hinaus, wie auch die weitere Forderung,
jeden Vagotoniker prophylaktisch zur Verhütung des Entstehens eines Ulcus
bzw. zur Heilung eines schon bestehenden, aber noch symptomlosen mit
MONCHENHR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
i>22
Atropin zu behandeln; heutigentags, wo Arzt und Apotheke, infolge der Not !
der Zeit, für breite Schichten unseres Volkes überhaupt schon ein uner- I
schwinglicher Luxus geworden sind. Nein, solche Vorschläge bedeuten keinen |
Fortschritt, sondern tragen nur neuerdings Unruhe und Verwirrung ins ärzt¬
liche Lager. . ... ,. ,
Ammon -Freiburg i. Br.: Sektionsbefund an einem Vegetarier. (Aus dem
patholog.-anatomischen Institut.) I
Soweit aus einem Falle Schlüsse gezogen werden können, ergibt sielt
aus vorliegendem Befund unter Benützung der einschlägigen Literatur, dass
ein ungestörtes Kraft- und Stoffwechselgleichgewicht bei streng vegetabilischer
Kost nur dann gewährleistet ist. wenn dabei ausgiebige körperliche Be¬
wegung möglich. Vegetarische Kost setzt den Fettansatz herab und ver¬
hindert das Auftreten von dicht. Ueberwiegende Kohlehydratnahrung ver¬
ringert die Immunität gegen Eitererreger. Vegetarische Lebensweise erweitert
nicht nur den Magen, sondern führt auch zur Dehnung und Verlängerung des
Dickdarms. Die in den Vegetabilien enthaltene Oxalsäure birgt die Gefahr
von Oxalurie und damit von Oxalatsteinen in sich.
Olässner und Loew-Berlin: Beitrag zur medikamentösen Behand¬
lung der Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre. (Aus dem Ambulatorium
der 111. ttied. Klinik, Prof. Chvostek.)
Ol. und L. haben eine Pmhe von klinisch und radiologisch sichergestellten
Magen- und Duodenalgeschwüren mit verdünnter Laugenlösung behandelt
(2 stündlich 1—2 Esslöffel einer 4 prom. Laugenlösung mit Aqu. Menth.) und
von 25 Fällen 19 klinisch geheilt, so dass die hier beschriebene Therapie als
erfolgreich alle Nachahmung verdient.
R o b i t s c h e k - Wienr Magengeschwür lind Nierenfunktion. (Aus der
1. med. Abt. Krankenhaus Wieden in Wien, Prof. Dr. Sternberg.)
Es finden sich bei manchen Kranken mit Ulc. ventr. Störungen der
Nierenfunktion, bei denen mangels jeder anderen Ursache ein Zusammenhang
mit dem Magengeschwür, als eines infektiösen toxischen Prozesses, anzu¬
nehmen ist. Eine Besserung der Funktion der Nieren konnte R. im Gegensatz
zu den Untersuchungen von Le N o i r, Rächet und J a c q u el i n. selbst
nach Resektion des Geschwürs nicht beobachten.
G r a e f - Neuendettelsau: Endothelsarkom des Jejunums als Ursache
einer retrograden Invaginatlon. (Aus dem Krankenhaus der Diakonissen¬
anstalt Neuendettelsau.)
Bericht über einen Fall von Endothelsarkom des Jejunums, das eine etwa
handbreite retrograde Invagination zur Folge hatte und durch Resektion ge¬
heilt wurde. A- Jordan- München.
Zentralblatt für Chirurgie. 1923. Nr. 25.
J. W y m e r - München: Modifikation der operativen Behandlung des
Hallux valgus. , . ' .
Das Prinzip ider neuen Methode des Verfassers besteht m einer Ent¬
fernung der „Exostose“, Verlängerung der Sehne des Extensor hall. long. um
1 — 1 '/> cm nach treppenförmiiger Durchtrennung und querer Naht des
medialen Seitenbandes und der Haut. Die Methode ist kurz mitgeteilt. Nach
8 Tagen kann der Kranke bereits aufstehen.
Alb. B a e r - St. Gallen: Vakzinationsbehandlung der Zystitis.
Verf. hat sehr gute Erfolge mit der Autovakzinebehamdlung bei der
infektiösen Zystitis gesehen; die Herstellung der Vakzine erfolgt so. dass bei
jedem einzelnen Fall die Kulturen bei 65" abgetötet und durch Zusatz von
1 proz. Karbollösung haltbar gemacht werden. Injektion alle 2—3 Tage auf
die Dauer von 4 — 6 Wochen. Verf. hat selbst hartnäckige Fälle von Zystitis
nur mit dieser Behandlung geheilt. Durch die Vakzinetherapie wird der
bereits sehr geschwächte Organismus zu neuer Immunitätsreaktion angeregt,
die er bei langen Eiterungen verloren hat. Besonders bei Zystitis infolge
Blasenlähmung leistet diese Therapie wertvolle Dienste.
Osk. Orth- Homburg (Saar): Operatives Vorgehen bei den rachitischen
Verkrümmungen.
\An 6 Abbildungen demonstriert Verf. seine Methode, die darin bestellt,
dass er ohne Blutleere den rachitischen Knochen aus seinem Zusammenhang
herausnimmt und dann den vorher exakt abpräparierten Periostschlauch
wieder vernäht. Die Ossdfikationsprozesse setzen sehr frühzeitig ein; funk¬
tionell wie kosmetisch ist der Erfolg recht gut.
E: Makai-Pest: Zur Indikation und Art der Wirksamkeit der peri-
arteriellen Sympathektomie.
Bei einem 9 jähr. Knaben, bei dem wegen Frostgangrän im Unken
Chopart sehen Gelenke die Exartikulation gemacht worden war. heilten
die Stumpfgeschwüre erst, nachdem an der linken Art. femor. in einer Länge
von 8 cm die Adventitia entfernt worden war. Bei einem anderen Knaben
mit 14 Jahren mit Lähmung des rechten Beines nach Poliomyelitis und
trophischen Geschwüren am Fuss brachte die erste Sympathektomie keinen
Erfolg; 2 Monate später brachte der gleiche Eingriff an derselben Stelle nach
4 Tagen schon Heilung. Woher das Rezidiv kam, lässt sich noch schwer
erklären, vielleicht durch eine sich allmählich entfaltende Automatie der
Gefässe nachdem ein Wiederaiuswaohsen der Sympatbikusfasern doch sehr
fraglich ist und neue Kollateralbahnen des Sympathikus in diesem Falle sich
nlicht fanden.
L. K i r eh m a y r - Wien: Zur Operation der Mastdarmfistel.
Bei allen tiefergehenden Fisteln, wo nach Exstirpation des Fistelganges
ein grösserer Hohlraum zurückbleibt oder die Darmwand selbst infiltriert ist
und sich zur Etagennaht nicht eignet, schlägt Verf. lange, gestielte Fettlappen
aus den Glutäen in die Wundhöhle ein, so dass diese ganz ausgefüllt ist und
kelin toter Raum zurückbleibt, und versohliesst die Hautwunde durch tief¬
greifende Nähte. An 1 Fall ist diese einfache Methode kurz beschrieben.
Ludw. Adam-Pest: Idiopathische Choledochuszyste.
Verf. schildert den seltenen Fall einer idiopathischen Choledochuszyste;
wichtig ist. dass man nicht eine äussere Fistel zuerst anlegt, sondern eine
Kommunikation der Zyste mit dem Darm in Form einer Choledocho-Jeiuno-
'stomie, damit die Galle sich durch den Darm entleeren kann. Durch diese
Operation kann ein solcher Kranker in einer Sitzung geheilt werden.
A. J u r a s z - Posen : Die Choledocho-Duodenostomie als Methode der
Wahl zur Drainage der tiefen Gallenwege.
Bei Miterkrankung der tiefen Gallenwege, wo die K e h r sehe Hepatikus-
drainage keine dauernde Ausheilung garantiert, empfiehlt Verf. die Anlegung
einer Anastomose zwischen Choledochus und Duodenum, deren Icchnik er
kurz beschreibt. Er sieht in dieser Operation die Methode der Wahl zur
Drainage der tiefen Gallenwege, die weiteste Verbreitung verdient.
E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf.
Archiv für orthopädische und Unfallchirurgie. Ud. 21, Heft 1 u. 2.
Heft 1. T h o m a s - Berlin: Die Erftwicklung der orthopädischen Ver¬
sorgung der Kriegsbeschädigten.
Eingehende Darstellung der Organisation zur Versorgung mit künstlichen
Gliedern usw., wie sic vom Reichsarbeitsministoriuni gewährt wird.
Philipp E r I a c h e r - Graz: Zur Entstehung der angeborenen Plexus-
oder Schulterläh inuiig.
Hält jede üeburtslälirming für eine durch Beeinträchtigung der Nerven- ■
leitung bedingte echte Lähmung. In vielen Fällen erfolgt die Schädigung
nicht während der Geburt, sondern sclion intrauterin durch Anpressen der j
Schulter gegen den Hals und Druck gegen den Plexus.
Georg Magnus und J. Dnken-Jena: Ucber Raehitlsbehandlung.
Die Korrektur der Deformitäten soll geschehen, ehe der Knochen erstarrt
und stabil geworden ist und nachdem das erste floride Stadium abgeheilt ist. ;
ln diesem Höhensonnenbestrahlung, die auch nach der Korrektur im Gips
fortgesetzt wird.
Rudolf Kuh -Prag: Ueber angeborene Amputationen.
Beschreibung zweier Vorderarmamputationen, die Kurzstumpfprothesen
erhielten.
Julius Ha ss- Wien: Die Insufficientia vertebrae (Schanz) und ihre
anatomischen Grundlagen.
Das Symptombild der Insuffizienz wurde von 100 Fällen in 78, also in
V\ der Fälle, durch Röntgenbilder als sehr verschiedenartige Krankheitsformen
erklärt, so als traumatische Veränderungen, Spondylitis tuberculosa. Wirbel-
maiazie, Kyphosis dorsalis juvenilis, Spondylitis ankylopoetica, Spondylitis
deformans usw. Er sieht deshalb die Insuffizienz als kein eigenes Krank¬
heitsbild an. •
L. K i r c h rn a y r - Wien: Eine typische, durch Muskelzug entstandene
Abrissfraktur der unteren Hals- und oberen Brustwirbeldornen.
Entweder durch Aufheben einer Last aus vornübergebeugter Stellung
oder durch Vorwärtsziehen eines schwer beladenen Bleches, das plötzlich
stecken blieb und mit plötzlichem Ruck angezogen wurde, entstanden.
E. S e i f e r t - Würzburg: Physiologische Reposition von Extremitäten¬
frakturen.
Reposition und Retention . geschehen in Semiflexion, um ein Muskel-
gleich, gewicht herzustellen. Die Reposition erfolgt in dieser Lage allmählich
unter individuell gestalteter Extension schonend und automatisch. Bilder ver¬
anschaulichen die Wirkung der Methode bei verschiedenen Frakturformen.
Richard Drachter - München: Die Beurteilung der tatsächlichen und
scheinbaren Verkürzungen und Verlängerungen der unteren Extremität.
Eine prinzipielle Untersuchung, in der an der Hand eines Modells die
Verhältnisse klargestellt werden.
Paul Q r a f - Neumünster: Bildung eines neuen Hüftgelenks mit Hilfe der
plastischen Kräfte des Knochens.
Bei einer einseitigen, nach früherer Reposition nach oben und hinten
rcluxierten Hüftluxation wurde der Kopf blutig nach vorn gebracht und es
bildete sich durch den Reiz ein deutliches Pfannendach aus. ln einem
zweiten doppelseitigen Fall gelang es wegen Verkürzung der Muskeln nicht,
den Kopf genügend nach vorn zu bringen, weshalb der Erfolg ausblieb.
Hermann L o h m e y e r - Hannover: Ueber vollständige Zerrelssung des
Nervus ischiadicus bei subkutaner Oberschenkelfraktur.
Bericht über einen Fall, bei dem trophische Störungen bestanden, die zur
Entfernung einiger Zehen führten. 4 Jahre nach Verletzung Naht des
Ischiaidikus mit teilweiser Wiederherstellung der Funktion bereits nach 2 Mo¬
naten bei der Entlassung.
0 u i r i n - Zwickau: Ein kleiner Kunstgriff für die Behandlung alter
X-Beine. •
Nachkorrektur nach Redressement des X-Beines nach 8 Tagen im Gips*
A. L e h r n b e c li e r - Nürnberg: Die Vorteile der Fibulaköpfehenexstir¬
pation bei Unterschenkelamputation nach persönlichen Erfahrungen.
Ausschaltung der häufigen Druckstelle, Schaffung neuer Stützfläche. Ver¬
hinderung des Abrutschens der Prothese bei supramall. Absetzung.
H. Glasewald - Elbing: Die Maulscliellenbewegung des Fusses und
ihre Bedeutung für die Orthopädie der Beinverkürzungen.
Da sich bei stärkerer Spitziussstelluiig der Fuss in Adduktion-Supination
stellt, also in die Maulschellenstellung, gibt der Verf. bei höheren Graden von
Beinverkürzung (über 5 cm) eine Erhöhung des äusseren Randes der Solde
des Vorfusses, um das Umkippen nach aussen zu verhüten und den Gang
zu verbessern.
Tsing Yü-Peking: Die anatomischen Veränderungen des Talus beim
Klumpfuss und die therapeutischen Resultate der Talusexstirpation.
Wegen der starken Deformierung des Talus bei älteren und schweren
Klumpfüssen tritt der Verf. in solchen Fällen für die Talusentfernung ein.
In 3 operierten Fällen war die Fussform gut, es entstand durch die Ent¬
fernung des Knochens eine kleine, unvermeidliche Verkürzung des Beines, die
Beweglichkeit und der Gang waren gut.
Walther M ü 1 I e r - Marburg: K ö h I e r sehe Erkrankung des Os navi-
culare mit gleichzeitigem Schwund des einen Hüftgelenkkopfes bei Lues con¬
genita.
Schilderung des Falles. Annahme eines Zusammenhanges der beiden
Erkrankungen mit der Lues.
Klaus v. D i 1 1 r i c h - Innsbruck: Ueber die Entstehungsursache des
Hallux valgus.
Erklärt das Leiden als durch das aussenrotierte, abduzierte Autsetzen
des Fusses beim Gehen bedingt. Es besteht dabei fast stets noch ein Platt-
knickfuss und ein Genu valgum. Von den vielen empfohlenen Operations-
inetl\oden sieht er die von Lu dl off und Hohmann als die physiologi¬
schen an, mit denen er gute Resultate erzielte.
Technischer Anhang. J. F u c h s - Baden-Baden : Die Streifenteelmik
für direkt am Körper modellierbare Stalil-Lederapparate.
Eingehende Schilderung der Technik der Herstellung dieser einfachen
und leichten Apparate.
Alexander ü u t f e 1 d - Baden-Baden: Beiträge zur Behelfstechnik.
Technische Bemerkungen.
Heft 2. Festschrift für Karl C r a m e r - Köln (60. Geburtstag).
Hermann Q o c li t - Berlin : Karl C r a in e r. Lebensbild und Verzeichnis
seiner Arbeiten.
Fr. D u n c k e r - Brandenburg: Partieller Riesenwuchs und angeborenes
Aneurysma. ,
Schilderung eines Falles von partiellem Riesenwuchs des rechten Fusses
13. Juli 1023.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
und Unterschenkels mit Blauverfärfrnng der Haut von Geburt an mit Aneu¬
rysma der Art. femoralis und iliaca externa.
H. (iör res - Heidelberg: Zur Technik der Schulterarthrodese.
Zur Erzielung völlig knöcherner Vereinigung Anfrischung der Unterflüche
des Akromion und des Tuberculum inajus, der Gelenkfläche von Kopf und
Pfanne. Entfernung überschüssiger Kapselteile, die sich einklemmcn könnten,
Abwärtsbiegen bzw. Einknicken des Akromion zu guter Berührung mit dem
Humerus und 2 Drahtnähte durch Kopf und Pfanne und Akromion und Humerus
bei richtiger Einstellung des Kopfes in die Pfanne.
M. H a c k e n b r o c h - Köln: Beitrag zur Aetiologie und Pathologie der
Osteochondritis deformans coxae Juvenilis.
Bericht über 15 Fälle, 5 mal nach Trauma, 3 mal mit angeborener Hiift-
iuxation, -1 mal nach bakterieller Infektion, 27 mal mit Coxa vara rachitica.
Im Verlauf der Erkrankung gleitet die K'opfkappe nach oben aussen ab. Ver¬
änderungen der Pfanne fast stets vorhanden.
M. H a c k e n b r o c h - Köln: Olliersche Wachstumsstörung. —
Chondromatose des Skeletts.
Mitteilung von 3 Fällen, bei denen die Veränderungen nicht wie bei
W i 1 1 e k nur auf eine Körperhälfte beschränkt waren, sondern als mehr
allgemeine Chondromatose äuftraten, wie die meisten derartigen Fälle, so dass
die Abgrenzung einer sog. O I li e r sehen Krankheit atozulehnen ist.
M. II a ckenbroeh - Köln: Zur kongenitalen Wirbelsäulenverkiirzung.
An der Hand einiger Fälle tritt er für die Auffassung ein, dass es sich
wohl sehr oft um einen exogenen Ursprung (Raumbeengung im Uterus) handle
und die Wirbeldeformität sich erst sekundär entwickle.
Kochs -Köln: Ueber Statistik, Aetiologie und Therapie des angeborenen
kliiuipfusscs vor und nach dem Kriege.
Zunahme des Klumpfusses und Abnahme der Hüftverrenkung vielleicht
durch Zunahme der Knabengeburten. Aetiologisch Keimesvariation und
mechanische Einflüsse, vielleicht Vererbung. Mechanisch spielt die häufigere
Pathologie der Schwangerschaft eine Rolle. Die Therapie kann nicht ein¬
heitlich sein. Ablehnung des einseitigen Standpunktes von S c h u 1 1 z e so¬
wohl wie der blutigen Operateure.
Fritz Kroh-Köln: Gelenkkapsel und Gelenkmäuse in einem Falle von
Arthritis deformans-adhaesiva.
Beschreibung eines interessanten Falles, der ganz plötzlich ohne Trauma
entstand, eine hochgradige Entwicklung nahm und bei dem schliesslich das
ganze Kniegelenk von einer grossen Zahl von z. T. sehr grossen, knorpeligen,
freien Körpern erfüllt war. Entfernung derselben und auch der hochgradig
veränderten, Mausnester bergenden Gelenkkapsel. Guter funktioneller Erfolg.
H. Landwehr- Köln : Zwei Beiträge zur Aetiologie der Osteo¬
chondritis juvenilis.
Trophische und mechanisch-traumatische Ursachen konnten in 2 Fällen
nachgewiesen werden.
Josef Müll er -Köln: Zwei Fälle von Zehennekrose im Anschluss an
Osteotomie am Unterschenkel.
Ein anämisches Kind und ein Fräulein mit angioneurotischen Störungen
der Zehen und Finger. Offenbar infolge mangelhafter Durchblutung.
Ludwig R o e r e n - Süchteln : Kniemobilisation im Kindesalter?
Die Prognose ist nicht so ungünstig wie vielfach angegeben wird. Zu
bedenken ist die unvermeidliche Beeinflussung der Wachstumszonen durch die
Operation. Weitere Verfolgung der Fälle muss darüber endgültige Klarheit
schaffen.
Ludwig R o e r e n - Süchteln: Rundrücken.
Behandlung des starren Rundrückens mit Gipskorsett, in das Filzstreifen
wie bei Abbott eingeschoben werden, während die Brust frei bleibt, um
sich durch Atemgymnastik zu entwickeln. Nach 6 — 8 Wochen Gymnastik.
Schlaffe Formen werden nur mit Aufrichteübung und einem starren Gerade¬
halter mit Feder um den Hals und Armkrücken zum Zurückbringen der
Schultern behandelt.
A. W Le m e r s -Köln: Parallelverschiebung, eine neue Behandlungsart
bei Osteotomien.
Um Bajonettstellung zu verhüten, verschiebt er nach der vollständigen
Durchtrennung des Knochens den peripheren Abschnitt mit der Hand so. dass
die gerade Achse hergestellt ist. Holtmann - München.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 25.
S e 1 Lh e im - Halle: „Metroendometritis“ und „Metropathie“.
Um etwas mehr Klarheit in die Fülle der unter diese Bezeichnungen
subsumierten Krankheitsbilder zu bringen, teilt Seil he im folgender-
ntassen ein: Baustörung, d. h. Störung des Baus von [Uterusschleimhaut und
-wand Metropathia organica — , z. B. aus Infektion oder durch Retention
von Abortresten, meist mit Beeinträchtigung des Menstruationszyklus.
Schmerzempfindlichkeit. Auf der anderen Seite die reine Funktionsstörung,
Betriebsstörung ohne Baustörung — Metropathia functionalis • — , z. B. aus
Missbrauch der Frauenorgandsation = parachrestica, etwa e coitu interrupta,
klinisch zeigt sich unregelmässige Periode, Dysmenorrhöe, Ausfluss, Bau- und
Betriebsstörungen zeigen Kombinationen und Uebergänge aller Art. Die eine
und die andere kann primär sein. Besonders bedauerlich ist, wenn eine
funktionelle Metropathie schliesslich in Uterusexstirpation endet. — Teil¬
nehmende Worte widmet der Leiter der Halleschen Klinik der modernen Vita
sexualis der Frau, sie ist zu sehr geknechtet und oft abnorm. Die heutige
Entwicklung hindert leider Einhaltung der optimalen Bedingungen für die Fort¬
pflanzungsfunktion der Frau.
K. Wohlgemuth (Rud. Virchow-Krankenhaus Berlin): Ueber Tetanus
puerperalis.
Entgegen Simon scheint dem Verf. die Infektion mit Tetanus vom
Darm aus wahrscheinlich, in Uebereinstimmung mit Freund. Verf. fand
bei 27 Fällen der Literatur aus den letzten 25 Jahren, dass Tetanus nur nach
Bauchoperationen, nie nach aseptischer Kopf-, Brust- oder Extremitütcn-
operation aufgetreten. Neuere Untersuchungen (Tennbroek und Bauer)
ergaben bei 78 Personen in 34 Proz. virulente Tetanuskeime in den Fäzes.
Er empfiehlt daher bei Bauchoperationen, die mit schwerer Darmschädigung
oder -eröffnung einhergingen, sowie bei kriminellem Abort prophylaktische
Schutzimpfung.
H. Ncvermann (Univ.-Frauenklinik Hamburg): Epiploitis.
Dte Epiploitis ist ein seltenes Krankheitsbild, weshalb meist die Diagnose
auf Erkrankung von Appendix, Ovar oder auch der Gallenblase gestellt wird.
Es ist aber an sie bei immer wiederkehrendem Schmerz an umschriebener
Stelle zu denken. Eine 23 jährige Kranke, bei der schon Appendix und linke
Adnexe entfernt waren, wurde auf Wunsch nach 'mehrwöchiger konservativer
Behandlung wegen konstanter Schmerzen im rechten Abdomen operiert.
Verf., der ebenfalls die Diagnose nicht gestellt, fand einen hühnereigrossen
Netztumor an der dem Sehrrterzpunkt entsprechenden Stelle. Inhalt steriler
breiiger Eiter.
II. H e 1 1 e Ti d a 1 1 - Düsseldorf: Zur Aetiologie der blutigen Verfärbung
des Nabels bei Extrauteringravidität.
Das C u 1 1 e n - H e 1 1 e n d a 1 1 sehe Zeichen, wonach bekanntlich bläu¬
liche Verfärbung des Nabels infolge Durchschimmerns von freiem Blut in der
Bauchhöhle bei rupturiertem Tubarabort — allerdings nur bei gleichzeitiger
Nabelhernie — auftreten kann, besteht zu Recht. S t r u b e hat Unrecht,
wenn er es auf Phlebektasie der Nabelvenen zurückführt. Denn sowohl
Verf. als andere Operateure haben diese Verfärbung des Nabels gesehen und
dann bei Laparotomie autoptiseh das freie Blut in der Bauchhöhle feststellen
können. Verf. macht weiterhin Vorschläge, wie man auf optischem Wege,
durch Einführen einer Lichtquelle in die Vagina oder vielleicht durch seit¬
liche Beleuchtung bei verdunkeltem Zimmer, den durch die rupturierte Extra¬
uteringravidität verursachten Bluterguss diagnostizieren könne.
F. Sieber (Staatl. Frauenklinik Duuzig-Langfuhr): Ovarialkystome als
Geburtshinderiiis.
Verf. beschreibt 2 Fälle von Ovarialkystom, die die Geburt komplizierten.
Im einen Falle wurde die Kreissende mit vor der Vulva liegendem kindskopf-
grossem Kystom eingeliefert; es wurde der Stiel abgebunden, das infolge der
Presswehen abgestorbene Kind durch Perforation entwickelt und der ver-,
mutlich durch die Forzepsversuche verursachte grosse Scheidenriss genäht.
Im anderen Falle wurde der vom einliefernden Arzt ausgesprochene Verdacht
auf Uterusruptur bestätigt, der Uterus mit dem sich hinter ihm findenden, teil¬
weise im kleinen Becken eingeklemmten kindskopfgrossen Kystom entfernt.
Heilung in beiden Fällen. Verf. schliesst, dass man zuerst zu reponieren
versuchen soll, dann vaginale oder abdominale Ovariotomie, forzierte Ent¬
bindungsversuche sind gefährlich, ebenso Punktion der Zyste vom hinteren
Douglas aus. Robert Kuhn- Karlsruhe.
Archiv fiir Kinderheilkunde. 72. Band. 4. Heft.
Rudolf K o China n n - Freiburg i. B.: Ueber die klinische Bedeutung der
hätnoklasischen Krise im Kindesalter.
Die hämoklasische Krise W i d a Ls fällt beim lebergesunden Kinde jen¬
seits des ersten Lebenshalbjahres negativ, beim leberkranken Kinde deutlich
positiv aus. Beim jungen Säugling ist die proteopexische Leberfunktion
wahrscheinlich nur ungenügend ausgebildet; nach Eintritt der Krise kommt
bei ahm nur eine 4 ständige „Immunität“ zustande ; beim älteren Säugling
und im späteren Kindesalter dauert sie mindestens 8 Stunden. Die Leber
des schwer ernährungsgestörten Säuglings ist in ihrer entgiftenden Funktion
so stark geschädigt, dass die hämoklasische Krise auch nach Nahrungspausen
von weniger als 4 Stunden positiv ausfällt. Diese Erscheinung dürfte klinisch
verwertbar sein.
Elli M a r q u a r d - Rostock: Ueber Anaemia pseudoleucaemica infantum
(von J a c k s c h - H a y e m) bei Zwillingen.
Die N a e g e 1 i sehe Lehre, dass die J a c k s c h sehe Anämie nur eine
biologische Variante einer beliebigen sekundären Anämie sei, wie sie nur in
den ersten Lebensmonaten möglich ist, wird anerkannt mit dem Zusatz, dass
bei Zwillings- und FamiFenanämien neben dieser durch das Alter hervor¬
gerufenen biologischen Variante auch eine spezielle, das Keimplasma, insbe¬
sondere das Mesenchym treffende, oft familiär auftretende Konstitutionsstörung
vorliegt.
T c b b e - Oldenburg: Ueber den hemmenden Einfluss von Luesflocken
auf die Saponinhämolyse.
Der hemmende Faktor, das Cholesterin muss vornehmlich in den Flocken
vorhanden sein. Dieses Cholesterin entstammt dem Cholesterin des Extraktes.
Josef R e y - Heidelberg: Die praktische Bedeutung der postpleuritischen
Skoliose im Kindesalter.
Nicht nur Empyem, sondern auch einfache unkomplizierte Pleuritis kann
die Ursache von Thoraxdeformitäten und Skoliosen sein. Die Schwierigkeit
einer Korrektur der einmal fixierten Deformität rechtfertigt ihre rechtzeitige
Behandlung und vor allem Prophylaxe, die in Anlegung eines Gipsverbandes
nach Art des A b b o t sehen zur Aufrcihtung des Thoraxes, in systematischen
Atemübungen, in der Klapp sehen Kriechtherapie besteht.
Paul W i d o w i t z - Graz: Klinische Beobachtungen über Masern.
Klinische Ausnahmefälle werden kritisch betrachtet. Indirekte
U c b e it t r a g u n g durch dritte Personen oder Gegenstände kommt nur
insoweit in Betracht, als eine dritte Person eine infektionsbeladene Luftwelle
mit sich auf eine beschränkte Strecke fortführend auf ein zweites Kind über¬
trägt und es so infiziert. Verstärkter Luftzug kann ähnlich wirken. Die
Häufigkeit von mehrmaliger Erkrankung wird bestritten. In¬
kubationszeiten konnten von 10 — 18 Tagen beobachtet werden. Die
relative Immunität der ersten 4 — 5 Lebensmonate wird bestätigt. Als
Haftungsreaktion des Organismus auf das eingedrungenc Masernvirus
wird von einer 1 — 2 Tage dauernden Fieberzacke bis 38 °, von fieberhafter
Pharyngitis und von Koryza berichtet. Zur Unterscheidung echter Masern-
Kopliks wird angeführt, dass die unechten Kopliks meist in der Einzahl Vor¬
kommen und im allgemeinen sich um den Ausführungsgang des Ductus Steno-
nianus gruppieren. Die Masern schwächen gleich wie die Antikörper¬
bildung bei Tuberkulose so auch die Resistenz bei einer darauffolgenden
Diphtherieinfektion. Die A n z e i g e p f Li c h t bei Masern ist anzustreben.
Referatenteil: Felix S c h 1 e i s s n e r - Prag: Adenoiditis chronica.
Hecker- München.
Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 78. Band, 1. — 2. Heft.
F. S t e i n - Frankfurt : Ein Fall von Schlaflähmiing des Plexus brachialis
nach Einnahme von Schlafmitteln.
Ein Mann, dessen rechte Seite von Geburt an etwas schlechter als die
linke entwickelt war, erlitt nach Einnahme einer zu grossen Dosis eines un¬
bekannten Narkotikums mit anschliessendem 19 ständigem Schlafe eine voll¬
ständige schlaffe Lähmung des rechten Armes mit Anästhesie bzw. Hypästbesie
in Bezug auf alle Empfindungsqualitäten. Ausgenommen war eine Partie an
der Innenseite des Oberarms. Sämtliche vom Plexus brachialis versorgten
Muskeln waren beteiligt, am stärksten aber der Deltoideus, wohl auf Grund
direkter Druckschädigung, betroffen; der Trapezius, Levator scapulae und die
Rhomboidei blieben verschont. Die Sensibilitätsstörungen bildeten sich bald
924
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
1
Nr. 28.
zurück. Die Ausfälle in der Bewegung blieben längere Zeit bestehen, auch
schloss sich eine deutliche Muskelatrophie daran an.
L. Benedek und K. C s ö r z - Debreczen: Zur Frage der extrapyra¬
midalen Bewegungsstörung.
Es werden 4 Fälle von Huntington scher Chorea mitgeteilt, aus
einer Generation, deren Familiengeschichte durch 2 Jahrhunderte hin sich ver¬
folgen liess. Die Krankheit scheint im erbbiologischen Zusammenhang mit
Epilepsie, Migräne, Linkshändigkeit und Enuresis zu stehen. Die Analyse
der Bewegungsstörungen, die im Schlafe ganz aufhören, weist auf den extra¬
pyramidalen Sitz der Schädigung hin und lässt sich teils durch Ausfall, teils
durch Ataxie der subkortikalen Hilfsinnervation erklären. Die Tatsache,
dass im Schlafe manchmal gruppenweise Bewegungen, anscheinend durch
Traumtatsachen hervorgerufen, auftreten, sprioht für die Beteiligung eines
psychischen Faktors. Weiter werden Fälle von amyostatischem Symptomcn-
komplex, Chorea chronica nach Lues cerebralis, Chorea mollis und allge¬
meiner kongenitaler Athetose mitgeteilt und durch Abbildungen illustriert.
L. Benedek und P. Golden b erg: Tremophilie und thyreotoxische
Konstitution.
Idiopathischer Tremor, dem Stammbaum nach in direkter und homologer
Vererbung.
K. M e y 1 a n - Stettin: Ueber spontane diffuse Meningealblutungen.
Plötzlich einsetzende diffuse Blutung aus den kleinsten üefässen und
Kapillaren des Gehirns und Rückenmarkes ohne Gefässruptur. Als Ursache
wird in dem einen Fall eine konstitutionelle Schwäche oder Ueberempfind-
lichkeit des Nervensystems und besonders des Gefässnervensystems ange¬
nommen, während bei einem 2. Fall ausser dieser noch vorausgegangene Lues
in Betracht kam.
L. Benedek und P. Goldenberg: Huntington und Migräne.
Familiäre Kombination beider obengenanntre Erkrankungen.
L. Benedek - Debreczen: Ein pathologischer Fascia-cruris-Reflex.
Durch Schlag auf den vorderen Fibularrand und medial vom Bauch des
M. extensor digitorum longus in der Halbierungslinie der Streckseite des
Unterschenkels tritt eine Plantarflexion des Fusses ein, wenn die Achilles¬
sehne mässig gespannt ist. Dieser Reflex ist nur bei dem spastischen
Symptomenkomplex auszulösen, erscheint hier aber oft früher als die am
häufigsten sonst vorkommenden Reflexe wie Babinski, Mendel, Bechterew
und Rossolimo.
A. W a 1 1 g r e n - Stockholm: Ueber Schmerzen bei Kaudatumoren.
Bei Kaudatumoren treten die Schmerzen oft nachts, d. i. im Liegen,
ausserordentlich heftig auf, während sie in aufrechter Haltung verschwinden
oder erträglicher werden. Die Tatsache, dass bei Vermehrung der Lenden¬
wirbellordose die Schmerzen abnehmen, ist dadurch zu erklären, dass durch
diese Haltung der Rückgratskanal etwas verkürzt wird; dadurch erschlaffen
die im Kanal verlaufenden Wurzeln der Cauda equina, die sonst durch den
Tumor gestreckt werden.
G. B y c h o w s k y - Wien: Ueber einen Fall von periodischer Schlaf¬
sucht mit anatomischem Befund.
Bei diesem Fall fand sich ein Endotheliom der Dura mater. welches
ausser allgemeinen Druckerscheinungen, das Corpus Striatum der gleichen
Seite verdrängt hatte, den N. caudatus, das Putamen und Pallidum und auch
den Thalamus opticus geschädigt hatte. Die bisher bekannte Kasuistik lässt
einen Zusammenhang von Schlafsucht mit Schädigungen des Tuber cinereum
oder der Hypophyse vermuten.
E. S c hu 1 1 z e - Bonn: Bemerkungen zur Lehre von den Sehnenreflexen
(Eigenreflexen der Muskeln nach H o I i m a n n),
Verf. tritt für die Beibehaltung der alten Bezeichnung „Sehnenreflexe“
ein und stellt eine in die Literatur übergegangene Behauptung L e w a n -
dowskis und Pophals, er habe das Vorhandensein von Sehnen- und
Periostreflexen im Gebiete der Gesichtsmuskeln geleugnet, richtig. Die von
P o p h a 1 veröffentlichten Versuche mit Kurare zum Beweis der Reflexnatur
der Westphal-Erb sehen Phänomene wurden vom Verf. und Für-
b r i n g e r bereits im Jahre 1875 angestellt. Renner- Augsburg.
Archiv fiir experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 96. Bd ,
6. Heft.
Cloetta und W ü n s c h e - Zürich: Ueber die Beziehungen zwischen
chemischer Konstitution proteinogener Amine und ihre Wirkung auf Körper¬
temperatur und Blutdruck.
Das Fieber bei Infektionskrankheiten ist bedingt durch Abbauprodukte,
die aus Körpereiweiss oder den Bakterien stammen. Ueber die Natur dieser
Substanzen, über die Eigenschaften, die sie besitzen müssen, um Fieber zu
erzeugen, wissen wir nichts. Nur Versuche mit reinen Substanzen können
uns hier weiterbringen. Die Verfasser gingen von möglichst einfachen,
kristallisierten und genau definierten Substanzen aus, aliphatischen und
aromatischen Körpern, die beim Eiweissabbau entstehen und untersuchten
ihre Wirkung auf Temperatur und Blutdruck. Es zeigte sich, dass nicht nur
durch Albumen und Peptone, sondern durch viel weiter abgebaute, relativ
einfache Amine Fieber und erregende Wirkung auf die Zirkulation erzeugt
werden können. Je nach den Eigenschaften des betreffenden Amins können
Fieber und Pulszahl ganz verschieden sich verhalten. Aus der Bildung und
Kombination der Wirkung zahlreicher Amine ist der wechselnde Symptomen¬
komplex der fieberhaften Infektionskrankheiten erklärlich. Auch in der Frage
der unspezifischen Eiweisstherapie wird der hier eingeschlagene Weg syste¬
matischer Untersuchungen mit kristallisierten Körpern grössere Klarheit
schaffen.
H e u b n e r - Göttingen: Menthol als Beispiel eines erregenden Giftes.
Verf. wollte die Frage entscheiden, ob Erregungen, die wir als Folgen
von Giftzufuhr kennen, immer nur auf Steigerung der Erregbarkeit für die
normalen Reize zurückzuführen sind, oder ob körperfremde chemische Sub¬
stanzen auch als solche unmittelbare Erregungsmittel sein können, durch
ihre Gegenwart die Erregung auslösen, wie etwa ein elektrischer Strom.
Durch eine besondere Versuchsanordnung, die jeden anderen Reiz ausschloss,
fand er, dass Menthol auf der Schleimhaut der Mundhöhle allein durch seine
Ggenwart zur Erregung der Kälteorgane führt.
W. Storm van Leuwen und A. v. Szent G y ö r g y i - Leiden:
Ueber die Verstärkung der Giftwirkung bei Versuchen an überlebenden Or¬
ganen. I. Teil.
Dieselben: II. Teil.
Das Kephalin und seine Zersetzungsprodukte üben auch in minimalster
Konzentration einen verstärkenden Einfluss auf die Wirkung einiger Gifte
(z. B. Pilokarpin) aus. Das Gleiche fand sich bei allen organischen Säuren.
Da unter gewissen Bedingungen die elektromotorische Kraft eines Systems
aus Salzlösungen und wasserunmischbaren Substanzen durch Salze organischer
Basen (auch Alkaloide) stark beeinflust wird, erscheint es möglich, dass
auch solche Substanzen, die Giftwirkungen verstärken können, die elektro¬
motorische Kraft beeinflussen.
Vollmer - Heidelberg: Beitrag zur Wirkung der Hormone.
In früheren Untersuchungen über den Einfluss der Hormone auf den inter-
medianen Stoffwechsel hatte Verf. gezeigt, dass Suprarenin, Pituglandol, Ovo-
glandol, Thymoglandol und Thyreoidin den Stoffwechsel in alkalotischem
Sinn umstimmen (beschleunigend wirken), Parathyreoidin in azidotischem
Sinn (hemmend wirkt). In weiteren Versuchen, die sich auch auf Thyreo-,
Epi-, Luteo, und Testiglandol erstreckten, fand er, dass alle in den früheren
Tagesstoffwechseluntersuchungen als alkalotisch wirksam erkannten Honnone j
kurz nach der Injektion azidotisch auf den intermediären Stoffwechsel wirkten,
dass anscheinend der Organismus um so stärker auf ein Hormon mit einer
Stoffwechsclbeschleunigung reagiert, einen je grösseren stoffwechselhemmen¬
den Reiz dieses Hormon anfangs gesetzt hat.
Kochmann und H u r t z - Halle: Ueber die Iokalanästhetlsche Wir¬
kung der Opiumalkaloide.
Auch die zentralnarkotisch wirkenden Opiumalkaloide können Lokal¬
anästhesie hervorbringen. Kombination von Morphin und Kokain zeigt
potenzierenden Synergismus, Pantopon wirkt stärker als der Summe der
Alkaloide entspricht.
H e u b n e r - Göttingen: Zur Pharmakologie des Kampfers.
L. Jacob- Bremen.
Zeitschrift für Hygiene. Bd. 99, Heft 4. 1923.
Th. J. B ü r g e r s - Düsseldorf : Das Scharlachproblem. Eine epidemio¬
logische Studie.
Kurt Nuck-Berlin: Praktische Erfahrungen über das Verhalten von
Kleinhäusern aus „Ersatzbaustoffen“.
Wie eigentlich nicht anders zu erwarten war, haben sich die Häuser aus
Ersatzbaustoffen bis jetzt recht wenig bewährt. Innerhalb dreier Jahre haben
sich schon so viel Missstände ergeben, dass man z. Z. die Lebensdauer dieser
Bauten noch bedeutend niedriger einschätzen muss, als wie anfangs gerechnet
wurde. Das „Thermoshaus“, das Holzhaus, das Zementhaus und das Ziegel¬
haus, auch das „Ambihaus“ litt an zu grosser Feuchtigkeit und an grossen
Heizungsschwierigkeiten. Der Fehler liegt weniger vielleicht an den Ersatz¬
baustoffen, als vielmehr an der Konstruktion. Die Aussenmauern müssen
grössere Stärke aufweisen und die Isolierung muss eine bessere sein. In
diesem Sinne haben sich Lehmbauten günstiger gezeigt. Hier traten aber
senkrechte Risse ein und die Schlagwetterseite musste mit Holz verkleidet
werden, weil der Lehm ausgewaschen wurde.
Kurt Nuck-Berlin: Untersuchungen über Wandisolationen unter
sommerlichen Verhältnissen.
Nach den vom Verf. an einem Modell gewonnenen Resultaten wird für
das Kleinhaus Innenisolation der Wände mit Dauerheizung empfohlen und
Bcrankung der Aussenseite mit Kletterpflanzen. Da allerdings in der Praxis
doch noch viele andere wichtige Gesichtspunkte mitsprechen, die auch von
Bedeutung sind, so wird die Heizungsfrage mehr individuell geregelt werden
müssen.
R. Schnitzer und F. M u n t e r - Berlin : Ueber Zustandsänderungen
der Streptokokken 'in Tierkörper.
Nachdem bereits gezeigt war, dass nach intraperitonealer Einimpfung
von hochvirulentcn Streptokokken in Mäuse, Stämme in avirulentem,
„vergrüntem“ Zustande wieder aus dem Tier herausgezüchtet werden konnten,
wurde, nunmehr festgestellt, dass dies bei der Verabreichung von sehr kleinen
Dosen am besten geht. Bis jetzt ist es gelungen 4 Gruppen dieser vergrünten
Streptokokken herauszuzüchten, die sich in ihrem Zustande gegenüber der
Hämolyse und des Weiterwachstums, verschieden verhalten. Entweder
werden sie in den ersten Nährbodenpassagen wieder hämolytisch, oder sie
ändern sich beim Fortzüchten nicht und werden im Tierkörper wieder
hämolytisch oder sie halten den grünen Zustand sowohl im Tierkörper als
auch lange Zeit beim Fortzüchten oder sic gehen rasch ein.
Eugen Fraenkel und Hans Much: Weitere Untersuchungen über
Lymphogranulomatose.
Im Verfolg früherer Untersuchungen stellen die Verfasser an 10 neuen
Fällen fest, dass die Lymphogranulomatose eine seltene Form der Tuberkulose
ist. Für ihre Entstehung sind besondere Konstitutionsveränderungen not¬
wendig. „Die Umstimmung bei Lymphogranulomatose muss derart sein, dass
das umgestimmte lymphatische Gewebe gesteigert abwehrend gegen den
Erreger antwortet, derart übermässig, dass die Erreger zum grössten Teil
vernichtet werden. Die Ueberreizbarkeit aber gereicht dem Körper zum Ver¬
derben.“ Als Beweis dafür, dass die Lymphogranulomatose eine Tuberkulose
ist, führen die Verfasser an, dass es in jedem Falle gelungen ist, aus dem
Material durch Reihenimpfungen und bei Verwendung von Milchsäure
Tuberkelbazillen zu züchten.
Edwin Scheidegger - Basel: Studien zum Bakterlophagenproblem.
IV. Mitteilung. Der Einfluss der Wasserstoffionenkonzentration auf das lytische
Agens und den Ablauf der übertragbaren Bakteriolvse.
Eine H-Konzentration, welche dem pH von 4,5 entspricht, schädigt das
lytische Agens selbst bei mehrstündiger Einwirkung nicht, wenn die Tem¬
peratur 20 — 37° C beträgt, dagegen bei 56° in 2 Stunden fast vollständig oder
vollständig. Bei 37 0 entwickelt sich Bact. coli in saurer und lysinhaltiger
Bouillon ungestört. Weitere Untersuchungsergebnisse sprechen für die un¬
belebte Natur des lytischen Prinzips.
T. V. S i m i c - Belgrad-Frankfurt: Untersuchungen über die Wirkungs¬
weise des Neosalvarsans.
Versuche, die mit Trypanosomen und Rekurrensspirochäten angestellt
worden sind, haben ergeben, dass Neosalvarsan im lebenden Tier (Maus) in
stärkeren Verdünnungen Trypanosomen erst nach der sog. „latenten Periode“
beeinflusst. Auch bei Spirochäten ist dies der Fall, aber unabhängig von
der Konzentration. Das wirksame Agens scheint das Oxyd des Neösalvarsans
zu sein, da bei oxydiertem Neosalvarsan die latente Periode verschwindet.
Trypanosomen nehmen wahrscheinlich schon das unveränderte Mittel auf.
während Rekurrensspirochäten erst vom Oxydationsprodukt beeinflusst werden.
R. O. Neumann - Hamburg.
13. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
925
Klinische Wochenschrift. 1923. Nr. 25.
.1. Wiesel- Wien: Endokrine Störungen in der Pubertät.
Ucbersichtsreferat.
.1. Pal -Wien: Arterieller Hochdruck.
H. K ä m in c r e r - München : lieber Porphyrinblldimg durch Darm-
hakterlen.
Vortrag auf dem diesjährigen Kongress für innere Medizin in Wien.
H. G e s s 1 e r - Heidelberg: Ueber Entzündung.
Gestützt auf die Ergebnisse eigener Versuche kommt Verf. hinsichtlich
der Gesamtheit der entzündlichen Erscheinungen zum Schlüsse, dass die Ent¬
zündung sich darstellt als ein Vorgang gesteigerter Vitalität, bei dem physio¬
logische Funktionsänderungen mit grosser Intensität und besonders langer
Dauer zum Ablauf kommen, ein Vorgang, der ausgeht und unterhalten wird
von einem zur Nekrose gebrachten Gewebsteil. Diese Auffassung sucht der
Lehre von Virchow sich wieder mehr zu nähern.
F. v. B e r n u t h - Jena: Beitrag zur Lunilnalbchandlung der Chorea
minor nebst Bemerkungen über Luminalexantheme.
Die Beobachtungen führten Verf. zu folgenden Ergebnissen: Luminal in
Dosen von 2 — 4 mal 0.05 täglich kann zur Unterstützung der Therapie der
ChoT. min. herangezogen werden. Eine schnelle Wendung zum Bessern darf
aber nicht erwartet werden. Luminalexantheme treten bei dieser Dosierung
im Kindesalter auffallend häufig auf.
W. K ö r t i n g - Prag: Ist Gynergen unschädlich?
Gynergen ist das weinsaure Salz des Ergotamins. Verf. stellt fest, dass
die Verwendung dieses Mittels intra partum auch in kleinen Mengen gefähr¬
lich ist. ebenso kann es bei der Behandlung von Spätblutungen im Wochen¬
bett mit Ergotamintartrat zu bedrohlichen Erscheinungen kommen.
L. Lange und M. F r ä nk e 1 - Berlin: Die Wirkung von Röntgen¬
strahlen auf Tuberkelbazillen.
Die Rontgenstrahlen vermögen Tuberkclbazillen äbzutöten. wenn diese
in dünner Aufschwemmung der Strahlenwirkung ausgesetzt werden.
Tuberkelbazillen aus jungen Kulturen widerstehen dieser Einwirkung. Mit
. letzterer Feststellung wird das T ribondeau-Pergo.nie sehe Gesetz,
demzufolge junge Zellen am radiosensibelsten seien, für Bakterienkulturen
als nicht zutreffend nachgewiesen.
E. B r i e g e r - Herrnprotsch-Breslau: Ueber den Wasserhaushalt des
tuberkulösen Organismus und sein Verhalten bei spezifischer und un-
spezifischer Behandlung.
Es macht den Eindruck, als ob beim ,, ausgetrockneten“ Phthisiker das
resorbierte Wasser nicht wie beim Gesunden rasch teils durch die Nieren
I ausgeschieden wird, teils in die Gewebe abströmt und hier zu einer Mobili¬
sierung des reichlich vorhandenen Gewebswassers führt, welches wiederum
- die überschüssige Ausscheidung von Wasser und Kochsalz im Urin hervor-
| ru ft : beim Phthisiker scheint der Wasserstoss auf die Gewebe wirkungslos
zu sein und die Eliminierung des überschüssigen Gewebswassers unterbleibt.
A. H ü b n e r - Berlin: Endergebnis der Behandlung von SchenkGhals-
brüchen. Vortrag auf der heurigen Tagung der Deutschen Ges. f. Chir.
G. Roscnow-Königsberg: Erhöhte Phlorrhizinenrnflndllchkeit bei Ikterus.
Die Mehrzahl der vom Verf. untersuchten ikterischen Kranken wurde
i bereits auf 1 mg Phlorrhizin deutlich glykosurisch, während andere Kranke
; auf die gleiche Dosis zuckerfrei blieben.
M. G o 1 d b e r g - Freiburg i. Br.: Zur Frage der Verfettung.
Die Versuche zeigten, dass die anscheinende Vermehrung des Fettes in
der Trockensubstanz der durchspülten Niere nur auf eine stärkere Ausspülung
irgendeiner anderen Zellsubstanz zurückzuführen ist und dass keine absolute,
sondern nur eine relative Vermehrung des Fettes, keine Verfettung, vorliegt,
nur eine Entziehung anderer, fester in Ringerlösung löslicher Substanzen.
E. I 1 1 e r t - Goddelau: Beitrag zur Serodiagnostik der experimentellen
Kaninchensyphilis.
W. Parrisius und H. Schlack- Tübingen : Der Einfluss von Kälte
und Wärme auf die SchUddrüse. Kurze wissenschaftliche Mitteilungen.
R. Weiss und H. B e t t i n g e r - Breslau: Zur Frage der Leber¬
zirrhose im Kindesalter. Kasuistische Mitteilung:
K. F r i t z 1 e r - Stendal: Appendlcitis acuta im Bruchsack bei einem
Säugling. Kasuistische Mitteilung. Grassmann - München.
Deutsche medizinische Wochenschrift.
Nr. 25. H. Kionka-Jena: Ueber ein deutsches salinisches Abführ¬
mittel.
Empfehlung des Homburger Salzes, das auch verhältnismässig billig
zu nennen ist.
H. D ü r c k - München : Lymphogranulomatose und Unfall.
Begutachtung eines Falles. Ablehnung.
E. K a r e w s k i - Berlin: Ein neues plastisches Verfahren zur radikalen
Behandlung schwerster Formen von Pruritus ani.
Die hier beschriebene Operation (mit Abbildung) war bedingt durch eine
lusgcdchnte, von einer früheren Operation herrührendc Narbe.
A. R o s e n b u r g - Berlin: Zur Differeutialdlagnose der chirurgischen
Abdominalerkrankungen lind der Malaria tropica.
2 Krankengeschichten zeigen die Schwierigkeiten der Diagnose infolge
Jes Felilens augenfälliger klinischer Zeichen der latenten Malaria tropica.
Ausser dem Blutbefund ist besonders wichtig die häufige Untersuchung von
-eher und Milz und des Urins. Die Urobilinurie ist eine sehr konstante,
iber nicht ausnahmslos bestehende Erscheinung bei Malaria.
K. F r o m h e r z - Höchst: Die Blutdruckwirkung des racemischen Snpra-
•enins und seiner optisch aktiven Komponenten.
Die Versuche zeigen, dass nur das optisch aktive C-Suprarenin dem
latürlichen Hormon entspricht und vorwiegend der Träger der therapeutischen
Wirkung ist.
Hübner-Bonn: Psychiatrische Beratung bei Eheschliessungen und
Adoptionen.
H. beleuchtet kritisch vor allem die noch vielfach strittigen Voraus¬
setzungen für ein Eheverbot.
N. H i r s c h b e r g - Moskau : Ueber die Erkrankungen des Nerven-
;vstems bei Flecktyphus.
H.s reiche Erfahrungen erstrecken sich auf Erkrankungen aller Gebiete
lus t zentralen und peripheren Nervensystems, deren Erscheinungen und
läufigkeit näher mit manchen interessanten Einzelheiten erörtert wird.
1 W. D ü 1 I - Wasach-Oberstdorf: Kleselsäuretherapie, speziell Kieselsäure-
njektionen bei Lungentuberkulose.
Einspritzungen einer kolloidalen Kieselsäurelösung bei aktiver Lungen¬
tuberkulose haben sich nicht bewährt. Bei gutartiger Lungentuberkulose ist
die innere Darreichung von Kieselsäure empfehlenswert.
H. G r a g e - Chemnitz: Schmerzlose Gelcnkmohilisation durch Hypno-
theraple.
Beschreibung eines Falles von Kontraktur beider Schultergelenke, wo
in Hypnose — mit Ersparung der Narkose — eine erheblich bessere Be¬
wegungsfälligkeit festzustellen war und weiterhin durch Uebungen in Hyp¬
nose neben sonstiger Behandlung noch beträchtliche Besserung erzielt wurde.
W. P a e t z e I - Berlin: Zur Bekämpfung der Pyozyaiieusinfektion In
eiternden Wunden.
Ein sicheres Mittel gegen die in mancher Beziehung nicht gleichgültige
Pyozyaneusinfektion der Wunden ist das Aufstreuen kristallinischer oder
pulverisierter Borsäure. Borsäurelösungen wirken unzulänglich.
B. F e 1 d e n - Berlin : Zur Kasuistik der Schlafmittelvergiftungen.
a) Spontanheilung einer Vergiftung mit 5 g Veronal. b) Vergiftung
mit 10 g Adalin. Magenspülung. Rizinusöl, Heilung.
L e h r m a n n - Shitomier : Zur Therapie der Encephalitis endemica.
Ermutigende Wirkung der intralumbalen Injektionen von 4- — 6 ccm einer
1 proz. Urotropinlösung bei der akuten Enzephalitis.
M. Silberberg - Berlin : Röntgentechnische Neuheiten.
Empfehlenswert sind: das Kontrastmittel Röntyuin. der Durchleuch¬
tungsschirm Sirius, die Kahlbaumfolie.
H a m m e r s c li 1 a g - Berlin : Die wichtigsten Bestimmungen des neuen
preusslschen Hebammengesetzes. B e r g e a t - München.
Medizinische Klinik. Heft 25.
W. Rindfleisch - Dortmund: Seltenere Ursachen längeren Eiebers.
Zusammenfassung der praktisch wichtigen Gesichtspunkte.
M. J e s s n e r - Breslau : Ueber salvarsanreslstente Lues.
Den bekannten Fällen werden 6 weitere angefügt und über den weiteren
Verlauf des Siemens sehen Falles Bericht erstattet. Für die Therapie
solcher Fälle kommt Wismut, besonders Bismoeenol, in Betracht.
Umfrage über die Anwendung und den Nutzen der Bluttransfusion.
Antworten der chirurgischen Kliniken Königsberg. Heidelberg. Innsbruck,
Frankfurt a. M„ Hamburg sowie der Frauenkliniken Jena und Tübingen.
H. S c h a r f e 1 1 e r - Innsbruck: Zwei Fälle von medikamentöser Arsen-
ncurltls. In beiden Fällen beherrschte die Polyneuritis das klinische Bild.
E. Markovits - Wien : Röntgenschutz.
Bei diagnostischen und bei therapeutischen Arbeiten muss sowohl der
Kranke als der Arzt bzw. sein Personal sicher geschützt werden. Verf. gibt
eine kurze übersichtliche Zusammenstellung der hierfür in Betracht kommenden
Richtungslinien.
Th. P u 1 v e r m a c h e r - Breslau : Der Wesensgrund des hysterischen
Charakters.
Die vom Verf. abgegebene Erklärung bleibt ganz im Psychologischen und
fasst die hysterische Gemütsart dahin auf, dass sie auf dem Fehlen bzw. der
mangelhaften Ausbildung derjenigen psychischen Dauerverfassung beruhe, die
man Charakter oder — weiter gefasst — Persönlichkeit nennt.
W. H e y m a n n - H a t r y - Köln : Zum Krankheitsbild der traumatischen
Hämatomvelle. . Mitteilung eines beobachteten Falles.
R. Dvorak -Prag: Traumatisches Aneurysma der Arteria clrcumflexa
femoris rnedialis. Befund und Operation (Unterbindung, Ausräumung).
F. Rosenberger - München : Wie gelangen Askariden ln die Bauch¬
höhle? Mitteilung eines diesbezüglichen eigenartigen Operationsbefundes.
B. O. P r i b r a m - Berlin: Zur Behandlung des chronischen Magen- und
Duodenalgeschwürs. Bemerkungen zur Arbeit von Holler (Heft 12 d. W.)
V. D o n a t h - Berlin: Erfahrungen über Ergopan.
Bericht über die günstige Wirkung des Sekalepräparates.
F. M ö r c h e n - Wiesbaden : Erfahrungen mit dem Tonikum ..Astonln“.
Die Kombination von Arsen, Phosphor und Strychnin ist seit langem be¬
währt. Das Präparat wird in zwei Stärken angefertigt und subkutan injiziert.
J. F r e u n d 1 i c h - Wien : Zur Verwendbarkeit der Kollargolreaktlon für
Liquor- und Harnuntersuchung.
Als Flockungsreaktion am Liquor hat sich die Probe gerade zur Differen¬
zierung von metaluetischen und meningitischen Prozessen als brauchbar er¬
wiesen. Ueber die Harnuntersuchung müssen noch Erfahrungen gesammelt
werden.
H. Engel -Berlin: Weitere Gewöhnung an Unfallfolgen (Unterschenkel¬
bruch) abgelehnt, wegen Auftretens weiterer vom Unfall unabhängiger Krank¬
heiten (Tabes und Aneurysma A. femoralis). S.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 19, 20
und 21.
Nr. 19. N a e g*e 1 i - Zürich: Ueber die Züricher Pockenepidemie 1921 — 23.
In diesem Vorwort zu der folgenden Arbeit von L e u c k erörtert N. kurz
den besonderen Charakter dieser Epidemie (über 650 Fälle), die sich durch
besonders milden und oft abortiven Verlauf der Fälle auszeichnete (bisher nur
1 Todesfall), während gleichzeitig in Basel eine schwere Epidemie mit 15 Proz.
Mortalität herrschte. Verf. nimmt an, dass es verschiedene Arten von Pocken¬
erkrankungen gibt, wofür auch die bereits früher von ihm festgestellte ver¬
schiedene biologische Reaktion des Knochenmarks spricht. Er erinnert an die
Zerlegung des alten Typhusbegriffs. Die Epidemie in Z. hatte die grösste
Aehnlichkeit mit den „weissen Pocken“ in Brasilien und der Alastrim-
erkrankung in England.
L e u c k-Zürich: Ueber das klinische Bild einer benignen Pockenepidemie
bei Ungeimpften im Kanton Zürich 1921/22.
Im Züricher Spital wurden 625 Fälle beobachtet, davon 93 Proz. Un-
geimpfte. 7 Proz. vor 12 und mehr Jahren Geimpfte, nur 1 Todesfall bei einem
Neugeborenen, niemals bedrohliche Symptome. Das Initialstadium mit
starkem Unwohlsein, Fieber von 38 — 40° dauerte 2 — 4 Tage, dann sogleich
nach dem Fieberabfall die Eruption, wie gewöhnlich, in ca. 50 Proz. jedoch ein
freies Intervall von Vi — 3 Tagen, in dem oft die Kranken wieder arbeiteten,
so dass gerade dadurch die Ausbreitung der Epidemie begünstigt wurde. Die
Ausbreitung des Exanthems hält sich meist an den typischen Weg von oben
nach unten, erfolgte in 1 — 4 Tagen; in ca. der Fälle waren überwiegend
Kopf und Extremitäten befallen. Bei sehr vielen Kranken dauerte das papulöse
Stadium nur wenige Stunden; am Abend hatten die Kranken noch keinen
Ausschlag bemerkt, am Morgen waren zahlreiche Pusteln vorhanden. Narben-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
926
bUdung kam nur in der Minderzahl vor, manchmal auch nach leichten
Exanthemen. Das Vorherrschen eines Entwicklungsstadiums des Exanthems
im Zustandsbild war meist deutlich und erleichterte die Differentialdiagnose
gegen Varizellen. Die Diazoreaktion war nur in 1.4 Proz. positiv, Wasser¬
mann sehe Reaktion immer negativ, Leukozytose war gering oder fehlte
ganz, eosinophile Zellen fehlten, die Neutrophilen waren fast überall etwas
vermehrt, die Lymphozyten (absolute Werte) oft beträchtlich vermindert. Die
mittlere Dauer der Krankheit betrug 33 Tage. Bei den im Inkubationsstadium
(Jeimpften betrug das längste Intervall zwischen Impfung und Eieberausbruch
9 Tage. Bei allen, die über 3 Tage vor Fieberausbruch geimpft waren, ent¬
wickelten sich nur schwache Exantheme.
S t r e b e I - Luzern: Meningitis basalis gummosa chiasmatis mit zurück¬
bleibenden bitemporalen Zentralskotomen.
Koller-Aeby: Ein Heizapparat für Tropfklystiere.
Beschreibung und Abbildung.
R. Mart in- Bad Nauheim: Die Tanzkrankheit in der Schweiz.
Jentzer, Markovic und Raskin: Traitement de la tuberculose
au moyen du Gamelan. (Schluss.)
Nr. 20. M i e s c h e r - Zürich: Die biologische Wirkung der Röntgen¬
strahlen. Antrittsvorlesung.
J u n g - St. Gallen: Zum hundertsten Jahrestag der ersten Totalexstir¬
pation des karzinomatösen Uterus durch J. N. S a u t e r.
Z o 1 1 i n g e r - Zürich: Experimentelle Untersuchungen über die Virulenz
der Diphtheriebazillen. . .
Untersuchungen an" 12 verschiedenen Stämmen. Die minimale tödliche
Dosis bei subkutaner Injektion betrug zwischen 330 000 und 250 000 000
Keimen; sie war für den einzelnen Stamm konstant. Zur Erzeugung von
lokaler Nekrose waren 1 — 4 Millionen Keime nötig. Züchtung auf Agar durch
30 Generationen schwächte die Virulenz nur wenig ab, auch war sie nicht
stärker bei den frisch Erkrankten.
C a in e n i s c h - Fetan: Sind die Engadiner Mineralquellen vor alters
kalt oder warm benutzt worden?
Nr. 21. L ü s c h e r - Bern: Ueber den Kreislauf auf der Station Jungfrau¬
joch (3460 m ü. d. M.).
Bei einer Anzahl Menschen trat in dieser Höhe Bergkrankheit auf. die in
ca. 12 Stunden ihr Maximum erreichte. In 3 Fällen sah Verf.^ Zunahme der
Pulsfrequenz in den ersten 15 Stunden, 1 mal beträchtliche Steigerung des
schon vorher hohen Blutdrucks, in 14 Fällen keine Veränderung des Kapillar-
Icrcisliiuls
Pedotty und B r a n o v a ö k y - Bern: Ueber vergleichende Unter¬
suchungen der Schilddrüsenfunktion mittelst der direkten Bestimmung des
üasweehsels und der Untersuchung des Blutes im A s h e r sehen Ratten¬
experiment. „ , .... „ ,,
Die beiden Methoden ergaben in ?/s der Fälle gleichsinnige Resultate, nur
in */ b ausgesprochene Divergenz. Es lohnt sich, sie parallel an noch grösserem
Material zu untersuchen, da sie eine nützliche Ergänzung der klinischen
Untersuchung darstellen.
I. e u w - Frauenfeld: Ueber Broncholithiasis.
Ausführliche Beschreibung eines grossen Bronchialsteines. Referat der
neueren Literatur.
J a b 1 o n s k i - Charlottenburg: Zur Vererbung der Myopie.
Vogt-Zürich: Zur Vererbung der Myopie.
Polemik. h. 1 a c o b - Bi einen.
Oesterreichisclie Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 25. F. Mandl- Wien: Ueber die Muskelatrophie nach Verletzungen
und neuartige Versuche zur Verhinderung derselben.
Vorgetragen in der Ges. d. Aerzte 18. V. 23. S. Bericht der M.m.W.
S. 931 d. Nr. , ,
F. K u t s c h a - L i s s b e r g - Neunkirchen: Nebennierenreduktion und
epileptischer Krampf.
Bericht über 13 operierte Fälle: 11 nachuntersucht bei 4 kein F.rfolg,
bei 6 Anfälle schwächer und. seltener, bei einem ganz ausgeblieben. Bei
Fällen schwerster Art mit sehr häufigen Anfällen erscheint ein Opera¬
tionsversuch erlaubt, jenseits des 30. Lebensjahres ist die Operation ab-
zulehnen.
P. N e u d a - Wien: Die praktische und theoretische Bedeutung der Llilor-
bestlmniuiig im Liquor cerebrospinalis.
S. Bericht der M.m.W. 1923 S. 655.
A. F. Hecht- Wien: Diureseversuche an gesunden Kindern unter Ein¬
haltung einer bestimmten Ernährungskonzentration.
Versuche mit Diuretin (ohne deutliche Wirkung). Novasurol (starke
Wasser- und Kochsalzdiurese), Pituitrin (Sekretionshemniung bei nervöser
Polyurie).
S. Pell er- Wien: Die nervöse Stauuiigstherapie bei Krelslauferkran-
kungen.
Nachtrag zu dem Aufsatz in Nr. 10.
Nr. 24/25. H. Lehmann- Wien: Zur Indikation der operativen Be¬
handlung der Cholelithiasis.
Zusammenfassung: Vor allem Früh Operation der Cholelithiasis.
Sofortige Operation bei akuter Cholezystitis mit Beteiligung des Peritoneums.
Möglichst frühe Operation des chronischen Choledochusverschlusses, sofortige
bei Komplikation mit Fieber. Als Methode der Wahl gilt die subseröse Chole¬
zystektomie mit Ligatur des Ductus cysticus und folgender Drainage. Die
Choledochusdrainage ist auf die hochgradige Cholangitis beschränkt.
Nr. 26. R. Volk- Wien: Inununitätsproblenie der Haut.
Fortbildungsvortrag.
E. Lauda und O. Schm id- Wien: Zur Frage der klinischen Ver¬
wertbarkeit der hämoklastischen Krise (Widal).
Die W j d a I sehe hämoklastische Krise ist als Leberfunktionsprüfung
nicht verwertbar, da bei sicherer Leberschädigung eine negative, auch bei
Gesunden eine positive Reaktion vorkommt. Dfer negative Ausfall bei Leber¬
kranken wird gelegentlich auf „Peptonimmunität“ beruhen und kann durch
den U m b e r sehen Versuch aufgeklärt werden; er beweist dann nicht die
Intaktheit der Leberfunktion, auch nicht einmal bei positiver Umber scher
Reaktion, da bei sicherer Leberschädigung negative Widal sehe und posi¬
tive Umber Sehe Reaktion Vorkommen. Der Gallensäureikterus gibt meist
positive W i d a 1 sehe Reaktion: negative Reaktion beruht in der Regel unf¬
einer ..Peptonimmunität“.
R. Latzei- Wien: Ueber die Verstärkungsmöglichkelt bakterizider
Substanzen durch hypertonische Traubenzuckerlösungen.
Die Verstärkung der bakteriziden Wirkung des Trypaflavins durch intra¬
venöse Einverleibung von 20 ccm einer 50 proz. hypertonischen 1 rauben-
zuekerlösung wird durch 6 Krankengeschichten dargetan (Angineu mit Ge¬
lenkerkrankungen und Endokarditis, septische Pneumonien).
H. Pichler- Wien: Sofortige Knochenplastik nach Unterkieferresektion.
Vorgetragen in der Ges. d. Aerzte 1. VI. 1923. Bericht folgt.
E. C z y h 1 a r z - Wien: Trommelschicgelfinger und Aortenklappen¬
insuffizienz.
Trommelschlegelfinger sind bei endokarditischer Aorteninsuffizienz sehr
häufig, bei luetischer Aortenfnsufiizicnz nie zu finden gewesen, was zur Diffe¬
rentialdiagnose zu verwenden ist.
K. P. Eiseisberg und H. Spengler - Wien : Zur quantitativen
Diazoprobe im Harn.
Kritische Bemerkungen zu dem Aufsatz von M. Weiss in Nr. 4 der
W.m.W. 1923. B e r g e a t - München.
Auswärtige Briefe.
Berliner Briefe.
(Eigener Bericht.)
Androhung eines Wucherparagraphen gegen freie Berufe. — Bevorstehen
des vertraglosen Zustandes mit den Krankenkassen.
Für den 6. Juli hatte die „Aerztliche Vertragsgemeinschaft Gross-Berlin“
eine Mitgliederversammlung einberufen, um über die schwebenden Streitig- ,
keifen mit den Krankenkassen entscheidende Beschlüsse zu fassen. Die hoch¬
gespannten Erwartungen, die sich deshalb an diese Versammlung geknüpft ,
hatten, wurden aber noch iibertroffen durch eine höchst überraschende Mit- -
teilung, die bei dieser Gelegenheit gemacht wurde. Dein Vorstande war, und
zwar nur zufällig, zur Kenntnis gekommen, dass dem Reichrat eine Verord-
ming zur Beschlussfassung vorliege, die den Leistungswucher unter Strafe
stellen und auch auf die freien Berufe Anwendung finden soll. Unter Leistungs-J
wucher wird dabei die Forderung oder Annahme einer Vergütung für Lei- ’
stungen des täglichen Lebens verstanden, die unter Berücksichtigung der ge- J
samten Verhältnisse einen übermässigen Verdienst enthält. Ein Vergehen ,
gegen diese Vorschrift liegt nicht vor, wenn die von der zuständigen Be- ;
hörde festgesetzte und genehmigte Vergütung eingehalten wird. Angedroht
wird nicht mehr und nicht weniger als eine Geldstrafe von 20 Millionen Mark •
oder Zuchthaus. Nichts kann die Verwirrung und die Verständnislosigkeit,
mit der massgebende Kreise den Lebensbedingungen grosser und kulturell ;
bedeutungsvoller Berufsgruppen gegenüberstehen, greller beleuchten, als eine I
derartige Verordnung; und wären wir nicht das Schnelizugstcmpo in unserer
Gesetzgebungsmaschine gewöhnt, man wäre versucht, die Nachricht für einen
schlechten Scherz zu halten. Alle Welt Ist sich darüber einig, dass die .
geistige Arbeit eine der schlechtestbezahlten ist, dass die Not unter ihren
Vertretern immer drückender und fast unerträglich geworden ist. dass herz- ,
lieh wenig von Seiten der Regierung geschehen ist, um ihr zu steuern, und
jetzt soll noch jeder Versuch, für eine Leistling einen Entgelt zu erzielen, der
über den äusserst dürftigen, behördlich genehmigten hinausgeht, mit schweren,
entehrenden Strafen -bedroht werden. Es müsste untersucht werden, ob nicht .
eine Verordnung, die dem Angebertum Tür und Tor öffnet, ja es geradezu
herausfordert, gegen die guten Sitten verstösst und deshalb gar keine Gültig¬
keit erlangen kann. Von den Vorständen der Berliner Aerztekammer und
auch der Berliner Anwaltskammer sind bereits Eingaben gegen die drohende
Bestimmung an den Reichsrat gerichtet, und in der Versammlung der „Aerzt-
lichen Vertragsgemeinschaft“ fand die Empörung einen sehr deutlichen Aus-l
druck. Sie nahm einstimmig eine Entschliessung an, in der sie erklärte, dass i
die Aerzte es als einen Hohn empfinden, wenn die Regierung auf sie Wuclier-
bestimmungen anwenden zu müssen glaube, durch die das schmutzigste
Denunziantentum begünstigt und die auf Vertrauen und Wohlwollen be- (
gründete Ausübung der ärztlichen Tätigkeit aufs schwerste geschädigt werde.
Von den Führern des Deutschen Aerztevereinsbundes und des Hartmann-
bundes werde erwartet, dass sie zusammen mit den übrigen geistigen Arbei-
tern alle Mittel zur Anwendung -bringen, um den Beschluss bzw. das Inkraft¬
treten derartiger Bestimmungen zu verhindern.
Eine besondere Frage ist es, inwieweit etwa die Verordnung den Kran--
kenkassen als ein bequemes Mittel dienen soll, um die Aerzte ihren Wünschen
gefügig zu machen. Aber es bedurfte der Entrüstung über etwaige Pläne
dieser Art gar nicht, um die Stimmung der erwähnten Versammlung irgend¬
wie zu beeinflussen. Sie war ohnehin gereizt genug, denn infolge der un¬
aufhörlichen Drangsalierungen durch die Krankenkassen gärt es schon lange
in den Berliner Aerztekreisen, und nur mit Mühe haben die Führer in wohl¬
überlegter Besonnenheit dem Drängen mancher Hitzköpfe widerstanden und
eine vorzeitige Kampfansage bisher verhindert. Da aber allem Anschein
nach die Krankenkassen die Aerzte zu einem Bruch geradezu provozieren-
wollen, so ist die Stimmung zu einer Siedehitze gesteigert, die eine F.nt-.
Scheidung unmittelbar verlangt. Allen Forderungen der Aerzte gegenüber
hatten die Kassen eine konsequente Verschleppungstaktik befolgt. Nach der
letzten Tagung des Schiedsgerichts am 13. Juni hatte der Vorsitzende beide
Parteien aufgefordert, sich spätestens bis zum 10. Juli über die Honorare fiir
das 3. Vierteljahr zu einigen, damit die Kassen sich nicht wieder darauf be¬
rufen könnten, dass sie sich in ihrer Finanzgebarung nicht hätten auf die.
Honorare einigen können, und damit nicht wieder das Schiedsgericht
nach Ablauf des Vierteljahrs die Honorare festsetzen müsse. Schon am
nächsten Tage stellten die Aerzte ihre Forderungen: Friedensnauschalc nlus
Teuerungsindex und 20 v. H. Zuschlag für Berufsunkosfcn. sofortige Zahlung
der Honorale, Inkrafttreten der F.nidemieklausel. F.ine Woche später fand
eine Verhandlung statt, in der die Forderung selbst abgelehnt wurde. Ausser¬
dem wollten die Kassen eine Regelung zunächst nur für den Juli zugestehen,
fiir die beiden andern Monate nur eine vorläufige Regelung durch bevoll¬
mächtigte Vertreter. Ferner wollten sie erst den Vorstand der Vereinigung
befragen, ob die Angelegenheit überhaupt vor das Schiedsgericht gehöre,
da in detn Vertrage nur von einer viertel iälirlichen Zahlung der Honorare die
Rede sei.' Also eine Fortsetzung der schon immer geübten Verschleppung«
taktik. Das noch weiter hinzunehmen, glaubte der Vorstand der Vr-irns-
gemeinschaft nicht länger verantworten zu können. Er berief eine Mitglieder¬
versammlung, und diese fasste nach Darlegung der Verhältnisse einstimmig
1.3. Juli 192.3.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT'.
927
den Beschluss, den Vorstand und Ausschuss zu verpflichten, sofort den ver-
tragsloscn Zustand zu erklären, wenn die Frage des Julihonorars und der be¬
schleunigten Honorarauszahlung nicht bis zum lü. Juli erledigt sei. Die Kassen
hatten allerdings inzwischen den Zusammentritt des Schiedsgerichts für den
10. Juli zugesagt. Unmittelbar nachdem es seinen Spruch gefällt hat, soll
eine neue Mitgliederversammlung zu ihm Stellung nehmen. Wenn der
Schiedsspruch den berechtigten Erwartungen der Aerzte nicht entsprechen
sollte, wird also die Berliner Acfztesehaft in den allernächsten Tagen vor
folgenschwere Entscheidungen gestellt werden. M. K.
Vereins- und Kongressberichte.
Deutsche^Gesellschaft für Gynäkologie.
18. Tagung vom 23. — 26. M a i 1923 in Heidelberg.
Berichterstatter: U t e r - Heidelberg.
Wie schon im Vorjahre war auch dieses Jahr kein eigentliches Ver¬
handlungsthema aufgestellt. Es waren 114 Vorträge über die verschiedensten
T hemen und 35 Demonstrationen angemeldet. Trotzdem gewannen die Teil¬
nehmer durch entsprechende Einordnung und Zusammenfassung der zu¬
sammengehörigen Vorträge zu gemeinsamer Diskussion nicht nur ein klares
und übersichtliches Bild, Sondern es gelang auch dadurch, die riesige Tages¬
ordnung bis auf einzelne Vorträge zu erledigen. — Auffallend gross war die
Zahl der vorgetragenen theoretisch-wissenschaftlichen Arbeiten. Dies be¬
tonte auch M e n g e - Heidelberg in seiner Eröffnungsrede. Er sah die Ur¬
sache hierfür einerseits in einem gewissen Abschluss der rein klinischen
Forschungen, anderseits darin, dass für Fachanatomen, Physiologen und
Pathologen das weibliche Genitale stets „ein bescheidenes Veilchen im
Verborgenen" war, und so der Gynäkologe gezwungen ist, sich mühevoll die
Grundlagen für experimentelle Arbeiten zu schaffen.
G r a g e r t - Greifswald: Die Wochenbettmorbidität bei ante partum
nicht behandelten oder behandelten Fällen von T richomonaden-
k o 1 p i t i s. Die Greifswalder Klinik fordert Behandlung der trichomonaden-
kranken Schwangeren und Prophylaxe der nichtkranken mit 10 proz. Borax¬
glyzerin, da die Beseitigung der Trichomonaden immer gelingt und die
Wochenbettsmortalität ohne Behandlung über doppelt so gross ist. In der
Diskussion ziehen Jung und Stephan- Stettin die Pathogenität
der Trichomonaden in Frage.
In den Vorträgen über den septischen Abort trat Warnekros-
Bcrlin waim für die aktive Therapie ein; Carl Rüge II - Berlin bringt eine
Vereinfachung seiner Virulenzbestimmung. Herstellung einer Blut-Sekret-
mischung und Vergleich eines sofort und eines nach 3 stündigem Brutschrank¬
aufenthalt hergestelltcn Ausstriches auf Keimgehalt und Verhalten der mit
dem Eigenblut zusammengebrachten Bakterien. T h e i 1 h a b e r - München :
Zur Lehre der Immunität. D i e t r i c h - Göttingen spricht für Weiterführung
der Abortsammelstatistik. W i n t e r - Königsberg forderte in einem Schluss¬
wort zur Behandlung des fieberhaften Abortes, der nach seiner Absicht fast
immer kriminell ist, bei komplizierten Fällen, bei Anwesenheit von Staphylo¬
kokken oder bei nicht möglicher bakteriologischer Untersuchung die Aus¬
räumung zu unterlassen; er warnt davor, sich durch Blutungen zu übereiltem |
Vorgehen verleiten zu lassen und empfiehlt warm das Chinin und die stumpfe |
Kürette. L o u r o s - Berlin tritt in der Diskussion für die Anwendung !
von Autovakzine bei fieberhaftem Abort ein. Hellmuth- Hamburg weist
mit variationsstatistischen Methoden nach, dass die Ueberlegenheit der ak¬
tiven, exspektativen oder konservativen Abortbehandlung nicht durch
Sammelstatistiken festzustellen ist, da die Ergebnisse sich so wenig unter¬
scheiden, dass sie noch innerhalb des dreifachen mittleren Fehlers liegen. ;
H am ni e r s c h 1 a g - Berlin: Bei unklaren Fällen abwarten. Henkel-
Jena: Puls und Atmung sind wichtiger als bakteriologische Untersuchungen.
Küstner jun. - Breslau: Gegenwart von faulenden Substanzen steigert
Bakterienvirulenz. S t r a t z - Haag warnt vor schematischer Anwendung
von Ergotin bei jeder -Blutung. L a t z k o w - Wien fordert Vereinfachung
der Dietrich sehen Statistik. Pankow- Düsseldorf empfiehlt manuelle
Ausräumung schon deshalb, weil dazu unbedingt genügende Muttermunds- 1
erweiterung notwendig ist. D o e d e r l e i n - München: Klinische Beob¬
achtung des Einzelfalles.
M a t h e s - Innsbruck: Die P r e g 1 sehe Jodlösung ist ein Gradmess ;r
für den Glykogengehalt der Scheide und ein Heilmittel bei Colpitis simplex. —
S c h m i d - Prag: Adnexentzündung und Schwangerschaft (ausführlich Mschr.
t. Geburtsh. u. Gyn.). — V o g t - Tübingen: Ueber die Periton ealflüssigneit
des Menschen. — S c h ö n h o 1 z - Düsseldorf sieht nach Untersuchung an
32 Fällen die eigentliche Ursache der Tubargravidität nicht in voraus¬
gegangenen Entzündungen, sondern in Entwicklungstörungen der Müller-
schen Fäden. — Diskussion: M a y e r - Tübingen : Auch im Ei liegende
Momente spielen eine Rolle, — Burghardt - Zwickau berichtet über einen
Kall von ausgetragener Tuboovarialgravidität mit basiotrop entwickelter
Plazenta.
Die folgenden Vorträge von F 1 a t a u - Nürnberg, v. Jaschke-
(i i e s s e n, G r a f f - Wien, Nürnberger - Hamburg, Rübsamen-
Dresden, S c h u b e r t - Beuthen und K r i t z 1 e r - Erbach behandelten die
Prolapsfrage. Die ersten Redner, wie auch S e 1 1 h e i m - Halle und
M a t h e s - Innsbruck, betonten sämtlich die Rolle der Konstitution in der
Prolapsätiologie. Das früher angeschuldigte (ieburtstrauma spielt keine so
grosse Rolle. F 1 a t a u macht vor allen Dingen eine zu geringe — infan¬
tile — Beckenneigung verantwortlich und gibt einen Apparat zur Messung
der Beckenneigung an. — v. J a s c h k e betont die funktionelle Einheit von
Stütz- und Haftapparat. Es handelt sich vor allem um «sthenische und in¬
fantile Individuen. G r a f f weist auf das häufige Vorkommen von Spina
bifida einerseits und hypophysärer Fettsucht andererseits bei Prolaps¬
trägerinnen hin. Die folgenden Vorträge über Prolapsoperationen sind für
den Praktiker weniger von Interesse, ln der Diskussion spricht Seil-
h e i m der durch Missbrauch erworbenen — parachrestischen — Konstitution
eine grössere Bedeutung zu als der angeborenen. Mathes: Blase und
Douglas treten als tiefste Punkte zuerst heraus, deshalb ist Genital-
prolaps unrichtig.
Liepmann - Berlin, W i e 1 o c h - Marburg, Hinselmann - Bonn
— alle drei über Eklampsie, Linzcnineyer - Leipzig — Leberfunktion,
Frey- Zürich — Reststickstoff, Blutzucker, P r i b r a m - Giessen — Chole¬
sterinstoffwechsel, H e y n - Kiel — Hämogramme und K a b o t h - Göttingen
— Harnstoffsynthese bringen in der Hauptsache theoretische Fragen und
Stoffwechseluntersuchungen in Schwangerschaft und Geburt unter normalen
und pathologischen Verhältnissen, besonders bei Eklampsie. Die Vorträge
eignen sich nicht zum kurzen Referat und sind im Verhandlungsbericht (Arch.
f. Gyn.) nachzulesen. Erwähnt sei, dass Frey den Unterschied des mikro¬
chemischen Blutbefundes bei Mctropathie und Eklampsie nur darin fand, dass
vor dem eklamptischen Anfall infolge eintretender Lcbcrinsuffizienz minde¬
stens einer der drei Komponenten, Harnstoff, Harnsäure oder Aminosäuren,
das Doppelte des Normalwcrtes erreicht, ohne dass eine nennenswerte Stei¬
gerung des Reststickstoffes eintritt. und Heyn in der Schwangerschaft
A r n e t h sehe Linksverschiebung infolge erhöhter Beanspruchung der Blut¬
bildungsstätten, im Wochenbett Rückgang dieser Erscheinungen unter aus¬
gesprochener Lymphozytose konstatieren konnte. — Kapferer - Heidel¬
berg: Impetigo herpetiformis. Da diese Krankheit auch bei Männern und
nichtschwangeren Frauen vorkommt, ist die Schwangerschaft nur das aus¬
lösende Moment, die Ursache ist eine Dysfunktion der Parathyreoidea. —
Aschner - Wien: Ueber die Behandlung von Sehwangerschaftsbeschwerdeii.
— - Mayer- Tübingen kam zu dem Resultat, dass nach den Ergebnissen
der N ü r n b e r g e r sehen Dreitropfenmethode Mutter und Kind eine bio¬
logische Einheit darstellen. Trotzdem muss man aber Unterschiede annehmen,
die sich mit dieser Methode jedoch nicht nachweisen lassen. In einem wei¬
teren Vortrag über das intrauterine Absterben der Frucht ohne nachweisbare
Ursache am Ende der Schwangerschaft betont er, dass unter 8 Fällen
7 Knaben waren. Auch sind Knabenaborte häufiger als Mädchenaborte. Viel¬
leicht spielt die innere Sekretion — Hypothyreoidismus — eine Rolle. —
Diskussion: Sellheim: Beim Menschen ist im Gegensatz zum Tier,
bei dem die Eklampsie nicht vorkommt, die Geburt ungeheuer erschwert
(durch aufrechten Gang wurde fester Beckenboden notwendig, grosses Ge¬
hirn brachte grossen Kopf mit sich) dazu sind im Gegensatz zum Tier
die unfruchtbaren Funktionsgänge „die Regel“. So ist durch Anstrengung
und Missbrauch der Natur die Eklampsie eine spezifisch weibliche Fort¬
pflanzungskrankheit. T h i e s s - Leipzig: Eklampsieanaphylaxie durch den
Föt, H o f b a u e r - Dresden: Hypophysär bedingte Kapillarschädigung in der
Gravidität, Henkel: Schädigung der Haut-, Leber-, Nieren-, Hirn-, Pla¬
zentakapillaren löst die Schwangerschaftstoxikose aus.
H i r s c h - Berlin: Dysmenorrhöe in Beziehung zu Körperbau und Kon¬
stitution. 2 Proz. sind Pykniker, 15 Proz. gehören den dysplastischen
Spezialtypen (Basedowoide, Lymphatiker, Infantile, Eunuchoide), 85 Proz.
dem schizoiden — asthenischen — Formenkreis (ptotische, hypoplastische,
vegetativ minderwertige, spasmophile und geschlechtlich mangelhaft differen¬
zierte Individuen) an. — Diskussion: Benthin - Königsberg schreibt
neben den konstitutionellen auch den mechanischen Ursachen eine Bedeutung
für die Dysmenorrhöegenese zu. Aschner: Die mechanische Therapie der
Dysmenorrhöe ist die einfachste und wirksamste, v. Jaschke warnt vor
Ueberschätzung der Konstitutionspathologie. Mathes: Dysmenorrhöe und
Hyperemesis sind psychogen bedingt. Seilheim: Die Konstitution der
Frau ist nicht schlecht oder minderwertig, sondern nur anderswertig als die
des Mannes, zur Erfüllung ihrer originellen Aufgaben — Fortpflanzung —
ist die Frau, die vieles mit dem Kinde gemeinsam hat — „protrahierte
Jugendlichkeit“ — sogar hochwertig. Hirsch: Hat schlechte Erfolge mit
der Dilatation bei Dysmenorrhöe. Die spitzwinklige Anteflexion beruht auf
Hypoplasie und ist nicht mit Zervixstenose verbunden. — Seil heim:
Metroendometritis und Metropathie. Begriffe und Nomen¬
klatur müssen geklärt werden. Es gibt Metropathien aus „Baustörung“ —
organische — und aus „Betriebsstörung“ — funktioneile. Kombinationen
und fliessende Uebergänge sind häufig. Bei den Betriebsstörungsblutungen
spielen die aus Missbrauch der weiblichen Funktion entstandenen — parachre¬
stischen — eine grosse Rolle. (Ausführlich D.m.W. Nr. 22 u. 23.) —
G r a e f e n b e r g - Berlin: Beiträge zur Biologie der Scheide
(Fortsetzung folgt.)
Berliner medizinische Gesellschaft.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 27. Juni 1923.
Vor der Tagesordnung:
Herr Nagelschmidt: Diathermie in der Chirurgie.
Wegen Vermeidung der Blutungsgefahr ist das Indikationsgebiet der
Diathermie in der Chirurgie ein sehr 'umfangreiches. Bei Lupus. Skrophulo-
derma an Haut und Kehlkopf, bei Angiomen, Warzen, Kankroiden sind selbst
: in Fällen mit ausgedehnten Veränderungen, wie cs zahlreiche demonstrierte
| Fälle zeigen, sehr schöne und kosmetisch hervorragende Resultate erzielt
worden.
Herr M. Zondek: Zur Diagnostik und Entfernung von Fremdkörpern
aus den Harnorganen und ihrer Umgebung.
1. Ein scharfkantig, partiell inkrustiertes Knochenstückchen, das einem
! Kranken ans der Pars posterior der Urethra operativ entfernt worden ist; es
. hatte Urethraliisteln und einen starken serös-eitrigen Ausfluss aus der Harn-
! i Öhre unterhalten.
2. Einen etwa 35 cm langen, ledernen, inkrustierten Schnürsenkel, aus
der Blase eines Mannes, durch Sectio alta entfernt.
3. Eine zum grössten Teil inkrustierte Schrapnellkugel, die wie ein
Kalbsauge aussieht, nach Resektion der vorderen Blasenfistel gewonnen.
4. Nach einer 3 Jahre zuvor ausgeführten Bauchoperation ein über Kinds¬
kopf grosser Tumor in der rechten Unterbauchhöhle. Zystoskopisch links
ballöses Oedem und in einer Bucht ein Körper, durch seine fast mathematisch
exakte Begrenzungslinic als Fremdkörper erkannt. Dieser liegt der unteren
Wand des Tumors dicht an, und wird per exclusionem. insbesondere noch
durch seine Dmgrcnzungsform als Stiel eines bei der Operation zurück¬
gebliebenen Instruments erkannt. Röntgenphotographie 2 Schieber in den
Tumor. Operative Entfernung von der Bauchwand aus1. Heilung.
Tagesordnung:
Herr Cltron: Die Wismutbchandlung der Syphilis.
Bei der Hiihnerspirillose ergaben Wismutsalze sehr ermutigende Re¬
sultate, ebenso bei der Naganaerkrankung des Meerschweinchens, wo sich
allerdings bald Rezidive einstellten (Fouton). Die Untersuchungen wurden
im Institut Pasteurs zu Paris fortgesetzt (L e v a d i t i und seine Mit-
928
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
arbeiter). Alle Wismutsalze sind im Effekt prinzipiell in Tierversuchen
identisch. Zahlreiche Versuche ergaben auch am Menschen günstige Re¬
sultate. Wegen der politischen und der dadurch bedingten wirtschaftlichen
Verhältnisse war es völlig ausgeschlossen, jemals die französischen Präparate
hier anwenden zu können. Deutsche Fabriken haben dann eine Reihe von
Wismutpräparaten hergestellt, auch Tartrat und Chininkombinationen, die
auch gute Resultate geben (Spirobismol).
Beim Primäraffekt verschwinden bei genügender Wismutdosis die Spiro¬
chäten, der Primäraffekt heilt in 1 — 2 Wochen ab, die Adenopathie bildet
sich in 3 — 5 Wochen zurück. Auch sekundäre Erscheinungen, selbst Nephrose
und akute meningitische Erscheinungen werden häufig, wenn auch langsamer,
als bei der Salvarsanbehandlung zurückgebildet und bei genügender Dosis
sind Rezidive selten. Ueber tertiäre und viszerale Syphilis liegen nur spär¬
liche Befunde bisher in der Literatur vor.
Intravenös injizierte lösliche Wismutpräparate werden sehr schnell aus¬
geschieden, man findet höchstens 7 Tage lang Bi im Urin, bei intramusku¬
lärer Injektion wenig löslicher Präparate dauert die Ausscheidung dagegen
25 Tage.
An der Ausscheidung des Wismut nehmen alle Se- und Exkrete teil. Am
höchsten ist der Wismutgehalt der Milz, dann folgt die Niere, dann die
Leber. Auch im Liquor cerebrospinalis lässt sich Wismut in nennenswerter
Weise nachweisen. Die Toxizität ist folgende: Beim Kaninchen sind 200 mg
letal, wenn lösliches Präparat benutzt wird, 400 mg des unlöslichen schädlich.
Fälle von Icterus syphil., Mesoaortitis syphil. zeigen bei' Wismuttherapie
Rückgang der Wassermann sehen Reaktion, bei einer Taboparalyse, die
4 Neosalvarsan zu 0,45 erhalten hatte und danach im Liquor WaR. H — I — b
aufgewiesen hatte, war nach 14 Spirobismolinjektionen der Liquor in allen
Reaktionen negativ geworden. Auch in anderen Fällen gelang es, die WaR.
mit Spirobismolinjektionen negativ zu machen, in denen es mit Salvarsan
nicht gelungen war.
Die Wirkung auf die WaR. hängt von der Wismutdosis ab und tritt
viel langsamer ein als nach Salvarsaninjektion. Die WaR. wird langsam
schwächer und schliesslich sogar ohne weitere Injektionen negativ, als Folge
des langsam sich lösenden Wismutdepots. Man muss also für das Negativ¬
werden der WaR. bei Wismiuttherapie einen ganz anderen Maassstab anlegen
als beim Salvarsan.
Die Wismuttherapie ist allem Anschein nach weniger giftig als das bei
allen anderen bisher zur Anwendung gelangten Antisyphilitika der Fall war,
vom rein symptomatisch wirkenden Jod abgesehen. Die löslichen Präparate
machten früher Schmerz an der Injektionsstelle, doch fällt dies bei den jetzt
angewandten Präparaten fort. Gewichtsabfall tritt nur bei toxischen Dosen
ein, Fieber nur als Reaktionsfieber bei Zerstörung grosser Mengen von
Spirochäten.
Wie wirkt das Wismut? Es ist nach L e v a d i t i und N i c o 1 a y kein
Gift für die Spirochäten, nur im Gemisch mit Leberbrei wirkt es bakterizid.
Die Wismuttherapie ist eine neue Methode, die sehr geeignet ist, die
Syphilistherapie zu fördern. Ob Heilung der Syphilis durch das Präparat
zu erzielen ist, muss weiterer Beobachtung Vorbehalten bleiben.
Aussprache: Herr Grüne nberg hebt mehrfach beobachtete
Appetitsteigerungen und Gewichtszunahmen nach Wismuttherapie hervor.
Herr Heller: In 3 Fällen, die sich mit Hauterscheinungen gegen
Quecksilber und Salvarsan refraktär erwiesen diatten, versagte auch die
Wismuttherapie und dies ist natürlich ein gewichtiger Grund, die Angelegen¬
heit kritisch zu behandeln.
Herr Schumacher: Im Spirobismol ist neben Wismut Jod ulrad
Chinin enthalten, also 3 spirillizide Mittel, so dass die Wertung des Wismut
hier unsicher ist. Das Quecksilber wirkt indirekt als Sauerstoffkatalysator.
Das Salvarsan tritt mit den Zellen in Kontakt und die Sauerstoffwegnahme
macht sich für die Spirochäten schon geltend, wenn die Körperzellen noch
nicht geschädigt werden. Wismut zeigt ebenfalls die Quecksilber-Metall¬
wirkung. aber schwächer als Quecksilber; doch muss hier die kurative Wir¬
kung nahe der toxischen liegen. Es hängt die Wirkung davon ab, dass
Wismut resorbiert wird und freie Wismutionen im Körper kreisen.
An einen Ersatz des Salvarsans durch Wismut ist nicht zu denken
und vor dem alleinigen Gebrauch des Wismut bei Primäraffekten ist zu
warnen.
Herr L c s s c r bezweifelt ebenfalls die kausale Heilung der Syphilis
durch Wismut.
Herr Morgenrot h glaubt, dass noch die Unterlagen fehlen, um die
Art der Quecksilber- und Salvarsanwirkung zu eruieren. Die theoretische
syphilidologische Forschung steht noch in den Anfängen. Uebrigens ist es
Ehrlich gewesen, der als erster auf die trypanozide Wirkung des Wismut
hingewiesen hat.
Nach nochmaligen Bemerkungen der Herren Schuhmacher und
L e s s e r und des Vorsitzenden F. Kraus
Herr Citron: Schlusswort.
Sitzung vom 4. Juli 1923.
Tagesordnung.
Herr Spronck aus Utrecht a. G. : Ueber Immunität und Ueberempfind-
lichkeit bei der Tuberkulose.
34 Jahre nach der Entdeckung des Tuberkulins ist seine Wirkung immer
noch nicht aufgeklärt. Der Vortr. setzt die Theorie von Wassermann
und Bruck auseinander, welche ihm die Grundlage für seine Versuche ab¬
gegeben hatten. Beim gesunden Meerschweinchen erzeugt ein Organbrei
tuberkulöser Organe eine Ueberempfindlichkeit der Haut, die nicht auf In¬
fektion mit durch die Filter passierten Tuberkelbazillen zu beziehen ist. da
die Ueberempfinlichkeit viel zu schnell eintritt. Durch mehrfache Injektionen
lässt sich die erzielte Ueberempündlichkeit steigern, doch wird nie ein gleich
hoher Grad von Ueberempfindlichkeit erzielt, wie bei tuberkulösen Meer¬
schweinchen. Je schneller die Verarbeitung der Organe nach der Tötung
erfolgt, desto wirksamer ist das erzielte Extrakt. Wässerige Auszüge aus
tuberkulösen Organen ergeben bei tuberkulösen Meerschweinchen typische
Tuberkulinreaktionen, und es werden die Versuche so gedeutet, dass die
Organextrakte sowohl die tuberkulinartige Substanz, das Antigen, wie den
Antikörper, den Ambozeptor, enthalten. In technischer Beziehung ist zu er¬
wähnen. dass Intrakutanreaktionen nur dann als „positiv“ angesehen werden,
wenn sie zur Nekrose führen. Der Antikörper wird von dem Vortr. als im
Gewebe sitzender Rezeptor angesehen. Wegen gewisser Verschiedenheiten
zum Tuberkulin und zu seinem Antikörper werden die neuen Bezeichnungen
Tuberkulan und Antituberkulan vorgeschlagen. Und durch Injektionen von
Serum tuberkulöser Meerschweinchen auf gesunde Meerschweinchen lässt
sich die Hautüberempfindlichkeit übertragen. Die Tubcrkulinallergie wirkt
also sensibilisierend, während Alttuberkulin diese Eigenschaft nicht mehr hat.
Aus der gelungenen Uebcrtragung der Hautüberempiindlichkeit, bei der stets
das Mischserum mehrerer Tiere verwendet wird, sehliesst er, dass das Anti¬
tuberkulan beim infizierten Meerschweinchen in Menge vorhanden ist. Zum
Nachweis muss man nur mindestens 5 ccm injizieren und mindestens 3 Tage
warten. Trotz des vom Vortr. selbst zugegebenen Ambozeptorcharakters
des Antituberkulans werden Absättigungsversuche zwischen Tuberkulin und
den Antikörpern angestellt, welche jedoch nicht nach dem Gesetz der multiplen
Proportionen verliefen. Das Antituberkulan scheint den Antikutinen von
P i c k e r t und Löwenstein identisch zu sein. Die negative Anergie
bedeutet nur ein scheinbares Erlöschen der Zellimmunität analog der Ana¬
phylaxie.
Therapeutische Resultate waren im Frühjahr schlechter als im Sommer
und Herbst. Bei scheinbar genesenen Tieren konnte bei der Sektion immer
noch ein Rest der tuberkulösen Infektion nachgewiesen werden. Nach In¬
jektion des frischen filtrierten tuberkulösen Organbreies entsteht oft eine
akute Entzündung, die vermieden werden kann, wenn der Organbrei einige
Tage in Zimmertemperatur steht, was durch Bindung der beiden Antagonisten
der Tuberkulinreaktion zustande kommt. Das Verschwinden der Tuberkulin-
reaktion in schweren Fällen wird auf ein Uebertreten von Tuberkulin ins
Blut zurückgeführt.
Aussprache: Herr N e u f e 1 d geht ausführlich auf die alten Koch-
schen Versuche ein und erklärt, dass die lichtvollen Versuche ihn veranlassen
werden, von neuem Versuche anstellen zu lassen.
Herr B e r g e 1 weist wieder auf das fettspaltende Ferment der Lynioh"-
zyten hin und berichtet über die Entstehung Much scher Granula bei der
peritonealen Injektion bei refraktären Tieren.
Herr A. Wolff-Eisner: Ueber Immunisierung bei Tuberkulose, spez.
von der Haut aus (Ponndorf etc.).
Von Wassermann und Neufeld ist vor kurzem die Möglichkeit
einer Tuberkuloseimmunisierung geleugnet worden und dadurch ein schwer¬
wiegender therapeutischer Nihilismus unter den Praktikern hervorgerufen
worden. Unter Immunität muss man all die Vorgänge verstehen, welche zur
Ausheilung einer Tuberkuloseinfektion führen und ihren äusseren Ausdruck
in den Tuberkulinreaktionen und deren Zusammenhang mit der Prognose
finden, und man darf nicht den Meerschweinchen-Immunisierungsversuch, der
nebenbei in seiner Ausführung festgestellte Tatsachen nicht in Rechnung zieht,
zur Grundlage seiner Ausführungen machen.
Wenn somit auf Grund des angeführten AJaterials an der Bedeutung
immunisatorischer Vorgänge für den Verlauf der Tuberkulose kein Zweifel
bestehen kann, so bestehen keine experimentellen Beweise, dass die Tuber¬
kulinbehandlung den Immunitätszustand günstig zu beeinflussen vermag.
Analogieschlüsse lassen es aber als zweckmässig erscheinen, die Antikörper¬
produktion von dem Herd der Krankheit hinweg in die Haut und das Haut¬
bindegewebe zu verlegen, wie dies von Ponndorf, Moro, Petruschky
u. a. angestrebt wird. Die Verfahren sind im Prinzip als identische anzu¬
sehen, weil eine grundlegende Verschiedenheit der angewandten Präparate
nicht anerkannt werden kann und es sich unter allen Umständen um Tuber-
kulihwirkungen auf die Haut, die Subkutis und das Hautbindegewebe handelt.
Schon vor 15 Jahren ist von Münzer und Wolff-Eisner die spe¬
zifische Tuberkulintherapie von der Haut aus durch Einreiben von Tuberkulin¬
salbe oder durch intrakutane Injektion mit der gleichen Begründung und von
den gleichen Voraussetzungen aus, empfohlen und dauernd angewendet
worden. Es handelt sich nach ihnen sowohl um die Bildung von Rezeptoren
an den Zellen der Haut, welche Tuberkulin binden und dadurch eine Ab¬
schwächung resp. Entgiftung des Tuberkulins äusserlich in Erscheinung treten
lassen, teils um die Erzeugung von Antikörpern an Stellen ausserhalb des
Krankheitsherdes bei der Abstossung dieser Rezeptoren im Sinne der Ehr¬
lich sehen Seitenkettentheorie. Das Bindungsvermögen der Haut ist ein
beschränktes, und wenn man, wie Ponndorf. schwere, flammende, mit
l ieber einhergehende Reaktionen hervorruft, so kann man wohl Krankheiten,
bei denen ein Reaktionsstoss im Sinne der Proteinkörpertherapie nützlich ist,
günstig beeinflussen, verlässt aber die Grundlagen, auf denen der Vorteil
der kutanen Tuberkulintherapie beruht und riskiert mit den Reaktionen
schwere Schädigungen. — Vortr. betont, dass die wissenschaftliche Forschung
über Tuberkuloseimmunität die Grundlage für die Organisation der Tuber¬
kulosebekämpfung sein muss und beklagt, dass in Deutschland hierfür keinerlei
Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Aussprache: Herr F. K 1 e m p c r e r ist der Ansicht, dass die Aus¬
führungen des Vortr. die Grundlage für eine Diskussion abgeben können,
dass die Ponndorf sehen Anschauungen theoretisch unmöglich sind, ebenso
wie seine beigefügten Krankengeschichten in seinem Buch. Die Zufuhr grosser
Tuberkulinmengen bietet Gefahren. Auch bei vorsichtiger Anwendung der
kutanen Therapie lässt sich der Ausbruch späterer aktiver Tuberkulose nicht
verhindern.
Die weitere Aussprache wird auf die nächste Sitzung vertagt.
Nach der Tagesordnung teilt Herr A. Hi sch aus Ungarn a. G. sein
Krebsanschauungen mit. Wolff-Eisner.
Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 2. Juli 1923.
Demonstrationsabend.
Herr Jungmann demonstriert 3 Fälle von Endokarditis, bei denen
er darauf hinweist, dass das starre Schema einer E. septica, einer rekur¬
rierenden E. und einer E. lenta sich bei klinischer Beobachtung nient
aufrechtcrhalten lässt. Hinweis auf eitrige Prozesse der Tonsillen als
Ausgangspunkt.
Herr V. Schilling erläutert die Bedeutung der Blutbildverwertung
in der Poliklinik. Es werden 2 poliklinische Fälle geschildert, bei denen die
Untersuchung bei unbestimmten Beschwerden nichts ergab. Das Blutbild
deckte einen schweren infektiösen Prozess auf, der sich bei weiterer klini¬
scher Beobachtung bestätigte.
Aussprache: Herr v. Hoesslin weist darauf hin. dass die
Tonsillektomie — im akuten Stadium der Endokarditis ausgeführt — von
bösen Folgen begleitet sein kann.
Herr Köhler schildert einen doppelseitigen Spontanpneumothorax bei
8 jähr. Mädchen, der bei vollkommenem Fehlen, einer Tuberkulose nur durch
1.?. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
929
vorangegangene Behandlung mit K'uhnscher Saugmaske (!) bei
schwächlichem Kind erklärt werden konnte. Exitus nach beiderseits aufge¬
tretenem Empyem. Sektion zeigte schwere Verziehung des Mediastinums.
Herr Steffens zeigt eine luetische Aorteninsuffizienz, bei der im
schwersten Dekompensationsstadium nach Versagen von Digitalis und Diuretin
intravenös und rektal gegebenes Kuphyllin raschen Erfolg herbeiführtc. Als
Nebenbefund erweichte Tophi an der Ohrmuschel.
Aussprache: Herr Blumenf eld.
Herr H i s weist auf die Seltenheit der Erscheinung hin, dass Gichtknoten
o h n e Entzündungserscheinungen erweichen.
Herr Zondek führt als Beispiel aus dem Kapitel der endokrinen
Störungen eine Kranke vor, bei der erst braunes Hautpigment, dann
akromegales Wachstum der Füsse und schliesslich Bascdowsymptome auf¬
traten. Dann 2 Fälle von hypophysärem Infantilismus, die er lieber als
Gegenstück zur Dystrophia adiposogenitalis bezeichnen möchte. Auf Grund
( experimenteller Untersuchungen ist er zu der Anschauung gekommen, dass
[ die Spezifität der Hormone an bestimmte Bedingungen gebunden ist. Er
konnte z. B. die Wirkung des Thyreotoxin durch Zusatz von Kalzium voll¬
kommen aufheben u. ä.
Herr Gudzent zeigt das Röntgcnogratnm eines grossen endothora-
kalen Tumors, der zunächst sich nicht änderte — Bestrahlung erfolglos — ,
bis er dann nach 3 Jahren rasch einen malignen Charakter annahm und
bei der Sektion als osteoplastisches Sarkom festgestellt wurde. W.
Aerztlicher Bezirksverein Erlangen.
Sitzung vom 15. März 1923.
Herr J a in i n und Herr Stettner: Vorstellungen zur Frage der
iiungerschädcn.
Ja min: Hungerschäden werden auch bei Kindern leicht verkannt, da
besonders die qualitativen Mängel -der Ernährung durch Befriedigung des
Sättigungsbedürfnisses verdeckt werden, die Gewebe verschiedenartige
Empfindlichkeit gegen bestimmte Mängel zeigen und reichlicher Wassergehalt
einen guten Ernährungszustand Vortäuschen kann, Wachstumshe-mmungem nur
durch sorgfältige fortlaufende Messungen und Wägungen nachzuweisen sind
und die Auswirkung einer mangelhaften Ernährung von konstitutionellen und
akzidentellen Faktoren beeinflusst wird (vergl. den Vortrag vom 15. II. 1923,
d. Wschr. S. 894). Ein wichtiges Hilfsmittel zum Nachweis von Hunger¬
schäden ist die regelmässige Röntgenuntersuchung des Ske¬
letts (Handwurzelbilder).
Fall 1. M. G., 4 Monate altes Mädchen: Grosser Naevus pilosus
et pigmentosus an Kopf und Hals. Neuropathische Belastung. Auf dem Nävus
eiternde Druckgeschwüre. Infolge des verunstaltenden Nävus wohl mangel¬
hafte Pflege. 3 Tage gestillt, dann X Milch mit Wasser und Zucker, alle
2 Stunden eine Flasche. Turgorverlust. Rosenkranz. Eiterige Bindehaut¬
entzündung. Länge 53 cm ( — 7). Gewicht: 2760 g ( — 1340). Röntgenbild der
Hand äusserst kalkarm, keine Handwurzelkerne, am Epiphysenrande Ver¬
dichtung und Unregelmässigkeiten. Wachstums stillst and. Leuko¬
zytose.
Fall 2. G. H., 3 Jahre 9 Monate alter Knabe : Rachitis, Schwach¬
sinn, Anämie. Von der Mutter neuropathische Belastung. X Jahr ge¬
stillt, mit 1 Jahr volle Kost, wahrscheinlich Milch- und Buttermangel. Vor
5 Monaten Keuchhusten, Erbrechen, Durchfälle. Husten. Aufgetriebener Leib.
Konnte vor 8 Wochen vorübergehend etwas laufen. Länge: 75,5 ( — 21,5) cm.
Gewicht: 7,625 ( — 2,575) kg. Wassermann- und Pirquetreaktion negativ.
Hämoglobin: 32 Proz. Leukozytose. Geringer Turgor. Rosenkranz.
Hühnerbrust. Röntgenbild des Handskeletts: sehr kalkarme Knochen, Epi¬
physen in lockerer Becherform, Ossifikation verzögert. Unter der Behandlung
mit Lebertran und vitaminreicher Kost rasche Zunahme, jedoch anfällig für
Infektionen.
Fall 3. F. L., 1 Jahr 2 -Monate alter Knabe: Rachitis, Skorbut,
Anämie. Zwilling. Zwillingsbruder an Erythrodermie t. Mit 7 Wochen
Erythrodermie, vorher Lungenentzündung. Dann Intoxikation überstanden,
Furunkulose, Otitis, Bronchitis. Beikost schlecht vertragen. Seitdem
schwere Anämie, fast unbeeinflusst durch Blutinjektionen vom Vater,
Doramad. Länge: 64 ( — 11) cm. Gewicht: 4,4 (- — 2,9) kg. Röntgenbild der
Hand: im Alter von 5 Monaten: Randstreifen, Ossifik-ationsverzögerung;
im Alter von 1 Jahr: Becherform der Epiphysen mit klumpigen Kalk¬
anlagerungen, Trümmerfeldzone. An der Tibia ähnliche Veränderungen, peri-
| ostale Auflagerungen, örtliche Defekte an -dem Epiphysenrande. Knochen im
ganzen sehr kalkarm. Konstitutionelle und angeborene
Defekte (Zwilling!), dazu Infekte und Avitaminose (A + C).
Fall 4. M. Sch., X jähr. Mädchen: Keratoma lazie, uneheliches
Kind, Mutter nervös. Wurde X Jahr gestillt. Dann X Milch und Reis¬
schleim, Brei, viel Zucker. Mutter hat während des Stillens alles gegessen,
auch Obst und Gemüse, aber -keine Milch, keine Butter. Vor 14 Tagen hatte
das Kind Grippe, Lungenentzündung und Hornhautentzündung. Guter Turgor.
Länge 55 ( — lü) cm, Gewicht 3170 ( — 1,33) kg. Hornhaut beiderseits vereitert.
Links Staphylom. Leukozytose. Im Röntgenbild der Hand: sehr kalk¬
arme Knochen, Epiphysenrand mit lockerem Randstreifen, etwas auf¬
gefasert. Ossifikation etwas verzögert. — Pirquet- und WaR. negativ.
Fall. 5. L. K., X jähr. Mädchen: K e r a t omalazie. 3 Wochen ganz
gestillt, dann noch zweimal täglich bis zur Aufnahme, daneben Zwieback-
und Weckmehlbrei, X Milch mit Schleim und Zucker. Ernährung der Mutter
während des Stillens: Mehlspeisen, Suppe, Salat, keine Milch, keine Butter.
Vor 14 Tagen Augenentzündung aufgetreten. Länge: 58,5 ( — 5,5) cm. Gewicht:
i 5,0 ( — 0,4) kg. Guter Turgor. Intertrigo. Rosenkranz. Pirquet- und WaR.
negativ. Auf beiden Augen Hornhautvereiterung unter Einschmelzung ver¬
heilend, Verlust des -Sehvermögens. Im Röntgenbild der Hand kalkarme
Knochen, am Epiphysenrande leichte Auftreibung, Verdichtung mit Kal-k-
anlagerung, Ossäfikationsverzögerung; keine Handwurzelkerne entwickelt,
Unregelmässigkeiten an den Epiphysenrandzonen. Leukozytose
mit 52 Proz. Lymphozyten. Hgl. 82 Proz. Bei beiden keratomala zischen
Kindern bleibt das Allgemeinbefinden in der weiteren klinischen Beobachtung
abgesehen von dem dauernden Verlust des Augenlichtes unter angemessener
Ernährung mit Lebertranbeigabe völlig ungestört und blühend.
Stettner: Ueber die Wirkung des Hungers auf das Blut
liegen nur wenige Untersuchungen vor. Bekannt ist die sog. Kriegslympho¬
zytose, die u. a. als Hungcrfolge aufgefasst werden kann. Ferner wird von
einer relativen und absoluten Lymphozytose beim Hungerödem gesprochen.
An mehreren willkürlich herausgegriffenen Hungerfällen wurde nun das
Verhalten des Blutes untersucht: Es handelte sich um einen 3X jähr. Jungen,
welcher einen schweren Hungerzustand ( — 5 kg) infolge einer seit X Jahr
bestehenden Speiseröhrenverengerung zeigte, um ein 5X jähr. Mädchen,
welches infolge Unterernährung und Verwahrlosung (psychopathische Eltern)
eine um 8 cm verminderte Körperlänge und ein Untergewicht von 7 kg auf¬
wies und u-m einen 3'X jährigen Jungen, der bei Unterernährung und Verwahr¬
losung rachitisch geworden war und um 21 cm im Wachstum (keine Ver¬
krümmungen) und um 6X kg gegenüber seinem altersentsprechenden Solige¬
wicht zurückgeblieben war. Allen 3 Kindern gemeinsam war eine massige
Verarmung an roten Blutzellen und eine ganz geringe Herabsetzung des
Hämoglobingehaltcs, so dass der Färbeindex stets grösser als 1 angetroffen
wurde. Die weissen Zellen waren leicht vermehrt, es bestand leichte Neutro-
ph-ilie, daneben war das Auftreten kleiner Lymphozyten mit retikuliertem
Kern und stark basophil gefärbtem schaumigen Protoplasma ohne Azurgranu¬
lierung bemerkenswert und zwar in einer der Schwere des vorhandenen
Schadens annähernd entsprechenden Stärke (9 — 26 Proz.). Für diese Schäden
konnte das Fehlen -eines bestimmten Vitamins nicht verantwortlich gemacht
werden. Anders verhielt s-ich -die Blutreaktion bei 5 willkürlich gewählten
Skorbutfäll-en mit röntgenologisch nachweisbaren Knochenveränderungen.
Schon in einem Zeitpunkte, in welchem noch nirgends Blutungen nachgewiesen
werden konnten, war eine schwere Schädigung der roten Blutzellen- vor¬
handen bei an sich geringer Verminderung ihrer Zahl, stets ein Herabsinken
der Färbekraft unter 1. Die Zusammensetzung -der weissen Zellen 'war
ebenfalls im Sinne einer Neutrophilie verschoben, nur in einem schweren,
mit Rachitis komplizierten Falle kam es zur Ausschwemmung unreifer Kno-
chen-marksele-mente. In allen Hungerfällen entsprach die Blutreaktion einem
Darniederliegen der Körperfunktionen, -die Leistungsfähigkeit der Blutbildungs¬
stätten war mehr oder -minder stark herabgesetzt.
Im Anschluss daran wurden einige seltenere Reaktionstypen bei Kindern
besprochen, bei welchen eine starke Erschöpfung und Erschöpfbarkeit des
myeloischen Systems vorherrschten: Im Anschluss an Varizellen war bei
einem 3 jähr. Mädchen während einer Grippe (März 1920) eine mässige
Herabsetzung der R. auf 4 000 000 und eine konstante Leukozytose von 20 000
zu verzeichnen. Die innerhalb 6 Tagen viermal wiederholten Blutunter¬
suchungen ergaben ein Ansteigen der Färbekraft von 0,84 — 1,0 während eines
durch schweres Darn-ie-dernegen ausgezeichneten, sonst aber unkomplizierten
klinischen Verlaufes. Die Blutschädigung war besonders ausgezeichnet durch
ein Herabsinken -der Zahl der reifen Neutrophilen von ursprünglich 20 auf
12 Proz., ohne -dass durch unreife Knochenmarkselemente ein hinreichender
Ersatz zustande kommen konnte, solche kamen nur ganz vereinzelt zur Be¬
obachtung. Der Ersatz geschah vielmehr in Form der schon bei den Hunger¬
fällen erwähnten retikulierten, stark basophil gefärbten pathologischen Lyim
phozyten. Ausgang in Heilung. • — Bei einem 2. Falle war bei einem 5 jähr.
Jungen ein ähnliches Verhalten nur in verstärktem Maasse vorhanden. 8 Tage
nach exanthematischer Erkrankung, wahrscheinlich Masern, kam das Kind
wegen Schnupfen, Halsdrüsenschwellung, Milztumor und geringem Impetigo
an -der Nase zur Aufnahme. Die Zahl der R. un-d der Gehalt an Hb waren
wenig verringert, es fanden- sich anfangs 65 Proz. neutrophile Zellen bei
5880 W. und bereits einige unreife Knochenmarkselemente. Diese an sich
gewöhnliche Reaktion auf Infekt änderte sich im Laufe der weiteren Beob¬
achtung. Unter schwerem -allgemeinem Krankheitsgefühl breitete sich
trotz sorgfältiger Therapie der Impetigo flächenhaft aus, die Zahl der W. sank
auf 2120 und -der Gehalt an Neutrophilen auf 0,4 Proz. Der Ersatz der aus
dem Blute nahezu geschwundenen Granulozyten geschah nur sehr unvoll¬
kommen, zum Teil in myeloischen Elementen (789), zum Teil wiederum in
lymphozytären Gebilden (1145). -Nach 3 Tagen stieg die Kurve -der reifen
Neutrophilen innerhalb 14 Tagen wieder zur Ausgangsmenge an und gleich¬
zeitig zeigten sich an den Impetigostellen die bis dahin vermissten Heilungs¬
und Abgrenzungserscheinungen (14 Blutuntersuchungen innerhalb 30 Tagen).
Ein 3. Fall kam in hoffnungslosem Zustand in Behandlung. Ein 5 jähr. Mädchen
konnte sich nach einer vor 4 Monaten stattgehabten Furunkulose nicht er¬
holen und wurde i-m Anschluss an Grippe manifest septisch, bereits 4 Wochen
hohes septisches Fieber. Herabsinken, der R. auf 1 170 000 und der W. auf
1520, Ansteigen der Färbekraft auf 1,28. Neutrophile Zellen waren nur
0,5 Proz. vorhanden, an unreifen myeloischen Zellen 11,5 Proz., meist Myelo¬
blasten, die übrigen Zellen waren vorwiegend wiederum jene obenerwähnten
pathologischen Lymphozyten (71,5 Proz.). Ausgang in Tod.
Sämtliche Fälle zeigen bei Infekten ein starkes Versagen der Knochen¬
marksfunktion, die Bildung weisser Zellen lässt sich frühzeitiger gestört er¬
kennen als die rote. Die spärlich vorhandenen Neutrophilen zeichnen sich
durch sehr hochgradige Segmentierung -aus (Ar.nethverschiebung nach rechts),
sind demnach als Altersformen anzusprechen. Diese Erscheinung bieten auch
die Hungerfälle. Der Ersatz mit unreifen Knochenmarkszellen ist jeweils un¬
genügend. Am zahlreichsten werden pathologische Lymphozyten angetroffen,
die wahrscheinlich ebenfalls als Altersformen aufzufassen sind.
Aussprache: Herren Wissmann, D y r o -f f, Schulz, Ko¬
ni g e r, Wustrow.
Medizinische Gesellschaft zu Kiel.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 14. Juni 1923.
Herr Schittenhelm: Demonstration eines Falles von hämorrhagi¬
scher Diathese mit Milzexstirpation.
17 jähr. Schneiderin. Als Kind Masern, Keuchhusten, . Diphtherie. Vor
einem Jahre Schmerzen im Rücken und in -der Nicrengegcnd mit Albuminurie.
Seit -dem 12. Lebensjahre vierwöchentlich regelmässig Menses ohne Be¬
schwerden. Seit Ende Februar 1923 Menses dreiwöchentlich. Am 5. April
.Beginn' der Menses, anfangs gering, vom 8. Tag an auffallend stark mit
fast ununterbrochenem Blutabgang. Gleichzeitig traten plötzlich zahllose
punktförmige Blutstellen auf, zuerst und am stärksten an den Streckseiten
beider Ober- und Unterschenkel und dann bei den Ellenbogenbeugen. Am
17. April Aufnahme in die Klinik. Temperatur und Puls normal. Guter
Ernährungszustand, kräftiger Körperbau. Zahlreiche punktförmige, steck¬
nadelkopfgrosse Blutungen an den obengenannten Stellen, vereinzelt auch in
der Umgebung der Augen. Flächenhafte, bis linsengrosse Blutungen in der
MÜNCHKNER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
y3u
Schleimhaut des Mundes und des Gaumens. Brustorgane o. B.. Milz und
Leber nicht vergrössert. Urin frei von pathologischen Bestandteilen. Blut:
Hgb. 62, Erythrozyten 3 800 000, Leukozyten 3000, Thrombozyten 110 900;
Auszählung der Leukozyten ohne Befund. In den nächsten Tagen starke
Menstrualblutungen, Zunahme der Blutungen auf Haut und Schleimhäuten.
Rumpel-Lede stark positiv. Rapide Zunahme der Anämie trotz Anwendung
blutstillender Mittel wie: Injektionen hochprozentiger Kochsalzlösung, Koa-
gulen, Tenosin, Serum etc. Am 22. April Blutbefund: Hgb. 26, Erythro¬
zyten 1 240 000, Leukozyten 8400, Thrombozyten 14 880; Leukozytenaus¬
zählung normal, Normoblasten. Poikilozytose, Anisozytose. Blutungszeit
12 Minuten, Gerinnung normal. Urin: Urobilinogen positiv, sonst o. B.
Wegen der Gefahr zunehmender Anämie wird die Kranke zur Milzexstirpation
in die chirurgische Klinik verlegt. Sofortige Operation, bei der reichlich
freies Blut in der Bauchhöhle gefunden wurde, und anschliessende Trans¬
fusion von 800 ccm mütterlichen Blutes nach Oehlecker. Hernach
sofortige Besserung des schweren Zustandes, sichtbar sich bessernde Durch¬
blutung am nächsten Tage, Sistieren der Blutungen, Rumpel-Lede negativ.
Am 23. Anril Hgb. 30. Erythrozyten 2 520 000, Thrombozyten 29 208. Am
24. April Erythrozyten 3 990 000, Thrombozyten 42 000. Am 25. April
Thrombozyten 114 260. Am 29. April wieder Menses, Rumpel-Lede negativ,
Abnahme der Erythrozytenzahl bis 2 600 000, der Thrombozyten auf 101 000.
Nochmalige Transfusion von 350 ccm mütterlichen Blutes, Menses hören auf,
von da ab rasche ungestörte Rekonvaleszenz. Die Menses blieben die
nächsten Male aus, der Blutbefund ist jetzt (am 17. Juni) Hgb. 70, Erythro¬
zyten 4 670 000, Leukozyten 6900, Thrombozyten 176 000. Starke Körper¬
gewichtszunahme, blühendes Aussehen.
Der Fall zeigt die prompte Wirkung der Milzexstirpation bei Werl-
h o f scher Krankheit unter Beihilfe von Bluttransfusionen, so alle übrigen
Mittel versagten. In der Milz bei histologischer Untersuchung nirgends
Anhalt für zugrundegegangene Thrombozyten, dagegen findet sich eine bei
der noch sehr jugendlichen Kranken auffallende Hyalinisierung der Follikel¬
arterien.
Bei einem zweiten Kranken (29 jähr. Arbeiter) mit einer typischen
thrombopenischen hämorrhagischen Diathese mit zahlreichen flächenhaften und
fleckweisen Blutungen in Haut und Schleimhäuten, besonders auch in der
Zunge und in dem Zahnfleisch, mit Darmblutungen, Blutbrechen und
Hämaturie, wurde gleichfalls die Milzexstirpation vorgenommen; der Kranke
starb jedoch mehrere Stunden hinterher. Der Blutbefund war kurz vor der
Operation: Hgb. 28, Erythrozyten 2 240 000, Leukozyten 7200; Thrombo¬
zyten wurden trotz langen Suchens nicht aufgefunden. Nach der Operation
fanden sich einzelne Riesenthrombozyten in dem Präparat und eine Leuko¬
zytose von 13 000. Die exstirpierte Milz war kaum vergrössert, histologisch
fanden sich keine Anzeichen für Thrombozytenzerfall. Dagegen wieder eine
zentrale Hyalinisierung der Follikel mit eingelagerten grossen Zellen und eine
Hyalinisierung der Follikelarterien.
Bei einer dritten Kranken, 26 Jahre alt, im IV. Monat gravid mit
thrombopenischer hämorrhagischer Diathese (Thrombozyten 15 400, Hgb. 28,
Erythrozyten 2 200 000, Leukozyten 4200), wurde mit Calcium chlorat. und
anderen blutstillenden Mitteln behandelt, sie bekam eine Bluttransfusion von
200 ccm (defibriniertes Blut). In der Nacht hernach Erbrechen zahlreicher
blutiger Massen, einige Stunden später unter erneutem Erbrechen Exitus.
Die Fälle zeigen jedenfalls, dass man bei hämorrhagischer Diathese mit
extremer Thrombopenie mit keinem therapeutischen Mittel einen so guten
Erfolg erreichen kann wie mit der Milzexstirpation.
Aussprache; Herren Schröder, Konjetzny, v. Stare k,
Anschütz. Schittenhelm.
Herr Wels: Der Entwicklungsgang der Lungentuberkulose im Röntgen¬
bild.
Die anatomischen Reaktionseigentümlichkeiten, welche die verschiedenen
Epochen des Tuberkuloseablaufes in der Lunge charakterisieren, lassen sieh
auch im Röntgenbild erkennen. Wie die anatomischen Arbeiten Rankes
gezeigt haben, bestimmt das Verhalten der regionären Lymphdrüsen die
Form, in welcher der Organismus auf den Tuberkelbazillus und seine Gifte
reagiert. Aus dieser Form kann wiederum auf das Stadium des tuber¬
kulösen Infektionsprozesses geschlossen werden.
Demgemäss wurde versucht, die Veränderungen des Röntgenbildes in
4er Hilusgegend in (Beziehung zu setzen zu den Veränderungen in ideir
Lungenperipherie. Aus einem grossen Material wurden einige besonders
charakteristische Platten gewonnen, welche für die drei Stadien der Tuber¬
kulose (Primärkomplex, Sekundärstadium, tertiäre isolierte Organphthise)
eine genaue Uebereinstimmung mit den von Ranke gefundenen anatomi¬
schen Daten zeigen.
Für den speziellen Entwicklungsgang der tertiären isolierten Phthise der
Lunge werden die Befunde von K ü p f e r 1 e und G r ä f bestätigt, welche
den Charakter der neuentstehenden Herde im Röntgenbilde erkennen lassen.
Bei der auf diese Befunde aufgebauten röntgenologischen Prognostik der
Lungentuberkulose ist aber Zurückhaltung am Platze, weil nicht wenige Fälle
trotz ausgesprochen produktiver Natur der neugebildeten Herde unaufhaltsam
fortschreiten und zum Tode führen, anderseits weil jede Miterkrankung
anderer Organe die Bedeutung des Lungenbefundes überhaupt zurückdrängen
muss.
Aussprache: Herren Spiegel, Schittenhelm, v. Starck.
B e h n, Wels. E.
Klinisch-wissenschaftl. Abend im Luitpoldkrankenhaus
Würzburq.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 7. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr M a n a s s e. Schriftführer: Herr Hagemann.
Herr Strecker: Zur Theorie der unangenehmen Nachwirkungen bei
der Lumbalanästhesie. (Erscheint als Originalartiket in der M.m.W.)
^Herr Hofmeier: Ueber Hautnekrose bei Scharlach. (Demonstration.)
'3 jähr. Mädchen, das einen unkomplizierten Scharlach durchmachte. Bei
der Aufnahme, die bereits ein voll ausgebildetes Exanthem zeigte, wurde auf
dem Kopf, auf den Scheitelbeinen, fast in gleichem Abstand von der Sagittal-
naht. je ein markstückgrosser bläulich-bräunlich verfärbter Fleck beobachtet.
Kind litt ausserdem an Pedikuli. Diese Stellen verfärbten sich weiterhin
schwarzblau. Am 10. Tage der Aufnahme Ablösung der Haut in Fetzen.
Darunter scharf umrandete Geschwüre, von denen das eine, wie ausgestanzt,
bis auf den Knochen ging, der vom Periost entblösst war. Rand der Ge¬
schwüre etwas erhaben, gute Granulationen. Im Eiter Streptokokken, kein
Fieber, etwas erhöhte Herzaktion. Da sonstige Möglichkeiten (Dekubitus.
Lues. Tuberkulose) ausgeschlossen werden konnten, wurde die Diagnose auf
Hautnekrose bei Scharlach gestellt. Hinweis auf die Seltenheit dieser Fälle
in der Literatur (15 seit 1860), die meist allerdings erheblich schwerer ver¬
liefen, aber auch zum Teil ähnlich leicht. Fast alle Nekrosen zeigen den
Typus der Raynaud sehen symmetrischen Gangrän. Wahrscheinlich '
handelt es sich um spezifisch toxische Gefässschädigung, dadurch End-
arteriitis, Gefässverschluss und weiterhin Nekrose. Heilverlauf glatt und ohne
Besonderheiten.
Herr Wiemann: Plötzlicher Exitus infolge Status tbymlcolvmphaticus.
Am 8. V. 1923 wurde bei einem 23 Wochen alten, normal entwickelten
Kind ein zehnpfennigstückgrosses Hämangiom der linken Wange in Chloro¬
formnarkose exzidiert. Dabei kaum Blutung. Dauer der Narkose etwa
3 Minuten. Danach tagsüber und auch in der Nacht zunächst Wohlbefinden.
Temperatur abends 38", nachts 3 Uhr wurde das Kind tot im Bett gefunden.
Die Sektion ergab einen hochgradigen Stat. thymol., starke Hyperplasie
des Thymus (Gewicht ca. 26 g, über das Doppelte des hiesigen Durchschnitts¬
gewichtes). Ausserdem Hyperplasie der Tonsillen und der Zungenfollikel und
der Lymphdrüsen im Mesenterium. Hypoplasie der Nebenniere.
Der vorliegende Fall zeigt die Gefahr eines ganz geringfügigen chirur¬
gischen Eingriffes bei bestehendem Stat. thymol. Ueber die Bedeutung dieser
Konstitutionsanomalie für die Indikationsstellung bei operativen Eingriffen
herrscht keine einheitliche Auffassung. Einerseits wird jeder Eingriff ab¬
gelehnt, bzw. verschoben, andererseits zeigt der Verlauf auch grösserer
Operationen, die trotz bestehendem Stat. thymol. ausgeführt wurden, dass ein
ungünstiger Ausgang nicht notwendig eintreten muss.
Abgesehen von anderen Schädlichkeiten ist der Chloroformnarkose eine
besondere Bedeutung zugeschrieben worden. Der Ersatz derselben durch
örtliche Betäubung hat im Allgemeinen die Gefahr von operativen Ein¬
griffen in diesen Fällen nicht verringert. In einer ganzen Anzahl von Todes- t
fällen während und nach Lokalanästhesie hat sich auch die erwähnte Anomalie
gefunden. Vor einigen Jahren wurde hier ein Kind mit Stat. thymol. operiert
wegen mechanischer Trachealstenose. Trotz hochgradiger psychischer Er¬
regung während der Lokalanästhesie und trotz anschliessender Narkose und
länger dauernder Operation guter Ausgang.
Wodurch die verschiedene Widerstandsfähigkeit derartiger Kranken be¬
dingt ist, ist z. Z. nicht sicher zu entscheiden, auch für die Prognose des ;
einzelnen Falles bestehen keine Anhaltspunkte.
Herr Finger: Ueber anaphylaktischen Schock.
28 jähr. Landwirt. Oktober 1918 in Frankreich Granatsplittersteckschuss
des rechten Vorderarmes. Wegen Beschwerden Entfernung des bohnengrossen
Granatsplitters, der reizlos eingeheilt scheint, in Plexusanästhesie ohne jeden
Zwischenfall. 4 Stunden p. op. Injektion von 5 ccm Tetanusantitoxin 4 fach
(Behring-Werke) subkutan linker Oberschenkel. 15 Min. p. Injektion plötzlich
starkes Hitzegefühl, stärkste Aufgeregtheit und Angst, Benommenheit,
schwerste allgemeine Zyanose. Puls in der Radialis nicht zu fühlen, in
der Karotis sehr klein, etwas beschleunigt; Herztöne sehr leise; übeT den
Lungen Exspirium verlängert mit lautem Giemen; Atmung angestrengt, ober¬
flächlich. Keine Infiltration an der Injektionsstelle. Nach 20 Minuten Besse¬
rung des Zustandes, nach 2 Stunden ausser leichter Zyanose und Be¬
klemmung normaler Befund; rascher Rückgang auch dieser restlichen Erschei¬
nungen.
Behandlung: Sofortige Kampferölinjektion und subkutane Normosal-
infusion. Der Zustand kann nur als echter anaphylaktischer Schock gedeutet
werden. Prophylaktische Seruminjektion muss als berechtigt anerkannt
werden, zumal in diesem Falle, trotz der 5 jähr. reaktionslosen Einheilung
des Splitters, Streptokokken nachgewiesen werden konnten, die latente In¬
fektion also bestand, und mithin keine Sicherheit, dass nicht auch Tetanus¬
bazillen latent vorhanden waren. Vollständige Heilung.
Herr Feiler und Frl. Reuter: Fall von Neuritis toxica acustica et
facialis.
Der 13 jähr. M. H., dessen Familienanamnese ohne Besonderheiten ist.
machte vor 3 Jahren Masern, vor 2 Jahren eine Infektionskrankheit unge- .
klärter Aetiologie durch. Vor 2 Monaten erkrankte er an schwerer Furunku¬
lose. Im Anschluss daran trat bei dem bis dahin niemals ohrerkrankten
Jungen vor 5 Wochen hochgradige Schwerhörigkeit links, ohne Ohren¬
schmerzen, ohne Ausfluss aus dem Ohr auf; 10 Tage später hörte er auch
auf dem rechten Ohre nicht mehr. Am Tage der Einlieferung wurde das
Gesicht schief.
Aufnahmebefund: Kräftiger Junge, normale Temperatur. Innere Organe
o. B. Blutbefund: Leukozytose von 18 000. Wassermann: — . Lumbal- \
punktat: o. B. Trommelfell beiderseits normal, reizlos. Es besteht komplette
Taubheit und völlige vestibuläre Unerregbarkeit beiderseits, ferner komplette
periphere Fazialislähmung links. Sonst bietet der Nervenstatus keine patho¬
logischen Veränderungen. Auf Grund der Anamnese und des Befundes wird
die Diagnose auf eine im Anschluss an die Furunkulose auf toxischer Basis'
entstandene Neuritis acustica et facialis acuta gestellt.
Auffallend ist in diesem Falle das gleichmässige Befallensein des Ramus
cochlearis und vestibularis; gewöhnlich ist bei dieser Erkrankung der Ramus
cochlearis bevorzugt, oft ist er allein erkrankt. Bemerkenswert ist ferner ^
die Furunkulose als ätiologisches Moment. Die Prognose ist schlecht. Die.
meisten dieser akuten toxischen Neuritiden gehen in die Form der Neuritis
chronica fibrosa über mit Degeneration der peripheren Ganglien und der
nervösen Endapparate. (Demonstration von mikroskopischen Präparaten der '
Ohrenklinik.)
Therapeutisch kommt eine Pilokarpinkur in Frage.
Herr Nonnenbruch: 1. 24 jähr. Mann mit Diabetes insioldus. bei dem
im Koclisalzversuch (20 g Zulage) die Kochsalzkonzentration im Harn nicht
über 0,315 Proz. stieg. Auf Novasurol stieg Kochsalz im Harn auf 0.7 Proz. •
trotz vermehrter Polyurie, Kochsalzverarmung des Körpers und Gewichts¬
abnahme (1,6 kg). In diesem Stadium der Entchlorung machte Pituglando!
keinen Anstieg der Kochsalzkonzentration ,im Harn über 0.1 Proz. bei nur
3,9 g Tagesausscheidung. Es zeigt dies die Abhängigkeit der Kochsalz- ’•
konzentrationswirkung des Pituglandols vom Salzbestand der Gewebe.
2. Unausgeprägtes Myxödem und Hypoparathyreose nach Strumektomie
mit 0,9 kg Gewichtsabnahme und 3,1 Liter Harn nach Novasurol, konstantem
13. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRlET.
931
Körpergewicht nach 20 g Kochsalzzulage und raschem Auftreten hyper-
thyreotischer Erscheinungen und Tetanie der Hände nach kleinen Thyreoidin-
guben. H a g c in a n n.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 18. Mai 1923.
Herr F. Scherber demonstriert eine Frau mit abgelaufener Impetigo
hcrpctifonnls.
Herr E. Suchanek stellt einen 66 jährigen Mann vor. bei dem ein
Fremdkörper (Kalbsknorpel) aus dem Oesophagus entfernt wurde.
Herr E. Lenk berichtet über den Röntgenbefund dieses Falles.
Herr F. M andl hat Untersuchungen über Muskelatrophie und deren Ver¬
hinderung angestellt.
Fr bespricht die verschiedenen Theorien der Atrophie und Experimental¬
untersuchungen. Seine Ergebnisse fasst Vortr. dahin zusammen, dass durch
Novokair.bchandlung die Entwicklung der Atrophie verhindert und die Dauer
der Behandlung verkürzt wird. Vortr. hat bei Unfallverletzten 20 — 30 ccm
-■ proz. Novokainlösung intramuskulär gleich nach der Einlieferung ins Spital
injiziert und diese Injektion alle 2 — 3 Tage wiederholt. Der nach Verletzungen
typisch auftretende M u s k c 1 s t u p o r, der die Bewegungen unmöglich macht,
entwickelt sich unter dem Einfluss des Novokains nicht, so dass Bewegungen,
wenigstens in kleinem Umfange möglich sind. Nach den Injektionen mag man
einen Fixationsverband anlegen; nach einigen (6 — 8) Tagen ist das Muskel¬
spiel möglich.
Herr R. 0. Stein: Untersuchungen über die Ursache der Glatze.
Vortr. hat sich seit 1916 mit diesem Thema und der einschlägigen Literatur
1 beschäftigt, ist jedoch nicht in der Lage, sich der allgemein angenommenen
! Ansicht anzuschliessen, dass die Seborrhöe im wesentlichen an der Entstehung
| der Glaze beteiligt sei. Der Umstand, dass die Glatze bei Frauen sehr selten
j ‘st> lässt sich mit dieser Annahme schwer vereinen. Wenn man den Verlauf
der Haargrenze vergleichend bei Frauen, Kindern und Männern verfolgt, so
j bemerkt man, dass bei jungen Männern entsprechend den Tubera frontalia in
der Zeit der Pubertät ein zirkumskripter Haarausfall eintritt. so dass die bei
■ Kindern und Frauen ohne Knickung von einem Ohr zum anderen verlaufende
Haargrenze eine rcchtwinkelige Zacke erlangt: Calvities frontal ls
| adolescentium. Während unter detn Einfluss der Hodenentwicklung
am Mons Veneris. unter der Nase, unter den Axillen etc. Lanugohaare zu
; dicken Haaren werden, machen die Haare des Gapillitiums einen entgegen-
5 gesetzten Entwicklungsgang durch. Die Glatze ist eine Minusvariation des
I Haarkleides bei Männern. Bei männlichen Personen, die man den sexuellen
jj Zwischenstufen zurechnen muss (Eunuchoide), fehlt die Calvities frontalis
B adolescentium, sie haben auch als Erwachsene den Verlauf der Haargrenze
wie bei Frauen und Kindern. Bei Viragines ist die Calvities frontalis vor-
: banden. Vortr. verweist auf die Dauerbrunst der domestizierten Tiere, durch
welche die sekundären Geschlechtscharaktere gegen den Zustand, den diese
! Merkmale bei freilebenden Tieren aufweisen, bedeutend abgeändert werden.
1 Die Glatze entwickelt sich als hochgezüchtetes Merkmal unter dem Einfluss
der männlichen Sexualhormone auf seborrhoischem Terrain: bei den Personen,
welche frühzeitig Glatzen bekommen, kann man erheben, dass sie besonders
frühzeitig mutierten, einen besonders starken Bart aufweisen etc.; das auf-
falleitlste Merkmal ist ein üppiger Haarwuchs in den Ohren. Als hoch¬
gezüchtetes Merkmal ist die Glatze in manchen Familien erblich, wie ja
bekanntlich auch andere sekundäre Geschlechtsmerkmale. Die Glatze ist erst
in Entwicklung begriffen. Das Fortschreiten der Glatzenentwicklung sistiert
im allgemeinen wegen des Zusammenhanges mit der männlichen Sexualtätig¬
keit etwa mit dem 45. Lebensjahre.
I
Kleine Mitteilungen.
Eine für Röntgenstrahlen sensibilisierte Emulsion.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen einer gewöhnlichen photographi¬
schen Platte und einer Röntgenplatte bestand bislänge nicht. Man konnte
Röntgenplatten für Landschaftsaufnahmen verwenden und andererseits mit
jeder photographischen Platte Röntgenbilder, wenn auch keine vollwertigen,
erzielen. Das ist leicht erklärlich: denn die Röntgenstrahlen sind elektro¬
magnetische Schwingungen, ebenso, wie die Lichtstrahlen, nur mit einer
etwa 1000 mal kleineren Wellenlänge. Nachdem W. Friedrich und
P. P. Koch1) nachgewiesen hatten, dass dennoch ein prinzipieller Unter¬
schied der chemischen Wirkung von Licht- und Röntgenstrahlen vorhanden
ist, lag der Gedanke nahe, die Emulsionen für röntgenologische Zwecke
speziell für Röntgenstrahlen zu sensibilisieren. Die gewöhnliche photo¬
graphische Emulsion absorbiert nur Teile der Röntgenenergie. Aber nur die
absorbierte Energie versetzt das Bromsilber in den angeregten Zustand, in
dem es durch den Entwickler geschwärzt wird. Es kam also darauf an. die
Absorption der Röntgenstrahlen zu erhöhen, um dadurch eine Steigerung der
Empfindlichkeit für Röntgenstrahlen zu erzielen. Dies wurde dadurch er¬
reicht. dass besonders geeignete Sekundärstrahler in das Innere des Brom¬
silberkristalls eingeführt wurden.
Die nach diesem Verfahren von der Dr. C. Schleussner A.G. in
Frankfurt a. M. hergestellten, für Röntgenstrahlen sensibilisierten Emulsionen
dienen zur Herstellung der Neoröntgenplatte und des Neoröntgenfilms.
Die Neoemulsion entspricht allen Anforderungen, die an eine gute
Röntgenemulsion zu stellen sind: Steile Gradation bei hoher Empfindlichkeit
gegen Röntgenstrahlen und möglichste Klarheit.
Versuche haben ergeben, dass die Belichtungszeit bei der Neoemulsion
auf etwa die Hälfte der für eine nichtsensibilisierte Emulsion und auf etwa 2/i
der für einen doppelseitig begossenen nicht sensibilisierten Röntgenfilm er¬
forderlichen Milliamperesekunden herabgesetzt werden kann.
Die Neoemulsion hat weiterhin den Vorteil, dass sie gegen dunkelgelbes
Licht unempfindlich ist. Das Einlegen und Entwickeln der Platten kann daher
bei gelber Birne erfolgen, was eine wesentliche Schonung der Augen be¬
deutet. Gegen weisses Licht ist die Neoemulsion 500 mal weniger empfindlich,
wie eine gewöhnliche Emulsion, so dass ein versehentliches kurzes Ein-
*) Annalen der Physik 1914, 45.
schalten des weissen Lichtes, das eine Platte mit gewöhnlicher Emulsion un¬
brauchbar machen würde, der Klarheit des Bildes keinen Abbruch tut.
Da die Neoemulsion besonders fiir die kurzwelligen Röntgenstrahlen
sensibilisiert ist, ist die Verwendung einer Verstärkungsfolie bei ihr aus¬
geschlossen. Durch die Verstärkungsfolie wird der grösste Teil der auf¬
fallenden kurzwelligen Röntgenstrahlen absorbiert und in langwellige Licht¬
strahlen umgewandelt, gegen die die Neoemulsion ausserordentlich un¬
empfindlich ist. Die kurze Belichtungszeit, die für die Neoemulsion erforder¬
lich ist, macht die Verwendung einer Verstärkungsfolie zudem überflüssig.
Die Neoemulsion arbeitet völlig klar und ergibt Negative von besonders
plastischer Wirkung. Sie besitzt einen weitgehenden Expositionsspiefraum.
d. h. Unter- oder Ueberexposition lassen sich durch entsprechende Ent¬
wicklung ausgleichen. Die Struktur der Knochen ist von feinster Differen¬
zierung.
Eine weitei'e Herabsetzung der Belichtungszeit auf etwa K der bisher
erforderlichen Milliampercsekunden wird der doppelseitig begossene sensibili¬
sierte Röntgenfilm ermöglichen, der in Bälde unter der Bezeichnung Doneo-
Röntgenfilm in den Handel kommen wird.
Die Herstellung einer für Röntgenstrahlen sensibilisierten Emulsion be¬
deutet einen ausserordentlichen Fortschritt. Die Verwendung der Neo¬
röntgenplatte und des Neoröntgenfilms kann nur empfohlen werden.
Dr. H. H u b m a n n - Stuttgart.
Therapeutische Notizen.
Ueber intravenöse Blutinjektion bei Lungentuber¬
kulose.
Veranlasst durch die Arbeit von Prof. Kisch in Nr. 7 der M.m.W.
möchte ich kurz über meine Erfahrungen mit intravenöser Bluteinspritzung
bei Tuberkulösen berichten.
Angewandt habe ich diese Therapie zum ersten Male vor etwa 3 Jahren
bei einem Phthisiker mit schwerer Hämoptoe, dem ich zum Zwecke der
Bluterneuerung 20 ccm Menschenblut intravenös zuführte.
Ich war damals überrascht von dem günstigen Einfluss dieser Trans-
fusion auf die Tuberkulose. Das Fieber fiel, der Kranke nahm an Gewicht
zu und der Lungenprozess kam zum Stillstand.
Aus dieser Erfahrung Nutzen ziehend, habe ich in der Folge schwer-
kranke Phthisiker mit intravenösen Blutinjektionen behandelt und habe davon
Erfolge gesehen, wie von keiner anderen Therapie bei schwerer Tuberkulose.
Mit zwei Ausnahmen hat sich bei 13 schweren Tuberkulosen der Zustand der
Kranken gebessert. Das Fieber sank, der Appetit hob sich, das Gewicht
nahm zu,- in einem Falle 12,5 kg. der Auswurf und die Nachtschweisse wurden
geringer, auch der Bazillenbefund besserte sich und der Prozess zeigte in
der Mehrzahl der Fälle kein Fortschreiten.
Ich machte 6 Blutinjektionen in Abständen von 8 Tagen — das Blut
entnehme ich nach Möglichkeit von Blutsverwandten, sonst von kräftigen
jungen Menschen. Dr. S. L e v y - Köln.
Assistenten- und Studentenbelangc.
Rückgang der Doktordissertationen.
Der Rückgang der Doktordissertationen ist aus einer Zusammenstellung
des Antiquariats von G. Fock in Leipzig zu ersehen. Die Gesamtzahl
dieser Dissertationen — einschliesslich akademischer Abhandlungen — be¬
trug im Jahre 1920—21 2688, im Jahre 1921—22 dagegen 1254. Die stärkste
Einbusse haben die medizinischen, staats- und volkswissenschaftlichen Publi¬
kationen zu verzeichnen. Für das. Jahr 1922—23 fehlt noch die Zusammen¬
stellung. die ein der Teuerung entsprechendes Resultat erwarten lässt.
Bücherbeschaffung für fortgeschrittene Studierende.
Privatdozenten und Professoren.
Um fortgeschrittenen Studierenden, Privatdozenten und Professoren, die
sich ständig geisteswissenschaftlicher Forschung widmen, eine erweiterte
Möglichkeit zur Beschaffung der dazu erforderlichen Bücher zu gewähren,
ist im Einvernehmen mit der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“
ein „Bücherbeschaffuijgsfonds“ errichtet worden. Die Beschaffung soll in der
Weise erfolgen, dass das einzelne Buch den Gelehrten, der es zunächst be¬
nötigt, nicht zum dauernden Besitz, sondern zur zeitweiligen Benutzung
überlassen und dann der betreffenden Universitätsbibliothek bzw. den
Seminarbibliotheken einverleibt wird, um weiteren Benutzern zu dienen.
Die erste Anschaffung jedoch soll auf Antrag der einzelnen, insbesondere
jüngeren Gelehrten und Forschern erfolgen, bei denen sich die Unmöglichkeit,
aus eigenen Mitteln die notwendigen Bücher zu erwerben, immer bedrohlicher
geltend macht. Die Notstandsaktion soll nicht der Ergänzung der Biblio¬
theken, sondern dem Forschungsbedürfnis des einzelnen Gelehrten, und zwar
mit Geltung für das ganze Reich, dienen.
Die Verwaltung des Fonds erfolgt durch ein Kuratorium, das aus den
Herren Staatssekretär Prof. Dr. B e c k e r, Wirkl. Geh. Rat Prof. Dr. v. H a r-
n a c k und Staatsminister Dr. Schmidt-Ott besteht.
Zuschriften in der Angelegenheit sind zu richten an das Kuratorium des
Bücherbeschaffungsfonds zu Händen des Herrn Staatssekretärs Becker,
Berlin W. 8, Unter den Linden 4. P. H. T.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 11. Juli 1923.
— Dem Bayerischen Landtag ist der Entwurf eines Ge¬
setzes über die Bayerische Aerzteversorgung zugegangen.
Der Entwurf ermächtigt das Staatsministerium des Innern, eine mit Rechts¬
persönlichkeit ausgestattete Anstalt des öffentlichen Rechtes zu errichten, die
den Zweck hat, den in Bayern wohnenden approbierten Aerzten, Zahnärzten
und Tierärzten ünd ihren Hinterbliebenen eine Versorgung zu gewähren. Er
regelt nur die grundsätzlichen Fragen und überlässt im übrigen die Ordnung
der Verhältnisse, insbesondere von Recht und Pflicht zur Mitgliedschaft,
Beginn und Ende der Mitgliedschaft, der Verpflichtung zur Beitragsleistung,
der Höhe der Beiträge, der Satzung, die von der Versicherungskammer mit
Zustimmung des Verwaltungsausschusses erlassen wird und der Genehmigung
des Staatsministcriums des Innern bedarf. Die Anstalt wird von der Ver-
932
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 28.
Sicherungskammer unter Mitwirkung des Verwaltungsausschusses verwaltet
und untersteht der Auisicht des Staatsministeriums des Innern. Die Kosten
der Verwaltung trägt der Staat. Der übrige Bedarf der Anstalt wird durch
Pflichtleistungen der Mitglieder nach Massgabe der Satzung aufgebracht.
Ueber Streitigkeiten entscheidet der Spruchausschuss der Versicherungs¬
kammer im ersten, das Schiedsgericht im zweiten und letzten Rechtszug.
Die Schaffung einer Versorgung für approbierte Apotheker und Hebammen
wird von den Beteiligten schon seit Jahren angestrebt. Der Entwurf sieht
daher die Möglichkeit vor, bei der Anstalt für sie besondere selbständige
Abteilungen zu errichten. Bis zur Klärung der einschlägigen Verhältnisse
bleibt die Anstalt auf die approbierten Aerzte, Zahnärzte und Tierärzte be¬
schränkt. Der Entwurf ist für die Belange der Volksgesundheit im all¬
gemeinen und für die Mittelstandsfürsorge im besonderen von nicht zu unter¬
schätzender Bedeutung.
— Durch Verordnung des Reichsarbeitsministers wurde die versiche¬
rungspflichtige Einkommensgrenze in der Angestellten¬
versicherung auf einen Jahresarbeitsverdienst von 27 Millionen (im
besetzten Gebiet 34 Mill.) Mark, in der Krankenversicherung auf
21 (bzw. 24) Mill. M. erhöht.
— Der Reichsarbeitsminister hat in Rücksicht auf den Notstand der
freiberuflichen Aerzteschaft den beamteten Aerzten des Versorgungs¬
wesens die Ausübung der Kassenpraxis untersagt.
— Nach dem Einspruch des Reichsrates ist zu erwarten, dass das
Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten,
nicht, wie vorgesehen, zum 1. Oktober d. J. in Kraft tritt, da sich der
Reichstag im Herbst erneut mit der Frage befassen muss.
— Die Berliner Kaiser - Wilhelm - Akademie für ärzt¬
lich-soziales Versorgungswesen ist in den Bereich des
Reichsministeriums des Innern übergeführt worden. Die Anstalt wird dem
Reichsgesundheitsamt angegliedert; auf diese Weise bleiben die wertvolle
medizinische Bibliothek und die 'kriegs- und konstitutions-pathologische
Sammlung erhalten und können wie bisher für die wissenschaftliche For¬
schung wie für die Fortbildung der Aerzte nutzbar gemacht werden.
— Am 7. Juli d. J. fand in München der 8. Bayerische Chi¬
rurgentag statt. Zu Beginn der Versammlung, über die wir in nächster
Nummer berichten werden, wurde in der chirurgischen Klinik die Bronze-
büsteExz. v. Angerers enthüllt. Sein Nachfolger und jetziger Direktor
der Klinik, Geh. Hofrat Prof. Dr. Sauerbruch, fügte seinen warmen
Gedenkworten den herzlichsten Dank des Denkmalausschusses an die
Freunde und Schüler, die früheren Kranken und sonstigen Verehrer hinzu, die
durch ihre Spenden die Beschaffung der Büste ermöglicht hatten.
— ln Niederösterreich sind die Dienst- und Ruhebezüge der Gemeinde¬
ärzte neu geregelt worden. Die Dienstbezüge bestehen aus dem Grund¬
gehalt, aus Dienstalterszulagen und einem Ortszuschlage; hiezu wird ein
Teuerungsbeitrag gewährt. Der Grundgehalt beträgt jährlich 1000 Kronen
und steigt bis zum vollendeten 30. Dienstjahre nach je drei Jahren um
zehn Prozent des Anfangsgehaltes (Dienstalterszulagen). Behufs Bemessung
des Ortszuschlages werden die gemeindeärztlichen Stellen nach dem Umfange
der mit der einzelnen Stelle verbundenen Arbeitsleistung und dem Grade
der Schwierigkeit der Verseilung des gemeindeärztlichen Dienstes in drei
Klassen eingeteilt, und zwar gebühren dem Inhaber einer Stelle der I. Klasse
40 Proz., der 11. Klasse 60 Proz. und der 111. Klasse 80 Pro- des Grund¬
gehaltes als Ortszuschlag. Der Teuerungsbeitrag wird am 1. Januar 1923 mit
dem 740 fachen des Monatsbezuges festgesetzt, steigt oder fällt in den folgen¬
den Monaten nach der Indexziffer und ist auf Hundert abzurunden. Die
Ruhebezüge werden entsprechend erhöht.
— ln Berlin wurde ein Heilgehilfe wegen Verbrechens gegen
das keimende Leben in 700 Fällen zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt.
— Bei Besprechung des Haushalts des Gesundheitsmini-
steriiiras im engl. Unterhaus (12 504 210 Pfd. St.) machte der Gesund¬
heitsminister Neville Chamberlai n einige bemerkenswerte Mitteilungen.
Er 'betonte die Bedeutung des Gesundheitsdienstes für die. Nation. 1922
seien 19 500 000 Arbeitswochen allein von der versicherten Bevölkerung
durch Krankheit verloren worden. Aber die für die öffentliche Gesundheit
gemachten Ausgaben seien nicht vergeblich. t Während der ersten 10 Jahre
des Jahrhunderts war die Sterblichkeit 15,4 auf Tausend; sie fiel im nächsten
Jahrzehnt auf 14,3 (ohne die im Kriege Gefallenen); im vergangenen Jahre
war sie nur 12,8. Die Lebenserwartung in allen Bevölkerungsklassen steige
andauernd; ein heute geborenes Kind könne eine um 12 Jahre längere Lebens¬
dauer erwarten als sein Grossvater. Die Todesfälle an Krebs seien in der
Zunahme; sie betrugen 96 auf 1000 aller Todesfälle. 1900 war die Krebs¬
sterblichkeit 829 auf 1 Million der Bevölkerung, 1910 907 und 1921 1215.
Drei Körperschaften beschäftigen sich in England mit Krebsforschung: der
Cancer Research Fund, das Middlesex Hospital und das Cancer Hospital in
London; dazu kommt in neuester Zeit die British Empire Cancer Campaign.
Besser als über den Krebs lautet der Bericht über die Tuberkulose. 1867
starben auf 1 Million der Bevölkerung an Tuberkulose 2653; 1887 noch 1685,
1907 1125 und 1921 nur noch 883. Die Geschlechtskrankheiten, die nach
dem Krieg stark zugenommen haben, seien jetzt in rascher Abnahme begriffen
und näherten sich jetzt wieder normalen Zahlen. Er führt diesen Erfolg zum
guten Teil zurück auf die im ganzen Land entstandenen (191) Fachkliniken;
diese sollen noch vermehrt werden. Mit grosser Sorge betrachtet der
Minister das Wiederaufleben der Pocken. 1917 gab es nur 7 Pockenfälle im
Königreich; 1922 waren es 973 Fälle und 1923 waren es bis zum 16. Juni
schon 955 Fälle. Vor 20 Jahren wurden 75 v. H. der Neugeborenen ge¬
impft, heute nur 38 v. H. Er wies auf die Verantwortlichkeit derer hin,
die gegen die Impfung arbeiten. Die günstige Kindersterblichkeit wird auf
die Tätigkeit der Kinderfürsorgestellen zurückgeführt, deren es jetzt 1950 im
Lande gibt. Der Gesundheitshaushalt konnte in zwei Jahren durch Ein¬
sparungen um 4 750 000 Pfd. St. verkürzt werden.
— Das Kanadische Parlament hat dem Dr. F. G. B a n t i n g in Toronto,
dem Entdecker des Insulin, zur Fortführung seiner Arbeiten ein Jahres¬
gehalt von 7500 Dollars ausgesetzt.
— Die Goldene Medaille der Royal Society of Medi¬
ci n e wurde dem Prof. F. Gowland Hopkins, Professor der Biochemie
an der Universität Cambridge, zuerkannt.
— Die Ostdeutsche Sozialhygienische Akademie in
Breslau veranstaltet vom 1. Oktober bis 22. Dezember 1923 einen Lehr¬
gang zur Ausbildung von Kreisärzten, Kommunal-, Schul- und Für¬
sorgeärzten, der alle Gebiete der Sozialen Hygiene. Sozialen Pathologie,
Gesundheits- und Krankenfürsorge, Medizinalgesetzgebung, Versicherungs¬
medizin und Aerztlichen Standeso-rganisation umfasst. Die Teilnahme am
Lehrgang ist Bedingung für die Zulassung zur Kreisarztprüfung und in der
Rege! auch für die Anstellung als kommunaler Medizinalbeamter. Die für
Kreisärzte verlangten Sonderkurse in Gerichtlicher Medizin, Pathologischer
Anatomie und Bakteriologie und Hygiene sind im Lehrplan vorgesehen.
Nähere Auskunft und Programme durch das Sekretariat der Akaderme,
Breslau XVI, Maxstrasse 4.
— Man schreibt uns; Die in den Tagen vom 18. Juni bis 2. Juli vom
Landesverbände für das ärztliche Fortbildungswesen in Bayern gemeinsam
mit dem Aerztlichen Verein München veranstalteten sieben Fortbil¬
dungsvorträge über Syphilis hatten sich, wie es ja bei den
Namen der Vortragenden auch nicht anders zu erwarten war, von seiten
der Münchener Aerzteschaft durchgehends eines sehr reichen Besuches zu
erfreuen. Eine Frage allerdings drängt sich einem wieder auf die Lippen; Wo
steckt unsere ärztliche Jugend? Wenn man den Blick über die oft Kopf
an Kopf gedrängt sitzende Zuhörermenge schweifen liess, man erblickte stets
die gleichen längst bekannten Gesichter, aber der Nachwuchs fehlte grössten¬
teils. Ist er so begütert, sich Bücher und Zeitschriften selbst beschaffen zu
können oder ist er schon so klug? Ich glaube doch, auch ihnen hätten die
Vortragenden Mancherlei des Neuen und Wissenswerten zu sagen gehabt.
— Infolge der auch in d. W. S. 864 gebrachten Notiz über Ver¬
gebung von Stiftungsgeldern der Gesellschaft deut¬
scher Naturforscher und Aerzte zu wissenschaftlichen Arbeiten
hat ein norddeutscher Industrieller die verfügbare Summe von M. 220 000. —
auf M. 550 0000 erhöht, und ein Schweizer Professor hat noch 50 Schweizer
Franken dazu gestiftet. Die Frist für Einreichung von Gesuchen an die
Adresse des ständigen Sekretärs, Prof. Dr. B. R a s s o w, Leipzig, Nürn-
bergerstr. 43 wird infolgedessen bis zum 20. Juli 1923 verlängert.
— In Berlin erscheint in spanischer Sprache eine neue röntgenologische
Zeitschrift; Revista de Radiologia-X (Revista de Roentgenologia),
herausgegeben von Dr. Kurt I m m e 1 m ann unter Mitwirkung namhafter
Röntgenologen. Verlag von A. H a a c k Buchdruckerei, Berlin; Preis M. 6000,
für das 3. Vierteljahr.
Hochschulnachrichten
F r e i b u r g i. B. Das nach seiner Zerstörung durch eine Fliegerbombe
(1916) neuerbaute anatomische Institut wurde durch eine Festrede des
Prof. Eugen Fischer feierlich eingeweiht.
Halle a. S. Der Verlagsbuchhändler Eduard Urban in Berlin ist
zum Ehrendoktor (Dr. med. h. c.) ernannt worden.
Hamburg. Den Privatdozenten der medizinischen Fakultät Dr. med.
Franz Oehleeker (Chirurgie), Dr. phil. Karl ü r a w i n k e 1 (Zahn-
lieilkunde), Dr. med. et phil. Erich Martini (Medizinische Entomologie)
und Dr. Leopold Schwarz (Hygiene) wurde die Amtsbezeichnung
,, Professor" verliehen.
Heidelberg.. Die Liste der Vorschläge für die Nachfolge von
A. Kossel lautete: 1. T r e n d e 1 e n b u r g - Tübingen, 2. Pütter-
Kiel, 3. Paul Hoffmann- Würzburg. Nachdem T rendelenburg be¬
schlossen hat, in Tübingen zu bleiben, ist der Ruf an P ü 1 1 e r ergangen.
Münche n. Habilitiert: Dr. Hugo Spatz für Psychiatrie. Habili¬
tationsschritt: Ueber den Nachweis von Eisen im Gehirn.
Todesfall.
Man schreibt uns: Am Mittwoch den 16. Mai ds. Js. ist in Dresden
der Direktor der neuzeitlichen Abteilung des Deutschen Hygienemuseums in
Dresden, Regierungsrat Dr. Friedrich W o i t h e, gestorben. Der Tod dieses
verdienstvollen Mannes und ausgezeichneten Kollegen bedeutet für das
Deutsche Hygienemuseum und für die ärztliche Wissenschaft einen besonders
schweren und in bestimmter Hinsicht kaum zu ersetzenden Verlust. Seinem
Gedächtnis seien hier einige Worte dankbaren Gedenkens gewidmet. Ur¬
sprünglich bayerischer Sanitätsoffizier, war er als solcher in den Jahren
19Ub — 1910 zum Kaiserlichen Gesundheitsamt kommandiert. Von seinen
wissenschaftlichen Arbeiten a.us dieser Zeit sind besonders die grundlegenden
gemeinsamen Arbeiten mit U h 1 e n h u t h über die chemotherapeutische Be¬
handlung der Dourine mit Atoxyl sowie namentlich auch seine gemeinsame
Arbeit mit Phil. Kuhn über ungewöhnliche Bakterienbefunde bei Ruhr¬
kranken besonders hervorzuheben, in welcher die ersten Feststellungen über
agglutinierende Bakterien mitgeteilt und der Forschung ein vollkommen
neues Gebiet erschlossen wurde. Verschiedene Arbeiten auf dem Gebiete
der Laboratoriumstechnik, zu denen er durch eine einzigartige technische
Begabung und auch ein nicht gewöhnliches persönliches technisches Geschick
besonders befähigt war, haben ebenfalls zahlreiche Neuerungen gebracht, die,
wie das Sedimentoskop, das Agglutinoskop, die Reagenzglasgestelle mit Feder¬
klammern und die verschiedenen Apparate zum Arbeiten mit wilden Ratten,
in den Laboratorien ständige Anwendung gefunden haben. Seine besonderen
Leistungen als Abteilungsvorstand der wissenschaftlichen Abteilung der Inter¬
nationalen Hygieneausstellung in Dresden 1911 veranlassten Lingner ihn,
nachdem er kurze Zeit als Mitglied wieder dem Kaiserlichen Gesundheitsamt
angehört hatte, als Direktor der neuzeitlichen Abteilung des Deutschen'
Hygienemuseums nach Dresden zu berufen. Auch auf diesem ihm besonders
gelegenen Arbeitsfelde hat er durch Ausgestaltung der Darstellungstechnik
neue Wege gewiesen und es verstanden, durch die von ihm in mustergültiger
Weise vorbereiteten und durchgeführten Ausstellungen über Tuberkulose, über
Säuglingssterblichkeit und über das Wesen und die Bekämpfung der Ge¬
schlechtskrankheiten das Deutsche Hygienemuseum und seine Bestrebungen
für die hygienische Volkserziehung wirklich volkstümlich zu machen. Nach
seinem bescheidenen anspruchslosen Wesen liebte er es nicht in der Oeffent-
lichkeit persönlich besonders hervorzutreten, in der Stille aber hat er sich
immer voll neuer Ideen und Pläne bis zuletzt unermüdlich und ohne Rück¬
sicht auf ein durch die Teilnahme am Kriege zugezogenes Leiden rastloser
Arbeit hingegeben, um die weitere Entwicklung des ihm anvertrauten Werkes
zu fördern. Seine Mühen waren nicht vergebens. Das hier von ihm Ge¬
leistete bildet die wohlausgebaute Grundlage für die fernere Arbeit des
Deutschen Hygienemuseums wie für alle weiteren Bestrebungen hygienischer
Aufklärungsarbeit. H a e n d e 1. ,1
Reichsteueruncsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnung
und Kleidung beträgt für den Monat Juni 7650 (im Mai 3816). Basiszahl
1913/14 = 1.
Die Buchändler-Schlüsselzahl ist ab 5. VII. 1923: 12 000.
Verlag von J. F. Lehmann ln München SW. 2, Paul Heyse-Str. 26. — Druck von E. Mühlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei O.m.b.H. München.
Prf!» dfr einzelnen Nummer freibleibend M 1800.-. . Bezugspreis
in Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitune: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8V» — 1 Uhr),
für Bezug: an J. F. L c hm an n s V er lag, Paul Hcyse-Strasse 26.
MÜNCHENER
Anzeigen- Xnnatinii:
Leo Waibcl, München, Theatinerstrasse 3 und sämtliche
Geschäftsstellen der „Ala“ Vereinigte Anzeigen-Gesell-
schaften H aase nstein& Vogl er A.G., Daube 8tCo. m.b H.
Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
Medizinische Wochenschrift
■
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 29. 20. Juli 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor
Originalien.
Aus dem Anatomischen Institut der Universität Hamburg.
Bemerkungen zur Beurteilung gefärbter Kernstrukturen
in fixierten Präparaten.
Von Wilhelm v. Möllendorff.
In einer demnächst in der Zschr. f. d. ges. Anatomie erscheinenden
Arbeit [1] konnte dargelegt werden, dass die aus den Färbeergebnissen
jun fixierten Präparaten für gewöhnlich gezogenen Schlüsse an ande¬
ren Strukturen, so vor allem an den Kernsubstanzen, dringend einer
Nachprüfung bedürfen. Eine physiko-chemische Analyse des Färbe¬
vorganges zeigte, dass eine Gegensätzlichkeit azidophiler und baso¬
philer Strukturen in dem Sinne, wie sie jetzt durchschnittlich ange¬
nommen wird, gar nicht existiert. Vielmehr müssen bei der Beurtei¬
lung der Färbung zwei Erscheinungen streng auseinandergehalten
werden, die, um nichts Hypothetisches in die Namen zu legen, zweck-
mässg als Durchtränkungsfärbung und als Nieder¬
schlagsfärbung bezeichnet werden sollen.
Beide Begriffe sind von der reinen Beobachtung des tatsäch¬
lich in gefärbten Präparaten Vorhandenen abgeleitet. Von einer
Durchtränkungsfärbung kann man überall da sprechen, wo
Jie genaueste mikroskopische Analyse einer Struktur ergibt, dass
JieStruktur selbst durch und durch von gelöstem Farb¬
stoff durchdrängt ist, während Niederschlagsfärb ung
in solchen Fällen vorliegt, wo zu der tatsächlich vorhandenen Struk¬
tur feinste bis gröbste Farbstoffniederschläge hin¬
zutreten.
Einer Durchtränkungsfärbung sind alle Strukturen zu¬
gänglich, sofern die Farbstoffe in der richtigen Form angewendet
werden und sofern der betreffende Farbstoff nicht zur Niedersclilags-
bildung (s. u.) neigt, wodurch bei manchen Strukturen eine Durcli-
tränkungsfärbung mehr oder weniger vollständig verhindert werden
kann. Es gibt gewisse Strukturen, die nur der Durchtränkungs-
rärbung zugänglich sind, so vor allem das Muskelzytoplasma, die
-•osinophilen Granula, die Erythrozyten. An solchen Strukturen ist
durch systematische Versuche festgestellt worden [2], dass lediglich die
Dispersität der Farbstofflösungen über das Ergebnis
Jer Färbung entscheidet, dass es dagegen, sofern man nur die Dis¬
persität beobachtet, völlig gleichgültig ist, ob man saure
pder basische Farbstoffe zur Färbung wählt. Für Struk¬
turen, die nur einer Durchtränkungsfärbung zugänglich sind, kann
mithin von einer Baso- resp. Oxyphilie nicht gut gesprochen werden.
Sehr wichtig ist, dass man mit sauren Farbstoffen ausnah m s -
os Durch tränkungsfärbungen erhält, die man in bekann¬
ter Weise bei Anwendung von Mehrfachfärbungen (van Giesons
Pikrofuchsin, Mallorys Bindegewebsfärbung u. v. a.) sehr fein
differenzieren kann. Hierbei ist massgebend, dass die einzelnen Kom¬
ponenten solcher Gemische eine möglichst verschieden grosse i)iffu-
>ionsfähigkeit besitzen. Dann wird immer der diffusiblere Farbstoff
n die „dichteren“, der mehr kolloide Farbstoff in die „locker ge-
>auten“ Strukturen eingelagert. Nach Aufklärung dieser Verhältnisse,
Jie im wesentlichen schon A. Fischer [3] und A. Pappenheim
4] gelungen war, sind die Prinzipien des Färbens mit sauren Farb¬
stoffen und Farbstoffgemischen relativ leicht übersehbar.
Bei der Färbung mit basischen Farbstoffen lässt sich da¬
gegen, wie oben angedeutet, die gleiche Gesetzmässigkeit nur an
solchen Strukturen leicht nachweisen, die nur einer Durchtränkungs-
ärbung zugänglich sind. Sobald wir andere Strukturen untersuchen,
.vird die Beurteilung der Durchtränkungsfärbung durch das Hinzu-
vonimen des zweiten Phänomens, der obenerwähnten Niederschlags-
ärbung, gestört. Sehr mühsame Untersuchungen, die in der eingangs
rwälinten Mitteilung im einzelnen dargelegt werden, haben zu dem
Ergebnis geführt, dass alle für eine Färbung mit basischen Farben
ils charakteristisch angesehenen Erscheinungen auf das Entstehen
der Niederschlagsfärbung zurückzuführen sind. Dazu gehören: die
scharfe Hervorhebung der Mastzellengranula, der Knorpelinterzellu-
arsubstanz, des Schleimes, gewisser Kernstrukturen u. a.
Günstige Objekte haben nun ausser allen Zweifel gestellt, dass die
Niederschlagsfärbung stets an Strukturgrenzen
Auftritt, also ein Oberflächenphänomen ist. Die Prägnanz der Fär-
N.. 29.
bung mit einem „guten basischen Kernfarbstoff“ hat man dem Um¬
stand zu verdanken, dass gewisse Strukturen durch einen feiust-
körnigen Belag von Niederschlägen scharf hervorgehoben werden.
Diese intensiv dunkle Färbung feinster Strukturen lässt sich mit einer
reinen Durchtränkungsfärbung, die den Farbstoff stets in Lösungsform
erhält, gar nicht erzielen, ln den allermeisten Fällen (z. B. elastische
Fasern, Knorpel, Mastzellen, Schleim) lässt sich der körnige Cha¬
rakter solcher Färbungen ohne weiteres durch eingehende Betrachtung
mit stärksten Vergrösserungen feststellen; auch die Überflächenlage
ist vielerorts ohne weiteres zu sehen, so vor allem an den elasti¬
schen Fasern des Nackenbandes, an der Oberfläche der Nukleolen;
an anderen Strukturen lässt sich das gleiche Verhalten theoretisch
ableiten. Beweisend für unsere Auffassung sind aber vor allem physi¬
kochemische Untersuchungen über das Wesen der Niederschlags¬
färbung. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die Niederschläge
das Ergebnis der Ausflockung der basischen Farb¬
stoffe mit sauren Kolloiden darstellen. Als solche dienten
uns saure kolloide Farbstoffe, Nukleinsäuren, Phosphormolybdän¬
säure. Die mit solchen Säuren im Reagenzglas zu erzielenden Nieder¬
schläge basischer Farbstoffe stimmten nach Intensität, Farbe und Al¬
kohol- resp. Aetherlöslichkeit vollkommen mit den der „Nieder¬
schlagsfärbung“ in den Präparaten zugrunde liegenden Gebilden über¬
ein. Durch diese Erkenntnis ist auch die histologische Seite des
Phänomens der Metachromasie basischer Farbstoffe, wie Thionin,
Toluidinblau, Safranin, Neutralrot, gelöst. Metachromatisch ge¬
färbt sind mit diesen Farbstoffen stets die Orte
der Niederschlagsfärbung (Mastzellengranula, Knorpel,
Schleim, Amyloid, Chromatin); metachromatisch sind bei diesen Farb¬
stoffen auch stets die im Reagenzglas mit kolloidalen Säuren zu ei-
zielenden Niederschläge, und zwar um so reiner, je vollständiger die
Ausflockung ist. (Nähere Angaben hierüber siehe in der eingangs
erwähnten Arbeit 1.)
Wir können demnach annehmen, dass diejenigen Strukturen, die
mit dazu geeigneten Farbstoffen eine metachromatische Färbung er¬
geben (dieselben Strukturen werden mit „einfachen“ basischen Farb¬
stoffen im gleichen Ton wie die Lösung durch Niederscdiläge gefärbt),
eine kolloide Säure enthalten, die den eindringenden Farbstoff a n
der Oberfläche der Struktur ausflockt. Von der Art der Säure
wird es abhängen, ob das Flockungsprodukt im Alkohol, den wir ja
in der Regel zum Entwässern der Präparate benutzen, vollständig
unlöslich oder mehr oder weniger löslich ist. Tritt nämlich eine teil¬
weise Lösung ein, so sind alle einzelnen Niederschläge von Diffusions¬
schichten umgeben, die natürlich im Lösungston der Farbe erscheinen.
Daher kommt es z. B., dass in einem Thioninpräparat zwar die Mast-
zellenkörner rein rot, die Kernstrukturen dagegen ebenso wie die
Nisslkörper mehr violett erscheinen. Die Mastzellenniederschläge sind
im Alkohol so gut wie unlöslich, während die Chromatinniederschläge
eine geringe Alkohollöslichkeit aufweisen. Durch weitere experimen¬
telle Verfolgung dieser Gedankengänge wird es vielleicht einmal ge¬
lingen, aus der Gesamtheit der der Niederschlagsfärbung zugänglichen
Strukturen einzelne genauer zu charakterisieren. Es ist sehr wohl
denkbar, dass die „Basophilie“ des Kernes auf seinem Gehalt an
Nukleinsäure, diejenige des Knorpels auf dem Vorhandensein der
Chondroitinschwefelsäure beruht. Man müsste die betr. Reaktions¬
produkte der basischen Farben kolloidchemisch vergleichend unter¬
suchen.
Wenden wir nun diese theoretischen Vorstellungen auf das Bild
an, das uns die Kern Strukturen in fixierten Präparaten dar¬
bieten, so kommen wir zu wesentlich anderen Ergebnissen, als sie
bisher allgemein als mehr oder weniger sicher betrachtet wurden.
Es dürfte angebracht sein, diese Dinge einmal kurz einem wciteien
Kreise zu unterbreiten, um so mehr, als soeben auch von anderer
Seite versucht wurde, die auf diesem Gebiete herrschenden Dogmen
zu erschüttern. Oto Tamura [5], der seine Untersuchungen noch
vor dem Kriege bei K e i b e 1 begann, kommt an Hämatoxylin-Eosin-
Präparaten zu folgenden Vorstellungen. Sowohl das Chromosom, die
Nukleolen, wie das Chromatin des ruhenden Kernes besitzen eine
„Doppelstruktur“, nämlich eine „basophile“ Hülle und einen „oxy-
philen“ Inhalt. Färbt man nämlich nur schwach mit Hämatoxylin, so
gelingt der Nachweis, dass sich sowohl in den Chromosomen, wie im
Nukleolus der Inhalt mit Eosin färbt, während das Hämatoxylin nur
eine oberflächliche Hülle färbt. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass
diese Beobachtungen Tamuras richtig sind; sie entsprechen voll¬
kommen unseren Befunden.
2
034
Aiünchener medizinische Wochenschrift.
Nr. 29.
Es würde hier viel zu weit führen, wollte ich im einzelnen auf
die sehr interessanten, wenn auch nicht bindenden Schlüsse ein-
gehen, die Tamura aus seinen Beobachtungen ziehen zu müssen
glaubt. Ich möchte nur betonen, dass ich es für sehr bedenklich halte,
aus den reinen Färbungserscheinungen eine substantielle Identifi¬
zierung des Nukleolus und des Chromatins abzuleiten. Dazu genügen
auch meines Erachtens nicht die wenigen Verdauungsversuche mit
Pepsinsalzsäure, die Tamura anführt. Nur darin muss, entgegen
der jetzt vorherrschenden Ansicht, eine Uebereinstimmung in unseren
beiderseitigen Befunden, die für mich sehr wertvoll ist, gesehen wer¬
den, dass aus den Färbeerscheinungen allein eine substantielle Ver¬
schiedenheit in den gröberen Kernbestandteilen nicht hervorgeht. Die
Färbeerscheinungen allein genommen zwingen mich aber weiterhin,
auch die Annahme abzulehnen, dass man den Inhalt der gesamten
Kernsubstanzen als oxyphil einer basophilen Oberflächenschichte
gegenübersteiien darf. Dieser Schluss ist rein aus dem gefärbten
Bilde gezogen, ohne irgendeine Berücksichtigung des allgemeinen
färberischen Verhaltens dieser Strukturen gegenüber zahlreicnen
Farbstoffen und ohne Berücksichtigung der Farbstoffeigenschaften.
Hier führen, so glaube ich, unsere Untersuchungen einen Schritt
weiter. Spezielle Untersuchungen, die aber mit den allgemeinen Er¬
fahrungen vollständig übereinstimmen, wurden nur an den Kernen
des Salamanderdarmes unternommen. Es ist sehr lehrreich, die
Struktur dieser grossen Zellkerne vergleichend mit sauren Farb¬
stoffen und verschiedenen basischen Farbstoffen gefärbt mit stärksten
Systemen zu untersuchen. Besonders Doppelfärbungen mit sauren
Farbstoffgemischen geben ein klares Bild von dem Aufbau der Kerne
(Eosin-Phosphormolybdänsäure-Methylblau [6]). Die Nukleolen
ebenso wie die Chromosomen sind durch und durch rot gefärbt, wäh¬
rend das „Kerngerüst“ in seinen verschiedenen Teilen hell bis dunkel¬
blau erscheint. Dunkler färben sich besonders die gröberen Teile,
in denen wir uns mit Heidenhain [7] zahlreiche Chromiolen ein¬
gelagert vorstellen müssen; diese treten allerdings mit dieser Methode
nicht different hervor.
Wenn M. Heidenhain im wesentlichen aus seiner Färbung mit
Vanadiumhämatoxylin unter den Chromiolen Oxy- und Basichromiolen unter¬
scheidet, so vermag ich ihm aus dem Grunde nicht beizupflichten, weil eine
Differentfärbung von Körnchen mit Vanadiumhämatoxylin über Oxy- resp.
Basöphilie nichts aussagen kann. Vanadiumhämatoxylin verhält sich durchaus
wie ein homogenes, aus einer Reihe verschieden diffusionsfähiger saurer
Farbstoffe bestehendes Gemisch, das in den Präparaten nur Strukturen ver¬
schiedener Dichtigkeit, aber nicht solche verschiedenen chemischen Charakters
nachzuweisen imstande ist.
Sowohl die Nukleolen, Chromosomen, wie das „Kerngerüst“ (ein¬
schliesslich der Chromiolen) sind bei solchen Färbungen vollkommen
von Farbstoff durchtränkt. Die Farbendifferenz ist gemäss den oben
gemachten Andeutungen, die ich hier nicht näher ausführen will, nur
auf Unterschiede in der Dichtigkeit der Strukturen zurückzuführen.
Ich will hier nur erwähnen, dass schon A. P a p p e n h e i m [4] die
Nukleolen als engporiger ansah wie das „Chromatin“, worin ich ihm
im wesentlichen beipflichte.
Wie verhalten sich nun dieselben gegenüber einer Färbung mit
basischen Farbstoffen? Hier kommt es ganz darauf an, ob der betr.
basische Farbstoff ein „Niederschlagsfärber“ ist oder nicht. Da alle
von mir untersuchten basischen Farbstoffe bis zu einem gewissen
Grade Niederschläge bilden, so kann man sich stets auf ein von der
Färbung mit sauren Farbstoffen abweichendes Bild gefasst machen.
Am meisten weicht dies Bild jedoch dann von der „sauren“ Färbung
ab, wenn man stark zur Niederschlagsbildung neigende Farbstoffe
benutzt, wozu alle unsere „guten Kernfarbstoffe“ zu rechnen sind,
also Thionin, Toluidinblau, Safrunin, Bismarckbraun u. a. Diese Farb¬
stoffe haben ausserdem die Eigenschaft, dass sie sehr leicht diffun¬
dieren, woraus es erklärlich wird, dass sie an sich sehr schlecht zu
einer Durchtränkungsfärbung geeignet sind. Die letztere wird nun
aber vor allem dadurch verhindert, dass der Farbstoff sofort bei
seiner Ankunft an der Oberfläche der Kernstruktur ausgeflockt wird.
In dieser Ausflockung ist der wesentliche Unter¬
schied der basischen Färbung gegenüber der
sauren zu erblicken. Sie bewirkt es einmal, dass das basi¬
sche Kernbild soviel „schärfer“ ist als das saure (bei der Färbung
mit sauren Farbstoffen bilden sich eben keine Niederschläge). Ferner
ist aber stets die Kernstruktur bei einer Färbung mit basischen Farb¬
stoffen bedeutend gröber, sofern man nur überhaupt einen Teil der
Niederschläge bei der Differenzierung im Präparat lässt. Jeder weiss
zudem, dass bei der Färbung mit basischen Farbstoffen ebenso wie
bei der Anwendung von Beizenfarbstoffen, die den basischen darin
völlig zu gleichen scheinen, je nach dem Differenzierungsgrade das
Chromatin reichlicher oder weniger reichlich erscheint. Schon aus
dieser einen Tatsache allein erhellt die Unzuverlässigkeit aller dieser
Färbungen für eine feinere Beurteilung der Chomatinstruktur.
In Wirklichkeit liegt nun anscheinend folgendes vor. Bei der Färbung
mit basischen Farbstoffen bildet sich an der Oberfläche aller Struk-
tuien des Zellkernes ebenso wie an der Oberfläche der Chromosomen
eine Niederschlagszone aus; hieraus wird es selbstverständlich, dass
die wirkliche Struktur durch diese Niederschläge verdeckt und ver¬
gröbert wird. Diese Vergröberung wird noch bedeutender, wenn man
es mit einem Farbstoff zu tun hat, dessen Niederschlag nicht alkohol-
fest ist (hierin konnten wir grosse Unterschiede unter den unter¬
suchten Farbstoffen feststellen, die vollkommen mit den Unterschieden
in der Alkoholfestigkeit der Kernfärbungen fibereinstimmten). Löst
sich nämlich der Niederschlag beim Durchführen der Präparate durch
Alkohol teilweise auf, so entstehen Diffusionszonen um jeden einzelnen
Niederschlag herum, die bei irgend stärkerer Ausprägung der Kern¬
struktur ein verwaschenes Aussehen verleihen. Bei Farbstoffen,
deren Niederschläge metachromatisch sind, erscheinen diese Diffu-
sionsringe im Lösungstone, wodurch sehr bunte Bilder entstehen (oft
bei einer Färbung mit Toluindinblau oder Methylviolett zu beobach¬
ten). Diese Diffusionszonen sind auch der Grund, warum die Ker.i-
strukturen trotz des Vorhandenseins der Niederschläge bei der Fär¬
bung mit metachromatischen Farbstoffen niemals rein metachroma-
tisch erscheinen, sondern in einem Mischton. Dieser ist so zu er¬
klären, dass die metachromatischen Niederschläge durch die Diffu¬
sionszonen überlagert sind, wie wir stets einwandfrei feststellen
konnten. Es müssen chemische Differenzen sein, die den verschie¬
denen Farbton der metachromatisch färbbaren Strukturen in den
Präparaten bedingen; diese Differenzen beruhen darauf, dass das
Farbstoffflockungsprodukt mit den verschiedenen sauren Kolloiden
verschieden stark alkohollöslich ist (s. o.).
Eine starke Niederschlagszone umgibt auch stets die Nukleoien,
so dass die Farblosigkeit des Inhalts dadurch verdeckt wird. Aus
diesem Grunde erscheinen z. B. in Thioninpräparaten die Nukleolen
zumeist rotviolett gefärbt; diese Färbung haftet aber, wie wir ein¬
wandfrei feststellen konnten (man betrachte durchschnittene Nu¬
kleolen mit dem Z e i s s sehen Bitumi), stets nur an der Überfläche
des Nukleolus, während der Inhalt desselben annähernd farblos ist,
vielleicht eine geringe Blaufärbung aufweist. Viel deutlicher noch
treten diese Erscheinungen bei der Färbung mit Neublau R auf.
Derartige Beobachtungen zeigen also, dass die Phänomene der
Durchtränkungsfärbung und der Niederschlagsfärbung an den Kern¬
strukturen ebenso zur Geltung kommen wie an anderen Gewebe¬
bestandteilen. Welche Schlüsse können wir demnach aus dem ge¬
färbten Kernbild ziehen? Eine Oxyphilie lässt sich an keinem Be¬
standteil des Zellkernes feststellen. Alle Teile, die der Färbung durch
saure Farbstoffe zugänglich sind, lassen sich mit geeigneten basischen *
Farbstoffen ebenfalls färberisch darstellen. Wir haben gesehen, dass
dies bei den typischen „Kernfarbstoffen“ durch eine Niederschlags¬
bildung geschieht. Es gibt aber auch solche basische Farbstoffe, die
durchtränkend färben; zu ihnen gehört z. B. Viktoriablau, Nilblau¬
sulfat und Rhodamin; hier kommt es neben einer geringeren Nieder- ‘
schlagsfärbung zu einer deutlichen Durchtränkung der Nukleolen, der
Chromosomen und des „Gerüstes“. Man kann also auch den Inhalt
der genannten Strukturen nicht mit Tamura als oxyphil bezeichnen.
Was nun eine Basöphilie bestimmter Bestandteile betrifft, so
glaube ich, dass man wohl graduelle Unterschiede insofern annehmen
darf, als die Niederschlagsbildung nicht an allen Teilen der Kern¬
struktur gleich stark ist. Im allgemeinen sind die gröberen Bestand¬
teile, wie Nukleolen, gröbere Teile des „Gerüstes“ und Chromo¬
somen, von der Niederschlagsbildung bevorzugt. Bei stärkerer Fär¬
bung aber werden die Oberflächen aller Kernstrukturen durch die
Niederschläge hervorgehoben. Dann erscheint nur noch der I n -
halt der gröberen Strukturen nicht „basophil“; es ist aber klar,
dass dies nur aus dem Grunde so erscheint, weil die Niederschlags¬
färbung eben ein Oberflächenphänomen ist. Die Färbungsergebnisse
sagen uns also überhaupt nur aus, dass in den Kernstrukturen ein
saures Kolloid enthalten ist, das mit basischen Farbstoffen nach dein
Prinzip der gegenseitigen Ausflockung entgegengesetzt geladener Kol¬
loide Niederschläge bildet, und dass die letzteren den Oberflächen
der Strukturen anhaften. Das Basic hromatin aber besteht zum
guten Teil aus dem Flockungsprodukt, ist also ganz von der Art
der Präparateherstellung abhängig, m. a. W. ist zum grossen Teil ein
Kunstprodukt.
Diese Feststellungen ergeben also, dass man, was die Farben¬
affinität anlangt, bei den Kernstrukturen überhaupt nur von einer
„Basöphilie“ sprechen kann, worunter dann aber nur das Phä¬
nomen der Niederschlagsfärbung zu verstehen ist. Nur
bei diesem Phänomen lässt sich wirklich eine Abhängigkeit der Fär¬
bung von physikochemischen Konstanten aufweisen. Die Färbbarkeit
der Strukturen mit sauren Farbstoffen lässt dagegen keinen Schluss
auf eine Oxyphilie zu, da es sich hier ja nur um einen Sonderfall der
Durchtränkungsfärbung handelt, die man auch mit vielen basischen
Farbstoffen erreichen kann. Die Durchtränkungsfärbung aber regelt
sich lediglich nach der Teilchengrösse der Farbstoffe und nach der
Porengrösse resp. dem Quellungsgrad der Strukturen.
Wir müssen also nach diesen Feststellungen unsere oft über¬
trieben eingehenden Vorstellungen über die Zusammensetzung der
Kernstrukturen, soweit sie Färbungen ihrem Ursprung verdanken,
bedeutend einschränken. Selbstverständlich halte ich es für un¬
richtig, nun in den umgekehrten Fehler zu verfallen und etwa aus
dem gleichartigen Verhalten aller Kernstrukturen den Farbstoffen
gegenüber auf eine substantielle Identität der Strukturen unterein¬
ander zu schliessen. Wir haben genügend Ansätzte zu einer Ana¬
lyse der Kernsubstanzen, die sich anderer Methoden bedienen (s. d.
Arbeiten von Zacharias [8], P. G. U n n a [9], P r a t j e [10]); doch
auch solche Arbeiten mögen aus unserer Analyse der Färbungsphäno¬
mene Nutzen ziehen. Die bisherigen Ergebnisse lassen bindende
Schlüsse nicht zu, da sie meist von dem von uns als unrichtig an¬
gefochtenen Gegensatz von oxyphilen und basophilen Strukturen
ausgehen.
20. Juli 1923.
Münchener Medizinische Wochenschrift.
9,-Sp
Als praktische Folgerung glaube ich noch hinzufiigen zu können,
dass man in der Verwendung der Färbung künftig systematischer
verfahren sollte. Alle Arbeiten, die sich mit dem Aussehen der
wirklichen Kernstrukturen und ihrer Veränderungen beschäftigen,
sollten vorzugsweise von Färbungen Gebrauch machen, bei denen
die Niederschiagsbildung keine Rolle spielt, also von Färbungen mit
sauren Farbstoffen; besonders die Gemische, die dem Mallory-
schen nachgebildet sind, die Mann sehe Eosin-Methylblaufärbung
und andere derartige Mischungen ergeben ja, richtig angewandt,
ausgezeichnete Kernfärbungen. Auch die basischen Farbstoffe lassen
natürlich wichtige Schlüsse über den Zustand der Kernsubstanzen zu,
aber man muss eben durchaus mit den Niederschlägen rechnen, die
die wahre Struktur verdecken und zudem in ihrer Stärke von so
vielen, oft gar nicht zu fassenden Zufälligkeiten abhängen, dass solche
Färbungen für feinere Kernstudien nicht als besonders zuverlässig
bezeichnet werden dürfen. Das gleiche gilt anscheinend für die
Beizenfärbungen. Diese Färbungen sollten dagegen überall da ihren
Ehrenplatz behalten, wo es darauf ankommt, die Kerne möglichst
different zu färben, weil dieselben nur als Wegweiser dienen sollen,
um die Präparate möglichst übersichtlich zu gestalten. Dies vermögen
basische und Beizenfarbstoffe eben wegen der bei ihrer Anwendung
auftretenden Niederschläge in ausgezeichneter Weise und besser zu
leisten als die sauren Farbstoffgemische.
Die obigen Ausführungen stellen nur einen Anfang dar; mögen
sie dazu beitragen, die Bearbeitung des Problems der histologischen
Färbung wieder zu beleben. Die kolloidchemischen Fortschritte
werden uns hier noch viele Aufklärungen bringen; nur ihre systema¬
tische Anwendung wird auch das histologische Färben aus einer
technischen Kunst in eine wissenschaftliche Methode umwandeln.
Literatur.
1. Wilh. und Milie v. Möllen dorff: Durchtränkungs- und Nieder-
j Schlagsfärbung als Haupterscheinungen bei der histologischen Färbung, er¬
scheint in der Zschr. f. d. ges. Anat. — 2. Wilh. v. Möllendorff und
H. A. Krebs, 1923: Die Färbbarkeit des Skelettmuskelgewebes. Arch. f.
mikr. Anat. 97. — 3. A. Fischer: Fixierung, Färbung und Bau des Proto¬
plasmas. Jena 1899. — 4. A. Pappenheim: Farbchemie. Berlin 1900. —
5. Oto Tamura: Morphologische Studie über Chromosomen und Zellkerne.
Arch. f. Zellforsch. 1923, 17, 131—164. — 6. S t ö h r - v. Möllendorff:
Lehrbuch der Histologie, 1922, 19. Aufl. — 7. M. H e i d e n h a i n, 1908,
1911: Plasma und Zelle. Jena. — 8. Zacharias: Die chemische Be-
ischaffenheit von Protoplasma und Zellkern. Progr. rei botan. 1910, 3,
67 — 258 — 9. P. Q. Unna: Chromolyse. Abderhaldens Handb. d. biolog.
Arbeitsmethoden, 1922. — 10. A. Pratje: Zur Chemie des Noctiluca-
| Zellkernes. Zschr. f. Anat. u. Entw.gesch. 1921, 62.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik Bürger- und Augusta-
hospital Köln. (Direktor: Prof. Dr. Frangenheim.)
Der „Saugkatheterismus“ der Harnblase und seine
praktische Bedeutung.
Von Prof. Dr. Fritz Kroh, Oberarzt der Klinik.
Im November 1920 wurde der 22 jährige Kranke Peter Schav. wegen Urin¬
fistel in der rechten Nierengegend in klinische Behandlung genommen; die
Anamnese war recht verworren. Im Anschluss an eine Nierenschussverletzung,
die im Felde und in der Heimat angeblich mehrfach operativ angegriffen
wurde, sei die Urinfistel entstanden, der letztbehandelnde Chirurg sollte die
Fistel als tuberkulösen Ursprungs angesprochen, die operative Entfernung des
— Nierenrestes — vorgeschlagen haben.
Tatsächlich litt der Kranke an einer offenen Lungentuberkulose: Das
Röntgenbild zeigte charakteristische Veränderungen; stärkere Lungenblutungen
wurden während der Behandlungszeit mehrfach von uns beobachtet.
In der rechten Nierengegend, am unteren Ende einer alten, längs der
12. Rippe hinziehenden Operationsnarbe fand sich eine linsengrosse, von
grauen schlaffen Granulationen ausgekleidete Fistelöffnung, aus der in
abwechselnd kleineren und grösseren Mengen graue wässrige, von feinsten
Fibrinfetzen durchsetzte, urinös riechende Massen ausgeschieden werden; die
rechte Ureterenöffnung und ihre nähere Umgebung erschienen nicht krankhaft
verändert, Flüssigkeit wurde aus derselben nicht in die Blase ausgeschieden;
Farbstoff, der unter leichtem Druck in den rechten Ureter gespritzt wird,
erscheint sofort in der Fistelöffnung — eine röntgenographische Untersuchung
des Ureters und des Nierenbeckens unterblieb — ; die mikroskopische Unter¬
suchung eines aus dem Fistelgange herausgeschnittenen Gewebsstückes er¬
brachte kein Zeichen einer bestehenden tuberkulösen Infektion.
Wenn auch nicht völlige Klarheit über die Entwicklungsgeschichte dieser
Fistel erbracht wurde, entschlossen wir uns zur Beseitigung derselben allem
schon deshalb, weil der Kranke durch die Ausscheidungen ausserordentlich
belästigt wurde.
Operation in Mischnarkose. Die Fistelöffnung wird verschorft, Um¬
schnitten, durch Naht verschlossen, der Fistelkanal weit im Gesunden prä¬
pariert bis an ein walnussgrosses, derbes Gewebsstück — den Nierenrest —
heran, der unmittelbar in das Nierenbecken — dieses ist die Ursprungsstelle
des Fistelkanals! — übergeht. Der Ureter ist auf Bleistiftdicke geschwollen
und derbwandig bis zur Kreuzdarmbeinfuge heran, weiter beckenwärts von
normaler Beschaffenheit. Einfingerbreit unterhalb der Grenze des kranken
gegen den scheinbar gesunden Ureterabschnitt wird der Harnleiter zwischen
zwei dicken Katgutligaturen mit Glühstift durchtrennt, das distale Ende noch
einmal unterbunden, zur Sicherung noch ein gestielter Fettlappen auf den
Stumpf gesteppt. Die histologische Untersuchung des Fistelganges, der Niere
und des Ureters zeigt das typische Bild einer chronischen, nicht spezifischen
Entzündung.
Eine epikritische Besprechung des bis hierhin geschilderten Status
morbi erübrigt, der Fall interessiert uns von einem ganz anderen Ge¬
sichtspunkt aus. „ . ,
Am 10. läge nach Operation — der Heilverlauf war unkompli¬
ziert, die Wunde primär verheilt, die Naht entfernt — zeigte sich iin
Bereiche des unteren Nahtabschnittes — über Nacht zur Entwici\-
lung gekommen — eine hühnereigrosse, ballottierende, drückenden
Schmerz verursachende Geschwulst. Die Geschwulst vergrösserte
sich zusehends, das quälende Spannungsgefühl wurde schliesslich un¬
erträglich, die Naht dehnte sich mehr und mehr, ein Hustenstoss -
und die Geschwulst war nach aussen hin durchgebrochen, im Schwall
eine grosse Menge klaren Urins entleert, eine vollständige Ureteren-
fistel wieder etabliert.
Der operative Harnleiterverschluss hatte demnach trotz zwie¬
facher Sicherung der Belastung durch den retrograd andrängenden
Urin nicht standgehalten! — Mit Unterstreichung dieses Befundes
beginnt unser eigentliches Thema. - Einer Erklärung der Aetiologie
dieser immerhin bemerkenswerten Komplikation haben wir weiter
nicht nachgespürt, möchten nur hervorheben, dass ein Reizzustand
der Blase und konsekutive krankhafte Kontraktionen ihrer Muskulatur
die Abstossung des Urins in den Harnleiterstumpf nicht haben ver¬
anlassen können: die Blasenschleimhaut war intakt, der auf normalem
Wege entleerte Urin frei von krankhaften Beimengungen; auch nach
Entstehung der Harnleiterfistel war das Bild der Harnleitermündung
regelrecht.
Mit allen möglichen Mitteln griffen wir die Fistel
a n: Wir versuchten den Dauerkatheterismus, verbanden denselben
mit Heberdrainage — ohne jeglichen Erfolg — ; wegen be¬
drohlicher Urethritis und Reizung des rechten Nebenhodens musste der
Katheter nach 4 tägigem Verweilen wieder entfernt werden; wir regulierten
den Flüssigkeitskonsum — auch dieses war ohne jeglichen Belang — ; die
Fistelöffnung wurde verklebt, durch die Naht und über dieselbe verlagerte und
fixierte Hautfalten verschlossen, der Fistelkanal verschorft, verstopft - — es
war nutzlos. Einen einigermassen erträglichen Zustand verschaffte schliesslich
ein gutsitzendes, mit einem dünnen Nelatonkatheter, der in den Fistelkanal
geführt wurde, verbundenes Urinal. Der Kranke musste aus äusseren Gründen
schliesslich entlassen werden.
Etwa 2 Jahre später, am 11. VIII. 1922, erschien der Kranke, inzwischen
Morphinist geworden, wieder in der Klinik mit der dringenden Bitte um Be¬
seitigung seines Leidens; er gab uns Vollmacht zur Anstellung jeden Be¬
handlungsversuches.
Der örtliche Befund war unverändert geblieben; ohne Schwierigkeit
gelangte man mit einem weichen Kathter durch den Fistelkanal in die Blase-
die Blasenschleimhaut war leicht entzündlich gereizt; der Urin klar, von
saurer Reaktion, enthielt wenige Epithelien.
Noch einmal versuchten wir für die Dauer von 3 Tagen die Heberdrainage
der Blase — , auch wieder — das war nach unseren früheren Erfahrungen
schliesslich zu erwarten — ohne jeden Erfolg.
Bei Abwägung operativer Aussichten — Verknotung des Harn¬
leiterendes oder Resektion desselben mit Einschluss seines vesikalen
Abschnittes — kam uns der Gedanke, mit einer radikaleren Therapie,
mit der permanenten Trockenlegung der Blase, wenigstens einen Ver¬
such zu machen; die instrumenteile Entleerung der Blase musste sich
aktiver gestalten, der Urin, kaum dass er in die Blase entleert wurde,
abgesogen werden, auch der kleinsten Urinanstauung, der Wirkung
jeder aktiven und passiven Bewegung der Blase begegnet werden,
wenn eine Trockenlegung und dadurch schliesslich die narbige Ver¬
ödung der Harnleiterfistel erzwungen werden sollten!
Der kontinuierlich wirkende Saugstrom schien mir auch in diesem
Fall das gegebene Behandlungsmittel zu sein! Dieser Gedanke kam
mir nicht von ungefähr!
Die Absicht, der Verwendung des kontinuierlich von der Wasserstrahl¬
pumpe gelieferten Saugstroms, der von Perthes 1898 schon der Empyem¬
behandlung dienstbar gemacht wurde, neue Indikationsgebiete zu gewinnen,
beschäftigt mich seit 15 Jahren. Damals schon, 1 Jahr vor der Mitteilung
Krauses über günstige Erfahrungen, die er mit der Ansaugung bei Exstir¬
pation von Gehirngeschwülsten gemacht hatte, konnte ich Bardenheuer
und meine Koassistenten von der schonenden, gleichwohl kräftigen Wirkung
eines an den Saugstrom angeschlossenen Saugglases bei Ansaugung und
Fixierung der Lunge, des Herzens und einzelner Bauchorgane überzeugen;
Demonstrationen der von uns geübten Beckendrainage bei eitriger Peritonitis,
d. i. die permanente Absaugung der in einem dicken Glasdrain sich an¬
sammelnden Sekretmassen mittels „Saugkatheter“ folgten; 1914
beschrieb ich die „Saugmassag e“ — sie hat sich bis zum heutigen Tage
bewährt x). Im gleichen Jahre konstruierte ich den „S a u g t u p f e r", der an
eine kräftigere Saugstromquelle als an die Wasserstrahlpumpe angeschlossen,
den Verbrauch von Tupfern bei Operation sicherlich ganz bedeutend ein¬
schränken würde; genügt doch schon ein Mullstück von der Grösse eines
halben Tupfers, um, aufgenommen von dem Endstück der an die Wasserstrahl¬
pumpe angeschlossenen Saugleitung, mittelgrosse Operationsgebiete von An¬
fang bis zum Ende bluttrocken zu erhalten. Durch Imprägnierung des kleinen
Mullstückes mit einer 1 proz. Natrium citricum-Lösung gelingt es, das Blut
bis zum Eintritt in die sterilisierte Vakuumflasche flüssig zu erhalten, damit
zu Reimplantationszwecken wieder verwendbar zu machen.
Unter dem Eindruck dieser bislang mit dem Saugstrom erzielt n
Ergebnisse stehend, setzten wir, im voraus auf einen guten Erfolg
gefasst, den Aspirationsversuch an. In die Blase hinein wird ein
Nelatonkatheter geführt, dieser durch Gummischlauch mit einer
4 Liter fassenden Vakuumflasche, diese Flasche in gleicher Weise mit
der Wasserstrahlpumpe verbunden, der mit der Wasserstrahl¬
pumpe verbundene Gummischlauch wird an ein kurzes, der andere an
ein ungefähr bis zum Boden der Flasche reichendes Glasrohr ange¬
schlossen.
Kaum dass der Saugstrom einsetzte, versiegte die Urinausschei¬
dung aus der Harnleiterfistel; nach 3 mal 24 ständiger ununterbroene-
l) Beitrag zur Behandlung peritonealer Adhäsionen. M.m.W. 1914 Nr. 7.
2*
$36
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ner Trockenlegung der Blase musste der Katheter wegen wieder auf¬
tretender heftiger Urethritis entfernt werden; die Mullkompresse,
die gleichzeitig von der Fistelöffnung entfernt wurde, war nur mit ge¬
ringen Mengen eines eingetrockneten nichturinösen Sekrets durch¬
setzt, die Fistelöffnung mit einer festen Borke bedeckt.
Zur weiteren Sicherung dieses schon ermutigenden Erfolges
wurde eine hohe Blasenfistel angelegt, ein Pezzerkatheter an die bei¬
den Harnleiteröffnungen geführt, die Blasen- und Bauchdeckenwunde
bis dicht an den Katheter heran wieder verschlossen, der Katheter
mit der Vakuumflasche verbunden. — 5 Tage später verlässt
der Kranke mit der Absicht, sich Morphium zu besorgen, heimlich die
Klinik, wird aber gefasst, uns mit Krankenwagen zugeführt, sofort
wieder an die Saugleitung gelegt. — Die Harnleiterfistel war und blieb
geschlossen. Nach insgesamt 3 wöchiger Saugbehandlung entwickelte
sich eine Zystitis, die sich nach Spülbehandlung sehr bald besesrte.
Um ganz sicher zu gehen, Hessen wir den Saugstrom noch 10 läge
einwirken. Inzwischen war die Bauchdeckenwunde bis an den Drai¬
nagekanal heran primär verheilt, die Harnleiterfistelwunde fest ver¬
narbt. 7 Tage nach Entfernung des Katheters ist auch die Blasen¬
fistel geschlossen, Kranker ausser Bett. Häufiger Harndrang und
krampfartige Schmerzen zu Beginn der Urinentleerung sind die ein¬
zigen Beschwerden, über die der Kranke — nach Entfernung des
Katheters, also erst in den letzten Behandlungstagen — klagte; diese
Beschwerden können nur als Folgezustand der instrumentellen
Blasenreizung, die, das sei noch unterstrichen, in wenigen Tagen
wieder abklang, gedeutet werden.
Bei Entlassung aus Behandlung waren das Fassungsvermögen der
Blase und die Urinentleerung regelrecht.
Erwähnen möchte ich noch, dass die leidige Inkrustierung des
Katheters, die bei der allgemein geübten Dauerdrainage der Blase zu
unliebsamen Störungen und häufigem Katheterwechsel führt, in
unserem Fall erst nach 3 wöchigem Verweilen des Katheters in der
Blase festgestellt wurde.
Zusammenfassend können wir also sagen: Durch den „Saug¬
katheterismus“ gelang es, eine Harnleiterfistel, die sich gegen jegliche
Behandlung refraktär verhielt, in kürzester Zeit zur Abheilung zu
bringen — ohne unliebsame Blasenstörungen zu verursachen.
Dieser Erfolg reizte naturgemäss zu weiteren therapeutischen
Versuchen.
Die gynäkologische Klinik (Direktor Prof. F ü t h) überwies uns bereit¬
willigst einen geeignet erscheinenden Fall, eine Kranke, die wegen karzinöser
Blasen-Scheidenfistel grösste Anforderungen an die Pflege stellte und wegen
Verbreitung unangenehmsten Harngeruches ihre Umgebung ständig belästigte.
Bei dieser Kranken war die Scheide von Karzinommassen bis auf einen un¬
gefähr 4 cm tiefen und 1 cm hohen Kanal, den Fistelkanal, der Urin, schmierige
sanguinolente Massen immerfort entleerte, geradezu ausgemauert: es handelte
sich um ein Karzinom, das von der Qebärmuter ausgehend in die Blase, Harn¬
röhre, schliesslich in die Scheide eingebrochen war; der Fistelkanal führte
unmittelbar in die Blase.
Wir legten in die Blase wieder einen Pezzerkatheter ein, setzten den
Katheter mit der Vakuumflasche, diese mit der Wasserstrahlpumpe in Ver¬
bindung. Die Saugwirkung war wieder vortrefflich, die Kranke trocken¬
gebettet, Tag und Nacht. Abknickungen des Katheters oder der Saugleitung,
die vorübergehend zu Aufhebung der Saugwirkung führten, verstand die
Kranke aus leicht begreiflichen Gründen sehr bald selbst zu beseitigen. Der
Allgemeinzustand hob sich sichtlich, nicht nur wegen Beseitigung der quälenden
subjektiven Beschwerden; die Ausschaltung der Sekretstauung und Behinde¬
rung der Resorption der Sekretmassen dürften von Bedeutung gewesen sein!
Während der ganzen Behandlungszeit hatte die Kranke keinmal über Blasen¬
beschwerden zu klagen gehabt; nur in den ersten beiden Tagen wurde sie
durch brennenden Schmerz in der näheren Umgebung der Fistelöffnung —
Katheterdruck — belästigt.
Weiterhin studierten wir die Wirkung des „Saugkatheters“ bei einem
82 jährigen Prostatiker, der wegen chronischer Harnretention und Harn¬
intoxikation eingeliefert wurde. Bei Aufnahme stand der Blasenfundus in
Nabelhöhe; nach Entleerung der grossen Urinmassen durch Ndlatonkatheter
wird an diesen der Saugstrom angeschlossen. — Die Komplikation, die nach
der instrumenteilen vollständigen Entleerung der überdehnten Blase zu be¬
fürchten war, eine Blutung aus Blasengefässen, die nach der plötzlichen Druck¬
entlastung hätten reissen können, trat nicht ein, auch nicht nach dem durch
den Saugkatheterismus erzwungenen Kollaps der ganzen Blasenwand.
3 Wochen lang Hessen wir den Saugstrom einwirken; der Urin wurde
restlos Tropfen für Tropfen in die Vakuumflasche ausgeschieden, ohne dass
jemals irgendwelche Klagen über Blasenbeschwerden geäussert oder irgend¬
welche andere unliebsame Störung beobachtet worden wäre; der Allgemein-
zustand hob sich derart, dass zur suprapubischen Prostatektomie geschritten
werden konnte. Das Wundbett der apfelgrossen Vorsteherdrüse wurde mit
Vioformgaze tamponiert, die Tamponade durch ein daumendickes bis zum
Blasenboden geführtes Gummirohr gezogen, um dieses herum die Blasen-
ur.d Bauchdeckenwunde fest verschlossen. Vor Tamponade wurde ein Ka¬
theter durch die ' Harnröhre in die Blase bis unmittelbar in die Nähe der
beiden Harnleiteröffnungen geführt, an diesen Katheter wieder der Saugstrom
angeschlossen. Wie zu erwarten, versagte diesmal der „Saugkatheter“ in¬
folge dauernder Verstopfung mit Blutgerinnseln; häufiges Durchspülen half
nichts; nach zweitägigem Verweilen wurde er wieder entfernt.
Bis dahin entleerte sich Urin und Blut aus dem dicken Gummidrain.
Dieser lästige Zustand besserte sich wesentlich nach Einführung eines mit
der Saugstromleitung verbundenen Pezzerkatheters in die Blase von der
etwas erweiterten Blasenfistelwunde aus. Solange die Katheteraugen offen
waren, blieb die Fistelwunde trocken; häufigere Durchspülungen des Katheters
waren deshalb notwendig; weil dieses aber nachts nicht gut durchführbar,
auch dieser Zustand nicht gerade ideal.
Das Bild war mit einem Schlage verändert und zu Gunsten der Kranken
entschieden, d. h. die Trockenlegung der Blasen- und Bauchdeckenwunde ge¬
sichert durch folgende Massnahmen: Wir entfernten das dicke Gummirohr
und den Gazestreifen, legten in die Blase ein 10 cm langes, 2.5 cm dickes.
Nr. 29.
mit einem Mullschleier umhülltes, an vielen Stellen durchlöchertes Glasdram,
in dieses Glasdrain ein 4 mm dickes, mit der Saugleitung verbundenes \
üummirohr.
Um den Heilungsverlaut der Bauchdeckenwunde gründlich studieren zu
können, wechselten wir täglich die trockene Wundkompresse: nach 5 tägiger
„Saugdrainage“ war die Bauchwunde bis an die Fistelöffnung heran primär
verheilt; das 2,5 cm dicke ülasdrain wird durch ein 1 cm dickes Drain ersetzt,
in dieses das Saugrohr wieder eingeführt; in wenigen Tagen hat sich die ¥<|
Fistelwunde bis dicht an dieses Glasrohr heran geschlossen.
Am 10. Behandlungstage wird ein Dauerkatheter durch die Harnröhre
in die Blase geführt; die auf diesem Wege in die Blase geschickte Spül-
flüssigkeit wird sofort vom Saugrohr gefasst und, ohne dass aiucli nur ein
Tropfen die Fistelwunde benetzte, entleert. Am 14.. Behandlungstage wird
die hohe Bl isendrainage entfernt, der Dauerkatheter mit dem Saugstrom in
Verbindung gesetzt. Am 16. Tage ist die Blasenfistel geschlossen, der J
Kranke ausser Bett, entleert ohne Beschwerden seinen Urin. Nach ins- ^
gesamt 5 wöchiger Behandlung wird der Kranke in gutem Allgemeinzustande
als geheilt entlassen.
Schliesslich erprobten wir unsere Methode an einem 20 jährigen Manne,
der sich einer Hypospadieoperation unterzog; unmittelbar nach
Operation wird eine hohe Blasenfistel angelegt, durch diese ein Pezzer- |
katheter in den Blasenboden geführt, dieser Katheter an den Blasen¬
wundrand durch Knopfnaht fixiert, die Blasen- und Bauchdeckenwunde wieder
bis an den Katheter heran geschlossen.
ln der ganzen Zeit, in der der Saugstrom wirkte — 5 Tage lang — , .
wurden die Penis- und Bauchdeckenwunde auch nicht mit einem einzigen
Tropfen Urin benetzt. Der Heilverlauf war ungestört, wurde durch Unterleibs- i|
beschwerden in keiner Weise belästigt; mit grösstem Interesse bediente der
Kranke das Ventil zur Regulierung der Saugdrainage, ln der Nacht vom
5. zum 6. Behandlungstage erfolgte die erste unfreiwillige kräftige Uriuent- 1
leerung wieder auf normalem Wege: die permanente Absaugung des Urins 1
war unmöglich gemacht durch Abklernmung des weichen Pezzerkatheters im
Bereiche der narbig sich zusammenziehenden Bauchdeckenwunde. Der Ka- i
theter wurde entfernt; wir verzichteten auf eine Wiedereinführung desselben
und auf Ersatz des Pezzerkatheters durch einen widerstandsfähigeren Katheter. _
Einer Schädigung der Bauchwunde durch Überfliessenden Urin Hess I
sich Vorbeugen durch Anlegung und Fixierung einer Saugdüse an die Fistel¬
öffnung! Am 10. Behandlungstage war die Operationswunde und die Fistel-
üffnung geschlossen, die • Urinentleerung regelrecht ohne Beschwerden, der
Kranke ausser Bett, der in den ersten Behandlungstagen etwas trübe Urin
wieder klar.
An vorstehenden und in der Folgezeit an zahlreichen anderen am
Lebenden und an der Leiche gemachten Versuchen unsere Erfah¬
rungen sammelnd, haben wir schliesslich eine Behandlungsmethode
herausgearbeitet, die einer kritischen Nachprüfung angelegentlichst
empfohlen werden soll. Unsere endgültige Auffassung über Wirkung
und Wert des „Saugkatheterismus“ sei zum Schluss in einigen Sätzen
wiedergegeben.
I. Unmittelbare Wirkungen des „Saugkathete-
r i s m u s“.
1. Die Trockenlegung der Blase verursacht keine ernsten sub¬
jektiven Beschwerden.
2. Eine in den ersten Behandlungstagen auftretende leichte Urin¬
trübung, das Symptom einer Blasenreizung — Fremdkörperreiz!
die nie in schwere eitrige Blasenentzündung auslief, verliert sich sehr
bald wieder nach Entfernung des „Saugkatheters“ .
3. Schleimhautblutungen wurden nicht beobachtet — selbst nicht
bei alten Prostatikern, deren stark erweiterte Blasen wochenlang der
Saugwirkung ausgesetzt waren.
4. In keinem Fall wurden nach Entfernung des „Saugkatheters“
ungünstige Nachwirkungen, vor allem nicht eine Verminderung der
Austreibungskraft der Blase, beobachtet.
II. Technik des „Saugkatheterismu s“.
1. Die Blase kann von der Harnröhre und von einer operativ ge¬
setzten Blasenöffnung aus durch den Saugstrom trockengelegt
werden.
2. Der erstgenannte Weg ist unsicher, daher weniger empfehlens¬
wert, kann aber versuchsweise begangen werden; Qegenanzeige:
eitrige Urethritis.
Der Verschluss der Katheteröffnung durch die Blasenschleimhaut,
die angesogen werden kann, d. i. das häufigste auf diesem Wege
wahrnehmbare Hemmnis, macht naturgemäss die gewollte Wirkung
des Saugstroms illusorisch. Durch Oeffnen der Saugleitung oder Ver¬
schiebung des Katheters kann mitunter dieser Missstand behoben
werden.
Eine bestehende gewisse Starrwandigkeit des Blasenhalses
scheint mir die einzige Gewähr gegen die Entwicklung dieser Kompli¬
kation zu sein — das habe ich bei Untersuchungen an der Leiche
mehrfach feststellen können. Die einmal erfolgte Verlegung der Ka¬
theteröffnung durch die angesogene Blasenschleimhaut wird durch
die konsekutive Flüssigkeitsansammlung in der Blase nicht behoDen,
auch nicht durch Zuleitung von Luft mittels eines in die Blase ein¬
gestochenen Troikarts.
3. Zielsicher ist folgende „kombinierte“ Methode: Es wird durch
die Harnröhre hindurch ein NSlatonkatheter mit endständiger Oeff-
nung tief in die Blase hineingeführt, die Blase suprapubisch eröffnet,
der Katheter vorgezogen, über den Katheter ein vielfach durchlöcher¬
tes 1,0 — 1,5 cm dickes Gummirohr gestülpt, beide aneinander durch
eine Seidenknopfnaht fixiert, die Fadenenden bleiben lang, werden
neben dem Gummirohr zur Blase herausgeleitet. Das Katheterende,
das 2—3 cm tief in dem Gummirohr steckt, wird durch Zug an dem
vor der Harnröhre liegenden Katheterleil dem Blasenboden genähert,
zum Schluss die Blasen- und Bauchdeckenwunde wieder fest um das
i
20. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
üummirolir herum vereinigt, diese durch Knopfnaht gesichert, der
Katheter an die Saugleitung angeschlossen.
Die mit dieser Methodik von uns beabsichtigte und — erzielte
Wirkung ist die ununterbrochene Ableitung auch der kleinsten Flüs¬
sigkeitsmenge; die Flüssigkeitsabsaugung wird bei Innehaltung dieser
Technik nicht mehr vereitelt durch Ansaugung der Blasenschleimhaut
an die Katheteröffnung; diese Ansaugung ist unmöglich gemacht durch
Zwischenschaltung des Gummirohrs — des Urinsammelstückes — ;
die Blase wird auch nicht an dieses Sammelstück angesogen, weil
dieses Rohr in offener Verbindung mit der Aussenluft steht; die Blase
wird nicht evakuiert, eine Volumenveränderung, ein Kollaps der Blase
findet nicht statt. Die Benutzung dieser Methode ist natürlich wieder
nicht zulässig bei Vorhandensein einer eitrigen Urethritis.
4. In diesem Fall können wir schon einmal einen Versuch machen
mit der Trockenlegung der Blase durch den Pezzerkatheter, der von
einer hohen Blasenfistel aus bis auf den Boden der Blase zu führen
und mit der Saugleitung in Verbindung zu bringen ist. — In einem so
behandelten Fall sahen wir einen ermutigenden Erfolg; die durch die
hohe Einführung dem Katheter gegebene günstigere Lage und die
vielfache Fensterung des Katheterendes dürften für den Erfolg ver¬
antwortlich zu machen gewesen sein; gleichwohl werden wir bei
dieser Versuchstechnik immer wieder mit einer Verlegung auch sämt¬
licher Katheteraugen durch die angesogene Blasenwand zu reennen
haben — physikalische Erwägungen zwingen zu dieser Annahme.
5. Wieder sicherer ist der in seinen Grundzügen oben schon skiz¬
zierte Weg: Vom suprapubischen Blasenschnitt aus führen wir ein
allseitig durchlochtes, 1,5 — 2,0 cm dickes, blind endigendes Glas- oder
Gummirohr als Urinsammelstück bis zum Blasenboden; Blasen- und
Bauchdeckenwunde wird wieder bis an dieses Rohr heran dicht ge¬
schlossen. Nach Abschluss der Operation wird in das Sammelstiick
ein dünnes, 0,4 — 0,6 cm weites elastisches Gummirohr geleitet; durch
ein rechtwinklig gebogenes Glasstück, das an einem über den Bauch
des Kranken geführten Drahtstreifen zu befestigen ist, wird das Saug¬
stück mit der Saugleitung verbunden. Das dünne Gummirohr pendelt
also frei beweglich in dem voluminöseren Sammelstück: wir haben
wieder dieselben Verhältnisse, wie ich sie eben schilderte: perma¬
nenter Lufteintritt in die Blase und Isolierung des Saug- und Sammel¬
stückes bieten beste Gewähr gegen eine den Erfolg störende An¬
saugung der Blasenwand.
Die Trockenlegung der Blase und der Bauchwunde ist bei Inne¬
haltung dieser Technik mit Leichtigkeit zu erzwingen.
Wir wüssten nicht, welche der derzeit geübten, an unserer Klinik
ernstlich durchgeprüften Behandlungsmassnahmen im Hinblick auf
Erfolgsicherheit mit dieser unserer Methode zu vergleichen wäre!
Jeder, der diese Methode beispielsweise zur Nachbehandlung
Prostatektomierter auf ihren Wert zu prüfen Gelegenheit nimmt, wird
hei genauer Innehaltung der geschilderten Technik erfahren, dass
durch die ständige Trockenlegung der Blase, der Blasen- und Bauch¬
deckenwunde einer Stagnation und Zersetzung des Urins, einer Be¬
rieselung, damit einer Schädigung der Operationswunde vorgebeugt
wird, dass mit anderen Worten günstigste Heilbedingungen für die¬
selbe geschaffen werden, dass ausserordentlich viel Verbandmaterial
gespart wird, dass durch die Trockenlegung der Pflege, aber auch
dem Kranken riesige Erleichterung geschaffen und schliesslich die für
den Kranken und nähere Umgebung lästige Urinausdünstung zum
Wegfall kommt.
Noch einige wenige Worte zur Technik der Nachbehandlung der
nach Entfernung des dicken Saugstiickes übrigbleibenden Blasen-
Bauchdeckenfistel. ■ — Die Versorgung solcher Fisteln ist oben
schon erwähnt: 8 — 10 Tage nach Prostatektomie führen wir durch die
Urethra einen Dauerkatheter in die Blase: bleibt die hohe Blasenfistel
nach Entfernung des Saugkatheters trocken, dann haben wir leicht
gewonnenes Spiel; im anderen Fall kann die Verbindung des Dauer¬
katheters mit dem Saugstrom schon einmal zu einem glücklichen Ende
führen: misslingt beides, dann wird durch die Blasenfistel wunde wie¬
der ein kleinerkalibriges Sammelstiick mit entsprechend dünnem
Saugrohr eingeführt und solange belassen, bis der Drainagekanal bis
an das Sammelstiick heran mit Granulationen ausgefiillt ist — das
geht erfahrungsgemäss mitunter sehr schnell. Die endgültige Beseiti¬
gung des nach Entfernung auch dieser Saugvorrichtung schliesslich
übrigbleibenden frisch granulierenden Fistelkanals dürfte kaum jemals
unüberwindbare Schwierigkeiten bieten, eine operative Fistelversor¬
gung meines Erachtens kaum in Frage kommen.
Bei Durchsicht der Literatur begegnete ich einigen meist nur kurz
gehaltenen Notizen über die Verwendbarkeit des Saugstroms bei Be¬
handlung der Blasenfistel.
Wohl jeder der Autoren will mit Saugdrainage, mit der Verbin¬
dung des in die Blase eineeführten Katheters mit einer Saugstrom¬
leitung vor allem bei Nachbehandlung Prostatektomierter gute Er¬
folge erzielt haben!
Dem aufmerksamen Leser unserer Zeilen überlasse ich die kri¬
tische Stellungnahme zu dieser — sicherlich einfachen, aber, wie aus¬
geführt, leider in den wenigsten Fällen erfolgreichen Versuchstechnik.
Wahrscheinlich sind unausbleiblich gewesene Misserfolge für die ein¬
zelnen Verfasser Veranlassung gewesen, der anfänglich gerühmten
'Saugdrainage nicht mehr Erwähnung zu tun, aus demselben Grunde
ist auch wohl erklärlich, dass in der Literatur über erfolgreich ge¬
wesene Kontrolluntersuchungen anderenorts nichts verlautbar wurde.
— In den einschlägigen Abhandlungen der urologischen Operations-
937
lehre Völcker-Wossidlo, in der die derzeitigen Auffassungen
über die chirurgische Versorgung des uropoetischen Systems sich
wiederspiegeln, auch nicht in der Bearbeitung der Prostatektomie
durch Kümmell in dem Handbuche Bier, Braun, Kümmell,
ist der Aspirationsdrainage mittels des kontinuierlichen Saugstromes
auch nur mit einem Worte Erwähnung getan — das lässt aufmerken,
denn gerade Kümmell berichtete in einer Sitzung der Vereinigung
nordwestdeutscher Chirurgen am 8. Juli 1911 über die Aspirations¬
drainage der Blase Prostatektomierter; er muss demnach doch wohl
in der Folgezeit zu neuer Empfehlung dieser- in ihrer Einfachheit
bestechenden Methode nicht sonderlich ermutigende Erfahrungen ge¬
sammelt haben.
Literatur:
1. G. Perthes: Lieber ein neues Verfahren zur Nachbehandlung der
Operation des Empyems. Bruns’ Beitr. 20. H. 1. — 2. Kaczkowski: Eine
neue Methode zur Harnblasendrainage nach hohem Blasenschnitt zur Ver¬
hütung der Harninfiltration. Zbl. f. Chir. 1899 Nr. 11. — 3. Hamilton:
An Apparatus for the intermittent postoperative drainage of the bladder.
Journ. of the amer. med. assoc. Vol. Nr. 12. Ref. Zbl. f. Chir. 1908 Nr. 45. —
4. Straus«: 80. Versammlung deutsch. Naturforscher u. Aerzte 1908. Die
Verwendbarkeit der Wasserstrahlpumpe. — 5. F. Krause: Deutsche Gesell¬
schaft für Chirurgie. 38. Kongress 1909. Die Ansaugung bei der Exstirpation
von Hirngeschvvülsten. - — -6. U n g e r und Sturmann: Die Verwendung der
Saugleitung im Operationssaal. v. Langenbeck Arch. 48, 1912, H. 1. —
7. Koch: Holländ. Gesellsch. f. Chir. Sitz. 2. Okt. 1910. Verwendbarkeit
des Saugstroms. Ref. Zbl. f. Chir. 1911 Nr. 52. — 8. Barth: Aspirations¬
drainage der Blase. Zbl. f. Chir. 1910 Nr. 46. — 9. Kümmell: Vereinigung
norwestdeutscher Chirurgen. Sitz. 8. Juli 1911. Diskussionsbemerkung zum
Vortrage An schütz: Der Verschluss der Blase nach Sectio alta. —
10. Cetwood: Drainage of the bladder following suprapubic. operations.
Med. record. NewYork Vol. LXXXV, 1914, Nr. 14. Ref. Zbl. f. Chir. 1914
Nr. 27. - 11. Völcker-Wossidlo: Urologische Operationslehre. Leip¬
zig 1921. Verl. Georg T h i e m e. — 12. Bier, H. Braun, H. Kümmell:
Chirurgische Operationslehre. III. vermehrte Auflage. Leipzig.
Zur Kieselsäuretherapie der Lungentuberkulose.
. Intravenöse Kieselsäure-Jodinjektionen.
Von Prof. Dr. Ad. Kühn -Rostock.
Die ganze Kieselsäuretherapie der Lungentuberkulose geht zurück
auf die Annahme einer Förderung der zur Vernarbung der tuberku¬
lösen Herde erforderlichen Bindegewebsentwicklung durch die Kiesel¬
säure. Der Nachweis von Schulz [1] und Kobert [2] von ver¬
mehrtem Kieselsäuregehalt des Bindegewebes und der experimen¬
telle Nachweis von Kahle [3] und R ö s s 1 e [4] einer bis zur Leber¬
zirrhose zu erzielenden bindegewebigen Hyperplasie im tierischen
Körper durch konsequente Kieselsäurezufuhr waren die exakt wissen¬
schaftlichen Fundamente, auf denen sich die Kieselsäuretherapie auf¬
baute.
Verordnungen von kieselsäurehaltigen Tees, deren Gehalt an wirk¬
samer Substanz aber sehr schwankte, wenn auch an ihrer Wirkung
bei jahrelangem Gebrauch nicht gezweifelt werden kann,
woraus auch seine Beliebtheit und starke Verbreitung resultiert,
folgten Empfehlungen mehr oder weniger gut resorbierbarer und be¬
kömmlicher kieselsäurehaltiger Medikamente (Silicol, Silistren usw.),
mit denen eine geringe Kieselsäureanreicherung im Körper tatsächlich
erzielt werden konnte. Dabei fehlte bislang aber noch immer der
Nachweis, dass dieser Kieselsäureüberschuss tatsächlich zur ver¬
mehrten Bindegewebsentwicklung in der menschlichen Lunge ver¬
wertet wird. Sollte es gelingen, diesen zu führen, so dürfte der
Kreis geschlossen sein und die Kieselsäure den Platz eines vollbe¬
rechtigten Mittels gegen Lungentuberkulose beanspruchen können.
Bis dahin muss die Empirie weitersprechen.
Um die Kieselsäuregaben nun richtig zu dosieren und vor allem
die Unsicherheit der enteralen Resorption auszuschalten, bin ich nun
frühzeitig zu Kieselsäureinjektionen übergegangen, über welche ich
schon mehrfach T6] berichtet habe. Ich habe da auch auf die starken
Reaktionen, Velche vorsichtige intramuskuläre Injektionen kolloidaler
Kieselsäure auslösen (lokale Schmerzhaftigkeit, Fieber, Hyperleuko¬
zytose, allgemeines Unbehagen usw.) hingewiesen und betont, dass
im Gegensatz hierzu intravenöse Natriumsilikatlösungen von schwa¬
cher Konzentration nicht nur reaktionslos vertragen wurden, sondern
im Gegenteil besonders bei Arteriosklerose usw. von brillanter thera¬
peutischer Wirkung waren.
Schädliche Wirkungen dieser Art Kieselsäureeinverleibung habe
ich nur einige wenige Male in dem Sinne gesehen, dass es bei schwäch¬
lichen Phthisikern oder anderen Kachexien zur Thrombosierung der
kleineren zur Injektion benutzten Venen kam. Betonen möchte ich
aber da, dass diese Art der Tuberkulosebehandlung von mir früher
nicht konsequent durchgeführt wurde, in der wohl richtigen Ueber-
legung, dass zur jahrelangen Kieselsäureeinverleibung diese intra¬
venöse Methode sich wohl weniger eignen würde. Sie käme also in
dieser Form nur zu gewissen Zeiten in Frage, während für die übrige
Zeit eine orale Siliziumeinführung wohl nicht entbehrt werden könnte.
Ich habe mich in dieser Beziehung früher bereits in dem Sinne ge-
äussert, dass wir höchstens mit der Möglichkeit rechnen können, dass
die intravenöse — nicht schädliche, d. h. keine Reakti¬
onen hervorrufende — SiOs- Zufuhr den Anstoss zu energi¬
scher Verarbeitung der im übrigen diätetisch oder medikamentös dar¬
gebotenen Kieselsäure göben kann. Mit einer intravenösen KieseL
938
Nr. 29.
MÜNCHENER' MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIET.
säuretherapie aber Besserung oder gar Heilung innerhalb kur¬
zer Zeit erzielen zu können, halte ich für durchaus ausgeschlossen.
Daher liegt die weitere und schliesslich endgültige Prü¬
fung der ganzen Kieselsäuretherapie, was ich schon vor
sechs .lahren ausdrücklich betont habe, nicht in den Händen
der Kliniken und Krankenhäuser, wo sich mehr die Endstadien
der Lungentuberkulose einfinden und wo eine jahrelange Behandlung
und Beobachtung ausgeschlossen ist, auch nicht in den Händen der
Heilstätten, die wohl frühe Stadien, aber bei weitem nicht lange genug
beobachten können, sie fällt lediglich den behandelnden Aerzten zu,
den guten alten Hausärzten, die leider immer seltener werden1).
Wenn Thoma [7] auf Grund einiger Beobachtungen an tuber¬
kulös Schwerkranken mit einem neuen kolloidalen hochdispersen
Kieselsäurepräparat jede günstige Einwirkung ablehnt, eher eine Ver¬
schlimmerung gesehen hat, so beweist das nur, dass sein Präparat
mehr im Sinne einer allgemeinen Protoplasmaaktivierung im Sinne
Weich ardts gewirkt hat, und zwar an völlig ungeeigneten Ob¬
jekten. Aelmliche Misserfolge habe ich auch reichlich gesehen und
gerade vor der Kieselsäurebehandlung derartiger Fälle gewarnt. „Für
einen Phthisiker des letzten Stadiums gibt eben auch die Kieselsäure
keine Rettung mehr und wird gar nicht mehr verankert,“ sagt
K o b e r t. Man soll den Körper nicht noch mehr überanstrengen,
wenn er schon den aussichtslosen Verzweiflungskampf gegen den
übermächtigen Feind kämpft und darin bereits anfängt zu erlahmen.
Wo keine latenten Abwehrkräfte im Körper mehr vorhanden sind,
können sie künstlich durch keine Protoplasmaaktivierung mehr ge¬
weckt werden; im Gegenteil kann man in diesen Stadien nur
schaden und schwächen. Das geht wohl bei akuten In¬
fektionskrankheiten, wo der Reservefonds von Gegengiften und
Abwehrtnassregeln noch gross genug ist, da ist es dann m. E. aber
auch gleich, ob man artfremdes Eiweiss, Proteinkörper, Silbereiweiss,
Terpentin, kolloide Körper einschliesslich Kieselsäure oder ähnliches
gibt, alles bedeutet nur den Anreiz zur Einstellung der kolloid¬
osmotischen Kräfte des Körpers im Sinne der Abwehr, was dann dem
Kampf gegen die Infektionsgifte zugute kommen kann.
Aber Vorsicht damit bei chronischen Infektionen! Gewiss liegt
es nahe, bei der augenfälligen Wirkung der intravenös gegebenen
kolloidalen Kieselsäure bei akuten Infektionskrankheiten neben der
Protoplasmaaktivierung auch an die Möglichkeit einer adsorptiven
Wirkung des SiO: zu denken, wie sie bezüglich Ton und namentlich
Kohle W i e c h o w s k i [8l in schönen Untersuchungen beleuchtet hat.
Damit würden auch frühere Untersuchungen von Marcus und
Z u n t z [9] übereinstimmen, welche eine besondere Adsorptionskraft
der elektroosmotischen Kieselsäure gegenüber den verschiedensten
Toxinen. Lysinen und deren Antikörpern nachweisen konnten. Wie
bei der Kohle, so ist sicher auch bei den verschiedensten Modifikationen
der Kieselsäure die Adsorptionskraft verschieden, und es mag gut
möglich sein, dass das Siliquid einen besonders hohen Grad von
Adsorptionskraft hat: immerhin ist aber kaum anzunehmen, dass die
verschwindend geringe Menge, welche von Thoma intravenös in¬
jiziert wurde (bis 10 mg SiO^), zur Adsorption der Toxine hinreichte.
Vielleicht scheint sich aber hier eine neue Perspektive der Kieselsäure¬
therapie zu eröffnen, welche weiterer Prüfung wert ist.
Diese weitere Prüfung hat nun inzwischen schon eingesetzt, wie
ich aus der eben erschienenen Arbeit von G. Zimmer [101 aus der
chirurgischen Klinik Berlin (Bier) ersehe. Nach seinen Erfahrungen
an 900 Kranken mit chronischen Gelenkerkrankungen ist das Silizium
ein Reizmittel, das diese Erkrankungen im günstigen Sinne be¬
einflusste.
Er benutzte ebenfalls das 0,05 proz. hochdisperse kolloidale Kie¬
selsäurepräparat der Firma Böhringer & Söhne, das in dieser
Konzentration in der Dosierung von 0,2 — 1,0 ccm intravenös am wirk¬
samsten war. Stärkere Dosierungen bedeuteten schon eine Ueber-
reizung, die sich in starken Herdreaktionen äusserte. Namentlich war
das der Fall bei intramuskulären Injektionen, wie ich das ia auch mit
anderen kolloidalen Lösungen des SiOs schon früher beobachtet und
beschrieben habe. Ich komme hierauf später noch einmal zurück.
Zimmers Erfolge bei chronischen Gelenkaffekti-Jnen sind im¬
merhin bemerkenswert, wenn sie auch nur beweisen, dass das Sili¬
zium in dieser Form als reines „Reizmittel“ anzusprechen ist, gleich
den Eiweisskörpern und sonstigen chemischen Substanzen, dass also
hier die physikalische Natur der Wirksamkeit des Mittels durchaus
im Vordergrund steht. Bemerkenswert ist weiter, dass selbst die
orale Siliziumbehandlung Herdreaktionen und selbst günstige Be¬
einflussung des Entzündungsprozesses verursachte, was hier nur kom¬
mentarlos referiert werden soll unter Hinweis auf verschiedene gegen
Gicht und Rheumatismus seit langem empfohlene Volkstees („Papu-
ana“ usw.), die ihren hohen Kieselsäuregehalt besonderen tropischen
Farnarten verdanken. Von dieser Wirkung oraler Kieselsäureverab¬
folgung habe ich mich trotz 7 jähriger Kieselsäuretherapie aber bis-
*) Meine bisherigen günstigen Erfahrungen sind eben auch nur durch
jahrelange intensive Therapie erzielt worden. Eine Beobachtung von einigen
Monaten kann unmöglich zu einem abschliessenden Urteil führen, was auch
Kadisch G.tl vermeidet, der über 14 Fälle mit einer Behandlungsdauer
von durchschnittlich 2 Monaten verfügt. Kadisch betont die von mir eben¬
falls stets beklagte Unsicherheit der internen Darreichung in Bezug auf Be¬
kömmlichkeit und Resorption. Aus diesem Grunde bin ich daher ia auch
vor Jahren zu den SiOs-Injektionen übergegangen, welche Versuche nun¬
mehr für mich mit dein Najosi! zu einem vorläufigen Abschluss gekommen
sind.
lang noch nicht überzeugen können, obwohl unter meinem grossen
Krankenmaterial sich auch viele Gicht iker und Rheumatiker, auch
chronische entzündliche üelenkerkrankungen, befanden. Bei der An¬
wendung der Kieselsäure als Reizmittel, intravenös gegeben, ist die
Hauptsache die Dosierung, wobei die Stärke der Reaktion nach
G. Z i m m e r keineswegs parallel mit der Konzentration geht.
Die bisherige interne Kieselsäuretherapie der chronischen
Lungentuberkulose will jedoch ganz etwas anderes bezwecken. Sie
will dem Körper dauernd das Baumaterial — eventuell im Ueber-
schuss — zuführen, damit er damit seine Zerstörungsherde abbaut
und sich gegen eine Weiterverbreitung der Krankheit festigt. Dazu
sind aber besondere Reaktionen nicht nötig. Eine „Reiztherapie“
sollte die Kieselsäuretherapie von vornherein in keinem Fall sein und
ist es auch, was die interne Verabfolgung anlangt, nie gewesen. Das
war eben bislang der Vorteil der internen SiOs - Therapie, dass sie
wenigstens nicht schadete.
Was nun letztere anbelangt, so mag vorweg vermerkt werden,
dass ich mit zwei Kieselsäurekombinationen in den letzten Jahren
sehr zufrieden bin, das ist das G u a s i 1 und die Chloro-
phyllose. Ersteres ist ein Guajakolkieselsäureester der Firma
Pharmaceutische Fabrik München, das nebenbei entsprechend dem
Guajakolgehalt appetitanregend und tonisierend wirkt, und letzteres
(Firma H e r r m a n n - Hagenow [M.]) ist eine Kombination von
Chlorophyll, Ferrum und Kieselsäure, nach der ich ganz auffallende
subjektive Besserungen und namentlich bedeutende Gewichtszunah¬
men gesehen habe. Doch gibt es ja jetzt eine derartige Menge interner
Kieselsäurepräparate, dass jede Firma gewissermassen ihre eigene
Spezialität und jeder Arzt sein eigenes Präparat hat. Da muss mit
der Zeit erst eine gewisse Auslese eintreten. Dass die Kieselsäure¬
therapie stets mit den bisher bewährten Methoden der Tuberkulin¬
behandlung sich vereinigen muss, also gewissermassen nur ein neben¬
sächliches Adjuvans ist, habe ich von Anfang an betont. Das ist auch
die Ansicht von Klare und Budde Ul], die auf diese Weise in der
Kinderpraxis sichtbare Erfolge erzielt haben. Berichte von beson¬
deren Vorteilen einer „kombinierten Petruschky-Silistrenbehandlung“
(v. Winterfeld [12], Gühlke [13]) und ähnliches bringen da
nichts neues. Wie gesagt, die Wahl wird oft schwer, welche von den
unzähligen per-, intra- und subkutanen Tuberkulinmethoden und
welche von den unzähligen Kieselsäurepräparaten man nehmen soll.
Ich habe seit langem die Erfahrung gemacht, dass die Tuberku¬
li n m e t h o d e, welche am wenigsten Reaktionen her¬
vor r u f t, die beste und ungefährlichste ist, was eigent¬
lich von Fall zu Fall geprüft werden muss. Bestimmte Normen lassen
sich da nun einmal nicht aufstellcn. Methoden der Wahl gibt es ja
— leider — eben noch nicht. Mit den internen Kieselsäurepräparaten
braucht man also weniger vorsichtig zu sein, da eine eventuelle
Schädlichkeit derselben kaum in Frage kommt.
Anders ist das bei den Kieselsäureinjektionen. An diese hatte
man sich bislang nur zaghaft herangewagt, da die experimentelle Prü¬
fung zu gewissen Bedenken Veranlassung gab. So gingen im Anfang
meiner Studien einige Versuchstiere bei intravenöser Verabfolgung
schockartig zugrunde, während die intraperitonealen Injektionen einer
kolloidalen Lösung monatelang vertragen wurden. Die obenerwähnten
Reaktionen Tuberkulöser auf intramuskuläre Injektion kolloidaler Lö¬
sungen brachte Zuckmeyer [14] mit dem Dispersitätsgrad des
SiOs - Kolloids in Verbindung. Meine damaligen diesbezüglichen Ver¬
suche an einem grossen Krankenmaterial lassen aber mehr eine indi¬
viduelle Verschiedenheit unabhängig von dem Dispersitätsgrad der
injizierten Lösungen erkennen, was auch Bogendörfer [15] ge¬
funden hat. Letzterer gab ebenfalls das auch von Thoma geprüfte
neue Siliquid genannte Präparat, eine 0,3 proz. hochdisperse
Kieselsäurelösung, intravenös in der Dosierung von 1—3 mg SiO*.
Hiernach traten ebenfalls bei einem Teil der Kranken Unbehagen,
Uebelkeit, oft auch Schmerzen in den verschiedenen Körperteilen,
auf den Lungen oft eine Zunahme der Rasselgeräusche mit Vermeh¬
rung des Aus\vurfs auf, also Reaktionen sowohl allgemeiner, als auch
lokaler Natur. Eine andere Gruppe seiner Kranken bekam mehr oder
weniger hohes Fieber, oft sofort nach der Injektion, oft erst nach
24 Stunden. Auch aus diesen Versuchen geht die schon oben betonte
Gefährlichkeit, mit Reizeffekten chronische Lungentuberkulose zu
behandeln, hervor. — Das sind eben alles Erscheinungen, wie ich sie,
wie erwähnt, bei einem Teil meiner Kranken nach intramuskulärer
Injektion kolloidaler SiOa-Lösung ebenfalls beobachtet hatte, und
welche mich dann veranlassten, das reine 1 proz. Natriumsilikat
(Merck) intravenös zu versuchen, nach dem eine Reaktion irgend¬
welcher Art niemals auftrat.
Im Gegensatz zu meinen obenerwähnten unschädlichen intra¬
peritonealen Injektionen einer kolloidalen Kieselsäure bei Kaninchen
fanden englische Autoren (Gye und Purdy [ 1 6l) bei parenteraler
Applikation grosser Dosen kolloider Kieselsäure doch eine erhebliche
Giftwirkung. Dosen von 1 — 2 mg töteten eine Maus und 30 mg ein
Meerschweinchen bei intraperitonealer Injektion, wobei eine schäd¬
liche Wirkung auf die Gefässendothelien am augenfälligsten war.
Interessant und mit den bekannten Kahl eschen Befunden im Ein¬
klang stehend ist ihre Beobachtung, dass bei Kaninchen tägliche intra¬
venöse Injektion von 5 mg Kieselsäuresol mehrere Jage lang zur
Entwicklung einer Leberzirrhose führte sowie zur Bindegewebswuche¬
rung in Milz und Nieren. Damit ist von neuem die spezifische Wir¬
kung der Kieselsäure im Sinne einer allgemeinen Anregung von Binde-
20. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
939
gewebswuchcrung wohl auf dem Wege einer primären Endothel- I
reizung bewiesen; man kann somit den weiteren Versuchen, diese
Eigenschaften des Mittels auch beim tuberkulösen Menschen thera¬
peutisch zu verwerten, soweit das unschädlich, d. h. reiz¬
los geschieht, eine gewisse Berechtigung nicht ganz ab-
sprechcn. Hat bei den weiteren Tierexperimenten der Eng¬
länder längere Zeit fortgesetzte intravenöse Verabfolgung
kleiner Dosen von kolloidaler Kieselsäure, welche Va bis
1 '20 der tödlichen Dosis betrugen, den Erfolg einer Fibrosis
der Leber, Nieren und Milz, so käme es auch beim Menschen
darauf an, die Dosierung bei intravenöser Zufuhr so zu gestalten,
dass Leber, Milz und Nieren ungeschädigt bleiben, dagegen m i t d e r
Zeit in den Lungen sich eine gewisse Anregung der Bindegewebs-
hyperplasie im Interesse einer Tuberkuloseheilung bemerkbar machen
würde. Es wäre dann ja eigentlich der intravenöse Weg der SiO-.-Bc-
handlung bei der Lungentuberkulose, wenn unschädlich, noch immer
der rationellste, ganz abgesehen davon, dass jede Unsicherheit der
Dosierung durch die enteralen Resorptionsverhältnisse in Wegfall
kommt.
Die ausserordentlich günstigen Resultate, welche ich nun mit den
intravenösen Natriumsilikatinjektionen bei Arteriosklerose, Stenokar¬
die usw. erzielt habe 2), die auffallende Hebung des subjektiven Be¬
findens, das Fehlen jeder unangenehmen Störung oder Reaktion, die
sichtbare Steigerung der Leistungsfähigkeit, also alles in allem von
allen Kranken einstimmig anerkannte Erfolge haben in mir nun wieder
den alten Gedanken, auch die Lungentuberkulose in gleicher Weise
zu behandeln, aufkommen lassen, wenn auch nach dem Vorbild der
enteralen Kieselsäuretherapie mit einer lange Zeit fortgesetzten SiOa-
Verabfolgung gerechnet werden musste. Hinzu kam noch folgendes:
Seit 7 Jahren beschäftige ich mich mit der Chemotherapie der
Lungentuberkulose, wobei ich ausser einigen bekannten Mitteln (Ar¬
sen, Krysolgan, Jod, Silber, Kupfer usw.) namentlich dem Chaulmoo-
graöl resp. der reinen Chaulmoograsäure mein Interesse gewidmet
habe. Ich werde demnächst in ausführlicher Bearbeitung auch hier¬
über berichten. Während ich nun bei intravenöser Verabf olgung eines
5 proz. Chaulmoograpräparats, das im übrigen gut vertragen wurde,
eine irgendwie bemerkenswerte Einwirkung auf den Krankheitspro¬
zess oder das Allgemeinbefinden nicht wahrzunehmen glaubte, hatten
einige Injektionen einer Mischspritze Chaulmoogra + Nasil in die
Vene bei einigen Schwerkranken eine unverkennbare Wirkung in dem
Sinne, dass eine ganz enorme Fibrosis sich in der kranken Lunge zu
entwickeln schien, unter Herüberziehen des Herzens auf die kranke
Seite und allmählichem Schwinden aller schweren Krankheitserschei¬
nungen. Ja. auch eine schwere Larynxtuberkulose sah ich durch ein
ähnliches Mischpräparat radikal heilen, was von laryngologischer
Seite mit beobachtet und bestätigt wurde. Das kann natürlich Zufall
sein, da derartige indurative und fibröse Formen auch ohne Chaul¬
moogra und ohne Silizium auftreten können. Ich will dies auch nur
anführen, um zu motivieren, dass ich, zumal diese Beobachtung mit
den ersten auffallenden Wirkungen der intravenösen Siliziumtherapie
bei Arteriosklerose zeitlich zusammenfiel, wieder zu den von mir
schon aufgegebenen intravenösen Siliziuminjektionen bei Tuberku¬
lose zurückgekehrt bin.
Das Natriumsilikat ist stark alkalisch und kann daher in grösseren
Mengen nicht injiziert werden. Versucht man, es durch eine indiffe¬
rente Säure zu neutralisieren, d. h. den Alkaliiiberschuss zu paraly¬
sieren, so fällt in kurzer Zeit das Silizium als Gel aus; derartige
Lösungen sind also nicht haltbar. Ausserdem ist auch nach den
schon angeführten experimentellen Untersuchungen von G y e und
Purdy über die Giftigkeit der kolloidalen Kieselsäure bei intra¬
venöser Injektion das Gel giftiger sei als das Sol. Nun ist es mir
gelungen, durch einen gewissen Jodzusatz den Alkaligehalt ganz er¬
heblich herabzusetzen, und diese gut haltbare jod- und si¬
liziumhaltige Lösung wird reaktionslos vom Blut vertragen.
Ihr Alkaligehalt verhält sich zu dem der 1 proz. Natr. sil. - Lösung wie
10 : 62. Das Jod vertritt in diesem Fall die Rolle einer schwachen
Säure, welche das überschüssige Natron des Natriumsilikats an sich
reisst. Ich bin nun dazu übergegangen, dieses Präparat (N a j o s i 1),
welches ich zuerst bei Arteriosklerose, Hypertension usw. mit gutem
Erfolg therapeutisch anwandte, auch bei der Lungentuberkulose zu
injizieren, von dem Gedanken ausgehend, dass neben dem Silizium
auch kleine Dosen Jod chemotherapeutische Wirkungen haben
könnten. Hat das Jod doch schon lange einen Ehrenplatz in der Be¬
handlung der Skrophulose. Drüsen- und der sog. Chirurg. Tuberku¬
lose inne (Bier, Hotz [17] u. a.) und hat man doch auch schon
lange versucht, die Lungentuberkulose durch Jod zu beeinflussen
(Bier. Hotz, Calmette, Therasse u. Henno, Weickscl.
C a n t a n i, C a 1 a b r e s e, L i v i e r a t o. O. L o e b. N i e v e 1 i n g,
Andronow. Wells, Sternberg, Löb u. Michaud, Wells-
1 i i d e o n - W i 1 1 u. Corper, We 1 1 s - G i d c o n u. Hedenburg,
Pertik, Rotschild, Baer, Weiss, Rondo t, Sorel,
A n d r y. B o n d r e a u, D u f o u r, C h e i n i s s e, Petit, Grü n -
borg, Wüstmann, P f a n n e n s t i e I. Müller u. a.).
Nach den experimentellen und klinischen Versuchen dieser Auto¬
ren. auf deren ausführliche Wiedergabe ich leider mit Rücksicht auf
den Raummangel verzichten muss, erscheint es wohl berechtigt, die
intravenöse Jodtherapie in Verbindung mit der unschädlichen
2) Vgl. Ther. d. Gegenw. 1923 H. 4,
intravenösen Siliziumtherapie wieder aufzunehmen und weiter auszu-
bauen. Dazu habe ich nun das obenerwähnte Najosil systematisch
benutzt.
Dieses SiOa - Jodpräparat hat mit der Pregl sehen Jodlösung
eine gewisse Aehnlichkeit, insofern, als darin das Jod als jodsaures
Natrium und Jodnatrium enthalten ist.« Sein Vorteil ist der, dass es
selbst in grösseren Mengen reaktionslos vertragen wird (ich habe
vielfach bis 5,0 intravenös gegeben), dass man also damit die Kiesel¬
säure ohne Reizwirkung in kräftiger Dosierung parenteral einver¬
leiben kann, was, wie aus vorstehendem erhellt, bislang noch nicht so
recht möglich war. Während nach meinen früheren Untersuchungen
die Natriumsilikatleukozytose eine ganz erhebliche ist, ist die Najosil-
einwirkung auf die Leukozytenbewegung kaum nennenswert. Ich
führe als Beispiel an:
I. Vor der Natriumsilikatinjektion 10 000 Leukozyten
nach derselben 25 000
20 Stunden später 12 000
II. Vor der Najosilinjektion 6 500
nach derselben 10 500
einige Stunden später 5 300
Schon hieraus ist das Fehlen jeder Reizwirkung des
Najosils ersichtlich, wie wir es ja auch bei der Lungen¬
tuberkulose haben wollen. In den vielfach verabfolgten
5 ccm Najosil sind 50 mg Natr. sil. enthalten, oder, wenn'
wir einen SiOs-Gehalt der letzteren von 58 Proz. annehmen, 29 mg
reine SiC>2. Wir haben, wie gesagt, damit die Möglichkeit,
dem Körper ein reichlicheres Angebot von SiOa zu machen, als das
bislang möglich war, und zwar auf dem intravenösen Wege unter
Fortfall der unsicheren enteralen Resorptionsverhältnisse mit der
Aussicht auf ein längeres Verweilen des intravenös eingeführten Si¬
liziums im Körper, analog dem Verhalten des intravenös einver¬
leibten Jods3). Haben die Tierversuche von Schuhbauer und
Breest [18] doch ergeben, dass das „neutralisierte“ Natriumsilikat
leichter zu einer Anreicherung im Körper führt (bis zum Vierfachen
des Normalen!), als das durch andere Kieselsäurepräparate möglich
war. Es steht somit nichts im Wege, ein gleiches Verhalten beim
Najosil, dem durch Jod neutralisierten Natriumsilikat, anzunehmen,
wodurch die weitere Kieselsäureforschung beim Menschen zweifellos
günstig beeinflusst werden kann 4 5).
Wenn ich nun auch noch nicht über jahrelange Erfahrungen mit
der Najosilbehandlung der Lungentuberkulose verfüge, so stehen mir
doch zunächst in bezug auf die Bekömmlichkeit und Unschädlichkeit
der Behandlung viele Beobachtungsfälle von Arteriosklerose, Prä¬
sklerose und Asthma zur Verfügung, über welche ich schon
an anderer Stelle berichtet habe6). Hier habe ich wieder¬
holt 20 — 30 Injektionen mit 2 — 3 tägigen Zwischenräumen ge¬
geben und niemals irgendeine nachhaltige schädliche Wirkung
gesehen bei steter genauer Urinkontrolle. Ich habe es daher
auch gewagt, bei der Lungentuberkulose grössere Injektions¬
kuren vorzunehmen, und habe dabei niemals eine nachteilige
Beeinflussung der Temperaturen oder des Allgemeinbefindens ge¬
sehen. Im Gegenteil trat in zahlreichen Fällen nach einigen Najosil-
injektionen die Entfieberung ein6). Nun taucht nur noch die Frage auf,
ob der bei jungen Phthisikern doch sehr häufige thyreolabile Zustand
eine fortgesetzte Zufuhr kleiner Jodmengen erlaubt, ohne dass es zum
Effekt einer gesteigerten Schilddrüsensekretion kommt. Natürlich wird
in kropfreichen Gegenden ein gewisses Einschleichen am Platze sein,
bei genauester Beobachtung etwaiger thyreotoxischer Svmptome.
Dann aber verweise ich auf die M e n d e 1 sehen Erfolge [19] einer
intravenösen Jod-Arsenbehandlung von Basedowkranken und an¬
deren Strumen, ferner auf die neuen Arbeiten über die Strumabehand¬
lung mit schwachen Joddosen und die Kropfprophylaxe in der
Schweiz durch Jodzusatz zum Kochsalz, der natürlich unter der beim
Erwachsenen wirksamen Dosis bleiben muss (Messerl i [20],
de Quervain T2l] u. a.). Kobert erwähnt in seiner
bekannten Monographie über die Kieselsäure, welche den
eigentlichen Anstoss zur ganzen Kieselsäurebewegung gegeben
hat, dass man früher auch der Ansicht gewesen sei, die
Kropfkrankheit sei bedingt durch Trinken von Wasser, das
3) „Die Organotropie des Jod wird durch nichts mehr gesteigert, als
durch die venöse Injektion, die eine verzögerte Aus','l'";r,"ne des einge¬
führten' Jod und eine festere Fixierung dieses Arzneistoffes in denjenigen
Organen zur Folge hat, zu denen es eine besondere chemische Affinität
besitzt“ sagt Mendel (Ther. d. Gegenw. 1908. H. 7 und 1910 H. 2).
4) Das Präparat Najosil wird von der Firma Chem. Pharma z.
A.-G. Rad Homburg in den Handel gebracht.
5) Fortschr. d. Med. 1923. 5.
6) Da die Drucklegung dieser Arbeit sicli ausserordentlich in die Länge
gezogen hat, hatte ich bis zum Erscheinen reichlich Gelegenheit, das
Najosil weiter in leichten und schweren Fällen von Lungentuberkulose zu
erproben. Bei leichteren Mischinfektionen im Anfangsstadium mit geringen
Temperaturerhöhungen wirkte es — immer in Kombination mit anderen be¬
währten Methoden — prompt entfiedernd. So trat in einem a m b ulanten
Fall (17 jähr. Mädchen) nach vierwöchigem beträchtlichem Fieber durch
6 Najosil- und 2 Chaulmusie-(Chiu!mugra-SiIicium)-Injektionen völlige Ent¬
fieberung ein mit einer ganz bedeutenden subjektiven und objektiven Besse¬
rung (21 Pfund Gewichtszunahme im Verlaufe von 2 Monaten). Auch bei
einem 21 jähr. Kranken mit offener Tuberkulose war der Verlauf ein ähn¬
licher; auch hier nicht unbedeutende Gewichtszunahme.
Nr. 29.
940 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
aus gewissen, meist kieselsäurereichen Qebirgsformationen komme.
Er widerlegt diese Anschauung mit dem Hinweis auf die experimen¬
telle Klärung dieser Frage durch Hartmann [22], die beweist, dass
die Kieselsäure keine kropferzeugende Wirkung hat. Somit käme
beim Najosil nur das wenn auch schwach dosierte Jod in Frage. —
Wie gesagt, ich habe bislang das Präparat in vielen Fällen fortgesetzt
— chronisch intermittierend — gegeben, ohne irgendeine Schild¬
drüsenreaktion wahrzunehmen, doch ist im Anfang der Behandlung
natürlich sorgfältigste Beobachtung in dieser Hinsicht am Platze.
Diese Vorsicht vorausgesetzt, kann also nunmehr eine chronische
Kieselsäurezufuhr auf diese parenterale Weise ohne Schädigung selbst
im vorgerückten Stadium ermöglicht werden, und damit fallen meine
früher geäusserten Bedenken gegen eine chronische parenterale
Kielesäurebehandlung der Lungentuberkulose mehr oder weni¬
ger fort. Natürlich resultiert dabei — analog der Jod¬
behandlung der Arteriosklerose — ein chronisch intermittie¬
rendes Verfahren, wobei es dann schliesslich auf die Gesamtzeit nicht
ankommen darf. Sehen wir ja auch bei einer anderen, der Tuberku¬
lose doch verwandten chronischen Infektionskrankheit, der Lepra,
dass nur jahrelange Behandlung mit einem wirksamen Mittel —
in diesem Fall Chaulmoograöl — zum Ziele führt. Auch von der Tu-
bcrkulinbehandlung habe ich in vielen Fällen nur durch jahre¬
lange Anwendung Erfolg gesehen. Hier darf also Arzt und Krankem
die Geduld nicht ausgehen. Ich bin fest überzeugt, dass dann der Er¬
folg nicht ausbleiben wird, und meine bisherigen Beobachtungen und
Erfahrungen bestärken mich in meiner Ueberzeugung.
Das Mittel kann in allen Stadien der Lungentuberkulose injiziert
werden; nur wenn Neigung zu Blutungen vorhanden ist oder eine
Nierenkomplikation vorliegt, ist eine gewisse Vorsicht am Platze. Ist
doch allenfalls bei längerer Kieselsäurezufuhr in dieser Form eine
Nierenschädigung möglich, da experimentell nach massiven Si02-
Dosen Ablagerungen von Silikaten in den gewundenen Kanälchen der
Niere, die sich in Aetznatron lösten, nachgewiesen wurden. Beim
Menschen habe ich nur einmal geringe Albuminurie mit Zylindrurie
nach gehäuften Najosildosen gefunden; es kehrte dann aber nach vor¬
übergehendem Aussetzen der Medikation der normale Zustand schnell
wieder zurück, so dass die Kur ohne weitere Schädigung der Nieren
nach kurzem wieder fortgesetzt werden konnte. Also stete Urin¬
kontrolle erscheint auf alle Fälle unerlässlich.
Weitere Schädigungen habe ich nicht beobachtet.
Ich fasse zusammen:
1. Die Kieselsäuretherapie der Lungentuberkulose empfiehlt sich
nach wie vor nur als Unterstützungsmittel zu spezifischen nichtreizen¬
den Kuren, von denen die schonendste und mildeste die beste ist.
2. Die innere Kieselsäurebehandlung (Tee, Kieselsäurepräparate)
ist in ihrer Wirkung wegen der unsicheren Resorptionsverhältnisse
aller Kieselsäurepräparate schwer zu kontrollieren.
3. Will man versuchen, die experimentell gefundene und sicher¬
gestellte zirrhosierende Wirkung der Kieselsäure für die Lungen im
Sinne einer Anregung einer vermehrten Bindegewebswucherung mit
dem Endzweck eines zirrhotischen fibrösen Stadiums der Krankheit
auszunützen, so ist die intravenöse Anwendung, die eine direkte Zu¬
fuhr des Mittels in die Lungen gewährleistet, der einzig richtige Weg,
der nunmehr mit dem Najosil ohne Gefahr, schädliche Reaktionen
auszulösen, beschritten werden kann.
4. Der schwache Jodgehalt kann die therapeutische Wirkung nur
unterstützen, was die bisherige Bewertung der Jodwirkung bei Tu¬
berkulose wahrscheinlich macht.
Die Zeit muss nun lehren, ob wir tatsächlich auf diese Weise
unser Ziel erreichen. Vorbedingung bei etwaigen Nachprüfungen ist
m. E. aber die Vermeidung eines abschliessenden Urteils — im gün¬
stigen oder ungünstigen Sinne — nach zu kurzer Behandlung und
Beobachtung, ferner die Kombination dieser Behandlung mit den bis¬
her als wirksam anerkannten spezifischen und unspezifischen Behand¬
lungsmethoden, die aber in keiner Weise reizen oder aktivierend
wirken dürfen.
Literatur.
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15. Bogendörfer: Ther. d. Gegenw. 19121 Nr. 16. — 16. Gye und
Purdy: Brit. journ. of exp. path. Bd. 3 Nlr. 2. — 17. Hotz: Mitt. a.
d. Grenzgeb. 1912, 25. — 18. Schuhbauer und B r e e s t: Bioohem.
Zschr. 108, 4/6. — 19. Mendel: Ther. d. Gegenw. 1910, 2; D.m.W.
1022, Nr '27. — 20. Messe.rli: Rev. med. de la Suisse rom. 3. 42. 3. —
21. de (Juervai: Schweiz, med. Wschr. Jahrg. 52, 35. — 22. Hart¬
mann: Chem. Ztg. 1916 Nr. 118/119. — 23. Kadi sch: Beitr. z Klin d
Tub. 1922, 53, H. 3.
Aus der II, Univ. -Klinik für Frauenkrankheiten in München.
(Vorstand: Prof. Fr. Weber.)
Allgemeines über die Ursachen der Frauenkrankheiten*).
Von Privatdozent Dr. Hans Saenger, Oberarzt der Klinik.
Vor dreissig Jahren hielt mein Vater, Professor Max S a c n g c r,
in der Aula der Universität Leipzig einen Vortrag über die allge¬
meinen Ursachen der Frauenkrankheiten.
Es erschien mir verlockend, diesen Versuch einer übersichtlichen
ätiologischen Betrachtung der Erkrankungen des weiblichen Sexual¬
organs auch meinerseits zu unternehmen und die Erfahrungen der
letzten drei Dezennien dabei in den Vordergrund zu stellen.
Von jeher ist das Ziel ärztlichen Strebens die Bekämpfung der
Krankheiten an ihren Ursachen gewesen. Als die Aerzte noch weniger
Einblick in den Bau und die Funktion des gesunden und kranken
menschlichen Körpers hatten, glaubten sie, besser als wir heute die
Ursachen der Krankheiten zu kennen. Spekulative Forschungsweise
und Hypothesen erzeugten grösstenteils mystische Vorstellungen.
Aber Anatomie, Physiologie und Pathologie erzog zu stets wachsen¬
der Sachlichkeit. Und je weiter wir in unserer Erkenntnis fortschrci-
ten, um so mehr werden wir uns bewusst, dass alles, was wir Ur¬
sachen nennen, nur Teilursachen sind. Wir müssen stets wieder nach
neuen verborgenen Quellen der sich uns darbietenden Krankheits¬
erscheinungen forschen und uns hüten, zu viele hypothetische Schlüsse
an Stelle exakter Beobachtung zu setzen. Das soll uns von den
okkulten Aerzten des Mittelalters und von den Pfuschern unserer
Tage unterscheiden.
Nicht jedem Arzt liegt die Behandlung psychogen beeinflussbarer
Leiden. Auf diesem Gebiet erntet der gewiegte Kurpfuscher oft
billige Lorbeeren. Die Neigung zu mystischer Krankheitsvorstellung
ist vielfach auch im sonst populär aufgeklärten, verwöhnten und
krittelnden Publikum wieder grösser geworden, und mancher schlaue
oder selbst psychopathische Arzt hat daraus Nutzen gezogen. So
gibt cs in München eine ganze grosse Gemeinde, die lieber zum
Augendiagnostiker geht und sich aus Farbenschattierungen der Iris
auch ihre Unterleibsbeschwerden herauskonstruieren lässt, als sie der
Beurteilung der tuschierenden Hand des geübten Gynäkologen zu
überlassen. Dabei haben wir modernen Frauenärzte wieder gelernt,
nicht nur den Zustand des weiblichen Sexualorgans allein, sondern
stets auch den gesamten Körper der Trägerin zu betrachten. Denn
die Bedeutung der Lehre von der verschiedenartigen Konstitution des
Einzelorganismus wird jetzt allgemein anerkannt. Vielfach sind Kon¬
stitutionsanomalien geknüpft an krankhafte Störungen gewisser endo¬
kriner Drüsen. Diese Erkenntnis förderte die Lehre von der inneren
Sekretion, die seit der Tagung der Deutschen gynäkologischen Ge¬
sellschaft zu Halle im Jahre 1913 für unser Fach immer mehr an
Bedeutung gewinnt.
Das Sexualorgan der Frau darf und muss als Einheit betrachtet
werden, wenn es auch in 3 Abschnitte zerfällt, nämlich in die Pars
generationis — die Eierstöcke — , in die Pars gestationis — Eileiter
und Gebärmutter — und in die Pars copulationis — Scheide und
Scham. Nur wenn alle 3 Abschnitte sich voll betätigen können, ist
der Zweck des weiblichen Lebens erfüllt, und das Geschlechtsorgan
erweist sich als funktionstüchtig.
Im Folgenden will ich versuchen, die wichtigsten Frauenkrank¬
heiten in den verschiedenen Lebensepochen des Weibes auf ihre uns
erkennbaren Ursachen hin durchzugehen.
Schon unmittelbar nach der Geburt kann es sich zeigen, dass das
Sexualorgan des neugeborenen Mädchens fehlerhaft gestaltet ist, wenn
das Geschlecht des Kindes festgestellt werden soll und es äusserliche
Missbildungen erkennen lässt. Dabei pflegt es sich seltener um sexuale
Zwitterbildungen zu handeln, als um Verschlüsse und kombinierte
Missbildungen des Harn-Enddarms und Geschlechtsapparats. Der
Grund hierzu ist zu suchen in der Verbindung der Embryonalanlagen
des Harn- und des Geschlechtsapparats in bilateral getrenntem Ur¬
sprung und zweigeschlechtlicher Anlage. Vor allem erklärlich werden
so die Doppelmissbildungen des Uterus und der Scheide, die infolge
Ausbleibens der Verschmelzung des kaudalen Anteils der Müll er¬
sehen Gänge entstehen. Defektbildungen, Aplasien und Atresien fin¬
den wir auch häufig an anderen Körperstellen. Die den Gynäkologen
interessierenden sind die Gynatresien von der Atresia hymenalis bis
zum verschlossenen Nebenhorn des Uterus bicornis. Gynatresien
treten meist in der Pubertät bei Stauung des ersten Menstruations-
blutes, Doppelbildungen bei Gravidität krankhaft in Erscheinung.
Zahlreich sind die Gefahren namentlich letzterer, schon die der An¬
deutung einer Doppelbildung der Gebärmutter, eines Uterus arcuatus.
Wir selbst haben oft Lageanomalien der Frucht — Steisslagen und
Querlagen — gesehen, die nur durch die abnorme Form des Fundus
uteri bedingt waren. Normalerweise passt sich das Kind der Eiform
des Uterus an, es strampelt sich in seine Kopflage, der schwere Kopf
findet im unteren Uterinsegment ein passendes Lager, der breite Fun¬
dus gestattet ungezwungenere Bewegungen. Durch die Einbuchtung
des Fundus uteri werden diese Verhältnisse gestört. Sind die ein¬
zelnen Hälften eines mehr oder weniger vollständig verdoppelten
Uterus gut entwickelt, dann können ungestörte Schwangerschaften
auf einer Seite überstanden werden. Meistens jedoch lässt die Aus¬
bildung des Gebärmuttermuskels zu wünschen übrig, Aborte und
*) Antrittsvorlesung am 2. III. 1923.
20. Juli 192.?.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Frühgeburten sind noch der glücklichste Ausgang, wenn sie spontan
verlaufen. Werden dabei operative Eingriffe nötig und erkennt der
Arzt die Doppelmissbildung nicht, dann können schwere, perforierende
Verletzungen erfolgen. Die Ruptur eines hypoplastischen Uterus-
hornes kann sich aber auch spontan ereignen, in einem verschlossenen
Nebenhorn wird sie auf die Dauer unausbleiblich sein. Ein neugebo¬
renes Mädchen kann sogar mit einem Uterusprolaps auf die Welt
kommen; dabei werden wir aber eine Spina bifida sacralis, die den
3. und -4. Sakralnerven, die Versorger des Beckenbodens, in Mit¬
leidenschaft zieht, nicht vermissen. Als Ursachen von Missbildungen
muss man fehlerhafte Keimzellen und frühzeitige Embryonalschädi¬
gungen annehmen.
Im frühen Kindesalter ist namentlich die Rachitis gefährlich; sie
erzeugt häufig später den Mädchen verhängnisvolle Beckenver¬
engungen.
Durch Schlafen im Bett der tr.ipperkranken Eltern oder durch
Benutzung des gleichen Badewassers können schon ganz kleine Mäd¬
chen eine Vulvovaginitis gonorrhoica erwerben. Schwere infektiöse
Kinderkrankheiten, namentlich Scharlach, machen in seltenen Fällen
Eierstocksschädigungen. Auch genitale Geschwulstbildungen können
schon im Kindesalter beobachtet werden.
Fast immer wird sich ein Mädchen erst durch das Auftreten der
ersten Menstruation ihres Sexualorgans voller bewusst. Normaler¬
weise ist das bei uns vom 13. bis 16. Lebensjahre der Fall. Späteres
Auftreten deutet auf eine heutzutage recht häufige Hypoplasie der
Genitalien hin. Diese Hypoplasie des sonst normal angelegten Sexual¬
organs, richtiger ausgedrückt sein Stehenbleiben auf frühpuberaler
Stufe, findet sich oft bei schon äusserlich für ihre Jahre zu kindlich
aussehenden jungen Mädchen und Frauen. Meistens gleicht sich dieser
Zustand um die Wende des 2. Jahrzehntes noch aus; in vielen Fällen
aber bleiben diese Frauen sexuell unzulänglich und nicht zur Ehe
geeignet. Wegen Dysmenorrhoe, Menstruationsanomalien, wie Ame¬
norrhoe, Oligomenorrhoe, aber auch Menorrhagie, Dyspareunie und
Sterilität finden viele von ihnen den Weg zum Arzt. Im Einzelfall
wird es schwer sein, vorherzusagen, wie sich solche Frauen in der
Ehe bewähren werden. Das Symptom der Oligomenorrhoe oder gar
Amenorrhoe wiegt am schwersten. Anfängliche, relative Sterilität
kann überwunden werden und Schwangerschaft erfolgen. Oftmals
führt aber die erste Schwangerschaft zum Abort. Und kommt es
zum Austragen, dann sind häufig schlechte, zwar schmerzhafte, aber
wenig effektive Wehen vorhanden. Kurze und enge Scheiden er¬
schweren den Durchtritt und die Rotation des Kopfes. Daraus resul¬
tieren oft schwere Zangengeburten, wenn nicht eine noch viel gefähr¬
lichere Komplikation, ein allgemein verengtes Becken, besteht, das
die Geburt eines reifen Kindes per vias naturales unmöglich macht.
Die Ueberwindung des puerperalen Zustandes ist bei Frauen mit
hypoplastischem Genitale erschwert, Subinvolutio und rasche Ab¬
nutzung mit ihren örtlichen Folgen, Gebärmutterverlagerung und
Senkung wird häufiger beobachtet.
Beim Zustandekommen des Hypogenitalismus spielen konstitutio¬
nelle Einflüsse die grösste Rolle. Oft können wir gleichzeitig Chlo¬
rose, Enteroptose, Wanderniere, strumöse Vergrösserung der Schild¬
drüse, Retroversio uteri, Hochstand der Blase und gesteigerte Er¬
regbarkeit des Nervensystems sowie der glatten Muskulatur fest¬
stellen. Das Wesen der typischen Konstitutionsanomalien ist eben
nicht in örtlichen Veränderungen allein, sondern in allgemeinen Be¬
dingungen zu suchen. Trotzdem müssen wir beim Hypogenitalismus
der Funktion der Keimdrüsen die überragendste Bedeutung bei¬
messen, selbst wenn deren trophisches Zentrum nach E r d ii e i m,
Aschner, Leschke und Hofbauer wieder im Zwischenhirn
und der mit diesem in innigem Zusammenhang stehenden Hypophyse
zu suchen ist. Wie kommt es aber nun zu diesem Zustand? Tuberku¬
lose, Lues, Alkoholismus, hohes Alter, jede körperliche und geistige
Minderwertigkeit der Eltern inklusive Konstitutionsanomalien können
sich dergestalt an den Töchtern äussern. Das sind blastogene Ein¬
flüsse. Somatische Einflüsse sind gegeben durch Frühgeburt, lang¬
wierige Verdauungsstörungen im Säuglingsalter, unzweckmässige
Ernährung und Pflege sowie durch Infektionskrankheiten.
Das scheinbare Gegenteil des Hypogenitalismus wird dargestellt
durch die Evolutio praecox, die vorzeitige Reife. Dabei handelt es
sich aber meistens um seltene, schwere Störungen des endokrinen
Apparats durch Geschwulstentwicklung in der Zirbeldrüse, in den
Nebennieren oder in den Ovarien. Wieso es allerdings dabei zur vor¬
zeitigen Tätigkeit der Keimdrüse kommt, ist nicht bekannt.
Wir dürfen die krankhaften Störungen in der Zeit der Ge¬
schlechtsreife nicht verlassen, ohne auch die uns heute bekannten
Ursachen über das Wesen der Menstruation zu besprechen. Nach
R. Meyer ist die Menstruationsblutung phylogenetisch nicht als ein
normaler, unumgänglich notwendiger 'Vorgang anzusehen. Eine Frau
kann auch ohne menstruiert gewesen zu sein konzipieren, gebären,
stillen, und zwar immer wieder bis sie der Klimax verfällt. In Europa
sind es meist Zigeunerfrauen, die uns dieses vor Augen führen.
R. Meyer versteht unter der Menstruationsblutung den körper¬
lichen Ausdruck für den Abgang eines unbefruchteten Eies. Wir
kennen jetzt die zyklischen Veränderungen der Uterusschleimhaut
während der ganzen Zeit der Geschlechtsreife und ihr zeitliches Ver¬
halten zur Ovulation. Bei der Frau kommt normalerweise nur ein
Follikel auf einmal zur Reife und platzt ungefähr um den 14. Tag nach
Beginn der letzten Periode. Der gesprungene, eilose Follikel ent¬
wickelt sich zum gelben Körper, der eigenartigsten Drüse mit innerer
Nr. 29.
941
Sekretion; das Ei wird durch die Tube nach dem Uterus getrieben,
die Uterusschleimhaut nimmt mit dem ganzen Organ an Blutfülle zu,
ihre Drüsen beginnen zu sezernieren, ihre Stromazellen nehmen
Deziduaaussehen an. Mit dem Tode des unbefruchteten Eies stellt
auch das kleinkirschgrosse Corpus luteum seine belebende Tätigkeit
ein, und infolge von Ernährungsstörungen wird die Funktionsschicht
der Gebärmutterschleimhaut unter dem Bilde anämischer Nekrose
abgestossen. Dabei blutet es aus den eröffneten Gefässen der Basalis.
Die Menstruationsblutung hat nichts gemein mit den Erscheinungen
der Brunst bei den Tieren. Bei Beginn der Menstruation hat das
Corpus luteum seine aufbauende Tätigkeit just eingestellt und zeigt
regressive Veränderungen. Zur Zeit der Brunst finden sich bei den
Tieren nur sprungreife Follikel und noch kein gelber Körper. Zu
starke Menstruationsblutungen können allgemeine und örtliche Ur¬
sachen haben. Allgemeine Ursachen sind zum Beispiel Anämie, Chlo¬
rose und zu Stauungshyperämie der Genitalorgane führende Erkran¬
kungen, wie Herz- und Lungenleiden, Leberzirrhose und chronische
Obstipation. Oertliche Ursachen sind gegeben durch Erkrankungen
des Uterus einerseits und solcher der Ovarien andererseits. Ich er¬
wähne Lageveränderungen, entzündliche Prozesse, namentlich go¬
norrhoische, septische und saprische Infektionen des Endometriums,
Hypertrophien der Mukosa, Myomentwicklung und bindegewebige
Entartung der Uterusmuskulatur, die sogenannte chronische Metricis.
Aber auch nur im Ovarium gelegene Ursachen müssen häufig ange¬
nommen werden, Störungen der Eireifung, des Follikelsprungs und
der Corpus luteum-Bildung mit und ohne entzündliche Verände¬
rungen. Letzten Endes ist jede Menorrhagie ovariellen Ursprungs.
So führen Hämatomzysten der Ovarien häufig zu Amenorrhoe und
später zu starken, anhaltenden Blutungen. Entfernt man bei einer
Operation zwischen dem 14. und 26. Tage nach der letzten Periode
das Corpus luteum, dann tritt am nächsten Tage vorzeitig die Men¬
struation ein. Wird in den ersten 1 — 2 Schwangerschaftsmonaten das
Corpus luteum entfernt, dann kommt es zum Abort.
Von den Menorrhagien sind nach Möglichkeit zu trennen die
Metrorrhagien, die von Ovulation und Menstruation meist unab¬
hängigen Uterusblutungen. Diese beruhen entweder auf Störungen
im Verlauf von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, oder auf
malignen Neubildungen von Uterus und Scheide, oder auf der Ent¬
wicklung von Polypen.
Wir kommen nunmehr zur Hauptepoche im Leben der Frau zur
Zeit der Gestation, der Fortpflanzung. Das Kindbett ist, wie mein
Vater sagte, das wahre Schlachtfeld der Frauen, auf dem sie alle
'Tugenden des Kriegers, Mut und Aufopferung, Tapferkeit und Hingabe,
zeigen können. Hier können sie ihre Wunden empfangen, leichte,
schwere und tödliche, und den Keim davontragen zu Siechtum und
Invalidität. Anderseits bewährt sich hier die gute Rasse, so dass
selbst zahlreiche Geburten ohne gesundheitliche Schädigungen bei
Erhaltung von Frische und körperlicher Elastizität überwunden
werden können. Solche Frauen verfallen nur durch schlechte Ge¬
burtshilfe der Krankheit. Es kann ihnen drohen die Borniertheit und
Unsauberkeit vieler Hebammen und die Vielgeschäftigkeit und Un¬
sicherheit mancher Aerzte. Geburtshilfe ist nötig, aber sie muss auf
hoher Stufe stehen und nur eingreifen, wo es anders nicht geht.
Selbst die Vornahme einer vaginalen Untersuchung während der
Geburt muss wohlerwogen und gut vorbereitet sein. Semmel¬
weis lehrte uns vor 80 Jahren die Ursachen des Kindbettfiebers
erkennen. Der Geburtsvorgang bei den zivilisierten Völkern ist ein
so komplizierter, dass die sachkundige Hilfe einer einzigen Person
nicht einmal genügt. Ausser den den Dammschutz ausübenden, sterilen
Händen sollte noch eine zweite Kraft vorhanden sein, um Hand¬
reichungen zu machen und die oft unruhige Kreissende festzuhalten.
Dammrisse lassen sich sonst nicht vermeiden. Am zweckmässigsten
würde ein umsichtiger, gut geschulter Arzt die Geburt leiten und
dabei die Schmerzen auf irgendeine Art bekämpfen, während eine
erfahrene Hebamme den Dammschutz auszuführen hätte. Die Ge¬
fahren der Gestation drohen aber schon kurze Zeit nach der Empfäng¬
nis. Ich erwähne zunächst die im Volke unter dem Namen Bauch¬
höhlenschwangerschaft bekannte ektopische Schwangerschaft. Meist
handelt es sich um Tubenschwangerschaft. Katarrhalische und ent¬
zündliche Veränderungen in den Eileitern scheinen zu ihrem Zustande¬
kommen zu prädisponieren. Für einen Teil der Fälle scheint die Ur¬
sache im befruchteten Ei selbst zu liegen, das sich vorzeitig in der
ungeeigneten Tubenschleimhaut einnistet. Wiederholte und doppel¬
seitige Extrauteringravidität sprechen dafür. — Verschiedene Er¬
krankungen während der Schwangerschaft und Geburt werden auf
toxische Einflüsse des Eies zurückgeführt. Nämlich die Hyperemesis
gravidarum, die Varizenbildung, die Schwangerschaftsniere, die
Schwangerschaftsleber, gewisse Nervenerkrankungen und Dermatosen
sowie vor allem die gefürchtete Eklampsie. Zwar ist das Gift einer
solchermassen angenommenen Autointoxikation noch nie gefunden
worden, doch spricht vieles für sein Vorhandensein. Vor allem der
pathologisch-anatomische Befund in tödlich verlaufenen Fällen, der
dem bei Phosphor-, Arsen- und Schwammgiften völlig gleichen kann.
Weiter spricht für die Richtigkeit der Annahme einer Giftwirkung
von seiten des Eies das Aufhören der krankhaften Erscheinungen bei
rechtzeitiger Entfernung desselben. Nur wenn die Organschädigungen
zu hochgradige waren, bleibt der Erfolg aus. Zur Erklärung des Zu¬
standekommens der Eklampsie wurden Unsummen von Arbeit ange¬
wendet. Vorläufig ist es noch nicht klar, ob die Schwangerschafts¬
intoxikationen lediglich Folge von Stoffwechselstörungen sind, ob sie
3
942
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 29.
als Ausdruck eines Defektes in einem normalen Immunisierungsprozess
angesehen werden dürfen, oder ob sie als ein anaphylaktisches Phä¬
nomen zu gelten haben. Die Anschauungen über die Bedeutung der
sogenannten chorialen Invasion sind noch keine einheitlichen.
Schittenhelm und S e i t z sagten, dass sich bei der Eklampsie
die Probleme des Stoffwechsels, der Immunisationslehre und der
inneren Sekretion berühren. Höchstwahrscheinlich spielen konstitu¬
tionelle Minderwertigkeiten mit beim Zustandekommen mancher
Schwangerschaftstoxikosen, auch bei der Eklampsie. So ist es mir
aufgefallen, dass oft untersetzte Frauen mit kräftigem Knochenbau
und Neigung zu Fettleibigkeit von Eklampsie befallen wurden.
Eine der gefährlichsten üeburtskomplikationen wird dargestellt
durch eine Placenta praevia, durch den Sitz des Mutterkuchens in der
Gegend des inneren Muttermundes. Das von allen Geburtshelfern
mit Recht so gefürchtete Ereignis trifft hauptsächlich Mehrgebärende,
und zwar meist Frauen, die rasch hintereinander viele Kinder ge¬
boren haben. Die Ursache wird vor allem in einer schlechten Aus¬
bildung der Dezidua in den oberen üebärmutterabschnitten zu suchen
sein. Das Chorion frondosum entwickelt sich in solchen Fällen an
tiefergelegener Stelle, wo sich unter Umständen ein ausgiebigerer
Nährboden findet.
ln der Aetiologie des engen Beckens spielt, wie schon erwähnt,
die Rachitis die Hauptrolle. Viel seltener sind infantil allgemein ver¬
engte und Trichterbecken, infolge von Skoliose, Koxalgie oder Bil¬
dungsfehlern schräg verengte Becken, das quer verengte Becken und
das spondylolisthetische Becken. Das osteomalazische, zusammen¬
geknickte Becken stellt auch zum Glück eine Rarität dar. Fehling
zeigte 1887, dass Osteomalazie durch Kastration geheilt werden
könne. In den Ovarien fand man bei Osteomalazie Wucherungen der
sogenannten interstitiellen Eierstockdrüse, in den Epithelkörperchen
Hypertrophie und Adenombildung. Italienische Forscher glaubten,
eine Unterfunktion des chromaffinen Systems festgestellt zu haben.
Jedenfalls handelt es sich bei der Osteomalazie um eine Gleichge¬
wichtsstörung in der Funktion mehrerer endokriner Drüsen. Die
Schrecken des engen Beckens haben mit der Vervollkommnung un¬
serer Operationstechnik, namentlich des Kaiserschnitts, bedeutend
verloren. Prophylaktische Operationen, wie die künstliche Früh¬
geburt und die prophylaktische Wendung, kommen mehr und mehr
ausser Gebrauch. Konservative Geburtshilfe mit in Reserve gehal¬
tener Operation zeitigte bessere Resultate.
In den Blütejahren der Frau stellen die puerperalen Wundinfek¬
tionen die schlimmsten Gefahren für sie dar. Diese drohen ganz be¬
sonders bei der immer mehr überhandnehmenden, unrechtmässigen
Unterbrechung der Schwangerschaft. Die Zahl der Frauen, die im
Anschluss an Abtreibungsmanöver alljährlich in Deutschland erkran¬
ken und dauernd Unterleibsinvalide werden, geht in die Zehntausende.
Jeder in den Uterus eingeführte Gegenstand, Finger oder Instrument,
bringt, selbst wenn er wirklich keimfrei gemacht war, die Möglichkeit
der Bakterieninokulation. Ein blosses Anstreifen am Scheideneingang,
ja an einem Schamhaar, kann verhängnisvoll werden. Noch folgen¬
schwerer sind die intrauterinen Einspritzungen, bei denen die Flüssig¬
keit oft durch die Tuben in die Bauchhöhle hineingepresst wird, um
dort das von D ö d e r 1 e i n als Abtreibungsperitonitis bezeichnete
Krankheitsbild zu erzeugen. Der Entschluss zu dieser Manipulation
erscheint völlig unbegreiflich.
Was die Häufigkeit betrifft, so steht unter den Infektionskrank¬
heiten des Sexualorgans der Tripper unentwegt an erster Stelle. Man
schätzt sein Vorkommen auf ungefähr 25 Proz. ein. Seine unheilvoll¬
sten Folgen sind bekannt, als da sind: Sterilität und jahrelanges
schmerzhaftes Siechtum durch EiLeiter-, Eierstocks-, Becken-, Bauch¬
fellentzündung, die zur Bildung von Adnextumoren führt. Die go¬
norrhoische Infektion wird von den Frauen oft nicht als solche er¬
kannt, der Ausfluss anderswie gedeutet, was eine besondere Ursache
ihrer weiteren Verbreitung darstellt. Und leider sind auch unsere
Waffen gegen die ausgebrochene Krankheit keine weittragenden.
Akute Erkrankung verbietet sogar bei der Frau ihre Anwendung. Wir
haben kein dem Salvarsan ebenbürtiges Mittel zu ihrer Bekämpfung.
Ungemein schwer und verantwortungsvoll ist die Entscheidung, wann
das Ziel der Vernichtung der letzten Pilze erreicht ist. Keine der
WaR. ähnliche Reaktion steht uns zur Verfügung, und im allerbesten
Fall werden Monate darüber vergehen. Die Folgen aszendierter
Gonorrhöe sind meist irreparabel, auch wenn alle Erreger verschwun¬
den sind. Daher ist weitgehendste Prophylaxe notwendig; beim Ver¬
sagen der gesetzlichen Machtmittel kann diese nur eine weitgehende
persönliche sein.
Die Bedeutung der zwei anderen Geschlechtskrankheiten, der
Syphilis und des weichen Schankers, ist für das Sexualorgan eine
geringere. Ihre lokalen Veränderungen beschränken sich fast aus¬
schliesslich auf die Pars copulationis. Verhängnisvoll ist allerdings,
dass häufig der syphilitische Primäraffekt in der Scheide oder an der
Portio sitzt, so dass er übersehen werden muss. Wird die Lues nicht
rechtzeitig erkannt und in Behandlung genommen, dann kommt es auf
dem Lymph- und Blutwege zur Generalisierung des Virus, zu einer
massenhaften Verbreitung im ganzen Körper. Die schlimmen Folgen
treffen auch die Frucht im Muttcrleibe, denn die Spirochaete pallida
vermag besser als die meisten anderen Krankheiterreger die Wand
der Chorionzotten zu durchdringen und in die fötale Blutbahn einzu¬
brechen. Habituelle Frühgeburt oft faultoter Früchte, Geburt manifest
oder latent syphilitischer, lebender auch ausgetragener Kinder ist die
Folge.
Die Tuberkulose des Sexualorgans ist in den meisten Fällen eifi
sekundäres Befallensein bei tuberkulöser Erkrankung anderer Or¬
gane. Die hauptsächlich und meist zuerst betroffenen Teile sind die
Tuben.
Andere Infektionskrankheiten spielen gegenüber den erwähnten
am Geschlechtsorgan eine untergeordnete Rolle. Einer kurzen Be- ■
sprechung bedarf nur noch der Zervikalkatarrh, dessen Folgeerschei- j
nung das Volk als weissen Fluss bezeichnet. Dieser ist in sehr
vielen Fällen nicht infektiöser Art. Die Volksanschauung, dass solcher
Säfteverlust schwäche, hat einen richtigen Kern, nur wird dabei Ur¬
sache und Wirkung verwechselt. Die Ursachen der Hypersekretion
der Zervix sind oft Anämien, Chlorose, Asthenie, beginnende Tu- i
berkulose und Erschöpfungszustände verschiedener Art. Der Fluor \
ist dabei nur ein Symptom der Allgemeinerscheinung. Er kann aber j
den normalen Scheideninhalt verändern, so dass der gute erste Rein¬
heitsgrad, der von dem Bacillus vaginalis minor et maior Döder- ■
lein mit saurem Sekret unterhalten wird, verloren geht und andere '
Bakterien sich ansiedeln können. Diesen Zustand kann jede Mani¬
pulation an den inneren Genitalien vorübergehend stören; schwere ■
Geburtsverletzungen, wie nichtgenähte klaffende Zervix- und Damm- I
risse machen die normale Selbstreinigung der Scheide unmöglich
Die Frau altert, die Blütezeit der Gestation neigt sich zu Ende, j
die Frau erreicht das Ende des vierten Jahrzehnts. Noch ist sie nicht
klimakterisch, noch ist sie menstruiert und konzeptionsfähig. In diesen
Jahren mehren sich unheimliche Erkrankungen, denen das Sexual- j
organ auch vorher schon mehr ausgesetzt ist als alle anderen Organe, I
nämlich die Geschwulstbildungen. Wir müssen vermuten, dass der
weibliche Geschlechtsapparat einerseits wegen seiner embryonalen ;
Organrudimente, die er seiner eigenartigen Entwicklung aus zwei- i
geschlechtlicher Anlage verdankt, anderseits wegen seiner ihm auf¬
erlegten bedeutendsten Funktionen der Reproduktion und ständigen i
periodischen Vorbereitung dazu mehr zu Geschwulstbildung veranlagt
werden kann. Die eigenartige Tätigkeit der Eierstöcke, die periodisch
ein Ei zur Reife gelangen und eine stets neue Drüse mit innerer Se¬
kretion entstehen und vergehen lässt, ist nur auf Aufbau gerichtet.
Gleich gesinnt ist der Uterus, der immer wieder mit einer Fülle von
Nährmaterial ausgestattet wird. Es Hesse sich nun denken, dass "
diese ständige Vorbereitung zur Produktion einmal bei Nichterfüllung
ihrer Absicht, weiter aber auch durch krankhafte Reize zur abnormen
Zeugung, zur Hervorbringung von Tumoren führen könnte. Die j
Uterusmyome verleiten uns zu dieser Hypothese, denn grosse Myome .
finden wir auffallend häufig bei Frauen, die niemals oder selten ge¬
boren haben.
Beim Karzinom verhält es sich meist anders; wenn es sich an der
Zervix und Portio entwickelt, sind in der Mehrzahl Frauen befallen,
die viele Geburten durchgemacht haben. Die bei jedem Partus den
passiven Teil der Gebärmutter treffenden Zerrungen, Quetschungen ■
und Verletzungen stellen namentlich wenn sie zu -Lazerationen und 1
sogenannter Erosion führen, eine starke chronische Gewebsreizung •
dar, die zur Karzinombildung prädisponieren dürfte. Inwieweit eine
allgemeine toxische Schädigung und konstitutionelle Momente mit¬
spielen, ist noch nicht festgestellt. Bei den Myomen ist familiäre Ver- 1
anlagung besonders häufig gefunden worden.
Und weiter müssen wir fragen, warum finden sich Geschwülste :
soviel häufiger in der weiblichen als in der männlichen Keimdrüse?
Beide entwickeln sich doch aus einer scheinbar indifferenten Anlage, ij
Grösstes Interesse hat von jeher die Dermoidzyste, ein Teratoma ad
ultum, erweckt, in der man Abkömmlinge aller drei Keimblätter sehen
kann. Am häufigsten wird in der Wand einer solchen Zyste ein
solider Zapfen gefunden, der Haut, Talgdrüsen, Haare, Knochenleisten ,
und Zähne erkennen lässt, aber auch Gehirnsubstanz, Augen- und
Gehöranlagen, Bronchien und Darmwand, selbst Extremitätenstummel
sind konstatiert worden. Wenn solche Geschwülste in seltenen
Fällen auch im Hoden, im Mesokolon, im Mediastinum, an Gehirn und
Rückenmark vorgekommen sind, so stellen sie nur in den Eierstöcken
ein häufiges Ereignis dar (10 Proz.). Vielleicht ist auch das Cyst-
adenoma pseudomucinosum, das 60 Proz. aller Eierstocksgeschwülste j
ausmacht, so ein Teratom, in dem nur die Abkömmlinge des Ento- j
derms zur Entwicklung gelangt sind, üb nun Keimzellen selbst oder
totipotente Blastomeren der ersten Furchungsstadien diese Ge¬
schwülste hervorbringen, auffallend bleibt, dass fast immer die weib¬
liche Keimdrüse zur Brutstätte solcher Erzeugnisse wird.
Je mehr sich die Frauen der Klimax nähern, um so mehr beherr- .5
sehen Gebärmutterblutungen die krankhaften Symptome von seiten
des Unterleibs. Neben den Myomen, die heftige Menorrhagien erzeugen !
und das Klimakterium hinausschieben können, und den malignen Ge- .
schwülsten, deren erstes Symptom leichte unregelmässige Metror- 1
rhagien zu sein pflegen, führt eine typische Abnutzungserkrankung .
häufig zu heftigen Menorrhagien, ähnlich wie die Myome, nämlich eine
früher als chronische Metritis bezeichnete Hyperplasie und Degene¬
ration des Myo- und Endometriums, die Metropathia haemorrhagica. i
Sie ist meist eine Folge zahlreicher Geburten und auf eine Dys- |
funktion der Ovarien zurückzuführen (R. M e y e r, R. S c h r ö d e r).
Zum grossen Teile besteht jedoch die Furcht vor den Wechsel¬
jahren zu Unrecht. Den meisten Frauen können sie nicht viel an-
liaben; ihre Menstruationsblutungen werden schwächer, seltener und
bleiben dann für immer aus. Ihre Beschwerden bestehen lediglich in
vasomotorischen Störungen, den bekannten Blutwallungen, in vor¬
übergehend stärkerer nervöser Reizbarkeit und nicht so selten in einer
Zunahme der Körperfülle, im Ansatz von Matronenfett. Jedenfalls
>f>. Juli 192.3.
MÜNCHENER MEDIZINISCH I: WÖCHENSCHRIF’)
94.3
uit das Erlöschen der Eierstockstätigkeit stets Stoffwechsclverände-
ungen im Gefolge.
Mit der Klimax setzt am Sexualapparut ein allgemeiner Rück¬
bildung- und Schrumpfungsprozess ein. Als Eolge vorheriger starker
Beanspruchung und Schädigungen treten jetzt häufiger Abnutzungs-
irscheinungen auf. Vor allem sind das die Prolapse, die Vorfälle
ruhere, schlecht oder gar nicht genähte Dammrisse, Zerrungen
Quetschungen. Zerreissungen des Beckenbodens und der Levator-
nuskulatur, Ueberdehnung und Elastizitätsverlust der Levatorfaszie
md seiner viszeralen Leisten, der Parametrien und bindegewebigen
Imhüllung von Scheide, Blase und Mastdarm sowie die der Gebär-
nutterbander führen zur Gebärmuttersenkung. Dabei wird der Uterus
'Us seiner schwebenden Anteflexion gebracht und gelangt, wenn er
licht schon retroflektiert war, zum mindesten in Mittelstellung Seine
Vchse gelangt dabei immer mehr und mehr in die Richtung der Schei-
lenachse, und der intraabdominelle Druck vermag ihn jetzt immer
iefer nach abwärts gegen den Hiatus genitalis zu treiben.
Normalerweise kann der intraabdominelle Druck den anteflektiert
iegende i Uterus nur noch mehr in Anteflexion bringen, denn die Vorder¬
teile der Gebärmutter liegt dabei der Blase dicht an; er kann somit
mr an der Hinterflache angreifen und wird so das Corpus uteri
lymphysenwarts zu drängen suchen, während Zervix und Portio
,tgen die Le\ atorplatte gepresst werden. Die Achse des anteflck-
ierten Uterus schneidet den Beckenboden 6 — 7 cm hinter dem Hiatus
cenitalis. Demnach leistet eine Retroversio uteri dem Prolaps Vor-
chub. 1 rotzdem wäre es falsch, jede gewöhnliche Retroversioflexio
Ue an sich nur eine Gestaltsveränderung des Uterus darstellt und
o und so oft nur auf einen schlechten Tonus seiner Muskulatur zu-
uckgefuhrt werden muss, auch bei einer Nullipara ohne weiteres zu
iperieren. Andere Ursachen des Prolapses als die Geburtsschädi-
.iin gen treten an Bedeutung weit zurück; diese wirken sich allerdings
•ei asthenischen brauen besonders frühzeitig und schwer aus. Ente-
■e^Vorfalls"** Clb ^ Hernien sind häufige Begleiterscheinungen
Lästige örtliche Erscheinungen der postklimakterischen Zeit und
es Alters sind weiter atrophierende Vorgänge an der Vulva, die zu
ÄÄ“1, Kraurosis führen können, und solche der Scheide,
it ziii Kolpitis atrophicans senilis prädisponieren
Neubildungen sind auch im 5. und 6. Jahrzehnt noch
echt häutig spater werden sie seltener, und mehr Frauen als Männer
rreichen ein hohes Alter.
Ich habe mir erlaubt, in grossen Zügen die wichtigsten und häu-
gsten Erkrankungen des weiblichen Sexualapparates auf ihre uns
ekannten Ursachen hin durchzugehen, auf Vollständigkeit kann ich
aturheh in keiner Weise Anspruch erheben.
Wir sehen, dass das ganz und gar in den Körper hineingefügte
exualorgan der Frau mit seiner das Geschlecht erhaltenden, repro-
uktiven Iatigkeit von so überragender Bedeutung den mannig-
ichsten Erkrankungen in ganz anderem Maasse ausgesetzt ist als
as Geschlechtsorgan des Mannes, das, wenn es normal gebildet ist,
auptsachlich durch die Erreger der venerischen Krankheiten siech
bed?.utet fdr das weibliche Geschlecht eine körper-
che Mehrbelastung, die nicht ohne Folgen für ihre Psyche bleiben
ann. Dieses Plus an somatischer Leistung, und sei es nur die
reissigjahrige monatliche Schwangerschaftsbereitschaft, beeinflusst
ie psychische Konstitution. Schon der Verlauf der Menstruations-
!n nnH0iZ die/fraue,n> sich körperlich viel mehr zu beobach-
Aufmerksamkeit immer wieder auf das Sexual-
rgan. Es ist daher kein Wunder, wenn das Nervensystem der Frat
uchter erregbar und ermüdbar ist als das des Mannes. Kein anderes
rgan ubt auch nur annähernd den gleichen Einfluss auf das Gefühls-
d,!? Ke™drüse- Psyche und Keimdrüsen stehen ir
inigster Wechselbeziehung. Das Geschlechtsleben ist für die Frai
m ganz anderes, folgenschwereres und verantwortungsvolleres Die
rau hat daher Anspruch auf Rücksichtnahme von seiten des Mannes
7mf S darf.der Frauenarzt bei der Beurteilung des körper-
ilf a-and{.S einer ^rfinke!1 die psychische Komponente vernach-
( ssigen> die oft sogar ätiologisch im Vordergrund steht.
Die Röntgenbehandlung der Knochen- und Gelenk¬
tuberkulose,
\on Dr. C. B. H ö r n i c k e - Königsberg.
Die Technik der Röntgentherapie der Knochen- und Gelenktuber-
ulo.se hat im Laufe der Jahre bedeutsame Aenderungen erfahren,
on der ursprünglichen Bestrahlung nach Zeit ging man unter dein
lntluss 1 s e 1 i n s zur Maximalbestrahlung analog dem Bestrahlungs-
i°dus bei den malignen Tumoren über. Da jedoch schon bei Dosen,
ie unterhalb der Erythemdosis liegen, ein Röntgenulcus eintreten
mn ging I sei in selbst zu kleineren Dosen über (Reizbestrahlung),
reiche Bestrahlungsart man anwenden soll, kann nur durch griind-
i i Untersuchung und Beurteilung des Einzelfalles bestimmt werden,
eder Schematismus ist streng zu vermeiden. Dieselbe Strahlen-
'enge, die für den einen das Optimum ist, bedeutet für einen zweiten
ne Schädigung oder ist nutzlos. Im allgemeinen wird A der HED.*)
Jf den Herd mit 6 wöchiger Wiederholung beiunkoinplizierten Fällen
is Gegebene sein. Bei bestehendem Abszess oder bei vorhandenen
Fisteln wird man zu kleineren Dosen greifen müssen, während sich
manche fibröse Formen refraktär verhalten. Sie erfordern unter Um¬
standen Dosen bis zu 60 Proz. der HED. auf den Herd. Grössere
Dosen wird man wegen der Gefahr der Spätschädigungen nicht geben.
Die Wiederholung der Bestrahlung wird man so vornehmen, dass die
Gesamtbelastung der Haut innerhalb 6 Wochen höchstens 1 HED. be-
tragt. Ratsam ist es, nach 3 maliger Verabreichung der vollen HED.
auf dieselbe Hautstelle eine Pause von mindestens A Jahr eintreten
zu lassen. Die Qualität der anzuwendenden Strahlen richtet sich naoii
der liefe des Herdes, sowie nach der Beschaffenheit der Haut. Man
wird daher je nach der Lokalisation als Filter zwischen Al und Cu
wählen. Als Apparate eignen sich ain besten die modernen
I icfentherapieapparate, jedoch kann man auch die Behandlung der
kleinen Gelenke mit mittelstarken Apparaten vornehmen. Dass inan
mit Oberflachentherapieapparaten keinen Erfolg bei der Behandlung
deJ Knochen- und Gelenktuberkulose erzielen kann, sollte selbstver¬
ständlich sein.
Parallel mit der Röntgenbehandlung müssen eine möglichst aus¬
geprägte Allgemeinbehandlung, sowie chirurgisch-orthopädische
gehen. Je intensiver man den Körper im Kampfe gegen
die I uberkulose unterstützt, um so besser sind naturgemäss die Er¬
folge, zumal zumeist noch anderweitige tuberkulöse Herde im Körper
bestehen. In der ambulanten Praxis ist eine systematische Allgemein -
behandlung meist nur schwer durchzuführen. Man muss sich daher im
wesentlichen auf eine Behandlung etwaiger Fisteln oder Ulzera und
auf Kulugstellung des erkrankten Gelenkes mittels Gipsschalcn,
- ctuenenhülsenapparate usw. beschränken. Bei den Erkrankungen
der unteren Extremität empfiehlt es sich, das Wechseln des üips-
verbandes alle 6 Wochen vorzunehmen und dabei zu bestrahlen,
Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Bestrahlung bei liegendem
Verbände vorgenommen werden kann, aber den Nachteil der über¬
mässigen Belastung ein und derselben Hautstelle.
Ausser dieser Behandlung neben der Bestrahlung werden von
verschiedenen Seiten noch Massnahmen getroffen, die die Bestrah¬
lungswirkung selbst verstärken sollen. Jedoch haben sich die ver-
schiedenen Sensibilisierungs- und Desensibilisierungsverfahren bei der
Bestrahlung der chirurgischen Tuberkulose keine Geltung verschaffen
können, besonders da es uns nicht mehr daran liegt, eine möglicr.st
hohe Dosis an den Herd heranzubringen. Das einzige Mittel, das bei
systematischem Ausbau vielleicht einen Erfolg erzielen könnte ist die
spezifische Sensibilisierung des Herdes mittels Tuberkulin. Durch das
luberkulin wird eine rein auf den erkrankten Herd beschränkte
Hyperämie hervorgerufen = Herdreaktion. Das Verfahren hat dm
Nachteil, dass auch auf sonstige, ev. nicht beachtete tuberkulöse Herde
un Sinne einer Herdreaktion eingewirkt wird. Da in der Mehrzahl
der Fälle noch eine anderweitige Tuberkulose besteht, ist die Gefahr
der Aktivierung eines progredienten Herdes bei mangelnder Technik
gross. Jedoch fand Fränkel bei Lupus nach Infektion von ganz
geringen, sonst unwirksamen Mengen Tuberkulin schnellere Beein¬
flussung durch Röntgenstrahlen selbst bei vorher refraktären Fällen.
Die Hoffnung, durch die Röntgenbestrahlung die operative Behand¬
lung zu verdrängen, hat sich leider nicht ganz erfüllt. Bei sehr aus-
gedehnter Tuberkulose, besonders bei gleichzeitiger Lungentuberku¬
lose, ferner aus sozialen Gründen, um die Dauer und die Kosten der
Behandlung zu verringern, endlich bei vorkommenden Versagern der
Röntgentherapie wird man operativ eingreifen müssen. Andrerseits
bietet wieder die Röntgennachbestrahlung operierter Fälle sehr gute
Dienste. Die Zahl der Rezidive nach Operationen wird wesentlich
herabgesetzt.
Die Wiikung der Röntgenstrahlen auf das tuberkulöse Gewebe
ist noch nicht völlig geklärt. Eine direkte Beeinflussung der Virulenz
der Bakterien konnten Haberland und Klein trotz 3 facher HED.
nicht erzielen. Auch für eine direkte Beeinflussung der Bakterien-
toxme liegen keine Anhaltspunkte vor. Es muss demnach die Be¬
einflussung der 1 uberkulose durch Wirkung auf das Granulations¬
gewebe erfolgen. Nun ist eine Zelle gegen Röntgenstrahlen um sc
empfindlicher, je rascher die Kernteilung vor sich geht (Kienböck)
und je rascher ihr Stoffwechsel abläuft (Holzknech t). Hieraus
erklärt sich einerseits die geringe Empfindlichkeit der Bakterien, da
diese lange im Ruhezustände verharren können, andrerseits die grosse
Empfindlichkeit des Tuberkels. Zunächst werden hier die Rundzellen
betroffen und innerhalb weniger Stunden vernichtet. Sie zerfallen
und ihre Kerntrümmer werden von Phagozyten aufgenommen und
torttransportiert (H e i n e k e). Dann zerfallen auch die epitheloid cn
und Riesenzellen. Es kommt zu einer Hemmung der Zelltätigkeit,
speziell des Stoffwechsels und der Teilung, dann zu Kernzerfall und
Untergang der Zelle (F r ä n k e 1). Parallel damit geht die reaktive
Entzündung, ln der Umgebung des Herdes kommt es zu einer Er¬
weiterung der Blutgefässe, einer Ansammlung von Rundzellen und
endlich zu massenhaftem Auftreten von Fibroblasten, mit Bildung
eines derben, narbigen Bindegewebes. Die Tuberkelbazillen gehen
meist von selbst zugrunde. 1 s e 1 i n glaubt, dass durch den Zerfall
der umgebenden Zellen Fermente frei werden, die die Toxinwirkung
der Tuberkelbazillen vermindern (Entgiftung des tuberkulösen Her¬
des) und die Bazillen soweit schädigen, das« sie vernichtet werden
können. Makroskopisch kann man auf der Höhe der Reaktion am
Ort der Bestrahlung infolge der Hyperämie eine Anschwellung finden.
*) HED. == diejenige Dosds, die nach S Tagen leichte Rötung der be¬
strahlten Haut und nach 4 Wochen Bräunung hervorruft (nur bei sehr harter
Strahlung).
3*
MÜNCHENER MEI HZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Mit dein Nachlassen der entzündlichen Prozesse und mit der Schrump¬
fung des neugebildeten Bindegewebes geht auch die Anschwellung
wieder zurück; so dass wir schliesslich eine erhebliche Volumver¬
minderung feststellen können. Die vorher glatte, gespannte Haut run¬
zelt sich (1 s e 1 i n) und es kommt ev. durch die Bindegewebsschrump-
fung zu Kontrakturstellungen. Im ausgeheilten Stadium bietet sich du;
gleiche Bild,' ob die Krankheit durch Allgemeinbehandlung, oder nut
Röntgenstrahlen behandelt worden ist. In beiden Fällen haben wir ein
derbes, gefässreiches Bindegewebe, in dessen Innern die Tuberkel¬
bazillen inmitten nekrotischer Massen liegen. Bei der Spontanheilung
entsteht jedoch das Bindegewebe unter Beteiligung — oder aus¬
schliesslich — von den epitheloiden oder Riesenzellen. Durch die
Bindegewebsbildung geht das tuberkulöse Gewebe zugrunde. Bei
der Röntgenbestrahlung hingegen vernichten wir den Tuberkel zu¬
nächst, dann erst entsteht durch reaktive Entzündung um die Zer-
fallsherdc herum Bindegewebe. Will man dagegen eine ähnliche
Wirkung haben, wie bei der spontanen Ausheilung, so muss man durch
Reizwirkung die Bindegewebsbildung anzuregen suchen. Da jedoch
die Fibroblasten sehr radiosensibel sind, genügen hierzu schon sehr
kleine Dosen. Die jetzt als Reizbestrahlung üblichen Dosen sind
meines Erachtens noch viel zu hoch. Es fragt sich überhaupt, können
wir durch Röntgenbestrahlng bei der Tuberkulose auf direktem
Wege eine Bindegewebsbildung erreichen? Dass normaler Weise die.
im Tuberkel und seiner Umgebung vorhandenen Fibroblasten und
ihre Anhangsgebilde (epitheloide und Riesenzellen) in der Regel kein
Bindegewebe bilden, liegt nach Schmauss in der Schädigung
dieser Zellen durch die Tuberkelbazillen und die schlechte Ernährung
infolge der Gefässlosigkeit des Tuberkels. Beides bleibt bei der Reiz¬
bestrahlung unverändert.
Ausser dieser spezifischen Wirkung der Röntgenstrahlen auf das
tuberkulöse Gewebe können wir unter Umständen auch eine unspezi¬
fische Wirkung im Sinne einer Herdreaktion bekommen, analog dem
Auftreten einer Herdreaktion bei Sonnenbestrahlung, Ueberanstren-
gung, Seebad usw. Ihre klinischen Erscheinungen fallen mit der spe¬
zifischen Röntgenstrahlenwirkung zusammen und verstärken sie.
Hieraus erklärt sich vielleicht das unerwartete Auftreten von starken
Einschmclzungen nach Bestrahlung mit scheinbar geringen Dosen.
Ueberwiegen infolge der Bestrahlung die degenerativen Prozesse,
so kommt es zu einer Einschmelzung des Gewebes und zu Bildung
eines kalten Abszesses. Es muss daher versucht werden, die Ein¬
schmelzung und die Bindegewebsbildung miteinander in Einklang zu
bringen,. Die Dosis, bei der die Einschmelzung über die Binde¬
gewebsbildung zu überwiegen beginnt und ein Umschlag von der
günstigen zur ungünstigen Beeinflussung erfolgt, ist naturgemäss für
jeden Fall verschieden. Die für den betreffenden Fall optimale Dosis
liegt dicht unterhalb dieser „Umschlagdosis“. Aus der grossen indivi¬
duellen Verschiedenheit je nach dem biologischen Kräfteverhältnis des
betreffenden Kranken ergibt sich, dass es nicht möglich ist, eine
Tuberkulosedosis analog der Karzinomdosis in Prozent der HED. mit
Allgemeingültigkeit zu bestimmen. Man muss vielmehr analog der
Tuberkulinbehandlung mit kleineren Dosen beginnen und kann unter
Berücksichtigung des Befundes und des Ausfalls der Tuberkulinproben
langsam die Doste steigern.
Ist zu Beginn der Behandlung bereits ein Senkungsabszess vor¬
handen, so bildet dies keine Gegenindikation. Eine Perforation kann
man zumeist vermeiden, wenn die Haut über dem Abszess noch nicht
verdünnt ist. Unter Umständen muss man von der unveränderten
Haut her bestrahlen. Auch bei der Einwirkung der Röntgenstrahlen
auf einen Abszess kommt es zunächst zu einer Vernichtung der vor¬
handenen Rundzellen. Einige Tage nach der Bestrahlung gelang es
Bai sch nicht mehr, im Punktat zellige Elemente nachzuweisen.
Später kommt es durch verbesserte Blutzirkulation infolge der reak¬
tiven Hyperämie zunächst zum Grösserwerden, dann zur Resorption
und Bindegewebsbildung von der Abszessmembran aus. Bei grösseren
Abszessen muss man die Resorption durch Punktion zu unterstützen
suchen. Die Spaltung eines noch nicht mischinfizierten kalten Ab¬
szesses muss man auch bei Röntgennachbestrahlung als Kunstfehler
betrachten, es sei denn, dass nach Entleerung des Eiters die sofortige
Naht vorgenommen wird.
Haben sich bereits Fisteln gebildet oder kommt es dazu im Ver¬
lauf der Bestrahlung, so wird dadurch die Prognose für die Ein¬
wirkung der Röntgenbestrahlung nicht wesentlich verschlechtert.
Können wir die Fistel durch geeignete Dosierung günstig beeinflussen,
so zerfallen die missfarbigen, glasigen Granulationen auffallend rasch.
Es kommt zu einer starken Hyperämie der Umgebung und hierdurch
zu einer vermehrten wässrigen Sekretion. Das Auftreten dieser ver¬
stärkten Sekretion kann als ein Zeichen einer günstigen Beeinflussung
des Prozesses aufgefasst werden (S c h e d e). Von der Umgebung
der Fistel aus bildet sich jetzt ein frisches, lebhaft rot aussehendes
Granulationsgewebe. Hieraus entwickelt sich ziemlich rasch ein
derbes Bindegewebe mit narbiger Schrumpfung und Heilung der Fistel.
Leider ist der Verlauf nicht immer so glatt. Zunächst kommt es
relativ häufig zu einer erneuten Infektion der Granulationen durch das
von ihnen herabfliessende Sekret. Hier heisst es geduldig abwarten,
bis durch die Bestrahlungen die Infektion von innen heraus unter¬
drückt wird und die Heilung erfolgt. Ist die Fistel nur peripher ver¬
heilt, so können Eiterretentionen eintreten und erneut durchbrechen.
Dies ist besonders bei Sequesterbildung der Fall. Kleinere Sequester
können resorbiert oder durch die verstärkte initiale Sekretion aus¬
geschwemmt werden, bei grösseren Sequestern wird man operativ
Vorgehen müssen, ebenso bei Eiterretention (F r e u n d). Eine Fistel
kann demnach nur ausheilen, wenn sie von innen heraus verheilt. Ist
die Fistelöffnung so klein, dass die Gefahr eines peripheren Ver¬
schlusses und dadurch einer Retention besteht, so kann, wie es
zuerst 1 s e 1 i n gezeigt hat, die Fistelöffnung durch Bleigummi vor
den Röntgenstrahlen schützen und so die Bindegewebsbildung ver¬
hindern.
Auf den gesunden Knochen und Knorpel haben die Ront gen¬
strahlen in der üblichen Dosis keine Einwirkung. Der normale Umbau
des Knochens geht ungestört vor sich. Holzknecht rechnet sie
daher zu den gegen Röntgenstrahlen unterempfindlichen Geweben.
Das tuberkulöse Granulationsgewebe gehört dagegen zu den über¬
empfindlichen Geweben. Wir werden daher bei der Bestrahlung \on
tuberkulös erkrankten Knochen eine elektive \\ irkung auf das tuber¬
kulöse Gewebe haben, während der Knochen unverändert bleibt.
Rings von Granulationsgewebe umgebene Knochenstücke werden
sequestrieren. Ist das tuberkulöse Gewebe zerstört, so findet man iin
Knochen eine scharfrandige Höhle, deren Ausfüllung durch neu¬
gebildete Knochen zumeist sehr lange Zeit in Anspruch nimmt. Im
Röntgenbild zeigt sich der Schwund des üranulationsgewebes durch
eine scharfe Begrenzung des vorher verwaschen aussehenden
Knochenherdes. Die periostalen Auflagerungen bilden sich zurück.
Andrerseits kommt es an den Stellen, wo das Periost entzündlich
gereizt oder zerstört ist, zu wilden Wucherungen, die manchmal zu
phantastischen Spangenbildungen führen. Stromeyer bemerkte
diese Wucherungen besonders an der Hüfte. Es kommen jedoch ähn¬
liche Spangenbildungen auch sonst bei der Heilung der 1 uberkulose
vor, so dass nicht mit Sicherheit die Röntgenstrahlen als Ursache an¬
zunehmen sind. Durch die reaktive Entzündung, die auch im Knochen
als Röntgenwirkung eintritt, kommt es zu einer besseren Ernährung
des Knochens und dadurch zu einer Wirkung auf den darnieder¬
liegenden Karzinomstoffwechsel. Die vorher vorhandene, für die
Tuberkulose typische Knochenatrophie schwindet. Wir finden im
Röntgenbilde wieder einen normalen Kalkgehalt und zwar unabhängig
davon, ob die Extremität gebraucht wird oder nicht.
Während die Bestrahlung des ausgewachsenen Knochens ohne
Bedenken vorgenommen werden kann, scheut man sich im allge¬
meinen, die kindlichen Epiphysen mit grösseren Dosen zu bestrahlen.
Diese Scheu rührt teils von den unangenehmen Erfahrungen, die man
bei Operationen in der Nähe der Epiphysen gemacht hat, her, teils ist
sie bedingt durch die Etgebnisse der Tierversuche von Perthes
und F ü r s t e r 1 i n g. Beide fanden nach der Bestrahlung teilweise
ein sehr erhebliches Zurückbleiben der bestrahlten Extremität. Die
verschiedenen Versuche sind jedoch an nur 1 bis 5 Tagen alten 'Deren
angestellt. Die Tiere sind also für einen Vergleich auch unter Be¬
rücksichtigung des schnelleren Wachstums zu jung. Ausserdem sind
die Dosen wesentlich höher als die bei der 'Tuberkulosebehandlung
üblichen. Es kommen also die sonst so wertvollen Versuche für
unsere Zwecke nicht in Betracht. Meines Wissens hat bei der
Röntgenbestrahlung der Knochentuberkulose bisher noch niemand eine
Wachstumsstörung beobachtet, die einwandfrei durch die Bestrahlung
hervorgerufen ist. Baisch schreibt, dass in einem Falle von Be¬
strahlung der Femurepiphyse der Knochen palpatorisch und auf dem
Röntgenbild sich eher massiger und grösser erwies als auf der nicht
bestrahlten Seite. I sei in konnte bei einem 8jährigen Jungen nach
Bestrahlung der unteren Tibiaepiphyse keine Verkürzung der Tibia,
aber eine Verlängerung der Fibula um 1 cm nachweisen. Es ist nicht
unmöglich, dass durch die lokale Hyperämie nach der Bestrahlung
ein erhöhtes Knochenwachstum eintreten kann. Es wird ratsam sein,
bei der Bestrahlung intakte Epiphysen durch Bleigummi zu schützen.
Sind die Epiphysen am Prozess beteiligt, so werden wir eine Wachs¬
tumsstörung doch nicht vermeiden können und können durch recht¬
zeitige Bestrahlung nur nützen.
Die über dein tuberkulösen Herde liegende Haut ist gegen die
Röntgenstrahlen erheblich weniger empfindlich als das tuberkulöse
Granulationsgewebe. Es heilt daher normalerweise der Herd aus,
ohne dass die Haut stärker in Mitleidenschaft gezogen wird. Man
muss jedoch bei der Dosierung besonders folgendes beachten: 1. ist,
wie Iselin nachgewiesen hat, die Haut an verschiedenen Körper¬
stellen verschieden stark empfindlich. So reagiert die Haut des
Fusses, vor allem der Knöchelgegend besonders stark; 2. ist die Haut
um so empfindlicher, je jünger der Träger (Wetterer); 3. ist
die Haut Tuberkulöser ebenso wie gegen biologische und chemische
Reize so auch gegen Röntgenstrahlen empfindlicher als die Haut Ge¬
sunder; 4. muss man bei der Festsetzung der Doste auch die voraus¬
gegangenen Röntgenaufnahmen in Betracht ziehen. Sie sind häufig
die Ursache unerwartet starker Reaktionen trotz scheinbar geringei
Dosen; 5. ist die hyperämische Haut besonders empfindlich. Eine
derartig hyperämische Haut haben wir über Abszessen und besonders
Mischinfektionen, eventuell auch in der Umgebung von Fisteln. Be:
unvorsichtiger Bestrahlung kommt es zu einem Durchbruch des Ab;
szesses, unter Umständen mit siebartiger Durchlöcherung (S c h c d e,
oder zur Ulcusbildung. Man wird gut tun, in solchen Fällen dit
besonders gefährdeten Stellen abzudecken oder die Bestrahlung vor
einer anderen Hautstelle aus vorzunehmen.
Neben diesen rein lokalen Wirkungen kommt es zu einer Beein¬
flussung des Gesamtorganismus, zunächst sensibler Art. Während tim
Anzahl Kranker keinerlei besondere Empfindung bei der Bestrahlung
zeigt, tritt bei anderen bald nach Beginn der Bestrahlung ein
Wärmegefühl an der Bestrahlungsstelle auf. Dieses Wärmegefühl
kann unter Umständen wochenlang anhalten, ohne dass der lokal«
Befund einen anderen Grund dafür als die BestrahlungshyperämU
0. Inli 192.?.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
945
ietct. In diesen Fällen sah ich besonders günstige Heilungserfolge.
i manchen Fällen, vorwiegend bei Frauen, kommt es im weiteren
erlauf der Bestrahlung zu einem unangenehmen, prickelnden Gefühl
n der Hautoberfläche. Schmerz erklärt sich dieses Gefühl teils
lechanisch durch die Reizwirkung der prall mit seröser Flüssigkeit
efiillten l.ymphspalten auf die Endapparate oder sensiblen Haut¬
erven, teils als eine Folge direkter photochemischer Wirkung auf die
ensiblen Elemente. Zum Teil handelt es sich hierbei sicher um
olgen des veränderten elektrischen Potentials. Andere Kranke
lagen nach der Bestrahlung über ein gewisses, durch die reaktive
iyperämic bedingtes Spannungsgefühl in dem Erkrankungsherd, teil¬
eise auch über ziehende Schmerzen. Nach einigen Tagen klingen
iese Empfindungen wieder ab. Es handelt sich hierbei mehr um
nangc nehme Sensationen als um Schmerzen. Im Gegenteil werden
ie vor der Bestrahlung bestehenden Schmerzen meist günstig beein-
usst und hören ganz auf. Nach einigen Wochen beginnen sie häufig
ieder und werden, je länger die Bestrahlung zurtickliegt, um so in-
nsiver. Bei anderen Kranken kommt es nach der Bestrahlung zu einer
llgemeinen Uebelkeit und Mattigkeit, die mehrere Tage andauern
ann (Röntgenkater), jedoch ist dieser bei der Bestrahlung der Ex-
emitäterv selten.
Das Körpergewicht wird in etwa 60 Proz. der Fälle durch die
Tstrahlung merklich beeinflusst. Iselin konnte auch in der ambu-
inten Praxis 14 Tage bis 3 Wochen nach der Bestrahlung eine Ge-
ichtszunahme feststellen und zwar fand sich die Zunahme erneut
ach jeder Bestrahlung. Es dürfte sich empfehlen, eine regelmässige
lewichtsbestimmung vor und 2 — 3 Wochen nach der Bestrahlung vor-
tmehmen, da man hieraus vielleicht eher als aus dem lokalen Befund
rognostische Schlüsse ziehen kann. Die Zunahme des Körper-
ewichtes erklärt sich Iselin mit einer Ueberschwemung des
örpers mit Tuberkulin im Sinne einer heilsamen Autotuberkuliui-
ition. v
Ob bei der Röntgenbestrahlung der chirurgischen Tuberkulose
ine Beeinflussung der Temperatur eintritt, ist in manchen Fällen
:hwer zu entscheiden. Bei stationärer Behandlung sah ich einige
lale nach der Bestrahlung einen Temperaturanstieg. Ob dies mit
er Bestrahlung an sich oder mit dem Transport nach dem Bestrah-
ngszimmer, der unbequemen und veränderten Lagerung zusammen-
Jngt. kann man nuy schwer nachweisen. Bei systematischer Tem-
iraturkontrolle sah ich nach 500 Bestrahlungen mit kleinen und mitt-
ren Dosen in keinem Falle eine sichere Beeinflussung der Tem-
.ratur. Gibt man dagegen sehr grosse Dosen (1 HED. auf den Herd),
> kann es zu einer starken Herd- und Allgemeinreaktion mit höherem
emperaturanstieg kommen. Im Laufe der Bestrahlung sinkt die
arch den tuberkulösen Herd bedingte Temperatur meist zur
orm ab.
In welchen Fällen soll man die Röntgenstrahlen anwenden?
Bei richtiger Technik und geeigneten Apparaten kann man in
dem Falle von Knochen- und Gelenktuberkulose mit Heilungstendenz
ne günstige Beeinflussung erwarten. Gut sind die Erfolge bei den
einen Gelenken und Knochen, also Zehen, Finger, Mittelhand. Mittei¬
ss, Sternum. Rippe, Hand- und Fussgelenk. Hier kann man in dei
iehrzahl der Fälle auch ohne eingehendere Allgemeinbehandlung
ne Ausheilung erzielen. Auch das Ellenbogengelenk ist zumeist
instig zu beeinflussen. Geringere Aussicht auf vollen Erfolg bietet
e Tuberkulose des Schulter- und Kniegelenkes. Besonders letztere
t manchmal sehr hartnäckig, jedoch kann man wohl immer eine
esserung erzielen. Die Tuberkulose der Hüfte, der Articulatio sacro-
aca und der Wirbelsäule zeigen bisher die meisten Versager. Hier
-Kt der Fehler zumeist an der Dosierung. Zunächst gehört zur Bc-
rahlung dieser Gelenke ein Apparat für Tiefenbestrahlung. Dann
uss die Bestrahlung analog der Bestrahlung maligner Tumoren von
ehreren Einfallsfeldern unter genauer Berechnung der prozentualen
iefendosis vorgenommen werden. Bei der Tuberkulose der Wirbel¬
nde und der Articulatio sacro-iliaca besteht die Gefahr der unbe-
erkten schnellen Einschmelzung und Abszessbildung, event. kann es
>gar zu Lähmungen kommen. Wenn diese Gefahr auch gering ist,
) macht sie doch eine genaue klinische und Röntgenkontrolle zur
flicht. Gelingt es jedoch die für den betreffenden Fall optimale
osis durch langsame Steigerung der Strahlenmenge unter Berück-
chtigung des klinischen und biologischen Befundes zu ermitteln und
iterhalb der „Umschlagsdosis“ zu bleiben, so lässt sich auch hier
er Heilungsprozess beschleunigen. Ob die Röntgenstrahlen auch
ei den grossen Gelenken allein zur Heilung ausreichen, kann man
cht entscheiden, da es unverantwortlich wäre, zur Klärung dieser
rage auf die allgemeine und orthopädische Behandlung neben der
öntgenbestrahlung zu verzichten.
Immer müssen wir uns bewusst bleiben, dass auch die Röntgen¬
strahlung kein Allheilmittel gegen die Tuberkulose sein kann, son-
rn nur dann günstig wirkt, wenn eine natürliche Heilungstendenz
cstclit.
Literatur.
Iselin: Zsclir. f. Chir. 103, S. 483. — HaherLand und Klein:
rn.W . 1421. Nr. 33, S'. 1049. — K i e n b ö c k, H o 1 z k n e c h t, R c i n i c k e,
Onkel zit. Weiterer. — Schmaus s: Grundriss der path. Anat.,
I. u. 12. Aufl. — Bai sch: Erg. d. Chir. u. Orth. 1913, 7. — Schede:
sehr. f. orthop. Chir. 31, S. 497. — Strohmeyer: D.m.W. 1920, Nr. 19/20.
Perthes: Langenb. Arch. 71, S. 955. — Förstcrling: Arch. f. klin.
hir. 81, S. 505. — Wettere r: Handbuch der Röntgen- und Radium-
icrapie, 3. bzw. 4. Aufl.
—
Aus dem Patliologischen Institut (chemisch bakteriologische
Abteilung) der Krankenanstalt Bremen.
(Abteilungsleiter: Oberarzt Dr. Moeckel.)
Die Bestimmung des trypanoziden Serumtiters als
Leberfunktionsprobe.
Von Dr. ined. Hubert Münch,
Der Mehscli und einige höhere Affenarten verdanken ihre natür¬
liche Immunität gegenüber den tierischen Trypanosomeninfektionen
(Ngana, Dourine, Surra usw.) wahrscheinlich spezifischen physio¬
logischen Serumbestandteilen. Zu dieser Auffassung berechtigen uns
Ergebnisse Laverans und M e s n i 1 s 1 1 1, welche die wichtige Ent¬
deckung machten, dass menschliches Serum, mit Trypanosomen in¬
fizierten Tieren eingespritzt, sich prophylaktisch und therapeutisch
wirksam zeigt.. Diese trypanoziden Stoffe nehmen in mehrfacher Hin¬
sicht unter den Schutzstoffen des normalen Serums eine besondere
Stellung ein. Sie verlieren ihre Wirksamkeit erst bei Temperaturen
gegen 65 0 (L averan und Mesnil [l], Rosenthal und Freund
|2]) und sind, einmal durch Erhitzen unwirksam geworden, durch Zu¬
satz von Komplement nicht reaklivierbar. Eine komplexe Natur
scheint ihnen demnach nicht zuzukommen (R o s e n t h a 1 und
Freund [2]). In der Milch und in der Aszitesflüssigkeit wurden
diese Stoffe nicht nachgewiesen. Ueber ihr Vorkommen in der Zere¬
brospinalflüssigkeit habe ich keine Angaben gefunden.
Ein interessantes Ergebnis hatte die vergleichende Prüfung des
Verhaltens menschlicher Sera von gesunden und kranken Individuen
gegenüber Trypanosomen. Schon Ehrlich und Wechsberg [3]
zeigten, dass bei Leberkranken der Gehalt des Serums an trypano¬
ziden Stoffen erheblich verringert sein kann. „Natürlich wird man,“
sagt Ehrlich, „solche markante Differenzen nur bei solchen Stoffen
erwarten dürfen, deren Entstehung an bestimmte Organe oder Organ¬
komplexe geknüpft ist.“ Eingehender hat sich dann während der
letzten Jahre Rosenthal mit mehreren Mitarbeitern (Freund [4],
Kleemann [5], Krueger [6], Nossen [7], Pia tau [8]) mit
dem Verhalten der trypanoziden Substanzen bei Gesunden und Kran¬
ken und mit der Wirkungsweise dieser Stoffe beschäftigt. Geringe
trypanozide Wirkungen zeigten — ■ um nur das Wichtigste von diesen
Befunden hervorzuheben — die Sera von Neugeborenen, ferner solche
von Kranken mit stark ausgebildetem cholämischen Ikterus, so¬
wie Individuen mit schweren diffusen Erkrankungen des Leberparen¬
chyms auch ohne Ikterus; nicht herabgesetzt war der trypanozide
Titer dagegen bemerkenswerterweise beim hämolytischen
Ikterus.
Mit dem Mechanismus dieses Trypanozidienschwunds bei Erkran¬
kung und Unterfunktion der Leber haben sich Rosenthal und
Freund [2, 4] eingehend befasst. Sie konnten zeigen, dass die nahe¬
liegende Annahme, es könnten Gallenbestandteile sein, die, ins Serum
gelangt, die trypanoziden Stoffe unwirksam machen — eine Ver¬
mutung, die in der Tat von Lange [9] ausgesprochen wurde —
nicht zutrifft. Das lehrten einmal Versuche mit Mischseren von Ikte-
rischen und Normalen, wie sie auch Ehrlich und Wechsberg
|3] sowie Zeiss flOl ausführten und bei denen das Normalserum
seine trypanozide Wirkung bewahrte, sodann aber in besonders ekla¬
tanter Weise Versuche an durch Ikterogen (eine Dimethylpyrrolphc-
nylarsinsäure) ikterisch gemachten Mäusen, bei denen die Schutzwir¬
kung des normalen Menschenserums unvermindert zur Geltung kam.
Auch Zusatz von Galle und Gallenbestandteilen in Konzentrationen,
wie sie bei extrem stark ausgebildetem Ikterus allenfalls im Serum
vorhanden sein könnten, zu normalem Serum vermochte nach Ver¬
suchen Rosenthals die Trypanozidie nicht zu beeinträchtigen.
Ich selbst habe mich im vergangenen Sommer noch vor dem
Erscheinen der letzten Arbeiten von Rosenthal und Freund
|2, 4l mit diesen Fragen beschäftigt.
In Uebereinstimmung mit den genannten Autoren konnte ich fest¬
stellen, dass Serum eines Falles von hochgradigem Stauungsikterus
die trypanozide Wirkung eines normalen Serums nicht beeinträch¬
tigte. Ebenso verhielt sich der Urin desselben ikterischen Kranken
Also auch den harnfähigen Stoffen bei Cholämie kommt demnach eine
die Trypanozidie aufhebende Wirkung nicht zu. Ferner wurden
Bestimmungen des Komplementgehaltes ikterischer Sera auf Grund
der Bemerkungen Langes bei einer Anzahl von Seren zugleich mit
dem Trypanozidieversuch vorgenommen, mit dem Ergebnis, dass —
analog Rosenthals Befunden — ein Parallelismus von Trypano-
zidicschwund und Komplementschwund nicht nachzuweisen war. Die
Trypanozidie war bei Fällen von ausgeprägtem Stauungsikterus häu¬
figer vermindert als der Komplementgehalt. Ausserdem fand ich,
dass ikterisches Serum ohne trypanozide Wirkung, mit Meerschwein¬
chenserum versetzt, das bekanntlich reichlich Komplement enthält,
keine trypanozide Kraft erlangt *)• Alle diese Befunde sind geeignet,
die Auffassung Rose nt hals, dass das Fallen des trypanoziden
Serumtiters auf einer Störung des Bildungsprozesses der trypano¬
ziden Stoffe beruht und dass die Leber deren hauptsächlichste Bil¬
dungsstätte ist, zu stützen.
In der Hauptsache galten jedoch meine Untersuchungen der Ent¬
scheidung der Frage: Ist die Bestimmung der trypanoziden Wirkung
’) Die Vcrsuchsprotokolle werden im Bremer pathologischen Institut auf-
bewahrt.
946
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 29.
des Serums eine für die Klinik geeignete diagnostische Leberfunk¬
tionsprobe und vermag sie Lücken, die die anderen gebräuchlichen
Funktionsproben lassen, auszufüllen?
Ausser R o s e n t h a 1 und seinen Mitarbeitern haben sich bisher
meines Wissens nur wenige Autoren der Methode der Bestimmung
der Trypanozidie bei Krankheiten bedient. Ehrlich [3] führt
16 Fälle an, darunter 6 Fälle mit Leberaffektionen, von denen 5 vermin¬
derte Trypanozidie aufwiesen. Zeiss [11] berichtete über 2 Fälle
von Hodgkin scher Krankheit, deren einer deutliche Leberverände¬
rungen aufwies. In beiden Fällen wirkte das Serum wie Normal-
serum. Mit dem Qehalt kindlicher Sera an trypanozider Substanz
befassten sich Leichtentritt und Zielaskowski [12, 13].
Sie stellten verminderte Trypanozidie bei der B a r 1 o w sehen Krank¬
heit fest. Pentz [14] fand, wie ich aus einem Referat [15] ersehe,
Schwund der Trypanozidie bei ausgedehnten Lebererkrankungen,
aber nicht mit der Sicherheit, dass man darauf ein diagnostisches
Verfahren aufbauen könnte.
Ich prüfte die Trypanozidie in insgesamt 65 Fällen. Davon be¬
trafen 37 Leberaffektionen. Die übrigen 28 Fälle waren entweder
klinisch Gesunde, oder solche Kranke, bei denen Leberaffektionen
mit Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden konnten. Ich verfuhr
mit meinen Versuchen wie Rosenthal, wich nur öfters von dessen
Versuchsanordnung insofern ab, als ich, um Mäuse zu sparen, nicht
3 und mehr, sondern nur 2 Tiere in den Versuch nahm, die mit 0,15
und 0,1 ccm Serum pro 20 g Maus gespritzt wurden. Ich glaube, dass
der Ausfall der Versuche dadurch nur wenig beeinflusst wurde. Zur
Infektion der Mäuse diente ein von Herrn Professor Martin Mayer-
Hamburg in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellter Ngana-
stamm, der in den Kontrollversuchen die Mäuse mit wenigen Aus¬
nahmen am 4. Tage tötete. Ueber die Ergebnisse meiner Versuche
will ich nur summarisch berichten:
Die mit den Seren der nicht Leberkranken gespritzten Mäuse
überlebten die Infektion im allgemeinen 12 — 14 Tage, doch zeigten
sich nicht selten — nach einer groben Schätzung in mindestens
10 Proz. der Fälle — Abweichungen nach oben und unten. So be¬
wirkten z. B. die Sera eines Gesunden und eines Diabetikers einen
vollkommenen Schutz vor der Infektion. Verminderte Trypanozidie
zeigten das Serum eines Neurasthenikers, eines Paranoischen und
eines Gesunden. Eine scharfe Grenze des Normalen und Pathologi¬
schen lässt sich also nicht ziehen, ein Moment, das die Beurteilung
der Versuche bei Leberkranken entschieden erschwert (vgl. darüber
sowie über die Interferenz spezifischer Antikörper P 1 a t a u [8]).
Zwei Sera von Neugeborenen hatten einen sehr niedrigen Trypa-
nozidietiter. R o s e n t h a 1 und K 1 e e m a n n [5] sehen in diesem
bereits von Laveran und Mesnil [l] konstatierten Verhalten
des Neugeborenenserums ein Symptom physiologischer Minderwertig¬
keit der noch nicht ausgereiften Leber.
Die Prüfung der Sera Leberkranker hatte im wesentlichen die¬
selben Ergebnisse, wie sie Rosenthal und seine Mitarbeiter er¬
zielten. Cholämische Ikterusformen zeigten, sobald der Ikterus
einigermassen hochgradig war, ohne Ausnahme vollkommenen oder
fast vollkommenen Schwund der Trypanozidie. Mit beträchtlicher
Verminderung der trypanoziden Substanzen gingen auch eine Anzahl
Fälle von katarrhalischem Ikterus mässigen Grades einher, in anderen
solchen Fällen näherten sich die erhaltenen Werte den normalen
Zahlen. Vollkommener Schwund der Trypanozidie bestand bei einem
Fall von Leberzirrhose im Endstadium. Von 4 Fällen von hyper¬
trophischer Leberzirrhose zeigten 3 eine mässig verminderte Trypa¬
nozidie, einer ergab sehr hohe Werte. Fast auf normaler Höhe war
die Trypanozidie bei 2 Fällen von Leberkarzinomen. Gern hätte ich
noch Fälle von hämolytischem Ikterus und von akuter Leberatrophie
in den Kreis der Untersuchungen gezogen, doch kamen solche leider
nicht zur Beobachtung.
Bei allen diesen Resultaten muss man sich vor Augen halten, dass
die ermittelten Werte nur absolute, ohne Berücksichtigung des in ge¬
sunden Tagen vorhandenen Trypanozidietiters ermittelte Grössen
sind, und es ist sehr wohl der extreme Fall denkbar, dass ein Indivi¬
duum, das in gesunken Zeiten einen sehr hohen Trypanozidietiter
hatte, leberkrank geworden, gleichwohl noch einen höheren Titer
hat als ein lebergesundes Individuum mit einem dauernd niedrigen
Titer.
Um nun die gewonnenen Erfahrungen zu einem Urteil zusammen¬
zufassen, so glaube ich, dass die klinische Forschung dieses Ver¬
fahrens der Bestimmung des trypanoziden Serumtiters, da es über eine
wichtige Teilfunktion der Leber Aufschluss gibt, kaum wird entraten
können. Dagegen erscheint mir die Methode nicht geeignet, der Kli¬
nik als ständig geübte diagnostische Leberfunktionsprobe zu dienen.
Die unscharfe Abgrenzung gegenüber dem Normalen, die Notwendig¬
keit, einen virulenten Trypanosomenstamm stets vorrätig haben zu
müssen, was nicht anders als durch dauernde Mäusepassage möglich
ist, endlich der Umstand, dass das Resultat oft erst nach 8 — 14 Tagen
erhalten wird, dürften einer allgemeinen Anwendung des Verfahrens
im Wege stehen. Das Versagen bei zirkumskipten Prozessen hat die
Methode mit anderen Leberfunktionsprüfungen gemeinsam. Die Er¬
kennung eines hämolytischen Ikterus wird in Anbetracht der präg¬
nanten Symptome, die dieses Krankheitsbild darbietet, auch ohne An¬
wendung der Trypanozidiebestimmung kaum je Schwierigkeiten be¬
reiten. und zur Kenntnis eines cholämischen Ikterus und zur Be¬
stimmung seiner Intensität leistet bereits die Diazoprobe vorzügliche
Dienste.
Literatur.
1. Laveran und Mesnil: Ann. de l'Inst. Pasteur 1902, 16. 785. —
2. Rosenthal und Freund: Zschr. f. Hyg. 1922, 97. 137. — 3. Ehr¬
lich: Beitr. z. exper. Path. etc. Leipzig 1909, S. 40 — 44. — 4. Rosen-
thal und Freund: Klin. Wschr. 1922, Nr. 35, S. 1748. — 5. Rosen¬
thal und Klee mann: B.kl.W. 1915, Nr. 4. S. 75. — 6. Rose, nt hat
und Krüger: B.kl.W. 1921, Nr. 16, S. 382. — 7. Rosenthal und
Nossen: B.lk.W. 1921, Nr. 37. S. 1093. — 8. Pia tau: Zschr. f. Hyg.!
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S. 1092. — 10. Zeiss: Arch. f. Schiffs- u. Tropenkrankh. 1921, 25, 302. — *
11. Zeiss: Ebenda 1922, 25, 211. — 12. Leichtentritt und Ziela¬
skowski: Jb. f. Kinderheilkd. 1922, 98, 310. — 13. Leichtentritt:-
Zschr. f. d. ges. exper. Med. 1922, 29, 658. — 14. Pentz: Nederlandsch
Tijdschrift voor üeneeskunde 1922, Nr. 14. — 15. M.m.W. 1922, Nr. 48, S. 1675.
Ueber paroxysmalen Speichelfluss intestinalen
Ursprungs.
Von Dr. S. Weissenberg, Elisabethgrad, Ukraine.
Vor etwa 20 Jahren wurde es mir einmal nach dem Mittagessen
übel, es traten Speichelfluss und Brechneigung auf, welche Erschei¬
nungen etwa 2—3 Minuten dauerten, um mit Erbrechen ein Ende zu
nehmen. Einige Tage später überkamen mich dieselben Gefühle auf
der Strasse, wo es mir aber gelang, um nicht die allgemeine Aufmerk¬
samkeit auf mich zu lenken, das Erbrechen zu unterdrücken. Seitdem
traten solche Anfälle verschieden häufig und zu verschiedener Zeit
auf, ohne jede Beziehung zur Speiseaufnahme, ihrer Art und Menge,
wie auch zur Ruhe oder Beschäftigung. Die Anfälle erschienen mancti-
mal jeden Tag, nicht selten nachts, wobei ich aus dem Schlafe geweckt
wurde; häufig verliessen sic mich auf Wochen und Monate, um dann
wiederzukehren. Nach etwa 3 Jahren wurde ich endlich von ihnen
frei, jedoch trat einige Jahre darauf ein kurzes Rezidiv ein.
Diese Anfälle erweckten selbstverständlich mein Interesse und
vcranlassten mich, unter meiner Klientel nach ähnlichen Erscheinungen
zu forschen. Es stellte sich nun heraus, dass Zustände dieser Art
im allgemeinen keine Seltenheit bilden, indem kein Jahr verging, ohne
dass ich einige solcher Fälle beobachten konnte. Die Ursache dafür,
dass dieses Phänomen bis jetzt nicht festgestellt wurde, scheint mir
darin zu liegen, dass die Kranken einerseits in ihren Krankheits¬
symptomen meistens sich nicht recht zurechtfinden und andererseits
darin, dass die Aerzte die ihnen geschilderten Klagen gewöhnlich in
ein schon bekanntes nosologisches Bild unterzubringen suchen. Dass
es sich aber um einen noch unbekannten Symptomenkomplex handelt,
wird wohl, wie ich glaube, aus dem folgenden ersichtlich sein.
Es gelangten seitdem mehr als 30 Fälle zu meiner Beobachtung,
die alle dasselbe Bild darstellten und denselben Gang zeigten. Beide
Geschlechter waren gleich oft betroffen, Kinder und Jugendliche aus¬
genommen.
Jeder Anfall wird von einer auraartigen prodromalen
Erscheinung eingeleitet, die in einem höchst unangenehmen Gefühl
in der oberen Bauchhälfte besteht, als ob sich dort etwas aufbäume
und umwälze. Gleich darauf tritt kolossaler Speichelfluss ein. be¬
gleitet von Aufstossen, Heisshunger, spastischen Kontrakturen im
Bereiche des Halses, als ob etwas dort stecke, was die Atmung und
das Schlingen hindere. Letztere Klagen sind übrigens nicht immer
vorhanden, jedoch fehlt es nie an Uebelkeit, die sich manchmal zum
Erbrechen steigert. Nach einer kurzen Spanne Zeit von höchstens
2 bis 3 Minuten verschwinden sämtliche Erscheinungen ebenso jäh,
wie sie eingesetzt haben und die Betroffenen sind wieder ganz munter
Wie schon gesagt, sind die Klagen der Kranken manchmal un¬
klaren Charakters. Wo diese auf den paroxysmalen enormen
Speichelfluss die Aufmerksamkeit lenken, ist das Bild klar. Meistens
werden aber unbestimmte Symptome angegeben, wie Uebelkeit, Er¬
brechen, das Gefühl eines Knäuels oder der Bewegung von etwas
Lebendigem im Leibe, und nur bei detaillierterer Nachfrage lässt sich
das wirkliche Bild herausschälen. Es stellt sich dann heraus,
dass der Knäuel dem Anfalle vorausgeht und dass das Erbrechen
eigentlich kein solches ist, sondern meistens nur ein Speichelüber¬
laufen. Bei weiterem Nachfragen kommen dann auch noch Klagen
über Aufstossen. Druckgefühl im Halse usw. hinzu.
Was den in solchen Fällen am meisten in die Augen springenden
Punkt, den Speichelfluss, anbelangt, so erfolgt dieser, ohne zu
übertreiben, fast fontänenhaft, indem der Speichel in solcher Menge
abgesondert wird, dass das blosse Herunterschlucken sie nicht be¬
wältigen kann und ein Teil ausgespien werden muss. Der Mund ist
während des ganzen Anfalls von Speichel voll, was die Uebelkeit
im allgemeinen verstärkt und zum Gefühl des unablässlichen Er¬
brechens oder zur Furcht vor solchem führt. Jedenfalls ist die
Speichelabsonderung enorm zu nennen, da deren Quantität etwa 25 bis
100 g beträgt und nicht genau angegeben werden kann, indem ein
Teil des Speichels immer unwillkürlich heruntergeschluckt wird. Be¬
rücksichtigt man, dass die tägliche Speichelabgabe etwa einem halber
Liter gleich ist, so wird eine Absonderung in der Höhe von im Mittel
50 g oder ein Zehntel des täglichen Quantums während des kurzen
nur ein paar Minuten dauernden Anfalls wohl mit Recht als enorm zi
bezeichnen sein. Die Konsistenz des Speichels ist stark wässerig, j
Worum handelt es sich nun in solchen Zuständen und was sim
ihre Ursachen? Es ist klar, dass wir es hier mit einem Reflex zi
tun haben, der von irgendeienm Organ der Bauchhöhle ausgeht nnc
20. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
947
auf dem Wege des Zentralnervensystems die Speicheldrüsen reizt.
Genau den Reflexbogen festzustellen ist einstweilen unmöglich, da
wir nicht einmal den Ausganspunkt des Reizes kennen. Wird aber
berücksichtigt, dass der Anfall einerseits mit einem Gefühl der Be¬
wegung im Unterleibe beginnt und dass andererseits nur den Ge¬
därmen eine gewisse selbständige Bewegung zukommt, indem alle
anderen Bauchorgane entweder muskellos oder mehr befestigt sind,
so wird wohl im allgemeinen der Magendarmabschnitt als Ansatz
des Reizes zu betrachten sein. Engere Grenzen zu ziehen, ist unzu¬
lässig. Was die zentripetale Leitung anbelangt, so ist in erster Linie
an den Vagus zu denken, der den ganzen Darmtraktus entweder
direkt oder auf dem Wege des vegetativen Systems versorgt. Auch
wissen wir von der Physiologie, dass die Reizung des zentralen Endes
des Vagus ebenso wie die der Magen- und Darmschleimhaut gewöhn¬
lich reflektorisch Speichelfluss auslösen. Es handelt sich somit viel¬
leicht wohl um eine Teilerscheinung der jetzt zur Diskussion gelangten
V a g o t o n i e.
Was die A e t i o 1 o g i e anbelangt, so lassen sich fast alle Mo¬
mente ausschliessen, die sonst zu Speichelfluss führen. An psychische
Ursachen, wie Geschmacksvorstellungen, oder physische, wie Kauen,
lässt sich selbstverständlich nicht denken, da jene zentralen und diese
oralen Ursprungs sind. Auch sind keine Diätfehler oder Störungen
der Verdauung anzuschulden, da, wie schon erwähnt, die Anfälle
in keinem Zusammenhänge mit der Speiseaufnahme stehen und der
Magensaft, mehrmals untersucht, normal gefunden wurde. Ueber-
haupt waren solche Kranke im übrigen sonst ganz gesunde Leute.
Die Klagen mancher Kranken führen oft von selbst auf den Gedanken,
ob es sich hier nicht um Wurmträger handle, die oft von Speichelfluss
gepeinigt werden. Betreffende Untersuchungen der Fäzes fielen aber
meist negativ aus, indem von uns in zwei Fällen Tänieneier und in einem
solche von Trichocephalus dispar gefunden wurden. Seltsamerweise
wurden Askariden, die sich doch im Darm frei bewegen, und an die
deshalb in erster Linie zu denken wäre, nie festgestellt. Uebrigens
zeigen die Wurmleidenden einen ganz anderen Charakter des
Speichelflusses, indem dieser zäher und nicht paroxysmal, sondern
immerfort in geringem Maass abgesondert wird. Letztere Eigen¬
schaften hat auch der Speichelfluss bei manchen Vergiftungen (Blei,
Quecksilber, Jod), bei einigen Magendarmkrankheiten und bei Gehirn¬
entzündungen, auch werden gravide Frauen manchmal von be¬
ständigem Speichelfluss gequält. Es bleibt somit nur an neurogenen
Ursprung zu denken und ist deshalb der von mir beschriebene Sym-
ptomenkomplex einstweilen zu den reinen Neurosen zu zählen. Als
solche hat er in der Pathologie manchen Partner, wie z. B., obgleich
es paradox klingt, die Hemicrania ophthalmica, die ebenfalls mit einer
Aura, dem Flimmern, beginnt und nach kurzer Zeit vorüber ist,
geschweige schon die nicht seltenen Begleiterscheinungen, wie Uebel-
keit, Heisshunger, Speichelfluss u. dgl.
Indem wir somit teilweise auch die Differentialdiagnose
erledigt haben, bleibt noch einiges über den Verlauf zu sagen.
Der einzelne Anfall klingt, wie schon bemerkt, in einigen Minuten ab.
Mich werden die Anfälle mit der Zeit seltener und leichter, da die
Betroffenen sie kupieren lernen. Nach einigen Monaten oder Jahren
gehn sie von selbst vorüber. Das Allgemeinbefinden leidet nicht und
die Prognose ist somit gut.
Therapeutisch lässt sich wenig sagen. Der einzelne Anfall
ist so kurzdauernd, dass von irgendeiner Therapie keine Rede sein
kann. Jedoch lässt sich der Anfall durch künstliches Aufstossen oder
curch tiefes Atmen mildern und Erbrechen kupiert ihn gänzlich.
Diese Mittel drängen sich dem Leidenden von selbst auf, da sie zum
Krankheitsbild gehören und auch sonst erleichternd wirken. Von
guter Wirkung ist die suggestive Beeinflussung und die Erklärung,
dass es sich um eine ohne Folgen vorübergehende nervöse Störung
handle. Wo irgendwelche interkurrente Komplikationen vorhanden
sind, wie z. B. Magendarmkrankheiten oder Parasiten, sind diese als
mögliche reizauslösende Faktoren zu beseitigen.
Seltsamerweise hat mich alles Nachschlagen in der Richtung des
geschilderten Symptomenkomplexes im Stiche gelassen und auch im
neuesten 5 bändigen „Handbuch der Neurologie“ von Lewan-
d o w s k i ist nichts über diesen krankhaften Zustand zu finden. Nur
Bechterew führt in seinem Buche „Allgemeine Diagnostik der
Krankheiten des Nervensystems“ (Bd. 2, S. 202, russ.) folgendes an:
„Starker Speichelfluss erscheint auch als selbstständige Neurose. In
solchen Fällen tritt er attackenweise auf, wobei jedesmal etwa ein
halbes Glas und mehr Speichel abgesondert wird. Die Anfälle ent¬
wickeln sich ohne jede äussere Veranlassung, manchmal ist es aber
eine geringfügige psychische Ursache oder irgendeine Geschmacks-
reizung.“
Zusammenfassend ist zu sagen, dass wir vor uns ein re¬
flektorisches Phänomen haben, das vom Magendarmkanal ausgeht, mit
einer auraartigen Stauung oberhalb des Nabels unvermutet beginnt,
von enormem Speichelfluss, Uebclkeit, Aufstossen, Zusammenpressen
in der Haisgegend begleitet wird und nach einigen Minuten plötzlich
aufhört, ohne irgendwelche Folgen zu hinterlassen.
In Anbetracht dessen, dass dieser Symptomenkomplex bis jetzt
noch nicht beschrieben worden ist, gestatte ich mir, auf ihn die Auf¬
merksamkeit zu lenken und schlage vor ihn zu nennen: „P aroxys-
maler intestinaler Speichelfluss.
Balneotherapie, Herdreaktion und Protoplasmaaktivierung.
Von Med -Rat Dr. P. Schober, Wildbad.
Während über die Heilwirkung von Thermalbad- und Mineral¬
wasserkur kaum mehr ein ernst zu nehmender Zweifel herrscht, ist
man über die Art und Weise, wie sie ins Körpergetriebe eingreifen,
und über die Mittel und Wege, auf denen sie günstige Veränderungen
herbeiführen, noch irn unklaren. Für die Trinkkuren schien die
Lösung der Frage immerhin einfach. Eine Arznei, die getrunken wird,
gibt dabei das Vorbild. Das Mittel gelangt vom Darmkanal ins Blut,
wird von ihm nach allen Körperteilen hingetragen und entfaltet dabei
am kranken Teil seine heilende Wirkung, wie etwa das Digitalisinfus
am Herzen. Dieser einfachen Erklärung stehen aber mehrere Tar¬
sachen stark hindernd im Wege. Einmal enthalten doch meist die
Mineralwasser gar keinen besonderen Stoff, den man als den eigent¬
lich wirksamen Anteil ansprechen könnte. Das Na, K, Ca, Mg, Fe,
die Kohlen-, Schwefel- und Kieselsäure, die sich in ihnen hauptsäch¬
lich vorfinden, sind doch die einfachsten und in der Natur weit ver-
breitesten Stoffe. Sie sind in unseren täglichen Nahrungsmitteln,
organischer wie unorganischer Herkunft, reichlich enthalten. Von
einem Mangel derselben und der Notwendigkeit ihrer Zufuhr durch
Mineralwasser kann doch meist nicht geredet werden. Auch die Ra¬
diumemanation, die man nachgerade in jedem Wasser, in dem man sie
sucht, gefunden hat, dürfte daran nichts ändern.
Schwieriger erschienen die Erklärungsversuche bei den Bade¬
kuren. Man hatte früher einmal die Kranken vor und nach den
Bädern sorgfältig gewogen, um festzustellen, wieviel durch die Haut
hindurch aus dem Badewasser, sei es unmittelbar, sei es durch Os¬
mose, in sie eingedrungen war. Die Versuche fielen aber immer
höchst widersprechend aus und wurden längst als aussichtslos auf-
gegeben. Schliesslich, wenn es sich darum handelt, dem Organismus
Stoffe zuzuführen, so waren die Bäder überhaupt nur ein umständ¬
licher Umweg, dann war es doch unendlich viel einfacher, das Wasser
durch Trinken dem Körper einzuverleiben, anstatt darin zu baden!
So wurde dann, für die Thermalbäder wenigstens, die Lehre aufge¬
stellt, dass das Wirksame in ihnen nicht der Stoff sei, sondern die
Kraft, dass die natürliche Wärme, die sie aus dem Schoss der Erde
mit sich bringen, sich von der künstlichen, welche der Mensch durch
Erwärmen einem jeden Badewasser mitteilen kann, unterscheide und
dass daher diese Wärme auch anders, mehr therapeutisch als ther¬
misch wirke. Diese gewagte und unbeweisbare Lehre hat aber nur
ein kurzes Dasein gefristet und ist jetzt ganz verschwunden. Aller¬
dings hat sie eine Lücke für Erklärungen hinterlassen, die erst seit
kurzem sich auszufüllen beginnt.
Diese neue Erklärungsart baut sich auf dem folgenden Gefüge
von Beobachtungen auf. Seit Jahrzehnten hat man an den Thermal¬
bädern die Beobachtung gemacht, dass nach den ersten Tagen häufig
eine vorübergehende Verschlimmerung, etwa vermehrte Schmerz¬
haftigkeit und Schwellung, am kranken Teil des Patienten sich ein¬
stellt und dass auch bisweilen Stellen, die früher der Sitz von Be¬
schwerden gewesen und die die Kranken oft ganz vergessen hatten,
sich wieder rühren. Eine 200 Jahre alte Schrift über das schweizeri¬
sche Thermalbad Pfäfers-Ragaz beschreibt diese Beobachtung mit den
Worten: „Wenn vor 10 oder mehr Jahren ein äusserer oder innerer
Teil des Leibes krank gewesen, so wird während der Kur das Wasser
an selbem Ort merklich anklopfen und den beschädigten Teil an-
zeigen.“ Diese bisher als ein absonderliches Spiel der Natur betrach¬
tete Erscheinung ist nun aber plötzlich in ein frisches Licht gesetzt
worden: man hat sie in Beziehung zur neuerdings so viel studierten
Herdreaktion gesetzt. Bis vor kurzem hatte man die Herdreaktion,
als deren Vorbild die Tuberkulinreaktion dastand’, als einen ganz spe¬
zifischen Vorgang angesehen. Unter dem Einfluss der erst vor weni¬
gen Jahren aufgekommenen Proteinkörpertherapie hat man eine un-
spezifische Herdreaktion kennen gelernt, der die spezifische als ein
Sonderfall untergeordnet wurde. Nun auf einmal fiel es den Bade¬
ärzten wie Schuppen von den Augen. Die vorübergehende Verschlun-
merung nach den ersten Bädern, jenes „Anklopfen und Anzeigen des
beschädigten Teiles“, ist eben nichts anderes als eine unspezifische
Herdreaktion. Sie wurde jetzt als Bäderreaktion bezeichnet.
Die Bäderreaktion ist aber nicht das ganze der Thermalwirkung,
sondern nur ein Stück davon, nämlich die örtliche Aeusserung, ebenso
wie die Proteinkörpertherapie sich nicht in der Herdreaktion erschöpft.
Neben ihr geht, wie W e i c h a r d t in zahlreichen Versuchenund Schrif¬
ten gezeigt, eine allgemeine Leistungssteigerung einher, die er durch
ommizelluläre Protoplasmaaktivierung erklärt. Diese allgemeine Lei¬
stungssteigerung kommt aber ganz ebenso auch der Thermalkur zu,
sie deckt sich sachlich vollkommen mit dem, was die Badeärzte frü¬
herer Zeiten bei den Kuren als „allgemeine Körperumstimmung“ zu be¬
zeichnen pflegten, nur dass die Ausdrucksweise verschieden war, sie
war seitens der Badeärzte weniger wissenschaftlich und mehr intuitiv.
Bei der parenteralen Proteinkörpertheraoie ist jedoch, wie Bier
gezeigt hat, nicht ein bestimmter Stoff das Wirksame. Auch die In¬
jektion von Nichteiweisskörpern wirkt oft wie die von Proteinen,
sogar das destillierte Wasser kann Einfluss ausüben. Es handelt sich
also bei dieser Therapie nicht um chemische Stoffe als solche, sondern
um Reize, die wirken.
Sobald dies als feststehend anerkannt ist, wird die Wirkungs¬
gleichheit zwischen parenteraler Therapie und Thermalbehandlung
viel leichter verständlich. Denn die Thermalbäder führen ja, wie eben
MÜNCHENER MEDIZINISCHE W0CHENSCHR1ET.
Nr. 29.
948
ausgefiihrt, weder Sloffe noch Kräfte dem Körper des Kranken zu;
ihre Wirkung kann nur aus dem Reiz, den sie bei der Berührung mit
der Haut setzen, und den dadurch entfesselten Gegenwirkungen des
Organismus erklärt werden, wie ich früher schon gezeigt habe l).
Auf der Grundlage des Reizes als Wesen der Wirkung lässt sich auch
eine Brücke von der Thermalbadekur zur Mineraltrinkkur schlagen.
Denn auch per os einverleibte Stoffe können als Reizmittel wirken,
wie es kürzlich A. Zimmer2) und Prinz9) vom Yatren und
G. Z i m m er1) von der Kieselsäure dargetan haben. Diese Körper
vermögen tatsächlich Herdreaktionen per os hervorzurufen. Auch
andere vielgebrauchte Mittel können dies tun, wenn man sie nach
bestimmtem Plan anwendet, wie es Könige r5) sogar bei Opium¬
derivaten gezeigt hat. Die Kenntnis einer solchen Herdwirkung von
per os zugeführten Stoffen ist im Grunde gar nicht so neu, als es auf
den ersten Blick dem Arzt erschien. Bei den Genussmitteln ist sie
allbekannt. Manche Studenten nahmen, früher wenigstens, besonders
reichlich Alkohol nach den Mensuren zu sich, damit die erhaltenen
Schmisse nicht zu glatt heilen und eine gut sichtbare Narbe zurück¬
lassen. Umgekehrt hat wohl die „blande Diät“, die man Erischope-
rierten und Neuentbundenen vorschreibt, den Zweck, Herdreaktionen
fernzuhalten.
Die grosse Schwierigkeit bei den Therapien, die durch Reize ge¬
führt werden, ist, wie alle Autoren übereinstimmen, die Frage nach
der Grösse der Dosis. Denn diese Behandlungsart ist ein zweischnei¬
diges Schwert. Wenn der Reiz stärker ist, als für die Auslösung der
besten Zellenleistung erforderlich, so schädigt er die Zelle. Die Reiz¬
barkeit der Zellen ist aber von vornherein unbekannt und zudem un¬
beständig. Bei entzündeten Geweben ist sie feiner als bei normalen.
Gerade in der Frage der Dosis offenbart sich die Ueberlegenheit der
Balneotherapie gegen die anderen Verfahren der Reiztherapie, wie
Hydrotherapie und Proteinkörpertherapie. Die balneologischen Reize
sind harmlos, denn sie sind unterschwellig, wie ich gezeigt habe “).
Erst durch ihre Wiederholung erreichen sie die Höhe, die erforderlich
ist, um einen Reiz zu setzen. Man schleicht sich also bei diesen
Kuren erst allmählich in die Reizschwelle ein, und eine Ueberreizung
ist fast ganz ausgeschlossen.
Bei den Mineralkuren spielt wohl, im Gegensatz zu den Thermal¬
kuren, die Allgemeinreaktion die grössere, die Herdreaktion die
kleinere Rolle. Leichte Allgemeinreaktionen sind aber schwerer
nachzuweisen als leichte Herdreaktionen, die ja gewöhnlich mit ört¬
lichen Beschwerden einhergehen und zur eben besprochenen, meist
deutlich erkenntlichen Bäderreaktion führen. Daher wird die allge¬
meine Reaktion und Wirkung leicht übersehen, wenn man nicht, wie
Rothschu h 7) in Aachen u. a. es getan, sorgfältig vergleichende
Stoffwechseluntersuchungen vor und während der Trinkkur vornimmt.
Schon wiederholt haben Aerzte einen Zweifel an der stofflichen,
auf ein bestimmtes krankes Organ hinzielenden Wirkung der Mineral¬
wasserkur geäussert. So war es den Aerzten von Spa s) aufgefallen,
dass bei den anämischen Kranken, die zu den dortigen Stahlquellen
geschickt worden waren, häufig mehrere Krankheitserscheinungen,
wie Herzklopfen und Atemnot, sich besserten, ehe im Blut eine Ver¬
mehrung der roten Blutkörper oder des Hämoglobinindex nachge¬
wiesen werden konnte. Stoffwechseluntersuchungen haben ihnen dann
eine befriedigende Erklärung gebracht. Im Bäderalmanach von 1910
sagt T h i 1 e n i u s, im Hinblick auf die Tatsache der oft gleichartigen
Wirkung von verschieden zusammengesetzten Mineralwassern; „Die
Lösung des Rätsels liegt einfach darin, dass es sich bei allen klima¬
tischen, Mineralwasser- und anderen Kuren wesentlich um Einwir¬
kung auf die Stoffwechselvorgänge handelt und die Einwirkung auf
ein bestimmtes Organ recht häufig in den Hintergrund tritt oder nur
auf indirektem Wege erreicht werden kann.“ Was darin noch nicht
ausgesprochen ist, wozu aber nur noch ein kleiner Schritt zu machen
war, habe ich in Worte gefasst") und wohl als Erster die Trinkkur
nach ihrer Grundbedeutung der unspezifischen Reiztherapie zugereiht.
Die Thermal- und Mineralwasserwirkung liegt also nach meiner
Ueberzeugung in der Hauptsache nicht in Stoffen oder gar Kräften,
die in den kranken Menschen übergeführt werden, sondern in den
Reaktionen auf Reize, die der Organismus mit seinen eigenen Mitteln
beantwortet. Der langgesuchte „Brunnengeist“ ist
also im Wasser überhaupt nicht vorhanden, son¬
dern vielmehr im Kranken selbst gelegen, von
dessen Vis medicatrix naturae er ein Stück ist, das
seiner Entfesselung durch einen an gepassten
Thermal- oder Mineralwasser reiz harrt.
Welchen Wesens dieser Reiz ist, wissen wir nicht. Aber man
muss wohl annehmen, dass er in einer Berührungswirkung des
Wassers mit der Haut oder Schleimhaut liegt, einer Berührungswir¬
kung, die ihre Eigenart einerseits in der besonderen molekularen
Struktur des natürlichen Thermal- oder Mineralwassers und ander-
*) Alls- med. Zentralztg. 1921 Nr. 41.
-) M.m.W. 1921 Nr. 18.
:i) M.m.W. 1921 Nr. 38.
’) M.m.W. 1923 Nr. 8.
Ä) D.m.W. 1922 Nr. 50.
®) D.m.W. 1922 Nr. 17.
') Alle. med. Zentralztg 1921 Nr. -43.
s) V a n de W eyer und W y b a u w: Zsclir. f. phys.-diät. Tlier. 1907.
“) Zsclir. f. ptiys.-diät. Ther. 1922 H. 11.
"’) K. Baur: Lieber den Ursprung und das Wesen der Wildunger Heil¬
quellen. 1920. Wildungen. Pusch.
seits in der darauf angepassten Ansprechbarkeit der Haut oder
Schleimhaut hat. Seit A r r h c n i u s’ Forschungen wissen wi<\ dass
eine Lösung, eine künstliche wie eine natürliche, ein ganz ungemein
zusammengesetztes Ding ist, dass die Salze sich darin in Ionen
spalten, die entgegengesetzt elektrisch geladen sind, dass das lonen-
gleichgewicht ein äusserst labiles ist und in der empfindlichsten Ab¬
hängigkeit zur Lösungsflüssigkeit und deren Gasgehalt steht. Ein
Mineralwasser, das ausgekocht und dadurch entgast worden war
und wieder erkaltet ist, hat eine ganz andere molekulare Struktur
als vorher. Wenn auch die chemische Analyse über den Vefdaihp-
fungsrückstand eines Mineralwassers ganz genaue qualitative und
quantitative Auskunft zu geben vermag, so sind wir über den leben¬
digen Aufbau des Wassers, wie es der Erde entströmt, über den Grad
der Dissoziation der Ionen, den Betrag von kolloidalen Suspensionen
im Wasser usw. nur wenig unterrichtet. Es gibt also noch unbe¬
kannte Grössen in der physikalischen Beschaffenheit eines Mineral¬
wassers, wir können es daher auch noch nicht künstlich nachahmotu
ln diese besondere molekulare Struktur, die vielleicht später einmal
der physikalische Chemiker wird ergründen und nachbildcn können,
wovon wir aber zurzeit noch weit entfernt sind, glaube ich die Eigen¬
art der Reizwirkung von natürlichem Mineralwasser und Thermal¬
wasser verlegen zu sollen. Eine solche Ansicht hat auch schon
Baur 10) ausgesprochen.
Wenn auch die Allgemeinreaktion auf den balneologischen Reiz
einer omnizellulären Protoplasmaaktivierung gleichkommt, so ist doch
die Einwirkung keine gleichstarke auf alle Körperzellen. Beim Suchen
nach ihren Hauptangriffspunkten führen Beobachtung wie Uebor-
legung mit zwingender Notwendigkeit zu den endokrinen Drüsen.
Von den Krankheiten, die durch die Trinkkur erfolgreich behandelt
werden, sind die einen, wie Diabetes, Adipositas und Gicht, ausge¬
sprochene Stoffwechselkrankheiten, die unter dem Einfluss von Fer¬
menten stehen; die anderen sind mehr oder weniger Drüsenkrank¬
heiten selbst, wie die Affektionen der Leber mit der Gallenblase, der
Nieren mit der Harnblase, die Dysfunktionen von Magen und Darm,
von männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen. Die Mineral¬
wasser werden aber nicht nur getrunken, sondern auch als Bäder
angewandt. Auch dabei kommt ihnen, im Gegensatz zu den Thermal¬
bädern, mehr eine Allgemeinwirkung als eine Herdwirkung zu.
E. M. G r ö d e 1 n) hat kürzlich mit Nachdruck den unabweisbaren
Einfluss der Nauheimer Bäder auf die endokrinen Drüsen betont und
angeführt, dass Diabetiker, die bei sachgemässer Diät nie zuckerfrei
werden, oft ohne Diätbehandlung während der dortigen Kur ihren
Zucker verlieren. Sogar künstlich kohlensäure Bäder lösen, wie
A r n o 1 d i 1S) gezeigt hat, ähnliche Stoffwechselveränderungen aus;
sic kommen, nach ihm. noch verschiedenen anderen Bade- und Trink¬
kuren zu, ja sogar dem gewöhnlichen Wasserbadc, allerdings in ganz
erheblich geringerem Grade. Der alte Spruch: „Natura non facit
saltum“ gilt also auch für die Bäderlehre.
Die Werkzeuge, mit denen das Protoplasma beeinflusst oder
aktiviert wird, sind letzten Endes die Ionen. Ihr ständiges Wechsel¬
spiel steht unter dem Einfluss des vegetativen Nervensystems. Der
Vagus leitet den Aufmarsch der K- und Na-Ionen um die Zellen, der
Sympathikus den der antagonistischen Ca-Ionen. „Nerven und Ionen¬
wirkung gehören zusammen; sie stellen ein und dasselbe dar,“ sagt
S. G. Z o n d e k 13) und fügt nachdrücklich hinzu, dass nicht die Ionen
den Nerven reizen, sondern dass umgekehrt der Nerv die Ionen beein¬
flusst. Die Ionen ihrerseits beherrschen die Kolloidbeschaffenheit des
Protoplasmas und damit den innersten Kern aller Lebenserscheinungeri.
Vagus und Sympathikus stehen aber durch die Hormone unter dem
Einfluss der endokrinen Diüsen.
So sind denn die Wege und Mittel geschildert, durch welche die
Auswirkung der baineotherapeutischen Reize bis aufs Protoplasma
der Zellen begriffen werden kann. Bei der Thermalkur, die fast nur
als Bad angewandt wird, steht meist die Herdreaktion vor der All¬
gemeinreaktion; bei den Mineralkuren, die ebenso durchs Baden,
wie durchs Trinken ausgeübt werden, übertrifft die Allgemeinwirkung
die Herdwirkung, wenngleich beiden Kuren beide Reaktionsarten zu-
komnien.
Ein Beitrag zur Kasuistik des Fremdkörperileus bei
karzinomatöser Darmstenose.
Von Dr. W. Porzelt, Chirurg in Würzburg.
Der Obturationsileus in der nicht durch Intussuszeption des Dar¬
mes bedingten Form ist nach den Berichten der letzten Jahre gar kein
allzu seltenes Ereignis. Sieht man von den mehr sporadisch aut-
tretenden Fällen von Verlegung der Dannpassage durch körpereigne
oder körperfremde Objekte, wie Gallen- und Kotsteine, Trichobezo-
are, Obstkerne, Eruchtteile usw., ab, so ist vor allem eine Häufung
der Fälle von Ileus verminosus unverkenntlich.
Eine besondere Stellung ist dem Fremdkörperileus bei gleich¬
zeitig bestehender Stenose des Darmes durch Tumoren oder infek¬
tiöse Prozesse einzuräumen, insofern, als vorher mehr oder weniger
latente Passagestörungen durch die Einklemmung irgendeines Körpers
plötzlich akute Erscheinungsform annehmen können. Dieselben stür-
“) Zsclir. f. phys.-diät. Thcr. 1922 H. 11.
12) M.m.W. 1922 Nr. 29.
13) D.m.W. 1921 Nr. 50. .
20. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
949
mischen Symptome werden übrigens bisweilen bei chronischen Ileus-
fällen auf gleicher Unterlage nach Einnahme einer Kontrastmahlzeit
beobachtet, wo das über der Stenose sedimentähnlich gefällte Kon¬
trastmittel obturierend wirkt. Ein Fall von Scirrhus der Flexura
sigmoidea bei einem 63 jährigen Mann aus meiner Praxis kam auf
diese Weise vor 3 Jahren zur Operation.
Aus der Literatur seien nur einige Mitteilungen aus den jüngst
vergangenen Jahren aufgeführt. Kaposi berichtete 1914 in der
Breslauer chirurgischen Gesellschaft über ein Flexurkarzinom, bei
dem der sekundäre Totalverschluss durch im Geschwür zurückge¬
haltene Fischschuppen ausgelöst worden war. Ebenda weiss Gott-
stein über einen Fremdkörperileus bei karzinomatöser Stenose zu
berichten; es fand sich ein kleiner Dünndarmkrebs, verlegt durch
eine Reihe von Kirschkernen. Marquis teilte 1913 einen Fall mit,
wo sich oberhalb einer von ihm für bösartig angesehenen Stenose
in einer sackartigen Dickdarmerweiterung eine Ansammlung von etwa
640 Fruchtkernen vorfand, die einen Verschluss bedingt hatten; da
nur eine Enteroanastomose angelegt wurde, konnte über die wahre
Natur des Tumors kein Aufschluss gegeben werden. Einen weiteren
Fall von akutem, durch Karzinom verursachten Ileus beschreibt
M i k u 1 i 1922 bei einer 54 jährigen Frau. Es fand sich in einem
zylindrischen Adenokarzinom der Flexura sigmoidea ein 2 cm langes
verschlucktes Knochenstück, das die Obturation herbeigeführt hatte.
Das Reizvolle des pathologischen Befundes rechtfertigt wohl die
Anreihung eines neuen Falles, bei dem gleichfalls völlige Verlegung
eines röhrenförmigen Flexurkarzinoms durch Verkeilung eines Kno¬
chenstücks mit seinen Kanten in der Tumormasse eingetreten war.
Ein 64 jähriger Landwirt stellte sich am 18. XI. 20 bei mir vor und
gab an. seit 8 Tagen das Gefühl von Völle im Leib zu haben; seitdem seien
bei nahezu vollkommener Nahrungsenthaltung wohl noch Blähungen,
aber kein Stuhl mehr abgegangen; sein rechtsseitiger Leistenbruch, der 1 Jahr
nach der vor 2 Jahren vorgenommenen Operation wieder gekommen sei,
mache ihm jetzt Beschwerden; schon früher habe StuhLträgheit bestanden,
seit mehreren Jahren sei der Stuhl nicht mehr geformt.
Die Untersuchung des geistig sehr regsamen, im Ernährungszustand
heruntergekommenen Bauers stellt einen fühlbaren Abdominaltumor nicht
fest. Der Leib ist tnässig aufgetrieben, der rechtsseitige Rezidivbruch gut
reponibel, es besteht Gurren und Plätschern, Darmsteifungen sind nicht deut-
I lieh. Zunge feucht, leicht belegt. Puls nicht beschleunigt, neben beginnender
Atheromatose chronische Bronchitis. Die Diagnose wird auf chronischen
Ileus, vermutlich infolge einer Tumorstenose, gestellt.
Bei der nach erfolglosen Einläufen am nächsten Tage in Allgemeinnarkose
j vorgenoramenen medianen Laparotomie fand sich ein stenosierendes Kar-
I zinom der Flexura sigmoidea, durch einen Bindegewebsstrang am absteigen¬
den Dickdarmschenkel fixiert. Der oral von der Striktur gelegene Dickdarm
| ist mittelstark diilatiert, in seiner Muskulatur hypertrophiert. Nach Lösung
des Strangs und Entleerung des Darminhalts Resektion der FLexur und Ana-
stomose Seit zu Seit. Drüsenmetastasen sind nicht nachzuweisen.
Die Heilung erfolgte, abgesehen von einer kritischen Temperaturzacke
am 4. Tage nach der Operation, ungestört. Kranker wurde am 7. XII. 20 ent¬
lassen mit der Weisung, noch diät zu leben und für Regelung des Stuhlgangs
zu sorgen. Der rechtsseitige Leistenbruch hatte während des Kranken¬
lagers keine Beschwerden verursacht.
Atn 30. XII. 20 erschien Kranker von der Angst getrieben wieder mit
neuen leichten Ileuserscheinungen, hervorgerufen durch sein Leistenbruch¬
rezidiv.
' Objektiv massiger Meteorismus, links noch geringe Empfindlichkeit, kein
Tumor. Zweifaustgrosser irreponibler äusserer Leistenbruch; am Skrotal-
grund leichtes entzündliches Infiltrat.
Bei der am folgenden Tage in Lokalanästhesie ausgeführten Operation
wurde als Bruchinhalt eine total verbadkene, am Bruchsackgrund durch ent¬
zündliche Verklebungen festgewachsene DünndarmschLinge gefunden. An
der ziemlich weiten Bruchpforte war der Darm nicht fixiert. Nach Resektion
und Enteroanastomose Seit zu Seit wurde die Bruchpforte verschlossen, die
verlötete Schlinge abgetragen; auf eine Entfernung der verdickten Bruch¬
sackwand musste mit Rücksicht auf die Infektion verzichtet werden. Der
Bruchsackgrund wurde durch eine Inzision am Hodensack drainiert.
Ungestörte Heilung bei leichter Sekretion durch die Wunde am Skrotum.
Eine grosse Ueberraschung brachte das bei der ersten Operation ge¬
wonnene Präparat. In der bogenförmigen, kaum für Bleistiftdicke durch¬
gängigen 5.'4 cm langen karzinomatösen Striktur findet sich ein keilförmiges
Knochenstück in der Weise eingeklemmt, dass dessen Spitze frei im Kanal
liegt, während die Kanten der Basis in die Geschwulstmasse eingespiesst sind.
Dadurch, sowie durch eingelagerte Kot- und Fruchtschalenpartikelchen wird
ein völliger Verschluss der an sich schon beträchtlichen Stenose bewirkt.
Der Tumor verursacht eine Einschnürung des DarrfTs, er fühlt sich derb und
knollig än. Am Uebergang auf die normale Schleimhaut zeigt er oral- und
aboralwärts aufgeworfene, zum Teil zerklüftete Ränder. Die Striktur, an¬
fänglich trichterähnlich und peripherwärts sich verengernd, stellt ein röhren¬
förmiges Geschwür dar. Oberhalb der Stenose ist der Dickdarm erweitert,
die Muskulatur, besonders die Ringrnuskelschicht, stark hypertrophisch.
Mikroskopisch handelte es sich nach meiner Untersuchung des
pathologischen Instituts um ein Adenokarzinom.
Der Kranke hat sich im Laufe der letzten beiden Jahre absolut
wohl befunden und sein früheres Körpergewicht angenommen. Er
kommt mit gewohnter Frische und Lebhaftigkeit seiner landwirt-
; schaftlichen Arbeit nach. Der Leib ist weich, nicht meteoristisch.
Neben einem kleinen Nabelbruch hat sich wieder ein hühnereigrosses
Leistenbruchrezidiv entwickelt, das der Kranke durch ein Bruchband
gut zurückhalten kann. Epikritisch möchte ich hinsichtlich des opera¬
tive» Vorgehens hervorheben, dass ich mir des Risikos der Resektion
bei der Ueberlastung des Darmes durch stagnierten Inhalt wohl be¬
wusst war. Da indes die Verschlusserscheinungen nicht den foudroy-
anten Charakter wie gewöhnlich trugen und der Kranke und seine
Angehörigen den ihnen zunächst vorgeschlagenen Anus praeternatu¬
ralis unter allen Umständen vermieden haben wollten, wagte ich die
Nr. 29.
Resektion. Mehrzeitiges Vorgehen, zweizeitig nach Mikulicz
oder d r e i z e i t i g nach S c h 1 o f f e r, wäre weniger riskant ge¬
wesen.
Ich glaube, der Fall bildet einen hübschen Beitrag zu alle dem,
was bisher über Fremdkörperileus bei Tumorstenose veröffentlicht
worden ist.
Literatur.
Kaposi; Einige Ileusformen. Vortrag in der Breslauer ehir. Gesellschaft,
Sitzung vom 9. II. 14; ref. Zbl. f. Chir. 1914 S. 715. — G o 1 1 s t e i n; ibidem.
— Marquis: Plus de 600 corps ötrangers retenus depuis des annees
au-dessus d'un rötröcissement de l’intestin greLe. Bull, et möm. de la soc.
de chir. de Pari^ 1912, tome 38; ref. Zbl. f. Chir. 1913 S. 572. — Mikulicz;
Zur Kasuistik des akuten, durch Karzinom verursachten Ileus. Nowy chir.
Arch. 2, 1922, S. 67. Ref. Zbl. f. Chir. &>23 S. 536.
Ueber Blutungen in der Nachgeburtszeit.
(Bemerkungen zu dem gleichnamigen Aufsatz von Prof. Opitz in
Nr. 18 d. Wschr.)
Von Dr. Georg Becker, Direktor des Kreiskranken¬
hauses Alzey.
Es gibt wohl in der ganzen Medizin kein Kapitel, das den prak¬
tischen Arzt vor so verantwortungsvolle Aufgaben stellt, wie die
Blutungen der Nachgeburtsperiode. Hier hängt es oft von der Be¬
sonnenheit, Geistesgegenwart und Geschicklichkeit des auf sich selbst
gestellten Arztes ab, ob eine lebensbedrohliche Blutung gestillt wer¬
den kann. Dankbar wird es daher der Praktiker begrüssen, wenn
ihm, wie in der Arbeit von Opitz, die heute geltenden Richtlinien
übersichtlich zusammengestellt werden. Aber gerade das grosse
Interesse, das weite Kreise diesen von autoritativer Seite aufgestellten
Grundsätzen entgegenbringen, veranlasst mich, für eine Methode ein¬
zutreten, die von Opitz verworfen wird als unnötig für leichtere,
als gefährlich für schwere Fälle, die sich mir aber in jahrelanger Er¬
fahrung als wertvollstes Mittel zur Beherrschung der Nachgeburts¬
blutung erwiesen hat: die Naht des Zervixrisses. Kleine Einrisse der
Zervix sind physiologisch — das beweist der Unterschied in der
Konfiguration der Portio bei Erst- und Mehrgebärenden. Aber zu
diesen kleinen harmlosen Einrissen kann der im B u in m sehen Lehr¬
buch abgebildete nicht rechnen. Solche höher hinaufreichenden können,
besonders wenn sie bis zur Fornix vaginae gehen, sehr erhebliche,
ja lebensgefährliche Blutungen verursachen. Die Unterscheidung einer
atonischen Blutung von einer Rissblutung ist nicht leicht. Wenn nach
Entleerung der Blase — die Notwendigkeit des Katheterismus bei
atonischen Blutungen möchte ich besonders betonen — und nach
Sekaleverabreichung die auf Reiben sich gut zusammenziehende Ge¬
bärmutter beim Nachlassen sogleich Neigung zur Erschlaffung zeigt,
so liegt der Verdacht eines Zervixrisses vor. Die Lagerung auf das
Querbett und Einstellung der Portio mit dem Spekulum wird sofort
Klarheit schaffen. Es gibt keinen Eingriff, der für den Arzt und seine
Umgebung so überzeugend in der Wirkung ist wie die Naht eines
Zervixrisses. Allerdings stellt die Operation an die Technik, beson¬
dere bei ungenügender Assistenz, einige Anforderungen. Denn so
übersichtlich wie in der schönen Abbildung im B u m m sehen Grund¬
riss stellen sich die Verhältnisse in Wirklichkeit nicht dar, besonders
ist für den Wenigererfahrenen die Unterscheidung der unverletzten
aufgelockerten Muttermundslippen von der Rissstelle schwierig. Mit
einem vorderen und hinteren Scheidenspekulum wird die Portio ein¬
gestellt, vordere und hintere Muttermundslippe je mit einer Kugel¬
zange gefasst und vorgezogen. Durch starken Zug an den Kugel¬
zangen nach der unverletzten Seite und Wandernlassen der vorderen
Spekuiumplatte nach der Seite der Verletzung kann man sich den
Riss deutlich sichtbar machen. Am wichtigsten ist die Naht am oberen
Ende des Risses. Hat man hier mit tiefgreifender Naht die Ränder
des Risses vereinigt, so steht die Blutung gewöhnlich schon. Wenn
es Schwierigkeiten macht, die oberste Stelle sichtbar zu machen, so
verwendet man zweckmässig die langgelassenen Fäden der unteren
Nähte als Zügel, um durch starken Zug nach der unverletzten Seite
die Fornix sichtbar zu machen.
Wer gewohnt ist, sich bei jeder Blutung nach Geburt der Pla¬
zenta, die auf die üblichen Massnahmen, wie Reiben u. ä., nicht steht,
die Portio einzustellen, ist erstaunt, wie häufig sich ein Zervixriss
als Grund dieser Blutung erweist. Hat man es sich zur Regel ge¬
macht, diese Risse zu nähen, so wird man nur selten zur Sehrt-
schen Klammer und fast nie zur Tamponade seine Zuflucht nehmen
müssen. Ich erinnere mich wenigstens keines Falles aus meiner lang¬
jährigen Assistententätigkeit an der Hallenser Frauenklinik unter
J. Veit, in dem die Uterustamponade nötig geworden ist, dagegen
war die Naht der Zervixrisse eine Hauptwaffe in der Bekämpfung
der Nachgeburtsblutungen.
Unbedingt recht zu geben ist O p i t z, dass bei hoch in den Uterus
hinaufreichenden oder in das Parametrium sich fortsetzenden Rissen
die Naht von der Scheide aus gefährlich ist; diese in das Gebiet der
inkompletten Uterusruptur gehörenden Verletzungen sollte kein Prak¬
tiker zu nähen versuchen, sondern möglichst einer Klinik überweisen.
Aber die Naht der bis zur Fornix reichenden Zervixrisse stellt einen
so dankbaren und segensreichen Eingriff dar, dass sie jedem, der die
vaginale Operationstechnik beherrscht, warm empfohlen werden
kann.
4
950
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 29.
Zur Frage der ambulanten Pneumothoraxbehandlung.
Von Geh. San.-Rat Med -Rat Dr. Kölle, Oberstdorf i. Allg.
In der Frage der ambulanten Pneumothoraxbehandlung, die in
dieser Wochenschrift (Nr. 14) von Dr D o r n - Charlottenhohe und
von Dr. A P e 1 - Charlottenburg (Nr. 23) besprochen wurde, .steht ich
entschieden auf dem Standpunkt D o r n s, dessen Aufsatz in Nr. 14
ich fast wörtlich unterschreiben kann. Wenn Kollege P°yt sagt,
dass ein transportabler Pneumothoraxapparat solange eine Halbheit
ist als nicht der unbedingt dazugehorende transportable Rontgen-
apparat erfunden ist, so hat er damit vollkommen recht. Nachfullung
un 4 Durchleuchtung sind für mich ein unzertrennlicher Begriff. Das
Erstere nicht ohne das Letztere. Wenn Kollege A p e 1 e'"erd er Nach¬
füllung vorhergehenden Durchleuchtung keine so besondere Wichtig¬
keit beimisst, so sind die Gründe, die er dafür anfuhrt, nicht stich¬
haltig für mich, am allerwenigsten der pekuniäre Standpunkt der
Krankenkassen. Einer Krankenkasse gegenüber, die die Röntgen¬
durchleuchtung eines Kranken aus pekuniären Gründen yerweigern
würde, würde ich die Pneumothoraxbehandlung der betr. Kranken
glatt ablehnen. Wenn wir einen Pneumothorax vor der Nachfullung
durchleuchten, so wollen wir doch in erster Lime über die Lage.
Grösse und Ausdehnung desselben, etwaige Verwachsungen Vtr-
drängungserscheinungen, Exsudate usw. orientiert sei m Antwoi ' Di i o
Fragen, welche Widerstandsfähigkeit z. B. die unter der Stichstelle
liegende Pleura pulmonalis gegen die Nadel hat, welche Druckver¬
hältnisse im Pleuraraum herrschen usw.. darf man vom Rontgen-
apparat nicht erwarten - weil er sie gar nicht geben kann Das
hindert aber nicht, dass der Röntgenapparat, d. h. das Auge über
Grösse, Lage und Ausdehnung des Pneumothorax weit präzisere Aus¬
kunft geben kann, als das Gehör, d. h. Perkussion und Auskultation
_ und darauf kommt es in erster Lime bei der Nachfullung an.
Wir markieren uns vor der Nachfüllung bei der Durchleuchtung
jedesmal die Stelle, die uns für das Einfuhren der Nadel, namentlich
bei vorhandenen Verwachsungen, am günstigsten erscheint. An
diesem Standpunkt: „Keine Nachfüllung ohne vorhergehende Durch¬
leuchtung“ halte ich seit 15 Jahren fest und wenn ich wahrend meiner
14 jährigen Tätigkeit als Chefarzt der Deutschen Heilstätten in I avos
und Agra bei vielen Hunderten von Neuanlegungen und Nachfullungen
von Pneumothorax auch nicht einen einzigen unangenehmen Zwi¬
schenfall erlebt habe — weder eine Ohnmacht, noch einen 1 leura-
schock, Embolie, Todesfall oder dgl. -, so schreibe ich dies nie ht
zum mindesten unserer geradezu pedantischen Ausführung der rul
lungen zu. So leicht und einfach eine Nachfullung aussieht — sie
gleicht ja fast ganz einer Punktion — , so verhängnisvoll und lebens-
gefährlich kam, sie in der Hand des weniger geübten oder nicht
ganz vorschriftsgemäss verfahrenden Arztes werden Man muss
sich stets bewusst bleiben, dass an der Spitze der in die l iefe e n¬
geführten Hohlnadel, die man nicht mehr sieht, das Schicksal des
Kranken hängt, und da muss in der lat alles geschehen, was
menschenmöglich ist, um eine Embolie oder dgl. zu venneide ,-
Passiert bei einer Nachfüllung irgendein unangenehmer Zwischenfall,
etwa eine Embolie, ohne dass zuvor eine Durchleuchtung stattfand,
so wird sich der Arzt meiner Ansicht nach den Vorwurf einer ge¬
wissen Fahrlässigkeit nicht ersparen können. Und vor solchen Zu¬
fällen schützt uns wesentlich der Röntgenapparat.
Was ohne und selbst mit vorhergehenden Durchleuchtungen pas¬
sieren kann, davon zwei Beispiele meiner Erfahrung. Ein Krankei
kommt zu uns aus einem benachbarten Kurort mit der Bitte, seinen
Pneumothorax nachzufüllen; er sei von dem ihn behandelnden Arzt
wiederholt nachgefüllt worden; zweimal habe er nach den Nach-
füllungeh „Krämpfe“ bekommen. Der Arzt hatte ihn nie durch¬
leuchtet. Weder durch Perkussion noch durch Auskultation noch
durch Röntgenstrahlen konnten wir bei dem Kranken einen Pneumo¬
thorax feststellen; er hatte bisher sämtliche Stickstoffladungen in die
Lunge bekommen. (Arzt und Kranker hatten dabei noch viel Gluck,
dass es nur mit „Krämpfen“ abgegangen war.)
Eine Kranke wird vor 10 Jahren aus einem Lungensanatorium
in unsere Heilstätte gebracht; daselbst war ihr ein rechtsseitiger
Pneumothorax angelegt und mit mehreren Einblasungen unterhalten
worden. Auf dem von ihr mitgebrachten Röntgenbilde sieht man in
der 1 ebergegend ganz deutlich eine Luftblase, die die rechte Lunge
nach oben drängt (ebenso bei der Röntgendurchleuchtung), die als
partieller Pneumothorax imponiert. Die genauere Untersuchung er¬
gibt jedoch, dass die Kranke gar keinen Pneumothorax hat, sondern
ein Pneumogastrium, das sehr deutlich durch die verschiedene Lage-
rung der Kranken vor dem Röntgenschirme, ebenso auch perkutorisch
nachgewiesen werden kann. Der Arzt hatte ihr, da ausgedehnte Ver¬
wachsungen zwischen rechter Lunge, Zwerchfell und Brustwand
bestanden, durch das Zwerchfell hindurch unter das letztere (d. h.
zwischen Leber und Zwerchfell) den Stickstoff versehentlich ein-
gebiasen. Die Kranke hatte nun allerdings keinen Schaden davon¬
getragen; das Pneumogastrium resorbierte sich langsam von selbst
wieder.
Solche Zufälle, die noch glücklich abgelaufen sind, mahnen immer¬
hin zur Vorsicht.
Selbstverständlich wird sicli jeder praktische Arzt die Pneumo-
thoraxtherapie in längerer Uebung und Erfahrung aneignen können,
und von jedem Arzt, der sich mit ihr befasst, muss man erwarten,
dass er die Technik vollkommen beherrscht. Ob er diese erst an der
Leiche einüben soll, wie A p e 1 dies vorschlägt, lasse ich dahin¬
gestellt. Ich selbst habe sie nicht an der Leiche gelernt, sondern
am Lebenden; auch meine Assistenten haben sich die Pneumothorax -
behandlung durch Assistieren (Zuschauen und Mitwirken, Bedienung
des Apparats, während ich nachfüllte, und selbsttätiges Nachfüllen
unter meiner Assistenz) angeeignet, ohne dass wir je eine schlimme
Erfahrung dabei machten. Die Hauptsache dabei bleibt immer pein¬
liche Pedanterie und der Grundsatz, nicht nachfüllen, wenn nicht das 1
Manometer den charakteristischen Ausschlag für die im Pleuraraum 3
liegende Nadelspitze (d. h.: beim Anhalten der Inspiration Stehen- j
bleiben der Manometerflüssigkeit im negativen Druckschenkel) zeigt, *
Nachfüllungen in der Wohnung des Kranken nehme ich nur im
Notfall vor, und zwar dann, wenn der Zustand des Kranken (etwa 4
schwere Blutungen) den Transport ins Sprechzimmer oder Kranken- i
haus nicht erlaubt. Bei hohem Fieber verlege ich den Kranken ins 3
Krankenhaus selbst, wo uns ein guter Röntgenapparat zur Verfügung 4
stellt.
Der transportable Apparat von Dr. H a r t m a n n - Magdeburg, 3
den ich selbst seit einiger Zeit benütze, ist sehr empfehlenswert; er
zeichnet sich, ohne glücklicherweise „Taschenformat“ zu besitzen, |
durch seine Einfachheit, Handlichkeit und zweckmässige Einrichtung
aus. Die übrigen neueren Apparate kenne ich nicht aus eigener Er- 1
fahrung.
_
Fortbildungsuoriräge und Uebersicbtsreterate.
Aus dem Landesbad der Rheinprovinz in Aachen.
(Chefarzt; Dr. W. Krebs.)
Die neuzeitliche innere Behandlung chronischer Gelenk¬
erkrankungen und Neuralgien.
Kritisches Samrnelreferat von Dr. med. Hermann W eskott.
Die bisher im allgemeinen undankbare Behandlung der chro-1
nischen Gelenkerkrankungen und Neuralgien hat durch eine grosse j
Reihe neuerer Mittel und Wege, so vor allem durch die parenterale <
Protein- oder Reizkörpertherapie, die sich besonders dieses vev- 4
nachlässigten Gebietes angenommen hat, zweifellos eine Bereicherung ,
erfahren. Die vielfachen Veröffentlichungen über günstige Behänd- J
lungserfolge bei aller Art dieser Krankheitszustände — gegenteilige 1
Mitteilungen wurden weniger beachtet — haben einen starken Opti¬
mismus. bei Aerzten und Kranken erzeugt, so dass wohl heute nur j
wenige dieser Kranken zu finden sind, die nicht schon einmal ent¬
sprechend behandelt worden wären. Andrerseits ist doch trotz, oder«
gerade infolge dieser nur schwer zu übersehenden, ausserordentlich
zahlreichen und sich zum Teil widersprechenden Literatur eine ge- 1
wisse Unsicherheit entstanden, so dass sich der Praktiker kaum zu- *
rechtfinden und aus der Fülle des ihm Empfohlenen das Richtige aus¬
wählen kann.
Wir wollen deshalb auf Grund eigener reicher Erfahrung und Be-«
obachtung neben der so wichtigen Reizkörpertherapie auch andcic 1
neuerdings bei chronischen Gelenkerkrankungen und Neuralgien emp- 5)
fohlenc Behandlungsmethoden und Mittel auf ihre Brauchbarkeit hin
einer kritischen Sicht unterziehen. Ueber die ältere medikamentöse, fl
physikalische und Balneotherapie dieser Zustände orientiert eine gute
Zusammenstellung von Krebs1). Im allgemeinen können wir diel
verschiedenen Arten der chronischen Gelenkerkrankungen und Neur-aj
algien zusammen betrachten; wo eine Unterscheidung wegen der J
Behandlung notwendig ist, geschieht dies bei den betreffenden Mitteln. J
Die noch vielfach umstrittenen theoretischen Grundlagen über die
Wirkungsweise dieser Mittel wollen wir nur kurz erwähnen und uns fl
mehr mit den praktischen Ergebnissen und Erfolgen befassen.
Bei der Reiz- oder Proteinkörpertherapit bestellt die j
Hauptschwierigkeit in der richtigen Dosierung, bei der grösste Vorsicht ge- 1
boten ist. Jedes Schematisieren ist dabei vom Uebel: Kleinere Dosen sind j
grösseren auf jeden Fall vorzuziehen, um so mehr, als die zu kleinen Dosen ,
höchstens unwirksam bleiben, die zu grossen aber auf lange Zeit hinaus den j
Kranken schädigen können. Stärkere Reaktionen sind deswegen zu vermeiden, j
Die Anfangsdosis ist im allgemeinen um so kleiner zu wählen, 1
je älter und je ausgedehnter das Leiden ist. Durch vor- 9
sichtiges Tasten und einige Uebung wird man bald die optimale Dosis, d. h.
die Dosis, bei der eben noch eine Reaktion des erkrankten Körpers auftritt, ••
für den einzelnen Fall herausfinden. Eine genaue Beobachtung des Kranken '
vor und während der Behandlung ist daher dringend erforderlich. Ist eine.!
wenn auch nur geringe, dem Kranken eben bemerkbare Reaktion eingetrcten.S
die sich entweder in einer schmerzhaften Rötung und Infiltration an der 4-
Injektionsstelle (= Lokalreaktion), in einer allgemeinen Abgespanntheit und
Müdigkeit unter Kopfschmerzen und leichtem Frösteln (— Allgemeinreaktion),
oder in einer stärkeren Schmerzhaftigkeit der erkrankten Körperteile, z. B. I
Gelenke (= Herdreaktion), äussert, so muss man bei der weiteren Behandlung
besonders vorsichtig sein. Am besten geht man dann bei der nächsten In¬
jektion mit der Dosis herunter, .oder verwendet, wenn die Reaktion gar zu
gering war, das Mittel in derselben Stärke. Es besteht vielfach noch immer
die irrige Anschauung, als komme alles darauf an, Fieber zu erzeugen, ja. als
sei das event. auftretende Fieber das eigentlich Wirksame dieser Behandlung..
Das ist jedoch keineswegs der Fall, das Fieber ist nur eines der vielen Sym¬
ptome, das allerdings am deutlichsten in Erscheinung tritt.
Auf Grund vielfacher Beobachtung hat sich gezeigt, dass die Herdreak¬
tionen therapeutisch am wirksamsten sind, dass dagegen zu starke lokale
*) Zschr. f. physik. Therapie 1918.
20. Juli 192.L
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
951
und allgemeine Reaktionen unter Umständen den Besserungsprozess beein¬
trächtigen. Infolgedessen kommt, um den besten Erfolg zu erzielen, alles
darauf an. die L. und AR. bei deutlicher, aber nicht zu starker HR. abzu-
schwächen, ja ganz zu vermeiden. Ein Mittel, das diese Bedingungen erfüllt,
wird also vor anderen den Vorzug verdienen.
Leichte, aber trotzdem wirksame Herdreaktionen werden in praxi viel¬
fach übersehen, die Reizschwelle wird unbemerkt überschritten, das Mittel
bleibt unwirksam, ,,der Kranke reagiert nicht“, wie man häufig hört. Keines¬
wegs muss immer gleich die Ueberdosierung sich sofort äusserlich bemerkbar
durch deutliche und plötzliche Verschlimmerung dokumentieren. Viel unan¬
genehmer sind die nicht seltenen Fälle, in denen durch allmähliche schema¬
tische Steigerung der Dosierung die Verschlimmerung allmählich oder erst
nach Wochen eintritt, so dass dann die Kranken für jede weitere Behandlung
längere Zeit unempfänglich bleiben, ln solchen Fällen setzt man am besten
iiir einige Zeit jede Therapie aus, um dem erschöpften Körper die unbedingt
nötige Ruhe zu geben.
Die Intervalle zwischen den einzelnen Injektionen wählt man entsprechend
dem sorgfältig beobachteten Reaktionsablauf. Die Reaktionen sind zwei-
phasiger Natur, der anfänglichen Zunahme der Schmerzen und Entziindungs-
vorgünge folgt eine Abnahme derselben. Man wird daher im allgemeinen
t -5 Tage bis zu einer neuen Injektion abwarten. Am besten und einfachsten
ist die intramuskuläre (intraglutäale) oder die subkutane Applikation, während
die oft schmerzhafte intrakutane uns keine besonderen Vorteile zeigte, und die
intravenöse auf die Dauer nicht ungefährlich erscheint. Am zweckmässigsten
injiziert man intramuskulär in die Nähe der erkrankten Gelenke oder bei
Neuralgien intraglutäal. In den wenigsten Fällen wird der Praktiker Zeit
und Gelegenheit finden, die Veränderungen des Blutbildes und der Zahl der
Blutkörperchen u. a. am Krankenbett zu studieren. Ob sich überhaupt aus
der morphologischen Veränderung des weissen Blutbildes nach einer Injektion
bestimmte Richtlinien für die Art und Stärke der weiteren Dosierung herleiten
lassen, ist auch heute noch umstritten. Dagegen sollten Temperatur und,
wenn möglich, auch der Puls am Injektionstage etwa stündlich von der Um¬
gebung des Kranken aufgeschrieben werden. Eine fortlaufende Kontrolle des
Urins ist nicht notwendig, dagegen muss er vor der Injektionsserie genau
I untersucht werden.
Weitere Beobachtungen haben gezeigt, dass die besondere Indikation
iiir den gerade vorliegenden Einzelfall nicht nur die Art und Schwere der
Erkrankung abgibt, sondern vielmehr der Kranke selbst mit seiner ganzen
Konstitution und seiner Reaktionsfähigkeit auf das angewandte Mittel. Alter,
[Geschlecht und Allgemeinzustand sind daher besonders zu beachten. Leute mit
Nierenerkrankungen, schweren Herzfehlern und stärkeren Blutdruckstcige-
| langen sind von dieser Behandlung auszuschliessen. Kommt man mit dem
einen Mittel nicht zum Ziel, so geht mau nach einiger Zeit zu einem anderen
über . Wir sind eben bei der erfolgreichen Behandlung aller dieser Krankheits-
! zustande mehr oder weniger auf das Probieren angewiesen. Man wird des¬
halb auch die physikalischen Heilmittel, allerdings nicht in zu starkem Maasse,
[mit heranziehen und in ausreichender Abwechslung zur Anwendung bringen.
Immer hüte man sich, zu viel auf einmal nebeneinander zu geben. Viel Zeit
und Geduld erfordern diese chronischen Leiden sowieso. Meist wird ja
überhaupt zuerst ein Versuch mit der medikamentösen und physikalischen
Therapie gemacht, und erst, wenn diese nicht zum Ziele führen, werden weitere
Mittel herangezogen. Wer praktisch Reiz- oder Proteinkörpertherapie mit
Eriolg betreiben will, muss diese allgemeinen Grundsätze, die sich erst durch
lange Erfahrung und Beobachtung vieler unabhängig von einander arbeitender
Untersucher herausgebildet haben, gewissenhaft beachten, um vor unange¬
nehmen Zwischenfällen bewahrt zu bleiben.
An erster Stelle ist die Milch zu nennen, die im Sinne
der Rrotoplasrnaaktivierung und allgemeinen Leistungssteigerung
Weichardts schon früh bei chronischen Gelenkerkrankungen der
verschiedensten Aetiologie verwandt wurde.
Morgens werden 2 bis 5 ccm im Wasserbad gekochter Kuhmilch intra¬
glutäal oder intramuskulär in die Nähe der erkrankten Gelenke injiziert. Die
nach etwa 2 bis 4 Stunden auftretenden Reaktionen sind gewöhnlich recht
stark, besonders die schmerzhaften Infiltrationen an der Einstichstelle können
den Kranken sehr unangenehm werden, so dass man nicht über 5 ccm hinaus¬
sehen sollte. Die Temperatur steigt meist bis etwa 38 °, gelegentlich auch
höher.
Nach der parenteralen Verabreichung von Milch tritt eine allge¬
meine Umstimmung des Organismus ein, als deren Folge Entzündungen
gehemmt oder zurückgehalten werden können. Die Salizyltherapie
kann durch parenterale Milchzufuhr wirksam unterstützt werden. So
wurden von den verschiedensten Seiten Besserungen selbst alter und
hartnäckiger Fälle von primär und sekundär chronischen Arthritiden^
von Arthritis deformans, besonders aber von Arthritis gonorrhoica
beobachtet. Für den Praktiker hat die Milch ausserdem den grossen
Vorteil, dass sie überall leicht zu haben ist und sich leicht sterilisieren
lässt. Dagegenüberwiegen im ganzen die Nach teile:
Die Milch ist eine kompliziert zusammengesetzte Substanz, deren Be¬
standteile noch dazu untereinander ziemlichen Schwankungen unter¬
worfen sind. Dadurch tritt naturgemäss eine Unsicherheit in der
Dosierung ein. Ferner sind nach Milchinjektionen erhebliche Stö¬
rungen des Befindens: langdauernde Körperschwäche und Abgc-
schlagenhcit, Appetit- und Schlaflosigkeit, ferner gelegentlich Abszess¬
bildungen beobachtet worden. Menschen mit Basedow und labilem
Nervensystem scheinen bei wiederholter parenteraler Eiweisskörpcr-
*ufuhr zum Auftreten anaphylaktischer Erscheinungen disponiert zu
'ein. Im grossen und ganzen sind zwar anaphylaktische Erschei¬
nungen nach Milchiniektionen selten, immerhin sind doch mehrere
Jerartige Fälle in der Literatur beschrieben worden. Man kann sie
vermeiden, wenn man einmal nicht zu hohe Dosen (besonders An¬
tangsdosen) wählt, und dann innerhalb der negativen Phase, die ge¬
wöhnlich 7 Tage dauert, reinjiziert. Auf Grund von Tierversuchen
fanden W e i c h a r d t und Schittenhelm, dass parenterale Ei¬
weisszufuhr durch überreiche Erzeugung von Proteosen starken Zer¬
fall von Gewebselementen hervorruft und bei zu hoher Dosis pro¬
teinogene Kachexie bewirkt.
Um diesen Nachteilen der Milchtherapie einiger massen aus dem
\Vege zu gehen, kann man das Caseosan verwenden, eine in
immer gleicnmässiger Form befindliche und damit gut dosierbare
5proz. Lösung von Kasein, in dem Lindig nach experimentellen
Untersuchungen den in erster Linie wirksamen Faktor der Milch
herausgefunden zu haben glaubt.
Das Caseosan wird in der Regel intramuskulär in der Stärke von 0,2 bis
c ccm injiziert. Bei der Arthritis gonorrhoica wählt man Injektionen von
2 bis 5 ccm, bei Neuralgien und Neuritiden kleinere Dosen von 0,5 bis 1 ccm,
auch bei der Arthritis urica geht man zweckmässig nicht über 1 ccm hinaus.
ln dieser Form und Dosierung hat sieji den meisten Autoren und
auch uns das Caseosan bei manchen Fällen chron. Arthritiden, weniger
bei Neuralgien bewährt. Im Anschluss an die Caseosaninjektionen
treten ebenso wie nach der Milch und anderen Reizkörpern eine deut-
hche Euphorie und. mitunter ein gesteigertes Schlafbedürfnis bei den
Kranken auf; dabei fehlen die lokalen Reaktionen fast vollkommen.
Aber auch hier bleiben unangenehme Nebenwirkungen, wie starker
und lang anhaltender Schüttelfrost und Quälendes Erbrechen besonders
nach intravenöser Applikation (0,2 — 0,5 ccm), vor welcher deswegen
zu warnen ist, nicht immer aus.
Vom Aolan, einem keim- und toxinfreien Milcheiweisskörper, bei dem
es sich nach E. Fr. Müller um die Reizwirkung eines Eiweisskörpers auf
Knochenmark und damit auf die Abwehrkräfte des Organismus handeln
soll, haben wir bei Arthritis gonorrhoica mit 3 bis 10 ccm, intraglutäal injiziert,
ebensowenig Erfolge gesehen, wie mit A 1 b u s o 1, einem Eiweisskörper, der
keine örtliche Reaktion und keine Anaphylaxie verursachen soll, bei chro¬
nischen Gelenkerkrankungen verschiedener Aetiologie in der Dosis von 0,5 bis
3 ccm. Dagegen hat S i g I 2 Fälle von anaphylaktischem Schock nach intra¬
venöser Albusolzufuhr beschrieben, von denen der eine zum Exitus kam.
Zimmer u. a. hatten’ besonders mit dem Y atren-Kasein
gute Erfolge bei der Behandlung chronischer Gelenkerkrankungcn
und Neuralgien im Sinne der Reiztheorie Biers.
Das Yatren, eine ungiftige, in Wasser lösliche Jodverbindung des Benzol¬
pyridins, wirkt stark bakterizid und ist dabei an sich für den Körper ungiftig.
Es wird intramuskulär und auch intravenös gut vertagen und übt auf die
erkrankten Gelenke eine deutliche Herdreaktion aus, während selbst bei
giösseren Dosen L. und AR. gering sind. In seiner Verbindung mit dem
Kasein kommt es als starke (5 Proz. Kasein und 2lA Proz. Yatren) und
schwache (2‘A Proz. Kasein und 2lA Proz. Yatren) Lösung zur Anwendung.
Auch wir bevorzugen heute die Vatren-Kasein-Behandlung der
chronischen Gelenkerkrankungen, weil gerade dieses den Bedingungen,
die wir auf Grund unserer theoretischen Ueberlegungen an ein solches
Mittel stellen, am meisten entspricht. Ausserdem ist es auch bei
längerer Anwendung ungefährlicher, da es viel weniger und seltener
zu unangenehmen Nebenwirkungen führt, als die Eiweisspräparate.
Aus diesen Gründen ist es auch ganz besonders für den praktischen
Arzt zur Anwendung geeignet. Unsere eigenen Erfahrungen und teil¬
weisen Erfolge damit hat Kindt2) beschrieben. Zwar berichten
Zieler und Birnbaum über 2 mit stärkeren Dosen einer 5 proz.
Yatrenlösung (20— 25 ccm intravenös) behandelte Fälle aus ihrer
dermatologischen Praxis, bei denen im Anschluss an diese Injektionen
eine akute gelbe Leberatrophie auftrat, die zum Exitus führte. Und
auch Michael sah bei seinen gynäkologischen Fällen nach intra¬
venöser Yatrenanwendung sehr unangenehme und z. T. bedrohliche
Nebenwirkungen. Jedoch dürften diese darauf zurückzuführen sein,
dass die Lösungen vor ihrer Anwendung sterilisiert wurden und da¬
durch Spaltprodukte entstanden, die die schädigenden Wirkungen
hervorriefen. Wenn man das in Ampullen fertige Yatren-Kasein in
der unten angegebenen Dosierung verwendet, braucht man keinerlei
Zwischenfälle zu befürchten.
Bei primär und sekundär chronischen Arthritiden geben wir von YK.
schwach 0,2 bis 3,0 ccm intramuskulär, selten 0,2— 1,0 ccm intravenös0);
ebenso bei den verschiedenen Formen der Arthritis deformans. Bei der
Arthritis urica gehen wir meist über 1,0 ccm YK. schwach intramuskulär nicht
hinaus. Bei der Arthritis gonorrhoica verwenden wir als Anfangsdosis 2 bis
3 cm YK. stark, um beim ersten Mal eine kräftige Reaktion zu erzielen, gehen
dann zum YK. schwach über, das wir in Stärken von 0,5 — 1,0 ccm injizieren.
Diese Injektionen werden alle 3 — 4 Tage nach den bekannten Grundsätzen
wiederholt. Auch in einigen Fällen von hartnäckigen Neuralgien im Plexus
brachialis und im Gebiet des N. ischiadicus hat sich uns das YK. schwach
in Gaben von 0,2 bis 1,0 ccm intramuskulär bewährt. Freilich blieben da¬
nach auch wieder andere Fälle völlig unbeeinflusst. Bei reinen Neuritiden
muss man noch geringere Dosen, etwa 0,2 bis 0,5 ccm intramuskulär ver¬
wenden, da diese auf Reize ausserordentlich empfindlich sind. Die innere
Verabfolgung von Yatren hat sich uns nicht besonders bewährt.
Da die Injektionen hy per- und hypotonischer Salz¬
lösungen, von Thermal- und Meeres wasscr vielfach ähnliche
Erscheinungen hervorrufen, wie die Milchinjektionen, so sind auch sie schon
früh von den Aerzten für die Therapie nutzbar gemacht, später aber wieder
aufgegeben worden. Sogar subkutane Injektionen von Aqua destillata
stehen nach Zimmer nicht an Wirkung hinter der parenteralen Einverleibung
anderer Stoffe zurück. Vom Aachener Thermalwasser sehen wir
ähnliche Wirkungen. Es bilden sich Abbauprodukte, die als Herdreaktionen
wirken. Für die Praxis sind diese Methoden nicht zu empfehlen.
Auch von intravenösen Injektionen von defibriniertem Eigen-
b 1 u t, bei denen von vorneherein mit mehr oder weniger starken anaphylak¬
tischen Erscheinungen zu rechnen ist, müssen wir bei der Behandlung chro¬
nischer Gelenkerkrankungen abraten.
Manche Autoren berichten über günstige Erfolge bei chronischen
Arthritiden mit Sanarthrit.
Experimentell-therapeutische Befunde nach Knorpelpräparatinjektionen
führten H e i 1 n e r zu der Hypothese der gemeinsamen Aetiologie aller Arthri-
2) D.m.W. 1923 Nr. 7.
3) Vom YK. stark 0,2 — 1,0 intramuskulär. . , i
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
tiden. Diese Gemeinsamkeit soll im Versagen des von ihm so benannten
Dhvsiologischen lokalen Gewebsschutzes bestehen, durch welche bestimmte
Aiiinitäten (z. B. Harnsäure) vom Eindringen in die das Gelenk bildenden
(je webe abgehalten werden. Durch die intravenöse Applikation des Knorpel¬
extraktpräparates Sanarthrit soll die stetige Erneuerung des darniederhegenden
lokalen Gewebsschutzes auf fermentativem Wege bewirkt werden. Heilner
glaubt damit die erste kausale Therapie der chronischen Arthntiden gefunden
zu haben Wir sind jedoch mit vielen anderen Autoren der Ansicht, dass es
sich dabei keineswegs um eine spezifische Wirkung handelt, sondern dass das
Sanarthrit den unspezifischen Reizkörpern zuzurechnen sein durtte.
Das Sanarthrit wird in zwei verschiedenen Stärken intravenös injiziert.
Man beginnt mit 0,5 ccm der Stärke I und steigt bis 1 oder 2 ccm der Starke II,
ESs man Tn, Verlauf einer S.-Kur, zu der etwa 6-8 Iniekfonen gehören.
2 starke Reaktionen nach der Vorschrift HeiLners ausgelost hat. Die Re-
aktionserseheinungen sind dabei analog denen nach parenteraler Protein- oder
Reizkörperzufuhr. _
Von einem grösseren und nachhaltigen Erfolg bei aller Art chro¬
nischer Arthritiden, besonders auch bei Harnsäuregicht, durch das
Sanarthrit haben wir uns wie viele andere nicht uberzeugen können ).
Es treten wohl in einer Reihe von Fällen, wie auch sonst nach Reiz¬
körpern in unmittelbarem Anschluss an die Injektionen v orubc r -
gehende Besserungen auf, aber m e i st hielten diese nicht
lange stand, sondern verschwanden nach einigen la gen
bis Monaten wieder, auch wenn eine 2. Kur angeschlossen wurde.
Diese Erfahrungen haben wir nicht nur an unseren eigenen zahlreichen
mit Sanarthrit behandelten Kranken gemacht, sondern auch i
solchen, die anderweitig mit Sanarthrit gespritzt waren und dann i m
unsere Behandlung kamen, stellten wir auf Grund einer Rund rage
fest, dass eine anfängliche Besserung meist dem alten Zustand ge¬
wichen war. *
Von einer Kombination von Milch und Sanarthrit in Fällen von Arthri¬
tiden, die gegen Milch und Sanarthrit einzeln sich re raktar verhalten,
sahen wir auch keinen Dauererfolg. Nach dem von uns allerdings nicht ge¬
teilten Grundsatz: „Je stärker die Reaktion, um so besser und nac^aJ.'^
die Wirkung“, soll 3 Stunden nach intraglutaaler Injektion von 10 ccm Milch
noch 1 ccm Sanarthrit intravenös einverleibt werden. Man mag in e>nze'ne."
Fällen einmal damit einen Erfolg haben, auf die Dauer schadet man damit
nur6). , VT ....
Bei allen hartnäckigen Fällen von Neuralgien und Neuritiden
können wir das von D ö 1 1 k e n angegebene Vaccineurin heute
nicht mehr entbehren.
„Das Vaccineurin ist eine Mischung von an sich schwach wirkenden
Autolysaten des Bacillus prodigiosus und Staphylokokkus. Der mit dem
selben erzielte Heileffekt soll auf einer paraspezifischen Wirkung beruhen,
die als Begleiterscheinung und Folge des Zustandekommens einer spezifischen
Vaccineurlnimmunität anzusprechen ist.“
Es wird in drei Serien mit steigender Dosis intraglutaal alle
3 _ 5 Tage injiziert. Wenn wir auch nicht, wie manche Autoren, in
85 Proz der Fälle Besserung oder Heilung sahen, so empfiehlt es
sich doch auf Grund unserer Erfahrungen bei jeder hartnäckigen
Neuralgie und Neuritis anzuwenden. Misserfolge bleiben auch hier
nicht aus. Von einer Kombination von Vaccineunn und Gaseosan
sahen wir keinen besonderen Erfolg. _
Bei der Arthritis gonorrhoica soll das A r t h l g o n aktive Immuni¬
sierung und damit beschleunigten Rückgang der Entzündung erzeugen.
Es wird in steigenden Dosen von 0,5 — 2,0 ccm alle 2 Tage mtra-
glutäal injiziert. Bisher erzielte jedoch beim gonorrhoischen Rheuma¬
tismus die spezifische Vakzination keinen hervorragenden Nutzen
Die kolloidalen Silberpräparate haben auch b-i
chronischen Arthritiden mitunter günstige Wirkung gezeigt.
.Kolloidale Silberpräparate sind Suspensionen allerfeinster ultramikro-
skopischer Teilchen in Wasser. Die f?ine Vertedung wird^durch chem^chc
oder elektrische Zerstäubung erreicht. Ein Schutzkolloid meist Lumm
zusatz — verhindert die Teilchen, sich wieder zu vereinigen und meder-
zuschlagen. bei den elektrisch hergestelLten Präparaten genügt die abstossende
Wirkung ihrer negativen Ladung, um die Teilchen dauernd in der Schwebe
zu halten “ Die Erklärung ihrer Wirkungsweise ist noch umstritten. Bottner
nimmt an, dass neben dem Silber auch das Schutzkolloid wirksam sei.
Andere haben dem widersprochen.
Ihre Anwendung ist wegen der örtlichen Reizung meist intravenös,
wobei dann oft starke Reaktionen mit hohem Fieber auftreten. Bei
Vitien und Nephritiden sind sie deshalb kontraindiziert, aber auch b^i
Kindern, Jugendlichen und schwächlichen Frauen sollte man sie besser
weglassen, da mehrfach komplizierte angio-neurotische Erscheinungen
beobachtet wurden. Neben dem Kollar gol (1—2 proz.), dem
Elektrokollargol u. a. wird besonders das J odkollargoi
in 2 prom. Lösung zur intravenösen Injektion in Stärke von. 4—8 ccm
empfohlen. Die Lösungen müssen immer frisch bereitet werden.
Wegen der häufigen störenden Nebenwirkungen haben wir in letzter
Zeit diese Methode ziemlich aufgegeben, besonders da kleinere, un¬
schädliche Gaben meist unwirksam blieben.
Die Schwefelölemulsion ist von Meyer-Bisch m
Deutschland eingeführt worden. Trotz der sehr genauen experimen¬
tellen Untersuchungen dieses Autors sind wir nach unseren eigenen
Erfahrungen der Ansicht, dass sich der Schwefel in der heute üb¬
lichen Anwendungsform (Sulf. depurat. 0,01, Ol. olivar. 10,0; davon
3—5 ccm intraglutäal) wegen der unangenehmen Nebenwirkungen und
des dazu in keinem Verhältnis stehenden Erfolges für die Praxis ment
eignet (s. Wcskott: M.m.W. 1922 Nr. 18).
*) Zschr. f. nhysikal. Ther. 1922 Nr. 1.
5) Siche Klieneberger: Ther. d. Gegcnw.
Weskott im Juniheft derselben Zeitschrift.
1923 Februarheft und
Neben dem M e 1 u b r i n hat sich uns in neuerer Zeit das
Novalgin, ein Methyl-Melubrin, besonders bei fieberhaft rheuma¬
tischen Zuständen als promptes Antipyretikum und Analgetikum be¬
währt. Störende Nebenwirkungen haben wir damit auch nicht bei
vorsichtiger intravenöser Anwendung gesehen. Wir bevorzugen
allerdings jetzt mehr die orale Verabreichung in Tabletten zu 0,1— 0,2
täglich 3— 4 mal besonders zur Entfieberung und zur Linderung von
Schmerzen auch bei Neuralgien.
Von intravenösen A 1 1 r i t i n injektionen (17,5 proz. Na-Salizylikum-
lösung) in Dosen von 1 bis 2 ccm. sowie von A p y r o n (Magnesium acetylo-
salicylicum) hatten wir bei chronischen Arthritiden weder in a ablettentorn»
noch mit Injektionen Erfolge.
Dagegen haben sich uns die Kombinationspräparate: Veramon
(2 Mol Pyramidon und 1 Mol. Veronal) in Tabletten zu 0,2, das
Coffeospirin (Azetyl-Salizylsäure und Koffein) und das G o f f e o-
s p i r i n comp. (Coffeospirin und Morphium.) 2 I abletten p. d. zur
Behebung von Schmerzzuständen bei Gelenkerkrankungen und die
Gelonida antineu ralgica (Kodein-Phenazetin-Azetylsalizyl-
säure) bei Neuritiden und Neuralgien besonders bewährt.
Das Ly tophan (Phenylchinolin-Dicarbonsäure) dürfte dem Nov-
atophan und Atophan in der Wirkung ziemlich gleichkommen. Inwieweit es
auch bei chronischen Arthritiden nichtgichtischej; Natur brauchbar ist, darüber
haben wir noch keine eigenen Erfahrungen sammeln können.
Die in letzter Zeit besonders wieder von Gudzent, Vater¬
nah m u a. empfohlene Radium emanations therapie, bei der
auch hartnäckige Fälle von Arthritiden günstig beeinflusst werden
können, dürfte wohl mehr den Kliniken, Krankenhäusern und Kur¬
orten Vorbehalten bleiben.
Endlich haben wir uns zur Erzeugung und Vermehrung einer
lokalen Hyperämie vielfach der Rosmarolsalbe mit Erfolg be¬
dient, bei der wir gleichzeitig durch eine kräftig heisse Föndusche
am Ort der Einreibung diese Wirkung zu verstärken suchten.
Damit sind zwar keineswegs alle bei diesen Zu¬
ständen empfohlenen Mittel erschöpft. Gerade die
Masse der immer wieder neu auf den Markt geworfenen und bald im
Vergessenheit geratenen Präparate ist an sich der beste Beweis lür
ihre geringe Wirkung. Immerhin haben wir doch im Yatren-
Kasein, Vaccineurin, Novalgin, Veramon, Gelonida
antineuralgica und vielleicht auch im Coffeospirin eine
Reihe von allgemeiner anerkannten und bewährten Mitteln erhalten,
die sich wohl auch auf die Dauer behaupten dürften und an denen
heute der praktische Arzt bei der Behandlung chronischer Gelenx-
erkrankungen und Neuralgien nicht mehr vorübergehen kann. Die
ganze Art dieser oft schleichend verlaufenden Zustände bringt es mit
sich, dass wir dabei von vorncherein meist weniger vollkommene
Heilung, als erfreuliche Besserungen und Schmerzlinderung erwarten
dürften Wer aber mit der nötigen Kritik und Unvoreingenommenheit
an diese Behandlung herangeht, sich durch Anfangs- und Augenblicks-
erfolge nicht zu unberechtigtem Optimismus verleiten lässt, der wud
sich und seine Kranken vor Enttäuschungen bewahren, denn auch
jetzt noch müssen wir daran festhalten, dass eine grosse Reihe von
chronischen Arthritiden auch mit diesen neueren Mitteln auf die Dauei
unbeeinflusst bleibt.
Bücheranzeigen und Referate.
Karl Petren: Diabetes Studier. Gyldendalske Boghandcl
Nordisk Forlag. 1923. 958 S. , „ . ,.
Bei der Behandlung des Diabetes galt es früher als Regel, du
Kohlehydrate auszuschliessen und an deren Stelle neben erhebliche]
Mengen von Fett auch sehr reichlich Eiweissstoffe zu verabreichen
Külz z. B. gab seinen Kranken bis zu 9 Eiern am I age und 3 ma
reichliche Fleisch- und Käsemahlzeiten. Es ist ein Verdienst Nau
nyns und seiner Schule, darauf hingewiesen zu haben, dass di
Verabreichung grosser Eiweissmengen in schwereren Fallen \o
Zuckerharnruhr von Nachteil ist, weil sie zu einer erheb hchen Mehr
ausscheidung von Zucker führt. Im Anschluss an die Arbeite
Weintrauds wurden Hunger- oder Gemüsetage in die Diabetes
therapie eingeführt und die Darreichung von Eiweiss auf ein ge
ringes Maass reduziert. Zur Bekämpfung der Azidosegefahr und del
damit verbundenen Azidosis empfahlen C. v. Noorden und r a 1 1 j
die Hafer- und Kohlehydratkuren, bei welchen gleichfalls nur ein
sehr geringe Eiweissmenge gegeben wurde. Am weitesten gml
Alle n, indem er längerdauernde Unterernährung vorschlug, abd
diese führte begreiflicherweise zu einer Abnahme des Körpeigtl
wichtes und damit der Kräfte. — P et r 6 n beschäftigt sich bei seine
ausgedehnten Studien über die Therapie des Diabetes in der naijpl
sache mit den sogenannten schweren Fällen, und. er versteht daij
unter diejenigen, welche mindestens 2,4 g Zucker im Liter Blut enj
halten. Diese neue Definition für die „schwere", also gefährlicrl
Form des Diabetes muss entschieden als ein Fortschritt bezeichn'!
werden gegenüber denjenigen Definitionen, welche sich nur aut d
Zuckerausscheidung durch den Harn beziehen, denn die letztere gill
keineswegs ein zuverlässiges Bild von der Hyperglykämie url
diese ist wichtiger als der Grad der Glykosurie. Es gil(
Fälle von altem, anscheinend ausgchciltem Diabetes, bei welchem u«I
Harn keinen Zucker oder nur Spuren davon, nachweisen lässt, obwol
der Glykosegehalt des Blutes bedeutend gesteigert ist, und uies gl
Mt)NCHFNFR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
>0. Juli 1923.
namentlich auch von jetten Frille", welche mit Nephritis kombiniert
sind. PetrOn ging IvG Leinen therapeutischen Bestrebungen von
der zweifellos riehng'ep Anschauung aus, dass die Nahrung eine gc-
'itigVnde Me1' -.v von Kalorien enthalten müsse, um das EnergiebcJiirf-
Tis .!«'- Körpers zu decken und das Körpergewicht zu erhalten, Dies
gv'.üng ihm, indem er vor allem Fett in grosser Menge därbqt, meist
200 250 g pro l ag; Kohlehydrate wurden hur i\| klciüdV Menge ver¬
abreicht, und zwar ausschliesslich in FyrW Sehet Gemüse und Obst-
arten, welche kohleln dratnrih ,simf. niemals in derjenigen von Mehl
oder Kartoffeln. I)as FhfifoVgcwiclit wurde darauf gelegt, dass die
F i w e i s s / ,ii f n b j a u t ei n Mini m u m beschränkt w i r d.
Und zwar aVii Mickstoffwerte von 3—8 g. Betreu weist nach, dass
'durch jlK’sc grundsätzliche Einschränkung der Fiweissnahrung bei
'ivVi Fällen von schweren Diabetes zwei Vorteile erreicht werden:
erstens wird die Zuckerausscheidung bedeutend herabgedrückt, oft
auf Null reduziert und dadurch die Toleranzgrenze erhöht, und
zweitens wird dadurch die Gefahr des Koma sehr vermindert. Fs ist
erstaunlich zu lesen, dass es Petren gelungen ist, seine Fälle von
schwerster Zuckerharnruhr bei dieser Kost monatelang nicht nur am
Leben, sondern bei gutem Wohlbefinden zu erhalten, dass aber eine
Rückkehr zu eiweissreicher Kost alsbald die Gefahr des Komas und
nicht selten den Tod zur Folge hatte. Die ‘schweren Fälle von Dia¬
betes zeigen also, wie Petrin überzeugend nachweist, gegen eine
grössere Fiweisszufuhr eine bemerkenswerte Ueberetnpfiildliclikeit,
indem eine solche nicht nur die Zuckerausscheidung steigert Und die
Toleranzgrenze ungünstig beeinflusst, sondern vor älleiti auch die
Gefahr der Azidose mit sich bringt. Diese Tatsachen sind uns des¬
wegen verständlich, weil wir wissen, dass aus manchen Bausteinen
des Eiweissmoleküles Zucker, und aus anderen Oxybuttersäure ge¬
lbildet wird.
Die Folgerungen, welche Petr 4 II aüs einem sehr umfangreichen
und gründlich durchgearbeiteten BeobachtUngsmäterial zieht, haben
aber nicht nur grosse Bedeutung für die Thefäpie und danlit für den
Arzt, sondern sie beanspruchen auch ein hohes wissenschaftliches
Interesse. Nachdem C, Voit gezeigt hatte, dass die Kohlehydrate
in besonders hohem Maasse die Figettschaft häbeif. den Ei'weUfüms.itz
einzuschränkert, und nachdem Petrin s Ländsmanii L a n d c r g r e tt
hei eiweissärmster, aber kohlehydratreichcr Kost den Eiweissihüsdtz
hiS auf die niedrigen Werte von 2,5 bis 3,5 g Stickstoff reduzieren
könnte, hätte man aunehlnen müssen, dass bei schwerem Diabetes
Jer Fiweissuttlsatz besönders hoch sein müsse, .weil ja die Sp,ar-
| Wirkung der Kohlehydrate wegfäll't. P e t r 6 n wies nach, dass dies
.'in Irrtutn sei und dass es vielmehr beim Diabetiker gelingt, durch
[reichliche Fettkost und bei einer Kohlehydratdarreichung von 40 g
and weniger dasselbe Stickstoffminimum zu erreichen wie bei Ge¬
sunden nach kohlehydratreicher Kost. Lauter war auf meiner
Klinik imstande, diese Resultate Petrens zu bestätigen. Ja selbst
tu solchen lagen, wo die Diabetiker hungerten oder nur Fett als
Nahrung erhielten, sank die Stickstoffausscheidung durch den Harn
auf so niedrige Werte, wie sie bei Gesunden fast nie erreicht werden.
Dies ist um so bemerkenswerter, weil beim gesunden Menschen in
lungertagen die Stickstoffausscheidung erheblich höher zu sein pflegt
tls an solchen mit kohlehydratreichcr, aber eiweissärmster Frnäii-
ung. Nach Landergrens Vorgang hatte icli diese Steigerung
Jes Fiweissumsatzes im Hunger dadurch zu erklären versucht, dass
in Hunger die Sparwirkung der Kohlehydrate in Wegfall kommt, i nd
lass zur Frhaltung eines normalen Blutzuckergehaltes eine erhöhte
'uckerbildung aus Eiweiss und damit eine Steigerung des endogenen
üweissumsatzes eintritt. Diese Annahme muss also auf Grund von
Jetrens Untersuchungen einer Revision unterzogen werden, und
;s scheint, dass nicht so sehr die Zucker verbrenn u n g mass-
;ebend sei für die Höbe des Eiweissumsatzes, sondern vielmehr der
-ucker g e h a 1 1 des Blutserums. Sinkt dieser beim Gesunden im
Junger, so steigt der Fiwefssumsatz, ist er aber erhöht, wie es bei
schweren Fällen von Diabetes die Regel ist, so fällt die Notwendig¬
keit einer Zuckerbildung aus Eiweiss fort, und es ist somit die Höhe
les Blutzuckergehaltes massgebend für die Erhaltung des Eiweiss¬
unsatzes auf den niedrigen Werten des Stickstoffminimums. —
Wesentlich anders liegen die Verhältnisse bei der Azidose und somit
ler Komagefahr. Bekanntlich treten die Azetonkörper, d. h. vor allem
lie Oxybuttersäure, beim Gesunden und noch mehr beim Diabetiker
lunn auf, wenn eine kohlehydratfreie Nahrung gegeben wird, und sie
assen sich nicht nur beim gesunden Menschen, sondern auch oft beim
Habetiker durch Darreichung von Kohlehydraten rasch beseitigen,
ind dementsprechend galt es als Regel, bei drohender Azidose die
trenge, d. h. kohlehydratfreie Kost sofort zu verlassen und ohne
Rücksicht auf die Mcliturie Kohlehydrate darzureichen. Diese Lenre
lat aber nur in beschränktem Umfang Gültigkeit. Denn sie versagt
ii jenen schwersten Fällen von Diabetes, wo die zugeführten Kohle-
l.vdrate vollständig wieder als Zucker im Harn erscheinen. Wenn
[as Verbrennungsvermögen des Körpers für Zucker gänzlich dar-
üederliegt, dann kann auch durch eine reichliche Kohlehydratzufuhr
las aiisbrechende Koma nicht mehr verhütet oder unterdrückt wer¬
ten. Hier schützt also der hohe Zuckergehalt des Blutes, der bis zu
g und mehr im Liter betragen kann, nicht vor dem tödlichen Koma,
ind cs muss der Schluss gezogen werden, dass das Auftreten und die
gefahrdrohende Anhäufung der Oxybuttersäure im Blute nicht ;,b-
ängig ist von der Höhe des Blutzuckerspiegels (und damit der
vohlehydratzufuhr jn der Nahrung), sondern vielmehr davon, ob eine
953
genügende Verbre n u u u g des Blutzuckers noch zustande kommt
(„Die Azetonkörper verbrennen am Feuer der Kohlehydrate“.)
Pet r6n hat also auch hier den richtigen Weg gewählt, indem er bei
drohender Azidose die Eiw^issmeiige in der Nahrung., damit den EU
weistsuiiisiitz mul into|geilessen.alicli (lie ,B I 1 il u u g der A/.elonkörpc
ätls ’Jcii rhweissbausteinen aut ein Minimum reduzierte. Ff koiitlfc
nachweisen, dass entgegen der landläufigen Anschauung die reich¬
liche Fettkost n i e h t zur Erhöhung der Azetonwerte Veranlas¬
sung gibt.
Das Buch von Petren bietet eine Fülle neuer Gedanken und
Anregungen, vor allem aber auch wichtige Winke für die Behand¬
lung des schweren Diabetes: es bedeutet einen wirklichen Fort¬
schritt in der Kenntnis dieser Krankheit. Die Tatsache, dass der Alt¬
meister der Diabeteslehre, Bernhard Naunyn, die Vorrede ge¬
schrieben hat, spricht dafür, welchen Wert wir den Studien Petrens
beizulegen haben. Jeder, der sich ernstlich mit der Lehre vom
Diabetes beschäftigt, müsste dieses Buch lesen und seine Tabellen
durcharbeiten. — Um so mehr ist es zu bedauern, dass das umfang¬
reiche Werk In schwedischer Sprache publiziert Ist, welche nur für
eine sehr geringe Zahl deutscher Forscher verständlich sein dürfte.
Diejenigen aber, Welche der schwedischen Sprache nicht mächtig
sind, Selen darauf hingewieseii, dass iii der Sammlung zwäriglöseK
Abhandlungen aüs dein Gebiet der Verdäüiings- Uiid Stoffwechsel-'
kränkheiteri von Albu uhd.Strau.ss sowie in deii Acta _ frieaicH
Aküiiüiilaviea Suppielnentuiii 3 ujid.iii den Verhandlungen des 34. Kon¬
gresses der Deutscher! GekellÜcliait für innere Medizin von Petren
Auszüge aüs Seinein Büch in deutscher und französischer Sprache
veröffentlicht würden sind*). Friedrich M ü 1 1 e r - München:
A. Bostroem: Der amyostatische Symptoinenkomplex. Kfi-
hisciie Untersuchungen unter Berücksichtigung allgemein patho¬
logischer fraieil. . Heft 33 der Monographien a. d. Gesamtgeb. d.
Neurol. ü. Psyeh.; heräusg., voll 0. Foer s t e r und K, WJ 1 1 jn a n n s.
Mit 12 AbbildutigeiL herliii, Julius S j3 r i n g e f; 1922; 205 S. Preis
Gr. 2. 8 M.
. Di? Büch behandelt auf Grund vieljähriger eigener Beobachtungen
iüi,d Untersuchungen Bo s t r o e rn s: an den Kliniken von M. Nonne,
Kleist, Rosenfelh und Bumke das ganze so aktuelle Gebiet,
das iii die drei grossen . Kapitel der Athetose, der Chorea und der
Parkinsöri-Westp ha 1- St r ii m p e 1 1 - W i 1 S o n schen: Krank-
heitsgrnppe geteilt wird. ,B. bringt nur eigene Fälle und entgeht damit
der Gefahr der Monographie, allzu breit und oft, fremde Beobachtungen
referieren zu müssen. Seiner Forschungsrichtung entsprechend legt
er das Hauptgewicht auf die klinischen und symptomatologischen Ge¬
biete dieses neurologischen Neulands. Er versucht, mit möglichster
Schärfe die Begriffe und den Mechanismus der gesamten Motilitäts¬
störungen zu analysieren. Er kommt übrigens zu dem Resultat, dass
weder bei der idiopathischen Athetose. noch. bei der Chorea flitih
lokalisatorisch sicher begründete Theorien zurzeit möglich sind. Gul
und fein ist die Differenzierung zwischen der Motilitätsstörung der
Chorea rninor und der Chorea chronica, deren Unterschiede er durch
die der letzteren eigenen striären Beimengung erklärt. Häufigkeit und
Eigenart der hereditären Huntington sehen Chorea scheinen dem
Ref. übrigens etwas unterschätzt. Sehr richtig und einer breiteren
Ausführung bedürftig erschien mir die Heranziehung des wichtigen
konstitutionellen genetischen Momentes bei der Chorea mifiör. EtWää
zu kurz kommt die Paralysis agitans selbst weg. Es wäre wohl rieh»
tiger gewesen, ihr, die sich mindestens so prinzipiell voii der West-
phal-Wilson - Krankheit unterscheidet, wie die chronische Choreä
von der Athetosis duplex, ein Sonderkapitel zu widmen. Mit Recht
kommt Bostroem zu dem Resultat, dass die früher übliche Tren¬
nung der Pseudosklerose von den eigentlichen Wilsonfällen nicht mehr
möglich sei, da zu viele Mischformen beider beobachtet seien; auch
pathologisch-anatomisch ist eine strenge Trennung nicht mehr statt¬
haft. Nur der Kaiser-Fleischer sehe Hornhautpigmentringsoll
nur bei Wilson Vorkommen. B. fasst beide Formen als Folgeti
einer einheitlichen n r i m ären Lebererkrankung auf, eine Auffassung,
die aber noch durch vielfache anatomische und klinische Erfahrungen,
'•ielleicht auch durch das Experiment bewiesen werden müsste. Der
Parkinsonismus nach Enzephalitis, ein ungemein wichtiges Kapitel,
konnte, da die Arbeit bereits im wesentlichen im Juli 1921 abge¬
schlossen war. natürlich nicht mehr berücksichtigt werden.
Alles in allem eine sehr klare, ideenreiche, aber doch gewissen
hypothetischen Ueberfeinheiten (wie. sie gerade dies Kapitel in der
Literatur gezeitigt hat) aus dem Wege gehende Arbeit, die einen
wichtigen Abschnitt in der Kenntnis dieses interessanten, neuesten
Kapitels der Neurologie bedeutet. H. Curschmann - Rostock.
Die klinische Diagnose der Herzbeutelverwachsung (Fibrechia
cordis) von Prof. Dr. G. L. Sacconaghi. Primararzt des Bürger-
hospitals in Brescia. 1923. Verlag von K. Kabitzsch, Leipzig.
Grundpreis 3 M. 225 Seiten.
„Beobachtung, Wahrnehmung, ohne Idee ist vergebens“ — dieses
ausgezeichnete und jedem Mediziner als Leitstern bestimmte Wort
hat den ebenso gelehrten, als gründlich vorgehenden Autor in seinem
Bestreben geführt, hier ein Werk zu schaffen, das über das klinische
und pathologisch-anatomische Geschehen bei der Herzbeutelentzün-
dung den breitesten Aufschluss geben soll, und zwar unter Hinzu-
*) Das Buch befindet sich in der Bibliothek des Aerztlichcn Vereins
München. Schrftl.
954
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 29.
fiigunK vieler eigener, auf klinischer Beobachtung und auf Autopsien
beruhender Erfahrungen. Die 8 Kapitel des Werkes erörtern nach
Darlegung der Schwierigkeiten, aber auch des Nutzens der Diagnose
dieser Erkrankung und einer subtilen Definition der „Fibrechie“ die
klinischen Momente und nach einem historischen Rückblick die ein¬
zelnen Zeichen der Affektion, schliesslich ihre Gesamtheit und geben
statistisch-ätiologische Daten über die Herzbeutelverwachsung, um
die Diagnose hieraus zu destillieren. Wir sind nicht der Meinung des
Verfassers, dass ein zusammenfassendes, knappes und klares Kapitel
über die Diagnose nach kritischer Prüfung des ganzen Aufbaues ihrer
Elemente überflüssig erscheinen würde. Die Verwertbarkeit des
Werkes für den einfachen Arzt würde dadurch vielmehr erleichtert
und gesteigert worden sein. Denn es verlangt viel Zeit und Liebe
zur Sache, sich in den Stil des Werkes einzulesen und das Prak¬
tisch-Substantielle herauszuholen. S. legt grossen Wert darauf, für
das ganze Kapitel der Herzbeutelentzündung eine minutiös aus¬
gearbeitete Nomenklatur zu schaffen. Schon recht, aber zu weit ge¬
trieben, verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks. Welcher Leser wird
an Wortbildungen eine Freude oder zunehmende Klarheit empfinden,
wie: Asynechiale Antikardialperiechie, synechio-asynchoresische
Kardiokatechie, oder an den Zeichen der „synechio-prosechialen
Kardiosubkatechie“ usf.? Das ganze Werk ist belebt von solchen
neuen Wortungetümen, von denen die Sache selbst fast erdrückt
wird, ohne dass ihrer Darstellung unseres Erachtens in dem von Verf.
gewünschten Maasse gedient wäre. Davon abgesehen, geht die Er¬
örterung alles mit menschlichen Sinnen bei der Herzbeutelentzündung
Wahrnehmbaren in einer streng kritischen Weise ins einzelne, wie
über die Veränderungen des Spitzenstosses und anderer pulsatori-
scher Erscheinungen in der Herzregion im Anschluss an Herzbeutel¬
verwachsung, die auftretenden Geräusche, die Pulsanomalien, die
Erscheinungen allgemeiner Zirkulationsstörungen usf. Wer sich also
durcharbeitet, wird manchen Gewinn von der exakten Arbeit des
italienischen Kollegen einheimsen. Dass in den Lehrbüchern der
Gegenstand zum Teil nicht eingehend behandelt ist, z. I . vielleicht¬
auch nicht einmal sachlich einwandfrei, darin wird man dem Verf.
recht geben können. G r a s s m a n n - München.
Erich Sonntag: Grundriss der gesamten Chirurgie. Ein
Taschenbuch für Studierende und Aerzte. 2. Auflage. Berlin, Julius
Springer, 1922.
Der Verfasser bringt das seinem Lehrer Payr gewidmete vor¬
treffliche Buch heute in einer stattlich erweiterten 2. Auflage. Er
hat seine Seitenzahl von 810 auf 937 vermehrt und seinen Inhalt nicht
nur quantitativ sondern insbesondere auch qualitativ einer weiteren
Vollendung entgegengeführt. Es ist eine gründliche Modernisierung
erfolgt, welche nach Aussage des Verf. zum Teil auf Anregung be¬
freundeter Chirurgen zurückzuführen ist, und welche in Umarbeitung
vieler Kapitel und im Hinzufügen sehr zahlreicher, besonders wich¬
tiger neuer Abschnitte besteht.
Ebenso wie bei der ersten Auflage darf man auch heute wieder
die staunenswerte Fülle wissenschaftlichen Materials anerkennen,
welche auf engstem Raume zusammengedrängt ist. Nur grösstes kri¬
tisches Verständnis für jedes der beschriebenen Krankheitsbilder ist
zur Bewältigung einer solchen Aufgabe imstande, besonders da denk¬
bar grösste Vollständigkeit angestrebt war. Ich glaube, man darf
ohne Einschränkung sagen, dass ein vollständigeres Kompendium
der Chirurgie nicht denkbar ist. Es wird in dieser vortrefflichen
Form seine Aufgabe ausgezeichnet erfüllen, dem bereits Erfahrenen
eine rasche Orientierung über jedes einzelne Kapitel zu bieten. Als
ein Lehrbuch für Anfänger kommt es natürlich nur in Ergänzung des
klinischen Vortrages oder in Ergänzung umfangreicherer Lehrbücher
in Frage. Ich wünsche dem ausgezeichneten Buche abermals die
weiteste Verbreitung. Schmieden- Frankfurt a. M.
Dr. Ccmach: Chirurgische Diagnostik. 3. und 4. Auflage.
J. F. Lehmanns Verlag, München, 1923. Preis: Kart. 14 M., geb.
17 M. als Grundpreis, vervielfacht mit der jeweils geltenden Buch-
handl.-Teuerungszahl.
Der schöne Erfolg dieses Buches — die 2. Auflage, 1921 er¬
schienen, war schon im Sommer 1922 vergriffen — hat dem Ver¬
fasser Gelegenheit gegeben, in der vorliegenden neuen Auflage
weitere Verbesserungen anzubringen. Lehrreiche neue Abbildungen,
besonders gute Röntgenbilder, sind neu eingefügt. Das Buch ent¬
hält jetzt 126 Tafeln mit 542 schwarzen und farbigen Abbildungen
sowie 108 Tabellen. Zur raschen Orientierung in der Praxis sowie
als Ergänzung des klinischen Unterrichts ist das Buch sehr geeignet.
Man erkennt aus dem Ganzen, dass der Verfasser über eine gute
chirurgische Schulung und reichliche eigene Erfahrung verfügt und
überall das anatomische bzw. pathologisch-anatomische Verständnis
der Erscheinungen als Grundlage nimmt. H e 1 f e r i c h.
A. Heiduschka: Oele und Fette in der Ernährung. Heft 3
aus der Sammlung „Die Volksernährung“. Julius Springer, Berlin
1923. 34 Seiten. Gz. 0.60 M.
Ueber Oele und Fette, wie sie im Haushalt gebraucht werden
und welche Rolle sie in der Ernährung spielen, ist man in der Be¬
völkerung meist wenig unterrichtet. Man kennt wohl einzelne wich¬
tige Vertreter und ihren Gebrauch, aber nicht wie unbedingt not¬
wendig sie zur Erhaltung des Körpers sind. Eine zusammenfassende
Uebersicht, wie sie uns der Verf. in der vorliegenden kleinen Schrift
gibt, war daher sehr gerechtfertigt. Sie gibt dem Leser einen Ueber-
blick über alle in der Küche und im Hausgebrauch verwendeten Fette
und Oele, erläutert ihr Vorkommen im Tierreich und Pflanzenreich,
erklärt ihre Entstehung und Gewinnung und bespricht ihre physio¬
logische Bedeutung. Ein besonderes Kapitel ist der Margarine und
dem Kunstspeisefett gewidmet und ebenso der Frage über die ge¬
härteten Oele. Zum Schluss bespricht der Verf. die Fettsynthese
und die möglichen Aussichten, auf biologischem Wege zu Fett zu
gelangen. Einem weitgehenden Bedürfnis zur Orientierung ist damit
Rechnung getragen und so wird die klare und sachlich geschriebene
Schrift eine wohlwollende Aufnahme finden.
R. 0. Neumann - Hamburg. .
Dr. Otto v. F r a ii q u e - Bonn: Folgen der Kriegs- und Nach¬
kriegszeit iiir Mutter und Kind. Bonn 1923. Verlag von Ludwig
R ö h r s c h e i d.
Die Rektoratsrede berichtet in spannender Schilderung von den
schweren Einwirkungen des Krieges auf Mutter und Kind vom
Standpunkte des Geburtshelfers aus. Zwar ist nirgends eine Schädi¬
gung des Keimes oder eine Aenderung der Konstitution zu bemerken,
weder beim Kind, noch bei der Frau, wohl aber zeigt sich der
Schaden bei den Kindern in der schlechteren Entwicklung während
der ersten Lebenswochen, hervorgerufen durch die ungenügende
Ernährung der Mutter und die dadurch herabgeminderte Stillfähig¬
keit: bei den Müttern weiterhin in der enormen Zunahme der Todes-
und Erkrankungsfälle an Puerperalfieber, an Grippe und Tuberkulose,
an der Zunahme der Eklampsien und anderer Geburtsstörungen. Die
bedeutsame Schrift sollte jeder Arzt kennen.
Hecker- München. 1
Zeitschriften - Uebersicht.
Zeitschrift fiir klinische Medizin. Bd. 96. Heft 4 — 6.
H. Schade und H. Menschei: Ueber die Gesetze der Gewcbs-
qucllung und ihre Bedeutung fiir klinische Fragen (Wasseraustausch im Ge¬
webe, Lymphbildung und Oedementstehung).
Im Anschluss an frühere Mitteilungen berichten die Verf. an Hand zahl¬
reicher und sehr instruktiver Kurven und Tabellen über neue experimentelle
Erfahrungen bei Bindegewcbsquellungsversuchen. Die Bindegewebsquellung
ist bedingt durch eine Quellung der Gewebsbestandteiie. also der Binde¬
ge websgrundsubstanz (Versuchsobjekt: Nabelschnur) und der kollagenen
Faser (Versuchsobjekt: Sehne); als drittes Versuchsobjekt dient das beide
Bestandteile enthaltende Unterhautbindegewebe.
Bei Säure- und Alkalibeeinflussung wirken die beiden Hauptbestandteile
des Bindegewebes ehenso als Quellungsantagonisten wie sich auch im Blut
ein entgegengesetztes Verhalten der Wasserbindung zweier wichtiger Be¬
standteile zeigt (rote Blutkörperchen und Serumeiweisse). Wenn auch
osmotische (und in den Versuchen autolytische) Vorgänge zu beachten sind,
so sind allein damit die Acnderungen und Wasserbewegungen nicht zu er¬
klären. Die wichtigsten Ursachen des wechselnden Quellungszustandes sind
in dem Kolloidgehalt (Eiweisskonzentration) und der Ionenkonzentration der
Aussenlösung zu suchen. Nabelschnur und Untcrhautzellgewebe, in Serum
mit steigenden Zusätzen von Scrumalbumin gebracht, zeigen hier ein gleich¬
sinniges Verhalten. Wie aus Pressquellversuchen an Unterhautzellgewebe in
Serum und an Nabelschnur in Normosallösung hervorgeht, besteht auch eine
ganz erhebliche Abhängigkeit des Wassergehaltes im Gewebe vom mechani¬
schen Druck. Drei Faktoren sind es vor allem, die auch im Versuch den
vorn Körper her eigenen Quellungs'zustand, die „Quellungseinstellung“ des
Gewebes, zu erhalten vermögen: Die Ionenkonzentration und der Kolloid-
gelnilt der Aussenlösung, sowie ein der natürlichen Gewebsspannung ent¬
sprechender mechanischer Druck. Eine Aenderung jedes dieser Faktoren
vermag die Quellung weitgehend zu beeinflussen, u. U. sogar eine Entquellung
des Gewebes bis unter die Norm herbeizuführen. Die durch die Kolloide
bedingte flüssigkeitsanziehende Kraft eines kolloiden Systems, der Quellungs¬
druck. ist abhängig Vom Wassergehalt der Kolloide und ausserordentlich
schwankend von vielen Atmosphären bis zu Werten, die dem Nullpunkt nahe
sind. Diesen durch Kolloidwirkung hervorgerufenen Druck möchten die Verl
in Gegenüberstellung zum osmotischen als „onkotischen“ (oyxoui — aufblasen
schwellen) bezeichnet wissen. In Anwendung der experimentellen Ergebnisse
auf die Frage der Qedemgenese unterscheiden die Verf. drei Typen vor
Oedemen; Stauungs- oder mechanische Oedeme, Quellungsödeme, auch ah
Alkali- oder onkotische Oedeme zu bezeichnen, und drittens osmotische odei
Entzündungsödeme. .
R. Meyer-Bisch und F. Stern; Ueber Leberfunktionsstorunger
bei epidemischer Enzephalitis. ... „....
Die Urinuntersuchung mit Schlesingers Reagens fiel in 11 rüllet
von chronischer progressiver Enzephalitis positiv aus. Nach Lävulosedar
reiehung wurde bei 6 Fällen die Urobilinurie stärker. Die mit Fehling
scher Lösung angestellte Reduktionsprobe war in einigen Fällen stark
positiv. ... _
Friedrich K auf f mann und Heinz Kalk: Untersuchungen über Font;
und Ausbreitung der lokalen Gefässreaktion und ihre Beziehungen zu den
spinalen Hautbezirken. .
Es wurden Beobachtungen gesammelt über Form und Ausbreitung ae
lokalen Gefässreaktion nach intrakutaner Injektion von 0,5 ccm Caseosan
Eine Beziehung der Ausbreitung zur Spaltrichtung der Haut liess sich nu
in grösseren Hautscgmentgebicten feststellen. Wie die Applikation voll
Quaddeln in die Nähe der ventralen und dorsalen Mittellinie des Körpers
in die Nähe der V o i g t sehen Grenzlinien und der Grenzlinien der spinale j
Hautsegmente erwies, pflegen diese Linien von der lokalen Gefässreaktion
nicht überschritten zu werden. In dem von einem Herpes zoster befallenen
Hautsegment verläuft die lokale Gefässreaktion weniger ausgedehnt un
kürzer dauernd als an entsprechender Stelle auf der gesunden Seite. AI
Ursache dieser Erscheinung nehmen die Verf. beim Herpes eine irritativd
Beteiligung der segmentären Zentren der Gefässinnervation an mit eine 1
Ucbercrregbarkcit der Vasokonstriktoren und einem erhöhten Tonus de ■
kleinen Gefässe als Folge. Die kleinen Gefässe innerhalb eines segmentäre I
Hautbezirkes bilden eine gewisse funktionelle Einheit.
20. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
955
J. Wc ick sei: lieber die Beeinflussung des Blutbildes durch Reiz¬
körper.
Verf. berichtet über Blutbildveränderungen nach Caseosan-, Ag. Caseo-
san- und Elektrokollargolinjektionen bei Menschen. Hunden und Meer¬
schweinchen. Die Injektionswirkung hängt ab von der Dosierung und in hohem
Maassc von dem Individuum;. so reagierten Lungenkranke am empfindlichsten,
chronische Rheumatiker sehr schwach. Die Art der Erkrankung spielt eine
Rolle; welches Gewebe getroffen werden soll, ist bei der Reizkörpertherapie
nicht gleichgültig. Dass auch sehr grosse Eiweissmengen vertragen werden,
zeigt die ohne ernstere Folgen gebliebene intravenöse Injektion von 20 ccm
Caseosan bei einem Hunde. Die Wirkung der verwendeten Präparate scheint
dem Eiweissgehalt parallel zu gehen.
Joseph Vorschütz: Worauf beruht das Wesen der einfachen wie der
Gruppen-Hämagglutinatlon und die verschiedene Ladung der roten Blut¬
körperchen?
N-Bestiminungen gewaschener roter Blutkörperchen mittels Makrokjel-
dahl ergeben bei 41 Kranken Werte, die zwischen 4,2 und 5.3 Proz.
schwanken. Die Blutkörperchen mit dem höchsten N-Gehalt konglorncriercn
und senken sich schnell, während die mit niedrigem nur ganz allmählich
sedimentieren. Der Eiweissgehalt bestimmt die verschiedene quantitative
Ladung der roten Blutkörperchen; damit ist der Eiweissgchalt von hoher
Bedeutung für Blutkörperchensenkungsphänomen und Agglutinationsreaktion.
Ernst Martin Fuss: Das vollständige Dlfferentlalleukozytenbild (Härao-
granim) lin Puerperium.
In 21 Tabellen gibt der Verf. von ebcnsovielen Frauen die Leukozyten¬
kurve aus einem Zeitraum von wenigen Tagen vor der Entbindung bis etwa
14 Tage danach. Leider fehlen in einem Drittel der Fälle die Gesamtzahlen
der Leukozyten. Verf. findet vor und unter der Geburt eine Verminderung
der Eosinophilen und Lymphozyten. In einigen Fällen fehlen die Eosino¬
philen trotz hoher Gesamtzahlen völlig. Nach der Geburt tritt wieder eine
Vermehrung beider Zellformen ein, zuweilen kommt es zu einer vorüber¬
gehenden Ueberkompensation. Bei den Neutrophilen wird eine ausge¬
sprochene Linksverschiebung unter der Geburt beobachtet; aber schon vom
zweiten Wochenbettstage ab beginnt bei normalem Verlauf die Rückver¬
schiebung. Bleibt diese aus oder tritt sogar eine erneute Linksverschiebung
auf, so ist irgendeine Komplikation zu befürchten.
J. T i 1 1 g r e n: Beiträge zur Klinik der Pneumonia crouposa. Zur Frage
eines Konstltutlonalismus des Pneumonikers.
Die Pulszahl ist bei 70 Pneumonien während der Fieberperiode und
nach Abfall der Temperaturen festgestellt, während der Konvaleszenz die
Magensaftsekretion untersucht; in neun Fällen wurden subkutane Adrenalin-
injektionen ausgeführt. In dem Ergebnis seiner Untersuchungen — keine allge¬
meine Beschleunigung des Pulses, eher eine Verschiebung nach der brady-
kardischen Seite, freie Salzsäure im Magensaft und geringer Einfluss des
Adrenalins auf den maximalen Blutdruck — sieht der Verf. den Ausdruck
einer gewissen \ agotonischen Konstitution. Es ist denkbar, dass diese einen
dispositioneilen Faktor bildet für die pneumonische Erkrankung.
P. Wels: Ueber die Stellung des Röntgen Verfahrens in der klinischen
Diagnostik und Prognostik der Lungentuberkulose.
Die ausgeprägte und mit grosser Regelmässigkeit auftretende Binde-
gewebsentwicklung in dem Lymphstromgebiet des tuberkulösen Primär-
i komplexes der Lunge ruft häufig charakteristische Veränderungen des
Röntgenbildes hervor. Diese gestatten oft eine Diagnose der Frühtuber-
: kulose zu einer Zeit, wann andere klinische Untersuchungsmethoden un¬
sichere oder negative Resultate geben. Was auf dem einzelnen Bild nicht
zum Ausdruck kommt, das lehren zuweilen Serienaufnahmen. Bei idealer
Röntgentechnik kann diese röntgenographische Entwicklungsdiagnose ein
wichtiges Hilfsmittel sein zur Frühdiagnose der Tuberkulose.
Bei der Spätform der Tuberkulose gilt es im Röntgenbild die Haupt¬
formen der Hcrdbildung an ihrer Schattengebung zu erkennen. Verf. ist
von der prinzipiellen Durchführbarkeit der feineren röntgenologischen Herd-
! Charakteristik überzeugt. Das Röntgenverfahren ist hinsichtlich der Fest¬
stellung der Form der Tuberkulose den übrigen klinischen Untersuchungs¬
methoden überlegen; sein Hauptwert beruht aber darauf, dass — unter der
Voraussetzung einer idealen Röntgentechnik — durch eine Bilderserie ein
Fortschrciten oder Stillstehen des Lungenprozesses mit einer Sicherheit er¬
schlossen werden kann, die andere Untersuchungsmethoden übertrifft. Aus
den vorsichtigen Einschränkungen der vom Verf. auf das Lungenröntgenbild
aufgebauten Prognostik geht hervor, dass auch Serienaufnahmen nur im
Verein mit einer guten klinischen Beobachtung eine brauchbare Handhabe
von prognostischem Wert darstellen. Ein anschauliches Bildermatcrial ist
der Arbeit beigegeben.
August Arrak: Ueber die Blutdruckschwaukungen bei Nierenkrank¬
helten und ihre Ursachen.
Bei Kranken mit akuter und chronischer Glomerulonephritis, mit
Schrumpfniere und essentieller Hypertension wurden bei morgendlichen und
abendlichen Blutdruckmessungen tägliche, periodische Druckschwankungen
i beobachtet, die eine gewisse Achnlichkeit zu dem Verhalten der Temperatur
i zeigen. Besonders ausgeprägt sind die Schwankungen bei akuter Glomerulo¬
nephritis und bei essentieller Hypertension. Geistige Anstrengung und
körperliche Arbeit, auch Gemütsbewegungen (Schmerzreize) beeinflussen
den Blutdruck der Nierenkranken nicht stärker als den des Nierengesunden.
Aenderungen der Ernährung sowie die Nahrungsaufnahme selbst riefen eben¬
sowenig eine Blutdrucksteigerung hervor wie Kochsalzzulagen oder Wasser¬
zufuhr. Im warmen Bade wurde eine mehr oder weniger erhebliche Blut-
drueksenkung beobachtet, die 1 — 3 Stunden anhielt, sofern die Kranken warm
zugedeckt im Bett gehalten wurden.
Erich Meyer und Robert Meyer- Bisch: Weitere Mitteilungen
über Diabetes insipidus.
Es wird neues Beobachtungsmaterial an zwei Fällen beigebracht zu der
von den Verf. aufgestellten Hypothese, dass beim Diabetes insipidus gleich¬
sinnige NaCI-Austauschstörungen zwischen Niere und Blut einerseits und
anderseits zwischen Blut und Gewebe bestehen. In dem einen Falle handelt
es sieh um einen akut einsetzenden traumatischen Diabetes insipidus bei
einem 23 jähr. Mann. Es sind hier Durstversuche und Kochsalzbelastung
durchgeführt, mit und ohne gleichzeitige Pituglandolinjektionen. Der Fall
ist charakterisiert durch eine fehlende Pituglandolwirkung, durch die Re¬
tention messbarer NaCl-Mengen im Durstversuch und das Fehlen einer
zwangsläufigen Polyurie — ein Verhalten; das allein aus einer renalen
NaCI-Konzentrationsstürung heraus abgeleitet werden kann. Nach zwei¬
monatiger stationärer Beobachtung wurde der Kranke ungeheilt entlassen.
Gelegentlich einer Nachuntersuchung etwa zwei Monate später konnte bei
Wiederholung der Versuche keine Störung der Kochsalzelimination nachge¬
wiesen werden. Auch subjektiv war der Kranke gesund.
Der zweite Fall betrifft, im Gegensatz zum vorigen hypochlorämischen,
einen Diabetes insipidus von hyperehlorämischem Typ bei einem 21 jähr.
Mädchen. Ausgedehnte Paralleluntersuchungen zum erstgeschilderten Fall
werden auch hier in Tabellenform wiedergegeben und besprochen. Im Durst¬
versuch und nach Kochsalzbelastung ist neben der Ausscheidung auch der
Blutkochsalzspiegel, Serumeiweiss, Hämoglobin und die Zahl der Roten be¬
stimmt; ausserdem wurde die Wirkung von Aderlässen und der Einfluss von
Pituglandolinjektionen studiert. Im Durstversuch zeigte sich kein Anstieg
des Blut-NaCl-Spiegels, nach NaCl-Belastung wurde eine stärkere und länger
dauernde Hyperchlorämie beobachtet als beim Normalen. Durch Aderlässe
konnte die bestehende Hyperchlorämie beseitigt werden. Pituglandolinjek-
tionen bewirkten einen gesteigerten Zustrom von NaCl aus dem Gewebe ins
Blut. Es wird die Hypothese aufgestellt, ob nicht beim Diabetes insipidus
eine Ausscheidungsstörung der Niere überhaupt das Primäre ist. Durch die
Tendenz zur Retention kann sich unter Umständen die irreparable Regu¬
lationsstörung im Austausch zwischen Blut und Gewebe entwickeln.
Georg Heinrich Nick: Studien über die Bewegungen des gesunden
und des kranken Magens.
Magendurchleuchtungsbefunde bei 33 Kranken, die je zwei Kontrast¬
mahlzeiten im Abstand von 1 — 2 T;fgen erhalten hatten. Der erste Brei
(10 g Kartoffelmehl werden mit einem halben Liter Wasser kalt angerührt
und nach Zusatz von 15 g Kakao und drei Saccharintabletten unter stetem
Umrühren zum Kochen erwärmt; nach dem Kochen werden 180 g Barium¬
sulfat zugesetzt und gieichmässig verquirlt) ist dünnflüssig, sahneartig. Der
zweite Brei, der sich hinsichtlich seiner Zusammensetzung nur durch die
Kartoffelmehlmenge (18 g) von dem ersten unterscheidet, ist zäh, dickflüssig.
Die Beobachtungsresultate sondert der Verf. in drei Gruppen, ln der ersten
Gruppe (8 Magengesunde) ist die Entleerungszeit bei beiden Breien gleich;
eine Aenderung des Bewegungsmechanismus wird nicht beobachtet. Die
zweite Gruppe (magengesunde Frauen, Frauen von asthenischem Typ) zeigt
ein deutliches Nachlassen des Tonus mit Verzögerung der Entleerungszeit
nach Zufuhr des zäheren Breies. Eine sichere Tonuszunahme, lebhaftere
Peristaltik mit verkürzter Entleerungszeit bei dem dicken Brei zeichnet die
dritte Gruppe aus. Diese Befunde wurden vor allem erhoben bei Ulcus-
kranken, am ausgeprägtesten bei Ulcus duodeni, aber auch bei solchen
Kranken, die eine abnorme Reizbarkeit des vegetativen Nervensystems
zeigten.
Fritz Kohn: Ueber einen Fall von akuter Mikromyeloblastenleukämie
mit aleukämischem Blutbefund.
Fünfwöchige stationäre Beobachtung eines 14 jähr. Knaben; Obduktions¬
befund. Brogsitter - München.
Bruns’ Beiträge zur klinischen Chirurgie. Band 128, Heft 3.
Tübingen 1923.
Braun: Das neue Krankenstift Zwickau, mit besonderer Berück¬
sichtigung seiner chirurgischen Abteilung.
H.Tammann: Ueber den Einfluss der Röntgenstrahlen auf die Fraktur¬
heilung.
Versuche am Schienbein des Kaninchens. Der Knochen wurde durch
Osteotomie gebrochen. Bei allen Tieren trat trotz Gipsverband Verschiebung
der Bruchenden auf. Verf. studierte zunächst die unbeeinflusste Fraktur¬
heilung, sodann die Wirkung der Röntgenbestrahlung auf den nicht ge¬
brochenen Knochen, ln weiteren Versuchen wurde der Knochen entweder
unmittelbar nach, oder 10 Tage vor, oder 10 Tage nach der Osteotomie be¬
strahlt. Die Wucherungsvorgänge, die nach einem Bruche am osteo¬
plastischen Gewebe einsetzen, findet man in abgeschwächter Form auch am
bestrahlten, ungebrochenen Knochen. Reizbestrahlung unmittelbar oder
10 Tage nach der Fraktur fördert die Bildung der Knochennarbe im Sinne
beschleunigter Heilung. Die Reparationsvorgänge weichen dabei in ihrer Art
nicht vom Normalen ab.
Eifel dt und Dönges: Die Wunddiphtheriefälle der Rostocker
chirurgischen Universitätsklinik 1919 — 1921.
Die Wunden waren mit echten Diphtheriebazillen infiziert, die auf den
Granulationen (oft flüchtige) Pseudomembranen bilden und einen eigen¬
tümlich süsslichen Geruch hervorrufen. Niemals Hessen sieh die Bazillen in
geschlossenen Eiterungen oder primär in metastatischen Abszessen nach-
weisen. Allgemeinstörungen fehlen bei Wunddiphtherie fast immer; eine Aus¬
nahme machen Schleimhautwunden. -Die Diphtheriebazillen sind Oberflächen¬
schädiger; die Wundheilung und das Fortschreiten von Entzündungen be¬
einflussen sie nur wenig. In Reinkultur fanden sie sich nie. Nur einmal
trat schwerste Sepsis bei gangränös einschmelzcnden Wundrändern auf.
Serum wirkt nicht. Die Bazillen lassen sich auch durch andere Mittel nicht
beseitigen. Die Wundbeläge schwinden am ehesten auf kräftiges Jodieren.
E. Streissler: Larynxplastik bei doppelseitiger Postikuslähmung.
Bei doppelseitiger Postikuslähmung droht stets die Gefahr der Er¬
stickung. Nach Besprechung der zahlreichen Verfahren, die zur Erweiterung
der Stimmritze ersonnen worden sind, schildert Verf. eine eigene Operation,
die er bei 2 Kranken mit gutem und dauerndem Erfolge ausführte. Es wird
ein 4 cm langer und 4 mm breiter Faszienstreifen aus dem Vorderarme oder
ein gleichgrosses Stückchen aus der Sehne des M. brachioradialis oder des
M. extensor carpi rad. long. ausgeschnitten. Von einem Längsschnitte am
vorderen Rande des Kopfiiickers aus wird unter stumpfem Abschieben der
Rachenschleimhaut die Hinterfläche des Ary- und Ringknorpels freigelegt.
Das Transplantat wird unter starker Spannung am Proc. musc. des Ary-
knorpels einerseits und am unteren Ende der Crista mediana des Ringknorpels
andererseits angenäht, liegt damit in der Faserrichtung des gelähmten
M. posticus und hält die Stimmritze offen.
S e y e r 1 e i n und Holzel: Zur Sarkonibehandlung.
Etwa 33 Proz. der extragenitalen Sarkome können durch Röntgen¬
bestrahlung geheilt werden. Eine einheitliche Sarkomdosis gibt es nicht.
Bestrahlen mit kleinen Dosen ist gefährlich, da die Geschwülste dabei oft
gegen die Strahlen unempfindlich werden und schrankenlos zu wachsen be¬
ginnen. Bei Knochentumoren geht man am besten etwa mit der „Karzinom¬
dosis“ vor. Nachbestrahlung Sarkomoperierter ist an¬
gezeigt, da sie gutes leistet. Inoperable Sarkome müssen bestrahlt
werden. Die primären Sarkome der Lymphdrüsen eignen
£s<>
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _
Nr. 29.
s,d, wenig« zur Operation als tür 4k Röntgenbehandlung. Bd
larko.nen hat man die Wahl zwischen “eitlen Verfahren: nn OesKM : «»
aus kosmetischer} Rücksichten Bestrahlung voyzuzu.hu.. _K • c e
s a r k u m e »tn* für., die Bestrahlung ungünstig. W e u 1U .Isar ko me
die ohne Verstümmelt ^fernt werden können werden afW b es u. oi xr >c' rt
ff ■ "Ä , h eC! „ c Us verdien” die NÄ hei seichen d e s
I ec ke n s die Röntgenbestrahlung den Vorzug , nluefheiUmg
v ■■ ; s*^{ “r Ä”S-«
SÄ «£.* oä* n£w- Mb«,. n»s «AM Slra.1».
behandlung.n ,at> ^ der Cholelithiasis und der Cholezvst-
ektoinie auf die sekretorische fünfter des Magens und B'e.
Bei Gallensteinleiden und nach Hct>usnuhn>e der Cwllcnb la se smd I*
schwerden seitens des Magens häufig. Bei I* to } aufgehoben;
leidenden Kranken ist die Sal/.säureabsche.dung VdfbJfn^rt
selten ist H vncrazidität. Be verschlossenem D. cysticux ist Acnyue tu
“Ä 1,l5 bd »Km. Auch der <l,ud der ;
S3 SÄaMÄKtä
äjääsä
C h",U \ y ““'ÄS i e*^trÜi**MaSiK" in «leider Weise ver-
jndert. wie beim Oallensteinleiden. h- Tierversuch hess sich «««". d«s:
Hü-Jh die Herausnahme gesunder GallenH-asen Ana/.iditat bew .
«irtlöii lind Schlegel: Endergebnis voif 2% Cholezystektomien end
H2 ciioiedochofomiert, ein Beitrag zur Frage der postd^ratken Beschwerdetf^
K t Pro/ tief CholezVStektonuertcn klagten nach l*ngci als 1 Ja
über Besdllvv etdefi fitere sind öfters auf Nebenerkrankungeff Zuruckzufuhren
t, ydre.n e„i,ro Sw. Oc.i »„idwn Ap^nd rle e.tar
knliken) Vielfach handelt es .sieh’ f'lKSh um nervöse Personen, ine post
imer.tive Anazidität oder Subazidität flWcht keine nennenswerten Be¬
lästigungen Von Bedeutung sind Verwachsungen' 4es Querkolons. wenn auc
IfoT bin Hu ss peritonealer Adhäsionen auf das Befinden leKtht überschätz^ wird,
töne grosse teilte spielen Miterkrankungen des PankrcJs. Bauchbrucne.
deren Bestehen cbVniUffc den Klagen zugrunde liegen kan n. < |"f*5aJ^en ^
Fröffmimr des Abdomens h ßtff Mittellinie häufiger als nach K c o r senem
sää
seltensten Fällen Ursache der Beschwer« 6*a. 4 1 ncr Cholcdoch-us
kb nose zur Folge haben und wurde daher aüfgegeben. Der yholcu cn .
U’if d tyjedef di Lt vernäht oder eine Choiedochüdu«l.cnostomic angelegt.
Nach Bopiic^ kann rezidivierende, katarrhalische Cholangitis nach
T r e p 1 i n Ueberdetinitäj? 4er Gallenwege bei Sphinkterkrampf z.u ..Rcz.uiv -
lKSclnvcrden Anlass geben FrlerfeitfVÄfletzungen der grossen Gelasse
io Krankengeschichten mit anschlies.sct.4er Besprechung der anatom.-
bJSS Tnd klinischen Verhältnisse A mal handc.tc cs steh um
y4siverfetzüng bei Knochenbrüchen. 1 mal um Verrentung der Schulter mit
Zcrreissinig. der.. Art. axillaris; 1 mal wurde bet schwer« Gelenkquetschung
und 2 mal bei Wefchfeilverletzungen schwere Blutung beobachtet. _
H Lütie B u s d fl/ Feber" zwei seltene Fälle von Dunndarniiiivagination.
Bei einem mit Erbrecht!/! Sag Koliken erkrankten Knaben wurden durch
Bauchschnitt als Ursache rasch ai.idin'aMertplgende l' ” ds ^".'e r i um ^ wl r cn" sc h r
Imaginationen des Dünndarmes gefunden, Netz und Mcstn enum waren se r
fettarm: dadurch wurde die abnorme DarmbeWdgifng b^u"st^'r ^ nJl n
t,.iv,.,inr(<oi ticr Beschwerden. Bei einem anderen mit Bcuserscncmungcu
. r-mE h den Dünndarm eingestülptes M e c k e 1 sches
DiveftiSef Serpl werden, Erörterung der verschiedenen Anschauungen
über das Kusfandekömmen V(nl Darminvaginationen.
... ST-iSBvÄ'ZS'Ä
Pa I: hogene s e ^bfsh«1 Bekannte, steuert eine6 Krankengeschichte zum Bilde des
rSS Priapismus bei und schliesslich noch die äusserst seltene
Beobachtung eines nach dem Tode fortbestehenden ZV8tanast0-
Kehl: Tierexperimentelle Untersuchungen zur Ureterocho ezystanasto
U«lafrl''d";mN°c°rMln(i!ktion. Verlesen der Mthd.ni : auf die K“^S'rJac£!r
Komnit mefh j' Die^Schafttuberkulose der langen Röhrenknochen.
5Äfche ^pathologisch-anatomische und klinische Darstellung, die
cir>H 711 kurzem Bericht nicht eisnet.
A Kallenbach: Erfahrungen über Schädelosteomyelitis.
„e„ Ä» ~ «5
rartt wsää ät rtÄ»; -
;illempbd dd aku.e, dcr Be,e,eke des
KarP“s gibt eine angeborene Zweiteilung des Kahnbeines die zweuaal vom
Verf beobachtet wurde. Die häufigste Verletzung der Handwurzclknochci
ist Bruch des Os naviculare, der am leichtesten bei radial obduzierter u„
dorsal flektierter Hand zustande kommt Verrenkungen^
können mit dieser Fraktur gemeinsam Vorkommen ^ lunatü^f k an n
fr-iktur“) aber auch mit Luxationen des Knochens. Das Us lunatum Kann
durch Fall' auf die ulnar abduzierte. dorsal flektierte Hand aus »>ncr
gesprengt werden. Etwa gleich häufig wie Verrenkungen sind Brüche des
Mondbeii.es. Die Verletzungen des Os friquetrum > ^st^LrwJ^[
proximalen Handwurzelreihe. Noch spärlicher kommen Brucht oder Ver
renk un gen an den distal gelegenen Karpalkivochen vor am häufigsten noch
an den Muitangula und am Kapitatum. Bei allen Verletzungen der Ha. d-
wurzet erreicht man mit frühzeitig einsetzender konservativ -mobilisierende
Behandlung meist ein gutes Ffrgebms.
O Müller: Klinische Beobachtungen an Sehneunahten.
Die 27b Sehnennähte, die in den letzten 12 Jahren m der Heidelberger
chirurgischen Klinik gemacht wurden, liegen den Ausführungen zugrunde.
Verletzungen der Beugesehnen bieten schlechtere Hellungsaussichten als d e
der Strecksehnen. Das beruht darauf, dass an den Beugern ^e vte!^
Sehnenscheide öfter mitverletzt wird. Sehnennahte ausserhalb der Scheiden
verlaufen an Streckern und Beugern etwa gleich günstig. 'J">tLrl f.c ■
Naht der Sehnenscheide, drohen Verwachsungen mit VeHust der Gleufähig
keit der Sehne. Diese Folgen treten fast immer hei Durchtrennungen
Bereich der Palmarfaszie ein. die besonders schlechte Heilungsbedinguigen
auJh durch weites Auseinanderklaffen der Stümpfe haben. Primäre : Seta; n-
n h ist stets anzustreben. Bei stark verunreinigten Wunden Wirkt Pcru-
’a „m oder Perugen sehr gut. Nach der Wiedervereinigung ruhigstellendcr
Verband in entspannter Haltung für 8 Tage, dann Beginn mit fremdtätigen
und nach weiteren 8 Tagen mit selbsttätigen Uebungen.
H. Hegewald: Die Psychonarkose bei geburtshilflichen, gynaxologl-
sehen lind chirurgischen Eingriffen. _ . . . prnnVreirh schon
Operationen in Hypnose, die man in England und, , ^ r,a.. .
vor Erfindung der Narkose ausführte, haben wegen _ der Umständlichkeit de».
Verfahrens, das entsprechende Vorbehandlung und " te= v'nfe'^t mU Vor-
Arzt verlangt, keine Verbreitung gefunden, ln der Geburtshilfe ist mit vor
1 teil und ohne weitere Vorbereitung die ..Suggestion im Wachzustände ver¬
wendbar. Sic erlaubt nicht nur die Wehen schmerzlos zu 'machen, Sonde
•mch ihre Zahl und Stärke zu beeinflussen. Für chirurgische Eingriffe ist
die Hypnonarkosc (= Hypnose + geringe Mengen eines Narkotritum) brauch¬
bar. Da vorbereitende, hypnotische Sitzungen zu empfehlen sind, kommt
das Verfahren für dringliche Operationen weniger in Betracht Die Psycho
narkose bietet besonders auch dem praktischen Arzte manche Vorteile; den
Kranken bewahrt sie vor den Schäden die den bisher*«, Narkosev erfaßen,
noch anhaften. Herrmannsdorfer- Muncncit-
ZcMitralblatt fiir Gynäkologie. 1923. Nr. 26.
A. Mayer (Universitäts-Frauenklinik Tübingen): Ueber die Ursachen!
der dvstopischen Eieinbettung. , .. .viriler
Der Ansiedlungsort kann von der Reife des Eies und die Re e
davon, ob es sich um männliche oder weibliche Frucht hand,-lt; ,
männliche und weibliche Frucht verschiedenes Retfungs t< :n »P» Ji en_
können abhängig sein. Hertwig fand ja, dass “b"'eiie man
schliesslich Männchen liefern. Abgesehen von der Reife des Eies, aic man
aber mangels Kenntnis des Zeitpunktes des Follikelsprungs und des Termin!
der befruchtenden Kohabitation nicht kennt, kann auch die gehäufte Koha l
tation’ nach Iße/ruchtunE aal den, 0« der Elnid.don f»»«“;““! “äs
zwar durch Vermehrung des Saftstromes und dadurch BescWeunigung ü ^
Wanderungstempos des Eies. Schhesshch kann diese gehäu e Urs‘acll^ für
auch die Beziehung zwischen Korpus 1 und Follikel stoten. I .. h
die dystopische Schwangerschaft liegt daher vielleicht nicht ausschhessucn
im Nährboden, sondern ist auch in im Ei selbst liegenden Monier t
suchen. Yan|asakj (Pathoi. Institut Berlin): Kasuistischer Beitrag zum
^Indium der vitalen Leistlingen der menschlichen Plazenta.
Die Methode der künstlichen Durchströmung überlebender Organe kann
auch auf den Plazentastoffwechsel angewandt werden Die überlebende
Plazenta zerstört sowohl weitgehend Trauben- und Milchzucker, als auch
harn sie natives Fiweiss ab. Die inaktivierte Plazenta hat diese Eigenschaften
nicht mehr, die eklamptische baut Eiweiss verstärkt ab Verf. orhfte ob
die Plazenta Histidin in Histamin umzuwandeln vermix. ^ wurcJJ:
n ] 33 proz bis 0,333 Proz. Histidinlösung mehrmals durch die Plazenta ge
schtekt, dann die Histidinlösung vor und nach Enteiweissung darauf unter¬
sucht. ob sie ikontraktionserregend auf den virginellen ^ce^.schhw?'"^
Uterus wirkt. Es trat keine Kontraktion ein. Daraus ergibt sich, dass die
normale und die eklamptische Plazenta Histidin nicht in H'stamin em-
wandelt. Es wurden 6 normale und 1 eklamptische Plazenta unterricht.
F Klee (Provinzial-Hebammenlehranstalt Köln): Die praktische Bedeu¬
tung der Unterscheidung der hinteren Hinterhauptslage und der Vorderhaupts-
,agC Verf empfiehlt, bei hinterer Hinterhauptslage nicht lange zuzuwarten,
sondern ziemlich bald die Zange nach S c a n zo ni anzuwenden. d.lFim
biparietalen Durchmesser anzulegen und den nach hinten ^w^ten Hinter¬
kopf nach vorne zu drehen. Es se. dies schonender als Oebur t in hi unterer
Hinterhauntslage. Auch bei Vorderhauptseinstellung empfiehlt er Rofcren.
Richtige Diagnose ist sehr wichtig. Verf. schliesst sich im ganzen den A -
sichten an wie sie D ö d e r I e i n in seinem Onerationskurs niedergelcgt. '■
nur etwas weniger zurückhaltend. Die K j e 1 1 a n d sehe Zange kann die
Operation vielleicht noch erleichtern.
E St übler (Universitäts-Frauenklinik Tübingen) : Uteruszysten.
Drüsenbildungen im Myometrium und in Myomen können auf keine ein¬
heitliche Genese zurückgeführt werden. Sie können sich gelegentlich zystisc
erweitern, um dann zur Uteruszyste oder zum Zystadenomyom I besser aL
zystisches Myom“) zu werden. Verf. beschreibt eine von einschichtigem
zXderepithel ausgekleidet, bluterfüllte, isolierte Zyste im Myometrium,
genauer Tn der Vorderwand des Uterus, mit diffuser Verdickung der Mus¬
kulatur. in Faustgrösse, sowie ein intraligamentär entwickeltes Fibroniyom
mit regressiven Veränderungen, von der hinteren Kollumwand ausgehend, mit
im Zentrum liegender grosser und mehreren kleinen Zysten. Im ersten Fall
handelt es sich vermutlich um Abschnürung von Zellkomplexcn aus den ne-
reits vereinigten Müller sehen Gängen, die sich im Laufe der Zei zu
einer Zyste umwandelten, das intraligamentäre Myom des 2. Falles durtte
auf den Gärtner sehen Gang zurückzuführen sein.
Robert Kuhn- Karlsruhe.
Jahrbuch iiir Kinderheilkunde. Band 101. Heft 1 und 2.
E Glanz in ann - Bern: Waehstuinsstoffe und Blutdrüsen.
Die Arbeit behandelt die noch ungeklärten Beziehungen zwischen Er¬
nährung und Hormonbildung durch die endokrinen Drüsen Wahrend die
Vitamine, soweit es sich um Wachstumsstoffe handelt, keinerlei Beziehungen
20. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
957
zur Hormonbildung der Schilddrüse besitzen, konnten z. B. einwandfreie
Beziehungen der Wachstumsstoffe (Vitamine A und B) zur Thymusdrüse fest-
gcstclk werden. Die angestellten Ueberlegungen und Untersuchungen be¬
deuten einen Anfang und Versuch, Probleme der Endokrinologie auf diä¬
tetischem Wege anzugehen.
Woldemar Blacher: Die Beteiligung des Nervensystems an den
Störungen der Herzschlagfolge bei Diphtherie. (Aus dem städt. Kinder spital
in St. Petersburg.) (Hierzu 5 Tafeln mit Tabellen und 11 Kurven.)
Die Resultate der vorliegenden Untersuchungen weisen darauf hin. dass
der kardiale Anteil des vegetativen Nervensystems in einen Zustand erhöhter
Erregbarkeit versetzt ist, die in einem hochgradigen kürzeren oder dauernden
Reizzustand in Erscheinung tritt. In den ersten Wochen einer schweren
Diphtherie werden die Erregungszustände am Herzen gewöhnlich von
schweren Hemmungserscheinungen (Vagushypertonie) beherrscht. Daneben
scheint eine leichte Erregbarkeit des Akzelerans zu bestehen; endlich ist auch
eine leichte Ermüdbarkeit des Vagus bei Diphtherie eigentümlich, die sich in
Bradykardie (Vagushypertonie) und Labilität der Herzschlagfolge in der
ersten Phase der diphtherischen Myokarditis zu erkennen geben. Dazu tritt
die Schädigung des Herzmuskels durch das D. Toxin, die sich in einer Herab¬
setzung seiner Leistungsfähigkeit und in einer meist dauernden Herz¬
erweiterung ausdrückt. Es verläuft also die diphtherische Kreislaufschwäche
ittt Zeichen einer gesteigerten Erregbarkeit und leichten Ermüdbarkeit des
gesamten neuromuskulären kardialen Apparates. In Anbetracht der überaus
niedrigen Reizschwelle des Vagus und Akzelerans muss die Therapie mit
Herzmitteln, die erregend an diesem System angreifen, mit grosser Umsicht
vorgenommen werden.
J. v. Ambrun: Ueber das Blutbild beim Scharlach. (Aus der Univ.-
Kinderklinik in Debreczin. Vorstand: Prof. v. Szontägh.)
Die Arbeit weist in Qedankengängen der S z o n t ä g h sehen Scharlach¬
theorie auf die diagnostische und prognostische Bedeutung der dieses Krank-
i heit sh i 1 d begleitenden Eosinophilie hin.
Julius v. Qaizler: Azetonurie bei Lauge-vergifteten Kindern. (Aus
i der Univ. -Kinderklinik in Debreczin. Vorstand: Prof. v. Szontägh.)
Die bei Langevergifteten stets nachweisbare Azetonurie ist durch den
bei der Stoffzersetzung (Nekrose) bedingten hochgradigen Eiweisszerfall
i bedingt.
Johann v. Petheö: Ueber Kalziumtherapie in der Kinderpraxis. (Aus
der Univ. -Kinderklinik in Debrcym. Vorstand: Prof. v. Szontägh).
Warme Empfehlung der Kalziumdarreichung bei Ekzema, Tetanie (auch
besonders Schwangerschaftstetanie), Spasmophilie, sowie bei Bronchiolitis
und Asthma bronchiale.
Th. H o f f a - Barmen: Beitrag zur Osteogenesis imperfecta (V r o 1 i k).
Kasuistische Mitteilung.
Th. H o f f a - Barmen: Ueber zwei seltene Missbildungen des Skelett¬
systems.
Mitteilung je eines Falles von Dysostosis eleidocranialis hereditaria und
von Akrokephalosyndaktylie. O. Rommel- München.
Zeitschrift fiir die gesamte Neurologie und Psychiatrie. 82. Bd.
Festschrift für Eugen Bleuler.
Hans W. M a i e r - Zürich: Eugen Bleuler zur Feier seiner 25 iähr.
Tätigkeit als Ordinarius der Psychiatrie und Dinektor der Psychiatrischen
Klinik in Zürich, April 1923.
Kurze Darstellung des Lebensganges Bleulers und Aufzählung der
bisherigen 111 Veröffentlichungen des Gelehrten.
Ludwig B i n s w a n g e r - Kreuzlingen: Ueber Phänomenologie.
Einführendes, auf der letzten Versammlung des schweizerischen Vereins
für Psychiatrie gehaltenes Referat, das seine Aufgabe, ,,deti Gegenstand
der Bestrahlung möglichst anschaulich aufleuchten zu lassen“, ausgezeichnet
erfüllt und zur Lektüre empfohlen werden muss.
Otto Di em- Luzern: Betrachtungen aus dem Gebiete der Unfallmedlzin
an Hand eines Falles von Epilepsie.
Erwägungen, anschliessend an den Krankheitsfall eines schwer be¬
lasteten, schon vorher sehr auffälligen Trinkers, bei dem nach einem
geringfügigen Trauma eine meningeule Blutung eintrat und späterhin epilep¬
tische Krankheitserscheinungen deutlicher hervortraten. D. kommt zu dem
Schluss: Auf traumatische Epilepsie darf nur geschlossen werden, wenn
die für die Aetiologie der genuinen Epilepsie anerkannten Faktoren, erbliche
Belastung. Alkoholismus und epileptischer Charakter, keinen genügenden
Anhaltspunkt für den spontanen Ausbruch der Epilepsie bilden. Höchstens
kann dem Unfall eine zufällige oder doch nur untergeordnete Rolle zuge-
j schrieben werden im Sinne der leichteren Auslösung. Alle Zusammen¬
wirkenden Faktoren müssen berücksichtigt werden. Das klinische Bild. An¬
fälle oder psychische Erscheinungen, ist nicht entscheidend für die Be¬
messung des Unfallanteils.
Ludwig F r a n k - Zürich: Zur Frage der Unlustneurosen: Trotzneurosen.
Kleptomanien.
Bei den genannten Zuständen werden durch rein psychisch bedingte
Einstellungen häufig intellektuelle oder ethische Defektzustände vorgetäuscht,
was eine psychokathartische eingehende Behandung aufdecken kann.
A. Glaus und J. Zu tt -Zürich: Beitrag zur Frage der Senkungsge-
schwindigkeit der roten Blutkörperchen bei Geisteskrankheiten, insbesondere
bei den Schizophrenien.
Wenn man nicht nur die Senkungsgeschwindigkeit eines Kranken mit
der eines Testfalles vergleicht, sondern zwischen dem Kranken und dem Test¬
fall Plasma und Blutkörperchen gegeneinander austauscht und sedimentieren
lässt, erhält man „Geschwindigkeitsformeln“, die offenbar charakteristisch
für bestimmte Zustände sein können. So ergab sich bei ziemlich ausgedehnten
Untersuchungen der Autoren, dass die mehr organischen und katatonischen
Schizophreniefällc eine ziemlich grosse Senkungsgeschwindigkeit und eine
charakteristische Geschwindigkcitsformel zeigten im Gegensatz zu den vor¬
wiegend funktionellen Fällen. Bei der Schizophrenie muss stets auf den be¬
sonderen Charakter der Erkrankung Rücksicht genommen werden. Wahll >se
Untersuchungen von Schizophrcniefällen genügen nicht im Hinblick auf die
noch ungeklärte Frage, ob wir in der Schizophrenie eine nosologische Ein¬
heit vor uns haben.
Hans W. G r u h 1 e - Heidelberg: Die Verwendung der Hypnose und
die Mitwirkung von Medien in der Rechtspflege.
G. tritt für die Verwendung der Hypnose in der Rechtspflege ein. doch
muss sie in der Hand der ärztlichen Sachverständigen bleiben und dem Ge¬
richtssaal ferngehalten werden. An der Hand von interessanten Einzelheiten
über die Angaben einer Frankfurter Hellseherin bei Gelegenheit des Mordes
der Bürgermeister Werner und Busse kommt G. zu dem Schluss: ... die
sog. okkulten Phänomene . . . von vornherein aus der wissenschaftlichen
Forschung und der Praxis der Rehtspflege ausschalten zu wollen, hiesse
voreingenommen und beschränkt zu handeln.
Hermann Hoff m a n n - Tübingen: Schizothym-Cyclothym.
H. hat die Aufstellung Kretschmers an der Hand der Lund¬
bor k sehen Familienforschunwen nachgeprüft und eine weitgehende
Bestätigung gefunden. In der verwandtschaftlichen Umgebung von
Schizophrenen fanden sich überwiegend schizoide Anomalien, während
in den Familien der wenigen zirkulären vorwiegend zykloide Men¬
schen nachgewiesen werden konnten. Zur Bezeichnung der Tatsache, dass
nicht selten ein vorwiegend schizoider Mensch später zykloide Eigenart
darbietet und umgekehrt schlägt H. jetzt an Stelle des früher von ihm
gebrauchten Wortes „Dominanzwechsel“ das Wort „Erscheinungswechsel“
vor.
August H o m b u r g e r - Heidelberg : Lichenoider Ausschlag als psycho¬
gene Dermatose.
An jenen Stellen der Körperoberfläche, die bei einem früheren erotischen
Erlebnis von dem Liebhaber mit Blumen bedeckt waren, bekam eine 30 jähr.
Frau in einem seelischen Konflikt, der sie vorübergehend den im übrigen
verhassten Liebhaber herbeisehnen liess, einen lichenoiden Ausschlag, der
nach, der Ermöglichung einer einfachen Aussprache wieder verschwand.
J. B. Jörger jun. - Waldhaus-Chur : Psychische Folgeerscheinungen
nach Enzephalitis.
Darstellung dreier Krankheitsbeobachtungen Jugendlicher mit den vielfach
beschriebenen Charakterveränderungen im Sinne eines moralischen Schwach¬
sinns.
Jakob K 1 ä s i - Zürich: Beitrag zur Frage der Behandlung von Magen¬
neurosen.
K. empfiehlt zur Behandlung derjenigen Fälle, in denen man zu einer
möglichst rasch wirkenden Suggestivkur greifen will, folgende Kur. natur-
gemäss unter Anwendung der für den Einzelfall geeigneten rein seelischen
Massnahmen: Isolierung, Tage hindurch nur einige Tassen Tee mit etwas
Zucker, bis sich starkes Hungergefühl einstellt, dann Abbruch der Diät und
Beginn mit jener Speise, die vorher am allerwenigsten vertragen wurde.
„Arzt am Krankenbett und Arzt am Obduktionstisch sind zwei Berufe und
zwei Menschen“. Wenn man es mit dem ersten nur ernst nimmt, wird man
Erfolge haben, wie K. auch in dieser seiner Abhandlung wieder beweist.
Ernst K r e t s c h m e r - Tübingen: Konstitution und Rasse.
Zwischen Konstitutionstypus und Rassetypus besteht nicht nur keine
Identität, sondern eine gewisse Gegensätzlichkeit. Die Rasseforschung geht
von den lebenskräftigsten Individuen aus, die Konstitutionsforschung von den
schwersten Abweichungen. Die Radikale der Rasseforschung sind historische,
die der Konstitutionsforschung dagegen physiologische. Rasse- und Konsti¬
tutionstypen können sich nicht decken. Das hindert aber nicht, dass die
Rassezüchtung, die bestimmte Bestandteile konstitutioneller Gruppen koppelt,
so wie sie am besten in das gegebene Milieu hineinpassen, u. U. auch
konstitutionell mit dem Erstrebten eng verbundene Elemente mit in Kauf
nehmen muss, die den Rassetypus einem Konstitutionstypus annähern. Bei
kritischer Betrachtung scheint so die Rassenlehre schöne Bestätigungen der
bisherigen Ergebnisse der Konstitutionsforschung zu geben. K. erinnert an
die mehr schizothymen Merkmale der schlank gewachsenen Norddeutschen
gegenüber den mehr zyklothymen der mehr von alpinen Elementen durch¬
setzten Süddeutschen. Aehnliche Beziehungen scheinen weithin zu bestehen.
Hans W. M a i e r - Zürich: Ueber einige Arten der psychogenen Mecha¬
nismen (Katathymie, Athymie, Synthyinie).
Neben den von Maier früher als katathym herausgehobenen psycho¬
genen Mechanismen kennzeichnet er jetzt als athymen Mechanismus das Ge¬
schehen, dass ohne Beteiligung der Affektivität auf psychogenem Wege
ehedem organische Störungen festgehalten werden und belegt dies mit einigen
Beispielen aus den Folgeerscheinungen der Enzephalitis. Ferner ist eine
weitere Art des Psychogenen die synthyme, nämlich das plötzliche Be¬
herrschtwerden der ganzen Persönlichkeit von einem ganz nebensächlich
ausgelösten Affekt unter Ausschaltung der Assoziationsreihen (z. B. psycho¬
gene Erregungszustände bei organischen Gehirnkrankheiten).
Franziska M i n k o w s k a - Paris: Charakterologische Probleme im
Lichte psychiatrischer und genealogischer Hereditätsiorschung (mit beson¬
derer Berücksichtigung der Epileptoidie).
M. hat die schon früher von ihr beschriebene Familie ß. nach dem
Kriege weiter verfolgt und kommt zu recht interessanten Ergebnissen. Wenn
Bleuler sagt: Der Schizoide spaltet zu viel, der Syntonc tut es in rich¬
tigem Maasse, der Epileptiker dagegen nicht genug, so findet M.: Das Nicht-
genugspalten, das Nichtsichgenugbewegen, das Konzentrieren und Ansam¬
meln der Affekte geht wie ein roter Faden durch den Werdegang der Familie
B., die von einem Epilektiper stammt.
Sophie M o r g e n s t e r n - Zürich: Beitrag zur Frage des Belladonna¬
delirs.
Bei zwei in wenigen Jahren beobachteten Erkrankungen fanden sich
eine Reihe gemeinsamer Symptome: plötzlicher Ausbruch mit starker Er¬
regung, stürmischer Verlauf, tiefe Verwirrtheit, aus der heraus vorüber¬
gehend' zusammenhängende Antworten erfolgen, ängstliche Ratlosigkeit, Am¬
nesie, das Fehlen von Gehörshalluzinationen. Bei beiden Kranken, die Son¬
derlinge waren, fand sich eine katatoniforme Kopfhaltung. Der Disposition
im Sinne der ererbten Anlage und der augenblicklichen Faktoren ist eine be¬
deutende Rolle zuzugestehen.
Kurt Schneider-Köln: Die Daseinsweisen der Hysterie.
Was man bisher als „historischen Charakter“ bezeichnet hat. möchte
Sch., von dem Begriff des Hysterischen abtrennen und bezeichnet die be¬
treffenden Menschen als Geltungsbedürftige. Auch die psychogenen Psy¬
chosen sollen aus dem Bereiche hysterischer Störungen ausgeschaltet sein.
Hysterisch sind nur seelisch entstandene und seelisch festgehaltene körper¬
liche Funktionsstörungen, die unter den Formen der Reflexhysterie, der Aus¬
druckshysterie und der Organhysterie verlaufen können.
John E. S t a e h e 1 i n - Zürich: Moralische Oligophrenie und Schizoidie.
Moralische Oligophrenie ist kausal oder konditionell an die schizoide
Reaktionsweise gebunden. Syntone Beimischungen müssen »die moralische
Oligophrenie in ihren Auswirkungen erheblich verstärken. „Reine" Syn-
tonie und moralische Oligophrenie schliessen einander aus.
058
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRiF'l
Nr. 29.
Hans Steck -Bois de Cery: Neurologische Untersuchungen an Schizo-
°,r Ausgedehnte Untersuchungen an 400 Schizophrenen ergaben, dass sich
ganz allgemein in der Katatoniegruppe eine Häufung neurologischer Sto¬
rungen findet. Von einer pathognomonischen Reflexformel kann aber nicht
gesprochen werden. Eine Reihe der gefundenen Störungen, vor allem Kata¬
lepsie Akinese, Hypcrkinese, Rüsselreflcx und Salbengesicht zeigen Be¬
ziehungen zu den striären Störungen und weisen auf die basalen Hirn¬
ganglien zurück. Die Störung des basalen Hirnganglienapparates kann
sowohl auf physischem als auf psychischem Wege bewirkt werden.
Ernest W e n g e r - Luxemburg: Experimentelle Untersuchungen der
Aufmerksamkeit und Auffassung bei psychisch Kranken.
Fortsetzung der Untersuchungen Trübs mit Hilfe des Ran sc n-
b u r g sehen Mnemometers ergaben erneut die gute Brauchbarkeit des Ver¬
fahrens. Nur sollte die Methode noch vereinfacht werden. Die Senilen ver¬
mögen durch Anspannung ihrer Aufmerksamkeit die Leistungen ihrer Auf¬
fassungsfähigkeit nicht qualitativ zu steigern. Ihre habituelle Aufmerksam¬
keit entspricht ihrem Auffassungsvermögen. Mit Hilfe der Methode kann
bei organischen Leiden die Besserung ihrer Auffassung und Aufmerksam¬
keit objektiv festgestellt werden. ... , , . „
Max Wolfensberg e-r- Zürich: Der Alkoholwahnsinn (akute Hallu-
zinose der Trinker) und seine Beziehungen zu den Schizophrenen. (An Hand
der Kasuistik der Züricher Psychiatrischen Klinik 1898 1921.)
Von 16 beschriebenen Fällen erkrankten später 10 an ausgesprochener
Schizophrenie. Bei zwei männlichen Kranken bestand später ein psycho-
pathtischer Zustand mit -schizophren waranoiden Symptomen. Bei einem
weiteren Fall scheint es sich ähnlich verhalten zu haben. Bei einem
Kranken ergab sich zum mindesten der Verdacht auf eine schizophrene Kom-
ponente, die sich aber nicht beweisen Hess. Ein Krankheitsfall betraf einen
Debilen mit paranoifortner Disposition, die rein katathym sein könnte. Nur
ein Kranker zeigte nach dem Anfall und Heilung vom Alkoholismus keine
psychopathischen Erscheinungen mehr. Doch konnte dieser Fall von Anfang
an nicht als reiner Alkoholwahnsinn aufgefasst werden. Danach kann m der
weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle der Alkoholwahnsinn nur als Sym¬
ptombild aufgefasst werden, und zwar als Reaktion eines schizophrenen
Gehirns auf eine bestimmte Art der Alkoholvergiftung. Weitere katamnesti-
sche Forschungen an einem gut untersuchten grossen Material sind nötig,
um nachzuweisen, ob es auch vorkommt, dass Nichtschizophrene an Alkohol¬
wahnsinn erkranken können. _
Der 82. Band enthält ausserdem Arbeiten von Christoffel. Koller.
Ladatne. L a u b i, Maeder, E. Minkowski, Rorschach, Sigg.
Storch, Vera und C h a r 1 o t, S t r a s s e r, Strömme, die für kurze
Referate nicht geeignet sind. Johannes Lange- München.
Journal für Psychologie und Neurologie. Band 29, 1922.
A. Knauer und E. Enderlen: Die pathologische Physiologie der
Hirnerschütterung nebst Bemerkungen über verwandte Zustände. (Mit
8 Tafeln.) „ ,
Die Verfasser haben ausgedehnte experimentelle Untersuchungen an ver¬
schieden präparierten Hunden angestellt, denen ein Schlag auf den Kopf ver¬
setzt wurde. Nach dem Vorgang Bergers bedienten sie sich hierbei der
Hirnvolumschreibung in Verbindung mit Registrierung des Blutdruckes. In
unmittelbarem Anschluss an das Kopftrauma wurde neben einer plötzlichen
Abnahme etwas häufiger eine plötzliche Zunahme der zerebralen Blutmenge be¬
obachtet. Diese Veränderungen können aber nicht als wesentliche Ursache
des klinischen Bildes der Hirnerschütterung angesprochen werden, wohl, aber
oft als wichtiger unterstützender Faktor. Dagegen sind Späterscheinungen
nach Schädeltraumen, ähnlich, wie das R i c k e r annimmt, mit der nach¬
weislichen Abnahme des Vasomotorentonus in späteren Stadien in Zu¬
sammenhang zu bringen. Zur Erklärung der eigentlichen akuten Commotio-
erscheinungen muss notwendigerweise eine direkte Schädigung von irgend¬
welchen Hirnteilen dazukommen. Das verlängerte Mark kann nach den Ex¬
perimenten der Verff. als Ausgangsstelle der Erscheinungen nicht in Betracht
kommen Dagegen soll dem „Mittelhirn“ (gemeint sind offenbar in erster
Linie gewisse Teile des Zwischenhirns, Ref.) ein Anteil an der Auslösung der
Reaktionslosigkeit nach Schädeltrauma zukommen können; besonders soll
ferner die Hirnrinde hier in Betracht kommen, von der die Verf. nachwiesen,
• dass ihre alkalische Reaktion wenige Minuten nach schwerem Schädeltrauma,
ähnlich wie nach Tötung oder völliger Blutleere, in eine leicht sauere Re¬
aktion umschlägt. Die Commotioerscheinungen sind das Resultat verschie¬
dener konkurrierender Faktoren.
E. A. Grünewald: Studien zur pathologischen Anatomie der „Lan-
i d r y sehen Paralyse“.
Nach einem Ueberblick über die Literatur (40 Fälle mit Sektionsbefund)
beschreibt Verf. einen eigenen Fall von L. P., dessen Nervensystem mit zahl¬
reichen modernen Methoden untersucht wurde. Es fanden sich erhebliche Ver¬
änderungen sowohl an den peripheren Nerven (Myelinzerfall, Wucherung der
Schwann sehen Zellen. Lymphozyteninfiltrate) als auch im zentralen Ner¬
vensystem, und zwar nicht nur im Rückenmark und verlängerten Mark son¬
dern auch im Hirnstamm und sogar in der Rinde (Nervenzellenveränderungen.
Gliaproliferation, Markzerfall, lokal auch als sekundär aufgefasste Lympho¬
zyteninfiltrate und Nekrosen). — L. P. ist ein klinischer Begriff; mit dieser
Diagnose ist nichts Bestimmtes weder über die Aetologie noch über den patho¬
logisch anatomischen Befund gesagt. Häufig besteht eine weitgehende Dis¬
krepanz zwischen klinischem Verlauf und anatomischem Befund.
K. Flick: Ueber die physiologischen Grundlagen des nach A. Leri
benannten Handvorderarmzeichens.
Bei der Einrollung der Hand entsteht eine Fluchtbewegung in der Rich¬
tung der den Schmerz verursachenden Kraft ; welche Muskelgruppen dabei be¬
teiligt sind, hängt von der Gesamtsituation ab. Das Leri sehe Phänomen
kann nicht als besonders feines- Reagens bei Pyramidenbahnstörungen an¬
gesehen werden.
M, Bielschowsky und B. V a 1 e n t i n: Die histologischen Verände¬
rungen in durchfrorenen Nervenstrecken.
Trendelenburg hat die lokale Vereisung von Nerven als Methode
der Wahl empfohlen, da wo eine temporäre Unterbrechung der Leitung,
sei es bei Krampfzuständen sei es bei Neuralgien, erzielt werden soll. Die
von den Verff. durchgeführten histologischen Untersuchungen an einem ex¬
perimentellen Material ergeben neben mehreren theoretisch sehr interessanten
Befunden (Bedeutung von Kreislaufstörungen für Degeneration und Regenera¬
tion, anfängliche „Ueberneurotisierung“ der Leitbänder und endliche Rück¬
bildung der überzähligen Kabel etc.) das praktisch wichtige Ergebnis dass
die Vereisung tatsächlich für die zeitweilige Ausschaltung peripherer Nerven
das geeignetste Verfahren ist. Nach kurzer einmaliger Vereisung geht so ziem¬
lich das gesamte Fasernmaterial zugrunde, die Regeneration erfolgt sicher und
relativ rasch, weil die von zentral vordringenden Achsenfasern im ver¬
eisungsgebiet keinen mechanischen Widerstand zu überwinden haben und]
deshalb leicht in die distalwärts anschliessende Strecke Vordringen können.
Dagegen ist bei der lokalen Applikation von chemischen Agentien. wie Alko¬
hol oder Ammoniak, wegen der schwereren Schädigung, die dadurch gesetzt
wird, die Aussicht auf eine vollkommene Wiederherstellung der Funktion viel
geringer.
V. Dumpert und K. Flick: Zur Frage der Periostreflexe.
Die Verff. schliesscn sich auf Grund einiger Beobachtungen der An¬
sicht P. H o f f m a n n s an, der die Periostreflexe mit den Sehnenreflexen als -
..Eigenreflexe der Muskeln“ zusammenfasst. Es handelt sich um identische
Phänomene. „ .
Ramon y Cayal: Studien über die Sehrinde der Katze.
Der Altmeister der Neurohistologie hat sich schon vor vielen Jahren
sehr eingehend mit der Sehrindc bei rieren und Menschen befasst. Seit dieser i
Zeit sind über dies Gebiet bemerkenswerte Untersuchungen von einer Reihe '
namhafter Autoren vorgenommen worden (Campbell, B r o d iti a n n.
Heil sehen, Minkowsky u. a.). Wir identifizieren heute die Sehrinde,
mit der Area striata, ln den vorliegenden neuen Untersuchungen setzt sich
C a j a 1 — er geht in denselben von den Verhältnissen bei der Katze aus,
zieht aber die beim Menschen stets zum Vergleich heran auch mit jeneni
Autoren auseinander. C a j a 1 wendet wie jene Autoren die üblichen Me¬
thoden der Zyto- (N i s s I s Methode) und der Myelo- (W e i g e r t s Me-
Struktur, der Form «der Zellen und besonders ihrer Dendriten und Neuriten
festzustellen, welche jene Autoren ohne diese Methode nicht sehen, konnten.
Pr klimmt aher im übrigen zur weitgehenden Bestätigung der Ergebnisse
Er kommt aber im übrigen zur weitgehenden Bestätigung
jener Autoren. Wie B r o d m a n n unterscheidet er jetzt (ausser der Mark¬
schicht) 6 Schichten im Rindengrau, von denen die 4. in der Sehrinde bei
der Katze in 2 Unterschichten zerfällt (beim Menschen sind es nach Brotl- i
mann 3 Unterschichten); die obere Unterschicht ist im Golgibild durch uns
Vorhandensein einer speziellen Form von „Sternzellen“ mit langem Achsen¬
zylinder, die untere durch die Gegenwart von Nervenzellen mit bogenförmig,
sich nach oben wendenden Neuriten ausgezeichnet. In dem ausserdem für I
die Sehrinde charakteristischen Gennari sehen Streifen sammeln sich die
an ihrem stärkeren Kaliber und an ihrem Verlauf kenntlichen reizzuführenden
Fasern, die aus dem Corpus geniculatum externum und dem optischen Anteil
des Thalamus stammen. In ernsten Worten beklagt C a j a 1 die Vernach¬
lässigung der Golgimethode in der jüngsten Zeit.
M. Bielschowsky: Familiäre hypertrophische Neuritis und Neuro¬
fibromatose. . . ,
Unter der erstgenannten Bezeichnung ist von mehreren französischen
Autoren eine eigenartige Erkrankung (der Name Neuritis ist unzutreffend) der
peripheren Nerven beschrieben worden. Bielschowsky weist nach, dass
sowohl makroskopisch als mikroskopisch anatomisch diese Erkrankung sich
fast vollkommen deckt mit bestimmten Formen der Recklinghausen-
schen Krankheit (— Neurofibromatose oder besser mit V e r o c a y Neurino-
matose). Das Wesentliche bei beiden Krankheiten ist eine blastomatöse
Wucherung der Schwann sehen Scheidenzellen mit sekundärem Zugrunde¬
gehen und darauf folgender Regeneration der Nervenfasern.
Kürzere Beiträge von Donath: Ueber das Farbigriechen, von Krön: Zur
Klinik der Encephalitis epidemica, von Dumpert: Entgegnung auf
C. Mayers Bemerkungen zu meiner Arbeit über den Fingerdaumenreflex
sind hier nicht zu referieren. Hugo Spatz.
Archiv Siir experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 97. lid.,
Heft 1 — 6. Festschrift für H. H. Meye r.
A ms I er- Riga: Beiträge zur Pharmakologie des Gehirns.
Arnstein und R e d 1 i c h - Wien: Ueber den Einfluss des Adrenalins
und Ergotamins auf die Diurese beim Blasenfistelhund.
Adrenalin und Ergotamin bewirken deutliche Hemmung der Wasser-
und Kochsalzdiurese, die aber durch osmotisch kräftig wirksame Stoffe wie
Harnstoff und Glaubersalz aufgehoben wird. Die Hemmung kommt an¬
scheinend dadurch zustande, dass die Gewebe auf mechanischem Wege oder
durch physikalisch-chetmische Einflüsse (Erhöhung der Quellbarkeit) das
ihnen zugeführte Wasser festbalten.
de B o e r - Amsterdam: Die lokale Applikation des Strychnins auf das
Rückenmark.
M. D o h r n - Berlin: Ueber die pharmakologische Wirkung der drei
Stereoisomeren des Kampfers und einiger Kainpferderlvate auf die glatte
Muskulatur.
Die 3 Präparate zeigten die gleiche lähmende Wirkung auf die glatte
Muskulatur.
E p p i n g e r - Wien: Zur Gallensäureausscheidung bei Zystlnurle.
In einem schweren Fall, der zur Sektion kam, analysierte Verf. den
Gallenblaseninhalt und fand, dass der Zystinuriker schwefelhaltige Gallen¬
säure ausscheidet (wenn auch die relative Menge der Taiurocholsäure etwas
geringer war), trotzdem die Muttersubstanz des Taurins, wie v. Berg¬
mann nachgewiesen hat, das Zystin ist.
P. Freud- Wien: Ueber Verhinderung der entzündlichen Reaktion
nach intramuskulärer Neosalvarsanelnsprätzung. . .. . ]
Neosalvarsan kann ohne entzündliche Reaktion intramuskulär injiziert 1
werden, wenn es geschützt durch gelösten Gummi, mit einem Anästhetikum j
eingespritzt wird. Das Kolloid unterstützt letzteres durch Abhalten der I
chemischen Reize. Die klinische Wirkung ist der intravenösen Einspritzung ,
gleichwertig. (Gebrauchsfertige Ampullen ä 5 ccm zur Lösung des Neo-1
saivarsans bei der „Pharmazeut. Industrie A.ü. Wien“ unter dem Namen
„Lyarsan“.)
Fröhlich und Gussenbauer - Wien : Die Wirkung der Erd- i
alkalien auf das Elektrogramm normaler und oxalatvergifteter Kaninchen.
A. Fuchs- Wien: Analyse der Guanidinvergiftung am Säugetier.
Experimentelle Enzephalitis. II. Teil.
Guanidin erzeugt bei Katzen typische Enzephalitis, die sich symptomato- J
logisch und klinisch vollkommen mit dem Krankheitsbilde der infektiösen 9
Enzephalitis des Menschen (E c o n o m o) deckt. Dasselbe Symptombild :
Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
959
nd pathologisch-anatomische Ergebnis liefert die Fleischvergiftung des
ndes mit Eck scher Fistel. Die Annahme, dass die Guanidintoxikose
t Tetanie identisch sei, lässt sich nicht mehr aufrecht erhalten.
F ii h n e r - Leipzig: Die Wirkungsstärke von Chloroform und Tctra-
orkohlenstoff.
G o 1 1 1 i e b - Heidelberg: Pharmakologische Untersuchungen über die
‘reoisomcrie der Kokaine.
(i r o s s m a n n - Agram: Chinin und Hämoklasic.
Nach intravenöser Chinininjektion fand Verf. bei Lebergesunden keine
nderung der Leukozytenzahl, manchmal Leukozytose, bei Leberkranken
gegen stets ausgesprochene Leukopenie. Er nimmt eine Gefässwirkung
is Chinins an. lokale üefässkontruktionen der Eingeweidegefüsse mit
nporärer Zurückhaltung der weissen Blutkörperchen, wobei der Zustand
r Leber von ausschlaggebender Bedeutung ist.
G r tt n w a I d - Wien: Ueber Szillaren. Nach Versuchen am isolierten
! oschherzen.
Die Wirkung des Szillarens fand Verf. der des Strophanthins ähnlich:
rlangsamung der Schlagfolge, Ueberleitungsstörung, schliesslich Stillstand
Mittelstellung. Die Szillarenwirkung ist nicht durch Sensibilisierung des
rzens für Kalk oder Kali zu erklären, doch besteht anscheine -d eine
iiitität zwischen Kalk und Szillaren, dadurch Störung des lonengleich-
I wichts zwischen Kalk und Kali, das von entscheidender Bedeutung für das
i standekommen der Szillarenwirkung ist. Die Annahme Jennys, dass
gitalis und Szillaren am Froschherzen nur quantitativ verschiedene
irkung haben, trifft nicht zu.
M a n d o v s k y - Göttingen : Strophanthin Wirkungen am Froschherzen
iter verschiedenen Bedingungen.
H a n z 1 i k - San Francisco: Experimental plumbism in pigeons from the
unlnistration of metalfic lead.
.1 o a c h i in o v i t s - Wien: Zur Pliarmakologie der Uterusschleimhaut.
Salizylsäure und Jodnatrium, parenteral oder per os an Mensch und
•r (Hunden, Kühen. Stuten) in grösseren Dosen verabreicht, gehen in ge¬
igen Mengen in das Uterussekret über. Möglicherweise kann damit unter
| wissen Bedingungen ein therapeutischer Effekt (Sekretionsänderung) er-
icht und die Wirkung der Salizylsäure auf den Uterus (Blutung, Abort in
ühperioden) erklärt werden.
R. Kaufmann und C. J. R o t h b e r g e r - Wien: Ein Fall von auri-
ärer Parasystolie mit einfachen, zahlenmässigen Beziehungen zwischen
1 rmal- und Extrareizrhythmus.
E. K n a f f 1 - L e n z - Wien : Ueber die Kinetik der Esterspaltung durch
I berlipase.
K ö n i g s t e i n - Wien: Reaktionsunterschiede zwischen gefärbter und
i gefärbter Haut.
Bei perkutaner Applikation von Jothionsalbe und bei Ionto-
I >rese mit NaJ scheiden schwarze Kaninchen langsamer das Jod im
| eichel aus als weisse, der schwarz-weisse Hund resorbierte bei Ver¬
ladung schwarzer Hautstellen langsamer als bei Benutzung weisser. Ent-
ndung der Haut beschleunigt die Resorption, der Zeitunterschied bleibt
i.'r gewahrt. Bei subkutaner Injektion von NaJ war es umgekehrt,
!i warze Kaninchen resorbierten rascher. Gescheckte Tiere zeigten die
liehen Differenzen, für die offenbar die Beschaffenheit der Haut massgebend
denn bei intravenöser Injektion verhielten sich schwarze und weisse
:re gleich.
0. Loewi und J. Solti-Graz: Ueber die Wirkung von Pilokarpin
id Atropin auf den quergestreiften Muskel.
Mansfeld und Or'bän-Pest: Ueber die Beziehungen von Schild-
i ise und Milz zur Blutbildung.
Im Blut anämischer Kaninchen entstehen serumaktive Stoffe, die bei
malen Tieren eine Zunahme von 0->-Ueberträgern (Erythrozyten, Hämo-
' hin) bewirken, an schilddrüsenlosen Tieren aber wirkungslos sind. Bei
■nlddrüsenlosen anämischen Tieren bleibt die Bildung dieser Stoffe aus.
Izexstirpation war ohne Einfluss auf diese Beziehungen.
Mautner und E. P. Pick -Wien: Zur Analyse der Gefässwirkung
15 Pituitrins.
H. Molitor und E. P. Pick -Wien: Die Bedeutung der Leber fiir
: Diurese.
Aus Versuchen an Hunden mit Eck scher Fistel und an entleberten
i ischen schliessen die Verfasser, dass die Leber eine doppelte Bedeutung
i die Diurese hat: sie regelt auf mehr mechanischem Wege durch venöse
icrrvorrichtungen Blutkonzentration und Wasserdiurese und scheint auf
•monalem Wege durch Beeinflussung des Quellungszustandes der Gewebe
; scheidend in den Stoffwechsel des Gesamtorganismus einzugreifen.
E. N e u b a u e r - Wien: Beiträge zur Kenntnis der Gallensekretion.
L. Jacob- Bremen.
Klinische Wochenschrift. 1923. Nr. 26.
Otfr. M ü 1 1 e r - Tübingen: Ergebnisse der Kapillarmikroskopie am
Inschen. Uebersichtsaufsatz.
K. Gold st ein und W. R i e s e - Frankfurt a. iM. : Ueber induzierte
Wanderungen des Tonus (Halsreflexe, Labyrinthreflexe und ähnliche Er-
i einungen).
In dieser vorläufigen Mitteilung berichten die Verfasser über induzierte
i.änderungen des Tonus beim normalen Menschen. Es zeigte sich, dass
■ Veränderung der Lage bestimmter Glieder, im besonderen des Kopfes,
l msveränderung in anderen Gliedern auftreten, welche zu unwillkürlichen
Regungen derselben führen. Die Bedingungen, das auslösende Moment,
.iraktcr und Typen solcher Bewegungen werden näher analysiert.
, Elias und F. Kornfeld - Wien: Ueber die Wirkung saurer
isphatlösungen bei Tetanie.
I Die Versuche führten zu folgendem Resultat: Selbst bei Kranken, die
ge anfallsfrei geblieben waren, bewirkte die intravenöse Injektion von
ren Phosphatmengen eine Steigerung der elektrischen Erregbarkeit der
ven und nach einem Intervall von ca. 2 Stunden einen langdauernden
anieanfall. Theorie dieser Wirkung. Die Versuche zeigen vor allem, dass
h saure Phosphatlösungen verschlimmernd auf den tetanischen Zustand
> ken können. Für die Entstehung des letzteren kann nicht nur eine
. kalose" wesentlich sein.
Th. Brugsch und Jul. R o t h e r - Berlin: Ueber die Harnsäure in der
■le. 3. Mitteilung.
Die Ergebnisse neuer Untersuchungen (Methodik wird mitgetcilt) stehen
mit den Schlussfolgerungen von Harpuder im Widerspruch. Die Harnsäure
erweist sich tatsächlich als ein regelmässiger Bestandteil der Galle. Die
Lehre der Urikämie kann heute also ohne Berücksichtigung dieser Tatsache
nicht mehr erörtert werden.
W. Jadassohn und H. M a r t e n s t e i n - Breslau: Ueber die Ah-
scnwacliung der ruberkulinwirkung durch menschliches Serum.
Durch vergleichende Applikation von aktivem Serum plus Tuberkulin
und inaktivem Serum plus Tuberkulin auf die Haut Allergischer gelang es,
eine die I utberkulinwirkung abschwächende, nur im aktiven Serum wirksame
Substanz nn menschlichen Serum nachzuweisen.
.... iH- D ob e rt - Freiburg i. Br.: Ueber Blutregeneration anämisierter
''aUSfi . .. . ?* 1,11 Licht und unter Einwirkung künstlicher Höhensonne.
Akut anamisierte kleine Versuchstiere weisen im Dunkeln eine ver¬
zögerte und ungenügend bleibende Regeneration des Blutes auf. im Dunkeln
belassen gehen sie an Entkräftung zugrunde. Bei normaler Umgebung im
1 ageslicht erfolgt die Regeneration nach bestimmt bemessenem Blutverlust
*1. 13—11 Tagen- unter ultraviolettem Licht in 10—11 Tagen. Für eine
günstige Strahlenwirkung ist eine Pause von 4 — 5 Tagen zwischen den Be¬
strahlungen notig, zu kurze Pausen stören den Aufbau des Blutes. Die
ursprüngliche Schädigung der Erythrozyten durch ultraviolette Strahlen wird
günstig aufgewogen durch die folgende Knochemnarksreizung und vermehrte
Blutbildung.
c '*Y ß ] ^ h e i m e r - Frankfurt a. M.: Die Quecksilberbehandluiig der
Encephalitis lethargica.
Nr iV8°Ty;Uf dem 35' Kongress für innere Medizin 1923; s. d. Wschr.
E. G r a f e - Frankfurt a. M.: Die Netzhautveränderungen bei Diabetes.
. . .erJ: aP‘ Grund eigener Untersuchungen bestätigen, dass die Re¬
tinitis diabetica in den allermeisten Fällen eine Hypertonie zur Voraus-
Setzung hat. Der feinere Mechanismus der Einwirkung der Hypertonie auf
die Netzhaut ist noch nicht klar zu erkennen.
Fr. Baur-St. Blasien: Die Grundlagen der medizinischen Klimatologie
Letztere muss sich entwickeln aus der Reizwirkung der klimatischen
Faktoren auf die Abwehrvorrichtungen und die Schonung des Energievorrats
des menschlichen Organismus. An die Stelle der bisherigen Klimakennzeich¬
nung durch Mittel- und Extremwerte muss die Darstellung nach Schwellen¬
werten der Reizgrössen, der Abkühlungsgrössen und der zugehörigen Zeit¬
dauern treten.
Leone L a t t e s - Modena: Echte Hämagglutination und Pseudoaggluti-
nation in Bezug auf die Bluttransfusion.
„Verf. weist auf Grund eigener Untersuchungen auf verschiedene Fehler¬
quellen hm, welche von einigen Autoren bei der Deutung der einschlägigen
Phänomene nicht genügend berücksichtigt worden sind.
M. T i e c h e - Zürich: Zur Pockenepidemie in der Schweiz.
Verf. weist nach, dass es sich bei der Ausbreitung der Pockenfälle nicht
um eine 1921 aus Frankfurt nach Basel erfolgte Einschleppung handeln kann.
L. Gozony: Ueber biologische Zell Veränderungen bei immunisierten
Tieren.
Kurze wissenschaftliche Mitteilung. In gewissen Zellen des Organismus
erfolgt durch die Immunisierung eine Veränderung.
W. L ehma n n -Göttingen: Ueber Slngultus und seine Behandlung
Kasuistische Mitteilung.
i,3' 0 h 9 e - Rostock : Ein Kokzidienbefund (Isospora hominis) in dem
Stuhl eines deutschen Kriegsteilnehmers aus der Türkei.
Grassmann - München.
Deutsche medizinische Wochenschrift.
Nr. 26. G o 1 d s c h e i d e r - Berlin: Ueber die
Druckpunkte (Nervenpunkte) in der Pathologie.
S. Bericht M.m.W. 1923 S. 756.
I e 11 m a n n - Berlin: Ueber Nervenpunkte bei Normalen und Kranken.
S. BeVjcht M.m.W. 1923 S. 756. T. fand bei fast allen Gesunden (94 Proz).
physiologische Druckpunkte als Zeichen einer erhöhten nervösen Empfindung,
zu unterscheiden von den pathologischen Zeichen einer Neuralgie.
A. Bickel und T. W a t a n a b e - Berlin: Vergleichende Unter¬
suchungen über die Wirkung von verschiedenen Arzneimitteln und Mineral¬
salzen auf die Abscheidung der Galle.
In Kürze: Azethylcholin, Atropin, Adrenalin unterbrechen mehr oder
weniger enei gisch den üallenabfluss ohne nachfolgende Steigerung. Das
Alexapm bewirkt eine vermehrte Absonderung der Galle mit geringerem
1 rozentgehalt an festen Substanzen; Salzlösungen 15:300 (Quellsalz der
lomburger Elisabethenquelle und der Mondorfer Quelle bewirken verminder¬
ten Gallenabfluss mit erhöhtem Prozentgehalt; geringere Konzentrationen sind
wirkungslos.
K. R e t z 1 a f f - Berlin : Zur Pathologie des Ikterus.
Zur Frage des anhepatogenen (hämolytischen) Ikterus nach eigenen
fremden Untersuchungen.
E. Färber und D. Latzky - Berlin; Ueber die Behandlung
Pyurie im Kindesalter. S. Bericht der M.m.W. 1923 S. 284.
A. N u s s b a u in - Bonn : Ueber Osteochondritis coxae juvenilis —
Calve-Legg - Perthes.
Nach neueren Untersuchungen über das Leiden dessen klinische Zeichen N.
naher beschreibt beruht es auf einer primären Nekrose des knöckprnen
Schenkelkopfes mit anschliesesnder Störung der endochondralen Ossifikation
der Epiphyse. Daher die beste Bezeichnung: jugendliche Gelenknekrose
(Calve, Leg?, Perthes).
V. Weiss-Pest: Solästhin „Höchst“, ein neues Betäubungsmittel.
Das Solästhin erfüllt im allgemeinen die Indikationen des Chloräthyls
und ist dabei ungefährlich und wohlfeiler.
L. Z w e. i g - Dortmund: Die Behandlung der Syphilis mit kolloidalen
Quecksilberpräparaten.
Versuche mit dem Kalomel-Diasporal ergaben befriedigende Resultate
bei tertiärer Syphilis und latenter Syphilis mit positiver Wa-Reaktion; es
scheint hauptsächlich für die Syphilis des Nervensystems, der Arterien und
einen Teil der syphilitischen Augenerkrankungen in Betracht zu kommen.
V. Nagel-Halle: Argentocystol zur Behandlung der männlichen
Gonorrhöe.
Das Argentocystol ist ein gutes Silbereiweisspräparat von verhältn-s-
mässig billigem Preis.
F. K o n r i c h - Berlin: Zum färberischen Nachweis der Tuberkelbazillen.
Die von K. angegebene Natriumsulfit-Malachit-Methode hat sich weiter
Bedeutung der sensiblen
und
der
960
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 29.
bewährt und gibt, verbunden mit der Antiforminanreicherung, zuverlässigere
Resultate als die Ziehl-Neels e n sehe Methode.
E n g e 1 en -Düsseldorf: Zur Prüfung der Szillawirkung.
Nachweis der Szillawirkung durch Messung der Stärke des systolischen
Herztones mit dem Hock sehen Diffcrentislstethoskop. . . ,
R Terbrüggcn-Frankfurt a. M.: Ein Fall von Ke.lbeinhuhlenelte-
rtimr gleichzeitig ein Beitrag zur unspezifischen Protemkorpertherapie.
Blfnck- Potsdam: Eine einfache Methode. Warzen schmerzlos und
erhebliche Narbenbildung zu entfernen,
nie von Bender m a n n kürzlich empfohlene Gefriermethode wird I noch
erleichtert durch vorherige mehrmalige Verwendung von lOproz. -*>hz>
säureguttaplast oder I rikoplast. .... ,
R. We iss: Mein verbesserter Ham°-Kalz,,%ere- r g e a t . München.
Medizinische Klinik. Heft 26.
E. W o s s i d I o - Berlin: Diagnose und Behandlung der Prostatahyper¬
trophie bei älteren Leuten.
K°fB Im'iTg eT^Wien: Ueber Kryptorchismus und Fehlwanderung des
H°deUnter den Fehlwanderungen, die zum Unterschied von der Retentio
testis selten richtig diagnostiziert werden, nimmt die_ lnguinosuperfizieUe eine
beherrschende Stellung ein; dabei kann der Scheidenfortsatz unverkürzt st .
DiS oÄe Richügfagerung ist. auch wenn keine Beschwerden vorhegen,
zu empfehlen; ihre Aussichten sind günstiger als bei der entfachen Zuruck
lialtung Da die Bewegungen des fehlgewanderten Hodens m :P -• S
Richtung vor sich gehen, so erklärt sich die leichte Torsion. Maligne F. t-
T U.b.r orßauiscli »ß-
dingte Ticks. .. . .
irii ,K;“l;^pä?zL“F»ßeZ£ 2wlschß» Hyper-
Au'^ (jrundHVdcrr,ß”na"uen Beobachtungen an 7 Fällen kann nntä.oAAcr
Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass bei akuten diffusen '
nephritiden die Hypertonie und Hyperglykämie durch dieselben Faktoren
hervorgerufe„mSind._soidin: I)ie Proteinkörpertherapie mit Novoprotln
spezieH^be^m JUlous c U^ü b't’^ Cd e ren 'ütiu c h t s p^nen
ventriculi durch Novoprotin, das sich auch sonst bei einschlägigen Fallen
bewährt(jiat h ^ - Frankfurt a. M.: Spuman liquid, in der Oto-Rhinologle.
7ur Wund- und Schleimlfautbehandlung. .... . . .
F. R o h r - Wilhelmshöhe: Progressive Muskeldystroplue und endokr n
DrUSMitteilung . eines Falles, wo der genannte Zusammenhang nahegelegen
war und dessen Symptome durch Organtherapic gebessert werden konnten.
W Karo- Berlin : Ueber Sulfoxylatsalvarsan in der Urologie.
In 10 — 100 fach er Verdünnung örtlich bei unkomplizierter Goik r ♦
auch bei Koliinfektionen der Hnniwegc. . „ •
Beck- Conradshöhe: Die Yatrenbehandliiiig in der Unfallpraxis.
Empfehlung des Yatrenverbandmull bei Verletzungswunden. ...
V. K a f k a - Hamburg: Die Wassermann sehe Reaktion der Rtickei -
Mitteilung legt VC. dar. *» .»uh.schei.lioh Lipoide. Mio»
CS nun Reuktions- oder Zerfallsprodukte seien es U w A ^ e i , u e s s i n d
tative Veränderungen dieser Stoffe, die Ursache der WaR. be L >cs s nd,
d tss sic ferner die Labilisierung und Dispersitätsveranderung der Gtobulme
bewirken die auch durch andere Faktoren wie Lues hervorgerufen werden
kiinnM. Pawloff und B. S c h a z i 1 1 o - Charkow: Ueber die Rolle der
^ * 6 * S Bei1* Ka nhtc 1 i e n" h at da s Steissdrüsenextrakt eine beschleunigende Wirkung
auf die Blutgerinnung. c
H. E n g e 1 - Schöneberg; Unfall und Hirnabszess.
Amerikanische Literatur.
H. R. L i t c h f i e 1 d und R. P. Har d m a n: Saugbehandlung bei Kehl-
konfdinlithcrie (Jo-urn. Am. med. Assoc., Chicago, 1923, Nr. 8.)
Dis Verfahren ist folgendes: Der Kranke wird mit einem Verband wie
bei der Intubation versehen. Durch ein J a c k s o n sches Laryngoskop wird
die Membran und der Schleim aspiriert vermittelst eines Seiden- ÄJ^eht
katheters, welcher mit einer Saugflasche verbunden ist. Die letztere _ ®
mit einer gewöhnlichen elektrischen Säugpumpe in Verbindung Eine grosse
Anzahl von Fällen wurde auf diese Weise erfolgreich behandelt.
Verfasser kommen zu folgenden Schlüssen: 1. Ansaugung ist be.o
angezeigt in Fällen, die eine tiefliegende Membran aufweisen, welche weder
durch Intubation noch durch Tracheotomie erreicht werden kann 2. Die
laryngoskopische Untersuchung in Verbindung mit Ansangung kann wen
notwendig, alle sechs oder acht Stunden wiederholt werden V^cle Falle
werden durch eine einmalige Ansaugung geheilt. 3 *n.
die Ansaugung mit der Intubation verbunden wenden. 4. Durch die An
saugungsbeliandlung wird die Rekonvaleszenzzeit bedeutend verkürzt. 5. Die
Sterblichkeit wird durch diese Behandlungsmethode reduziert.
W J. McNea! und G. S. Willis: Hautkrebs durch Radmmwirkung.
I iniirn Am Med Assoc., Chicago, 1923, Nr. 8.)
Der Kranke war, ein Arzt, der durch öftere Anwendung des Radmms
als Heilmittel sich eine Krebsgeschwulst am Daumen zuzog. Die Geschwulst
nvmht.- eine Amnutation des Daumens notwendig. ...
h> ß B e t t in a n und D. M. Blum: Akute Darmobstruktion durch An-
häufung von Fäkalmassen im .Meckelsehen Divertikel. (Journ. Am. Med.
ASS°DerC Kranke war ein 10 fahr. Knabe. Er wurde durch eine Operation
geheilt ln der Literatur ist kein ähnlicher Fall bekannt geworden. _
A F Reith: Wachstum des Pfeiffer sehen Bazillus in gemischten
Kulturen in blutireien Nährböden. (Journ. Infect. Dis., Chicago, 1923. Nr. 3.)
Ein typischer indolbildender Stamm des P f e i ff e r sehen Bazil us wurde
durch mehrere aufeinanderfolgende Generationen in einem bl.utfreien Nähr¬
boden mit dem Staphylokokkus und dem Bacillus subti is kultiviert. Die
Substanzen, die zum Wachstum notwendig sind, sind daher ausserhalb de>
Blutes erhältlich. Vegetabilische Extrakte allein waren zum Wachstum des
Pfeifferschen Bazillus in reinen oder in mit Staphylokokken gemischten
Kulturen nicht hinreichend. ... „„ FipWrnfJo-
R. D. F o r b e s: Behandlung eines Aortenaneurysmas mit tlektroivs«
durch eingeführten Draht. (Therap. Gazette. Detroit, 1923. Nr -.) A.
Der Kranke wies die Symptome tertiärer Syphilis auf. Das Aneurysm.,
hatte die Form eines Sackes und die zweite und dritte Rippe waren in hohtm
Grade erodiert. Die Schmerzen wurden vollständig gehoben mit Elcktroly*
durch einen eingeiührten Draht, so dass das Leben des Kranken ertraglcl
^L'iiacht wurdtji o ma s; Anhaltende Leukozytose in den Frühstadien det
Thromboangltis obliterans. (Am. Journ. Med. Sciences, I hiladleplua, 193||
Nl Bei einem Falle von Thromboangitis obliterans (B u e r ge r sehe Krank-
heit Spontangangrän) der unteren Extremität wurde eine deutliche anhaltendi
Leukozytose beobachtet. Es ist wahrscheinlich, dass in Frühstadien dt4ei
Krankheit immer eine Leukozytose auftritt, was zugunsten der An. ich
Buergers. dass der Krankheitsprozess infektiöser Natur sei. spricht.
J.Friedenwald und K. H. Tanne ab a u m: Ein Aneurysma de;
Arteria hepatica. (Am. Journ. Med. Sciences. Philadelphia. 1923. Nr. 1.)
Verfasser berichten über einen Fall von Aneurysma der Art hepatica ( b»l
einem 48 jähr. Manne, der mit Tod endete. Solche Falle sind sehr selten
Nur 65 Fälle sind soweit in der Literatur bekannt geworden. Die Diagnosi
ist schwierig. Die hauptsächlichsten Symptome sind kolikartige Schmerle!
in der Gegend der Gallenblase, Blutungen und Gelbsucht und zuweilen en
pulsierender Tumor mit systolischem Geräusche. Unterbindung der Arierin
hepatica ist die einzige rationelle Behandlungsmethode.
S. M. Lambert: Kohlcnstofftetrachlorld bei der Behandlung dt
llackenwurmkrankheit. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago. 1923. Nr. 8.) Gl
Es wurden 5U 000 Fälle von Hackenwurmkrankheit mit grossem fcnol« -
mit Kohlenstofftetrachlorid behandelt. 3 Fälle gingen mit I od ab. der abe
einem unreinen Präparat zugeschrieben werden muss. nES:c1«L pr°' lrJ
wendig, dass ein reines Produkt verwendet werde. Die Dosis für Erwach en
1 'wDhKx ton: Eine einfache und schnelle Probe für Elwelss und ander
Harnnroteide. (Journ. Am. med. Assoc., Chicago, 1923 Nr. < .) II
Das Reagens besteht aus einer Lösung 5 proz. Sulfosalizylsaure un
20 Proz. Naitriumsulfat. Der grosse Wert dieser Probe besteht darin, das
die Trübung der Konzentration des Harneiweisses direkt proportioniert is
Das Präparat reagiert nicht auf Basen, Salze, harzige oder andere fietnfl
ül J. T. Case: Pericarditis calculosa. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicagi
1 ülber einen Pan von Pericarditis calculosa berichtet, der dtin
die Röntgenstrahlem dign-ostiziert wurde. j
I W. Jobling und L. Arnold: Bemerkungen zur Aetiologie di
Pellagra. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1923, Nr. 6.) M
In den Südstaaten und in allen warmen Gegenden bildet eine übermassij
Menge von Kohlehydraten die Hauptnahrung der Bevölkerung und es i
wahrscheinlich, dass dieser Umstand eine hervorragende Rolle in der Aeti
1 " "" RÜ 1 . 1 /V\' -i' f oV ^Kreatinin als Test der Nierenfunktion. (Journ. Am. Me
A ^ S° Da V e r fahr e‘ n ^ w a o Ige n d c s : Der Kranke trank ein Glas Wasser ui
nach einer Stunde wurde der Harn untersucht. Dann wurde dem Krank
i)5 g Kreatinin intravenös eingespritzt und derselbe trank wieder ein G
Wasser. Nach einer Stunde wurde der Harn untersucht. Hierauf wurde fei
zweite Einspritzung von Kreatinin gemacht und der Harn untersucht. L
Resultate waren wie folgt: Bei normalen Personen und bei Kranken, welc
an verschiedenen Krankheiten ohne Nierenläsionen litten, war die Bar
ausscheidung nach einer Injektion von 0,5 g Kreatinin wahrend einer . tun
dreimal grösser als während der Stunde die der Injektion voranging.
Gesamtausscheidung am Ende von 2 Stunden war fünfma grosser a s wahrc
der ersten Stunde vor der Injektion. Bei chronischer Nierenentzündung w
die Vermeidung des Harns geringer als 50 Proz. ln mehreren Fallen wur
gar keine Erhöhung der Harnausscheidung beobachtet.
F. H. Falls: Transfusion von Zitratblut als Behandlungsmethode 1
Blutungen von Neugeborenen. (Journ. Am Med Assoc., Chicago 1923. Nr
Diese Methode bildet eine spezifische Behandlungsform bei Blutung
von Neugeborenen. Peripherische Venen, besonders die Vena jugula
externa, sind zu diesem Zwecke am besten geeignet. Diese Methode
gefahrloser als die Einspritzung von Blut in den Sinus longitudinalis.
Behandlungsform kann auch angewandt werden bei Kindern mit schwer
Uterus y °']^rsu™n t h , und j j Short: Die spontanen Veränderunt
des Blutdrucks und die Wirkungen der Diät aul hohen Blutdruck mit
soliderer Hinsicht auf Natriumchlorid. (Am. Journ. Med. Sciences. I hiladelpt
Spontane Veränderungen des Blutdruckes kommen bei allen Individi
vor. ln Fällen von Hypertension findet gewöhnlich eine grosse Verminder
des arteriellen Druckes während Perioden geistiger und physischer i
pression statt. Diese Veränderlichkeit des Blutdruckes hat hinsichtlich 1
Wirkungen der Diät, der Heilmittel usw. auf den arteriellen Druck ke
genügende Beachtung gefunden. Proteinnahrung erhöht den Blutdruck tml
Stärkenahrung kann den Blutdruck indirekt erhöhen, so dass Fettsucht t|
setzt Die Literatur liefert keine bestimmten Angaben, dass Natriumüiltl
den Blutdruck erhöht. Die Menge der Blutclilondc steht in keinem Verhal l
zum Blutdruck. In einer Anzahl von Experimenten vermochte die FinnaD
von 10 g Kochsalz den Blutdruck bei Hypcrtension nicht zu erhöhen,
C M Picrsol und H. L. Bockus: Untersuchungen über die du
nichtchirurgische Drainage gewonnene Galle mit besonderer Hinsicht auf <1
Bakteriologie. (Am. Journ. Med. Sciences, Philadelphia, 1923, Nr. 4.) 1
Lyon beschrieb ein Verfahren, nach welchem frische paUe vcrrrnttl
des Duodenalschlauches gewonnen werden kann. Verf. hat diese Mc
nachgeprüft und findet, dass dieses Verfahren klinischen Wert hat. Kr gD «
dass die auf solche Weise erhaltene Galle direkt von den O alle n gän K en ^ I
der Gallenblase herrührc. Krankheiten der Gallenblase ind der Gal deiiga _
können auf diese Weise durch mikroskopische und bakteriologische Un
20. Juli 1923. _ _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
>uchutiK der Galle diagnostiziert werden. Die bakteriologische Untersuchung
ist schwierig und zeitraubend, aber von grossem Wiert für die Therapie.
G. W. Hall: Diabetes insipidus. Bericht über einen Fall, der nach
„pidemischer Enzephalitis mit mächtiger Polyurie auftrat. (Am. Journ. Med.
Sciences, Philadelphia, 1923, Nr. 4.)
Der Fall konnte durch intraspinale Einspritzung von Pituitrin nur temporär
>eeinflusst werden.
W. B. Cadwalader und J. W. Mc Gönne 11: Die Bedeutung der
Reihenfolge und des Entwicklungsmodus der Symptome als Hilfsmittel bei der
Diagnose der multiplen Sklerose in ihren Friihstadien. (Am. Journ. Med.
Sciences, Philadelphia, 1923, Nr. 3.)
Beobachtungen an 6 praktischen Fällen führen Verfasser zu folgenden
Schlüssen: Die Reihenfolge, die Entwicklungsart und die Kombination der
Symptome sind von grösserer Wichtigkeit als die individuellen Erscheinungen.
Jeberdies deutet das Vorkommen von Gehirnsymptomen (besonders Stammeln
ind Nystagmus) allein oder nach Rückenmarkssymptomen, oder umgekehrt,
Rückenmarkssymptome nach zerebralen Erscheinungen, mit grosser Wahr¬
scheinlichkeit auf einen disseminierten pathologischen Prozess hin. Wenn
rühere Remissionen oder Unterbrechung des Prozesses im Frühstadium mit
lachfolgendem progressiven Verlauf nachgewiesen werden können, kann die
Natur der Krankheit mit ziemlicher Sicherheit festgestellt werden. Mit Aus-
uihme der Syphilis zeigt keine andere subakute oder chronische Krankheit
iieses remittierende Bild so beständig wie multiple Sklerose.
E. P. R ic ha r so n: Vergleichswerte der chirurgischen und der Röntgen-
ichandlung des Hyperthyreoidismus. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1923,
4r. 12.)
Partielle Thyreoidektomie ist wirkungsvoller qls die Röntgenstrahlen bei
ler Behandlung des exophthalmischen Kropfes, ln gewissen Fällen sind die
Röntgenstrahlen von Wert, wenn' aber nach viermonatiger Behandlung
4 Applikationen) keine Besserung eintritt, sollte zur Operation geschritten
werden.
C. S. W i 1 1 i a m s o n: Experimentelle Erzeugung peptischer Geschwüre.
Annals of Surgery, Philadelphia, 1923, Nr. 4.)
Es wurde eine Methode ausgearbeitet, nach welcher es möglich war, die
Sekretionen, welche den Magensaft bei seinem Austritt aus dem Magen
leutralisieren, nach einem anderen, von der Säurequelle entfernten Darmteil
ibzuleiten. Unter solchen Verhältnissen entwickelten sich in der Darm-
nukosa nächst der Magenschleimhaut typische chronische peptische üe-
ichwüre, welche den Geschwüren, die beim Menschen Vorkommen, patho-
ogisch ganz ähnlich waren. A. Alleman n.
Auswärtige Briefe.
Berliner Briefe.
(Eigener Bericht.)
Der Schiedsspruch im Streit mit den Krankenkassen. — Der vertraglose
lustand.
Der Schiedsspruch, der für die Gestaltung der kassenärztlichen Be¬
lebungen von entscheidender Bedeutung sein musste, ist am 1U. Juli gefällt
vorden. Er entspricht in keiner Weise den gestellten Forderungen. Das
ür die erste Julihälfte bewilligte Honorar entspricht ungefähr dem dritten
feil des auf Grund der allgemeinen Lohn- und Preissteigerungen Verlangten;
iir die zweite Hälfte des Juli sollte ein neues Schiedsgericht nach der dann
leitenden Indexzahl das Honorar festsetzen. Eine wertbeständige Errechnung
vurde vorläufig abgelehnt, weil erst das Ergebnis der Bemühungen um wert-
»eständige Arbeitslöhne abgewartet werden solle. Der 20 proz. Zuschlag iür
ieruisunkosten wurde abgelehnt; betreffs der Epidemieklausei wurde nur
lie Bemerkung ins Protokoll aufgenornmen, dass die Honorare nicht für Epi-
lemiezeiten gelten. Das Ergebnis war also teils ein ablehnendes, teils eine
ortsetzung der bisherigen Verschleppungstaktik. Damit war die Kugel ins
Jollen gekommen. Gemäss dem in der letzten Mitgliederversammlung der
.Wirtschaftlichen Abteilung“ gefassten Beschluss wurde eine neue Mit-
Jiedcrversammlung für den 13. Juli einberufen, in der über die Stellung¬
ahme der Aerzteschaft Beschluss gefasst werden sollte. Diese Versammlung,
lie trotz der glühenden Hitze und der weiten Entfernung ausserordentlich
tark besucht war, verlief sehr kurz und sehr würdig. Nach dem Bericht
her die Schiedsgerichtsverhandlungen und nach Darlegung der durch das
'rteil für uns gebotenen Folgerungen wurde debattelos und fast einstimmig
er Antrag des Vorstandes angenommen: Falls nicht bis zum 28. Juli Sicher¬
eiten dafür gegeben seien, dass in Zukunft dem gesunkenen Geldwert ent-
prechende Honorare gewährleistet werden, so muss der Vorstand den Ver-
rag zum 1. August fristlos kündigen. Nach Annahme dieses Antrages be-
lächtigte sich der Versammlung ein Gefühl der Befreiung. Die Unzufrieden¬
em in den Kreisen der Kassenärzte hatte einen Grad erreicht, der kaum
lehr steigerungsfähig war. Eine völlig unzureichende Entlohnung, die hinter
cn Arbeiterlöhnen weit zuriickblieb und für die bescheidensten Lebens-
nspritche nicht ausreichte, und die Auszahlung dieser Entlohnung zu einer
eit. wo sie kaum noch die halbe Kaufkraft hatte, dazu eine verantwortungs-
olle Tätigkeit, hatten eine Erbitterung hervorgerufen, die bei Fortdauer
ieser Zustände mit unfehlbarer Sicherheit zum Bruch und zum Kampf
rängen musste. Wohl hatten vorsichtige und besonnene Elemente im
orstande, die die Gefahren eines jeden Kampfes sehr wohl kannten, so lauge
ie möglich den Kampf zu vermeiden gesucht und waren bis zur äussersten
uenze der Geduld gegangen, aber auch sie rieten jetzt zum Kampf; und ein
erstand, der dieser Stimmung der Mitglieder nicht Rechnung trüge, hätte
uch am gleichen Tage aufhören müssen, Vorstand zu sein. Nachdem der
ieschluss gefasst war, kam noch ein Kollege zum Wort, der itu Namen und
n Aufträge der kommunistischen Aerzte und auch der kommunistischen
assenvertreter erklärte, dass ihre Sympathien durchaus auf seiten der Aerzt«
eien, deren Standpunkt sie würdigen und deren Bestrebungen sie in jeder
Veise zu unterstützen bereit seien. Er empfahl aber auch, dass mit dem
ikrafttreten des vertraglosen Zustandes die Aerzte sich nicht damit begnügen
"Ilten, die sie ansuchenden Kranken über den Stand der Dinge zu belehren,
enn diese wollen Hilfe und nicht Belehrung, sondern sich in grossen Ver-
ammlungen an die Masse der Kassenmitglieder zu wenden; auch hierfür
• ie für die Beschaffung geeigneter Lokale sagte er die Hilfe seiner Partei zu.
Hese Erklärungen wurden mit grossem Beifall aufgenommen, brachten aber
961
doch einen kleinen politischen Beigeschmack in die Angelegenheit. Dem
wusste der Vorsitzende sehr geschickt zu begegnen, indem er mit dem
Dank für die Mitteilungen des Kollegen die Zuversicht aussprach, dass auch
die anderen politischen Parteien für die Bestrebungen der Aerzte Verständnis
und Sympathie beweisen würden.
In dem Beschluss der Versammlung ist die Kündigung noch nicht be¬
dingungslos ausgesprochen; es ist den Kassen noch die Möglichkeit zum
Emlenken offen gelassen. Aber wer ihre Ziele und ihre Pläne kennt, weiss,
dass es fast ausgeschlossen ist, dass sie diese Brücke betreten werden- der
Kampf wird also unvermeidlich sein. Damit hat der Vorstand der „Wirt¬
schaftlichen Abteilung gerechnet und bereits alle organisatorischen Vorberei¬
tungen getroffen. Er weiss aber auch, dass zum Kriegführen Geld. Geld und
nochmals Geld gehört. Das ist fürs erste vorhanden durch einen im
vorigen Jahre geschaffenen Fonds für aussergewöhnlichc Bedürfnisse und
wird und muss weiterhin beschafft werden. Bereits nach der Mitglieder¬
versammlung wurden Listen aufgelegt, in denen sofort namhafte Beträge
gezeichnet wurden. Die Aerzteschaft weiss, dass es sich um ihre Existenz
handelt und nicht nur um die Existenz der Berliner Aerzte. die hier auf einem
vorgeschobenen Posten für dei Gesamtheit ihrer Berufsgenossen stehen.
Ein Appell an ihre Opferwifligkeit wird nicht ungehört verhallen. M. K.
Vereins- und Kongressberichte.
8. Tagung der Vereinigung bayerischer Chirurgen
am 7. Juli 1923 in München.
I. Hauptgegenstand: Das Karzinom, insbesondere Diagnostik und Thera¬
pie, mit Ausschluss der Strahlenbehandlung.
Der Vorsitzende, Geh. R. König- Würzburg überblickt das, was man
als gesicherte Heilerfolge der neuzeitlichen operativen Chirurgie betrachten
darf. Es steht fest, dass mit dem Messer auch „Ueberdauerheilungen“ er¬
zielt werden. Die Operabilität der Karzinome hat sich gebessert: die in
der Würzburger Klinik zugehenden Lippen- und Zungenkarzinome z. B.
waren alle operabel. An Rezidivoperationen, auch wiederholte, sollte man im
allgemeinen etwas herzhafter herangehen. Bei den Karzinomoperationen ist
sorgfältigste Technik geboten. Die Diagnostik in der allgemeinen Praxis
isit möglichst zu fördern.
H a g e m a n n - Würzburg gibt eine statistische Uebersicht über die
operative Krebsheilung an verschiedenen Kliniken. Im ganzen ist eine Ab¬
nahme der Mortalität und Zunahme der Heilungen in den letzten Jahr¬
zehnten festzustellen.
M e r t e n s - München hat einen Schimmel mit grossem, jauchendem
Melanosarkom, das von der Schwanzdrüse aus um den Anus und die Geni¬
talien herumwucherte, mit subkutanen Einspritzungen aufgeschwemmter Ge¬
schwulstzellen behandelt mit dem Erfolg, dass die Geschwüre sich reinigten,
die Geschwulst kleiner, beweglicher, operabler wurde, auch Metastasen
schwanden.
H ä b 1 e r - Würzburg betrachtet die Vorläuferkrankheiten des Karzinoms
an Hand der Würzburger Krankenmenge. Wenn ein präkanzeröses Stadium
in einem durch chronische Reize veränderten Gewebe für viele Fälle zwar
angenommen werden kann, so ist es doch — im Gegensatz zum Mäuseteer¬
karzinom — keineswegs notwendig. Ulcuskarzinome des Magens wurden
2 Proz. beobachtet, aus gutartigen Verhärtungen entstandene Mamma¬
karzinome ebenfalls 2 Proz.
Aussprache über Karzinom:
K r e c k e - München ist seinen'. Dauerheilungen aus den letzten
30 Jahren nachgegangen und zeigt sehr schöne Erfolge an verschiedenen
Kranken (Magen-, Mastdarm-, Dickdarmkarzinom u. a.).
v. Habere r - Innsbruck zeigt an verschiedenen Krankengeschichten,
wie man manchen zunächst inoperabel aussehenden oder von anderer Seite
unvollkommen operierten, sowie rezidivierenden Karzinomen doch noch er¬
folgreich beikommen kann, nötigenfalls durch mehrere Nachoperationen.
v. E i s e 1 s b e r g - Wien berichtet über Verknöcherungen in Laparo-
tomiennai ben, die leicht für Karzinomknoten bzw. Rezidive gehalten werden
können.
S a u e rb r u c h - München ist grundsätzlich für radikales Operieren und
Wiederangreifen der Rezidive; gerade bei alten Leuten bewährt sich dies,
während kleine Karzinome junger Menschen trotz gründlichster Entfernung
sehr schlechte Aussichten bieten. Die Karzinome sind übrigens, im ganzen
betrachtet, an verschiedenen Orten ganz verschieden geartet, hier z. B. viel
schlechter als in Zürich. Beim Mammakarzinom kann man selbst Knochen¬
metastasen erfolgreich angreifen bei entsprechender Lage (Sternum). Seit
längerer Zeit bewährt sich das Wegbrennen solcher Karzinome, die wegen
'ihrer Ausdehnung, ihres Sitzes, des Alters des Kranken der blutigen Opera¬
tion mit dem Messer nicht mehr zugänglich sind, mit dem im Holzkohlen¬
feuer zur Rot glut (nicht Weiss glut) gebrachten Lötkolbeneisen. Vor¬
führung Kranker, deren ausgedehnte Gesichtskrebse so behandelt sind, mit
bereits längerem Dauererfolge. Kleinere IRczidivknoten werden erneut ge¬
brannt. Schliesslich Hautlappendeckung der entstandenen Höhlen. (Kran¬
kenvorführung.)
Graser - Erlangen hat die Erfahrung gemacht, dass gerade solche
Kranke, die schon seit Jahren ein vernachlässigtes Karzinom tragen, oft
bessere Heilungsaussichten bieten, weil eben nur weniger bösartige Tumoren
so langsam wachsen. Beim Rektumkarzinom lässt sich die Operabilität bei
der Untersuchung in Narkose noch keineswegs Voraussagen; bei entsprechen¬
der Technik, schrittweiser Mobilisierung und kräftigem, aber vorsichtigem
Zug abwärts, lässt sich manches an der Grenze der Operabilität stehende
Karzinom noch herabliolen. Die grundsätzliche Anlegung eines Kunstafters
ist nicht nötig; nur bei Ileus ist sie geboten.
König- Würzburg legt doch lieber zur Entlastung des Operationsge¬
bietes einen Anus praeternat. an.
H ö 1 z e 1- Würzburg hat verschiedene der neuen Elbcrfelder Versuchs¬
sera diagnostisch angewendet. Die Reaktionen waren zu unsicher, um in
zweifelhaften Fällen den Ausschlag geben zu können.
E n d e r 1 e n ist auch vom Serum noch nicht befriedigt. Rezidiv¬
operationen bei Brustkrebskranken unter 40 Jahren geben schlechte Aussicht.
Th. B r u n n e r - München: Dauererfolge von Schädelplastiken bei Hirn¬
verletzungen.
%2
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
Vortr. berichtet über 131 Plastikfälle aus I s s e r 1 i n s Abteilung fm
hirnverletztc Kriegsbeschädigte am Krankenhaus Schwabing. Unter
94 Kriegsschussverletzten mit plastischer Deckung der Lucke des Sclmdel-
daches 58 Proz. Epileptiker, deren Zahl bei längerer Beobachtung noch hoher
sein dürfte, gegen 37 Proz. unter 426 Lückenträgern “"d 40-50
den etwa 1600 Hirnverletzten Isserlins überhaupt. Bei 23 FettplastiKen
(teilweise mit Faszien- und Knochenplastik verbunden) bestenfalls 4 günstige.
2 fragliche. 14 ungünstige Ergebnisse. In 8 Fällen 1 epileptischer Anfall
im Anschluss an die Plastik. 4 Todesfälle, die teilweise nach Jahren noch
in einem gewissen Zusammenhang mit der Operation stehen. Zurückhaltung
mit plastischen Operationen am Hirnschädel bei Kriegsschussverletzten wir
daher empfohlen. (Selbstbench .)
Aussprache: v. Eiseisberg ist auch von der freien Knochen¬
transplantation aus der Tibia mehr und mehr abgekommen. ste, Rebusse
soll man entfernen, wenn sie ohne grössere Schwierigkeiten (Röntgen¬
kontrolle!) und Gefahren erreichbar sind.
P e r t h e s - Tübingen: Beitrag zur Visierlappenplastik.
Die Visierlappenplastik sollte viel häufiger angewendet werden. Die Er¬
nährungsstörung der üewebe nach Röntgentherapie, selbst im Knochen vor-
kommend. ist bei der Plastik hinderlich.
v. Eiseisberg schätzt die Visierlappenplastik besonders nach Opera¬
tion des Unterlippenkarzinoms.
W y m e r - München: Zur plastischen Korrektur abstehender Ohren.
Es handelt sich meist um schlechte Ausbildung des Antihelix, der des¬
halb aus der Muschel plastisch gebildet wird. Beschreibung des Verfahrens.
Haecker - Augsburg wendet ein abgeändertes Verfahren von u e r -
suny an. Ausschneidung einer Ellipse aus dem Knorpel
H a e c k e r - Augsburg: Vorweisungen zur plastischen Chirurgie.
Mobilisation eine? infolge von Sepsis nach I yphusschutzimpfung ver¬
steiften Kniegelenkes. S-förmiger Medianschnitt nach p a J r- . ff™6":
— Sphinkterersatz am Anus praeternaturalis durch Hautschlauchbildung und
elastische Luitpelotten. . , . , „ „ _ .
Braeucker- München demonstriert einige anatomische Präparate, an
denen das sympathische Nervensystem in Verbindung mit den Zerebrospmal-
tierven und seine Verzweigungen an die Organe dargestellt sind. Unter
anderen wird gezeigt, dass die Herznerven des Sympathikus zahlreiche
Zweige zur Schilddrüse abgeben, und auf die Wichtigkeit der Tatsache ver¬
wiesen. dass zwischen Schilddrüse und Herz eine direkte nervöse Ver¬
bindung besteht. . . (Selbstbericht.)
K 1 u g - Heidelberg: Ueber die Karotisdrüse. _ ..
Bei Tieren mit vergrössertem Thymus war sie ebenfalls vergrossert.
Ein lebenswichtiges Organ scheint sie nicht zu sein.
Stahnke- Würzburg: Zur Frage der Verwertbarkeit des Viskositats-
faktors für die funktionelle Schilddrüsendiagnostik.
Nach gemeinsamen Untersuchungen mit Dr. v. F r e y. Zur Ditterential-
diagnose zwischen Ueber- und Unterfunktion der Schilddrüse gab der Vis¬
kositätsfaktor keine genügenden Hinweise. . .
v. R e d w i t z - München: Auch das histologische Bild (H e ! b i g) ge¬
stattet keine genügend sicheren Schlüsse.
L o benhoffer- Bamberg: Schwere Röntgenschädigung bei Basedow.
Todesfall. Histologisch fand sich Degeneration der Schilddrusenzellen,
deren Inhalt in die Blutbahn geschwemmt toxisch wirkte.
0 r a s e r - Erlangen: Erfolge mit Röntgenbestrahlung bei Struma und
naMßase'dow soll operiert werden, aber erst nach längerer Vorbehandlung,
wozu auch vorsichtige Röntgenbestrahlung gehört. Struma parench. bei
Mädchen unter 18—20 Jahren soll man nicht operieren.
.1 e h n - München : Der künstliche Pneumothorax.
Erscheint demnächst in dieser Wochenschrift.
Sauerbruch: Kranken Vorführungen.
1. Totalexstirpation des Kehlkopfes.
2. Zungenexstirpation. Heilung seit 3 Jahren.
3. 2 Umkippplastiken am Bein. ......
4. 2 Lungenlappenresektionen (wegen hartnäckiger Bronchusfistel unu
wegen Bronchusektasen). Dauererfolge.
5. Pankreaszystenexstirpation.
6. Mediastinalzystenexstirpation. Dauerergebnis.
II. Hauptgegenstand: Röntgendiagnostik der Körperhöhlen mit Luftfülluiig.
Grashey - München berichtet über den gegenwärtigen Stand der
Technik und diagnostischen Verwertbarkeit sowie die Anzeigen und Gegen¬
anzeigen für Anwendung der Gelenk-Sauerstofffiillung, des Pneumoperi¬
toneums. und der Enzephalographie und des diagnostischen Pneumothorax.
Bei Anwendung entsprechender Vorsicht lassen sich schädliche Neben¬
wirkungen ziemlich sicher vermeiden. Vorweisung von Lichtbildern aus
der Sammlung von Goetze, Partsch u. a. _
S e y e r I e i n - Würzburg ergänzt diesen Bericht durch Vorführung Von
Bildern betr. Sauerstofffüllung des Kniegelenks (Meniskusverletzungen) sowie
Ventrikulographie.
Aussprache: Pflaum er - Erlangen zeigt Bilder sauerstoffgefüllter
Blasen zwecks Darstellung der Prostata. — Enderlen hält die Pneumo-
radiographie des Nierenlagers beim Versagen anderer Untersuchungsmetho-
den für wertvoll; das Pneumoperitoneum wurde über 200 mal ohne Scnaden
angewendet. — K o h 1 m a n n - Erlangen zeigt Bilder, welche den Wert des
diagnostischen Pneumothorax erkennen lassen.
F r 1 e d r 1 c h - Erlangen: Erfahrungen mit dem Tuberkuloprotein
Toenniessen, einem neuen Tuberkulosediagnostikum.
Das T. T. ist ein aus Tuberkelbazillen nach einer neuen Methode ge¬
wonnener Eiweisskörper, der ein echtes Antigen darstellt. Bei entsprechen¬
der Dosierung genügt einmalige Einspritzung zur Diagnosestellung. von
42 histologisch gesicherten Fällen reagierten 37 positiv; in 33 Proz. Herd¬
reaktion. 29 Fälle, die nach menschlichem Ermessen als völlig sichere 1 uber-
kulosen angesehen werden müssen, reagierten sämtlich positiv; 53 Proz. Herd¬
reaktion. Von 36 Fällen, die für Tuberkulosen angesehen wurden, bis die
histologische Untersuchung das Gegenteil bewies, reagierten 35 negativ.
Hauptvorteil der Methode ist Schnelligkeit der Diagnosenstellung (3 1 age
gegen 6 — 14 Tage beim A.T.) und die Anwendungsmöglichkeit auch bei sub¬
febrilen Temperaturen. (Selbstbericht.)
Aussprache: G e b e 1 e - München sah bei einem 11 jährigen Kind
nach diagnostischer Ponndorfimpfung schwere anaphylaktische Schockwirkung
und Exitus; auch Reichold weist darauf hin, dass die Ponndorfimpfung
nicht so harmlos sei, wie sie gewöhnlich aufgefasst wird.
München: Ueber die Folgen der MUzarterien-
v. Stubenrauch
Unterbindung. , c . ,,
Weder die klinischen Beobachtungen der von Lanz. v. » tu d en -
rauch und v. H a b e r e r mitgeteilten Fälle von Unterbindung des Lienalis-
stammes noch auch die von verschiedenen Autoren (Bal ac e sc u, r j
u. a.) gewonnenen tierexperimcntcllen Erfahrungen sprechen für die Anschau¬
ung. welche von den Pathologen zumeist vertreten und neuerdings von Hier
betont wird, dass der Verschluss des Lienalisstammes den lod der mnz
zur Folge habe. Auch in den von v. St. ausgeführten Der versuchen ist. m
keinem Falle das Organ zugrunde gegangen, obwohl sämtliche mit freiem
Auge sichtbaren arteriellen Gefässe unterbunden worden waren. Wohl können
sich verschiedene Folgezustände, wie Infarcierung und Atrophie einstellen.
Die Folgen nach Unterbindung sind ebenso wechselnd wie jene nach emboH-
schem Verschlüsse des Arterienstammes. Die Verschiedenheit der Folgen ist
im wesentlichen in den Verhältnissen der Nebenbahnen und dem zeitlich
offenbar verschiedenen Inkrafttreten des Nebenkreislaufcs begründet Audi
der ungestörte Abfluss des Venenblutes hat besondere Bedeutung. Zur Er¬
klärung der Kreislaufstörung, welche nach Verschluss des Arterien¬
stammes auftritt, bedarf es jedoch nicht der Annahme einer besonderen Eigen¬
schaft der Organe, die Bier „Blutgefühl“ nennt. Der Nebenkreislauf geht
beim Menschen durch Bahnen, welche für gewöhnlich nicht bloss kapillärer
Natur sind (A. gastroepiploica sin., Art. gastricae hreves). In der Mehrzahl
der Fälle dürfte deshalb beim Menschen die Unterbindung des Lienalis¬
stammes bei glücklicher Wahl der Unterbindungsstelle nicht zum Tode der
Milz führen. (Selbstbericht.) „Äl.
Ad. S c h m 1 1 1 - München berichtet über zwei erfolgreich operierte ralle
von Mesenterialzysten.
Dax- München: Ueber Verletzungen bei Gastroskopie.
Vortr. hat 4 Kranke operiert, bei denen der Gastroskopie der Magen
bzw. Oesophagus perforiert worden war; 3 Kranke kamen durch. J
Aussprache: Schindler - München glaubt, dass sich Unglucks-
fälle unter Verwertung der bisherigen unangenehmen Erfahrungen vermeiden
lassen. Er hat jetzt über 360 Gastroskopien gemacht. — Mobitz- München
rät, auf Kehlkopfanästhesie zu verzichten und bei sehr nervösen Kranken,
ferner bei solchen mit gedrungenem Körperbau vorsichtig zu sein. Es konn¬
ten 3 Ulzera gesehen werden, welche sonst nicht darstellbar waren. —
K ö n i g - Würzburg: Für die Ulcusdiagnose leistet die Röntgendiagnostik
Genügendes. Die Probelaparotomie hat wenig Gefahren. Die Technik der
Gastroskopie muss noch vervollkommnet werden. Seifert- Würzbuig.
Das Gastroskop sollte so verbessert werden, dass man es unter Kontrolle
des Auges vorschiebt wie das Oesophagoskop. In Würzburg kamen 2 Un¬
glücksfälle vor. — W y m e r - München hat 27 Gastroskopien gemacht, da¬
von 21 ambulant; sie gelangen alle leicht. Der Pylorus war 7 mal einstellbar.
v Eiseisberg zeigt das Präparat einer transplantierten Schild¬
drüse in der Leber. Nach 13 Jahren zeigt das histologische Bild noch alle
Merkmale der lebenden Schilddrüse.
G r a s in a n n - München; Zur Frühdiagnose intraabdominaler Ver¬
letzungen bei stumpfer Gewalt. Im Auftreten von Druckempfindlichkeit ur
Douglas, als Folge der intraabdominalen Blutung, sieht G. ein sicheres Zeicher
der inneren Verletzung; fehlt es, so wartet er ruhig ab. —
In der Aussprache erklären mehrere Redner, dass sie sich auf diese;
Symptom nicht verlassen möchten. Graser lässt lieber die Leukozytei
zählen. „
M a d l e n e r - Kempten: Pyflorektomäe beä pylorusfernem Geschwür
Bei 3 Fällen von Ulcus callosum der kleinen Kurvatur, bei welchem die Re
Sektion zu eingreifend gewesen wäre, liess M. das Ulcus unberührt und re
sezierte den Pylorus. Sehr guter Erfolg, offenbar infolge Aenderung de
Magenchemismus und der Motilität. .
Zum Vorsitzenden für das nächste Jahr wurde Geh. R. S a u c r b r u c
gewählt. Grashey - München.
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie.
XVIII. Tagung vom
23. bis 26. Mai 1923 in Heidelberg.
Berichterstatter: U t e r - Heidelberg.
(Schluss.)
P a n k o w - Düsseldorf: Ergebnisse 10 jähriger Luesuntersuchungen bi
Mutter und Kind unter der Geburt und im Wochenbett. Die Geburt ist ei
ausserordentlich günstiger Zeitpunkt für die serologische Erkennung de
Syphilis (in 37 Proz. der Fälle positive WaR. einziges Lueszeichen). Häufij
keit der Untersuchungen und Art der Technik entscheiden Zuverlässigkeit dt
Resultate. Praktisch kann man intra partum die WaR. auf die Mutter bt
schränken. T h a 1 e r - Wien empfiehlt die Mcimcke sehe 1 rubung
reaktion mit cholesterinfreiem Extrakt zur Nachprüfung. Klafter- Wiei
Hierbei sind die Sera aktiv zu verwenden. G a m m e 1 1 o f t - Kopenhagi
hebt die schon von Pankow betonte Wichtigkeit der antiluetischen B
handlung in der Schwangerschaft hervor. Wagner- Prag fordert Anstellut
des Wassermann bei jeder Schwangeren, auch in der Poliklinik.
Vogt -Tübingen: Die luvagination des Uterus ist ohne Atonie <1
unteren Uterinsegments nicht denkbar: sie tritt meist unter Blutungen in d
Nachgeburtsperiode auf. Wagner- Prag berichtet über künstliche Scheide
bildung aus dem Darm. Eine von ihm mit der Schubert sehen Ma;
darmmethode operierte Frau wurde schwanger und gebar durch die Ma:
darmscheide mit Forzeps und Episiotomie in ihrem Heimatsort ein 2750
schweres Kind. — W e b e r - München: Schwangerschaftsunterbrechung u
Sterilisation in einer Sitzung: Fundusquerschnitt, Abquetschen der Tuben n
breitem Doyen. • . . „ . j
S i e g e 1 - Giessen: Die Prognosestellung der (leburt beim engen Beckl
hängt auser von der Conjugata vera auch von der Beckenbildung ab. Genal
Austastung und Abschätzung aller Maasse. S a ch s - Berlin: Bei der m
handlung der unkomplizierten Querlage vollständige Muttermundserweiteruj
abwarten, dann wenden und extrahieren. Auch Winter warnt vor v<
zeitiger Wendung, da dann 50 Proz. der Kinder absterben.
Richter -Wien verneint nach experimentellen Untersuchungen mit int
venös eingespritzter Eisenlösung die Frage, ob eine Speicherung solcher St
stanzen im Genitale stattfindet. — H o f f m a n n - Darmstadt empfiehlt < \
neues synthetisches Sekalepräparat: Clavipurin. W e i n s h e i m e r - Frai
furt, M e n n e t - Bern. F r e u n d - Frankfurt und H o f m e i c r - Würzbt
sahen Gutes vom Gynergen, das nach Ansicht von Hofmeier ul
Freund ev. auch zur Wehcncinleitung geeignet ist. — Zimmerma
berichtet über die in der Jenenser Klinik übliche Stillung der Nachgeburt
?0. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
963
Mutungen durch die H e ti k e 1 sehe Parametrienabklemmung. Henkel:
Uir AbklcmmunK müssen Muzeuxzangen, nicht Arterienklcmmen verwandt
.verden. t
Aschner-Wien empfiehlt zur Abkürzung der Qcburtsdaiier und
'chmerzstillung manuelle Muttermundsdehnung, kombiniert mit Pituitrin und
irotrahiertem Aetherrausch. Fleisch in a n n - Wien und v. Jaschke-
iiessen wenden sich scharf gegen diese Methode.
N ü r n b e r g c r - Hamburg: Zur Biochemie der Narkose. Die H-Ioncn-
\onzentration des Urins verhielt sich nach Narkose nicht einheitlich. Das
ubjektive Befinden der Kranken zeigte eine Abhängigkeit von der aktuellen
Reaktion des Urin, bei saurer Reaktion wurde die Narkose relativ gut
ertragen, bei alkalischer erbrachen alle Kranken. Narkosedauer und
inenge hatten auf H-Ionenkonzentration und Auftreten von Uebelkeit und
Erbrechen keinen Einfluss; zur Bekämpfung dieser Zustände intravenös 5 ccm
iOproz. NaCl-Lösung am Schluss und Y\ Stunden nach der Narkose. Vol¬
le e r - Ludwigshafen berichtet über gute Erfahrungen mit Lumbalanästhesie.
R o i t h - Baden-Baden empfiehlt ein neues, äusserst billiges
Unterbindungs- und Nahtmaterial aus reinster Zellulose, das nur die Hälfte
Jes Zwirns kostet, leicht sterilisierbar ist, keinerlei Gewebsrcizung ver-
irsacht und völlig reaktionslos einheilt. E y m e r - Heidelberg hält dies
Mahtmaterial, das er bei einer Anzahl vaginaler und abdominaler Operationen
verwendet hat, für durchaus geeignet, das teure Katgut weitgehend zu er-
-etz.en, falls sich der Operateur wegen der geringeren Zugfestigkeit auf eine
vorsichtigere Technik umstellt.
Es folgen die Vorträge über Strahlentherapie. 0 p i t z - Freiburg: Zur
Biologie der Strahlenwirkung. Die Untersuchungen der Freiburger Klinik
.'rgaben. dass die Krebszellen nicht unmittelbar vernichtet werden, sondern
iine Allgemeinwirkung — Vagusreizung, Veränderung des Butbildes, Sinken
les Blutzuckers — und eine Einwirkung auf das benachbarte Bindegewebe —
Kapillarwucherung, Histiozytenreichtum — das Ausschlaggebende ist. Aus-
ösung der Allgemeinwirkung durch direkten Nervenreiz, vermehrte endokrine
Tätigkeit oder Cholinwirkung. Rückbildung des Karzinoms (Radium) einer¬
seits und erhöhte Widerstandskraft andererseits (Röntgen, allgemeine Kräfti¬
gung, Protoplasmaaktivierung) ist anzustreben. R i s s e - Freiburg: Blut¬
veränderungen nach Bestrahlung. v. Mikluljicz-Radecki- Leipzig:
Röntgenbestrahlung und Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit. Meist deut¬
liche Verlangsamung, bei Rezidiven erneute Beschleunigung. Martius-
3onn: Experimentelle Untersuchungen an Erbsen- und Bohnenkeimliingen er¬
gaben, dass weiche Strahlen biologisch stärker wirken als harte; deshalb
sollte nicht über die zur Tiefendosis erforderliche Strahlenhärte hinaus¬
gegangen werden. H o f b a u e r - Dresden beobachtete an der Münchener
Klinik grössere Strahlenempfindlichkeit der Karzinome nach vorausgegangener
Hypophysenbestrahlung (Erythrozytenzunahme, Eosinophilie, Cholinver-
nehrung). Werner- Wien: Milzbestrahlung beeinflusst die meisten gynäko¬
logischen Blutungen (3 mal auch Melaena neonatorum) rasch, aber nicht
Jauernd. V o r 1 ä n d e r - Freiburg: Histologische Untersuchungen an be¬
strahlten Mäusen mit und ohne Karzinom. Histiozytenzunahme durch Ein¬
wirkung auf retikulo-endothelialen Apparat. K o k - Freiburg: Experimentelle
Beiträge zur Strahlenbehandlung des Karzinoms. Nicht das Karzinom mit
Riesendosen totschlagen, sondern den ganzen Organismus umstimmen.
Ooederlein jun. und Schölten - München haben die Abhängigkeit der
Karzinomprognose vom histologischen Bild geprüft. Unter den geheilten Fäl¬
len kein Adenokarzinom, ausschliesslich solide Karzinome verschiedenster
Reife. Auch Wachstumsformen und Reifegrad wurden mit der Reaktionsfähig¬
keit auf Bestrahlung in Beziehung zu bringen versucht. Weibel- Wien:
Das Kollumkarzinom verläuft nach Untersuchungen an 2478 Fällen in der
Schwangerschaft nicht bösartiger. 96 Proz. (24 Fälle) Operabilität. 4,5 Proz.
primäre Operationsmortalität. — Das Alter hat auf Malignität des Uterus¬
karzinoms keinen Einfluss. Operabilität verschlechtert sich mit zunehmen¬
dem Alter, Eine Zunahme des Karzinoms bei jüngeren Frauen ist nicht fest¬
zustellen. D y r o f f - Erlangen: Experimentelles zur sogen. Verkupferung.
Disk.: D o e d e r 1 e i n - München: Die Hypophyse scheint durch ihre nahen
Beziehungen zum Zwischenhirn eine Machtstellung im endokrinen System
zu besitzen. S e i t z - Frankfurt: Direkte Röntgenwirkung auf die Karzinom¬
zelle ist das wichtigste, Allgemeinwirkung steht erst in 2. Linie. Hirsch-
Altona: Zwischen Hypophyse und Ovar bestehen enge Beziehungen. Myom-
rückbildung, aber nur temporäre Kastration nach Hypophysenbestrahlung.
Werner hat Kleinerwerden der Myome und Aufhören der Blutung nicht
beobachten können, jedoch vorübergehende Besserung dysmenorrhoischer Be¬
schwerden und klimakterischer Ausfallserscheinungen. S c h r ö d e r - Kiel:
Bessere Differenzierung — Blutungsfälle — zyklisch, ovariell oder uterin
bedingt? V o g t - Tübingen : Mit Milzbestrahlung bei Blutungen 50 Proz. Er¬
folg. W i n t z - Erlangen: Das Bindegewebe erdrosselt nicht das Karzinom,
sondern tritt an seine Stelle. Hypophysenbestrahlung macht keine Karzinom-
sensibilisicrung, sondern nur Stoffwechselsteigerung. Walthard - Zürich
konnte an dem histologischen Material von 4 Jahren keine festen prognosti¬
schen Anhaltspunkte finden. Holzbach - Mannheim: Mehr als 80 Proz. der
nopcrablen Karzinomfälle gingen an Nierenschädigungen — Ureterenkompres-
sion. Hydronephrose — früher zugrunde, als die Strahlen wirksam werden.
Deshalb in geeigneten Fällen Einpflanzung der Ureteren in die Blasenschcitel.
K c h r e r - Dresden: Mittelreife Karzinome geben die beste, reife eine
weniger gute, unreife die schlechteste Prognose. Bessere Erfolge der Ra¬
diumbestrahlung beruhen auf Schonung der Ovarien. Thal er- Wien: Milz¬
bestrahlung gibt gute Primär- aber keine Dauerresultate. Parotisbestrahlung
wirkt ähnlich. — Winter- Königsberg hat seine Leitsätze, die als Grund¬
lage für Karzinomstatistik dienen sollen, nach den gemachten Einwänden und
Anregungen überprüft und neu aufgestellt. Die Einteilung in operative und
nichtoperative Fälle wird von Pankow begrüsst. Stöckel verlangt
mindestens 3 Rubriken. Opitz: Ein besseres Kriterium ist die Lebens¬
dauer nach der Behandlung, für die auch Menge eintnitt. Burghart-
/iwickau und A s c h - Breslau bedauern den Wegfall der Rubrik „Endstadien".
Die Vortragsgruppe über innere Sekretion bringt in der Hauptsache theo¬
retische und experimentelle Fragen, aus denen hier nur folgendes angeführt
sei: B e n t h i n - Königsberg: Den interstitiellen Zellen im Ovarium kommt
nur ein vorübergehender Einfluss zu. Sie sind keine „Pubertätsdrüse“.
Fellner- Wien hat 3 bestimmte Substanzen aus dem früher von ihm
hergestellten Ovarialextrakt isoliert. L i n d i g - Freiburg: Uterus und Ova-
jium sind eine innersekretorische Einheit. Ein Organ reagiert — langsam —
auf die Entfernung des anderen. G e 1 1 e r - Breslau : Genitaihypoplasie ist
bei Dementia praecox häufig. (Minderwertige Erbkonstitution, hormonale und
nervöse Beziehungen zwischen Keimdrüsen und Gehirn.) Thal er- Wien:
Bei jüngeren Frauen mit starken ovariellen Blutungen ist nach dem Ver¬
sagen anderer Behandlungsmethoden die Keilresektion des meist zystischen
Ovariums vor der Totalexstirpation zu versuchen. Z o n d e k - Berlin: Nicht
nur auf Ovarialextrakt, sondern auch auf unspezifische Eiweisskörper und
biogene Amine tritt Wachstum des Uterus ein. S e i t z - Giessen: Zwischen
Konstitution und Pathogenese gynäkologischer Blutungen bestehen mannig¬
fache Beziehungen. H o r n u n g - Leipzig: Das Verhalten der Thrombo¬
zyten bei klimakterischen Blutungen und ihre Beeinflussung durch Kalk¬
medikation (ausführlich im Zbl. f. Gyn.). Polano - München zeigt an Probe¬
exzisionen aus der Brust lebender Frauen, dass das Drüsengewebe dem men¬
struellen Zyklus der Uterusschleimhaut entsprechende Veränderungen durch¬
macht. Disk.: F r a e n k e 1 - Breslau: Für die interstitiellen Eierstocks¬
zellen ist der Nachweis einer endokrinen Drüse nicht erfüllt. Wintz-
Erlangen hat 14 Körper aus dem Corpus luteum isoliert- Strassmann-
Berlin: Lokale Behandlung funktioneller Blutungen auch heute noch berechtigt.
(Kürette, dann Ovarialresektion, schliesslich Totalexstirpation.) Vogt-
Tübingen empfieht für solche Fälle halbseitige Röntgenkastration. N e u -
Heidelberg warnt vor kritikloser Anwendung styptischer Mittel.
W i n t e r - München: Menstruation und Epilepsie, ln 4 Fällen Auftreten
der Anfälle ausschliesslich um die Periodezeit. Besserung durch temporäre
Kastration. Zangenmeister - Marburg: Die Beziehungen zwischen
Epilepsie und Menstruation sind nur lockere. Prinzipielle Röntgenkastration
unrichtig. F e 1 1 n e r - Wien: In Vn der Fälle Aufhören der immer zur Men¬
struationszeit aufgetretenen Anfälle in der Schwangerschaft. —
L i e p m a n n - Berlin : Sexualpsychologie und Frauenheilkunde.
Walthard- Zürich: Physiologische Reflexe können auch am Genitale auto¬
matisiert und stabilisiert und so zu bedingten Reflexen (P a w 1 o w) werden
(Abwehrreflex — Vaginismus, Bereitschaftsreflex — Vorfallgefühl). In sol¬
chen Fällen Psychotherapie. Disk.: H a m m e r s c h 1 a g - Berlin erzielte
bei 37 jähriger Virgo nach 15 jähriger Amenorrhoe Menstruation durch
Hypnose.
H i n s e 1 m a n n - Bonn: Zur Theorie der Blasenmole. Saenger-
Miinchen: Die Entstehung intrakranieller Blutung bei Neugeborenen. Bedeu¬
tung der Tentoriumrisse. Hirnblutungen auch bei Spontangeburten und
Kaiserschnittskindern. M a y e r - Tübingen : Anhepatozelluläre Entstehung
und intrauterine Infektion verdienen beim angeborenen Ikterus Beachtung.
K i e h n e - Halle: Gleichzeitige Anwendung von Operation und Serumbehand¬
lung bei Tetanus puerperalis.
F i s c h e r - Wien: Zur Frühgeschichte der gynäkologischen Operationen.
Kondylomabtragung, Muttermundsdilätation, Ausschabung, Polypabtragung
und eine Art Prolapsoperation finden sich u. a. schon in den hippokratischen
Schriften angegeben.
Von den zahlreichen Demonstrationen sei nur folgendes berichtet:
B e n t h i n - Königsberg zeigte an rektoskopischen Bildern, dass beschwerde¬
freie Radiumschädigungen des Darmes häufiger, als angenommen, sind.
D i e t r i c h - Göttingen: Adenombildung in einer Laparotomienarbe. Ent¬
wicklung aus dem Serosaendothel. L i e p m a n n - Berlin : Phantom für rek¬
tale Untersuchungen und Ohlshausen sehen Handgriff. E y m e r - Heidel¬
berg: Spaltbecken mit hoher Assimilation: 46 jährige Frau, tadellose Gehfähig¬
keit trotz rechtsseitiger Hüftgelenksluxation. S e 1 1 h e i m - Halle demon¬
striert einfachen „Tubenschneuzer“, desgleichen Engelmann - Dortmurd.
H a s e 1 h o r s t - Hamburg: Abortenkompressorium, das sich von dem bisher
bekannten durch eine elastische, formveränderliche Pelotte auszeichnet.
Von Doederlein, Voltz und Zweifel- München wurden inter¬
essante Filme über geburtshilfliche Vorgänge und Entstehung und Verwertung
der Röntgenstrahlen vorgeführt.
Nach Erledigung der anstrengenden Sitzungen fanden sich abends die
Kongressteilnehmer bei relativ gutem Wetter auf der Molkenkur. in
Schwetzingen (Spargelessen) und auf der Stiftsmühle gemütlich zusammen.
Der nächste Kongress findet Ln 2 Jahren in Wien unter dem
Vorsitz von Peham statt und wird über Fluor und Nachgeburts-,
b 1 u t u n g e n verhandeln.
Berliner medizinische Gesellschaft.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Juli 1293.
Vor der Tagesordnung stellt Herr M o s 1 e r einen Fall von Zwerchiell-
riss und Lungenruptur mit Pneumoperitoneum als Folge vor.
Dazu Herr Bend a.
Herr Lehr: Zum Trachealkatheterismus beim Neugeborenen.
Zur Vermeidung vpn Infektionen soll das Ansaugen des Katheters nicht
durch den Mund erfolgen. Der Vortr. zeigt einen ziemlich einfachen Apparat,
mit dem dies vermieden werden kann.
Dazu Herr B u m m, der einen solchen Apparat lebhaft begrüsst und ihn
sofort in seiner Klinik ausprobieren wird. Er betont jedoch, dass Klumpen
von Schleim den Katheter leicht verstopfen können.
Tagesordnung: Herr Zadek: Phrenikusexairese und Pneumothorax.
Die Phrenikusexairese, worunter man die Herauszichung des Phrenikus
möglichst bis zu seinem Ansatz am Zwerchfell versteht, hat als selbständige
Operation nur ein beschränktes Anwendungsgebiet, besonders bei Prozessen
des Unterlappens, bei denen die Anlegung des Pneumothorax nicht möglich
ist. Die Wirkung der Phrenikusexairese ist aber unbedingt eine stärkere,
als die der reinen Phrenikotomie. Eine Indikation besteht ferner, wo bei
doppelseitigen Erkrankungen der Pneumothorax nicht angewendet werden
kann. Kontraindiziert ist Phrenikotomie und die Phrenikusexairese stets
beim Vorwiegen exsudativer Prozesse, welche sich, wie an Röntgenbildern
gezeigt wird, nach dem Eingriff in allen Fällen erheblich verschlimmert
halben.
Dagegen erweist sich die Kombinierung der Phrenikusexairese mit dem
Pneumothorax als vorteilhaft und zwar hat der Vortr. die Kombination in der
Weise angewandt, dass er die Phrenikusexairese dem Pneumothorax als
Voroperation vorausschickte. Als Vorteile dieses Vorgehens gegenüber dem
reinen Pneumothorax wird angegeben, dass bei Operationen auf der linken
Seite eine Entlastung des Magens eintritt. dass in allen Fällen Mediastinal-
verschiebungen vermieden werden, dass die Luft langsamer resorbiert wird
und Nachfüllungen daher seltener und in geringerer Menge notwendig werden.
Als Nachteil käme die Irreparabilität des gesetzten Eingriffs in Betracht,
jedloch ist dies in gewissem Sinne ein Vorteil, da hierdurch die Gefahr
späterer Ausdehnung der erkrankten Lunge vermindert wird und dadurch
die Gefahr des zu frühen Eingehenlassens des Pneumothorax ebenfalls ver-
964
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIET.
mindert wird. Besonders hervorzuheben ist, dass an die Phrenikusexairese
der Pneumothorax sehr bald angeschlossen werden muss, weil der Pleura¬
raum nach dem Eingriff sehr schnell verödet und die Anlegung eines Pneumo¬
thorax dadurch unmöglich wird. .
Herr Sultan hat für den Vortragenden die operativen Eingriffe durch¬
geführt. Die Phrenikotomie in Verbindung mit Resektion des Nerven bleibt
in 20 bis 30 Proz. ohne jeden Erfolg, man empfiehlt, den Nervus subclavius
durchzuschneiden, der häufig mit dem Phrenikus anastomosiert. Die Opera¬
tion ist technisch leicht und in Lokalanästhesie durchzuführen.
Aussprache: Herr Pribram hat Erfolge der Operation bei
chronischen Hämoptoen gesehen und glaubt, dass die mit ihr herbeizuführende
Ausschaltung des Zwerchfellhustens einen wesentlichen Vorteil darstellt
Herr Kurt Friedmann hat den Eingriff in 30 Fällen durchgeführt
und zwar dreimal als selbständige Operation. Die Erfolge waren befriedi¬
gend, doch darf das Indikationsgebiet der Plastik durch ihn nicht einge¬
schränkt werden. In 2 Fällen hat er Schädigungen nach dem Eingriff gesehen,
einmal eine stürmische Herdreaktion und einmal eine durch den Eingriff
bedingte traumatische Pneumonie.
Herr O u t s t e i n glaubt, dass die Erfolge des Pneumothorax ohne
Phrenikotomie ebenso günstige gewesen sein würden, wue bei der kom¬
binierten Operation. . , . . . ..
Herr Wolff-Eisner hebt hervor, dass eine vergleichende Statistik
zwischen Pneumothoraxerfolge und denen der kombinierten Operation ausser¬
ordentlich schwierig ist, und dass man eher zu einer Beurteilung des Wertes
der PhrenikusaMsschaltung käme, wenn man feststellte, ob in Fällen, in
denen der Pneumothorax versagt, durch die Phrenikusexairese eine Besserung
noch herbeigeführt wird. Kompression der Lunge, von welcher der
Vortr. leider wieder gesprochen hat, ist beim Pneumothorax unter allen
Umständen zu vermeiden, es handelt sich bei dhm um die Entlastung der
Lunge von dem negativen Druck des Pleuraraums. Mediastinalverschiebungen
kommen meist durch zu grosse Füllungen mit Kompressionswirkung zustande.
Wenn mato diese vermeidet, so bleiben nur die seltenen Fälle übrig, in
denen ein schwaches Mediastinum durch die Saugwirkung des negativen
Drucks der nichtoperierten Seite herübergezogen wird und hieran kann aus
mechanischen Gründen auch die Ruhigstellung des Zwerchfells nichts ändern.
Herr Unterricht macht darauf aufmerksam, dass erst die Phrenikus¬
exairese in Verbindung mit Sympathikusdurchschneidung eine Zwerchfell¬
lähmung bewirkt. Nach seinen Erfahrungen vermindert Kalkdarreichung die
Exsudatbildung ausserordentlich: in seinen Fällen ging der Prozentsatz von
50—60 proz. auf 29 Proz. zurück. Er wendet sich entschieden dagegen, die
Phrenikotomie zu diagnostischen Zwecken auszuführen, um die Diagnose der
Aktivität oder Nichtaktivität des Prozesses der anderen Seite zu stellen und
weist darauf hin, dass der einfache Hcftpflasterverband nach üoldschei-
d e r die gleichen Dienste für die Diagnostik tut.
Herr Krämer hat in 17 Fällen die Exairese ausgeführt.
Herr H enius gibt der Ansicht Ausdruck, dass in allen Fällen azinos-
nodösen Charakters ganz unerwartet Besserungen spontan im Bereich der
Möglichkeiten lägen, dass man hiernach die mitgeteilten Erfolge beurteilen
müsse. Hieraus ergäbe sich die Einschränkung der Indikation auf Prozesse
im Unterlappen. . - „ .,
Herr Zadek (Schlusswort) gibt zu, in letzter Zeit vorsichtiger mit
der Anwendung von Drucken und Kompressionen gewesen zu sein, so dass
sich hierauf eine Reihe der mitgeteilten günstigen Erscheinungen beziehen
lassen Aber er betont die günstige Wirkung der kombinierten Operation
auf Blutung, Exsudatbildung und Verkürzung und Vereinfachung des Pneumo¬
thoraxverfahrens. A. Wolff-Eisner.
Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin.
(Eigener Bericht.)
Pädiatrische Sektion.
Sitzung vom 9. iMärz 1923.
Vor der Tagesordnung demonstrierte Herr Nassau eine Veränderung
des Serums bei Ernährungsstörungen. Ausgehend von der Vorstellung, dass
bei der echten Ernährungsstörung des Säuglings Toxine durch die Darmwand
in den Kreislauf übertreten, und aufbauend auf älteren negativen Versuchen
anderer Autoren über Serumveränderungen bei Anämien verschiedener Ge¬
nese hat N. mit einer Versuchsanordnung, bei der 0,2 ccm Serum mit steigen¬
den Dosen 2 proz. NaCLLösung und austariertem 96 proz. Alkohol angesetzt
werden, in positiven Fällen eine sehr deutliche Ausflockung erzielt. Das
Serum dys- oder atrophischer sowie hydrolabiler Kinder mit starkem Ge¬
wichtsverlust, ebenso das der Kinder mit akuten symptomatischen Durch¬
fällen gab stets negative Resultate, höchstens einmal Trübung oder Opales¬
zenz (Demonstration).
Vortr. erwähnt kurz die verschiedenen Theorien über die physikalische
Grundlage der Ausflockungsreaktion, wie die Annahme einer Hysteresis des
Blutserums oder elektrischer Vorgänge infolge geänderter Obeiflächsn-
spannung entsprechend der Verteilung der Albumine und Globuline.
Zum Schluss weist N. auf die Bedeutung der Reaktion für die Differential¬
diagnose zwischen lokalen Darmerkrankungen bzw. anderen klinisch ähnlichen
Krankheitsbildcrn und der akuten alimentären Intoxikation als einer Allge¬
meinerkrankung und ihre Wichtigkeit für die Therapie hin.
Tagesordnung.
Herr Meyerstein: Referat über Gonorrhöe und Fluor im Kindesalter.
Die Vulvovaginitis gon. infantum hat in und nach dem Kriege in
Deutschland und im Auslande eine erhebliche Verbreitung erfahren.
Aetiologisch spielt Stuprum nur eine untergeordnete Rolle. Meistens
kommt indirekte Uebertragung in Frage, wie z. B. bei den Krankenhaus-
epidermen. . , ,,
Die Infektion wird beim Kind begünstigt durch anatomische Verhältnisse,
besonders das zarte Epithel und das alkalische Sekret der Vagina, ferner
durch gewisse Infektionskrankheiten, wie Diphtherie, Scharlach, Masern. Die
grösste Häufigkeit findet sich um das vierte Lebensjahr.
Nach Aufzählung der allgemein bekannten Symptome bespricht Vortr.
eine in Buch viel geübte endoskopische Untersuchungsmethode mittels dünner
Spekula und Stirnreflektoren, die eine genaue Inspektion von Vagina. Zervix
und Rektalschleimhaut sowie exakte Abstriche möglich macht. Allerdings ist
sie schmerzhaft, kann zu psychischem Trauma und sekundärer Zervixinfek-
Nr.
29.
tion sowie zu Arthritiden führen, ist daher bei der akuten Infektion kontra-
indiziert. . , .
ln fast jedem Falle zeigte eine genaue, häufig wiederholte Untersuchung
eine Beteiligung von Zervix, Urethra und Rektum. Weitere Aszension auf die
inneren Genitalien ist ausserordentlich selten. In dem glasig-schleimigen
Sekret der chronischen Fälle sind Gonokokken meist nicht nachzuweisen.
Bartholinitis und Zystitis sind selten. Vortr. beobachtete einige Fälle mit
Fieber und einseitigem Bauchschmerz. Ein achtjähriges Kind mit hohem
Fieber zeigte bei der wegen Appendizitisverdacht vorgenommenen Laparo¬
tomie eine Pelveoperitonitis serosa. ä
Auf dem Blutwege kommt es mitunter zur Arthritis auch mehrerer Ge¬
lenke. Endokarditis. Pleuritis, Meningitis und Hautausschläge hat Vortr.
bei einem Material von über 400 Kranken nicht beobachtet. Sehr selten
sind auch Augeninfektionen.
Der Verlauf ist ein sehr chronischer, Rezidive besonders von Zervix
und Rektum aus sind die Regel. Heilung darf nur nach sehr langer Beobach¬
tung festgestellt werden. Als einfachste hat sich neben den üblichen Provo¬
kationsmethoden ein mehrtägiges Waschverbot bewährt.
Differentialdiagnose gegen den banalen Fluor und dessen Aetiologie:
Paragonokokkus, Mischinfektion, Fremdkörper, Impetigo vulvae. Masern,
Pocken, Scharlach, Oxyuren. Die Onanie hält Vortr. eher für seine Folge
als für seine Ursache. Auch eine besondere Disposition (exsudative Dia-
these, Neuropathie und endogene Fettsucht, Asthenie) wird für die Entstehung
des unspezifischen Fluors angeschuldigt.
Prognose quoad sanationem dubiös, Entscheidung zwischen Rezidiv und
Reinfektion oft schwierig. Die kindliche Gonorrhöe soll mitunter, nach An¬
gaben ausländischer Autoren, zu Genitaldeformitäten, primärer Sterilität,
Dys- und Amenorrhoe und Veränderungen des Endometrium führen.
Hitzetherapie (W e i s s) und die besonders in Amerika übliche Vakzine-
behandlung wird abgelehnt. Bei Arthritis Arthigon. Lokalbehandlung war
schwierig doch notwendig und lohnend trotz einwandfrei beobachteter
Spontanheilungen. Bei mehrwöchiger Bettruhe fünfmal täglich (!) Lokal-
bchandlung der Urethra mit % Proz., der Vagina mit 1 Proz. bis höchstens
3 Proz, Protargol, des Rektum mit 1 Prom. Ag-NOs. Fast ebenso häufig
wird lokal untersucht. Keine Balsamika. Krankenhausbehandlung unbedingt
erforderlich, dabei Ablenkung der Aufmerksamkeit von den Genitalien, sorg¬
fältige Verhütung von Krankenhausepidemien.
Merkblätter wünschenswert. Eine grosszügige Prophylaxe ist unter den
zurzeit herrschenden Wirtschafts-, insbesondere Wohnungsverhältnissen kaum
möglich. 550 rache: Herr Meyer betont die Schwierigkeiten- der Pro¬
phylaxe. Er weist auf die bald nach dem Säuglingsalter zunehmende lokale
Resistenz der Bindehäute gegen die gonorrhoische Infektion hin. Unter der
Pubertät häufig Spontanheilung der Gonorrhöe. Glaubt nicht an Ehemfek-
tionen als Folge einer in der Kindheit erworbenen Gonorrhöe. Unter Be¬
nutzung der natürlichen Hilfskräfte wird die künftige Therapie vielleicht
mehr von innen heraus wirken, etwa durch Rcaktionsänderung des Nähr¬
bodens^ c z e r n y hätte Heber statt der bekannten Mitteilungen über
Gonorrhöe ausführlicheres über den unspezifischen Fluor, die Pseudo¬
gonorrhöe, gehört. Er wendet sich entschieden gegen die Polypragmasie in
der kindlichen Gonorrhöebehandlung. Hat bei grossem Material mit einer
minimalen, schonenden Rcinlichkeitstherapie mindestens so gute Resultate
gehabt, dabei keine Komplikationen. Bedeutung der Rektalgonorrhöe seit
langem bekannt. Wichtigkeit der sexuellen Reizung durch den Fluovr bei
jungen Mädchen.
Demgegenüber verteidigt Herr Rosenstein die von M. vorgetragenen
Anschauungen. Auch in Buch hätte man anfangs eine schonende (Bc-
rieselungs- und Trocken-) Behandlung versucht, dabei aber dauernd Rezidive
gesehen. Bezeichnet die intensive Lokalbehandlung als unersetzbar. I.
Herr Meyerstein: Schlusswort. W.
Aerztlicher Bezirksverein Erlangen.
Sitzung vom 3. M aT 1923.
Herr L. R. Müller: Vorstellungen von Kranken mit postenzephaliti¬
schen Störungen und mit Gelenk- und Allgemeinerkrankungen.
Aussprache: Herren Ewald. Rcgelsberger und Stettner
Herr H. B ö w i n g: Die übertragbare Genickstarre in Erlangen seit 1888.
(Ausführliche Mitteilung folgt im D. Arch. f. klm. Med.) _ _ .
Bearbeitung der in der medizinischen Klinik und in der Kinderklinik zu
Erlangen vorhandenen Krankengeschichten und eingehende Beschreibung einer
Epidemie des Jahres 1923.
Sporadische Fälle der übertragbaren Genickstarre sind mit wenigen Aus¬
nahmen in jedem Jahre in den genannten Kliniken beobachtet worden. Seil
dem Jahre 1915 ist eine erhebliche Zunahme festzustellen. Im ganzen sine
83 Fälle vorgekommen.
Nach Abzug der in den ersten drei Tagen des Klindkaufenthaltes Ge
storbenen bleiben (in den Jahren 1888—1922 58 Erkrankte. Hinsichtlich dei
Therapie sind von diesen drei Gruppen mit sehr verschiedener Mortalität zi
unterscheiden:
1. Regelmässige Lumbalpunktionen und intralumbale Seruminiektionen
14 Fälle, davon 3 gestorben und 11 geheilt. _ B
2. Regelmässige Lumbalpunktionen und keine intralumbalcn Seruminiek
tionen; 10 Fälle, davon 4 gestorben und 6 geheilt.
3. Keine Lumbalpunktionen und keine intralumbalcn Seruminiektionen
34 Fälle, davon 13 gestorben, 16 geheilt, 5 ertaubt.
Aus dieser Zusammensetzung scheint der Wert der intralumbalen Serum
behandlung .erwiesen zu sein.
Die Epidemie 1923 verlief schwerer. Von 11 Fällen der Gruppe 1. starbe
4 und 7 wurden geheilt.
Ohne regelmässige Lumbalpunktionen und intralumbale Seruminiektione
wurden 3 Kranke behandelt (Gruppe 3). Von ihnen starben 2.
Hohe Mortalität erklärt sich durch besondere Virulenz der Erreger un
dadurch, dass das angewandte Serum auf den vorherrschenden Meningo
kokkenstamm nicht eingestellt ist.
Das 1. Lebensjahrzehnt war mit 21 Fällen bei einer Mortalität vo
60 Proz. befallen, das 2. mit 23 Fällen und 44 Proz.. das 3. mit 30 Fälle
und 30 Proz. Von 6 Kranken über 30 Jahre starben 50 Proz.
). Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T.
Nur '/* aller Kranken waren weiblichen Geschlechtes. Die relativ
•rinne Beteiligung des kindlichen Alters und das Ueberwiegcn des miinn-
:hen Geschlechtes erklärt sich durch die erhebliche Beteiligung der Soldaten
ii der Erkrankung.
Neben den gewöhnlichen Krankheiitserscheinungen werden besonders
«torische Unruhe mit Delirien. Pulsverlangsamung. Schlaflosigkeit, Wechsel
der Auslösbarkeit der Reflexe, Durst, Obstipation, Schluckbeschwerden,
ickerausschcidung im Urin .und Atcrnstörungen erwähnt. Eingehende Be-
rechung der vasomotorischen, der sekretorischen und der piloarrektorischen
d tropbischen Störungen und ihrer Ursachen.
Aussprache: Herren W i s s m a n n, W e i c h a r d t, L. R. M ü 1 -
• r, Hauser, Knorr, K ö n i g e r. Ja m i n.
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. Wl.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 18. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr M e h 1 e r. Schriftführer: Herr P r o p p i ti g.
Herr Flörcken: 10 Jahre Magenchirurgie mit besonderer Berück-
chtigung des Ulcus ventriculi et duodeni.
El. führte von 1911 bis 1. Mai 1923 (1915/16/17 fallen aus) 368 Magcn-
•erationen aus (mittlerweile ist die Zahl auf 385 gestiegen). Von 98 Magen-
irzinomen wurden 53 mit Gastroenterostomie behandelt; der Effekt der G.E.
ar eine durchschnittliche Lebensverlängerung um 6 Monate (dabei wurden
lieh Fälle mit postoperativer Lebensdauer von 15, 14, 10 und 9 Monaten
••sehen). 45 Karzinome wurden reseziert, davon sind 2 Kranke 10 und
Jahre nach der Operation gesund und klinisch rezidivfrei: 28 Kranke
arben mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von 14 Monaten. 2 Magen-
ilonresektionen erlagen 2 und 3 Jahre nach der Operation dem Rezidiv,
intgentiefenbestrahlung in jeder Form, allein oder kombiniert mit Enzytol-
iektionen (Werner), wird ebenso abgelehnt wie Behandlung mit Tumor-
itolysaten.
In 270 Ulcusfällen wurde 164 mal die Gastroenterostomie gemacht. Sic
gibt bei strenger Kritik nur 58 Proz. gute Resultate; wesentlich besser
aren die Ergebnisse der Resektion, die womöglich als „grosse Resektion“
it Einschluss des Pylorus und des Antrum nach B i 1 1 r o t h I oder II
.rönlein-Mikulicz) durchgeführt wird: die Operationsmortalität
•trägt 4 Proz,; neuestens verfügt Fl. über eine Serie von
• Resektionen ohne Todesfall. Die Resektion ergibt über
[ ,roz' ,ffU*e Resultate. Bereits 1914 mit grosser Resektion operierte
anke zeigten sich allen Strapazen des Krieges gewachsen, die Operation
'erstümmelt“ höchstens im morphologisch-anatomischen Sinne, sie schafft
iderstandsfähige arbeitsfähige Menschen. Vor zu weitgehender Resektion
t auf Grund der experimentellen Arbeit von Enderlen, Freuden-
erg und v. Redwitz zu warnen; beim nichtresezierbaren Ulcus sollte
istatt der Gastroenterostomie die „palliative Resektion“ von Pylorus und
utrum ausgeführt werden. Von 8 Ulcera peptica jejuni wurden 6 radikal
leriert, 1 Todesfall; 4 Kranke sind geheilt, 1 Kranker hat noch Beschwerden,
e Fl. auf den zuriickgelassenen Pylorus zurückführt ; 2 Kranke wurden mit
urchtrennnng der abführenden Schlinge lind neuer G.E. behandelt, Daiier-
sultat in beiden Fällen nicht befriedigend.
Verein der Aerzte in Halle a. S.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 13. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr F i e 1 i t z. Schriftführer: Herr Grote.
Herr Seil heim: Metroendometritls und Metropathie. (Ist ausfiihr-
-’h in der D.m.W. 1923 Nr. 22 und 23 erschienen.)
Ausserdem besondere Hervorhebung, dass Missbrauch der weiblichen
mtpflanzungsfunktionen nur beim Menschen stattfindet. Ebenso Uebermaass
:s Sexualverkehrs. Das Säugetier ist durch die engbegrenzte Paarungs-
ison zum Maasshalten verpflichtet. Dass Missbrauch der weiblichen Geni-
lien zu Uteruskrankheit führt, ist geradezu experimentell durch die Beob-
ditungen bei Coitus interruptus bewiesen. Man sah die krankhaften Ver-
iderungen mit dem Missbrauch kommen und mit seiner Abstellung gehen.
Herr K i e h n e: Unterschiede im Blutbilde ausgebluteter Frauen nach
iintgenkastration und nach Uterusexstirpation.
Das Blutbild wurde sofort nach dem Eingriff, 14 Tage und 10 Wochen
>äter vergleichend untersucht. Bei Operierten war das Blut 14 Tage später
>rmal. Bei Bestrahlten zeigte sich 14 Tage später noch starke Anämie und
ich 10 Wochen immer noch Zeichen der Anämie mit Vermehrung der Blut-
ättchen. Die Regeneration des Organismus nach Röntgenkastration ist also
esentlich ungünstiger als nach der Operation.
Besprechung: Herr S e 1 1 h e i m: Die Blutschädigung spielt in dem
Rechteren Befinden der bestrahlten Frauen eine Rolle, doch ist sie nur
i n nachteilig wirkender Faktor. Ein wichtiges Moment könnte in der
ernichtung der Eierstocksfunktion selbst noch in diesem Uebergangsalter
i suchen sein, wobei die häufige Kastrationsendometritis mit ihren starken
äfteverlusten mit in die Wagschale fallen mag. Dieser Gesichtspunkt sollte
ii der Entscheidung über das schonendste Behandlungsverfahren nicht ausser
;ht gelassen werden.
Herr Brandt: Bei Indikationsstellung für Röntgentherapie muss auf
lutzerstörung mit Allgemeinschädigung mehr Rücksicht genommen werden,
chlechter Allgemeinzustand verbietet eine Bestrahlung ebenso wie eine
peration. Auch beim Karzinom soll die Röntgentherapie in aussichtslosen
allen nicht als ultimum refugium gelten. Kachektische Kranke dürfen nicht
•«olaminis causa“ noch mit schädigenden Dosen bestrahlt werden. Man nützt
chts, erzeugt nur, wie Holzknecht es nannte, Kakothanasie.
Herr v. Li pp mann: Durch Flachschädel bedingte Beckenendlage.
Im Allgemeinen können für das Zustandekommen einer Beckenendlage
■ir von der Mutter oder vom Kind ausgehende Wahrscheinlichkeitsgründe
igefiihrt werden (z. B. enges Becken, Placenta praevia, Zwillinge etc.),
uf Grund eines in der Literatur beschriebenen und von 3 selbst beobachteten
allen von Steisslage, bei denen alle 3 Kinder infolge ausserordentlicher
bflachung des Scheitels und dadurch bedingter äusserst mangelhafter Aus-
Idung des Hinterhauptes eine sehr eigentümliche Verbildung des Schädels
eigten, wird an Hand von Lichtbildern der Nachweis geführt, dass es in
965
einzelnen Fällen bei genauer Beobachtung doch auch gelingt, ganz bestimmte
Argumente namhaft zu machen, die, abweichend von der Regel, nicht die
Kopflage, sondern gerade duz Zustandekommen einer Bcckcncndlage „ein¬
deutig" bestimmen.
Besprechung: Herr S c 1 1 h e i m: Erklärung des Zustandekommens
der Gebärlage des Kindes im Sinne seiner Ausführungen im Arch. f. Gyn.
106, H. 1 mit Demonstration eines Phantoms, welches die Einrichtung der
Vorstossbewegung des Kindes kopfwärts in die Rückzugsbewegung des
Eruchthalterraums beckenwärts nach dem Gesetz vom kleinsten Zwang an¬
schaulich macht.
Herr Linnert: Regeneration der Uterusschleinihaut nach Geburt.
Nach der Entleerung des Schwangerschaftsproduktes kommt es zu
einer weitgehenden Verkleinerung des Fruchthaltcrs, derart, dass die Sub¬
stanz des Uterus sich auf den kleinstmöglichen Raum zusammenzieht. Nach
einer Längenausdehnung der schwangeren Gebärmutter am Ende der
Schwangerschaft von qa. 30 35 cm verkleinert sich der Uterus post partum
derart, dass das Organ einige Stunden nach der Geburt nur noch folgende
Maasse aufweist: Länge 17 cm, maximale Breite 10 cm, Dicke der Musku¬
latur im Uteruskörper an der vorderen Wand 4 'A, an der hinteren Wand
5 cm. Der Dickendurchmesser in der sagittalen Ebene beträgt 9 — 10 cm.
Bei der Betrachtung des Uterus von der Ausscnfläche her fällt auf, dass
die Oberfläche vorwiegend in sagittaler Richtung in zahlreiche Längstalten
zerlegt ist. Das Peritoneum viscerale und auch der seröse Ueberzug der
Lig. rotunda und sacro-uterina ist in längsvcrlaufende Falten gelegt.
Die Uterushöhle weist folgende Maasse auf: Sagittaldurchmesser 1,6 cm,
grösster Querdurchmesser 3 cm, Wandstärke am Fundus 2 cm, Längsdurch-
messer 9cm. Das Lumen ist durch ein festes, in Organisation begriffenes
Blutkoagulum ausgefüllt. Nach vorn und oben kann man an dem demon¬
strierten Präparat, das 12 Stunden post partum gewonnen wurde, an einer
Stelle beobachten, wie sich ein flacher, 3 — 4 mm im Durchmesser messender,
zapfenförmiger Gefässthrombus von der Hauptmasse des Blutgerinnsels ab¬
hebt und sich nach der Uteruswand hin erstreckt. Der Blutpfropf im Uterus-
kavurn ist gegen die blassrote Uteruswand durch eine 3—4 cm breite, grau¬
rötliche, blutig imbibierte Deziduazone abgesetzt, in der sich einige feine
Spaltbn erkennen lassen. In der Uteruswand sieht man nur gianz ver¬
einzelte spaltförmige Gefässlumina. Die Muskelbündel zeigen am Fundus
vorwiegend einen der Konvexität der Kuppe entsprechenden längsfaserigen
Verlauf. In der Mitte des Körpers überwiegen mehr die schräg oder quer
getroffenen Faserbündel. Am Fundus und am grössten Teil des JJterus-
körpers ist nach aussen hin das Parenchym zu einer ca. 2 mm dicken, kon¬
tinuierlichen, parallelstreifigen, mehr weisslichen Zone verdichtet, die mit
dem Peritonealüberzug fest verwachsen ist. Schon nach wenigen Stunden
wird bei fortschreitender Rückbildung der Halsteil fester. Damit geht eine
weitere Verengerung des Halskanals Hand in Hand, so dass schon nach
ca. 10 Stunden die einzelnen Abschnitte des Uterus anfangen, ihre regelrechte
Gestalt anzunehmen. Bei der mikroskopischen Untersuchung bemerkt man
schon nach Ablauf kurzer Zeit, dass ein grosser Teil der Uterushöhle mit
normalem Epithel überzogen ist. Schon nach 53 Stunden erscheint eine
grössere Strecke mit kontinuierlichem Oberflächenepithel bekleidet. Späte¬
stens nach Ablauf, der ersten Woche ist der Schleimhautüberzug unter regel¬
rechten Verhältnissen vollständig wiederhergestellt. Dadurch!, dass die
Drüsenausführungsgänge durch die mechanische Verkleinerung des Uterus
fast bis zur Berührung nahe aneinandergerückt werden, wird die Ueber-
häutung der Zwischenschicht und die Ueberschiebung der Epithelien vom
Rande der Drüsenausführungsänge her von zahlreichen Stellen aus gleich¬
zeitig vorgenommen, so dass die schnelle Epithelisierung hierdurch verständ¬
lich wird. Des weiteren hängt die Dauer der Ueberhäutung von dem Zu¬
rückbleiben von Deziduagewebe und Chorionzotten ab. Auffallend und als
mit der Neubildung des Gewebes im Zusammenhang stehend anzusehen ist
der Reichtum der Epithelien der Schleimhaut und der Drüsenschläuche an
Iipoiden und fettähnlichen Substanzen.
Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 12. März 1923,
Vorsitzender: Herr C a h e n I. Schriftführer: Herr J u n g b I u t h.
Herr Ernst Mayer-Köln: Zur Therapie und Diagnostik des Schlel-
halses.
Vortr. empfiehlt bei mittelschwerem Schiefhals seinen Gipsverband, der
Becken, die ganze Wirbelsäule und Kopf mit einschliesst. Vorher wird eine
offene Durchschneidung des Kopfnickers vorgenommen.
Der erste Akt des Gipsverbandes, der nach Art des S a y r 6 sehen Gips¬
korsetts zunächst nur Becken und Wirbelsäule umfasst, wird in horizontaler
Lage vorgenommen.
Im zweiten Akt wird der Kranke aufgesetzt, die Wirbelsäule redressiert
und dann Hals und Kopf in den Verband miteinbezogen.
Das Indikationsgebiet dieses Verbandes gegenüber dem in vielen Fällen
ebenfalls angezeigten Watteverband wird umgrenzt.
Dieselbe Therapie wie beim angeborenen Schiefhals wird auch angwandt
bei hochsitzender Zervikalskoliose als einleitende Behandlung: dann Hauptbe¬
handlung wie bei schweren Skoliosen. Erwähnung der von K r e in e r und
Biel sch owsky kürzlich beschriebene Art von Torticolis optica, sowie
Hinweis darauf, jede Skoliose von vorne zu betrachten, dann wird der
Schiefhals weniger häufiger übersehen.
Diskussion: Herren Cords, Jung und P i n c u s.
Herr Ernst May er- Köln: Ueber angeborenen Defekt der Kniescheibe.
yorstellung eines lOjähr. Knaben, bei dem die Kniescheibe links voll¬
ständig fehlt und rechts zu klein gebildet ist. Röntgenbilder, die vor etwas
mehr wie drei Jahren angefertigt waren, zeigen rechts einen strichförmigen
Schatten, der, wie sich jetzt herausstelit, damals der Kniescheibe entsprach.
Sie ist jetzt auf dem Röntgenbild etwas überhaselnussgross, links ist ein
erbsenförmiges Gebilde zu erkennen, was vielleicht der Anlage einer Knie¬
scheibe entsprechen konnte.
Der Knabe soll mit Sehnenplastiken gegen die bestehende Quadrizeps-
atrophie bzw. habituelle Patellarluxation behandelt werden. Vorherige
Streckung der Kontraktliren.
Hieran anschliessend stellt Herr Landwehr 2 Fälle von Luxation
der Kniescheibe vor.
966
Münchener medizinische Wochenschrift.
Nr. 2$.
Aerztlicher Verein Nürnberg.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 15. März 1923.
Vorsitzender: Herr Strauss.
Herr F I a t a u zeigt das durch Laparotomie gewonnene Präparat einer
faustgrossen Hydrosalpinx mit einer so festen zweimaligen vollkommenen
Dreh u n g im isthmischen Teil, dass 1. eine starke Stauungsblutung in den
ampullären Abschnitt eingetreten war, 2. dass eine beginnende Gangrän des
Tumors zu bemerken ist, 3. dass endlich die Schnürfurche an der '1 orsions-
stelle so dünn und brüchig geworden war, dass eine vollkommene Abtrennung
in kürzester Zeit zu erwarten gewesen wäre. Interessant ist dabei, dass das
Präparat von einer 27 jährigen Primipara stammt, die wieder im s e c fas t e n
Schwangerschaftsmonat ist. Die Kranke gibt ganz charak¬
teristisch an, dass sie plötzlich nach einer Anstrengung das Gefühl gehabt
hätte, wie wenn etwas in die Beckentiefe gesunken wäre und dass sofort
stärkste Schmerzen aufgetreten wären. Der Tumor lag tatsächlich tief im
Douglas und war vom hinteren Scheidengewölbe als praller, unbeweglich ^
eingeklemmter Körper zu tasten.
Herr Th. Goldenberg: Ueber die Steinerkrankung der Nieren und
Harnleiter. (Demonstrationsvortrag.)
G. bespricht zunächst die Aetiologie, dann an Hand zahlreicher durch
Operation gewonnener Steine die chemische Zusammensetzung derselben,
ferner unter Anführung einiger Krankengeschichtsauszüge den klinischen
Symptomenkomplex. Insbesondere wird auf die Verwechselungsmöglichkeit
von rechtsseitigem Ureterstein mit chronischer "Appendizitis .hingewiesen.
(Röntgenbilder von 3 derartigen Fällen.) Uretersteine können ferner mit
.Beckenflecken“, Phlebolithen und verkalkten Mesenterialdrüsen ver¬
wechselt werden. (Demonstration eines derartigen letztgenannten Falles, wo
der „Steinschatten“ entfernt vom Schatten des Harnleiterkatheters lag und
wo die Operation ausgeschlossen wurde.) Die Insufflation von Gasen oder
die Injektion von schattengebenden Flüssigkeiten (20 proz. Bromnatrium-i
lösung) ermöglicht durch Darstellung der Nierenbecken und Kelche eine ge¬
naue topische Diagnostik, indem sie den fraglichen Steinschatten in räum¬
liche Beziehung zu diesen Gebilden bringt und hierdurch bereits vor der
Operation eine ziemlich exakte Abgrenzung der in dem jeweiligen Falle in
Betracht kommenden Operation (Pyelotomie-Nephrotomie?). (Demon¬
stration.) Die Methode der Wahl ist die Pyelotomie, vermittelst welcher
man bei extrarenalem Nierenbecken selbst recht grosse und verzweigte
Korallensteine extrahieren kann (Demonstration), bei intermediärem Sitz des
Nierenbeckens lassen sich natürlich nur kleinere Steine entfernen, bei intra¬
renalem Sitz des Nierenbeckens kann natürlich nur die Nierenspaltung in
Frage kommen. Die Furcht vor Fisteln ist unberechtigt, selbst bei wenig
exakter Naht des Nierenbeckens. Nur bei übersehenen distal gelegenen
Abflusshindernissen (Ureterstein) kann diese seltene Komplikation einmal ein-
treten. Bericht über 23 eigene wegen Nierenstein operierte Fälle, 7 Frauen,
16 Männer, 9 mal Nephrektomie wegen Pyonephrosis calculosa, sämtlich
geheilt, 6 Nephrotomien, davon starb einer im Anschluss an die Operation an
hierbei zu fürchtender heftiger Nachblutung, 8 Pyelotomien, sämtlich geheilt,
üesamtmortalität von 23 wegen Nierenstein operierten Fällen: 1 — 4,4 Proz.
Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 30. Mai 1923.
Vorsitzender: Herr Flury. Schriftführer: Herr Walther Schmitt.
Herr v. Frey: Ueber den Kitzel.
Der Vortr. berichtet über gemeinsam mit Dr. K. Felix- Heidelberg
ausgeführte Versuche, denen die Aufgabe gesetzt war, die Stellung des K.
zu den übrigen Empfindungen zu ermitteln. Zu unterscheiden ist der von den
Muskeln auslösbare tiefe K. von dem oberflächlichen oder Hautkitzel. Letz¬
terer ist wieder von dem Jucken zu trennen, das durch schwellenmässige
Reizung der oberflächlichen Schmerznerven (Epidermisnerven) hervorgerufen
wird. K. (Hautkitzel) ist im Gegensatz zum Jucken nur mechanisch aus¬
lösbar, die Erregung ist gegen den Reiz nicht verspätet, abgesehen von der
kurzen (lh Sekunden) und konstanten Reaktionszeit, ist flüchtig (Adaptation)
und kann daher nur durch Wandern des Reizes über die Haut durch einige
Zeit unterhalten werden. K. kann auf analgetischen Hautstellen hervor¬
gerufen werden, K. und Jucken können gleichzeitig auf derselben Stelle auf-
treten (in Bestätigung von T o e r o e k 1908). Bei starkem K. kommt es
zum Uebergreifen der Erregung auf die Gefässnerven (Schauderreflex) und
auf die oberflächlichen Schmerznerven (Jucken).
Zur Erregung von K. genügen auf der behaarten Haut ausserordentlich
schwache Reize, Bruchteile eines Milligramms, sofern sie die Haare aus ihrer
Richtung ablenken. Werden die Haare abgeätzt, so steigt die Kitzelschwelle
auf das Tausendfache und der Reiz ist nur über den Haarbälgen (Druck¬
punkte) wirksam. Der K. ist demnach eine Leistung des Drucksinns, ebenso
wie die Berührungs-. Vibrations- und Druckempfindung.
Diese Empfindungen werden im allgemeinen als qualitativ verschieden
betrachtet und demgemäss besonderen Sinneseinrichtungen und -nerven zu¬
geschrieben (Gefühlsnerven, Knochennerven, protopathische Nerven usw.).
Ihre Zusammenfassung im Drucksinn widerspricht dem Satze von der
spezifischen Energie der Sinnesnerven, wenn man nicht annimmt, dass die
in der Peripherie gesetzten Erregungen auf ihrem Wege zu den Orten des
psychophysischen Geschehens Ueberarbeitungen erfahren im Sinne einer Zu¬
sammenfassung der Elementarerregungen zu neuen Einheiten, die je nach
der räumlichen und zeitlichen Verteilung des Reizes über die Gesamtheit der
betroffenen Rezeptoren ein verschiedenes Gesicht gewinnen. Der Vortr.
weist hin auf verwandte Vorgänge in anderen Sinnesgebieten, sowie bei den
höheren psychischen Leistungen (v. E h r e n f e 1 s ’ Gestaltqualitäten).
Aussprache: Herren O. B. Meyer, Sticker, Vogt, v. rrey.
Herr K a d a n o f f demonstriert histologische Nervenpräparate nach den
im Anatomischen Institut ausgearbeiteten Methoden.
Verein der Aerzte in Steiermark.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Mai 1923.
Herr S t r e 1 s s 1 e r hält eineu Demonstrationsvortrag über einen Fall
von Ostitis iibrosa. . , .
Bei einem jungen Burschen fand sich im oberen Ende der libia und
Fibula je ein sich weich anfühlender Tumor, der bei der Operation als mit
markähnlichen Massen ausgefüllt sich erwies. Gibt dann eine kurze und
klare Zusammenfassung des Krankheitsbildes der Ostitis fibrosa und demon¬
striert die Bilder zahlreicher einschlägiger Fälle.
In der Wechselrede sprechen die Herren L e e b zum Röntgen¬
befund, B e i t z k e zum histologischen. Herr W i 1 1 e k erwähnt eine hoch¬
gradige Atrophie am unteren Humerusende bei einem 70 jähr. Mann, wo
eine Fraktur glatt heilte ohne dass eine sichere Diagnose hätte gestellt
werden können. Herr E r 1 a c h e r zeigt die Bilder einer Knochenzyste
bei einem 8 jährigen Mädchen, die nach einem leichten Trauma beobachtet
wurde. Bei der Operation fand sich die Zyste ausgefüllt mit geringer Menge
einer serösen Flüssigkeit, aber keine Kapsel. Histologisch konnte baser¬
mark nachgewiesen werden.
Herr Weeber betont, dass nach seinen Erfahrungen der „Blut¬
senkungsgeschwindigkeit“ eine besondere diagnostische Be¬
deutung nicht zukommen dürfte.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 25. Mai 1923.
Herr H. Kahler berichtet über einen Fall von neurogener Form der
Adams-Stokes sehen Krankheit.
Herr J. Winterberg demonstriert Elektrokardiogramme von
Adams-Stokes scher Krankheit.
Herr O. Stracker demonstriert die Mobilisierung von Frakturen mittels
Quengeln. , . ,
Diese auch von Naturvölkern angewendete Methode besteht darin, das«
man in die Gipshülsen Stäbe einfügt, um die man eine Doppelschnur legt
Mittels eines rotierenden Stabes kann man diese Schnüre eindrehen und sc
verkürzen. Auf diese Weise wird die Kontraktur allmählich beseitigt.
Herr E. Suchanek demonstriert einen Mann, bei dein er wegen eines
malignen Neoplasmas die Exstirpation des Larynx und die Resektion de:
Pharynx ausgeführt hat.
Herr J. Finsterer stellt einen 80 jährigen Mann vor, den er wegei
eines malignen Neoplasmas 12 cm oberhalb des Anus mittels Radikaloperatioi
mit gutem Erfolg behandelt hat.
Herr E. Glas demonstriert einen Arzt aus Saloniki, der wegen eine:
Empyems des Antrum Hightnori in Saloniki operiert worden war.
Ein Instrument war abgebrochen und das Fragment in der Kicferhölil«
liegen geblieben. Es bestand eine Protrusio bulbi, Schwellung in der Gegem
der Fossa canina; es entleerte sich stinkender Eiter. Der Kranke kam nacl
Wien, um sich operieren zu lassen. Vortr. nahm die Radikaloperatioi
des Empyems vor. Die mediale Wand der Kieferhöhle war nekrotisch
ebenso das Dach derselben; alle Rezessus wurden ausgeräumt. Der Kranki
war am nächsten Tage fieberfrei; Exophthalmus und Oedem waren ge
schwunden. Nur mehr leichtes Oedem des unteren Augenlides ist Vorhände
und eine geringradige Diplopie.
Herr L. Moskowicz stellt eine Frau vor, die er vor 7 Jahren wege
eines Parotistumors radikal operiert hat.
Dabei konnte natürlich der Fazialis nicht geschont werden. Vortr. ver
wendete nun ein im Tierexperiment erprobtes Verfahren, um die Regenera
tion des Fazialis zu sichern, soweit das möglich ist. Er lagerte zwischen da
proximale und periphere Stück der Fasern ein Stück des M. sternocleidc
inastoideus, das mit dem Muskel breit zusammenhing und darum gut ernähr
war. Diesem Stück wurden vier motorische Fäserchen des Fazialis implar
tiert. Die Kranke hat Vortr. in der Zwischenzeit nicht gesehen. j
Die Kranke macht beim ersten Blick den Eindruck, als ob eine Fazialis
parese vorhanden wäre; dem ist aber nicht so, denn es unterliegt der M. orb
cularis oris und der M. orbicularis oculi der Willkürinnervation. Nur de
M. frontalis bleibt unbewegt. Die neurologische Untersuchung ergab Erreg
barkeit der Muskeln vom Fazialisstamm aus. Am wenigsten reagierte de
Stirnmuskel auf elektrische Reize; dieser zeigte die für die Entartungsreaktio
charakteristische träge Zuckung. Das Ergebnis ist im ganzen eine angenehm
Ueberraschung und ein Hinweis auf das einzuschlagende Vorgehen, weil
schwere Operationen notwendig werden, bei denen eine Schädigung de
Fazialis nicht vermieden werden kann.
Herr I. Kyrie: Ueber die Ursache der Glatzenbildung.
Anschliessend an die Mitteilung von Stein in der Sitzung voll
18. Mai d. J., dass die Glatzenbildung keine Krankheit sei, berichtet Redmu
über die histologische und biologische Stellung der Hautanhängc. Man untel
scheidet unter den Hautdrüsen solche vom merokrinen Typ, bei denen d
Sekretionsprodukte gebildet werden, ohne dass die Zellen zugrunde gehe!
und solche vom holokrinen Typus, bei denen das Sekret auf Kosten des zi
gründe gehenden Zellkörpers sich bildet. Der erstgenannte Typus ist durc:
die Schweissdrüsen der Palma und Planta repräsentiert, der letztere dun.1
die grosse Drüse der Axilla, die Knäueldrüsen am Anus, die Drüsen an dt
Labien, die Mamma. Die ersteren stammen vom Epithel der Epidermis, d .
letzteren von den Haarkeimen, ebenso wie die Talgdrüsen.
Die holokrinen Drüsen sind bei den niederen Säugern zahlreicher, bj
den Anthropoiden merkt man schon ein Zurückgehen dieses Typus. Auch b-
Völkern verschiedener Kulturhöhe bestehen Unterschiede, so dass man siel |
dass diese Drüsen auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Auch haben die Frau-,,
mehr Drüsen von diesem Typus als die Männer. Die holokrinen Drüsen et
reichen ihre volle Ausbildung erst in der Pubertät, sie erzeugen bei di
Tieren, die für die Anlockung der Geschlechter so wichtigen Riechstoff
Aehnlich erlangt der Mensch bekanntlich das terminale Haarkleid erst in d
Zeit der Pubertät.
Das primäre Haarkleid geht meist am Ende des Embryonallebens ve
loren. Bei Tieren bleibt das zweite Haarkleid mit seinem periodisch«
Wechsel von Winter- und Sommerpelz erhalten. Das terminale Haarkle
entwickelt sich unter dem Einfluss der Reizstoffe, die von den Sexualdrüsi
ausgeschwemmt werden. Ausfall oder Hypofunktion der Geschlechtsdrüs*
I.Juii 1921 _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. %f
ichen die von Stein besprochenen Anomalien der Behaarung. Zusammeu-
.send kann man sagen, dass die von den embryonalen Haarkeimen aus-
lienden Gebilde eine Tendenz zur Reduktion im Laufe der Phylogenese
gen.
Kleine Mitteilungen.
Tarif der Deutschen Röntgengesellschaft.
Gültig ab 10. Juli 1923.
1. Unkostentarif.
1. Diagnostik: 9Xl2 Platte und Zahnfilm 27 750 M., 13 X 15 Platte
500 M.. IS X 24 Platte 53 200 M„ 24 X 30 Platte 74 250 M„ 30 X 40 Platte
1950 M., 90 X 50 Platte 185 800 M., Orthodiagramm 34 000 M... Dureli-
ehtung 32 000 M., Citobaryummahlzeit 12 000 M., Schlauchfüllung
000 M„ Einlauf mit Citobaryum 16 000 M.. Abzüge bis zur Grösse
X 24 20 000 M., Abzüge darüber hinaus 40 000 M., Glasdiapositiv 50 000 M.
2. Therapie: a) Oberflächentherapie p. M.A.M. 1000 M., b) (vollw.)
,‘fentherapie p. M.A.M. 1450 M.
2. Honorartarif.
Allg. Deutsche Geb.-Ordn. (Ausg. rn. Deckbl.) Ziffer 336 — 371 mal 400.
Eine Reihe von Herren haben zwar die sofortige Tarifzusendung aus
ankfurt a. M. erbeten, aber den vereinbarten Betrag nicht eingezahlt.
Infolgedessen kann ihnen der Tarif nicht zugehen.
Im TaHif der D. R.-G. vom 20. VI. 1923 ist ein Fehler vorhanden.
muss heissen: a) Oberfl. Therapie p. M.A.M. 650 M., b) (vollw.) Tiefen-
i rapie p. M.A.M. 800 M.
Therapeutische Notizen.
Das neue Antineuralgikum „Quadro na 1“.
Unter Berücksichtigung des Kombinationsprinzipes, wonach durch
schung mehrerer Medikamente eine ungleich höhere Wirkung erzielt
rd, ist das „Quadronal“ aus den vier Bestandteilen: Antipyrin, Phena-
in, Lactophenin und Coffeinum zusammengesetzt. Die Kombination
n antipyretischen und antineuralgischen Komponenten mit der Herz-,
fäss- und Nervenwirkung des Koffeins, ist als besonders günstig zu
trachten (siehe darüber besonders die Arbeit von Prof. H. Kionk a,
Kl. 1922 Nr. 21). Infolgedessen wird die in vielen Fällen erforderliche
ppelrezeptur hinfällig, was wiederum eine für die heutige Zeit wesentliche
rbilligung des Medikamentes darstellt.
Das therapeutische Anwendungsgebiet ist ein vielseitiges, entsprechend
• im „Quadronal“ enthaltenen Komponenten. Die kombinierte Wirkung
• Antipyretica mit dem Koffein (Herz-Gefäss-Nervenwirkung. hirngefäss-
veiternd) einerseits, und die schmerzlindernde und beruhigende Wirkung
> Phenacetins und Lactophenins anderseits, machen z. B. bei Migräne die
rblüffend schnelle Wirkung des „Quadronals“ verständlich. Das Haupt-
wendungsgebiet des Quadronals ist das grosse Gebiet der akuten und chro-
chen Neuritiden und Neuralgien; gut bewährt hat es sich auch bei leich-
en Erkältungskrankheiten und rheumatischen Störungen, schliesslich kam
Fällen von Menstruationsbeschwerden die schmerzlindernde Wirkung des
ttels voll zur Geltung (siehe darüber Dr. K e e s e r, D.m.W. 1922 Nr. 36).
: fieberherabsetzende Wirkung ist von untergeordneter Bedeutung.
Das Präparat ist von der allgemeinen Ortskrankenkasse München zu-
: lassen. „Quadronal“ wird hergestellt von der chemischen Fabrik
innig & Kipper, Bielefeld-Brackwede. Dr. S c h u b e r t - Grindelwald.
Ueber (Jurral.
C u r r a 1 ist ein neues Schlafmittel, das von den Chemischen Werken
lenzach hergestellt wird und uns in grösseren Mengen zu Versuchszwecken
ui der Firma zur Verfügung gestellt wurde.
Chemisch ist Curral Diallylbarbitursäure und bildet farblose, glänzende
listallblättchen vom Schmelzpunkt 170 — 171. Im kalten Wasser ist es
:iwer löslich, etwas leichter in heissem Wasser. Die wässerige Lösung
i [giert schwach sauer.
Curral wurde hier in zusammen 25 Fällen 232 mal verabreicht und
; ar betrafen 20 Fälle hiervon Schlafstörungen verschiedenen Grades bei
(,’chischen und nervösen Erkrankungen, die anderen 5 Fälle, psychotische
Fegungszustände.
Meist wurde Curral in warmer Flüssigkeit, Tee oder dergl. ge-
ien.
Was die Wirkung betrifft, so wurde in 9 Fällen einfacher Agrypnie
' Psychopathie, Hysterie, Neurasthenie u. ä. durch 0,1 Curral ausnahmslos
i 6 — 7 stündiger, zusammenhängender Schlaf erzielt. Die Stärke der schlaf-
:chenden Wirkung entsprach "hierbei etwa 0,5 Medinal oder Veronal.
In 6 Fällen mittelschwerer Agrypnie bei bestehender Unruhe und Er¬
dung (es handelte sich um Melancholie, chronischen Alkoholismus, prä-
•liies Irresein u. dergl.) wurde mit der Dosis 0,2 — 0,3 ein mindestens
s hsstündiger mehr oder minder zusammenhängender Schlaf herbeigeführt.
I; Wirkung entsprach hierbei 1,0 Medinal oder 0,8 — 1,0 Veronal.
Von den 5 Fällen schwerer Schlaflosigkeit bei schweren Psychosen, in
:ien Curral zur Anwendung kam, gelang es nur in einem Falle mit 0,3 Curral
t en genügenden Schlaf zu erzielen. In den anderen Fällen, bei denen auch
■ lere Schlafmittel oft versagten, war auch 0,3 Curral wirkungslos. Diese
Isis wurde nicht überschritten, möglicherweise wäre mit einer höheren
sis noch eine Wirkung auch in diesen Fällen zu erreichen.
Recht günstig waren die Erfahrungen, die mit Curral als Sedativum in
Fällen von schweren psychotischen Erregungszuständen gemacht wurden.
■ Dosis war 0,1 Curral 2 — 3 mal täglich. In allen Fällen konnte eine be¬
ugende Wirkung wie bei anderen Schlafmitteln in refracta dosi festgestellt
*rden; für die Nacht war zum Teil noch die Verabreichung eines weiteren
: ilafmittels notwendig.
Neben- oder Nachwirkungen von Curral wurden hier nicht beobachtet:
besondere versicherten die Kranken mit einfacher Agrypnie, dass sie nach
• rral nie das Gefühl von Abgeschlagenheit und Mattigkeit hatten wie bei
leren Schlafmitteln. Auch traten nie Kumulationserscheinungen auf.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass Curral eine wertvolle Bereicherung
i»eres Schlafmittelschatzes darstellt und mit allen anderen Schlafmitteln
erfolgreich konkurrieren kann. Hervorzuheben ist seine gute Bekömmlichkeit
und seine Eignung als Sedativum bei Erregungszuständen.
(Aus der Lewa löschen Kuranstalt in Obernigk bei Breslau (Besitzer
und leit. Arzt Dr. L o e w e n s t e i n). Dr. Berthold Maier.
Assistenten- und StudentenbelaiiKe.
Errungenschaften der Berliner Medizinalpraktikanten.
Das preuss. Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat
die Charitee-Direktion und die Direktoren der übrigen Berliner Universitäts¬
kliniken angewiesen, den Mediizinalpraktikanten an den Universitätskliniken
und wissenschaftlichen medizinischen Universitätsinstituten bei nachge¬
wiesener Bedürftigkeit freie Wohnung, wenn sie verfügbar ist, und Ver¬
pflegung oder eines von beiden in den Universitätskliniken zu gewähren.
F'erner hat das Ministerium angeordnet, dass den Medizinalpraktikanten im
Erkrankungsfalle kostenlose poliklinische Behandlung und bei stationärer Auf¬
nahme in eine Klinik für die Dauer der Behandlung freie Behandlung und
Verpflegung gewährt wird. Oie Klinikerschaft hofft auch ihre übrigen
Wünsche in erneuten Verhandlungen durchsetzen zu können.
Englische Hilfe für die deutschen Studenten.
Bei der Wirtschaftshilfe der deutschen Studentenschaft ist durch Ver¬
mittlung der ausländischen Studentenhilfe eine Spende des englischen Uni-
versities Committee von 2000 Pfund zur Linderung der Notlage der deutschen
Studentenschaft eingegangen. Diese Spende ist ausdrücklich dazu bestimmt,
die Selbsthilfebestrebungen der deutschen Studentenschaft zu unterstützen
unjd zu fördern und wird in Deutschland vor allem im (Hinblick auf die
durch den Ruhreinbruch ausserordentlich verschärfte Notlage der deutschen
Studentenschaft dankbar begrüsst werden. Das englische Universities Com¬
mittee, das im Januar d. J. seine Tätigkeit für die deutsche Studentenschaft
aufgenommen hat, setzt sich aus Vertretern der Studentenschaft aller engli¬
schen Universitäten und leitenden Persönlichkeiten der Wirtschaftskreise zu¬
sammen.
Vergünstigungs- und Arbeitsamt der Münchener
Medizinerschaft.
Die für die Studentische Nothilfe erfolgreichsten Aemter der Mediziner¬
schaft sind neben dem Bücheramt das Vergünstigungs- und Arbeitsamt.
Ersteres bedeutet eine direkte Nothilfe, indem es sich mit der Verwaltung
und Verteilung von Geld, Büchern und anderen Spenden befasst, letzteres
vermittelt Nebenverdienst suchenden Kommilitonen entsprechende Arbeit,
die es ihnen ermöglicht, in der beschränkten Zeit des Semesters oder
während der Ferien sich die notwendigen Mittel zur Bücherbeschaffung und
Fortsetzung des Studiums zu beschaffen. Dem Vergünstigungsamt
war es im verflossenen Semester möglich, wöchentlich 100—120 Theater¬
karten zu bedeutend ermässigtem Preise abzugeben und 4 — 5 Karten in
der Woche an besonders bedürftige Kollegen zu verschenken.
Ferner wurde in den letzten 3 Wochen an Bezugskarteninhaber Brot
mit 20 proz. Ermässigung verkauft. Zum deutschen Turnfest hatten wir
400 Dauerkarten zum Preise von 550 M. (statt 5000 M.) zu vergeben. —
Das Müllersche Volksbad hat uns in dankenswerter Weise 100 Badekarten
zu 700 M. (statt 1500 M.) zur Verfügung gestellt.
Da die Nachfrage nach Doktorarbeiten eine grössere war als Themen
zur Verfügung standen, überliessen uns die Herren Dozenten 40 Doktor¬
themen zur Verteilung an uns als besonders geeignet erscheinende Kollegen.
— Von Zeitungen wurden die „Münchner Neuesten Nachrichten“ mit
50 Proz. Verbilligung an etwa 150 Kollegen monatlich geliefert.
Das Arbeitsamt konnte in diesem Semester 25 Kollegen einen
dauernden Nebenverdienst durch Schreibmaschinenarbeit, durch medizinisch¬
statistische Arbeiten 5 Kollegen einen solchen verschaffen. 1544 Arbeitstage
wurden in 3 Wochen an Mediziner beim Film vergeben. In der. ersten
Woche belief ^ich der Tagesverdienst pro Kopf 26 000 M„ dann wurde er
auf 30 000 M. erhöht und belief sich zuletzt auf 42 000 M. bis zu 50 000 M.
bei Ueberstunden.
Die Münchener Medizinerschaft kann somit auf eine erfolgreiche Tätig¬
keit im S.-S. 1923 zurückblicken und hofft dieselbe im W.-S. 1923/24 in
gleicher Weise fortsetzen zu können, wobei sie aber auf weitgehende Mit¬
arbeit und Unterstützung aller Medizinstudierenden, Aerzte und sonstiger
Interessenten für ihre Sache notwendigst angewiesen ist. T i e m e r.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 18. Juli 1923.
Die Berliner Aerteschaft steht, wie unser Berichterstatter
(vergl. d. Berliner Brief S. 961) schreibt, vor der Erklärung des ver¬
tragslosen Zustands. Wenn nicht bis zum 28. Juli Sicherheiten
von den Kassen dafür gegeben sein werden, dass den Aerzten in Zukunft
der Geldentwertung entsprechende Honorare von den Kassen gewährt werden,
wird der Vorstand den Vertrag zum 1. August fristlos kündigen. Da nicht
anzunehmen ist, dass die Kassen in letzter Stunde nachgeben werden, droht
den Berliner Kollegen ein schwerer Kampf, in dem sie aber die Sympathien
und, wenn es not tut, die tätige Hilfe aller deutschen Aerzte zur Seite haben
werden.
— Ueber die Zunahme der Kindertuberkulose in Berlin
berichtet in der Voss. Ztg. Dr. H. Putzig, Oberarzt im Kaiscrin-Augusta-
Victoria-Haus in Berlin nach Beobachtungen an der Reichsanstalt zur Be¬
kämpfung der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit. Es geht daraus her¬
vor, dass in Berlin eine erhebliche Zunahme der Tuberkulosesterbefälle im
Säuglingsalter, wie der Tuberkulose im 2. bis 5. Lebensjahr festgestellt wer¬
den muss. Während Tuberkulosefälle früher zu Seltenheiten bei dem
Material der Reichsanstalt gehörten, bilden sie jetzt einen wesentlichen Fak¬
tor unter den Aufnahmen. Ein Hauptgrund dieser bedrohlichen und äusserst
bedauerlichen Tatsache ist die Zunahme der Tuberkulose bei Erwachsenen,
die als Infektionsträger für die Kinder in Betracht kommen, eine Gefahr, die
durch die fortschreitende Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse
(Wohnungsnot, Kohlennot, Unterernährung) noch gesteigert wird. Hunger
und Unterernährung finden ihre Opfer, selbst Skorbut und ähnliche schwere
Erkrankungen gehören nicht mehr zu den Seltenheiten. Nach Veröffent¬
lichungen des Oberbürgermeisters Böss ist die Milchzufuhr in Berlin von
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
96R
Nr. 29.
täglich 1,2 Millionen Liter vor dem Kriege im Februar d. J. auf 300 000 Liter
täglich gesunken und trotzdem blieben von dieser kleinen Menge noch
50 0U0 Liter unverkauft, weil unerschwinglich für weite Kreise der Be¬
völkerung! —
So kann der frühere Führer des ritterlichen Frankreich, der Arzt C le¬
rn e n c e a u, hoffen, dass auch auf diesem Wege sein Ziel, das deutsche Volk
um 20 Millionen zu vermindern, bald erreicht sein wird.
— Mit Wirkung ab 15. VII. 1923 werden die Gebühren für ärzt¬
liche Dienstleistungen bei' Behörden in Bayern nach der
V. v. 17. XL 1902/4. VIII. 1910 GVB1. S. 715/415 und der dieser V. bei¬
gegebenen Gebührenordnung wie folgt festgesetzt: 1. Die Mindestsätze des
S 3 Abs. II u. III der V. werden auf das 2000 fache erhöht, als Vergütung
nach § 11 Abs. II wird das 1800 fache des dortigen Satzes bestimmt. 2. Die
Sätze der Ziff. 14 der Gebührenordnung werden auf das 2500 fache, der
Mindestsatz der Ziff. I wird auf das 1300 fache, der Mindestsatz der Ziff. 11 auf
das 700 fache, die übrigen Mindestsätze werden auf das 1800 fache erhöht.
3. Als Höchstsatz darf das 10 fache der durch die vorstehende Regelung
bestimmten Sätze berechnet werden; dies gilt auch für jene Ansätze, für
welche die V. v. 17. XI. 1902 1 4. VIII. 1910 einen Spielraum zwischen Mindest¬
satz und Höchstsatz nicht vorsieht. Für besonders gelagerte Ausnahmefälle,
so bei besonders leistungsfähigen Zahlungspflichtigen, wird gestattet, diese
Sätze zu überschreiten. Diese Sätze treten an die Stelle der Sätze der
V. v. 19. IV. 1923, s. d. Wschir. Nr. 18 S. 586.
— Mit Wirkung ab 15. Juli 1923 wurden für die Leichenschau
in Bayern folgende Gebühren festgesetzt: für ärztliche Leichenschauer:
a) Gebühr für die Verrichtung 15 000 M., b) Entfernungsgebühr, wenn die Ent¬
fernung des Ortes der Leichenschau vom Wohnorte des Leichenschauers
mehr als 1 km beträgt für jeden Kilometer des Hin- und Rüchweges 3600 M.
Die Gebühren für eine ausserhalb des Wohnortes vorgenommene Leichenschau
dürfen insgesamt den Betrag von 40 000 M. nicht übersteigen. Diese Sätze
treten an die Stelle der entsprechenden Sätze der Verord. vom 30. Mai 1923
(d. Wschr. Nr. 23 S. 760).
— Nach einer Verordnung des Reichsarbeitsministers wird die Grenze
für das versicherungspflichtige Einkommen in der Ange-
stelltenver sdche r.ung im unbesetzten Gebiet auf 27 Millionen
Mark, im besetzten, im Einbruchs- und in dem Gebiet, worin besondere
Vorschriften für die Erwerbslosenfürsorge gelten, auf 34 Millionen Mark
festgesetzt. Für die Krankenversicherung wird die Einkommens¬
grenze auf 21 Millionen im unbesetzten und 24 Millionen im besetzten Gebiet
usw. erhöht.
— Der sechste Ausschuss des Reichstages hat beschlossen, die Ziffer 5
des §165 der Reichsversicherungsordnung wie folgt zu fassen: „Versicherungs¬
pflichtig sind Angestellte in Berufen der Erziehung, des Unterrichts, der
Fürsorge, der Kranken- und Wohlfahrtspflege.“ Falls Reichstagsplenum und
Regierung diesem Beschluss zustimmen, werden alle Assistenzärzte an
Krankenhäusern versicherungspflichtig werden, deren Jahreseinkommen zur¬
zeit unter 21 Millionen Mark beträgt. Desgleichen alle entsprechend an-
gestellten Fürsorger und Wohlfahrtsärzte und ausser diesen in den ent¬
sprechenden Berufen Angestellte ähnlicher Art.
— In L o n d o n hat am 7. Juni eine Konferenz von Vertretern
der ärztlichen Organisationen und der Krankenkassen
stattgefunden, um über die Gestaltung des kassenärztlichen Dienstes im Jahre
1924 zu beraten. Aus dem Bericht über die Konferenz (Lancet, 16 Juni) er¬
sieht man, dass die Hauptstreitpunkte in England dieselben sind, wie bei uns,
nämlich Honorar, Kassenlöwentum, freie Arztwahl und Arzneimittelverbrauch.
Die Honorarfrage schied auf der Konferenz aus, da sie in einer ‘-""‘»ren
Sitzung im Oktober besprochen werden soll. Die finanzielle Lage der Kran¬
kenkassen ist aber eine derart glänzende (23,5 Millionen Pfund Ueberschuss),
dass der Regierungsvertreter eine glatte Erfüllung berechtigter ärztlicher
Ansprüche in Aussicht stellen konnte, wenn die Aerzte gewissen Wünschen
der Kassen entgegenkommen würden. Dem Kassenlöwentum wird in Eng¬
land dadurch entgegengewirkt, dass die Zahl von versicherten Personen,
die ein Arzt unter seine Obhut nehmen darf, beschränkt ist. Diese Zahl be¬
trug für einzelne Aerzte bisher 3000 und wurde jetzt auf 2500»herabgesetzt;
für Aerzte mit einem ständigen Assistenten beträgt sie 4000. Die freie Arzt¬
wahl war immer ein Ziel der englischen Aerzteschaft; die Konferenz hat sie
noch weiter ausgedehnt. Dem Recht des Kranken, den Arzt jederzeit zu
wechseln, wurde das Recht des Arztes, gewisse Kranke von seiner Liste
auszuschliessen, gegenübergestellt. Ein Antrag, dass ein Versicherter nicht
mehr als einmal in 3 Monaten den Arzt solle wechseln können, wurde ab¬
gelehnt. Zum Schutze gegen übermässigen Arzneimittelverbrauch bestehen,
wie bei uns, Kommissionen. Die Konferenz hielt Massregeln für nötig, um zu
verhüten, dass die Aerzte sich scheuen, notwendige Mittel zu verordnen. So
wurde u. a. die Entscheidung über Strafen dem Minister Vorbehalten. Wei¬
tere Verhandlungsgegenstände betrafen die Extraleistungen, das Zeugnis¬
wesen u. a. Ueber den Verlauf der Verhandlungen sagt der Berichterstatter
der „Lancet“, er habe nie einer Beratung beigewohnt, die mehr das all¬
gemeine Wohl im Auge gehabt habe, wie diese; ein Lob, das bei Verhand¬
lungen mit deutschen Krankenkassenvertretern selten am Platze sein dürfte.
— Auf Veranlassung der Universität Toronto wurde in Deutschland
ein Komitee, bestehend aus den Herren Minkowski (als Vorsitzender),
Krehl, Fr. Müller, v. N o o r d e n, S t r a u s s, Umber und F u 1 d,
gebildet, das die Herstellung des Insulin in Deutschland in die Wege
leiten soll.
— Prof. Brauer vom Eppendorfer Krankenhaus in Hamburg ist von
der Odessaer Chirurgischen Gesellschaft zum Ehrenmitglied ernannt worden.
— Fünfzigjähriges Doktorjubiläum. Im Aufträge der
medizinischen Fakultät Bonn wurde dem emerit. Kreisarzt in Breslau Geh.
Med.-Rat Dr. med. Siegfried W o 1 f f b e r g durch den Dekan der Breslauer
med. Fakultät das zum 50. Jahrestag erneuerte Doktordiplom überreicht.
— Auf Anregung des Zentralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen
in Preussen und des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuber¬
kulose hat eine Reihe von Heilstätten sich bereit erklärt, unentgeltliche
Heilstättenkurse abzuhalten und Aerzte für den Zeitraum von etwa
8 Tagen unentgeltlich aufzunehmen und zum Selbstkostensatz zu verpflegen.
Während der Zeit des Kurses finden Vorträge aus allen Gebieten der Tuber¬
kulose, teils von Aerzten der Anstalt, teils von Dozenten aus benachbarten
Universitäten statt. Besonderer Wert wird auf die praktische Betätigung der
Kursteilnehmer gelegt. Die Kurse verbinden mit gründlicher Fortbildung
auch die Vorteile eines wohlfeilen Ferienaufenthaltes. Der nächste dieser
Fortbildungskurs findet vom 30. Juli bis 5. August in der Heilstätte Beelitz
statt. Da die Zahl der Teilnehmer nur eine beschränkte sein kann, ist
schleunigste Meldung beim Zentralkomitee für das ärztliche Fortbildungs¬
wesen in Preussen, Berlin NW. 6, Luisenplatz 2 4, erforderlich. j
— An der Westdeutschen Sozial hygienischen Aka¬
demie in Düsseldorf findet der nächste Kurs für Kreisarzt- und Kreis¬
kommunalarztanwärter, Schul- und Fürsorgeärzte in Verbindung mit den
übrigen für die Zulassung zur Kreisarztprüfung vorgeschriebenen Kursen
vom 24. September bis 22. Dezember 1923 statt. Die Teilnehmerzahl ist be¬
schränkt, daher baldigste Anmeldung notwendig. Anfragen beantwortet das
Sekretariat der Akademie, Düsseldorf, Fürstenwall 1, sowie der Leiter der
Akademie, Landesgewerberat Dr. T e I e k y, Düsseldorf. 1
— An der Würzburger Universität findet auch in diesem Jahrei
vom 8. bis 13. Oktober ein ärztlicher Fortbildungskurs auf allen
Gebieten der praktischen Medizin statt. Vorlesungsplan erhäJthch von der
Chirurgischen Universitätsklinik. IS. a.. die Anzeige in d. Nr. S. 3.)
— Die „Deutsche Gesellschaft für Gewerbehygiene',
die anlässlich der Hundertjahrfeier der Gesellschaft deutscher Naturforscher»
und Aerzte in Leipzig ins Leben gerufen wurde, hat nunmehr ihre Arbeit
aufgenommen. Zunächst wurde beschlossen, schon in aller Kürze eine selbH
ständige Zeitschrift erscheinen zu lassen. Die Verhandlungen mit dem
Verlag stehen vor dem Abschluss. Für den Monat September ist die erste
Jahreshauptversammlung der Gesellschaft in Würzburg geplant. Die \ er- ‘j
anstailtung soll zwei Tage dauern. An Vorträgen sind u. a. in Aussicht
genommen: Geheimrat Prof. K. B. L e h m a n n - Würzburg: Der Fabrikstauh
und seine Bedeutung für die Gesundheit der Arbeiter. Regierungsrat
Dr. Engel vom Reichsgesundheitsamt in Berlin: Die Staubeinatmung und
Tuberkulosebekämpfung. Prof. Dr. C h a j e s - Berlin: Die Aufklärung der
Arbeiterschaft über die Berufsgefahren und die Heranziehung zur Mit¬
wirkung an der Bekämpfung dieser Gefahren. Die Geschäftsführung der
Gesellschaft ist ab 1. Juli dem Institut für Gewerbehygiene in Frankfurt a. M. |
übertragen worden. Die Anmeldungen zum Beitritt zur Gesellschaft shidgfl
an die Geschäftsführung in Frankfurt a. M., Viktoria-Allee 9 zu richten.
— Der Deutsche Verein für öffentliche Gesund heits «1H
pflege, nunmehr 50 Jahre lang bestehend, hält seine Jahresversammlung
Montag, den 17. Sept. und Dienstag, den 18. Sept. in Mühst er i. W. u
(Rathaus) ab. Tagesordnung: I. Arbeit, Erholung und Wiederaufbau unseres
Volkes (Obergewerberat K ö r n e r - Berlin, Ministerialrat Dr. Koelsch-j
München, Geheimrat Dr. H u e p p e - Dresden). II. Die gesetzliche Regelung
der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. III. Die Notlage auf dem Ge»! J
biet der Krankenhilfe (Stadtrat Dr. S c h 1 o s s e r - Frankfurt a. M., Mini¬
sterialrat Dr. Schulz- Berlin, Stadtrat Dr. D i x - Leipzig). Alle Anfragen
sind zu richten an den ständigen Geschäftsführer: Professor Dr. v. Dri-
g a 1 s k i - Halle. — Sonntag den 16. IX. Tagung der Deutschen Kom¬
munal-, Schul - und Fürsorgeärzte in Mfinste r i. W. Ver¬
handlungsgegenstand: Konstitution, Körperbeschaffenheit und fürsorgerische
Massnahmen (Prof. v. Drigalski - Halle und Prof. Schmidt- Bonn).
Vom 13. bis 15. September Tagung des D e u t s c h. u n d P r. Medizinal-
beamtenvereins in Göttingen; vom 19. bis 22. September Ver¬
sammlung der Deutschen Bahnärzte in Nauheim.
— Die XIII. Tagung der Deutschen Gesellschaft für ge¬
richtliche und soziale Medizin findet vom 18. — 20. Sept. 1923
unter Vorsitz von Prof. Dr. Merkel- München in Bad Stehen im Fichtel¬
gebirge statt. Anmeldungen von Vorträgen und Demonstrationen sind an den
Schriftführer Geh. Rat Puppe- Breslau, Maxstr. 14 zu richten, ebenso auch
Gesuche um Bereitstellung von Wohnungen. Am Montag, den 17. Sept. ist
in Bad Steben eine Zusammenkunft der Deutschen Gerichtsärzte in Aussicht
genommen, in der über die Gründung einer wirtschaftlichen Ver¬
einigung der Deutschen Gerichtsärzte Beschluss gefasst
werden soll. *t
— Die sechste Tagung der Deutschen Gesellschaft für Uro¬
logie findet vom 26. — 29. Septembe^ unter dem Vorsitz von Prof. Pos-
ner in Berlin statt.
— Vom Landespolizeiamt beim b. Staatsministerium des Innern wird
uns geschrieben: „Bei der Landespolizei Bayerns besteht kein
Bedarf an Aerzten. Die vorhandenen Stellen sind besetzt. Die Vormerkungen
decken den Bedarf an Aerzten auf viele Jahre hinaus. Weitere Gesuche
um Einstellung als Arzt bei der Landespolizei Bayerns sind deshalb
zwecklos **
— Pest. Aegypten! Vom 4. bis 10. Juni 54 Erkrankungen, davon in
Alexandrien 3, Port Said 2 und Suez 1.
— In der 24. Jahreswoche, vom 10. — 16. Juni 1923 hatten von deutschen
Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Münster i. W. mit
17.2, die geringste Ludwigshafen mit 7.5 Todesfällen pro Jahr und 1000 Ein¬
wohner. Vöff. R.-G.-A.
Hochschulnachrichten.
Bonn. In der hiesigen med. Fakultät habilitierte sich als Privatdozent
für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten Dr. Aloys Esch.
Breslau. Habilitiert: Dr. med. Herwart Fischer für gerichtliche
und soziale Medizin. Antrittsvorlesung: Die Bedeutung der gerichtlichen
und sozialen Medizin für den Arzt.
Dresden Am 6. VII. d. J. wurde im Stadtkrankenhause Friedrich-
stadt der Neubau der Abteilung für Ohren-, Nasen- und Halskranke (Direktor:
Obermedizinalrat Dr. Mann) seiner Bestimmung übergeben.. _ j;
Leipzig. Habilitiert: Dr. Walther Weigel dt für innere Medizin.
Basel. Der ausserordentliche Professor E. Oppikofer wurde zun
Ordinarius ernannt.
Innsbruck. Für das Studienjahr 1923/24 wurden folgende Pro¬
fessoren der medizinischen Fakultät zu akademischen Funktionären der Uni¬
versität gewählt: zum Rector Magnificus Prof. Dr. Hans Hab er er. zun
Dekan der medizinischen Fakultät Prof. Dr. Richard S e e f e 1 d e r.
Todesfall. 1
Frankfurt a. M. Der bekannte wissenschaftlich sehr tätige Frank¬
furter Nervenarzt Sanitätsrat Dr. Siegmund Auerbach ist infolge eine:-
Schlaganfalles plötzlich verschieden.
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnun;
und Kleidung beträgt für den Monat Juni 7650 (im Mai 3816). Die Erhöhum
beträgt somit 100,5 v. H. Basiszahl 1913/14 = 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist ab 18. VII. 1923: 18 500
Verlag von ) F. Lehmann in München SW. 2, Paul Heyse-Str 26. — Druck von F.. Mfihlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei O.m.h.H. München.
reis der einreinen Nummer freibleibend ■>! 2700.-. . Bezugspreis
n Deutschland rnd Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
ür die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden — 1 Uhr),
ür Bezug : an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-Strasse 26.
MÜNCHENER
Anzeigen-Annahme :
Leo Waibel, München, TheatinerstrasseS.
Anzeigenschluss:
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Ir. 30. 27. Juli 1923.
Schriftleitung: Dr. 13. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält eich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Lieber die Echinokokkenkrankheit*).
ron Prof. Dr. Lozano, Direktor der chirurg. Universitäts¬
klinik Saragossa.
Leberechinokokkus.
Ein Organ, das durch Echinokokken ausserordentlich oft erkrankt,
it die Leber. Die Gründe dafür will ich übergehen. Eine genaue Dia-
nose und Lokalisation ist gerade hier wichtig, bietet aber oft grosse
ichwierigkeiten. Palpation, Auskultation und Perkussion lassen
icht immer mit voller Sicherheit feststellen, ob der Tumor in der
unge oder Leber sitzt. Es gibt Leberzysten, die bis zum dritten
iterkostalraum reichen. Andere tiefsitzende Lungenblasen drücken
ie Leber stark nach unten. Hier verschaffte mir folgendes Sym-
toin immer Aufklärung. Man bringt den Kranken vor den Röntgen-
riiirm und lässt ihn tief einatmen. Auf der Höhe der Inspiration und
n Beginn der Exspiration beobachtet man in bestimmten Lällen deut¬
elte Wellenbewegungen der Llüssigkeit im oberen Zystenpol. Man
ielit den Zysteninhalt hin- und herschwanken und hat den Eindruck
on Kontraktionen der Membranen, durch die kleine Schwankungen
uf der Oberfläche des Flüssigkeitsspiegels entstehen. Diese Be¬
legungen wiederholen sich mehrmals und klingen dann wieder ab.
ie sind ein sicheres Zeichen, dass es sich um eine Zyste unterhalb
cs Zwerchfells handelt. Ihr Fehlen lässt ebenso gewiss auf den
itz oberhalb des Diaphragmas schliessen. Wir haben damit ein dia-
nostisches Merkmal von grösster Bedeutung in der Hand.
Die Operation wird sich je nachdem verschieden gestalten. Bei
ungenzysten kommen wir mit einer einfachen Thorakotomie aus.
■ei Zysten in der Konvexität der Leber müssen wir einen anderen
veg einschlagen. Das Zwerchfell muss von seinem Ansatz abge-
ennt und höher oben an die Brustwand befestigt werden. Dadurch
ird die Brusthöhle abgedichtet und ein Uebertreten von Flüssigkeit
ermieden. Erst jetzt darf man die Zyste eröffnen.
Die Eröffnung hat demnach im ersten Fall durch Interkostal-
chnitt, im zweiten durch eine Laparotomie zu erfolgen.
Von amerikanischen Aerzten wird eine besondere Form von
eberechinokokkus beschrieben. Sie gleicht in ihren Symptomen fast
öllig der Cholezystitis. Charakteristische Kolikanfälle, intermit-
erendc Gelbsucht, sogar die typische Druckempfindlichkeit an um-
thriebener Stelle machen eine Unterscheidung beider Krankheiten
ihr schwer.
Wir konnten zwei derartige Fälle beobachten. Die Frau
nes Kollegen war lange Zeit wegen« Gallensteinen behandelt
•orden. Fines Tages wurden nach einem Kolikanfall in den Fäzes
chinokokkustochterblasen festgestellt. Man achtete nun darauf und
ih, dass nach den Kolikanfällen stets Blasen verschiedener Grösse
^gingen. Sie erreichten manchmal die Grösse eines Daumengliedes,
s war nun klar, dass diese Echinokokkusblasen beim Passieren der
allenwege die Koliken verursachten. Da die Diagnose gesienert
ar, wurde die Operation vorgenommen. Es handelte sich in der Tat
n eine grosse Blase, die die ganze Konvexität der Leber einnahm.
I . Dieser Sitz ist für Echinokokkus mit biliären Symptomen charak-
ristisch. Die Zysten im Konvexitätsteil dagegen wachsen gegen
is Innere der Leber. Sie erreichen dann die Anfänge der Gallen-
inäle und treten damit in Verbindung. Die Blasen an der Kon-
ivität des Organs dehnen sich gegen die Bauchhöhle zu aus. Sie
•essen die Gallenwege meistens zusammen.
L Fhe Operation ist bei den fällen, in denen eine Verbindung der
läse mit den Gallenwegen festgestellt wird, möglichst bald vor-
mehmen; denn die Infektionsgefahr der Zyste ist sehr gross.
. Ebenso wie Blaseninhalt in das Gallengangsystem übertreten
mn, ist auch umgekehrt ein Ueberfliessen von Galle in das Zysten-
nere möglich. Es kommt jedoch nur seiten vor. Ich persönlich
inn mich an zwei derartige Fälle erinnern. Durch den Eintritt der
alle entstehen ausserordentliche Veränderungen. Der Blaseniuhalt
eicht sehr stark dem Bild, wie man es nach einer drei bis vier Tage
ten mtraabdominalcn Blutung findet, oder dem Inneren eines Aneu-
smas mit erweichten, schwarzen Blutgerinnseln. Bei der Operation
• r^tstcllung’ ob es sich um einen Echinokokkus handelt, nicht
icnt. Wenn man über die klinischen Begleitumstände des Uebcr-
*) Gastvortrag, gehalten im Aerztlichen Verein München am 25 VI 23. I
Nr. 30.
tritts der Galle nicht unterrichtet ist, wird man leicht an eine ge¬
wöhnliche Zyste des Pankreas oder des Netzes in der Bursa omen-
talis denken. Ich kann mir vorstdien, dass man sogar ein Aneurysma
oder einen angiomatösen Prozess für möglich hält. Der Entschluss
zur Exstirpation ist in solchen Fällen nicht einfach.
Lungenechinokokkus.
In der Lunge siedeln sich die Hydatiden gleichfalls häufig
an. Vor Einführung der Röntgenstrahlen galten Lungenzvsten
als selten. Die meisten Kranken wurden für tuberkulös gehalten.
Ausschlaggebend war dabei der Bluthusten. Heute wissen wir, dass
er zusammen mit dem Schmerz in der Brustwand das Frühsymptom
des Lungenechinokokkus darstellt. Ein sehr wichtiges diagnostisches
Hilfsmittel bildet die Röntgenuntersuchung. Seit ihrer Anwendung
nimmt die Zahl der festgestellten Zysten ständig zu. Ich wäre nicht
überrascht, wenn ihre Häufigkeit in Bälde dem Vorkommen in der
Leber gleichkäme. Wir sehen auf dem Röntgenschirm einen runden
oder ovalen, scharf umgrenzten Schatten. Er bewegt sich gleich-
mässig mit der Atmung. Diese Bewegungen sind mit dem Schwanken
einer Seeboje vergleichbar.
Differentialdiagnostisch muss die Verwechslung mit Dermoid¬
zysten oder Lungensarkom vermieden werden. Alle haben eine rund¬
liche Form. Die Dermoidzyste wird meistens mit dem Mediastinum,
dem sie entstammt, in Verbindung stehen. Das Sarkom gibt einen
dichteren Schatten als die Echinokokkuszyste. Vor allein wird das
schwere klinische Krankheitsbild des Sarkoms vor einer Verwechs¬
lung schützen.
Eine gewisse Uneinigkeit herrscht in der Frage der Therapie
Es ist bekannt, dass die spontane Eröffnung der Blase und ihre Ent
lcerung durch Aushusten einen natürlichen Heilungsprozess dar-
stellen. Somit erschiene es unnötig, den Kranken einem chirurgischer
Eingriff auszusetzen. Ist jedoch dieses Aushusten mit gewissen Ge
fahren verbunden, oder erfolgt es nur selten, so wird man untei
allen Umständen chirurgisch Vorgehen müssen.
Wir glauben, dass viele Anhänger der konservativen Behandlung
die Operation nur deshalb ablehnen, weil sie ihre Technik zu wenig
kennen. Die Thorakotomie in Lokalanästhesie und Exstirpation der
Zyste nach sorgfältiger Lokalisation ist heute kein schwerer Eingriff
mehr. Wir haben keinen unserer Kranken verloren.
Als Beispiel einer Spontanheilung darf ich vielleicht kurz die
Krankengeschichte eines Kollegen berichten.
Als 18 jähriger Student musste er eine Reise durch das Geestland
machen. Unterwegs trank er einmal ziemlich viel Wasser aus einem jener
1 uinpel, in denen sich dort das Regenwasser ansammelt. Davon leitet er die
Infektion ab. Eine andere Ursache glaubt er ausschliessen zu können, da er
stets m Saragossa gelebt hatte und keine Hunde hielt. Nach 13 Monaten
bekam er dumpfe Schmerzen in der linken Brustseite. Sie verschlimmerten
sich beim Laufen oder bei Ermüdung. Wenn er einen Druck auf die
schmerzende Stelle ausübte, so gingen die Beschwerden zurück. Nachdem
er 5 Jahre lang an diesen Schmerzen gelitten hatte, trat zum erstenmal Blut¬
husten auf. Er befragte nun verschiedene Aerzte, welche alle Lungentuber¬
kulose diagnostizierten. Schliesslich stellte ein Arzt die Echinokokkusblase fest.
Eine Röntgendurchleuchtung bestätigte den Befund. Im folgenden Jahre
hustete er zweimal kleine Tochterblasen aus. Nach 9 Jahren bekam er
piptzlich einen heftigen Hustenanfall, bei dem sich schätzungsweise 2 Liter
Flüssigkeit entleerten. Er wurde blaurot im Gesicht, hatte grosses Angst¬
gefühl und glaubte zu ersticken. Doch erholte er sich rasch und konnte schon
nach einer Stunde wie gewöhnlich seiner Tätigkeit nachgehen. Seitdem ist
er vollkommen beschwerdefrei. Ich untersuchte ihn ein Jahr später und fand
die Lunge völlig gesund. Das Röntgenbild ergab überall normale Lungen¬
zeichnung, nirgends einen Schatten.
D6ve berichtet über 8 Fälle von spontan ausgehustetem Echino¬
kokkus, die ebenfalls alle heilten.
■ Für die Therapie können wir uns jedoch auf dieses rein zufällige
Ereignis nicht verlassen. Wir stehen daher auf dem Standpunkt des
Operierens. Bezüglich des Zeitpunktes richten wir uns nach folgen¬
dem Grundsatz: Alle Lungenzysten dicht an der Lungenoberfläche
oder unter einer dünneren Lungenschicht (1—2 cm) sollen sofort
operiert werden. Befinden sie sich weiter entfernt von der Brust¬
wand im Lungeninnern, soll man abwarten, bis sie grösser werden
und damit der Brustwand näher kommen.
Echinokokkus der Niere.
Die Lokalisation des Echinokokkus in den Nieren ist seltener.
Von den Symptomen ist die frühzeitige Ausstossung von Hydatiden-
biaschen durcli Harnleiter und Blase besonders hervorzuheben.
2
970
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
Ohne jedoch auf diese Erscheinung zu warten, muss die Diagnose
auf ürund des blutigen Urins, der Schmerzen in der Lendengegend
und des Nierentumors gestellt werden. Erleichtert wird die Unter¬
suchung durch das Röntgenbild in Verbindung mit dem Pneumo¬
peritoneum. ln Nordamerika findet die Pyelographie Anwendung.
Wir besitzen über die beiden Methoden keine Erfahrung und halten
sie auch nicht für notwendig.
Als Therapie der Nierenzysten kommt bei gesunder zweiter
Niere fast immej die Nephrotomie in Betracht. Einmal nahmen wir
bei einer walnussgrosscn Geschwulst, die deutlich im unteren Nieren-
pol lokalisiert war, die Nephrotomie vor. Die Blasen konnten ent¬
fernt werden, der Kranke wurde geheilt. Im allgemeinen hat aber
auch bei der Echinokokkuserkrankung die Regel Geltung, dass die
Entfernung der ganzen Niere der gefährlicheren Nephrotomie vor¬
zuziehen ist.
Echinokokkus des Kreuzbeins.
Die Entwicklung einer Zyste im Kreuzbein ist ausserordentlich
selten. Ich konnte einen derartigen Fall beobachten. Es handelte
sich um einen jungen Mann von 26 Jahren. Er litt an einer starken
Parese der unteren Gliedmassen und konnte schliesslich überhaupt
nicht mehr gehen. Die Oberflächen- und Tiefensensibilität der Beine
war gestört; die Patellarreflexe waren aufgehoben. Ausserdem be¬
stand Incontinentia urinae. Der ganze Symptomenkomplex wies auf
eine Kompression der Wurzeln des Plexus sacralis hin.
Ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel, das sich auch in diesem
Fall bewährte, stellt die sogen. Komplementbindungsreaktion des
Blutserums nach Weinberg dar. Sie beruht, wie Sie wissen, auf
dem Prinzip der Wassermann sehen Probe. Wir haben in den
vier Jahren ihrer Anwendung nur einmal eine Enttäuschung erlebt.
Aus Argentinien liegt eine Statistik der I m a z sehen Reaktion, wie
sie dort genannt wird, vor, mit positivem Resultat in 87 Proz.
Besonders nützlich ist die Probe in zweifelhaften rauen von
Nierengeschwulst, Leberzirrhose, Splenomegalie, zystischen Hirn¬
geschwülsten, . „ ,, , _ , x. , .
Die Erfahrung lehrt, dass der negative Ausfall der Reaktion fast
mit Bestimmtheit eine Echinokokkuserkrankung auszuschliessen er¬
laubt. Bei Kranken mit unbestimmten Herzstörungen ist sie unserer
Meinung nach zur Feststellung der Hydatidenkrankheit von aus¬
schlaggebender Bedeutung. In gleicher Weise stellt sie besonders in
Ländern, in denen diese Krankheit stark verbreitet ist, für alle tief¬
gelegenen, der direkten Untersuchung unzugänglichen Geschwülste
einen sehr wichtigen diagnostischen Faktor dar.
Gehirnechinokokkusi
Eine seltene Form in Spanien sind die Zysten im Gehirn. Im
Gegensatz dazu treten sie in Argentinien so häufig auf, dass Riv a-
roda sie bezüglich ihrer Frequenz an die dritte Stelle setzt. Doch
findet man sie fast nur bei Kindern. Bei Erwachsenen bilden sie
auch dort eine Ausnahme. In 69 Fällen, die alle aus Argentinien
stammen und Kinder unter 15 Jahren betreffen, waren sie meist in
den sensiblen und motorischen Zentren lokalisiert.
Sie entwickeln sich wie die Zysten in anderen Organen. Grössere
Zerstörungen oder Alterationen, wie Ventrikelrupturen, Blutungen,
werden nicht verursacht. Die Symptome gleichen denen der Hirn¬
tumoren. Zur exakten Diagnose empfiehlt RivarodadiePollak-
N e i s s e r sehe Trepanpunktion. Die Zysten sind nach ihm in allen
Fällen zu operieren. Von 21 operierten Kindern starben 13 früher
oder später nach dem Eingriff. In einem Falle fand sich eine ver¬
eiterte Zyste. Sie war vorher mit Glyzerineinspritzungen behandelt
worden. Acht Kranke wurden geheilt.
Echinokokkus des Herzens.
Mills berichtete im vorigen Jahr über folgenden Fall von Herz¬
zyste: Ein 36 jähriger Franzose wurde tot auf gefunden. Bei der
Autopsie entdeckte man im rechten Ventrikel eine Blase von 5 cm
Durchmesser. In der rechten Lunge vier kleine Zysten. Die mikro¬
skopische Untersuchung bestätigte, dass es sich um Echinokokkus
handelte. Mills glaubt aus Gründen, auf die ich hier nicht naher
eingehen will, dass die Erkrankung der Lunge in diesem Falle
sekundär auftrat. Er schreibt ferner, dass an Lebenden noch niemals
Echinokokkenblasen des Herzens diagnostiziert wurden. Nur
Gerne hatte einmal Verdacht auf eine Zyste. In den Fällen von
Cote, Rokitansky, Goodhart, Habersohn und Made¬
lung scheinen Spontanheilungen stattgefunden zu haben. Bis jetzt
wurden in Nordamerika drei solche Fälle festgestellt.
Echinokokkus des Pankreas.
Die Zyste der Bauchspeicheldrüse kommt nur selten vor. Al v o
ln Montevideo gibt an, dass sie in den russischen und englischen
Statistiken ungefähr 0,12 Proz. beträgt. Er beschreibt einen selbst
beobachteten Fall. Auf Grund dieses Krankheitsberichtes und
16 anderer aus der Literatur, von denen 6 durch Autopsie bestätigt
wurden, gibt er folgende Symptome der Pankreaszyste an: Bauch¬
schmerzen in der Nabelgegend, gastrische Störungen, chronischer,
mechanisch bedingter Ikterus, Abneigung gegen fette Speisen, starke
Abmagerung. Tumor ohne morphologische Leberveränderung.
Noch ein Wort über die Technik.
Seit einigen Jahren nähen wir die Zystenwand an den ausseren
Wundrand an. Fast immer genügt die Lokalanästhesie zur Aus¬
führung der Operation. Vor der Eröffnung der Blase heften wir die
Membran gewöhnlich mit Seidennähten an die subkutane Faszie an.
Nach Anlage einer Kreuznaht wird die Wand im Zentrum der fixierten
Stelle eingeschnitten. Wir lassen soviel Flüssigkeit ablaufen, als sich
spontan entleert. Dann wird der Kranke so gelagert, dass die
Zystenöffnung am tiefsten Punkt liegt und so der Rest von selbst
abfliessen kann. Manchmal erscheint jedoch dieser Lagewechsel
gefährlich ln solchen Fällen führen wir einen dicken Gummischlaucli
in die Zyste bis zur Basis ein. Mittels einer Spritze wird die Luft
aus dem Schlauch abgesaugt. Auf diese Weise können wird den
Zysteninhalt durch Heberdrainage fast vollkommen entleeren. Ent¬
hält die Blase wenig Flüssigkeit, aber zahlreiche 1 ochterblasen,
so spritzen wir unter entsprechendem Druck steriles Kochsalzwasser
ein. Dadurch wird der Austritt der kleinen Zysten ei leichtert. Nac i-
dem so das Zysteninnere ohne Anwendung von Mulltupfern oder ohne
sonstige Massnahmen gesäubert ist, ziehen wir die Membran heraus.
Es wird dazu eine grosse Fasszange verwendet, deren ringförmige
Enden mit Mull umwickelt sind. Die Operation ist mit der Ent¬
fernung der Membran beendet. Es bleibt uns noch übrig. das Zu-
sammenkleben der Wundränder durch Einlegen einiger Mullstreifen
zu verhindern. Nach drei Tagen wird der Kranke so ge egt, dass
inzwischen an gesammeltes Transsudat abfliesen kann. Manchmal geht
dabei noch eine Tochterblase ab, die unbemerkt zurückgeblieben war
Aus der Beschreibung geht hervor, dass unsere lechnik bestrebt
ist, alles zu vermeiden, was eine Infektion verursachen konnte.
Deshalb sehen wir auch unter normalen Verhältnissen bei der
Nachbehandlung von jeder Spülung ab. Die Flüssigkeit wird aus¬
schliesslich durch entsprechende Lagerung entfernt. Nur bei Aul¬
treten von ungefähr dreitägigem Fieber machen wir Spülungen mit
stark verdünntem Wasserstoffsuperoxyd. Jeder stärkere uruclc
wird dabei vermieden. -
Bei infizierteji Zysten wird die Membran nicht entfernt. Sie
werden mit einem Gummischlauch drainiert, der bis auf den Grund
der Blase reicht. Bei starker Infektion nehmen wir jeden dritten oder
vierten Tag eine Ausspülung mit 0,25 proz. Karbolsäure vor.
Als häufigste Komplikation der Nachbehandlungszeit ist das
Eindringen von Galle in das Innere der Blase zu erwähnen. Wir
gehen hier ebenfalls in der beschriebenen Weise vor. Mit dem all¬
mählichen Schrumpfen der Membran hört der Gallendurchtritt ohne
besondere Massnahmen von selbst auf. Das ist jedenfalls auf die
Granulationen zurückzuführen, die sich an der Innenseite der Flohle
bilden Sie versperren wahrscheinlich die Ausflussöffnungen der
kleinen Gallenkanälchen. Von den meisten Chirurgen wird zur
Sterilisierung und Vermeidung von Impfaussaat während der Opera¬
tion die vorherige Einspritzung von 2 proz. Formollösung sehr emp-
fohlen. Ich habe mich diesem Vorgehen nie angeschlossen. Die For-
mollösung kann meiner Ansicht nach, selbst wenn sie nur 5 Minuten
mit der Zyste in Berührung bleibt, grossen Schaden anrichten.
Mit diesem Verfahren habe ich keinen einzigen Fall von wirk¬
lichem Rezidiv erlebt. Ein solcher lag zweimal nur scheinbar
vor. Denn es handelte sich, wie sich herausstellte, unji
gleichzeitige, unabhängige Zysten, die übersehen worden waren.
Es muss daher sorgfältig darauf geachtet werden, ob im
Operationsfeld etwas auf das Vorhandensein weiterer Zysten deutet.
Ihre Anwesenheit und Lage sind durch eine Punktion sicherzustellen.
Fällt sie positiv aus, so eröffnen wir die Zyste an der zugänglichsten
Bei Doppelzysten darf man sich nicht dazu verleiten lassen, die
Scheidewand zu durchtrennen. Sie enthält fast immer dicke Venen,
die eine starke Blutung verursachen können. Ich wohnte einmal
einem solchen Zwischenfall als Zuschauer bei.
Bei Anwendung der beschriebenen Operationstechnik kann man
sagen, dass die Sterblichkeit der nichtinfizierten und unkomplizierten
Fälle nahezu gleich Null ist.
In unserer Gesamtstatistik haben wir eine Sterblichkeit von nur
"oie Mehrzahl der tödlichen Ausgänge werden durch Zwischen¬
fälle herbeigeführt, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit
der eigentlichen Erkrankung stehen. Manchmal handelt es sich auch
um seltene Komplikationen. So starb z. B. ein Kranker hnolse
Ruptur eines Aneurysmas der Arteria subclavia. Ein weiterer Fall
mit einer grossen eiternden Zyste überstand die Operation wegen
der ausserordentlichen Allgemeinschwäche nicht; auch sind Pen-
tonitis und Sepsis zu nennen. .
Darf die Operation von Einzelzysten als verhältnismässig einfach
und ungefährlich bezeichnet werden, so trifft das für die Fälle, bei
denen neue Zysten auftreten oder sich mehrere gleichzeitig ent¬
wickeln, keineswegs zu. _ '
Ein Frage von besonderer Bedeutung ist die Behandlung mul
tipler Zysten der Bauchhöhle. Wir halten diese Form bis jetzt füJ
unheilbar. Gegenwärtig stellen wir Versuche mit Bestrahlung an
Sie scheint manchmal günstig zu wirken. Ein abschliessendes Urtei
möchte ich jedoch nicht abgeben. Bei Fällen mit sehr zahlreiche!
Blasen im Bauchraum müssen wir uns vorerst mit einer Ieilexstir
pation begnügen. Wir entfernen die grössten, da sie mechanisch*
Störung der Atmung und des Kreislaufes verursachen oder _durcl
Platzen zu Allgemeinvergiftung und Metastasenbildung führen können
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
971
Aus der geburtshilll. u. gynäk. Klinik der National-Universität
Athen. (Vorstand: Prof. Dr. Konstantin Louros.)
Autovakzinbehandlung des Puerperalfiebers.
Von Dr. Nicolas Louros.
Die auf dem Gebiete der Therapie der puerperalen Strepto-
kokkensepsis in den letzten Jahren gemachten Forschungen haben
unsere Kenntnisse über die so gefürchtete Erkrankung der Wöchne¬
rinnen um mancherlei interessante Erfahrungen bereichert. Die
Chemo-, Sero- und Reizkörpertherapie, als Resultate mühevoller Ex¬
perimente, Untersuchungen und Erfahrungen eines logischen Denkens
entstanden, wurden nacheinander mit Eifer geprüft. Was die Erfolge
dieser Bestrebungen anbetrifft, so sind sie lange nicht so befriedigend,
wie wir es erwarten mögen. Von verschiedenen Seiten werden aller¬
dings über die eine oder die andere Therapie erfreuliche Resultate
berichtet, die wiederum keine allgemeine Anerkennung finden. Wenn
wir möglichst objektiv einen Rückblick auf die Bestrebungen der
letzten Jahre werfen, so können wir als das Hauptverdienst dieser
therapeutischen Angaben im wissenschaftlichen Sinne die Entwick¬
lung unserer Skepsis und Reserve über die Beurteilung des Erfolges
der Bekämpfung der ausgebrochenen puerperalen Streptokokkenblut-
infektion und ihrer zahlreichen Komplikationen feststellen. Und das
ist sicher ein Fortschritt. Es dürfte heutzutage die Anschauung herr¬
schen, den Erfolg der Therapie als einen subjektiven, von der Kranken
abhängenden, zu betrachten. Den besten Beweis der Tatsache, dass
kein richtiges Mittel existiert, mit dem man jede puerperale Strepto¬
kokkenblutinfektion bekämpfen kann, liefern die sich widersprechen¬
den Urteile über den Erfolg der angewandten Therapie. Die haupt¬
sächliche Ursache dieser Meinungsverschiedenheiten über die be¬
obachteten Erfolge liegt vielleicht in der verschiedenen Auffassung
dessen, was man Sepsis nennt. Für die Entwicklung des klinischen
Bildes spielen zwei Faktoren mit. Die Giftigkeit der eindringenden
Keime und die Abwehr des überfallenen Organismus, was wir mit
einem Wort Virulenz nennen dürfen. Durch die Definition der Virulenz
sollten die Parteikämpfe befriedigt werden, sowohl diejenigen, die
die Giftigkeit (Veit u. a.), als die, die die Abwehr des Organismus
(Sachs u.a.) als ausschlaggebend für die Entwicklung der Infektion
betrachten. Der Kampf zwischen diesen beiden Faktoren projiziert
sich auf das klinische Bild. Wie sehr dieses Verhältnis für das kli¬
nische Urteil und die Prognose stimmt, haben die neuen Virulenz¬
prüfungen von Rüge II und Philipp bewiesen. Es ist Rüge 11
gelungen, das Verhältnis zwischen Wachstum der in das Blut der
infizierten Frau gebrachten Vaginalkeime, die die Infektion hervor¬
gerufen haben, und der Abwehr dieses Blutes unter dem Mikroskop zu
beobachten. Wachsen die Keime innerhalb einer empirisch bestimmten
Zeit von Diplokokkenform in Ketten, so entwickelt sich eine schwere
Sepsis. Bleiben dieselben aber nach einer dreistündigen Beobachtung
unter dem Mikroskop unverändert, so heisst es, dass entweder die
Keime keine Kraft, sich zu vermehren, besitzen, oder dass diese Kraft
durch die Abwehr des Organismus vernichtet worden ist. In ähn¬
lichem Sinne konnte Philipp kulturell durch sein ausgezeichnetes
Plattenverfahren die Virulenz konstatieren und auf das Krankheitsbild
diese Verhältnisse projizieren.
Durch die Virulenzprüfung ist es möglich, das Fieber im Wochen¬
bett folgendermassen zu deuten:
1. Als eine Lochialstauung. Wie Lamers und dann
Warnekros bewiesen haben, kommt es bei Lochialstauung trotz
der Anwesenheit von Staphylo- und Streptokokken im Lochialsekret
im Wochenbett fast nie, bei Aborten sehr selten zu Bakteriämien,
selbst nicht mit Anaörobiern, im Gegensatz zur Schottmüller-
sehen Auffassung.
2. Als eine lokale Infektion. Wobei Bakterien (Stäb¬
chen, Diplokokken, Staphylo- und Streptokokken u. a.) im Vaginal-
bzw. Lochialsekret nachgewiesen werden, ohne aber die Fähigkeit zu
besitzen, sich in die Blutbahn zu verschleppen und zu wachsen. Das
Blut bleibt dabei immer steril. Bei diesen Fällen fällt die Virulenz¬
probe negativ aus.
3. Alseine mechanische Bakteriämie nach B u m m
oder primäres Resorptionsstadium nach Sachs, bedingt am häu¬
figsten durch einen intrauterinen Eingriff. Es werden durch die offene
Uteruswunde in die Blutbahn Bakterien verschleppt. Klinisch äussert
sich dieser Vorgang durch Schüttelfrost und Fieber und ist eine be¬
kannte und häufige Beobachtung bei artifiziellen Aborten. Wenn man
bei noch bestehendem Uteroplazentarkreislauf während des Schüttel¬
frostes Blut entnimmt, so kann man nach 24 Stunden inderSchott-
ni ü 1 1 e r sehen Röhre Bakterienkolonien nachweisen. Mit diesen
Keimen wird aber der Organismus allein fertig, so dass man einige
Stunden nach dem Schüttelfrost keine Bakterien mehr im Blut findet.
Der Schüttelfrost stellt die Reaktion des Körpers dar während des
Eindringens der Keime in die Blutbahn. Die Virulenzprüfung bei diesen
Fällen zeigt kein Wachstum der Vaginalkeime im Eigenblut der
Frau. Diese Fälle heilen von selbst aus, und es wäre ein Irrtum, hier
eine I herapie als erfolgreich zu verwerten. Darauf beruht, glaube
ich, die Mehrzahl der angeblich erfolgreich mit Chemo-, Sero- und
Proteinkörpertherapie behandelten Fälle. Diese mechanische Bakteri¬
ämie sollte man also zwecks Prognose und Therapie scharf von der
Pyämie und der echten Sepsis trennen.
4. Als eine Pyämie. Unter Pyämie verstehen wir die Ver¬
schleppung von Keimen aus einem infizierten Thrombus des retro-
plazentaren Gebietes in die Blutbahn. Der infizierte Thrombus liefert
immer wieder Bakterien in das Blut. Es kommt zu Schüttelfrösten
und höheren Temperaturen. Dem Körper gelingt es, bis zu einem ge¬
wissen Grade die Keime zu vernichten, und die Temperatur sinkt ent¬
sprechend (typische, zackige pyämische Kurve). Darauf kommt aber
ein weiterer Nachschub von Bakterien aus dem infizierten Thrombus
in das Blut, so dass sich derselbe Vorgang wiederholt. Bei solchen
Fällen kann man entweder nur während des Schüttelfrostes, mit¬
unter aber auch bei protrahierten Fällen ständig Bakterien im Blute
finden. Die Virulenzprüfung zeigt je nach der Schwere des Falles ent¬
weder Wachstum der Keime im Eigenblut, oder lässt es vermissen,
und geht dem sich im Körper abspielenden Vorgänge parallel. Der¬
artige pyämische retroplazentare Herde können zu einer eenten
Sepsis führen (Septikopyämie) und scheinen durch die Chemo-, Sero-
und Proteinkörpertherapie nicht beeinflussbar zu sein. Die besten
Aussichten liefert noch die operative Behandlung, im Sinne einer
Unterbindung des den infizierten Thrombus enthaltenden Gefässes,
oder eine rechtzeitige Totalexstirpation des Uterus.
5. Als eine im engeren Sinne schwere Sepsis.
Als solche betrachten wir mit Warnekros die Anwesenheit von
Bakterien im Blut, die sich nicht nur einmal während des Schüttel¬
frostes und des hohen Fiebers nachweisen lassen, sondern die ständig
das Blut überschwemmen, ohne dass es dem Körper gelingt, dieselben
zu vernichten. Eine Sepsis kann sich sowohl auf Grund einer lokalen
bzw. pyämischen Infektion, wie auch von vornherein entwickeln. Die
Virulenzprüfung zeigt dabei stets Wachstum der Vaginalkcime im
Eigenblut der Frau. Derartige Fälle sind mit der Chemo-, Sero- und
Proteinkörpertherapie fast gar nicht beeinflussbar. Es gibt gewiss
einige, leider sehr seltene Fälle von Heilungen, die aber eher einer
spontanen Abwehr des Organismus zu verdanken sind, als durch
einen therapeutischen Einfluss geheilt. Als eine Komplikation der
Sepsis sind die sich im Laufe der Erkrankung bildenden sogenannten
Metastasen in den verschiedenen Organen aufzufassen. Die septische
Endokarditis, die Lungen-, Nieren-, Leber-, Milzinfarkte bringen eine
bedeutende Verschlimmerung des Zustandes mit sich. Die Prognose
und die Heilungsaussichten sind infolgedessen noch geringer, denn
ausser der ständigen Verschleppung von Keimen aus diesen Stellen
spielt noch die Beeinträchtigung der Funktion des betreffenden Or¬
ganes eine wichtige Rolle.
Wenn wir nun einen Rückblick auf die therapeutischen Erfah¬
rungen und das Gesagte werfen, so müssen wir annehmen, dass die
meisten der berichteten therapeutischen Erfolge auf Fälle zurück¬
zuführen sind, die nicht unbedingt als schwere Sepsis aufzufassen
waren und bei denen die Heilung, wenigstens grösstenteils, der
körperlichen Abwehr zu verdanken war. Denn woran soll es liegen,
dass sowohl Chemo-, Sero- und Reizkörpertherapie bei den schweren
Blutinfektionen in dem obenerwähnten Sinne versagt?
Ich habe diese Auseinandersetzung für erforderlich gehalten, um
auf die Notwendigkeit der Trennung der Art und des Grades der
Infektion aufmerksam zu machen. Die Virulenzproben geben einen
wichtigen Fingerzeig, der als leitender Faden für Diagnose, Prognose
und Therapie dienen kann.
Mit Berücksichtigung der verschiedenen Grade der puerperalen
Infektion und insbesondere der Streptokokkeninfektion möchte ich
der Oeffentlichkeit das Urteil überlassen über eine von mir in der
Universitäts-Frauenklinik Athen angegebene Behandlungsmethode der
im engeren Sinne schweren Puerperalsepsis. Leider konnte bei den
behandelten Fällen eine Virulenzprobe nach Rüge II und Philipp
nicht vorgenommen werden, denn die Fälle stammen aus dem ver¬
gangenen Jahre, und die Virulenzprüfung wurde erst im Dezember
1922 veröffentlicht.
Die theoretischen Uebcrlegungen, auf die sich das Prinzip der
Methode stützt, sind von dem im Körper sich abspielenden Immun¬
vorgang nicht sehr verschieden, unterscheiden sich aber von der
Chemo-, Sero- und Reizkörpertherapie dadurch, dass die heilende
Wirkung durch Steigerung und Entwicklung der spezifischen
Abwehrstoffe des Körpers gegen die betreffende Infektion erzielt
wird. Als Vorbild unserer Bestrebungen dient das Abwehrvermögen
des Körpers, eine leichtere Infektion von selbst zu überwinden. Das
Virulenzverhältnis ist dabei ausschlaggebend. Wäre es möglich, das
Abwehrvermögen des Körpers zu steigern, so könnte man damit
rechnen, dass auch schwerere Infektionen von dem Körper abge¬
wiesen werden könnten. Die prophylaktische Immunisierung der
Schwangeren und Kreissenden gegen die puerperale Streptokokken¬
infektion an Hand zahlreicher Beobachtungen und neuerdings an Hand
experimenteller Beweisführung hat bewiesen, dass man tatsächlich
die spezifischen Abwehrstoffe des Körpers auch gegen Streptokokken
steigern kann. Durch aktive Immunisierung mit einem polyvalenten,
aus den in Frage kommenden und für die betreffende Frau befürch¬
teten Streptokokken nach Abtötung derselben hergestellten Vakzin
ist es mir gelungen, spezifische, gegen die im Vakzin enthaltenen
Streptokokkenstämme wirksame Abwehrstoffe im Körper zu mobili¬
sieren. Wenn dies prophylaktisch, d. h. vor der Anwesenheit der
Keime im Blut, unter Berücksichtigung besonderer Angaben ausge¬
führt wird, so kann der Körper die befürchteten Streptokokken ab¬
weisen.
2*
972
MÜNCHENER MT.l UZ1NISC111 \V0CHENSCHR1F 1 .
Nr. 30.
Auf diese Erfahrungen mich stützend, habe icli versucht das¬
selbe Prinzip für die Behandlung der ausgebrochenen schweren Blut-
infektion im engeren Sinne anzuwenden. Hier sind aber die Verhält¬
nisse etwas anders als bei der prophylaktischen Immunisierung. Es
d irf nicht vergessen werden, dass, während wir bei der prophylaK-
tischen Immunisierung mit einem gesunden Körper, der noch nicht
mit der Infektion in Berührung gekommen ist, zu tun haben, im schon
S zierten Körper das Virulenzverhältnis sich bereits im Sinne
einer Verminderung der Abwehrkräfte des Körpers undemes
Ueberwicgens der Infektion ausgebtldet hat Hier «eissi es
also nicht allein die im physiologischen Maasse vorhandenen
Abwehrstoffe zu steigern, sondern die verminderten erst ai
d is physiologische Maass und dann über dies kommen zu lassen.
Wir müssen also dem infizierten Körper doppelt so viele Anregungen
zur Steigerung seiner Abwehrstoffe liefern als dem einfach prophy¬
laktisch zu immunisierenden. Dies ist aber nicht die einzige Schwierig¬
keit auf die wir beim schon infizierten Körper stossen. Wir können
hier’ die gewünschten Vakzindosen wegen der eintretenden negative
Phase nicht einspritzen. Die gleichzeitige Einspritzung v?n
hat sich bei ausgebrochener Sepsis als fast unwirksam bewiesen, k
möchte liier eine theoretische Erklär,,,« dieser Umstande hmzuten
Der infizierte Körper oder besser das bakterienhaltige Blut he- 1
gegen die betreffenden anwesenden Bakterien ^u kha°l^ v k ine
nrm in dieser Zeit dem Blute noch künstlich durch eine yakzinc
Bakterien hinzufügt, seien es selbst abgetötete, so
bis jetzt mit der Bekämpfung der vorhandenen nfekt.on besc^
Abwehrstoffe gegen die von uns eingefuhrten P„akt^ricnle'k^Jen
Geltung. Dieser Teil der körperlichen Abwehrstoffe, der siel „egen
die Vakzine wendet, wird für die Bekämpfung der vorhandenen I
fektion sehr vermisst, und es kann Vorkommen, dass durch Spal ung
der Abwehrkräfte ein absolutes Ueberwiegen der Infektion entstellt.
Daraus ist ohne weiteres zu ersehen, dass die Einspritzung *
höheren Dosen Vakzine bei vorhandener Infektion die Ausbreitung
derselben begünstigen kann, statt sie zu verhindern. Derartige un¬
glückliche Versuche sind uns aus Erfahrung bekannt und beweisen
uns desto mehr die Gefahr der negativen Phase.
Nun gibt es aber ein Minimum von Vakzindosis, welches wir ein-
sDritzen dürfen, ohne durch die künstliche Bakterienle.bere.nver.ei-
bung die gegen die vorhandene Infektion kämpfenden Abwehrstoffe
in Anspruch zu nehmen. Es Hess sich bei meinen Versuchen fest¬
stellen, dass 25 000 000 abgetötete Bakterienleiber — mtravenos cm-
gespritzt _ keine Inanspruchnahme der kämpfenden Abwehrs
bedeuten Die spezifischen Immunstoffe, der minimalen Vakzindosis
entsprechend bilden sich in ganz kurzer Zeit, erfahrungsgemass in
24—48 Stunden. Diese Einspritzung ruft öfters eine Reaktion hervor
die ihren klinischen Ausdruck in Schüttelfrost und hohem hVeb
finden kann ist aber für die Behandlung ohne Belang. Bei schweren
Reaktionen ist es gut, die Autovakzinbehandlung mit Herzmitteln zu
kombinieren. ... ,. ,,
Die erwähnte kleine Dosis des Vakzins wurde aber für die all¬
gemeine Abwehrstoffsteigerung keine grosse Hilfe bedeuten, wenn
wir die durch die Vakzine gebildeten spezifischen Abwehrstoffe gleich
gegen die vorhandene Infektion wirken liessen. Vielmehr “Jaubt ui s
diese kleine Dosis die Einverleibung am übernächsten Tag (d.h. wenn
sich die spezifischen Abwehrstoffe gegen unsere Vakzine ausgebildet
haben) von doppelt so vielen Bakterienleibein.
Die eingespritzte frühere Dosis und die Bildung der spezifischen
Abwehrstoffe kompensieren sozusagen die durch die Inanspruch¬
nahme der kämpfenden Abwehrkräfte doppelte osis.
In dieser Weise kann man jeden zweiten lag steigende Dosen
von getöteten Bakterienleibern einspritzen und von den gegen die
Infektion beschäftigten Abwehrkräften nur ein minimales entziehen.
Dadurch wird die negative Phase vermieden, und die Abwehrstoffe
des Körpers werden allmählich milHonenweise gesteigert, ohne sie
von ihrer Hauptarbeit weggetragen zu haben Jch e,J1
Vakzindosis allmählich steigernd eingespritzt (erst 25, 50, 100, 200, 3UU,
40U 500, 600 Millionen), ohne einen Schaden beobachtet zu haben,
während K dieser Dosis, plötzlich eingespritzt, bei schon ausge-
hmchener Sepsis selbst den Tod herbeiführen kann. Allerdings habe
Ä starke Reaktionen, Schüttelfrost und hohes Fieber be¬
obachtet und daher die Behandlung mit Herzmitteln kombiniert ).
Von dem Erfolg dieser Methode der Bekämpfung der ausgebrochenen
Blutinfektion wird weiter unten berichtet. Vorher soll noch eine
wichtige Bemerkung über die für die Herstellung der Vakzine zu
benutzenden Bakterien gemacht werden.
Es ist ohne weiteres klar, dass bei den Fällen von ausgebroene-
ner Blutinfektion, wo durch die Blutuntersuchung der Erreger be¬
kannt ist, eine spezifische Abwehrstoffproduktion gegen denselben
erforderlich ist. Es wird daher aus der Blutkultur mit physiologiscner
Kochsalzlösung eine Aufschwemmung von Kolonien gemacht, odci es
werden die Blutkeime in Bouillon gezüchtet. Die gewonnene Auf¬
schwemmung bzw. die Bouillonkultur (die ictztere aber erst nach
12 _ I8stündigem Verweilen im Brutschrank) wird 2 3 Stunden lang
im Wasserbad bei 58 Grad pasteurisiert, und somit werden die Keime
abgetötet. Dann wird die Aufschwemmung oder die Bouillonkultur
*) Ob die Einverleibung von Bu'kterienleibern auch als eme Verab¬
reichung von Eiweisskörpern aufgefasst werden kann, oder ob die Vakzinen
ev. Bakteriophagen enthalten, ist eine noch ungelöste rrage.
solange geschüttelt, bis vollständige Homogenisierung eintritt. Es
folgt 'dann die Auszählung der Keime (pro Leib) in der 1 homa-
7 tG s s sehen Kammer und die Titrierung und Verdünnung mit NaU,
so dass in je 1 ccm 25,50, 100, 200, 300, 400, 500, 600 000 000 Strepto¬
kokkenleiber enthalten sind. Man verschliesst dann am besten mit
Zusatz von 2 Tropfen Karbolsäure die einzelnen Losungen in sterilen
Ampullen durch Zuschmelzung und kann dann dieselben zu jeder Zeit
steril zur Einspritzung gebrauchen. Zur Kontrolle, dass die Kenne
abgetötet sind, kann man aus der konzentriertesten Bakterienlo.miigj.
eine Blutagarplatte abstreichen. Die in dieser Weise hergestellte*
Vakzine werden im allgemeinen Autovakzine genannt.
Ich habe mit Absicht die Art der Einverleibung für den Schluss
behalten, weil für die Wirkung der Therapied.eser letzte Moment
nach unseren Erfahrungen ausschlaggebend ist. Bei den ersten V
suchen habe ich wie bei der prophylaktischen Immunisierung, mEa-
glutäal ingespritzt, konnte aber damit keine befriedigenden Resultate
erzielen. Derartige Versuche mit intramuskulären und subkutaaen
Einspritzungen von Autovakzine wurden schon lange liaupt
sächlich mit Staphylokokken gemacht und ahmahheh verlassen. Ich
griff dann zur intravenösen Einspritzung der Autovakzine und bekam
dabei die überraschenden Resultate, die ich ra . der H?raj?tf ^ das
Statistik mitteile. Die Einspritzung der Vakzine direkt das
Blut hat eine der intramuskulären Einspritzung weit überlegene yvii-
kung zu verzeichnen. Weitere theoretische Meinungen in dieser Hin¬
sicht würden in das allzu Hypothetische fuhren. Ich mochte r och
hier erwähnen, dass ich die Autovakzine nicht nur zur Behandlung
der Streptokokkensepsis, sondern auch zur Behandlung der Stapln, lo-
kokkensepsis angewendet habe. . .
Seitdem die prophylaktische Immunisierung der Schwangeren
und Kreissenden gegen puerperale Streptokokkenblutinfektion in uer
Frauenklinik der Universität Athen prinzipiell angewendet wird, lstl
die Streptokokkensepsis in dieser Klinik verschwunden, wie ich Ge¬
legenheit gehabt habe, diesen bemerkenswerten Umstand in einem
Vortrag in der Medizinischen Gesellschaft im Berlin zu
betonen und Herr M a r o u d i s in seiner Statistik Die
prophylaktische Immunisierung in Athen wird seit Dezember 1921 an¬
gewendet. Seit damals bis März 1923 wurde ein Teil der Schwan¬
geren und Kreissenden, und zwar die prognostisch günstig aussehen¬
den Fälle, als Kontrolle nicht immunisiert. Ich verweise auf die Sta¬
tistik der Athener Universitäts-Frauenklinik von Maroudis, rnn
Einzelheiten darüber zu erfahren. Von diesen Kontrollfragen, die
nicht prophylaktisch immunisiert wurden, haben sich 8 rahe von
Streptokokkensepsis (d.h. 1 Proz. der Statistik) entwickelt. Davon
sind 7 Fälle ad exitum gekommen, da ich damals die intravenös»
Autovakzinbehandlung noch nicht angewendet hatte. Diese 7 Falle
wurden mit verschiedenen Mitteln (u. a. Rivanol, Serum) behandelt
und auch mit intramuskulärer Autovakzineinspritzung, die, wie ich
oben erwähnt habe, keinen Erfolg beobachten liess. Nur der letzte
dieser 8 Sepsisfälle wurde mit intravenösen Autovakzineinspritzungen
behandelt und geheilt.
Neben diesem einen Fall von ausgesprochener puerperaler . trePr
tokokkenblutinfektion im engeren Sinne wurden seit August 19.2
7 Frauen mit schon ausgesprochener Sepsis post partum aufgenommen
und mit intravenösen Autovakzineinspritzungen behandelt. Ausserdem
wurden die in der letzten Zeit vorgekommenen, in der Statistik von
Maroudis erwähnten zwei Staphylokokkensepsisfälle intravenös
mit Autovakzin behandelt und noch ein dritter Fall von der Privat¬
praxis des Kollegen M.P., der ebenfalls wegen Staphylokokkensepsis
mit intravenöser Autovakzinierung behandelt wurde. |
Ich verfüge also über 8 Streptokokkensepsisfälle und 3 Staphylo¬
kokkensepsisfälle.
Ich lasse nun die einzelnen Kurven folgen:
Fall 2 Frau E. S., 28 Jahre. IV. Partus. Entbindung in der Stadt.
Wegen Plac. praevia Wendung. Manuelle Plazentarlösung Von der Heb¬
amme mehrmals innerlich untersucht. Am dritten Tage Schüttelfrost und
*)• + = Schüttelfrost.
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
973
Temperatur 38,2. Adnexe beiderseits vergrössert und empfindlich. Geheilt
entlassen. Hämo!. Streptokokken während und ohne Schüttelfrost im Blut.
Fall 3. Frl. C„ 24 Jahre. Nullipara. Krimineller Abort vor 10 Tagen.
Bei der Aufnahme Muttermund geschlossen. Adnexe leicht empfindlich und
vergrössert. Geheilt entlassen. Aufgenommen am 5. August 1922. Hämol.
Streptokokken während und ohne Schüttelfrost im Blut.
Fall 4. Frl. P. K.. 27 Jahre. Nullipara. Abortus incompl im
4. Monat. Abtreibungsversuch vor 8 Tagen zu Hause. Die Kranke wurde
mit Blutung am 12. August 1922 aufgenommen. Muttermund für zwei Finger
durchgängig. Kein lokaler Befund. Ausräumung. Geheilt entlassen. Hämol.
Streptokokken während und ohne Schüttelfrost im Blut.
Fall 5. Frau A. G., 33 Jahre. II. Partus. Wurde am 9. Woclien-
bettstag aus Lamm in die Klinik transportiert. Cs wurde eine manuelle
Plazentarlösung wegen Blutung in La.mia gemacht. Am 3. Wochenbettstag
Schüttelfrost und Fieber zwischen 39 und 40 " bis zur Aufnahme. Kein
lokaler Befund. Sehr schlechter Allgemeinzustand. Hämol. Streptokokken
im Blut sowohl während als auch ohne Schüttelfrost. Nach der A.-V. -Be¬
handlung geheilt entlassen. Aufgenommen am 22. August 1922.
Fall 6. Frau E. P., 26 Jahre. IV. Partus. Wurde mit Zangen¬
extraktion in Stylis entbunden. Vom 3. Wochenbettstag Schüttelfröste und
Temp. 39 — 40°. Am 6. Tag wurden 10 cg Elektrargol vom Arzt, am 8. Tag
5 cg eingespritzt. Am 10. Tag wird die Kranke in die Klinik aufgenommen.
Eitrige, übelriechende Lochien. Streptokokken im Blut sowohl während als
ohne Schüttelfrost. Kein lokaler Befund. Geheilt entlassen.
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Fall 7. Frau E. K-, 34 Jahre. VI. Partus. Am 4. Wochenbettstag
Schüttelfrost und Fieber. Kein lokaler Befund. Seit der Aufnahme kein
Schüttelfrost, trotzdem reichliche hämol. Streptokokken im Blut wiederholt
nachgewiesen. Geheilt entlassen.
Fall 8. Frau M. Th., 29 Jahre. II. Partus. Manuelle Plazentar¬
lösung in der Stadt. Am 7. Wochenbettstag Schüttelfrost und Fieber 39,6.
Am 8. Wochenbettstag, 31. August, wird sie in der Klinik aufgenommen.
Sowohl während als auch ohne Schüttelfrost Streptokokken im Blut nach¬
gewiesen. Geheilt entlassen.
Von serobakteriologischer Bedeutung und Interesse sind die Be¬
funde der Steigerung der Agglutinine- und Baktcriotropinenbildung,
die ich bei allen diesen Fällen einige Stunden vor und einen Tag nach
jeder Autovakzineinspritzung feststellen konnte. Die Agglutinine
wurden durch Mischung des zentrifugierten Blutserums der Frau mit
ihren eigenen, aus der Blutkultur stammenden virulenten Keimen unter
dem Mikroskop kontrolliert, die Bakteriotropine mit Hilfe des bak¬
teriologischen Instituts der Universität Athen nach Neufeld be¬
stimmt. Ich kann hier leider die Befunde der 8 Frauen nicht zeigen.
Sie waren alle 8 durchaus ähnlich, und will ich mich hier begnügen,
den Befund bei dem prognostisch verzweifelten Fall A. O. (5. Kran¬
kengeschichte) tabellarisch vorzubringen.
22. Aug. 1922: Blutagarplatte mit 2 ccm Blut und ca. 15 ccm Agar zeigte
16 hämolytische Streptokokkenkolonien. Im Schüttelfrost Temp. 40,4°,
Puls 160. Agglutinine 1:80 positiv, 1:100 negativ. Baktcriotropinen 1:50
24. Aug. 1922: Ohne Schüttelfrost Temp. 40,4°. Kontinua seit 22. August,
Puls 160. Blutagarplatte (wie oben) zeigte 25 Kolonien hämolytischer Strepto¬
kokken. Agglutinine: 1 : 80 positiv, 1 : 100 negativ. Bakteriotropine 1 : 50
(unverändert).
974
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
25. Aug. 1922: Ohne Schüttelfrost Kontinua 40,2°, Puls 160. Blutagar¬
platte zeigte 22 hämolytische Streptokokkenkolonien. Agglutinine: 1: 100 posi¬
tiv, 1 : 125 negativ. Bakteriotropine 1 : 65. 1. intravenöse Autovakzin¬
einspritzung von 25 Millionen Vakzinekeimen.
26. Aug. 1922: Ohne Schüttelfrost Temp. 40,2 u. Puls 130. Blutagarplatte
zeigte 17 hämolytische Kolonien. Agglutinine: 1: 125 schwach positiv. Bak¬
teriotropine 1 : 70. , , .
27. Aug. 1922: Temp. 39,6°, Puls 150. Blutagarplatte zeigte 14 Kolonien
hämolytischer Streptokokken. Agglutinine: 1:200 positiv, 1:250 negativ,
bakteriotropine 1 : 100. 2. intravenöse Autovakzineinspritzung von 50 Mil¬
lionen Vakzinkeimen. Nach 10 Stunden Schüttelfrost, Temp. 40,4°, Puls 140.
(Leider konnte hier keine Blutentnahme gemacht werden.)
28. Aug. 1922: Temp. 38,8°, Puls 150. Abends Schüttelfrost, Temp. 40,4 .
29. Aug. 1922: Temp. 38,6“, Puls 160. Blutagarplatte zeigte 6 Kolonien
hämolytischer Streptokokken. Agglutinine: 1:250 positiv, 1:300 negativ.
Bakteriotropine 1 : 120. 3. intravenöse Autovakzineinspritzung von 100 Mil¬
lionen Vakzinkeimen.
31. Aug. 1922: Temp. 38,0°, Puls 100. Blutagarplatte zeigte 2 Kolonien
hämolytischer Streptokokken. Agglutinine: 1 : 275 positiv. Bakteriotropine
1: 120. 4. intravenöse Autovakzineinspritzung von 200 Millionen Vakzin¬
keimen.
2. Sept. 1922: Temp. 38°. Puls 100. Blutagarplatte zeigt mit Sicherheit
nur eine zweifelhaft hämolytische, durch Abstichpräparatc nachgewiesene zarte
Streptokokkcnkolonie. Agglutinine: 1:375 positiv, 1:400 negativ. Bakterio¬
tropine 1 : 125.
3. Sept. 1922: Temp. 37°, Puls 90. Blutagarplatte steril. Agglutinine:
1 : 400 positiv. Bakteriotropinen 1 : 135. Die weiteren Blutagarplatten blieben
steril. 5. intravenöse Autovakzineinspritzung von 300 Millionen Vakzin¬
keimen.
Obwohl die Steigerung der Agglutinine nicht einen einwandfreien
Beweis der Steigerung der Imm.-Verhältnisse darstellen soll, so ist
doch interessant, wie die Agglutinine neben der Bakteriotropinen-
bildung parallel mit dem Plattenbefund und dem klinischen Bilde sich
verhielt. Ich bringe hier noch drei weitere Fälle von Staphylokokken¬
sepsis, bei denen ebenfalls die Autovakzinbe'nandlung vorgenommen
wurde.
Fall 1. Frau D. M„ 30 Jahre. III. Partus. Langdauernde Geburt,
Querlage verschleppt, Damm- und Zervixriss. Seit dem 4. Tag Steigerung
der Temperatur auf 39 0 mit Schüttelfrösten. 14. Kontinua zwischen 39—40.
Seit dem 15. Tag bewegte sich das Fieber zwischen 37,8 und 38,6. Am
25. Tag wieder Schüttelfrost und Temperatur 39,6. Aufnahme in der Klinik
am 27. September 1922. Damm- und Zervixwunde deicht sezernierend.
Ausstrich = Staphylokokken. Ohne Schüttelfrost hämol. Staphylokokken im
Blut nachgewiesen. Geheilt entlassen.
Fall 2. Frau S. K., 25 Jahre. Primipara. Letzte Periode Mitte Juli 1922.
Aufgenommen am 18. September 1922 mit Blutungen, die von der Hebamme
in der Stadt durch Tamponade nicht aufgehalten wurden. Bei der Aufnahme
bekam die Frau Wehen. Künstlicher Blasensprung wegen der Blutung zur
baldigen Beendigung der Geburt. Kopflage. Zangenextraktion. Temp. 39",
Puls 120. Die Frau wurde nach meinen Angaben prophylaktisch gegen Strepto¬
kokken simultan immunisiert (S. 1). Am nächsten Tage Temp. 40°,
Puls 130. Blutagarplatte steril. Geheilt entlassen
Fall 3. Frl. A. S., 17 Jahre, Primipara. Letzte Menses 17. XI. 21,
wird am 20. VIII. 22 kreissend aufgenommen, mit der Angabe, dass innere
Untersuchungen von der Hebamme in der Stadt vorgenommen worden sind.
Die Blase war vor der Aufnahme gesprungen. Die Frau wurde nach meinen
Angaben prophylaktisch gegen Streptokokken simultan immunisiert. Ge¬
burt am 21. VIII. 22 physiologisch verlaufen. Am 3. Wochenbettstag unter
Schüttelfrost Temp. 40,4°, Puls 135. Blutagarplatte steril. Lochialsekret
übelriechend. Geheilt entlassen.
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Berichtigung zur Kurve des Falles 3: In Spalte 6 ist ^
statt Streptokokken zu lesen: Staphylokokken.
Auch diese drei Staphylokokkenblutinfektionen hat nach allem
Anschein die Autovakzinbehandlung günstig beeinflusst. Die Staphylo¬
kokken waren bei allen hämolytisch, während die aus dem Blut ge¬
züchteten Streptokokken bei den Streptokokkeninfektionen 5 mal >
hämolytisch und 3 mal anhämolytisch gewesen sind. Die nach den
Autovakzineinspritzungen beobachtete Reaktion, wie ich mehrmals
betont habe, ist belanglos und sollte nicht beängstigen. Sie ist viel¬
mehr als ein Zeichen der Wirkung des Autovakzins zu betrachten.
Ich glaube, dass nach der ausführlichen Schilderung der Fälle .
kein Zweifel bestehen kann, dass cs sich um recht schwere Sepsis¬
fälle gehandelt hat.
Ich habe keinen einzigen letal verlaufenen Fall zu verzeichnen.
Bei allen diesen Fällen, wie man aus den einzelnen Krankheits¬
fällen ersehen kann, wurde das klinische Bild von dem kulturellen
bakteriologischen parallel bestätigt. Annahme der Zahl der Kolonien
wurde bei allen Fällen ungefähr nach der 3. bis 4. Einspritzung kon-
statiert und als Einleitung der Besserung auch von dem klinisc.ien v
Bild bestätigt. Das Sterilbleiben der Platte stellt dann die nun ein¬
getretene Heilung fest, die sich auch parallel durch den klinischen
Verlauf bestätigt. Offenbar haben die drei ersten Einspritzungen ihre
Wirkung n a c h Ansammlung der von uns eingeführten Keime gezeigt, j
also nach der 3. Einspritzung.
Leider waren damals die Virulenzprüfungen nach Rüge 11 und
Philipp nicht bekannt, und konnte daher durch die Virulenzprüfung
den Einfluss der Therapie nicht feststellen. Gerade aber für die Wir¬
kung der Therapie ist die Virulenzprüfung angezeigt und wird in der
Zukunft ausgefiiiirt.
Obwohl ich die Beurteilung, sowie die Nachprüfung dieser The¬
rapie, wie ich oben erwähnt, der Oeffentlichkeit überlasse, so möchte
ich doch meinen subjektiven Eindruck hier klariegen.
Es würde mich sehr wundern, wenn diese sonst i*
gar nicht behandelten Fälle, bei der äusserst schlechten
Prognose, ihre Heilung ihren subjektiven, von den Auto¬
vakzinen nicht beeinflussten Abwehrkräften verdanken! Die
Autovakzine würde dann einen fremden Loorbeer tragen. Ich glaube,
obwohl ich keinen anderen Beweis ausser dem der Zahl von 11 aus- •
geheilten schweren Sepsisfällen habe, dass es die Skepsis zu weit
führen heisst, derartige Resultate zu bezweifeln. Ich kann nur nach
Ausschaltung jedes mildernden Umstandes konstatieren, dass die
Autovakzinbehandlung in der geschilderten Gebrauchsanweisung bei
diesen Fällen heilend, spezifische Abwehrkräfte des Organismus stei¬
gernd gewirkt hat. Es wäre sehr wünschenswert, wenn diese Me¬
thode der Autovakzinbehandlung sich mit weiteren Erfahrungen be¬
reichern würde, und ich will hoffen, dass ähnliche Versuche im allge- •
meinen Interesse der Frage angestellt werden.
Mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Gcheimrat Bumm wurde
diese Methode in der Universitäts-Frauenklinik Berlin eingeführt,
und ich behalte mir vor, an anderer Stelle über die Resultate zu
berichten.
Von grosser Wichtigkeit scheint das rechtzeitige Eingreifen der
Therapie zu sein, bevor es zu einer metastatischen Lokalisation von
Streptokokkenherden kommt. Die theroretische Ueberlegung
lässt nur Voraussagen, dass nekrotische, septische Gewebs-
teile, wie septische Infarkte und im allgemeinen Metastasen wahr¬
scheinlich keine natürliche Fähigkeit besitzen, Abwehrstoffe zu er¬
zeugen und infolgdessen derartige Herde trotz der übrigen Steige¬
rung der Abwehrkräfte des Organismus diesen immer wieder mit
Keimen überschwemmen werden. Diese spezifische Abwehrst eige-
rungstherapie hat, glaube ich, gegenüber der unspezifischen Reiz¬
körper- oder Proteinkörpertherapie den Vorteil, dass man diejenigen
Abwehrstoffe des Körpers mobilisiert, die für die betreffende In¬
fektion nötig sind. Ich habe aber nichts dagegen, wenn man neben
dieser Autovakzinbehandlung allgemein den Körper stärkende Prin¬
zipin anwendet. Alkohol, nach der alten R u n g e sehen Auffassung
von dessen stimulierender Wirkung, sowie allgemein hyperämisie-
rende Mittel wirken auch befördernd.
ZI. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
975
Ich will nicht verschweigen, dass die Autovakzinbehandliins: nichts
Neues darstellt, sondern eine altbekannte Sache, und dass die da¬
mit gemachten Erfahrungen keine befriedigenden Resultate gegeben
haben. Diese Erfahrungen, die Koch, Petruschky, Tavel und
Zangemeister veranlasst haben, gegen die Wirkung der aktiven
Immunisierung und selbst die Autovakzinbehandlung eine ab¬
lehnende Haltung einzunehinen, wurden in anderer Weise gemacht
als die mehligen. E. Meyer verwarf bei der Erörterung meines
Vortrages über die prophylaktische Immunisierung gegen Strepto¬
kokkeninfektion sogar die Wirkung der aktiven Immunisierung. Dies
steht in gewissem Widerspruch zu der von ihm empfohlenen Sero-
thcrapic. Ich würde sonst nicht begreifen können, wie ein Anti- oder
Streptokokkenserum entsteht, ohne aktive Immunisierung des be¬
treffenden Pferdes. Ich glaube, dass die Dosierung, wie sich dies bei
der prophylaktischen Immunisierung gezeigt hat, und die direkte Ein¬
führung der Keime in das Blut eine wichtige Rolle bei dem Gelingen
der Therapie spielen dürften. Eine Nuance kann vielleicht doch sehr
vieles ändern.
Ich möchte noch zum Schluss wiederholen, dass für die Zukunft
die R u g e sehe und Philipp sehe Probe eine glänzende Kontrolle,
wie die Verfasser selbst betonen, für die Beurteilung der Therapie und
Prognosestellung liefern können. Es wäre somit heutzutage weniger
schwer, mit steigender Wahrscheinlichkeit den rätselhaften Immun¬
vorgängen des Körpers näherzukommen.
Literaturverzeichnis.
Koblank: Verhandl. d. Int. Kongr. i. Geburtsh. u. Gyn. Januar 1922. —
T. a in e r s: bei Warnekros zitiert. — Lo u r o s: Arch. f. Gyn. Bd. 116. —
Derselbe: VerhdI. d. deutschen Kongr. f. Gynäk. Heidelberg 1923. — ■
Derselbe: Verhandl. d. Kongresses deutsch. Naturforscher und Aerzte,
Leipzig 1922. — F. M e y e r: Med. Klin. 1923 Nr. 1. — Sachs: M.m.W. 58 Jg.
Nr. 36. — Derselbe: Zschr. f. Gyn. 36. Jg. Nr. 26. — Schottmüller:
M.m.W. 1903. — Rüge II: M.KI. 1923 Nr. 7. — Rüge II-Philipp:
M.m.W.. noch im Druck. — Veit: Ergdbn. d. Geburtsh. u. Gyn. 1910. —
Warnekros: Arch. f. Gyn. Bd. 104. — Zangemeister: M.m.W.
1917. — Warnekros: Zschr. f. Gyn. 1911 Nr. 28. — Philipp: M.m.W.
1923 Nr. 16. — Maroudis: M.m.W. 1923 S. 727.
Aus der Universitäts-Frauenklinik Tübingen.
(Direktor: Prof. Dr. A. Mayer.)
Zur Suggestivtherapie des Gynäkologen.
Von Dr. med. Theo Brandess, Assistenzarzt der Kliuik
Vor über einem Jahre konnte J. Raefier in seinem Aufsatz
über die Hypnose in der Gynäkologie noch mit einem gewissen Recht
sagen, dass die meisten Aerzte dem neuen Zweige der Heilkunst, der
Hypnose, vollkommen fernstehen und ihn ohne Sachkenntnis auf
Grund irgendwelcher Vorurteile verwerfen. Hierin hat sich in dieser
kurzen Zeit manches geändert. Die Psychotherapie und die Hypnose
sind in letzter Zeit „modern“ geworden, und in vielen Frauenkliniken
hat diese neue Heilmethode ihren Einzug gehalten. Die Tatsache an
sich ist in mancher Hinsicht begriissenswert, weiss man doch, wie
hoch der Prozentsatz der modernen Frauenleiden ist, den man auf
das Konto der psychischen Genese zu setzen hat, und mit Recht hat
A. Mayer den Ruf ertönen lassen: „Mehr Seele in der gynäko¬
logischen Therapie!“, und die Forderung erhoben, manche gynäko¬
logische Störungen mit psychischen Mitteln und nicht Nerven- und
Seclenkrankheiten mit gynäkologischen Methoden zu behandeln.
Ueber die Fragen, wer Psychotherapie treiben soll, welche Kran¬
ken fiir diese Behandlungsmethoden in Betracht kommen und wie im
einzelnen die psychische Behandlung, die ja sehr vielseitig sein kann,
zu handhaben ist, darf ich hinweggellen, da sie Stemmer und
andere Autoren erschöpfend behandelt haben.
Ich beabsichtige, lediglich an Hand von zwei Fällen einen Ent¬
stehungsmechanismus eines psychogenen Leidens darzutun und zu¬
gleich die Mittel und Wege zu demonstrieren, wie ein solches Krank¬
heitsbild therapeutisch anzugreifen ist.
Fall 1. Frau B.. 26 Jahre. Famiüenanarrmese o. B. Periode früher
regelmässig, alle 4 Wochen, 3 Tage lang. Heirat Ende Oktober 1919. Kein
Partus.
Seit Anfang November 1919 bis 27. Januar 1920 dauernd Blutungen. An
diesem Tage Abrasio durch den behandelnden Arzt. Sie ergab nichts Be¬
sonderes. Da die Blutungen nicht sistierten, nahm derselbe Arzt 14 Tage
später eine Probelaparotomie vor! Ueber das Ergebnis schreibt er nur,
dass die Operation in keiner Weise die Ursache für die Blutungen zu er¬
klären imstande war. Nunmehr wurde die Kranke im April 1920 röntgen-
bestrahlt — hierüber waren nähere Angaben nicht mehr zu ermitteln — :
trotzdem blutete sie weiter. Es wurde dann im Juni desselben Jahres von
einem anderen Arzt eine nochmalige Bestrahlung vorgenommen. Dann ge¬
ringe Besserung. Seit November 1921 Zustand wie früher: dauernde Blu¬
tungen, die sie in die Behandlung eines 3. Arztes führten. Dieser wies sie
uns zu und schreibt «. a.: „Frau B. leidet seit 2 Jahren an sehr starken
Blutungen“ (Metrorrhagien).
Die genaue Genitaluntersuchung (Prof. A. Mayer) ergab keinen Anhalt
für eine organische Ursache des Leidens. Prof. Mayer hält dasselbe für
psychogener Natur.
Die Psychanamnese ergibt: Oktober 1920 Heirat aus rein wirtschaftlichen
Beweggründen. Kranke hat ihren Mann kaum gekannt. 2 Jahre lang vorher
■ Verhältnis mit einem Geliebten, der sie heiraten wollte, sie aber infolge
einer Klatschaffäre im Streite verliess. Völlige Dyspareunie im Verkehr mit
ihrem Mann. Früher normales Emp'inden bei ihrem Geliebten. Sie wisse,
dass ihr Mann früher mit einer Reihe von Mädchen ein Verhältnis hatte, und
der Gedanke daran sei ihr so ekelhaft, dass sie besonders beim Verkehr jedes¬
mal einen Widerwillen gegen ihren Mann bekomme. Ueberhaupt sei es ihr
manchmal ganz recht, wenn sic blute, dann lasse ihr Mann sie wenigstens
in Ruhe! - Letzteres gab die Kranke ganz spontan an und hellte damit
blitzartig die Zusammenhänge ihres Leidens mit ihrem Seelenleben auf.
Es wird weiter festgestellt, dass bei vorher regelmässiger Periode am Tag
der Hochzeit eine vorzeitige Blutung einsetzte, die den Anfang der ganzen
Erkrankung bildete. In weiteren Sitzungen gelingt es. die Kranke soweit
zu bringen, dass es ihr selbst klar wird, warum sie eigentlich blutet, und
dass dieses ganze Leiden nur eine Schutzmassnahme ihres eigenen Ich dar-
stellt gegen den ungeliebten Mann. Mit Wachsuggestionen wird nun darauf
hingearbeitet, die feindliche Einstellung gegen den Mann zu mildern und
sie innerlich von ihrem Freund, an dem sie noch sehr hängt, zu lösen.
Da die Kranke streng katholisch war, konnte an die Möglichkeit einer Ehe¬
scheidung nicht gedacht werden, diese hätte nur noch grössere seelische
Konflikte und Erscheinungen zur Folge gehabt. In mehreren hypnotischen
Sitzungen wurden die obigen Wachsuggestionen verstärkt und durch Sug¬
gestion im Uterus Organempfindungen sowie sonstige Sensationen hervor¬
gerufen, um der Kranken die wirkende, hypnotische Kraft am erkrankten
Organ unmittelbar zu demonstrieren. Die Blutungen, die die Kranke in den
ersten Tagen ihres Klinikaufenthaltes noch hatte, waren bereits zu der Zeit,
als sie die seelische Ursache ihres Leidens erfasst hatte, verschwunden.
Ferner wurde ihr in Hypnose normales Empfinden beim Geschlechtsakt sug¬
geriert. und verboten, dabei an ihren Freund zu denken. Entlassung am
2. III. 22, dem 18. Behandlungstag. mit Yohimbin, ohne Blutung.
6 Wochen später stellt sich die Kranke am 16. IV. 22 vor: Keinerlei
Blutung in dieser Zeit. Periode am 8. III. und 6. IV. 22 ohne Beschwerden
eingetroffen, 5 — 6 Tage lang. Kranke hat ihre Arbeit in der Fabrik wieder
aufgenommen. Beim Verkehr hat sie meistens Empfindung, nur dann nicht,
wenn sie zufällig an ihren Freund denken muss.
22. VIII. 22: Kranke stellt sich wieder vor. In den 6i4 Monaten hat
sie keinmal mehr geblutet, regelmässige Periode. Beim Verkehr meistens
normales Empfinden.
Dem Bericht ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Eine Kranke, die
einmal kiirettiert, einmal laparotomiert und zweimal röntgenbestrahlt
ist, wird lediglich durch den Umstand, dass ihr die psychogene Ur¬
sache ihres Leidens klar wird, geheilt! Ich betone nochmals, dass
die Hypnose nur zur Verstärkung der bereits gegebenen Wachsugge¬
stionen angewandt wurde.
2. Fall: Frau Be., 30 Jahre, Bäckerswitwe seit 1917, verheiratet seit
1915. Familienanamnese o. B. Periode früher regelmässig, alle 3 Wochen,
5 bis 6 Tage lang. 2 Partus.
Klagen: Seit dem Tode ihres Mannes habe sie unregelmässige Blu¬
tungen zwischen den Perioden, Kreuz- und Kopfschmerzen, starke Müdig¬
keit und Schlaflosigkeit. Auch sei sie immer sehr niedergeschlagen. Der ein¬
weisende Arzt ihres Dorfes schreibt: „Frau Be. bitte ich wegen Endometritis
mit starken Metrorrhagien in Behandlung zu nehmen.“
Gynäkologischer Befund (Prof. Mayer) ergibt ausser einer mobilen
Retroflexio und starker Defatigatio nichts Anormales. Da die Anamnese
auf eine psychogene Ursache hinweist. Psychoanamnese: 1915 Heirat
mit einem Altersgenossen, den sie seit 5 Jahren kannte und liebte.
Der Mann fiel im Kriege 1917, nachdem er seit der Verheiratung nur
einmal im Urlaub zu Hause war. Die Ehe war ausserordentlich glück¬
lich und die Affektbetonung ist jetzt noch — 1922 — in dieser Richtung
sehr lebhaft und überzeugend. 2 Kinder 1912 und 1916! beide von
ihrem Mann, das erste unehelich. Auf die Nachricht vom plötzlichen Tode
des Mannes habe sie die eben beendete Periode sofort wiederbekommen
und seither blute sie immer häufiger und unregelmässig. Augenblicklich blute
sie alle 8 Tage lang mehrere Tage. Sie gibt spontan an, sie glaube, dass
dies mit dem Tode des Mannes Zusammenhängen müsse. Seit Jahren
träume sie immer denselben Traum, sie sei mit ihrem gefallenen Mann
zusammen und habe dann weinen müssen. Ihr Mann beruhige sie dann immer
und fordere sie auf, doch wieder zu lachen. — Auf die Frage, ob sie
sich ihrem Manne gegenüber wegen irgendeiner Sache Vorwürfe machen
müsse, bejaht sie dies lebhaft und gibt an, dass ihr Mann ihr oft gesagt habe,
sie lasse es äusserlich zu wenig merken, dass sie ihn gern habe, sie komme
ihm zu wenig entgegen. Auch sei sie in der Zeit, wo sie ledig mit dem
ersten Kind schwanger ging, immer sehr unfreundlich zu ihm gewesen wegen
der vielen Unannehmlichkeiten, die sie dadurch gehabt habe. Dies lasse sie
jetzt nicht zur Ruhe kommen. Ihr Mann habe in der kurzen Zeit ihres Glückes
dadurch etwas entbehrt und jetzt, wo er tot sei, mache sie sich die
schwersten Vorwürfe darüber, dass sie ihm nicht mehr entgegengekommen
sei. In weiteren Sitzungen erzählt sie Träume, die in ziemlich ,unverhüllter
Weise sexuelle Vorgänge symbolisieren. Ueber diesen Punkt befragt, gibt
sie zu, zwar oft das Bedürfnis nach sexuellem Verkehr zu haben, aber trotz
mehrerer Heiratsanträge würde sie ihrem Manne in diesem Punkte bis zum
Tode treu bleiben. Auch eine Heirat komme nie wieder für sie in Frage. Die
Frage, ob ihr Mann auch zu Zeiten ihrer Periode mit ihr verkehrt habe,
wird mit dem Zeichen des Unwillens verneint. Dieser Umstand gab mir
die Ueberzeugung, dass auch diese Kranke in den Blutungen sich eine wirk¬
same Schutzvorrichtung aufgerichtet hatte vor den Männern, die sie begehr¬
ten und die ihr so begehrenswert erschienen, dass sie ihrer Willensstärke
allein nicht mehr das nötige Vertrauen entgegenbrachte. Diese Lösung stiess
bei der Kranken auf ein selten gutes Verständnis. Die psychische Behandlung
und die Suggestionen bewegten sich nunmehr in der Richtung, dass der
Kranken klargemacht wurde, dass es eines solchen Schutzes nicht bedürfe
und dass sie, wenn sie nur wolle, das. was sie sich vornehme, auch durch¬
setzen könne. In Hypnose weitere „Stärkung des Willens“ und Bekämp¬
fung der Schlaflosigkeit mit gutem Erfolg. Weiterhin verfolgt die Therapie
den Zweck, auf suggestivem Wege die gänzlich ungerechtfertigten Selbst¬
vorwürfe zu entkräften und der Kranken klarzumachen, dass es viel mehr
im Sinne ihres verstorbenen Mannes sei, ihren Kindern eine frische, tätige
und gute Mutter .zu sein, statt sich immer mit Vorwürfen abzuplagen und
dadurch auch körperlich immer mehr herunterzukommen. Die Suggestionen
werden in Hypnose wiederholt und fallen auf sehr fruchtbaren Boden. Nach
8 Tagen träumt die Kranke, dass sie mit ihrem Mann zusammen gewesen sei.
und sie habe gar nicht zu weinen brauchen, sondern habe mit ihm gescherzt
und gelacht wie früher. Es ist unnötig, der Kranken die Deutung des
Traumes nahezulegen. Sie ist selig darüber und von dem Tage an von ihren
Selbstvorwürfen befreit. Ohne Zweifel ist dieser Traum für die Prognose
der Gesarntbehandlung, und zwar in einem günstigen Sinne von grösster Be-
976
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
deutung. Die Kranke hat vom 2. bis 8. Tag in der Klinik geblutet. Ob diese
Blutung mit der Periode identisch war, vermochte sie nicht anzugeben.
Seither keinerlei Blutung mehr. Die Kranke wird nach 3'A Wochen als
ein vollständig veränderter Mensch entlassen. Sie fühlt sich zufrieden und
glücklich, schläft gut und hat keinerlei Beschwerden mehr. Sie schreibt
später: „So ein Glück, dass ich wieder gesund bin.“ - „Morgen ist
meiies treu geliebten, unvergesslichen Mannes Todestag. Es sind schon
5 Jahre, seitdem wir irdisch von einander geschieden sind, doch hoffe ich
auf ein frohes Wiedersehen im Jenseits; doch, 'lieber Herr Doktor. Sie
dürfen ausser Sorge sein um mich, ich denke nur ganz still und ruhig
an meinen lieben, unvergesslichen Mann zurück, ln sonstigen Jahren bin
ich *ast verzweifelt an diesem Tag, Gott Lob und Dank, dass ich jetzt stark
bin “ Ich setze diesen Brief vor allem deshalb hierher, weil er in ausdrucks¬
voller Weise die ganze gläubige und etwas primitive Denkungsart der
Kranken dartut und ihre unbedingte Zuversicht am ihre Heilung erkennen
lässt. 4K Monate später stellte sich die Kranke zum letzten Mal vor. Sie
hat in der ganzen Zeit ausser ihrer normalen Periode nicht mehr geblutet
und fühlt sich körperlich und seelisch gesund.
Auch dieser Fall lässt klar erkennen, wie wichtig es ist, den ur¬
sprünglichen Konflikt aufzudecken, der das Leiden .veranlasst hat,
ohne dass man dabei, im speziell Freud sehen Sinne, auf die frühe¬
sten Kindheitserlebnisse zurückzugreifen braucht.
In den beiden beschriebenen Fällen ist wohl die Annahme be¬
rechtigt, dass die Blutungen psychogen bedingt waren, und zwar
dürfen wir, ganz allgemein gesprochen, einen unlustbetonten Affekt,
im ersten Fall der Frau zu ihrem Manne, im zweiten Fall der Kran¬
ken zu anderen Männern, die sie begehren, als Grund für die Blu¬
tungen anschuldigen. Dass derartige Affekte, ausser mannigfachen,
anderen, körperlichen Symptomen und Folgeerscheinungen auch zu
abnormen Blutungen führen können, ist bekannt. Ich erwähne nur die
diesbezüglichen Arbeiten von Weber, A. Mayer und C i t r o n.
Nach Weber führt die an der Körperoberfläche erfolgende Verenge¬
rung der Blutgefässe zu einer Erweiterung und Blutüberfüllung der
Bauch- und Genitalorgane, auf deren Grund es dann zu Menorrhagien
kommen kann. Auch Füth gibt hierzu einige Fälle an.
Wenn nun auch das Bild, unter dem die einzelnen Affekte in die
Erscheinung treten, ausserordentlich verschieden ist, so haben doch
alle Affekte eine Wirkungsweise gemeinsam — sie treffen im Nerven¬
system alle auf einen Punkt, das vasomotorische Zentrum, das die
Innervation der Blutgefässe besorgt und das allein imstande ist, alle
die auffälligen Symptome, mit denen die Gemütsbewegungen uns vur
Augen treten, hervorzurufen. .
Das Zustandekommen des Affektes selbst hat man sich so voi-
zustellen, dass ein Ereignis, welches geeignet ist, eine Gemütsbewe¬
gung hervorzurufen, durch irgendeines der 5 Sinnesorgane zum Ge¬
hirn geleitet wird und dort mit Hilfe eines komplizierten Mechanis¬
mus als solches wahrgenommen wird. Gleichzeitig werden blitz-
schnell sämtliche Assoziationen angeschlagen, die in irgendeiner Be¬
ziehung zu dem Ereignis stehen. Diese Assoziationen vereinigen sich
zu einem bestimmten Klang, der dann den entsprechenden Affekt dar¬
stellt und die entsprechenden Erscheinungen auslöst.
Gibt die Gesamtzahl der Assoziationen einen physiologischen,
harmonischen Klang, so wird der Affekt in der uns bekannten Weise
ablaufen. Ist dies nicht der Fall, gewinnen bestimmte Assoziationen,
die von einer anderen Gelegenheit her vielleicht an gewisse andere
Funktionen und Wirkungen geknüpft sind, die Oberhand, so wird das
Zusammenklingen ein disharmonisches, der Affekt läuft nicht in der
physiologischen Weise ab, sondern ruft Erscheinungen hervor, die
ihm sonst nicht eigen sind. Dies sind die Symptome, die wir als Folge
mancher psychischen Traumen zu sehen bekommen.
Es ist nun ohne weiteres klar, dass man, um zur Wurzel des
Ucbels zu kommen, bis zu jenem Trauma resp. jenem Affekt zurück¬
zugehen hat, der als Ursache für unser Krankheitsbild in Frage
kommt Hierbei wird nun dieser Affekt noch einmal nacherlebt und
nunmehr mit Hilfe des suggestiven Einflusses des Psychotherapeuten
und mit Ruhe in die physiologischen Bahnen abgeleitet, die seiner
Eigenart entsprechen. Dies ist die Wirkungsweise, wie sie in der
Psychanalyse oder auch erweiterten Psychanamnese zutage tritt.
Will man sich die therapeutische Wirkung der Hypnose erklären,
so ist das nach den vorausgegangenen Erörterungen nicht schwer,
wenn wir an das, was Schilder in seiner Arbeit über das Wesen
der Hypnose schreibt, anknüpfen; „Es gilt der allgemeine Satz, dass
alle jene Wirkungen, die in der Hypnose zustande kommen, auch
durch Affekte hervorgerufen werden.“ Man muss demnach annehmen,
dass die Hypnose dazu nur auf Grund eines ihr eigenen Affektes im¬
stande ist. Ich setze also, wenn ich hypnotisiere, dass ein bestimmtes
Symptom nicht mehr auftreten soll, einen künstlichen^ Affekt, der im¬
stande ist, eine Wirkung auszuüben, die das betreffende Symptom
aufhebt, oder die dem Affekt, welcher das besagte Symptom ausge-
löst hat, konträr ist. Die Heilung kann nur dann erfolgen, wenn der
Mechanismus der Hypnose stärker ist als der Mechanismus der
Symptombiidung. Dies wird aber in vielen Fällen nicht der Fall ocin,
da bei dem letzteren täglich ungezählte Assoziationen die Symptome
stützen und halten, während der Mechanismus der Affektbildung bei
der Hypnose viel zu sehr an die Person des Hypnotiseurs und die
Triebcinstellung des Kranken zu diesem gebunden ist. Es kann daher
für psychogen bedingte Krankheitsbilder nur eine Methode der thera¬
peutischen Inangriffnahme geben, und die besteht darin, durch bym-
ntomanalyse resp. Persönlichkeitsanalyse, die Jedoch mehr m das
Bereich des Fachpsychiaters fällt, die seelischen Zusammenhänge
klarzulegen und abreagieren zu lassen. Die Hypnose kann sowohl
bei der Aufdeckung des Konfliktes in Form der kathartischen Me¬
thode als auch zur nachherigen Verstärkung der Wachsuggestionen
von grosser Bedeutung sein. Hypnosebehandlung allein ist eine un¬
physiologische Methode, wenn es sich um psychogene Leiden handelt,
es sei denn, dass man sicli damit begnügen will oder kann, rem sym¬
ptomatisch irgendwelche Erscheinungen durch Hypnose zum Schwin¬
den zu bringen. , „ , , .
Ich möchte schliessen mit einem Satz, den K r e h 1 m seiner
neuen Auflage der pathologischen Physiologie bringt und der mir ge¬
eignet erscheint, nach diesen letzten theoretischen Erörterungen eine
Seite der angeschnittenen Fragen zu beleuchten, die von mir zwar
kurz erwähnt, aber nicht mehr weiter behandelt werden konnte.
Krehl schreibt: „Die Biologie kann für das Verständnis der Lebens-,
vorgänge mit der Annahme mechanisch-kausaler Zusammenhänge
allein nicht auskommen . . . Meine Ueberzeugung ist, dass wir
eine einheitliche Auffassung von Mensch, Natur und Gott nur wieder¬
gewinnen, wenn wir übermechanische Vorgänge, die hinter den Er¬
scheinungen stecken und sie leiten, anfangen zu beobachten, zu unter¬
suchen und in unseren Rechnungen zum Rechte kommen lassen. Mir
erscheint das nicht als eine Abweisung der gegenwärtig herrschenden
Naturbetrachtung, sondern als ihre notwendige Ergänzung und Um¬
fassung.“
Nachtrag bei der Korrektur.
Inzwischen liegt die Behandlung eines weiteren, ähnlichen Falles
weit genug zurück, um in Kürze darüber berichten zu können.
Frl. R., 25 Jahre alt, war früher schon 4 mal in der hiesigen Klinik
wegen dauernder Blutungen. Da sie nach dem letzten Aufenthalt auf eine
Röntgenbestrahlung hin 8 Monate lang amenorrhoisch war, musste an eine
psychische Ursache gedacht werden, als die Kranke jetzt wieder mit der
Klage kam, täglich zu bluten. Nachdem wir uns, wie immer in solchen
Fällen, von der Richtigkeit ihrer Angaben überzeugt hatten, förderte die ein¬
geleitete Psychoanamnese folgende Zusammenhänge zutage: Die Blutungen
datieren seit Anfang des Jahres 1919. Zur gleichen Zeit nämlich im
Februar — trat die Kranke in eine religiöse Sekte ein und sie gibt selbst an,
dass dies eine völlige Aenderung in ihrer Lebensauffassung bedeutet hatte.
Die auf ziemlich strengen Statuten aufgebaute Sekte hat als Grundprinzip
dasjenige der Keuschheit. Erst längere Zeit später gibt die Kranke ahs
Ursache für ihren, für ein 25 jähriges, recht aufgewecktes Mädchen auf¬
fälligen Schritt folgendes an: Sie wurde als uneheliches Kind einer Mutter
geboren, die in der ganzen ymgegend als eine berüchtigte Person bekannt
war und die noch jetzt für jeden Mann zu haben sei. Sie selbst sei bei einer
Verwandten streng religiös aufgezogen worden und habe seelisch ihr ganzes
Leben lang furchtbar unter dem Lebenswandel der Mutter gelitten. Vor
allem habe sie immer die Angst gepeinigt, sie könne etwas von ihr geerbt
haben und auch in das gleiche Fahrwasser geraten, da ihre sexuellen Triebe
und Wünsche ihr viel zu schaffen machten. Sie habe sich bis jetzt rein
halten können, aber in dem Bestreben sich einen grösseren Schutz und eine
Stütze zu suchen im Kampf gegen ihre Leidenschaften sei sie in die erwähnte
Gemeinschaft eingetreten. Ihre seelischen Konflikte waren damals auf einem
gewissen Höhepunkt, weil ein alter Jugendfreund sich intensiv um sie be¬
warb und auch in sexueller Hinsicht Ansprüche an sie zu stellen suchte. Mit
dem Eintritt in die Sekte erfolgte ihre endgültige Absage an den Freund und
gleichzeitig das Auftreten der Blutungen.
Die Zusammenhänge sind hiernach völlig klar. Die Kranke macht
gewissermassen ein Gelübde der Keuschheit, jedenfalls, um ihrer
primitiven Auffassung nach dadurch die Sünden der Mutter wieder
gutzumachen. Auch liier sehen wir wieder die Blutungen als Schutz¬
massnahme vor dem Mann auftreten, und zugleich als Hilfe in ihrem
Kampf gegen die Unkeuschheit. Die Kranke wird vorsichtig in dieser
Weise belehrt und aufgeklärt mit dem Erfolg, dass die Blutungen
prompt aufhörten und die Kranke seit einigen Monaten völlig nor¬
male Periode hat, ohne dazwischen zu bluten. Zur Verstärkung der
Suggestionen, dass ein derartiger Schutz unnötig und dass ihr Wille
stark genug sei, um die gefassten Vorsätze durchzuführen wurde
auch hier Hypnose angewandt. Eine Umstellung der Kranken in ihrer
Auffassung bezüglicli des Heiratens und der Keuschheit wurde gar
nicht versucht, da zweifellos neue und vielleicht noch stärkere Sym¬
ptome bei einem Bruch mit der Gemeinschaft, an die sie sehr stark
affektiv gebunden ist, die Folge gewesen wären.
Auffällig ist, dass in allen 3 Fällen übereinstimmend die Blu¬
tungen als seelisch bedingte Schutzmassnahme des Körpers gegen i
einen bestimmten oder gegen die Männer überhaupt aufgefasst wer¬
den müssen. Ich glaube in der Annahme nicht fehlzugehen, dass es
sich hier um einen Zusammenhang handelt, der, wenn nicht immer,
so doch sehr häufig den Grund für eine psychogen entstandene Blu¬
tung zu deuten imstande ist und der wichtige Fingerzeige zur thera¬
peutischen Inangriffnahme bietet.
Literatur.
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Tübingen 19. II. 17. Württ. Korr. Bl. 1917. - 8. Raeflcr: Hypnose in dei
Gynäkologie. Zbl. f. Gyn. 1921 Nr. 36, S. 1274. — 9. P. Schilder: Uebe;
das Wesen der Hypnose. Berlin, Springer, 1922. — 10. W. Stemmer
?7. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
07?
Jeher Psychodiagnostik und Psychotherapie in der Frauenheilkunde. Zbl.
. Qyn. 1922 Nr. 12 S. 458. — 11. Weber: Der Einfluss psychischer Vor-
tänge auf den Körper, insbes. auf die Blutverteilung. Berlin, Springer, 1910.
Aus der Universitäts-Frauenklinik München.
(Direktor: Geh. Rat Prof. Dr. Döderlein)
Ueber Eklampsie.
Von Privatdozent Dr. Erwin Zweifel.
I. Zur Aetiologie.
Von allen Erkrankungen der Fortpflanzungsperiode ist die
iklampsie auch heute noch die ungeklärteste, soviel auch über ihre
Entstehung geschrieben worden ist. Wenn das Krankheitsbild als
olches auch sehr exakt durchstudiert worden ist, wenn auch alle
töglichen Tierexperimente zur Erklärung der Eklampsie lierange-
ogen worden sind, in Wahrheit müssen wir es uns eingestehen, dass
eine der Theorien, die über die Entstehung dieser Krankheit aufgc-
tellt worden sind, so ganz befriedigt. Das Krankheitsbild ist allen
aerzten zu bekannt, als dass ich hier darauf eingehen dürfte; die
jauptsymptome der Erkrankung sind die Anfälle und der Befund von
iiweiss im Urin; dabei muss hinzugefügt werden, dass in seltenen
aisnahmefällen auch einmal eines dieser Hauptsymptome fehlen kann.
Die älteste Theorie sah in der Eklampsie eine Plethora; sie grün¬
de sich auf die Beobachtung, dass man bei Eklamptischen Oedeme
n Gesicht, am Körper und an den Beinen sieht.
0 s i a n d e r hat die Eklampsie als eine pathologisch gesteigerte Reflex-
ewegbarkeit angesehen. Eine solche kommt ebenso, wie auch Oedeme so
aufig bei Schwangeren vor, dass wir darin gar nichts besonderes mehr
rblicken.
Die Theorie von Lever gründet sich auf seine regelmässigen, positiv
usgefallenen Eiweissbefunde im Urin Eklamptischer; er sah die Eklamp-
' sehen einfach als Nierenkranke an. Der Lehre von Lever schloss sich
rerichs an. Er hat analog der Urämie als den wichtigsten Faktor in
- r Behandlung den Aderlass empfohlen, also ein sehr zweckmässiges Ver-
hren, zu dem wir heute auf Grund der Empfehlung von P. Zweifel
ieder zurückgekehrt sind, nachdem er von Traube verworfen und dann
i Vergessenheit geraten war.
Hecker vertrat die Anschauung, dass retinierter Harnstoff die Ver-
ftung bei der Eklampsie herbeiführe; dem stehen die Versuche von Ham-
u r g e r entgegen, bei denen sich die Einspritzung von Harnstofflösung als
dükommen unschädlich erwiesen hat. Bouchard glaubte, dass im Blut
•r Schwangeren gewisse Giftstoffe kreisen, die bei unzureichender Nieren-
tigkeit den Ausbruch der Eklampsie herbeiführen. Die Arbeit von
o u c h a r d hatte zur Folge, dass eine Reihe systematischer Urinunter-
ichungen bei Eklamptischen einsetzte. Das Hauptergebnis dieser ist die
itteilung von P. Zweifel, dass bei der Eklampsie die Eiweissoxydation
ark herabgesetzt ist. Er fand im Harn und Blut Eklamptischer regelmässig
leischmilehsäure.
Die Auffassung der Eklampsie als Urämie stammt von Rosenstein;
ute wissen wir, dass wesentliche Unterschiede zwischen der Eklampsie und
rämie bestehen.
Auf eine mechanische Ursache führt H a 1 b e r t s m a die Eklampsie zu-
kk; er meint, dass durch eine Stauung des Urins infolge behinderter Ab-
iissmöglichkeit die Eklampsie entstehe. Die von ihm angeführten Befunde
>n stark verdickten Ureteren bei der Sektion von Eklamptischen beweisen
ir nichts, weil überhaupt bei Schwangeren die Ureteren stark dilatiert sind.
Die bakterielle Theorie von G e r d e s ist durch die Arbeiten von
ä g I e r und Döderlein widerlegt worden. Auch die infektiöse Theorie
m S t r o g a n o f f hat keine Anhänger gefunden.
Eine ganz andere Erklärung für die Eklampsie gab Veit. Er hielt sie
r eine Erkrankung, bedingt durch das Eintreten von Plazentarzellen in den
ütterlichen Körper, als dessen Folge ein Giftkörper, das Synzytiolysin, sich
Ide. Zu trennen von dieser ist die plazentare Theorie, die heute kaum noch
nhänger zählt.
Des weiteren erwähne ich die Fibrinfermenttheorie von Dienst und die
-rmentintoxikationstheorie von Hofbauer. Dienst meinte, dass die
:tention fötaler Abfallstoffe den Fibringehalt des mütterlichen Blutes steigere;
e Folge davon sei der Ausbruch der Eklampsie. Hofbauer ist der An-
-lit, dass die Abschnürung synzytischer Komplexe von der Oberfläche der
lorionzotten „die Veranlassung zur Eklampsie“ gebe. Die Eklampsie komme
nn zum Ausbruch, wenn „der Körper der Graviden die schädigende Wirkung
r eingeschwemmten Elemente“ nicht mehr aufzuheben vermöge.
Zur Kenntnis der Eklampsie will ich vor allem auf die regelmässigen
'biologischen Veränderungen hinweisen, die man bei an Eklampsie Ver-
orbenen findet. Sie stammen vor allem von Schmorl; die wichtigsten
id die Veränderungen in der Leber, bestehend in mehr oder minder aus¬
dehnten Lebernekrosen.
Als weitere Theorie erwähne ich noch die mammäre Theorie. Sie wurde
fgestellt auf Grund des Vergleiches mit der Gebärparese der Rinder, die
der lat eine grosse Aehnlichkeit mit der Eklampsie des Menschen hat.
; Von F c h 1 i n g und van der Höven stammt die fötale Theorie, die
e Entstehung der Eklampsie durch das Eindringen kindlicher Stoffwechsel-
odukte in den mütterlichen Organismus erklärt. ' t
Im Zusammenhang damit erwähne ich als letzte die anaphylaktische
leorie. Sie rührt von Weichardt her.
Seine Untersuchungen wurden durch die Arbeiten von Rosenau,
Inder so n, Gozony und Wiesinger fortgesetzt. Dann folgten die
rsuehe von L o ckemann und T h i e s an Kaninchen und von Gräfcn-
" rt c und 1 h i e s .an Meerschweinchen, die in der Tat äusserst bemerkens-
"r d- ?e.svltate erKeüen haben. F e 1 1 ä n d e r und Bauereisen haben
]e Kernigkeit der Versuche von Lockemann und Thies in Frage ge-
xen. Auch I- r i e d b e r g e r spricht Bedenken gegen ihre Versuchs¬
ordnung aus. Die Richtigkeit der Versuche von Gozony und W i e -
n g er wird von Felländer, Guggisberg und Eisenreich be¬
uten; man muss daran denken, dass die eingespritzten Organextrakte
non primär toxisch waren. Lockemann und Thies und Gräfen-
Nr. 30
b c r g und I h i e s habe ihre Versuche in dem Sinne gedeutet, dass sie für
die Auffassung der Eklampsie als anaphylaktische Erkrankung anzusehen
seien.
Das klinische Bild der Eklampsie weist soviele Verschiedenheiten
von dem der anaphylaktischen Erkrankung auf, dass ich es für ge¬
geben hielt, diese Versuche nochmals nachzuprüfen.
Die grundlegenden Kenntnisse der Anaphylaxie können hier nicht
wieder besprochen werden; ich verweise für den, der sich rasch
orientieren will, auf die verschiedenen Uebersichtsarbeiten von
i Friedberger u. a., vor allem auf das Kapitel „Ana¬
phylaxie von^ Friedberge r im Handbuch von Kraus und
Brugsch. Hier will ich nur die Definition wiederholen: Die Ana¬
phylaxie ist eine Ueberempfindlichkeitsreaktion, d. h. ein Tier, das
heute eine parenteral geringe, vollkommen unschädliche Dosis von
Serum, z. B. Pferdeserum, erhält, bekommt bei einer zweiten Ein¬
spritzung desselben Serums nach 10 Tagen oder später schwerste,
mitunter tödlich verlaufende Krankheitserscheinungen. Die Vorberei¬
tung zur Ueberempfindlichkeit braucht nicht unbedingt durch eine
Injektion zu erfolgen. Als Beispiel erwähne ich, dass Tataren, die
regelmässig Pferdefleisch essen, auf eine Einspritzung von Diphtherie¬
serum sehr häufig anaphylaktische Erscheinungen bekommen.
Nach Ueberstehen eines anaphylaktischen Anfalls entsteht eine
Unterernpfindlichkeit, d. h. eine neue Einspritzung desselben
Serums wird ohne Schaden vertragen. Man nennt diesen Zustand
Antianaphylaxie. Ich erwähne diese, weil sic für das Ver¬
ständnis meiner Versuche von Bedeutung ist.
Lockemann und I h i e s haben das Blut von Föten von Ka¬
ninchen gewonnen, die sic durch Kaiserschnitt entbunden hatten. Das
Blut der Föten wurde aufgefangen und zentrifugiert; mit dem Serum
haben sie dann ihre Einspritzungen vorgenommen. Als Ergebnis ihrer
Versuche fanden sie, dass intravenöse Einspritzungen bei nichtträch¬
tigen Kaninchen zunächst keine Krankheitserscheinungen hervor¬
riefen, sondern erst bei einer zweiten Einspritzung nach 8 Tagen.
I rächtige Kaninchen erkrankten sofort auf die Einspritzung von Se¬
rum ihrer eigenen Föten. Bei einer wiederholten Einspritzung nach
8 lagen reagierten die Tiere stärker als bei der ersten Einspritzung.
Das Krankheitsbild verglichen die Autoren mit dem der Anaphylaxie.
Aehnliche Versuche hat Thies gemeinsam mit G r ä f e n b e r g
auch an Meerschweinchen ausgeführt; alle Tiere wurden krank und
„gingen akut oder innerhalb 15 Stunden“ nach der wiederholten Ein¬
spritzung zugrunde.
Das Ergebnis der Versuche von Gräfenberg und Thies
war, „dass bei Meerschweinchen
1. das artgleiche Serum giftig wirken kann, und dass
2. es besonders stark auf trächtige Tiere wirkt“.
Auf die Einzelheiten der Versuchstechnik kann ich hier aus
Raummangel nicht eingehen und verweise auf meine Monographie *)
und auf meine Arbeit in der Zeitschrift für Immunitätsforschung, 1920.
Ich komme also bei den Versuchen an Kaninchen zu vollkommen
negativen Ergebnissen. Kaninchen, trächtige wie nichtträchtige, ver¬
trugen die Einspritzungen von fötalem, plazentarem und Neugebore-
nenserum, ohne zu erkranken; auch wiederholte Einspritzungen wur¬
den vertragen.
Man muss bei der Deutung derartiger Versuche ausserordentlich
vorsichtig sein, denn nur zu leicht kann es sein, dass ein Serum
primär toxisch ist, jedenfalls dann, wenn man mit Mengen von meh¬
reren Kubikzentimetern arbeitet, d. i. für die kleinen Tiere, mit denen
die Versuche angestellt werden, immer eine sehr grosse Menge. So
habe ich zwei junge Kaninchen von etwa 1500 g Gewicht verloren,
denen ich 1, 2 und 3 ccm Serum einer Wöchnerin eingespritzt habe;
beide Tiere bekamen Krämpfe und gingen akut zugrunde, während
ein drittes, etwa gleichgrosses Kaninchen eine Einspritzung von 3 ccm
desselben Serums ohne irgendwelche Störungen vertrug.
In Fortsetzung dieser Versuche habe ich auch an Meerschwein¬
chen analoge Versuche angestellt. Gräfenberg und Thies
hatten sechs trächtigen Meerschweinchen eine Dosis von 0,6— 2,0 ccm
des eigenen fötalen Serums eingespritzt, worauf alle Tiere unter
Krämpfen zugrunde gingen. Im Gegensatz dazu hatten von 5 nicht¬
trächtigen Meerschweinchen 4 die Einspritzung einer ähnlichen Dosis
fötalen Serums vertragen.
Auch ich habe ähnliche Versuche angestellt. So habe ich zwei¬
mal Meerschweinchen eigenes plazentares Serum eingespritzt. Es
wurde sowohl die erste Einspritzung vertragen, als auch eine zweite,
die nach einem Zeitraum von mehr als 10 Tagen erfolgte. Bei Meer¬
schweinchen genügt schon die Einspritzung von physiologischer
Kochsalzlösung und Ringer scher Lösung in Mengen von 1 — 2 ccm,
um Temperaturschwankung, meist Temperaturabfall um mehrere
Grade herbeizuführen. Dafür kann ich eine ganze Reihe von Ver¬
suchen an männlichen wie weiblichen Tieren zum Beweis anführen.
In 3 weiteren Versuchen habe ich ebenso wie Gräfenberg und
I Dies trächtigen Meerschweinchen das Serum trächtiger Meer¬
schweinchen injiziert. Die Dosis war allerdings etwas niedriger wie
bei Gräfenberg und Thies. Während diese Tiere nach der
ersten Injektion unter Krämpfen, ähnlich denen bei der Anaphylaxie,
verloren, ist von meinen Versuchstieren kein einziges an der Ein¬
spritzung zugrunde gegangen. Ich habe zweimal nach 48 Tagen noch
eine Reinjektion wieder vom Serum trächtiger Meerschweinchen vor-
*) E- Zweifel: Wirkt fötales Serum artfremd auf das Muttertier?
Bergmann, München 1920.
3
978
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3ü.
genommen, und aucli diese wurde reaktionslos vertragen, also ein
Beweis dafür, dass trächtige Meerschweinchen durch das Serum an¬
derer trächtiger Meerschweinchen nicht anaphylaktisch werden.
Z a n g e m e i s t e r hat sich in einer Reihe von Arbeiten mit dem
Studium der Eklampsie beschäftigt. Auch er kommt zu einer Ab¬
lehnung der Auffassung der Eklampsie als Anaphylaxie und stellt eine
ganz neue Lehre auf“): Er sieht als ätiologisches Moment ur das
Entstehen der Eklampsie einen bestehenden Hirndruck an, bedingt
durch Hirnödem. Der Hirndruck nimmt regelmässig intra partuni zu.
Diese Steigerung des Hirndrucks geht einher mit einer akuten Stei¬
gerung des Blutdrucks, und diese beiden Faktoren zusammen losen
den eklamptischen Anfall aus.
Zangemeister spricht sich weiter dalun aus, dass bei der
Graviditätseklampsie lediglich die Ausscheidung der Chloride beein¬
trächtigt sei. Wuth8) dagegen nimmt auf Grund neuerer Unter¬
suchungen ganz allgemein eine „Störung des Ausscheidungsvermogens
der Nieren“ an, betont, aber, dass man daraus keineswegs aut die
Retention als ätiologischen Faktor für das Ausbrechen der Eklampsie
schliessen kann.
II. Zur Prophylaxe.
Zangemeister befasst sich des weiteren eingehend mit der
Möglichkeit einer Prophylaxe der Eklampsie. Wenn eine akute
Steigerung des Blutdrucks, wie man sie bei den Wehen regelmassig
findet, den Anfall auszulösen vermag, so müssten die Anfalle in erster
Linie bei der Geburt auftreten. Tatsächlich treten die Anfälle aber
auch in der Schwangerschaft und im Wochenbett auf. Zu dieser Zei
ist die Steigerung des Blutdrucks sicherlich eine geringere; es sind
also nur geringere Reize vorhanden, und diese genügen schon zum
Auslösen des eklamptischen Anfalls. Wenn das der Fall ist, so folgen t
Z a n g e meiste r, dass die Prognose der Schwangerschafts- und
Wochenbettscklampsien eine ungünstigere sein muss und dass die
Prognose der Intra partum - Eklampsie eine bessere sein muss. Und
in der Tat geben ihm die statistischen Zahlen für seine Prognose¬
stellung recht. , ... . .
Auf Grund neuerer Beobachtungen findet man ]a in sehr vielen
Fällen bei genauerer Anamnese und Untersuchung Prodromalerschei¬
nungen der Eklampsie. Nach Zangemeister kommt es zuerst zu
einer Schädigung der Kapillargcfässe, dann zur Bildung von Hydrops
und Oedemen und konsekutiv zur Ausbildung des nirnodems. Mit
dem Entstehen des Hydrops bildet sich oft die Schädigung der
Nieren aus (Nephropathie). . . , „
Was nun die Prophylaxe der Eklampsie anlangt, so ist zu¬
nächst das Augenmerk zu richten auf die Verhütung und Behandlung
des Hydrops in der Gravidität. Schon leichte Oedeme und Hydrops-
bildung können erkannt werden durch akute Gewichtszunahme; man
muss also die Schwangeren regelmässig wiegen. Bei geringen Oede-
men sollen die Kranken täglich einige Stunden ruhen; die Nahrungs¬
aufnahme und Flüssigkeitszufuhr sollen mässig gehalten werden, ritt
Hydrops dazu, so ist die Flüssigkeitszufuhr weiter zu beschranken.
Regelmässige Urinuntersuchungen und Messungen des Blutdrucks sind
als Kontrolle für den Gesundheitszustand der Schwangeren unerläss¬
lich. Unkomplizierter Hydrops geht unter der angegebenen Behand¬
lung nach Zangemeister meist rasch zurück.
Besteht bereits eine Nephropathie, so muss eine entsprechende
Diät nach den modernen Grundsätzen der Nierenbehandlung einge¬
leitet werden, also vor allem Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr
und salzfreie Kost. Fleischspeisen werden nicht verabreicht dagegen
reichlich Obst und Kompott. Ausserdem haben sich tägliche Schwitz¬
prozeduren bei Schwangeren bewährt. Der Blutdruck ist regelmassig
zu kontrollieren. Man findet ihn steigend bei zunehmender Albumi-
nurie und umgekehrt mit Besserung des Urinbefundes zurückgehend.
Es gibt Fälle, in denen zuerst Oedeme und Hydrops ^ entstehen
und dann erst die Blutdruckzunahme sich ausbildet. In solcnen Fällen
fehlt oft die Albuminurie; man muss hier den Hirndruck als kausal
für die Blutdruckzunahme ansehen, und die Blutdruckzunahme wirkt
wieder ungünstig auf das Hirnödem und den Hirndruck.
ln allen derartigen Fällen fordert Zangemeister eine ener¬
gische Therapie der Hydropserscheinungen als prophylaktisches Mit-
tcl gegen die Eklampsie. Da der Lumbaldruck im präeklamptischen
Stadium regelmässig erhöht ist, empfiehlt er die Lumbalpunktion, die
therapeutisch wie diagnostisch von Wert ist. Weiter muss man durch
geeignete Mittel, am besten Euphyllin, die Diurese heben, wodurch
der Hirndruck gemindert wird. Im präeklamptischen Stadium sind alle
äusseren Reize fernzuhalten. Es gilt, möglichst den ersten Anfall zu
verhüten, also hat schon hier die Behandlung mit Narkotika emzu-
setzen. Weiter fordert Z a n g e m.e i s t e r für gewisse Fälle den
Aderlass und die Entbindung. Wir können ihm allerdings in der
Forderung der Entbindung nicht ganz folgen, hat doch die Behandlung
der Eklampsie, auch der Schwangerschaftseklampsie, allein mit Ader-
lass und narkotischen Mitteln in der Leipziger Frauenklinik bisher
unerreicht gute Resultate erzielt, ln manchen Fällen ging die Schwan¬
gerschaft weiter, und es wurde nach einiger Zeit das Kind oft lebend
spontan geboren. Wir vertreten vielmehr die Ansicht, dass bei der
Prophylaxe der Eklampsie und ebenso auch bei der Eklampsie eine
Entbindung zunächst nicht in Frage kommt, sondern nur in den Fal¬
len, in denen nach Einsetzen der konservativen Behandlung die An¬
fälle fortbestehen. Für solche Fälle ist die rasche Entbindung indiziert.
7-aneemeister hat seine Forderung bei den Hausschwange¬
ren der Marburger Frauenklinik systematisch durchgefuhrt und hat
damit ein günstiges Resultat erzielt; in 5 Jahren ist nur noch eine
ä« HaTsschwangera, an Eklampsie erkrankt wahrem I er vorh«
öfters Erkrankungen an Eklampsie unter den Hausschwangeren ge¬
funden hat. „
Zur Therapie.
Für die Therapie sind folgende Richtlinien zu beachten;
1 Die Kranken dürfen sich nicht selbst schaden;
2. die Anfälle sind zu unterdrücken; ,
3 der Blutdruck ist zu senken und die Diurese zu heben, 1
4 den Kranken darf im Koma nichts zu trinken gegeben werden,
5. nach IJeberstehen der Anfälle ist wieder Flüssigkeit zuzu¬
führen, und zwar entweder subkutan oder durch Lingiessung
6. naclfu eberstehen der Anfälle ist die bestehende Nierenschadi-
Die Behandlung der Eklampsie trennt sich in eine aktive operative
und in eine konservativ-symptomatische Methode. . .
Die operative Entbindung war bis vor zehn Jahren die allgeme
anerkannte Behandlungsmethode der Ekhmpsie. Sie gründete
auf die Anschauung, dass die Eklampsie durch Giftstoffe hervorge-
mfen wird, die vom Fötus oder von der Plazenta produziert werdei
Seitdem die fötalen und plazentaren . Theorien zum gossen
widerlegt worden sind, hat auch die operative Behandlung in der
Form der forcierten Schnellentbindung mehr und mehr an A^ham,ern
verloren und wird jetzt im allgemeinen nur bei besonderen Vtrlauis-
arten der Eklampsie noch verwendet. Als operative Entbind.ings
methoden kommen in Frage:
1. Die Beckenausgangszange;
2. der vaginale Kaiserschnitt;
3. der abdominelle Kaiserschnitt. ,
Wir stehen auf dem Standpunkt, eine Eklamptische dann zu ent¬
binden. wenn die Entbindung ohne grosseren Eingriff möglich ist, also
die Zange auszuführen, wenn die Vorbedingungen erfüllt sind. Die
forcierte sofortige Entbindung dagegen führen wir im allgemeinen
nicht mehr so oft aus wie früher, sondern beginnen bei uneroffneten
Weichteilen erst mit der Behandlung mit narkotischen Mitteln und
entbinden meist nur dann, wenn nach Einleitung der narkotischen
Behandlung die Anfälle weitergehen. .
Bei einer Erkrankung wie die Eklampsie liegt natürlich jeder F. 1
anders und wir werden in der Klinik die Behandlung doch noch
öfters aktiv gestalten, wenn wir im Privathause in gleicher Lage kon¬
servativ vorgehen würden. Das Hauptergebnis der Erfahrungen der
letzten Jahre liegt darin, dass wir im Privathause mit ruhigem Ge¬
wissen als Behandlungsmethode den Aderlass und Narkotika wall en
können, ohne uns den Vorwurf einer Unterlassung machen zu müssen.
Für die forcierte Schnellentbindung stehen der vaginale Kaiser- 1
schnitt und der abdominelle Kaiserschnitt zur Verfügung. Im allge-l
meinen wird der vaginale Kaiserschnitt als der geringfügigere Eingriff!
bevorzugt. Nur in Fällen, bei denen die Zervix noch erhalten is ode l
das Kind sehr gross ist, wird der abdominelle Kaiserschnitt a sj
Entbindungsmethode gewählt. Immer muss nach der Entb mdung de!
Behandlung mit narkotischen Mitteln durchgefuhrt werden, wen I
die Anfälle fortdauern, muss sofort ein Aderlass vorgenominenl
werden. konservative Behandlung mit Aderlass und!
N J Die° Hauptsache ist das Unterdrücken der Anfälle und die Se"j
kung des Blutdrucks, zugleich die Fernhaltung aller ausseren Reize!
Als das wichtigste Mittel zu diesem Zweck wird der pr i mart
Aderlass empfohlen, und zwar soll die Blutentnahme eine beträcht¬
liche sein, mindestens 500 ccm, bei sehr gespanntem Blutdruck bis zi
800 ccm. Vom primären Aderlass darf nur dann abgesehen werden!
wenn xlie Geburt in ganz kurzer Zeit, etwa V2—I Stunde, ^u erwarteij
ist. Der Aderlass wie alle Eingriffe sollen in leichter Narkose ai isge
führt werden. Als Narkotikum empfehlen wir grundsätzlich Chlorol
form, weil ihm eine blutdruckherabsetzende Wirkung mnewohnt. j
Als Narkotika wählen wir entweder Morphium und Ghloralhydraä
oder Luminalnatrium und Magnesium glycermo-phosphoricum ); da
letztere bevorzugen wir jetzt. Das Morphium und Chloralhydrat
abreichen wir nach den Grundsätzen von G. Veit in weiterer Moda
fikation:
Zu Beginn der Behandlung: 0,015 Morphium, hydrochh subkutan; I
1 Stunde nach Beginn der Behandlung: 2,0 (1,5 2,5) Chloralhydrat I
3 Stunden . „ 0,015 Morphium hydrochl. subkutan. ■
7
13
21
2,0 Chloralhydrat intrarektal.
1,5 (1,0 — 2,0) Chloralhydrat.
1,5 Chloralhydrat.
Wir bevorzugen in den letzten Jahren in der Münchener Frauer
klinik Luminalnatrium und geben es nach folgendem Schema.
Zu Beginn der Behandlung: 0,4 Luminalnatrium in 2,0 ccm dest. Wasstl
+ 10 ccm Magnesium glycerino-phosphoricum, I
nach 8 Stunden: 0,4 Luminalnatrium.
„ 16 „ : 0,4
alles in Form von Injektionen.
Es sei nochmals betont, dass man bei erfüllten Vorbedingungt
pntbinden kann: die Entbindung ist aber nur dann unbedingt no
2) Zschr. f. Qeburtsh. u. Gyn. 79.
=) \V uth: D.m.W. 1922 Nr. 40.
4) v. Miltner: Mschr. f. Geburtsh. u. Gyn. 1920.
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
979
wendig» wenn die Anfälle fortdauern. Hören die Anfälle nach Ein¬
setzen der Behandlung auf, dann kann man ruhig die Spontangeburt
abwarten. Gehen die Anfälle nach Einsetzen der Behandlung und
trotz der Entbindung weiter, so soll ein zweiter Aderlass von etwa
2t)i) 350 ccm ausgeführt werden. Bei üblem Geruch ans dem Munde
ist es zweckmässig, den Magen auszuhebern und auszuspülen, denn er
ist ein Zeichen dafür, dass es zum Zersetzen von Mageninhalt gekom¬
men ist. Die Magenspülung hat durch Einführen der Schlundsonde
durch die Nase zu erfolgen; daran soll man eine Eingiessung von
etwa Vs Liter Zitronenlimonade anschliessen. Auch diese Eingriffe
müssen zur Fernhaltung aller Sinnesreize in leichter Narkose vorge¬
nommen werden, ebenso wie auch die Chloralhydrateingiessung in
das Rektum. Zur Hebung der Diurese sind Euphyllininjektionen an¬
zuraten. da dieses Mittel keinerlei bluterhöhende Eigenschaften be¬
sitzt. Von anderen Mitteln, die in der Therapie der Eklampsie aus¬
probiert werden, möchte ich noch das in Nordamerika und Italien
viel gebräuchliche Veratum viride erwähnen. Es wird 1 ccm des
Extractum fluidum als Injektion gegeben. Neuerdings haben wir En-
zytolinjektionen gegeben; doch können wir nicht über irgendwelche
besondere Resultate berichten.
Zum Verlauf der Erkrankung will ich hier nur die wenig bekannte
Tatsache bemerken, dass in manchen Fällen eine vollkommene
Amaurose auftreten kann. Sie findet sich bei exakter Beobachtung
gar nicht selten; so gibt R. Hirsch’’) in seiner Zusammenstellung
3 Proz. Amaurosen an. Diese hat bei der Eklampsie immer eine ab¬
solut günstige Prognose; sie kommt stets wieder zur Heilung.
Die Eklampsie hat im allgemeinen eine Sterblichkeit von etwa
15— 2ü Proz. In hiesiger Klinik haben wir eine Mortalität von zirka
ES Proz. Die günstigste Statistik, die bisher über Eklampsie vorliegt,
wurde in der Leipziger Frauenklinik unter P. Zweifel mit der ab¬
wartenden Behandlung erzielt. In den Jahren 1911 12 kamen ohne
j jeden Abzug 94 Fälle von Eklampsie zur Behandlung, von denen nur
5 Kranke, also 5,3 Proz., ad exitum kamen, ln einer Reihe wurden
damals 74 Eklampsien nacheinander geheilt.
und
Ab-
aus
12,3
Eigene Resultate.
, In der Münchener Frauenklinik haben wir vom 1. Januar 1913
bis 31. Dezember 1921 auf 29 733 Geburten 190 Eklampsiefälle be¬
obachtet, also 1 : 156 = 0,64 Proz.
Von den Kranken waren 145 Erstgebärende = 76 Proz.
45 Mehrgebärende = 24 Proz.
Die Mortalität war eine ziemlich hohe; sie betrug ohne alle
Züge 17,39 Proz.; das ist fast die gleiche Zahl wie für 153 Fälle
den Jahren 1906—1912 (17,64 Proz.).
Unmittelbar an der Eklampsie sind 23 Frauen gestorben =
Proz Mortalität, während 7 mittelbar nach überstandener Eklampsie
an deren Folgen, meist Aspirationspneumonie, zugrunde ge¬
gangen sind.
Sehr auffallend ist die Tatsache, dass die mütterliche Sterblich¬
keit am höchsten bei Eklampsien des 7. Monats ist und dass sie von
da ab bis zur Geburt konstant abnimmt, eine Beobachtung, die unbe¬
dingt einer Nachprüfung wert ist. Selbstverständlich bessert sich
auch gleichzeitig die Prognose für das Kind, je mehr es sich dem Zeit¬
punkt der Reife nähert.
Zu bemerken ist, dass die Mortalität bei Mehrgebärenden viel
höher (28,9 Proz.) ist als bei Erstgebärenden (15,32 Proz.); die Zahlen
sind fast genau wie die von Lichtenstein (15,65 Proz. bei I. Parae,
2N.73 Proz. bei Multiparae), und auch fast alle anderen Autoren kommen
zu demselben Resultat. Demnach hat die bei Mehrgebärenden kür¬
zere (ieburtsdauer jedenfalls keinen günstigen Einfluss auf den Ver¬
lauf der Eklampsie.
Die Mortalität der Kinder berechnet sich nach Abzug von einer
lebensunfähigen Frühgeburt auf 39,5 Proz.
Betrachten wir nun die Mortalität der Mütter genauer, so finden
wir bei Schwangerschaftseklampsien (64 Fälle) 32 89
Prozent Sterblichkeit. Wenn man die nicht entbundenen Fälle — 13 an
Zahl — weglässt, von denen 11 gestorben sind, so ergibt sich 19,6
r.rozen t Sterblichkeit. Man kann aber keine Schlussfolgerungen aus
diesen Resultaten ziehen, weil bei den meisten unentbunden üestor-
aeiien auf die Operation wegen zu schlechten Allgemeinzustandes ver¬
zichtet wurde, d. h. die Prognose war bei Eintritt in die Klinik schon
Ihoftnungslos.
Bei Geburtseklampsien finden wir 10,84 Proz. Mortalität,
aei W o c h e n b e 1 1 s e k 1 a m p s i e n 11,62 Proz. Mortalität.
Ganz merkwürdig ist die auffallend geringe Mortalität der Fälle,
die spontan verlaufen sind oder durch einfache Zange beendigt wur-
Jen wobei betont werden muss, dass dies keineswegs nur leichte
Ta e waren. Im Durchschnitt hatten die konservativ behandelten
i , -8 A'lfälle- Für d'e „spontan verlaufenen“ Schwangerschafts-
ek ampsien (29 Fälle) ergibt sich 10,35 Proz. Mortalität, Geburts-
;i"a£)Psi£n (33 Fälle) 6,06 Proz. Mortalität, Wochenbettseklampsien
>20 Falle) 5 Proz. Mortalität.
Die gleiche Beobachtung hat auch Plotkin (1913) in seiner
Doktorarbeit aus hiesiger Klinik gemacht. So fand er bei 28 Eklamp-
ischen aus den Jahren 1890 — 1906, die spontan niedergekommen oder
iurch Zange entbunden worden waren, eine Mortalität von 10,71 Proz.
segen 29,16 Proz. bei den durch vaginalen Kaiserschnitt operativ
5) R. Hirsch: Mschr. f. Qeburtsh. u. Qyn. 1922.
Entbundenen, für die Jahre 1900-1912 bei spontan Entbundenen
15 1 roz. Mortalität, bei operativ Entbundenen 20 Proz. Mortalität.
Betrachten wir in der Statistik der letzten Jahre die Art der
Operation genauer, so finden wir bei Spontangeburt (82 Fälle) 7,34
1 roz. Mortalität der Mütter, bei Beckenausgangszange (25 Fälle)
8,0 Proz. Mortalität der Mütter, bei forcierter Entbindung (51 Fälle)
21,59 Proz. Mortalität der Mütter.
Bestand die Behandlung bei Schwang crschaftseklamp-
sie in Aderlass mit Verabreichung von Narkotika, mit oder ohne
Zange, so betrug die Mortalität 9,7 Proz., bei grösseren Operationen
mit oder ohne Aderlass und Narkotika 35 Proz.
für die Geburtseklampsien finden wir bei Aderlass mit
Narkotika, spontan oder mit Zange (56 Fälle), 7 Proz. Mortalität, bei
Operation mit oder ohne Aderlass und Narkotika (26 Fälle) 15 Proz
Mortalität.
Wir wollen hier nicht auf die Einzelheiten der Statistik eingehen,
wir verhehlen uns auch nicht, dass schliesslich bei der Eklampsie jeder
Fall anders liegt, das eine geht aber aus den hier wiedergegebenen
Zahlen einwandfrei hervor, dass die Mortalität bei den spontan ent¬
bundenen Eklampsien unter Einschluss der Beckenausgangszangen
auffallend gering ist im Vergleich zu den „operativ“, also durch vagi¬
nalen oder abdominellen Kaiserschnitt entbundenen Kranken. Auch
I iotkin hatte die weitaus geringste Mortalität bei den spontanen
Entbindungen gefunden. Gewiss sind die Zahlen noch klein, aber bei
der Konstanz der Resultate doch immerhin gross genug, um nicht als
Zufallsergebnisse gelten zu dürfen.
Jedenfalls müssen wir feststellen, dass unter unserem Beobach¬
tungsmaterial die konservative Geburtsleitung ein auffallend giin-
stiges Resultat gezeitigt hat. Es waren keineswegs nur die leichteren
rtillc, bei denen konservativ behandelt wurde, und die schweren, bei
denen mehr operativ vorgegangen wurde. Auch war bei einer ganzen
Zahl der schweren Fälle die Geburt schon zu Beginn der Behandlung
soweit fortgeschritten, dass man die Entbindung durch Zange vollen¬
den konnte, und aus unserer Statistik geht ja hervor, dass auch die
einfache Zangenoperation ein sehr günstiges Resultat in der Therapie
der Eklampsie ergibt.
Für die Zukunft werden wir jedenfalls dieses Resultat beachten
und mehr konservative Behandlung treiben. Nur dann, wenn die
Anfälle nach Einsetzen der narkotischen Behandlung mit Aderlass
noch fortdauern, scheint der vaginale Kaiserschnitt noch am Pla+ze
zu sein.
Aus der medizinischen Poliklinik der Universität Hamburg
(Direktor; Prof. Dr. Schottmüller.)
Ueber ein neues Blutkulturverfahren in Gelatine.
Von Privatdozent Dr. K- Bing old.
Bringt man frisch aus der Vene entnommenes Blut in ein Rea¬
genzglas mit 10—15 proz. Nährgelatine, die bei 20—30 Grad C flüssig
gemacht wurde, und lässt diese Mischung bei Brutofentemperatur
(37 Grad) stehen, so setzen sich nach einiger Zeit die Erythrozyten
zu Boden, und über dem Sediment bleibt die Flüssigkeit mehr oder
weniger durchsichtig. Der Vorgang ist damit aber noch nicht ganz
zu Ende. Nach einigen Stunden, frühestens nach einer halben Stunde
tritt eine Gerinnung der Flüssigkeit ein, und es entsteht ein zuerst
sulziger, dann halbstarrer Zapfen, der häufig in einen dünnen flüssigen
Gelatinemantel eingebettet ist.
Diese letztgenannte Erscheinung ähnelt dem Phänomen, das wir
bei Ausprobierung der 10 proz. Peptonbouillonkultur an der Klinik
unter gewissen Umständen schon früher beobachten konnten und
über das Le Blanc1) seinerzeit ausführlich berichtet hat. Während
die Gerinnung in der 10 proz. Peptonbouillon jedoch häufig ausbleibt,
kann man sie in der Qelatine-Bl'utkultur unter obigen Voraussetzungen
so gut wie konstant erkennen.
Es zeigte sich nun fernerhin, dass in dem halbstarr gewordenen
Nährmedium (Plasmagelatinc) im Blute kreisende Bakterien sehr gut
zur Entwicklung gelangen. Die Vorteile, die dieses neue Blutkultur¬
verfahren darbietet, sind kurz folgende:
Unter der Gerinnung leidet die Durchsichtigkeit des
Nährbodens nur in geringem Grade. Man kann sich daher leicht über
das Vorhandensein von Einzelkolonien informieren; diese gelangen
sichtbar zum Wachstum, wie unten näher beschrieben werden soll.
Die Technik dieser Blutkultur ist ausserordentlich einfach und
bedarf wesentlich geringerer Vorbereitungen als die Blutagarkultur.
Zur Flüssigmachung der Gelatine werden die Röhrchen in warmes
Wasser gestellt, und damit ist das Nährmedium gebrauchsfertig. Hat
man das Blut (3 — 4 ccm pro Röhrchen) vorsichtig einfliessen lassen
und ist die Sedimentierung eingetreten, so kann man die Kultur in
kaltem Wasser oder auf Eis wieder erstarren lassen und sie so un¬
schwer transportieren bzw. zur Bebrütung und nachfolgender Unter¬
suchung einem Laboratorium zuschicken. Dort wird der Inhalt der
Röhrchen in warmem Wasser wieder verflüssigt. Besser ist es
natürlich, wenn die Möglichkeit gegeben ist, sie gleich in den Brut¬
ofen zu stellen. Bei einer Temperatur von 37 Grad C tritt dann der
J) Le Blanc: M.K1. 1921 Nr. 12 und Schottmüller. Leitfaden für
die klinisch-bakteriologischen Untersuchungen (Urban & Schwarzenberg 1923).
3*
980
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 80.
Gerinnungsprozess und das Bakterienwachstum ungehindert e n, auch
wenn einige Zeit lang der Gerinungsvorgang unterbrochen war.
Lässt man die Blut-Gelatinemischung erstarren bevor -de Lrj-
throzvten sich zu Boden setzten, so kann man im Laboratorium die
wieder flüssig gemachte und vorsichtig aufgeschuttelte Mischung cv.
'mph mit Aear vcrmciizcn und zu Platten ausgiessen.^ . .
Die Vorzüge des Kulturverfahrens liegen aber in erst®r.L!J11®
i„ der ha'Srren Beschaffenheit der Plasmasäule, deren Volumen
verschieden Kross sein kann. Durch das Zubodensinktn der
throzyten vermindert sich, wie es scheint, wesentlich die Baktc r
z i d i e des keimhaltigen Blutes. .. „..„u
Durch die natürliche Eiwcissbei men g u n g g^dcd^nNaäh
Bakterien, die für gewöhnlich grosse Anforderungen an den i Nähr¬
boden stellen. Zusatz von Serum, deformiertem Blut oder Aszites
fliissigkeit wird dadurch hinfällig. So ist es uns schon gelungen, b
einer Endocarditis gonocpccica die Erreger in grosser Zahl aus dem
BIUtZum Nachweis von Anaerobiern bedarf es keinerlei Q^anzusatz
Massnahmen, den Sauerstoff zu entziehen oder durch Organzusatz
eine Anaerobiose herbeizuführen. Das Erythrozytensediment rtu
dafür völlig aus. Will mau ein übriges tun, so kann Sem man die
nachdem es erst zur Gerinnung gekommen ist, oder indem man o e
Gelatine in der Kälte vorübergehend hat erstarren lassen, mit A„c
überschichten. Meist ist diese Manipulation aber überflüssig.
Die Bakterien wachsen häufig unter Darbietung ihrer wichtigsten
Eignschaft eil : Die Aerobier z. B. in Form geschlossener Kolonien.
Gelegentlich täuschen bei der Beurteilung, ob Kenne vorhanden sind,
die Knoten des Fibrinnetzes Kolonien vor. Den Geübten stören solche
„Pseudokolonien“, die .sich im Dunkelfeld häufig als Fadchen
mit Scheinbewegung erweisen, nur wenig.
Blutfarbstoffresorption ist bei manchen Keimen deut
lieh in Gestalt einer hämolytischen Kapsel vorhanden Gut gedu u
auch Pneumokokken, der Streptococcus mucosus und viridans und
andere Erreger, ohne allerdings sichere Unterscheidungszeichen da ¬
zubieten. Manche Bakterien verflüssigen die Gelatine, wen
man die Kultur nachträglich bei Zimmertemperatur weiter stehen
lässt. Es findet also oft eine sekundäre Anreicherung im
Gelatinemantel statt. Eigenartigerweise Hessen häufig die lyplns-
bazillen das Entstehen geschlossener Kolonien vermissen. Ein Aus¬
strich aus der Kultur bewies aber, dass diese Keime zahlreich in dei
Blutgelatine vorhanden waren. Dieses gelegentliche Ausbleiben sicht¬
barer Kolonienbilder lässt es ratsam. erscheinen, andere Blutkultur¬
methoden dort, wo die Möglichkeit besteht, nebenher zu benutzen
ln typischer Weise geht das Wachstum der pathogenen Ana¬
erobier vor sich. Man findet z. B. den Streptococcus putnficus
(Schott m ü 1 1 e r) zuerst in Form einer geschlossenen Kolonie,
nach einiger Zeit tritt Gasbildungau f, w o d urc h der g a n z e
Zapfen zusammengepresst und in die Hohe ge¬
trieben wird. Entsprechend der Erregereigenart kommt hie und
da auch Gestankentwicklung zustande. E. Fraenkel-
sche Gasbazillenkolonien bleiben geruchlos und uberwuchern leicht,
ähnlich wie in der Kitt sehen Bouillon, andere Keime.
Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass man die Kolonien
jedem Stadium der Entwicklung festhalten und konser¬
vier e n kann. Man braucht die Röhrchen nur zu einem bestimmten
Zeitpunkt auf Eis zu stellen. In jeder Form kann man dann die Kul¬
turen monatelang, aufheben. . , , . . . ,, „ _
Ueberraschend einfach gestaltet sich die weitere Ver-
arbeitung- Man lässt den Gelatine-Plasmazylmder auf eine Petri¬
schale herausgleiten und fixiert ihn, indem man eine oder
zwei Agarröhrchen darüber ausgiesst. Aus der erstarrten, durch¬
sichtigen Kulturmasse kann man die einzelnen Kolonien bequem her¬
ausstechen und weiter untersuchen.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik zu Marburg a. L
(Direktor: Prof. Dr. A. Läwen.)
Der Einfluss der Röntgenstrahlen auf den Knochen.
Von Priv.-Doz. Dr. Walther Müller, Assistent der Klinik.
I. Röntgenstrahlen und Knochenwachstum.
Sehr bald nach Entdeckung der Röntgenstrahlen wurden die bio¬
logischen Wirkungen derselben auf die Zellen bekannt, man lernte die
verschiedene Sensibilität der einzelnen Zellarten kennen und
fand, dass speziell die Zellen, welche ein sehr rasches Wachstum
aufweisen, die sich in steter Teilung befinden (Zellen der Keimzentrcn
in den Follikeln, Keimzellen, Epithelzellen usw.) eine besondere Strah¬
lenempfindlichkeit besitzen, während andere kaum mehr in Ieilung
begriffene Zellen (Bindegewebe) sich fast gänzlich indifferent er-
wiesen. Daraus geht schon hervor, dass an dem fertigen Knochen¬
gewebe kaum erhebliche Einwirkungen der Röntgen- oder Radium¬
strahlen zu erwarten waren und es hat sich auch in der lat gezeigt,
dass an dem einmal gebildeten fertigen Knochen¬
gewebe so gut wie keine Veränderungen auch nach
intensiven Bestrahlungen sich einstellen. Dagegen war
anzunehmen, dass die in rapider Teilung begriffenen Zellen der Epi-
physenfugen eine sehr erhebliche Sensibilität zeigen wurden.
Zahlreiche Versuche haben auch ergeben, dass die knorpeligen
Wachstumszonen gegenüber Röntgenstrahlen-
«ir i r k ii u y c n recht e m pfindl ich sind. m
Welcher Art dabei die Prozesse sind, welche sich unter dem Ein¬
fluss der Röntgen- oder Radiumstrahlen in den Zellen abspielen, dar¬
über sind wt heute noch fast gänzlich im
darüber auf gestellter Theorien. Es sind die V <;r m Teden-
sjcr, dabei an den Wachstumszonen abspielen, im wesentlichen jeauj
faüs an die in dauernder Teilung begriffenen Zellen geknup , und
zwar wird? wie e? scheint, die Teilungsfähigkeit dieser Zellen in
erster Linie beeinflusst. .
Die Wirkung der Röntgen- und fedlumstrahlen ist bekamiD
^'vS^eÄS^r^rr^d^eÄÄeÄwjrL;
£ S ÄS SÄÄE ÄÄft
dagegen wirken hemmend, die Teilungsfalugkeit der Zellen ist herab
sreset/t es resultiert verlangsamtes Wachstum, schliesslich sogar
und Tod der Zellen. So müsse» wir auch an
den Wachstumszonen der Knochen w achs tu m s io r d e r 1 d ®
und wachstumshemmende Wirkungen der . trah ei*j
unterscheiden. , __ , , •
Ueber die wachstumshemmenden Wirkungen der Rontgenstrah en
am wachsenden Skelett sind eine ganze Reihe von experimentellen
Erfahrungen vorhanden. V;. .
Pnrthes machte die folgende interessante Beobachtung: 3 Ku-Ken
Alter von 1 Tag wurden bis auf einen Flügel vollkommen mit Blei a -
gedeckt und dann in 10 cm Abstand 45 Minuten ohne Filter bestrahlL es wur
also eine mächtige Strahlendosis verabreicht. Bereits nach 12 Tagen war
eine erhebliche Verkleinerung des bestrahlten Flüge LäAz endiffe?
wohl Federlänge wie auch die Länge der K"oGien bctra , die Langend
renz am Humerus betrug 1 mm. am Radius 3 mm, amin^kjSclen3
Ganz, ähnliche Resultate ergaben auch Versuche ^ ‘Udere
Rdcamier bestrahlte bei Hasen isoliert die langen Kohrk.nKin.iun
und konnte hei ausgewachsenen Tieren keine veränderungen erzielen dag,.gej
f ind er hei jungen Tieren die kontinuierliche Entwicklung des Fernstes g.
hemmt Bei jungen Katzen trat hei einseitiger Bestrahlung emer Kopfha fte
eine Wachstu.nshemmung an den Schädelknochen auf, diese» ben war r*n M«.
ner und auffallend atrophisch. Bei jungen Hühnern erwies sich das bes“a“Ee
linke Bein gegenüber dem unbestrahlten als schmächtiger, kurzer and schwa¬
cher die unteren Abschnitte der Extremität wiesen eine zunehmende Krum.
nuuig auf und waren stark atrophisch. Die Knorpelveranderungen wurT.tr
an jungen Katzen studiert. Der Epiphysenknorpel erwies sich als verbreiteit.
1 sei in und Dicterle stellten an den Wachstumszonen folgende
Strahlenwirkungen fest: üertliche Röntgenbestrahlung erzeugt beim Hund
am Orte der Bestrahlung eine um so grössere Wachstumshemmung und Ver¬
kürzung des bestrahlten Gliedes, je stärker die Dosis und je jünger das Tier
ist „Mikroskopische Untersuchungen ergaben charakteristische Veran
riingen nicht nur der Epiphysenlinie, der Knorpelwucherungszone nid Lr-
schhessun.gszone, sondern auch typische Veränderungen des Epiphysen- und
aUChFdöSr^teSlfnTÄhlte einem 8 Tage alten Hund unter Abdeckung
des übrigen Körpers durch Bleigummi die linke hintere Extremität bis z«
Glutäalgegend 10—20 Minuten *hne Filter bei 20 cm Fokusdistanz. Schon
nach 14 Tagen war der Fuss (Calcaneus bis Zehenspitze) um 1 cm hinter der
Lä„ge des Ken Fusses zurückgeblieben. Bei der Tötung nach Mona¬
ten betrug die Längendifferenz am Röntgenbild ermittelt am Femur 10 mm.
q (j„r Tibia 38 mm, am Fuss 25 mm, also ganz erhebliche unter
schiede! Das Röntgenbild zeigte auch, dass die bestrahlte Beckenhalftc
viel schwächer war. Die Versuche wurden an Kaninchen fortgesetzt un
auch hier regelmässig bei genügend langer Strahlen^rkung l0 20 Minuten)
erhebliche Wachstumsstörungen festgestellt. Je älter die Tiere bei der ne
Strahlung waren, desto geringr waren die Wachstumsunterschiede. U
suchungen bei jungen Ziegen ergaben ähnliche Wachstumshemmungen, ins¬
besondere waren bei Bestrahlung einer Kopfhälfte am Oberkiefer ganz erheb¬
liche Wachstumsstörungen vorhanden. Aehnliche Beobachtungen stammen v
K ' USkeegnablCerhgat auf Grund von 34 Röntgen- und 7 Radiumbestrahlungen tu
8—14 Tagen alten Ratten folgende Ergebnisse über Bestrahlun^swirkungeii
auf das Skelett veröffentlicht: Mit geringen Dosen erzielte er Wachsums¬
hemmung, mit höheren Dosen vollständigen Wachstumsstillstand. Der Unte
schied im Wachstum des bestrahlten Oliedes gegenüber dem unbestraften wm
erheblich. Die Entwickelungsstörungen waren bleibende, neben Verkür¬
zungen auch Deformationen. Histologisch fand sich: Degeneration der Zt lei
der Epiphysenfuge und Aenderungen der Struktur, der Epiphysenknoipt
zeigte in der Entwicklungsperiode besondere Radiosensibintat,
All der Tatsache einer Wachstumshemmung des Knochens untei
der Wirkung der Röntgenstrahlen kann demnach kein Zweifel be¬
stehen, die liier etwas ausführlicher angeführten Versuche sprechci
eine eindringliche Sprache! Es ist dies zu betonen, weil z. B. Wal-
t e r bei jungen Hunden, Lämmern, Kaninchen und Meerschwcinchci
nach Röntgenbestrahlungen keine nennenswerten Knochenverande
rungen feststellen konnte. Seine Versuchsergebnisse sind etwa:
überraschend im Vergleich mit den oben angeführten und vielleich
dadurch erklärlich, dass einmal die angewandten Dosen, für derei
Grösse sich kaum richtige Vergleiche anstellen lassen, zu klein ge
wählt waren, und weiterhin spielt offenbar das Alter der 1 lere ein'
recht erhebliche Rolle. I s e 1 i n konnte an bereits 9 Wochen altei
Tieren auch durch längere Bestrahlung keine Verkürzung der Kno
eben mehr erzielen. V. Hoff mann gibt als Dosis für die Wachs
tumshemmung auch bei schon älteren noch wachsenden Heren etw
40 Proz. der Hauteinheitsdosis an, eine Zahl, die mir reichlich gerin
namentlich auch für ältere Tiere erscheint. Mikroskopisch fan
Hoff mann die Knorpelwucherungszone etwas breiter, die Knorpel
zellen standen weit auseinander und der Verkalkungsprozess war zv
rückgeblieben. Bei nervengelähmten Extremitäten und überhaut
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
981
unter Bedingungen, welche das Skelettwachstum an und für sich
langsamer gestalten, soll die Strahlenempfindlichkeit geringer sein.
Es sind auf Grund der angeführten experimentellen Ergebnisse
Befürchtungen laut geworden (F ö r s t e r 1 i n g), ob nicht bei Rönt¬
genaufnahmen oder bei Bestrahlungen kindlicher Gelenke dann
Wachstumshemmungen zu befürchten sind; wenn man die oben an¬
geführte H o f f m a n n sehe Zahl von 40 Rroz. HED. als hemmende
Dosis annähme, wären solche Befürchtungen in der Tat sehr nahe¬
liegend. In der Praxis haben sich aber derartige Befürchtungen
als nichtig oder zum mindesten übertrieben erwiesen. Es ist von der¬
artigen Wachstumshemmungen nie etwas bekannt geworden. Offen¬
bar sind die dazu notwendigen Strahlendoscn eben doch erheblich
höher, und vor allem ist in dem Alter, in dem die Kinder gewöhnlich
Strahlenwirkungen ausgesetzt werden, die Radiosensibilität der
Wachstumszonen schon ganz erheblich gemindert.
Im Gegensatz zu den allgemein anerkannten wachstumshemmen¬
den Wirkungen der Röntgenstrahlen sind die wachstumsför¬
dernden Wirkungen noch keineswegs so sichere und allgemein
anerkannte. Für Pflanzenkeimlinge sind diese Verhältnisse auch
schon in zahlreichen Versuchen noch am meisten studiert und
sichergestellt. Gottwald Schwarz, Czepa und Schindler
haben aber auf Grund von an vielen tausenden Exemplaren
verschiedenster Pflanzenarten angestellten Versuchen eine Wachs¬
tumsreizung auch hier nicht finden können und weisen
| darauf hin, dass die in der Literatur zirkulierenden Angaben über das
Bestehen einer solchen Reizwirkung (Angaben, die schon zu weit¬
gehenden praktischen Folgerungen in der Therapie verwertet wur-
[ den) als nicht genügend fundiert zu bezeichnen sind. Wachstums¬
hemmung durch energische Röntgen- und Radiumbestrahlung bei
Pflanzen oder Samen ist dagegen vollkommen erwiesen. Auch
Kienböck leugnet wachstumsfördernde Strahlenwirkungen. Bei
tierischen Zellen, insbesondere bei solchen höherer Tierarten, liegen
| die Verhältnisse noch viel ungünstiger. Hier ist es ungeheuer schwie¬
rig, wenn nicht unmöglich, gerade die richtige Dosis herauszufinden,
I denn die Dosenbreite, innerhalb derer gerade eine wachstumsför-
dernde Wirkung zustandekommt, ist sehr schmal und die Wachs-
| tumsvermehrung ist in der Regel wohl sehr gering und oft noch
innerhalb der individuellen Schwankungen gelegen, so dass sie
schwer nachweisbar wird. Dies ist wohl der Grund, dass von den
wachstumsfördernden Strahlenwirkungen wenigstens bei Organen
höherer Tiere nur wenig die Rede ist.
1 s e 1 i n und D i e t e r 1 e konnten an Hunden, Ratten und Mäu¬
sen beobachten, dass bei örtlicher Strahleneinwirkung an der Stelle
der Belichtung zwar die wachstumshemmende Wirkung eintrat, dass
: aber daneben im wachsenden Körper eine ganz ausgesprochene Fern-
: Wirkung im Sinne einer Beschleunigung des gesamten Wachstums
eintrat.. „Die Belichtung von Gelenken kann bei Mäusen, Ratten
und Hunden ein rascheres Körperwachstum zur Folge haben, selbst
dann, wenn am Orte der Bestrahlung beträchtliche Verkürzung auf-
| tritt.“ Neuerdings glaubt V. Hoffman n an den Wachstumszonen
junger Kaninchen und Katzen wachstumsfördernde Wirkungen bei
Strahlendosen zwischen 10 und 20 Proz. der HED. gesehen zu haben.
■ Vorübergehend war eine Längendifferenz zugunsten der bestrahlten
j Seite vorhanden, es waren jedoch so geringe Ausmasse, dass sic
noch innerhalb der normalerweise vorkommenden Abweichungen
liegen. Weiter wird auf das histologische Bild hingewiesen, wo eine
Verbreiterung der Knorpelwachstumszone vorhanden war (die ja
gerade auch bei Strahlenschädigung beschrieben wird!) und die Säu¬
len der Knorpelzellen dichter standen als auf der unbestraften
Seite.
Die angeführten Befunde sind jedenfalls noch nicht überzeugend
genug, um als Beweis für eine wirkliche wachstumsfördernde
Strahlenwirkung zu gelten.
EsgiltauchheutewohlnochimmerderSatz, dass
wachstumsfördernde Strahlenwirkungen an nor¬
malen Gewebes und insbesondere am wachsenden
Knochen, wenn auch theoretisch möglich, so
doch praktisch bisher noch nicht als sicher er¬
wiesen gelten können.
II. Röntgenstrahlen und Knochenregeneration.
Die Röntgenstrahlen äussern ihre hemmende bzw. fördernde Wir¬
kung, wie oben schon auseinandergesetzt wurde, in erster Linie auf
die in starker Teilung, also in raschem Wachstum befindlichen
jugendlichen Zellen. Solche sind nun bei der Frakturheilung in dem
jungen, sich regenerierenden Gewebe zweifellos vorhanden und es
liegt infolgedessen der Gedanke nahe, dass man bei den genannten
Prozessen und Röntgenstrahlen eine sichtbare Wirkung im Sinne
einer Verlangsamung oder Beschleunigung der Kallusbildung erzielen
könnte. Der Angriffspunkt derartig wirkender Faktoren wären die
Zellen selbst, die zu erhöhter oder geringerer Tätigkeit angeregt
werden.
Es sind nach dieser Richtung hin eine ganze Anzahl experimen¬
teller Untersuchungen angestellt worden.
S a 1 v e 1 1 i setzte Frakturen am Radius und bestrahlte 24 Stunden spä¬
ter unter sorgfältiger Abdeckung des übrigen Körpers. Es wurde täglich 1 mal
10 Minuten iang bestrahlt. Genaue Angaben über die Strahlendosis werden
nicht gegeben, soweit sich dies beurteilen lässt, scheinen immerhin grössere
Dosen auf die Bruchstellen eingewirkt zu haben. Ganz analoge Frakturen
bei nichtbestrahlten Tieren dienten jedesmal als Kontrolle. Nach 5 — 30 Tagen
wurde histologisch untersucht. S a 1 v e 1 1 i stellte einen schädigenden Ein¬
fluss der Bestrahlung auf die Knochennarbe fest. In den ersten Stadien schien
der Bildungsprozess des Knochenkallus gestört zu sein, es erfolgte eine
grössere Produktion an Knorpelzellen. die auch länger erhalten blieben. Es
war eine erschwerte Umwandlung in osteoblastisches Gewebe und grössere
Schmächtigkeit der Knochenbälkchen festzustellen. Weiterhin beobachtete er
in späteren Stadien eine reichlichere Ablagerung von Kalksalzen, dadurch
entstand wohl eine grössere Härte des Kallus, die aber durch die Schmächtig¬
keit der Knochenbälkchen kompensiert erschien.
Von C 1 u z e t und D u b r e n i 1 wurden bei 8 Hunden die Untcrschcnkel-
knochen frakturiert und dann eingegipst. Bestrahlung 30 Minuten bis 1 Stunde
aus 15 cm Entfernung. Die Bestrahlung vor oder nach der Fraktur ver¬
zögerte die Kallusbildung erheblich und ebenso den Zeitpunkt der Kon¬
solidation. Schon äusserlich war keinerlei Anschwellung des geheilten Glie¬
des durch eine Kallusbildung festzustellen.
A 1 b e e konnte auf Grund experimenteller Untersuchungen keinerlei hem¬
mende oder fördernde Wirkungen auf den Knochenkallus erzielen.
Verfasser hat an einer Anzahl von Kaninchen diese Frage in der
Weise zu prüfen versucht, dass er beiderseits bei den Tieren ein
gleich grosses Stück aus dem Schafte des Radius resezierte
und dann mit kleinen Röntgendosen die eine Seite be¬
strahlte, die andere Seite diente als Kontrolle. Auf fortlaufenden
Röntgenbildern wurde dann die Regeneration der Knochenlücke ver¬
folgt. Es zeigte sich dabei, dass irgendwelche wesentlichen Unter¬
schiede zwischen bestrahlter und unbestrahlter Seite nicht vorhanden
waren. Die Bilder schienen auch bei den kleinen Dosen eher für
eine Hemmung als für eine Förderung der Knochenregeneration zu
sprechen.
Von der Erwägung ausgehend, dass kleine Röntgendosen die
Zelltätigkeit fördern, hat man versucht, auf diese Weise die Fraktur¬
konsolidation zu fördern. Es sind dafür z. B. M. Fränkel,
Esser u. a. eingetreten und sie glaubten, damit auch praktische
Resultate erzielt zu haben. Ebenso bestrahlte Köhler Frakturen
mit kleinen Dosen, in der Absicht, eine Reizdosis auf den Fraktur¬
kallus zu verabfolgen. Bei1 Tieren sah er im Gegensatz zu den oben
genannten Autoren bei grösseren Strahlenmengen (50 X) mit sehr
harten Röhren keine Verlangsamung der Frakturheilung, wie er
glaubt, infolge der nur geringen Strahlenabsorption im Knochen.
Dagegen glaubt er durch kleine Röntgendosen bei Kranken eine Ver¬
kürzung der Heilungsdauer feststellen zu können, gemessen an der
durchschnittlichen Heilungsdauer der einzelnen Frakturen der ver¬
schiedenen Knochen. Er untersuchte auch einige bestrahlte Fraktur¬
narben 14 Tage nach der Bestrahlung und betont in seinen Befunden
„die überaus reichliche Bildung von jungen Gefässen und die geradezu
ideale Umgrenzung der Knochenbälkchen mit Osteoblasten“. Auch
T a m m ann glaubt auf Grund seiner Tierexperimente an eine Be¬
schleunigung der Kallusbildung durch Röntgenstrahlen.
Wie schon in dem früheren Kapitel betont wurde, muss man mit
den wachstumsfördernden Strahlenwirkungen vorläufig recht vor¬
sichtig sein. Kaum bei den Pflanzen und noch viel weniger
bei höheren Tieren ist doch bisher einwandfrei gelungen, wirkliche
wachstumsfördernde Wirkungen nachzuweisen, wenn wir von dem
sogen. Wildwerden bestrahlter Karzinome und dem Auftreten von
Krebsinfiltrationen in der Nachbarschaft von Bestrahlungsherden
absehen, die freilicli auch zum Teil durch Wachstumsschädigungen
des Bindegewebes erklärt werden müssen.
Es hat übrigens die Methode der Bestrahlung von Frakturen
zum Zwecke einer Beschleunigung der Konsolidation keinerlei prak¬
tische Bedeutung erlangt und wird wohl höchst selten angewendet,
ein Zeichen dafür, dass nennenswerte Resultate nicht erzielt worden
sind.
Die wachstumshemmende Wirkung von Röntgenstrahlen in
grösserer Dosis auf den Frakturkallus darf wohl als einwandfrei
gesichert gelten.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik Göttingen.
(Direktor: Prof. Stich.)
Spastischer Ileus.
Von Prof. Dr. W. Koennecke, Oberarzt der Klinik.
Obwohl der spastische Ileus als selbständiges Krankheitsbild seit
mehr als 25 Jahren bekannt ist, finden sich in der Literatur nur etwas
über 50 Fälle mitgeteilt, die nicht einmal sämtlich diagnostisch ganz
einwandfrei sind. Die Ursache dürfte nicht allein in der Seltenheit der
Erkrankung zu suchen sein, sondern wohl auch in dem Umstand, dass
diesem Krankheitsbilde bisher eine scharfe Umgrenzung und exakte
Definition fehlt. Erkrankungen, deren organische Ursache wir nicht
oder nur zum Teil kennen, bringen leicht zwei Gefahren mit sich, die
sie in Misskredit bringen: Sie werden mit Hysterie und Nervosität
verquickt, und sie geben bisweilen eine willkommene Erklärung ab,
um bei negativem Operationsbefund ein Ignoramus oder eine falsche
Indikationsstellung zu verdecken. Der Diagnose spastischer Ileus
wird daher auch heute noch ein gewisses Misstrauen von kritischen
Chiruigen entgegengebracht. So berechtigt eine solche Skepsis in
der heutigen Medizin ist, so kann andererseits auch dadurch einmal die
Erforschung wichtiger Störungen gehemmt werden. Ich möchte ver¬
suchen, in folgendem an Hand der Erfahrungen der Göttinger Klinik
ein möglichst eindeutiges Bild des spastischen Ileus zu entwerfen.
982
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
An der Göttinger chirurgischen Klinik kamen 8 Fälle von spasti¬
schem Ileus zur Beobachtung1); davon stammt einer aus dem Jahre
19(10, die übrigen 7 aus dem letzten Dezennium. In früheren Jahren
mag zuweilen die Diagnose nicht gestellt sein, so dass auch hin¬
reichend zuverlässige Aufzeichnungen nicht gemacht wurden Nur
sichere und operativ bestätigte Fälle wurden berücksichtigt. Es ist
nicht unwahrscheinlich, dass zuweilen der Spasmus, der die Ileus-
erscheinungen hervorgerufen hatte, nach Eröffnung des Bauches und
während der Revision der Darmschlingen zurückgeht, ehe er zu
Gesicht kommt. In einem unserer Fälle löste sieh der Spasmus unter
unseren Händen. Es scheint uns jedoch vorläufig richtiger, bei
zweifelhaften Fällen mit der Diagnose zurückhaltend zu sein. Be¬
sonders scharf ist die Grenze zu ziehen gegenüber dem hysteri¬
schen Ileus. Gewiss können auf hysterischer Basis Ileuserschei-
nungen entstehen (Trommelbauch, geblähte Darmschlingen, Er¬
brechen, Verhalten von Stuhl und Winden), aber es fehlen ihm im
Gegensatz zum spastischen Ileus echte Stenosensymptome, und vor
allem fehlt ihm der objektive Befund am Darm nach Eröffnung des
Bauches. , ~
In unseren Fällen überwog auffallend das weibliche Ge¬
sell I e c h t, da 6 Frauen nur 2 Männer gegenüberstanden. Ebenso
ist es bemerkenswert, dass die meisten unserer Kranken in vorge¬
rücktem Lebensalter standen: 6 hatten das 50. Lebensjahr über¬
schritten. Es ist möglich, dass es sich hier nur um einen Zufall infolge
zu kleiner Zahlen handelt, denn aus Sammelstatistiken ist eine der¬
artige Gesetzmässigkeit nicht herauszulesen. _ ...
Die Anamnese des Ileus spasticus ist die eines mechanischen
Darmverschlusses und zwar mehr im Sinne eines Obturationsileus
als eines Strangulationsileus. Zuweilen, aber keineswegs immer, sind
schon fiiiher ähnliche Beschwerden vorhanden gewesen und spontan
zurückgegangen, häufiger hatten chronische Stuhlbeschwerden oder
umschriebene Bauchschmerzen bestanden, doch ist es auch durch¬
aus möglich, dass gleich die ersten subjektiv zum Bewusstsein
kommenden Erscheinungen sich zum Ileus entwickelten. Der Be¬
ginn ist akut oder subakut. Erbrechen, Verhaltung von Stuhl und
Winden wird meist angegeben, Schmerzen von kolikartigem Cha¬
rakter können sehr heftig sein, sind aber ebenso oft nur gering. Ganz
plötzlich waren bei unseren Kranken zweimal die Ileuserscheinungen
aufgetreten, während bei der Mehrzahl die Entwicklung der Stö¬
rungen mehr subakut war. 6 Kranke hatten erbrechen müssen, bei
zweien bestand nur Aufstossen. In 5 Fällen war eine völlige Verhal¬
tung von Stuhl und Winden vorhanden, während von dreien die Be¬
schwerden eines inkompletten Ileus angegeben wurden.
So wenig die Anamnese Schlüsse auf die spastische Natur des
Ileus zulässt, so wenig ist der objektive klinische Befund
dazu imstande. Wir finden Stenosenperistaltik, metallische Ge¬
räusche, Darmsteifungen, Meteorismus, Kantenstellung der Leber,
seltener ein eingezogenes und gespanntes Abdomen. Eins der siener-
sten Stenosensymptome, die Darmsteifungen, konnten wir in
6 Fällen feststellcn. In 4 Fällen fand sich ein ausgesprochener M e -
teorismus, in 3 Fällen war eine sonderliche Auftreibung des
Leibes nicht nachzuweisen, einmal war das Abdomen sogar einge¬
zogen und gespannt. Die Beteiligung des Allgemeinzu s t a n d es
war sehr ungleichtnässigi in einigen Fällen schwerkranker Eindruck,
in anderen nur lokale Symptome. Der Puls war meist beschleunigt
und bewegte sich 5 mal zwischen 90 und 120 Schlägen, 3 mal um
70 herum. Die Temperatur war fast immer normal. Gewiss sind im
ganzen die Erscheinungen weniger stürmisch und schwer als beim
mechanischen Ileus, wird der Allgemeinzustand meist weniger in
Mitleidenschaft gezogen, aber es kommen alle Uebergänge vor, und
im Einzelfall ist es jedenfalls unmöglich, mit auch nur annähernder
Sicherheit einen mechanischen Darmverschluss auszuschliessen.
Daraus ergibt sich die Therapie von selbst. Zweifellos kann
man erwarten, einen Darmspasmus auch durch konservative Behand¬
lung zur Lösung zu bringen, aber eine solche Behandlung wäre nur
dann erlaubt, wenn man ein mechanisches Hindernis ausschliessen
könnte. Keinesfalls darf durch die Annahme eines spastischen Ileus
die Möglichkeit gegeben werden, die ohnehin grosse Zahl der ver¬
schleppten Ileusfälle zu vermehren. In leichten Fällen einen kurz¬
dauernden Versuch, etwa mit hohen Einläufen, zu machen, ist unter
denselben Bedingungen erlaubt wie bei jedem anderen Ileus. Wir
konnten in 3 Fällen dadurch vorübergehende Besserung erzielen. Es
wird sich schwer feststellen lassen, wie oft es gelingt, den spastischen
Ileus durch konservative Methoden zum Rückgang zu bringen, da
wir kein Mittel haben, die Diagnose ohne Eröffnung des Bauches
sicherzustellen. Bleiben Ileussymptome bestehen, so wird man auch
nach Rückgang der akuten Erscheinungen, zumal bei älteren Leuten,
zur Laparotomie raten, um kein Karzinom zu übersehen.
Als Operationsbefund findet man den umschrie¬
benen Darmspasmus. Es handelt sich um streckenweise, bis
zu 20 cm lange, seltener um ringförmige Kontraktionen, wenn nicht
gar ein ganzer Darmteil kontrahiert ist. Der Spasmus kann sich auf
eine einzige Stelle des Darmes beschränken, kann aber auch multipel
auftreten und kommt sowohl am Dünndarm wie am Dickdarm vor.
In unseren Fällen kam eine ringförmige Einschnürung nur
einmal und zwar am Querkolon zur Beobachtung. Multiple
Spasmen waren 5 mal vorhanden. Nur einmal wiesen Dünn- und
J) Ausführliche Krankengeschichten und Literatur sind in der Disser¬
tation von S t e i n h o f f (Göttingen 1923) zusammcngestellt.
Dickdarm gleichzeitig Spasmen auf. 4 mal war der Dünndarm allem
betroffen, 2 mal das Colon descendens und einmal das Sigmoid. Am
Dickdarm war immer nur eine Stelle spastisch kontrahiert. Gerade
am Colon descendens und Sigma ist die spastische Kontraktion oft 3
besonders ausgedehnt, und es sind eine Reihe von Fällen bes-lu ieben,
bei denen das ganze Deszendens oder das ganze Sigma einen tau-
! artigen Strang darstellten. Auch bei unseren Fällen von Deszendens- I
| und Sigmaspasmus handelte es sich zweimal um eine über den ganzen
Darmteil sich erstreckende Dauerkontraktion. Am Dünndarm sind
zuweilen während der Operation wandernde Spasmen festgestellt. ■
Ueber den Befund am Darm darf man sich nicht täuschen lassen. |
Es genügt nicht, kollabierte und weniger kollabierte Darmschlingen I
im Bauch zu finden, sondern ein umschriebener Bezirk des I armes
bis zu Klein fingerdicke kontrahiert. M itunter ist die ,
Darmmuskulatur so stark angespannt, dass die Gcfasse komprimiert
werden und das Darmstück eine weissliche Farbe annimmt und sich -j
tauartig hart anfühlt. Die oberhalb der spastischen Stenose liegen-
den Dai mschlingen sind gebläht, unter Umständen sogar sehr hoen-
gradig. Bei multiplen Spasmen findet man auch die dazwischen 'Agen¬
den Darmteile aufgetrieben. Ein Gegensatz zum mechanischen Ileus
ocsteht nur insofern, als der Uebergang vom geblähten zum kolla¬
bierten Darm nicht immer ganz scharf ist. Oft gehen die beiden .'
Darmteile allmählich und ohne genaue Grenze ineinander über.
In der Regel wird man, nachdem die spastische Natur des Ileus ;
klargestellt ist, beim Fehlen sonstiger organischer Veränderungen cuej
Operation als Probelaparotomie beenden können In der,
Literatur sind zwar Fälle bekannt, in denen die Probelaparotomie zur*|
Heilung nicht genügte und eine Fistel oberhalb des Spasmus ange¬
legt werden musste, doch sind das grosse Seltenheiten. In unseren»
Fällen kamen wir mit der einfachen Laparatomie aus. Wir müssen
uns wohl vorstellen, dass die nach jeder Eröffnung des Bauches cm-
tretende Darmparese die lokale Hypertonie aufhebt.
Die Prognose des spontanen spastischen Ileus ist nicht
schlecht. Nagel berechnet aus der Literatur eine Mortalität
von 20 Proz., während der postoperative spastische Ileus, wovon wir
keinen Fall zu beobachten Gelegenheit hatten, eine höhere Mortaiitat
aufweist. Unsere Fälle verliefen recht günstig, denn abgesehen oll
einer Kranken, die an den Folgen einer Magenoperation starb, hatten
wir keinen Todesfall zu beklagen. Seltsamerweise scheint es sich
sogar meist um Dauerheilungen zu handeln, obwohl die Annahme
naheiiegt, dass wir es bei dieser Erkrankung oft mit einem zu Rezi¬
diven neigenden Symptom eines unbekannten Grundleidens zu um
haben Gewiss ist das keine allgemein gültige Regel, und in der Lite¬
ratur sind eine Reihe von Fällen beschrieben, bei denen sich tue
schweren Passagestörungen wiederholten. Bei unseren Kranken
jedoch hat sich, wie wir durch schriftliche Nachforschungen feststellen
konnten, in keinem Fall ein echtes Ileusrezidiv eingestellt, wenn auch
zwei angaben, noch ab und zu leichte Beschwerden zu haben.
Der spastische Ileus stellt somit, wenn wir die Diagnose für ein¬
wandfreie Fälle im Rahmen obiger Ausführungen reservieren, ein
wohlcharakterisiertes Krankheitsbild dar, von dem
wir nur eines nicht kennen: die Ursache der spastischen Kon¬
traktionen. . _ , , ...
Die Aetiologie und Pathogenese der Erkrankung gibt
uns Rätsel auf, die wir noch nicht alle lösen können. Immerhin lässt
sich aber auch hier für manche Zusammenhänge auf Grund wissen¬
schaftlicher Erkenntnisse eine Erklärung finden, ohne dass man den
Boden der Tatsachen unter den Füssen zu verlieren braucht.
Der Darmverschluss beim spastischen Ileus kommt durch einen
lokalen Krampf der Darmfnuskulatur zustande. Ein solcher Krampf
kann zunächst entstehen durch direkte Muskelreizung, die aber in
einer derartig umschriebenen Form nur für seltene Ausnahmefälle
eine Rolle spielen dürfte. Wir wissen, dass die Bewegungen
des Darmrohres den Wandnervengeflechten, insbesondere dem Plexus
myentericus, unterstehen, und dass normalerweise nur durch deren
Vermittlung eine Darmkontraktion erfolgt. Die Wandnerven¬
ge f 1 e c h t e sind autonom, können aber auf den verschiedensten
Wegen fördernde und hemmende Impulse erhalten: vom Darm¬
in n e r n aus, durch im Blut kreisende I oxine oder Hormon e,
durch die Mesenterialnerven und schliesslich auch wohl
durch direkte mechanische Insulte.
Der Plexus myentericus bildet den einheitlichen An¬
griffspunkt für alle Ursachen des spastischen Ileus. Durch me¬
chanischen Reiz des Darminhaltes kontrahiert sich der Darm spastisch
um Fruchtkerne und Gallensteine, durch Askaridentoxine — vielleicht
kombiniert mit dem mechanischen Reiz der Eigenbewegung der
Würmer — kommt es zum spastischen Askaridenileus, durch I raumen,
die Darm oder Bauchwand direkt treffen, und durch das Anfassen
bei Operationen können mechanisch bedingte Spasmen zustande kom¬
men, und durch Vermittlung der Mesenterialnerven können von jeder
Stelle des Körpers aus, vor allem aber aus $letn weitverzweigten Ge¬
biet des vegetativen Nervensystems, Impulse zum Darm gelangen
und einen Spasmus veranlassen. Am klarsten liegt die Vermittlung
dieser langen vegetativen Bahnen zutage bei dem pos*''" "Piven
spastischen Ileus, 'wie er im Anschluss an gynäkologische
Operationen, aber auch an andere operative Eingriffe im Bereich von
Bauchhöhle und Rctroperitoneum beobachtet wird. Sehr viel häufiger
ist ja der besonders nach Eingriffen am Rctroperitoneum auftretende
paralytische Ileus, und zweifellos bestehen zwischen diesem paraly-
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
983
tischer. und dem spastischen Ileus bedeutungsvolle Parallelen. Wir
vermögen jedoch diese Nerveneinflüsse leider noch nicht zu analy¬
sieren und wissen nicht, unter welchen Bedingungen es zum spastischen
Ileus kommt. Wenn wir aber z. B. an den vielzitierten Fall P a n k o vv
denken, bei dem ein wochenlang anhaltender Dauerspasmus des
Colon ascendens und Sigmoids nach Exstirpation eines grossen intra¬
ligamentär und nach Mesocolon descend. und sigmoid. entwickelten
Myoms auftrat, so scheint eine operative Schädigung der hypo¬
gastrischen (ianglienkomplexe und Mesokolonnerven am ehesten den
schliesslich vollkommen zurückgehenden Spasmus zu erklären. Auch
die nach retroperitonealen Blutungen und nach Verletzungen ent¬
fernter Körperteile auftretenden Spasmen werden nur durch die An¬
nahme von Nerveneinflüssen verständlich. Mögen zuweilen auch
embolische Vorgänge eine Rolle beim Zustandekommen von Dauer¬
spasmen spielen (Payr), so wird ein Dauerspasmus, der zum Ileus
führt, doch auch wieder eine sekundäre Innervationsstörung durch
Anämie oder Blutung zur Voraussetzung haben müssen.
Fast beweisend für die Bedeutung vegetativer Nervenbahnen
beim Zustandekommen des spastischen Ileus sind die Fälle, bei
denen anatomische Veränderungen im Bereich der Hauptganglien-
komplcxe festgestellt werden konnten. E x n e r und Jäger, Pra-
d e r und K 1 e 1 1 haben über je einen Fall von spastischem Ileus be¬
richtet, bei dem der Plexus coeliacus in entzündliche Schwielen oder
Tumorgewebe einbezogen war. Wir konnten 2 Fälle beobachten, bei
denen der spastische Ileus als Folge entzündlicher Ver¬
änderungen im Bereich des Plexus coeliacus auf¬
zufassen war. In einem Fall fand sich ein Tumor des Pankreas¬
kopfes, nach dem weiteren Verlauf wohl eine Pankreatitis, bei dem
anderen Fall, der besonders lehrreich ist, gingen die Beschwerden
und Ileuserscheinungen nach der Laparotomie, bei der sich das typi¬
sche Bild des spastischen Ileus fand, nicht zurück. Eine zweite Ope¬
ration drei Wochen nach der ersten stellte ein übersehenes, klein¬
handtellergrosses, in Pankreas und Retroperitoneum perforierendes
Magengeschwür fest. Die elende Kranke kam einige Tage nach
Resektion des Ulcus ad exitum.
Schliesslich dürfte auch ein Hinweis angebracht sein auf die Ver¬
wandtschaft des* zum Ulcus führenden Spasmus mit den Darmspas¬
men als Symptom bestimmter innerer Erkrankungen, so den Spas¬
men bei Nikotin- und Bleivergiftung und bei Tabes. Schlesinger
berichtet über einen Fall von Tabes, bei dem sich das ganze Des¬
zendens während einer Krise bandartig zusammenzog. R. Maier
und M o s s e erzeugten experimentell Bleivergiftungen und konnten
stets Veränderungen an den Zoeliakalganglien feststellen. Dass die^e
Krankheitsformen keine chirurgische Bedeutung gewinnen, liegt nicht
zuletzt daran, dass es sich hier um ein bekanntes Symptom einer
Grundkrankheit handelt, so dass eine Diagnose klinisch zu stellen ist
und einer wirksamen internen Therapie nichts im Wege steht.
Wenn es somif unter Zugrundelegung der Physiologie und Pa¬
thologie des vegetativen Nervensystems auch gelingt, die Ursachen
des spastischen Ileus auf eine einheitliche Basis zurückzuführen, so
dürfen wir uns doch bei der Seltenheit nachweisbarer organisener
Veränderungen nicht darüber täuschen, dass wir in den meisten
Fällen die auslösenden Momente nicht kennen. Mitunter könnte man
an arteriosklerotische Störungen denken, zumal gerade unsere Fälle
sich vorwiegend in vorgeschrittenem Lebensalter befanden; bei an¬
deren kommt man aber um die Annahme einer konstitutionellen Labi¬
lität des vegetativen Nervensystems, einer Krampfbereitschaft des
Darmes nicht herum. Da nun gerade hysterische und sogenannte
„nervöse“ Personen eine besonders grosse Erregbarkeit der vegeta¬
tiven Nerven besitzen, so kann es nicht wundernehmen, dass der
spastische Ileus bei derart disponierten Menschen relativ häufiger
vorkommt als bei anderen. Hysterie und Spasmus ent¬
stehen auf der gleichen Basis, aber nie ist der
spastische Ileus das Symptom einer Hysterie. Wir
wissen ja auch, dass die Kranken mit Magen- und Duodenalgeschwür
zu einem gewissen Prozentsatz nervös disponierte Individuen sind
und dass Nerveneinflüsse bei der Ulcusentstehung eine Rolle spielen.
So verkehrt es aber wäre, von einem hysterischen Ulcus zu sprechen,
genau so verkehrt ist es, den spastischen Ileus bei gleichzeitiger
Hysterie als hysterischen Ileus zu bezeichnen.
Aus der Abteilung für hirnverletzte Kriegsbeschädigte, Kranken¬
haus München-Schwabing. (Chefarzt: Prof. Dr. Isserlin.)
Periodische Störungen des Sehens nach Hirnschädigung-
Von Erich Feuchtwan ge r.
Zu der Frage der Verursachung anfallsweise auftretender Seh¬
störungen nach Verletzung oder sonstiger Schädigung des Gehirnes
liefern H e g n e r und Naef („Intermittierende Erblindung nach Schä¬
deltrauma“; M.m.W. 1923 Nr. 16) einen wichtigen Beitrag.
Sie beschreiben einen Fall, bei dem ein Mann durch Stoss des Stieles
einer senkrecht gehobenen Heugabel gegen den rechten Backenknochen infolge
Herabfallens eines Hebebaumes eine Kopfverletzung erlitt. Der Mann fiel
rückwärts um und war kurz Zeit bewusstlos. Einige Zeit nach der primären
Wundheilung traten Anfälle schwerer Sehstörung mit rasch zunehmender
Verdunkelung des Gesichtsfeldes bis zur völligen Erblindung auf, die eine
halbe Stunde und länger dauerten, aber jedesmal in vollkommene Wieder¬
herstellung des Sehens übergingen. Die augenärztliche Untersuchung ergab
nichts Abnormes; die neurologische Untersuchung brachte eine Schädigung
im Bereich der linken hinteren Schädelgrube, speziell ein Betroffensein der
linken Kleinhirnhemisphäre zutage. Die Autoren waren der Ansicht, dass ein
raumbeengender Prozess in der linken hinteren Schädelgrube, etwa ein epi¬
durales Hämatom, vorlag. Sic führen einen weiteren Fall von K. Mendel
(Neurol. Zbl. 1916) an. bei dem nach einer Hinterhauptverletzung nach ge¬
wissen Anstrengungen und Aufregungen schwere Sehstörungen bis zu 1 bis
4 ständiger Erblindung auftraten.
Solche anfallsweise auftretenden Ausfälle im Bereiche des Ge¬
sichtsfeldes nach Gehirnschädigung sind selten. Unter dem reichen
Material der Münchener Hirnvcrletztenstation wurde nur einmal
ein ambulanter Kranker mit Okzipitalhirnverletzung beobachtet, der
über Anfälle vorübergehender Gesichtsfeldeinschränkung klagte.
Die Gesichtsfeldausfälle sind aber nicht die einzigen periodisch
auftretenden optischen Störungen nach Hirnverletzung. Es wurde
auf unserer Station ein Mann mit Verletzung der Hinterhauptmitte
und Betroffensein beider Okzipitalhirnlappen ohne Gesichtsfeld¬
störung beobachtet, der mehrmals anfallsweise auftretende Zustände
bekam, in denen er sich in der deutlich gesehenen Umgebung plötz¬
lich nicht mehr orientieren konnte und in denen er ihm sonst be¬
kannte Strassen, Häuser usw. nicht mehr identifizieren konnte. Dies
dauerte 5 — 6 Minuten; dann trat mit einem Schlage wieder voll¬
ständiges Orientierungvermögen ein. Er war dabei ganz bei Besonnen¬
heit und in vollem Bewusstsein seiner Lage. (Eine kurze Beschrei¬
bung des Falles siehe Zbl. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 1922, 30, H. 6/7.)
Die Zustände wurden als kurze Anfälle von optisch-räumlicher
Agnosie gedeutet.
Was die theoretische Auffassung dieser Sehstörungen nach Hirn¬
schädigung im Bereiche der Sehsphäre betrifft, so scheint es am
zweckmässigsten, sie in den Erscheinungskreis der trauma¬
tischen Epilepsie einzuordnen. Sie sind dann in Parallele zu
setzen mit den Jackson sehen Anfällen bei Affektionen der moto¬
rischen Region, den vorübergehenden Ausfällen des Sprechens und
Schreibens nach vorausgegangener Schädigung der Brocagegend,
den „sensiblen Anfällen“ und Sonstigen periodisch auftretenden lokali¬
sierbaren Ausfallserscheinungen.
Was für die Folgen der violenten Hirnschädigung gilt, kann sinn¬
gemäss auch auf die chronischen Affektionen der Hirnrinde durch
raumbeengende Prozesse (Tumoren, Hämatome usw.) Anwendung
finden. Die Auffassung dieser periodisch auftretenden optischen Aus¬
fälle als epileptischer nimmt für die Erklärung ihrer direkten Ver¬
ursachung im Eihzelfalle nichts vorweg. Sie verträgt sich durchaus
mit der Erklärungsweise, die Hegner und Naef für ihren Fall
geben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sehr viele von den trau¬
matisch-epileptischen Erscheinungen durch plötzliche vasomotorische
Aenderungen in den dem „primär krampfenden Zentrum“ entsprechen¬
den Rindenpartien erzeugt werden. Allerdings müssen bei der heuti¬
gen theoretischen Unsicherheit in bezug auf die Verursachung der
epileptischen Erscheinungen auch andere Erklärungsmöglichkeiten
offengehalten werden.
Dass auch bei der Migräne ähnliche periodische Sehstörungen
beobachtet werden, spricht nicht gegen unsere Auffassung. Gibt es
doch Theorien, die die vielfältigen Erscheinungen der Migräne dem
epileptischen Formenkreis zurechnen. Diese Ansichten sind freilich
nicht unbestritten, müssen aber in unserem Zusammenhang beachtet
werden.
Ausser vom theoretischen Standpunkt hat die Auffassung der
periodischen Sehstörungen nach Hirnschädigung als epileptischer Er¬
scheinungen auch in praktischer Hinsicht eine gewisse Bedeu¬
tung. Man kann in solchen Fällen hoffen durch eine systematische
Kur mit Brom und Luminal cv. unter Kombination mit Xifalmilch-
Injektionen eine mehr als nur symptomatische Behandlung durch¬
führen zu können.
Aus der Klinik und Poliklinik für Haut- und Geschlechts¬
krankheiten der Universität München.
(Direktor: Prof. Dr. Leo Ritter v. Zumbusch.)
Ueber kongenitale Phimose.
Von Dr. Carl Moncorps.
Unter Phimose versteht man die aufgehobene oder zumindest er¬
schwerte Retraktionsfähigkeit des Präputium, deren Ursache in früher
oder später stattgefundener Entzündung untl damit narbiger Ver¬
engerung der Vorhautsacköffnung zu suchen ist und deren^ Folge
sich in krankhaften Erscheinungen sowohl am äusseren Genitale
selbst, als auch an übergeordneten Organsystemen äussern kann
(Rille, Englisch, Heinrichsdorff, G. B. Gr über).
Diese entzündliche Genese gilt auch für die im frühesten Kindes¬
alter auftretende, durch das physiologisch-hypertrophische Prä¬
putium begünstigte Vorhautverengerung; als erworbenen Zustand
kommt ihr die Bezeichnung Phimosis congenita nicht zu (P eis er,
G. B. Grube r).
Es gibt jedoch zweifelolme Vorhautmorphen, welche ein End¬
zustand abnormer Entwicklungsvorgängc sind und klinisch das Bild
einer Phimose auslösen. Für diese wäre die Bezeichnung kongenitale
Phimose als zu Recht bestehend beizubehalten.
Als Beleg hierfür sei folgender Fall, soweit er für die vorliegende
Mitteilung von Interesse ist, mitgetcilt:
984
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
G. B„ Bauarbeiter. 49 Jahre alt, Vater von 11 Kindern, bis zur jetzigen
Erkrankung nie ernstlich krank gewesen, gibt an, seit Geburt eine Verenge¬
rung der Vorhautsacköfinung zu haben, die ihm jedoch nie Beschwerden ver¬
ursache. Er wird wegen eines 3 Wochen bestehenden Harnröhrenausflusses,
dem sich seit 8 Tagen eine schmerzhafte Hodenschwellung zugesellt hat, in
die Klinik eingewiesen. _ , .
Befund: Vorzeitig gealteter Mann. Innere Organe. Nervensystem, In¬
tegument, Schleimhäute und Drüsen bieten nichts Besonderes.
Aeussere Genitalien: Rechter Hoden und Nebenhoden fast apfel¬
gross geschwollen, sehr druckempfindlich. Die Vorhaut ist hypertrophisch
und nicht reponibel. Die Vorhautsacköffnung ist zum Meatus urethrae. dessen
oberes Drittel bei forciertem Repositionsversuch eben sichtbar wird, dorsal
verlagert und zeigt einen Durchmesser von 3 mm. Die mediane, über der
Urethra verlaufende Raphe verliert sich in der Höhe des Collum glandis und
endigt hier in einer ca. 4 — 6 mm Durchmesser aufweisenden scheibenförmigen
Ausbreitung. Mikroskopischer Befund des Urethralsekretes ergab Gonokokken
nach Gram. Der Harnstrahl ist leicht gedreht, kräftig und weicht von der
Längsachse des Penis um ca. 30° dorsal ab. Erste Urinportion trüb, zweite
klar. .
Diagnose: Gonorrhoe ac. ant., Epididymitis dext. gon., Phimosis
hypertroph. , . . , ,
Infolge der Unmöglichkeit die Harnröhre instrumental zu behandeln wurde
die Phimose auf hier nicht näher zu beschreibende Weise operativ behoben,
erst jetzt war eine klare Befundsaufnahme der anatomischen Verhältnisse mög-
lich: . .....
Die skrotal zugewandt* untere Zirkurnferenz des Präputium ist platten-
fürmig, stumpf nicht zu lösen, mit der Glans verwachsen; ein Frenulum im
eigentlichen Sinne fehlt. Der die dorsale Eichelhälfte deckende Präputiumteil
weist nahe der Umschlagsstelle einige streifenförmige, ohne Erosion leicht
stumpf zu lösende Verklebungsresiduen auf. Die Umschlagsstelle des Prä¬
putium auf die dorsale Glansoberfläche liegt in der Mittellinie ca. 5 mm
apikalwärts vor der Corona glandis und zeigt hier einige leicht grübchen¬
förmige Einsenkungen. Sie verläuft beiderseits bogenförmig vor der
nicht sonderlich scharf abgesetzten Corona glandis über die seitlichen und
unteren Glanspartien zu dem unteren Ende der äusseren Urethralmündung.
Die Umschlagstelle an der unteren Eichelhälfte ist scharf, ohne grübchen¬
förmige Einsenkungen, und 'von ihr aus lässt sich Präputium und Glans
nicht stumpf lösen. Die untere Häfte der Urethralmündung wird von einer
membranösen Klappe überbrückt, welche, nicht sonderlich straff gespannt,
sich von der Urethralöffnung mittels Sonde anheben lässt, und sich in die
Umschlagstelle des plattenförmig verwachsenen Präputialteils einsenkt.
Aul Grund von eigenen Untersuchungen an Serienschnitten
menschlicher Embryonen über die normale Entwicklung des Prä¬
putiums und 225 vergleichenden Beobachtungen am Lebenden der
verschiedensten Altersklassen, von Neugeborenen bis zum Senium
scheint uns die normale Entwicklung der Vorhaut in der von
R. Meyer beschriebenen Weise vor sich zu gehen: Aus der Schaft¬
haut wird durch eine die Gegend des Collum glandis mantelförmig
bis zu den Rändern der Urethralrinne umschliessende Epithellamellc
— die Glandarlamelle Fleisch manns — eine Hautfalte angelegt,
welche als Präputium kapuzenartig über die Glans wächst. Die die
ganze Eichel einhtillende Glandarlamelle bleibt bis nach der Geburt
verschieden lang bestehen, um sich dann von der Glansspitze aus zu
lösen, ein Vorgang als Lösung der physiologischen Verklebung be¬
kannt (Schweigger-Seidel), das Frenulum wird paarig z. T.
aus dem Mesoderm der Glans angelegt, z. T. aus den Rändern der
Urethralrinnc am distalen Ende. Die paarige Anlage verschmilzt
beim Schluss der Urethralrinne zum Frenulum.
Die Uebertragung der normalen Entwicklungsvorgänge am Prä¬
putium und Frenulum auf den vorliegenden Fall würde zu folgendem
Erklärungsversuch führen:
Die Urethralrinne schloss sich in ihrem distalen Teil nicht in
der Längsrichtung des Penis, sondern quer zu ihr. Dieses atypische
Aneinanderlegen der Ränder könnte durch intrauterine mechanische
Einflüsse bedingt sein. Darauf deutet die scheibenförmige Ausbrei¬
tung der medianen Raphe in ihrem distalen Teil und das Fehlen des
Frenulum.
Die Glandarlamelle wurde hierdurch in ihrer Ausbreitung ge¬
hemmt, sie vermochte aus der Schafthaut im Bereich der unteren
Eichclhälfte keine Trennung zwischen Präputium und Eichel herbei¬
zuführen.
Die Lösung der physiologischen Verklebung über dem dorsalen
Eichelteil wurde durch die geringe Verschieblichkeit des Präputium
infolge der Verwachsung erschwert. Die Lösung unterblieb vor der
Corona glandis und im Sulcus und wurde dort organisiert
(Englisch) oder die Glandarlamelle wurde weiter vorn als ge¬
wöhnlich angelegt und schob sich nicht zentripetal vor.
Die klappenförmige Membran erklärt sich zum Teil als Folge der
gestörten Frenulumbildung, zum Teil als Begleiterscheinung früh¬
zeitiger Phimosen (Englisch); möglicherweise ist in ihr auch eine
organisierte Residue der Glandarlamelle zu sehen, wie wir sie bei
einem 13 Wochen alten Knaben beobachten konnten, dessen Glans-
spitzc gelöst war, sonst aber noch Verklebung aufwies.
Literatur.
1. Bökai und Englisch: Jahrb. f. Kinderhlk. N. F. 8. —
2. J. Englisch: Fol. urol. 4. Nr. 4 u. 5. — 3. D e r s e 1 b e: Wien. mei.
Presse 1903 Nr. 47 u. 49. — 4. Fl ei sch mann: Morph. Jahrb. 1902, 30.
— 5. Derselbe: Ibidem 1907, 36. — 6. Derselbe: Sitz.Bei. d. Phys.-
med. Soc. in Erlangen 1906, 38. — 7. Gg. B. G r u b e r: M.m.W. 1922
S. 1648. — 8. P. Heinrichsdorff: Mitt. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir.
24, H. 3. — 9. R. Meyer: Arcli. i. Anat. u. Physiol. 1911, anat. Abt. r—
10. J. P e i s e r: B.kl.W. 1912 Nr. 23. — 11. R i 1 I e: D.m.W. 1904 Nr. 48. —
12. Schweigger-Seidel: Virch. Arch. 37.
Neben- und Nachwirkungen bei intraspinaler Luft¬
einblasung.
Von L)r. H. Klein (Belgrad).
Die unangenehmen Nebenwirkungen bei der intraspinalen Luft-
einblasung nach B i n K c 1 verursachen eine erhebliche Einschränkung
in der Anwendbarkeit des wertvollen Verfahrens, so dass nach der
Meinung zweier, m. W. bisher allerdings vereinzelt gebliebener
Autoren (Schott und Eitel) seine Vornahme am Lebenden des¬
wegen einstweilen gar nicht berechtigt ist. Die Vermeidung bzw.
Abschwächung dieser Nebenwirkungen gehört somit zu den ersten
Forderungen für den weiteren Ausbau der Methode.
Von den meisten Autoren werden die am häufigsten zu be¬
obachtenden Erscheinungen: Uebelkeit, Erbrechen, Pulsänderungen
(meist Bradykardie), z. T. auch der fast nie fehlende Kopfschmerz,
mit ähnlichen Erscheinungen nach der Lumbalpunktion verglichen
und hier wie dort wird die Verminderung des intrakraniellen Druckes
— neben der direkten Reizwirkung des eingeblasenen Gases — als
ursächlicher Eaktor in erster Linie angeschuldigt1). Während sich
eine nachträgliche Hypotension kaum vermeiden lässt, sucht Bin-
gel ein Gleichbleiben des Drucks während der Einblasung dadurch
zu erzielen, dass er nie mehr Liquor ablässt, als er Luft eiu-
geblasen hat. .
Von den physikalischen Eigenschaften des für die Meningen und
das Ventrikelependym sicher nicht indifferenten insufflierten Gases,
welchen die unerwünschten Nebenerscheinungen wohl zum grössten
Teil zur Last zu legen sind, kommen vor allem seine Temperatur,
seine Feuchtigkeit und sein Druck in Betracht. Ich habe versucht,
gewärmte Luft einzublasen, habe aber diese Methode wieder auf¬
gegeben, weil sie eine nicht unbeträchtliche Komplizierung des sonst
so einfachen Instrumentariums erfordert. Der Feuchtigkeitsgrad der
eingcblasenen Luft muss ein genügender sein, da sie aus der mit
Wasser gefüllten Druckflasche oder in Wasser ausgekochten Spritze
kommend noch die spinale Liquorsäule passiert.
Was den Druck anlangt, so scheint die Vermeidung einer vor¬
übergehenden Drucksenkung nur dort erforderlich zu sein, wo eine
Blutung zu befürchten wäre. Denn die Erfahrung zeigt, dass sich
auch ein kurzdauernder negativer Druck einzig in Kopfschmerz an
der höchstgelegenen Stelle (der Stelle des geringsten Druckes) zu
äussern pflegt und nach der Entnahme grösserer Liquormengen durch
Lumbalpunktion treten die unangenehmen Folgen, hauptsächlich
Schwindel und Kopfschmerz, nicht unmittelbar darauf, sondern in der
Regel erst mehrere Stunden später in Erscheinung. Demnach wären
nur die mehrere Stunden nach der Lufteinblasung auftretenden Neben¬
wirkungen mit der Verminderung des intrakraniellen Druckes in Zu¬
sammenhang zu bringen, da für die klinische Manifestation des ver¬
minderten Liquordruckes nicht nur eine gewisse Intensität, sondern
auch eine gewisse Dauer desselben erforderlich zu sein scheint;
welche letztere übrigens durch Flüssigkeitszufuhr (intravenöse Injek¬
tion hypotonischer Lösungen) verringert werden kann.
Dagegen halte ich es für möglich, -dass, entgegen der Ansicht der
Autoren, während, insbesondere aber unmittelbar nach dem Bin-
g e 1 sehen Verfahren der Lufteinblasung eine Druck s t e i g e r u n g
eintritt. Wenn wir nämlich Luft von 14° C insuffliert haben, muss
— da ja nach dem Gay-Lussac sehen Gesetz der Druck eines
Gases steigt, wenn es bei unverändertem Volumen erwärmt wird — ,
sobald sie Körpertemperatur angenommen hat, ihr Druck sich (um
bis 900 mm) erhöht haben. Dazu kommt, dass bereits der ursprüng¬
liche Druck der -insufflierten Luft dem Seitendruck des Liquors in
der Höhe der Punktion gleicht, d. h. höher ist als der intrakranielle,
dem sich hier noch der hydrostatische Faktor hinzuaddiert. Von dem
Gedanken ausgehend, dass Bradykardie, .Uebelkeit, Erbrechen nach
der Lufteinblasung in manchen Fällen eine Folge dieser Drucksteige¬
rung sein könnten, habe ich versucht, weniger Luft cinzublasen, als
Liquor abgelassen wurde (und zwar im Verhältnis 10 Luft : 11, 2 Li¬
quor) und es gelang mir dadurch, sowie durch vorherige geringe
Skopomorphingabe — oder, wo /Skopomorphin nicht angebracht war,
Veramon — diese Nebenerscheinungen zwar nicht gänzlich auszu¬
schalten, wohl aber beträchtlich abzuschwächen. — Auf vorsichtiges
Umlegen ist zu achten. Alwens und Hirsch nennen die ersten
10 Minuten nach der Insufflation die kritische Zeit; wenn damit aus¬
gedrückt werden soll, dass üble Zufälle später nicht mehr zu be¬
fürchten seien, so ist das sicher irrig; ich habe in einem Falle
% Stunden nach beendigter Lufteinblasung einen Atemstillstand auf-
treten sehen, der erst nach künstlicher Atmung behoben wurde. •
Was die günstigen Nachwirkungen betrifft, die bei genuiner Epi¬
lepsie von B i n g e 1 in der Mehrzahl der Fälle, von W e i g e 1 d t so¬
gar regelmässig beobachtet wurden, so habe ich sie bis jetzt nicht
gesehen. Weder aus Bing eis noch aus Weigel dts Mitteilung
ist ersichtlich, ob sie ihre Fälle medikamentös vor- oder nachbehan¬
delt haben; aber es ist wahrscheinlich, dass alle bereits Antiepileptika
bekommen hatten und dass die Medikation vor der Insufflation picht
ausgesetzt wurde. Ich habe die Insufflation u. a. bei 4 Epileptikern
ausgeführt, die bis dahin antiepileptisch nicht behandelt waren. In
einem Falle sind die Anfälle nachher häufiger aufgetreten (3 am glei¬
chen Tag, später täglich 1 Anfall mit nachfolgendem Verwirrtheits-
*) B i n g e 1 betont ausserdem mit Recht die Möglichkeit von Störungen
in der Funktion der oberflächlichen Kapillaren.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
27. Juli 1923.
«stand gegen 1 Anfall jeden bis jeden 2. bis 3. Tag vor der In-
suiflation), eine Besserung habe ich in keinem Falle erzielt. Auch bei
der Mehrzahl der vorher mit 0,2 — 0,3 Liiminal pro die vorbehandelten
balle war keine günstige Beeinflussung durch die Insufflation zu ver¬
zeichnen; und das gleiche gilt für einige Fälle symptomatischer Epi¬
lepsie (nach Enzephalitis).
Nur in einem derartigen Fall habe ich die Anfälle deutlich seltener werden
sehen, ns handelte sich um einen motorisch Aphasischen mit rechtsseitiger
Vit-Parese und Reflexsteigerung der r. o. E„ mit normalem Fundus und Liquor-
befund, , der täglich 1—3 epileptische Anfälle hatte, die manchmal von korti¬
kalem Iypus (Beginn im r. Vll-gebiet mit gleichsinniger Abweichung nach r.)
und weder durch Luminal, noch durch Br zu beeinflussen waren. Die En-
zephalographie (Röntgenaufnahme durch Herrn Dr. Alexander Marko-
u t s c h) zeigte eine hochgradige Erweiterung des 1. Seitenventrikels, iusbes
!m Bereich des Vorderhorns. Nach der Insufflation traten die Anfälle zunächst
in 10 tägigen Intervallen, einen Monat später häufiger, jeden 2. Tag und schliess¬
lich wieder täglich auf.
Es ist naheliegend anzunehmen, dass hier die Anfälle hauptsächlich durch
“en Druck des linksseitigen inneren Hydrozephalus hervorgerufen waren und
dass der Erfolg der Insufilation auf eine länger anhaltende Dekompression zu-
rdckzuf Uhren sei. Bemerkenswert ist dabei, dass durch drucksteigernde Mass¬
nahmen (Bulbusdruck, Kompression der Jugulares, Injektion hypotonischer Lö-
i sungen) kein Anfall ausgelöst, durch druckentlastende (Entnahme grösserer
Liquormengen durch einfache Lumbalpunktion, intravenöse Injektion hyper¬
tonischer Salzlösungen) keine deutliche Besserung erzielt werden konnte.
I Bingeis Annahme, dass infolge der stärkeren Durchsäftung
;des Gehirns nach der Gaseinblasung Stoffwechselschlacken oder
andere schädliche Substanzen aus dem Gehirn mit abgeschwemmt
werden, halte ich nach meinen Erfahrungen mit nicht vorbehandelten
Epileptikern für unwahrscheinlich und die Empfehlung des Ein¬
griffs bei Kranken mit schweren und gehäuften Anfällen und im Status
tiir verfrüht. Versuchen kann man ihn ja in Fällen, wo trotz der
gewöhnlichen Behandlung häufig schwere Anfälle auftreten, aber auch
Ja nur nach vorheriger sowie mit gleichzeitiger und ununterbrochener
Darreichung von^ Antiepilepticis — sonst wird man nicht nur auf
Ausbleiben des Erfolges, sondern auch auf Verschlimmerungen ge¬
fasst sein müssen. Hingegen ist die Lufteinblasung wohl berechtigt
n jenen Fällen von Epilepsie, in denen sich (auch als Aura oder inter-
v-allär auftretende) Herdsymptome nachweiseil lassen, derentwegen
au! °Perat*ver Eingriff in Frage käme, insbesondere wenn in grossen
Abstanden schwere gehäufte Anfälle auftreten, so dass die Krankheit
£\yar die Leistungsfähigkeit des Kranken wenig herabsetzt, aber
5e,n Leben plötzlich bedrohen kann. Es ist möglich, dass die En-
jephalographie hier manchen Fall diagnostisch klären und damit
herapeutisch zugänglicher machen wird.
Im übrigen sollte man die intraspinale Gaseinblasung nur dort
/ornehmen, wo von ihr tatsächlich eine Förderung der Diagnose
»der, was seltener der Fall sein wird, ein therapeutischer Erfolg zu
-Twarten ist. Der trotz Schott und Eitel fraglos hohe Wert
les Verfahrens wird dann um so deutlicher hervortreten.
Aus der medizinischen Universitäts-Poliklinik in Bonn.
Vie schützt der Arzt bei Durchleuchtungen seine Kranken
ind sich selber vor Schädigungen durch Röntgenstrahlen?
Von Prof. Dr. Paul Krause.
. Wie schützt der Arzt bei Durchleuchtungen seine Kranken vor
Röntgenschädigungen?
. *n den letzten Monaten habe ich wiederum als Begutachter von
’iner ungewöhnlich grossen Anzahl von Röntgenverbrennungen,
velche rheinischen Aerzten Entschädigungsklagen vor Gericht zu-
ogen, Kenntnis bekommen. Der eine verbrannte innerhalb von
Tagen 3, ein anderer innerhalb von kurzer Zeit 7 Kranke; in anderen
allen wurden so schwere Unterlassungssünden begangen, dass cs
eutzutage nicht mehr möglich ist, für die beschuldigten Aerzte ein-
utreten. Unkenntnis schützte bereits früher nicht vor Bestrafung,
leutzutage muss aber von jedem, welcher Röntgenstrahlen thera-
eutisch oder diagnostisch anwendet, eine hinreichende Kenntnis und
msbildung verlangt werden. Die Möglichkeit, sie sich zu ver-
chanen, ist in Deutschland 'reichlich vorhanden. Schädigungen bei
’urchleuchtungen können vermieden werden.
Unter diesen Gesichtspunkten will ich in gedrängter Kürze die-
»lchtigsten Punkte aufführen, welche eine Vermeidung von Ver-
renmingen bei gewissenhafter Ausführung ermöglichen,
i *. - * Es ist fehlerhaft, wenn ein Arzt mit einem Röntgenapparat
rbeitet. ohne genügende Ausbildung und Vorkennt-
iszubesitzen. Die Röntgenkunde ist ein Spezialfach der Medi-
in geworden. Sie muss in der eingehendsten Weise studiert werden
s >st dazu eine genügende Kenntnis der Röntgenphysik, der Röntgcn-
•chnik, der Röntgendiagnostik, der Röntgentherapie, der Wirkung
er Röntgenstrahlen auf die Biologie der tierischen und menschlichen
eilen notwendig. Fehlen ihm die Kenntnisse, so soll er seine Hände
avon lassen. Meiner Meinung nach macht sich jeder Arzt, wel-
ller Röntgenapparate ohne genügende Ausbildung
u diagnostischen oder therapeutischen Zwecken benutzt, ebenso
t r a f b a r, als wenn er ein Auto fährt, ohne das Fahren
V e r V 7: 11 11 a b e n- Wie jeder Arzt, der selber Auto fährt, einen
unrerschein haben muss, so sollte er auch den Nachweis erbringen
nssen. dass er in der Röntgenologie genügend ausgebildet ist, ehe
Nr. 30.
er einen Röntgenapparat selbständig gebraucht. Diese Erlaubnis¬
scheine für Führung von Röntgenapparaten sollten
von der Regierung umgehend verlangt werden, um
grösseres Unheil zu vermeiden. Vor allem sollte auch das Publikum
öffentlich darüber aufgeklärt werden, damit es sich nur Aerzten an-
vertraut, welche eine staatliche Erlaubnis zur Führung eines Röntgen¬
apparates besitzen.
2. Es ist f e h 1 e r h a f t, einen Röntge napparat durch
eine Röntgenschwester bedienen- zu lassen, welche nur
eine mehrwöch entliehe Ausbildungszeit hinter sich
hat. In einem meiner Begutachtungsfälle wurde festgestellt, dass die
bchwester nur 4 Wochen lang einen Kurs mitgenommen hatte und
tr°tzdem vertraute ihr der Arzt die selbständige Bedienung, ja sogar
Aufnahmen und Durchleuchtungen an. Die Ausbildungszeit
der Röntgenschwestern sollte je nach ihrer Vorbildung 1 Jahr,
besser 2 Jahre, betragen. Zur selbständigen Bedienung in kleineren
Betrieben sollten in Zukunft nur Röntgenschwestern verwandt wer¬
den, welche dem Kreisarzt gegenüber sich über eine genügend lange
Ausbildungszeit ausweisen können.
3. Es ist fehlerhaft, von einer Röntgenschwester
Röntgendurchleuchtungen vornehmen zu lassen
Die Untersuchungsbefunde bei Lungen-, Herz- und vor allem bei
Magen-Darmerkrankungen erfordern eine eingehende ärztliche
Kenntnis. Es ist geradezu ein grober Unfug, wenn Befunde
uber die Erkrankungen der genannten Organe von
einer Rönfgen Schwester erhoben werden sollen. Jeder
Arzt, welcher es in seinem Betriebe zulässt, handelt leichtfertig
und ist voll verantwortlich für etwaige Schädigungen.
4- Es ist fehlerhaf t, wenn bei Durchleuchtungen keine
Blende angewandt wird, wie es in kaum glaublicher Weise auch
jetzt noch vorgekommen ist. In jedem Lehrbuch der Röntgenologie
ist über die Praxis und 1 lieorie der Blenden genügend Auskunft zu
erhalten. Nur mit ihrer Hilfe gelingt es, in vielen Fällen richtige
Diagnosen und zwar in kürzester Zeit zu stellen.
5. Es ist fehlerhaft, mit modernen Röntge nappa¬
raten zu durchleuchten, ohne die weichen Strahlen
durch ein geeignetes Filter abfiltriert zu haben. Am
bequemsten und leichtesten anzubringen sind Aluminiumfilter von
2—3 mm Dicke. Sie sind durchaus genügend, um die der Haut be¬
sonders schädlichen weichen Strahlen abzuhalten.
6. Es ist fehlerhaft, wenn der Arzt die Durchleuch¬
tung bereits vornimmt, ohne adaptiert zu sein. Auch
dagegen wird immer und immer noch gefehlt. Einige der ange-
klagten Aerzte entschuldigen die Länge ihrer Durchleuchtung damit,
dass sie „noch nicht genügend“ gesehen hätten. Das hängt damit
zusammen, dass sie eben vorher noch nicht genügend adaptiert
waren. Um einen Anhaltspunkt des Adaptionsgrades zu bekommen,
ist es zu empfehlen, in jedem Röntgenzimmer an der Wand und an
den Blendenapparaten in geeigneter Weise Leuchtmarken
von selbstleuchtendem Papier anzubringen. Erst wenn
der Arzt diese Leuchtmarken deutlich sieht, soll er mit der Durch¬
leuchtung beginnen. Hat er die Aufgabe und die Absicht, seine Be¬
funde auch' anderen Aerzten zu demonstrieren, so soll er» grundsätzlich
ablehnen, die Durchleuchtung anzufangen, ehe nicht alle Aerzte die
Adaptionsmarken aufleuchten sehen.
7. Es ist fehlerhaft, einen Kranken zu durchleuch¬
ten, ohne dass man sich vorher unterrichtet hat, ob
und wie lange vorher er früher durchleuchtet oder
gar bestrahlt worden ist. Jeder Kranke sollte grundsätzlich von
der Röntgepschwester danach gefragt werden. Sie sollte auch an¬
gehalten sein, darüber eine Notiz in das Protokollbuch aufzunehmen,
wenigstens bei den Kranken, welche eine positive Antwort gaben.
Bei solchen muss der Arzt selbst noch eingehend Erkundigungen von
den Kranken einziehen. Es ist leider vorgekommen, dass Aerzte
in Unkenntnis einer kurz vorher gesetzten, ausgiebigen, mehrfachen
Röntgenbestrahlung schwere Verbrennungen gesetzt haben, welche
mit grösster Wahrscheinlichkeit gar nicht durch die von ihnen durcii-
geführte Untersuchung herbeigeführt waren, sondern durch die vorher
von anderer Seite erfolgte. Auch bei Kranken, welche sich intensiven
Bestrahlungen mit Sonnenlicht oder Ouarzlampenlicht ausgesetzt
haben, wird man die Röntgendurchleuchtung besonders kurz gestalten
oder, wenn möglich, eine Anzahl von Tagen noch aufschieben.
Um jederzeit genaue Auskunft zu haben über die Dauer einer
Durchleuchtung, ist es auf das dringendste zu empfehlen, eine
Signaluhr bei Beginn der Durchleuchtung in Gang zu setzen,
welche wenigstens alle Minuten ein Zeichen gibt. Besonders bei
Demonstrationen vor mehreren Aerzten wird die Zeitdauer recht
häufig unterschätzt, vor allem dann, wenn schwierigere Befunde zu
erheben sind. Die Röntgenschwester sollte angehalten werden, nach
2 Minuten ohne weiteres auf die lange Dauer der Durchleuchtung auf¬
merksam zu machen.
Jeder Arzt, welcher Röntgendiagnostik und Röntgentherapie
betreibt, muss sich jederzeit bewusst bleiben, dass er für jede
Röntgenschädigung z i.v i 1 - und strafrechtlich voll ver¬
antwortlich ist. Besonders bemerkenswert ist es, dass nach
Auffassung der Gerichte auch die Röntgenschwester, auch
der leitende Arzt, selbst wenn er bei der Untersuchung nicht
dabei ist, ja sogar die Krankenhaus- und Universi¬
tätsverwaltung haftbar gemacht werden kann. Tatsäch-
4
986
imnNr.HF.NF.tt MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
lieh sind Anklagen von geschädigten Kranken gegen alle diese
S 1 C ' 'f ü /" den* ^Kö ntgcnithe ra pe ut e n kommen noch eine ganze Anzahl
anderer wichtiger Massnahmen in Betracht, auf die an ,?.e
nicht eingegangen werden soll. Sie sind in den Handbüchern der
Röntgentherapie ausführlich dargestellt, ts wird wohl heute in
Deutschland keinen Arzt mehr geben, welcher Röntgentherapie e be
treibt, ohne eine spezialistische Ausbildung S1fch if.T^dYss d i e
Ganz allgemein ist zu empfehlen, dass aie
Durchleuchtungszeit so kurz als irgend möglich
durch geführt wird. Kranke mit Morbus Basedow, mit
Nephritis8 mit Diabetes mellitus, vasomotorischen Storungen, auch
solche mit frischer Lues, sind nach meiner Erfahrung besonder
empfindlich.
II. Wie schützt der Arzt sich selber vor Schädigungen bei Röntgen¬
durchleuchtungen?
Die Zahl der Aerzte, welche infolge von ^öntgenschädi^ngen ,
zugrunde gegangen sind, beträgt heute mehr als 120. Meistens handelt (
es sich um chronische Hautveränderungen an den Händen welche
zur Karzinombildung führten. Die Schutzmassnahmen, welche in den
letzten 20 Jahren gefunden und immer vervollkommnet worden sind,
S. iür 'die Gewöhnliche DnrclJcuc.Uun.stechn.k durchaus £
c„it Anwendung grösserer Stromstärken vor auem t
zum Betriebe der gasfreien Röhren sind sie nicht m^r genügend j
wie uns Erfahrungen und Untersuchungen in den letzten Monaten j
zeigten. Man kann sie einteilcn in S c h u tzm a ss n a h men a n
der Untersuchungsapparatur selbst angebrach .
Dazu gehören c hutzkasten um die R ö ntgen röhr c. Am
vollkommensten war zweifellos der alte A 1 b ° 5ass %t
sehe Bleikasten. Er hatte nur leider den grossen Fehler, dass e
mehrere Zentner wog und daher verhältnismässig schwer bcweghcl
war Auch litten die Röhren durch Ueberschlagen der Funken und
wurden frühzeitig unbrauchbar. Der kleinere Schutzkasten um das
von Reiniger, Gebbert & Schall gelieferte, vielfach umgeanderte
Durchleuchtungsstativ ist nicht mehr genügend In den alteren
dellen fehlt vor allem eine Abblendung nach unten zu. ts wäre aucn
sehr zu empfehlen, wenn die Bleigummiwande starker angefertigt
wurden^ Blendenapparate. Auch bei ihnen wäre zu ver¬
langen dass die Blenden mit stärkerem Blei ausgeschlagen wurden,
so dass ein noch grösserer Teil von’ Röntgenstrahlen zuruckgehalten
würde, als es bisher der Fall ist. Filters am
3 Die Anbringung eines geeigneten Filters, am
besten aus Aluminium, um vor allem die weichen Strahlen abzuhalten.
4. Die Anbringung eines genügend dicken “ ‘
glases auf der dem Untersucher zugekehrten b eite
des Durchleuchtungsschirmes. Es muss darauf hin¬
gewiesen werden, dass die jetzt meist im Handel befindlichen Schutz¬
bleigläser auf den Durchleuchtungsschirmen durchaus nicht
genügend sind. Es gelang mir bei einer Durchleuchtung voi
2 Minuten Länge, trotz Aluminiumfilters von 2 mm Dicke, trotzdem
die Strahlen bereits durch den zu untersuchenden Kranken durch¬
gegangen waren, trotzdem ein Bleiglas auf dem Durchleuchtungs¬
schirm angebracht war, noch in einer Entfernung von etwa 20 cm
auf meine8 Brust in Höhe etwa der 2. Rippe auf einer photographi¬
schen Platte ein deutliches Röntgenbild einer Schere zu erzielen,
ein Zeichen dafür, dass eine sehr beträchtliche Menge von Strahlen
noch durchgegangen ist. Wenn also derselbe Untersucher in emem
Vormittag 10 und mehr Kranke je 2 Minuten durchleuchtet, so hat
er eine grosse Menge von Röntgenstrahlen erhalten, welche bei einer
gewissen Dauerwirkung zweifellos Schädigungen setzen müssen.
5 Besonders wichtig und auch viel zu wenig bekannt ist es,
dass die gasfreien Röhren nach unten zu eine ganz
beträchtliche Menge von R ön t ge n st r ahl e n aus
dem Blendenkasten hinauswerfen und zwar in einem
grossen, weiten Kegel, so dass auch die F ü s s e u n d U nt er :s < c _h e n-
kel der untersuchenden Aerzte grosse r G e f a h r aus
gesetzt sind Es gelingt mit Leichtigkeit, in einer Entfernung von
80 cm und mehr in weitem Umkreise Röntgenbilder von Metallgegen¬
ständen in der gewöhnlichen Durchleuchtungszelt von 1—2 Minuten
zu erzielen. Besonders gefährdet sind Fusse und Unterschenkel der
Untersucher bei der jetzt üblichen Untertischdurchleuchtung. Trotz
des Blendenkastens, der ja regelmässig zugeliefert wird, ist auch da
der Schutz ungenügend. Es ist daher unbedingt die rojde-
rung aufzustellen, dass ein genug end erSch u t z g e gen
die Bestrahlung der Fiisse in jedem Laboratorium ein¬
gerichtet wird. Das kann wohl am besten und leichtesten geschehen
durch eine 60—80 cm hohe Schutzwand, welche mit 2 mm B1« ver¬
sehen ist. Sie muss zwischen den Kranken und die untersuchenden
Aerzte auf fahrbarem Gestell, leicht beweglich gemacht, hingestellt
werden können. Auch bei Untertischdurchleuchtungen sollte eine
solche Wand regelmässig vorhanden sein. . . „ !n
Von weiteren Schutzmassnahmen m dieser Hinsicht kamen in
Betracht: Die bessere Ausbildung des Bien den ap pa¬
rates für die gasfreien Röhren mit besonderer
Einrichtung zum Abfangen der Ront genstrahlen
nach unten hin ; ferner eine geeignete Bleiwand am Dur c -
leucht ungsstativ unterhalb der Blende, unter U
ständen auch Schutz der Füsse und Unterschenkel durch Schutz¬
stiefel aus Müllerschem Schutzstoff. Nach Mitteilung der ge¬
nannten F^rma wird es aber in der heutigen Notlage kaum möglich
sein, solche Schutzstiefel preiswert herzustellen
Ferner Schutzmassnahmen, welche die an der unter
suchung teilnehmenden Aerzte an ihrem AVtzs c hürzeV
führen können. Dazu gehören: 6. Schutz s c n u r z e n, ^
Schutzhandschuhe, Schutzbrillen, der Kopfschutz^ ev. I
die angeregten Schutzschuhe: Nach wie vor ist der von der Firma
Müller gelieferte Gummischutzstoff der beste. Er muss nur ge¬
nügend dick sein Leider wird der Gummi ja mit der Zeit bruchig
und muss von Zeit zu Zeit ersetzt werden. Die Herstellung von
Schutzstoffen mit Hilfe von Eisen und anderen Metallen hat sich <
nicht? bewahrind ^ emp{eh,en ist eine Schutzvorrichtung
gegen die Tröpfcheninfektion von hustenden Kranken.
Wir haben in unserem Laboratorium einen
halb des Durchleuchtungsschirmes angebracht. Wie ich aus eigener
Erfahrung weiss, ist leider selbst den Aerzten, welche dauer d
Tuberkulöse untersuchen, diese einfacheVorrichtung noch unbekannt.
Trotzdem lassen sie bei fast jedem Kranken zwecks Studiums d
Aufhellung der Lungenfelder, besonders der Lungenspitzen, durch
Husten oder tiefes Einatmen recht häufig geradezu Tropfchemnfekt-
tion besonders hervorrufen. ... , .
8. Von anderen Schutzmassnahmen sei noch erwähnt, dass
jedes Röntgendurchleuchtungszimmer die Möglichkeit einer
gründlichen Durchlüftung haben soll, sei es durch grosse
Fenster, sei es durch einen Ventilator Vor allem darf das Zimme
nicht zu klein sein. Es sollen auch nach Möglichkeit be
sondere A u s k 1 e i d e r ä u m e für die Kranken vorhanden sein.
Die Gefahren, die bedingt sind durch die Hochspannung, scheinen
nicht sehr gross zu sein; immerhin ist bet der Anlage darauf zu
achten, besonders wenn sehr starke Apparate eingebaut werden.
Diese kurzen Ausführungen sollten jeden Arzt, weicher täglich
Röntgendurchleuchtungen vornimmt, veranlassen, seine Schutz
nahmen erneut zu kontrollieren. Vor allem "jochte ich .da™ * h ü
weisen, dass der in den meisten Laboratorien noch
fehlende Schutz gegen die Bestrahlung der Fusse
und Unterschenkel eingeführt wird. Chronische Ek¬
zeme an Füssen und Unterschenkeln waren ja noc
viel schrecklicher als die chronischen Ekzeme
an den Händen, unter denen ein ganzer Teil von
uns älteren Röntgenologen zu leiden hat.
Aus der Universitäts-Kinderklinik Jena.
(Vorstand: Prof. Dr. Ibrahim.)
Ueber angeborene Ankylosen der Fingergelenke.
(Bemerkungen zu der gleichnamigen Arbeit von Brügger,
M.m.W. 1923, S. 874.)
Von Dr. med. J. Duken.
Pol hat in seiner ausgezeichneten Arbeit „Brachydaktylie
Klinodaktylie — Hyperphalangie und ihre Grundlagen (V irc h o w
Archiv, 229, Heft III, S. 388, 1921) die ungeheuer reichhaltige Lite¬
ratur dieses Gebiets zusammengestellt, kritisch gesichtet und durch
eigene Studien ergänzt und geklärt. Wir finden in ihr zahlreich auch
jene Fälle vertreten, die B r ü g g e r in seiner Arbeit unter dem Na¬
men angeborene Ankylosen der Fingergelenke beschrieben hat
eine Bezeichnung, die sicher nicht sehr glücklich gewählt -worden i »
und die in der Literatur bereits durch bessere ersetzt wurd
Brügger erwähnt nicht, ob die genaue Untersuchung der Fu
seiner Kranken normalen Befund ergeben hat; es ist wahrscheinlich
dass auch dort Missbildungen nachweisbar sind, sicher aber ist, das
er seine Befunde noch wesentlich ergänzen kann, wenn er die vor
handene Literatur voll berücksichtigt. ..
Brügger spricht die Vermutung aus, dass bei den von ihn
beschriebenen Fällen eine bindegewebige Vereinigung der Phalangei
bestanden habe, die dann vielleicht in eine knöcherne Ankylose über
gegangen sei. Die Unwahrscheinlichkeit dieser Annahme liegt s>
sehr auf der Hand, dass es sich erübrigt, eine Erörterung darüber an
"zustellen. Wir brauchen über diesen Punkt auch keine Vermutunge
aufzuwerfen, da sichere Tatsachen vorliegen. Die von mir angesteii
ten histologischen Untersuchungen haben ergeben, dass Fei diese
Fällen die eigentliche Gelenksbildung ausbleibt, dass die Phalange
von vornherein knorplig verbunden sind auf Grund einer ™ai]2 I
haften Differenzierung der Zwischenzone, einer gestörten Metaplasi
des Vorknorpelgewebes. Ich habe dazu weiter angegeben, dass die.
mangelhafte Differenzierung an den Füssen innerhalb physio ogiscWl
Schwankungen liegt und unter stärkeren Graden als Missbildung al
Händen und Füssen zum Ausdruck kommt unter Zustanden, die w
als Gelenkagenesie, Gelenkaplasie und Gelenkhypop asie bezeichne
Assimilation und Verkürzung der Phalangen sind Folgen dieser mail
gelhaften Differenzierung der Zwischenzone.
Siehe: Duken: Familiäre, kongenitale Aplasie der Interphalange;
gelenke an Händen und Füssen. Verhandlung d. D. pathoL Oes. lVZl.
Duken: Ueber die Beziehungen zwischen Assimilationshypophalangie Wl
Aplasie der Interphalangealgelenke. Virch. Arch. 1921, 223, b. ZU4.
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
987
Carl v. Hess t-
Nicht nur die Augenheilkunde, sondern die gesamte ärztliche
Wissenschaft hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Am 28. Juni
schloss Carl v. Hess, der vor wenigen Monaten noch in voller
Kraft und auf ganzer Höhe seines Schaffens den 60. Geburtstag be¬
gangen hatte, nach kurzer schwerer Krankheit für immer die Augen.
Ein durch ein an sich gutartiges Leiden erforderlich gewordener
operativer Eingriff war erfolgreich verlaufen, aber eine sich ent¬
wickelnde perniziöse Anämie Hess keine volle Erholung mehr auf-
kommen und endete nach schnellem Fortschreiten viel zu früh, aber
sanft ein Leben höchsten Könnens, ein Leben, auf dem in seltenem
Maasse die Sonne des Glücks und des Erfolges gelegen hatte, das
aber auch in einzigartiger Weise mit leidenschaftlicher Hingabe bis
zum letzten Atemzuge der Wissenschaft gewidmet war; ein Leben,
das nicht nur der deutschen, sondern der ganzen wissenschaftlichen
Welt, der ärztlichen wie der naturwissenschaftlichen, seit langem
teuer geworden war.
Am 7. März 1863 in Mainz geboren, als Sohn des weit über seinen
Wirkungsort hinaus bekannten Augenarztes Wilhelm Hess, des
Freundes Albrecht v. Gräfes und langjährigen geschätzten Schrift¬
führers der Heidelberger Ophthal-
mologischen Gesellschaft, waren
ihm von vornherein die Wege zu
der bestmöglichen Ausbildung ge¬
ebnet. Nach einem Studium Sn
Heidelberg, Bonn und Strassburg
wandte er sich nach Prag, wo er in
die Klinik H. Sattlers eintrat,
der, ein Schüler A r 1 1 s, mit seiner
bald darauf erfolgenden Ueber-
siedlung nach Leipzig der Haupt¬
repräsentant der Ar 1 tischen
Schule in Deutschland werden
sollte. Dieser Schule ist Hess
auch zeitlebens treu geblieben und
hat sie in grossen wie in kleinen
Zügen nie verleugnet. Aber noch
in einem anderen und fast noch
tiefergehenden Sinne sollte sein
Aufenthalt in Prag für ihn bestim¬
mend werden. Damals wirkte
dort als Direktor des physiologi¬
schen Instituts an der deutschen
Universität in der Blüte seines
Schaffens Ewald Hering. Vom
Genius dieses Mannes ebenso wie
von seiner Persönlichkeit ange¬
zogen, widmete sich der junge
Hess alsbald mit voller Hingabe
sinnesphysiologischen Studien, und
gleich seine erste grössere Unter¬
suchungsreihe „über den Farben¬
sinn im indirekten Sehen“ zeigt
den Sechsundzwanzigjährigen be¬
reits so eingelebt in das tiefste
Wesen der Hering sehen Far¬
benlehre, zugleich als so feinen
und exakten Beobachter, dass sich
diese Erstlingsarbeit noch heute
wie die eines reifen Mannes liest.
Die in ihr niedergelegte Ermitte¬
lung derjenigen Farbenpaare, wel¬
che bis zur Gesichtsfeldperipherie
ihren Ton nicht ändern, brachte
eine wesentliche Stütze der The¬
orie der Gegenfarben. Es ist
verständlich, dass deren Autor, von solch ungewöhnlicher Be¬
gabung des so viel Jüngeren angezogen, ihn immer enger in
den Kreis seiner Gedanken einzuführen suchte, und so entstand, zu¬
mal Hering etwa gleichzeitig mit Sattler einem Rufe nach
Leipzig folgte und Hess mit ihnen dorthin übersiedelte, zwischen
dem feinsinnigsten Beobachter und tiefsten Denker, den die Sinnes¬
physiologie neben Helmholtz je aufgewiesen hat, und dem jungen
hochstrebenden Ophthalmologen ein Verhältnis von Lehrer zu Schü¬
ler, wie es schöner kaum gedacht werden kann und das zu einer das
ganze Leben hindurch währenden engen, wahren Freundschaft
wurde. Bis zum letzten Atemzuge blieb Hess ein fast leidenschaft¬
licher Verteidiger der Lehren seines Meisters, und kaum etwas Hess
in seinen späteren Jahren tiefere Blicke in sein Innerstes tun, als
Ihn, den weltberühmten Kliniker auf der Höhe seines Ruhmes, noch
mit gleichhingebender Verehrung und Liebe von der schlichten, vor¬
nehmen Persönlichkeit Herings sprechen zu hören.
Aber in Leipzig zogen ihn alsbald auch klinische Aufgaben an.
Die Sattler sehe Klinik, aus der so viele hervorragende Ophthal¬
mologen hervorgegangen, nahm damals schon eine der ersten Stellen
in Deutschland ein, und Hess erwies sich alsbald mit seinen Arbeiten
über das Wesen der Fädchenkeratitis und die Entstehung der Strei¬
fentrübung der Hornhaut nach Staroperation schon als der spätere
Meister der Krankenbeobachtung. Nach einem kurzen Aufenthalt
an der Schöler sehen Klinik in Berlin hatte er sich 1891 in
Leipzig habilitiert, war schnell zum ersten Assistenten aufgerückt
und wurde 1895 zum ausserordentlichen Professor ernannt, im Jahre
1896, kaum 33 jährig, zum Nachfolger Uhthoffs als ordentlicher
Professor nach Marburg berufen, ln die Zeit von 1893—1899 fallen
seine grundlegenden Untersuchungen über die Akkommodation, die
seinen Weltruf als Forscher begründeten. Durch neue Methoden der
Beobachtung am Kranken, wie der entoptischen Selbstbeobachtung,
gelang es ihm, die wahre Lage der Ziliarfortsätze, das Herabsinken
und Schlottern der Linse und damit die Spannungsverhältnisse der
Zonula beim Akkommodationsvorgang nicht allein festzustellen, son¬
dern zu messen, und auf diese Weise eine Reihe der wichtigsten
Streitfragen auf dem Gebiete der Akkommodation zu lösen. Der
Helmholtz sehen Theorie wurde hierdurch nicht allein zum end¬
gültigen Siege verholten, vielmehr wurde sie in wesentlichen Punkten
geklärt und erweitert. Die Heidelberger Ophthalmologische Gesell¬
schaft erkannte darum Hess im Jahre 1900 für diese Arbeiten den
W e 1 z sehen Gräfe preis zu. Neben diesen sinnesphysiologischen
Studien gingen eine Reihe von Untersuchungen über die Entstehung
von Missbildungen und über die Pathogenese der wichtigsten Star¬
formen einher, zwei Arbeitsgebiete, zu denen Hess auch später
immer wieder gern zurückkehrte.
Im Jahre 1900 erfolgte dann seine
Berufung nach Würzburg als
Nachfolger Julius v. Michels,
der die Leitung der Berliner
Augenklinik übernommen hatte.
Die zwölf Jahre, die Hess in
der schönen, ihm schnell ans Herz
wachsenden sonnigen Mainstadt
verlebte, als Leiter der eben reu¬
erbauten prächtigen und ganz nach
seinem Sinn ausgestatteten Augen¬
klinik, sollten den Höhepunkt
seines Schaffens bilden. Zunächst
fallen in diese Jahre die zwei
Lehrbücher über die Anom ilien
der Refraktion und Akkommodation
und über die Pathologie des Lin¬
sensystems, die im Rahmen des
G r ä f e - S ä m i s c h sehen Hand¬
buchs die entscheidenden Lehr¬
werke auf den genannten beiden
grossen Gebieten für eine ganze
Generation von Augenärzten ge¬
worden sind. Was diese Bücher
besonders auszeichnet, ist, dass sie
überall auf eigener- Anschauung
und eigener Erfahrung fussen,
nicht ängstlich auf Vollständigkeit
der Literatur bedacht sind, son¬
dern, alles Unwesentliche beiseite
lassend, eigenstes Urteil bringen
und dabei den oft schwierigen Ge¬
genstand mit jener Klarheit der
Diktion und Flüssigkeit des Stils
behandeln, die alles auszeichnen,
was Hess geschrieben. Besonders
die Ausführungen über Pathologie
und Therapie der Katarakt —
Hess war einer der besten Star¬
operateure — sind den Fachge¬
nossen zum unentbehrlichen Rat¬
geber geworden. Bald wurde denn
auch eine Neuauflage und Neube¬
arbeitung der beiden Handbücher
erforderlich. Daneben begannen
aber die grosszügigen Arbeiten über die vergleichende Physiologie
des Licht- und Farbensinnes sowie über die Variationen des Akkom¬
modationsmechanismus in der Tierreihe, die den Namen Hess durch
die ganze Welt tragen sollten. Er war eben nicht nur Arzt und
Kliniker, sondern Naturforscher im wahrsten Sinne des Wortes. Dar¬
um zog es ihn über die Grenzen des eigenen Faches hinaus zu den
grossen sinnesphysiologischen Entwicklungsproblemen.
Es ist kaum möglich, die Fülle seiner Untersuchungen auf diesem
Gebiete auch nur in ihren Umrissen hier zu skizzieren. Indem er
den in der belebten Welt so tief eingewurzelten Drang zum Licht
als Maassstab verwendete, gelang es ihm zum ersten Male, mit
messenden Methoden in das Problem des Licht- und Farbensinnes
der Tiere einzudringen. Mit in staunenswerter Weise immer neu
variierten eigensten Methoden ging er systematisch Schritt für Schritt
vor, mit dem Lichtsinn der Vögel beginnend, dann zu den Reptilien,
Amphibien und Fischen und endlich zu den Wirbellosen übergehend,
und baute so sein grosses, rein aus Beobachtungen gewonnenes
System auf, nach dem bei den Wirbeltieren sich erst beim Ueber-
gang vom Wasser zum Landleben der Farbensinn entwickelt hat,
die Wirbellosen aber dauernd in einem Zustand verblieben sind, der
dem Sehen des total farbenblinden Menschen gleicht. Es ist bekannt,
wie diese gewaltige Hypothese besonders hinsichtlich des Farben¬
sehens der Insekten von seiten der Zoologen nicht ohne Widerspruch
988
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
blieb. Aber selbst wenn spätere Zeiten einzelne seiner Schlüsse als
zu weitgehend ablehnen sollten, so wird iür immer allein schon die
geniale Methodik als eine der schönsten Leistungen naturwissen¬
schaftlicher Forscherarbeit bestehen bleiben. Wenn man dazu be¬
denkt, dass diese unermessliche Arbeit von einem der vielbescnäf-
tigsten Kliniker geleistet wurde, so fasst einen immer wieder erneut
Staunen und Bewunderung.
Zahllos sind die Publikationen, in denen Hess seine Forschungs¬
ergebnisse aus dem Gebiete der vergleichenden Physiologie des
Lichtsinnes niedergelegt hat, eine grosse Zusammenstellung findet
sich in Wintersteins Lehrbuch der vergleichenden Physiologie,
den schönsten, reifsten Ausdruck gewann seine Lehre aber in dem
klassischen, 1913 auf der Wiener Naturforscherversammlung ge¬
haltenen Vortrag. Nur dadurch vermochte ein Einzelner alles dies
zu vollbringen, dass sich in ihm in seltenster Weise nie erlahmende
Arbeitskraft, grösste Leichtigkeit im Produzieren und eine hin¬
reissende Liebe zum Beobachten vereinte. Wem das Glück zu Teil
wurde, jahrelang mit Hess zusammenzuarbeiten, der wird nie ver¬
gessen, mit welcher Freude und Begeisterung er einem seine neuen
Beobachtungen vorwies und daran teilnehmen liess. Seine fabelhafte
Beobachtungsgabe zeichnete ihn auch in der ärztlichen Tätigkeit aus
und machte ihn zu dem so treffsicheren Kliniker, der immer das
Wesentliche sofort heraussah, sich nie mit Nebensächlichem abgab.
In die Würzburger Jahre fällt auch die Uebernahme der Redak¬
tion des Archivs für Augenheilkunde, das er nach Schweiggers
Tod zur neuen Blüte brachte und fast 20 Jahre leitete, fällt weiter
eine Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten von Amerika, die
seinen Ruhm im Ausland noch mehrte, wo ohnedies Hess bereits
als der vornehmste Repräsentant der deutschen Augenheilkunde galt.
Enge Beziehungen verbanden ihn bis zum Ausbruch des Krieges mit
den ersten Ophthalmologen der ganzen Welt, woran seine ungemeine
Beherrschung der fremden Sprachen nicht unwesentlich mitwirkte.
Auch an äusseren Auszeichnungen — darunter die Verleihung des
Adels — fehlte es nicht, zumal er Rufe nach Strassburg, Heidelberg,
Wien und Berlin ablehnte. So war es selbstverständlich, dass er
1912 nach dem Tode von Eversbusch auf den Münchener Lehr¬
stuhl berufen wurde. Hier in dem weitaus grösseren Wirkungsfelde
hat Hess noch in erhöhtem Maasse seine ganz phänomenale Arbeits¬
kraft. bewiesen. Zu der Leitung der grossen weitläufigen Klinik
kam eine ausgedehnte Privatpraxis mit Konsultationen, die ihn oft
ins ferne Ausland riefen. Dabei blieb er unverändert produktiv in
seinem Schaffen. Neben immer erneuter Ausgestaltung seiner Ver¬
suche über das Sehen der Wirbellosen und der Entkräftung von Ein¬
wänden, die gegen seine Lehre erhoben wurden, zog es ihn. wieder
zu den alten Problemen der menschlichen Farbenblindheit, und mit
einer Fülle neuer Methoden und Apparaturen fand er auch hier auf
diesem so viel bearbeiteten Felde noch grundlegende neue Tat¬
sachen. Indem er den Gelb-Blausinn der sog. Rotblinden und Grün¬
blinden messend untersuchte, ermittelte er eine Unterwertigkeit des¬
selben bei ersteren, eine Ueberwertigkeit bei letzteren, und stellte
damit eine ganz neue Stufenreihe vom Totalfarbenblinden über die
beiden Formen der Rot- und Grünblindheit zum Farbentüchtigen auf.
Auch auf dem für die Neurologie so wichtigen Gebiete der Semiotik
der Pupillenstörungen eröffnete er mit seinem „Differentialpupillo-
skop“ messenden Methoden den Weg und erweiterte durch die
exakte Prüfungsmöglichkeit der motorischen und sensorischen Unter¬
schiedsempfindlichkeit in wesentlichen Punkten die Diagnostik, wie
er schon früher durch seine Untersuchungen über die verschiedene
pupillomotorischc Wertigkeit der einzelnen Netzhautbezirke und die
Einführung des Hemikinesimeters der topischen Diagnostik ein neues
Hilfsmittel in die Hand gegeben hatte. Daneben ging die Fortführung
seiner Studien über das Wesen der Adaptationsstörungen und über
die Verbesserungsmöglichkeiten der Perimetrie. Sämtliche methodo¬
logischen Resultate fasste er in Abschnitten der „Ergebnisse der
Physiologie“ und in „Abderhaldens Handbuch der biologischen
Arbeitsmethoden“ zusammen.
Alle diese weitumfassende Arbeit vollbrachte Hess in den zehn
Jahren seiner Münchener Tätigkeit, obwohl vom Jahre 1914 ab die
Not des Krieges und nach 1918 das Leid unseres Vaterlandes schwer
auf seiner Seele lasteten. Auch seinen erlesenen Geist beugte das
nationale Unglück nieder, und es war oft, als suchte er in verdoppelter
Hingabe an seine wissenschaftlichen Probleme Rettung vor der Ge¬
genwart. In der Arbeit blieb er von unveränderlicher Elastizität, aber
der alte Frohsinn, die hinreissende Lebensfrische, die ihn früher aus¬
gezeichnet hatten und die alle bezauberten, denen es vergönnt war,
ihn in dem glücklichst-harmonischen häuslichen Heim seiner Familie,
auf Wanderungen durch Gottes freie Natur oder im geselligen Kreise
zu sehen, sie kehrten immer seltener wieder. Wohl war es ihm eine
tiefe Freude, als ihm die Göttinger naturwissenschaftliche Fakultät
den Dr. phil. honoris causa verlieh, und vor allem, als ihm im Früh¬
jahr 1922 die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft mit der
Gräfe- Medaille die höchste Ehrung zuerkannte, die sie zu vergeben
hat und die bisher nur Männern wie Helm holt z, Leber und
Hering zuteil geworden war. Aber die persönliche Auszeichnung
konnte ihm, dem so tief deutsch empfindenden Manne, dem leiden¬
schaftlichen Verehrer unserer Heroen, ihm, der den höchsten Aufstieg
deutschen Ansehens miterlebt und selbst ein Stück desselben reprä¬
sentiert hatte, den allgemeinen Niedergang nicht aufwiegen.
Nun ruht seine Asche an einem wunderbar friedlichen Ort in¬
mitten deutschen Waldes in unmittelbarer Nähe Münchens. In er¬
Nr. 30.
greifender Trauerfeier wurde sie unter dem Geleit einer grossen An¬
zahl treuester Freunde, Kollegen und Verehrer des Dahingegangenen
der Erde anvertraut.
Um C. v. Hess’ Heimgang trauert die deutsche wie die
ausländische Aerzteschaft, trauert eine unermessliche Zahl Kranker,
denen er Hilfe ebenso durch seine Kunst, wie durch die Kraft seiner
hellen, zuversichtlichen Persönlichkeit brachte, trauer.n alle, die unter
ihm gearbeitet und seine warme Anteilnahme, sein gütiges Wohlwollen
kennen gelernt haben, trauern vor allem diejenigen seiner einstigen
Schüler, die seine Grösse, indem sie sie aus nächster Nähe sahen,
nicht nur bewundern, sondern lieben gelernt hatten und denen er im
Laufe der Jahre. zum nahen Freunde geworden; sie, die hoffen durf¬
ten, noch eine lange Strecke gemeinsam mit ihm zu gehen. Mit
tiefster Wehmut sind daher diese Gedenkzeilen geschrieben. Aber
uns alle tröstet das Bewusstsein, dass wir Hess nie ganz verlieren
können. Was er gewesen und was er geleistet, ist unser Besitz.
K. Wessely.
Bücheranzeigen und Referate.
Oskar H e r t w i g t und Günther H e r t w i g: Allgemeine Bio¬
logie. 6. und 7. Auflage. 822 S., 496 teils farbige Abbildungen. Jena,'
G. Fischer, 1923. Preis Grdz. geb. 9 M.
Die vorliegende Auflage, nach dem Tode Oskar Hertwigs
von G. H e r t w i g allein fertiggestellt, zeugt wiederum von dem
Bestreben der Autoren, dieses wichtige Werk dauernd mit den gerade
in der allgemeinen Biologie sehr schnell anwachsenden Kenntnissen
dauernd fortschreiten zu lassen, ln bewundernswert klarer Darstel¬
lung sind in der neuen Auflage vor allem die neuen Tatsachen über
den Zellstoffwechsel, die Vererbungsmechanismen, die Beziehungen
des Plasmas zum Kern usw. verarbeitet. Eine grosse Reihe von
Kapiteln sind gründlich neubearbeitet, ohne dass der Umfang wesent¬
lich angewachsen wäre. Wir können uns glücklich schätzen, dass
der Weiterbestand dieses einzigartigen Buches in seiner bisherigen
Zuverlässigkeit durch einen so ausgezeichneten Bearbeiter gewähr-,
leistet ist. Die Ausstattung ist wieder auf der alten Höhe, die wir
von Vorkriegszeiten her vom Fischer sehen Verlage gewohnt sind,
der Preis sehr niedrig. v. M ö 1 1 e n d o r f f - Hamburg. ,
L. Asch off: Pathologische Anatomie. Ein Lehrbuch für Stu¬
dierende und Aerzte, bearbeitet von L. A s c h o f f - Freiburg i. B.,
M. A s k a n a z y - Genf, H. B e i t z k e - Graz, C. B e n d a - Berlin.
M. Borst- München, A. Dietrich- Köln, P. Ernst- Heidelberg,
E. v. G i e r k e - Karlsruhe, L. J o r e s - Kiel, 0. Lubarsch - Berlin,
0. N a e g e 1 i - Zürich, R. R ö s s 1 e - Basel, M. B. Schmidt - Würz¬
burg, H. Schridde - Dortmund, E. Schwalbet- Rostock,
M. Simmonds - Hamburg, C. Sternberg - Wien. 6. Auflage.
I. Band: Allgemeine Pathologie, Allgemeine pathologische Anatomie.
Mit 448 grösstenteils mehrfarbigen Abbildungen im Text. II. Band:
Spezielle pathologische Anatomie. Mit 670 grösstenteils mehrfarbigen
Abbildungen im Text und 1 lithographischen Tafel. Jena, Verlag von
Gustav Fischer, 1923.
Es ist wohl selbstverständlich, dass die neue Auflage des Lehr¬
buches keine bedeutenderen Veränderungen und Neuerungen gegen¬
über der vorausgegangenen Auflage enthält, nachdem diese erst vor
kaum 2 Jahren erschienen ist. Im allgemeinen Teil ist nur das Kapitel
über die Schutzkörperbildung und Immunität, welches früher von
Kretz behandelt war, von Rössle vollständig neu bearbeitet
worden. In dem Kapitel über die Entzündung (Lubarsch) ist der
Begriffsbestimmung dieses wichtigsten Prozesses ein besonderer Ab¬
schnitt gewidmet worden, auch haben die älteren Entzündungstheorien
eingehende Berücksichtigung gefunden. Eine ziemlich weitgehende
Umarbeitung hat auch das Kapitel über die Geschwülste (Borst)
erfahren, ebenso das über den Fettstoffwechsel (v. G i e r k e) und im I
II. Teil das über den Stoffwechsel in der Leber (S t e r n b e r g). Nur I
wenige Abschnitte, wie der über die äusseren Krankheitsursachen, I
sind etwas gekürzt worden. Wenn gleichwohl die Seitenzahl des I
I. Bandes von 850 auf 805 und die des II. Bandes von 1088 auf 1030 I
zurückgegangen ist, so beruht dies lediglich darauf, dass der Text I
mit engeren Zeilen gedruckt worden ist und wohl auch an einigen j
Stellen der Kleindruck etwas mehr Verwendung gefunden hat. Sowohl ?
dem Herausgeber wie auch dem Verleger kann man gar nicht genug {1
danken, dass trotz der durch die Revolution verursachten so überaus I
traurigen Wirtschaftslage an der Ausführung und Gründlichkeit der I
Darstellung des hervorragenden Werkes gegenüber den früheren Auf- 5
lagen nichts geändert, ja dass die Zahl der Abbildungen sogar um
einige erhöht worden ist. Denn es lässt sich nun einmal das funda- I
mentale Fach der pathologischen Anatomie nicht in einen engeren I
Rahmen hineinzwängen, wenn das Werk seinen Zweck als „Lehr¬
buch für Studierende und Aerzte“ wirklich erfüllen soll.
Im Gegenteil, es wäre, wie der Referent schon bei der Besprechung '
früherer Auflagen wiederholt betont hat, dringend erwünscht, wenn
einige Abschnitte noch eingehender behandelt wären. So müssten ■
doch z. B. die Verkrümmungen der Wirbelsäule unbedingt im Zu¬
sammenhang mit den oft schweren Veränderungen der Lungen und
ihrer Wirkung auf das Herz usw. geschildert werden. Erfreulich ist
es, dass nun auch B e i t z k e in dem Kapitel über die Krankheiten der
Lunge zu der allgemein üblichen Bezeichnung „Tuberkulose“
zurückgekehrt ist, so dass nun A s c h o f f auch hier mit seinem Ver-
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
such, diesen Ausdruck durch das Wort „Phthise“ zu verdrängen,
alleinsteht. Für ein Lehrbuch wäre es im Interesse einer einheit¬
lichen Darstellung, welche bei so zahlreichen Mitarbeitern an sicii
nicht leicht ist, besser, wenn derartigen abweichenden Anschauungen
vielleicht nur in einer Anmerkung Rechnung getragen würde.
G. Hause r.
Fr. Kraus und Th. B r u g s c h: Spezielle Pathologie und Thera¬
pie innerer Krankheiten. Urban & Schwarzenberg. Liefe¬
rung 321 — 350.
Mit der Abhandlung von B r u g s c h - Berlin: Erkrankungen
der Leber, U n g e r - Berlin: Die akute Peritonitis, und Ka¬
re w s k i- Berlin: Appendizitis vom Standpunkte der Chirurgie,
finden die Erkrankungen des Verdauungsapparates ihren Ab¬
schluss. V o g t - Magdeburg erörtert die Pathologie der künst¬
lichen Säuglingsernährung. Ihm folgt im 9. Band Re y h e r - Benin:
Der Skorbut im Säuglingsalter und späteren Kindesalter (Möller-
B a r 1 o w sehe Krankheit), Eckert- Berlin: Pathologie und Therapie
des älteren Kindes und Franz und Z o n d e k - Berlin: Beziehungen
der Geburtshilfe und Gynäkologie zur inneren Medizin.
! . Von K i s s k a 1 1 - Kiel ist das Kapitel: Seuchenverbreitung und
Seuchenbekämpfung übernommen und als Ergänzung zu der im
2. Band, 1. Feil erschienenen Bearbeitung des Typhus und Paratyphus
erscheint von Hirsch- Bonn ein Kapitel: Ueber Thyphus und Para¬
typhus auf Grund der ärztlichen Erfahrungen im Weltkrieg, wobei wohl
als Wichtigstes sich herausstellt, dass durch die prophylaktische Imp¬
fung das Krankheitsbild sich im allgemeinen verändert und dass die
Schutzimpfung sich als eine mächtige prophylaktische Waffe er¬
wiesen hat.
Die Abschnitte Hysterie und Neurasthenie sind von Kuszinski-
Königsberg und Stier- Charlottenburg verfasst,
j Eine absolut neue Betrachtungsweise ist niedergelegt in dem um¬
fangreichen Abschnitt von Fr. Kraus- Berlin: Insuffizienz des Kreis¬
laufapparates, eingeschlossen die der gesamten Flüssigkeitsverteilung
im Organismus. Von dem Satz ausgehend, dass die Säftebeförderung
nur zum 1 eil durch den geschlossenen Kreislauf geschieht, dass viel¬
mehr der Schwerpunkt des Flüssigkeitsverkehrs in den Geweben liegt,
wird mit den modernsten Errungenschaften und Anschauungen der
physikalischen Chemie die Erklärung der Zirkulationsstörungen ge¬
sucht. Die Fülle des beigebrachten Materials und der Gedanken und
auch wohl die Schreibweise stellen den Leser vor keine leichte Auf¬
gabe.
, Die zuletzt erschienene Lieferung bringt die Bearbeitung der
Lähmungen der peripheren Nerven einschliesslich der Untersuchungs¬
technik von 1 oby Cohn-Berlin, die uns wieder in die gewohnten
klinischen Bahnen führt. F. V o i t.
Die Salvarsanfrage. Stenogr. Bericht über die Sitzung des preuss.
Landesgesundheitsrates, 14. Jan. 1922. Veröffentl. a. d. Gebiete der
Medizinalverwaltung. XVI. Band, 7. Heft. Berlin 1922 bei Richard
Schoetz. 148 Seiten. Grundpreis 2.70 M.
Es handelte sich in der Sitzung darum, durch Referate und Dis¬
kussion zu gewissen Richtlinien über Salvarsanbehandlung, Einführung
einer Maximaldosis etc. zu kommen.
Das erste Referat von Jadassohn gibt in klarer Weise den
jetzigen Stand der Ansichten über Salvarsan als Heilmittel der
Syphilis wieder. Dann folgt ein Referat von Busclik e. Es ist
psychologisch ungemein interessant, denn er verweist am Anfang
and am Ende darauf, dass seine im Jahre 1910 geäusserten Ansichten
heute noch richtig seien und beruft sich auf sein damals abgegebenes
Urteil. Offenbar ist es ihm gar nicht zum Bewusstsein gekommen,
dass diese Berufung auf ein Urteil, das zu einer Zeit abgegeben war,
wo weder B u s c h k e, noch jemand anderer genügend Erfahrung über
das eben von Ehrlich uns in die Hand gegebene Salvarsan haben
konnte, schon darauf hindeutet, dass er durch 12 Jahre an einer vor¬
gefassten Meinung festgehalten hat. Er hat nun auch mit enormer
Gründlichkeit seinen Standpunkt dargelegt, wobei niemand an der
subjektiven Richtigkeit des Gesagten zweifeln wird, aber doch gesagt
werden muss, das manches der Korrektur bedarf. Wenn B u s c h k e
z. B. sagt, bei der Pädiatern beginne bereits ein Rückschlag gegen die
Anwendung von Salvarsan bei kongenitaler Lues (S. 64), so hat Rcf.
auf dem Kongress für Kinderheilkunde in Leipzig im Sept. 1922, wo er
die Ehre hatte, ein Referat über das Thema zu halten und eine aus¬
giebige Diskussion stattfand, nichts davon gemerkt. Wenn von der
Jie Nieren schädigenden Wirkung des Salvarsans gesprochen wird, so
vermisst Ref. einen Hinweis auf die viel grössere Gefahr, welche
Quecksilber den Nieren bringt, auch bei vorsichtiger Anwendung,
nicht wie Salvarsan bei unrichtiger. Wenn gesagt wird, dass die
Aortenlues seit der Salvarsanära sich stark vermehrt habe, so ist
darauf wohl zu antworten, dass sie jetzt besser bekannt ist. Die Fälle
von Aortenlues, die Ref. sah, und sie ist hier nicht selten, wie wir seit
Oberndorfers schöner Publikation wissen, haben sich alle vor
vielen Jahren infiziert, vor der Salv'arsanzeit und ihre frische Syphilis,
wo doch wohl die Infektion der inneren Organe auch schon einsetzt,
uhne Salvarsan durchgemacht. Es würde zu weit führen, auf alles
emzugehen, was Widerspruch herausfordert. Nur eines sei nach er¬
wähnt: Buschke fordert, dass die Studierenden im Sinne des Re¬
ferates belehrt werden sollen; Aerzte und Laien sollen in dem Sinne
nelehrt werden, dass die alten Mittel wichtiger und ungefährlicher
sind, Salvarsan sei gefährlicher und komme erst in zweiter Linie in
Betracht. Hier muss Einspruch erhoben werden: Erstens gehören
Aerzte und Studierende in eine Gruppe, nicht Aerzte und Publi¬
kum. Zweitens ist die Belehrung der Studierenden und bis zu einem
gewissen Grade auch die der Aerzte Sache der klinischen Lehrer
und kann nicht durch Flugblätter einer Regierung gemacht werden.
Drittens ist die Belehrung des Publikums Sache der behandelnden
Aerzte; wohin würden wir kommen, wenn die Kranken mit Flug¬
blättern der preussischen oder einer anderen Regierung ins Ordina¬
tionszimmer der Aerzte träten, um mit diesen eine wissenschaftliche
Kontroverse zu eröffnen. Eine Ansicht, die auch der Vorsitzende ver¬
trat- Weiterhin enthält der Bericht Vorschläge von H e f f t c r über
die Möglichkeit, Salvarsanschäden zu vermeiden. Dann folgen sehr
!.,!t?.res?ante Bemerkungen v. Wassermanns, die sich zum guten
I eil mit dem Referat Buschke befassen. Auch Lentz tritt diesem
Referat entgegen, das auch von Lu barsch angegriffen wurde.
Arndt und S c h o 1 1 z vertreten den Standpunkt, dass die Salvarsan¬
behandlung vorsichtig durchgeführt, aber genügende Gesamtmenge
gegeben werden müsse. Besonders bei frischer Lues wird ihre Wicn-
tigkeit betont. Arndt hebt die (auch in München beobachtete) Tat-
sache hervor, dass zur Zeit der Beratung Salvarsanschäden gehäuft
auftraten. Ausser den Genannten beteiligten sich noch eine Reihe
anderer Teilnehmer (M e i r o w s k i u. a.) an der Sitzung. Vertreter
der Krankenkassen hoben mit Recht hervor, dass der Kampf gegen
das Salvarsan nur den Kurpfuschern Vorschub leiste.
L. v. Zumbusc h.
M. Lewandowskys Praktische Neurologie für Aerzte
4. verbesserte Auflage von R. H i r s c h f e 1 d. Mit 21 Abbildungen
396 S. Berlin, Julius Springer. Grdpr. 12 M.
Das ausgezeichnete Buch hat seit 1912 nun bereits die 4. Auf¬
lage erlebt; seit dem tragischen Tode seines Verfassers, der die
2. Auflage 1916 noch herausgab, sind nun bereits 2 Auflagen unter
der bewährten Redaktion von R. Hirschfeld erschienen; ein
Beweis dafür, dass das Buch wirklich den Bedürfnissen und dem
Geschmack vieler Aerzte entsprach.
Auch in der neuen Auflage hat es R. H i r s c h f e 1 d verstanden,
mit Geschick und Pietät die erfrischende Originalität Lewan¬
dowskys zu erhalten, dieses grossen, ungewöhnlich kritischen
Gelehrten, der sein Buch nicht nur mit Gelehrsamkeit und souveräner
Beherrschung des grossen Stoffes, sondern auch mit dem gesunden
Menschenverstand geschrieben hatte; man lese zum Zeugnis dessen
die herzerfreuenden Ausführungen über Hysterie und andere „Psycho-
neurosen“, ganz besonders über die Rentenneurosen, ihre Theorien
und Behandlung!
R. H i r s c h f e 1 d hat überall ergänzt, wo wichtige neue Ergeb¬
nisse Vorlagen, und hat in sehr knapper, aber doch vortrefflicher
Weise Abschnitte über epidemische Enzephalitis und extrapyramidale
Bewegungsstörungen, sowie eine neue Bearbeitung des Kapitels über
Begutachtungen (auf Grund des neuen Reichsversorgungsgesetzes
vom Mai 1920) hinzugefügt.
Das Buch verdient auch in der 4. Auflage viele Leser und wird
sie ohne Zweifel auch finden. Für den praktischen Arzt und auch den
Studenten ohne^ fachärztliche Interessen gibt es nichts besseres.
Aber auch der Fachneurologe wird sich in dem geistvollen, knappen
Buch gern vom Studium so mancher verstiegener und langatmiger
Literatur erholen. H. Curschrrtann - Rostock.
Freud: Das Ich und das Es. Internationaler psychanalytischer
Verlag, Leipzig, Wien, Zürich. 77 S.
Hinter dem Ich, das die Wahrnehmungen, den Zusammenhang mit
der Aussenwelt, die Vernunft und Besonnenheit repräsentiert, kann
man ein weniger persönliches „Es“ unterscheiden, das wesentlich
I riebkräfte, die Leidenschaften enthält. Ausserdem gibt es noch
ein „Ueber-Ich“ oder Ichideal, entstanden aus dem Oedipuskomplex
durch Identifizierung und Idealisierung. Im Ueber-Ich drücken sich
ethische Strebungen, besonders das Gewissen aus. — An anderen
Orten hat Fr eud unsere Triebe in zwei grosse Triebarten eingeteilt,
den Sexualtrieb oder Eros, und den Todestrieb, dem die Aufgabe ge¬
stellt ist, das organisch Lebende in den leblosen Ruhestand zurück¬
zuführen, während der Eros das Leben erhält. Der Todestrieb wird
nun in den komplizierten Organismen zum Teil in die Aussenwelt ab¬
geleitet und wird daduroh zum Destruktionstrieb. Aus dem Zu¬
sammenarbeiten oder der Mischung der beiden grossen Triebe, die
als so elementar zu betrachten sind, dass sie schon in der Zelle Vor¬
kommen, ergeben sich neue Gesichtspunkte zur Auffassung von
Neurosen, sogar der Epilepsie und für Leben und Tod.
Es ist unmöglich, in einer kurzen Darstellung einen genauen Ein¬
blick in diese neuen F r e u d sehen Vorstellungen zu geben; auch das
Büchlein selbst ist nur verständlich, wenn man die übrigen Schriften
des Forschers, namentlich die letzten, kennt. Ob man indessen diese
Psychologie, die eine logische Folge der F r c u d sehen elementaren
Anschauungen ist, annimmt oder nicht, Wesen und Wert der Psych-
analyse werden dadurch nicht berührt. B 1 c u 1 e r - Burghölzli.
W. Zweig: Lehrbuch der Magen- und Darinkrankheiten.
3. völlig umgearbeitete Auflage mit 81 Textabbildungen und 4 teils
mehrfarbigen Tafeln. 590 S. Verlag von Urban & Schwarzen¬
berg. 1923. Grdpr. 18 M.
Gegenüber der vor 10 Jahren erschienenen 2. Auflage hat die
zum Lehrbuch ausgestaltete Neuauflage durch eine gute und kritische,
990
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
mit zahlreichen Abbildungen versehene Darstellung der Röntecn-
untersuchung und der Rekto-Romanoskopie eine wll!kpmmene Er¬
weiterung erfahren. Die Abschnitte über Hyperaziditat Hyper
Sekretion Ulcus ventriculi und duodem sind entsprechend duj
neueren Forschungen umgearbeitet worden Für die.Ent.steh|inzS ;
Ulcus wird eine Vielheit an Ursache und Wirkung, bei denen Zirku¬
lationsstörungen eine wesentliche Rolle spielen, angenommen Die
neurogene Theorie von Bergmann wird nicht » ® ^el lehn t.
Die experimentellen Untersuchungen seiner Schüler hatte man
aber nicht mit einer derartigen Bemerkung abtun dürfen. ..Bekann -
lich können Kaninchen, schon wenn man sie schief ansieht, »
ulzerationen bekommen.“ Die Operationsmethoden und ihre Erfolge
werden unter besonderer Berücksichtigung der Mitteilungen des
österreichischen Chirurgen besprochen; nach dem Eingriff wird zur
Verhütung von Rezidiven eine strenge Ulcuskur gefordert. D|e diate
tischen und medikamentösen Vorschriften beiden, ein?e’n^n^be‘
heiten finden eine eingehende Darstellung. Manche der genau b
rechneten Kostverordnungen sind ebenso wie die Empfehlung der
Oelklistiere in der ursprünglichen K us smaul-Fleine r schu
Fassung bei uns in absehbarer Zeit praktisch kaum mehr durchführ¬
bar Eine durch die Umstände gebotene Vereinfachung einiger Re¬
zepte wäre zu wünschen. F. P e r u t z - München.
Renjiro Kaneko: Ueber die pathologische Anatomie der
Spirochaetosis icterohaemorrhagica Inada (W e 1 1 sehe Krankheit).
Rikola-Verlag, München 1922. ...
Durch die Untersuchung deutscher und japanischer Forscher ist
ziemliche Klarheit über die Aetiologie der W e i 1 sehen Krankheit
(Spirochaete icterohaemorrhagica Inada und Ido, Spirochaete lctero-
genes Uhlenhuth und Fromme, Spirochaete nodosa Hubener und
Reiter) und ihre pathologische Anatomie geschaffen worden. Kaneko,
der an den Ergebnissen der pathologisch-anatomischen Durch¬
forschung des Krankheitsbildes hervorragenden Anteil hat, legt hier
eine Arbeit vor, die neben einem historischen Ueberblick über die
Literatur bis zur Entdeckung des Erregers und einer kritischen
Uebersicht über die nach der Entdeckung der Spirochäte genaue
pathologisch-anatomische Beschreibungen der am Krankheitsbild be¬
teiligten Organe bringt. Einzelne sehr gute Abbildungen sind bei¬
gegeben. Die Arbeit zeigt, dass die pathologisch - anatomische Be¬
arbeitung der Krankheit als ebenso abgeschlossen wie die der Aetio-
logie gelten kann. Oberndorfer - München.
August Gärtner: Leitfaden der Hygiene für Studierende.
Aerzte. Architekten, Ingenieure und Verwaltungsbeamte. . und
10. Auflage. 420 Seiten mit 200 Abbildungen. Berlin 1923. Verlag
von S. Karger. Oz. 8.40, geb. 9.60 M.
Wir begriissen es lebhaft, dass der Nestor der deutschen Hygiemker
im Interesse seiner Wissenschaft wieder Zeit und Müsse gefunden hat,
sein allbekanntes Lehrbuch in neuem Gewände erscheinen zu lassen.
Es ist ein Zeichen hoher Leistungsfähigkeit und geistiger Frische
und verdient volle Bewunderung, dass der nie erlahmende Forscher,
dessen Tätigkeit sich bereits bis in das letzte Viertel eines Jahrhunderts
erstreckt, noch ebenso wie früher die sämtlichen Fortschritte aut
hygienischem Gebiet bemeistert und sie nun in seiner neuen Auf¬
lage den jüngeren Fachgenossen entgegenbringt. Die Gärtner sehe
Hygiene war immer ein bevorzugtes Hilfsmittel, um Anfänger und
Geübtere, Studierende und Aerzte, Ingenieure und Techniker mit dem
Wissenswerten vertraut zu machen. Aus der Praxis für die Praxis
geschrieben, hat es seinen Platz behauptet, weil es in allen Fragen
den Kernpunkt erfasst und unter Weglassung des Nebensächlichen
das Wichtigste in den Vordergrund stellt. Auch die neueste Auflage
zeigt diese Vorzüge. Die charakteristischen Abbildungen und Skizzen
sind wesentlich vermehrt, der Nachkriegszeit mit ihren veränderten
Bedingungen auf hygienischem und sozialhygienischem Gebiete ist
Rechnung getragen. Wir wünschen dem Buch, welches sich bei
Studierenden und angehenden Kreisärzten auch als vorzügliches
Repetitorium eines ausgezeichneten Rufes erfreut, weiteste Ver¬
breitung. R. O. Neumann-Hamburg.
Martin Friedemann: Anatomie fiir Schwestern. 8. Aufl., 1923.
160 Seiten mit 124 Textabbildungen. Jena, G. Fischer, urdz.
3 M., geb. 4M. „ . , . . .
Das empfehlenswerte Büchlein von F r i*e d e m a n n ist nun nach
10 Jahren schon in 8. Auflage erschienen: gegen die vorige Auflage
sind keine wesentlichen Veränderungen zu verzeichnen. Die Aus¬
stattung ist hervorragend gut. v. M ö 1 1 e n d o r f f - Hamburg. ,
Zeitschriften- Uebersicht.
W. Croner: Die Therapie an den Berliner Universitätskliniken.
8 Auflage. Urban & Schwarzenberg. Berlin-Wien 1923.
698 Seiten. Klein 8. Grdz. 12 M. Pappband.
Das Buch kommt dem Ziele, ein brauchbares Kompendium zu
sein und dabei etwas vom Geiste der Kliniken erkennen zu lassen,
aus denen heraus die Anleitungen geschrieben sind, so nahe, als es
eben möglich ist, wenn man Iherapic in Komprettenform bringen will.
Verschiedene Kapitel sind neu bearbeitet, alle ergänzt und verbessert.
Kerschensteine r.
F. W i 1 1 i g e r: Zahnärztliche Chirurgie. 5. Aufl. Dr. W.Klink-
h a r d t, Leipzig 1923. Grdz. 7.
Gegenüber der 4. Auflage, die 1921 an dieser Stelle besprochen
wurde, hat sich an dem Buch nichts wesentliches geändert. Ein neuer
Abschnitt über die chirurgische Behandlung der Alveolarpyorrlioe,
sowie 24 neue Abbildungen sind hinzugekommen. Auch in seiner
neuen Gestalt, die an vielen Stellen die verbessernde Hand erkennen
lässt, wird sich das Buch wie bisher bewähren.
Seifert- Wiirzbprg.
Zeitschrift fiir klinische Medizin. 1923. Bd. 96. H. 1—3.
ü v Berg in a n n: Heinrich O u i n C k e. Gedenkrede bei einer
Trauerfeier der medizinischen Fakultät und des ärztlichen Vereins zu frank-
* " Kari Westphal: Muskelfunktion, Nervensystem und Pathologie der
Gallen wege. 1. Untersuchungen über den Schmerzanfall der Gallenwege un
seine ausstrahlenden Reflexe.
Durchleuchtungsbefunde von 25 Gallenkranken, die im Schmerzanfall
eine Kontrastmahlzeit erhielten, ln der grossen Mehrzahl der Fälle, wurde
eine lebhafte Motilitätssteigerung der Magen- und Darmmuskulat ir e-
obaclitet Am Magen zeigten sich ausgedehnte spastische Zustande des g
summten Canalis egestorius, gesteigerte Antrumkontraktion Pylorospasm^
mit Fehlen der Peristaltik, zuweilen sogar ein totaler Gastrospasmus. Der
Dünndarm bot das «Bild der Hypermotilität, der Dickdarm eine -spastische
Haustrierung. Diese Motilitätsstörungen erfolgen durch Reflexe, die von den
Nervengeflechten der Gallenblase und des Ductus choledochus ausgehen
Atropin vermag die Störungen weitgehend zu beeinflussen. Neben der
Bauchdeckenspannung im rechten Oberbauch wird als viscero-motorischer
Reflex die am Schirm häufig beobachtete Stillstellung der rechten Zwerch¬
fellkuppe gedeutet Ein differentialdiagnostisch wichtiges Zeichen für Ballen¬
blasenerkrankungen aller Art ist die Druckempfindhchkeit des rechten Phre-
— ■
BCWZ.n8;rTScSsau*"Ss,d«,a, de, bisher vorliegenden Be-
obachtungen über die Anatomie und Physiologie der Gallenwege folgt e
Schilderung der vom Verf. gebrauchten Versuchstechnik zur direkten Beob¬
achtung des gesamten Gallenkanalsystems bei Katzen Kaninchen und Meer¬
schweinchen. Die im Hauptteil ausführlich und kritisch besprochenen Emzel-
versuche erstrecken sich auf elektrische und pharmakologische Vagus- und
Sympathikusreizungen. Die dabei beobachteten Vorgänge an den Gallen-
wecen lassen sich kurz dahin zusammenfassen, dass ein leichter Vagusreiz
BBktri 'ch oder durch Pilokarpin) eine lebhafte Peristaltik bew.rkt m.t emer
Erleichterung des Galleabflusses; ein starker Reiz hat Spasmen, vor :
im Gebiet der Portio duodenalis choledochi, zur Folge mit einer Ab*1“s,s"
hemmung der Galle bis zu völliger Gallerctention. Vaguslahmung durch
Atropin bewirkt einen Tonusabfall. Splanchnikusreizung verursacht einen
Sphinkterschluss in der V a t e r sehen Papille, dabei Xnhta«W ^Der ver*
duodenalen Teils des Ductus choledochus, sowie der Gallenblase Dei ' jar
stärkte Muskelapparat in der Wand des unteren Choledochus ist in seiner
Funktion vergleichbar mit der Pyloruspartie des Magens.
3. Die Motilitätsneurose der Gallenwege und ihre Beziehungen zu deren
Pathologie, zur Stauung, Entzündung. Steinbildung usw. ovnp_. ,
Mittels der Duodenalsondierungsmethode wurden die im Tierexperimuit
gesammelten Erfahrungen über die Entleerung der Gallenwege unter ^ ver¬
schiedenen Bedingungen am Menschen nachgepruft und fanden im Wesent¬
lichen eine Bestätigung. Ausser bei ausgesprochener Erkrunkung der Ballen¬
wege besteht eine erhöhte Reizbarkeit der Muskulatur derselben in der
Gravidität, während der Menstruation und bei vegetativen Neurotikern. 1
Pilokarpinversuch kommt diese erhöhte Reizbarkeit zum Ausdruck durch e n
verstärkte initiale Abflusshemmung der Galle. Für die besondere Dispositi
des weiblichen Geschlechtes zu Erkrankungen der Gallenwege braut diese
Beobachtung eine bessere Erklärung als die durch Korsettdruck. Druck de.
wachsenden Uterus. Das Bild der Stauungsgallenblase in ihrer hypertoni¬
schen und hypotonischen Form erfährt hinsichtlich Genese und Folgen (St ein-
bildung) im Einklang mit Versuchsbeobachtungen eine De-utung vom nervös
funktionellen Standpunkt. Ebenso wie die Muskelhypertrophie der Gallenj
blase wird letzten Endes auch die Steinbildung in derselben hingestd a -I
Folge einer Stauung wegen erschwerter Entleerung: Hypermotüitatsneurosl
der Gallenwege. Diese hat wohl, wie z. B. in der Gravidität, ihre Ursachl
in innersekretorischen Störungen; sie ist vielleicht mitb^mgt durch ein I
Hypercholesterinämie. wie sie in der Gravidität und bei Artenosklerotike. I
festgestellt ist. Die Schmerzen der Gallenkolik beruhen auf krampfhaf e
Peristaltik der Gallenwege und reflektorischer Kontraktionen an Magen um«
Darm. Als geeignetstes Mittel zu deren Beseitigung wird die ausgiebigd
Anwendung von Atropin neben heissen Kataplasmen und Olivenolmedikatio|
Wilhelm Weitz: Zur Aetiologie der genuinen oder vaskulären Hvper;
tension. Fanlilien{orschung bej 82 Hypertonikern ergab, dass Hypertensioj
und auf Hypertension hinweisende Todesursachen in der Verwandtscha
von Hypertonikern häufiger sind als es nach der Häufigkeit des Leiden!
zu erwarten ist. Gemeinsame äussere Schädigungen konnten nicht gefundtj
werden. So wird auf Grund der Erhebungen dem Alkohol- und NikotinabusW
und auch psychischen Affekten nur eine gewisse auslösende Rolle 7:U - I 'l
in dem Sinne, dass sie häufig eine „latente“ Hypertension durch Schwachuni
des Herzens zu einer „manifesten“ machen. Die genuine Hypertension i
ausserordentlich häufig, möglicherweise stets, erblich bedingt; sie folgt wahJ
scheinlich einem einfach dominanten Erbgang. , . ,
Rudolf Stahl: Ueber die Blutplättchen bei Infektions- und Blutkrani
heiten. insbesondere über die unreifen pathologischen Plättcheniorim
(Thr°Imb Verbiet des Typhus, bei Grippe, Scharlach, Gelenkrheumatismu]
Tuberkulose und Leukämie wird das Verhalten der Blutplättchen nach Za
und Habitus studiert. Die Zählungen sind nach der F o n l o sehen Methoi
vorgenommen, das Studium der morphologischen Eigentümhchkeiten a
dünnen Ausstrich, dessen Herstellung unter besonderen Kautelen erfolg
Auch beim Gesunden kommen Riesenplättehen vor, die aber im Gegen
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
991
/ii den unter krankhaften Verhältnissen beobachteten ausgesprochen baso¬
philen ein neutrophiles Zytoplasma haben. Die basophilen Plättchen können
in mannigfacher Form auftreten (klein, gross, rund, oval, wurstförmig) ; es
,ind unreife Zellen, die ausschliesslich in pathologischen Zuständen gefunden
werden, und für keine bestimmte Krankheit charakteristisch sind.
Herbert Herxheimer: Zur Grösse, Form und Leistungsfähigkeit des
lerzens bei Sportslcuten.
Hei 171 ausgewählten, durchtrainierten Sportsleuten (Teilnehmer der
leutschen Kampfspiele 1922) wurden Herzgrössen- und Konfigurationsbe-
timtuungen mittels orthodiagraphischer Aufnahme vorgenommen. Die Herzen
varen im Gesamtdurchschnitt etwas grösser als die Herzen der Vergleichs-
icrsonen. Die Boxer hatten die kleinsten Herzen, die grössten die Skiläufer:
las Skiläuferherz iibertrifft im Durchschnitt sogar noch das des Marathon-
iuters an Grösse. Vermutungsweise wird dafür neben der starken Armarbeit
•eim Skilauf in gebirgigem Gelände vor allem die Ueberwindung der Höhen-
interschiedc mit der wechselnden Sauerstoffspannung verantwortlich ge¬
nacht. ln der Konfiguration des Herzens ist nur insofern ein gesetz-
nassiges Verhalten festzustellen als die Skiläufer im Gegensatz zu den
i ihrigen Sportsleuten mit relativer Vergrösserung des rechten Herzteiles eine
elative Vergrösserung des linken Hcrzteiles aufwiesen. Nur in Verbindung
nit dem klinischen Befund und dem Ausfall einer Funktionsprüfung ist eine
Beurteilung des Herzens aus dem Orthodiagramm gestattet.
Paul Holzer und Erich Schilling: Piilsdifferenz als Funktlons-
irobe des Herzens.
Hei 25 von 50 Herzkranken wurden schon in der Ruhe oder erst nach
Arbeitsleistung frustrane Herzkontraktionen beobachtet; die Zahl der
rustranen Kontraktionen nahm nach Arbeitsleistung zu. • ln Anlehnung an
merikanische Autoren bezeichnen die Verfasser diese Erscheinung der Herz-
nuskclinsuffizienz als ..Pulsdefizit“ (P.-D.). Das P.-D. schwindet bei rechter
hcrapie, bleibt das P.-D. bestehen, so ist die Prognose ungünstig.
Otto Abraham: Untersuchungen über das Verhalten des protco-
vtischen Fermentes im Sputum und Urin im Verlaufe der Grippepneumonie.
Die Untersuchungen in 11 Fällen führen zu dem Ergebnis, dass das
•putum gesetzmässig erst nach der Krisis oder Lysis proteolytische Eigen¬
ehaften erhält. Mit der Lösung des peumonischen Exsudates haben proteo-
vtjscfie Fermente nur insofern etwas ziu tun, .als sie an den Eitergehallt
es Sputums gefunden sind. Auch das eitrige Sputum von Bronchitis,
ubcrkulose und Lungengangrän hat eiweissverdauuende Kraft; der frische
iter vermag Fibrin zu lösen, wie Fr. Müller schon 1902 mitteilte. Der
bin ist in seiner Verdauungswirkung grossen Unregelmässigkeiten unter¬
worfen, die (im Gegensatz zu den Befunden B i 1 1 o r f s) in gar keine Be-
iehung zu setzen sind zur Verdauungskraft des Sputums.
A. Punschei; Der Blutzucker im höheren Lebensalter unter be-
inderer Berücksichtigung der alimentären Hyperglykämie.
Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert, in deren erstem der Verf. die
on den verschiedenen Autoren angegebenen Blutzuckernormalwertc in
i bellarischer Uebersicht zusammengestellt hat. Der zweite Teil umfasst
n Hand der Literatur eine Besprechung von Faktoren, die den Blutzucker-
piegel normalerweise beeinflussen. Unter diesen Faktoren ist auch das
ebensalter aufzuführen. Bisher fehlende systematische Untersuchungen
her den Zuckergehalt des Blutes im höheren Lebensalter nehmen den dritten
eil der Arbeit ein. Die Untersuchungen, die als Serienbestimmungen mit
er Mikromethode von Bang durchgeführt sind, erstrecken sich auf drei
Itersgruppen von Kranken. Sie ergeben, dass die Blutzucker-Niichternwertc
n Alter erhöht sind. Nach oraler Verabfolgung von 20 g Glukose steigt die
•lutzuckerkurve im Alter höher an und das Ausgangsniveau wird erst später
Jeder erreicht als beim jugendlichen Individuum. Eine messbare Glykosurie
■t in keinem Falle aufgetreten. B r o g s i 1 1 e r.
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 178. Bd. 1. — 2. Heft.
Albeit N a r a t h - Heidelberg: Die künstliche Epithelisierung der Speise-
ihre. Ein Vorschlag zur Behandlung der Verätzungsstriktur.
Die Ursache der ausgedehnten Narbenbildungen bei den Verätzungs-
rikturen der Speiseröhre ist zu suchen in dem Fehlen des Epithels. Zwecks
iinstlicher Epithelisierung der Speiseröhre macht N. daher den Vorschlag,
ach genauer Feststellung der Lage und der Ausdehnung der Striktur ein
it einem grossen T h i e r s c h sehen Läppchen armiertes Gummirohr so an
Je Stenose heranzubringen, dass die Wundfläche des Läppchens der Wand
es Oesophagus im Bereich der Granulationsfläche anliegt. Technische Ein-
elheiten im Original. Die Verwirklichung der Idee würde die Indikationen
ir Bildung des a.ntethorakalen Oesophagus einschränken und manchen
ranken ein qualvolles Leiden ersparen.
Lehmann: Die konstitutionell schwache Epiphyse und ihre Beziehungen
Jr Rhachitis, Osteochondritis und Arthritis deforinans. (Aus der Chirurg,
linik Rostock. Geheinmrat Prof. Dr. Müller.)
Verf. fand 3 mal hyalinen Gelenkknorpel an der Abbruchstelle von
elenkinäusen, einmal fanden sich Knorpelerweichungszysten im Gelenk-
ausbett des Femur. Die Herde werden zurückgeführt auf Ossifikations-
örungen an einer „konstitutionell schwachen Epiphyse“; ein Zusammenhang
it der Spätrachitis ist wahrscheinlich. Die Osteochondritis in Form der
elcnkmaus, der P e r t h e s sehen und K ö h 1 e r sehen Krankheit, der sog.
pophysitis ist eine Systemerkrankung, die wahrscheinlich alle Gelenke bc-
ifft. Auch der Arthritis deform, liegt dieselbe konstitutionelle Schwäche
r Epiphyse zu Grunde. Mechanische Schädigungen spielen nur die Rolle
■s auslösenden Reizes.
Ernst Met ge: Erfahrungen an 100 Splanchnikiisanästhesien nach
a p p i s. (Aus der Chirurg. Universitätsklinik Rostock. Geheimart Prof.
i . W. Mülle r.)
Die Splanchnikusanästhesie ist technisch nicht schwer, besser in Bauch-
ge ausführbar. Skopolamin-Morphium wird nur bei älteren Leuten fort-
lassen. Gegenindikationen: Deformierung der Wirbelsäule, besonders
'Kstliche Kranke; Kombination mit besonders sorgfältiger Anästhesierung
'r Hauchdecken ist erforderlich. In % der Fälle wurde eine erhebliche ßlut-
uckscnkung beobachtet, die allerdings bis zum Abend des Operationstages
ieder behoben war. Meistens gehen tiefe Blutdrucksenkung und tiefe
"ästhesic Hand in Hand. Bei 112 Splanchnikusanästhesien wurden 3 töd-
he postoperative Pneumonien gesehen im Gegensatz zu 7 bei der gleichen
n/alil Narkosen! (Diese Zahl der postoperitiven Pneumonien ist über¬
sehend hoch, ich zähle bei Sauerstoff-Chloroform-Aethernarkose noch nicht
Proz. Ref.) Die primäre Operationsmortalität bei Magen- und Gallcnstcin-
operationen scheint durch die Splanchnikusanästhesie verringert zu werden.
Max Rehbein: Ueber Muskelverknöcherung nach Rückcnmarksver-
letzung. (Aus der I. Chirurg. Abteilung des Krankenhauses Hamburg-Harm¬
beck. Prof. Dr. Sud eck.)
Ein dem von Israel (Fortschr. a. d. Geb. d. Röntgenstr. 27, 1921)
beschriebenen ganz analoger Fall: 23 jähr. Soldat, 1916 Rückenmarksdurch¬
schuss (Verletzung der Cauda equina in Höhe des 2. Lendenwirbels), fast
vollkommene Lähmung der Becken- und Beinmuskulatur. Nach 4 Monaten
klinisch und röntgenologisch Verknöcherung der Oberschenkel-Becken¬
muskeln, ferner im unteren Femurdrittel und innen am Kniegelenk. Nach
4 Jahren Exitus durch Suizid. Die Sektion stellte ein Intaktsein der oberen
Ileopsoasmuskulatur und des obersten Sartoriusdrittels fest, sonst Degenera¬
tion. Es bestand eine mit dem Femur in fester Verbindung stehende Ossi¬
fikation des unteren Ileopsoas, des Pektineus, des medialen tiefen Glutaeus
minimus-Teils und kleiner Abschnitte der Adduktoren, ln der Kniegclenks-
gegend sind der Pes anserinus, Vastus mcd. und lateral, und Articularis
genu verknöchert. Die Knochenneubildung entspricht in ihrer Struktur der
Längsrichtung des Muskels. Ausser der Annahme der Trophoneurose, welche
die Bereitschaft zur Verknöcherung erklärt, ist für die Entstehung noch ein
mechanisches Moment anzunehmen; die Muskelzugreizung. Das obere Drittel
der hauptsächlich verknöcherten Muskeln war intakt und funktionstüchtig;
die Kraft dieses Teiles überträgt sich über den gelähmten Abschnitt hinweg
auf den Ansatz am Knochen und gibt so den Reiz für die Knochenneu¬
bildung ab.
T. Aoyama: Zwei operativ behandelte Fälle von Klcinhirnbrücken-
witikeltumoren. (Aus der Chirurg. Abteilung des Izumibashi-Charitee-Kranken-
hauses. Prof. Dr. T. A o y a m a.)
Beide Fälle zweizeitig nach K r a u s e scher Technik operiert. Im
1. Falle Exitus; der 2. Fall heilte mit ganz beträchtlicher Besserung aller
Symptome. Beide Tumoren hatten die typische Struktur der Akustikus-
tumoren, im 2. Fall war der Tumor zystisch, wahrscheinlich durch Blutung
und fettige Degeneration. Uebersicht über Operationsmethoden und Erfolge,
bei denen Cu sh in g mit nur 20 Proz. Mortalität an erster Stelle steht.
W. Oder matt: Prüfung der Gewebswirkung der neuen Antiseptika
mit besonderer Berücksichtigung der Therapia sterilisans localis percapillaris.
(Aus der chir. Universitätsklinik Basel. Prof. Dr. G. H o t z.)
Versuche am überlebenden Kaninchenohr, Einbinden von Kanülen in die
A. auricularis po?t und die Vene, Durchspülen mit Tyradelösung, Zugabe der
zu prüfenden Flüssigkeit. Es ergab sich, dass die meisten der modernen
chemotherapeutischen Mittel eine z. T. sehr starke und längerdauernde Ge-
fässkonstriktion hervorrufen und die Gewebe sehr gegensätzlich zur heil¬
samen Hyperämie erheblich schädigen. Dadurch und durch die Begünstigung
anderer gerinnungsfördernder Faktoren kann es zur Nekrose kommen.
Friedrich Brunner: Beitrag zur Resektion des Dickdarms. (Aus dem
Krankenhaus der Diakonissenanstalt in Neumünster-Zürich.)
70 Kolonresektionen bei 30 Männern und 40 Frauen von 1898 — 1922.
Abgesehen von 42 Karzinomen wurde reseziert wegen Verletzungen, Ulcus
coli Simplex, Inkarzeration, Invagination. Für die Behandlung des Ca-Ileus
redet der Verf. unbedingt der primären Anlegung der Zoekalfistel das Wort
mit sekundärer Resektion. In unkomplizierten Fällen ist die einzeitige Re¬
sektion, die Verf. 47 mal — 26 mal Resectio ileocolica, 21 mal Colocolo-
stomie — ausführte, das Verfahren der Wahl. Die Vorlagerung und Bildung
eines Anus praeter hat viele Nachteile. Am Dickdarm wird technisch
End-zu-End-Anastomose mit zweifacher zirkulärer Naht bevorzugt. Unter
82 Magenresektionen wurde 5 mal ein Stück des Transversum mitreseziert,
ein Fall ist seit 12 Jahren geheilt geblieben. Gesammtmortalität 23 Proz.
Von 42 wegen Karzinom operierten Kranken sind 7 17 Proz. gestorben
(vor 1912 27 Proz., nach 1912 13 Proz.). Von 35 überlebenden Dickdarm¬
karzinomoperierten sind 8 mehr als 4 und 7 mehr als 8 Jahre geheilt.
K. Jaroschka: Ein Fall von Askaridenobturationsileus mit Dünn¬
darmperforation verursacht durch Askariden an einer Serosanahtstelle. (Aus
der chir. Universitätsklinik Kiel. Geh.-Rat Prof. Dr. Anschütz.)
Bei dem 1 IT jähr. Kinde, das plötzlich unter den Erscheinungen des
Ileus erkrankte, fand sich das untere Ileum durch ein tumorartiges Wurm¬
knäuel obturiert. Durch Enterotomie Entfernung von 100 Askariden. Nach
2 Tagen Exitus infolge Perforation des Darmes durch Askariden an der Stelle
eines genähten Serosarisses. Als bestes Anthelmintikum wird das nach
Preuschoff vorsichtig dosierte Oleum chenopodii empfohlen.
W. Goldschmidt: Zur Frage des blutenden äusseren ßünndar-.n-
myoms. (Aus der I. chir. Universittsklinik Wien. Prof. A. E i s e 1 s b e r g.)
41-Jähriger, bedrohliche Darmblutung, daneben kugelige Geschwulst in
der Mitie des Unterbauches, die sich als übermannsfaustgrosses Leiomyom
erwies, das den Dünndarm divertikelartig an seinem Ansatz auszog und
portioartig in das Lumen des so entstandenen Divertikels hineinragte. Radi¬
kale Operation, Heilung. In der Symptomatologie von 16 äusseren Dünn¬
darmmyomen ist nur dreimal die Blutung verzeichnet. Diese ist prognostisch
sehr ungünstig und ist Indikation zur Operation, falls die Diagnose gelingt.
Ernst M e t g e: Zur Kasuistik der akuten Osteomyelitis des Schädel¬
daches, besonders bei Erwachsenen. (Aus der chir. Klinik Rostock. Geh.-
Rat Prof. Dr. Mülle r.)
1. Metastase am linken Stirnbein bei multilokulärer Osteomyelitis. 2. Iso¬
lierte Staphylokokkenosteomyelitis des Hinterhauptbeins. 3. Kindliche Osteo¬
myelitis des Os occipitale, auch hier Staphylococcus pyogenes aur. Nach
den Statistiken (S c h c i n z i s s) beträgt die akute Osteomyelitis der
Schädelknochen Vi Proz.
W. Krämer: Ein Fall von Luxation im C h o p a r t sehen ■'Gelenk.
(Aus der chir. Abteilung des Hospitals zum Heil. Geist Frankfurt a. M.
San. -Rat Dr. A m b e r g e r.)
In der Literatur 13 Fälle. Im eigenen Fall Entstehung durch direkte
Gewalt. Von oben kommende schwere Last eines Zementkastens wirkt auf
den Vorfuss bei fixiertem hinteren Fussteil. dabei Ueberabduktion im Chn-
p a r t sehen Gelenke. Reposition durch Zug und Gegenzug mit gutem Re¬
sultat.
Eugen Sattler: Ueber die llernia Lig. Qlmbernati. (Aus der IV. chir.
Abteilung des St. Stefanspitals Pest. Prof. Arnold W i ii t c r n i t z.)
41-Jährige. Bruchsack unter dem Lig. Pouparti, Kruralring leer, medial
davon dringt durch eine scharfrandige, bogenförmige Ocffnung der 5 cm
lange Bruchsack. Bei sorgfältiger Präparation aller Kruralhernien würde
die Ansicht von der Seltenheit der Hernien sich nicht halten lassen.
H. Flörcken - Frankfurt a. M.
992
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30
Bd. 129. II. 1.
Bruns’ Beiträge zur klinischen Chirurgie
Tübingen 1923.
R Sommer: Die Osteochondritis dissecans (König).
Die rein mechanisch-traumatische Entstehung aller freien OelenK-
körper (Barth) ist aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich; in vielen
Fällen kommt man ohne die Annahme einer Krankheit oder Minderwertigkeit
des Knochens (König) nicht aus. Mit König ist era „i'heumaUsches
Vorstadium", während dessen die Lösung des Knorpelknochenstuckes ein-
setzt, vom Stadium des freien Gelenkkörpers zu trennen. 12 Krankenge¬
schichten belegen die Ausführungen über Symptome, Diagnose, Prognose und
Behandlung des Leidens. Auf Grund pathologisch-anatomischer Untersuchung
der von seinen Kranken gewonnenen Gelenkkörper einschliesslich ihres
Bettes erklärt S. die Osteochondritis dissecans (Koni g) für ein selbständiges
Krankheitsbild. Sie ist histologisch unter dem Gelenkabschnitt, der sich
schliesslich loslöst, feststellbar in Gestalt eines aseptischen Regenerations¬
vorganges. Zelluläre Substitution im Knorpel und subchondrale Dissektion
mit Verschwinden der Knochengrenzlamelle und Uebergreifen auf lebende
Knochenbälkchen sind ihre Kennzeichen. Die auslösende Ursache für die
Osteochondrittis dissecans ist wahrscheinlich in dem Reiz einer Knorpel¬
quetschung zu erblicken. Ob sie auch „spontan“, d. h. ohne Gewaltein¬
wirkung, durch noch unbekannte Bedingungen entstehen kann, muss otten
bleiben.
M. Käppis: Die Ursache der K ö h 1 e r sehen Krankheit an den Köpi-
chen der Mittelfussknochen.
Histologische Untersuchung rechtfertigt den Verdacht, dass der K oh -
lerschen Erkrankueg ein Knochenbruch zugrunde liegt. Bei Fehlen
des Trauma in der Vorgeschichte muss man an Spontanfraktur denken, Für
die Annahme einer Knochenkrankheit, die ihr Entstehen begünstigt,
fehlen sichere pathologisch-anatomische Unterlagen. Die P e r t h e s sette
Hüftgelenkserkrankung ist vielleicht durch plötzliches oder schubweises, oder
auch allmähliches Zusammenbrechen an der Oberschenkelkopfepiphyse be¬
dingt. Nur weitere mikroskopische Untersuchungen von Frühstadien können
das noch bestehende Dunkel aufhellen.
Schüler und Weil: Die Entstehung der Stieda sehen Fraktur.
Die ursprüngliche Annahme, dass es sich bei dem S t i e d a sehen
„Begleitschatten“ am medialen Femurkondylus um eine Absprengung oder
einen A usriss von Knochenteilchen, also um einen Bruch "handelt, ist abzu-
lehnen. Das den Schatten verursachende Knochenstück liegt m der Sehne
des M. adductor magnus. Es entsteht nicht durch Wucherung ausgerissener
Knochenhaut, sondern metaplastisch, parostal, wie histologische
Befunde beweisen. Als Ursache kommt entweder eine unmittelbare
Quetschung der Adduktorensehne in Frage, oder eine Zerrung, wie sie durch
gewaltsame, nicht koordinierte Zusammenziehung des M. adductor magnus
bei Gefährdung des Körpergleichgewichtes möglich äst.
H. Käfer: Die chirurgische Tuberkulose Ostprcussens in den Kriegs-
utid Friedensjahren 1911 — 1920.
Während der ersten Kriegsjahre waren die Erkrankungen an chirurgi¬
scher Tuberkulose nur wenig, von 1917 an aber bis um das 3 4 fache der
Friedenszuhlen vermehrt. Daran ist das weibliche Geschlecht mehr beteiligt
als das männliche. Am bedeutendsten, ist die Zunahme der Krankheitsfälle
für das Alter zwischen 20—25 und 50—60 Jahren. Bei jungen Mädchen
zwischen 11 und 15 Jahren fand sich eine auffallende Mehrbeteiligung
an Wirbelsäulenerkrankungen. Auch für das Schulter-, Ellbogen- und Hand¬
gelenk, den knöchernen Brustring, für die Weichteile des Gesichtes. Stammes,
und der Arme, für Brustdrüse und Bauchfell ist das statistische Ergebnis fui
das weibliche Geschlecht ungünstig. Am meisten vermehrt waren die lym-
phbtmatai colli (etwa 5 mal häufiger als im Frieden), sehn häufig auch die
tuberkulöse Peritonitis. Infolge ungleichmässiger Zusammensetzung der Be-
völkeruriR und mangelnder ärztlicher Versorgung auf dem Lande hat die
Statistik nur bedingten Wert. Ein ungeheuer schädigender Einfluss des
Krieges auf die Volksgesundheit ist aber aus ihr einwandfrei ersichtlich.
K Bringmann: Die histologische Blutuntersuchung in der Chirurgie.
Nach Schilderung der Technik werden die wichtigsten pathologischen
Verhältnisse, bei denen die Blutuntersuchung für den Chirurgen in Betracht
kommt, zusammengestcllt (akute Blutverluste, wiederholte chronische Bin-
tungen, Einfluss von Bakteriengiften, von Geschwülsten, von Eingeweide¬
würmern, von Blutgiften, Konstitutionskrankheiten usw.). Es folgt eine
kurze Beschreibung der krankhaften Erythrozytenformen und das Wichtigste,
was über die Blutplättchen, ferner über Zahl und Verteilung der Leukozyten
bekannt ist. Dann wird die physiologische Leukozytose besprochen, die
bei Neugeborenen, während der Schwangerschaft und Geburt, nach An-
strengungen, kalten Bädern, Heissluft-, Glühlicht-, Sonnenbehandlung, bei
Klimawechsel und während der Verdauung vorkommt; hierauf wendet sich B.
den pathologischen Leukozytosen zu (posthämorrhagische L„ infektiöse L„
L bei bakteriellen Erkrankungen, L. durch toxisohe Wirkung von Medi-
kamenten, L. bei bösartigen Geschwülsten), um der Betrachtung der quanti¬
tativen Veränderungen eine solche der qualitativen Verschiebungen des Blut¬
bildes anzuschliessen. Zuletzt werden noch die Kennzeichen für das Alter
der Blutzellen und toxischer Veränderungen an ihnen etörtert.
N. v. Hcdry: Auf durch Strahlenpilz verändertem Boden entstandene
krebsartige Geschwülste. , ... . _ .
Bei zwei männlichen Kranken wurde von kariösen Zahnen ausgehende
Aktinomykose der Mundschleimhaut festgestellt. Auf diesem Boden hatten
sich Plattenepithelkrebse entwickelt. Probeausschnitte und histologische
Untersuchung sind besonders bei stets sich erneuernden Schüben dringend
anzuraten, um bei karzinomatöser Wucherung die Anzeige zu radikalem Ein¬
greifen nicht zu versäumen.
granulierende, sterilisierte Wunde mit widerstandsfähiger, elastischer, nicht
zur Geschwürsbildung neigender Haut schlossen
H. B r ü 1 1 : Die Bedeutung der anaeroben Streptokokken lür du
destruktive hAppendizlUs-ankheitsbiides wird bei der destruktiven Appendiziti
in der Regel durch Anaerobier bestimmt. Unter diesen spielen anaerob.
Streptokokken eine wichtige Rolle. Sie verleihen dem Eiter einen durch
dringenden Gestank und besitzen die Fähigkeit. Thrombophlebitiden zu er
zeugen (in der Appendix, aber auch im Pfortadersystem). Bei reiner Kol.
Infektion ist das Exsudat fast stets geruchlos oder riecht fade. Sie is
günstiger als Mischinfektion mit anaeroben Streptokokken oder auch mi
Aerobiern. Völlig klares Exsudat ist meist steril oder enthalt vereinzelt.
Kolikeime; das seröseitrige, nicht riechende Exsudat pflegt mut Koli allen
'infiziert zu sein, Mischinfektion ist seltener. Die Bauchhöhle kann ge
schlossen werden bei geruchlosem Exsudat, wenn weder u n e
deckte Serosaflächen. noch nekrotische üewe b e zuruck
geblieben sind. Bei stinkendem Ergüsse (anaerobe Streptokokken) ist Drai
nage erforderlich. . ,, . „« ,. .
D. Frank: Die Rektopexie nach K u m m e 1 1 scher Methode.
Befestigung des Mastdarmes an der vorderen Bauchwand oder an de
Weichteilen der Beckenschaufel gibt keinen genügenden und dauernde
Halt, um das Wiederauftreten eines Vorfalles zu verhindern. Demgegenube
ist die Rektopexie nach K ü m in e 1 1, die bisher 12 mal gemacht wurde, leicl.
ausführbar, ungefährlich und von befriedigender Dauerwirkung. Sie eigne
sich vor allem für schwere Prolapse, besonders bei alteren Frauen un
elenden Kranken. Nach Eröffnung der Bauchhöhle in Beckenhochlugerun
wird der Mastdarm straff nach oben gezogen, bis der Vorfall verschwunde
ist. und in der Gegend des Promontorium mit 3 Seidenknopfnahten an da
derbe Lig. longitudinale anteriums der Wirbelsäule befestigt.
Bircher und Berger: Experimentelle Untersuchungen über di
Wirkung der Spitzgeschosse. , , .. .. ,
Nahschüsse (300—700 m) üben eine Sprengwirkung auf die Knoche
aus. Bei Fernschüssen (1000, 1500 m und darüber) wird diese meist vei
misst: die Splitterung ist geringer, häufig sieht man nur Lochschüsse. Di
Diaphysen bieten das Bild der Schmetterlingsfraktur. Für das Spitzgescho;
— das Kaliber 7,5 mm erwies sich als das wirksamste ist bezeichnen!
dass Hautein- und ausschuss auffallend klein sind, und zwar um so kleine
aus je grösserer Entfernung der Schuss fiel. Auch reine Weichteilschus
kunäle sind unter Kaliberweite. Parenchymatöse Organe werden durt
Nahschüsse gesprengt (Leber, Niere). Bei Lungenverletzungcn ist der Bin
gehalt des Organes von Bedeutung, beim Darm der Füllungszustand. D.
Spitzgeschoss besitzt infolge seiner hohen Anfangsgeschwindigkeit eine gros:
lebendige Kraft. In allen Entfernungen besteht erhebliche Neigung zu Schra
und Querwendungen, wenn die leicht ablenkbare Spitze einem einseitig.
Widerstande begegnet. _.. . .
Gundermann: Ueber die Behandlung peripherer Rontgenulze
mittels periarterieller Sympathektomie. . ,
3 Röntgenulzera bei Kranken, welche wegen Tuberkulose des Ellboge
und Handgelenkes und der Mittelhand bestrahlt worden waten, verändert
auf pcriartericlle Sympathektomie alsbald ihr Aussehen. Der Rand wun
flacher, der Grund reinigte sich, die Ueberhäutung setzte ein und die vorn
starken Schmerzen verschwanden schlagartig ohne Scnsibilitätsstorungcn. A
Entzündungsherde findet sich eine Zone, in der die Gefässe durch Vas
motorenreizung verengert sind. Dadurch kommt es zu Blutstauung und Al
Schwitzung von Flüssigkeit und körperlichen Bestandteilen in der Mitte d
entzündlichen Gebietes. Durch periarterielle Sympathektomie wird die Vas
motorensperre aufgehoben und damit venöse Hyperämie und Oedembildu
im Bereiche der Entzündung vermindert. Eine vollständige Untcrbrechu
der Konstriktoren durch diese Operation ist sehr unwahrscheinlich, da au
distal vom Orte des Eingriffes noch Vasomotoren zu den Gefassen ziem
Es ist aber anzunehmen, dass gefässverengende Einflüsse nicht ujimer dur
spinale Nerven vermittelt werden, sondern auch von dem unmittelbar v<
Sympathikus abstammenden Vasokonstriktorengeflechte, das von den grosse
Brust- und Bauchgefässen sich auch auf die peripheren Gefässe ersti ec I
ln dieses wird durch die periarterielle Sympathektomie eine Bresche gele I
Herma nnsdorfer - München!
K. Schläpfer: Hauttransplantation nach Reverdin-Halsted
auf granulierende Wunden. . ,
.Infizierte Wunden, deren Ueberhäutung nur langsam oder gar nicht
erfolgt, müssen vor der Transplantation sterilisiert werden. Dies gelingt am
besten und raschesten nach dem Verfahren von C a r r e 1 - D a k l n . Be¬
schreibung der von Halsted geübten Technik: Wenn im Wundsekret
keine oder nur noch vereinzelte Keime gefunden werden und die Wunde
gereinigt ist. kann plastisch gedeckt werden. Für aseptische Wunden ist
die Reverdin sehe Methode vorzuziehen. Nach H a 1 s t c d nimmt man
die Läppchen dabei etwas dicker als Reverdin vorschreibt. Nach dem
R e v e r d i n -H a 1 s t e d sehen Transplantationsverfahren kann man jede
Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie. Band I
Heft 2,3. Juni 1923.
H. F u c h s - Danzig: Eierstocksschwangerschalt bei gleichseitigem «
leiterdefekt (äussere Spermaüberwanderung). ,
Eine Frau, bei der Verf. 6 Monate vorher wegen rechtsseitiger Tub<-
Schwangerschaft den rechten Eileiter entfernt hatte, musste wegen noW
maliger Extrauteringravidität nochmals operiert werden. Dabei fand sj(
eine einwandfreie Eierstockschwangerschaft des rechten Eicrstocks mit mtl
follikulärem Nidationsmodus. Die Befruchtung kann nur durch auss'|
Spermaüberwanderung zustande gekommen sein. v
W. Sch cf fei- Jena-Greiz: Schwangerschaftsglykosurle und ihre V-
wendbarkeit zur Frühdiagnose unter Berücksichtigung des Blutzuckers. 1
Die Probe nach Kamnitzer-Joseph besitzt diagnostischen Wd
da sie bei Schwangerschaften bis zum 4. Monat regelmässig positiv austsl
ist aber kein „sicheres Schwangerschaftszeichen“, da sie auch bei 7 Fm
der Nichtgraviden positiv ausfällt. Für die Differentialdiagnose bei Abor«
imminens und incompletus ist sie nicht zu verwerten, ebensowenig zur El
gnose einer unterbrochenen Tubargravidität. ..... „ .
E. K e h r e r - Dresden: Ueber syphilitische Initialsklerose der roiP
xaglnabs^eist au{ dig Häufigkeit der syphilitischen Initialsklerose an i *
Portio hin und fordert unter Besprechung der Differentialdiagnose (Ul»
tuberculosurti und carcinomatosum) die häufigere, wiederholte Untersuch»
des Zervixsekretes auf Spirochäten.
R F 1 e i s c h e r - Breslau: Fibrolipoma retroperitoneale permagnutn.
Kasuistischer Beitrag. Der Tumor wurde vor der Operation für ei"
Ovarialtumor gehalten.
L. S e i t z - Frankfurt a. M.: Lokale oder allgemeine Wirkung der K<|
S weist gegenüber der neuerdings vielfach (T heil h aber, O p i ••
M Fraenkcl u. a.) vertretenen Ansicht, dass es sich bei Röntgenstrah •
Wirkung um eine indirekte, allgemein auf den Körper bzw. den Drusen «
innere Selkretion handle, mit Recht darauf hin, dass eine direkte lo
27. Juli 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
993
Wirkung der Röntgcnstrahlen auf die Karzinomzelle einwandfrei histologisch
uachgewiesen ist. An der Karzinomdosis für das Uteruskarzinom hält er
fest, während er bestreitet, behauptet zu haben, dass diese Karzinomdosis
auch für die chirurgischen Karzinome allgemeine Geltung habe. Zur Ver¬
meidung von Missverständnissen schlägt er daher statt Karzinomdosis die
Bezeichnung „funktionshemmende Dosis für Karzinomzellen“ vor; diese wird
durch grosse Röntgenmengen herbeigeführt. Daneben gibt es noch eine
.funktionsanregende Dosis für die Körperzellen“, die durch kleinere Röntgen¬
mengen herbeigeführt wird. Die indirekte Strahlenwirkung ist selbstver¬
ständlich auch vorhanden, ist aber zu wenig bekannt, um darauf eine Therapie
tufzubauen.
I’. H e u p e I - Giessen: Syndaktylie.
Mitteilung von familiärem Vorkommen von Syndaktylie. Die Miss¬
bildung ist daher als ererbt anzusehen, auch wenn Erkrankungen und
Anomalien des Amnions gefunden werden, denn auch diese können ererbt
sein. K o 1 d e - Magdeburg.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 27.
F. v. M i k u 1 i c z - Radecki (Univers. -Frauenklinik Leipzig); Ueber das
Druckgefühl auf den Mastdarm als Zeichen der erfolgten Ausstossung der
Plazenta aus dem Corpus uteri.
Neben den wichtigsten Zeichen der erfolgten Ausstossung der Plazenta
aus dem Uterus, nämlich Hochsteigen über Nabelhöhe, Schmal- und Kantig¬
werden des Uterus, Vorrücken der Nabelschnur ist das Druckgefühl auf
den Mastdarm zu nennen, das die Frauen spüren, wenn die gelöste Nach¬
geburt im Halskanal bzw. in der Scheide liegt. Das Zeichen wird von
den führenden Lehrbüchern nicht, wohl aber von v. W i n c k e 1 sowie
dem Preussischen Hebammenlehrbuch erwähnt. Verf. hat es an 190 Fällen
geprüft. Unter 190 Kreissenden wurde es von 116 = 89,3 Proz. gefühlt,
in einer weiteren Serie von 60 Fällen wurde es von 4 = 6,3 Proz. nicht
angegeben. Fast immer genügte leichter Druck sofort nach Auftreten des
Druckgefühls zur Expression des Mutterkuchens. Das Zeichen erspart das
häufige Aufdecken und Kontrollieren des Abdomens. Allerdings müssen die
Kreissenden vorher darauf aufmerksam gemacht werden.
H. M c y c r - R u e g g - Zürich: Ueber Haematometra cervicalis.
Die Hämatometra cervicalis besteht darin, dass nach Eintritt der
Altersinvolution, die zu Verengerung des äusseren Muttermundes führt, noch
weitere menstruelle oder pathologische Blutungen folgen und sich Gerinnsel
in dar Zervix sammelt und diese zu einem Sack erweitert. Das Gerinnsel
wird im Zervikalkanal ohne Beteiligung des Korpus retiniert. Eingehen
mit der Kornzange, Spreizen genügt zur Entleerung. Bei beunruhigenden
klimakterischen Blutungen ist daher auch an dieses Krankheitsbild zu denken.
Verf. hat 1907 schon 4 derartige Fälle beschrieben und schildert nun einen
weiteren Fall.
K. Blond. (II. Univers.-Frauenklinik Wien): Der Dekapitationsfingerhnt.
Zur Dekapitation, die bei verschleppter Querlage erforderlich werden
kann, hat Verf. statt des nicht ungefährlichen Schlüsselhakens von Braun
und des vollendeten, aber nur in der Klinik anwendbaren Ribemont-
Bong sehen Instrumentes ein einfaches Ersatzinstrument konstruiert. Er
benützt eine Säge aus sog. Wiener Drahtseide, die durch dünne Gummi¬
drains geschützt wird. Sie wird an einem auf dem Daumen aufgesetzten
Fingerhut (Abbildung) befestigt; an dem Fingerhut befindet sich noch eine
Drahtschlinge, in die der Zeigefinger eingreifen kann. Der Daumen umfasst
von vorn den kindlichen Hals und führt so die Säge um ihn, die übrigen
Finger kommen von hinten. Der Zeigefinger greift dann in den Drahtring
und zieht ihn nach abwärts. Das Instrument ist leicht zu sterilisieren.
J. Guggenberger (Univers.-Frauenklinik München): Zur aktiven
Abortbehandlung.
Für Aborte des 4. und 5. Monats, wo der Fötus, insbesondere dessen
Kopf, schon ziemlich gross ist und mit der federnden D ö d e r 1 e i n sehen
Eizange nicht deformiert und extrahiert werden kann, konstruierte Verf. ein
besonderes Instrument, das zwischen der D ö d e r I e i n sehen Eizange und
der B o e r sehen Zange steht. Es ist massiv gebaut wie die letztere, in
den Fenstern sind Querbalken mit ineinandergehenden Krallen. Zum Schutze
gegen Perforation ist der von D ö d e r 1 e i n angegebene Schutzwulst ange¬
bracht. Die Zange soll den Kopf deformieren und extrahieren sowie die
in solchen Fällen oft adhärente Plazenta fassen (Abbildung).
G. Haselhorst: Schmerzlosigkeit bei Geburtswehen als Frühsymptom
bei Tabes dorsalis.
In einem Falle, wo die Reflexe bis auf den Pupillarreflex normal waren
und erst serologische Untersuchung Lues erwies, deutete die Schmerzlosig¬
keit deT Wehen als Frühsymptom auf Tabes hin. Ausführliche Darstellung
des Verhaltens organisch Nervenkranker unter der Geburt.
0. Ger ich (Deutsches Krankenhaus Riga): Intermittierende Pvometra.
Ein gestielter Polyp hatte das Os internum verlegt und gab nur von
Zeit zu Zeit bei Dehnung der Uteruswände dem Sekretabfluss Raum. Dia¬
gnose, die von einem führenden Berliner Kliniker nicht gestellt worden, ergab
sich schliesslich nach Dilatation der Zervix. Robert Kuhn- Karlsruhe.
Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 97. Bd.,
1. bis 6. Heft (Schluss).
L. Pol lak -Wien: Beiträge zur Kenntnis des nephritlschen Oedems.
Der Uebergang körperfremder Salze (Ferrozyan- und Jodnatrium) aus
der Blutbalm in die Bauchhöhle erfolgt bei Tieren mit Nephritis, die zur Aus¬
bildung hydropischer Ergüsse führt (Uran- und Chromnephritis) langsamer als
in der Norm. Es steht also in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Prozess
der Oedem- bzw. Transsudatbildung eine Veränderung der Wanddurchlässig¬
keit der Kapillaren und Serosa. Für Traubenzucker dagegen sind Gefäss-
wände und Serosa abnorm durchlässig. Die Verhältnisse sind also kompli¬
ziert; es besteht nicht einfach „eine erhöhte Durchlässigkeit der Gefäss-
wände“, sondern es handelt sich um einen biologischen Vorgang, bei dem
Gefässwandzellen einerseits, Gewebszellen andrerseits aktiv sich beteiligen.
0. P o r g e s und H. Lipschütz - Wien : Ueber Azetonurie und
Alkalose.
Kohlehydratentziehung kann bereits am ersten Tag zu Azetonurie führen,
wenn gleichzeitig eine Alkalose besteht. Da die neuritische Atmungstetanie
zu Verminderung der COa-Spannung führt und infolge der Ueberventilation
das Verhältnis C0a:NaHC03 gestört wird und Alkolose auftritt, liess sich
auch bei diesen Fällen Azetonurie nachweisen. Auch Alkalose durch Dar¬
reichung von Natrium bicarbonicum bei gleichzeitiger Kohlehydratentziehung
erzeugte Azetonurie. Die Azetonkörper sind normale intermediäre Produkte
des Stoffwechsels; das Natrium bicarbonicum entzieht nur die Azctessig-
säure der Weiterverarbeitung.
E. Rost- Berlin: Die Atropin- und die Digitaliswirkung ain Frosch¬
herzen bei verschiedenen Temperaturen. (Zugleich ein Beitrag zur Methodik
pharmakolgischer Wertbestimmung.)
J. Schütz- Wien: Zur Kenntnis der Nierenfunktion und ihrer
pharmakologischen Beeinflussung.
Versuche an zwei Kranken (mit chronischer Hypertension und mit Vitium
cordis) zeigten, dass bei der Wasserdiurese die Schlackcnausfuhr weit mehr
hinter der Wasserausfuhr zurückblieb als bei der Koffeindiurcsc
S t e r n s c h e i n - Helgoland : Strychninwirkung an Crustacecn. I. Die
Wirkung an der Schere von Cancer pagneus.
Tez n er - Wien: Ueber Folgeerscheinungen dauernder Drucksteigerung
in der Niere.
Druckerhöhung in der Niere, durch Paraffiininjektion unter die Kapsel
erzeugt oder durch Nierenquetschung, führt zu degenerativen Veränderungen
mit Eiweissausscheidung (bis Yi Prom.), jedoch nicht zu Blutdrucksteigerung
oder Oedemen, auch nicht zu Hämaturie.
Tirala: Ueber den Einfluss der Aethernarkose auf die Heimkehrfähig¬
keit der Bienen.
Die Bienen lernen durch individuelle Erfahrungen die Lage ihres Stockes
erkennen und ihre Heimkehrfähigkeit ist um so grösser, je länger und öfter
sie zum Stock zurückkehren. Sie sind in den ersten Tagen nach Beziehen
eines neuen Stockes durch Aethernarkose bedeutend gestört, später nicht
mehr. Es ist also nicht eine unbekannte Kraft, ein angeborener Richtungs¬
sinn wirksam, sondern erworbene Erfahrung.
R. Wagner- Wien: Ueber experimentelle Xerophthalmie.
Die Xerophthalmie, eine sichere Avitaminose, bedingt durch den Mangel
des Faktors A in der Ernährung, kann im Experiment an Ratten erzeugt
werden. Verf. fand nun eine Beschleunigung des Auftretens durch gleich¬
zeitige Schilddrüsenfütterung, offenbar infolge rascheren Verbrauchs der im
wachsenden Körper vorhandenen Vorräte von A-Vitamin. Das spricht für
eine Wechselwirkung zwischen dem das Wachstum beeinflussenden inner¬
sekretorischen Faktor und dem Faktor der akzessorischen Nährstoffe.
W a s i e k y - Wien : Zur biologischen Wertbestimmuug von Felix mas.
Wiechowski- Prag: Ueber die Muttersubstanz des Indischgelb.
Zak-Wien: Studien zur Blutgerinnungslehre.
Diejenigen Fermente, die direkt oder nach Vorbehandlung mit Plasma
oder Serum sich als Fettspalter erwiesen haben, haben eine gerinnungshem¬
mende Wirkung. L. J a c o b - Bremen.
Klinische Wochenschrift. 1923. Nr. 27.
R. B d e 1 i n g - Frankfurt a. M.: Die unspezifische Reizwirkung der
Proteinkörper. Antrittsvorlesung.
H. Petow und H. S c h r e i b e r - Berlin: Ueber das Auftreten blut¬
fremder Lipasen im Serum. Ein Beitrag zur Diagnose von Organerkran¬
kungen.
Verfafsser fanden eine chdninfeste Lipase im Serum bei allen Leber¬
erkrankungen, bei denen Gallenbestandteile im Blute kreisen und bei allen
schweren Nierengewebserkrankungen. Bei leichteren Nephritiden scheint
keine Nierenlipase ins Blut überzutreten. Bei allen untersuchten gutartigen
Nierensfclerosen wurde keine chininfeste Lipase im Serum gefunden, bei
allen funktionsgestörten Schrumpfnieren war sie vorhanden. Das scheint
also auch prognostisch wichtig zu sein.
Em. v. S k r a m 1 i k - Freiburg i. Br.: Ueber das Verhalten des Geruch¬
sinnes bei gleichzeitiger Einwirkung zweier Reize.
Als Ergebnis der Untersuchungen wird mitgeteilt, dass dem physikalisch
stetigen Vorgang bei der Duftstoffmischung keine stetige Abstufung der Ge¬
ruchsempfindungen entspricht. Als psychologischer Erfolg der Mischung von
2 Riechstoffen sind Diskontinuitäten in den Empfindungen ermittelt worden,
welche auftreten an 2 Stellen, nämlich beim Uebergang von den Unter¬
drückungsbereichen in den der Geruchsfolge. Durch letztere Erscheinung
zeichnet sich das Geruchsorgan vor allen anderen Sinnesorganen aus, indem
es sich um zeitliche Aufeinanderfolge zweier Empfindungen handelt. Ver¬
schmelzungen der Geruchsempfindungen kommen auch vor.
A. L a n d a u - Berlin: Ueber einen tonischen Lagereflex beim älteren
Säugling.
Die tonische Haltung der betreffenden Kinder ist aus den Abbildungen
im Original gut_ zu erkennen. Als Ergebnis der Beobachtung wird besonders
bezeichnet: beim älteren Säugling tritt eine Verknüpfung von Labyrinth-
und Halsreflexen sehr sinnfällig in die Erscheinung und mag für die Ent¬
wicklung statischer Fähigkeiten von Bedeutung sein. Der klinische Eindruck
von „Tonus der Muskulatur“ lässt keinen Schluss zu auf ihre wahre tonische
Leistungsfähigkeit.
L. L i c h t w i t z - Altona: Ueber die Beziehungen der Fettsucht zu
Psyche und Nervensystem.
Verf. erörtert das klinische Bild der endogenen Adipositas, die durch
Veränderungen endokriner Verhältnisse mitbestimmt wird und zu seelischen
Umstimmungen verschiedener Art führen kann. (Schilddrüse und Keim¬
drüsen spielen vor allem eine Rolle.)
H. N e c h e 1 e s -Eppendorf: Ueber Dialysieren des strömenden Blutes
am Lebenden.
Verf. konstruierte einen Apparat, welcher erlaubt, das Blut eines Tieres
innerhalb des eigenen Kreislaufes durch ein System grosser Filter zu leiten
und so allen löslichen kristalloiden Körpern Gelegenheit zum Ausdialysieren
zu geben.
G. Giemsa und E. W e i s e - Hamburg: Ueber weitere chemothera¬
peutische Studien mit Wismut und über ein hiebei gefundenes antiluetisch
hochwirksames Bismutyltatarat.
Nähere Mitteilung der betr. Versuche an Kaninchen. Ueber die Ver¬
suche an luetisch kranken Menschen wird erst berichtet werden.
A. Aronson - Sandträsk: Versuche über eine Sensibilisierung der
Pirquet sehen Reaktion.
Durch Versuche an Kindern unter 15 Jahren konnte Verf. zeigen, dass
ein Zusatz von Morphin zu Tuberkulin eine höhere Empfindlichkeit für das
Tuberkulin erzeugen kann und eine positive Pirquetreaktion auch dort aus-
lösen kann, wo sie bei gewöhnlicher Methode negativ blieb. Mit Sicherheit
ist auf diese Wirkung übrigens nicht zu rechnen.
994
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
St. Hcdiger- Zürich: Zur Frage der essentiellen Hypertonie und ihrer
Behandlung durch Kohlensäurebäder. . •• ncvri, jcph
Verf konnte durch einen Registrierapparat zeigen, dass die psychisch
bedingte Gefässlabilität als ursächliches Moment für die Hypertonie nicht
„«Sawfcrt werden darf. Mittels dieser Methode iiess sich nun unter
der Wirkung kohlensaurer Bäder auch eine gewisse Veränderung der sog.
SM. ver sehen Wellen (periodische Blutdruckschwankungen) dartun. Es
scheint dass durch die Wirkung der die Haut durchdringenden Kohlensäure
Ci"C ^ähp^n^ de^ Vasomotoren zustaiide^ekonunt. |,s|or^un^^
Bemerkungen^ zu “der Arbeit von B u s c h k e und Kroo und von
S t e i n f e I d im Jahrgang 2 Nr. lü und 13 der Kl. W.
Erwiderung hierauf von B u s c h k e und Kroo. . .
hi pul ay- Wien: Kritische Bemerkungen zu den blutchemischen Ar-
^C,te" ii^Vifwideruifg^uf die Arbeit von Urbach. Nr. 1/ der ¥' W.
^;b„rch-WÄbro‘"So,v« - Ektodennabkijnimllniie.
K. K i s s kalt und W.Anschütz- Kiel: Der Befund von Diphtherie-
haZilBemerkunKennzu der Arbeit von Landau in Nr. 13 der Kl.W.
H^H aT'ini d°e r^Kiel: Untersuchungen über Harnsäurelöslichkeit.
TT, r !%&
Natur der Kristalle im Asthmasputum. „e.
Mitteilung der Untersuchungsergebnisse, nicht zu weiterer Kürzung ge
e,Eno'pitz und Brehmet Quantitative Urobilinbestimmung.
K 'mcii' d cl urIdCE0Uen g e r - Berlin: Dermoidzyste im Gehirn. Opera-
tlon. Heilung. Kasuistische Mitteilung, einen 32 J« Arzt •
Medizinische Klinik. Heft 27.
H C urschmann -Rostock: Ueber Adipositas dolorosa.
In dem klinischen Vortrag wird — an Hand von drei kurzen Kranken¬
berichten — die thyreogene Komponente der Erkrankung betont, die . cl
besonders eindrucksvoll aus der 1 herapie ergibt. . . p
p s t e r n - Göttingen: Ueber die Defektheilungen und chronischen Er-
krankunzen bei epidemischer Enzephalitis. iiuoirnnntp
Aus den 9 charakteristischen Krankengeschichten geht che allbekannte
Vielgestaltigkeit der Symptome erneut hervor; doch ist es durch eine ein
heitliche Betrachtungsweise möglich, die zahlreichen tmzelerschein g
rinige wenige Grundstörungen zurückzuführen. . .
A W in kl e r -Enzenbach: Bemerkungen zur Diagnosenbezeichnung
'“TfÄt ist 4* Bcr» überhaupt „ vermeiden. A«ch
dem Kranken gegenüber ist es besser, die Tuberkulose beim rechten Name
zu nennen, da sie zumeist mit der unverfänglich klingenden Bezeichnung
/'k Ty^e“- -Berlin: Zur medikamentösen Beeinflussung innerer und
ChirUmm?sTs®iUbStdlt aus Aethyldiamin und Kalzium: diese Kombination
scheint die Gerinnbarkeit des Blutes wirksam zu steigern Dies wird an
einigen Versuchen und klinischen Erfahrungen veranschaulicht
M Kauf mann -Berlin: Ueber Nachbehandlung der Pleun den.
Atemgymnastik, für welche brauchbare Vorschriften mitgeteilt werden,
ist eine eXhe und sichere Therapie, die in keinem Falle von Pneumon.e
und Pleuritis in der Nachbehandlung unterlassen werden sollte.
r C h a j e s - Berlin: Ein Universalsiispensorlum. .
E. V o g t - Tübingen: Untersuchungen zur Biologie der Peritönealflusslg-
ktMt Befun^von"” 75 Laparotomien. Physikalisch-chemische sowie zyto-
logische Untersuchungen werden für die Theorie von der Entstehung de
Peritonealflüssigkeit und von ihrer biologischen Bedeutung, besonders de
weiblichen Genitalfunktion verwertet. , , .
K. B r an d e n b-u r g -Berlin: Ueber die Behandlung der Zuckerkrank¬
heit mit Einspritzungen von Insulin, eines aus der Bauchspeicheldrüse ge¬
wonnenen, zuckerspaltenden Stoffes.
H. E n g e 1 - Schöneberg: Progressive Paralyse nicht Unfallfolge.
E. Clase n -Izehohe: Varizen — Ulcus crurfs und ihre Behandlung.
Indikation, Wirksamkeit und Technik des Zinkleimverbandes.
Auswärtige Briefe.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 22.
P. S t e in e r -Lausanne: Etude sur l’hyperglycemie et la glycosurie
des diabötiques. Leur evolution. leurs variations et leurs correlationA
N o r d man n - Basel: Beiträge zur Lehre von den Schwangerschaits-
Vcrf führt H o e h n e gegenüber aus, dass für das Eintreten des Kopfes
in das kleine Becken vor der Geburt weder mittlere Fruchtwassermengen,
wie sie meist vorhanden sind, noch die sogen Spannung des unterem UWnn-
Sezmentes von wesentlicher Bedeutung sind, sondern dass die Kratt de ^
Schwangerschaftswehen dafür entscheidend ist. Beim „Rheumatismus uteri
handelt es sich vorwiegend um Schwangerschaftswehen. Nachwelten et t-
stchen offenbar nicht selten durch Blutgerinnselabgang aus dem puerperalen
1 ' ' A v B e u s t - Zürich: Ueber traumatische Epithelzysten.
Melsanowitsch - Basel: Ueber Meningokokkenmeningitis. Die
Fälle der Baseler medizinischen Klinik in den Jahren 1908— -1921.
Bericht über 24 Fälle, davon 18 mit positivem Bazillenbefund. 7 starben.
Verf. beschreibt einen Fall genauer mit schubweisem Verlauf, sehr langer
Dauer (5 X Monate). Meningokokken im Blut, bei dem durch Autovakzine¬
therapie günstige Wirkung erzielt wurde.
Sch w e n t e r - Bern: Ein Beitrag zur unspezlfischen Immunbehandlung
mlt Intrakutane Injektion an mehreren Hautstellen, zusammen ca. 1 g. mehr¬
mals wiederholt, schien gute Wirkung bei Furunkulose, Akne, Epididymitts
gonorrhoica zu haben. L. J a c o b - Bremen.
Brief aus Argentinien.
Buenos Aires, den 26. Mai 1923.
Das immer zunehmende wirtschaftliche Elend des Deutschen Aerzte-
standes lässt im Herzen vieler Kollegen den Wunsch zur Auswanderung
wieder lebhafter werden. Argentinien scheint nun ganz besonders den
Ruf eines glücklichen und zukunltreichen Landes zu haben, wie der mächtig
anschwellende Strom der Einwanderer zeigt. Leider hat nun aber ^ Argen¬
tinien die Einwanderung fremder Aerzte so erheblich erschwert, dass mal
praktisch von einer Sperrung sprechen kann. Diese Neuordnung ist btsh>r
von der Univcrshät Buenos Aires angenommen, in Rosario ist im 1 rm/.ip
dasselbe beschlossen, die Ausführung dürfte nur eine Frage kurzer Zeit sein,
die anderen beiden Universitäten in Cördoba und La Plata werden wohl
hinter ihren Schwesterinstituten nicht lange zurückstehen wollen, zumal da
einflussreiche und mächtige Kräfte Propaganda gegen die Zulassung aus¬
ländischer Aerzte machen. _ .
Nun zu den Bestimmungen: Während bisher ) der fremde
Kandidat seine Examina zwar der Reihe nach, aber in beliebiger Zahl a -
legen konnte, wozu ihm auch die Monate März, Juli und Dezember zur -
fügung standen, ist hier eine wesentliche Aendcrung eingetreten. Die Prü¬
fungsfächer sind in 4 Gruppen eingeteilt (je 5, 5, 9 7.) Uu11(f )edes. "
man nur eine Gruppe machen. Prüfungsmonat ist lediglich Dezember (Hocn-
sommer). Damit ist die Examensdauer auf mindestens 3 Jahre (4 ue-
zember) festgelegt. Artikel 5 sagt aber: Wer in einem Jahr mit der be¬
gonnenen Gruppe nicht fertig wird, muss diese im folgenden Jahre beenden,
ohne dass er berechtigt wäre, die folgende Gruppe zu erledigen. Es wird
oft schwer sein, so viele Examina in einem Monat zu absolvieren. Ferner
bestimmt derselbe Artikel: Wer in einem Fach durchfällt, hat im nächsten
Jahre nur das Recht, dies Fach zu wiederholen, ohne das Examen weiter
fortsetzen zu können. Artikel 6 sagt: Erlaubnis zum Examen wird nur erteilt,
wenn festgestellt ist. dass der Betreffende nicht praktiziert. Fbenso kann
der Nachweis des Praktizierens die Zurückziehung der erteilten Erlaubnis
bewirken.
Es leuchtet ohne weiteres ein, dass diese neue Bestimmung den einzigen
Zweck hat das Examen so zu erschweren, dass es ein unübersteigbares
Hindernis wird. Art. 5 gibt den Professoren die Möglichkeit m die Hand,
die Zeit des Examens unbegrenzt zu verlängern. Denn wenn bisher schon
die Mehrzahl der Prüflinge in einem oder mehreren Fächern durchfiel. so ist
das jetzt erst recht zu erwarten, denn es besteht hier der ausge¬
sprochene Wunsch die fremden Aerzte von Argentinien fernzuhalten!
Damit komme ich zu den Gründen der neuen Verordnung. Das Be¬
dürfnis, den Zuzug fremder Aerzte zu beschränken, ist bis zu einem ge¬
wissen Grade berechtigt und verständlich. Die Zahl der argentinischen
Aerzte ist nämlich dauernd im Steigen begriffen. Aus einer mir von der
medizinischen Fakultät freundlichst zur Verfügung gestellten Statistik ent¬
nehme ich, dass die Zahl der Zugänge an jungen Medizinstudierenden von
488 im Jahre 1913 auf 995 i. J. 1922 gestiegen ist. In den gleichen Jahren
wurden 142 und 332 Aerzte approbiert. Nach Beendigung des 6 jälir. Studiums
wird sich diese Hochflut drückend bemerkbar machen. Hinzu kommen
noch die in Cördoba ausgebildeten Aerzte. Die neugegründeten Univer¬
sitäten Rosario und La Plata werden diese Zahlen noch erheblich ver-
Mit dem enormen Anwachsen der Aerzteschaft hier ist nun auch die
wirtschaftliche Lage derselben schlechter geworden. Dadurch hat sich hier
ein ähnlicher Prozess vollzogen wie einst in Deutschland: Die Aerzte haben
sich in einem Verbände zusammengeschlossen, der die Interessen des Standes
verteidigen soll (Sindicato de mödicos). Obwohl das Kassenwesen hier nur
eine untergeordnete Rolle spielt, sind doch schon einige Konflikte dagewesen,
in welche dieser Verband erfolgreich eingegriffen hat. (Eine gesetzliche
Krankenversicherung gibt es hier nicht, es bestehen nur Pnvatkranksn-
kassen Nur die Fürsorge des Unfallverletzten ist einseitig dem Arbeitgeber
aufgebürdet, der für Behandlung und Entschädigung zu sorgen hat, doch nur
bis zur Höchstsunwne von 6000 Pesos.) Dieses Aerztesyndikat kämpft auch
energisch gegen den Zuzug fremder Aerzte. Dabei ist die Zahl dieser
sehr gering, ln den letzten 10 Jahren wurden in Buenos Aires 71. in Cor¬
doba 17 darunter 4 Deutsche, auf Grund bestandenen Examens zugelassjti.
Wenn man bedenkt, dass Argentinien auf Einwanderung angewiesen ist, so
wäre es wohl nicht unbillig zu erwarten, dass es eine der Gesamteinwanac-
rung entsprechende Zahl fremder Aerzte zuliesse. Das ist nun himallM
Die enorme Zunahme der argentinischen Aerzteschaft ist aber nicht dei
einzige Grund, der zu einer Verschärfung der Bestimmungen geführt hat
Leider haben einige fremde Aerzte auch Schuld am Erlass der neuen Bestim¬
mungen. Der Argentinier ist stets sehr gastfrei und tolerant und gibt auch den
Fremden kern von seinen Schätzen ab. Er empfindet es aber als lebhaftes
Unrecht, wenn der Fremde diese Toleranzgrcnze in maassloser Weise naei
oben übersteigt, wenigstens solange dieser keine formelle Berechtigum
dazu hat. Quid non mortalium pectora cogis, auri sacra fames. Es is
zu bedauerlich, wenn Aerzte durch das Gold so geblendet werden, dass |u
den Anstandi verlieren und sich aufs geschäftsmässige Verdienen werten
wobei Titel und Ruhm mit Presse und Reklametamtam in Geld umgesetz j
weiVlen. Das nimmt der Argentinier übel, und mit Reaht, zumal da du
Europäer dabei tun. als ob sie trotzdem eine höhere Klasse Menscher,
wären! Diese „Avjerikanisierung“, auf gut Deutsch die Gier nach den*
Dollar, fängt oft schon bei den Assistenten an, die der Privatpraxis nacnl
laufen, obwohl sie nach Gesetz und Vertrag nicht dazu berechtigt sind, »nl
denken an ihren Geldbeutel, aber nicht daran, dass sie die Sache ihre ,
Kollegen und Nachfolger schädigen. So ist zu befürchten, dass Argentirte>
eine ähnliche Bestimmung erlässt, wie Chile, wo auch in den Hospitäler
die Assistentenstellen nur mit Aerzten besetzt werden dürfen, die das Landes
djplom haben. Das gefährdet den Charakter und sogar den Bestand de
Auslandshospitäler und sehliesst die letzte Einwanderungspforte.
Hierbei möchte ich auch einige Bemerkungen irber Professoren
besuche einflechten. Argentinien lädt ab und zu bedeutende Wissen
schaftler aus allen Gebieten und Ländern ein. um sich üben den Man
») Vgl. M.m.W. 1921 Nr. 13.
21. Juli 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
995
ihrer Forschungen und über ihre Erfolge berichten zu lassen. Dabei be¬
trachtet der Argentinier es selbstverständlich für seine Ehrenpflicht, dafür
zu sorgen, dass der Gast keinen finanziellen Schaden leidet, sondern das
gastliche Land in angenehmer Erinnerung behält. Natürlich beobachtet der
Wirt auch seine Gäste, wobei Sympathien und Antipathien durch Rasse¬
beziehungen mitwirken. Trotzdem fiel die Unverfrorenheit in den Honorar¬
forderungen eines ehemaligen französischen Ministerpräsidenten, der hier
Entschuldigungsreden für Frankreich hielt, höchst unangenehm auf. Um so
schöner wäre es gewesen, wenn der nächste Gast, ein älterer deutsche1-
Chirurg, fernab von der materiellen Auffassung jenes geschäftstüchtigen
Vielredners, sich mehr den idealen Aufgaben des Arztes gewidmet hätte.
Dagegen hat Herr Prof. Nonne durch seine Persönlichkeit, sein umfassen¬
des Wissen und seine Korrektheit dem deutschen Namen alle Ehre gemacht.
Wahrscheinlich werden in einiger Zeit wieder solche Einladungen erfolgen,
was ja im Sinne einer geistigen Annäherung Argentiniens und Deutschland zu
begrüssen ist. Den besten Erfolg werden diese Herren haben, wenn sie ihre
Vorlesungen, die recht demonstrativ sein müssen, in spanischer Sprache —
und nicht in schlechtem Französisch — halten.
Bei der Schwierigkeit der Verhältnisse ist es kein Wunder, wenn nach
dem Friedensschluss nur 2 Deutsche das Examen gemacht haben. Weitere
4 sind dabei. Einige wenige Aerzte sind ins Innere, oder besser gesagt,
ans Ende der Republik gegangen, andere sind — wohl mit gebrochenen
Flügeln und leeren Taschen zurückgewandert. Ziemlich gross war die Zahl
der Krankenschwestern und Pfleger, die hier eintrafen, alle ohne spanische
Sprachkenntnissc und ohne Geld. Die kleine deutsche Kolonie — die in der
Heimat gewaltig überschätzt zu werden scheint — kann soviel Menschen
nicht beschäftigen. Die Mehrzahl hat ihren Beruf aufgeben müssen, um
Stellen als Wirtschafterin oder Kindermädchen anzunehmen. Aber auch
mit spanischen Kenntnissen ist es nicht so einfach, da die argentinischen
Kollegen meist nur hier diplomierte Krankenpflegerinnen beschäftigen wollen.
An den öffentlichen Hospitälern gibt es nur katholische Ordensschwestern.
Ein Examenszwang besteht aber für Pflegepersonal nicht. Wohl aber ist die
Prüfung gesetzliche Vorschrift für Zahnärzte, Apotheker und Hebammen.
Eine Erschwerung dieser Bestimmungen ist bisher nicht eingetreten. Den
Vorschriften sind alle Ausländer unterworfen, auch die Annahme der argen¬
tinischen Staatsbürgerschaft (Naturalisierung) ändert daran nichts. Nur der
geborene Argentinier mit fremdem Diplom macht ein kurzes Examen. Für
die Freunde und Verwandten der Kollegen noch einige allgemeine Bemer¬
kungen. Die Einwanderung in Argentinien ist wieder im Steigen begriffen,
die Zahlen für 1919, 20, 21, 22 sind 148-, 155, 162- und 290 000, die Deutschen
darunter mit 2200, 6300, 6900, 12 200. Also im letzten Jahre monatlich
1000 Deutsche! Davon sind die gelernten Handwerker (Tischler. Schmiede,
Mechaniker, Elektriker, Maurer u. a.) noch am besten untergekommen, die
landwirtschaftlichen Arbeiter sind meist in die subtropischen nördlichen Pro¬
vinzen geleitet worden, wo das Land noch verhältnismässig billig ist. Natür¬
lich sind erst einige Jahre harter Arbeit und mancher Tropfen Schweiss
nötig, um Kenntnisse und Ersparnisse zu erwerben. (Der Kapitalist kommt
wie in allen Ländern so auch in Argentinien gut voran.) Die bittersten
Enttäuschungen erleben die kaufmännischen Angestellten, die in solchen
Massen überhaupt nicht unterzubringen sind. Sie müssen, um nicht unter¬
zugehen. Tagelöhnerarbeit annehmen. Die winzige deutsche Kolonie in
Buenos Aires (15 — 20 000 Seelen) kann unmöglich für alle diese Unglück¬
lichen sorgen, am allerwenigsten standesgemäss. Den Einwanderern des
mittellosen Mittelstandes geht es genau so; ehemalige Offiziere, Ingenieure,
Lehrer, Juristen usw. müssen meist alle aus Not auf ein tiefes wirtschaft¬
liches und damit auch gesellschaftliches Niveau sinken, von dem der Wieder¬
aufstieg sehr schwierig ist. Es ist traurig, wenn man ehemalige Offiziere
und Akademiker mit Wärterstellen am Hospital glücklich macht, wie es bei
uns oft der Fall ist. Und da gibt es in der Heimat noch Phantasten, die
glauben, hier im Ausland seien noch „leitende Stellen“ frei, die auf einen
Herrn im Gehrock warten, der Menschen, Sprache und Land nicht kennt.
Die Verhältnisse in den (Nachbarstaaten liegen zum grossen Teil ganz
ähnlich. In Chile ist die Abwehr gegen fremde Aerzte z. Z. noch stärker
als hier. Sogar der geborene Chilene mit ausländischer Approbation muss
das ganze chilenische Staatsexamen nochmals ablegen. Die Assistenten an
den Hospitälern, auch den fremdländischen, müssen das chilenische Diplom
besitzen. — (Paraguay ist von endlosen Revolutionen geschüttelt, die die
wirtschaftliche Kraft des armen Landes sehr gebrochen und sein Papiergeld
enorm ent/vertet haben, also ein wenig verlockendes Ziel für Einwanderung!
Es hat ebenso wie Uruguay Examenszwang. Dort scheinen die Verhältnisse
so schwierig zu sein, dass überhaupt kein fremdländischer Arzt einwandert,
ln Brasilien werden die Examensschwierigkeiten tatsächlich auch nur von
wenigen überwunden. Nur im Staate Rio Grande do Sul herrscht völlige
Gewerbefreiheit. Dafür ist es aber auch mit Aerzten aller Herren Länder
überfüllt, wie ich aus privaten Mitteilungen und aus einem Ber cht der
deutschen Gesandtschaft in Brasilien entnehme, der mir von der hiesigen
deutschen Gesandtschaft freundlichst zur Verfügung gestellt wurde. Dem
Bericht entnehme ich, dass dort ein gewisser Mangel an Spezialärzten für
Haut- und Geschlechtskrankheiten vorliegt uud dass das Praktizieren ohne
Diplom in dem grossen und z. T. noch wenig kultivierten Lande eher
möglich ist. Doch muss man sich darüber klar sein, dass ein Leben ohne
Rechtsgrundlage — wenigstens hier in Argentinien — ein ewiger Kampf ist.
Meist genügen die Einnahmen nur zur Fristung eines Daseins, das keine
anderen Genüsse bietet als die der Arbeit und in dem das Gespenst der un¬
sicheren Zukunft dauernd umgeht. Um nur ein paar Jahre im Ausland zu
leben, bieten solche Stellen auf entlegenen Minen, auf Zuckerrohrplantagen
oder Holzschlägereien im Urwald, oft hunderte von Kilometern von „Städten“
entfernt und meist noch in Malariagegenden, wenig verlockendes.
Denjenigen Kollegen, die den Gedanken nicht loswerden können, dass
sie nur in Südamerika ihr Glück finden können, die aus den diagnostischen
Zweifeln über die Zustände hier und aus den prognostischen Sorgen über den
Verlauf ihrer Karriere nicht herauskommen, denen empfehle ich die Probe¬
laparotomie dieses wenig bekannten Erdteils. Sie sollen etwas Spanisch
lernen und dann eine Reise als Schiffsarzt hierher machen, um mit eigenen
Augen zu sehen, ob sich eine passende Fortkommensmöglichkeit erspähen lässt.
Für alle Fälle müssen sie dann die Originalapprobation bei sich haben, die
vom Kultusministerium, vom Auswärtigen Amt und vom Argentinischen
Generalkonsul beglaubigt und auf der Rückseite Photographie und beglaubigte
Unterschrift haben muss. (Man ist hier vielfach bureaukratischer als in
Deutschland, besonders wenn man jemand nicht gern haben möchte.) Denn
wenn die deutschen Einwanderer weiter zu Tausenden herströmen, so muss
wohl auch noch eine kleine Zahl deutscher Aerzte mit Unterkommen können.
Allerdings muss sich der Arzt, der seine Landsleute hieher begleitet, darüber
klar sein, dass diese alle aus wirtschaftlichem Elend auswandern, dass also
ihre Taschen leer sind — aber dafür ist ihr Herz voll Hoffnung auf eine
goldene Zukunft!
Dr. Erich H i 1 1 e r,
Leiter der cliir. Abteilung des Deutschen Hospitals in Buenos Aires.
Vereins- und Kongressberichte.
Aerztlicher Bezirksverein Erlangen.
Sitzung vom 12. Juni 1923.
Geschäftliches.
Herr H a u e k zeigt 2 Fülle von Mikrosporie und einen Fall eines toxi¬
schen Erythems.
Herr P flau me r: Röntgendiagnostik in der Urologie.
In kurzer Einleitung zur Demonstration zahlreicher Aufnahmen führt
Vortr. folgendes aus: Bei Steinverdacht ist es unerlässlich, das Harnsystem
abzuphotographieren, wozu 5 Aufnahmen erforderlich sind. Bei sorgfältig :r
Einstellung genügen Platten 18 : 24. Harnleitersteine sind viel häufiger, als
man früher vermutete; sie können jahrelang im Harnleiter stecken ohie
charakteristische Symptome zu verursachen, die gewöhnlich zur Annahme
von Nierenstein, Appendizitis, Parametritis, Zystitis, Lumbago, Ischias ver¬
führen. Differentialdiagnose durch Feststellung von Erythrozyten im Harn
und Röntgen. Die kleinsten auf der Platte deutlich sichtbaren Harnleiter¬
steine wogen 3 mg und 2 cg. Die Pyelographie war seit Verwendung
25 proz. ßromnatriumlösung nie mehr von unangenehmen Erscheinungen ge¬
folgt; Besprechung ihrer Bedeutung zur Frühdiagnose der Nierenbecken¬
erweiterung, zur Diagnose von Tumoren und kavernöser Nierentuberkulose.
Die Kontrastfüllung der Harnleiter lässt Knickungen, Verengerungen and Er¬
weiterungen deutlich erkennen. Die Sauerstofffüllung der Blase erleichtert
bzw. ermöglicht den sicheren Nachweis tiefsitzender Harnleitersteine und
gewisser strahlendurchlässiger Blasensteine sowie die Darstellung von
Blasengeschwülsten und der vergrösserten Vorsteherdrüse. Die U.rethro-
graphie verdient häufigere Anwendung. — Die vielseitige Anwendungsmög-
lichkeit der Röntgendiagnostik in der Urologie und anderseits ihre spezielle
Technik und die Langwierigkeit der urologischen Röntgenuntersuchung
machen dem Urologen die Verfügung über ein eigenes Röntgenkabinett, wie
es in der Erlanger chirurgischen ,KI'n'k nunmehr vorhanden ist, zum unbe¬
dingten Erfordernis.
Aussprache: Herren Kohlmann. Hasselwander, Jamin,
P f 1 a u m e r.
Medizinische Gesellschaft Göttingen.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Mai 1923.
Filmvortrag: „Ueber den Betrieb der pharmazeutisch-chemischen Ab¬
teilung der Firma Fr. Bayer & Co., Elberfeld-Leverkusen“.
An der Hand eines mehraktigen Films wird ein Ueberblick über die
Laboratorien und Arbeitsstätten der Farbenfabriken gegeben. Die verschie¬
denen pharmazeutisch-wissenschaftlichen Laboratorien (das pharmazeutische,
biochemische, bakteriologische, chemotherapeutische und pharmakologische)
werden in ihrem Arbeitsbetrieb vorgeführt.
Der Vortrag hinterliess bei den sehr zahlreichen Zuschauern (es waren
auch die Mitglieder der naturwissenschaftlichen Fakultät und die Studieren¬
den der Medizin und Naturwissenschaften geladen) einen nachhaltigen Ein¬
druck. Der ungeteilte Beifall, den der Herr Vortragende fand, lässt die Vor¬
führung auch in anderen medizinischen Gesellschaften angezeigt erscheinen.
Es sei besonders hervorgehoben, dass die Firma Fr. Bayer & Co. bei der
Heranschaffung des Films aus dem besetzten Gebiet ausserordentliche Schwie¬
rigkeiten zu überwinden hatte.
Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg.
(Medizinische Abteilung.)
Sitzung vom 8. Mai 1923.
Herr P e t e r f i - Berlin-Dahlem (als Gast): Operationen an Zellen
(Mikrurgie).
Ausserordentliche Sitzung vom 14. Mai 1923.
Herr Francis G. Benedikt - Boston (als Gast): Neue Untersuchungen über
den Grundumsatz und seine klinische Bedeutung.
Sitzung vom 5. Juni 1923.
Herr v. Weizsäcker: Bei der Häufigkeit von thalamischen Herden
bei anatomisch untersuchten Fällen von Encephalitis epidemica überrascht
die relative Seltenheit von Sensibildtätsstörungen, wenigstens wenn man die
Literatur darauf prüft. Welches auch die Gründe dafür seien: an der medi¬
zinischen Klinik konnten in letzter Zeit bei besonders darauf gerichteter Auf¬
merksamkeit bei akuten Fällen und bei Folgezuständen Störungen der Haut¬
sensibilität mehrfach nachgewiesen werden. Am interessantesten war ein mit
quantitativen Methoden gemeinsam mit Dr Stein und Dr. Panzei sehr
genau untersuchter Fall. Er zeigte hochgradige hämianästhetische Störungen
von Druck-, Schmerz-, Temperatur und Kraftsinn, besonders am Arm und
proximal noch hochgradiger als distal. An diesem Arm waren Koordination,
Führungsschwelle, Formerkennen, Dingerkennen nur sehr wenig gestört.
Lokalisation und Diskrimination, dort wo Empfindungsreste da waren, auf¬
fallend gut. Es liegt also eine Dissoziation vor. wie sie in gewissen Zügen
zwar ähnlich bei hysterischen Anästhesien bekannt ist. Aber die grosse
Konstanz der, wie bemerkt, nur mit quantitativen Methoden bestimmten
Schwellenwerte der einzelnen Funktionen, das Fehlen jeder Suggestibilitut,
die Artung der Persönlichkeit lassen die Annahme einer einfachen Sug¬
gestionshysterie nicht zu. Vielmehr ist anzunehmen, dass dieser Fall, der
996
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
evidente Symptome der Postenzephalitis auf den motorischen Gebieten zeigt,
ein Beispiel einer bisher kaum beobachteten, fast sicher zerebralen Spaltungs¬
form der sensiblen Funktionen darstellt. Ihr Hauptinteresse besteht im Nach¬
weis, dass die feine Wahrnehmung von Bewegungen, die nach v. Frey und
nach eigenen Versuchen an die Integrität der Drucksinnendorgane gebunden
ist, auch dann erfolgen kann, wenn die andere Leitung dieser Organe:
Berührungs- und Druckempfindungen zu vermitteln, aufgehoben ist. Ferner
darin, dass in ähnlicher Weise diese letztgenannten Empfindungen aufgehoben
sein können und dass trotzdem jene komplizierten zu Form- und Dingerkennen
sowie zur Koordination gehörenden Funktionen dieses SinnesappaTates
noch ablaufen können. — Die Fragen, welche sich daraus für die Beurteilung
der Hysterien und der von den hysterischen abzugrenzenden sog. funktio¬
neilen Ueberlagerungen ergeben, wurden gleichfalls eingehender erörtert.
Herren Freud und Janssen: Muskelstoffwechsel und chemische
Wärmeregulation. (Erscheint ausführlich in Kl. W.)
Diskussion: Herren Gottlieb, Gyorgy, Moro, Freund.
Medizinische Gesellschaft zu Kiel.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 28. Juni 1923.
Herr Konjetzny: Die Gastritis des Ulcusmagens. (Mit makroskopi¬
schen und mikroskopischen Demonstrationen.)
Voraussetzung für eine bewusste kausale Therapie des Magen-Duodenal-
ulcus durch chirurgische Massnahmen ist eine klare Erkenntnis der Aetio-
logie des Ulcus und der pathologisch-anatomischen Veränderungen des Ulcus¬
magens. Zu den Punkten, die noch einer dringenden Klärung bedürfen, ge¬
hört die chronische Gastritis des Ulcusmagens. Zwar ist diese schon lange
bekannt, aber sie ist als Faktor, der bei der Frage der Aetiologie und
Chronizität des Ulcus eine Rolle spielen könnte, wenig beachtet worden.
Dass der chronischen Gastritis aber weitgehendste Beachtung zugewandt
werden muss, das geht schon daraus hervor, dass die chronische Gastritis
eine regelmässige Erscheinung des Ulcusmagens ist. Auch die durch radi¬
kale Behandlung des Ulcus duodeni gewonnenen Resektionspräparate zeigten
stets eine mehr oder weniger hochgradige Gastritis. Diese Gastritis tritt teils
herdförmig, teils diffus in Erscheinung, immer ist der Pylorusabschnitt des
Magens am meisten befallen, während der Fundusabschnitt weniger oder
überhaupt wenig im Sinne der chronischen Gastritis verändert ist. Sehr
häufig sind multiple Erosionen in der gastritischen Schleimhaut meist vom
Typus eigentlicher follikulärer Erosionen. Auch diese sind im Bereich der
Pylorusdrüsen viel häufiger als im Fundusdrüsenteil. Die Frage, ob die
Gastritis ein primärer oder ein sekundärer Zustand ist, war in vielen Fällen
gar nicht zu entscheiden. In vielen Fällen sprach aber wenigstens ebenso¬
viel für die primäre als für die sekundäre Natur der Gastritis. Besonders
hervorzuheben ist, dass die das MagenT)uodenalulcus begleitende Gastritis
unabhängig von der Stagnation des Mageninhaltes und der Dauer des Ulcus-
leidens ist. In einer Anzahl von Fällen konnte aber der sichere Beweis er¬
bracht werden, dass sich multiple oberflächliche Schleimhauterosionen mit
Uebergängen zum regulären Ulcus rotundum auf der Basis einer chronischen
Gastritis entwickelt hatten, also ein Krankheitsbild vorlag, das Nauwerck
schon 1897 als Gastritis chronica ulcerosa beschrieben hat. Die chronische
Gastritis spielt also sicher unter den ursächlichen Faktoren des U'-us eine
Rolle. Welche Bedeutung sie aber überhaupt für das Uleusproblem hat, das
muss noch durch weitere umfangreiche anatomische und klinische Unter¬
suchungen klargestellt werden. Sicher gehört die chronische Gastritis auch
zu den Bedingungen für das Chronischwerden des Ulcus.
Für den Chirurgen sind obige Untersuchungen von grosser Wichtigkeit.
Sie sind geeignet, vor allem Aufklärung in der Frage der Operationserfolge
bei den verschiedenen Operationsmethoden zu bringen. Bei der Bewertung
der Gastroenterostomie ist zu bedenken, dass der Operationserfolg abhängig
ist von dem Grad der Gastritis: ob eine noch reparable oder eine irreparable
Gastritis vorliegt. Die besseren Erfolge der Magenresektionen besonders
nach den Billrothmethoden erklären sich daraus, dass bei diesen der am
schwersten veränderte Magenabschnitt eliminiert wird. Das ist ein Punkt,
dem man in der Beurteilung der Operationserfolge beim Magen-Duodenalulcus
unbedingt Beachtung schenken muss. Die Verfolgung der angeschnittenen
Fragen könnte vielleicht doch zu der heute z. T. noch fehlenden Einigung
über die Wahl der Operation beim Magen-Duodenalulcus führen und auch
in bezug auf die Beurteilung der Operationsanzeigen und der Operations¬
erfolge beim Magen-Duodenalulcus nicht ohne Einfluss sein.
Aussprache: Herren Anschütz, Schittenhelm, Kon¬
jetzny.
Herr Anschütz: Ueber Behandlung des Tetanus.
Wenn ein Tetanusfall in die Behandlung des Arztes kommnt, ist die
Schlacht eigentlich schon geschlagen. Die Manifestierung der Symptome zeigt,
dass wichtige Ganglienzellen des Gehirnes und des Rückenmarkes von dem
Gift befallen sind. Eine Lösung des Toxins von diesen Zellen ist auf keine
Weise möglich. Eine Heilung des Tetanus ist also ausgeschlossen, es handelt
sich nur um ein Schützen weiterer wichtiger Ganglienzellen vor der Besetzung
durch das Toxin. Macht man sich diese Situation klar, so muss man unver¬
züglich in jedem Falle das Toxin zu binden versuchen, wo auch immner es
kreist. Deshalb sofortige intravenöse, intralumbale und lokale Antitoxin¬
behandlung, wenn die Wunde nicht exzidiert oder amputiert werden kann.
Es sollte aber auch in allen Fällen, wo es irgend geht, noch das in den moto¬
rischen Nerven aufsteigende Gift durch intraneurale -Injektion in den Plexus
brachialis resp. Nervus ischiadicus und cruralis blockiert werden. Und
zwar müssen die Nerven freigclegt werden, damit auch wirklich eine voll¬
kommene Durchspritzung erfolgt. Die Giftmenge, die in dem motorischen
Nerven aufsteigend sich noch befindet, ist zwar eine relativ kleine, aber diese
kleine Menge kann genügen, um dem Kranken den Rest zu geben. Der
menschliche Tetanus bietet nicht vollkommene Analogien mit dem der Kanin¬
chen, aber immerhin einige, und es kommt darauf an, das Gift sofort in
sämtlichen Positionen zu treffen und zu binden. Bei der Allgemeinbehandlung
des Tetanus hat sich das Magnesiumsulfat gut bewährt; es wurde meistens
intramuskulär, seltener intravenös, einige Male lumbal, aber dann immer
mit sofortig tödlichem Erfolge gegeben. Chloral und Morphium reichten allein
zur Beruhigung der Kranken nicht aus. Unter 10 auf diese Weise behandelten
Fällen heilten 6. Unter 14, bei denen intraneurale Injektionen nicht gemacht
wurden, heilten nur 4. 1 mit intraventrikulärer Antitoxineinspritzung be¬
handelter Fall starb.
Aussprache: Herren v. Stare k, Emmerich. Holzapfel,
Höher, Anschütz.
Herr Mau: Beitrag zur Aetiologie der sog. Geburtslahmung.
Vortr. berührt kurz die einzelnen bestehenden Theorien über die Aetio¬
logie der sog. Geburts- oder angeborenen Schulterlähmung. Ain ausführ¬
lichsten wird besprochen die K U s t n e r sehen Theorie der intraparturiellen
Epiphysenlösung; sie wird für die grosse Mehrzahl der Fälle abgelehnt. Ins¬
besondere kann die von Haenisch auf dein Röntgenkongress 1913 als
Stütze derselben angeführte Lateralverschiebung des medialen oberen Epi¬
physenkerns des Humerus im Röntgcnbilde nicht als Beweis für eine statt-
gehabte Epiphysenlösung angesehen werden, sondern muss vielmehr ledig¬
lich als Projektionstäuschung infolge der starken Innenrotation des ganzen
Armes, wie sie für das Krankheitsbild typisch ist, aufgefasst werden. Vor¬
tragender sucht diese Behauptung durch eine Anzahl Röntgenskizzen, die
im Diapositiv vorgeführt werden, zu beweisen. Wird die betroffene Schulter
in Aussenrotationsstellung röntgenisiert, so verschwindet die Lateralverschie-
bung des medialen, zuerst angelegten Kernes, und es bietet sich röntgeno¬
logisch, abgesehen von der Atrophie des Kernes als solchem, sowie von
einem vermehrten Abstand des Kernes von der Pfanne hinsichtlich der
Lage des Kernes zum Schaft, ein durchaus normales Bild dar; von einer Epi¬
physenlösung ist also keine Rede. Kontroll-Röntgenaufnahmen bei normalen
Kindern zeigten ferner, dass ebenfalls bei starker Innenrotation der mediale
zuerst angelegte Kern im Röntgenbild lateralwärts wandert. Auch die
Lange sehe Distorsionstheorie kann höchstens für eine ganz beschränkte
Anzahl von Fällen in Betracht kommen. Eine Lähmung ist tatsächlich bei
der weitaus grössten Mehrzahl aller Fälle im Frühstadium sicher nach¬
zuweisen. Die Frage, ob die Nervenläsion als intraparturielle oder durch
intrauterine Druckwirkung hervorgerufene Plexusschädigung aufgefasst wer¬
den muss oder ein vitium primae formationis auf zentral-nervöser Basis
(Schubert) angenommen werden muss, ist noch nicht sicher zu ent¬
scheiden. Gewichtige Gründe lassen sich für alle 3 Ansichten anführen. Es
muss daher besonderes Gewicht auf die Untersuchung von Frühfällen gelegt
werden. (Erscheint ausführlich in den Fortschr. a. d. Geb. d. Röntgenstr.)
Aussprache: Herren H e y n, R u n g e, M a u. E.
Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 26. März 1923.
Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr J u n g b 1 u t h.
Herr Kroh; Krankenvorstellung.
Herr Auerbach: Ein Fall von Häniatoinyelie als Unfallfolge.
Herr Adler: Ueber P e r t h e s sehe Krankheit.
Herr Adler: Ueber Röntgenbehandlung eines Hypophysentumors.
Mit Krankenvorstellung.
Diskussion: Herren Marum, Lämmer.
Herr Schmidt: Präparat eines Ullcus callosum des Magens. (Mit
Röntgenbild ) _ . , . .
Herr Kroh bespricht die Behandlung der Ureteren-Blasenflsteln durch
Saugstrom.
Sitzung vom 16. April 1923.
Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr J u n g b 1 u t h.
Herr Goldberg: Blasensteine und Nierensteine aus dem Jahre 1922.
(Röntgendemonstrationen.)
7 Fälle vo'n Blasenstein, bemerkenswert:
Fall 1. 75 jähr. Mann, Prostatiker, seit 4 Jahren Selbstkatheterismus:
Divertikel + Papillom + 2 Steine; nicht operiert.
Fall 4. 45 jähr. Frau; Stein in eine durch Follikularabszess gebildete
Tasche der Harnröhre eingewandert; Extraktion.
Fall 5. 30 jähr. Mann; Rückenmarksschuss, Blasenlähmung, schwere
alkalische Zystitis, sekundärer Phosphatstein freiliegend; Litholapaxie. Nach
2 Jahren Rezidiv in einem prävesikalen Divertikel der Urethra prostatica;
Extraktion nach Sectio alta (Wehner).
Fall 7. 36 jähr. Mädchen, 28. I. 1916 grosser primärer Phosphatkalk¬
stein von mir litholapaxiert ; XII. 1921 (also 6 Jahre später): 1. freiliegender
Stein, 2. Divertikelstein, 3. Genitaltumor. Nach Kystolithotomie (Dr. G e u e r)
später t an Ovarialkarzinom.
34 Fälle von Nierenstein: 20 aseptisch (l Pyelolithotomie),)
14 infiziert (7 operiert), 6 bilateral. In allen Fällen genügte zusammen miti
den klinischen Befunden die einfache Röntgenographie zur Sicherung
der Diagnose; Pyelographie und Pneumoradiographie waren überflüssig.
Sitzung vom 30. April 1913.
Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr Jungblut h.
Herr Nicmeyer: Stand der Friedmannfrage und Erfahrungen mit dem
Heilmittel bei Lungentuberkulose.
Vortragender berichtet kurz über die wichtigsten einschlägigen kli¬
nischen, bakteriologischen und experimentellen Arbeiten der letzten Jahre.
Er hebt hervor, dass durch Kruses exakte Kontrolle offenbar jetzt die
Reinheit des Präparates gesichert ist, während früher wiederholt pathogene
Bakterien darin nachgewiesen wurden.
N i e m e y e r hat 40 Fälle von Lungentuberkulose verschiedener Stadien
mit dem Friedmann sehen Mittel behandelt und gleichzeitig die übliche
nichtspezifische Therapie angewandt. Es waren sämtlich chronische, docl
möglichst frische Erkrankungen zirrhotischer oder azinös-nodöser Natur ohne
anderweitige Kompikationen, keine akuten exsudativen und keine ulzeröser
Formen. Bei allen Kranken war der Kräftezustand so, dass man eine gute
therapeutische Reaktionsfähigkeit erwarten durfte. / der Fälle zeigten'
eine leichte Allgemeinreaktion auf 1 — 8 Tage, Herdreaktionen wurden nicht
beobachtet. A der Kranken hatten eine leichte Stichreaktion in Form einet;
erbsengrossen, derben Infiltrates, welches nur in einem Falle abszedierte
In keinem Falle trat eine durch das Mittel bedingte Verschlechterung ein
Beim vorläufigen Abschluss nach 1 — 1/4 Jahren waren von 24 schwerei
Fällen mit tuberkulösen Herden in 2 oder mehr Lungenlappen 11 gestorben
9 unentwegt weiter fortgeschritten, 3 stationär geblieben und 1 gebessert
Von 8 mittelschweren Fällen, bei denen sich die tuberkulösen Prozesse in
wesentlichen auf einen Lungenlappen beschränkten, waren 4 weiter fort
geschritten, einer stationär geblieben und 3 gebessert. Endlich von den leich
n. Juli 1923. _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
en Fällen, 8 Spitzenaffektionen einer Seite, war 1 verschlechtert, 3 stehen
jeblieben, 3 latent geworden und 1 klinisch geheilt.
Die gebesserten Fälle aller Stadien zeigten keinen Umschwung im An¬
schluss an die Impfung, auch keine bald auftretende Abnahme der toxischen
Symptome, Tachykardie, Kopfschmerz, Nachtschweisse, Schwäche. Sondern
neist war Tendenz zur Vernarbung und Besserung schon vor der Injektion
leutlieh und wurde nachher nicht grösser, oder der Umschwung kam erst
lach mehr als einem halben. Jahr.
Niemeyer kommt bei kritischer Abwägung der Resultate zu dem
'chuss dass ohne die Anwendung des F r i e d m a n n sehen Mittels bei ledig-
ich unspezifischer Behandlung derselbe Besserungsprozentsatz zu erwarten
rewesen wäre. Das Mittel scheine bei Lungentuberkulose therapeutisch wert-
os zu sein.
Diskussion: Herren Bloch, Sonnenschein, S t ü r t z,
<ülbs, Haberland.
Medizinische Gesellschaft zu Leipzig.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 12. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr W e i g e 1 d t.
Herr Sonntag: Demonstrationen aus der Chirurgischen Poliklinik.
1. Aufsteckbare Zelluloidhülse nach Gipsabguss zur unblutigen Behand-
ung der subkutanen Fingerstrecksehnenruptur am Endglied. Verfahren emp-
iehlt sich als Normalmethode, insonderheit für die u n vollständigen Rupturen,
>ei welchen das Fingerendglied nicht ganz herabhängt und auch etwas ge¬
treckt werden kann. Die vorgezeigte Hülse ist handlicher als Schienen
ind andere Apparate. Sie muss in Ueberstreckstellung angefertigt und ge-
tügend lang (ca. 8 — 12 Wochen) getragen werden.
2. Federnde Subluxation des Ellenköpfchens bei einem 8 jährigen Mäd-
hen, welches vor 6 Wochen einen Bruch des Ellenköpfchens erlitten hatte,
las Leiden wird beobachtet bei verschiedenen Verletzungen der Handgelenks¬
legend, insonderheit bei Handverstauchung oder Bruch eines oder beider
Jnterarmknochen an deren unterem Ende, wobei eine Zerreissung der Band-
■erbindungen statthat. Das Krankheitsbild steht in Analogie zu der federn-
len Subluxation des akromialen Endes des Schlüsselbeins und des Daurnen-
letakarpus an dessen proximalem Ende. Behandlung: Handgelenksbandage,
v. Operation: Band- oder Knochennaht, nötigenfalls mit Verstärkung durch
’aszie (vgl. Mitteilung im Arch. f. Orthop. u. Unfallk. 1921).
3. Kompaktalnsel im Röntgenbild in der proximalen Grundglieddiaphyse
'ei 45 jährigen Mann.
4. Erbsengrosser Speichelstein im Ausführungsgang der Glandula sub-
ingualis eines 25 jährigen Soldaten.
5. Exstirpiertes Hauthorn an der Handgelenkaussenseite eines 8 jährigen
lädchens.
6. Chondrosarkom der 4. Metakarpusdiaphyse bei 30 jährigem Mann und
Sehandlung durch Schaftresektion nebst anschliessender freier Knochentrans-
lantation mit einem Span vom benachbarten 3. Metakarpus.
7. Fibromatöse Wucherung mit hyaliner Entartung, aber ohne Verkalkung,
erknorpelung oder Verknöcherung in der fibrösen Kapsel des Recessus
u p r a p a t e 1 1 a r i s eines 45 jährigen Mannes. Entwicklung angeblich nach
rauma seit mehreren Jahren. Bei der klinischen Untersuchung fand sich
in kleinmandelgrosser und mandelförmiger, knorpelhafter Körper festsitzend
ben aussen von der Kniescheibe neben der Quadrizepssehne. Röntgenbild
egativ. Bei der Exstirpation in Lokalanästhesie fand sich der beschriebene
.örper unter einem kleinen Schleimbeutel zwischen Quadrizepssehne und
iclenkkapsel extrasynovial. Der Befund erscheint bemerkenswert mit Riick-
icht auf die Möglichkeit, dass solche Gebilde, namentlich wenn sie verkalken
nd in die Gelenkhöhle hineinragen oder wenn sie sich abstossen, Anlass
ur Bildung freier Gelenkkörper geben können.
8 Traumatische Epithelzyste im Knochenstumpf eines Fingers, 24 Jahre
ach Unfallverletzung (ausführliche Mitteilung an anderer Stelle).
Aussprache: Herr S c h m i e d t.
Herr Sonntag berichtet an Hand von Röntgenbildern über die sog.
londbeinmalazie, weiche er recht häufig beobachtet hat. 12 Fälle im Verlauf
tnes Jahres. Gesamtzahl der in der Literatur niedergelegten Fälle beträgt
a. 75. Verhältnis der Männer zu den Frauen 2:1, wobei bei den Männern
ie traumatischen und bei den Frauen die professionellen Fälle überwiegen,
echte Seite ist etwas häufiger betroffen als linke. Alter schwankt zwischen
7 und 45 Jahren, meist ist es die Zeit kurz nach der Pubertät; in den älteren
allen scheint das Leiden längere Zeit zurückzureichen. Histologischer Be¬
rnd in einem selbst operierten Fall: Spongiosanekrose mit Knochenan- und
ibbau, osteoidem Gewebe, Knochenbälkchen, Kalkeinlagerung, Bindegewebs-
arbe, Rundzelleninfiltraten usw.; ein Befund .wie er ähnlich wie bei der
ö h l e r sehen Erkrankung des 2. Mittelfussköpfchens erhoben wird. Hin-
chthcli der Pathogenese sind spezifische Entzündung, spez. Tuberkulose
:ad Syphilis auszuschliessen. Kompressionsfraktur kann höchstens für wenige
alle angenommen werden; in vielen Fällen fehlt ein entsprechendes Trauma;
er histologische Befund ähnelt zwar dem bei unvollkommener Frakturheilung,
raucht aber nicht lediglich als solcher erklärt zu werden. Die öfters ge-
ndenen Knochentrennungslinien sind nicht ohne weiteres als primäre Fraktur
i deuten, sondern ebensowohl als sekundäre Fraktur eines bereits erkrankten
nochens, zumal sie auch ohne Trauma gefunden werden und nach Trauma
ereits länger bestehend oder erst später auftretend oder gar von ver¬
miedenem Alter. . Vielmehr handelt es sich bei einer zweiten Gruppe um
.'Chtere Traumen im Sinne der Kontusion oder Distorsion: „posttraumatische
a“* ’• 1° einer dritten Gruppe fehlt das Trauma ganz; diese können z. T.
ohl als „professionelle“ Fälle bezeichnet werden, indem bestimmte Berufe,
'ez. landwirtschaftliche Arbeiterinnen, welche mit der schwcrbeladenen
e“; °der Mistgabel arbeiten, bevorzugt sind. Die Frage nach der trau-
'atischen Genese ist u. a. für die Unfallkunde von Bedeutung; der Utifall-
lsamm^nhang muss öfters abgelehnt werden, zumal wenn das Leiden bereits
>rher bestanden hat oder sicher anzunehmen ist (Röntgenbild). Avitaminose
rrfte nicht vorliegen. Für Spätrachitis fehlen Beweise. Konstitutions-
lomalie und manchmal Störung der inneren Sekretion erscheint möglich.
Analogie zu setzen ist das Leiden wahrscheinlich mit sonstigen
achstumsanomalien: Perthes-, Schlatt er-, Köhl ersehe Krank-
■JJ sowie Belastungsdeformitäten. Klinische Symptome sind
:hmerzen, Druckempfindlichkeit. Schwellung, Knochenverdickung, Boweglieh-
ntsbeschränkung, Schwäche. Muskelatrophie usw. Dem Kundigen gelingt
n Grund der genannten klinischen Symptome spez. der umschriebenen
'ruckempfindlichkeit oft die Wahrscheinlichkeitsdiagnose. Die Diagnose
wird gesichert, abgesehen von frischen Fällen durch das typische Röntgen-
bild, welches das Mondbein nach Form und Bau verändert erweist, und zwar
in der Regel im proximalen Feil, in dem sich Aufhellungen und Verschat¬
tungen, manchmal auch Zerteilungen und später Verbildungen wie bei Ar-
thritis deformans finden. Differcntialdiagnostisch kommen in
Betracht Verletzungen und Entzündungen, spez. Tuberkulose und Arthritis
deformans. I rognose ist hinsichtlich der Ausheilung nicht eben günstig;
jedenfalls scheint das Leiden hartnäckig zu sein und öfters sich Arthritis
deformans anzuschliessen. Therapie ist im wesentlichen symptomatisch.
Antirachitische Behandlung, Organpräparate usw. können versucht werden.
Die Operation, welche zwar keinen schwierigen aber doch beträchtlichen
Eingriff in den feineren Bau und Mechanismus des Handgelenkes bedeutet,
ist im allgemeinen nicht angezeigt, ausser in schweren Fällen bei Versagen
der konservativen Therapie, aber auch dann nicht zu spät, sondern vor Aus¬
bildung einer ausgedehnten Arthritis deformans. Ein selbst operierter Fall,
‘J? ^,e^c*iem (Jas Mondbein entfernt und die Lücke mit frei transplantiertem
Fett vom Oberschenkel ausgefüllt wurde, ergab keinen idealen Erfolg.
Knochenkernauslöfflung (M ü 1 I e r) dürfte bei vorgeschrittenen Fällen nicht
genügen. Weitere Mitteilungen erscheinen wünschenswert zur Klärung der
Pathogenese Prognose und Therapie. (Ausführliche Mitteilung erfolgt an
anderer Stelle.)
• a ^ siSf-P-r-a u*' eU ^err M i I n e r steht noch auf dem früher von ihm
in der Medizinischen Gesellschaft vertretenen Standpunkt, dass der „Mond-
beinschwund“ im allgemeinen als Folge einer Fraktur auf-
zufassen ujid so zu erklären ist, wie das nach Küramell benannte all¬
mähliche Zusammensinken frakturierter Wirbel: Die Schmerzlosigkeit der¬
artiger Knochensprünge hat zur Folge, dass die Ränder des Bruchspnltes die
zum Zwecke der Heilungsvorgänge erweicht werden, bei fortgesetzter ’ Be¬
lastung immer von neuem einbrechen. Dass die Kranken sich meist keiner
Verletzung als Ursache und Anfang der Krankheit bewusst sind
beruht, wie bei den bekannten Metatarsalbrüchen der sog Fussgeschwulst
und den Gelenkverletzungen, z. B. des Kniegelenks, die von Axhausen
u. a. beschrieben sind, auf der verhältnismässigen Geringfügigkeit des
äusseren Hergangs und der Schmerzlosigkeit im Anfang. Dass früh auf-
genommene Röntgenbilder bisweilen negativ sind, kann
einmal damit erklärt werden, dass eine Röntgenaufnahme nicht alle Ebenen
des Knochenquerschnittes wiedergibt und darum nicht jede Fissur auf der
1 latte sichtbar sein muss, zumal dann nicht, wenn nicht von 2 entgegen¬
gesetzten Richtungen aus photographiert worden ist. (Beweis manche Kal-
kaneusfrakturen.) Dass in über 90 Proz. der Fälle die rechte
Hand die befallene ist und das jugendliche Alter sind weitere Hin¬
weise auf Verletzungen als Ursache des Mondbeinschwundes. Kienböcks
Theorie, dass Gefässverletzungen im Knochen zu den Erweichungen fuhren,
ist im Zeitalter der freien Knochen- und Gelenktransplantationen und der
erfolgreichen operative® Behandlung von Totalluxationen, z. B. einer von
M. operierten Totalluxation des Talus, n i c h t h a 1 1 b a r. Die Wichtigkeit
der Hervorhebung einer Verletzung als Ursache beruht auf 2 praktischen Er¬
wägungen: 1^ bei jeder einigermassen ernstlichen Verstauchung
muss an eine Fissur gedacht und wochenlang starke Beanspru¬
chung der betreffenden Knochen vermieden werden, selbst wenn 2 — 3 gute
Röntgenbilder negativ sein sollten; 2. bei der Begutachtung von Arthri-
tis deformans als angeblicher Unfallfolge ist das Fehlen einer schweren
Verletzung in der Vorgeschichte nicht entscheidend.
Herr Hu eck weist auf die Möglichkeit hin, die Schwierigkeiten, die
hinsichtlich der Aetiologie der Mondbeinmalazie, Perthes sehen und
Köhler sehen Erkrankung entstanden sind, zu lösen. Die bislang bei
diesen Krankheiten erhobenen pathologisch-anatomischen Befunde sind viel¬
leicht nicht alle einheitlich, doch scheint es, als ob bei genauester Unter¬
suchung in der Mehrzahl der Fälle Veränderungen vorliegen, die zum
mindesten der Bezeichnung Arthritis deformans nicht widersprechen Die
Auffassung der genannten Erkrankungen als frühzeitige Arthritis deformans ist
allerdings nur mit der Einschränkung möglich, dass diese Bezeichnung so viel
und so wenig eine ätiologische und anatomische Einheit umgreift, wie es
z. B. die Arteriosklerose tut. Unter dem Sammelnamen Arthritis deformans
können vielmehr eine grössere Menge von Knochengelenkleiden recht ver¬
schiedener Aetiologie zusammengefasst werden, aber wie allen Formen der
Arteriosklerose die fortschreitende Ernährungsstörung der üefässwände, so
in allen Formen der Arthritis deformans die fortschreitende Ernährungsstörung
des Knorpels gemeinsam. Diese kann durch primäre Knorpelerkrankung (be-
rufhehe Abnutzung usw.). aber auch durch primäre Knochenerkrankungen
(Fraktur) hervorgerufen werden. Sicher ist, dass die Knorpcl-„Abnutzung“
schon in sehr frühen Lebensjahren beginnen, von der Pubertät an stärker
zunehmen und an den Gelenken, die stärker in Anspruch genommen werden,
rasch fortschreiten kann.
Herr Sonntag: Schlusswort.
Herr Warsow: Ein Fall von Xanthom.
Aussprache: Herren H u e c k und Sonntag.
Herr Curt H e in p e I berichtet über einen Fall von Neurinom der Zunge.
Es handelte sich um ein solitäres Neurinom. Ein Trauma löste die Weiter¬
entwicklung des Tumors aus. Der Kranke zeigte Pigmentanomalien und
Symptome 2. Ordnung der Recklinghausen sehen Krankheit, bestehend
in Strabismus convergens und abnorm hohem harten Gaumen. (Eingehende
Schilderung des Falles folgt in der M.m.W.)
Herr Kuntzen zeigt 2 Fälle von diffuser genuiner Phlebektasie mit
Gliedmassenverlängerung.
1. Fall. 12 jähr. Junge. _ Seit der Geburt Venenerweiterungen am linken
Gesäss und Rückseite des linken Ober- und Unterschenkels, Fussrücken und
Fusssohle mit Atrophie der Beinmuskulatur. Verlängerung des Beines um
2 cm. Nach leichten Traumen häufig Hämarthros im linken Kniegelenk. Im
Röntgenbild zackige und aufgerauhtc Konturen des Knochens nahe der Epi¬
physenfuge.
2. Fall. 7 jähr. Mädchen. Diffuse Venenerweiterungen am unteren
Drittel des rechten Unterschenkels und besonders der Fusssohle. Verlänge¬
rung und Verbreiterung des rechten Fusses gegenüber links um 1)4 cm. Im
Röntgenbild: Knochen des ganzen rechten Fusses viel plumper, länger und
dicker als die der anderen Seite, besonders Fusswurzel und Mittelfussknochen.
Differentialdiagnose: Abgrenzung gegen arterielle und arteriovenöse Ektasien,
Rankenangiome, Hämangiome. Prognose: Ungünstig wegen Druck auf die
Nachbarorgane und Komplikationen, besonders von seiten der betreffenden
Nerven. Behandlung vorläufig konservativ.
Genauere Beschreibung der Fälle folgt an anderer Stelle.)
öys
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3(T.
Äerztlichei* Verein zu Marburg.
(Öffizierier Bericht.)
Sitzung vom 1 3 . J it n f
Herr Freudenberg: Krankenvorstellung.
1 Sechsjährger Knabe mit Dermatitis herpetiiormis Duhrlg.
2. 3 Fälle von infantilem Skorbut, darunter einer mit Keratomalazie.
Es konnte der Nachweis geführt werden, dass in diesem die Kerato¬
malazie nicht durch A-Mangel bedingt war, denn das K,ind. etrh'e’* ‘ ^
15 ccm Lebertran, sondern auf C-Mangel beruhte, also skorbutischer Natur
war. Rasche Heilung bei antiskorbutischer Diät. Hinweis au ^ Fälle in der
Literatur, bei denen ebenfalls die Annahme einer skorbutischen Grundlage der
Rkratomalazie. najieliegt.
£ Chondrodystrophie bei 5,jährigem Knaben. . „ . „
4. Schwere, psycjiO.gSn bcdihgfe Atrophie eines 2 jährigen Knaben.
Diskussion: Herr Z an g.e' rrj e i.$ f fc f. ,Fr
Herr Behrendt: Ueber Feftvefdaduitg im Shughtigsmagen. (er¬
scheint im Jahrb. f. Kinderhlk.) • _ . • .. .
Herren Hoffmaim und Schilling: Zur Frage der ?rw Qfbenen
Lues des Neugeborenen. Die Mutter hatte seit 8. XII. 22 Primaraffekl ätl
kleinen Labien. Geburt am 12. XII. 22. das Kind bekommt am 14 I. 2S
typischen Primäraffekt am Hinterhaupt. Bald darauf Nachweis von Okzipita -
drüsenschwellung, Milz- und Lebertumor. Tödlicher Ausgang.
Aussprache: Herr Scharnke: Aus den experimente len For¬
schungen U h 1 e n h u t h s und Mulzers wissen wir, dass die Pallida senr
früh im Blut nachweisbar wird, noch vor dem Auftreten der Sekundarerschei-
nungen, ja sogar bei noch negativem Wa. Der Fötus kann also plazentar in¬
fiziert werden, ehe Sekundärerscheinungen bei der Mutter auftreten. Daraus
erklärt sich im vorliegenden Fall das bereits vorgeschrittene Stadium der vis¬
zeralen Lues. Die Infektion ist offenbar erst plazentar und nachträglich noch-
einmal als Superinfektion durch die Haut erfolgt. Ich glaube nicht, dass eine
erst in der Entwicklung begriffene, durch plazentare Infektion entstandene
viszerale Lues imstande ist, die Entstehung eines Primäraffektes bei kutane
Superinfektion zu verhindern. ... ' , , ,
Herr P. Esch: Die auffallende Tatsache, dass das k u t a n unter der
lleburt luetisch infizierte Neugeborene eine ausgeprägte v i s z c r a l e Syphi¬
lis aufwies, lässt sich vielleicht auf folgende Weise erklären. Im allgemeinen
kommt es bei den kutanen Infektionen des Neugeborenen leicht und schne i
zii einer Blutinfektion. Abgesehen von anderen Gründen beruht dies daraut,
dass den Eiterkeimen auf ihrem Wege von einem örtlichen Prozess in den
Kreislauf keine Schranke durch eine Lymphadenitis entgegengestellt wird.
Infolgedessen ist die Annahme nicht von der Hand zu weisen, dass die
Spirochäten von der kutätiCn Infektionsstelle ebenfalls auffallend schnell in
den Kreislauf gelangen Alsdanrt haben wir ähnliche Verhältnisse wie bei
der diaplazentarcn (hämatogenen) syphilitischen Infektion. Es,.be*teht_!r!n®
frühzeitige Blutinfektion, welcher die Gewebsmfektiün mit den für den Fötus
und das Neugeborene eigenartigen syphilitischen Orsanveranderungen
folgt. _
Ausserdem die Herren R u e t e und Schmidt.
nrimär multiple Erkrankung des Gefässsysteins. auch nicht um ein malignes
Wachsen eines Ängioms unter Wahrung seines histologisch reifen Baues,
sondern es liegt ein Bindegewebe vor. dem embryonalen Mesenchym
deichend das wie ein Sarkom infiltrierend destruierend wächst, aber im
Verlauf seines geschwulstmässigen Wachstums eine Differenzierung
in Blutzöllen Bindegewebe und Bluträume, wie bei reifen Angiomen’. 1 urc J
Ä“l4"n Hämopn.umo.l.or» Tod infolc. H««». g£
statischer kavernöser Knoten der Lungenoberfläche. Näheres über dies.»
-RiÄf.ÄR.
K ' 1 bf Aktlnomykose der Schädelbasis. Ein Kind bekam einen Stoss gegen
die rechte Wange. Es entwickelte sich eine Aktmomykose. die in 2/a Jahren
alles vor sich her zerstörend durch die Fossa pterygo.dea und das Felsen¬
bein in die Schädelhöhle eindrang und das Gehirn angriff.
Berichtigung. In dem Bericht Über die Sitzung vom 30. Mai
d. J. (S. 826) muss es statt „Artussin“ heissen: "A r 1 'E" ^ e r t e n s_ j
Aerztiicher Verein München.
t (Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Juli 1923,
Herr Oberndorfer: Pathologische Demonstrationen mit Lichtbildern.
a) Pseudokarzinom des Rektums. _ r . , ide{ 1n
45 ifihr Frau mit Leistennarben. WaR. , 5-- -u. nr. du
WäSSeNgen Durchfällen und Verstopfung. Bei der Einlieferung wurde P -
(bnitis gefunden und Verengerung des Rektum. Fs handelte sic t c
Htaassr ää sä-
wegen Zyanose und Herzvergfösserung in Behandlung Stark vorspringen i
Klappe.. Sklerose der Arterienwände in den blassen Lungen. Sekundäre
Polyzythämie. „ter und Herr Mobitz zeigen 2 bzw.
, K,»V«S^;\™«»s"Ürrroiard%r,5,.«r» die «*■«. 1»— da,
'h,raCr‘SMohb‘iu”Stbfc dunkle Fürb.nn der Oberlide, und de, Stirn
hCfV Herr Lange- Petersburg (a. G.) berichtet über einen ganz ähnlichen
Fall, ^den er aber als Thromboarteriolitis entzündlmhen Ursprungs deutet.
c. r n F « t der die Präparate gesehen hat, halt es wie L a n g c iui
sehr möglich, dass ein früher überstandenes Flcckfieber zugrunde liegt. Die
Bilder erinnerten an. Periarte^ut.s^nodosa^^ ^ Lei)denwirbel hat sich ein
völliges SGe"enk ausgebildet, ln den übrigen Wirbelkörpern die Spongiosa
V°n AKnu°srPsei rdaUcCi e • Herr B o r s t und Herr G e b e 1 e.
Ä Abduzens,
Okulomot'orius. Ruptur der Aortenintima dicht oberhalb der Klappe an
der klassischen Stelle. Trennung von Intima ^daMed'arosb‘®luhn7derSub-
Teilungsstclle und Wiedereinbruch in dm linke ,.1a1“k; *: Mtrl erklären die Er-
klavia und des Trunc. anonymus sowie der Ihaca dextra erklären die
«rhpinnnven an den Gliedmassen, die übrigen sind dunkel.
Herr B o r s t hat im Felde ein dissezierendes Aneurysma mit Durch-
v* nrii in den Herzbeutel bei angeborenem Verschluss -der Aorta gesehen,
ta demonstrieSn Falle hält er die Verschleppung von Gewebsfetzen von
dei Rupturstelle in die Vierbügelgegend für möglich
Herr K 1 i n tr e (a G.) : a) Ueber malignes Angtom. ...
Angiom das vom Ünterhautzellgewebe der Hand ausgeht und tro.z
Aerztiicher Verein in Nürnberg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 19. April 1923.
Vorsitzender: Herr Bernett.
Herr Schwink: Ueber Chlordesinfektion des Badewassers.
Sitzung vom 3. Mai 1923.
Herr Strauss: Bericht über den Chirurgenkongrcss.
Sitzung vom 17. Mai 1923.
Herr Viktor Veith: Bericht über den Kongress für innere Medizin.
Herr Drossbich: Ueber einen Fatl von Ertanbnng nach Aspirin-
Vergütung. „ , ,
Diskussion: Herr Schlesinger.
Sitzung vom 2. Juni 1923.
Herr Bezirkstierarzt Dr, Hellmuth: Ueber Tollwut beim Tier.
H berichtet über die Tollwut der Hunde, nachdem 'm h'cf1,gcj' SRis!'
ho/irk seit Ende April d. J. 10 Tollwutfälle bei Hunden und 10 Bis»
Verletzungen von Personen durch wutkranke Hunde vorgekommen sind.
SSd von der Geschichte dieser Seuche
kommens in verschiedenen Ländern wird deren Ad ol » , die "
der N e g r i sehen Körperchen, die natürliche Infektion und die Ausbreitung
des Virus im Körper geschildert. Bei typischem Verlaufe der Krankheit kann
man drei Stadien, ein melancholisches, ein Exzitations- und ein paralytisches
Stadium unterscheiden, doch kommen vielfache Modifikationen vor, ins-
besondere wird nicht selten die so,-, stille Wut beobachtet be, de, e,n.
leichte Lähmung des Unterkiefers oft zunächst das einzige Symptom st
Das Sektion" ergdmis ist nur dann typisch wenn der Magen statt normaler
N-ihruncsbrei zerbissene und verschluckte Fremdkörper, Holz. Stroh, Sand
i oder I umoen u dergl. enthält. Fehlen diese, so bieten die Hamatoly»
und wechselnd starke Hyperämien der Schleimhäute und Organe nicht:
Charakteristisches Durch die Untersuchungen Pasteurs und seiner Mit
Seher wurde festgestellt, dass sich das Virus der Wut durch fortgesetzte
Weiterimpfung auf Affen so abschwächen lässt, dass es bei Hunden keim
Wut mehr liervorruft, dass es sich andererseits dadurch steigern lasst, das
es durch den Körper von Kaninchen oder Meerschweinchen geleitet wird
So gelingt es. im Gegensatz zu dem inkonstanten Strassenvirus ein fixe
Virus von ganz bestimmten Virulenzgraden herzustellen. Auf dieser Fit
d ec kling beruht die jetzt allenthalben übliche Wutschutzbehandlung gcbissei c
Personen Die veterinärpolizeiliche Bekämpfung der ■ ollwut der Hui
erfolgt durch strenge Sperrmassregeln, die sich auf einen Umkreis von 10 kr
erstrecken. Innerhalb des Sperrgebietes müssen alle Hunde feslgd^t. an
gekettet oder eingesperrt oder mit Maulkorb und Leine geführt
Wutknnke und wutverdächtige Hunde müssen getötet werden, ebenso all
Hunde! die freilaufend betroffen werden. Eine Ausfuhr von Hunden ist nu
mit polizeilicher Genehmigung gestattet.
Herr Johannes Müller: Ueber Tollwut beim Menschen.
Diskussion- Herr Sauerteig berichtet über die gesundheit
polizeilichen Vorschriften und behördlichen Massnahmen bei Tollwut.
Herr Süssmann spricht über die N e g r l sehen Körperchen u
^ °H err *() s^berichtet über einen selbst beobachteten Fall von Toll vi
am Menschen während des Krieges in Rumänien.
Naturforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostoc!
R.
• t a li 1.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 14. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr W. Müller. Schriftführer: Herr
Herr Man s: Zur Lumbalpunktion bei Methyüalkoholamblyopie.
Herr Mans berichtet über einen Fall von Methylalkoholamblyopie, d
mit Lumbalpunktionen behandelt wurde. Die Sehschärfe hob sich na
mit LUmUaipmiMIUIlUli iiiiiiaiiuvu -- r- hl..
5 Lumbalpunktionen von Fingererkennen vor den Augen auf /21, resp. IU
it 01.. LI. MiPr'jnPl
Aussprache: Herr Stahl: Intern therapeutische > e|
Wendung der Lumbalpunktion bisher nur bei Memngit^ I
Urämie bei erhöhtem Lumbaldruck, allerdings auch gelegentlich bei I
Vergiftung. Einige Beobachtungen weisen in Uebereinstimmung mit den 11
fahrungen bei -Methylalkohol darauf hin. dass auch bei nicht erhöhtem Lu
baldruck eine Flüssigkeitsentziehung zu Nachstrom von Flüssigkeit aus c
Geweben und damit vielleicht zur Ausschwemmung von Toxinen fuhrt
einer Polyneuritis wurde schubweiser Rückgang der Sensibilitatsstorun
im Anschluss an 3 Lumbalpunktionen beobachtet; bei einer multiplen , kler
und einer Lues cerebri sah ich subjektive Erleichterung und obiektive Bes
rung des Ganges am nächsten Tage. Am eklatantesten war der Nutze
einer Ischias, die sich unter Bettruhe und Warme verschlechterte und
Sensibilitätsstörungen bis hinauf zum 10. Dorsalsegment führte. Nach Ul
*7. Juli 192.3.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
'.ilplinldiOn (Druck RO ihm HaÖ. Nonne-Apelt negativ, Eiweiss 4 14 Strich,
: Zellen) . läge mich erhebliche Schmerzsteigerung, dann rasche Besserung
"T. "i i« gleichzeitiger Darreichung von Melubrin, das vorher dir Ycr-
chlechtfrahg kaum verzögert hatte. Nach ca. 20 Tagen Schmerzfrei mit
Lclwmnlg entlassen.
An der Aussprache beteiligen sich noch (Re \ierren: v. Wasiclewski
3 "m' * ° r S’ W‘ M ü 1 *-e r.i C Ti r s c h m ann, W. Müller. Man s.’
. ,/!err Man s: Demonstration eines Falles von einseitiger schlchtstar-
linnener Linsentrübung
Kranker hat yoi 2b Jahren eine Kontusion des linken Augapfels erlitten,
anuils keine Linsentrübung. Nach Vi Jahr ganz feine subkapsuläre Linsen-
^^er diesen hinter einer klaren Rindenschicht eine schicht-
aralmWche Katarakt.
Aussprache: Herr Peters.
Herr Peters: Demonstration: Tränenträufeln bei VerändeVöPgen der
arimkelgegend.
Vortr. demonstriert einen typischen Fall der Störung, die er im lahrc
unteT, detn Na.men -Epiphora durch Verhornung des Epithels der Karun-
L'lgegend beschrieben hat-, Abi' Gfund einer Reihe von weiteren Fällen
onnte das früher Gesagte bestätigt werden. Die auffallend helle Farbe
ad die trockene Beschaffenheit der Karunkel, sowie die fast völlige Ver-
.■lileieruiiR dep Tränenpunkte sichern die Diagnose, und therapeutisch ge¬
igt m den meisten Fällen das Schlitzen und Offenhaltcn des unteren Tränen-
üifchÄrtS, wozu sich ausnahmsweise bei Evertierung die Exzision eines sog
mann sehen Dreiecks anschliessen kann. Besonders bemerkenswert
..dass der Vater und die Schwester des vorgestellten Kranken hier an der-
Ibcn Anektion behandelt worden sind, und daraus ergibt sich die Notwendig-
it. vorkommendenfalls die Familienmitglieder mitzuuntersuchen, damit fest¬
estem werden kann, ob es sich hier um einen eigenartigen Verliornungs-
iozess auf der Basis einer konstitutionellen Anomalie handelt.
Herr Glüh: Ueber Nasen- und Augenreflexe.
,-i V0rjr- ^richtet über einen zuerst von Symkowicz beobachteten
eflex, der durch einen Schlag auf die Nasenspitze ausgelöst wird und zu
ner Kontraktion beider Lidschliessmuskeln führt. Der Reflex wurde regel-
issig unter normalen Bedingungen gefunden. Viermal, in Fällen von Fazialis-
timung, blieb er auf der gelähmten Seite aus, bei Fazialisparese wurde
iscliuachung des Reflexes beobachtet, bei Trigeminusneuralgie wurde keine
•rstarkung des Reflexes beobachtet. Untersuchungen im Schlaf, in Narkose
d unter Morphiumwirkung ergaben, dass der Reflex nicht über die Gross-
nrmde fuhrt. Die häufig auftretenden Begleitbewegungen bei Auftreten des
: „vxf, . a/fsetl darauf . schlossen, dass seine Bahn nicht auf einer direkten
rnverbindung zwischen Tngemius und Fazialis beruht, sondern dass sie
ler die primären Optikuszentren führt.
Herr Grafe: Ueber den Einfluss der Affekte auf den Gesamtstoffwechsel,
itersuchungen in der Hypnose.
Um die praktisch und vor allen Dingen theoretisch sehr wichtige Frage
ch dem Einfluss von Gemütsbewegungen auf den Gesamtstoffwechsel zu
I scheiden, verwandte Grafe in Gemeinschaft mit Mayer die Hypnose,
lern bei genau vorher für die Hypnose eingeübten, völlig gesunden Men-
icn. die sich freiwillig für derartige Untersuchungen zur Verfügung stellten.
J ensvefährimShhe Brschutterungen (Vorstellung schwerer eigener Krankheit,
.'ensgefahrlicher Szenen aus dem Kriege, Tod naher Verwandter etc.) auf
Ipnot.schem Wege erzeugt wurden. Das Ergebnis zweistündiger Re-
■ rationsversuche wurde dann mit dem Resultat der meist am folgenden
ge sich anschliessenden Kontrollversuche bei einfachem hypnotischem
Besonderes üewicht wurde auf vollkommene Ruhe der
rpcrmuskulatur gelegt und auch in dieser Richtung entsprechende Sug-
'.M,en gegeben. Schon früher hatte Grafe gemeinsam mit Trauma n n
e‘ dei raI' Versuchsreihen angestellt, aber das Resultat war entgegen-
’iz klar dSa«e", ne“ hinzukommenden 10 Versuchsreihen ergibt sich nun
% 2 p’ , r v St0flWechsel sehr erheblich gesteigert sein kann, bis
-o.2 l roz. Bei Versuchspersonen, die zum ersten Male derartigen Unter-
V siZ%Uf^e[WOrfFr! WUrdenT fehlte sogar niema,s eine Steigerung bei de-
A Ql "• EtWaS a,nderl verhielten sich freudige Affekte, bei denen
sennge S eigerungen, die aber wohl noch in das Bereich der Norm
•cn fcstgestelh wuräen. Da Muskelbewegungen als Ursache der Steigerung
„2—4 Prn Pa sf.requenz so gering war, dass dadurch im ungünstigsten
’t • 3 Proz' Steigerung erklärt sind, muss man annehmen, dass minde¬
st1" fm°Sreu Teii ,der St,0ffwechselsteigerung auf einer Vermehrung des
p‘Z S!n' Gehirn beruht, da im Gegensatz zu älteren Vorstellungen etwa
P .0,; des Kesamten Stoffwechsels auf das Gehirn entfallen. Ausserdem
■ nmt noch eine Fernwirkung des Gehirns auf viele andere Organe auf ner-
, ™ 'Vege in.Buortcht’ so dass man wohl zum mindesten in den Fällen.
en eine erhebliche Steigerung des Stoffwechsels Vorgelegen hat, an eine
l-dl angd?.s ^samten vitalen Tonus des Organismus denken muss Betont
; de ausdrücklich, dass bei sorgfältiger Durchführung der Hypnose niemals
ndwelche Schädigung oder Nachwirkungen beobachtet wurden
Aussprache: die Herren C urschmann, Rosenfeld, Grafe.
; „VJ. • tra..k°s.ch: Demonstration eines Falles von Netzechinokokkus
df JeTnS Madehen, das lange Zeit in einer Frohnerei bedienstet war,
i-rt pg f Unterleibsschmerzen und unregelmässiger Blutungen laparo-
arh JSL fanden ZVV f?st hühncreigrosse Echinokokkenblasen sowie
, nrimä^r i 'u Ne Z U^d, ,eine Aussaat auf dcm ^'nzen Peritoneum. Da
' PJ '™arer Leberechinokokkus nachweisbar war, ist an primären Nct/-
denken. Guter Heilungsverlauf. Gewichtszunahme In den
en Wochen Ansteigen der Eosinophilen von 3 auf 16 Proz Rezidiv ^
lplementbmdungsreaktion steht noch aus Keziaiv.
Aussprache: Herr W. Müller.
iiysikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 14. Juni 1923.
ersitzender: Herr F 1 u r y. Schriftführer: Herr Walther Schmitt.
Herr Rein wein: Ueber ein neues tierisches Gift aus Actinla equina
n Kein wein isoherte gemeinsam mit D. Ackermann und
u JtzÄ Hllfe dcr E. Ku t sch e r sehen Methode aus 6400 Stück
i eu tel Hl™1!, "T,”3 12L4 K der Basc C,Hl:lN0 als Chlorid (Minimal-
der der Name Tetramin gegeben wurde. Diese Base wurde
I ? ^ e a s .^‘^rat, UhLifaurat und Chloroplatinat analysiert, ist optisch
inaktiv und nimmt bei erschöpfender Methylierung durch Dimethylsulfat
keine Methylgruppe mehr auf. Oberhalb 360° wurde Trimethylamin abge¬
spalten. Es handelt sich bei der neuen Basc um Tetramethylammonium¬
hydroxyd, wie auch aus dem Vergleich der Zersetzungspunkte und sonstigen
Eigenschaften mit den entsprechenden synthetisch dargcstellten Salzen mit
Sicherheit hervorgeht. Der Körper ist bisher weder in ider Tier- noch
Pflanzenwelt beschrieben. Seit langem ist die kurareartige Wirkung be¬
kannt, welche mit dem Tetramin genau so erzielt wurde, wie mit kier
synthetiscehn Base. V 100 mg Tettarninchlorid pro Gramm Tier ruft beim
Frosch nach % Minuten, Völlige kiiräfcattjge LähttiUntt; hervor, JDetrion?
stratiou ah Fischen.) ..Ob die Aktinlen sicii des Tctrdniins ,11s äktives Gin
I beuieltbrt natn Art der von R i c h e t beschriebenen beiden bisher unreinen
Aktiniengifte T halassin und Kongestin, oder ob es sich um ein Stoffwcchscl-
produkt handelt, soll noch ermittelt werden.
Aussprache: Herr F 1 u r y, Herr Ackermann.
Herr Birnbaum: Erythematodes und Tuberkulose.
Die für die tuberkulöse Actiologie des Lupus erythematodes erbrachten
Beweise sind nicht völlig einwandfrei. Die Möglichkeit einer Verwechslung
mit Lupus vulgaris erythematodes oder einer — allerdings seltenen — Kom¬
bination von Lupus erythematodes und Lupus vulgaris ist zu berücksichtigen.
Am wenigsten Beweiskraft hat eine sonstige Tuberkulose bei Kranken mit
Lupus erythematodes. Die statistischen Zahlen Uber die Häufigkeit eines
derartigen Zusammentreffens werden durch die sehr verschieden starke
Durchseuchung der einzelnen Gegenden mit Tuberkulose weitgehend beein¬
flusst. Ausserdem wäre aus ihnen höchstens eine grössere Anfälligkeit
Tuberkulöser für den ätiologisch noch Ungeklärten Lupus erythematodes
zu entnehmen. Ein äusserst feines Mittel zür Entscheidung der Frage ist.
bei sinngemässer Anwendung das Tuberkulin. Die verschiedenen Möglich¬
keiten seiner Anwendung ilt der Dertdatol'd^ie ühd die Berechtigung tief
aus den gewonnenen Ergebnissen iu ziehenden Schlüsse werden kurz be1-
sprechen. Unter 25 Fällen von Lupüs erythematodes reagierten 4 Fälle
völlig negativ sowohl auf kutane wie auf intramuskuläre TüberkulinzuLihr
bis zu 15, ja sogar 40 mg. Sie sind also mit aliergrösster Bzw. grössef
Wahrscheinlichkeit überhaupt als tuberkulosefrei anzusehen, ebenst) vielleicht
ein 5., allerdings mir intramuskulär geprüfter FäD. Bei det sehr stärken
Durchseuchung Unterfrankens mit TüBerKulöse ist dies besonders bcnierltenS'.
wert. Der Ausfall vefgleichendej- Tuberkülinpriifuugeti im.GeSundcfi lind
im Kranken ist wechselnd und kaum von ausschlaggebender Bedeutung,
ebenso ist die stets negative Herdraktion auf intramuskuläre Tüberkulinzdfuhr
selbst in Gaben bis zu 15 mg — kein sicherer Beweis gegen die tuber¬
kulöse Aetiologie. Dagegen trat in 10 Fällen, in denen eine Stelle sowohl
des Lupus erythematodes-Herdes als auch der gesunden Haut mit tuberküün
örtlich vorhehandelt war (Intrakutanimpfung, Mo.ro, P i r q u e t), auf spätere,
z. T. wiederholte intramuskuläre Tüberkulinzufuhr stets eine positive Re¬
aktion an diesen T uberkulinstcHeti» iiie aber ärri übrigen Lupus erytherrjä-
todes-Herd auf. Dies spricht doch w'öhi sehr, gegen eine tuberkulöse Aetid:
logie des Lu'pUs erytheniatodes in diesen Fällen. Unter ihnen befindet sicii
auch eine von 2 Kranken, bei denen sicii neben dem Lupus erytheniatodes
an einer anderen Hautsteile ein Lupus vulgaris fand, der in Uebere'h-
stimmung mit den Impfstellen im Gesunden und im Lupus erythematod . -
Herd und im Gegensatz zum übrigen Lupus erytherriatodes-Herd wiederholt
auf Tuberkulin eine positive Reaktion zeigte. Auch Serienimpfungen ms
dem Lupus erythematodes-Herd fielet! bei Meerschweinchen negativ aus.
Aus den Untersuchungen ergibt sich, dass Lupus erytherriatöde^ .auch, fei
als tuberkuloseirei änzusehenden Kranken äuftrit.t, das.s eine gieighzeit Lj
anderweitige T uberkuiöse, selbst eine solche der Haut, keineswegs Schlij ;c
auf die tuberkulöse Aetiologie des Lupus erythematodes gestattet und d iss
bei Fällen von Lupus erythematodes mit positiver Herdreaktion auf intra¬
muskuläre TüberkuÜngaben die Möglichkeit eines Lupus Vulgaris erythem.: •
toides bzw. einer Kombination von Lupus vulgaris mit Lupus erythematö i ;
durch histologische Untersuchung eines möglichst grössen und tief exzidier..n
Gewebsstückes und durch das Tierexperiment auszuschliessen ist
Aussprache: Herr Zieler.
Herr Flury: Ueber den Vitamingehalt einiger Speisepilze. (Nach
Versuchen von Saburo H a r a.)
Zur ersten Orientierung über den bisher nicht üntersuchten Vitamin*
ge.halt von Speisepilzen wurden Fütterungsversuche mit qualitativ unzu¬
reichender Ernährung an Mäusen, Ratten, Meerschweinchen und Tauben
angestellt. Da dieselben im Winter und Frühling äusgeführt wurden, kohnteri
nur lufttrockene und durch Hitze konservierte Pilze geprüft werden. Die
Fortsetzung der Versuche an frischem Material unter Berücksichtigung der
quantitativen Verhältnisse ist jedoch in Angriff genommen. Soweit sich bis
jetzt feststellen lässt, ist der Steinpilz (Boletus edulis) reich an Wachstums¬
vitamin („B-Vitamin“). Die Wirkung von Steinpilzzulagen bei B-Vitamin-
freier Ernährung auf das Allgemeinbefinden und das Körpergewicht ist gariz
analog der Wirkung bester Heiepräparate. Auch der Champignon (Psaliota
arvensis) enthält Wachstumsvitamin, der Gehalt ist aber etwas geringer
als beim Steinpilz. An dritter Stelle steht der Eierschwamm (Cantharellus
cibanus). In weitem Abstand folgen dann der Hallimasch (Agaricus melleus).
der Semmelstoppelpilz (Hydnum repandum) und die Totentrompete (Cra-
terellus cornucopioides), deren Wirkung in den Fütterungsversuchen ent¬
weder gering oder überhaupt negativ war. Trotzdem darf angenommen
werden, dass alle Pilze „B-Vitamin“, nur in sehr wechselnden Mengen,
enthalten. Dies wird auch daraus geschlossen, dass die Lebensdauer der
vitaminarm oder vitaminfrei ernährten Versuchstiere bei gleichzeitiger Pilz-
fiitterung in allen Fällen verlängert wurde. Bei Tauben verhindert die früh¬
zeitige Zulage von Pilzen (Steinpilz, aber auch Hallimasch und Semmel¬
stoppelpilz) das Auftreten von neuritischen Erscheinungen. Bereits einge¬
tretene Beriberi wurde durch Steinpilz und Hallimasch deutlich gebessert.
Es Iiess sich also eine Schutz- und Heilwirkung gegen die Neuritis fest¬
stellen. Mäuse die frei von B- und C-Vitamin ernährt wurden, gingen nach
20 25 Tagen zugrunde. In allen Fällen, wo Pilzzulagen gegeben wurden,
konnte eine Verlängerung der Lebensdauer festgestellt werden. Diese be¬
trug z. B. bei gleichzeitiger Steinpilzzugabe übeir 40 Tage. Auch bei
Tauben wirken die Pilze lebensverlängernd. Selbst ein ungeniessbarer Baum-
schwamm (Polyporus versicolor) iiess eine Wirkung auf Allgemeinzustand
Lebensdauer. Körpergewicht und Wachstum erkennen. Ob in den Speise¬
pilzen „A-Vitamin“ (bzw. antirachitische Stoffe) enthalten sind, ist noch
unsicher.
1(100
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _
Nr. 30.
■Getrocknete Pilze enthalten kein C-Vitamin, was bei der le'chten Zer¬
setzlichkeit dieses Stoffes nicht auffällig ist. Alle Schutz- und Hedv er¬
suche an skorbutkranken Meerschweinchen verliefen durchaus negativ.
Ratten erwiesen sich hier als unbrauchbare Versuchstiere, «« ‘«ben monate-
lang bei C-vitaminfreier Kost und nehmen an Gewicht zu. Bei Beurteilung
der biologischen Wertigkeit, insbesondere des Nährwertes von Speisepilzen,
muss nach den vorliegenden Ergebnissen der Gehalt an Vitamin berücksichtigt
werden. Die Pilze enthalten sicherlich Stoffe, die hei den wechselnden
Erscheinungen der Avitaminose infolge qualitativ unzureichender Kost dieser
Erkrankung entgegenwirken, indem sie Wachstum und Gewichtszunahme
fördern und dadurch den Stoffwechsel und das Allgemeinbefinden günstig
beeinflussen. Die bevorzugte Stellung des Steinpilzes und der Champignons
unter den übrigen Speisepilzen findet durch die mitgetcilten experimentellen
Untersuchungen eine wissenschaftliche Bestätigung und Begründung.
Aussprache: Herr Ackermann, Herr v. Frey.
Würzburger Aerzteabend.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung des ärztlichen Bezirksvereins Würzburg am
5. Juni 1923 im Luitpoldkrankenhaus.
Mastdarm, durch Probeexzision von der Haut um den Anus sowie spater
auch vom Darm sichergestellt. Rektum hoch hinauf rm e frei
27 XII. 22. Links Laparotomie, Aszites. Uebrige D a r rn ie 1 Ir :e li,
nur die abführe'ndc Schlinge des S-Romanutn zeigt plattenformige
Verdickungen mit Knötchen und einzelne Tuberkel. Es wird unter Durch-
trennung der Schlinge ein Anus artiiicialis angelegt, so dass zufuhrend
gesunder abführend kranker Darm ist. Mehrfach lokale Eingriffe In der
Anabartie. Ausserdem Spülung. Tuberkulin. Röntgenbestrahlung
Fortdauernde Besserung nach Ausschaltung des Rektums, doch nen
k L "U’l soUeU eK Tuberkulose des unteren Darmendes in der hier beschrlebenen
Weise ist äusserst selten. Gant empfiehlt als Acusserstes die Kolostomie.
K legt Gewicht auf die vorübergehende völlige Ausschaltung.
Der Kranke hat im Verlauf eine sehr starke allergische Reaktion gezeigt
im Anschluss an Röntgenbestrahlung. Fieber, akuter - aber vorübergehen.
‘d"!r_ Verfall: Erguss in. Kniegelenk, von dem Tierimpfungen negativ ver-
liefen. Ausserdem Conjunctivitis phlyctaenularis. Episode von - Monaten
Seitdem guter Verlauf örtlich und allgemein.
Herr König: Progredienter schwerer Basedow.
21 jähriger, hochaufgeschossener Mann mit Turmschädel. Struma leicnt
vergrössert. Herzerscheinungen. Med. Klinik rät zur Operation. ...
19 V 23. Operation. Lokalanästhesie, wenig Adrenalin. Alle 4 Ar¬
terien unterbunden, weiche, bis zuletzt stark blutende SUuma Resektion bis
auf beiderseits Reste am oberen Pol. Guter Erfolg. Mikroskopie (Pathol.
Institut Prof. Leupold: Basedowstruma). . . . . „
Gegenüberstellung der Operation und Röntgentherapie, welch letztere
auch Todesfälle hat. Eingehen auf mikroskopischen Befund, der uns fast
immer die typischen Befunde ergeben hat. .
Herr Hagemann: Vorstellung einer Pfählungsvenletzung bei einem
11 jältr. Mädchen, welches 6 Stunden nach der Verletzung zur Operation kam.
Vor der Vulva lag ein grosser Dünndarmkonvolut. Die Darmschlmgen
waren tiefblau gefärbt. Die Blase stand gefüllt bis zum Nabel. Nach Ent-
lerung des vollkommen klaren Urins keine peritonealen Reizerscheinungen.
Bei genauer Besichtigung, bei vorherigem Abwaschen der Darmschlmgen
mit 1 prom. Rivanoilösung, fand sich die hintere Scheidenwand in ganzer
Länge aufgerissen, die Excavatio recto uterina eröffnet. Reposi der
torquiert gewesenen Dünndarmschlingen. Der Sphinkter am und die Musku¬
latur* des Rektums waren an der Vorderseite des Rektums aufMdw
Schleimhaut durchtrennt. Schleimhaut unverletzt. Naht des Sphinkter, Naht
der hinteren Scheidenwand. Einlegen einer Drainage zwischen Scheide um
Rektum. Wundverlauf ohne wesentliche Störung. Die in den ersten lagen
noch vorhandene Sphinkterinsuffizienz war nach 10 Tagen behoben.
2. Demonstration eines radikal entfernten Gallengangskarzinoms.
Die Diagnose bei dem 58 jährigen Kranken bot gewisse Schwierigkeiten.
Ohne besondere Beschwerden war allmählich ein Icterus gravis aufgetreten.
Es bestand völliger Verschluss. Leber geschwollen, Gallenblase nicht fühl¬
bar Die Wahrscheinlichkeitsdiagnose (Tumor) wurde durch einen deutlich
positiven Ausfall der Wassermann sehen Reaktion etwas in Frage ge¬
stellt. Lues war aber weder klinisch noch anamnestisch nachweisbar. In der
Erwägung, dass es bei Lues hepatis oft nicht zu einer völligen Befindung
des Gallenabschlusses kommt und unter Berücksichtigung des schlechten
Allgemeinbefindens wurde die Laparotomie ausgeführt. D^ese ergab einen
kirschkerngrossen Tumor an dem Zusammenschluss der 3 Gallengange. Re¬
sektion der Gallengänge mit Gallenblase. Ueberbrückung des Defektes
zwischen Stumpf des Hepatikus und Choledochus durch ein F-Rohr.
Fistellose Heilung nach 7 Wochen. Ikterus geschwunden. Stuhl normal
gefärbt. Die mikroskopische Untersuchung ergab Adenokarzinom.
Nachträglich wurde durch einen früher behandelnden Arzt bekannt, dass
der Kranke an Lues gelitten hat.
Herr König: Choledochoduodenostomie. .
39 jähriger Mann. Icterus gravis' seit 10 Wochen. Schwache Gewichts¬
abnahme. Lebervergrösserung. Resistenz in der Mittellinie. Urin Gallen-
farbstoffc, im Stuhl mikroskopisch reichlich Fett. Von der med. Klinik zui
Iperatio ^ Operation. Stauungsleber. Gallenblase hochgradig erweitert,
verlegt’ den Weg. grosse Mengen wasscrklaren Inhalts durch Punktion ent¬
leert Faustgrosser, harter, höckeriger Tumor der Papillagegend, retro-
duodenal entwickelt, festsitzend. Choledochus sehr erweitert, enthalt leicht
gelblichen Inhalt. Duodeno-choledochostomie: Bauchnaht.
22. V. Ikterus im Nachlassen.
25. V. Galliger Stuhl. Weiterhin ohne Ikterus entlassen.
K spricht über die Entfärbung der Galle, die weisse Galle, welche
er in einem anderen Falle von chronischer Kompression des Duktus voll¬
endet sah Aufhören der Leberfunktion, Schleimsekretion in den Gallenwegen.
30 jähr Frau, seit 1 Jahr 5 mal heftige Schmerzanfälle, die vom Ehe¬
mann (Arzt) auf Gallensteine bezogen wurden. Letzter Anfall vor wenigen
Tagen mit heftigsten Schmerzen. Kräftige, junge Frau mit ikterischer Haut¬
färbung. Kein Fieber. Leber vergrössert, Druckschmerz mehr in der
Mittellinie. Sofort ...... . . . ,. , .
20 V Operation. Galliger Aszites. Gallenblase gefüllt, nicht verdickt
ohne Steine. Ligament. Hepatoduodcnale sulzig, wie die ganze Oc-gend
saftreieh. Durch die Duodenalwand fühlt man im Pankreaskopf eine Harte
durch die in der Papillengegend liegt. Uebriger Pankreas freigelegt, nicht
verändert. Am grossen und kleinen Netz Fettgewebsnekroscn. Choledochus
nach Mobilisierung des Duodenum inzidiert, dicke, klare Galle. Durch Son¬
dierung wird der Weg ins Duodenum freigemacht. In der Annahme einer
Pankreatitis wird Choledochoduodenostomie angelegt. Drain, sonst Naht.
Verlauf gut. Nach 3 Tagen Drain entfernt. Stuhl gefärbt.
I. VI. Kranke steht auf. Entlassen. ^ , , .
K. spricht über die modernen Anschauungen der Pankreaserkrankung
unter Anführung eigener Fälle, sowie über die Indikationen zur Choledocho¬
duodenostomie als Ersatz der Hepatikusdrainage.
Herr König: 16 jähr. Junge mit isolierter Tuberkulose des Anus, Rektum
und der untersten Partie der Flexur. . YII
Auswärts wegen Hämorrhoiden operiert. Beim Eintritt am 13. All. -z
schwere ulzeröse, schmerzhafteste Tuberkulose um den Anus sowie im
Verein der Aerzte in Steiermark.
Sitzung vom 1. Juni 1923.
Herr Weeber: Demonstrationen. „ . , .. ,
Herr Erlacher hält einen Vortrag über: Gabelliand bei kongenitale
Lues. Ein Beitrag zur Entstehung der Madelung sehen Deformität.
An 2 Säuglingen im Alter von l'A und 2 Monaten fanden sich neben alle
Zeichen der kongenitalen Lues das eine Mal an beiden Händen, im zweite
Fall nur an einer Hand, sowohl der äusseren Form nach, wie im Röntgen
befand und auch am gehärteten Präparat a il 1 e von Me c hier als i sicher
objektive Kriterien für den Symptomenkomplex der Madelungschen Defornu
tat aufgestellten Bedingungen. Als Ursache wird die nachgewiesene schwer
Osteochondritis besonders stark lokalisiert knapp proximal der Epiphysen uii
des Radius angenommen: bei der eigenartigen Handhaltung der Säugling
und der besonderen anatomischen Verhältnisse am Handgelenk kommt i
schon unter dem normalen Muskeltonus zum Einbrechen der Diaphyse knap
ober der Wachstumslinie. Diese Fälle, die bisher noch nicht bekannt sin,
werden nach dem Springer sehen Vorschlag, dessen Bezeichnung E. n
klarer und besser hält, der „Gabelhand“ als bei kongenitaler Lues vo
kommend zugezählt. Am Schlüsse wird die Entstehung einer De formUat i
Sinne einer Gabclhand auf zweierlei Weise abgeleitet, 1. als aktive Wach
tumsstörung, 2 passiv durch ein Missverhältnis zwischen Knochenfestigkc
und auf sie einwirkendc Kräfte. Dazu gehören auch die eingangs erwahntt
Fälle
in der W e c h s e 1 r e d e schliesst sich H. S t r e i s s 1 e r im wesen
liehen der Ansicht des Vortragenden an und demonstriert eine Reihe vt
Bildern besonders die von ihm vorgeschlagene bogenförmige Osteotomie z
Beseitigung der Deformität. Herr Wittek sieht die Hauptursache der D
formität bei Erwachsenen in der Wachtstumsstörung und hat eine Z-furim:
Osteotomie des Radius angewendet.
Sitzung vom 15. Juni 1923.
Herr Cafasso: Demonstration. „ „ . . ,
In der Aussprache zum Tuberkulosevortrag des Herrn Beitzl
spricht Herr Hamburger besonders gegen die Theorie H a y e k s a
Grund reicher eigener Erfahrungen und betont die Wichtigkeit und den W
der lokalen Reaktion auf Tuberkulin; Herr Leeb hofft auf eine exakte-e I
dikationsstellung für unser therapeutisches Handeln. Ferner: Flerr
Kutschera und B e i t z k e.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 1. Juni 1923.
Herr J. Pichler demonstriert zwei Männer, bei denen Unterkfef
Plastiken ausgeführt wurden. .
Der erste Kranke wurde vor einiger Zeit wegen eines Unterlipp.
karzinoms operiert, dann bildete sich ein Tumor der submaxillaren Drus
Der zweite Kranke wurde wegen eines Schwundes des Knochens operu
welcher im Anschluss an eine Schwellung auftrat, die nicht mit einer I
krankung der Zähne in Zusammenhang stand.. In beiden Fällen wurde ,
Verhinderung der Dislokation nach der Resektion ein Knochenspan eingehi
Als Muskelbrüeke diente der M. digastricus. . _
Herr F. S t e i n d 1 demonstriert einen Fall mit Riesenwuchs des ü
mens und Zeigefingers der linken Hand.
Herr .1. Lustig berichtet über einen Fall von operativ gehen
Darmokklusion bei einem 4 Monate alten Kinde. , T
Das Kind war immer obstipiert, hatte um die Mitte des Januars 3 I
keinen Stuhl, erbrach grüne Massen, Melaena, Verfall.
In der rechten Unterbauchgegend war ein wurstfornnger I umor
tasten; man nahm eine Invagination an, was die Operation bestätigte,
sache der Invagination ein papillomatöser Tumor (Angiom mit plexiforn
Bau). Nach der Resektion Vereinigung des Darmes End-zu-End. Das H|
hat seither .um 6 kg zugenommen. , . .
Herr W. Knöpf elmacher demonstriert einen Säugling mit n
abszess.
Bei dem Kinde mit hydrozephalischem Schädel fand der Vortr. ei
Hirnabszess. Bei der Ventrikelpunktion, die K. immer °/i cm von der Me
linie entfernt voriiimmt, links eine zellfreie Flüssigkeit, rechts Eiter, vc
war im Zweifel, ob es sich um einen Pyocephalus circumscnptus oder e
Abszess handle. Die Enzephalographie, die nach Entleerung von 20
Eiter und Einblasung von 20 ccm Luft durch die Punktionsnadel vorgenom
wurde ergab, dass der rechte Seitcnventrikel zu Boden gedruckt und :
lieh verlagert worden war, dass also ein Hirnabszess vorlag. Die Un-
suchung des Eiters ergab Staphylokokken und Sarzine. Jeden zweiten I
wird der Abszess mit Kochsalzlösung gespült.
Herr .1. Paluoyay demonstriert an Röntgenbildern die Bewegui«
der Ingesta in der Speiseröhre.
Juli 192.1.
MÜNCHENER MEDIZINISCH!! WOCHENSCHRIFT.
1001
5. Bayerischer Aerztetag.
(Eigner Bericht.)
Am 21. und 22. Juli 1923 fand in Nürnberg der 5. bayerische Aerzte-
i statt, auf dessen Tagesordnung eine Reihe für die Aerzteschaft lebens-
chtiger Fragen standen. Mit einer Begrüssung der Anwesenden eröffnete
r 1. Vorsitzende Stauder am 21. nachmittags 'A 3 Uhr die Tagung,
arme Worte der Begrüssung widmete er dem Vertreter der bayerischen
aatsregierung, Herrn Geheimrat Prof. Dr. D i e u d o n n ö, und wies auf
s bereitwillige Entgegenkommen der Staatsregierung in allen die Aerzte
treffenden Fragen hin, besonders bei der Behandlung des Gesetzentwurfes
r die ärztliche Pensionsversicherung. Als Ehrengäste waren weiterhin
schienen der Vertreter der Kreisregierung von Mittelfranken, Herr Ober¬
gierungsrat Dr. K ü h n, als Vertreter des Aerztevereinsbundes Geheimrat
. Herza u, des Hartmannbundes Dr. Kuhns, von den württembergisehen
■rzten Dr. Dörfler- Biberach und aus Baden Herr Dr. Kahen-
annheim.
Der Vorsitzende gedachte weiterhin der Not des Vaterlandes, vor allem
ch unserer Volksgenossen an Rhein und Ruhr und in der Pfalz, deren
it auch die unsere sei, und deren mannhaftes Aushalten unsere volle
lerkennung und unseren heissesten Dank finde. Die Verkehrsschwie-ig-
iten und die Grenzsperre hatten den pfälzischen Kollegen den Besuch der
■rsammlung unmöglich gemacht. Zur Erfüllung einer Ehrenpflicht den
älzer Kollegen gegenüber fand nachfolgender Antrag des Landesausschusses
istimmige Annahme:
„Die Landesärztekammer beschliesst, bei den kassenärztlichen Ein¬
kommen des Monats Juli 1 Proz. von allen rechtsrheinischen Mitgliedern
in Abzug zu bringen zum Zwecke der Bildung eines wertbeständig anzu¬
legenden Reservefonds für hilfsbedürftige, aus ihrer Heimat vertriebene
oder in ihr durch die Besetzung in besondere Not geratene Pfälzer Aerzte
und deren Familien.
Der Aerztetag fordert alle rechtsrheinischen Kollegen auf, in gleicher
. Weise 1 Proz. ihres Einkommens aus der Privatpraxis vom Monat Juli
■ zur Verfügung zu stellen. Alle ärztlichen Bezirksvereine bzw. deren
Kassenverrechnungsstellen führen diese Summe raschestens an das Landes-
i Sekretariat ab. Dieses legt die Werte an. Das 'Landessekretariat
: erstattet Rechnung am nächsten Aerztetage. Das angesammelte Geld kann
auch für vertriebene Ruhrkollegen verwendet werden.“
In anerkennenden und dankenden Worten gedachte der Vorsitzende auch
Is unvergesslichen Hart mann und ermahnte die Kollegen, in seinem
: ne einig weiter zu arbeiten.
Herr Geheimrat Dieudonnd versicherte die Versammlung des be-
aderen Wohlwollens der bayerischen Staatsregierung und wies noch einmal
f die Notlage der Aerzteschaft hin, eine Not, deren ganze Grösse in
:iten Kreisen noch nicht genügend bekannt sei. Ein energischer Kampf
Igen die Kurpfuscher und die Impfgegner sei für die Aerzte eine Notwendig-
|it. Er gedachte noch des verdienstvollen Wirkens des Vorsitzenden der
lyerischen Aerzte, Herrn San. -Rat Dr. Stauder, dessen energischem und
■lbewusstem Vorgehen die ärztliche Pensionsversicherung zu danken sei.
Herr Oberregierungsrat Dr. Kühn begrüsste die Versammlung im
men der Kreisi egierung von Mittelfranken, Herr H e r z a u als Vertreter
s Aerztevereinsbundes. Herr Dörfler brachte Grüsse der württem-
irgischen Aerzteschaft und wünschte ein engeres Einvernehmen der süd-
mtschen Staaten. Herr Kahen sprach im Namen der badischen Aerzte
d mahnte ebenfalls zu einheitlichem Vorgehen, vor allem im Kampfe mit
in Krankenkassen.
Dann wurde in die Tagesordnung eingetreten.
1. Jahresbericht.
ln gedrängter Kürze gab der Landessekretär, Herr B e r n e t t, einen
berblick über die vielseitige Tätigkeit des Landesausschusses, in deren
rdergrund die ärztliche Pensionsversicherung stand. Auch dem weiteren
sbau der Organisation musste stete Aufmerksamkeit gewidmet werden,
r Zeit bestehen in Bayern 78 Bezirksvereine mit 86 Krankenkasson-
teilungen und 34 Verrechnungsstellen. Die Verhandlungen mit den Krankcn-
ssen litten vielfach unter dem mangelnden Entgegenkommen der Kassen-
rtreter, die im allgemeinen kein Verständnis dafür aufbringen konnten,
iss auch die ärztlichen Gebühren entsprechend der Geldentwertung erhöht
rden müssen. Während die Vereinbarung mit den Landesversichcrungs-
■ stalten auf grosse Schwierigkeiten stiess und nur zu einem unbefriedigen-
i Sonderabkommen führen konnte, gelang es mit den landwirtschaftlichen
rufsgenossenschaften ein befriedigendes Abkommen zu erreichen. Die
gelung der Berechnung in der Privatpraxis (Friedenspreis mal Index)
t sich im allgemeinen bewährt, doch muss die Indexveröffentlichung von
n an wöchentlich erfolgen. Einen kleinen Begriff von der im Landes¬
sschuss geleisteten Arbeit mag die Zahl von 37 000 Nummern im Ein-
d Auslaufjournal geben.
2. Kassenbericht.
Herr Bernett: Aus dem Vorjahre übernommen wurden 276 000 M..
■ Einnahmen gingen ein T8 365 961 M., nach Abzug der Ausgaben verblieben
ich 7 789 000 M. Auf Antrag wurde Entlastung erteilt. Im Anschluss an
in Bericht wies Herr Bernett auf die grossen Schwierigkeiten hin,
Gehe dem Landesausschuss durch das verspätete Eintreffen der Beträge
den Landesausschuss durch verschiedene Verrechnungsstellen erwachsen,
n diesen Missständen zu steuern, brachte er verschiedene Anträge betr.
Zahlungsart ein.
Weiterhin brachte der Referent noch eine Erhöhung der Umlage für den
idesausschuss von A auf 1 Proz. in Vorschlag.
Im Anschluss daran bittet Herr San.G2at Dr. Merkel als Vertreter
s Invalidenvereines diesen Verein in engere Beziehung zur Landesärzte-
|mmer zu bringen und unterstützt einen Antrag Standers, im ganzen
die Landesorganisation lA Proz. zum Abzug zu bringen, wovon / Proz.
: m Invalidenverein zufliessen soll. Diesem soll als neuer Vereinszweck
di die Uebernahme der Prämien für die Pensionsversicherung für unver-
• luldet in Not geratene Aerzte erwachsen.
Herr Prof. Spuler betrachtet die Annahme dieser Anträge als eine
renpflicht der durch die Pensionsversicherung gesicherten Aerzte gegen¬
über denjenigen, welche dieser Wohltat nicht mehr teilhaftig werden können
und gegenüber den Witwen und Waisen
Die Anträge werden einstimmig angenommen und als Vertreter des
Landesausschusses in den Invalidenverein Herr Dr. Bernett abgeordnet.
Zur Begründung des Antrages der oberpfälzischen Aerztekammcr:
„Der Landesausschuss wolle dahin wirken, dass in sämtlichen Kreisen
Bayerns auch von dem Einkommen der Bahnkassenärzte dieselben Abzüge
gemacht werden für die Organisation, wie von dem übrigen Kasse i-
einkommen“
führt Geh. -Rat Köhler aus, dass diese Abzüge eigentlich eine Selbstver¬
ständlichkeit seien. Die Bahnärzte sollten elirenwörtlich verpflichtet werden,
diese Beträge genau anzugeben.
Herr St ein heim er lehnt eine ehrenwörtliche Verpflichtung ab und
schlägt vor, bei Bahnärzten, welche keine Angaben machen, das Einkommen
einfach abzuschätzen.
Der Antrag der oberpfälzischen Kammer wird auf Antrag Stauders
dann noch abgeändert in „Bahn- und Postkassenärzte“ und einstimmig
angenommen.
3. Pensionsversicherung.
Stürmisch begrüsst stellt Stauder nochmals die historische Ent¬
wicklung der ganzen Frage dar und erwähnt die mannigfachen Schwierig¬
keiten und Hemmungen, welche sich der Durchführung des Planes entgegen¬
stellten. Besonderen Dank sprach er den im Landtag tätigen Kollegen
Prof. S p u 1 e r - Erlangen und Dr. Friedrich B a u e r - München aus. Er
würdigte auch die Schwierigkeiten, besonders juristischer Art, welche für
die Staatsregierung bei der Behandlung der Anträge bestanden und die
vielfach den nach einer raschen Erledigung der Angelegenheit drängenden
Kollegen nicht bekannt waren. Nach langem und wechselvollem Hin und
Her, in dem manchmal der ganze Plan in Frage stand, kam es endlich in
einer 13 ständigen Sitzung im Ministerium des Innern am 24. Juni 1923 zur
Beratung der Gesetzesvorlage und des Satzungsentwurfes, die von Herrn
Ministerialrat P f ü 1 f auf Grund der Vorentwürfe von Herrn Präsident
v. E n g 1 e r t und der Kommission fertiggestellt waren.
Am 17. Juli erfolgte die Annahme des von Herrn Grafen Pestalozza
vertretenen Gesetzentwurfes im Haushaltungsausschuss. Da die Annahme
einstimmig erfolgte, ist an der endgültigen Annahme im Plenum des Land¬
tages nicht mehr zu zweifeln.
An Hand des vorliegenden Gesetzentwurfes besprach und erläuterte
Referent die einzelnen Paragraphen. Eine besondere Gewähr für den Be¬
stand der Einrichtung erblickte er in der Einrichtung einer mit Rechtspersön¬
lichkeit ausgestatteten Anstalt des öffentlichen Rechtes, die unabhängig von
Regierung und unabhängig von der Standesorganisation auch unabhängig von
Schwankungen und Veränderungen sei. Die Durchführung mit Staatshilfe sei
unbedingt notwendig gewesen, um der Anstalt Dauer zu verleihen, sonst
bliebe sie nur eine in ihrem Bestand unsichere Versorgungskasse oder müsste
auf dem Kapitaldeckungsverfahren aufgebaut sein. Der Gesetzentwurf ist
nur der allgemeine Rahmen, alle Einzelheiten stehen in den Satzungen. Es
sei der Staatsregierung zu danken, dass sie die Notlage des ärztlichen
Standes nicht dazu ausgenützt habe, Rechte der Aerzteschaft bei der Durch¬
führung des Gesetzes zu beschneiden. Das Gesetz (siehe Aerztl. Korres¬
pondenzblatt Nr. 29) umfasst 10 Artikel, der Satzungsentwurf umfasst
32 Paragraphen. Alle früher geäusserten Wünsche der Aerztekammer sind
in ihnen erfüllt. Es ist hervorzuheben, dass eine Zwangsmitgliedschaft vor¬
gesehen ist für alle approbierten Aerzte, Zahnärzte und Tierärzte, die
deutsche Reichsangehörige, in Bayern beruflich tätig, nicht dauernd berufs¬
unfähig sind und ihren Hauptwohnsitz in Bayern haben. Ausgenommen vom
Zwangsbeitritt sind diejenigen, welche bei Errichtung der Anstalt das
60. Lebensjahr überschritten haben, oder erst nach Vollendung ihres 40. Jahres
die Praxis in Bayern aufnehmen oder die nach erlangter Approbation noch
nicht 2 Jahre in Bayern beruflich tätig sind. Ferner diejenigen, welche nur
einen Teil des Jahres oder nur vorübergehend in Bayern Praxis ausüben und
die, welche ihren Beruf nicht gegen Entgelt ausüben, ausserdem verheiratete
Aerztinnen. Um Härten bei der Errichtung der Anstalt zu mildern, wurde
ergänzend der Begriff der „Berechtigung zur Mitgliedschaft“ geschaffen, für
diejenigen, welche das 60. Lebensjahr vollendet haben, und diejenigen,
welche nach Vollendung des 40. Lebensjahres noch aus dem besetzten Gebiet
zuziehen. Freiwilliges Mitglied kann nach diesem § 3 auch noch werden
ein Arzt, der noch nicht länger als 2 Jahre in Bayern tätig ist und solche,
welche den Beruf nicht gegen Entgelt ausüben. Voraussetzung ist auch hier
wieder, dass das 40. Lebensjahr noch nicht überschritten ist. Assistenzärzte
können also freiwillig beitreten, beamtete Aerzte sind Zwangsmitglieder und
entrichten Beitrag aus dem Praxisein'kommen. Die Mitgliedschaft erlischt für
Zwangsmitglieder mit dem Verlust der Approbation oder der deutschen
Reichsangehörigkeit, mit Eintritt dauernder Berufsunfähigkeit während der
Wartezeit, mit der Aufgabe des Berufes, mit Verlegung des Wohnsitzes
ausserhalb Bayerns, ferner im Falle des Ausschlusses und bei Aerztinnen mit
der Verheiratung. Freiwillige Mitglieder können durch Austrittserklärung
ausscheiden. Ein Ausschluss kann nur aus schwerwiegenden Gründen durch
Entscheidung des Spruchausschusses erfolgen. Während der Wartezeit
berufsunfähig werdende Mitglieder und Frauen, die sich verheiraten, ferner
Nichtzwangsmitglieder, die austreten, erhalten die Hälfte der geleisteten Bei¬
träge zurück. Der Verwaltungsausschuss der Anstalt besteht aus 5 Mit¬
gliedern (3 Aerzten, 1 Zahn- und 1 Tierarzt), ihm obliegt im Ehrenamt und
in Zusammenarbeit mit der Versicherungskammer die gesamte Verwaltung,
die Auslagen trägt der Staat. Die Mitglieder haben die Pflicht, die nötigen
Angaben zu machen und Ausweise vorzulegen, d. h. die Summe anzugeben,
woraus ihr Beitrag sich errechnet. Ergeben sich berechtigte Zweifel über
die Richtigkeit der Angaben, so kann die Anstalt die Beiträge erhöhen. Sie
kann auch rückständige Beiträge mit Nachnahme einheben oder sie auf dem
Vollstreckungswege wie andere Staatssteuern einheben. Für die ersten
5 Jahre der Berufsausübung kann die Hälfte der Beiträge gestundet werden.
Die Beitragssumme soll also aus einem Betrag errechnet werden, der
dem wahren Berufseinkommen entspricht. Als Mindesteinkommen ist aber
das jeweilige niedrigste pensionsfähige Diensteinkommen (Grundgehalt und
Ortszuschlag) mit dem allgemeinen Teuerungszuschlag eines bayerischen
etatsmässigen Staatsbeamten der Besoldungsgruppe A I gedacht. (Dieser
Gehalt betrug im Juni ca. 750 000 M„ so dass bei der jetzt vorgesehenen
7 proz. Umlage ein Monatsbeitrag von 52 000 M. sich errechnet hätte, was
einem künftigen Ruhegehalt von 250 000 M. im Monat entspräche, wozu dann
1002
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. .10.
die Zuschläge nach Zahl der Beitragsjahre und nach der Hohe der geleisteten
Beiträge kämen. Im Juli betrug dieses Einkommen 1 257 000 M.. was einem
Beitrag von 89 000 M. entspricht und. einem künftigen Grundruhegehalt von
452 930 M ) Bei Beitritt innerhalb der ersten 3 Monate nach Errichtung der
Anstalt beträgt die Umlage 7 Proz., erhöht sich jedoch bei spaterem Beitritt
um soviel Zwanzigstel als Jahre über 30 gezählt werden.
Der Mindestgrundruhegehalt bleibt natürlich hinter der tatsächlichen
Teuerung zurück, wenigstens im Anfänge, und wird daher wohl nur von
solchen Kollegen in Anspruch genommen werden, Welche wirklich vo
berufsunfähig sind. Er entspricht nach dem jetzigen Entwurf dein jeweiligu
niedrigsten Ruhegehalt eines Staatsbeamten in Besoldungsklassc A I mit den
Teuerungszuschlägen und erhöht sich für jedes minderjährige eheliche Kmü
um ein Fünftel. Als Zuschlag tritt dann dazu V wo der Gesamtsumme, aus
der Beiträge bezahlt worden sind, eine Summe, die sich von Jahr zujanr
erhöht und vom Einkommen bzw. den darüber gemachten Angaben abhängig
ist Als Altersrente erhält ein noch nicht dauernd berufsunfähiges
Mitglied nach Vollendung des 65. Lebensjahres den halben Zuschlag, wenn
der Beruf weiter ausgeübt wird.
Die Wartezeit beträgt 5 Jahre. Mitgliedern, welche innerhalb der ersten
3 Monate nach Gründung der Anstalt beitreten, kann die Wartezeit bis zu
24 Monaten angerechnet werden, wenn sie sich verpflichten, für jeden Monat,
der angerechnet werden soll, eine Sonderzahlung zu leisten. Diese Summe
beträgt für Mitglieder, welche noch nicht länger als 5 Jahre berutucn tat g
sind, den zwanzigsten, bei den anderen den zehnten Teil des pensionsfahigen
Einkommens eines Beamten der Klasse A I. (Diese Sonderzahlung betragt
also zurzeit ca. 3 000 000.)
An weiteren Leistungen der Anstalt wird ein S t e r b e g e 1 d beza i t,
das 3 Monaten Ruhegehalt entspricht (zurzeit ca 1 320 000). Das W i t w e n -
geld beträgt die Hälfte des Ruhegehaltes, das Waisengeld /«. tur
Doppelwaisen % des Ruhegehaltes. Witwen erhalten die Rente nur, wenn
die Ehe bis zum Tode des Mitgliedes angedauert hat auch erlischt s e bei
Wiederverheiratung, bei Kindern mit Eintritt der Volljährigkeit. Wird eine
Ehe erst nach Eintritt der Berufsunfähigkeit geschlossen, so besteht für die
Angehörigen kein Anspruch auf Rente. Sind keine näheren Verwandten
vorhanden, kann das halbe Witwengeld an die Eltern ausbezahlt werden, deren
einziger Ernährer der Verstorbene war, oder anderen bedürftigen nahen Ver¬
wandten, die ihm mindestens 3 Jahre den Haushalt führten. Ausnahmswei
kann im Bedürftigkeitsfall ein Ruhegehalt auch vor Ablauf der Wartezeit ge¬
währt werden.
Der Referent schloss seine mit starkem Beifall aufgenommenen Aus¬
führungen mit einem Aufruf zur Mitarbeit. Er wies auch darauf hin, dass die
Satzungen sicher noch nicht ganz ideal seien und einen ersten Versuch dar¬
stellten. Sie könnten aber jederzeit geändert und den Bedürfnissen angepasst
werden.
Die kurze sich anschliessende Aussprache war eine begeisterte Kund¬
gebung für unseren grossen Führer Alfons Stauder. ln ehrenden und ^er¬
greifenden Worten des Dankes und der Anerkennung gedachte Geheimrat
D ö r f 1 e r - Weissenburg der energischen, zielbewussten und von hohem
Idealismus getragenen Arbeit S t a u d e r s, dessen Name in der Geschichte
der bayerischen und deutschen Aerzteschaft mit seinem Werke unvergessen
bleiben werde. Herr B u 1 1 e r s - Nürnberg brachte den Dank der Nürnberger
Aerzte und übermittelte den Betrag von vorerst 8 Millionen, der unter den
Nürnberger Aerzten gesammelt wurde, als Grundstock für eine
Stauder- Stiftung“, die als Ergänzung zum Pensionswerk gedacht sei.
Stauder dankte in bewegten Worten und erklärte, er habe nur einem Ge¬
danken Ausdruck verliehen, der aus der Not der Zeit geboren war, und auch
manchen anderen als notwendig vorschwebte. Dass er ihn durchfuhren
konnte sei der Mitwirkung zahlreicher arbeitsfreudiger Männer zu Ranken,
unter denen er vor allen auch noch Herrn Präsidenten v. Englert hervor¬
hob Kerschensteiner - München beantragte, keine ins einzelne
gehende Diskussion stattfinden zu lassen, das ganze Werk en bloc zu ge¬
nehmigen und auch die von Nürnberg ausgegangene Alfons St a u de r - Sstit-
tung zu erweitern und in feste Form zu bringen. Die Bezirksvereine sollen
zu den Einzelheiten der Satzungen Stellung nehmen. Ihre Verbesserungs-
Vorschläge sollen dann verarbeitet und verwendet werden. Als nächster
Mitarbeiter hob er nochmals die Verdienste Stauders mit warmen Wor¬
ten hervor. Ein gleiches tat Prof. Spuler. Er wies nochmals auf die
verdienstliche Tätigkeit des Landtages hm, der den Aeztestand in seinem Be¬
stand sichern wollte, als wertvollstes Glied der Volksgesundheits P D e g e .
Jetzt sei den Aerzten auch im Kampfe mit den Kassen der Rucken gestärkt.
Der Vorgang Bayerns müsse für das ganze Reich vorbildlich sein. S t a u -
d e r dankte nochmals für die ihm zuteil gewordene Anerkennung und hob
auch seinerseits die Tätigkeit des Landtages noch einmal hervor und ge¬
dachte der Arbeit der itn Landtag tätigen Kollegen Prof. Spuler und
Dr. Bauer. Auf seinen Antrag wurde folgende Entschliessung einstimmig
Kleine Mitteilungen.
Elektrischer Strom und Hautausschlajj.
angenommen:
Die zur Tagung 1923 versammelte bayerische Landesärztekammer
dankt* dem hohen Landtag und dem Staatsministerium des Innern für das
Zustandekommen des Gesetzes über die bayerische Acrzteversorgung und
die Dotation von 1 Milliarde Mark sowie für die Uebernahme der Ver¬
waltungskosten. Sie spricht allen Beratern, insbesondere Herrn Mini¬
sterialrat P f ü 1 f, Herrn Geheimrat Dr. D 1 e u d o n n e, Herrn Präsiden¬
ten v Englert und Herrn Oberregierungsrat N u s s e r. dem Herrn
Staaisminister Dr. Schweyer und all den treuen Helfern, die uns bei
der Durchführung dieses Werkes und auch bei der Ausarbeitung des
Satzungsentwurfes jederzeit zur Seite standen, den herzlichsten Dank aus.
Die Landesärztekammer billigt den Inhalt der Satzung, sowie die
Bestellung der bisherigen Versicherungskommission zu Mitgliedern des
Verwaltungsausschusses und beauftragt den Verwaltungsausschuss, nach
endgültiger Festlegung der Satzung dieser zuzustimmen.
Die Satzung ist baldmöglichst itn Wortlaut zu veröffentlichen. Den
einzelnen Bezirksvereinen bleibt das Recht der Antragstellung auf Aende-
rung der ersten Satzung gewahrt. Der Landesausschuss und seine Ver-
sicherungskommission erhält den Auftrag, diese Anträge zu sichten und
bei etwaiger Umgestaltung der Satzung zu verwerten.
Ani 14 April wurde ich zu einem 6 Wochen alten Kinde gerufen, das
bisher immer gesund, plötzlich an einem Hautausschlage erkrankt' war.
Das Krankheitsbild war das eines schweren sog. seborrhoischen Ekzems,
am stärksten da, wo die Haut besonders wasserreich beim Kinde ist. also wo
Schweissdrüsen gehäuft stehen und wo die nasse Windel dein Körper anliegt
Auf der Suche nach einer Krankheitsursache musste ich zunächst fest¬
stellen dass das gesund geborene und normal entwickelte Kind reines Brust¬
kind war, bestens gepflegt. Mit hautkranken Personen soll es bestimmt nicht
in Berührung gekommen sein. Nun aber machte ich eine Beobachtung, du
es mir der Mühe wert erscheinen lässt, den Fall mitzuteilen.
Der Vater des Kindes ist Elektrotechniker. Er hatte sein Kind vom 1 age
der Geburt an fürsorglich in der Wiege auf ein elektrisches Heizkissen ge¬
bettet, von ihm getrennt durch eine dicke Gummiunterlage. Dieses Heiz¬
kissen trat als Wärmespender nur in Funktion, wenn das Kind nicht in der
Wiege lag. also beim Stillen, Baden etc. Es wurde aber immer, wenn das
Kind in die Wiege gelegt wurde, zuverlässig ausgeschaltet, d. h. der Schalter¬
hebel wurde auf 0 gestellt. Stromart Wechselstrom. .
Als ich das in der Wiege liegende Kind untersuchte, hatte der die äussere
Haut betastende Finger ein Gefühl, als ob er etwa auf einem Seidenstoff
gegen den Strich fuhr. Ich deutete das als elektrische Aufladung und konnte
auch objektiv messend feststellen, dass es sich um solche handelte
Aus verschiedenen Versuchen ergab sich dann mit Sicherheit, das. ei
einem Heizkissen, welches an ein Wechselstromnetz angeschlossen und nui
einpolig ausgeschaltet ist, elektrische Einwirkungen auf einen Körper statt-
finden können, selbst dann, wenn derselbe durch eine isolierende Zwischen¬
schicht von dem Kissen getrennt ist. , . ,
Ein elektrischer Kondensator besteht bekanntlich aus 2 leitenden Flä
chen, zwischen denen sich eine isolierende Schicht befindet; z. B. als typ du
Leidener Flasche: 2 Stanniolbeläge, dazwischen Glasschicht. Wird dei
eine Belag eines solchen Kondensators einpolig mit einer Wechselstrom,
quelle verbunden, so treten auf dem anderen Belag wechselnde Ladungen
ein d. h. es pulsiert ein Wechselstrom in ihm, obwohl keine direkte leitend.
Verbindung mit der Stromquelle vorhanden ist. Derartige Ströme heisset
Verschiebungsströme. . . ,
Die vorher erwähnte Anordnung in der Kinderwiege bildete einen solcliei
Kondensator. Den einen Belag des Kondensators bildeten die Metallteile de
Heizkissens, den anderen der leitende Körper des Kindes. Ueberzug de
Heizkissens T- Gummiunterlage = isolierende Zwischenschicht. .
Obwohl sich das Kind in einem auf einem Holzgestell plaziertei
Weidenkorb befand, also cinigermassen isoliert war, sind solche Verschie
bungsströme nicht ausgeschlossen. Dieselben müssen in verstärktem Maass.
auftreten wenn eine auf der Erde stehende Person (geerdeter Leiter) mi
dem Kinde in Berührung kommt. Nach diesen Auseinandersetzungen wm
man es verstehen, dass sich schwere und unnatürliche elektrische Ein
Wirkungen auf den Körper des Kindes geltend machen konnten. Da die Daue
6 volle Wochen betrug, so kann man sich vorstellen, dass dadurch ein patlu;
logischer Effekt eintreten konnte.
Wir wollen zusammenfassen:
Ein bisher immer gesundes, 6 Wochen altes Kind erkrankt plötz
lieh an einem schweren sog. seborrhoischen Ekzem.
Das Kind liegt mit kurzen Unterbrechungen seit seiner tieburt ai
einem einpolig ausgeschalteten Heizkissen.
Unter diesen Umständen sind bei einem solchen Heizkissen wecl
selnde elektrische Aufladungen physikalisch leicht verständlich.
Das Kind steht während der ganzen Zeit unter Wechselstron
Wirkung.
Frage: Steht die Hauterkrankung in einem ursächlichen Zusammenhalt
mit der elektrischen Dauereinwirkung? .
(Man könnte sich etwa vorstellen, dass es sich hierbei entweder U
eine primäre elektrische Reizung der betreffenden Gewebsteile handelte, od.
um elektrochemische Zersetzungen, die sekundär diese Reizung hervorrut.
konnten In letzterem Falle wäre es verständlich, dass gerade stark durc
nässte oder an sich flüssigkeitsreiche Teile besonders empfindlich reagiere
selbst dann, wenn sie der Influenzierung durch die andere Belegung des Ko
densators nicht in bevorzugtem Maasse unterlagen, wie z. B. der auf d.
Gummiunterlage unmittelbar aufliegende kindliche Rücken, der aber von de
Ekzem am relativ wenigsten befallen ist.)
Therapeutisch wird es sich auf alle Fälle empfehlen, derartu
Heizkissen, unbekümmert um die Stromart, zweipolig auszuschalten, dadurc
dass man den Verbindungsstecker jedesmal herauszieht und sich nicht a
den Ausschalter allein verlässt. Dann ist man, gleichgültig welche Stroma
vorliegt und welche elektrische Anordnung stattfand, ganz sicher, die hier a
möglich geschilderte Influenzwirkung während der Dauer der Nichtbeheizui
zu vermeiden. , . „T , , . , , ■ ,
Es ist einer Ueberlegung wert, wie auch beim Wechselstrom-beheizt
Kissen während seiner Heizfunktion diese Influenzwirkung unschädlich g
macht werden könnte. Dr. med. Franz L y o n - Freiburg i. Br
(Schluss folgt.)
Eine einfache und brauchbare Strumpfbandbefestigung,
Lange Strümpfe müssen entweder mit den gewöhnlichen, zirkulär untej
halb der Knie anzulegenden Strumpfbändern oder durch lange Strumpfbänd.j
welche irgendwo an oder unter der Taille befestigt sind, gehalten werdt
Ersteres Verfahren schafft durch Erschwerung des Blutrückflusses Krami
adern, ist daher unhygienisch; das letztere ist bei Männern nicht so einfa
wie bei Frauen und Kindern mittels Mieder oder Leibchen zu bewerkstellig.
Ein eigener Gürtel wird lästig empfunden und kostet heutzutage auch zu vi,
Der Hosenbund lässt sich auch nicht verwenden, weil das Strumpfband i<
dann nach innen und unten zieht. Seit Jahren benutze ich folgendes einfac
von mir erdachte Verfahren: Von den Hosenknöpfchen. an welchen die nost
träger befestigt werden, ersetze ich die beiden in der Gegend der seitlichi
Nähte angebrachten durch Patentknöpfe. Derselbe Knopf steckt nun aus?
im Hosenträger und innen im Metallbügel des Strumpfbandes. Zug und Geg.
zug heben sich auf; die Hose „sitzt“. Wenn man will, kann man die Schle
des Hosenträgers etwas verkürzen, um einen noch strammeren Sitz zu
reichen. Da sich die Sache mir bewährt hat, möchte ich sie doch c
Kollegen für Zwecke der Praxis bekanntgeben. _ . Df- N
>7. Juli 1 923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1003
Therapeutische Notizen.
Zur Yatrenbehandlung.
Den in letzter Zeit von verschiedenen Seiten gemachten Mitteilungen
her günstige Einwirkung des Yatrens auf die Amöbenruhr sei noch ein Fall
inzugefügt, bei dein eine chronische Kolitis und Sigmoiditis auf Grund einer
Iteu Ruhr durch Yatreneinläufe zur Heilung gebracht wurde, nachdem sie
iilier allen anderen Behandlungsmethoden getrotzt hatte.
L., 35 jähr. Seemann. 1913 auf Java an Amöbenruhr erkrankt. Seitdem
auernd Durchfälle, wenigstens 6 mal täglich. Verschiedene Kuren mit allen
ekannten Mitteln ohne Erfolg. ^ Einlieferung am 5. IV. 1923. Schmerzen vom
nken Hypogastrium bis zum Epigastrium hinaufziehend. Sigmoid als grober
trang fühlbar; bei Palpation lautes Gurren. Dünnbreiige Stuhlentleerungen
mal täglich. Amöben nicht nachgewiesen. Rektoskopie; Schwere
iphtherische Schleimhauterkrankung von der Kohlrauschfalte aufwärts,
usser der auch vorher schon eingehaltenen Diät besteht die Behandlung aus-
chliesslicb in Einläufen von 3,3 g Yatren puriss. in 200 ccm Wasser (10 g-
'ackung in 600 ccm Wasser aufgelöst für 3 Einläufe) nach vorherigem
einigungseinlauf; zunächst eine Woche lang täglich, dann an 3 aufeinander-
ilgendcn Tagen mit 4 — 7 tägigen Zwischenräumen. Rückgang der Durch-
ille auf 1 — 2 malige breiige Entleerungen und Schwinden der Beschwerden
chon am 3. Behandlungstage. Zu Beginn der zweiten Yatrenperiode 2 tägiger
'eizzustand mit vermehrten Durchfällen, dann rasches Abklingen aller Er¬
lernungen. Stuhl geformt, 1 — 2 mal täglich. Sigmoid nicht mehr palpabel.
öllige und dauernde Beschwerdefreiheit. iNach 7 Wochen mit 6 kg Qewichts-
unahme entlasse"
L. ist einer unserer dankbarsten Kranken. Bemerkenswert ist, dass der
chöne Erfolg mit geringerer Konzentration als der von M ü h 1 e n s an-
egebenen (2 — 5 Proz.) erreicht wurde. Für den Fall eines Rezidives sind
ein Kranken, der wieder zur See geht, Vorschriften für selbstzumachende
inläufe mitgegeben.
Auch die günstige Wirkung intravenöser Injektionen von 5 proz. Yatren-
isung (durchschnittlich 5 ccm) bei chronischen Bronchitiden, Bronchiektasien
nd ähnlichen Erkrankungen (S c h i r o k a u c r) wird durch unsere Er-
ihrungen bestätigt. Etwa die Hälfte der von uns behandelten Fälle dieser
rt, besonders Altersbronchitiden, wurden ausgesprochen günstig beeinflusst,
or allem schwand oft rasch der fötide Charakter des Auswurfes.
Hierbei möchte ich der Ansicht entgegentreten, dass das reine Yatren
ine nennenswerte Reizwirkung im Sinne der Eiweisskörper habe
Zimmer u. a.), vielmehr wurden die Injektionen stets völlig reaktionslos
ertragen, so dass wir sie auch bei einigen immunisatorisch gut eingestellten
allen von Lungentuberkulose zur Besserung des Katarrhes mit gutem Erfolge
ngewendet haben. Nur 2 stark allergische Kranke antworteten unter
ichtem Fieberanstieg mit einer Allgemeinreaktion. Doch ist ja in solchen
allen jede parenterale Medikation mit grösster Vorsicht anzuwenden.
Bei der Rumpf sehen Behandlung des Asthma bronchiale (R u m p f -
:he Ströme nach oraler Jodkaligabe) schienen uns Yatreninjektionen, die wir
er Jodwirkung wegen verwendeten, von wenigstens gleicher Wirksamkeit
ie das teurere Jodkali.
Zum Staphylo-Yatren ist (ausser einigen günstig beeinflussten Akne-
rkrankungen) ein Fall von paranephritischem Abszess bemerkenswert. Hier
urde die wegen Unsicherheit der Symptome nur vermutungsweise gestellte
iagnose gesichert 24 Stunden nach einer Injektion von 2,5 ccm Staphylo-
atren II, da es zu einer überraschend schnellen Einsehmelzung mit deut-
cher Fluktuation gekommen war. Der operativ entleerte Eiter enthielt
taphylococcus aureus.
Aus der inneren Abteilung des Vereinskrankenhauses zu Bremen
»irektor: Prof. Dr. S t r u b e).
Dr. Rudolf Gildemeister, Assistenzarzt.
Vorzüge. Die Geschmacklosigkeit des Präparates ist ein nicht zu unter¬
schätzender psychischer Faktor; denn die Kranken bemerkten fast nie, dass
es sich um ein Kampferpräparat handelte. Sehr häufig wird die Kampferspritze
im Laienkreis neben dem Abscheu gegen den Einstich als ultimum refugium
angesehen. Ausserdem kommt für den prakt. Arzt bei täglich mehrmaligen
Injektionen die Schwierigkeit hinzu, dass eine geübte Hilfe vorhanden sein
muss ganz abgesehen von dem heute sehr teuren Material — während das
Lamphochol von den Kranken allein ohne jede Schwierigkeit eingenommen
werden kann. Natürlich muss für akute Kollapszustände die Kampferspritze
ihren berechtigten Platz behalten. Vor den Kampferpulvern hat Camphochol
den Vorzug des mangelnden Kampfergeruohes und der besseren Verträglichkeit
fiu den Magen. Betont soll noch werden, dass unsere recht schweren Pneu¬
monien nur mit Camphochol ohne andere Herzmittel behandelt wurden.
Mit dem Camphochol ist der Arzneischatz um ein gutes, brauchbares
orales Kampferpräparat vermehrt.
n (Auider innerfn Abteilung des Elisabeth-Diakonissen- und Krankenhauses
Berlin. Dir. Arzt: Prof. Dr. Burg h a r t.) Dr. Erich Haeusermann.
Assistenten- und Studentenbelange.
Verein Studentenhaus München.
Der Verein Studentenhaus wurde durch die fortschreitenden Preis¬
steigerungen für Lebensmittel, Heizmaterial und Arbeitslöhne gezwungen, den
Normalpreis für, eine Mahlzeit von 3000 auf 5000 M. zu. erhöhen. Nahezu die
Hälfte der in den Küchen speisenden Studierenden, gegen 1200, erhalten
jedoch die Mahlzeit zu ermässigten Preisen von 4000—1000 M„ je nach ihrer
Bedürftigkeit. Diese Ermässigungen erfordern für den Rest des Juli einen
Zuschuss von 116 Millionen. Nur dank der neuen Papstspende ist der
Verein Studentenhaus in der Lage, diesen ausserordentlichen Zuschuss
wenigstens für die nächsten Monate zu gewähren. Die fortschreitende
1 euerung lässt den Verein mit allergrösster Sorge dem Wintersemester ent¬
gegensehen, wenn nicht durch die jetzt in erhöhtem Maass einsetzende
dankenswerte Hilfe der bayerischen Landwirtschaft die notwendigsten Vor¬
räte an Mehl, Eiern, Kartoffeln und Fett zugeführt werden können
Wie wir eben erfahren, sah der Verein Studentenhaus sich doch genötigt
ab heute, 23. VII. 1923, den Essenspreis auf 12 000 M. bis auf weiteres fest¬
zusetzen.
Spendenverwaltung der Münchener Medizinerschaft.
Während der Osterferien konnten 18 Spenden ungenannter Gönner, von
insgesamt 195 000 M. zur Auszahlung gelangen. 18 Kollegen konnten ihre
alten Freitische wieder erhalten, während 6 Kollegen neue Mittags-Freitische
angewiesen wurden. Dabei sind wir Herrn Ostertag von der Rom¬
berg sehen Klinik zu besonderem Dank für die Vermittlung dieser Freitische-
verpflichtet.
Herr Verwieger L e h m a n n stiftete 70 Bände älterer Ausgaben von
I i a u s n i t z Hygiene, die an bedürftige Kollegen zur Ausgabe gelangten.
Die Spende des Herrn Prof. Lozano wird zurzeit ausgegeben. Die Einzel¬
spende besteht aus Unterstützungen in Höhe bis zu 500 000 M." Tiemer.
Vergünstigungen der Medizinalpraktikanten.
Gemäss einem Beschluss des Preussischen Landtags vom 20. IV. 1923
hat der Minister für Volkswohlfahrt dem Landtag eine Abschrift seines
Schreibens vom 28. V. 1923 an den Reichsminister des Innern zugehen lassen,
über Vergünstigungen der Medizinalpraktikanten, um einen katastrophalen
Rückgang der Medizinalstudierenden zu verhüten. Die Vorlage ist noch nicht
beraten- ' Wiss. Ass.
Terpestrolsalbe bei Lupus.
In Nr. 16 der Wochenschrift veröffentlicht Dr. P 1 a t z - Magdeburg
nen Fall von Lupus, den er mit überraschendem Erfolg mit Terpestrolsalbe
ehandelt hat. Dies veranlasst mich, über meine Erfolge mit Terpestrol
ei Lupus zu berichten.
Ich habe bisher fünf Fälle von Lupus mit Terpestrolsalbe behandelt,
arunter zwei, welche schon jahrelang von Hautspezialisten und allen mög-
:hen Methoden, natürlich auch Bestrahlungen, ergebnislos behandelt waren.
Ile fünf Fälle glatt geheilt, auch zwei ganz schwere mit ausgedehnten
eschwüren wurden in ca. 4 Wochen zur Abheilung gebracht. Die Heilung
rfolgte ohne Schmerzen, ohne Berufsstörung. Ich stehe nicht an, die
erpestrolsalbe bei Hautlupus als das souveräne Heilmittel zu betrachten,
as ich jedem Arzte dringend empfehlen möchte.
Dr. Franz Wagner- Essen.
Zur Camphocholtherapie.
Auf der inneren Abteilung des Elisabeth-Dfakonissen- und Krankenhauses
ihe ich während dreier Monate das von der Firma J. D Riedel hergestellte
amphochol an Kranken erprobt. Ueber die Zusammensetzung, Eigen-
diaften und das Indikationsgebiet ist bereits von Städler (Schweiz. Rund¬
bau 1922, 40), Taschenberg (D.m.W. 1921 Nr. 50) berichtet, so dass
» sich erübrigt, nochmals darauf einzugehen.
I Die praktischen Ergebnisse meiner Versuche sind recht befriedigend.
Ilerdings habe ich die bisher angegebenen Dosen oft erheblich überschritten,
i der Dosierung sind 2 Gruppen zu berücksichtigen. Die erste umfasst leichte
reislaufstörungen im Verlauf von anderen Krankheiten, ferner bei leichter
ngina pectoris und Asthma bronchiale. Hier reichten 3 mal täglich 1 Kapsel
amphochol gut aus. Zur zweiten Gruppe gehören vornehmlich Kreislauf-
örungen ernsterer Art bei kruppöser Pneumonie, Grippepneumonie und
ronchopneumonie herzkranker oder vorher herzgesunder Personen. Ein
maues Dosierungsschema aufzustellen verbietet natürlich die Reaktionsfähig¬
st eines jeden Kranken. Im allgemeinen wurden 5 mal täglich 1 Kapsel nach
itn Essen oder mit etwas Milch gegeben. Näherte sich die Krisis bei
ueumonikern oder liess es der Zustand sonst notwendig erscheinen, ging ich
anchmal bis zu 12 Kapseln innerhalb von 24 Stunden; nachts verabfolgte ich
inn um 12 und 4 Uhr je 3 Kapseln. Von allen Kranken (18 — 69 jähr., männl.
ie weibl. Geschlechts) ist dies nicht nur ohne jede Nebenerscheinung ver-
agen, sondern hat guten Einfluss auf die Herztätigkeit, Puls und Dyspnoe
-zeigt. Gegenüber Kampferpulvern und Injektionen hat das Camphochol viele
Tagesgeschichtliche Notizen,
München, den 25. Juli 1923,
' Das Gesetz über die Aerzteversorgung fand itn Haus¬
haltsausschuss des Landtages im wesentlichen unveränderte Annahme,
ebenso ein Antrag der Koalitionsparteien, wonach der Staat zur Einrichtung
der V e r so rgungsanstalt einen einmaligen Beitrag von
einer Milliarde, die als Grundstock ungeschmälert zu erhalten und
bei etwaiger Auflösung an die Staatskasse zurückzugeben ist, leisten soll.
An der Annahme des Gesetzes im Plenum ist nicht zu zweifeln. Der
5. bayerische Aerztetag in Nürnberg konnte daher mit dem
Gesetz als einer gesicherten Errungenschaft rechnen. Er begrüsste seinen
Vorsitzenden Stauder, als er zur Erstattung seines Referates über das
Gesetz schritt, mit jubelndem Beifall, denn mit Recht erblickt er in ihm
den Mann, der nicht nur den Gedanken einer grosszügigen Aerzteversorgung
zuerst gefasst, sondern auch trotz unerhörter Schwierigkeiten durchgeführt
hat bis zu einem Punkt, an dem nun die praktische Arbeit der Aerzte selbst
einsetzen muss, um den grossen Plan zum Besten unseres Standes zu ver¬
wirklichen. Ueber das ausgezeichnete Referat S t a u d e r s wird an anderer
Stelle d. Nr. berichtet. Im Aerztetag sowohl, wie im bayerischen Landtag
bestand der Eindruck, dass das Gesetz über die Aerzteversorgung einen
grossen sozialen Fortschritt bedeutet, der vorbildlich zu werden verdient
nicht nur für die Aerzte anderer Länder, sondern auch für die Versorgung
weiterer freier Berufe.
Der Aerz fliehe Be zirksverein Nürnberg hat in seiner
Sitzung vom 12. Juli über die Frage der Verrechnungsstellen für
die Privatpraxis beraten und folgende Entschliessung
angenommen: „Der Ae.B.V. lehnt die Einrichtung einer privaten Verrechnungs¬
stelle ab und empfiehlt seinen Mitgliedern, den Beitritt zu einer bestehenden
Verrechnungsstelle zu unterlassen, bis weitere Erfahrungen vorliegen. — Auf An¬
regung Steinheimers wurde ein Antrag an die Bayer. Landesärztekammer ge¬
stellt, der den Ausschluss der hauptamtlich angestelltcn Aerzte von Gruppe XI
ab von der Kassenpraxis fordert. — Ein weiterer Antrag Steinheimers
an die Landesärztekammer wünscht die Aufnahme einer Bestimmung in die
Satzungen der kassenärztlichen Organisationen, nach welcher den Inhabern
von fixierten Stellen der Eintritt in die kassenärztlichen Organisationen ver¬
weigert werden kann, bzw. der Ausschluss solcher Mitglieder verfügt werden
kann. Von dieser Bestimmung soll bei Bahnärzten immer Gebrauch
gemacht werden. • — Laut Antrag Stauder werden 1 v. H. der Junieinnahme
für die R u h r h i I f e zur Verfügung gestellt. — Herr Dr. Mainzer hat
1004
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
seine Ehrenämter beim Bezirksverein zur Verfügung gestellt. Es wird ihm der
Bank des Vereins für seine erspriessliche Tätigkeit ausgesprochen.
_ Durch Verordnung des bayer. Staatsministeriums des Innern vom
19 Juli werden 1 die Vorschriften über die Abgabe starkwirkender
Arzneien auf Dicodid (Dihydrokodeinon) und seine Salze ausgedehnt. In
dem Verzeichnis zu den Vorschriften ist einzufügen: ..Dicodid (Dihydro¬
kodeinon) und seine Salze . 0.03 g.“ 2. Die wiederholte Abgabe von
Arzneien zum inneren (iebruach. welche Dicodid (Dihydrokodeinon) oder seine
Salze enthalten, darf nur auf jedesmal erneute, schriftliche, mit Datum und
Unterschrift versehene Anweisung eines Arztes oder Zahnarztes ertolgen.
3 Jedoch ist die wiederholte Abgabe von Dicodid (Dihydrokodeinon) und
seinen Salzen gestattet, wenn es nicht in einfacher Lösung oder einfacher
Verreibung, sondern als Zusatz zu anderen arzneilichen Zubereitungen ver¬
schrieben wird und der Qesamtgehalt der Arznei an Dicodid (Dihydro¬
kodeinon) oder seinen Salzen 0,03 g nicht übersteigt. Auf Arzneien, die zu
Einspritzungen unter die Haut bestimmt sind, findet dies keine Anwendung.
4. Die wiederholte Abgabe von Arzneien in den Fällen des vorstehenden Ab¬
satzes 3 ist nicht gestattet, wenn sie von dem Arzte oder Zahnarzte durch
einen auf der Anweisung beigesetzten Vermerk untersagt worden ist.
— Die Regierungen der deutschen Hochschulländer haben sich ent¬
schlossen, die von der Fürst Leopold-Akademie in P e * m° ' “
verliehenen akademischen Grade nicht anzuerkennen. Diese Entschliessung
ist darauf zurückzuführen, dass die neuerrichtete Hochschule ihrem ganzen
Aufbau und Wesen nach einer wissenschaftlichen Hochschule nicht gleicli-
erachtet werden kann. Ausserdem entsprechen die Zusammensetzung des
Lehrkörpers, der Lehrplan, die Prüfungsordnungen und die Bestimmungen
über die Zulassung der Studierenden nicht den Bedingungen, die an den
deutschen wissenschaftlichen Hochschulen für die Erlangung akademischer
Grade eingeführt sind, (hk.)
— Die alte deutsch-baltische Universität Dorpat ist trotz, aller An¬
strengungen, ihr den deutschen Charakter zu rauben, noch immer eine deutsch
gerichtete Hochschule. Die deutsche Sprache ist noch immer die verbreitetste,
viele Vorlesungen werden in deutscher Sprache gelesen und die Mehrzahl der
Studierenden bedient sich deutscher Lehrbücher. Das ist ein für den Iran-
zösischen Chauvinismus, der sich die Verdrängung der deutschen Kultur im
Osten zum Ziel gesetzt hat, unerwünschter Zustand, den zu beseitigen man
sich alle Mühe gibt. Auf französisches Betreiben und mit französischer Unter-
Stützung wurde in Dorpat ein „Institut scientifique francais gegründet, das
sich in 5 Sektionen gliedert: Medizin, Recht, Wissenschaften. Literatur und
Landwirtschaft. Seine Aufgabe ist, Estland in Beziehungen zur französischen
wissenschaftlichen Welt zu bringen und die französische Wissenschaft in
Estland zu verbreiten, oder, wie der Berichterstatter der „Presse medicale
ebenso schön wie bescheiden sagt, die estländische Intelligenz in den
Strahlenbereich des französischen Genies iu bringen. Selbstverständlich zu
sagen, dass man auch die alten deutschen Namen der baltischen Städte zit
’ verdrängen sucht. In Frankreich heisst Dorpat jetzt „Tartu“, Reval „Tallinn ,
Namen, die hoffentlich ebenso rasch der Vergessenheit anheimfallen werden,
wie das s. Z. vom Zaren diktierte „Jurjew“.
— Das bayer. Staatsministerium des Innern bestimmt unter Aenderung
des Abs. II d. V. v. 29. XII. 1922 über die Gebühren der Aerzte und
Zahnärzte in der Privatpraxis (GVB1. S^ 698, St. A. 1923 Nr. 5)
und Aufhebung der V. v. 3. VII. 1923 Nr 5188 a 40 (St.A. Nr. 157), dass mit
Wirkung ab 1. VII. 1923 zu den Sätzen der Teile II A u. B. sowie III der
Preuss Geb Ordng. v lü. XII. 1922 (Deutscher Reichsanz. Nr. 281) für Bayern
übernommen durch die V. v. 29. XII. 1922, ein Teuerungszuschlag von
5900 V. H. tritt. . . , ~
— Die Gebührenkommission des Aerztlichen Ile-
7/irksver eins München-Stadt ist jetzt da^u übergegangen, die
Bezahlung in der Privatpraxis nach dem jeweiligen Reichsteuerungsindex zu
verlangen. Es gelten als Mindestforderung: 11 100 der Mmimalsatze
der preuss. Gebührenordnung vom 10. XII. 1922 vervielfacht mit dem letzten
Indexbetrag; für Konsiliar- und fachärztliche Beratungen sowie für ein¬
gehende Erstuntersuchungen überhaupt erhöhen sich diese Sätze auf das
2 — 5 fache mindestens. Die Verdoppelungen für dringende Nacht- und
Sonntagsbesuche bleiben in Kraft. „ , ,
— Die Gebühren der preussischen Kreisärzte werden
durch Erlass des Ministers für Volkswohlfahrt ab 1. Juli 1923 auf das
6000 fache erhöht. — Die Gebühren in der Privatpraxis erfuhren vom 15 Juli
ab einen Teuerungszuschlag von 10 900 v. H. zu den Sätzen der Gebühren¬
ordnung.^ ^ Staatlichen Lymphanstalt in Dresden, Bremerstr. 16, Fern¬
sprecher 22 301, werden Wutschutzimpfungen vorgenommen. Die
Behandlung, zu der die Impflinge 2 Tage vorher angemeldet werden müssen,
dauert 21 Tage und erfolgt ambulant. Der Impfstoff wird unentgeltlich ge¬
liefert. Die zü leistende Entschädigung für Verbrauch von sonstigen Ma¬
terialien beträgt zurzeit 12 600 M. Für etwa erforderliche Unterkunft und
Verpflegung haben die Impflinge selbst zu sorgen.
— Man schreibt uns: Der Reichs verband der deutschen
Aerztevereine in der tschechoslowakischen Republik hat in gross¬
zügiger Weise der Bitte der Deutschen Gesellschaft zur Be¬
kämpfung des Kurpfuschertums um Stützung des durch die
katastrophalen Verhältnisse der deutschen Presse in seiner Existenz be¬
drohten Gcsundheitslehrers entsprochen und ihr einen hohen Betrag uber¬
wiesen, um der augenblicklichen Not zu steuern. Die Deutsche Gesellschaft
fühlt sich dem Reichsverband zu wärmstem Dank verpflichtet und hofft, dass
auch die deutsche Kollegenschaft soweit irgend möglich das ihrige tut, um
diese ihre wichtige Aufgabe zu verwirklichen.
— Die Universität Leeds hat Dr. W. J. M a y o, den Leiter des berühmten
chirurgischen Krankenhauses in Rochester U.S.A., zum Doktor der Wissen¬
schaften ernannt. . .
— Zum Präsidenten der American medical Association
wurde Dr. William Allen P u s c y, Dermatologe in Chicago, gewählt.
— Das hochangesehene englische Fachblatt „L a n c e t vollendet in
diesem Jahre das 100. Jahr seines Bestehens und wird dieses Ereignis am
28. November durch ein Festessen, an dem die hervorragendsten medizinischen.
Organisationen teilnehmen werden, feiern. .
— Das mit der Vorbereitung des Internationalen Oph¬
thalmologenkongresses 1925 betraute Komitee britischei DPh-
t haimologen versendet eine Erklärung des Inhalts, dass es ihm nicht möglich
sei seine Aufgabe gemäss den vom Kongress in Washington 1922 gegebenen
Richtlinien zu erfüllen. I11 Washington war beschlossen worden, den nächsten
Kongress streng international durchzuführen; Deutsch sollte eine der Kongress-
snrachcn sein. Dagegen haben die Sociüte francaise d Ophthalmologie, die
Soeiete d'Ophthalinologie de Paris und die Societe Beige d'Ophthalmologie
Einspruch erhoben und erklärt, dass sie am Kongress nicht teilnehmen konnten,
wenn Deutsche eingeladen würden. Das britische Komitee spricht die An-
sicht aus. dass ein solches Vorgehen dazu führen würde, die Spaltung in den
Reihen der Augenärzte zu verewigen und den E ortschritt der Wissenschalt,
den alle zu fördern wünschten, zu stören. Das Komitee hat sich daher zu
seinem Bedauern genötigt gesehen, den Kongress zu verschieben. Wenn
man bedenkt, dass noch der Kongress in Washington 1922 und der soeben
in London tagende Internationale Chirurgenkongress unter Ausschluss der
Deutschen stattgefunden haben, muss man das Verhalten der britischen Augen¬
ärzte als einen Fortschritt anerkennen; wirksamer für die Herbeiführung nor¬
maler Verhältnisse wäre es freilich gewesen, über den Einspruch der 1 ran-
zosen und Belgier zur Tagesordnung überzugehen und den Kongress abzu¬
halten, dem fernzubleiben jenen ja dann freistand. ,, , ,,
— Die 2. Tagung der Deutschen Gesellschaft für U nfa 11 -
heilkunde, Versieh er ungs- und V e r s o r g u n g s m e d 1 z 1 n
findet am Samstag, den 6. Oktober 1923 in dem Hörsaal der Chirurgischen
Universitätsklinik in Frankfurt a. M. statt. Aus der Tagesordnung. 1 rof.
Dr Finkelnburg - Bonn : Zur Frage der Krankheitsbereitschaft des
Nervensystems (Nach- und Späterkrankungen durch Unfallschadigungen).
Ferner Vorträge von G 0 e t z e - Frankfurt a. M„ G r a s_s h e 1 m -Berlin,
H 0 1 f e 1 d c r - Frankfurt am Main, K ü h n e - Cottbus, E i n 1 g e r - Frank¬
furt a M, R o s e n b u r g - Frankfurt a. M.. S c h e e 1 e - Frankfurt a.
P a u 1 u s - Nürnberg. Weitere Anmeldungen werden erbeten an den Vor¬
sitzenden Prof. Dr. L i n i g e r - Frankfurt a. M„ Schumannstr . 65 II.
— Pest. Britisch Ostindien. Vom 1. bis 28. April 632 Erkrankungen
— In der 25. Jahreswoche, vom 17. bis 23. Juni 1923. hatten von
deutschen Städten Uber 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Lübeck
mit 16,5', die geringste Buer mit 6,7 Todesfällen pro Jahr und 1000 Ein¬
wohner. Vöff- R-°"A-
Hoch sch ulnachrichten
Bonn. Der nichtbeamtete a. o. Professor Dr. med. Franz Sion ist
zum ordentlichen Professor der Psychiatrie an der Medizinischen Akademie
in Düsseldorf ernannt worden. . ■ , •
Breslau. Prof. Uh t ho ff feierte am 21. Juli seinen 70. Geburtstag.
— Der Privatdozent für Pharmakologie Dr. Richard Meissner ist zum
nichtbeamteten ausserordentlichen Professor ernannt worden, (hk.)
Erlange n. Dr. Heinz Langer, leitender Arzt der Röntgen¬
abteilung der Universitäts-Frauenklinik (Direktor: Prof. Dr. W 1 n t z), hat
einen Ruf zur Leitung einer Röntgenklinik in Pittsburg (Pennsylvania) an¬
genommen^ ^ { ^ ^ t a M Dr John A Mandel, Professor der Chemie an
der New York-Universität, wurde zum Ehrenmitglied des Georg Speyer-Hauses
in Frankfurt a. M. ernannt. Die grundlegenden und bedeutenden Arbeiten
des bekannten amerikanischen Gelehrten liegen auf den verschiedenen Ge¬
bieten der physiologischen Chemie, die Mehrzahl ist in deutschen wissen¬
schaftlichen Zeitschriften erschienen. Durch Uebersetzung verbreiteter
deutscher chemischer Lehrbücher ins Englische trug er schon vor dem Kriege:
zu einer lebendigen Wechselwirkung deutscher und angelsächsischer Wissen¬
schaft bei. Während und nach dem Kriege hat er seine engen freundschatt-
lichen Beziehungen zur deutschen Wissenschaft nicht nur nicht verleugnet,’
sondern sich in tatkräftiger Weise dafür eingesetzt, die Not der deutschen
Forschung zu lindern, (hk.) _ , , .
Freiburg i. B. Am 14. Juli wurden die Erweiterungsbauten den
Freiburger Univ. -Kinderklinik feierlich eröffnet. In ihrer einfachen, aber
zweckmässigen und hübschen Ausführung entsprechen die Krankenabteilungen
und Laboratorien nunmehr den heutigen Anforderungen. Die Mittel be¬
willigten Staat und Stadt, zum grossen Teil stammen sie aus freiwilligen
Gaben des In- und Auslandes. . ' , .. .
München. Das neuerrichtete Extraordinariat für physikalische
Chemie ist dem Privatdozenten tit. a. 0. Professor Dr. Kasimir Fa ja ns
angeboten worden, (hk.) — Am 20. Juli habilitierten sich für das Fach dei
Dermatologie die Assistenten der Klinik v. Zumbusct Dr. n. W . S le¬
rnen s (Hab.-Schr.: Vererbung von Naevi) und Dr. W 1 r t h (Hab. -Sehr.
Pathogenese der Urtikariaquaddeln in ihren Beziehungen zum Gefässsystem)
Utrecht. Der Direktor des Hygienischen Instituts, Prof. Chr. Eyk
mann, ist vom Lehramt zurückgetreten.
Todesfälle. ^ „ 1
In Berlin starb, 64 Jahre alt, der Geh. San. -Rat Prof. Dr. Georg’ :
Meyer; er hat sich grosse Verdienste erworben um das Rettungswesen dt;
Stadt Berlin, ferner war er in vielen Organisationen tätig, die sich mi j
Krankenfiirsorge befassen. Auf seine Anregung hin wurde das Deutsch’]
Zentralkomitee zur Erforschung der Krebskrankheit gegründet, dessen lang«
jähriger Generalsekretär er war.
Regierungsmedizinalrat Prof. Dr. Hans D u n z e 1 1 vom staatl. Kranken i
Stift Zwickau ist am 15. Juli in Dresden gestorben.
ln Ermetingen (Schweiz) starb, 80 Jahre alt, Dr. Otto N ä g e 1 i, eine
der bekanntesten Aerzte der Ostschweiz. Sein Buch über die Behandluml
von Neuralgien und Neurosen durch Handgriffe hat 3 Auflagen erlebt. Ausser j
dem verfasste er eine Reihe medizinischer und statistischer Arbeiten, ferne j
auch Schriften historischen und heimatskundlichen Inhalts, sowie Gedichte j
Einer seiner Söhne ist der ausgezeichnete Züricher Kliniker Prof. Utt.j
N ä g e 1 i. .
Amtsärztlicher Dienst. (Bayern.)
Die Bezirksarztstellen in Burglengenfeld, Freyung. Höchstadt a. A
Kaiserslautern und Schongau sind erledigt. Bewerbungen sind bei der KCl
gierung, K. d. L, des Wohnorts bis 5. August 1923 einzureichen. _ 3 1
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnun
und Kleidung beträgt für den Monat Juni 7650 (im Mai 3816). Die Erhöhuul
beträgt somit 100,5 v. H. Basiszahl 1913/14 = 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist ab 25. VII. 1923 : 25 00»
Verlag von J. F. Leb mann ln München SW. 2, Paul Heyse-Str. 26. — Druck von E. Mublthaler’s Buch- und Kunstdruckerei O.m.b. H. München.
Preis der einzelnen Nummer freibleibend . H 18000.-. • Bezugspreis
in Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
lür die Schriftleitung: Arnuifstr. 26 (Sprechstunden 85-j — 1 Uhr),
für Bezug : an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-Strasse 2 ).
• I
MÜNCHENER
Anzeigen-Annahme :
Leo Waibel, München, Theatinerstrasse 3.
Anzeigenschluss:
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 31. 3. August 1923.
Scliriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann. Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält eich das ausschliessliche liecht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor
Originalien.
Das Arndt-Schu Izsche Grundgesetz.
Hugo Schulz zum 70. Geburtstag gewidmet.
Von Geh. -Rat Prof. Dr. Friedrich M a r t i u s - Rostock.
Die Feier des 70. Geburtstages eines um seine Sonderwissen-
Schaft hochverdienten Mannes gibt erwünschte Gelegenheit, seine
wirkliche Bedeutung der jetzt lebenden Generation der Aerzte klar-
ztilegen, und das um so mehr, wenn seine eigenen Zeitgenossen ihn
— bewusst oder unbewusst — verkannt oder nicht genügend ge-
1 würdigt haben. Heute handelt es sich um den Greifswalder Pharma¬
kologen Hugo Schulz, der am 6. August 1853 zu Wesel am
Niedcrrhein geboren ist. Ein glücklicher Zufall fügt es, dass in diesen
Tagen im zweiten Bande der verdienstvollen, von Professor Dr.
L. K. Grote herausgegebenen Medizin der Gegenwart in Selbst¬
darstellungen -(Verlag von Julius Meiner, Leipzig, 1923) die „Auto-
ergographie“ unseres Jubilars erschienen ist. Wer erfahren will, was
Hugo Schulz in über vierzigjähriger wissenschaftlicher ernster
Arbeit gewollt und erstrebt hat, wie er selbst über sie denkt und
wie er ihre Beziehung zur Medizin der Gegenwart einschätzt, kann
und muss auf diese Selbstdarstellung verwiesen werden. Und doch
glaube ich, dass sie einer gewissen Ergänzung bedarf, die, von Hugo
Schulz selbst nicht scharf genug hervorgehoben, gerade jetzt einer
besonderen Erwähnung und Begründung bedarf. Hier ist auch der
Grund zu suchen, der gerade mir die Pflicht auferlegt, ihm wenig¬
stens beim Eintritt in das Patriarchenalter zu seinem Recht zu ver¬
helfen. Hugo Schulz ist, wenn er meines Wissens auch nie diesen
Anspruch ausdrücklich erhoben hat, einer der ersten und glück¬
lichsten Mitbegründer der „konstitutionellen Betrachtungsweise“ in
der Medizin gewesen, die jetzt fast explosionsartig unsere Wissen¬
schaft beherrscht. Mein Name ist mit dem Konstitutionalisrnus un¬
serer Zeit untrennbar verknüpft. Immer bin ich redlich bemüht ge¬
wesen, die Namen meiner Gesinnungsgenossen, denen ich Anregung
und Förderung verdanke, in helles Licht zu stellen. Ueberall fehlt
der Name Hugo Schulz. Noch in meiner letzten „Selbstdarstel-
lung“ in Grotes Sammlung ist auf Ottomar Rose n b a c h,
Hueppe, Gott st ein hingewiesen. Habe ich Hugo Schulz,
wie fast die ganze Mitwelt, unabsichtlich oder gar absichtlich — tod¬
geschwiegen? Beim Durchsehen meiner Bücherei finde ich ein Heft:
Pharmakologie von Dr. Hugo Schulz (Urban (^'Schwarzen¬
berg, 1898). Ich habe immer die Gewohnheit gehabt, in Darstel¬
lungen, die mich besonders fesseln, die meiner eigenen Auffassung
entsprechenden Stellen anzustreichen. Jenes Heft nun lässt er¬
kennen, dass ich es damals sehr genau, Wort für Wort durchgear¬
beitet habe. Ueberall finden sich die zahllosen Stellen angestrichen,
die den Anschauungen entsprechen, wie sie jetzt allgemein anerkannt
sind. An die Stelle des im Grossen und Ganzen gleich organisierten
Tieres tritt der Mensch mit seiner individuell so ausserordentlich
wechselnden, verschiedenen Reizbarkeit. Ich kann das hier nicht im
einzelnen durchführen. Wer den wahren, den nicht durch unver¬
ständiges Gerede entstellten Hugo Schulz kennen lernen will, möge
heute, nach 25 Jahren, seine Pharmakotherapie vornehmen. Er wird
über die Fülle von Bemerkungen erstaunt sein, die den Nagel auf
den Kopf treffen. Und das alles hatte, wie das in meinen Händen be¬
findliche Exemplar mir heute beweist, damals den tiefsten Eindruck
auf mich gemacht. Warum habe ich das in meiner „Konstitution und
1 Vererbung“ 1914 nicht ausdrücklich hervorgehoben? Wenn icli diese
i Unterlassungssünde heute tief bedauere, so finde ich dafür viel¬
leicht eine zureichende Erklärung, aber kaum eine annehmbare Ent¬
schuldigung. Also komme ich um ein ehrliches Pater peccavi nicht
herum. Ich bin mir deutlich bewusst, dass, als ich mein Buch schrieb,
die Anregungen, die ich von Hugo Schulz empfangen hatte, in
meinem Bewusstsein so gut wie vollständig zurückgetreten waren.
Ich habe einfach nicht mehr an sie gedacht. Und das kam so. Hugo
Schulz schildert in seiner eben erschienenen Selbstdarstcllung
selbst ausführlich und überzeugend, wie schon die niedrige Dosierung
des wirksamen Mittels in seiner ersten Veratrinarbeit ihm Missach¬
tung und Uebelwollen eintrug. „Schon damals muss ich wohl meinen
Herren Kollegen verdächtig geworden sein wegen der ungewohnt
kleinen Dosen, in denen sowohl das Veratrin, wie auch das arsenik¬
saure Kupfer gewirkt hatten. Dass roch denn doch sehr nach Hotnöo-
Nr 31.
pathie! Mein Freund Ernst Weber aber schrieb mir, als ich ihm
meine Veratrinarbeit zugeschickt hatte: „Jetzt haben Sie die Meute
hinter sich!“ Er hat Recht damit behalten. Seit der Veröffentlichung
dieser Arbeit haben sich nicht nur die homöopathischen Laienvereine
an meine Fersen geheftet. Auch einzelne meiner Spezialkollegen
haben diese und meine nachfolgenden Arbeiten benutzt, mir zu dem
Epitheton ornans des .Greifswalder Homöopathen* zu verhelfen.“
Alle weiteren Arbeiten von Hugo Schulz bekräftigten und ver¬
stärkten dieses allgemein gewordene Vorurteil. Und jede herr¬
schende Richtung in der Medizin erweist sich, solange sie die Gewalt
hat, als rücksichtslos und unerbittlich. Rudolf Virchow, der lange
Zeit die Allgemeinherrschaft Rusgeübt hatte, konnte sich nur schwer
cntschliessen, einen Robert Koch anzuerkennen, und dieser ver¬
folgte, zur Macht gelangt (vgl. die „Selbstdarstellung“ von Hueppe),
seine Gegner mit derselben Einseitigkeit. Es handelt sich um ein
allgemein menschliches Gesetz. Was hat Hugo Schulz ver¬
brochen, um sich den Boykott seiner wissenschaftlichen Zeitgenossen
zuzuziehen? Wir haben jetzt seine eigene klare, sehr ruhig vor¬
nehme, vielfach leicht ironisch gefärbte Darstellung. Schon früh¬
zeitig beschäftigte er sich mit der Geschichte der Medizin und fasste
dabei besonders das Gebiet ins Auge, welches die medizinische
Sektiererei und Häresie umfasst. So lernte er Paracelsus näher
kennen, ebenso auch den alten Rademacher und den Vater der
Homöopathie Hahnemann. Er sagte sich bald, dass es nicht an¬
gängig sei, die Erfahrungen der alten Aerzte, die ihre eigenen Wege
in der Ausnutzung der Arzneikräfte gegangen sind, einfach mit Miss¬
achtung zu übergehen. So kam er auf den für einen Lehrer der
Pharmakologie naheliegenden Gedanken, veranlasst durch das Stu¬
dium Hahnemann s, der Sache selbst einmal näher auf den Grund
zu gehen und zu versuchen, ob wirklich durch fortgesetztes Ein¬
nehmen an sich völlig unwirksam zu denkender geringfügiger Mengen
einer Arznei bei sonst gesunden Menschen krankhafte Erscheinungen
der Art hervorgerufen werden können, wie das in Hahne m a n n s
Arzneiprüfungen angegeben und zu lesen war.
Diese ernsthaften, mit allen gebotenen Kautelen des naturwissen¬
schaftlich durchgebildeten Forschers ausgeführten Nachuntersuchun¬
gen — - allen Vorurteilen zum Trotz — waren eine anzuerkennende
wissenschaftliche Tat! Sie ergaben — nach Schulz’ eigenen Wor¬
ten — , dass die Angaben, die er in den Arzneiprüfungen der homöo¬
pathischen Schule vorgefunden hatte, zu Recht bestehen! Er bemerkt
dazu, „dass diese Versuche denjenigen meiner Herren Kollegen dien¬
liches Material liefern mussten, die das mehr oder weniger ent¬
wickelte Bedürfnis empfanden, den Greifswalder Pharmakologen als
einen greulichen Häretiker hinzustellen und damit als wissenschaft¬
lichen Arbeiter ein für allemal zu diskreditieren, wusste ich im vor¬
aus, hat mich indessen nicht weiter berührt. Mir lag daran, die
Wahrheit herauszubekommen, mochte das Resultat ausfallen wie es
wollte“.
Was hat Hugo Schulz wirklich bewiesen? Nicht die Richtigkeit
der Laienhomöopathie mit allem Drum und Dran als einer der wis¬
senschaftlichen Medizin an sich und prinzipiell entgegengesetzten
allein wahren Heilmethode. Ich (M a r t i u s) bin immer ein ausge¬
sprochener Gegner der Homöopathie in diesem Sinne gewesen und
geblieben. Im Jahre 1921 haben die Rostocker Naturheilfreunde (ein¬
schliesslich der Homöopathen) ein grosses öffentliches Scherbenge¬
richt über mich abgehalten, das ich mir zur besonderen Ehre an¬
rechne. Ueber meine Stellung zur Sache kann denn auch niemals ein
Zweifel gewesen sein. Damit erklärt sich wohl bis zu einem gewissen
Grade, dass ich früher (1898), als ich Hugo Schulz’ konstitutionelle
Anschauungen zu meiner Freude kennen lernte, keine Lust verspürte,
im Sinne seiner angeblichen „Homöopathie“ mich einzusetzen. Ich
war selbst wegen meiner ebenfalls angeblichen Gegnerschaft zur
Bakteriologie verfemt genug, um mich nicht gern auch noch als wenn
auch nur scheinbaren Homöopathen verschreien zu lassen.
Was hatte Schulz wirklich gefunden und bewiesen? Die
Richtigkeit des ersten Satzes des von Rudolf Arndt aufgestellten
Biologischen Grundgesetzes. Wenn wirklich schwache Reize die
Lebenstätigkeit von Organen und Organismen fördern, so muss ein
Gift in genügend herabgesetzter Menge nicht mehr schädigend, son¬
dern fördernd auf das Substrat seines Einflusses wirken.
Schon in seinen ersten Arbeiten in Greifswald hatte H. Schulz
den Beweis für diesen Satz in seinen Händen. Es ist begreiflich, dass
es „wie eine plötzliche Erleuchtung über ihn kam, als ihm Rudolph
2
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31!
1006
Arndt im Jahre 1885 auf einem gemeinschaftlichen Spaziergange
zum ersten Male sein biologisches ürundgesetz auseinandersetzte“,
bekanntlich lautet es: „Schwache Reize fachen die Lebenstätigkeit
an, mittelstarke fördern sie, starke hemmen sie, stärkste heben sie
auf.“ Dem experimentellen Nachweis dieses Gesetzes hat Schulz
einen grossen Teil seiner Lebensarbeit gewidmet. Wie er erzählt, hat
auch Rudolph Arndt bei seinen Zeitgenossen keine Anerkennung,
nicht einmal Beachtung gefunden. „Ausser anderen für mich in Be¬
tracht kommenden Momenten habe ich es für meine Pflicht als Freund
und Kollege gehalten, wenigstens sein Gedächtnis vor völliger Ver¬
gessenheit zu bewahren. Dass mein Aufsatz („Rudolph Arndt und
das biologische Grundgesetz“) von mehreren unserer wissenschaft¬
lichen Verlage zurückgewiesen wurde und so schliesslich als Mono¬
graphie hier in Greifswald erscheinen musste, sei nur nebenbei be¬
merkt.“
Nur „ein einziger Kliniker“, bemerkt H. Schulz schliess¬
lich, „hat es bisher für wichtig genug angesehen, auch einmal den
Weg zu versuchen, den ich an der Hand von Arndts biologische^
ürundgesetz in der Erkenntnis seiner fundamentalen Bedeutung für
die Therapie alle die langen Jahre allein gegangen bin: der Berliner
ühirurge August Bier. Damit ist aber auch die erste Bresche gelegt
in den Wall von Nichtbeachtung und stellenweise sogar unmittelbarer
Entstellung des von mir Gewollten“.
Somit komme ich (M a r t i u s) auf meinen eigenen Standpunkt
gegenüber dem Lebenswerk von Hugo Schulz zurück, wie er sich
mir heute darstellt. August Bier sagt: „H. Schulz tat einen be¬
deutungsvollen Schritt vorwärts. Er verallgemeinerte das Gesetz
auf alle Zellen des tierischen Leibes und auf alle Krankheiten, ferner
auf die Pflanzenzelle (Hefe). Vor allem machte er das starre Gesetz
erst brauchbar für die Praxis durch folgende Betrachtung: „Ver¬
schiedene Menschen verhalten sich verschieden gegen denselben
Reiz, kranke Organe ganz anders als gesunde,“ usw. An anderer
Stelle: „Mehr und mehr wird Schulz’ Lehre bestätigt. Nach Er¬
fahrungen, die man mit Röntgenlicht (kleine Dosen erzeugen, grosse
vernichten das Karzinom), mit Fieber und anaphylaktischem Schock,
mit positiver und negativer Chemotaxis, mit Hormonen, mit Protein¬
körpern usw. gemacht hat, wird man wohl bald sagen, sie sei eine
.bekannte Tatsache1 2 3 4, und Schulz weiter totzuschweigen versuchen.
— „Fusst Schulz auch auf dem Arndt sehen biologischen Grund¬
gesetz, das für physiologische Verhältnisse aufgestellt ist, so war es
doch eine grosse Tat, dies auf die Pathologie und vor allem auf die
Wirkung aller Heilmittel auszudehnen. Ich hoffe deshalb, dass
Schulz es noch erleben wird, dass ihm und seinem Vorgänger
Arndt die Anerkennung zuteil wird, die den Entdeckern eines so
grossen und praktisch wichtigen biologischen Gesetzes gebührt.“
Worauf gründet sich diese Hoffnung? Meiner persönlichen Meinung
nach auf den Umstand, dass die Schulz sehe Lehre ausdrücklich
konstitutionell begründet und verankert ist. „Wenn das biologische
ürundgesetz richtig ist, ergibt sich aus seinem ersten Satz.“ sagt
Schulz, „dass man befähigt sein muss, mit genügend herabgesetzter
Dosis des richtig gewählten, organspezifischen Arzneimittels die ge¬
sunkene Lebensenergie damit in die Höhe zu bringen, dass die phy¬
siologische Norm ganz oder möglichst wieder erreicht wird.“ Das ist
freilich ein generelles Gesetz, aber der Gegensatz zur Reagenzglas¬
therapie und zum Laboratoriumsversuch am gesunden Tiere tritt
scharf hervor. „Nicht gesunde Tiere, sondern kranke Menschen bilden
das Arbeitsfeld des praktischen Arztes.“ In unserer Sprache sagen
wir: Nicht das Bakterium ist die alleinige und zureichende Ursache
der Krankheit (es ist das auslösende Moment). Die eigentliche und
wahre Ursache sind die vorhandenen, gegebenen Energien des
Substrats, auf das sie wirken, das Terrain der Franzosen. Schulz
selbst sagt im Anschluss an seine Veratrinarbeit, dass unter dem Ein¬
fluss des Mittels irgendwelche Veränderung in der erkrankten Magen-
und Darmwand selbst auftritt, die für die weitere Entwicklung der
Mikroorganismen und der aus dieser resultierenden Folgezustände
ungünstige Bedingungen schafft. Dies „war der erste Gedanke an
die tiefgehende Bedeutung des erkrankten Organs als Nährboden für
die krankheiterregenden Momente und die daraus folgerecht sich
ergebende, nicht weniger schwerwiegende Wichtigkeit der Organ¬
therapie in ihrer Gesamtheit, nicht nur im vorliegenden Fall für die
Therapie infektiöser Erkrankungen allein. Diese damals gewonnene
Anschauung hat sich in der Folge ständig weiter verdichtet und be¬
festigt. Sie ist für mich leitend geworden durch die ganze Zeit meiner
wissenschaftlichen Tätigkeit. Sie hat mir die notwendige Berechti¬
gung verschafft, immer wieder auf die enge Beziehung zwischen
Arzneiwirkung und erkranktem Organ und die Folgerungen einzu¬
gehen, die sich daraus für die Arzneitherapie mit zwingender Not¬
wendigkeit ergeben.“ Dazu kommt, und das hebt Schulz immer
wieder hervor, der Einfluss der Individualität, der sich auch in der
Arzneitherapie in jedem einzelnen Fall mehr oder weniger geltend
macht.
Wer die erwähnte Pharmakologie aus dem Jahre 1898 von Hugo
Schulz sorgfältig durchstudiert, wird sich leicht davon überzeugen,
dass und wie unser Jubilar schon damals als einer der ersten kon¬
stitutionell gedacht hat. Die Geschichte der Medizin wird ihn nicht
als halben Homöopathen und ganzen Sonderling bewerten, sondern
als ernsthaften, ehrlichen Forscher von besonderem JEigenmass,
dessen wertvolle Anregungen erst heute und künftig zu voller Aus¬
wirkung kommen werden.
Hugo Schulz selbst bekennt: „Müsste ich heute von vorne
wieder anfangen, ich würde ohne Besinnen denselben Weg von
neuem wieder betreten und weiter verfolgen, so wenig ersichtlichen
Erfolg nach aussen hin gerade dieser Weg bisher auch gezeitigt
haben mag.“
Unser Gruss aber am heutigen Tage gilt dem ehrlichen und tap¬
feren Manne, dem ein ehrenvoller Platz in der Geschichte der Me¬
dizin jetzt und für alle Zeiten gesichert ist.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik in Berlin.
Der Reizverzug*).
(Hugo Schulz zum 70. Geburtstag gewidmet.)
Von Prof. August Bier.
Den Verzug des Reizes, den ich hier beschreibe, hat die Physio¬
logie und überhaupt die theoretische Medizin übersehen. Weder in
der älteren Literatur, noch in Lehrbüchern der Physiologie, die den
Reiz weitläufiger behandeln, wie in den von Ve r w o r n und 1 i g er¬
st e d t, noch in der ausführlichen Abhandlung des ersteren über
Erregung und Lähmung1), noch in den in der neuesten Zeit erschiene¬
nen grösseren Abhandlungen von Physiologen über die Reizfrage -)
findet man etwas über diese wichtige Angelegenheit. Ebensowenig
erwähnt sie Marchand11) in einer neueren ausführlichen Abhand¬
lung über Reizung und Reizbarkeit. Ein Gebiet der praktischen
Medizin dagegen, die Röntgenkunde, hat den Verzug eines einzelnen
Reizes, den des Röntgenlichtes, sehr ausführlich studiert und be¬
schrieben, weil die zahlreichen Unglücksfälle, die sich aus ihm er¬
gaben, es unmöglich machten, diese Erscheinung zu übersehen. So¬
viel ich finde, hat aber auch in der praktischen Medizin bisher nie¬
mand erkannt, dass dieser Reizverzug sich nicht auf einen oder
wenige Reize beschränkt, sondern dass er eine ganz gewöhnliche Er¬
scheinung bei den verschiedensten Reizen ist, und niemand hat seine
Tragweite begriffen. Das will ich an einer Reihe von Beispielen
schildern.
I. Röntgenlicht,
Den Reizverzug des Röntgenlichtes beschreibe ich nur ganz
kurz, ohne auf Einzelheiten einzugehen, beschränke mich dabei auf
die Haut und beziehe mich hauptsächlich auf die Erscheinungen, die
bei der alten, nach unserer heutigen Erfahrung fehlerhaften Bestrah¬
lung derselben auftreten. Wer sich über die Wirkungen des Röntgen¬
lichtes ausführlicher unterrichten will, findet eine gute Beschreibung
im Handbuche der Röntgentherapie von Wette rer1). Voraus¬
schicken muss ich, dass die Röntgenkunde zwar das Röntgenlicht als
Reizmittel anerkennt, dass ihr aber das Wesen der Reizwirkung
keineswegs klar geworden ist. Das sieht man unter vielen anderen
besonders an zwei sehr verbreiteten Irrtümern: 1. Die Röntgenkunde
spricht von einer reizenden und einer zerstörenden Dosis des Rönt¬
genlichtes. Es ist aber klar, dass es von der Reizschwelle an gerech¬
net immer reizt. Man vergisst, dass nicht nur Erregung, sondern
auch Lähmung und Tötung Reizwirkungen sind. Man sollte also nicht
von einer Reizdosis, womit man die Entzündung und Gewebs¬
wucherung, also gesteigerte Tätigkeit verursachende Gabe meint,
sondern von Erregungs-, Lähmungs- und Tötungsdosis sprechen.
2. Die Röntgenkunde ist noch immer der Meinung, dass die Reiz¬
wirkung in derp eben geschilderten Sinne nur durch eine grosse rei¬
zende Energiemenge ausgelöst werde. Auch die neuesten Arbeiten
sind noch in diesem Irrtum befangen [Dessauer6 *), Cas¬
par i8)]. Der Reiz hat mit Energie nichts weiter zu tun,
als dass er ruhende in wirksame Energie umsetzt. Deshalb
können die in bezug auf eigene Energie allergeringsten Reize
die heftigsten Wirkungen auslösen, und ungeheure Energie¬
mengen brauchen die Reizschwelle gar nicht zu erreichen, so dass
sie spurlos am lebenden Körper Vorbeigehen. Diese Erscheinung
ist der Biologie durchaus geläufig. Man nennt das Disproportionali¬
tät zwischen Reizursache und Reizwirkung (der oft angewandte Ver¬
gleich mit dem Funken im Pulverfass). Die Theorie Dessauers
von der Punktwärme als ausschlaggebend für die Wirkung
des Röntgenlichtes ist also eine durchaus überflüssige Annahme.
Ueberhaupt scheint mir, dass man in der Röntgenkunde zu viel ma¬
thematisch und physikalisch und zu wenig biologisch denkt.
Nach einer gewissen Stärke oder Häufigkeit der Belichtung mit
Röntgenstrahlen entstehen Schädigungen der Haut, von der ein¬
fachen Entzündung bis zu den schwersten und schlecht oder gar
*) Ich bin mir wohl bewusst, dass kein Verzug des Reizes, sondern des
Reizerfolges (Erregung, Lähmung, Tod) eintritt. Aus Gründen, die ich am
Ende der Arbeit entwickle, wähle ich den Ausdruck ,, Reizverzug“, der
ausserdem den Vorteil hat, kurz und einfach zu sein.
T Verworn: Erregung und Lähmung. Jena 1914 bei Fischer.
2) Jensen: Reiz, Bedingung und Ursache in der Biologie. Berlin
1921 bei Bornträger. Und: Mangold: Reiz und Erregung usw. Erg. d.
Physiol. 1923, 21, 1. Abt.
3) Marchand: Ueber Reizung und Reizbarkeit. Arch. f. Entw.Mech. i
51, Bd.
4) Leipzig bei N e m n i c h.
6) Dessauer: Dosierung und Wesen der Röntgenstrahlenwirkung in
der Tiefentherapie vom physikalischen Standpunkt. Dresden 1923.
") Caspari: Theoretisches zur Strahlenwirkung. D.m.W. 1923 Nr. 9.
3. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1007
nicht heilenden Geschwüren, die zu einer vollständigen Vernichtung
des betreffenden Hautgebietes führen. Diese Schädigungen
treten aber erst nach einer gewissen Pause, nach 2 Tagen
bis 3 Wochen auf. Nun zeigt sich, genau wie bei den
Strahlen des Sonnenspektrums, dass die verschiedenen Strahlen-
arten des Röntgenlichtes nicht gleichartig wirken; die weichen
verursachen in der Praxis vor allen Dingen jene Schädigungen;
unter Umständen tun dies aber auch harte, und dann treten
die Spätfolgen erst Monate bis Jahre nach der Belichtung ein 7 *). Es
ist bekannt, dass sie ziemlich plötzlich und anscheinend ohne Vor¬
boten erscheinen. Der Reiz des Röntgenlichtes scheint also eine
geraume Zeit in seinen Wirkungen gänzlich verborgen zu uleiben
und dann in vielen Fällen unter Ueberspringung oder unter kurzer
Dauer des Erregungszustandes sich gleich in Lähmung oder l'od der
bestrahlten Körperteile zu äussern. Die genauere Beobachtung aber
zeigt, dass im sogenannten Latenzstadium zweifellos eine Erregung
besteht, kenntlich an einer Vorreaktion. Sie besteht in einer Rötung
der Haut, die frühestens nach Va Stunde auftritt und mit leichtem
Brennen und Jucken vergesellschaftet ist. Die Vorreaktion ver¬
schwindet wieder. Dasselbe beobachtet man auch bei ganz anders
gearteten Reizen.
Hier will ich einiger Besonderheiten des Röntgenlichtes ge¬
denken, die es nur mit wenig anderen Reizmitteln gemein hat:
Die meisten dem Körper gefährlichen Reize lösen sofort Unbe¬
hagen, Schmerz oder sonstige erschreckende Eindrücke aus, die
den Menschen veranlassen, schleunigst vor der Gefahr zu flienen.
Dagegen kann man die grössten und gefährlichsten Gaben von Rönt¬
genlicht auf den Körper einwirken lassen, ohne dass die geringsten
Warnungszeichen sich einstellen. Diese zeigen sich erst später, wenn
er den unheimlichen Reiz schon in sich aufgenommen hat und ihm
nicht mehr entgehen kann. Gegen Röntgenlicht gibt es keine Im¬
munität, wie gegen Sonnenlicht nach Ueberstehen eines Sonnen¬
brandes. Im Gegenteil, eine überstandene Röntgenerkrankung macht
den betreffenden Körperteil empfindlicher gegen neue Einwirkung
von Röntgenstrahlen.
Es gibt deshalb auch keine Vorbeugung gegen Röntgenstrahlen.
Während man den Menschen allmählich an Sonnenlicht gewöhnen
und gegen seine Schäden aktiv immunisieren kann, bewirken die Rönt¬
genstrahlen das Gegenteil. So kann man ihn auch nicht durch vorsich¬
tige und allmählich gesteigerte Gaben derselben bräunen. Zwar bräu¬
nen auch die Röntgenstrahlen oder verfärben anderweitig die Haut,
aber erst nachdem sie sie geschädigt, sei es, dass sie nur eine Ent¬
zündung oder die schwersten Folgen hervorgebracht hatten. Diese
Hautverfärbungen haben nichts mit der Bräunung durch Sonnenlicht,
die als Schutzfarbe aufzufassen ist, zu tun, sondern sie gleichen den
Veränderungen, die heftige Reizmittel (Jodtinktur, Blasenpflaster,
sehr heisse Umschläge, in oberflächliche Hautwunden eingeriebenes
Krotonöl [Baunscheidtismus] usw.) als Folge einer voraufgegangenen
Schädigung der Haut erzeugen.
Alles dies ist verständlich, denn Röntgen- und ähnliche Strahlen
kommen in der Natur nicht in einer Stärke vor, die dem Menschen
gefährlich werden könnte. Deshalb ist er nicht darauf eingestellt. Er
; hat keine Empfindung für ihre Gefährlichkeit, und sie lösen keiner-
: lei schützende zweckmässige Reaktionen aus. Das zeigt sich auch
| an den mangelhaften Heilungsvorgängen schwerer Röntgenschädi-
| gungen. Keine Wunde heilt so schlecht wie ein Röntgengeschwür.
In ihren formativen und nutritiven Wirkungen gehorchen die Rönt¬
genstrahlen dem A r n d t - S c h u 1 z sehen Gesetz (Erregungsgabe —
: Epithelwucherungen, Röntgenkarzinom, Lähmungsgabe = Still-
I stehen wachsender Geschwülste, Tötungsgabe = Schwinden von
i Geschwülsten). Der Gegensatz in der Wirkung verschiedener Gaben
macht sich auch nach unten hin noch weiter bemerkbar, insofern,
; als allerkleinste Röntgengaben die Verhornungen und Ernährungs-
| Störungen der Haut der Hände im Röntgenberuf geschädigter Men-
j sehen bessern. Bisher ist nur die formative und nutritive Reizwir¬
kung des Röntgenlichtes genügend erforscht, über die funktionelle
ist noch wenig bekannt.
II. Sonnenlicht.
Teile des Sonnenspektrums von einer gewissen Wellenlänge
reizen nur die Netzhaut, was rechts und links von diesen sichtbaren
Lichtstrahlen liegt, die sogenannten chemischen und Wärmestrah¬
len alle Teile des Körpers. Den geringsten Reizverzug haben
die sichtbaren Strahlen. Ebenfalls sehr gering ist die der Wärme¬
strahlen. Sie werden sofort empfunden und führen, wenn der Reiz
genügend stark ist, bald zu Schweissausbruch, Hautröte, erhöhter
Herztätigkeit usw. Dagegen haben die chemischen Strahlen einen
Verzug von mehreren Stunden. Das zeigt jeder Fall von Sonnen¬
brand. Ueber chemische Strahlen belehrt uns am besten das jetzt
viel angewandte Quarzlampenlicht. Es wird vom bestrahlten Körper
überhaupt nicht empfunden; ist es zu stark verabreicht, so entsteht
die Hautentzündung erst in durchschnittlich 12 Stunden. Auch hierbei
gibt es häufig wie beim Röntgenlicht eine flüchtige Vorreaktion,
etwa eine Viertelstunde nach der StraHleneinwirkung.
Gegen das Quarzlampenlicht kann man den Menschen, wie gegen
Sonnenlicht, durch allmähliche Gewöhnung immunisieren und bräunen.
7) Auch die bösartige Geschwulst, die durch Rüntgenlicht beseitigt wird,
längt erst nach etwa 3 Wochen an sich zu verkleinern.
Doch hat die braune Farbe einen ganz anderen Ton als die durch
das volle Sonnenlicht erzeugte s). Schädigungen, die die Quarz¬
lampe angerichtet hat, heilen schnell und vollständig aus. Der Mensch
ist wegen des Vorkommens dieser Strahlen im Sonnenspektrum dar¬
auf eingestellt.
Die roten und gelben Strahlen wirken ausser auf die Netzhaut
nur unbedeutend auf den Körper. Sie werden aber starke Reizmittel
für die übrigen Gewebe, wenn man diese mit Eisen, Chinin usw. in
Berührung bringt, wenn man sie sensibilisiert. Umgekehrt kann das
Licht andere Reizmittel unwirksam machen. In unserer Lichtheil¬
anstalt in Hohenlychen verabreichen wir gleichzeitig hohe Dosen von
Jod innerlich, sehen aber so gut wie nie Jodismus. Luft- und Sonnen¬
bäder verhindern ihn.
Gegen Sonnenlicht gibt es eine Idiosynkrasie. Albinos werden
krank davon, gewisse erblich veranlagte Menschen bekommen dar¬
nach Xeroderma pigmentosum, viele Menschen an den oft grellem
Licht ausgesetzten Körperteilen die „Landmanns- und Seemanns¬
haut“. Gegen Röntgenlicht soll es keine Idiosynkrasie geben. Stimmt
das wirklich?
&£/
III. Proteinkörper und ähnliche Reizmittel,
insbesondere Ameisensäure.
Die in der Ueberschrift genannten Reizmittel zeigen den Reiz¬
verzug in gekennzeichneter Weise, keines aber so ausgesprochen und
auffällig wie die Ameisensäure bei der Gicht und chronisch-rheumati¬
schen Erkrankungen. Der ältere K r u 1 1 u) beschreibt, dass nach Ein¬
spritzung von 0,1 bis 1 ccm einer Lösung 1 : 1000 bis 1 : 100 000 von
Ameisensäure die allgemeine und Herdreaktion nach etwa 6 Wochen
eintritt. Meiri Assistent Dr. A. Zimmer prüfte Kr u 11s Angaben
nach und konnte sie vollkommen bestätigen. Die Zeitdauer, nach der
die Reaktion eintritt, ist jedoch von mehreren Umständen abhängig:
1. Von der Höhe der Dosis und der Konzentration des Mittels. 2. Von
der Art der Erkrankung. Rheumatische reagieren früher als Gich¬
tische. 3. Vom jeweiligen Zustand des Erkrankten; man sieht auch
zuweilen schon wenige Stunden nach der Einspritzung einen heftigen
Anfall auftreten. 4. Gleichzeitig einwirkende andere Reize können
den Reizverzug unterbrechen, so starke Hitze, Wetterumschlag,
Verletzungen. Dasselbe verursachen gleichzeitig eingespritzte andere
Reizmittel (Proteinkörper, Yatren, Kieselsäure, Schwefel usw.). Hier
tritt nach wenigen Stunden die Reaktion ein, und zwar schneller und
heftiger, als wenn man Ameisensäure oder jene Mittel allein einge¬
spritzt hätte.
Der Reizverzug der Ameisensäure ist aber nicht nur bei
Kranken, sondern auch bei Gesunden bemerkbar. Allerdings
sind bei den letzteren sehr viel höhere Gaben notwendig.
Das zeigen sehr schön noch nicht veröffentlichte Selbstversuche
von A. Z i m m e r. Er spritzte sich 5 ccm einer 1 proz. Lösung
von Ameisensäure ein, ohne die geringste Wirkung zu ver¬
spüren; bei einem zweiten Versuch spritzte er 5 ccm einer
5 proz. Lösung ein, ohne dass in den nächsten 10 Tagen irgendwelche
fühlbaren Wirkungen verspürt wurden und ohne dass das Blut¬
bild sich wesentlich änderte. Vom 10. Tage ab entwickelte sich all¬
mählich eine allgemeine körperliche und geistige Abgeschlagenheit,
Schmerzhaftigkeit der Kniegelenke und Schlafsucht, Erscheinungen,
die Zimmer eine gewisse Zeit arbeitsunfähig machten. Der Krank¬
heitszustand hielt etwa 6 Wochen ziemlich unvermindert an, um dann
allmählich zu verschwinden. Dasselbe Krankheitsbild, nur weniger
ausgesprochen, beobachtete Zimmer gelegentlich auch bei Gelenk¬
kranken nach Anwendung kleiner Dosen.
(Nebenbei bemerkt: Die gänzlich verschiedene Wirkung der Ameisen¬
säure bei Kranken und bei Gesunden, je nach Höhe der Dose, je nach der
Krankheit, je nach dem augenblicklichen Zustand des Kranken, je nach ver¬
änderten äusseren Umständen usw. ist ein geradezu klassisches Beispiel für
die Richtigkeit der Lehre von Hugo Schulz über die Reizmittel.)
Als ein nach anderen Richtungen hin lehrreiches Beispiel von
Reizverzug erwähne ich den Reizablauf nach Einspritzung von art¬
fremdem Blut oder Serum. Bringt man dies in genügender Menge
in die Blutbahn, so sehen wir zunächst eine fast unmittelbare Vor¬
reaktion, die je nach der Höhe der Gabe mehr oder weniger stürmisch
ist, von der selten fehlenden flüchtigen Röte und Hitze im Gesicht,
oft verbunden mit Kreuzschmerzen, bis zu den schlimmsten soge¬
nannten „Transfusionserscheinungen“ (Atemnot, Speien von Schleim
und Blut, heftig vermehrte Peristaltik, Ohnmacht usw.). Diese Re¬
aktionen gehen schnell vorüber, etwa eine Woche später aber entsteht
nach scheinbar vollständigem Reizablauf die Serumkrankheit.
IV. Die Phosphornekrose.
Der Phosphor ist ein ausgesprochenes Reizmittel. Schon Georg
Wegner10), der die berühmten Versuche über den Einfluss des
Phosphors auf den Organismus anstellte, hatte das erkannt. Er hebt
hervor, das dieses Mittel in grossen Gaben zur Erkrankung führe,
in kleinen formativ reize. „Während dort Untergang, ist hier blei¬
bende Neubildung die Folge.“ Der Phosphor fügt sich also der Regel,
die Hugo Schulz für die Reizmittel aufgestellt hat; kleine Dosen
8) S. Kisch: Diagnostik und Therapie der Knochen- und Gelenk¬
tuberkulose, Leipzig 1921.
8) Krull: Ameisensäure und chronische Krankheiten. 5. Aufl. Mün¬
chen 1911 bei G m e 1 i n.
10) Der Einfluss des Phosphors auf den Organismus. Virch. Arch. 55. Bd.
2*
io08
MÜNCHENER MEDI ZIN1SCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31.
wirken umgekehrt wie grosse, jene erregen, diese lähmen oder töten.
Die Reizwirkung des Mittels bei der Phosphornekrose kann ausser¬
ordentlich lange verborgen bleiben. Im Jahre 1833 wurden in
Deutschland die ersten Phosphorzündholzfabriken gegründet, aber
erst 1838 wurde die erste Kiefererkrankung beobachtet. Das Hesse
sich natürlich am besten so erklären, dass erst die langjährige Ein¬
wirkung der Phosphordämpfe die Reizschwelle erreicht habe. Aber
es sind Fälle bekannt11), wo Arbeiter und Arbeiterinnen erst Jahre
nachdem sie die Herstellung von Phosphorzündhölzchen aufgegiben
hatten und inzwischen nie mehr mit Phosphor in Berührung gekom-
men waren, erkrankten. Die Krankheit, die ja bekanntlich gewöhnlich
nur die Kiefer befällt, wurde vor allen Dingen ausgelost durch Zahn¬
karies, Verletzungen und Schwangerschaften. Hier handelt es sich
also um einen ausserordentlich langen Reizverzug, der durch neue
Reize unterbrochen wurde.
Verletzungen können auch die Krankheit an Knochen auslosen,
die sonst nicht an Phosphornekrose zu erkranken pflegen. Emen
solchen Fall, der die Knochen des Beins betraf, beschreibt Wegner
in seiner erwähnten Arbeit.
V. Badekuren.
Im Anschluss an einen Vortrag über Reizbehandlung in der Klinik
machte mich einer meiner Assistenten, der aus der Gegend von
Wildbad stammt, auf eine sehr lesenswerte Arbeit von Schober.
„Wildbad und seine Heilquellen“12), aufmerksam, in der von den
dortigen Bädern nicht nur ähnliche, sondern gleiche Wirkungen be¬
schrieben werden, wie wir sie bei den eingespritzten Reizkorpern
sehen. Auf diese Uebereinstimmung wies ich in meinem Schlusswort
in der Aussprache über einen Vortrag über „Heilentzündung und neil-
fieber“ in der Berliner medizinischen Gesellschaft hin -) und er¬
klärte, dass ich demnach auch die Wildbader Kur als eine Reiz¬
behandlung auffassen müsse. Der Gedanke wurde von Schober )
und Gerönne”) weiter ausgeführt, und mein Assistent A. Zim¬
mer1®) zeigte, dass man künstlich mit Bädern in destilliertem \\as-
ser ganz ähnliche Reizwirkungen wie durch Proteinkörper usw. her-
vorrufen kann.
Wir sind deshalb wohl berechtigt, den Erfolg von gewissen
Badekuren auf Reizwirkungen zurückzuführen. Nun geben häufig
Badeärzte ihren Kranken, die bis zum Verlassen des Badeortes
keinen Heilerfolg verspürten, den Treust mit auf den Weg, dieser Er¬
folg werde erst später als Nachwirkung der Bäder auftreten. Diese
Behauptung soll man nicht, wie es häufig geschieht, belache, n,
denn es liegt ein grosses Stück Wahrheit darin. Nicht nur haben
oft urteilsfähige Kranke mir versichert, dass der Erfolg der Kur
zweifellos erst nach dem Verlassen des Bades eingetreten sei, son¬
dern ich habe mich selbst davon überzeugt, insbesondere auch nach
Kuren in Wildbad. Während wir nun oft beim Menschen den Reiz¬
verzug (z. B. beim Röntgenlicht und der Phosphornekrose) als Schä¬
digung sich auswirken sehen, so tritt er hier als Wohltat in die Ki¬
scheinung.
VI. Die Befruchtung.
Man glaubte früher, dass zur Befruchtung zwei Zellen verschie¬
dener Herkunft, Ei- und Samenzelle, notwendig seien und die Ver¬
schmelzung beider die Vorbedingung für das Entstehen eines neuen
Wesens sei. Man hielt also die Befruchtung für einen durchaus
„spezifischen“ Vorgang. R. Hertwig, Loeb und andere10) aber
zeigten, dass die allerverschiedensten chemischen und mechanischen
Reize Eier niederer Tiere zur Entwicklung bringen. Dasselbe gelang
durch thermische Reize, und zwar sowohl durch plötzliche Erwär¬
mung, als auch durch plötzliche Abkühlung. Man nannte das künst¬
liche oder experimentelle Parthenogenese. Bald darauf fand B a -
taillon, dass man eine parthenogenetische Entwicklung der Eier
eines Wirbeltieres, des Frosches Rana fusca verursachen kann, wenn
man sie mit einer scharfen Platinnadel vorsichtig ansticht und sie
dann mit Wasser übergiesst (Parthenogenese traumatique). Es tut
der grundsätzlichen Bedeutung der Entdeckung keinen Abbruch, dass
nur ein Teil der Eier sich soweit entwickelt, dass Larven ausschliipten
und nur ein ganz kleiner Teil es zur Metamorphose bringt.
Ausser der geschlechtlichen Befruchtung können also alle mög¬
lichen chemischen und mechanischen Reize das Ei, das sonst schnell
abstirbt und verfault, vor dem Absterben bewahren und zur Weiter¬
entwicklung erregen. Allerdings vermag, wenigstens beim Wirbel¬
tier, nur die natürliche Befruchtung gesunde und daseinsfähige Aresen
zu erzeugen und nur die Amphimixis, die Verschmelzung der väter¬
lichen und der mütterlichen Zelle das Erbgut der Art zu übertragen,
was uns hier nicht interessiert. Wichtig ist auch, dass derselbe Reiz
das Ei gleichzeitig zu den drei Formen der lätigkeit erregt, aie
Vircho w mit Funktion, Nutrition und Formation bezeichnet hat. ■
«) Solche Fälle sind beschrieben bei: a) Jost: Zur Phosphornekrose.
Bruns’ Beitr. 12. Bd. b) v. Schulthess-Rechberg: Ueber Phosphor¬
nekrose und den Ausgang ihrer Behandlung. Inaug.-Diss., Zürich 1 879.
c) Riedel: Ueber Phosphornekrose. Verhandl. d. D. Oes. f. Chir.,
25. Kongress, d) v. Biebra und Geist: Die Krankheiten der Arbeiter
in den Phosphorzündhölzchenfabriken. Erlangen 1847.
12) B.kl.W. 1921, Nr. 13, S. 307. ^ ...
13) Heilentzündung und Heilfieber im Lichte der Balneologie. D.m.W.
1922 Nr. 14.
u) Zur Proteinkörpertherapie der Gelenkerkrankungen. Allgem. med.
Zentralztg. 1921 Nr. 32/33. . , _ , ,
16) Zur Schwellenreiztherapie der chronisch-rheumatischen Gelenk- und
Muskelerkrankungen Allgem. med. Zentralztg. 1922 Nr. 27/28.
lB) S. O. Hertwig: Allgemeine Biologie. 4. Auflage, Xll. Kap.
S. 359. Jena bei Fischer.
Die Aehnlichkeit der Befruchtung mit der Erregung der Regeneration ist
schon frühzeitig den Forschern aufgefallen und hat dazu geführt, dass man
zwischen beiden Vorgängen Parallelen gezogen hat. die darin gipfe n dass
Verletzungen beide hervorrufen. So ist es eine in der Biologie jetzt weit
verbreitete Ansicht, dass die Entwicklung des Eies durch die beträchtliche
Verletzung, die der Samenfaden ihm zufügt, eingeleitet wird. Diese Ansicht
haben schon vor langer Zeit Bataillon und O. H e r t w 1 g ausgesprochen,
ln einseitiger Weise hat neuerdings der Botaniker H ab erlandt beide
Vorgänge gleichgestellt. Er wies experimentell nach1*), dass bei Ver¬
letzungen von Kohlrabi- und Kartoffelknollen der Wachstumsrciz auf die
Zellen, die den Wundkork bilden, von Zellnekrosen ausgeht Die Zer¬
setzungsprodukte der getöteten Zellen der Siebröhren erregen die Speicher¬
zellen zur Teilung und zur Bildung des Wundkorkes. H a b e r 1 a n d t nen.it
diese wirksamen Zersetzungsprodukte der Zellen Wundhormone. Schon vor
Habcrlandt habe ich18) auf die Notwendigkeit hingew.esen, Regenera-
tionshormone beim Menschen anzunehmen. Haberlandts nntuecKUiik
der Wundhormone der Pflanzen hat nun in den Köpfen einiger Mediziner,
die die einschlägigen Verhältnisse oberflächlich betrachteten, grosse er-
wirrung angerichtet. Sie sahen darin den experimentellen Beweis der An¬
nahme von Regenerationshormonen, sie haben aber den grundsätzlichen
Unterschied zwischen beiden übersehen. Ganz abgesehen davon, dass der
Mensch etwas anderes ist, als eine Kartoffel- oder Kohlrabiknolle, erzeugt
Haberlandt keine wahren Regenerate, die ich beabsichtige, und die
allein erstrebenswert sind, sondern Narben. Es sollte aber eigentlich
Medizinern nicht unbekannt sein, dass Zellnekrosen. Fremdkörper, die Ein¬
flüsse der Ausscnwelt (Luft, Wasser) und andere als Schädlichkeiten ein¬
wirkende Dinge Narben hervorrufen, die ich gerade vermeiden will und dass
die Narbe um so schlechter wird, je mehr Nekrosen auf die Wunde ein¬
wirken. [Vgl. meine Arbeiten: Beobachtungen über Regeneration beim
Menschen IX. Abh., Falsche Regeneration: b) die Narbe j ) und Re¬
generation und Narbenbildung in offenen Wunden usw. - )|. Will man wahre
Regenerate erzielen, so muss man neben anderen Schädlichkeiten vor allem
auch die Zelluckrosen möglichst hintanhalten, was nicht ausschliesst. dass Zell-
nckrosen in kleinsten Mengen an der Erzeugung wahrer Regenerate solche
in grösserer Menge bei der Erzeugung von Narben, mitbeteiligt sind. (Im Ein¬
klang mit dem Arndt-Schulz sehen Gesetze von der entgegengesetzten
Wirkung schwacher und starker Reize.) Deshalb ist die Bezeichnung von
Zerfallsprodukten von Zellen, die das Gegenteil des wahren Regenerates.
ein schlechtes Ersatzgewebe, das wir Narbe nennen, hervorrufen, als Hormone
beim Menschen durchaus nicht gerechtfertigt. . Wir sind gewohnt Hormon
solche Reize zu nennen, die „spezifische“ Wirkungen ausuben. Ich zeigte
nun dass von der verletzten Sehne ein Reiz ausgeht, der1 Sehnen, vom
Knochen ein solcher, der Knochen, und zwar in der ursprünglichen Form
und mit der ursprünglichen Funktion hervorruft usw. Also von jedem ver¬
letzten Organe geht der „spezifische“ Reiz aus, der die gesetzte Wunde
oder sogar metaplastisch Naclibargewebe zur Erzeugung des wahren Re-
generates erregt. Das sind wirkliche Hormone. Gröbere Zellnckrosen da¬
gegen gehören zu den Reizen, die auch beim Menschen, wie in Haber-
1 an d t s Pflanzenversuchen, Narben hervorrufen. Die Narbe des Menschen
ist aber nach meiner Meinung eine Krankheit -1). So kämen wir denn zu
der Auffassung, dass es Krankheitshormone gibt. Die praktische Uebertragung
dieser Versuche auf den Menschen, die man schon vorgenommen hat ist also
widersinnig. Man erzielt damit derbe Narben, die man gerade möglichst ver-
" ^'h'u b°e r /a n d 23) zog nun ebenfalls die Paraljele zwischen der Pei¬
lung von Körperzellen und insbesondere der Wundheilung auf der einen und
der Befruchtung, und zwar sowohl der natürlichen Befruchtung wie de
künstlichen Parthenogenese auf der anderen Seite und suchte die letztere nnt
seinen Versuchen über Wundhormonc in Uebereinstimmung zu bringen. Er
nimmt an, dass sich die befruchtete Eizelle deshalb teilt weil sie beim Ein¬
dringen der Samenzelle mechanisch verletzt wird und teilungsausloocnde
Wuiidhormone erzeugt werden, die als Nekroliormone, d. h. als Reizstoh
entstanden aus abgestorbenen Teilen der verletzten Eizelle und der ein¬
gedrungenen Samenzelle zu denken sind.. . ll
Ganz ähnliche aber noch viel weitergehende Anschauungen, wie sie
Haberlandt vertritt, hatte auch ich früher. Ich sprach einmal den /.t •
Setzungsprodukten des menschlichen Körpers, als selbstregulierenden Reiz¬
stoffen, die fast alleinherrschende Bedeutung für alle Tätigkeiten d s Lebens
nämlich, um bei Virchows Einteilung zu bleiben, für Funktion, Nutntnn.
und Formation zu. Diese Anschauung ging ursprünglich aus von den BeoD-
a-htungen, die ich bei der Tierbluttransfusion-1) machte. Sie fusste .ernei
auf Beobachtungen von Pflüge r.W e i g e r t u. a Wie lchhi‘n :
Abhandlung „Reiz und Reizbarkeit“ -J) ause.nandergesetzt habe bin ich voi
dieser einseitigen Anschauung abgekommen. Ich konnte für diesen Wechse
in der Anschauung ausser den dort aufgefuhrten noch zahlreiche ande
Gründe Vorbringen; das will ich mir aber lieber aufsparen bis auf eine den
nächst erscheinende Abhandlung über den formativen Reiz, und hier nu
feststellen, dass ich nach langjähriger und besonders vielseitiger Erfahrun,
17) H a b e r 1 a n d t: a) Zur Physiologie der Zellteilung. Sitzungsbericht'
der Preuss. Akademie der Wissensch. 1921, 8. b) Wundhormone als Errege
von Zellteilungen. Berlin bei B o r n t r ä g e r 1921 und eine Reihe neuere
Abhandlungen^ Beobachtungen über Regeneration beim Menschen. 11. Abi
DmW 1917 Nr. 27 — 30 und eine Reihe der diesen folgenden Arbeiten.
'“) D.m.W. 1918 Nr. 1.
-°) B.kl.W. 1917 Nr. 9 u. 10. ......
21) Ich mache wiederholt darauf aufmerksam, dass die Narbe im noi.
malen Körper nirgends vorkommt. - ‘
«) Rh kann hier auf diese Verhältnisse nur ganz oberflächlich eingehe
und behalte mir ihre genauere Erörterung für eine Arbeit über formattv
Reize, die demnächst erscheinen soll, vor. _ ...
23) Haberlandt: Ueber Zellteilungsformen und ihre Beziehungen zu
Wundheilung, Befruchtung, Parthenogenesis und Adventivembryonen. BiOl
Zbl’ “fßiVr: Die Transfusion von Blut, insbesondere von fremdartige:
Blut usw. M.m.W, 1901 Nr. 15.
2B) M.m.W. 1921 Nr. 46 u. 47.
August 192.^.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1009
iuf diesem Gebiet zu der V i r e li o w sollen Erklärung, der den Reiz als
.'ine Störung der Zelle auffasst, zurüdkgekehrt bin. Nur dieser Aus¬
druck wird allen Tatsachen gerecht. Man kann osmotische, elektrische usw.
Störungen machen, am besten aber spricht man ganz allgemein von Gleich¬
gewichtsstörungen. Eine solche Störung braucht noch keineswegs, wie das
’ f 1 ü g e r und Weigert für die funktionelle Hypertrophie und für die Zell-
cilung bei der Bildung neuen Gewebes und neuerdings Haberl andt nur
ür die letztere annehmen, eine Schädigung zu sein 20). Diese und insondcr-
leit die Zellnekrose ist nur eine unter den vielen möglichen Störungen, aller-
lings eine ausserordentlich verbreitete. Es ist aber dafür gesorgt, dass das
ebende Wesen wegen der wechselnden Einflüsse der Aussenwelt und der
ortwährend in seinem Innern stattfindenden Zersetzungen fortwährend sol-
hen Störungen ausgesetzt ist. Ohne sie gibt es kein Leben, denn ohne sie
mdet keine Zellteilung, kein Wachstum, keine Ernährung, keine Verrichtung
;tatt. Also ist es widersinnig, alle diese Störungen als Schädigungen zu
'ezeichncn. Ebenso verkehrt aber ist es, w enn V e r w o r n *7) u. a. an-
lehmen, dass es ein Optimum für den Körper gibt, wo er reizlos ist. Reiz¬
losigkeit ist, wenigstens beim höheren Wesen, gleichbedeutend mit Tod.
Aus diesen weitläufigen Erörterungen wollen wir das für uns
Wichtige dahin züsammenfassen, dass der Befruchtungsvorgang als
^eizwirkung aufzufassen ist. Die Erregung, die der Reiz der Be-
ruchtung hervorruft, wirkt erstaunlich lange; sie kann beim Men-
.chen 80 Jahre und länger dauern. Durch diese Betrachtungen ge-
vinnen wir ein überaus fruchtbares und bis jetzt nur wenig be-
irbeitetes Gebiet von unabsehbarer Weite. Denn die Befruchtung
ind ihre Folgen sind in der so sehr verschiedenartigen und doch nach
inheitlichem Plane aufgebauten organischen Welt ausserordent-
ich mannigfaltig und geben die Möglichkeit, übereinstimmende und
oneinander abweichende kennzeichnende Merkmale des Reizes be-
onders gut zu studieren.
,) Die Befruchtung und Entwicklung des Reh eie s.
Die Tragzeit der Tiere richtet sich im allgemeinen nach ihrer
irösse. Deshalb wunderten sich die Jäger, dass das kleine Reh,
lessen Brunft sich von Mitte Juli bis Anfang August abspielt, sem
Calb etwa zur selben Zeit setzt, wie der verwandte grosse Hirsch,
lessen Brunft von Mitte September ab bis etwa zum 10. Oktober,
Iso 2 Monate später, verläuft. Ferner war schon den alten Jägern
'ekaunt, dass man vor Ende Dezember keine Veränderungen an den
veiblichen Rehen vorfindet, die auf Trächtigkeit schliessen lassen.
Yegen dieser Beobachtungen nahm man für das Rehwild zwei
irunftzeiten an, eine falsche Ende Juli und Anfang August und eine
ivalire im Dezember28). Des Rätsels Lösung brachte Bischoff29).
:r fand, dass die befruchteten Eier der Rehe von Mitte August bis
:nde Dezember im Uterus liegen bleiben, ohne sich weiter zu ent¬
wickeln. Nach Blschoffs Untersuchungen furcht sich auch das
efruchtete Rehei im Eileiter, aber seine Zerlegung in Furchungs¬
ellen sollte wieder rückgängig werden, sein Inhalt sich wieder in
er Zona pellucida verteilen und dann eine Ruhepause von
'/-> Monaten eintreten. Der Uterus verändert sich während dieser
leit nicht, so dass man meint, das Tier sei nicht trächtig. „Allein
lötzlich nach Mitte Dezember fängt das Ei mit derselben Schnellig-
eit des Fortgangs der Entwicklung, wie bei allen übrigen Säuge¬
ieren und namentlich Wiederkäuern an, sich zu entwickeln, und
war so, dass in der Zeit von 21—25 Tagen alle Teile des Eies und
;lle Organe soweit gebildet sind, dass sie fortan bis zur Geburt nur
och eine Vergrösserung erfahren.“ 45 Jahre lang galten diese Be-
bachtung^n Bischoffs, bis K e i b e 1 30) und sein Schüler
■ a k u r a i 31) zeigten, dass die Sache sich doch etwas anders ver-
ält. Eine völlige Ruhezeit des Reheies von August bis Dezember
egt nicht vor, denn man beobachtet auch während dieser Zeit Kern-
-•ilungen. Aber das Ei entwickelt sich in den ersten A'A Monaten
usserordentlich langsam; es macht einen Entwicklunggang durch,
en das Ei des Schafes und des Schweines in höchstens 4 — 5 Tagen
urchläuft. Ferner fehlt während der ganzen Zeit der scheinbaren
iruhe der hormonale Reiz der Schwangerschaft, der den Körper
er Mutter umgestaltet.
Andere Beispiele von Verzug des Befruchtungsreizes sind bei
öfteren Tieren nicht bekannt, wohl aber bei Insekten.
b) Der Keimverzug der Pflanzensamen.
Wie bei den Tieren, so ist auch bei den Pflanzen nur das durch
en Reiz der Befruchtung erregte Ei lebensfähig. Die nicht be-
uchteten Samen gehen zugrunde; bei Feuchtigkeit und Wärme
erschimmeln oder verfaulen sie schnell, während die Befruchtung
nter denselben Einflüssen die Samen anregt, chemische Stoffe zu
ilden, die das Wachstum zesrtörender Pilze verhindern und sich
u entwickeln.
Bezüglich der Erhaltung der Keimfähigkeit und des Beginns der
eimung aber gibt es bei den Pflanzen die grössten Unterschiede.
2') Vgl. Orth: Rückblicke. Virch. Arch. 200. Bd.
■') V e r w o r n: Allgemeine Physiologie.
‘0 v. R a e s f e 1 d: Das Rehwild. Berlin bei P a r e y.
Bischoff: Entwicklungsgeschichte des Rehes. Giessen 1854.
) K e i b e 1 : a) Zur Entwicklungsgeschichte des Rehes. Verhandl. d.
iat. Ges., Tübingen 1899. b) Frühere Entwicklungsstadien des Rehes und
ic Gastrulation der Säuger. Verhandl. d. anat. Ges., Bonn 1901. c) Die
ntwicklungsgeschichte des Rehes bis zur Anlage des Mesoblast. Arch.
Anat. u. Physiol., Anat. Abt. 1902.
) Sakurai: Normentafeln zur Entwicklungsgeschichte des Rehes in
eibels Normentafeln zur Entwicklungsgeschichte der Wirbeltiere, 6. Heft,
na bei Fischer.
Ich will sie hier nur kurz schildern, wie sie mir aus meiner prak¬
tischen Beschäftigung mit der Forstwirtschaft geläufig sind, und
einiges aus der Literatur hinzufügen: Die Feldrüster (Ulmus cam-
pestris) blüht Ende März; Ende Mai fällt der reife Samen ab. Sät
man ihn zu dieser Zeit, so geht er, vorausgesetzt, dass ihm reichlich
Feuchtigkeit zugeführt wird, binnen 1—3 Wochen zu 30—40 Proz.
auf (die Feldrüster beansprucht eine hohe Bodenfeuchtigkeit, ähnlich
wie die Esche). Der Samen verliert aber bald seine Keimfähigkeit,
d. h. mit anderen Worten, er stirbt schnell ab. Schon von dem im
August in die Erde gebrachten Samen geht nur ein geringer Prozent¬
satz auf, nach einem halben Jahre nichts mehr.
Die Kiefer (Pinus silvestris) blüht im Mai und Juni; bis zur Reife
des Samens vergehen fast 2 Jahre. Die warme Märzsorme lässt als¬
dann die Zapfen springen und die reifen geflügelten Samenkörner
werden durch den Wind verweht. Fliegen sie auf geeigneten Boden
an, oder sät sie der Forstmann, so gehen sie bei genügender Feuchtig¬
keit in 3 — 5 Wochen auf. Bei beiden Baumarten also entwickelt sich
sofort nach der Reife der gesäte Samen weiter, wenn ihm die nötigen
Bedingungen, im wesentlichen Wärme und Feuchtigkeit, geboten
werden. Wir sehen also von der Befruchtung zur Zeit der Blüte
bis. zum Aufgehen und zum selbständigen Wachstum des Sämlings
eine ununterbrochen fortlaufende Entwicklung, die bei der Rüster
schnell, bei der Kiefer langsam erfolgt. In folgender Richtung aber
finden wir zwischen den beiden Bäumen schon einen grossen Unter¬
schied; der Feldrüstersamen muss schnell in die Erde gebracht wer¬
den; schon bald nach der Reife lässt seine Keimfähigkeit nach, und
schon nach einem halben Jahre ist sie erloschen. Wir kennen kein Mit¬
tel, sie zu erhalten. Dem Kiefernsamen dagegen kann man lange Jahre
seine Keimfähigkeit bewahren. So hielt sich der von der Forst¬
akademie Eberswalde in versiegelten Glasflaschen bei Keller¬
temperatur aufbewahrte Kiefernsamen noch 8 — 10 Jahre (und wahr¬
scheinlich noch länger) vollkommen keimfähig32). Hier ist also ein
Keimverzug künstlich durch eine besondere Behandlung des
Samens, d. h. durch äussere Ursachen hervorgerufen.
Zur Keimung nötige Bedingungen sind in grosser Anzahl
bekannt. Die wichtigste davon ist die Quellung durch Wasser.
Trocken aufbewahrter Samen keimt nicht. Ebenso benötigt
er zur Keimung Sauerstoff und Wärme, die für die ver¬
schiedenen Arten sehr verschieden hoch sein muss. Jeder
Samen hat sein Wärmeoptimum. Einzelne keimen nur bei
niederer Temperatur. Das gilt für alle Arten von Samen. Daneben
aber verlangen die einzelnen noch ganz besondere Bedingungen; die
einen keimen nur im Licht, die anderen nur im Dunkeln; einzelne ver¬
langen bestimmte chemische Einwirkungen, z. B. Stoffwechselpro¬
dukte von Bakterien, viele im Norden oder in grosser Höhenlage wach¬
sende Samen ein starkes Durchfrieren. Die einen Samen wollen zum
Keimen mit viel, die anderen mit ganz wenig Erde bedeckt sein. Auch
die Luftelektrizität scheint eine Rolle zu spielen. Beseitigt man eine
oder mehrere dieser für alle oder einzelne Arten notwendigen Be¬
dingungen, so verursacht man in dem einen Fall (Rüstersamen) Ab¬
sterben, im andern Fall (Samen von Kiefern und den meisten anderen
Bäumen) Keimverzug. Diese Erfahrungen sind für Forst- und Land¬
wirtschaft und für die Gärtnerei von hoher praktischer Bedeutung.
Näher kann ich darauf nicht eingehen und verweise auf die Lite¬
ratur 33).
Wielange man durch Aenderung der äusseren Bedingungen bei
vielen Arten von Pflanzensamen den Keimverzug ausdehnen kann,
ist nur zum Teil bekannt. Sicher aber gelingt es für viele Jahre.
Zwar beruhen die märchenhaften Angaben von jahrhunderte- bis jahr¬
tausendlangem Keimverzug zweifellos auf Schwindel; so die Behaup¬
tung, dass Weizen aus den Pharaonengräbern und Samen aus dem in
England aufbewahrten Herbarium Linnes sich noch bis vor weni¬
gen Jahren keimfähig erhalten hätten. Aber auch die sicheren Be¬
obachtungen sind erstaunlich genug. Ich erwähne ein in der botani¬
schen Literatur mehrfach angeführtes Beispiel: Peter sah auf
einem Waldboden, der 46 Jahre vorher Ackerland gewesen war,
sofort eine Reihe von Ackerunkräutern aufgehen, als die Bedingungen
für ihr Keimen hergestellt waren. Liese teilt mir folgendes mit: Ein
Forstmann sah beim Abtreiben eines 40 jährigen Waldbestandes im
folgenden Jahre überall die gelbe Lupine aufgehen, die auf dem ehe¬
maligen Ackerlande vor 40 Jahren ausgesät war. Die Begründung
des Waldbestandes hatte die Bedingungen für das sofortige Aufgehen
der Lupinen ausgeschaltet. Der Samen machte also einen Keimverzug
von 40 Jahren durch. Aehnliche Beobachtungen von jahrzehntelangem
Keimverzug hat man besonders bei Leguminosen öfter gemacht.
Auch bei so langem Keimverzug handelt es sich aber keineswegs
um vollständige Ruhe. Leben, wenigstens bei höheren Pflanzen und
Tieren, ist ohne Stoffwechsel nicht denkbar. Einen solchen hat man
denn auch bei langdauerndem Keimverzug nachgewiesen, nur ist
dieser äusserst geringfügig (Vita minima).
32) Ich verdanke diese Mitteilungen Forstmeister Prof. W i e b e c k e
und Forstbotaniker Dr. Liese in Eberswalde. Dem letzteren Herrn bin
ich ausserdem noch für wichtige Auskünfte, insbesondere für Literaturnach¬
weis zu Dank verpflichtet.
33) a) N o b b e, Handbuch der Samenkunde, Berlin 1876 bei Wiegandt,
Hempel und Parey. b) Detmer: Vergleichende Physiologie des Keimungs¬
prozesses. Jena 1880 bei Fischer, c) v. Tubeuf: Samen, Frucht und Keim¬
linge. Berlin 1891. — d) Molisch: Pflanzcnphysiologie. 5. Aufl. Jena
1922. e) Kinzel: Frost und Licht als beeinflussende Kraft bei der Samen¬
keimung. Stuttgart 1913.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31.
1010 _ _ _ _ -
Bemerkenswert ist. dass durch den Keimverzug das Leben der
sonst einjährigen gelben Lupine auf mindestens 40 Jahre und wahr
scheinlich noch auf viel längere Zeit ausgedehnt werden kann
Neben den äusseren Ursachen des Keimverzugs gibt es aber auch
innere die auf Vererbung beruhen. Die Herbstsaat unserer Esche
1 Fraxinus excclsior 34)] liegt bis zum übernächsten Frühjahr über.
Sie lässt sich aus ihrer Keimruhe nicht erwecken. Ebensowen ig ge-
wisse Koniferensamen “). Mit dem Samen der Rotbuche (ragus
silvatica) habe ich zufällig selbst Erfahrungen gemacht. Ich wollte
die Güte mir angebotenen Saatgutes, das ich benötigte, im Herbst
durch die Keimprobe, wie man sie z. B. bei Kiefernsamen durch Dar¬
bieten von Wärme und Feuchtigkeit anstellt, prüfen. Da nur etwa
1 Proz. der Buchein aufliefen, lehnte ich das Saatgut ab. Im nächsten
Frühjahr, zu derselben Zeit, wo auch im Freien die Buchein keimen,
lief meine Versuchssaat mit dem Rest der Buchein auf. Durch d
Unkenntnis des ererbten Keimverzugs der Rotbucheln verpasste ich
ein mir sehr wertvolles Saatgut (Buchelmast gibt es nur selten) und
erlitt einen grossen Schaden. . . , .. s . v.im
Nahe verwandte Pflanzenarten verhalten sich bezüglich des Keim¬
verzugs sehr verschieden. Die Eicheln einer unserer beiden Eicheii-
arten die der Traubeneiche (Quercus sessiliflora), keimen schon im
Herfet am Baume oder sleich nach dem Abfall., die de r nahe ver.
wandten Stieleiche (Quercus pedunculata), die sich .mit .der erstercn
oft und leicht verbastardiert, erst im nächsten Frühjahr. Aehnliche
Reisniele gibt es in grosser Zahl.
Sogar die einzelnen Bäume derselben Eichenart zeigen eine er¬
hebliche Verschiedenheit des Keimverzugs, wie nur der bekannte
Eichenforscher Forstmeister S e i t z mitteilte. Es ^bt also in der
selben Art noch verschiedene Rassen mit besonderer erblicher V
anlagung.
Ich habe für den Reizverzug nur einzelne hervorstechende Bei¬
spiele aus den verschiedensten Gebieten der Biologie aus ge wählt.
Ich könnte sie ohne Mühe häufen. Die diphtherische Lähmung, ge¬
wisse Inkubationen bei Infektionskrankheiten und viele andere Vor¬
gänge lassen eine ähnliche Betrachtung zu. .
Eine nähere Einsicht in diese Verhältnisse gewinnen wir vor
allem durch den Reizverzug der Befruchtung. Wir wissen, dass hier
der Keimverzug durchaus keine völlige Keimruhe bedeutet, dass
also die Erregung der Befruchtung fortdauert. Es wird nur die
schnelle Entwicklung der Frucht bis zur Reife und l die abermals
schnelle Entwicklung des Keimlings zum neuen selbständigen Lebe¬
wesen durch eine Zeit scheinbaren Stillstandes unterbrochen, die
beim Rehei 4% Monate beträgt, bei gewissen Pflanzensamen Jahr¬
zehnte dauern kann. Bei vielen der letzteren ist der Keimverzug
bedingt durch äussere Einwirkungen (Trockenheit, Licht, Dunkel¬
heit, Wärme, Kälte .usw.), die in den natürlichen Einwirkungen der
Aussenwelt beruhen, die man aber auch weitgehend künstlich schaffen
kann. Es gibt aber auch innere vererbte Ursachen, wie beim Eschen¬
samen. Hier bleibt der Embryo trotz der verschiedensten Einwir¬
kungen, die sonst die Keimung begünstigen, von der Aussaat bis zur
Keimung äusserlich unverändert. Er war aber wahrend dieser Zei
keineswegs untätig, denn er hat in ihr grosse chemische Verände¬
rungen erfahren. So sind die Proteinkörper verschwunden, wahrend
Stärkekörner in reichlicher Anzahl aufgetreten sind. Man nimmt an,
dass bei dieser chemischen Umänderung im Samen hemmende
Hormone entstehen, die die Weiterentwicklung des. Embryos ver¬
hindern Aehnlich dürften sich die scheinbar ruhenden Reheier ver¬
halten. Den Keimverzug sieht man als eine zweckmassige Anpassung
an die Verhältnisse der Aussenwelt an, die das Aufgehen und das
Weiterleben der jungen Pflanzen ermöglicht.
Aber noch etwas grundsätzlich Wichtiges zeigt der Keimverzug
der Pflanzensamen: Durch die verschiedensten neu hinzutretenden
Reize kann man ihn bei den . meisten Arten unterbrechen und eine
schnellere Entwicklung in die Wege leiten. Land- und Forstwirtschaft
machen von diesem Verfahren ausgiebigen Gebrauch.
Aehnlich liegt die Sache bei den meisten anderen Formen des
Reizverzugs. Er wird durch neu hinzutretende Reize nicht nur unter¬
brochen, sondern der ursprüngliche Reiz, der sonst für immer un¬
wirksam geblieben oder erloschen wäre, kann die schwerwiegendsten
Folgen nach sich ziehen, die beim Menschen meist eine grosse Schä¬
digung bedeuten. So entstehen die Schädigungen, die Monate nach
der Röntgenbestrahlung auftreten, zweifellos häufig durch neue Reize,
besonders durch Verletzungen. Ich habe zwei solche Falle gesehen:
1 Ein 27 jähriger Mann wurde wegen einer Magenerkrankung mit Rönt¬
genlicht teils durchleuchtet, teils photographiert: Im Januar 1919 einmal, im
Februar 1919 dreimal, im April 1919 dreimal, im Mai 1920 dreimal. 14 Tage
später einen ganzen Tag lang jede Stunde, 2 Tage darauf zweimal, un
Februar und Oktober 1922 dreimal. Am 8. November 1922 wurde die Gastro¬
enterostomie bei ihm ausgeführt. Die Wunde heilt p. p. i.. doch brach die
Narbe am 29. November 1922 wieder auf. Es bildete sich ein grosses üe-
schwür mit schmierigem Belage, das durchaus das Aussehen eines Röntgen-
Geschwüres hatte, mit dem es auch die Schmerzhaftigkeit und die schwierige
Heilung gemein hatte. Erst am 15. II. 23 war das Geschwür geheilt.
3i) Lakon: Beiträge zur forstl. Samenkunde. II. Zur Anatomie
und Keimungsphysiologie des Eschensamen. Naturw. Zschr. f. Forst- u.
Landwirtsch. 9. jahrg. 1911. _ . , .
35) Lakon: Beiträge zur forstl. Samenkunde. I. Der Keimvorgang bei
den Koniferen- und hartschaligen Leguminosensamen. Ebenda 9. Jahrg. 1911.
Und: IV. Zur Anatomie und Keimung einiger Koniferensamen. Ebenda
10. jahrg. 1912.
2 Ein 49 jähriger Mann wurde seit dem Jahre 1903 wegen Pso””'s
Röntgenlicht im ganzen etwa 50 mal bestrahlt, und zwar am
Knip nnri am Unterschenkel. 1913 stiess er sich am rechten UnterschenKei.
An dieser Stelle entwickelte sich ein schmerzhaftes Geschwür, das nicht
wieder heilte Da der Kranke 1895 syphilitisch erkrankt war. wurde es iür
syphilitisch gehalten. Aber lange antisyphilitische Behandlung war wirkungs¬
los In letzter Zeit verschlimmerte sich das Geschwür. Am 9. 111. 1922 Kam
der Kranke in unsere Klinik, weil er am Tage vorher eine Spontaniraktu
des Schienbeines erlitten hatte. An der V«rdersfedateVhfenbGn Über¬
schenkels sass ein grosses Krebsgeschwur, das au* ^^^^f nicht an
gegriffen und diesen Knochen gebrochen hatte. Der Mann btt
Krampfadern, die Wassermann sehe Reaktion war negativ.
Wir sehen, dass die Leute, die ihre Arbeit in Zundholzfabriken
schon seit Jahren aufgegeben hatten, an Phosphornekrose erkrank¬
ten, wenn sie Verletzungen erlitten oder kariöse Zahne bekamen 1
und wenn Weiber schwanger wurden. , 7 .
Ich verweise ferner auf die Erfahrungen, die Krull und Zim¬
mer bei der Anwendung der Ameisensäure ™ach%n-
der Leser zahlreiche Berührungspunkte bei dem Verzug der aller¬
verschiedensten Reize finden, die beweisen, dass es sich hier um
gesetzmässige Vorgänge handelt. Es erübrigt sich deshalb, naher |
darauf wahrscheinliCh, dass der Erfolg der Badekuren, der
erst nach der Abreise der Kranken aus den Kurorten eintritt, häufig
dem Klimawechsel als neuen Reiz zuzuschreiben ist, der den Reiz-
verzug unterbricht. Denn ich habe mehrfach darauf hingewiesen,
dass Wechsel von Klima und Witterung ganz gewaltige Reizmittel I
sind, die den Körper sowohl im günstigen, wie im ungünstigen binne
Nach alledem sollte man in der praktischen Medizin den Reiz¬
verzug sorgfältig beobachten und erforschen. Durch seine Kenntnis
kann der Arzt auf der einen Seite Schaden verhüten und auf der
anderen Heilungen oder Besserungen, die sonst ausbleiben wurden,
insbesondere durch Hinzufügen neuer Reize, herbeiführen. .
Diese in der Natur ausserordentlich verbreitete Erscheinung
empfehle ich, Reizverzug zu nennen, da der Name Keimverzug, der
nur eine Sonderart des ersteren darstellt, in der wissenschaftlichen
Botanik und insbesondere auch in ihren praktischen Anwendungs¬
gebieten, in der Forst- und Landwirtschaft und in der Gärtnerei all¬
gemein eingeführt ist. Ausserdem kennzeichnet dieser Name die
Vorgänge besser als andere, wie z. B. „Verborgenbleiben oder
Latenz des Reizes“. _
Dosierungsfragen.
Hugo Schulz zum 70. Geburtstag.
Von M. CI oetta- Zürich.
Sie scheint so einfach und ist doch so ausserordentlich kompli¬
ziert: die Dosierung eines Medikamentes im speziellen Fall. Die
vielen Sünden, die sich in dieser Richtung in der Praxis anhäuften,
haben H. Schulz veranlasst, bei seinen oligodynamischen Ver¬
suchen am Menschen stellenweise ins andere Extrem zu fallen, als
Ausdruck einer heilsamen Reaktion, für welche wir ihm dankbar sein
können. Durch seine stetigen Reizschwellenpredigten ist auch unsere
mentale Reizschwelle für Dosierungen etwas sensibler geworden.
Die vielen Befürworter, welche neuerdings dem Arndt-Schulz -
schen Gesetz entstanden sind, sollten sich aber davor hüten, dasselbe
übereifrig zu Tode zu hetzen; denn dasselbe kann sich naturgemass
nur auf solche Stoffe beziehen, bei denen eine Reizwirkung überhaupt
sich nachweisen lässt. ...
Der Arzt, welcher ein Medikament proportional den Gewichts¬
verhältnissen des Kranken verordnet, glaubt schon eine besonders
gute Zensur verdient zu haben. Und doch wie stümperhaft ist die
Dosierung, wenn man nicht auch die Veränderungen, die das Medika¬
ment im Körper erfährt, und die Reaktionsfähigkeit des Individuums
berücksichtigt. Wenn wir einem Kranken Digitalis verordnen, so
haben wir keine Gewähr dafür, was er quantitativ und qualitativ
faktisch bekommt. Von den Säureverhältnissen und der Aufenthalts¬
zeit im Magen hängt es ab, wieviel von den wirksamen Glukosiden
gespalten wird. Durch diese Spaltung wird aber nicht nur die Dosie¬
rung illusorisch, sondern es können dabei auch Produkte entstehen,
die ganz anders wirken. Gegen diese Vorgänge könnte die parenterale
Verabreichung schützen, aber auch dann bleibt, wie bei jedem Medi¬
kament, die variable individuelle Reaktionsfähigkeit bestehen. Wenn
man die Wirkungslosigkeit der Digitalis beim fiebernden Pneumo-
niker, gemessen an der Pulszahl, dazu benutzt, dem Unglücklichen
möglichst hohe Dosen einzuschütten, so ist das ebenso fehlerhaft, wie
wenn man eine Herzdilation mit den kleinen Dosen beseitigen will,
welche unter Umständen eine! Arhythmie korrigieren.
Meist auch kann die Reaktionsschwelle eines Kranken durch
klimatische Einflüsse und durch Badekuren verändert werden. Die
Haut als äusserst wichtige ektodermale Anlage spielt bei solchen Aen-
derungen eine sehr wichtige Rolle. Für eine Reihe von Medikamenten
kann man die Beobachtung machen, dass die Kranken anders auf die
gewohnten Dosen reagieren, wenn sie sich im Hochgebirge oder atr
Meer befinden oder eine intensive Badekur durchmachen. Auf ähn¬
liche Weise kann durch pathologische Zustände die Reaktion de?
Körpers auf irgendein Medikament verstärkt, geschwächt oder um
gekehrt werden. Wie verhängnisvoll können 7 mg Morphin bei einen
Oedematösen wirken, und wohlbekannt war früher der verschieden!
Aluminium chloricum liquidum 25%ig.
Chlorsäure Tonerde.
MAI I FR RR IN ist die 25 °/#ige wässerige, durchaus haltbare, zusammenziehend schmeckende
_____ _ _ __ __ ___ Lösung der wasserfrei nicht existenzfähigen chlorsauren Tonerde A1C1309 von
einem spez. Gewicht von 1,22. Die absolute Unschädlichkeit des Mallebreins ist durch jahre¬
lange therapeutische Anwendung erwiesen und wurde neuerdings auch durch Untersuchungen
im pharmakologischen Institut der Universität Erlangen wissenschaftlich dargetan (Münch, med.
Wochenschrift 1921, Nr. 13). Gelegentlich dieser wurde ebenfalls festgestellt, daß die Unschäd¬
lichkeit des Mallebreins durch seinen Aluminiumgehalt bedingt ist, da dessen Resorption von
der Magendarmschleimhaut und dem subkutanen Bindegewebe aus nur imgemein langsam er¬
folgt. Eine schädliche Methämoglobinbildung, die zur Blutgiftwirkung führen würde, ist dadurch
ausgeschlossen. Nach den gemachten Erfahrungen können dank dieser Eigentümlichkeit größere,
weit über das therapeutische Bedürfnis hinausgehende Mengen von Mallebrein innerlich ge¬
nommen, und so die desinfizierenden Wirkungen dieses Stoffes voll ausgenützt werden. Mit¬
hin eine dem Aluminium zuzuschreibende Möglichkeit, wie sie von keinem anderen der
zahlreichen, bisher von v. Behring und späteren Autoren auf ihre Veranlagung zur inneren
Desinfektion untersuchten Desinfektionsmittel erreicht wurde. Unter diesen sehr bemerkens¬
werten Umständen entspricht das Mallebrein völlig den an ein Innendesinfiziens zu stellenden
Bedingungen und erscheint also zur Behandlung innerer Erkrankungen, besonders solcher
des Darmes, Ruhr, Typhus usw. sehr geeignet, zumal es, wie angedeutet, neben ge¬
nügend starker Desinfektions Wirkung gänzlich unschädlich ist. In Bezug auf Desinfektions¬
wirkung wurde die chlorsaure Tonerde beispielsweise 4mal so stark als die essigsaure Tonerde
gefunden. In einer Lösung von 1 : 800 wirkt sie nach den angeführten Erlanger Untersuchungen
noch wachstumverhindernd auf die resistentesten Erreger.
IndikatiOTlCTl ^ Form von Gurgelungen (20 — 30 Tropfen Mallebrein auf 3 Eßlöffel Wasser
■ oder 40 ccm auf 1 Liter mit möglichst vorher etwas angewärmtem Wasser): alle
akuten Erkrankungen der Pharynx und Larynx, katarrhalische Mund- und Rachen¬
affektionen, chronische und akute Laryngitis, Tracheitis, chronische und akute Bronchitis,
foetide Bronchitis, Bronchiektasie, insbesondere aber die verschiedensten Formen der Angina
sowie Kehlkopf- und Lungentuberkulose im Initialstadium.
In Form von 4 — 8°/0iger wässeriger Lösung oder in Form von 10%i£er Mallebre'in-
Mitinsalbe: Vaginitis, Leukorrhoe, Cervixkatarrhe, frische und veraltete Wunden, be¬
sonders alte Druckwunden und Unterschenkelgeschwüre, Hauterkrankungen und
Juckreiz.
In Form von Eintröpfelungen bezw. Tampons mit 10°/0iger Lösungen: eitrige Ohren-
und Nasenerkrankungen, chronische Mittelohrentzündungen und Ozaena.
In Form innerlicher Darreichung, und zwar in Dosen von drei- bis viermal
täglich je 20—40 Tropfen mit etwas Wasser: Darmerkrankungen der verschiedenen, auch
epidemischen Formen. Mallebrein wirkt in diesen Fällen als promptes und verläßliches
Adstringens und Desinfiziens zugleich. Bei Kindern entsprechend geringere Dosen. Bei
Säuglingen (Brechdurchfälle usw.) täglich mehrmals je 4 — 5 Tropfen in etwas Tee.
Prophylaktische Anwendung. MaUebyn^eWgen
therie und Insufflation l%iger Lösung bei Schnupfen.
Mallebre'in beeinflußt in günstiger Weise die menschliche Stimme, weshalb es Sänger,
Geistliche, Lehrer, Abgeordnete zur Beseitigung stimmlicher Indisposition anwenden, In diesem
Falle sind im Gebrauche angenehmer und mindestens ebenso wirksam die leicht im Munde
vergehenden, aber nicht zu zerkauenden WIALLEBREINTABLETTEN.
Prophylaküsche innerliche Mallebrelnanwendungen haben sich bereits seit Jahren zur
Verhütung von gewissen innerlichen Erkrankungen, insbesondere Darmerkrankungen: Durch-
fällen, Ruhr usw. als sehr zuverlässig erwiesen. Empfehlenswert sind in diesen Fällen Dosen
von je 20—40 Tropfen in etwas Wasser. Bei erhöhter Infektionsgefahr sind dieselben 2— 4 mal
zu nehmen. . ,
Zur Bereitung von 2°/„, 4%, 8%. 10%. 2Q°/0. 25%_ Losungen sind etwa
20, 40, 90, 115, 250,
mit 1 Liter unter Schütteln oder Umrühren zu mischen.
350 Gramm Mallebre'in
MAI I FRRFIN wird abgegeben in Originalpackungen: ,
mALLcmvblH 50^ 10Q und 300 Gramm _ auf besonderen Wunsch auch in
größeren Packungen für Krankenhäuser und Kliniken.
Als Salbe in Krücken von 50 und 100 Gramm. .
Als Tablette in Glasröhren von 12 Stück, jede Tablette enthält 0,1 Gramm Mallebre’in.
LITERATUR.
h
3.
4.
Geh. Reg. -Rat Dr. Fr. Mallebrein und Dr. Wasmer:
Ueber das Problem einer für den Organismus un¬
schädlichen Anwendung von Chlor als bakterizides
und allgemein giftzerstörendes Agens. (Zeitschrift f.
Tuberkulose Bd. XVIII. Heft 3.)
Dr Jarosch, Oberarzt d. Heilstätte Friedrichsheim-B.:
Ueber die Bekämpfung der Tuberkulose von den
oberen Luftwegen aus mittels des „Prophylacticum
Mallebrein“. (Deutsche med Wochenschrift 1912, Nr.42.)
Dr. med. Nieveling: Ueber Behandlung entzündlicher
Affektionen der oberen und unteren Luftwege ver¬
mittelst des „Prophylacticum Mallebrein". (Aerzt-
liche Vierteljahrsrundschau, Bonn, April 1913.)
Stabsarzt Dr. W. Bierast u. Ungermann: Ueber die
Wirkung des „Prophylacticum Mallebrein“ auf Infek¬
tionserreger und Toxine. Aus dem hygienischen
Institut der Universität Halle a. d. S. (Direktor Geh.
Med.-Rat Dr. C. Fränken). (Berliner klinische Wochen¬
schrift 1913, Nr 23 .)
5. Dr. med. Wiedemann: Therapeutische Notiz. (Mün¬
chener med. Wochenschrift 1913, Nr. 14.)
6. Dr. med. O. Steinmeyer: Unsere Erfahrungen mit
„Prophylacticum Mallebrein“ in Dr. Weickers Kranken¬
heim Görbersdorf. (Beiträge zur Klinik der Tuber¬
kulose, Bd. XXVII, Heft 2.)
7. Dr. Kurt Klare : Behandlung infektiöser Erkrankungen
der Luftwege mittels: „Prophylacticum Mallebrein"
(aus dem Genesungsheim Hohenwiese i. R. Landes¬
versicherungsanstalt Schlesien). (Deutsche med.
Wochenschrift 1913, Nr. 27.)
Dr. Kurt Klare: Hohenwiese (Aus dem Genesungs¬
heim Hohenwiese): „Ein Beitrag zur Behandlung der
Ozäna“. (Deutsche med. Wochenschrift 1913, Nr. 45.)
Dr. Junker, dirigierender Arzt der Heilstätte Cottbus:
Neuere immunisierende und medikamentöse Tuber¬
kuloseheilmittel. (Zeitschrift f. ärztliche Fortbildung
1913, Nr. 23.)
Prof. Dr. B. Bendix: Mallebrein in der Kinderpraxis.
(Münchener med. Wochenschrift 1913, Nr. 51.)
Dr. A. Ephraim : „Ueber die Anwendung des chlor¬
sauren Aluminiums in der Ohren- und Nasenheil¬
kunde“. (Passow-Schäfer, Beiträge zur Anatomie,
Physiologie, Pathologie und Therapie des Ohres, der
Nase und des Halses, Bd. VI, Heft 4 — 6.)
Dr. A. Wiedemann: Verwendung von chlorsaurem
Aluminium in Form seiner 25°/oigen Lösung, dem
15.
16.
18
8.
10.
11.
12,
Mallebrein, bei Polyartritis rheumatica. (Aerztliche
Vierteljahrsrundschau 1913, Nr. IV.)
13. Zahnarzt Möller: „Mallebrein“. (Odontologische Nach¬
richten, Nr. 23, 1913.) .
14. Korpsstabsveterinär Walther: „Prophylacticum Malle¬
brein“. (Tierärztliche Rundschau 1913, Heft 3.)
Geh. Reg.-Rat Dr. Fr. Mallebrein und Dr. Wasmer:
„Zur Anwendung des Prophylaktikum Mallebrein bei
Tuberkulose". Zeitschrift f. Tuberkulose, Bd. XXI,
Heft 4, 1913.) 4 .
Stabsveterinär Rips: „Mallebrein pro usu vetermano .
(Zeitschrift für Veterinärkunde 1914, Heft 2.)
17. Korpsstabsveterinär Walther: „Eine beachtenswerte
Behandlungsweise der Gehirn -Rückenmarksentzun-
dung der Pferde vermittelst Prophylacticum Malle¬
brein“. (Tierärztliche Rundschau 1914, Nr. 2.)
Bezirkstierarzt H. Fehsenmeier : Behandlung maul-
und klauenseuchekranker Rinder mit Prophylacticum
Mallebrein. (Mitteilungen d. Vereins badischer Tier¬
ärzte 1914, Nr. 2.) I. ,, .
19. Bezirkstierarzt H. Fehsenmeier : Zur Behandlung maul-
und klauenseuchekranker Rinder mit Mallebrein.
(Mitteilungen des Vereins badischer Tierärzte 1914,
Nr. 5.) II. , „
20. Dr. med. D. Mansfeld: Ueber Behandlung entzünd¬
licher Affektionen der oberen Luftwege mit „Malle¬
brein" (Fortschritte d. Medizin 1915, Nr. 47.)
Professor Dr. von Beck und Professor Dr. Port:
Mittelrhein. Chirurgenvereinigung in Heidelberg, Jan.
1916. (Beiträge zur klinischen Chirurgie Bd. 98, Heft 5.)
21. Dr. med. H. Lungwitz: Ueber Darmkatarrhe. (Moderne
Medizin Nr. 8. Jahrgang 1916.)
22. Veterinärrat Dr. Ellinger: Zur Heilung der puer¬
peralen Infektionen der Haustiere mit Mallebrein.
(Berl. Tierärztl. Wochenschrift 1917, Nr. 46.)
23. Dr. med. Langfeldt: Mallebrein und Tuberkulose.
(Aerztliche Rundschau Nr. 24, 25 und 26, Jahrg. 1918).
24. Prof. Dr. Heinz, Vorstand des pharmakologischen In¬
stituts Erlangen, Chlorsaures Aluminium „Malle¬
brein“. (Münchener medizin. Wochenschrift 1921,
Nr. 13, S. 395-396.) , M „ , .
25. Dr. Vorschulze: Zur Anwendung des Mallebrein.
(Fortschritte der Medizin 1921, Nr. 18.)
26. Geh. Reg.-Rat Dr. Fr. Mallebrein: Die Bedeutung des
Aluminiums für die Frage der inneren Desinfektion.
(Der Tag, Abteilung Medizin. Rundschau Nr. 278,
5. Dezember 1921.)
20.
Ausführlicherer Prospekt, Literatur und Proben den Herren Ärzten gratis und franko.
Cöln a. Rhein,
Mai 1923.
Chem. Fabrik KREWEL & Co. A.-G.
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3. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1011
Einfluss der Schmierkuren. In sorgfältigen Versuchen hat Königer
gezeigt, wie durch Tbc. die Reaktion der Kranken auf Pyramidon
verändert wird, indem häufig auf die primäre Temperatursenkung
eine sekundäre Steigerung folgt, die vielleicht heilende Bedeutung hat.
Das darf aber nicht so gedeutet werden, dass das Pyramidon, weiches
nicht unter das A r n d t - S c h u 1 z sehe Gesetz fällt, bei der Tbc.
dies doch tue, sondern diese sekundäre Temperatursteigerung hängt
mit einem ganzen Komplex zusammen, wobei wohl auch die vermin¬
derte Expektoration eine Rolle spielt. Das automatische Verordnen
von Pyramidon in täglichen kleinen Dosen zur Nivellierung des
Fiebers muss wegen der Unterdrückung echter Reaktionsvorgänge
ernste Bedenken erregen. Uebrigens erleidet gerade die temperatur¬
herabsetzende, wie auch die fiebererzeugende (parenterale) Dosis
eines Medikamentes die grössten Aenderungen durch pathologische
Zustände. Damit braucht man sich nicht dem Similia sirnibilus
Hahnemanns zu nähern; wir haben dafür bessere Erklärungen.
Die Hauptsache ist, dass der Arzt sich wieder mehr daran gewöhnt,
solche „Kleinigkeiten“ zu beobachten und therapeutisch zu verwerten.
Dass H. Schulz systematisch hierauf, und zwar durch Versuche am
Menschen hingewiesen hat, bleibt sein Verdienst, wenn auch die
zünftige Froschherzpharmakologie oft nur ein tolerantes Lächeln für
solche der objektiven Registrierung entzogene Versuche hatte.
Wenn man diese Dosierungsschwierigkeiten richtig würdigt, muss
es fast komisch wirken, zu sehen, wie die Therapeutik sich mitunter
bemüht, da, wo die Verhältnisse völlig klarliegen, dieselben künstlich
zu trüben, wie z. B. bei der Arseniktherapie. Bei Mensch und Tier
lässt sich mit einer bestimmten minimalen Dosis gelöster arseniger
Säure die günstige Wirkung auf den Stoffansatz erzielen. Die Dosie¬
rung wird ungenau, wenn man organische As-Verbindung gibt, weil
diese, an sich unwirksam, nur nach Massgabe der individuell verschie¬
den starken Bildung von AS2O3 im Organismus ihre spezifische Wirkung
ausüben. Mitunter kommen die Aerzte sogar auf die Idee, dasjenige
As-Präparat zu empfehlen, von dem man ungestraft die grössten
Mengen dem Kranken zuführen kann. Die Dosierung wird auch un¬
genau, wenn man AS2O3 in Substanz verabreicht. Jahrelange Ver¬
suche in unserem Institut haben gezeigt, dass sich nur mit ungelöster
arseniger Säure die sogenannte Arsenfestigkeit in höherem Grade
erzielen lässt, weil hier die Resorption Schaden leidet. Es gibt keine
Arseniktrinker, es gibt nur Arsenikesser! Unsere Aufgabe ist es aber,
nur die Menge der körperfremden Substanz dem Kranken zuzuführen,
mit welcher unter jeweils vorliegenden Verhältnissen gerade der
gewünschte Effekt erreicht wird. — Alles selbstverständlich und doch
nicht allzu häufig anzutreffen.
Aus der Chirurgischen Universitätsklinik München.
(Vorstand: Geh. Hofrat Prof. Dr. F. Sauerbruch.)
Die Nekrose einer Lungenhälfte nach Exstirpation eines
Ganglionneuroms des Brustsympathikus und ihre allgemein
pathologische Bedeutung.
Hugo Schulz zum 70. Geburtstag gewidmet.
Von F. Sauerbruch.
Unter dem Einfluss der Fortschritte der intrathorakalen Chirurgie
ist in den letzten Jahren vielfach der Mittelfellraum operativ frei¬
gelegt und eröffnet worden. Entzündliche Erkrankungen, vor allen
Dingen aber Tumoren gaben die Veranlassung. Eine ganze Reihe
schöner Erfolge wurde erzielt. Selbst an die Geschwülste des hinteren
Mittelraumes hat man sich trotz ihrer tiefen Lage und ihrer Unzu¬
gänglichkeit herangewagt.
Aber auch heute noch sind Operationen im Mittelfelde
ernste Aufgaben. Es handelt sich gewöhnlich um atypische
Eingriffe in einem topographisch höchst schwierigen Gebiete.
Der Gang der Operation kann daher vorher nur in allgemeinen Zügen
planmässig festgelegt werden. Ihre Gestaltung im einzelnen erfolgt in
Anpassung an den jeweiligen Befund. Häufig überraschen den Operateur
Eigentümlichkeiten, die klinisch nicht erkannt oder falsch gedeutet
wurden. Das Operationsfeld ist eng begrenzt, der Zugang zu ihm nicht
immer leicht und übersichtlich. Wir arbeiten in einem Raum, in dem
lebenswichtige Organe eng zusammengedrängt liegen. Ihre Ver¬
letzung kann unmittelbar den Tod bringen. Alle grossen und kleinen
Venen sind gestaut. Selbst Kapillaren bluten unstillbar. Die wichtige
anatomische Orientierung wird gewaltig erschwert. Blutung und Luft¬
embolie bedrohen den Kranken hier in der Nähe des Herzens in be¬
sonderem Maasse. Ein überaus reiches Nervengeflecht umspinnt die
Organe. Gefährliche Reflexe können in jedem Augenblick und von
jeder Stelle aus durch Zerrung und Verletzung ausgelöst werden.
Die Durchschneidung der Hauptnervenstämme vermag schlagartig
den I od hervorzurufen. Mit Recht sagt Garrö: „Es mangelt bei
diesen Eingriffen im Mittclfellraume nicht an aufregenden Momenten
und Zwischenfällen, die Ruhe und Geistesgegenwart des Operateurs
auf die Probe stellen.“ Bei grosser Ausdehnung der Geschwulst kann
selbst der Geübte eine Verletzung des Brustfelles nicht vermeiden.
Oft muss er sie sogar absichtlich zur Vollendung des Eingriffs herbei¬
führen. Das Druckdifferenzverfahren schaltet die dann entstehenden
akuten Gefahren zuverlässig aus, beugt aber keineswegs immer den
Spätfolgen vor, wenn der Abschluss der Pleurawunde infolge der
Ausdehnung der Operation unsicher blieb. Verhängnisvoll können
auch Thrombosen werden. Sie entstehen durch mechanische Schädi¬
gung der Venenwand in Verbindung mit Aenderungen der Zirkulation
sowie Fortfall der Aspiration des rechten Herzens und führen zu töd¬
licher Embolie oder bedingen mindestens ein langes, sorgenvolles
Krankenlager.
Schliesslich sei der grossen Empfindlichkeit des Mittelfellraumcs
gegenüber Infektionen gedacht. Die postoperative Mediastinitis ver¬
eitelt nicht selten einen sonst gesicherten operativen Erfolg.
Unter Berücksichtigung dieser allgemeinen Schwierigkeiten und
der meist sehr geringen Erfahrungen des Einzelnen verdient jede Be¬
obachtung mitgeteilt zu werden, namentlich wenn sie durch besondere
Umstände des Befundes oder des Verlaufs sich auszeichnet.
Aus unseren eigenen Erlebnissen sei eines hier hcrausgegriffen.
Es beansprucht wegen der erfolgreichen Beseitigung einer nach Art
und Grösse ungewöhnlichen Neubildung, vor allen Dingen aber wegen
der spontanen Ausstossung einer ganzen Lungenhälfte, allgemeinere
Beachtung.
Vorgeschichte: 19 jähriges Mädchen. Sie stammt aus ge¬
sunder Familie. Als Kind machte sie Masern und Keuchhusten
durch, war später immer gesund.“ Seit 2 Monaten verspürt sie
nachts im Liegen einen drückenden Schmerz auf der linken Seite
des Rückens in der Gegend des Schulterblattes. Er war meist so heftig,
dass sie gewöhnlich nach lA Stunde die Lage wechseln oder sich im Bette
aufsetzen musste. Im Stehen oder Sitzen verschwand der Schmerz sofort.
Auch bei Tag trat er nur im Liegen auf. Atembeschwerden bestanden nicht.
Die Körperwärme war nicht erhöht: Husten und Auswurf, Abmagerung oder
andere Krankheitszeichen fehlten vollständig. Wegen Verdacht auf Lungen¬
tuberkulose wurde die Kranke zunächst in ein Sanatorium geschickt. Auf
Grund der Röntgenuntersuchung vermutete man ein Exsudat, dachte später
an eine Dermoid- oder Echinokokkuszyste. Sie wurde am 27. IV. 22 zur
Beratung und Behandlung unserer Klinik überwiesen.
Es handelte sich um ein mittelgrosses, schlank gebautes, gut aussehendes
Mädchen im mittleren Ernährungszustand.
Die allgemeine Untersuchung des Körpers ergab keine krankhaften
yeränderungen. Der Brustkorb war lang und schmal, gut gewölbt. Die
linke Seite war vielleicht etwas aufgetrieben. Beide Seiten dehnen sich bei
der Atmung nicht sehr ergiebig aus. Ueber der linken Spitze leichte Schall¬
verkürzung, die hinten unten in eine stärkere Dämpfung übergeht. Vom
oberen Rand des Schulterblattes bis zur 8. Rippe fast absolute Dämpfung,
die seitlich von einer bogenförmig verlaufenden Linie begrenzt wird, die
bis zur hinteren Achsellinie reicht. Im Bereich der Dämpfung sind Atem¬
geräusch und Stimmzittern stark abgeschwächt. Vorne finden sich lauter
Klopfschall und reines Zellatmen. Nirgends sind Nebengeräusche zu hören.
Rechte Lunge gesund. Auch am Herzen, das im ganzen etwas nach rechts
verschoben ist, keine krankhaften Veränderungen.
Die Röntgenuntersuchung ergibt einen gewaltigen, runden, massiven
Schatten, der zwischen dem 2. und dem 9. Brustwirbel breitbasig vom hinteren
Mediastinum ausgeht und oben, links, seitlich und unten von einer scharf
bogenförmigen Linie begrenzt wird. Das Herz ist nach rechts beinahe in
mediane Stellung verdrängt. Die Untersuchung von der Seite lässt erkennen,
dass der vordere Brustfellraum frei ist. Man gewinnt den Eindruck, dass
die Geschwulst in enger Beziehung zur Wirbelsäule steht. Pulsation ist
nicht nachzuweisen.
Bei der Blutuntersuchung finden sich 4 336 000 rote, 9800 weisse Blut¬
körperchen. 69,5 Proz. Polymorphkernige, 19 Proz. Lymphozyten, 1 Proz.
Eosinophile, 9,5 Proz. Mononukleäre und 1 Proz. Mastzellen. Hämoglobin
nach Sahli 85 Proz.
Die Diagnose lautete: Tumor des hinteren Mittel-
fellraumes. Eine genaue Feststellung des Ursprunges und der
Art der Geschwulst war zunächst unmöglich.
Wir entschlossen uns zur Operation. Sie begann als Probethorako¬
tomie. Die 3. bis 6. Rippe wurden paravertebral in einer Ausdehnung von
10 cm reseziert. Dann wurde das Brustfell breit eröffnet. Es war nirgends
mit der Lunge verklebt oder verwachsen. Diese selbst war gesund. Es
fand sich eine über kindskopfgrosse, glatte, derbe, rundliche Geschwulst.
Sie sass breitbasig und unverschieblich auf der Wirbelsäule auf und umgriff
Aorta sowie Speiseröhre. Sie hatte bei ihrer langsamen Vergrösserung die
Lunge vor sich hergeschoben und von hinten zusammengedrückt. Der Tumor
wurde als Fibromyom oder Fibrosarkom angesprochen. Seine Entfernung
erwies sich technisch schwierig und für die Kranke gefährlich. Da die Eltern
ihre grundsätzliche Zustimmung nur für einen leicht ausführbaren Eingriff
gegeben hatten, musste die Operation abgebrochen werden. Die Wunde
wurde vollständig geschlossen. Es erfolgte glatte Heilung.
Bei dieser Sachlage wurde später den Eltern der Versuch einer radi¬
kalen Exstirpation der Geschwulst vorgeschlagen. Sie stimmten zu.
Wiederum geht man von einem paravertebralen Hakenschnitt aus. Man rese¬
ziert noch die 7. und 8. Rippe und kürzt die Stümpfe der 3. bis 6. Die Pleura
costalis posterior, die den Tumor bedeckt, wird eingeschnitten und stumpf von
seiner Oberfläche ab^elöst. Dabei reisst sie an verschiedenen Stellen ein.
so dass ein breiter Pneumothorax entsteht. Darum wird die Lösung der
Geschwulst auf transpleuralem Wege versucht. Sie erweist sich als sehr
mühevoll. Ueberall greifen Fortsätze in die Umgebung, die sich nicht ohne
weiteres ausschälen lassen. Starke Blutung entsteht. Zahlreiche Gefässe
müssen unterbunden werden. Schliesslich gelingt es. die Geschwulst
bis auf einen breiten Stiel zu befreien. Dieser selbst lässt sich von der Speise¬
röhre, wenn auch unter Schwierigkeiten, freimachen, von der Aorta dagegen
nicht. Um eine Verletzung dieses Gefässes zu vermeiden, wird eine dünne
Schicht der Geschwulst, die es umklammert, zurückgelassen und die Ab¬
tragung im Tumor selbst vorgenommen. Aus der Schnittfläche erfolgt eine
beträchtliche parenchymatöse Blutung, die zunächst durch Tamnonade ge¬
stillt wird. Die Ausdehnung der Geschwulst und ihr Uebergreifen auf die
Umgebung, insbesondere auf die Aorta, wecken den Verdacht auf Bösartig¬
keit. Nach sorgfältiger Blutstillung und nach Reinigung der Brusthöhle
wird die Lunge mit der Pleura costalis posterior in das Bett des Tumors
wie ein Tampon hereingelegt. Man bläht sie und verschliesst die gesamte
Wunde wiederum ohne Drainage luftdicht. Trotz bedrohlicher Schwäche,
die sich nicht nur durch den Blutverlust, sondern auch durch die gewaltige
1012
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. .11.
Schädigung des Sympathikusgebietes erklärt, übersteht die Kranke auch
diesen Eingriff gut. Sie erholt sich. Die Wunde heilt glatt.
Der entfernte Tumor war über kindskopfgross, gelappt, knollig, mass
17: 12:8 ein. Auf dem Durchschnitt ist er seidenglänzend, grauweiss durch¬
scheinend und lässt unregelmässige Bindegewebszüge erkennen. Die genaue
mikroskopische Untersuchung ergibt:
In dem sehr weitmaschigen retikulären Bindegewebe, das sich all¬
mählich gegen die Peripherie zu verdichtet, finden sich astartig eingelagert
bald schmälere, bald breitere Stränge von Nervenfasern. Die Markscheiden¬
färbung lässt erkennen, dass die marklosen Fasern bei weitem die mark¬
haltigen überwiegen. An den Kreuzungspunkten des Fasergerüstes finden sich
spärliche Ansammlungen multipolarer Ganglienzellen. Die meisten von
ihnen weisen Degenerationszeichen auf.
Die Diagnose (Prof. Borst) lautete: Ganglioneuro ni des
Sympathikus.
Bei der klinischen Gutartigkeit solcher Geschwülste war das Zurück¬
bleiben eines Restes für den weiteren Verlauf belanglos. Es konnte darum
eine Heilung erhofft werden, die auch tatsächlich, wenn auch erst unter ganz
seltener Komplikation, erfolgt ist.
Etwa ld Tage nach der Operation bildete sich ein zunächst seröses Ex¬
sudat. das mehrfach punktiert wurde. Im weiteren Verlaufe wurde es trübe
und schliesslich, wie immer bei derartigen Befunden, eitrig. Durch Rippen¬
resektion wurde nach 4 Wochen ein reichlicher, eitriger, mit dicken Klumpen
und Fetzen durchsetzter Erguss entleert. Etwa 8 Tage später holt man mit
einer Kornzange weitere Fetzen und grosse Klumpen nekrotischen Gewebes
aus dem Brustfellraum heraus. Sie erweisen sich als Lungensequester, von
denen der grösste eine Ausdehnung von 12: 8: 4 cm hat. Bei späterer
Nachprüfung des Brustfellraumes wird das Fehlen der ganzen linken
Lunge festgestellt.
Es handelte sich also um eine Total nekrose der ganzen
linken Lunge.
Mit ihrer Ausstossung wurden in der Brusthöhle Verhältnisse
geschaffen, die aus rein mechanischen Gründen eine spontane Aus¬
heilung ausschlossen. Hier konnte die gewaltige Resthöhle weder
durch Ausdehnung der Lunge, noch durch Einsinken der Brustwand ver¬
schwinden. Bemerkenswert war, dass die Rippen auch keinerlei Nei¬
gung zu Retraktion zeigten. Es fehlte eben die für diesen Vorgang not¬
wendige Zugkraft der Lunge. Dagegen wurde die linke Brustwand
durch den nach auswärts gerichteten Zug der Muskulatur festgehalten.
Diesen, die Kranke durch dauernde Eiterabsonderung schwächenden
Zustand konnte man nur auf operativem Wege beseitigen. Aehnlich
wie bei gewöhnlichen ausgedehnten Empyemresthöhlen musste die
Brustwand mobilisiert und in den Pleuraraum verlagert werden.
In mehreren Sitzungen wurden die gesamten Rippen von der l.bis
zur 10. in ihrer ganzen Ausdehnung von der Wirbelsäule bis zum Brust¬
wandansatz so vollständig entfernt, wie das bisher wohl nur ganz
selten geschehen ist. Man kann geradezu von einer Exstirpation
der linken Brustkorbhälfte sprechen. Es wurde damit der
Beweis erbracht, dass dieses operativ-technisch möglich ist.
Nach dem Bericht des Arztes besteht heute, r°U Jahr nach der
Operation, nur noch eine ganz kleine Fistel im unteren Abschnitt der
Narbe, die sich wohl spontan oder nach einem kleinen Eingriff
schliessen wird. Der allgemeine Zustand der Kranken ist nach be¬
trächtlicher Gewichtszunahme ausgezeichnet.
Die gewaltsame Aenderung des Rippenkorbes blieb nicht ohne
Rückwirkung auf die Wirbelsäule. Entsprechend den früheren
Feststellungen von Sauerbruch, v. Beust, Hoesslin und
Frey entwickelte sich eine Skoliose der Brustwirbelsäule mit Kon¬
vexität nach der operierten Seite. Sie erklärt sich durch die nunmeh¬
rige Einseitigkeit der Rippenspannung. Es fällt auf, dass diese Sko¬
liose bei unserer Kranken wahrscheinlich infolge der Starre' des
Mittelfeldes nur sehr gering war. Auch das Brustbein stellte sich
um. Es wurde namentlich in feinem unteren Abschnitt sehr stark
nach der linken Seite verschoben und zugleich mit seiner Oberfläche
nach links gedreht, weil es links nicht mehr gestützt wurde. Das Herz
dagegen blieb infolge des rechtsseitigen Lungenzuges zugleich mit
den anderen Mittelfellorganen auf der anderen Seite liegen. Der
Schultergürtel wurde durch die ausgedehnte Entknochung der
Brustwand nur unwesentlich in seiner Lage beeinflusst, weil nach wie
vor das Schlüsselbein wie eine Strebe die Skapula von der Brustwancl
abhielt. Dagegen blieb die Beweglichkeit des linken Armes durch
die Fixation des medialen Schulterblattrandes im Narbengebiet etwas,
wenn auch praktisch bedeutungslos eingeschränkt. Von einer Ent¬
stellung der bekleideten Kranken kann keine Rede sein.
Auffallend war das Auftreten von Trommelschlegelfin¬
gern. Sie fehlten, solange der grosse Tumor vorhanden war. Auch
während des Bestehens der Empyemresthöhle vor ihrer Eiterung
Hess sich eine Verdickung der Finger nicht bemerken. Sie begann
erst dann, als die Resthöhle verschwand.
Damit sind Eiterung und Resorption toxischer Stoffe als Ursache
für diese Umformung abzulehnen. Man gewinnt den Eindruck, dass
die Schrumpfungsvorgänge, die sich hier in ganz besonderem Maasse
abgespielt haben müssen, für die Entwicklung der Trommelschlegel¬
finger bedeutungsvoll gewesen sind. An mechanische Beeinflussung
des Vagus und des Sympathikus, vielleicht mit reflektorischer Rück¬
wirkung auf die Hypophyse und das Zwischenhirn, wie das Georg
Schmidt annimmt, kann hier gedacht werden. Es könnte auch
Einengung der grossen Venenstämme durch Narbenschrumpfung zu
Stauung und diese zu Hypertrophie der distalen Enden der Finger
geführt haben. Ueber solche Zusammenhänge sind Untersuchungen
an unserer Klinik im Gange.
Eine Erklärung verlangt noch das Zustandekommen der Ne¬
krose der ganzen linken Lunge. Ein solches Ereignis ent¬
hält die Literatur in dieser Form noch nicht. Mehrfach sind zwar
grosse LungenseQuester nach Gangrän oder Schussverletzung be¬
schrieben worden. Wir selbst haben in dem ersten Bande der „Chi* ■
rurgie der Brustorgane" eigene Erfahrungen mitgeteilt. Hier aber
handelt es sich um die Sequestieruug einer ganzen Lungenhälfte, die,
soweit das vor und bei den ersten Operationen autoptisch festgestellt
werden konnte, vollständig gesund >’ar.
Die späteren Eingriffe und die Röntgendurchleuchtung ergaben
übereinstimmend das Fehlen der gesamten linken Lunge und nicht
etwa nur ihres grösseren oder grössten 'Teiles.
Diese ausgedehnte Nekrose kann nur Folge der Unterbre¬
chung der Blutzufuhr sein. Ein Exsudat, wie es auch bei
unserer Kranken auftrat, engt die Lunge ein, macht sie aktelektatisch,
setzt ihre Durchblutung herab, hebt sic aber niemals auf. so dass die
Lunge abstirbt.
Ihre Ernährung wird ausschliesslich durch Art. bron-
chialis - System gewährleistet. Unterbindung der Art. pulmo>l
nalis führt zu hochgradiger Schrumpfung des betreffenden
Lungenabschnittes, niemals aber zur Nekrose (Brungs, Sauer-
bruc h). Beim Ausfall der Blutversorgung durch die Bronchi¬
ales kann kompensatorisch auch das Lungenarterienblut der Ernäh¬
rung dienen. Voraussetzung aber ist, dass die Arterialisation in
den Alveolen der Lunge ungestört vor sich geht. Diese Vorbedingung
fehlt aber, wenn der Bronchus unterbunden oder verlegt und damit
dem Sauerstoff der Zutritt zum Lungenblut verwehrt wird. Unter¬
bindung der Art. bronchialis und des Bronchus führen zur Nekrose.]
Das hat neuerdings Nissen an unserer Klinik experimentell be¬
stätigt.
Man könnte also auf Grund dieser Feststellung die Nekrose bei
unserer Kranken auf gleichzeitige Unterbrechung der Blutzufuhr aus
dem Gebiete der Art. bronchialis und Verlegung des Bronchus be¬
ziehen. Bei der Verlagerung der Lunge in das Bett des grossen Tu¬
mors hätte der Bronchus durch Abknickung eingeengt oder sogar
verschlossen werden können. Während der Exstirpation der Ge¬
schwulst mussten mehrere Aeste des Bronchialarteriensystcrns unter¬
bunden werden. Die Bedingungen der Nekrose wären somit wie im
Experiment erfüllt gewesen.
Aber auch eine andere Möglichkeit ist zu erwägen. Der ge¬
waltige Eingriff im hinteren Mittelfellraum und die ihm folgenden
Reaktions- und Wundheilungsvorgänge könnten zur -Thrombose der
grossen Hilusgefässe geführt haben. Diese selbst gefährdet zwar den
Fortbestand einer Lunge nicht, wie wir aus mehreren Beobachtungen
wissen. Wird aber gleichzeitig die Blutzufuhr aus dem Gebiet der
Art. bronchialis abgeschnitten, wie das bei unserer Kranken der Fall
war, so ist jede Ernährungsmöglichkeit ausgeschlossen, da die kom¬
pensatorische Versorgung des Gewebes infolge der Undurchgängig¬
keit der grossen Lungengefässe fortfällt.
Ausgeschlossen erscheint uns, dass etwa durch eine tiefe Um¬
stechung der Lungenhilus selbst umschnürt worden ist. Der Verlauf
wäre nach unseren Erfahrungen bei Lungenamputationen ein ganz
anderer gewesen.
Schliesslich wäre daran zu denken, dass der grobe Eingriff im
Gebiete der mcdiastinalen Nervenbahnen die Durchblutung gestört,
die Ernährung verschlechtert hätte. Auf Einzelheiten kann hier nicht
eingegangen werden.
Die Abstossung der Lunge von ihrem Stiele ohne Ausbildung
einer Bronchialfistel kann weniger überraschen. Wir haben
mehrmals nach Amputationen von Lungenlappen, bei denen durch eine
Massenligatur der ganze Stiel unterbunden wurde, glatte Einheilung
des Stumpfes beobachtet. Meistens entsteht freilich eine Bronchial¬
fistel, die später operative Eingriffe notwendig macht. Bei langsamer
Verringerung der Durchblutung und schliesslicher Aufhebung der Ee-
nährung werden aber auch im Bronchus selbst durch Stauung und
Entzündung reaktive Vorgänge wachgerufen. Die gegenüberliegenden
Schleimhautflächen verkleben und verwachsen später miteinander.
So verödet die Lichtung, und dickes Narbengewebe hüllt nach der
Demarkation den Lungenstiel ein.
Der Operationserfolg gewinnt durch die seltene Komplikation
einer totalen Lungennekrose an Bedeutung. Diese Beobachtung hat
mehr als kasuistische Wichtigkeit. Sie berührt allgemein pathologische
Erfahrungen und regt zu vergleichenden Betrachtungen mit mannig¬
fachen experimentellen Ergebnissen an.
Aus der chirurgischen Klinik zu München.
(Direktor: Geh. Rat Prof. Dr. F. Sauerbruch.)
Zur Kritik des künstlichen Pneumothorax*).
Herrn Geh. Rat Hugo Schulz - Greifswald zum 70. Geburtstag
gewidmet.
Von W. Jehn.
Im allgemeinen darf gesagt werden, dass die Dauerresultate der
Pneumothoraxbehandlung einseitiger Lungentuberkulose weit hinter
unseren Erwartungen zurückgeblieben sind.
Es gelingt zwar, unter Auswahl der Fälle beginnende und fort¬
geschrittene Tuberkulosen mit und ohne Kavernenbildung durch das
*) Auszugsweise vorgetragen auf der 8. Tagung Bayerischer Chirurgen,
München, den 7. Juli 1923.
3. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHAU I
Verfahren zu heilen. Aber die Gefahren und Komplikationen der
Methode sind so Kross, dass man sie nur mit Vorsicht anwenden wird.
Dies muss von chirurgischer Seite betont werden, um die Allge¬
neinpraxis vor einem Optimismus zu bewahren, der letzten Endes
Enttäuschungen zur Folge haben und das Verfahren in Misskredit
iringen kann.
Sehen wir von den Misserfolgen ab, bei denen der Pneumothorax
ms falscher Indikation, mit fehlerhafter Technik oder gar in verzwei-
eiten Fällen „solaminis causa“ angelegt wird, so können schwere
irimäre oder sekundäre Komplikationen den Versuch, die Tuberkulose
:u heilen, mit einem Schlag vereiteln. Dabei denken wir in erster
-inie an jene Zwischenfälle, bei denen im Augenblick der Einführung
ler Pneumothoraxnadel oder der Pneumothoraxluft in den „Pleura¬
palt der Kranke kollabiert und der Tod unmittelbar eintreten kann.
Pleurareflexe und Luftembolie sind die Ursachen für diesen mit-
mter verhängnisvollen Ausgang. Daneben tritt bei Ueberdosicrung
ler 1 neumothoraxluft hier und da eine Mediastinalverdrängung auf.
ne stellt einen lebensbedrohenden Zustand dar. Er kann allerdings
ladurch beseitigt werden, dass ein entsprechendes Quantum Luft aus
ler Pleura wieder abgelassen und somit die Druckverhältnisse in der-
elben reguliert werden.
Von anderen, weniger bedrohlichen Ereignissen sehen v/ir ab:
lern subkutanen oder interstitiellen Emphysem.
Dagegen muss auf die in 50 Proz. aller Fälle im Anschluss an den
herapeutischen Pneumothorax auftretenden Trans- und Exsudate
angewiesen werden. Dass sie so oft auftreten, hat seinen Grund
larin, dass der Pneumothorax einen toten Raum darstellt, ferner in
er Tatsache, dass der geschlossene Pneumothorax eine jede Infektion
les Brustfells begünstigt.
Mechanische und biologische Momente spielen hierbei eine aus-
chlaggebende Rolle.
Vom klinischen Gesichtspunkte aus lassen sich zwei Gruppen
■on Pleuraergüssen unterscheiden: die Transsudate und idiopathiscaen
.rgüsse auf der einen, die tuberkulösen und mischinfizierten Em-
yeme auf der anderen Seite.
Transsudate und idiopathische Ergüsse haben zunächst keine
esondere klinische Bedeutung. Diese können sie dadurch erlangen,
ass bei rascher Vergrösserung der Flüssigkeit die Pneumothorax-
jft komprimiert und damit die Mediastinalverdrängung ausgelöst
vird.
Sie können ausserdem aus den verschiedensten Anlässen infiziert
/erden. Eine schädigende Rückwirkung auf den Allgemeinzustand
es Kranken haben sie, solange diese beiden Komplikationen fehlen,
icht. Dagegen sind die tuberkulösen Exsudate zum Teil, die misch-
lfizierten immer als eine schwere Komplikation aufzufassen. Sind
ie doch stets Empyeme, eitrige Ergüsse, bei denen die Grundkr.mk-
eit — die Lungentuberkulose — in den Hintergrund tritt und die
ifektion das Bild beherrscht.
Diese kann dadurch erfolgen, dass tuberkulöse Herde durch Kon-
ikt das Rippenfell infizieren — rein tuberkulöse Exsudate — oder
uf dem Blut- und Lymphwege bei gleichzeitig bestehender oder
berstandener Angina, Bronchopneumonie, Grippe, Enteritis neben
em Vorhandensein von Tuberkelbazillen geringere oder zahlreichere
lengen von Strepto-, Staphylo- und Pneumokokken im Eiter nach¬
weisbar werden.
Hieraus resultiert die verschiedenartige klinische Bedeutung
ieser Ergüsse. Die schwersten Formen sind die mischinfizierten
neumothoraxexsudate. Durch unsaubere Instrumente dürfte im
rossen und ganzen die Infektion nur selten verursacht werden,
agegen ist der Durchbruch einer Kaverne in den Pneumothorax¬
rum von ausschlaggebender Bedeutung. Schlagartig wird die bis
ahin fast intakte Pleura infiziert. Es beginnt die letzten Endes töd-
ch verlaufende Pleuraphlegmone oder Pleurasepsis.
Diese Perforation tritt gelegentlich spontan auf. Auch führt der
ersuch, den Pneumothorax zu „forcier e n“, zum Durchbruch in
ie L unge. Es kann auch eine Kaverne bei allmählicher Einschmel-
ung^ ihrer Wand schliesslich die Pleura durchbrechen. Damit ist
as Schicksal des Kranken besiegelt.
' Immer wieder hört man, das Ereignis träte so selten ein, dass es
eine allzu grosse praktische Bedeutung habe.
In unserer Klinik werden spezifische oder mischinfizierte Pneumo-
loraxempyeme weit häufiger beobachtet, als man denken sollte. E s
andelt sich dabei stets um Kranke, bei denen
usserhalb der Klinik ein Pneumothorax angelegt
urde und dort auch die Perforation erfolgte. Damit
lt das jetzt bestehende Empyem für den inneren Kliniker oder den
ungenspezialisten an Bedeutung verloren. Es gelangt als „chirur-
ischer Fall“ zur Aufnahme.
W'ir haben im Laufe der Zeit etwa 100 solcher Kranker be-
mdelt, bei denen nach anfangs erfolgreicher Pneumothoraxkur ein
-hwer misch infiziertes Empyem dem Kranken zum Verderben
urde. Fast 90 Proz. aller dieser Kranken starben. Zum Teil kamen
e in einem so desolaten Zustand in Behandlung, dass ihnen selbst
-r kleinste chirurgische Eingriff nicht mehr zugemutet werden
»nute. Nur etwa 10 Proz. konnten operativ durch Punktionsbehaud-
ng, Bülaudrainage, Thorakotomie und ausgedehnte Entknochung
rer Brustwand (Thorakoplastik) — zum Zwecke der Behandlung
rer Empyemresthöhle — gerettet werden.
Die Frage liegt nahe, warum diese Kranken überhaupt operiert
Nr. 31.
werden. Weil sie ohne Operation an Sepsis oder Amyloid zugrunde
gehen und weil alle diejenigen, welche die Operation überstehen, als
praktisch geheilt entlassen werden. Infolge Pneumothorax- oder
Exsudatwirkung ist ja ihre Lungentuberkulose anatomisch aus¬
geheilt. Es ist daher durch die Operation nichts mehr zu ver¬
derben, sondern nur noch zu gewinnen. So stellt jeder dieser 10 ge¬
heilten Falle einen nennenswerten Erfolg dar. Freilich haben die
Kranken ihre Heilung auf Umwegen erlangt.
Neben diesen Zwischenfällen und Komplikationen sehen wir bei
reaktionslos verlaufendem therapeutischen Pneumothorax andere in
der Art der Erkrankung liegende Verhältnisse, welche oft das Ver¬
fahren nur teilweise wirken lassen.
Es sei darauf hingewiesen, dass ein Pneumothorax nur über dem
Unterlappen angelegt werden kann, wenn die schwerkranke Lungen¬
spitze durch breite Adhäsionen an die Brustwand fixiert ist.
Für diese Fälle muss der definitive Heilerfolg so herbeigeführt
werden, dass im Bei eich der Adhäsionen über der Spitze eine extra-
pleurale I liorakoplastik ausgeführt wird, ein Kombinationsverfahren,
welches, zuerst von Sauerbruch ausgeführt, mit Ranke als
ideale Methode bezeichnet werden darf.
Dem Verfahren von Jakobäus gegenüber, bei strangförmigen
Verwachsungen der Lunge durch intrapleurale Lösung derselben aus
dem partiellen Pneumothorax einen totalen zu machen, verhalten
wir uns sehr reserviert. Neben mehr oder weniger grossen Blutungen
aus den durchtrennten Strängen wurden schwere Infektionen der
Pleura beobachtet.
Nicht zu vergessen bei der Beurteilung des Pneumothorax ist
die Tatsache, dass er lange Zeit unterhalten werden muss, dass damit
die Kranken besonders bei Ortswechsel nicht mehr unabhängig vom
Arzte sind und dass, diese Abhängigkeit den Kranken wirtschaftlich
schwer belastet. Sehr oft kommen daher solche Kranke zu uns mit
der Bitte, von ihrem Preumothorax durch den operativen Eingriff
die extrapleurale Thorakoplastik — - befreit zu werden. Andere
wieder verweigern den therapeutischen Pneumothorax und verlangen
die extrapleurale Thorakoplastik.
Es erhebt sich somit die Frage, ob nicht in allen Fällen, welche
an sich für einen therapeutischen Pneumothorax geeignet sind, an
seiner Stelle die extrapleurale Thorakoplastik trotz freier
Pleura als Methode der Wahl empfohlen werden sollte.
Für die Bejahung spricht vieles: die Vermeidung der gelegent¬
lich primär auftretenden Zwischenfälle — Pleurareflex und Luft¬
embolie — , die sichere Vermeidung der Exsudatbildung und die Ab-
kürzung der Behandlung, welche, in ein bis zwei Sitzungen ausge¬
führt, nur etwa 6 Wochen dauert und daneben nur noch eine 3-6-
monatige Nachkur in einem Sanatorium erfordert.
Gegen die Forderung spricht einmal die Tatsache, dass die ope¬
rative Behandlung im Vergleich zum therapeutischen Pneumothorax
einen grösseren Eingriff darstellt, welcher wie jede andere Operation
seine direkten und indirekten Gefahren mit sich bringen kann. Aller¬
dings ist die Technik der Operation heute so gestaltet, dass sie, unter
Lokalanästhesie ausgeführt, in etwa 20 Minuten beendet ist.
Als sachlicher Einwand könnte angeführt werden, dass nach er¬
folgreicher Pneumothoraxbehandlung die bis dahin retrahierte Lunge
in der Mehrzahl der Fälle sich wieder ausdehnen und damit die jetzt
gesunde Lunge an der Atmung wieder teilnehmen kann, während
die extrapleurale Thorakoplastik einen Dauerzustand zur Folge hat.
Diesem Einwande ist entgegenzuhalten, dass nach „Eingehenlassen“
des Pneumothorax Rezidive der Tuberkulose beobachtet werden.
Diese sind nach der extrapleuralen Thorakoplastik aus mechanischen
Gründen nicht mehr möglich. Ferner sehen wir gerade bei zirrho-
tischen Formen der Lungentuberkulose im Anschluss an die Pneumo¬
thoraxbehandlung häufig eine so intensive Schrumpfung eintreten,
dass mit Abbruch der Kur das Organ sich nicht wieder ausdehnt.
Als wichtigster Einwand wird stets die Entstellung bzw. Ver¬
stümmelung des Kranken angeführt. Bei richtig ausgeführter Ope¬
ration bleibt jedoch, abgesehen von den Narben, trotz ausgedehnter
Rippenresektion kaum eine Entstellung zurück. Es kommt nur zu
einer starken Retraktion der Brustwand als Ausdruck einer erfolg¬
reichen Behandlung. Dagegen verschwindet regelmässig die bei
chronischen Tuberkulosen beobachtete Kyphose nach dem operativen
Eingriff, da sich die Wirbelsäule wieder strecken kann (Sauer-
bruch). Dagegen ist bei den Kranken, welche wegen einer tuber¬
kulösen Empyemrest nach Pneumothoraxinfektion operiert werden
müssen, die Entstellung ausserordentlich gross.
Wir glauben, dass man immer mehr dazu gedrängt wird, an
Stelle des therapeutischen Pneumothorax die extrapleurale Thorako¬
plastik als Methode der Wahl vorschlagen zu müssen, soweit es sich
um fortgeschrittene Tuberkulosen handelt.
Auch schliessen wir uns der Auffassung A. B r u n n e r s an, dass
zirrhotische Tuberkulosen aus dem Grunde trotz freier Pleura ope¬
rativ behandelt werden sollten, weil bei ihnen häufig nach Abbruch
der Kur eine plastische Operation notwendig wird, wenn infolge der
mangelnden Ausdehnungsfähigkeit der Lunge eine Pneumothorax¬
höhle zurückbleibt.
Vielleicht wird die Zukunft lehren, dass wir bei der Behandlung
der Lungentuberkulose der extrapleuralen Thorakoplastik auch bei
freier Pleura den Vorzug zu geben haben.
Auf das bestimmteste jedoch muss gefordert werden, dass der
therapeutische Pneumothorax nur von Kennern der Tuberkulose
3
»014
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ausgefülirt werden sollte. Mangelnde Erfahrung führt ebenso sicher
wie fehlerhafte Technik zu schweren Enttäuschungen für den Kran¬
ken und den behandelnden Arzt. —
Es lag der Gedanke nahe, den therapeutischen Pneumothorax
auch für die Behandlung nichtspezifischer Lungeneiterungen zu
empfehlen.
Zunächst für Bronchiektasen.
Berücksichtigt man, dass die Lungentuberkulose eine Paren¬
chymerkrankung ist, die Bronchiektase aber im wesentlichen
eine Erkrankung des starren, atrophisch oder hypertrophisch ver¬
änderten Bronchialsystems mit und ohne Erweiterung seines
Lumens ist, so darf bei dieser Erkrankung von vornherein von einer
„Lungenkollapstherapie“ nicht viel erwartet werden. Zwar retra-
hiert sich bei der Pneumothoraxbehandlung die erkrankte Lunge
teilweise. Das Lungenparenchym kann veröden. In diesem
zirrhotischen Lungengewebe bleiben jedoch fast
alleBronchien, zwar etwas näher aneinandergerückt, m i t w e i t
klaffendem Lumen stehen. Dementsprechend sehen wir
wohl vorübergehende Besserung des Leidens eintreten. Eine Heilung
ist bis jetzt nicht beobachtet.
Hinzu kommt, dass noch mehr wie bei der Tuberkulose der freie
Pleuraspalt durch Kontakt oder Durchbruch von seiten der Lunge
infiziert wird und damit ähnliche Zustände ausgelöst werden wie
nach schwerer Pleurainfektion bei Lungentuberkulose.
Wir lehnen daher die Pneumothoraxbehandlung bei Bronchi¬
ektasen prinzipiell ab.
An ihrer Stelle die extrapleurale Thorakoplastik zu empfehlen,
halten wir uns nicht für berechtigt. Auch sie führt höchstens zur
Besserung, nicht zur Heilung. Dagegen empfehlen wir sie als unter¬
stützende Operation bei anderweitigen chirurgischen Eingriffen bei
einseitigen, auf den linken Unterlappen lokalisierten Bronchiektasen:
der Pneumotomie, sowie der Pneumektomie nach vor¬
heriger Unterbindung der Arteria pulmonalis
(S a u e r b r u c h).
Aus prinzipiell anderer Indikation ist sowohl bei den verschie¬
denen Formen von Tuberkulose sowie der Bronchiektase der künst¬
liche Pneumothorax gestattet: bei schweren einmaligen oder rezidi¬
vierenden Blutungen aus der Lunge. Hier treten alle Ueberiegun-
gen und Befürchtungen gegenüber den Gefahren einer lebensbedro¬
henden Hämoptoe in den Hintergrund. Um so mehr, als klinische
Erfahrungn beweisen, dass in diesen Fällen der Pneumothorax lebens¬
rettend wirken kann!
Immer wieder wird der Vorschlag gemacht, Lungenabszesse
und Lungengangrän mit Pneumothorax zu behandeln. In Einzel¬
fällen mag bei frischer Erkrankung hie und da ein Erfolg
nach diesem Vorgehen beobachtet worden sein. Bedenkt man aber,
wie empfindlich jeder geschlossene Pneumothorax gegen Infektion
ist, so wird man uns ohne weiteres recht geben, wenn wir vom chi¬
rurgischen Standpunkt aus die Pneumothoraxtherapie bei diesen Er¬
krankungen ablehnen.
Noch weit mehr als bei Lungentuberkulose und Bronchiektasen
tritt auf direktem oder indirektem Wege ein eitriger oder jauchiger
Erguss in der Brusthöhle auf, und damit gerät der Kranke in einen
lebensbedrohlichen Zustand. Der Pneumothorax verhindert ferner
die Bildung von Adhäsionen über dem Einschmelzungsherd. Gerade
deren Bestehen ist jedoch die Voraussetzung für die in Frage kom¬
mende Therapie — die Pneumotomie — wenn diese e i n z e i t i g
ausgeführt werden soll.
Ausserdem wird häufig durch eine vorherige Pneumothorax¬
behandlung der Zeitpunkt für einen chirurgischen Eingriff hinaus¬
geschoben. Der Kranke kommt im Laufe der Zeit so herunter, dass
er schliesslich mit oder ohne Empyem in einen solch trostlosen Zu¬
stand in chirurgische Hände gerät, dass die Operation abgelehnt
werden muss.
Auch der in Deutschland seltene Lungenechinokokkus sollte nicht
mit künstlichem Pneumothorax behandelt werden. Für ihn ist der
frühzeitige chirurgische Eingriff die Methode der Wahl.
Ueber die neuesten Vorschläge, die Pleuritis sicca sowie die
kruppöse Pneumonie mit dem therapeutischen Pneumothorax zu be¬
handeln, erlauben wir uns kein Urteil. Wir haben prinzipielle Be¬
denken gegen diese Massnahmen.
Wir fürchten auch hier die mehr oder weniger stürmisch ver¬
laufende Pleurainfektion. Ausserdem ist noch nicht erwiesen, ob bei
der Pleuritis sicca nicht leichter Rezidive nach der Pneumothorax¬
behandlung auftreten. Es ist ferner zu sagen, dass viele Pneumonien
am schnellsten ausheilen, wenn man sie in Ruhe lässt. Erfahrene
innere Kliniker werden wohl das letzte Wort in dieser Frage zu
sprechen haben.
Die Vorschläge, den traumatischen Hämothorax zu punktieren
und durch atmosphärische Luft oder Stickstoff zu ersetzen, sind ab¬
zulehnen. Sie entsprechen in keiner Weise den grundlegenden An¬
schauungen über die Behandlung der Verletzungen des Brustkorbes
und seiner Organe.
Auch der diagnostische Pneumothorax wurde empfohlen. Nach
seiner Anlage sollte es gelingen, vor dem Röntgenschirm oder durch
Endoskopie krankhafte Veränderungen der Brustwand, der Pleura
oder der Lunge gegeneinander abzugrenzen.
Hin und wieder mag das gelingen. Vor allem dürfte es sich
mühelos feststellen lassen, ob Brustwandtumoren auf die Pleura oder
Nr. 31.
Lunge übergreifen. Es dürfte auch der Nachweis leicht zu erbringen
sein, ob Veränderungen im Lungengewebe I umorcharakter haben.
Besonders könnte die Frage entschieden werden, ob ein soiener
Tumor bereits mit dem Rippen-, Zwerch- oder Mittelteil ver¬
wachsen ist. j
Wer die Gefahren des künstlichen Pneumothorax richtig be¬
wertet, wird nur mit Reserve an diese Methode herangehen. Uns
steht in der unter Druckdifferenz auszuführenden Probethorakotomie
ein zuverlässiges technisches Hilfsmittel zur Verfügung, welches ein¬
deutigere Resultate zeitigt wie der diagnostische Pneumothorax.
Ausserdem kann, falls die Probethorakotomie sichere Resultate
ergibt, sofort eine radikale Behandlung angeschlossen werden. Auf
diese Weise gewinnen wir Zeit und unterwerfen den Kranken nur
einem Eingriff. Wir lehnen daher den diagnostischen Pneumo¬
thorax gleichfalls ab.
Unsere ablehnende Haltung gegenüber den verschiedenen Vor¬
schlägen, aus diagnostischen oder therapeutischen Gründen einen
künstlichen Pneumothorax anzulegen, beruht auf jahrelanger Lr-
fahrung. Wir werden im zweiten Bande von Sauerbruchs
„Chirurgie der Brustorgane“ klinische Belege für unsere Auffassung
bringen.
Entgegen den immer wieder auftauchenden
Mitteilungen über günstige Resultate der Pneu¬
mothoraxbehandlung bei den verschiedensten
Erkrankungen der Lunge betonen wir v o m chirur¬
gischen Standpunkt aus die Unsicherheit und die
Gefährlichkeit der Methode, ausserdem die lat-
sache, dass oft kostbare Zeit für wirkungsvollere
chirurgische Eingriffe verloren geht.
Wir erkennen zurzeit nur bei gewissen Formen
beginnender fortgeschrittener Lungentuberku¬
lose denbedingtenWert destherapeutischen Pneu¬
mothorax an. Dabei betonen wir, dass, wenigstens bei chronisch
fibrösen Formen, nach unserer Ueberzeugung die extrapleurale I lio-
rakoplastik selbst bei „freier Pleura“ zum mindesten die gleiche Be¬
rechtigung hat wie der therapeutische Pneumothorax.
Aus der Universitäts-Augenklinik zu Bonn.
(Direktor: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Römer.)
Ueber den Einfluss des aktiven Serums auf die intrakutane
Tuberkulinreaktion bei Fällen von Augentuberkulose.
Von Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Römer und Dr. K. vom Hofe.
In Nr. 20 der Klin. Wschr. berichtet W. Jadassohn über Ver- :
Stärkung und Abschwächung der Tuberkulinwirkung durch Serum.;
Wir haben unabhängig von Jadassohn und offenbar gleichzeitig
seit mehreren Monaten Versuche gemacht, die sich auf analoger Bahn
bewegen. Für uns waren freilich nur klinische Gesichtspunkte mass- j
gebend, während bei den Studien W. Jadassohns zum grossen
Teil theoretische Gesichtspunkte der Immunitätsforschung eine Rolle
spielten.
Jadassohn fand, dass aktives menschliches Serum, auch wenn •
es von tuberkulin-negativen Menschen stammte, mit einer Lösung!
Alttuberkulins 1 : 50 000 zu gleichen Teilen vermischt, nach 24stündi-i
gern Stehenlassen bei Zimmertemperatur stärkere Intrakutanreaktion
bewirkt, als sie dem Tuberkulingehalt entspricht. Wurde dagegen;
das Serum sofort nach der Mischung intrakutan injiziert, so war die
Tuberkulin-Serumreaktion in den meisten Fällen schwächer als die
Kontrolle. Bei sofortiger Injektion wurde also im Gegensatz zu den
Versuchen mit längerem Stehenlassen eine Abschwächung der Tu¬
berkulinreaktion erzielt. Jadassohn nimmt an, dass das Tuber¬
kulin im tuberkulösen Organismus durch Verbindung mit thermo¬
stabiler Substanz ohne Mitwirkung von Komplement in giftiges Tu-
berkulopyrin übergeführt wird, das teilweise durch einen Ambo-:
zeptor und Komplement entgiftet wird.
Wir wurden zu unseren Versuchen durch die folgende klinische;
Fragestellung veranlasst:
Wir Ophtalmologen haben es im wesentlichen mit zwei Tuber-i
kuloseformen zu tun. Auf der einen Seite steht die Skrophulose mit i
den Erscheinungen der phlyktänulären Konjunktivitis und Keratitis,:
deren gewaltige Zunahme auch bei den Erwachsenen seit Kriegs¬
und Nachkriegszeit jedem ophthalmologischen Kliniker bekannt ist,
auf der andern Seite die prognostisch noch ungünstigere intraokulare;
Tuberkulose, die uns unter dem Bilde der Iritis und Uveitis entgegen¬
tritt. Alle klinischen Untersuchungen haben bisher nicht enthüllen
können, wovon das Auftreten dieser beiden tuberkulösen Formen des
Auges abhängig ist und bleibt. So ergibt nach unseren umfangreichen
Untersuchungen die Röntgendiagnostik bei beiden Gruppen keine
durchgreifenden Unterschiede im Lungen- und Drüsenbefund. Und
auch die Anwendung des Tuberkulins und anderer Tuberkulose- (
antigene, ferner die bisherige Serodiagnostik vermag uns nach un¬
seren Erfahrungen bisher keinen prinzipiellen Unterschied im Ver-i
halten des Organismus bei beiden Tuberkuloseformen aufzudecken.
Und doch müssen hier immun-biologische Gesetzmässigkeiten vorhan¬
den sein, die diesen beiden Hauptformen der Augentuberkulose zu¬
grunde liegen.
3. August 192.1
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1015
Wir haben uns die Frage vorgelegt, ob es vielleicht gelingen
könnte, dadurch immun-biologische Unterschiede zwischen beiden
Tuberkuloseformen aufzufinden, dass das Serum des betreffenden In¬
dividuums in die eigene Haut zusammen mit dem Tuberkulin injiziert
wird. Zu dieser Versuchsanordnung wurden wir noch veranlasst
durch eine Hypothese aus der Tuberkuloseimmunität. In der neueren
Zeit wird bekanntlich von manchen Forschern, z. B. Dey cke-
M u c li und v.Hajek, die These vertreten, dass bei der Tuberku¬
lose die zelluläre Immunität der relativ dauernde Immunitätszustand,
während die humorale Immunität, wie v. Hajek sagt, eine mehr
flüchtige, stets wechselnde Kampfwelle ist, die von den bedrohten
Körperzellen erst dann eingesetzt wird, wenn es der Kampf gegen
die I uberkulose gerade erfordert. Wir gingen ferner von der Hypo¬
these aus, dass die Tuberkulinreaktion auf einem parenteralen Abbau
beruht und dass die Ursache der entzündlichen Erscheinungen giftige
Zwischenprodukte des Antigenabbaus sein können, die dann zur Wir¬
kung gelangen, wenn der Antigenabbau unvollkommen oder zu lang¬
sam vor sich geht. Wir fragten uns: Wenn beide Formen der Augen¬
tuberkulose sich vielleicht dadurch unterscheiden könnten, dass bei
der einen I uberkulin abbauende Antikörper im Serum vorhanden
sind, bei der andern aber fehlen, so würde sich dies wohl dann am
besten zeigen, wenn das Tuberkulin direkt mit dem Serum zur intra¬
kutanen Reaktion injiziert wird. Es würde dann bei der Tuberkulose¬
form, bei der im Serum reichlich Antikörper vorhanden sind, die
Tuberkulin-Serumreaktion vielleicht milder verlaufen, als an der
Kontrollstelle die Reaktion mit dem Tuberkulin allein.
Der Gedankengang, der uns führte, mag irrig sein, wie vieles,
was auf dem Gebiete der Tuberkuloseimmunität gedacht und gesagt
\vird. Iatsächlich aber hat uns derselbe zur Aufdeckung immunbio¬
logischer Unterschiede geführt. Denn es finden sich bei dieser klini¬
schen Untersuchungsmethode deutliche Unterschiede, sowohl unter
den kranken Individuen mit derselben Tuberkuloseform, wie zwi¬
schen unsern beiden okularen Tuberkuloseformen.
Unsere Versuchsanordnung war folgende:
Tabelle 1.
+ bedeutet durch Serum abgeschwächte Tuberkulinreaktion.
— bedeutet durch Serum nicht abgeschwächte Tuberkulinreaktion.
Nr.
Alter
Diagnose
Kesul-
tat
1
17
Keratoeonj. scroful.
2
9
3
12
1» J?
4
9
5
14
6
21
7
21
M >J
8
30
M J»
Diagnose
-
9
10
11
12
18
14
15
16
7
21
28
17
19
9
22
15
Keratoeonj. soroful.
» »
!! tl
II II
II II
II II
II II
+
Tabelle 2.
N’r.
Alter
Diagnose
3 -»-»
iß c3
<D «-»
Nr.
Alter
Diagnose
Eesul-
tat
i
28
Uveitis chronica
_
14
57
Chorioiditis acuta
2
30
U
—
15
22
Juvenile Glaskörperblut
3
40
—
16
56
Iritis chronica
4
31
—
17
26
5
41
Iritis „
—
18
25
Chorioiditis dissemiate
6
29
» v
—
19
31
Iritis serosa
7
38
„ serosa
—
20
23
Iridozyklitis
-J
j-
8
50
Chorioiditis disseminata
—
21
32
Cyclitis chronica
H
b
9
50
—
22
27
Chorioiditih areolaris
-4
(-
10
16
Heterochromie- Catara ct
—
23
11
Juvenile Glaskörperblut.
11
24
Juvenile Glaskörperblut.
—
24
23
Kerato-Iritis
12
16
Kerato- Iritis
—
25
41
Iritis serosa
13
43
Uveitis chronica
—
Kleine Tuberkulosedosen, wie sie Jadassohn benutzte und
wie wir sie ähnlich in unsern Vorversuchen anwandten, ergaben uns
Keine eindeutigen Resultate. Wir gingen daher so vor, dass wir den
(ranken Blut entnahmen und stets zu 0,4 ccm Serum .0,1 ccm einer
-ösung von 1 : 100 albumosefreien Tuberkulins = 0,001 ccm hinzu-
ügten. Dieses Gemisch wurde sofort am rechten Arm intrakutan
erimpft, während am linken Arm 0,1 ccm albumosefreies Tuberkulin
: 100 + 0,4 ccm Kochsalzlösung injiziert wurden. Entsprechend
inserer Vorstellung bezeichneten wir das Resultat als positiv, wenn
las Serum eine Abschwächung der Tuberkulinwirkung herbeigeführt
iatte, als negativ, wenn ein abschwächender Einfluss nicht erkennbar
rar. Dass unsere theoretische Vorstellung der Kompliziertheit dieses
'iologischen Phänomens jedoch nicht genügend Rechnung trug, ergab
ich sehr bald bei den Fällen, bei denen die Entzündung an der
’erumstelle sogar deutlich stärker war als an der Kontrollstelle. Wir
ahen also auch bei dieser grossen Tuberkulindosis in manchen
allen eine Verstärkung der Tuberkulinwirkung, während Jadas-
ohn bei sofortiger Mischung des aktiven Serums mit der kleinen
uberkulindosis eine Abschwächung der Tuberkulinwirkung erzielte.
Vir legen aber, wie nochmals betont sei, keinen Wert auf die ver¬
miedenen Hypothesen, sondern nur auf die klinischen Tatsachen.
Jnd das klinische Ergebnis bei unsern ersten einheitlich untersuchten
1 Fällen ist folgendes:
Bei den meisten Fällen von Skroplmlose mit den Krankheitsbil¬
dern der Bindehaut- und Hornhautentzündung war die intrakutane
Wirkung von 0,001 ccm Tuberkulin mit aktivem Serum deutlich
schwächer als die Wirkung dieser Tuberkulindosis allein. Nur in ein¬
zelnen Fällen von Skroplmlose war diese abschwächende Wirkung
des Serums nicht vorhanden. Die klinische Beobachtung lehrte, dass
es sich bei diesen Ausnahmefällen um besonders schwere Formen
der allgemeinen und Augeuskrophulose handelte. Hier war in der
Hälfte der Fälle die I uberkulinreaktion mit dem Serum zusammen
ebenso stark wie die Kontrolle, ja, nicht selten deutlich stärker und
langandauernder. War die 1 uberkulinreaktion abgeschwächt, so er¬
gab die klinische Beobachtung, dass es sich hier wieder um leichte
und gutartige Fälle handelte.
Es macht also den Eindruck, als könnte es auf diesem Wege
gleichzeitiger intrakutaner Impfung des Serums zusammen mit einer
geeigneten Tuberkulindosis gelingen, prognostische Anhaltspunkte für
die Beurteilung der Augentuberkulose zu erhalten. Es würde das
ein Ziel sein, auf welches v. Wasser mann zurzeit mit Hilfe kom¬
plizierter Reagenzglasversuche hinarbeitet. Wir sind aber weit da¬
von entfernt, aus unsern ersten Versuchsreihen bereits einen so
weitgehenden Schluss zu ziehen, denn wenn nach Jadassohn
das aktive Serum bei sofortiger Mischung kleine Tuberkulindosen
abschwächt, nach kurzem Stehenlassen bei Zimmertemperatur da¬
gegen verstärkt, wenn nach unsern Versuchen das aktive Serum bei
sofortiger Mischung grosse Dosen Tuberkulins je nach der Tuberku¬
loseform abschwächen oder verstärken kann, so ergibt sich von
selbst, dass noch umfangreiche Versuche für den Ausbau dieser Me¬
thoden notwendig sind, ehe wir entscheiden können, ob diese Me¬
thode zur prognostischen Beurteilung der Tuberkulose geeignet ist.
Unsere Mitteilung kann daher nur den Zweck haben, zu weiteren
Untersuchungen in dieser Richtung anzuregen. Nachdem Fellner
mit Substanzen aus den Pirquetpapeln sehr häufig wesentlich stärkere
Tuberkulinreaktionen erhalten hat (cf. Wiener klin. Wschr. 1919,
S.937; Volk mann s Sammlung klin. Vorträge 1919, S. 779), nach¬
dem Jadassohn sein,e Versuche mitgeteilt hat und nachdem wir
gleichzeitig gefunden haben, dass die Tuberkuloseform, von der das
Serum stammt, einen Einfluss auf die Reaktion hat, sind die Richt¬
linien, in denen sich die nächsten Versuche bewegen müssen, klar
vorgezeichnet.
Aus der Medizinischen Klinik und Nervenklinik Tübingen.
(Vorstand: Prof. Dr. Otfried Müller.)
Ergebnisse der Blasenmethode.
(lieber den Gewebszucker beim lebenden Menschen.)
(1. Mitteilung.)
Von Priv.-Doz. Dr. Max Gänsslen, Assistenzarzt der Klinik.
(Mit einem Vorwort von Otfried Müller.)
Vorwort.
Seit Beginn unserer Kapillarstudien war uns in Tübingen aufge¬
fallen, dass beim Pankreasdiabetes oft eigenartige Verhältnisse in
den periphersten Gefässabschnitten festzustellen sind. Schon im
Jahre 1912 teilte Krauss aus unserer Klinik mit, dass der Kaoillar-
druck schwerer Diabetiker relativ zu ihrem Arteriendruck auffallend
niedrig ist. Die Erscheinung fand sich so konstant und so ausge¬
sprochen, dass Krauss schon damals die Vermutung aussprach, sie
müsse durch Erschlaffung resp. aktive Erweiterung der Hautgefässe
bedingt ein.
Eine solche Erweiterung der Hautkapillaren wurde denn auch
von Weiss im Jahre 1916 aus unserer Klinik mitgeteilt und von
Jürgensen anderenorts bestätigt. Sie ist die Ursache der von
v. N o o r d e n als Rubeosis bezeichneten Rosenrote mancher Diabe¬
tiker, besonders im Gesicht und vornehmlich an der Stirn.
Wir hatten immer den Eindruck, dass diese Erweiterung der peri¬
phersten Kapillarabschnitte, der sog. Schaltstücke, mit irgendwelchen
Besonderheiten des Austausches zwischen Blut und Gewebe Zusam¬
menhängen müsse. Dementsprechend waren wir nicht überrascht, als
Gänsslen, nachdem er auf meine Veranlassung an die Prüfung der
Permeabilität der Kapillarwand herangetreten war und die Blasen¬
methode ausgearbeitet hatte, fand, dass beim Pankreasdiabetes
erstens der Uebertritt von Flüssigkeit aus dem Gefäss ins Gewebe
verlangsamt ist und dass zweitens der Zuckergehalt der Blase ein
höherer zu sein pflegt als der des Blutes. Diese eigenartige Tatsache
wurde reichlich ein Jahr nach unserer ersten Publikation, offenbar
unabhängig von ihr, an Leichenteilen durch Barät und Het6ny
ebenfalls festgestellt. Es dürfte also wohl sicher mit ihr zu
rechnen sein. ,
Es liegt nun nahe, diese Zuckerstauung im Gewebe im Sinne
einer Verminderung der Zuckerverbrennung zu deuten, wie das na¬
mentlich von seiten Minkowskis postuliert worden ist. Auch ist
es heute nicht mehr so schwierig, die Vorstellungen erhöhter Zucker¬
produktion einerseits und verminderten Zuckerverbrauchs anderseits
unter einem einheitlichen Bilde zu erfassen. Wenn die Ansicht der
Kraus sehen Klinik sich dauernd halten lässt, wonach die Ver¬
mehrung der Zuckerproduktion durch abnorme nervöse „Lenkung“
(Kraus) des endokrinen Konzernes infolge Erkrankung einer be-
3’
IU16
MÜNCHENER MEDIZINISCHE W OCH ENSCHRIFT.
Nr. 31.
stimmten Stelle im Globus pallidus (Le w.v und Dresel) erfolgt, so
steht prinzipiell aucli der Annahme nichts im Wege, dass diese ver¬
änderte Einstellung der endokrinen Drüsen gleichzeitig zu einer Her¬
absetzung der Oxydation führen kann. Neuere
(E p p i n ge r) bestätigen sogar wieder ausdrücklich die Herabsetzung
des Grundumsatzes beim schweren Diabetiker.
Eine solche Betrachtungsweise der Dinge müsste dann auch aaza
führen, die Erage des Komas etwas anders anzusehen, als lange /.eit
üblich war. Wir können doch auf die Dauer nicht an der 1 atsache
Vorbeigehen, dass die Naunyn sehe Azidoselehre tur den denken¬
den Praktiker nicht zur Erklärung aller Erscheinungen ausreicht.
Demgemäss erscheint es mir - ebenso wie übrigens auch B a r a t
und Hetöny — zweckmässig, die Aufmerksamkeit doch mehr als
bisher der Schädlichkeit konzentrierter Zuckerlösungen, besonders
für das Nervengewebe, zuzuwenden. Wenn wir lange vor dem Auf¬
treten von Ketonkörpern die Patellarrcflexe verschwinden, sowie
Optikus und Retina Not leiden sehen, so müssen wir uns doch sagen,
dass schliesslich auch die lebenswichtigen Hirnzentren in der konzen¬
trierten Zuckerlösung nicht mehr ordnungsgemäss werden arbeiten
können. Mag sein, dass die später auftretenden Ketone diesen Zu¬
stand beschleunigen. Dass sie ihn allein herbeiführen, erscheint mir
überaus unwahrscheinlich. Wenn der Liquor cerebrospinalis, wie
G ä n s s 1 e n gefunden hat, im Koma z. B. 0,675 mg Zucker in 100 mg
Flüssigkeit enthält, so ist das eine Konzentration, die auf das Gehirn
schädlich einwirken muss. _ i
So möchten wir uns den Lauf der Dinge beim schweren Pankreas¬
diabetes zurzeit etwa folgendermassen denken: Ausser der im Be-
wusstsein der Zeitgenossen zu ausschliesslich in den Vordergrund ge¬
tretenen Produktionsvermehrung besteht noch eine ebenfalls endokrin
bedingte Verbrauchsminderung des Zuckers. Beide Vorgänge sum¬
mieren sich in ihrer Wirkung, so dass es schliesslich zu krisenhaften
Zuspitzungen der Lage des Zuckermarktes der Gewebe kommt. Die
enorme Zuckerstapelung im Gehirn ist schliesslich mit dem x or -
bestand der nervösen Funktionen nicht mehr vereinbar. Dabei fuhrt
die Oxydationsstörung sowohl zu mangelhafter Zerstörung des
Zuckers, wie auch der Ketone, und demgemäss ist die Azidose mehr
eine Begleiterscheinung, als die alleinige Ursache der komatosen
Zustände. ..
Ich bemerke ausdrücklich, dass ich hier zunächst nur einen Ver¬
such mache, unsere Gedankenrichtung so einzustellen, dass sie den
vorliegenden klinischen und physiologischen Befunden entspricht. Die
nachfolgende Arbeit üänsslens bringt manches, was diesen Vet-
such stützt. Wie die Dinge wirklich liegen, wird sich erst in weiteren
langen und mühevollen Untersuchungen feststellen lassen.
selben Resultate erzielt, je nachdem es mit dem Aufschiessen der
Blasen geklappt hatte. _ ^ _ _ _ _
Zeit
Gewebszucker
Blutzucker
7. 45
7 M
8>
8.»»
8.50
10. “
11. ««
12.»
l.«°
3.00
5.°«
6.40
O.iig | 0,083 (nüchtern 1
Injektion von 9 Gramm Traubenzucker in die Vene.
0,139 (Iujektionswirkung)
0,146
0.088
0.084
0,101 (Friihstüekswirkung)
0,082
0,084
0,129
0,146
0.165
0il71
0,130
0.135
0,104
0,081
0,130 (Mittagswirkung)
0,086
Diese Versuche sollen nichts anderes beweisen, als dass es ge¬
lingt mit unserer Methode die Anwesenheit des durch intravenöse
Injektion verabreichten Zuckers im Gewebe nachzuweisen: uberl
Einzelheiten in der Deutung wird sich streiten lassen.
Auf den Ergebnissen dieser Belastungsversuche fussend, haben
wir dann eine grosse Anzahl Einzeluntersuchungen gemacht; ihre Zahl
beläuft sich jetzt auf 300 Untersuchungen an Gesunden und Allgemein-
kranken und etwa 100 Untersuchungen an Diabetikern verschiedener
Aetiologie. Für den Gewebszuckerspiegel, der in der Regel mehr
oder weniger unter dem Blutzuckerspiegel liegt fanden wir (labej
normalerweise eine Variationsbrei c von 0.0M bi s <U1 in g
auf 100 mg, die sich also etwa mit der des Blutes deckt. Die Vari¬
ationsbreite ist absichtlich etwas gross angenommen um zumimst
nur einmal auf ganz eklatanten Differenzen unsere Folgerungen auf-
zubauen. lebhafteste interesse auf diesem Gebiet wird natürlich der
Diabetes beanspruchen; das zugrunde gelegte Material belauft sic.i
auf 30 Fälle verschiedener Provenienz. An einer grosseren Reihe von
Fällen möchte ich hier die geförderten Vergleichszahlen zwischen
Blut und Gewebe demonstrieren:
1. Gruppe: Leichte vorübergehende Glykosurieen (arteriosklero¬
tische Altersformen).
Name
Gewebszucker
Blutzucker
Schw.
0,132
0,137
M.
0,151
0,176
D.
0,121
0,138
M.
0,129
0,132
Vor einem starken Jahre haben wir die Blasenmethode') mit
ihren ersten Resultaten veröffentlicht (M.m.W. 1922, Nr. 8); die
Methode gab uns in der „Blasenzeit (Reizzeit)“ eine Möglichkeit an
die Hand zur Funktionsprüfung des periphersten Gefasssystems aut
Oedembereitschaft resp. Oedemtorpiditat (M.m.W. 1922, Nr. 32).
Weiter ermöglichten uns Mikrobestimmungen aus dem olaseniniiaite
Studien über die wechselnde Konzentration von Blut- und Geweos-
flüssigkeit (Zucker-, Reststickstoff-, Salz- usw. Konzentration).
Wenn wir hier der Einfachheit halber die gewonnene Blasen¬
flüssigkeit kurzweg als „Gewebsflüssigkeit bezeichnen, so bedat
dieses Vorgehen einer kritischen Einschränkung. Die in einer wach¬
senden Blase auftretende Flüssigkeit stammt, wie in meiner ersten
Publikation und in ü. Müllers Kapillarbuch auseinander gesetzt
ist zu einem Teil aus der Blutbahn, zum andern Teil aus den Ge¬
weben. Findet sich in einer Blase ein deutlicher höherer (resp. nie¬
derer) Prozentgehalt gelöster Stoffe wie im Blute (bei gleichzeitiger
Bestimmung), so ist anzunehmen, dass die Differenz im wesentlichen
durch die höhere (resp. niedere) Konzentration der betreffenden
Stoffe in den Geweben bedingt ist. Diese Annahme wird zur Gewiss¬
heit wenn Paralleluntersuchungen an Leichenteilen oder exzidierten
Stücken des lebendigen Körpers zu gleichen Resultaten fuhren, was
bei den wichtigsten Punkten unserer Untersuchungen tatsächlich der
Fall ist.
Der Untersuchung dürfen keine alten, länger stehenden Blasen zugrunde
gelegt werden; man verfährt bei Einzelbestimmungen daher praktisch am
tiesten so, dass man abends ein Pflaster (2 3 qcm) an unserer Teststelle, der
Aussenseite des Unterschenkels setzt (bei Fällen mit verlängerter Blasen¬
zeit [z. B. Diabetes] am Oberarm). Bis zum anderen Morgen hat sich dann
meist die Blase entwickelt, das Pflaster wird nun vorsichtig abgezogen, die
Stelle mit Aether gereinigt, die Blase mit ausgeglühter Nadel angestochen
und dann wird weiter verfahren wie bei jeder Mikrobestimmung aus dem
Blute. Die Bestimmungen werden morgens nüchtern aus der Gewebsflüssig¬
keit und gleichzeitig immer auch aus dem Blute mit der Mikromethode nacli
Bang ausgeführt.
Wir beginnen mit dem Zucker und stellen den bereits in das
U. Müller sehe Kapillarbuch aufgenommenen Belastungsgrundver¬
such an die Spitze. rT1 „ ... , , , .
Dabei verfuhren wir so, dass wir von 7 Uhr 30 Min. abends bis
2 Uhr 50 Min. nachts in etwa einstiindigen Intervallen an den Aussen-
seiten der Unterschenkel Pflaster setzten, an deren Stelle im Laufe
des anderen Tages Blasen aufschossen. In 3 Fällen haben wir das mit
einer Traubenzuckerverabreichung per os und 7 mal mit intravenöser
Injektion (bis 14 g) durchgeführt und dabei mehr oder weniger die-
II. Gruppe: Pankreasdiabetes (meist schwerer genuiner Form)
Name
Gewebszucker
H.
B.
W.
Ko
Ka.
M.
May.
Schol.
E.
Eis
Bl.
M.
0,297
0.276
0,221
0 207
0,327
0,172
0,214
0,171
0,167
0,158
0,156
0,284
Blutzucker
0,247
0,223
0,201
0,194
0,281
0,151
0.197
0.137
0,144
0,132
0.145
0i249
Name
Gewebszucker
Blutzucker
B.
0,131
0,125
W,
0,176
0,171
Mo.
0,172
0,151
Schl.
0,193
0.18.J 1
Br.
0.18
0,14
Vo.
0,20
0,194
M.
0.214
0,197
Wa.
0,30rt
0,274
F.
0, '82
0, 78
Liquor: 0, 75
0,621
Wie.
0,217
0,1 66
Um die Tragfähigkeit der Methode zu demonstrieren seien hier
noch die Kurven von 2 Fällen veröffentlicht, bei denen fortlaufende
Untersuchungen angestellt worden sind.
*) Pflaster bezogen durch die Firma P. Hartmann, Heidenheim Brenz.
Kurve 1.
Im Interesse der Uebersichtlichkeit ist nur das Wichtigste aufgenommen.
Es handelt sich um die Kohlehydratentziehungskur bei einem lugendlichei
Pankreasdiabetiker. Wie man sieht, liegt der Gewebszuckerspiegel daue'tu
Übei dem des Blutzuckers und fällt nur anfangs darunter, als auf die täg¬
liche Verabreichung von 15 g Na bicarb. gegen die Azidose e>ne starke
Wasseretention in den Geweben eintritt (Gewicht von 62,4 auf 65,3 Kg.
kommt auch in geringem Grade in der Diuresenkurve zum Ausdruck). L»ie
Angleichung erfolgt aber sehr rasch, zumal auch die ansteigende end
der Gewichtskurve wieder in eine fallende übergeht. Die Wirkung der dia I
3. AuRust 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1017
tischen Therapie prägt sich in einer langsam kontinuierlich abfallenden Gc-
webs- und Blutzuckerkurve aus. (Gewebszucker höchster Stand 0,215, Blut¬
zucker höchster Stand 0.189; Gewebszucker niederster Stand 0,13*1, Blut¬
zucker niederster Stand 0,123.)
Kurve 2.
Und dann der zweite Fall, bei dem der Diabetes mit etwa 46 Jahren
1 offenbar im Zusammenhang mit dem Eintritt der Menopause aufgetreten war.
Hier ist der Einfluss von Entziehung und Wiederzulage der Kohlehydrate im
abfallenden und wieder steigenden Verhalten des Blut- und Gewebszucker-
I Spiegels zu verfolgen.
Wie man sieht, zeigen alle Fälle der ersten Gruppe ein charakte¬
ristisches Verhalten insofern, als bei ihnen der Gewebszuckerspiegel
unter dem Blutzuckerspiegel liegt, während bei der zweiten Gruppe,
den meist genuinen Pankreasdiabetesfällen, gerade das umgekehrte
der Fall ist; wir finden stets den Gewebszuckerspiegel über dem
Blutzuckerspiegel stehend. Diese Ergebnisse stimmen vollkommen
mit den jüngsten Untersuchungen von B a r ä t und Heteny überein,
die an Gewebsstückchen von Leichen zu denselben Resultaten kamen.
Nach dem Vorschlag des an unserer Klinik weilenden Herzog-
Schülers v. Ru t ich haben wir dann bei einigen Fällen
der zweiten Gruppe auf einem dritten Wege diese Befunde erhärtet,
indem wir nach der Methode von M o r a w i t z und Denecke eine
Abschnürung des Armes von 10—15 Minuten Vornahmen und den Blut¬
zuckerwert vorher und nach Ablauf dieser Frist am abgebundenen
Arm feststellten. Während bei den bisher untersuchten 20 normalen
Fällen der nach Abbindung des Armes festgestellte zweite Wert stets
niederer war, lagen bei 10 Diabetesfällen die zweiten Werte üb er¬
den ersten, so dass man auch nach dem Ausfall dieser Versuche an-
nchmen muss, dass die Zuckerwerte im Gewebe über dem Blut¬
zuckerwert liegen.
Beispiele:
Blutzuekerwerte
Blutzuckerwerte
I. Be- 1 11. Be¬
stimmung Stimmung
I. Be- 1 11. Be¬
stimmung Stimmung
Diabetes ...
0,369
0,373
Vasoneurose . . .
0.099
0,093
0,248
0.260
Tumor cerebri
0,121
0,113
0,301
0,363
Sana .
0,106
0.092
»J . .
0p 52
0.467
Vasoneurose . . .
0.096
0,067
„ ....
0.33
0.39
Mitralinsufflz'enz .
0,098
0,086
0,341
0,399
Rheumatismus . .
0,093
0,0*6
0,1 7
0,159
Spitzentbc .
0.068
0,062
0,356
0,398
Sanus .
0.149
0,112
0,270
0,275
0,116
0,102
0,369
0,373
Neurasthenie .
0.1 10
0,087
Andere Fälle verhielten sich folgender-
Vasoneurose . .
0,081
0,064
0,061
0.062
massen:
Spitzentbc .
0.112
0,096
Jrippepneumonie .
0.093
0,080
-Hilustbo. . . .
0,091
0,089
'feurasthenie . . .
0,113
0,106
Sanus
0,101
0.091
S'ephritis . ...
0,103
0,101
0,091
0,085
Enzephalitis
0,107
0,106
Die genannten Untersuchungen ergeben über¬
einstimmend die Tatsache, dass beim Pankreas¬
diabetes der Zuckerspiegel im Gewebe höher liegt
wie im Blute.
Diese Erkenntnis gestattete uns in einem Fall von tuberkulöser
Meningitis und Enzephalitis, bei dem noch keine Glykosurie aufbat,
sich aber die Zuckerwerte folgendermassen verhielten: Gewebs¬
zucker 0,137, Blutzucker 0,121, eine topische Diagnose zu stellen.
Mach dem charakteristischen Verhalten des Blutzuckers zum Gewvbs-
cucker, das einem beginnenden Diabetes entsprach, nahmen wir einen
Hrkrankungsherd in dem von Lewy und Dresel lokalisierten
iuckerregulationszentrum im Globus pallidus an, eine Annahme, die
sich autoptisch schon makroskopisch sichtbar durch einen tube kr-
ösen Erweichungsherd in der Gegend des linken Globus pallidus
bestätigte.
Auf Grund dieser Feststellungen möchten wir beim Pankreus-
liabetes den in unserer ersten Arbeit geäusserten Verdacht einer
Jxydationsstörung (Minkowski) in bestimmterer Form wieder
iufnehmen. Für eine Verbrennungsstörung spricht der stets höhere
jewebszuckerspiegel des Pankreasdiabetikers, seine torpide,
rockene, welke Haut mit der verlängerten Blasenzeit im Gegen¬
satz zum Basedowiker, der mit seiner feuchtwarmen Haut eine ver¬
kürzte Blasenzeit und bei seinem gesteigerten Energieumsatz häufig
-‘ine auffallende Erniedrigung des Gewebszuckerspiegels aufweist.
\usser anderen Gründen spricht dafür weiter das Auftreten der
Azidose in vorgerückten Stadien, sowie die in neuerer Zeit erneut
festgestellte Herabsetzung des Grundumsatzes (Eppinger).
An der unteren Grenze, häufig auch tiefer, fanden wir die Werte
bei Krankheiten, die mit Reduktion der Körperkräfte und Fieber
einhergehen, so z. B.:
Gewebszucker
Blutzucker
R. Fndocarditis leutu ....
0,050
0.082
B Grippeempyem, Nephritis .
0,051
0,109
K Schwerer Scharlach .
0,017
0.099
R. Pneumonie .
0.053
0,' 76
F Endocurditis lenta .
0.063
0.073
K. Masern
0,028
0,073
F. Laugdauernde sequestr. Knocheneiterung
0,051
0,061
(K. Akute gelbe Leber itrophio . .
—
0,029!)
Dieses Verhalten ist zwanglos mit dem durch die Krankheit her¬
beigeführten grossen Verbrauch in Einklang zu bringen und deckt sich
mit den autoptischen Glykogenbefunden. Das Depotglykogen wird
aufgezehrt, und der Abmangel macht sich zuerst in den Geweben
bemerkbar, während der Blutzuckerspiegel durchaus innerhalb der
normalen Variationsbreite sich bewegt. Es ist anzunehmen, dass sich
Muskelarbeit, Art der Ernährung und Ernährungszustand ebenfalls
Ausdruck verschafft.
In diese Gruppe herein gehört möglicherweise auch ein Fad von
schwerer Leberlues, der wegen gleichzeitig bestehender Nerven¬
erscheinungen lumbalpunktiert wurde und darauf mit Fieber reagierte
(kurzer Anstieg auf 40° Fieber bei normaler Pulsfrequenz). Bei der
Untersuchung zeigte sich, dass der Kohlehydratspiegel im Gewebe
einen abnorm niedrigen Stand aufwies:
Gewebszucker Blutzucker
0,022 0,087
Der Zucker im Gewebe war offenbar durch das Fieber wegge¬
brannt und konnte von der durch die Lues in ihrer Funktion behin¬
derten Leber aus nicht rasch ersetzt werden. Ein ähnliches Verhalten
zeigte ein anderer Fall, der auf einen Belastungsversuch (14 g
Traubenzucker intravenös) Temperatursteigerung (39,4) bekam und
dabei nicht entfernt die sonst beobachtete Erhöhung des Gewebs¬
zuckerspiegels aufwies.
Ganz aus dem Rahmen der normalen Variationsbreite heraus
fallen aber einige bei längerdauernden ausgesprochenen Basedow¬
fällen festgestellte Werte. Sie sind im folgenden zusammenge¬
fasst: Der letzte Fall mit dem hohen Wert ist ein frischer Basedow,
bei dem nur die Distanz zwischen Blut- und Gewebswert auffällt.
Gewebszucker
Blutzucker
V.
0.049
0,082
Sch.
0,059
0.085
Sehw.
0,044
0,078
L.
0, 3
—
H.
0,081
0,096
Verwunderlich ist dieses Resultat nicht, da doch beim Basedow
der erhöhte Energieumsatz zum Bilde der Krankheit gehört. Die
negative Bilanz zwischen Kalorienzufuhr und -verbrauch führt dann
zu der oft ausserordentlichen Abmagerung der Kranken. Bildlich
gesprochen wird man also wohl sagen können, das die Sauerstoff¬
flamme, mit der ein Basedowiker im Gegensatz zu der normalen Flam¬
me eines Gesunden brennt, zu einem guten Teil mit Kohlehydraten ge¬
speist wird. Damit kann ungezwungen in Einklang gebracht werden,
dass durch die Vorherrschaft der Thyreoiden eine leichtere Glykogen-
mobilisation auf dem Wege über das Pankreas stattfindet. Wenn
diese erhöhte Glykogenmobilisation aber in den abnorm gesteigerten
Gesamtstoffwechsel eingestellt wird, so kommt sie bei dem hoch¬
gradigen Kohlehydrathunger und -verbrauch im Gewebe nicht mehr
zum Ausdruck.
Hierher gehören allem Anschein nach auch zwei Fälle von Kretinis¬
mus, die ausser der verkürzten Blasenzeit, wie wir sie für den Base¬
dow bereits früher kennengelernt haben, auch einen auffallend
niederen Gewebszuckerspiegel aufwiesen. In diesem Verhalten und
der besonders prallen Füllung der Blase stehen sie eher dem Morbus
Basedow nahe als seinem Antipoden, dem Myxödem, so eng auch
sonst die Beziehungen zwischen Myxödem und Kretinismus sein
mögen.
Ganz abgesehen von der Divergenz der klinischen Symptome, der Pro¬
gnose und Aetiologie beider Krankheiten fallen unsere Untersuchungen hier
doch so aus, wie sie dem Standpunkt von W. Scholz entsprechen, der
eine Identifizierung von Kretinismus mit Athyreosis (Myxödem) ablehnt. Er
begründet diese Ablehnung mit seinen Befunden von funktionierendem Schild¬
drüsengewebe bei Kretinen, der Differenz im Verhalten der Kretinen bei
Schilddrüsendarreichung gegenüber schilddrüsenlosen Individuen und den
Abweichungen im Stoffwechsel, besonders N-Stoffwechsel, der nicht dem bei
Myxödem, sondern dem bei Morbus Basedow ähnlich ist, ein Verhalten, wie
wir das soeben auch für den Zuckerstoffwechsel gesehen haben.
Unter dem Hinweis auf die verkürzte Blasenzeit bei Aenderungen
in der Ovarialfunktion, so in der Schwangerschaft, nach Röntgen¬
kastration oder bei Chlorose möchten wir dann zu den Beziehungen
zwischen Thyreoiden und Ovarium übergehen. Unter der allgemeinen
Annahme, dass in der Schwangerschaft eine Hemmung der generato¬
rischen und innersekretorischen Tätigkeit des Ovariums eintritt,
können wir von einer unter dem Bilde der Hyperfunktion erscheinen-
1018
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31.
I
den Vorherrschaft anderer Drüsen mit innerer Sekretion, so be¬
sonders der Thyreoidea, sprechen. Diese Vorherrschaft der Thyre¬
oidea lässt sich an Hand einer Reihe von Tatsachen zeigen, so an der
Schwellung der Schilddrüse, an den Zeichen gesteigerter Vitalität
und erhöhten Energieumsatzes (Biedl), an der höheren Puls- und
Temperaturlage, an der feuchtwarmen Haut mit Neigung zu hämor¬
rhagischen Flecken und Schweissbildung. Ferner lassen sich bei
anderen Störungen dieses Koordinationsverhältnisses die Zusammen¬
hänge gut beleuchten; so findet Chvostek ein häufiges Auftreten
von Thyreotoxikose bei Chlorose. Ebenso ist die Atrophie
des Genitale mit Amenorrhoe oder Oligomenorrhoe, sowie der früh¬
zeitige Eintritt der Menopause bei Basedow wohlbekannt, während
anderseits an Basedow erinnernde Ausfallserscheinungen im Klimak¬
terium auftreten können.
Aus dieser durch die angeführten Beispiele begründeten Ueber-
legung heraus machten wir uns an die Untersuchung des Gewebs-
zuckei Spiegels bei Hochgraviden (9. — 10. Monat) und waren nicht
überrascht, als die Resultate so ausfielen, wie wir sie in dieser T a-
belle zusammengestellt haben.
Name
Gowebszucker
Blutzucker
Frau F.
0,051
0,076
„ E-
0,047
0,084
„ K.
0,061
0,075
„ M.
0,059
0,088
Name
Gewebszucker
Blutzucker
Frau M.
0,060
0,081
„ B.
0,057
0,072
„ O.
0,057
—
. T.
0,075
0,105
Nach den abnorm niederen Gewebswerten zu schliessen, scheinen
hier beim Zuckerstoffwechsel der Hocligraviden ähnliche Verhält¬
nisse vorzuliegen, wie wir sie in etwas ausgeprägterer Form beim
Basedow angetroffen haben. Bei dem letzten Fall (T.), wo der Ge-
webswert in der Norm liegt, fällt zum mindesten auch wieder die
grosse Distanz vom Blutzucker auf. Nach Bang soll sich im Blut
der Spiegel eher an der unteren Grenze bewegen, was auch in un¬
seren Fällen Bestätigung findet; Bang meint, dass man schon
a priori eine Hypoglykämie erwarten dürfe, da die vermehrten kör¬
perlichen Ansprüche doch einen gesteigerten Zuckerverbrauch be¬
dingen.
Der Vollständigkeit halber habe ich hier noch des auffallend niederen
Gewebszuckerspiegels (0,039, 0,043, 0,048) bei exsudativen Kindeirn Er¬
wähnung zu tun, welche die bekannte Verkürzung der Blatenzeit bieten. In
dem Abschnitt über Kochsalz werde ich nochmals darauf zurückkommen,
kann aber aus den Resultaten keine weiteren Schlüsse ziehen, da eine breite
Versuchsbasis bei Kindern fehlt; die Möglichkeit besteht, dass bei Säuglingen
und Kindern die Werte an sich niederer liegen. Schliesslich ist noch der
stark erniedrigte Gewebswert (0,045) bei einem Fall von Myotonia atrophica
bemerkenswert, der als ein Ausdruck der Adynamie zusammen mit der be¬
stehenden Hypotonie (RR. 85) und Lymphdrüsenhyperplasie auf eine Unter¬
funktion der Nebenniere hindeutet.
Zusammenfassung: 1. Die Blasenmethode gestattet den
Nachweis des durch intravenöse Injektion verabreichten Zuckers im
Gewebe.
2. Sie ergibt für den Gewebszuckerspiegel eine normale Vari¬
ationsbreite von 0,065 bis 0,11 mg auf 100 mg.
3. Sie ergibt ferner die Tatsache, dass beim Pan¬
kreasdiabetes der Zuckerspiegel im Gewebe höher
liegt wie im Blute, während leichte, vorübergehende Glyko-
surien das umgekehrte, normale Verhalten zeigen. Möglicherweise
lässt sich eine periphere und zentrale Form unterscheiden, wobei die
zentrale Form mit Lewy und Dresel als eine im Globus pallidtts
lokalisierte Lenkungsstörung (Kraus) angesehen wird, die nicht
nur zu einer Vermehrung der Blutzuckerproduktion,
sondern auch zu einer Verminderung dse Gewebszucker-
verbrauchs führt.
4. Hochgravide, einige schwere Basedowfälle sowie konsumie¬
rende Krankheiten zeigen einen abnorm niederen Gewebszucker¬
spiegel.
Literatur.
J. Bang; Der Blutzucker. — Barät und Heteny: D. Arch. f.
klin. M. 141, H. 5 u. 6. — Biedl; Innere Sekretion. — Lewy und Dre¬
sel: Kongress f. inn. M. 1921. — Morawitz und Den ecke: M.tn.W.
1921 Nr. 22. — O. Müller: Die Kapillaren der menschlichen Körperober¬
fläche. Stuttgart 1922, Enke. — v. Noorden: Die Zuckerkrankheit.
Aus der medizinischen B- Abteilung der städtischen Kranken¬
häuser (Wenzel-Hancke-Krankenhaus) Breslau.
(Primärarzt Prof. Dr. Forsch b ach.)
Seltene Liquorbefunde bei Encephalitis epidemica.
Von Oberarzt Dr. med. H. E. Lorenz.
Nonne hat in seinem Schlusswort zum Referat über Encepha¬
litis epidemica auf dem XXXV. Kongress für innere Medizin in Wien
bedauert, dass weder in den Referaten noch bei der Diskussion irgend
etwas über neue Liquorbefunde bei dieser Erkrankung gesagt worden
sei. Er zog daraus den Schluss, dass eben Wesentliches nicht mehr
gefunden sei. In der Tat liegen ja die Dinge so, dass wir dieselbe
Polymorphie, die wir am klinischen Bilde der E. e. sehen, auch im
Liquor cerebrospinalis zu finden gewohnt sind. Jedenfalls gibt es
keinen für die E. e. pathognomonischen Liquorbefund.
Auf der anderen Seite sind aber einzelne Veränderungen der
Lumbalflüssigkeit von den Autoren übereinstimmend als sehr selten,
ja sogar direkt gegen eine E. e. sprechend gekennzeichnet worden.
Als sehr selten sehen wir die hämorrhagisch-xantho-
chrorne Beschaffenheit der Zerebrospinalflüssigkeit genannt
und in der Literatur habe ich nur wenige Fälle gefunden: Oppen¬
heim berichtet in dem Kapitel „Enzephalitis“ in der I. (1897 er¬
schienen) Auflage des N o t h n a g e 1 sehen Handbuches1): „Nur
in einem kleinen Teile der Fälle zeigten sich die Ventrikel übermässig
erweitert und enthielten ein das Durchschnittsmaas übersteigendes
Quantum seröser, zuweilen auch getrübter, geröteter oder selbst
blutiger Flüssigkeit.“ ln der II. (1907 erschienenen), gemeinsam mit
Cassierer bearbeiteten Auflage fügt er dann noch hinzu ■): „Auch
die intra vitam vorgenommene Lumbalpunktion hat mehrfach das
Vorhandensein sanguinolenter Flüssigkeit ergeben.“ Weiterhin findet
sich je ein einwandfreier Fall von Economo3 4) und Schuster )
berichtet, die aber beide dem Befund scheinbar keine grössere Be¬
deutung beilegen. Schliesslich findet sich noch bei Riley5) ein
Fall mit „straw-colored fluid, which contained 32 cells and a few
erythrocythes“. WaR. negativ. Riley führt diesen Fall als ein
Beispiel des „transverse myelitis type“ der E. e. an. Es bestand hier
neben einer Augenmuskel- und linksseitigen Fazialisparese eine
Sensibilitätsstörung abwärts vom II. Thorakalsegment und eine Para¬
parese beider Beine. Im Anschluss an die Lumbalpunktion wird diese
Paraparese zur kompletten Paraplegie mit Retentio alvi et urinae.
Aber wenn auch die Augenmuskel- und Fazialisstörungen einerseits,
die Paraparese anderseits bei anderer Annahme als der einer
Enzephalitismyelitis sich kaum unter ein Dach bringen lassen, so
bestehen doch angesichts der Verschlimmerung der Paraparese
durch die Lumbalpunktion Bedenken, ob es sich hier nicht um einen
anderen Prozess, etwa einen Rückenmarkstumor mit Hirnmetastasen,
handelt. Denn wir haben solche Verschlimmerung durch Lumbal¬
punktion bei E. e. nie gesehen. Natürlich ist aber nicht aus-
zuschliessen, dass bei der Tendenz zu Hämorrhagien, wie sie bei der
Enzephalitis besteht, nach der Druckentlastung ein schon in der
Medulla bestehendes Hämatom grösseren Umfang angenommen und
so die Querschnittsunterbrechung herbeigeführt hat.
Fast ebenso selten wurden Fibringerinnsel beobachtet
und zwar je einmal von Economo6 7), Happ und Mason'),
Bernhardt und Simons8) und R e i n h a r t 9). Und Stern 10)[
fügt bei Erwägung der beiden ersten Fälle hinzu, dass in den Fällen,
wo er selbst solche Gerinnsel sah, es sich bei anfänglich zweifel¬
hafter Diagnose stets uni eine Meningitis tuberculosa gehandelt habe.
Es sei jedoch ausdrücklich betont, dass in den Fällen Economos,
von Happ und Mason und von Bernhardt und Simons
eine tuberkulöse Aetiologic nicht in Frage kommt, und Reinhart
schrieb mir über seinen Fall, es sei eine „typische Enzephalitis“. -J
Die Seltenheit solcher Vorkommnisse und ihre differential¬
diagnostische Bedeutung berechtigt wohl die Mitteilung ähnlicher
Fälle, zumal wir bei einem relativ kleinen Material von 25 Enzcpha-
litisfällen 6 mal hämorrhagisch-xanthochromen Liquor sahen. Einmal
fanden wir bei einem dieser 6 Fälle auch ein feines Fibrinnetz. In
folgendem seien nun die Fälle zunächst kurz referiert:
Fall 1. Guido J., 20 Jahre. (Privatklinik Prof. Forschbach.)
Anfang Dezember Grippe mit Bronchopneumonie. Weihnachten wieder ge¬
sund. In der Silvesternacht plötzliche Erkrankung mit Kopfschmerzen, Er¬
brechen. Krämpfen, zunehmende Benommenheit. 3. I. 20: Konsiliarische
Untersuchung durch Prof. Forschbach: Tiefes Koma. Pupillen reagieren.
Leichte Parese der ganzen rechten Körperhälfte.
Babinski rechts +, Patellarreflexe r. < !., Bauchdeckenreflexc rechts fehlend.
Nackenstarre. Kernig +. T e m p. 37.4°. 4. I. Aufnahme im Sanatorium.
Tiefes Koma. Schlaffe Lähmung der rechten Seite, geringe
Nackensteifigkeit. Kernig +. Lumbalpunktion: Liquor leicht sanguino-
lent-xantochrom. Nonne-Apelt — , Esbach 1/4 Tstr. Lympho¬
zyten 3 — 4, Tuberkelbazillen — , WaR. — . Temp. bis 37,7°. Auch am 5. I.
ein ähnlicher Liquorbefund, nur dass -diesmal noch bis 20 Leukozyten
im Gesichtsfeld waren. Am 7.1. keine xanthochrome Verfärbung mehr. Temp.
37,2° und am 8. I. unter 37°. Mit langsamem Freiwerden des Sensoriums
wird dann auch noch eine Aphasie erkennbar. Ferner findet sich eine
Neuritis optica mit rechtsseitiger Hemianopsie. Es
folgt dann rasche Besserung des Allgemeinzustandes wie auch der Lähmungs-
und Augenerscheinungen. Die aphasischen Störungen bestehen in leichtem
Grade fort. Es besteht zwar volles Wortverständnis, doch kann der Kranke !
schwierigere Worte schlecht nachsprechen. Lesen und Schreiben muss der
Kranke von Grund auf wieder erlernen. Diese aphasisch-agraphische Störung I
besteht in leichtem Grade auch noch bei der Entlassung am 7. II. 20. während
die Lähmung der r. Körperhälfte und die Hemianopsie völlig geschwunden
sind. Temperatur seit 26. II. normal.
Am 30. IX. 21 wurde J. in das Stadt. Krankenhaus Beuthen 11) eingeliefert.
Er war sehr verschlafen, gähnte beständig, klagte über starke Kopf- 1
*) Nothnagel: Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie
IX, 2, S. 23. 2) I. c. S. 29.
s) Economo: Neue Beiträge zur Encephalitis lethargica. Neurol. :
Zbl. 1917 S. S66.
4) Schuster: Encephalitis acuta in Kraus-Brugsch X, 2, S. 44. «
s) Riley: The spinal forms of epidemic encephalitis. Arch. of neurol. j
a. psych. 1921, 5, S. 408 (Fall 3). 6) 1. c.
7) Happ and Mason: Epidemic encephalitis. Bulletin of the Johns J
Hopkins hosp. 1921. 32, S. 137.
8) Bernhardt und Simons: Zur Encephalitis lethargica. Neurol. j
Zbl. 1919, 22. !l) Nach brieflicher Mitteilung.
10) Stern: Die epidemische Enzephalitis. Springer, Berlin, 1922.
J1) Für Mitteilung des Befundes in Beuthen bin ich Herrn Sanitätsrat
Dr. G r a 1 k a sehr zu Dank verpflichtet.
3. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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schmerzen. Keine Nackensteifigkeit, kein Kernig. Vorübergehende S e h -
Störung des rechten Auges und leichte Fazialisparese
rechts, die aber bei der Entlassung am 21. X. ganz geschwunden sind.
Der Kranke war dann wieder ganz beschwerdefrei. Nach Angabe seiner
Angehörigen ist er seinem Beruf als Verkäufer in einem Delikatesswaren¬
geschäft ungestört nachgegangen. Nur hat sich psychisch eine Acn-
d e r u n g bei ihm eingestellt; der früher ruhige und gutmütige Mensch ist
jetzt ziemlich unruhig und erregbar geworden. Sein Gedächtnis hat sehr nach¬
gelassen. Auch bestehen noch sprachliche Störungen. Ferner ist
er nicht imstande, einen richtigen Brief zu schreiben, das wird oft „ein
Kauderwelsch, wo man sich vieles denken und ergänzen muss“.
Bei einer Nachuntersuchung am 2. IV. 23 gibt J. dasselbe an. Er hat
vollkommen die Einsicht einer gewissen geistigen Funktionsschwächc. Soma¬
tisch findet sich: etwas starrer Gesichtsausdruck mit leichter
Vcrstreichung der rechten Nasolabialfalte. Willkürlich -
Innervation des Fazialis prompt. Händedruck r. < 1. Sonst alle Reflexe
in normaler Breite auslösbar. Babinski — , keine Sehstörung. Nachsprechcn
schwieriger Worte (z. B. Divisionsgeneral) gelang nicht. Es wird nur der
erste Teil des Wortes (z. B. Division) wiederholt, der zweite Teil ist völlig
vergessen. Sprache im ganzen etwas langsam und schleppend. Eine Schrift-
probe ergibt nichts besonderes.
F a 1 1 2. Pia Schm., 43 Jahre (Kr.A. Nr. 13909). 14 Tage vor der Ein-
lieterung heftige Kopfschmerzen. Der behandelnde Arzt stellte „Gehirngrippe“
fest. Seit dem 11. III. 21 in Schlafzustand; wird so am 14. III. 21 eingeliefert.
Befund: Tiefer Schlaf. Rechtes Auge : Internusparese. Voll¬
kommene Areflexie. Babinski rechts 4". Lumbalpunktion:
Liquor hämo rrhagisch-xa nt hoch rom, Nonne-Apelt — , Esbach
9 Tstr.. WaR. — . Temperatur bis 39°, bleibt auch bis zum Tode
I hoch. Dieser erfolgt, ohne dass die Kranke aus ihrem tiefen Schlaf erwacht,
am 18. III. 21. Obduktion (19. III.) ergibt eine Encephalitis haemor-
rhagica: zahlreiche punktförmige nicht abspiilbare Blutungen und ein
zitronengelbes Oedem der Rinde. Die Meningen waren
frei.
Fall 3. Klara G„ 11 Jahre (Kr.A. Nr. 13930). Erkrankt plötzlich -mit
Kopfschmerzen, Krämpfen in den Armen. „Bewusstlosigkeit“. Einlieferung
.V III. 21. Befund: Sensorium frei. Deutliche Nackensteifigkeit
und ausgesprochenes Kernig sches Phänomen. Alle Haut-, Periost- und
- ehnenreflexe in normaler Breite auszulösen. Keine krankhaften Reflexe.
Hypertonie der gesamten Muskulatur. Keine Sensibilitätsstörung. L u m -
^ a 1 0 a 11 k t i o n : Liquor sanguinolent-xanthochrom, Nonne-
Apclt -f-, Lymphozyten bis 25. Leukozyten 6—7 im Gesichtsfeld.
WaR. . Temp. 37,6°, steigt in den nächsten Tagen (14. III.) bis 38,8°,
ist vom 21. III. ab normal. Lethargie wechselnd. Seit dem 21. III.
Besserung, so dass das Kind am 22. IV. 21 frei von Krankheitserscheinungen
entlassen werden kann.
L Nachuntersuchung 27. III. 23: Das Mädchen ist sehr vergesslich geworden,
t-ruhcr eine gute Schülerin, kommt sie jetzt nicht mehr mit, blieb zweimal
sitzen. Somatisch: beide Pupillen leicht verzogen, prompte Reaktionen.
Reflexe o. B. Bewegungen der rechten Extremitäten zeigen leichte
Adiadochokinese.
F ? *1 4- Erich W„ 36 Jahre (Pr.P. 439/22). Plötzlich beim Anschnalbn
der Skier mit Schwindel erkrankt, so dass er rücklings in den weichen Schnee
killt. Steht sofort auf, fährt in rasender Fahrt einen Abhang hinunter. Am
busse desselben wird ihm wieder unwohl, so dass er sich im Wagen in das
Sanatorium Hochstein-Oberschreiberhau [Leiter Dr. Winter l2)] zurück-
nrmgen lasst. Hier sieht ihn am nächsten Tage (17. XII. 22) Prof Forsch¬
te!1 als Konsiliarius. Befund: Ziemlich erhebliche Lethargie.
Nackensteifigkeit. Kernig +. Fazialisparese links.
Babinski +. Temperatur zunächst nur sehr geringfügig. Lumbal¬
punktion: wiederholt Liquor hämorrhagisch-xanthochrom,
Nonne-Apelt +, Esbach 4 Teilstriche, im Sediment massenhaft
w d 0 Z y f 6 n' wen,£ Lymphozyten. Bakteriologische Influenzastäbchen?
Iric 'vr,"T' ,■ , .weiteren Verlauf stieg die Temperatur bis 38,5 '
• u ’ ie sei* ^errf XII. zur Norm. Vorübergehende apha-
si s c ,i e und a graphische Störungen (Schwerfindbarkeit von Worten,
Unvermögen, manche Worte beim Lesen auszusprechen, Schreibfehler), sowie
psychische Störungen (Erregbarkeit, vermehrter Tatendrang). Auch wird
kurze Zeit eine Atemstörung beobachtet: Es bestand ein gewisses
letes Schöpfen, ohne dass Gleichmässigkeit und normale Zahl der Atemzüge
«estort war. Der Kranke merkte nichts davon. Am 27. III. sind alle Er¬
scheinungen geschwunden. Am 31. III. 23 trat noch einmal ein leichter Rück¬
all au mit plötzlicher Bewusstseinsstörung und angedeutetem Babinski links.
Sonst kein objektiver Befund. Am 4. Tag ist der Kranke wieder aufgestanden
md ist seitdem laut Mitteilung vom 2. V. beschwerdefrei. Der Rückfall kann
vielleicht durch eine angestrengte und mit vielem Aerger verbundene Tätigkeit
wahrend einer Woche ausgelöst sein.
■ F a 1 1 5. Gustav K„ 45 Jahre (Privatklinik). Eine Woche vor der Ein-
leferung schwindlig geworden, verliert bald die Besinnung. Die Frau des
\ranken beobachtete, dass die Augen in konvergierender Schiel-
«tellung stehen. 15. III. 23. Konsiliarische Untersuchung durch Prof,
’orschbach, der eine Meningitis, Lues cerebri und Enzephalitis in Be¬
dacht zieht. 16. III. Aufnahme in der Privatklinik. Schlafsucht leich-
eren Grades, beim Erwachen rasch orientiert, dann auch sehr grosse Lo-
luacitas. Augen: Parese der 1. Ab duze ns (Doppelbilder). Links-
»eitige Fazialisparese. Reflexe o. B. Nackensteifigkeit,
\ernig +. Lumbalpunktion: Liquor hämorrhagisch¬
en t o c I, r o m, Nonne-Apelt schwach +. Esbach 5 Tstr., 20 Lymphoz.,
-0 L e u k o z y t e n im Gesichtsfeld, WaR. — , Temperatur bis 37,7 °,
(om 19. III. ab normal. Im weiteren Verlauf zeitweilig tiefe Somnolenz.
x>nst keine Aenderung im Befund. Wiederholte Lumbalpunktionen. Die
xanthochromie wird von Mal zu Mal geringer. Am 21. III. setzt sich im
iquor ein Fibrinnetz ab. Keine Tuberkelbazillen in demselben,
lachzuweisen. Seit dem 19. III. keine Doppelbilder mehr; seit dem 24. III.
asches Zurückgehbn der Fazialisparese. Wird am 31. III. nach Hause fast
rei von Krankheitssymptomen entlassen. Laut brieflicher Mitteilung des
>ehandelnden Arztes vom 1. V. hat der Kranke zu Hause in der weiteren
rholung gute Fortschritte gemacht. Die Fazialisparese ist noch nicht voll-
sandig geschwunden. Die Frau teilt mit, dass er psychisch sehr
‘ r ^ g b a r geworden sei.
12) Viele der Einzelheiten dieses Falles verdanke ich den wiederholten
reundlichen briefliciien Mitteilungen des Herrn Dr. Winter.
. Fall 4- August P„ 67 Jahre (W.H.Kr. Nr. 1458). Mehrere Tage vor
der Einlieferung leichte Kopfschmerzen und Schwindel, bricht bei der Arbeit
plötzlich zusammen und wird bewusstlos eingeliefert (31. III. 23). Befund:
Leichtere Schlafsucht, aus der der Kranke noch erweckbar; er gibt dann
klare Auskunft. Strabismus divergens. Lichtreaktion
rechts , links Fuziulispcircsc. Spruche bulhür ver-
\va s-chen. Massige Nackensteifigkeit, Kernig +. Tem¬
peratur dauernd hoch, bis 40 °. Lumbalpunktion: Liquor hämor-
rhagisch-xantochrom, Nonne-Apelt +, Esbach bis 16 Tstr., Lympho-
zyle|j. 9,s 26, Leukozyten bis 5 im Gesichtsfeld. Die Somnolenz nimmt
ständig zu. Vom Abend des 31. III. ab tiefe Lethargie. Ohne dass der
Kranke aus diesem Zustand erwacht. Exitus 2. IV. 23. Obduktion
am 3. IV. 23 ergibt Encephalitis haemorrhagica: flohstichartige
Blutungen der Gehirnsubstanz, besonders in der Gegend des Balkens. Eine
grössere solitäre Blutung, etwa 1 cm im Durchmesser, in der linken Klein¬
hirnhemisphäre. Im Ventrikel und subpial sanguinolente Flüssigkeit. Die
Meningen sind frei.
Unzweifelhaft geben die geschilderten Krankheitsfälle das Bild
der E. e. wieder. Jedoch war angesichts der Seltenheit des hämor¬
rhagischen Liquors bei dieser Erkrankung eine Reihe differen¬
tial-diagnostischer Erwägungen erforderlich.
1. Lues. Nonne13) berichtet z. B. über 2 Fälle von Meningo-
Encephalitis luetica, bei denen hämorrhagisch-xanthochromer Liquor
beobachtet wurde. In unseren Fällen ist jedoch eine solche Aetio-
logie durch den negativen Ausfall der WaR. sowohl im
Blut wie im Liquor ausgeschlossen.
2. Tumoren. Diese Möglichkeit entfällt bei unseren Fällen
sowohl durch den nachherigen Verlauf als auch durch das Ergebnis
der Obduktion (Fall 2 und 6).
3. T r a umatische Blutungen in die Subarach¬
noidalräume. Ein Trauma, das eine solche Blutung hätte be¬
wirken können, hatte ih unseren Fällen nie stattgefunden. Der bei
Kranken 4 berichtete Fall nach hinten in den weichen Schnee war
nach unseren Feststellungen viel zu sanft, um als Ursache einer
Blutung in Frage zu kommen. Wir sehen in ihm viel eher eine Folge
der beginnenden Erkrankung (Schwindelgefühl). Auch spricht wohl
das Rezidiv für diese Annahme.
4. Durchbruch einer Hirnblutung in die Ventri¬
kel. Das dieser Möglichkeit entsprechende Krankheitsbild wird wohl
im allgemeinen akuter einsetzen und auch prägnanter und schwerer
sein, als wir eine Enzephalitis verlaufen sehen. Gelegentlich können
zwar die beiden Erkrankungen miteinander grosse Aehnlichkeit
aufweisen, wie wir es in einem Fall von Durchbruch eines Stirnhirn¬
hämatoms in die Ventrikel sahen, der erst durch die Obduktion sicher¬
gestellt wurde. Aber die Durchbruchsblutungen führten wohl stets
bald zum Tode. In unserem Fall 1 mussten wir angesichts der
Halbseitenlähmung an eme solche Blutung im Anschluss an eine
Apoplexie denken, doch war diese nicht nur wegen der erhaltenen
prompten Pupillenreaktion, sondern auch gerade wegen der lang¬
samen und allmählichen Entwicklung der völligen Halbseitenlähmung
aus der anfangs nur leichten Halbseitenparese auszuschliessen.
5. Die Gruppe der Leptomeningitiden. Wir können nicht
nur bei jeder banalen [Schlesinger 14), B i 1 1 o r f 14 *)], son¬
dern auch bei der epidemischen [E s k u c h e n 1S), Knöpfei-
m ach er16)], grippalen [Krause16*)] und der tuber¬
kulösen Meningitis [Schlesinger17), Villaret und
De scamps 18), Eskuchen 1SI)] hämorrhagisch - xanthochronum
Liquor beobachten. Der bakteriologische Befund kann bei
a.len diesen Formen negativ sein, so dass wir aus dem gleichen
Umstand bei allen Fällen allzu weitgehende Schlüsse nicht ziehen
durften, zumal gerade auf Meningitis hinweisende Sym¬
ptome sowohl klinisch wie im Liquor cerebro¬
spinalis (Leukozytenbefund!) stark hervortraten. Im
Fall 5 schien das Fibringerinnsel sogar direkt auf eine
Meningitis tbc. hinzuweisen. Hier hat allerdings der negative Ba¬
zillenbefund schon mehr Gewicht; denn das Fibringerinnsel ist ja
gerade die beste Fundstätte der Tuberkelbazillen im Liquor. Das
Fehlen des Herpes und höherer Temperaturen (bei den am Leben
gebliebenen Fällen) spricht wohl gegen die Meningokokkeninfektion;
für die nicht epidemischen und tuberkulösen Formen gewinnen
wir hieraus keinen sicheren Anhaltspunkt. Hier ist das Entscheidende
einerseits das Vorhandensein von Symptomen, die unzweifelhaft
nicht Hirnnervenstörungen, sondern intrazerc-
brale Herde an zeigen, anderseits der weitere Verlauf
und speziell der Meningitis tbc. gegenüber der Uebergang in relative
Heilung und die Obduktionsergebnisse zweier Fälle, bei
denen „Meningen frei“ festgestellt wurde.
6. Pachymeningitis haemorrhagica. Diese zeigt kli¬
nisch dieselbe Polymorphie, wie wir sie auch bei der E. e. finden.
Dadurch kann die Differentialdiagnose im Augenblick schwierig wer¬
den. Der Zustand der Lethargie wird nicht ohne weiteres den Aus¬
schlag für E. e. geben können, da auch komatöse Zustände bei Pachy-
13) N o n n e: Syphilis und Nervensystem. II. Aufl. Berlin 1909. S. 609.
14) Schlesinger: Krankheiten der Meningen. Kraus-Brugsch
X, 2, S. 11.
14*) Bittorf: Ueber Leptomeningitis haemorrhagica. D. Zschr f.
Nervenhlkde. 1916, 54.
l8) Eskuchen: Die Lumbalpunktion. Berlin-Wien 1919. S. 125.
e*) Krause: Influenza. Mohr-Stähelin 1, S. 221.
Brugsch II, 2. S. 86 u. 91, 1919. 17) I. c. S. 30.
18) Villaret et Descamps: A propos d’un cas de meningite
tuberculeuse hemorrh. Gaz. des h£p. 1913, 59. l9) 1. c. S. 130.
MUNCH EN KR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31.
1020
rneningitis haem. Vorkommen. Die Unterscheidung zwischen Lethar¬
gie und Koma wird nicht immer leicht sein. Einen Hinweis wird uns
vielleicht die Feststellung geben, ob die Erkrankung sekundär auf
dem Boden einer anderen Krankheit entstanden ist, auf die wir
sonst die P. h. sich aufpfropfen sehen: chronisch-entzündliche Hirn¬
affektionen mit Atrophie des Organs, • hämorrhagische Diathesen,
chronischer Alkoholismus, Gicht, Lues. Solche Affektionen waren
nun in unseren Fällen auszuschliessen. Zudem ist in 2 Fällen die
Freiheit der Meningen durch Obduktion gewährleistet. In den bei¬
den Fällen 1 und 3 sichern die Restschäden die Diagnose E. e.
Solche Folgezustände sind bei P. h. nicht bekannt. In den Fällen 4
und 5 nun würde es uns gezwungen erscheinen, eine Pachymeningitis
anzunehmen in einer Zeit, wo bekanntermassen gehäufte Enzepha¬
litiserkrankungen Vorkommen, und bei Fällen, bei denen wir bei
nichthämorrhagischem Liquor in die Diagnose E. e. sicher keinen
Zweifel gesetzt hätten. Zudem konnte gerade in diesen Fällen nicht
von einem Coma, wohl aber von einer Schlafsucht gesprochen wer¬
den, und gerade bei Fall 5 ist es mir stets aufgefallen, wie rasch der
Kranke, erweckt, sich orientierte und dann für kurze Zeit eine un¬
geheure Loquacitas entwickelte.
Hier scheint es mir auch am Platze, kurz auf eine Mitteilung
von R a t h e r y und B o n n a r d 20) einzugehen, die über einen
Fall von Meningealblutung, der eine Encephalitis
lethargica vortäuschte, berichten. Für das Zustandekommen
des hämorrhagisch-xanthochromen Liquors nehmen die Autoren eine
akute Infektion, eine „Haemorrhagia subarachnoidalis acuta1, als
Ursache an. M. E. handelt es sich auch hier um eine E. e. Weniger
das klinische Bild bringt mich zu dieser Annahme, obwohl auch ge¬
rade hier von auffallender Schlafsucht gesprochen wird. Vielmehr
ist es eine Liquorveränderung. Der Zuckergehalt ist in diesem Falle
ganz ausserordentlich vermehrt [366 mg-Proz. *)]. Solche Ver-
mehrung kennen wir wohl bei Enzephalitis, nicht aber bei infektiösen
Meningitiden, wo der Zuckergehalt des Liquors herabgesetzt ist
[Eskuchen 21), B o r b e r g **)]. Auch der Einwand, dass ja durch
die Blutbeimengung der erhöhte Zuckergehalt erklärt sein könnte,
ist zurückzuweisen. Um solchen hohen Wert im Liquor zu bedingen,
müsste der Blutzuckerspiegel selber erhöht sein (was ja übrigens bei
der E. e. nicht selten ist). Zudem würde aber auch dann im Falle
eines entzündlichen Prozesses der Meningen der Zuckergehalt des
Liquors herabgesetzt sein, teils durch erhöhte Zuckerresorption
durch das entzündliche Gewebe [M estrezat 23)], teils durch die
vermehrte glykolytische Funktion der zellinfiltrierten Häute [Bor-
b e r g 22)] .
7. Artefizielle Beimengungen. Es bedarf wohl keiner
weiteren Auseinandersetzung, dass wir selbstverständlich auch hier
strengste Selbstkritik übten, um eine solche auszuschliessen. Aber
die stets von vornherein gleichmässige sanguinolente Durchmiscinng
und die beim Sedimentieren deutlich werdende X a n t ho c h r o m i e
schien uns jedesmal ein Beweis, dass es sich um eine ältere
Extravasation handeln müsse.
Wenn wir also nach den vorangegangenen Erwägungen durch
Ausschaltnug anderer pathologischer Prozesse schon immer mehr in
unserer Diagnose „Encephalitis epidemica“ gefestigt wurden, so
lagen doch auch noch eine Reihe positiver Momente vor,
die uns vollkommene Sicherheit gaben. Diese sind im Voranstehen¬
den wohl schon teilweise gestreift und seien hier nur kurz zv-
sammengefasst:
Einmal stützt unsere Diagnose das Auftreten der Erkrankung zu
Zeiten, wo andere typische Enzephalitisfälle gehäuft
Vorkommen. Es wäre gezwungen, bei ausgesprochenen enzepha-
litischen Symptomen in solcher Zeit eine andere Diagnose stellen zu
wollen allein wegen des hämorrhagischen Liquors. Und solche auf
intrazerebrale enzephalitische Schädigungen hin¬
weisende Symptome kommen doch schliesslich bei allen Fällen vor:
psychisch-funktionelle Veränderungen; Schlafsucht, aus der doch
immerhin ein Erwecken und rasches Orientieren zeitweilig möglich
ist; Augensymptome; Hemiplegie; nicht nur motorische, sondern auch
sensorische Aphasie; bulbäre Sprache; Agraphie; Rigor u. a. m. Der
weitete Verlauf, z. T. mit Rezidiven (1, 4) der einzelnen Fälle
bestätigt dann unsere Diagnose und namentlich sind in dieser Be¬
ziehung die Restschäden von Wichtigkeit: In Fall 1 sehen wir
einen, wenn auch nur angedeuteten, Parkinsonismus in der geringen
Starre des Gesichtes. Ausserdem ist hier die Umstimmung der
Psvche, die so oft als Folge der E. e. beschrieben ist, zu beachten.
Aehnlich lagen die Dinge in Fall 3, wo die psychische Restschädigung
zusammen mit der leichten Adiadochokinese auch epikritisch die
Diagnose sicherstellen. Schliesslich glauben wir auch in Fall 5 eine
leichte psychische Umstimmung als vorliegend oder beginnend an¬
nehmen zu dürfen. Für die beiden Fälle 2 und 6 haben wir dann aber
in den Obduktionsbefunden, die das typische Bild der En¬
zephalitis mit ihren flohstichartigen Blutpunkten in der Hirnsubstanz
bieten, die unwiderlegliche Bestätigung unserer Diagnose: Encepha¬
litis — und wenn wir auf die stark hervortretenden anfänglichen
*«) Kathery et Bonnard: Hdmorrhagie mdningde Simulant clini-
quement l’encephalite ldthargique. Bull, et mön. de la soc. des höp.. de Paris
36, S. 300, 1920. *) Normal 50—75 mg-Proz. 21) 1. c. S. 66.
22) Borberg: Untersuchungen über den Zuckergehalt der Spinal¬
flüssigkeit mit B a n g s Methode. Zschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 1916, 32.
2S) Zitiert nach Eskuchen: 1. c. S. 66.
meningealen Reizerscheinungen Rücksicht nehmen wollen, Meningo¬
encephalitis — epidemica.
Bei Beantwortung der Frage, ob dieser Gruppe von tnzephalitis-
erkrankungen ausser der Xanthochromie noch andere besondere, sie
gegen andere Encephalitisformen untersc he i -
den de Merkmale zu eigen sind, sei auf das unseren 1 allen
ausser dem Liquorbefund gemeinschaftliche hingewiesen.
East alle zeigen sie einen akuten Beginn mit plötzlichem Schwin¬
del und Trübung oder Verlust des Bewusstseins, der dann baid die
typische Form der Lethargie annimmt. Nur in Fall 3 sehen wir ein
etwa 11 Tage währendes Prodromalstadium und im letzten Fall (6)
bestand auch schon einige Tage vorher leichterer Kopfschmerz mit
Schwindel. Dann findet sich aber gerade auch hier der akute Zu¬
sammenbruch bei der Arbeit, der den einweisenden Arzt eine Apo¬
plexie hatte diagnostizieren lassen. Jedoch kennen wir diesen akuten
Beginn auch bei den anderen Enzephalitisformen. Während nun aber
bei diesem Fall 6 die Diagnose einer E. e. von vornherein festzustehen
schien, drängten sich bei allen anderen Fällen die menin gi-
tischen Symptome anfangs so in den Vordergrund, dass wir
mit der Diagnose zunächst schwankten und erst aus dem weiteren
Verlauf in jedem einzelnen Falle auf die bestimmte Diagnose En¬
zephalitis kamen. Jedoch finden wir die fast völlige Beherrschung
des Bildes durch den meningealen Symptomenkoinplex auch in
anderen Enzephalitisfällen. Dreyfus21) hat deswegen den Begriff
der Encephalitis meningitica aufgestellt. Auch die starke Druck-
erhöhung des Liquors, die sich in einigen unserer Fälle fand
und tägliche bis zweitägliche Entlastungspunktionen notwendig
machte, ist kein besonderes Merkmal und ist schon von anderen
Autoren beschrieben. Wir müssen daher vorläufig die oben gestellte
Fr-age verneinen.
Ueber das Zustandekommen der hämorrhagisch-
xanthochromen Beschaffenheit des Liquors können wir
natürlich nur Vermutungen aufstellen. Besonders heftige Entzün¬
dungen mit stärkerer Extravasation zumal in Partien, die an die
Ventrikel oder den Subarachnoidealraum angrenzen, können da wohl
eine Rolle spielen. Einen Fingerzeig gibt uns vielleicht Fall 6: Hier
fanden sich die Petechien in der Hauptsache im Balken, also in
nächster Nachbarschaft der Seitenventrikel. Ausserdem bestand
aber noch eine grössere, etwa kirschgrosse solitäre Blutung, wie sie
ja auch sonst bei Enzephalitissektionen festgestellt werden, ln der
linken Kleinhirnhemisphäre und kommunizierte vielleicht mit der sub-
pial gelegenen sanguinolenten Flüssigkeit. Uebrigens kommen aber
solche „Piablutungen“ wohl bei Enzephalitis häufiger vor. Auch wir
sahen sie noch bei der Sektion eines anderen unserer 25 Enzephalitis¬
fälle, bei dem allerdings der Liquor bis zuletzt klar und fast ohne
pathologische Veränderungen geblieben war.
Ueber das zeitliche Auftreten der 6 Fälle sei noch erwähnt, dass
sich hier keinerlei Zusammenhang unter ihnen feststellen lässt. Wir
können für die Gesamtheit unserer 25 Fälle zwanglos 4 Perioden
unterscheiden 25):
1. Periode: Januar 1920 bis Mai 1920 mit 4 Fällen, darunter 1 mit xantho-
chromem Liquor.
2. ., : Dezember 1920 bis Juni 1921 mit 6 Fällen, darunter 0 mit xantho-
chromem Liquor.
Z „ : Dezember 1921 bis Mai 1922 mit 4 Fällen, darunter 2 mit xantho-
chromem Liquor.
4. „ : seit Dezember 1922 11 Fälle, darunter 3 mit xanthochromem
Liquor.
Auch ein örtlicher Zusammenhang lässt sich, zumal bei den letz¬
ten 3 Fällen der 4. Periode nicht auffinden; denn von diesen er¬
krankte einer in Oberschreiberhau, der zweite in Wohlau. der dritte
in Breslau. Es kommt also ein besonders virulenter Stamm des
Enzephalitiserregers nicht, eher wohl individuelle Disposition, wenn
nicht gar blosser Zufall für die Entstehung der Xanthrochromie in
Frage.
Zur Prophylaxe bei Fleckfieberepidemien unter
unkulturellen Verhältnissen.
Von Dr. med. E, Grahe, Kasan.
Bis jetzt flammen noch immer wieder hie und da Fleckfieberepi¬
demien auf, und da trotz immer noch bestehender Verkehrshemmnisse
die medizinischen Zeitschriften, namentlich deutsche, sich überall den
Weg zu bahnen anfangen, sei es gestattet, hier von einem primitiven
und einfachen prophylaktischen Verfahren zu berichten, welches mir
in der letzten Fleckfieberepidemie (Winter 1921 '22) treffliche Dienste
geleistet hat und welches so manchem Kollegen seine Aufgaben bei ^
Lokalisierung von Fleckfieberepidemien erleichtern könnte, dem es
beschieden sein sollte, unter ähnlichen unkulturellen Verhältnissen]
in einem von Krieg und Revolution heimgesuchten und blockierten,
Lande wirken zu müssen, wie es mir beschieden war.
Das Wirkungsgebiet umfasste 5 Dörfer mit einer Einwohnerzahl von un¬
gefähr 2000, unweit der Stadt Moskau, worunter während meiner Wir- 1
24) Dreyfus: Die gegenwärtige Enzepalitisepidemie. M.m.W. 1920 1
Nr. 19.
25) In den Zwischenzeiten sahen wir auf unserer Abteilung keine akute
Enzephalitis. Eine gleich scharfe Periodizität findet sich übrigens bei unseren
/ Grippefällen aus dem gleichen Zeitabschnitt (Jan. 1920 bis jetzt) nicht.
3. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1021
kungszeit 82 Erkrankuiigsfälle in 67 Wohnungen zu verzeichnen sind. Von
diesen 67 Wohnungen waren 9 mit einer Bewohnerzahl von 49 Familienmit¬
gliedern und 23 Erkrankungsfällen, wo das angewandte Verfahren aus ver¬
schiedenen Gründen (teilweise auch aus Fahrlässigkeit seitens der Angehörigen)
nicht hat durchgeführt werden können, und 58 Wohnungen mit 276 Bewoh¬
nern mit nur je 1 Erkrankungsfall, in denen das Verfahren vorgeschriebencr-
massen hat durchgeführt werden können. Es bestand in folgendem: Es wurden
sämtliche Familien- und Wohnungsmitglieder, gleich nach Feststellung einer
Erkrankung und nach Reinigung, möglichster Enthaarung und Desinfizierung
des Erkrankten, ungeachtet dessen, ob eine Beförderung und Aufnahme des¬
selben ins Krankenhaus hat erlangt werden können oder nicht, veranlasst, täg¬
lich geringe Dosen (von Hanfkorngrösse) von grauer Quecksilbersalbe in die
Haarstellen des Körpers binnen 30 Tagen zu verreiben und mit Naphthalysol
durchtränkte und abgetrocknetc Bänder um den Hals, Fuss- und Handgelenke
binnen derselben Frist zu tragen. Ausserdem wurde neben den üblichen Reini¬
gungsmassnahmen veranlasst, dass mindestens binnen derselben angegebenen
Frist unter sämtliche Bett- und Lagerstätten, Matratzen, Kleider-, Wäsche-
Aufbewahrungsgegenstände mit Naphthalysol durchtränkte Papierblatter (-strei¬
fen) und sonst welche wertlose Gegenstände (Stäbchen, Läppchen, Wischtücher
usw.) gebracht und aufbewahrt wurden, womit der ganze Wohnraum gleich zu
Anfang der Einschleppung der Erkrankung von diesem Geruch durchdrungen
wurde, womit eine Entlausung angestrebt wurde. Mit einer anderen An¬
wendungsart des starkriechenden Naphthalysols würde man bei der unkulti¬
vierten, bis jetzt noch in mancher Beziehung abergläubischen Bevölkerung
auf Widerstand oder im besten Falle auf Ignorierung dieser Ratschläge ge-
stossen sein. Aber auf diese Weise waren die mit Naphthalysol durchtränkten
Gegenstände nach abgelaufener Frist leicht aus den Wohnräumen heraus-
zuschaffen und eine leichtere Desodorierung der letzteren den Einwohnern in
Aussicht gestellt und damit der Bevölkerung die Massregel einleuchtender
und annehmbar gemacht worden. Hinzugefügt sei, dass zu fleissigem Gurgeln
mit Kalichloricumlösung angehalten und, dass Merkurialismus nicht beobachtet
wurde.
Die mitgeteilten Tatsachen berechtigen nicht zu mehr oder weniger bin-
denden Schlüssen, aber m. E. auch nicht zu der Annahme eines blossen
Zufalls. Ich entschloss mich aber zu dem beschriebenen Verfahren, da keine
anderen Mittel zur Verfügung standen, unter den obwaltenden Verhältnissen,
wie gesagt, kein anderes anwendbar schien und selbiges mir bereits früher
bei noch viel schlimmeren Verhältnissen (auf der sibirischen Bahnstrecke, wo
es auf einigen Stationen zu einer Anhäufung von 12 000 Flecktyphuskranken
gekommen war!) gute Dienste geleistet hatte.
Anmerkung. Ich möchte an dieser Stelle auch noch die günstige Be¬
einflussung des Krankheitsverlaufes durch Darreichung von Magn. sulf.
3 mal täglich, zu einem gestrichenen Esslöffel, gleich bei Beginn der Erkran¬
kung, 2 — 4 Tage hindurch, bestätigen, wie es seinerzeit von einem im Rumäni¬
schen Feldzüge tätig gewesenen Kollegen erprobt worden ist, und ferner nicht
unerwähnt lassen, dass in geeigneten Fällen gleichzeitig verordnetes schwaches
Intus von Rad. Ipecacuanhae 0,2—200,0 mit suspendiertem Bolus alb. subt.
pulv. den Darm sehr befriedigend reguliert haben und durch recht warme (!)
feuchte Umschläge und Einwicklungen die Kranken von so manchen Aether-
oder Kampferinjektionen verschont worden waren.
Gutachten über die „offenbare Unmöglichkeit“ in
Alimentationsprozessen.
Von W. Zangemeister, Direktor der Univ.- Frauenklinik
und F. Leonhard, Professor d. Rechte zu Marburg.
Wer in Alimentationsprozessen als Sachverständiger zu fungieren
hat, muss über die Beziehungen zwischen dem Entwicklungsgrad des
Kindes und der Schwangerschaftsdauer, von der Empfängnis an ge¬
rechnet, genau unterrichtet sein. Denn von seltenen Ausnahmen ab¬
gesehen handelt es sich um die Frage, ob ein Kind einer gewissen —
oft allerdings nur notdürftig beschriebenen — Körperentwicklung bei
der Geburt aus einer Beiwohnung stammen kann, welche zu einem
bestimmten Termin oder innerhalb bestimmter zeitlicher Grenzen
stattgefunden hat. Der Gutachter muss vor allem die Grenzen
kennen, innerhalb welcher der kindliche Entwicklungsgrad bei be¬
stimmter Schwangerschaftsdauer p. concept. oder die Schwanger¬
schaftsdauer bei bestimmter kindlicher Entwicklung differieren kan n.
Es gibt darin natürlich scharfe äusserste Grenzen; aber es liegt in
der Natur der Sache, dass uns dieselben nicht ganz genau bekannt
sind. Denn wir sind bei Ermittlungen, welche die Frage aufklären
sollen, zu einem wesentlichen Teil auf subjektive Angaben ange¬
wiesen, und diese sind schon an sich, gerade aber auf diesem Gebiet,
keineswegs immer zuverlässig. Bis vor kurzem waren nun die Grund¬
lagen für derartige Gutachten äusserst dürftig und unsicher, so dass
der Gutachter in schwieriger Lage war (vgl. z. B. P o t e n, Zentr. f.
Gyn.. 1910, S. 1296 — v. Franque, Med. Klin., 1911, Nr. 9).
Um die äussersten Grenzen der Schwangerschaftsdauer für be¬
stimmte Entwicklungsgrade und des Entwicklungsgrades für eine be¬
stimmte Schwangerschaftsdauer möglichst genau zu ermitteln, habe
ich mich u. a. der graphischen Methode bedient 0, welche zugleich
gestattet, dass sich der Sachverständige im Einzelfall ein Urteil über
die äussersten Möglichkeiten selbst bilden kann.
Ich habe die Fälle mit (soweit möglich) bekannter Schwan¬
gerschaftsdauer p. conc. in quadratische Koordinatensysteme ein¬
getragen. Als Vergleichsmaasstab für die Entwicklung dient am
besten die Fruchtlänge, weil sie — von Missbildungen abge¬
sehen — am wenigsten durch Entwicklungsanomalien beeinflusst
wird, und auch weil sie oft der einzige zuverlässige Anhaltspunkt
_ für die Fruchtentwicklung vor Gericht ist.
Arch. f. Gyn. 107, S. 405. — Vgl. auch Zschr. f. Geburtsh. u. Gyn.
69, b. 127, ferner Heuser, ebenda 70, S. 381.
Nr. 31.
Das Gesetz (BGB. § 1717) bestimmt nun, dass — bei der Beurtei¬
lung, ob ein gewisser 1 ermin für die Schwängerung in diesem oder
jenem Fall in Betracht kommt — eine Beiwohnung nur dann ausser
Betracht bleibt (obwohl sie inerhalb der „Empfängniszeit“, 181—302
läge vor der Geburt, liegt), wenn es den Umständen nach offenbar
unmöglich ist, dass die Mutter das Kind aus dieser Beiwohnung
empfangen hat. Der Gesetzgeber hat die gültige „Empfängniszeit“
festgelegt und lässt nur dann eine Ausnahme zu — um Unrecht aus
dem Gesetz zu verhüten — , wenn es nach Lage der Dinge
unmöglich, d. h. ausgeschlossen ist, dass das betreffende
Kind aus der innerhalb der gesetzlichen Empfängniszeit liegenden Bei¬
wohnung stammt.
Nach meinen Untersuchungen sind die Grenzen des Möglichen
relativ weit. Ob sie zu weit sind, steht noch offen; jedenfalls
ist der Beweis für das Letztere noch keineswegs erbracht. Und zu¬
verlässige Erfahrungen bei 1 i e r e n •’) beweisen, dass bei ihnen eine
Variationsbreite besteht, welche die von mir für den Menschen er¬
mittelte sogar noch etwas übertrifft. Man mag nun meine Ergebnisse
als „auffallend und „recht unwahrscheinlich“ erklären, solange die¬
selben nicht „durch beweiskräftige Beobachtungen gestützt“ seien
I C. Rüge II ) | ; das ist eine wissenschaftliche Ansicht, die der eine
teilt, der andere nicht 4). Es geht aber nicht an, e i d 1 i c h v o r G e -
r i c h t auf Grund dieser Ansicht, wie dies C. Rüge will, unter Um¬
ständen ein offenbar unmöglich auszusprechen. Dafür muss
vielmehr erst der gegenteilige Beweis erbracht werden, dass
nämlich die von mir gezogenen Grenzen tatsächlich zu weit sind.
Und dieser steht noch aus. Auch C. Rüge muss auf Grund des
heute vorliegenden Materials zum mindesten die entfernte
Möglichkeit zugeben, dass die Empfängnis bei bestimmter
Fruchtlänge innerhalb der von mir angegebenen Grenzen liegt.
Kürzlich hat nun Döderlein5) ein Gutachten veröffentlicht,
welches eine grundsätzliche Kritik herausfordert. Er sprach ein
„offenbar unmöglich“ in einem Fall aus, in welchem ein nach An¬
gaben der Hebamme reifes Kind (9 Tage p. part. 50 cm und 6 Pfund)
224 Tage nach der fraglichen Konzeption geboren wurde. Abgesehen
von der Unsicherheit der Angaben der Hebamme kann man nach
meinen Ergebnissen (vgl. die Kurven 8 u. 12) die Möglichkeit nicht
bestreiten, dass das betr. Kind aus einer 224 Tage vor der Geburt
stattgefundenen Beiwohnung stammt.
Aber abgesehen von diesem lediglich den Einzelfall be¬
treffenden Punkt vertritt Döderlein eine Ansicht über die Aus¬
legung des Begriffes „offenbar unmöglich“, welche m. E. irrig ist,
und welche auch nicht dem allgemeinen Brauch entspricht. Döder¬
lein stellt das „offenbar unmöglich“, wie er erklärt, nicht der
absolu t e n Unmöglichkeit, sondern einer grossen Unwahr-
sc Reinlichkeit gleich. Er sagt erläuternd: „Diese Fassung des
Gesetzesparagraphen schliesst in sich, dass es wohl seltene Aus¬
nahmen geben kann, die eine vollkommen sichere Schlussfolgerung
in den betreffenden Fällen erschweren.“ — „Würde man solche
Seltenheiten bei Alimentationsprozessen zu Einwänden gebrauchen,
dann wäre es ebenso selten möglich, bei einigermassen schwierig
gelagerten Fällen überhaupt ein Urteil abzugeben.“ Döderlein
erwähnt nicht, welche Extreme er dabei im Auge hat. Für seinen
Fall trifft aber nicht zu, dass er „unter Hunderttausenden Geburten
nur einmal vorkommt. Aber selbst dies zugegeben, kann man ein
„offenbar unmöglich“ dann eben nicht aussprechen, wenn ein solches
Vorkommen überhaupt möglich ist.
Die Schlussfolgerungen D ö d e r 1 e i n s für die Praxis berech¬
tigen uns aber nicht, den vom Gesetzgeber geschaffenen Begriff
anders auszulegen, als er von diesem m. E. gedacht ist.
Um hierüber eine Klarstellung herbeizuführen, habe ich mich an
den Vertreter des bürgerlichen Rechtes an unserer Universität, Herrn
Prof. Leonhard mit der Bitte gewandt, diese lediglich juristische
Frage zu beantworten. Er äussert sich folgendermassen:
Das Bürgerliche Gesetzbuch schliesst in §§ 1591, 1717 den Beweis
der Abstammung dann aus, wenn diese „offenbar unmöglich“
ist. Ueber die Bedeutung dieser Worte sind Zweifel entstanden.
L Entschieden abzulehnen ist die Ansicht, die die Abstammung
schon dann verneinen will, wenn sie nur unwahrscheinlich
ist. Sie wird dem Ausdruck „offenbar unmöglich“ nicht gerecht, der
einen besonders starken Gegenbeweis fordert.
2. Zweifelhaft kann dagegen sein, wie stark dieser Gegen¬
beweis sein muss: ob die Abstammung als völlig ausgeschlossen
erscheinen (oft sagt man verkehrt: dem gesunden Menschenverstände
widersprechen) muss oder .ob sie sich nur als ausserordentlich un¬
wahrscheinlich darzustellen braucht. Beide Ansichten wurden schon
in der Kommission für das Gesetzbuch vertreten "), und der gleiche
Gegensatz zeigt sich noch heute in Wissenschaft7) und Rechtspre¬
chung 8).
7) Arch. f. Gyn. 69, S. 436. ;’) Arch. f. Gyn 114, S. 1.
) Vgl. z. B. 1. Ahlfeld: Kurzfristige Schwangerschaften, Leipzig
1916; 2. W. Hannes: Zschr. f. Geburtsh. u. Gyn. 71. S. 524; 3. E. Zwei¬
fel: Arch. f. Gyn. 116, S. 140.
®) M.m.W. 1923 S. 505. ") Protokolle 4, 464.
') Für die strengere Auffassung: Kommentar von Reichsgerichtsräten
2 zu 1591, Planck 2 zu 1591 ; dagegen Hachenburg: Rechtsstellung des
unehelichen Kindes 26, Engelmann: Bl. f. R. A. 63, 69, S t a u d i n g e r,
N e u m a n n zu 1591.
8) Für die erste Ansicht Warneyer 5 Nr. 171, 13 Nr. 26, dagegen
Rspr. 7. 416. Unentschieden Reichsgericht J. W. 1904. 236; 1910, 477,
4
1022
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31.
Mir scheint, dass die strenge Fassung (völlig
ausgeschlossen) den Vorzug verdient. Nach dem
offenbar" soll nicht nur ein deutlicher Gegenbeweis gefordert wer¬
den, sondern auch in allen Zweifelsfällen die Entscheidung gegen en
Hekla vten nusfallen- er trägt die Beweislast in den Grenzfallen. Die
gleiche Bedeutung hat das „offenbar“ auch in zahlreichen ähnlichen
Stellen des Gesetzes (§§ 319. 560, 2049, 2155 BGB.). Diese Auffassung
hat auch den Vorzug, dass sie eine objektive Beurteilung erleichtert.
Die Gutachter können aus den Erfahrungstabellen der gynäkologi¬
schen Wissenschaft mit einiger Sicherheit entnehmen, ob ein Zusarr -
menhang noch als möglich erscheint, z. B. ob dies 50 cm lange Kind
aus einer 7 Monate zurückliegenden Konzeption stammen kann. An¬
ders wemi man ihnen zumutet, zu entscheiden, ob diese Abstammung
nur unwahrscheinlich oder aber ausserordentlich unwahrsche.nl ch
ist Diese Unterscheidung ist so unbestimmt, dass schliesslich alles
von der persönlichen Veranlagung des Gutachters abhängig gemacht
wird.
Die Anwendung und Wirkung des Novoprotins bei der
Behandlung von Phlegmonen.
Von Dr. med. H. Schranz, Hamburg-Eppendorf.
Behandlung mit Novoprotin. Hier kam es nur in seltenen Fällen zu
starken Allgemeinreaktionen; auch die Heilerfolge erwiesen sich
hier als weniger günstig. Auf Grund der geschilderten Erfahrungen«
komme ich zu folgendem Schluss: ,
Frische Phlegmonen, möglichst frühzeitig mit Novoprotin be¬
handelt, heilen rasch ab, wobei sich zeigt, dass je deutlicher sich All¬
gemeinreaktionen bemerkbar machen, man desto sicherer mit einem
Erfolg rechnen kann. Bei alten Fällen ist die Wirkung zweifelhaf ,
erhält man hier nach der 1. Novoprotininjektion keinerlei sichtbare
Reaktionen, hat Fortsetzung der Behandlung wenig Zweck. Der
therapeutische Erfolg ist dann zweifelhaft.
Novoprotin erweist sich als gutes Proteinkorperpraparat, das
geeignet ist, den Organismus bei der Abwehr einer Infektion kraf lg
zu unterstützen. Novoprotin vermag in der Mehrzahl der raue
Phlegmonen zu rascher Heilung zu bringen. Es empfiehlt sich, Novo¬
protin intravenös zu injizieren, langsam, um eine gute Mischung
mit dem Blute zu erzielen, da diese Art der Verabreichung in ganz,
besonderem Maasse wirksam ist, und, um starke Allgemeine! scnei-
nungen, wie Schüttelfrost, Mattigkeit usw., zu vermeiden, mit
kleinen Dosen individualisierend zu beginnen und je nach Reaktion,
auf 1 ccm hinaufzugehen.
Das Proteinkörperpräparat Novoprotin ist '.^{j'^^den
SÄÄÄ ÄÄ £
"“ftgSSÄ Novoprotin in
brei? spaltete und nach Kreuzschnitt vom gesunden ins kranke Ge-
sSSSSSsSS
Hel,Ri„.r zweiten Serie nahm ich dieselbe Spaltung vor, iniiÄrte
das Novoprotin jedoch subkutan, wobei keine! riet ?;l<lcheb R1 ^
k,,,r sSos» äs* hS.i;1i-
sp1 ""rasch wie bei der sewölinlichen Spaltung und Behandlung mit
feuchten Verbänden. Serie ^ Q5_1 ccm Novoprotin intravenös
„„fort nach der Spaltung. Sämtliche Karbunkel wurden in den
erZn 2 Tagen trocken verbunden, ein Tamponadewechsel erfolgte
nicht" Etwf 1-2 Stunden nach der Injektion trat Schüttelfrost
starker Schweissausbruch und Temperaturanstieg auf- ln der Wun
selbst wurden stärkere Schmerzen angegeben als früher was
engsten Zusammenhang mit dem Am dt -Sc huzsc,ne Lb
stehen dürfte, welches besagt, dass schwache Reize d,e Leöt.is
SS und slf "».ilÄ £ Äi« Gewebe
empfindlicher ist als ein gesundes, ist esfvQei’j1le„u^er^kte Ge^ebe
Anftrrten eines allgemein wirkenden Reizes das erkranKte uevveue
ganz besonders reagiert, in diesem Fall also an den entzündlichen
Stellen heftigere Schmerzen auftreten. Am folgenden Tage war die
Temperatur meist normal, die Reinigung der Karbunkel schritt rasch
vorwärts und führte zu beschleunigter Heilung, was nicht zum
wenigsten der Novoprotininjektion zuzuschreiben ist. Verglei --hs-
versSe mit Pferdeserumtamponade nach Rieder hatten den Er¬
folg, dass durch diese Tamponaden die Nekrosen noch etwas
schneller abgestossen wurden.
Ich zog daraus die Folgerung, dass ich Novoprotin nur noch
intravenös Injizierte und nun auch zur Behandlung der Phlegmonen
mit diesem Präparat überging. . , . Fnllen
Vor oder sofort nach der Spaltung gab ich in den ersten ballen
1 ccm Novoprotin intravenös. 1—2 Stunden nach der Injek.ion
stellte sich ein nur kurze Zeit dauernder Temperaturanstieg dis zu
• etwa 40 0 ein, danach Schüttelfrost und Schweissausbruch, bcn™5r-
zen in der entzündlichen Gegend, geringe Schwellung in der Um¬
gebung und allgemeine Abgeschlagenheit. Ich hatte den Eindruck,
dass es sich in diesem Fall um eine Ueberdosierung handelte, wes¬
wegen ich in der Folge auf 0,5 ccm Novoprotin durchschnittlich zu¬
rückging. Die Injektionen riefen zwar häufig auch noch starke Re¬
aktionen hervor, wurden jedoch von den Kranken anges lclits der
beschleunigten Heilung gern in Kauf genommen. Schon am folgen¬
den Tage' pflegte die Temperatur zur Norm zuruckzugehen und
schwankte nu? in vereinzelten Fällen noch 2-3 Tage zwischen 37
und 38 0
Bei' besonders hartnäckigen Phlegmonen machte ich in Ab¬
ständen von höchstens 48 Stunden noch 2—3 Novoprotininjektionen,
die wieder deutliche, jedoch gut erträgliche Allgeme.nreakt.onen
auslösten. Bei allen Fällen, die frisch zur Behandlung kamen,
konnte man beschleunigte Wundheilung beobachten. Die mit Novo¬
protin behandelten Phlegmonen wurden fast durchweg in den ersten
beiden Tagen trocken verbunden. Nach dieser Zeit wechselte ich
mit eintägigen Wasserstoffsuperoxyd- oder Lhloraminverbanden ab.
Alte, bereits vorbehandelte Phlegmonen unterzog ich ebenfalls einer
Aus dem Sanatorium für innere und Nervenkrankheiten
Schloss Hornegg a. Neckar.
Zur Unterscheidung funktioneller und organischer
Hypertonie.
Von Ludwig Roemheld.
Das Problem der Hypertonie steht neuerdings wieder sehr im
Vordergrund Alle Autoren sind sich darin einig, dass die pathologi¬
sche Erhöhung der Widerstände in der Peripherie das Primäre ist,
was zur Blutdrucksteigerung im ganzen Gefässsystem fuhrt, eine
Auffassung, die vom Standpunkt der Mechanik sowohl als auch teleo¬
logisch betrachte! die grösste Wahrscheinlichkeit für sich hat und
die in den Ergebnissen der Müller-Weiss sehen Kapillarbe-
obachtungen bei Arteriosklerose eine gewisse Stütze findet. Die Druck¬
steigerung wird zweifellos anfänglich hervorgerufen durch den gestei¬
gerten Tonus der Muskulatur der kleinsten Gefässe. Worauf diese lo-
nussteigerung ihrerseits wieder beruht, wissen wir mit Sicherheit auch
heute noch nicht. Jedenfalls spielt das psychische Moment dabei
eine grosse Rolle. ^Anderseits hat die Auffassung, dass die I onus-
steigerung toxisch bedingt ist und mit übermässiger Eiweissernah-
rung zusammenhängt, viel für sich, und mehr oder weniger ist unser®
ganze heutige Ernährungstherapie der Arteriosklerose auf dieser
These aufgebaut. _ . . ,
Von guten ärztlichen Kennern des Orients, z. B von Sticker,
wurde mir mündlich mitgeteilt, dass im Orient, wo das Volk fast nur
von Milch, Käse und Vegetabilien lebt, die ältesten Leute so
weiche Gefässe hätten, wie bei uns chlorotische Mädchen. Neben dem
toxischen Ursprung (auch Nikotin ist hier zu erwähnen) spielt aber
sicher der konstitutionelle Faktor die grösste Rolle, die abnorme An-
sprechbarkeit des Vasomotorenzentrums und die dadurch bedingte
vorzeitige Abnutzung. Aber auch hier ist vieles noch gänzlich un¬
geklärt. Ich kenne 70 jährige Greise, die, wie ich von Aussagen ihrer
Hausärzte weiss, in jüngeren Jahren die stärksten Vasoijiotoriker
waren und immer Beschwerden von seiten des vegetativen Nerven¬
systems hatten, die aber jetzt doch noch normalen Blutdruck bei in¬
taktem Gefässsystem aufweisen. I
Zu wenig Beachtung scheint mir ein Moment bis jetzt gefunden
zu haben, dass es n ä m 1 i«c h besonders dann zu Hyper-
t o n i e kommt, wenn die abnormen W i derstände y or-
wiegend im Gebiet des Splanchnikus lokalisier
sind, während Arterioskerose an den Extremitäten bekanntlich nicht
immer zu Blutdrucksteigerung führt. Daher der hohe Blutdruck der
Korpulenten, der Menschen mit abnormer Gasspannung im Leib und
hochgedrängtem Zwerchfell, mit chronischen Darmkatarrhen ynfl
Gärungsprozessen, mit Dyspepsie. Krauss hat schon vor Jahren
gerade auf den erhöhten Blutdruck bei Dyspeptikern hingewiesen.
Bis zu einem gewissen Grade können wir das Bild künstlich hervor*
rufen durch aktive Vermehrung des intraabdominellen Drucks, durch
forcierte Zwerchfellatmung usw., doch ist die Frage der respirato¬
rischen Blutdruckschwankungen noch nicht genügend geklärt (Ii
gerstedt, Ergebnisse der Physiologie, 1903). Beseitigt man, sej
es durch Verminderung der Fettmenge im Abdomen, sei es durch
Bekämpfung der Tympanie, die abnorme Gasspannung in der Bauch¬
höhle, so sinkt der Blutdruck. Das haben Jürgen sen Arch. t.
Verdauungskrankheiten, 1910, Bd. 16) und ich (Zsclir. f. diatet. u.
Physik. Therapie, 1912) schon vor Jahren gezeigt. Bleibt der Zustanu
aber dauernd, so fixiert er sich, und es kommt zu organisch gewor¬
dener Hypertonie. Besonders gut kann man diesen Umwandlungs¬
prozess verfolgen bei den ursprünglich rein funktionellen Fällen vorl
gastrokardialem Symptomenkomplex.
Malten (M.m.W. 1923, Nr. 17) hat kürzlich in einer lesenswertei
Arbeit vorgeschlagen, den Ausdruck genuine Hypertonie durch funkti>|
nelle bzw. präsklerotische Blutdrucksteigerung zu ersetzen. Er unter¬
scheidet, ähnlich wie Huchard, 3 Perioden der Entwicklung dei
?. August 192.?.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1023
Arteriosklerose: Erstens ein rein funktionell-präskle-
otisclies Stadium, bei welchem die Hypertonie auf Angio-
pasmen beruht, das der Rückbildung fähig ist bei geeigneter Be-
andlung mit diätetischen und physikalischen Massnahmen; zwei-
ens die gemischt funktionell-organische Hyper-
o n i e, bei welcher der organisch bedingte Anteil in wechselndem
erhältnis, aber ständig wachsend, von dem funktionellen überlagert
Grd, und schliesslich das Endstadium der reinen
Arteriosklerose. Jeder Mensch macht mehr oder weniger
ährend der Lebensdauer diese drei Stadien durch, vorausgesetzt,
ass er alt genug wird, und dass nicht durch Erkrankung des Herzens
ie Möglichkeit der Entstehung einer stärkeren Blutdrucksteigerung
usgeschlossen ist.
Was den zeitlichen Ablauf dieser 3 Stadien anlangt, so zeigt
ich auch hier die Mannigfaltigkeit der Natur von Fall zu Fall. Den
ibiauf zu verlangsamen, muss Aufgabe der ärzt-
i c h e n Prophylaxe sein. Für die Diagnose und Prognose
ei dem einzelnen Individuum ist es nun aber von der grössten
Wichtigkeit, unterscheiden zu können, in welchem
’ t a d i u m der Hypertonie sich der Kranke befindet,
mell die Therapie wird je nachdem ganz verschieden sein müssen,
lach dieser Richtung hin möchte ich zu der Malten sehen Arbeit
inige Bemerkungen machen.
j Malten hat schon darauf hingewiesen, dass die funktionelle
lypertonie durch physikalische Heilmethoden meist zu raschem
ibfall gebracht werden kann, während die einmal organisch fixierte
Slutdrucksteigerung im ganzen nur wenig und jedenfalls nur äusserst
angsam beeinflussbar ist. Das deckt sich vollkommen mit meinen
Erfahrungen, die ich an einem grossen Hypertonikermaterial zu
lachen Gelegenheit hatte.
Neuerdings hat man die Blutdruckmessung im Schlaf zur Untcr-
cheidung herangezogen. Katsch und Pansdorf (M.m.W., 1922)
lauben, dass nur bei genuiner, oder, um die Malten sehe Nomen-
latur zu verwenden, bei funktioneller Hypertonie im Schlaf der
onus zur Norm zurückgeht, nicht aber bei organisch bedingter,
ielleicht wird man bei weiterer Verfolgung dieser Tatsache zu
xakterer Differentialdiagnose der verschiedenen Formen von Hyper-
inie kommen können.
Wie soll aber der Hausarzt bei seinen Kranken die oft so wich-
ge Differentialdiagnose stellen, wenn nicht die lange Zeit für eine
hysikalische Behandlung, nicht der noch recht komplizierte Apparat
ir nächtliche Blutdruckmessung zur Verfügung steht?
Ich habe schon im Jahre 1910 eine Methode der Blutdruckmes-
ung angegeben, die eine ziemlich sichere Unterscheidung ermöglicht,
»ieselbe ist dann 1913 von einem damaligen Assistenzarzt, Herrn
•r. D e u s s i n g (Med. Klin., 1913, Nr. 34), mit Krankengeschichten
elegt. beschrieben worden und wird seitdem an vielen Orten, so
eispielsweise in der R o m b e r g sehen Klinik, angewandt. Sie
ründet sich darauf, dass jede funktionelle Hypertonie
m Anfang immer nur temporär — worauf neuerdings auch
ahrenkamp hingewiesen hat — auftritt und dass, wenn man
ie Messung morgens früh in nüchternem Zustand des Kranken und
ei Rückenlage desselben vornimmt, zu einer Zeit, wo der Organis¬
mus körperlich und psychisch ausgeruht und nicht belästigt ist durch
törungen von seiten der Verdauungsorgane oder durch Hochstand
es Zwerchfelles, der Blutdruck am niedrigsten ist. Man b e -
ommt bis zu einem gewissen Grad dann ein ähn-
iches Resultat wie bei der Messung im Schlaf,
edenfalls nähert sich der nüchtern so gefundene Blutdruck arn
hesten dem für das betreffende Individuum normalen Tonus; und
ei Menschen, die sich im ersten M a 1 1 e n sehen Stadium befinden,
rhält man, auch wenn sie unter Tags stärkere Hypertonie zeigen,
i der Regel normale Werte.
Ist der Tonus auch im nüchternen Zustand gemessen erhöht, so
önnen wir doch aus der Differenz zwischen dem Resultat morgens
nd unter Tag „die psychogene (oder konstitutionelle) und die nicht-
sychogene organische Quote im Ursachenkomplex der Hypertonie“
nterscheiden. Es handelt sich dann jedenfalls nicht mehr um rein
inktionelle Hypertonie, sondern schon um einen mehr oder weniger
xierten Zustand, meistens das zweite Malten sehe Stadium.
. Prognostisch am ungünstigsten sind nach unserer Erfahrung die
alle, bei denen der Tonus nüchtern gemessen gleich hoch oder sogar
öher ist als unter Tag. Hier liegt fast regelmässig eine bedeutende
lypertonie mit beträchtlicher Arteriosklerose bzw. mit Schrumpf-
iere vor.
Welche Höhe des Tonus man als normal ansehen soll, darüber
ehen natürlich die Ansichten vielfach auseinander. Manche Autoren,
peziell die Franzosen, lassen einen systolischen Blutdruck, der in
im Hg ausgedrückt 100 plus die Zahl der Lebensjahre beträgt, noch
is< normal gelten. Das scheint mir im allgemeinen, wenn man die
reite Gummimanschette nimmt, etwas hoch zu sein, wenigstens für
ie morgens nach dem Aufwachen gefundenen Werte. Fast noch
nichtiger aber ist jedenfalls die Grösse der Amplitude. Wie sie sich
ei der Messung morgens nüchtern bei den drei verschiedenen Ka-
egorien verhält, darauf soll an anderem Ort eingegangen werden.
Die Schlängelung der Arterien.
(Bemerkungen zu der Arbeit von R. Geigel in Nr. 18, 1923 d. Wschr.)
Von Primararzt Dr. Alfons Winkler, Enzenbach, Steiermark.
R. G e i g e 1 führt die Schlängelung der Arterien im höheren Alter
auf die Schubspannungen, die durcli das Fliessen des Blutes in den
Randzonen des Gefässsystems entstehen und die Rohrwandung dau¬
ernd in der Richtung des Blutstromes fortzunehmen versuchen, zu¬
rück. Infolge der steten Inanspruchnahme müsse schliesslich bei Min¬
derung der Elastizität als Gegenwirkung eine bleibende Längsdehnung
des Rohres erfolgen. G e i g e 1 glaubt vor allem, dass eine Streckung
des Gefässrohres der Länge nach keineswegs durch den Druck im
Rohre herbeigeführt werde.
Die theoretischen Erwägungen, von denen 0 e i g e 1 ausgegangen
ist und deren er sich bedient, um die Schlängelung der Arterien zu
erklären, sind an sich vollkommen richtig. Ich glaube aber, dass
das Moment, welches ü e i g e 1 für ausschlaggebend hält, nur eines
von den vielen darstellen dürfte. Denn für die Schlängelung eines
elastischen Röhrensystems, wie es das arterielle ist, müssen mehrere
physikalische Momente in Betracht gezogen werden.
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass sich die physikali¬
schen Verhältnisse bei geradlinigen, unverzweigten und gleichweiten
Röhrensystemen von solchen mit zahlreichen Gabelungen, Teilungen,
bogen- oder winkelförmigen Knickungen und zunehmenden Verenge¬
rungen ganz wesentlich unterscheiden. Weiters muss jeder Punkt des
Röhrensystems immer im Zusammenhang mit den Druck- und Strö¬
mungsverhältnissen und Widerständen des ganzen Systems betrachtet
werden. Dementsprechend müssen wir zwischen geschlossenen und
offenen elastischen Röhrensystemen unterscheiden. Die letzteren glie¬
dern sich in einfache und verzweigte; bei diesen müssen vor allem die
W iderstandsmomente der inneren Reibung besondere Berücksichti¬
gung finden.
Schliesst man einen ungefähr 2 m langen Schlauch aus gutem
Paragummi von nicht zu grossem Lumen und entsprechender Wand¬
stärke (ich bediene mich bei meinen Versuchen eines solchen von
5,4 mm lichter Weite und 1,3 mm Wandstärke) an einen Wasserlei¬
tungshahn an, erhält ihn durch ein passend gewähltes Gewicht in
leicht gespannter, gerader Richtung und trägt durch mehrfaches
queres Unterlegen von kleinen Röllchen (geköpfte, stärkere Draht¬
stifte) Sorge für eine möglichst reibungslose Dehnungsmöglichkeit der
Länge nach, so hat man ein offenes, gerades, unverzweigtes und
gleichkalibriges Röhrensystem vor sich. Lässt man nun unter stei¬
gendem Druck Wasser durch den Schlauch fliessen, so kann man so¬
wohl eine quere Erweiterung, als auch eine Längsdehnung desselben
beobachten. Diese Längsdehnung wird aber stets verhältnismässig
recht gering bleiben, mag man das Wasser auch unter recht hohem
Druck und mit grosser Geschwindigkeit durchfliessen lassen. Dort,
wo der Schlauch an dem starren Mundstück des Hahnes ansetzt, ist
der Druck unzweifelhaft am grössten. Der Druck in diesem Quer¬
schnitt des Schlauches muss sich aber nach allen Richtungen, also
nicht nur radial, sondern auch axial auswirken. In der ersten
Richtung bedingt er die Erweiterung des Rohres, in der letztgenann¬
ten versucht er aber, die Wassermassen gegen die freie Ausflussöff¬
nung des Schlauches zu schieben. Da die Bedingungen für ein Druck¬
gefälle gegeben sind, so wird das Wasser mit einer gewissen Ge¬
schwindigkeit durch den Schlauch fliessen müssen. Durch das Flies¬
sen tritt nun das Moment der inneren Reibung als Widerstand, als
Gegendruck, der sich dem ursprünglichen Drucke entgegensetzt, auf.
Die innere Reibung ist in einem geraden elastischen Rohr fast aus¬
schliesslich nur durch das Entlangschieben der Wassermassen an den
Schlauchwandungen gegeben. In der Flüssigkeit müssen sich daher
nahe den Wandungen Schubspannungen entwickeln. Gewiss wird
die Flüssigkeit dadurch bestrebt sein, die Rohrwandungen in der
Richtung des Druckabfalles mit sich zu nehmen. Aber der wachsende
Widerstand bzw. Gegendruck, der sich durch die Schubspannung — je
weiter von der starr fixierten Einflussöffnung entfernt, um so ausge¬
prägter — ergibt, setzt sich dem Druck der in den Schlauch eintreten¬
den Wassermassen entgegen. In seiner Gesamtheit kann dieser Gegen¬
druck als Punkt betrachtet werden, gegen welchen sich der Druck
auch axial richten muss. Das heisst, das elastische Rohr muss durch
den Widerstand der inneren Reibung infolge des Druckes, unter wel¬
chem die Flüssigkeit in dasselbe eintritt, gedehnt werden. Um so
mehr, je grösser, um so weniger, je geringer das Moment der inneren
Reibung ist.
Ausserordentlich klar zeigt die mikroskopische Betrachtung des
Kapillarkreislaufes die Verhältnisse der inneren Reibung. Es ist ja
bekannt, wie sich der Tlüssigkeitsstrom der Kapillaren in einen Ach¬
senstrom mit grosser Geschwindigkeit und in einen Randteil mit
wandwärts immer mehr abfallender Geschwindigkeit, den Poiseu-
i 1 1 e sehen Raum, teilt.
Gabelt man nun das System mehrfach durch . Einschaltung von
entsprechend grossen und passenden T- Stückchen, so bedeutet dies
die Vergrösserung der inneren Reibung, also des Widerstandes, des
Gegendruckes, gegen welchen die Flüssigkeitsmassen durch das
Röhrensystem hindurchgetrieben werden. Alle Sporne der Teilungs¬
stellen, an welchen reichlich Wirbelbildungen in der Flüssigkeit auf-
treten müssen, können dann in ihrer Gesamtheit als Punkt zusammen¬
gefasst und betrachtet werden, gegen welchen sich der Druck im An¬
fangsteil des Schlauches auch axial richtet. Das heisst mit anderen
11124
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31.
Worten der Druck wird sich an einem bestimmten Querschnitt des
Schlauches nahe dem Wasserhahn nicht nur in radialer, sondern auch
in axialer Richtung auswirken müssen und so eine Langsdehnung be¬
dingen. die um so grösser sein muss, je grösser die innere Reibung
durch Vermehrung von Gabelungen gewählt wird. Der Gegendruck
der inneren Reibung muss weiterhin um so grösser werden, je mehr
auch gleichzeitig mit der Gabelung das Strombett durch die Verenge¬
rung der Röhren der E 1 ä c h e nach ausgebreitet wird. Auch dann,
wenn die Summe der Querschnitte dem Querschnitt des Hauptrohres
vor den Gabelungen gleichbleibt oder sogar noch zunimmt. Bei
diesem Versuch zeigt nun der Schlauch eine bedeutend grossere
Längsdehnung als früher.
Je grösser nun der Widerstand ist, den die strömenden Flussig-
keitsmassen überwinden müssen, um so mehr wird schliesslich in den
Schlauchteilen vor den Gabelungen der Druck in axialer Richtung zur
Geltung gelangen müssen. Am einfachsten kann die Vergrößerung
eines solchen Widerstandes durch Abklemmen des Schlauches bewirkt
werden. Je mehr man die Ausflussöffnung des Schlauches durch eine
genau verstellbare Klemme verringert, um so grösser wird der Gegen¬
druck werden. Gleichzeitig setzt man dadurch aber auch die innere
Reibung herab, die durch die Schubspannungen bedingt wird. Klemmt
man schliesslich den Schlauch vollkommen ab, so hat man ein ge-
geschlossenes System vor sich, in dem die innere Reibung aufgehoben
ist. Der Druck muss sich nun in der Flüssigkeit ganz gleichmassi.,
nach allen Richtungen hin, auf jedem Flächenelement senkrech
stehend, auswirken. Und in diesem geschlossenen System tritt Hand
in Hand mit der Drucksteigerung die ausgesprochenste axiale Druck-
äusserung, die stärkste Längsdehnung in Erscheinung Werden Ein-
und Ausflussöffnung des Schlauches starr fixiert, dann wird die
Schlängelung des Schlauches ganz sinnfällig wahrgenominen werden
k°niAus diesen einfachen Schlauchversuchen geht vollkommen klar
hervor, dass in einem Gefässsystem, wie es das arterielle darstellt,
der Druck an sich in jedem Querschnitt der Arterie sowohl eine
radiale, wie eine longitudinale Erweiterung bzw. Verlängerung her¬
beiführen muss. Denn der Druck muss sich in diesem System überall
hin nicht nur auf die seitlichen Gefässwände und Flachenelemente,
sondern auch in ganz gleicher Weise auf den Einfluss- und Ausfluss-
querschnitt des Röhrensystems auswirken. Je grosser das Moment
der inneren Reibung durch den Widerstand bzw. Gegendruck wieder¬
holter Teilungen und Verengerungen des Lumens wird gegen welches
sich der Druck richten muss, um so mehr ergibt sich an einem be¬
liebigen Querschnitt des Gefässsystems pro Flachenelement eine In¬
anspruchnahme der Wandung auch in a x i a 1 e r Richtung. In diesem
Fall ist es ganz irrelevant, ob das Rohr in seinem Verlauf beweglich
und verschieblich gebettet ist oder an gewissen Punkten an starre
Unterlagen fixiert wird. Denn der Längsdruck muss sich eben m
jedem Rohrabschnitt geltend machen und wird sich überall da aus¬
wirken, d. h. die Schlängelung zeigen, wo das Rohr nicht mit einer
starren Unterlage fix verbunden ist. Das lässt sich auch am Schlauch
ohne weiteres zeigen. .
Die innere Reibung ist ausserdem noch abhängig von der Weite
des Röhrensystems bzw. seiner Aufspaltungen und der Viskosität
der Flüssigkeit. Der longitudinale Druck pflanzt sich im arteriellen
Gefässsystem nach oben bis in den linken Ventrikel und nach unten
über die Teilungsstellen bis in die Kapillaren unter vielfacher lei-
lung erfolgt dabei eine erhebliche Verengerung des Lumens — und
darüber hinaus in das Venensystem bis nahe der Einmündung in das
rechte Herz fort.
Ich möchte nun dieses Moment der Auswirkung des Druckes in
einer Flüssigkeit nach allen Seiten und seine Richtung gegen den
Gegendruck der inneren Reibung, der insbesondere durch die Auf¬
spaltung und damit Hand in Hand gehende Verengerung des Gefass-
Systems gegeben wird, für das wesentlichste Moment und die aus-
schlaggebende Ursache der Schlängelung von Arterien im höheren
Alter halten. Ich glaube, dass diese Annahme durch Beobachtungen
am Venensystem gestützt werden kann. Die Venen des Handrückens
beispielsweise verlaufen im wenig gefüllten Zustand während der
mittleren Lebensjahre in der Regel noch fast ganz gerade. Staut man
sie aber, d.h. füllt man sie unter Druckerhöhung mit Blut — wobei
gleichzeitig das Fliessen des Blutes in denselben wesentlich ver¬
zögert wird — , dann treten sie nicht nur erweitert, sondern auch sehr
stark geschlängelt hervor. . ... ,
Da das arterielle Gefässsystem mit einer ganz wesentlichen
Uebersicherung gebaut ist, so kann die bleibende Schlängelung der
Arterien nur bei Kompensationsstörungen der arteriellen Gefässwand
dauernd zur Beobachtung gelangen. Solche Dekompensationen im
Sinne der Verschlechterung des Materials und des Verlustes oder der
Minderung seiner Qualitäten (Elastizität, Dehnbarkeit und Kontraktili¬
tät) machen sich ganz vorwiegend im höheren Alter durch Atrophie,
fettige Degeneration oder Fettinfiltration, hyaline Entartung und ähn¬
liche Prozesse der glatten Gefässwandmuskulatur sowie Auflockerung
und Schädigung der dichten, festgefügten elastischen Elemente durch
die verschiedensten pathologischen Einflüsse geltend. Die Dekompen¬
sation ist somit gleichbedeutend mit einem physiologisch-physikali¬
schen Schaden der Gefässwandungen.
Ich möchte weiterhin auf eine andere physikalische Ueberlegung
hinweisen, welche mir auch bei verhältnismässig niederem Blutdruck
für die bleibende Schlängelung der Arterien von Bedeutung zu sein
scheint Die eben erwähnten pathologischen Veränderungen treten
meist zunächst umschrieben, in Form von Plaques auf Sie stellen
einen locus minoris restistentiae dar, an welchem sich der Blutdruck
nicht nur in radialer Richtung des betreffenden Querschnittes, in
welchem der Wandschaden liegt, sondern auch in longitudinaler Rich¬
tung geltend machen und zu erkennen geben muss. Ist die Musku¬
latur allein insuffizient geworden, dann fällt die dem Blutdrucke ent¬
gegenstehende Gcfässwandspaunung am \\ ändschaden ausschliess¬
lich nur mehr den rein elastischen Momenten zu. Gegebenenfalls kann
dadurch der Druck immerhin noch recht weitgehend kompensiert
werden. Erstreckt sich aber die Dekompensation auch noch auf die
elastischen Elemente, dann weist das Gefässrohr eine schwächere
Stelle auf, an welcher es infolge der Einschränkung der Elastizität
bei entsprechendem Drucke gedehnt werden muss, und zwar solange,
bis die Spannung der Gefässwand dem jeweils an diesem Querschnitt
herrschenden Blutdrücke gleich ist. Die Dehnung des minder wider-
standsfähigen Wandabschnittes erstreckt sich aber nicht nur auf die
Quer-, sondern auch auf die Längsrichtung. Hat der Wandschaden
eine solche Ausdehnung, dass er ein grösseres Gebiet — etwa ein
Drittel und mehr des Umfanges sowohl radial, als auch longitudinal —
in sich schliesst, dann setzt damit ganz automatisch eine Knickung
des Rohres an dieser Stelle ein, falls das Gefäss frei beweglich ge¬
bettet ist. Denn in diesem Gebiete besteht die Gefässwand aus einem
suffizienten und einen insuffizienten Zylindermantelabschnitt. \om
Verhältnis beider zueinander bzw. des jeweils herrschenden Blut¬
druckes wird es abhängen, ob und um wieviel das Rohr abgebogen,
geknickt werden kann. Dabei liegt der Scheitel des Knickungsbogens
an der schwächsten Stelle der Gefässwand. _ Ä
Zum Schluss möchte ich noch ein Experiment .anführen, mit wel¬
chem ich die Schlängelung auf Grund eines lokalen Wandschadens an
einem Gummischlauch zu zeigen versuchte.
Ein geeigneter, gut elastischer Gummischlauch wird an mehreren
Stellen vorsichtig mit einer feinen Feile solange bearbeitet, bis unge¬
fähr hellerstückgrosse, palpatorisch gut fühlbare, schwache Bezirke
resultieren. Der Schlauch wird dann an einem WasserleitungshaM
befestigt und der Widerstand der inneren Reibung durch teilweises
Abklemmen der Ausflussöffnung nachgeahmt. Bei steigendem Druck
des durch den Schlauch fliessenden Wassers — der entweder durcln
den Wasserleitungshahn, oder aber durch die Schlauchklemme an den
Ausflussöffnung erhöht werden kann — schlängelt sich der Schlauch
in ganz ausgesprochener und gesetzmässiger Weise, und zwar um so
mehr, je höher der Druck bzw. je gröber der betreffende Wand¬
schaden gewählt wurde.
Für die Praxis.
Allgemeines zur Behandlung von Knochenbrüchen.
Von Erich Lexer, Freiburg i. Br.
Ueberall wo die durchschnittlichen Erfolge der Knochenbrucki
behandlung erheblich zu wünschen übrig lassen und sogar bei einl
fachen und typischen Bruchformen, deren gute Heilungsmöglichkei !
auch dem Laien bekannt ist, schlechte Stellungen und Funktionsstöl
rungen hinterlassen, findet eine Förderung des Kurpfuschertums statt (
das sich heute mehr als je in Stadt und Land auszubreiten sucht, wäli j
rend anderseits in ärztlichen Kreisen das Verlangen nach einer weil
teren Spezialisierung der Chirurgie gerechtfertigt erscheint. Abetj
wir brauchen keine Spezialisten für Knochen i
briiehe und keine eigenen Krankenanstalten dafür!
wennnur Arzt und Chirurgauf demBoden genügen!
der Kenntnisse Zusammenarbeiten.
Dem praktischen Arzt fällt an erster Stelle die vorläufig*!
Versorgung eines frischen Knochenbruches zu. Bei dem g e .
deckten Bruch hat er nach alter Regel durch sofortige Feststei i
lung dafür zu sorgen, dass die Bruchenden keine weiteren Verletzun;
gen hervorrufen. Die Reposition dagegen ist der endgültigen Ver/
sorgung zu überlassen. Um Bewegungen der Bruchenden nach Mögl
lichkeit auszuschalten, müssen vom feststellenden Verbände alle Musj
kein des Gliedes umfasst werden, welche auf den gebrochenen Knoj
chen einwirken können, weshalb er stets weit über die nächsten Ge!
lenke hinauszugehen hat. Wie ein Arzt glauben kann, mit den kurze: ;
Brettchen einer Zigarrenkiste einen Oberschenkelbruch beim Er¬
wachsenen feststellen zu können, und das nicht nur zur vorläufigen
sondern zur endgültigen Versorgung, ist wohl jedem ein Rätsel, un
doch habe ich schon vor Gericht solche Fälle als Sachverständige)
kennen gelernt. Die vorläufige Feststellung hat noch den zweite
wichtigen Zweck, den Austritt von Blutmassen ins Gewebe zu be
schränken; denn je grösser ein Bluterguss in der Umgebung de
Bruches ist, desto schlechter heilt er in der Regel, und desto häufige
gibt es Pseudarthosen. Grosse Blutergüsse sperren nicht nur di ;
Ernährung ab, welche für die regenerativen Kräfte unerlässlich is -
sondern stellen sich auch der Ausbildung der^ Bruchhyperämie ent
gegen, von deren regelrechten Ausbildung die Entwicklung des Kalk
deutlich abhängt. Ausserdem muss die nicht zur Resorption kotf
tnende Blutmasse stets von gefässführendem Keimgewebe durcl
wachsen, organisiert werden. Dieses Keimgewebe aber hat verschit
dene Herkunft und bildet sich nur dann in Knochen um, wenn es vo
Bestandteilen des Knochens, namentlich von der knochenbildende
3. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1025
Schicht des Periostes oder vom Mark und Endost stammt und aus-
ieht und deshalb mit Osteoplasten ausgestattet ist. Daher wird ein
;ubperiostaler Bluterguss knöchern durchwachsen, ein ausserhalb des
’eriostes liegender aber bindegewebig.
Gewiss kann auch das parostale Bindegewebe verknöchern. Aber
uif den parostalen Kallus ist kein Verlass, sonst könnte es keine
(al lusschwäche, keine Pseudarthrose geben. Die parostale Verknö-
herung bevorzugt besondere Muskeln (z. B. M. brachial, int.), wie bei
ier Myositis ossif., vielleicht auch Menschen mit besonderer Veran-
igung des Muskelbindegewebes. Im übrigen ist die Frage, unter
velchen Umständen das Bindegewebe durch Metaplasie zur Knochen-
lildung kommt, noch wenig geklärt.
Vor allem wird durch den Bluterguss die Ernährung der Knochen-
laut noch mehr gefährdet, als sie es schon durch Zerreissung zalil-
eiclier Gefässe ist, so dass die Kallusentwicklung zu langsam erfolgt,
im einen raschen Zusammenfluss des osteogenen Keimgewebes zu
rmöglichen. Vor ihm wächst dann das bindegewebige Keimgewebe
er Umgebung zwischen die Bruchenden, auch wenn sie gut anein-
nderstehen, es vermauert die Markhöhle, verwehrt das Zusammen-
/achsen des Kallus und lässt die Pseudarthrose entstehen.
Aus diesen Gründen ist es notwendig, dass sofort nach der
erletzung ein mit Watte gut gepolsterter Druckverband angc-
;gt wird, über dem dann die Feststellung mit Hilfe von Schienen
rfolgt.
Vielfach herrscht die Ansicht, dass ein grosser Bluterguss eine
räftige Kallusbildung verbürge. Dies ist nicht richtig. Gewiss wirkt
r auf die knochenbildenden Kräfte der Bruchstellen als Reiz, wie
uch die Zerfallsstoffe der zertrümmerten Gewebsmassen, aber der-
clbe Reiz wirkt auch auf das aus der Umgebung stammende, rein
indegewebige Keimgewebe, das als künftige Narbe der Feind der
ruchheilung ist.
Die Angst vor der Gefahr der Nekrose am gebrochenen Gliede
urch den Druckverband ist übertrieben. Finger und Zehen liegen in
:dem richtigen Verbände frei und verraten in den ersten Tagen dem
■rzt jede Behinderung des Kreislaufs (Anämie, Zyanose), jeden Ge¬
lds- und Beweglichkeitsausfall zusammen mit wachsenden Schiller¬
en an der Bruchstelle. Schlimme Folgen treten nur ein, wenn der
rzt leichtfertig trotz der Erscheinungen den Verband nicht wecaselt.
ewöhnlich aber lässt man den Bluterguss ungehindert wachsen, als
i er niemals wichtige Gefässe absperren und Nekrose verschulden
önnte; ohne Druckverband wird das Glied auf eine Schiene gelagert,
iagnose und Reposition unterbleiben, bis der Bluterguss von selbst
ch zurückbildet. Oft wird er noch befördert durch feuchte und
arme Umschläge, die man sich beeilt, möglichst gleich nach der
erletzung anzuwenden, als ob das frisch verletzte Gewebe sehen
istande wäre, die Resorption zu besorgen. Gelegentlich findet man
ich noch die Verwendung der Eisblase, welche die Schmerzen stillen
>11, die aber in den ersten Tagen durch Gefässlähmung nur die Ge-
ebsblutung vermehrt und nicht selten an der schlecht ernährten und
am Trauma geschädigten Hautbedeckung Nekrose verschuldet.
Für den offenen Knochenbruch ist die vorläufige
ersorgung der Wunde die Hauptsache. Die Jodtinkturdesin-
ktion der Umgebung, die Bedeckung mit steriler Gaze genügen da-
r. Eine Reposition der vorstehenden Knochenenden ist nicht statt-
ift, sie ist Sache der endgültigen operativen Wundversorgung. Nach
:r Wundversorgung folgt wie beim gedeckten Bruch der Druckver-
ind mit Feststellung -über die nächsten Gelenke hinaus.
Die endgültige Versorgung des geschlossenen
r u c h e s hat so rasch wie möglich zu erfolgen. Sie beginnt mit der
unauen Reposition der Bruchenden. Dies wird am
ufigsten vergessen, namentlich wenn Zugverbände angelegt wer-
m. Es ist experimentell festgestellt, dass Muskulatur oder sonstige
eichteile, welche zwischen die Bruchenden gekommen sind, Ursache
r Pseudarthrose werden, weil der Kallus nicht durch sie hindurch-
hen kann, solange sie sich erhalten oder infolge der Schädigung bei
r Verletzung in Narbengewebe umwandeln. Werden aber die zwi-
hengelagertcn Weichteile von den Fragmenten zerrieben, so gibt
eine feste knöcherne Vereinigung. Im Tierversuch ist es nicht ge-
ickt, Pseudarthrosen zu erzeugen, wenn man an Frakturen vom
den Tage ab täglich die weit in die Weichteile verschobenen Frag-,
r.tc bewegte, weil hierdurch das zwischengelagerte Gewebe zer-
ben wurde und die Kallusmassen sich finden konnten.
Die Forderung der genauen und baldigen Reposition ist daher
ht nur für die Erzielung einer guten Stellung nötig, wozu ja auch
r verletzte Laie die Einrichtung verlangt, sondern um auch das
ischengelagerte Gewebe völlig zu zerstören, bis die Bruchenden
:h innig berühren, was sich durch Krepitation kundgibt. Dass man
i Brüchen in der Nähe von Nerven (N. radialis, peronaeus, tibialis)
er gar bei Frakturschädigungen an ihnen besonders vorsichtig sein
iss, ist selbstverständlich. Wir sind heute viel besser daran als die
:en Aerzte, die nur nach ihrem Augenmass und Formgefühl einen
lochenbruch einzurichten vermochten, denn wir erkennen am Rönt-
nschirm während der Einrichtung die Einstellung der Bruchenden
s auf feinere Einzelheiten ihrer Verzahnung, und doch waren die
iheien Generationen, wie auch heute noch manche Kurpfuscher,
el genauer und glücklicher bei der Vornahme der Reposition. Ich
iube. man hat sich allmählich zu sehr darauf verlassen, dass der
igverband allein die Richtigstellung zuwege bringt. Das tut er nur
ten. Es ist daher eine gerechte Forderung für die heutige Zeit, dass
jeder frische Knochenbruch am Röntgenschirm
einzurichten oder, wenn das nicht möglich ist, wenigstens am
Tage darauf mit einer Röntgenaufnahme im feststcllenden Verbände
zu kontrollieren ist. Jeder Verletzte hat heute Anspruch darauf, dass
ihm die Erfindung Röntgens zugute kommt. Sehr häufig aber
wird umgekehrt verfahren. Nach ungenügender Reposition wird eine
Aufnahme erst dann gemacht, wenn Fehler der Stellung allzu deutlich
hervortreten oder der Bruch nicht fest wird. Die Unterlassung der
guten Reposition lässt sich aber nur selten damit entschuldigen, dass
dazu Narkose nötig ist; denn oft kommt man mit Morphium, oft mit
einem leichten Aether- oder Chloräthylrausch aus.
Hat man am Röntgenschirm die Fragmente genau verzahnt und
erkannt, in welcher Stellung des Gliedes dies der Fall ist und welche
Zugkräfte dazu nötig sind, so folgt auf Grund dieser Erkenntnis die
Retention, d. h. der Verband zur Erhaltung der Stellung der ver¬
zahnten Fragmente. Aber nicht nur hierauf muss ein richtiger Ver¬
band Rücksicht nehmen, sondern er muss auch der Möglichkeit Rech¬
nung tragen, dass Verschiebungen durch Muskelzug eintreten können.
Am wenigsten ist dies der Fall, wenn die Gliedabschnitte in die soge¬
nannte Ruhestellung der benachbarten Gelenke, meist in halbe Beuge¬
stellung gebracht werden, wodurch ein Gleichgewichtszustand zwi¬
schen dem Tonus der Antagonisten (Zuppinger) erzielt wird.
Zu diesem Zweck müssen die Verbände mit Ueberlegung und sehr
genau angelegt werden, wobei die Erfahrung für die typischen
Brüche besondere Stellungen vorschreibt. Mit Recht ist der a Il¬
se i t i g e Gipsverband fast völlig verlassen, denn er hindert die
Ernährung der Muskulatur und bewirkt durch die absolute Ruhig¬
stellung ihre Atrophie und Versteifungen der Gelenke. Ganz zu ver¬
werfen ist er für Unterarm- und Ellbogengelenkbrüche, namentlich
bei Kindern. Hier droht nicht nur der Brückenkallus, die knöcherne
Verbindung mit dem Nachbarknochen, sondern auch die folgenschwere
ischämische Muskelentzündung. Man verbindet die Feststellung am
besten mit dem Zugverband in irgendeiner Form und nimmt sie
mit Papp- oder Drahtschienen vor, die besser mit Stärkebinden als
mit Gips festgehalten werden, wobei der Erfindungsgabe ein grosser
Spielraum gelassen wird.
Es ist gar nicht nötig, dass der frische Knochenbruch in den
ersten Wochen peinlich genau ruhiggestellt wird. Es genügt, dass
er Dislokationen verhütet, ja für die typischen Radius- und Knöc'nel-
brüche habe ich seit vielen Jahren Verbände nach dem Grundsatz
der beschränkten Feststellung im Gebrauch. Sie heilen damit viel
rascher als im Verband, der jede geringste Bewegung ausschliesst.
Druck, Zug und Reibung geringen Grades an der Frakturstelle, her¬
vorgerufen durch Zuckungen der Muskulatur, die nach den Unter¬
suchungen von E. R e h n nach vorübergehender Erlahmung von der
2. Woche ab in einem erhöhten Erregungszustand sich befinden, bil¬
den sicherlich, ebenso wie Massage und Gelenkbewegungen für den
Kreislauf und die Aufsaugung der Blut- und Zerfallmassen förderlich
sind, eine Anregung für die Regeneration an der Bruchstelle selbst.
Dies kann nur nützlich sein, denn hier sind die Osteoplasten des Pe¬
riostes, Markes und Endostes zugrunde gegangen. Auch die Knochen¬
substanz und das Mark verfallen an den Stumpfenden der Nekrose.
Ueberall müssen hier die knochenbildenden Zellen von den erhaltenen
Teilen der Nachbarschaft durch Wucherung ersetzt werden, bevor
sie dem unmittelbar an der Bruchstelle entstehenden Keimgewebe den
Charkter des knochenbildenden verleihen können.
Die Entdeckung, dass in jedem gebrochenen Knochen innerhalb
der verschiedenen Gefässbezirke eine starke und weitgehende arte¬
rielle Hyperämie einsetzt, die ihren Höhepunkt etwa in der 5. Woche
erreicht und ursächlich wie zeitlich und nach ihrem Grade mit der
Entwicklung des Kallus zusammenhängt, um sich erst mit seiner Kon¬
solidierung zurückzubilden, lässt den Schluss zu, dass auch nach dem
Abklingen des gewaltigen traumatischen Reizes noch andere Reize,
wie die Zerfallstoffe der zugrunde gehenden Blut- und Gewebsmassen
mitwirken und dass geringe traumatische Reize während dieser Vor¬
gänge nicht schädlich, sondern förderlich sind.
Im allgemeinen wird bei schwereren Bruchformen an den Beinen
die Bettruhe bevorzugt; will man Gehverbände machen, so soll
man es erstens nicht früher tun, als bis nach der 2. Woche die Kno¬
chenbruchhyperämie mit der Bildung des Kalluskeimgewebes kräftig
im Gange ist, und soll sie zweitens sehr genau anlegen, damit nicht
durch Verschiebungen die neugebildeten Gefässe an der Bruchstelle
zerreissen und Blutungen das osteogene Keimgewebe schädigen. Aus
demselben Grunde werden die aktiven und passiven Gelenkübungen
an Gliedern, die im Zugverbande liegen, nicht sofort, sondern erst
nach Ablauf der zweiten Woche begonnen. Bei Verdacht auf Throm¬
bose und bei grossen Blutergüssen, die stets mit Thrombosierung
einhergehen, verbietet die Gefahr der Embolie sowohl den Gehver¬
band wie Massage und Bewegungen.
Der Zeitpunkt, wann die feststellenden Verbände fortgclassen
werden können, ist nach alter Regel dann erreicht, wenn die Bruch¬
enden miteinander höchstens noch leicht federnd verbunden sind.
Heute wird man im Röntgenbild sich überzeugen, ob der Kallus eine
zunehmende Kalkablagerung aufweist.
Besondere Sorgfalt erheischen die Brüche mit Kallusschwä-
c h e, bei welchen die Kalkablagerung und Konsolidation mangelhaft
bleiben. Es ist sicher, dass hier Ernährungsschwäche an der Bruch¬
stelle die Schuld trägt. Sie kann allgemeine Gründe haben, ich nenne
nur Marasmus und Atherosklerose, aber auch durch weitgehende
1026
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31
Zerstörung des Markes und seines Qefässsystems und der von den
Weichteilen in der Periost eindringenden Gefässe an dem einen oder
an beiden Stümpfen bedingt sein. Der mangelhaft sich entwickelnden
Hyperämie folgt Kallusschwäche, und nach ihrer Zurückbildung fehlt
die nötige kräftige Ernährungszufuhr zur Vollendung des Kallus. Hier
sind Reizmittel am Platze, worunter die Massage und das Be¬
klopfen der Bruchstelle einen grösseren Wert haben als
Einspritzungen von Blut oder chemischen Stoffen. Denn diese
erzeugen viel eher bindegewebige Schwielen als knöchernen Kallus;
nur die von Eden nach Erforschung der chemischen Vorgänge im
Kallus versuchten Einspritzungen von Kalziumglyzerinphosphat be¬
fördern tatsächlich die Verknöcherung. Den stärksten Reiz bildet
eine neue Fraktur, wie man sie bei schlechter Stellung vornehmen
muss; ihr folgt mit der neu und wohl kräftiger einsetzenden Bruch¬
hyperämie in der Regel auch rasch verknöchernder Kallus.
Dagegen ist nach neueren Untersuchungen die alte Ansicht zu
bekämpfen, dass man Brüche mit weichbleibendem Kallus funktionell
durch Gebrauch des Gliedes mit oder ohne Verbände in Anspruch
nehmen soll; denn weicher Kallus erfährt häufig, namentlich durch
ständige geringe Knickung oder Rotation, an der Stelle der grössten
mechanischen Inanspruchnahme feine Zerreissungen, und dadurch,
dass in den entstandenen Spalt das Bindegewebe der Umgebung cin-
wächst, können Pseudarthrosen entstehen.
Ich verlange daher bei Brüchen mit Kallusschwäche
absolute Ruhigstellung. Durch sie ist es nicht nur möglich,
allmählich eine völlige Konsolidierung des weichen Kallus zu er¬
zielen, sondern sogar atrophische Knochentransplantate, die einen
Knochendefekt überbrücken, zum festen lebenden Umbau zu bringen.
Wird der Verband zum Abnehmen eingerichtet, so kann man noch
durch Massage einwirken, wobei das Glied in der einen Schale des
Verbandes zur Ruhigstellung der Bruchstelle liegen bleibt.
Während früher für den frischen Knochenbruch die genaue Ruhig¬
stellung, für die verzögerte Kallusfestigung die funktionelle Bean¬
spruchung gefordert wurde, ist nach Erweiterung unserer Kenntnisse,
die zur Heilung des Bruches und zur Pseudarthrose führen, gerade
das umgekehrte Verfahren am Platze.
Die endgültige Wundversorgung eines offenen
Knochenbruches beginnt natürlich mit der Wunde. Vorstehende
Knochenenden sind zu entfernen, ebenso gequetschte Hautränder,
Muskel- und Faszienfetzen. Ist die Wunde stark verunreinigt, so
wird Wasserstoffsuperoxyd aufgeträufelt, wodurch lockersitzende
Schmutzteilchen entfernt werden. Das Abtasten der Wunde, das
Sondieren, das Ausspritzen mit chemischen Mitteln ist untersagt;
man verbreitet damit mechanisch die Infektion der Wundoberfläche
in die Tiefe. Grosse Verletzungswunden müssen zur kapillären Drai¬
nage für ein bis höchstens zwei Tage locker mit Gaze, darauf mit
Drainröhren versehen werden, kleine Wunden bei Durchstichsfrak¬
turen werden durch frisch bereitete Jodoformgaze, die nur aufgelegt
wird und sich an der Wundoberfläche festsaugt, wie v. Bergmann
sagte, in subkutane verwandelt. Die primäre Naht der gewöhnlichen
Frakturwunden ist ein schwerer Fehler, der sich durch Phlegmonen
oder Tetanus rächen kann. Nur die scharfe Wunde, wie nach einem
Beil-, Säbel- oder Sensenhieb, erlaubt eine weitangelegte Naht über
der Frakturstelle.
Der Wundversorgung folgt die Einrichtung des Bruches, doch ist
dabei zu berücksichtigen, dass zu starke Bewegungen an den Frag¬
menten die Wundverhältnisse verschlechtern können. Glückt es nicht
leicht, die Bruchenden durch Zug und Stellungskorrektur aneinander
zu bringen, so ist es bei nicht mehr frischen Brüchen und bei Entzün¬
dungserscheinungen richtiger, zu warten, bis die Wunde gut granu¬
liert und die Zeit der drohenden Phlegmone Überstunden ist. Dass bei
offenen Brüchen häufiger mit Kallusschwäche zu kämpfen ist, hat
seinen Grund nicht darin, dass der Bluterguss sich entleeren kann,
wie viele glauben, sondern darin, dass grössere Schädigungen der
umgebenden Weichteile vorliegen und meist die von ihnen zum
Periost ziehenden Gefässe weitgehend zerrissen sind. Dies ist nament¬
lich der Fall, wenn der Knochenbruch durch Ueberfahren oder durch
den Transmissionsriemen einer Maschine zustande kam, und nach
solchen Verletzungen auch beim geschlossenen Bruch.
Innerhalb der Verletzungswunde einen Knochenbruch operativ
zu vereinigen, ist wegen der Verbreitung der Infektion als grosser
Fehler anzusehen; nur die Verzahnung der Enden lässt sich ohne Ge¬
fahr vornehmen, wenn sie eine grössere Freilegung nicht benötigt.
Es ist noch die Frage wichtig, wann Knochenbrüche
operativ vereinigt werden sollen. Selbstverständlich ist die
Operation für alle in schlechter Stellung geheilten Brüche vorzuneh¬
men. Aber diese Indikation sollte allmählich vollständig fortfallen
oder wenigstens auf nichtärztlich behandelte Brüche beschränkt sein,
denn sie würde ein Armutszeugnis für die Aerzte darstellen. Es gibt
bestimmte Bruchformen, die wir stets operieren. Das ist der Bruch
der Kniescheibe, das sind die Abrissfrakturen von Trochanter, Olekra¬
non, Kalkaneus, also Brüche, bei denen der Muskelzug eine Diastase
macht. Es gibt auch Brüche, welche der Reposition Schwierigkeiten
bieten, namentlich durch Verzahnung ihrer Enden, mehrfache Brüche
an den Knochen und alle diejenigen Frakturen, bei welchen es sich
nach den zwei ersten Wochen zeigt, dass die Zugverbandbehandlung
gegenüber den die Bruchenden verschiebenden Muskeln versagt, so
z. B. bei sehr kräftigen Männern am Oberschenkel, bei denen aus
irgendeinem Grunde das häufig noch zum Ziel führende Stein-
mannsche Verfahren der Nagelextension, besonders mit der sehi
einfachen Schmerz sehen Klammer, nicht durchzuführen ist. Di»
Bestimmung der besten Zeit für die Vornahme der blutigen Ein
richtung und der Vereinigung richtet sich nach den Vorgängen an
Knochenbruch. Bei stark entwickelter Bruchhyperämie in der 4. bi:
5. Woche sind die knochenbildenden Kräfte in regster Tätigkeit um
sind die Gewebsnekrosen überwunden. Dies halte ich für die besti
Zeit ; als frühester Zeitpunkt ist die 2. Woche anzusehen
Vorher zu operieren, würde die Entwicklung der Bruchhyperämit
aufhalten und schädigen. Tatsächlich sieht man bei den in der erstei
Woche operierten Brüchen sehr häufig Kallusschwäche und soga
Pseudarthrosen. Gleich nach der Verletzung ist die Operation eil
Kunstfehler, auch bei gedeckten Knochenbrüchen, denn sie geschieh
in einem vom Trauma geschädigten Gewebsgebiet und stört die nor
malen, zur Regeneration einsetzenden Vorgänge, ganz abgesehen voi
der grossen Empfänglichkeit des blutdurchsetzten, zum Teil nekro
tischen und schlecht ernährten Gewebes für Infektionen aller Art.
Bücheranzeigen und Referate.
Untersuchungen über den Kunstgesang. I. Atem- und Kehlkopf
bewegungen von Dr. Max Nadoleczny, Privatdozent an de
Universität München. Berlin, Julius Springer, 1923.
Mit seinen Untersuchungen über den Kunstgesang, von welche!
der I. Teil: Atem- und Kehlkopfbewegungen erschienen ist, ha
Nadoleczny ein wahrhaft grundlegendes Werk geschaffen. Auf
gebaut auf ein grosses eigenes Untersuchungsmaterial von 136 Sia
gern bezw. Sängerinnen, gestützt auf exakte Methoden der experi
mentellen Phonetik und in enger Fühlungnahme mit den Methode;
und Ergebnissen der experimentellen Psychologie und mit kritischer
Geiste gesichtet, behandelt diese Arbeit — weit über das gesteckt
Ziel der Erforschung der Atem- und Kehlkopfbewegungen beir
Singen hinaus — die wichtigsten Fragen des Kunstgesangs um
schafft eine wirklich brauchbare Grundlage zur Erkennung de
physiologisch Normalen einerseits und des phonetisch Fehlerhafte
und damit der Ursachen der Phonasthenie andererseits.
Im I. und II. Abschnitt bespricht N. die Untersuchungsapparat
und die Untersuchungsmethodik, wobei er aus reicher Erfahrung be
sonders auch die den Apparaten und der Versuchsanordnung ar
haftenden Fehlerquellen eingehend bespricht und u. a. auch di
Eigenschwingungen und das Trägheitsmoment des Laryngographe
und Atemyolumschreibers berücksichtigt.
Der III. Abschnitt ist den Versuchspersonen, ihrem Vorstellungs
typus und ihren Singstimmen gewidmet. Nach allgemeiner Charak
terisierung der Versuchsperson, wobei hinsichtlich der gesangliche
Leistung nicht das ästhetisch Vollkommene allein als normal au)
zufassen ist, geht Verf. auf den organischen Befund der oberen Lufi
wege ein, wobei der Prozentsatz der von der Norm abweichende
Befunde bei den verschiedenen Stimmgattungen ziemlich gleic
gross ist und als nicht störender Zufallsbefund eine warzen ähnlich
Verdickung im vorderen Drittel einer Stimmlippe bei einer hoc!
dramatischen Sopransängerin und eine rechtsseitige Rekurrem
lähmung bei einem Bariton beiläufig erwähnt wird. Besonders eir
gehend wird der Vorstellungstyp besprochen, zu dessen Feststellun
ein Teil der Fragen aus Baerwalds Umfrage benutzt wurdei
Aus den Ergebnissen sei hervorgehoben, dass beim Sänger unt<
dem Einfluss der musikalischen Schulung und Betätigung ein Voi
stellungstyp sich entwickelt, bei dem die motorische Komponenf
eine sehr grosse Rolle neben der akustischen spielt. Das drücl
sich aus in dem häufigen Vorkommen: des inneren Singens bl
66 Proz. der Fälle, der musikalischen Mitbewegungen bei 86 Proj
und der Erinnerungsverklärung bei 42 Proz. der Fälle. Die Häufbj
keit begleitenden oder alleinigen inneren Hörens erreichte 80 Prozi
wogegen visuelle Vorstellungen (20 Proz.) zurücktreten und ilitj
Bedeutung für einen Teil der Sänger in Form der Notenbilder bei«
Rollenstudium haben. Auf Grund reicher Literaturkenntnis unj
eigener Beobachtungen entwirft N. ein anschauliches Bild unsere!
Wissens über die physiologischen und künstlerischen Grenzen difl
menschlichen Stimme, deren Umfang unter Einrechnung abnorj
hoher und tiefer Töne eine Strecke von 6Va Oktaven umfasst, urj
beleuchtet unter historischen Gesichtspunkten die schwierigen Pr<|
blemc der Registerfrage, die er durch scharfe Trennung der akustisclij
analytischen und mechanisch-synthetischen Betrachtungsweise eiml
weiteren Klärung entgegenführt. Er gelangt schliesslich zu ein«
Definition, welche sich an die klassische Definition Manuel Garcial
anlehnt und diese weiter ausbaut: „Unter Register verstehen wj
eine Reihe von aufeinanderfolgenden gleichartigen Stimmklänge i
die das musikalisch geübte Ohr von einer anderen sich daran ai|
schliessenden Reihe ebenfalls unter sich gleichartiger Klänge an b i
stimmten Stellen abgrenzen kann. Ihr gleichartiger Klang ist dur<|
ein bestimmtes konstantes Verhalten der Obertöne bedingt. Diesil
Tonreihen entsprechen an Kopf, Hals und Brust bestimmte, Objekt I
und subjektiv wahrnehmbare Vibrationsbezirke. Die Stellung |d<j
Kehlkopfs ändert sich beim Uebergang einer solchen Tonreihe r i
andern beim Natursänger stärker als beim Kunstsänger. Die RI
gistcr sind hervorgerufen durch einen bestimmten, ihnen zugehörig^
Mechanismus der Tonerzeugung (Stimmlippenschwingung, Stimi
ritzenform, Luftverbrauch), der jedoch einen allmählichen Uebergai
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIET.
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in einem ins angrenzende Register zulässt. Eine Anzahl dieser
länge kann jeweils in zwei angrenzenden Registern, aber nicht
imer in gleicher Stärke hervorgebracht werden. Zum Sprechen
der Umgangssprache können alle 3 Register dienen, jedoch darf
an die Verwendung der Bruststimme und etwa noch der Mittei¬
mme dabei als normal ansehen.“
Mit dem 4. Abschnitt über „das innere Singen“ geht der Verffl auf
s Hauptgebiet seiner experimentalphonetischen Untersuchungen
er und führt den Leser zunächst in die Probleme dieses schwicri-
n Gebietes ein, indem er u. a. die von psychologischer Seite schon
igehend studierten Beziehungen von Atmung und Puls zu seelischen
Standsveränderungen auf Sinnesreize insbesondere akustischer
t. bei intellektueller und sinnlicher Aufmerksamkeit etc. skizziert,
ährend hierüber schon eine reiche Literatur namentlich von seiten
r W u n d t sehen Schule besteht, sind die Kehlkopfbewegungen
ter gleichen Bedingungen bis jetzt noch nicht experimentell unter-
cht worden. Nur subjektive Beobachtungen liegen von
■. ricker, Stumpf, Baerwald, Burkofzer u. a. vor.
adoleczny hat nun an seinen VP. den Einfluss des Anhörens
>n Tönen (Stimmgabel A, a, al bzw. a, a1, a2), die im Bereiche der
agstimmc der VP. lagen, auf Atembewegungen mittels der Gutz-
ann sehen Gürtelpneumographen und Kehlkopfbewegungen mit
m Zwaardemaker sehen La.ryngographen festgestellt und
terscheidet 3 Gruppen, von welchen die erste keinen Einfluss, die
/eite nur Aeusserungen von Aufmerksamkeit und Lustgefühlen
igte, bei der dritten inneres Mitsingen mehr oder weniger deut-
h in den Atemkurven zum Ausdruck kam in Dauer, Höhe, mittlerer
pschwindigkeit, respiratorischem Quotienten und Verhältnis von
ust- zur Bauchatmung. Dieser Gruppe gehörten überwiegend die
itorischen Sinnestypen an. Weniger häufig, und nicht nur bei der
itten Gruppe vorkommend zeigten sich die Kehlkopfbewegungen,
;lche im Gegensatz zu den gleichmässigen, die Atmung konkomi-
renden Kehlkopfbewegungen durch ruckartige Einstellbewegungen
er gänzlichen Stillstand ausgezeichnet waren. Am deutlichsten
iren die Atem- und Kehlkopfaussyhläge bei ganz tiefen und ganz
hen Tönen, am geringsten bei mittleren Tönen. Sehr viel häufiger
d der wirklichen Einatmung näherkommend sind die Veränderungen
r Atem- und Kehlkopfbewegungen beim Vorstellen von Ge¬
igstönen (Verlängerung und Verlangsamung der Ausatmung, Ver-
rzung und Beschleunigung der Einatmung, Stütz- und Einstell¬
wegungen besonders beim Vorstellen hoher Töne, Einstellbewe-
ngen des Kehlkopfs, ja sogar unwillkürliche Trillerbewegungen
sselben), und es kommt hier nicht allein der aktuelle Vorstellungs-
)us in Betracht, sondern es wird durch die motorische Aufgabe
5 inneren Singens auch bei nichtmotorisch Veranlagten der poten-
II motorische Teil ihres Vorstellens angeregt, es bildet sich ein
brauchstypus heraus.
Den Bewegungen der Atmung und des Kehlkopfes beim Singen
nfacher Töne ist der V. Abschnitt gewidmet, der zeigt, dass
m Summen und Singen von einfachen Tönen ein Singatemtypus
tritt, der gegenüber dem schon beim Vorstellen von Tönen be¬
achteten nur eine graduelle Steigerung bedeutet. Auf Einzelheiten,
besondere auch auf die interessanten bei Schwclltönen beobachte-
Atemvolumverhältnisse kann it\ einem kurzen Referate nicht ein¬
sangen werden.
Vom Einfachen zum Komplizierteren fortschreitend geht N. im
Abschnitt zur Schilderung der Verhältnisse bei Tonleitern und
nfolgen in kleinen und grossen Intervallen über. Sehr wertvoll
vohl für den Stimmphysiologen als auch den Stimmpädagogen ist
diesen Abschnitt einleitende Darstellung der historischen Ent¬
ölung dieser Fragen, wobei besonders die Probleme des Stützens
1 Deekens berücksichtigt werden. Aus der Fülle der eigenen Unter¬
hungen und ihrer Ergebnisse, die sich einem kurzen Referat nicht
en. sei hervorgehoben, dass N. hauptsächlich 3 Singatemtypen
erscheidet, die kostoabdominale Tiefatmung als häufigste Form,
in die mehr kostale Atmung und jene Form, welche bei aufsteigen-
i Tonfolgen mehr abdominal, bei absteigenden mehr kostal atmet,
bei die erstgenannte Form als die zum Singen am besten geeignete,
| zweitgenannte als am wenigsten zweckmässig erscheint. Ein
chen gutgcschulter Singatmung sind gleichmässig absteigende,
ht allzusteile Atemkurven, denen eine nicht übertriebene tiefe
iatmung vorausgeht. Stützbewegungen und kleine Richtungsände-
[gen an Registerübergängen können in massigen Grenzen als nör¬
gelten; wo sie übertrieben werden, dürften sie zu den Merkmalen
ler schlechten Singatmung gehören. Der Kehlkopf steigt und sinkt
den meisten Sängern, namentlich den weiblichen, mit der Ton-
ie in kleinen, den einzelnen Tönen entsprechenden Stufen, beim
|istsänger aber kann die Kehlkopfbewegung auch der Tonhöhen¬
te entgegengesetzt verlaufen. Diese Umkehrung der Kehlkopf-
vegung ist verbunden mit sog. gedeckter Singweise. Sie kommt
onders bei tiefen Stimmen vor und ist abhängig von der Tiefe der
atmung, der Klangfarbe und Stimmstärke. Je besser geschult
ls Stimme ist, desto kleiner sind im allgemeinen die Kehlkopf-
Legungen, namentlich beim Aufwärtssingen, während die Einstell-
vegung nach abwärts vor dem Singen beträchtlich sein kann.
-h die Registerübergängc machen sich in der laryngographischen
ve bemerkbar, doch ist der Registersprung um so grösser, je
iiger geschult die Stimme ist. Phonetisch nachweisbar ist er aber
h bei geschulten Stimmen, die sein Hörbarwerden durch Register-
gleich vermeiden.
Der VII. Abschnitt beschäftigt sich mit den Atembewegungen
beim Singen musikalischer Phrasen, worüber bis jetzt nur eine sehr
kleine Literatur vorliegt (Biaggi), während eine Registrierung der
Kehlkopfbewegungen wegen der störenden Einwirkung der Artiku¬
lationsbewegungen hier nicht möglich war. Von besonderem Inter¬
esse, insbesondere durch seine Beziehungen zu den Gesetzen fort¬
laufender gebundener Bewegungen und der Rhythmisierung sind die
Ausführungen im VIII. Abschnitt über den Triller, der „seine Ent¬
stehung einer fortlaufenden, durch Rückstoss gebundenen Schüttel¬
bewegung des Kehlkopfs während der Stimmgebung nach oben vor
und unten rückwärts verdankt, die teils durch willkürliche Impulse,
teils unwillkürlich, vielleicht mit dem Puls rhythmisiert wird“.
So haben wir in diesem Buche den Niederschlag einer 15 jährigen
Erfahrung und Forschung auf einem Gebiete vor uns, das in so um¬
fassender Weise und auf so breiter Basis noch nicht bearbeitet worden
ist. Obgleich zwei wichtige Forschungsmethoden, die Röntgendia¬
gnostik und die Klanganalyse nicht herangezogen worden sind, so
ist gerade die kritisch-exakte Verwertung und Ausschöpfung der
angewendeten Methoden der Pneumographie und Laryngographie
ein Vorzug des Buches, das eine ausgezeichnete Grundlage für die
Pathologie der Singstimme einerseits und für die Kunstlehre auch in
normativer Hinsicht andrerseits darstellt und dem Physiologen und
Stimmarzte ebensoviel bietet wie dem Gesangspädagogen und Kunst¬
ästhetiker. Privatdozent Dr. R. Schilling- Freiburg i/B.
Ferd. Hochstetter: Beiträge zur Entwicklungsgeschichte
des menschlichen Gehirns. II. Teil, 1. Lieferung: Die Entwick¬
lungsgeschichte der Zirbeldrüse. Grossquart. 45 S„
4 Tafeln, 6 Textabbildungen. Wien und Leipzig, D e u t i c k e.
Grpr. 10 M.
Es ist sehr begrüssen, dass Hochstetter mit dieser Lieferung
die Serie seiner „Beiträge“ fortsetzt, zu deren Abfassung ihm sein
bekanntes aussergewöhnlich gutes und reiches Material an mensch¬
lichen Embryonen zur Verfügung steht. Infolge Ergänzung seiner
Serien durch Sagittalserien gelang es ihm, die Zirbeldrüse bis auf
sehr frühe Stadien zurückzuführen und zu zeigen, dass dieselbe ent¬
gegen den Angaben von Krabbe einheitlich ist und nur zu ver¬
schiedenen Zeiten an verschiedenen Stellen des Anlagefeldes zur
Bildung von Zirbelgewebe schreitet. Durch vergleichende Unter¬
suchungen an verschiedenen Säugern (Igel, Fledermäuse, Maulwurf,
Katze, Nager, Wiederkäuer), auf die hier nicht im einzelnen ein¬
gegangen werden kann, werden die Besonderheiten der menschlichen
Entwicklungsvorgänge deutlicher herausgearbeitet. Bei allen Säu¬
gern, die unter sich in der weiteren Entwicklung sehr verschiedene
Verhältnisse darbieten, ist eine bestimmte „Zirbelplatte“ am Zwischen¬
hirndach als Anlagefeld aufzufinden. Die Abbildungen nach Modellen
und Mikrophotogramme nach Schnitten sind von bekannter Güte,
die Reproduktion und Ausstattung des Werkes ausgezeichnet.
v. Möll-endprff - Hamburg.
G. Klemperer: Grundriss der klinischen Diagnostik. 23., neu¬
bearbeitete Auflage. Mit 118 Textabbildungen. Berlin 1923. August
Hirschwald. 313 S. Grdpr.: 7.50 M.
Der 22. Auflage folgt in Jahresfrist bereits die 23., ein Zeichen
für die grosse Verbreitung und Beliebtheit des Buches. Ein Vergleich
mit der vorigen Auflage ergibt, dass tatsächlich die wesentlichen und
gesicherten Neuerwerbungen der Diagnostik berücksichtigt worden
sind; insbesondere gilt das von den Leberkrankheiten, bei denen auch
die neueren Funktionsprüfungen dargestellt werden, und von dem
Kapitel der Röntgendiagnostik, in dem eine Reihe neuer guter Ab¬
bildungen — zum Teil an Stelle weniger instruktiver Bilder der
vorigen Aiiflage — gebracht wird. Auch das Kapitel der tierischen
und pflanzlichen Parasiten hat textliche und illustrative Bereicherung
erfahren. Für die nächste Auflage möchte sich Ref. einige Abbil¬
dungen der Kapillaren (nach 0. Müller-Weiss) sowie einige
Beispiele der Enzephalographie (A. Bingel) wünschen.
Curschmann - Rostock.
Otto Seifert: Die Nebenwirkungen der modernen Arzneimittel.
Leipzig, Kurt Kabitzsch. 2. Auflage. 427 Seiten. Grdpr. 10 M.
Vor mehr als 40 Jahren erschien zum ersten Male das Buch von
L. Le win, das die Nebenwirkungen der Arzneimittel in besonderer
Darstellung behandelt. Als Motto war ihm das Wort O v i d s voraus¬
gestellt: „Nil prodest, quod non laedere possit idem“. Es hat in
der Praxis grossen Nutzen gestiftet, der gerade der Anwendung
unserer wichtigsten Arzneimittel zugute kam .ln ähnlicher Weise
hat das vorliegende Buch seine Wirksamkeit entfaltet. Es umfasst
zwar nur die „modernen Arzneimittel“; aber der Begriff „modern“
ist ziemlich weit gefasst, indem z. B. auch das schon seit 40 Jahren
eingeführte Antipyrin dazu gerechnet ist. Der Stoff war in der ersten
Auflage nach therapeutischen Grundsätzen in 15 Gruppen eingeteilt.
In der vorliegenden hat Verfasser ungefähr 900 Mittel in alpiia-
betischer Reihenfolge angeordnet. Bei allen findet sich die Zu¬
sammensetzung, die therapeutische Verwendung und die Anwendungs¬
weise kurz angegeben. Ausführlich sind dann, wenn solche be¬
obachtet wurden, die Nebenwirkungen aufgezählt und die Angaben
mit zahlreichen Zitaten belegt. Die Literaturangaben geben dem Buch
einen grossen Wert für den Forscher. Der Praktiker, dem das
Schrifttum, besonders heutzutage, nicht so leicht zu Gebote steht,
ist dagegen oft nicht imstande, aus den kurzen Bemerkungen zu
schliessen, wieweit die Nebenwirkungen wirklich dem Mittel zuzu-
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MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
schreiben sind, oder ob sie nicht im einzelnen Fall auf die Krankheit,
unzweckmässige Anwendung, zu hohe Dosierung, Fälschung es
Präparates zurückzuführen sind. Nicht befreunden kann ich mich
damit dass neben den chemisch reinen und wohlcharakterisierten
Arzneikörpern zahlreiche Gemische mit geschütztem Namen, Spezi¬
alitäten und Rezepte in einer Linie aufgeführt werden. Sie sollten
schon durch den Druck als das, was sie sind, charakterisiert wer¬
den Dazu kommt, dass von diesen vielfach nur die therapeutischen,
aber keine Neben Wirkungen erwähnt werden, einfach wohl des¬
halb, weil noch keine Nachteile von ihnen veröffentlicht worden sind.
Dadurch entsteht kein ganz richtiges Bild, ja der weniger Einge¬
weihte könnte manchmal meinen, das Gemisch könnte weniger
Nebenwirkungen haben als seine wirksamen Bestandteile. Man muss
deshalb dem Arzt, der das Buch benutzt, den Rat geben, sich genau
über die in den Präparaten enthaltenen Stoffe und deren, leider häu¬
fig nicht angegebene, Dosis zu informieren und darnach die Mög¬
lichkeit von schädlichen Wirkungen abzuschätzen. Sehr angenenm
für den Praktiker ist die Zusammenstellung der Namen der Her¬
steller aller in dem Buche enthaltenen Arzneimittel. Zusammen¬
fassend lässt sich sagen, dass jeder, der das Nachschlagebuch sorg¬
fältig benutzt, wesentliche Hilfe für die Beurteilung der Arz.iei-
wirkungen daraus schöpfen wird. Penzoldt.
Martin Pappenhei in: Die Lumbalpunktion. \\ ien, Leipzig,
München, Rikolaverlag, 1922. 184 Seiten.
Nach einem einleitenden Kapitel, in dem die wesentlichen ana¬
tomischen und physiologischen Voraussetzungen behandelt werden,
folgt ein Abschnitt über die Technik der Lumbalpunktion. Hieran
reiht sich die gesamte Liquordiagnostik unter Berücksichtigung auch
der neuesten Erfahrungen. Die Untersuchungsmethoden werden meist
in eingehender Weise dargestellt, und jeweils wird die klinische
Nutzanwendung der Besprechung des Technischen angeschlosscn. L ic
diagnostische und prognostische Bedeutung der Lumbalpunktion er-
fährt am Ende noch eine zusammenfassende Besprechung. Den
Schluss bildet ein Kapitel über die Therapie mittels der Lumbal¬
punktion. ^ ,
Man merkt der Darstellung die intensive Beschäftigung des
Autors mit dem Gegenstand an, was in einer durchaus sachver¬
ständigen und an eigener Erfahrung reichen Beurteilung der z. I .
ja noch recht strittigen Probleme der Liquordiagnose vorteilhaft
hervortritt. Ueberall wird auf ein wirkliches Verständnis der Grund¬
lagen Wert gelegt, und das Physiologische wird eingehender als sonst
üblich gewürdigt. Besonders gediegen und erschöpfend wird die
Druckmessung nebst ihren theoretischen Grundlagen besprochen.
F. Plaut.
A. Juckenack: Unsere Lebensmittel vom Standpunkt der
Vitaminforschung. Heft 4 aus der Sammlung ,,Die Volksernährung .
Julius Springer, Berlin 1923. 49 Seiten. Grundpreis: M. 0.80.
Vom Verf. ist die Frage aufgeworfen: „Wird voraussichtlich die
weitere Erforschung der physiologischen Bedeutung der Vitamine die
bisherige Herstellung, Zubereitung und Beurteilung der Lebensmittel
wesentlich beeinflussen? Obwohl wir noch keineswegs über die Er¬
gänzungsstoffe genügend unterrichtet sind, ist die Frage nach den ein-
gehenden Ausführungen Juckenacks unbedingt zu bejahen. Das
reichhaltige Material, was er zur Begründung seiner Auffassung bei¬
bringt muss jedem, der sich mit dem Verkehr und der Herstellung der
Nahrungsmittel befasst, vor allem aber dem Nahrungsmittelchemiker
eine Richtschnur sein, nach der er nunmehr sein Urteil über den Wert
der Nahrungsmittel einzurichten hat. Um nur eines zu nennen: Wäh¬
rend bisher die Margarine der Butter — abgesehen vom Geschmack —
in ernährungsphysiologischer Beziehung als durchaus gleichwertig an¬
gesehen werden konnte, ist dies nach den Erfahrungen über den Vita¬
mingehalt beider Fettträger nicht mehr der Fall, da z. B. Margarine
aus Kokosfett überhaupt keine Ergänzungsstoffe enthält, während sie
in der Butter reichlich vorhanden sind. Was hier für den einen Fall
angedeutet ist, trifft in einer grossen Reihe anderer Nahrungsmittel
ebenfalls zu. Verf. hat nun alles das, was man aus den gebräuch¬
lichen Nahrungsmitteln, wie z. B. Milch, Eier, Fetten, Käse, Fleisch,
Lebertran, Gemüsen, Kartoffeln, Hülsenfrüchten, Getreide, Obst,
Fruchtsäften, Honig, alkoholischen Getränken etc., in bezug auf Vita¬
mine weiss, in sehr verständlicher und anschaulicher Form zusammen¬
gestellt und damit einen trefflichen Ueberblick über das Problem der
Vitamine für die menschliche Ernährung gegeben. Die Schrift ist be¬
rufen, den Gedankengang über die Beurteilung und den Wert der
Nahrungsmittel umzustellen und der bisherigen Auffassung ein anderes
Gesicht zu geben. Daher ist ihre Weiterverbreitung und ihr Studium
sehr zu empfehlen und zu wünschen.
R. 0. Neumann - Hamburg.
Fr. H. v. Tappeiner: Taschenbuch der allgemeinen Chirurgie.
— Dr. Werner Klinkhardts Kolleghefte. Heft 10. — Leipzig
1922. 203 S.
Das vorliegende Heft will und kann zwar den gewaltigen Stoff
nicht erschöpfen, bringt aber doch fast durchweg alles Wesentliche
in klarer Sprache. Auch Geschichte der Chirurgie, Verbandlehre,
Nachbehandlung nach Operationen sind berücksichtigt. Bilder der chi¬
rurgischen Technik, chirurgisch Kranker, der Röntgenbefunde finden
sich eingestreut. Freilich ist bei letzteren der Druck mehrfach nicht
recht gelungen. Zu ergänzenden Eintragungen ist neben dem 1 ext
breiter Rand freigelassen und sind leere Schreibblätter angefügt. —
Das Buch vermeidet die in manchen Leitfäden usw. übliche trockene
Aufzählung, ist vielmehr anregend geschrieben und kann empfohlen
werden Georg Schmidt- München.
Franz Müller: Hilfsbüchlein für wissenschaftlich technische
Hilfskräfte. Leipzig 1923, bei G. T h i e m e. Kleinoktav.
Der Herausgeber beabsichtigt, eine Serie von Hufsbuchern
herauszugeben, die den technischen Hilfskräften zur Unterstützt!®
bei der Ausbildung und zur Beratung bei ihrer Tätigkeit in Lao Ora¬
torien, Apotheken, Drogerien usw. dienen sollen. Entsprechend der
Vorbildung sollen die Bücher sehr leicht fasslich sein. Es sind gleicnl
zeitig vier Bändchen erschienen: Mikroskopische Untersuchung^.
methoden von Elise W o 1 f f. Bakteriologische und serologisclfl
Technik von Ida P i o r k o w s k i, Medizinisch-chemische urm mikro¬
skopische Technik von Franz Müller und Fritz Sachs, Die wicn-
tigsten Chemikalien und Drogen von Artur S c h 1 o k o w. U3d. 1.
249 Seiten. Grundzahl 2.70 M. ungeb., Bd. II, 210 Seiten, 2.40 JV1.J
Bd. III, 113 Seiten, 1.35 M„ Bd. IV. 95 Seiten, 1,05 M.) Die gut zu¬
sammengestellten Bändchen bieten sehr viel und erfüllen nicht bloss
ihren Zweck bei den technischen Hilfskräften, sondern können, ohne
weiteres auch Aerzten empfohlen werden. Kersch enstein er
,|. Häring: Leitfaden der Krankenpflege in Frage und Ant
wort. 4., vermehrte und verbesserte Aufl. Berlin, 1923. J. Sprin¬
ger. 152 S. 8". Grdpr.: 1.80 M. .... , , a
Die neue Auflage des sehr brauchbaren Leitfadens, der besonder:
zur Vorbereitung zum Examen empfohlen werden kann und aucl
Krankenpflegelehr ern und Examinatoren sehr gute Dienste leistet, ist
zeitgemäss ausgestaltet worden. Neu zugefügt ist der Abschnitt ubei
Pflege der Geisteskranken, verbessert der über Säuglingspflege.
Kerschensteine r.
Zeitschriften- Uebersicht.
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 178. Bd., 3. — 4. Heft.
O. Sch reu der: Kann die Erkrankung des Os metatarsale II voi
Alban Köhler die Folge eines chronischen Traumas sein? (Aus der cmi
Universitätsklinik Leiden. Prof. Z a a i j e r.) , , .. .
Unter Beschreibung von 3 eigenen Fällen sucht sich der Verf. zunachs
Klarheit darüber zu verschaffen, was die Aetiologie und p“,h°gen,e*e..“j:
Leidens ist. Auffallend ist, dass unter den beschriebenen 24 Fallen 15 Mad
chen von 10 — 21 Jahren waren. Durch einen Spreizfuss, durch das 1 rage,
hoher Absätze und andere statische Einflüsse wird eine Hyperfunktion de
prominenten II. Metatarsale gefordert, die über seine Kräfte geht, Ver
schlimmerung durch vieles Gehen und Stehen. Durch ein chronisches Trauin,
und eine chronische Kontusion getroffen sinkt das Capitulum schliesslich en
Aus diesem Ideengange erklären sich zwanglos alle Erscheinungen des k.®i
dens, besonders auch das Betroffensein und die Nekrotisierung der zarte
Spongiosa im Gegensatz zum elastischen Knorpel und der Kortikalis. Aue
die Verschiebung der subchondralen Knochenschicht, die Umkippung de
Capitulum nach der fibularen Seite, die breite üelenkspalte, die Verdickun
des Metatarsus erklären sich zwanglos als Sekundärerscheinungen. Ein ZU
sammenhang mit der Perthes sehen, Osgood-Schlatter sehen un
Köhler sehen Erkrankung wird abgelehnt. Ruhe und zweckmassige
Schuhwerk sind die beste Therapie.
A. W. M e 1 n i k o f f: Zur chirurgischen Anatomie der Gefasse der narei
chymatösen Organe. (Aus dem Institut für operative Chirurgie und chirurt
Anatomie an der Militärmediz. Akademie in St. Petersburg.) .
Eine genaue Kenntnis der gefässlosen Felder parenchymatöser Organ
ist zur Anwendung rationeller Schnittführung unbedingt erwünscht. E»
symmetrisch gelegenen Organen (Lunge und Leber) wird sowohl ein extr:
organer wie intraorganer Teilungstyp getroffen. Beim extrapulmonalen uni
extrarenalen Teilungstyp der Hauptgefässe gehen die Aeste 1 Ordnum
ausserhalb des Organs ab, beim intraorganen Typ liegt die Teilungsstelll
im Organ selbst, die Aeste sind kürzer wie beim 1. Typ. Bei den asymmetr:
sehen Organen teilt sich das Hauptgefäss extraorgan, der Gefässstil ist TO
breiter. Der extraorgane Typ ist für chirurgische Eingriffe der vorteilhafter
Praktisch wichtig ist der Abschnitt über gefässlose Felder. Abgesehen vc ,
kleinen Feldern von 1—2 cm Grösse kommen grössere gefässlose Feldu
vor, die sich über das ganze Organ oder über grosse Teile desselben el
strecken. Am meisten entwickelt sind diese Felder in Milz und Niere. M
der Lunge sind die Felder im Bereich des unteren Lungenlappens am beste
ausgesprochen. Ein Abschnitt liegt in querer Richtung an der Greni'
zwischen oberem und mittlerem Drittel des Lappens, ein zweiter Abschflll
verläuft vertikal zum Hilus, indem er den auf der Grenze zwischen mittlere!
und letzten Drittel der Lappenzirkumferenz befindlichen Teil der Rippe
Oberfläche einnimmt. In der Leber besteht ein sehr ausgedehntes, gefässlosl
Feld auf der Höhe des Lig. suspensor, an der Niere an der Grenze zwiscn;
hinterem und mittlerem Drittel der Zirkumferenz dieses Organs. In der Mi
bestehen zwei radiär zusammenfliessende Felder, welche beide Pole Cj
Organs abgrenzen. Am Pankreas sind gefässlose Felder nicht Vorhände;!
Bei der Lunge soll der Schnitt spiralig dem Rippenverlauf gemäss gefüh
werden, die Spitze des Messers stets zum Hilus gerichtet. Bei Milz m
Niere sind radiäre Schnitte nach dem Querdurchmesser gerichtet vorteilna
Beim Pankreas sollen die Schnitte mit der Richtung des Ausführungsgang
übereinstimmen. .
Bruno Hein: Die Erfahrungen mit dem Friedmann sehen IuDi
kulose-Heil- und Schutzmittel bei chirurgischer Tuberkulose an der König
berger chirurgischen Universitätsklinik. (Aus der chir. Universitätskunj
Königsberg. Prof. Kürschner.)
Unter 57 Fällen wurden 5 Heilungen beobachtet, die aber auch n
anderen Mitteln zu erreichen gewesen wären. Sinngemäss durchgeführ
Allgemein- und Sonnenbehandlung, zweckentsprechende Ruhigstellung u:
Entlastung, gelegentliche operative Eingriffe führten in vielen Fällen alb
August I9z3.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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: Heilung herbei. Dem Mittel kommt ein entscheidender heilender Ein-
ss auf die chirurgische Tuberkulose nicht zu.
Ernst König: Lieber Aeuderiing des Blutdruckes durch operative Ein-
ffe. (Aus der Chirurg. Universitätsklinik Königsberg. Prof! Kirsch-
■ r.)
Chloroform sowohl wie Aether wirken blutdrucksenkend ebenso wie die
mbalanästhesie. Operationen in Lokalanästhesie verlaufen bei ge-
igertem Blutdruck (Psychische Erregung der Kranken). Erst eingreifende
lerationen führen zu Blutdrucksenkungen. Die fortlaufende Blutdruck-
ntrolle gibt gute Anhaltspunkte für die Beurteilung des Gesamtzustandes
s Kranken. Allen lebensbedrohenden Zufällen gehen steile Blutdruck-
ikungen voraus, so dass drohende Gefahren rechtzeitig erkannt werden
nnen.
Bernard T e n c k ho f f: Zur Entstehung der Stildrehung innerer Organe,
arsion eines Netzzipfels und eines Leistenhodens). (Aus der chir. Abteilung
s St. Joscphspitals Elberfeld. Dr. Joh. Vorschütz.)
Zur Erklärung des K ü s t n e r sehen Gesetzes, dass sich linkseitige Tu¬
rnen vornherum von rechts nach links, rechtseitige umgekehrt drehen, gibt
rf. an, dass der Gang des Menschen eine grosse Rolle bei der Stildrehung
: eit ; bei der Rotation des Körpers beim Gegen bleiben die drehreifcii
1 gane zurück und erleiden jedesmal eine minimale Torsion in einer der
I rperdrehung entgegengesetzten Richtung; so wird allmählich dem Organ
r Weg vorgezeichnet, den es schliesslich bei der endgültigen Drehung
nmt.
H. Be eg er: Volvulus coeci (Volvulus beim Mesenterium ileocoecale
immune).
Zusammenstellung von 67 Fällen von Volvulus coeci aus der Literatur,
' Proz. davon hatten nie vorher Beschwerden gehabt. Meistens löst eine
litzliche gewaltsame Anspannung der Bauchmuskulatur heftige Erschütte-
ngen des Bauches oder der schwangere Uterus den Anfall aus. An-
lliessend Bericht über 3 Fälle von Volvulus coeci aus der Abt. des
j. Georgskrankenhauses Leipzig (Prof. Heller), wovon 2 Fälle operativ
irch Resektion geheilt wurden. Eingehendes Referat über Pathogenese
Id Klinik des Coecum mobile und des Volvulus coeci.
Otto Wiemann; Weitere Ergebnisse von Blutdruckmessungen bei
nerationen in Novokain-Suprarenin-Anästhesie. (Aus der chir. Klinik Würz-
Irg. Geheimrat Prof. Dr. Kön i g.)
Verf. wollte feststellen, ob vielleicht für bestimmte Operationsgruppen
(sondere charakteristische Veränderungen des Blutdruckes sich ergeben
irden. Bei Hernienoperationen konnte der Lokalanästhesie ein wesent-
i her Einfluss auf das Verhalten des Blutdruckes nicht eingeräumt werden.
1 scheint, dass hier die Resorptionsbedingungen so ungünstige sind, dass
de wesentliche Beeinflussung der Kreislauforgane nicht zustandekommt. Im
■ gensatz dazu zeigten sich bei der paravertebralen Anästhesie bei Kropi-
icrationen z. T, recht erhebliche Blutdrucksenkungen, die gefährliche Zu¬
lle bei der Methode durchaus erklären. (Die paravertebrale Injektion bei
Ir Kropfoperation ist durch die neue Braun sehe Methode, die durchaus
Igefährlich ist, iiberTTüssig geworden. Ref.) H. Flörcken - Frankfurt a. M.
Zentralblatt für Chirurgie. Nr. 26, 27 und 28. 1923.
Nr. 26. A. L ä w e n - Marburg a. Lahn: Ueber die Behandlung fort¬
ireitender pyogener Prozesse im Gesicht mit Inzision und Umspritzung
it Eigenblut.
Verf. hat bei fortschreitenden furunkulösen Prozessen im Gesicht neben
isgedehnter Inzision eine Umspritzung des Krankheitsherdes mit Eigenblut
Us der Vena cubital.) ausgeführt und dabei beobachtet, dass die Infektion
:;ts vor dieser Blutschanze haltmachte und diese nicht infizierte und die
hwellung und Infiltration rasch zurückging. Diese Wirkung setzt sich
lenfalls aus der mechanischen Gewebsabriegelung und aus der örtlich anti-
Ikteriellen Kraft des eingespritzten Blutes zusammen. Jedenfalls verdient
ose einfache Methode weitere Nachprüfung, da sie die Möglichkeit bietet,
•lwere pyogene Prozesse im Gesicht zum Stillstand oder zur Heilung zu
ingen.
W. R i e d e r - Eppendorf : Zur Frage der Behandlung progredienter
■sichtsfurunkel.
Die Methode des Verf. besteht darin, dass er zuerst den Furunkel durch
euzschnitt bis ins gesunde Gewebe spaltet, die 4 Segmente bis ins Gesunde
(löst und dann die ganze Fläche mit einem mit Diphtherie- oder Pferde¬
rum getränkten Gazestreifen austamponiert. Nach 1 — 2 Tagen stösst sich
treits das nekrotische Gewebe ab. Worauf diese rasche Wirkung beruht,
noch nicht geklärt.
K o n j c t z n y - Kiel: Die chronische Gastritis des Ulcusinagens.
Verf. weist erneut darauf hin, dass häufig neben einem (frischen oder
leren) Ulcus eine Gastritis auch entfernter Schleimhautgebiete vorkommt,
ii deutlichsten im Pylorusteil des Magens. Diese Gastritis kann primärer
ier sekundärer Natur sein. Ihr Vorhandensein erklärt auch, wenn öfter die
( stroenterostomie versagt, was bei weitgehender irreparabler Degeneration
<r spezifischen Drüsen der" Fall ist; andererseits wird bei der Magen¬
sektion gerade der kranke Teil eliminiert, wodurch die Aussichten auf
uerheilung wesentlich besser werden.
K. P r o p p i n g - Frankfurt a. M.: Ueber Spätstörungeii in der Wund-
lilung bei der Verwendung von Katgut (Katgutinfektion).
Verf. konnte kürzlich bei mehreren Spätstörungen in der Wundheilung
hstellen, dass das lange Lagern des trockenen Sterilkatguts die Ursache
ir; es ist deshalb nötig, dass älteres Katgut noch einmal frisch sterilisiert
rd, bevor es in Alkohol kommt; damit hörten bei Verf. die Wundstörungen
fort auf.
C. ten H o r n - München: Rollkniegelenk im Gegensatz zum Schede-
I bermannkniegelenk. (Erwiderung auf die Arbeit von Schede in Nr. 17.)
Verf. setzt in kurzer Entgegnung die Unterschiede seines „Rollknie-
:lenkes“ von dem Schede-Habermannkniegelenk auseinander. Das Rollknie-
öenk ist eine Art Scharniergelenk mit feststehender Gelenkachse; ein Rück-
lrtswandern des Drehpunktes findet nicht statt.
F. Sauerbruch; Zusatz zu vorstehenden Ausführungen ten Horns.
Verf. stellt fest, dass ditf Einwände des Herrn Schede unhaltbar sind
d verurteilt Form und Ton, in dem diese vorgebracht wurden.
Nr. 27. Frz. F i n k - Karlsbad : Zur chirurgischen Behandlung des
1 llenstelnleidens.
Verf. gibt einen Ueberblick über die Art der Erkrankungsformen, über
ii Indikationsstellung für das Operationsverfahren und die damit erzielten
Resultate. Bei Steinen und schweren Entzündungen der Gallenblase stellt
die Zystektomie, bei Steinen und Entzündungen im Choledochus die Chole-
dochotomie mit Drainage und Spülung das Normalverfahren dar. Die Mor¬
talität betrug bei 619 Operationen 14,70 Proz.
C. Bayer- Prag: Zur Technik der Exstirpation hochsitzender Rektum¬
karzinome.
Verf. schildert ausführlich seine neue Methode, die möglichst radikale
Entfernung des hochsitzenden Tumors, Wiederherstellung der Funktion und
Schaffung günstiger Wundverhältnisse gestattet; sie verdient eingehendes
Studium im Original.
B r ü n i n g - Berlin: Zur Technik der kombinierten Resektionsmethode
sämtlicher sympathischen Nervenbahnen am Halse.
Verf. beschreibt seine Resektionsmethode, die sich aus 3 Abschnitten
zusammensetzt: 1. aus der Exstirpation des Halsgrenzstranges mit seinen
Ganglien, 2. aus der periarteriellen Sympathektomie an der Arteria verte-
bralis, 3. aus der Exstirpation des Plexus pericarotideus. Die Indikation
sieht Verf. dann gegeben, wenn die einfache Exstirpation des Halsgrenz¬
stranges eine zu schwache Wirkung erzielt. Die Herabsetzung des Blut¬
druckes (um 50 mm Hg) ist leider nur vorübergehend.
E. M e t z e - Rostock: Beitrag zur traumatischen Apoplexie.
Verf. schildert 1 Fall von Commotio cerebri mit partieller Hemiparese
(nach Hufschlagverletzung), als deren Ursache die Sektion neben multiplen
kleinen Blutungen in der Gegend der linken Stammganglien eine Massen¬
blutung im Streifenkörper ohne Verletzung des Schädels feststellte.
W. Schulze- Bleicherode a. H. : Providoform als Ersatz für Jod¬
tinktur zur Hautdesinfektion.
Statt der teueren Jodtinktur benützt Verf. 5 proz. Providoformtinktur,
die sich ihm vorzüglich bewährt hat und keinerlei Reizwirkung ausübt.
L. S e y b e r t h - Senftenberg: Beitrag zur Naht des Ductus deferens.
Die Nahtmethode des Verfassers besteht darin, dass er einen Katgut-
faden an beiden Enden mit einer geraden Nadel armiert, mit den Nadeln
dann eine kleine Strecke in das Lumen des Duct. def. eingeht, dann durch
die Wand aussticht und die Lumina einander nähert und nun den Faden
knotet; zuletzt wird die Naht durch Peritoneum eingescheidet.
E. Unger und R. L ö w e n s t e i n - Berlin : Modifikation der Magen¬
klemmen.
Damit die Magenklemmen besser halten, überziehen Verf. beide Arme
der Klemmen mit einem Gummischlauch, der spiralig aufgelagerte Streifen
aus Gummi in Form von Rippen trägt, die 1,5 mm hoch und 1,5 cm von
einander entfernt sind.
Fel. F r a n k e - Braunschweig: Bemerkung zur Mitteilung von Hans
Knorr: „Neuer Gipsspreizer“ in Nr. 13 d. Zbl.
Statt des teueren Gipsspreizers schlägt Verf. erneut vor, den Gips¬
verband in stärkerer Kochsalzlösung aufzuweichen, wodurch er dann leicht
sich abnehmen lässt. (Referent benützt dieses Verfahren schon seit 13 Jahren!)
Friedr. S c h o e n i n g -Erfurt: Rektusdiastase und Palpation.
Die Palpation löst wie jeder andere Muskelreiz eine Kontraktion des
Muskels aus, deren Grad freilich auch noch durch den Tonus, durch den
trophischen Zustand und durch das Verhalten der Antagonisten bestimmt
wird. Bei der Rektusdiastase fehlt die Linea alba; die breiten Bauch¬
muskeln haben das Uebergewicht über die erschlafften geraden bekommen;
der mechanische Reiz der Palpation der breiten Bauchmuskeln, die ihren
normalen Ansatz an der von den atrophischen geraden Muskeln nur unvoll¬
ständig ausgefüllten Rektusscheide verloren haben, löst eine stärkere Kon¬
traktion aus, die manchmal den Eindruck eines Tumors erwecken kann, wie
Verf. an 1 Beispiel zeigt.
Fr. L e m p e r g - Hatzendorf: Fall von Darmverschluss durch Barium¬
sulfatstein.
Verf. erlebte kürzlich 1 Fall von Ileus im Col. descend., bedingt durch
einen 10 cm langen, 5 cm breiten und 4 cm dicken Bariumstein von 235 g
Gewicht. Der unglückliche Ausgang lehrt, dass man nicht gleich nach Durch¬
leuchtungen die Magen- oder Darmoperation vornehmen, sondern warten soll,
bis kein Barium mehr im Darm röntgenologisch nachweisbar ist. Mit 1 Ab¬
bildung.
K r ü g e r - Weimar: Typischer Schnitt und Blutleere bei der Operation
der akuten Cholezystitis.
Verf. schildert ausführlich die von ihm geübte Schnittführung bei der
Zyktektomie, die sich aus dem Riedel sehen Schnitt bei der Appendektomie
entwickelt hat, und die Technik der Zystektomie. Die Exstirpation der
Gallenblase wird wesentlich erleichtert durch Anlegen einer Darmklemme
im Bereich des D. cysticus, wodurch Blutleere eintritt. Hernien nach dieser
Schnittführung, die am besten im Original nachzulesen ist. hat Verf. bei
Frühoperationen noch nie beobachtet.
Carl Bayer -Prag: Sekundäre Blasen-Harnröhren-Mastdarmfistel nach
transvesikaler Prostatektomie.
Verf. hat eine solche Fistel mit folgender Methode zur Heilung ge¬
bracht: Umschneidung des Anus, Ablösung der vorderen Mastdarmwand bis
über den Spalt hinauf, Naht des Defektes in der Darmwand. Jodoform-
tamponade auf den Harnröhren— Blasenhalsschnitt, nachdem dessen Naht miss¬
lungen war, Naht der Winkel des Bogenschnittes, Kauterisation der Narben¬
harnfistel, Permanentkatheter. Nach 5 Monaten völlige Heilung. Harn¬
inkontinenz wesentlich besser.
E. Makai-Pest: Zur Technik der Arthrodese des Fussgelenkes.
Die Methode des Verfassers ist folgende: Zuerst Redressement, dann
l)4 cm langer Fingerschnitt am inneren Knöchel bis auf die Knochenhaut,
nun Bildung eines Knochentunnels in der Frontalebene durch Malleol. int..
Talus und Mall, extern, mit Hohlmeissei, Eintreiben eines Knochenbolzens,
der mit Meissei aus Schienbeinkante entnommen wird und Periost und ganze
Kortikalis enthält. Hautnaht. Die abgemeisselten Knochenteile, die darinnen
bleiben, heilen den Span noch besser ein und tragen zur festen Ankylo-
sierung des Gelenkes bei. Mit 3 Röntgenbildern.
E. Heim- Scbweinfurt-Oberndorf.
Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie. Band 63, Heft
4—5. Juli 1923.
H. S e 1 1 h e i m - Halle: „Weiterstellung“ des Bauches, Fasziendehnung
und Dehnungsstreifen der Haut.
Die Ausdehnung des Bauches während der Schwangerschaft erfolgt im
Gegensatz zu den Verhältnissen bei Geschwülsten und Aszites nicht passiv,
sondern im wesentlichen aktiv durch „Weiterstellung“, d. h. die Muskel-
1030
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 31.
faszienschicht wächst synchron und synergetisch mit. Beweis: die ,, Voll¬
saftigkeit“ der Bauchdecken oberhalb des Gebarmuttergrundcs und das
Fehlen der Bauchdeckenspannung. Als Zeichendes Zwang|s J^f iie !^gs)
nungsstreifen der Haut und die Rcktusdiastasc (Ursache des Schlot terba tchesl
•mfzufassen Da sie sonst in der Natur und beim Naturweib nicht Vor¬
kommen. sind sie beim Kulturweib ein Zeichen der unzulänglichen Anpassung
an die natürlichen Anforderungen der Schwangerschaft.
wirkt rechtzeitiges Heiraten, ausserdem vielleicht vorsichtiges Massieren der
Bauchdecken und die modernen Tänze, während durch den auf den männ¬
lichen Körper zugeschnittenen Sport die „Frau mit der straffen Fasu gc-
/. uchtet ^1or^ck Königsberg j Pr-. Die Bedeutung des Hydramnlon für die
I ebenswertung des Kindes. (Zu K r a h u 1 a s Gleichnamigen von 1921 H. 4 5.
W»'n” Krat.la * Sterblichkeit dar hydrammonk.nder m.t
96,2 Proz. angibt, Floris dagegen nur 25 Proz. berechnet ist die Mor
talität bei dem Material der Königsberger Frauenklinik 59,6 Proz. De
Unterschied erklärt sich aus der Verschiedenartigkeit des bearbeiteten
Materials, Literaturfälle, Prozentsatz der Zwillinge und Missbildungen. D
abdominale Punktion des Hydramnion (Schatz, Henkel) w'rd abgelehnt,
dagegen wurde 4 mal die Punktion von der Vagina aus mit Erfolg
genommen. erschan - Breslau: Ueber die Behandlung der puerperalen
Allgemeininfektion mit Präparat Heyden Nr. 324 „i„Wrnirnilnid'»li>m
Die Erfolge mit dem Präparat, einer Verbindung von elektrokollo dalem
Silber und Kupfer, das demnächst im Handel unter dem Namen CuprocolHrgol
gebracht wird, waren bei puerperaler Sepsis so günstig, dass eine Nach¬
prüfung an grösserem Material angezeigt erscheint. Das I raParat wurde
steril, stets 5 ccm, in die Armvene injiziert, Gesamtdosis 5 Imektic mci,
meist aber konnten 1—3 Injektionen, im Abstand von 2 TaJfprP nd FäUen
wünschten Erfolg herbeiführen. In 5 geheilten von 6 schweren Fa len
konnten im Blut Bakterien nachgewiesen wetden. Dm therapeutische ' W r -
samkeit besteht in einer Reizwirkung auf den Organismus, d e eine Lei¬
stungssteigerung der Zellkomplexe herbciführt, doch muss die Einleitung der
Behandlung möglichst frühzeitig geschehen
O P 1 ü m e c k e - Berlin: Ueber Entbindungen nach Vaginifixur
Entbindungen nach Vaginifixur verlaufen ohne Storung, wenn bei der
Operation nach der richtigen Technik vorgegangen wird. Nach der niederen
Martins sehen Fixationsmethode an der Umschlagsfalte traten bei 73 Fal c
keine Geburtsstörungen auf. Die Vaginifixur ist weniger eingreifend als die
Ventrifixation und sicherer als die Operation nach Alexander-Adams,
da Verwachsungen nicht übersehen werden.
D. v. 0 1 1 - Petersburg: Vervollkommnungen der Myomoperation an
Hand von mehr als 2000 Köllotomlen. . _ x . . , . _
Nach einem geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung der Myom¬
operationen, an deren technischer Vervollkommnung, besonders der vaginalen
Operationsmethoden v. O. wesentlich mitgewirkt hat, berichtet er über seine
eigenen, sich von Jahrfünft zu aJhrfünft bessernden Erfolge wobei es ihm
gelang, die Sterblichkeit auf beinahe 0 Proz. herunterzudrucken. Er bevor¬
zugt, 2 ausser bei konservativen Operationen die Panhysteromyomektomie
und zwar möglichst auf vaginalem Wege unter Umstanden durch Zc -
Stückelung. Die Röntgenbehandlung lehnt er ab.
E. Wehefritz - Göttingen: Pubertas praecox und Gravidität.
Beobachtung einer Schwangerschaft und Entbindung bei einem 11 iahr.
Mädchen, das mit 10 Jahren menstruiert war, körperlich den E>ndr“ck
18—20-Jährigen machte, aber geistig auf dem Stand eines lOjahr. Madchms
stehen geblieben war. Aetiologisch ist die Pubertas praecox als eine patho¬
logische Konstitution aufzufassen, wobei der endogene Krankheitsfaktoi in d r
Erkrankung des ganzen endokrinen Systems gelegen ist.
H H e i d 1 e r - Wien: Eine seltene Gestationstoxonose. .
Eine Frau bekommt jedesmal, wenn sie schwanger ist, Anfälle, die im
normalen Zustand nicht auftreten. Der erste und einzige Anfall verbunden
mit Krämpfen während der ersten Schwangerschaft wird fälschlich als in er-
kurrente Eklampsie gedeutet. Bei den nächsten Schwangerschaften hau en
sich die Anfälle von Bewusstlosigkeit, ohne von Zuckungen und Krämpfen
begleitet zu sein, wobei sich die ersten Anfälle schon 7—8 Stunden nach
dem befruchtenden Beischlaf einstellen, so dass die Frau in ihnen ein nie
trügendes, höchst persönliches Frühdiagnostikum der Schwangerschaft besitzt
Für das Leiden, das schwer von Epilepsie zu unterscheiden ist. wird eine
Unterfunktion der Nebenschilddrüse als Basis angenommen, eine Krampf¬
bereitschaft, eine Uebererregbarkeit des gesamten Nervensystems.
K o 1 d e - Magdeburg.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 28.
R. Michaelis: Flbromyome der Harnröhre. (Diakonissenanstalt Bad
Kreugiactü su^k der Myome und Fibromyome der weiblichen Harnröhre
ist spärlich. Verf. beschreibt 2 Fälle. Im einen klagte die Kranke über
Harndrang, im anderen über Druckgefühl in der Scheide, im einen Falle war
die Harnröhre klaffend, man fühlte einen walnussgrossen Tumor, der, da
die Operation aus äusseren Gründen sich verzögerte, spontan unter grossen
Schmerzen durch die Harnröhre geboren wurde; im zweiten hatte sich der
apfelgrosse Tumor nicht in das Harnröhrenlumen, sondern gegen das Septum
urethro-vaginale hin entwickelt und machte daher keine Harnbeschwerden.
Beide Tumoren gingen von der hinteren Harnröhrenwand aus und erwiesen
sich histologisch als Fibromyome. Operation, Heilung. ..
E. Vey: Ein Beitrag zur Behandlung der weiblichen Urethralgonorrhoe.
(Universitäts-Frauenklinik Jena.) . . „
Auf Grund von Arbeiten an der Leiche zur Feststellung des anatomischen
Befundes bei Harnröhrendilatation sowie auf Grund seiner klinischen Er¬
fahrungen empfiehlt Verf. Behandlung der weiblichen Urethralgonorrhoe
mittels Erweiterung der Harnröhre und nachfolgender Aetzung. Die Harn¬
röhre kann ohne Schädigung völlig entfaltet werden Es genügen meist
2—3 Aetzungen in 8— 10 tägigen Intervallen nach Dilatation. Völlige Ent¬
faltung der Schleimhaut erfolgt bei Hegar 8. Verf dilatiert mittels Mast¬
darmspekulum1. nach Kelly bis Kelly Nt. 8. Ob Arg nitr., Kollargol
Arthigon, Trypaflavin oder Choleval angewendet wird, ist ziemlich gleich¬
gültig. Verf. bevorzugt Argochrom. .
E. Löwy: Zur Frage der Versorgung des resezierten Ureters. (Uni¬
versitäts-Frauenklinik Prag.) 4 .. . . -n„
Für die Fälle, wo die Resektion des Ureters notwendig ist, oder seine
Durchtrennung ungewollt erfolgte und die Implantation infolge hohen Sitzes
der Verletzung und Unmöglichkeit genügender Blasenmobilisierung mehl
ausführbar ist. bestehen drei Methoden der Versorgung des Ureters,
die doppelte Unterbindung nach Stoeckel, die Ureterknotung nach
Stocckel-Kawasoye und die Torquierung nach P o t c n. \ erl.
berichtet über 10 Fälle aus der Prager Klinik. Am ungünstigsten erwies
sich die Knotung. am besten die Torquierung und Versorgung im Btcktn-
bindegewebe mittels Peritoneums (zwei Dauererfolge), Infel ^«on ist nicht sehr
zu fürchten, sie trat nur zweimal auf. Ausführliche, für den Operateur lehr-
i uüie Arbeit. w ß . t z e r; Ueber Cystitis dissecans gangraenesce«
(Stoeckel) infolge Retroflexlo Uteri gravldi Incarcerati. (Universität^
1 rau^klim^Leipzig.)^ ^ 4 Monats hatte sich infolge Inkarzeratioii 1 schür ia
Paradoxa gebildet. In der Klinik erfolgte sofort Aufrichtung des Jterus
sowie Zystitisbehandlung. Trotzdem wurde 18 Tage später „«"efsfek^er
Schmerzen durch die Harnröhre ein 600 ccm fassender gangranoser S^ack. der
grösste Teil der Blase, ausgestossen. Die zuruckbleibendi ••NarbenschrumM-
blase“ (Stoeckel) hatte anfänglich 5 ccm, nach Monaten 50 ccm Fassungs
vermögen. Es blieben Inkontinenz, chronische Zystitis und Pyentis zurii^
Der Fall lehrt, dass die Rctroflexio bei Graviden nicht frühzeitig genug er
kannt werden kann. Hier hatte die Ischuria nur 3 Tage gedauert, am 4
wurde reponiert, trotz der kurzen Zeit und trotz sorgfältiger Blusenb^ha.id
lung ist Gangrän mit den schwersten Folgezustän^en^
Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 98. Bd,
1. und 2. Heft.
J o a c h i m o g 1 u und M o s 1 e r - Berlin: Vergleichende Untersuch«»*!,
über die Wirkungen des d-, 1- und i-Kainpfers. V. Mitteilung. Elektro-
graphische Untersuchungen am isolierten Froschherzen. . . v
Die 3 Kampferisomeren rufen am Elektrogramm glei,chsinFn'gke. >e '
änderungen hervor, wobei elektrische Erregung und mechanischer Effekt innig
miteinander verknüpft sind. atA
Hsü und W a 1 b a u m - Tübingen: Ueber den Einfluss der Teinp^ratm
auf die Arbeitsleistung des Froschherzens.
Siehe d. Wschr. 1922 S. 490.
E F r c y - Marburg: Die Muskelwirkung der erregenden Gute.
Erregende Gifte, z. B. Pikrotoxin, Kampfer, Koffein, Strychnin u. a. be¬
wirken eine Leistungssteigerung des Muskels (Erhöhung des Zuckungsgipfe.s,
infolge einer Verzögerung der Erholungsvorgänge im Muskel. Die MusKcl-
Verkürzung besteht in einer Quellung unter dem Einfluss der explosions¬
artig entstehenden Milchsäure und Phosphorsäure aus einer bereitgehaltencr
Betriebssubstanz, die Erschlaffung beruht auf einem Versckwl"de" . ‘
Säuren durch Wegdiffundieren und Wiederaufbau zu organischer Bind ng
Ein längeres Bestehenbleiben der beiden Säuren führt zur Vergrößerung de
Verkürzung und Verlängerung der Kontraktionsdaucr. ^.1" U(;berIS!:b'nC
dieser nach Zeit und Giftkonzentration begrenzten Phase fuhrt zur Lähmung
Jacob y- Tübingen: Untersuchungen über Formaldehydgangran. 1. tei
Der Vorgang der- Stasen- und Throinbosenblldung bei Einwirkung von Formal
dehyd nach Beobachtungen an der Froschschwimmhaut intra vitam.
M ^o g - Marburg1;9 Der Einfluss von Pilokarpin, Atropin und Adrenalli
auf die unmerkliche Hautwasserabgabe.
Pilokarpin bewirkt eine Steigerung der unmerklichen Hautwasserabgabi
durch Reizung parasympathischer Nervenendigungen der Schweißdrüsen
also durch unmerkliche Schweisssekretion Atropin und 'n(:
muskulär schränken sie ein, erstens durch Sekretionshemmung der Schwe ss
drüsen, letzteres durch Vasokonstriktion, die die Durchblutung der Schwuss
drüsen und damit ihre Funktion verringert. Die Vermehrung der lnsensib.u
Haut wasserabgabe ist also in der Hauptsache kein physikalischer Ver
dunstungsvorgang, der direkt von der Gefässweite abhängig ist.
K 1 e w i t z - Königsberg: Beiträge zur Stoffwechselphysiologie des über
lebenden Warmblüterherzens. _ , . , . r.
Für das Warmblüterherz kommen nicht nur Traubenzucker und Gis
kogen als Energiespender in Betracht, sondern auch fettartige und sich
N-haltige Substanzen, die auch als Depotstickstoff gespeichert und i
energetischen Zwecken und zum Ersatz von Zellmaterial verwendet werde!
können, r sch und Rüppel-Bonn: Experimentelle Untersuchungen fl»
Frage der progressiven Anämie als Folge von Schwangerschaft. Nebst Be
merkungen zur vergleichenden Pathologie und Klinik der Biermer-Ehrlic|
Anämie überhaupt. „„
In Versuchen an Kaninchen konnten die Verfasser mit Presssaft au
Fötus und Plazenta nicht die geringste Blutschädigung erzielen Sie Klaubei;
daher, dass die Schwangerschaft höchstens in seltenen Fällen „Schrittmache
nicht Ursache der progressiven Anämie sein kann. Es handelt sich nicht n
abnorme Durchlässigkeit des graviden Uterus resp. der Plazenta. Eine ve
giftung vom Darm aus als direkte Ursache der perniziösen Anämie is
bisher nur für die Botriozephalusanämie bewiesen.
J e n d r a s s i k - Leiden: Eine einfache Methode zur Demonstration de
Pilokarpinbindungsverjnögens von Kaninchenserum. ... u
Die bindende Fälligkeit des Kaninchenserums kann man dadurch nacni
weisen, dass das im Serum gelöste Pilokarpin nach Ablauf einer bestimmteil
Zeit durch Jodjodkalium nicht mehr gefällt werden kann.
G r u m a c h - Königsberg: Die Beeinflussung der Gefasswirkung ae
Strophanthins durch Antimon, Kalium und Kalzium. , .
Wie am Herzen, so lässt sich auch am Gefässsystem des Frosches ein
Steigerung der Strophanthinempfindlichkeit durch Antimonvergiftung r.acnj
weisen. Es lievt ihr eine direkte Verschiebung des Kationenverhaltnisse.,
zugunsten des Kaliums zugrunde. L. J a c o b - Bremeiu,|
Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin. 192.1
Heft 4. Mit 12 Abbildungen.
Ueber das Schwimmen menschlicher Leichen. Von Prof. Karl Reuterj
Hurnburg.rrtümiiche Volksanschauungen über die Ursache des Schwimmen
menschlicher Leichen mitunter unbewusst die Aussagen von Zeugen v
Gericht beeinflussen und dann, beim Auftreten von Widerspruchem
anlassung zur Einholung gerichtlich-medizinischer Gutachten geben konn-i
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1031
iilt R. die Klärung dieser Frage vom gerichtlich-medizinischen Standpunkte
ir wichtig:, Er behandelt diese Frage an der Hand der Literatur und
ersonnenen Beobachtung. Er kommt zu dem Schluss, dass die VolkS-
nschauung, jede Leiche eines Ertrunkenen müsse im Wasser sofort unter-
ehen, irrig sei und dass, wenn eine frische Leiche im Wasser schwimme, an
cli nichts ungewöhnliches habe und dass sie a priori nicht gegen die An-
ahme des Ertrinkungstodes zu verwerten sei. Ueberhaupt sei es nicht
ogiich ohne weiteres irgendeinen Zusammenhang zwischen Todesursache und
chwimmverinögen einer Leiche zu konstruieren, die nur dann in Frage
jmmen könne, wenn der Tod durch Einwirkungen hervorgerufen ge-
esen wäre, welche entweder die Entstehung von (Jasen in der Leiche oder
ier die Beseitigung oder Verminderung ihres natürlichen Luitgehalts zur
ilge gehabt hätten, was aber in Wirklichkeit wohl kaum vorkommc.
Die Totenstarre beim Menschen. Von Prof. Dr. R. M e i x n e r - Wien.
Behandlung der Frage über Ursache, Zeit des Eintrittes und des
:hwindens der 1 otenstarre auf Grund eigener Beobachtungen seitens des
erfassers.
Die Bedeutung von Verletzungsbefunden für die Frage „Selbstmord oder
ord“. (Eigentümliche Verletzungen bei Mord durch Hiebe.) Von
r. Anton Maria Marx. (Aus dem gerichtlich-medizinischen Institute der
putschen Universität Prag.)
Mitteilung von 3 auf obige Frage bezüglichen Fällen.
Ueber die Verteilung des Kohlenoxyds ln der Leiche bei Fällen von
»hlenoxydgasvergiftungen auf Grund spektrophotometrischer Messungen
)n Dr. Walter Schwär zacher - Graz.
Nach den von Schw. angestellten Untersuchungen ist das Kohlenoxyd-
moglobin im Leichenblute nicht in den gleichen Mengen überall in den Blut-
'fässen anzutreffen, vielmehr weise das Blut in der Schädelhöhle in der
-gel den grössten Teil hievon auf, das Herzblut enthalte durchschnittlich
ittlere Mengen, im Blute der oberflächlich gelegenen Venen sei je nach dem
ihlenoxydgehalt des Raumes, in dem die Leiche gelegen, mehr oder
eniger Kohlenoxyd nachweisbar. Diese Unterschiede seien durch physi-
hsche Vorgänge wie Dissoziation und Diffusion dieses Gases durch die
irperoberfläche zu erklären. Durch quantitative Untersuchung des Leichen-
utes sei es möglich zu entscheiden, ob eine vitale Vergiftung oder ein
fälliges postmortales Eindringen des Kohlenoxyds vorliege.
Gerlcbtsärztllche Analyse eines Falles von Schrotschussverletzung. Von
. Jos. Hesse- Münster (Westfalen).
Verf. kommt auf Grund seiner Beobachtungen zu dem Schlüsse, dass über
' Entfernung, aus der ein Schuss abgefeuert wurde, ein Urteil abzugeben
r möglich sei, wenn Waffe und Munition bekannt sind und mit beiden
^gleichende Untersuchungen tunlichst unter gleichen äusseren Bedingungen
btterung, Luftbewegung usw.) angestellt wurden. S p a e t - München.
Klinische Wochenschrift. 1923. Nr. 28.
K ö 1 1 n e r - Würzburg: Wandlungen und Fortschritte der Lehre von
n physiologischen Grundlagen der räumlichen Orientierung.
Uebersichtsaufsatz.
H. J. Ha mburger - Groningen: Ueber eine neue Form von Zusammen-
rkung zwischen Organen.
Neben den 2 bekannten Formen der Zusammenarbeit von Organen (z. B.
ibertragung eines sensiblen Reizes mittelst des Zentralnervensystems auf
i 'torisch reagierende Organe, Uebertragung von Stoffen mittelst des Blutes
n einem Organ auf ein zweites) gibt es eine weitere Form: Versuche
ugten, dass durch Nervenreizung in einem Organ gewisse Stoffe freige-
ücht und mit dem Blutstrom an andere Organe herangebracht werden,
' welche sie dann in spezifischer Weise wirken (z. B. Entstehung von
gusstoffen und Sympathikusstoffen). Diese Stoffe können auf chemisch-
ysikalischem Wege direkt nachgewiesen werden.
F. Bruening und O. S t a h 1 - Berlin: Ueber die physiologische Wir-
jg der Exstirpation des periarteriellen sympathischen Nervengeflechtes.
Mitteilung neuer Versuche und Beobachtungen, im Original zu ver-
lchen.
Herrn. W e i 1 - Frankfurt a. M.: Wird in einem primär durchflossenen
pillargebiet mehr Salvarsan zuriickgehalten als in einem sekundär durch-
»senen?
Beim Vergleich eines sofort von dem salvarsanhaltigen Blut durch-
isenen Organgebietes mit einem erst später davon getroffenen ergibt sich,
>s immer eine grössere Arsenmenge im ersteren zurückgehalten wird.
:se Ueberlegenheit kann beim Neosalvarsan sehr gering, beim Silber-
ivarsan recht gross sein.
P. György und K. G o 1 1 1 i e b - Heidelberg: Verstärkung der Be-
ahlungstheraple der Rachitis durch orale Eosinverabreichung.
Bei 14 behandelten Fällen wurde durch die Kombination der Bestrahlung
der Eosinsensibilisierung die Behandlungsdauer wesentlich abgekürzt und
Ouarzlampenbrennzeit verkürzt. Das Eosin setzten die Verfasser den
chgemischen für die Kinder zu= am Tage nachher erfolgte dann die
''eilige Bestrahlung.
E. K. W o 1 f f - Berlin: Die biologische Differenzierung des Org.m-
'eisses.
Beschreibung einer neuen Methode einer Extraktbereitung und Immuri-
^ umherstellung. Es lässt sich damit das Eiweiss verschiedener Organe
'er Art differenzieren, auch die Differenzierung gleicher Organe Verschie¬
ber Arten, was besonders auch für die gerichtliche Medizin wichtig
'cheint.
P. N e u d a. Fr. Redlich und H. S i e 1 m a n n - Wien: Zur Patho-
ese des sog. „Röntgenkaters“.
Vortrag auf dem Internistenkongress in Wien 1923.
H. K a I k - Frankfurt a. M.: Erfahrungen mit der Proteinkörpertherapie
1 Ulcus ventriculi und duodeni.
Zusammenfassend sagt Verf., dass mit dem dort geübten Behandlungs¬
fahren sich die objektiven Symptome, wie Röntgenbild, Sekretionsver-
tmsse noch schlechter als die subjektiven beeinflussen lassen. Er kann
er in der Injektionstherapie dieser Geschwüre mit Novoprotin keinen
tschntt erblicken.
,, W. v. K a p f f - Homburg v. d. H. (München): Ueber das Fehlen der
acke Im Elektrokardiogramm bei erhaltener A-Welle Im Venenpuls.
Bei fehlender P-Zacke im Elektrokardiogramm ist die gleichzeitige' Auf-
me des Venenpulses notwendig. Die Deutung von Extrasystolen, des
Vagusdruckversuches, regelmässiger Rhythmen ohne P wird durch die Fest¬
stellung einer a-Welle im Venenpuls bei fehlender P-Zacke entscheidend be¬
einflusst.
G r u m m e - Fohrde: Betrachtungen zur Eisenwirkung.
Verf. widerspricht der Aufstellung von H e i n t z - Erlangen, dass organi¬
sches Eisen zu schlecht resorbiert werde und daher per os ferrum reduct.
zu verordnen sei.
■ u' ^ *.?„* n * 6 ^ ’ Heidelberg: Superinfektion bei experimenteller Ka¬
ninchensyphilis.
Bemerkungen zu den Entgegnungen von Buschke und K r o o und
Frei, Nr. 21 und 27.
K. M ey e r - Berlin: Zur Bakteriologie des Duodenums.
Verf. na« den Nachweis für nicht erbracht, dass die Bakterien des
Duodenum mit der Mundflora identisch seien und kann daher eine prinzipielle
Trennung der Duodenal- und der übrigen Darmflora nicht als richtig aner¬
kennen.
, , A- Wcjlbauer und E. J a k o b s t h a 1 - Hamburg: Bemerkungen zu
obigen Ausfuhrungen.
. E r i e d j u n g - Wien: Pneumonie und neuropathische Konstitution
im Kindesalter.
m ZUm Aufsatz von Bergmann und Kochmann in
Nr. 22 d. Klm. Wschr.
E. C. M e y e r - Greifswald : Eine Methode zur Bestimmung der Gallen-
sauren im Duodenalsaft (Galle).
. • £ Bielin g- Höchst: Untersuchungen über die intramolekulare Atmung
bei Mikroorganismen.
E. Bloch- Berlin : Untersuchungen über Urinlipase.
A. H i n t z e - Berlin: Symmetrisches Ganglion am Fussrücken.
Grassmann- München.
Deutsche medizinische Wochenschrift.
Nr. 27. Schröder- Greifswald: Die Entwicklung der Histopathologie
des Nervensystems nach N i s s 1.
.... ,E; A t zl e f- Berlin: Physiologische Betrachtungen über Blutersatz-
flussigkeiten.
G. L e h m a n n -Berlin: Die physikalisch-chemischen Grundlagen einer
Losung zur intravenösen Injektion.
Diese beiden Aufsätze hängen eng zusammen, als Ergebnis schlägt L.
folgende Lösung vor: NaCl 8 g, KCl 0,2 g, CaCb 0,2 g. MgCh 0,1 g. Gummi
arab. 70 g, NaHCOa (zur Regulierung der dem Blut entsprechenden neutralen
Reaktion) ca. 1,2 g, Aq. dest. ad 1000 g. (Ref. benutzt die Gelegenheit, um
m unserer abkürzlustigen Zeit die Einführung einer internationalen kurzen
Benennung der „physiologischen Kochsalzlösung“ anzuregen.)
E. J. L e s s e r - Mannheim : Die Zuckerbildung im Tierkörper.
Behandelt die Hydrolyse des Glykogens zu Traubenzucker in der Leber
nach den Ergebnissen der neuesten Forschung.
A. G r e i 1 - Innsbruck: Algemeine Entstehungsbedingungen der Kon¬
stitutionsanomalien.
Bemerkungen zum Aufsatz von R o u x in Nr. 4.
W. Roux: Antwort auf Vorstehendes.
L e p e h n e - Königsberg: Ueber gallentreibende Mittel und ihre An¬
wendung.
Kurze kritische Besprechung einer grossen Zahl auch neuester Arznei-
und Heilmittel zur Beförderung der Galleausscheidung und des GalDn-
abflusses.
A. Braunstein - Berlin: Diabetes und Karzinom.
erklärt das Ausbleiben der Glykosurie bei Pankreaskarzinomen, und
die Verminderung des Zuckers beim Diabetiker, der karzinomkrank wird, wird
vom Verf. auf die im Krebsgewebe vorhandenen glykoly tischen Fermente
zuruckgeführt. Für die Diagnose des Pankreaskarzinoms ist die Glykosurie
nicht heranzuziehen. Das Schwinden der Glykosurie des Diabetikers bei
einer kruppösen Pneumonie dürfte in ähnlicher Weise auf dem Freiwerden
des glykolytischen Fermentes durch den Leukozytenzerfall (Hyperleuko¬
zytose) beruhen.
C. Sonnenschein- Köln: Tödliche Meningitis nach Lumbalpunktion.
Lumbalpunktion bei einem fieberfreien jungen Mann. Nach einigen
Stunden Zeichen beginnender Meningitis, die in 10 Tagen tödlich verläuft-
Eitrige Zerebrospmalmeningitis, die bereits während des Lebens bakteriell
und serologisch festzustellen war.
L. Jankowich: Traumatische Spätblutung im Gehirn.
J. bestreitet den ursächlichen Zusammenhang in dem von Qoroncv
in Nr. 13 mitgeteilten Fall.
M o s e r - Königsberg: Zur Schizophreniebehandlung mit Somnifendauer-
narkose.
M. s Erfahrungen können die von K ä s i berichteten Erfolge nicht be¬
stätigen. Dagegen dürfte sich das Somnifen zur symptomatischen Behandlung
starker Erregungszustände oft gut verwenden lassen.
K. L ä m m 1 e - Neustrelitz : Eine einfache Methode, Warzen schmerzlos
und ohne erhebliche Narbenbildung zu entfernen.
L. empfiehlt nach der von Blendermann empfohlenen Auslöffelung
der gefrorenen Warzen sofortiges kräftiges Betupfen des Wundbettes mit
Liq. ferr. sesquichlor.
U 1 r i c h - Herrnhut : Zur Eklampsiebehandlung mit Novasurol.
Völlige Komatose und Anurie. Aderlass ohne Erfolg. Nach einer
Injektion von Novasurol Aufhören der Krämpfe, Eintritt der Diurese Am
gleichen Tag zweite Injektion. Allmähliche Heilung.
L. Asch off: Ueber die Zukunft der städtischen Prosektunen.
Ein Mahnruf an die Stadtverwaltungen zur Erhaltung der Prosekturen.
Nr. 28. K ü 1 1 n e r - Breslau: Ueber Hepatargie, chronischen Cholaskos
und andere problematische Krankheitsbilder der Gallenwegschirurgie
Siehe Bericht M.m.W. 1923 S. 546.
F. T o n i e 1 1 i - Kiel: Die Beurteilung der Leberfunktion durch Chromo-
eholoskopie.
Von allen Leberfunktionsproben hat die Chromocholoskopie mit Indigo¬
karmin die beständigsten Resultate gegeben.
H. D ü r c k - München: Die Erforschung der anatomischen Grundlagen
geistiger und nervöser Krankheiten.
Gemeinverständlicher Vortrag.
1032
MÜNCHENER MED1 ZINISCHE WOCHENSCHRIFT .
Nr. 31.
K. V o r 1 ä n d e r - Freiburg i. B.: Histologische Untersuchungsergebnlsse
über die Wirkung der Bestrahlung aui das lmpikarzinom der Maus.
Nach V s Befunden ist für die karzinomvernichtende Wirkung einer
zweckmässigen Bestrahlung eine vorangehende Bindegewebszellularreaktion
von wesentlichster Bedeutung. Das Bindegewebe erscheint als der Träger
der Allgemeinreaktion des Organismus. Durch übergrosse Strahlendosen geht
die günstige Wirkung verloren. ,
F. Kok: Experimentelle Beiträge zur Strahlenbehandlung des Karzinoms.
K betont, dass es nicht auf möglichst starke Bestrahlung ankommt,
sondern mittlere Dosen wirksamer sind und dass weniger die auf den Tumor
selbst einwirkende Strahlenmenge ausschlaggebend ist, als die Grösse des
durchstrahlten Körpervolumens; als wesentlichster Faktor hat die Allgemein¬
wirkung auf den Organismus zu gelten.
A. Philipp so n- Hamburg: Kritische Bemerkungen zur experi¬
mentellen Krebserzeugung.
Ph. schlägt u. a. vor, sich von dem sattsam erprobten Teer abzuwenden
und mit anderen chemischen Stoffen, wie Anilin, Benzidin, Nikotin, Scharlach-
oder Kongorot, Akridin oder Cholin die künstliche Krebserzeugung zu ver¬
suchen, um allgemeinere Gesichtspunkte zu gewinnen.
A. R ö m m e r t - München: Ueber Schwangerschaftsglykosurie.
Der Nachweis der Glykosurie nach der Brinnitzer-Roubit-
schek sehen Methode hat nur den Wert eines mutmasslichen Schwanger¬
schaftszeichens.
W. R i c h t e r - Berlin: Ueber die Wismuttherapie.
R.s Versuche sprechen für die gute Verwendbarkeit des Bisinogenols
insbesondere bei Kontraindikationen gegen Quecksilber und Salvarsan.
R. Möller- Hamburg: Ueber einen Fall von nomaähnlicher Erkrankung |
mit Beteiligung der Haut. _ . ..
J. B r i n i t z e r - Altona: Die Behandlung der weiblichen Gonorrhoe.
Gute Erfolge der Behandlung mit dem 1 proz. Gonostyli Argent. nitr.
W i e c z o r e k - Königsberg: Fall von ausserordentlicher Schwellung und
Sekretion der Brustdrüsen beim Neugeborenen. . , ,
Die Erscheinungen, welche zuerst als Mastitis gedeutet und behandelt
wurden, schwanden alsbald nach Einstellung der Behandlung, die Brüste
produzierten eine vollkommen reife Milch.
F. R o h r - Wilhelmshöhe: Eineiige Zwillinge.
Die beiden Knaben wurden durch das 1. Jahr regelmässig gewogen und
zeigten eine ausserordentliche Uebereinstimmung in den Gewichtszunahmen
und -abnahmen, die R. auf eine vollkommen gleiche innere Veranlagung durch
die Eineiigkeit zurückführt.
FL. Harry: Ein neues Kombinationspräparat zur Prophylaxe gegen
Gonorrhöe und Syphilis. i
Empfehlung des „Antifekts“. ...
G. D o r n e r - Leipzig: Ueber eine einfache Methode der Bluttransfusion.
Im Original einzusehen.
E. F u 1 d und F. Müller- Berlin: Die Resorption von Jod per os und
durch die Haut.
Von 0,05 — 0,1 g Jod im Tag per os werden Spuren im Harn ausge¬
schieden, der Rest gespeichert, von 0,05—0,1 g Jodvasogen (eingeriebeu)
erscheint nichts im Harn, der grösste Teil scheint sich zu verflüchtigen.
v. N o o r d e n - Homburg: Phosphozym, Amylutn-Phosphorsäure plus
stomachischem Hefeextrakt.
Bei einer Reihe von Erschöpfungszuständen z. T. mit Reduktion der
Nahrungsaufnahme leisteten die Phosphozymtabletten sehr Befriedigeides.
A. H u 1 1 n e r - Berlin: Zur Vakzinetherapie mit Posterisan.
Gute Erfolge in der Behandlung der Hämorrhoiden.
Priessnitz - Rüstringen: Goluthan, ein neues Prophylaktikum.
Prophylaktikum gegen Gonokokkeninfektion.
O. S a 1 o m o n - Koblenz: Zur Verhütung des angioneurotlschen Svm-
ptomenkomplexes bei Salvarsanbehandlung.
S. setzt der Salvarsanlösung 10—20 Tropfen einer Lösung von Kalzium-
chlorat und Aq. dest. äa zu.
S. Alexander - Berlin: Aerztliche Verrechnungsstellen.
A. erhebt gewichtige Einwendungen berufsethischer, rechtlicher und
praktischer Art gegen die allgemeine, insbesondere die zwangsmässige Ein¬
führung der Verrechnungsstellen. Bergeat - München.
Medizinische Klinik. Heft 28.
K. G o 1 d s t e i n - Frankfurt a. M.: Die Funktionen des Stirnhirnes und
ihre Bedeutung für die Diagnose der Stirnhirnerkrankungen.
Zu kurzem Bericht nicht geeignet.
W. Zweig- Wien: Ueber Cholecystitis larvata.
Es handelt sich um Infektionen der Gallenblase ohne Steinbildung.
Nervöse Momente spielen eine unzweifelhafte Rolle. Man kann eine Gruppe
von Kranken mit atypischen Fieberbewegungen und dyspeptischen Be¬
schwerden scheiden von einer zweiten, die sich durch atypische Schmerz¬
anfälle auszeichnet, ln der Therapie hat sich das Felamin oder das (billigere)
Hexamethylentetramin bewährt.
J. P 1 e s c h - Berlin: Zur Behandlung der Tumoren mit fluoreszierenden
Substanzen. . . , . , ,
Mitteilung von 3 Krankenberichten; bei 2 Fällen konnte durch Aeskulin-
einspritzungen allein, bei dem dritten zusammen mit Röntgenbestrahlung eine
wesentliche Besserung erzielt werden. Diese Ergebnisse ermuntern zu
weiteren Versuchen.
S J o s e p h - Berlin: Beber Utermsperforationen.
Bericht über 10 Fälle, deren 8 durch ärztliche Eingriffe geschehen waren.
5 Kranke wurden gerettet. Wichtig ist die Frühoperation und die Prophylaxe.
C. B. Schroeder - Hamburg: Versuche zur Beeinflussung des Keuch-
Kausale Mittel besitzen wir noch nicht. Nach Ausbruch der Erkrankung
müssen die Anfälle selbst bekämpft werden (durch Beeinflussung des Reflex¬
zentrums oder der sensiblen oder motorischen Bahnen).
R e h d e r - Altona: Hypnolde Neurosen.
Ziel der Ausführungen ist der Beweis, dass die klinischen Phänomene
der Hypnose identisch sind mit akuten hysterischen Affektreflexen einer
suggerierten Neurose.
E. K 1 o p f e r - Wiborg: Zur Behandlung der Lues mit Sulfoxvlat-
salvarsan. .
Bequeme Handhabung, gute Verträglichkeit,
Möglichkeit der Etappenbehandlung.
langdauernde Haltbarkeit,
' J. S c h m i t z - Berlin: Erfahrungen mit Digotin.
Gute Erfahrungen an chirurgisch-gynäkologischem Material.
X. M i 1 1 e r - Berlin: Zur Behandlung des Trippers mit dem Gonorrhöe-
bougie nach Dr. E. Dannemann.
Empfehlung.
F. F i s c h 1 - Prag: Kapillarbcobachtung am Lebenden.
Mit wenigen Ausnahmen gibt es keine für bestimmte Krankheiten charak¬
teristische und spezifische Bilder. Wohl aber lassen sich im Zusammenhang
mit anderen Symptomen wertvolle Schlüsse aus der Kapillarbeobachtung
7 ^ H. E n g e 1 - Berlin: Abszessbildung bei Arthropathia tablca nicht Unfall-
f olge.
E. C 1 a s e n - Itzehoe: Varizen-Ulcus cruris und Ihre Behandlung. I
Zinkleimverband.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 23.
Mennet-Bern: Anwendung, Wirkung und Gefahren der Hypophysen-
medikatlon in der Geburtshilfe. ,
Auf Grund der Erfahrungen der Berner Frauenklinik bespricht Vert. an
Hand von Beispielen die Indikation und Anwendungsweise des Pituitrins und
Pituglandols (intravenös und subkutan) und hebt besonders die Gefahren bei
indikationsloser Anwendung hervor. Dass Hebammen diese Mittel selbständig
verwenden ist absolut zu verwerfen.
Markwalder - Baden: Ueber Gleichgewichte von Ionen und Organen.
Fortbildungsvortrag, zu kurzem Referat nicht geeignet.
F e 1 i x - Heidelberg: Ueber die Histone im Säugllngsorganismus.
S t r e b e 1 - Luzern: Durch SOn verursachte Augenschädigungen (speziell
zentrale punktförmige Viskoseverätzung der Hornhäute). Schutz durch
Maskenbrille mit Zinkkohlefilter. .
Verf. hat seit Jahren bei den Arbeitern einer Viskosefabrik ein typisches
Krankheitsbild beobachtet, Keratitis centralis punctata superficialis träum,
und Konjunktivitis, das er im einzelnen beschreibt. Er empfiehlt und be¬
schreibt eine Schutzbrille mit seitlichen Wattefiltern, die mit feinpulverisierter
Kohle und Zinkoxyd zur Absorption und Neutralisation der SOa-Dämpfe be-
oudert sind. L. Jacob- Bremen. J
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 27/28. V. Hiess: Die fötale Indikation der Geburtsbeendigung.
Fortbildungsvortrag.
Nr 26/27. R. Volk- Wien: Immunitätsprobleme der Haut.
G. Ho Iler- Wien: Ein kurzer klinischer Beitrag zur Frage der Be¬
ziehungen zwischen Herpes febrilis, Encephalitis letharglca und Grippe.
S. B e c k m a n n - Wien: Zur Kenntnis der Pathogenität des Bacillus!
lactis aerogenes. „ , , , , „ i
Beschreibung eines Falles von septischer Erkrankung, als deren Erreger
der Bacillus lactis asrogenes nachgewiesen wurde und intra vitam im Blut
festzustellen war.
P. M o r i t s c h - Wien: Ueber den Bakteriengehalt der Vakzine!
„Tebecin" (D o s t a 1). . , „ . I
Verf. hat aus einer Probe des Tebecin einen mit dem roten Kartonei-,
bazillus Globig identischen Bazillus gezüchtet, wodurch die Annahme einen
Umzüchtung des Tuberkelbazillus widerlegt ist.
H. M a e n d 1- Grimmenstein: Ueber die diagnostische Bedeutung der
menstruellen Hyperämie für die Diagnose der Lungentuberkulose.
M. zeigt an mehreren Fällen, dass bei lungenkranken Frauen mit
negativem oder wenig ausgesprochenem Auskultationsbefund dieser auf der
Höhe Menstruation oft in ausgesprochener Weise positiv oder verstärkt wird.
Diese ,, Mensesreaktion" verdient für die Diagnose und Prognose Beachtung.
Nr. 28. J. Schnüi er- Wien: Die Bekämpfung der Wut bei Hunden.
Vorgetragen in der Ges. der Aerzte am 8. VI. 1923.
B. Busson-Wien: Die Fällung des Diphtherietoxins.
E. Schütz- Wien: Zunahme der Erkrankungen an Magenkrebs. (Be¬
merkungen zur Prophylaxe. „Frühdiagnose“ und Behandlung des Magen-
karzinoms.) , , , J
Sch. bemerkt im Gegensatz zu der Abnahme während der vergangenen
Jahre seit kurzem wieder Zunahme der Magenkarzinome und zwar auch bei
Frauen und Personen unter 40 Jahren. Sch. vermutet die Zunahme in dem!
vermehrten Genuss von Alkohol und von — vielfach zähem Fleiscn.l
Daraus folgt die Prophylaxe. Die Frühdiagnose wird durch allgemeine Be¬
lehrung, welche das frühzeitige Aufsuchen des Arztes fordert, ermöglicht.
E. M a 1 i w a - Innsbruck: Beitrag zur chemischen Differentialdlagnose
der arteriellen Hypertonie.
M. Floris-Wien: Ein Fall von Radialislähmung nach Zangengeburt.
Bergeat- München. ■ I
Holländische Literatur.
Nederlandsch Tijdschrift voor Geneeskunde.
Heft 15. C. H. H. Spronck: Experimentelle Untersuchungen über
Immunität gegen Tuberkulose.
Ein keimfreies Filtrat am tuberkulösen Gewebebrei von Meerschwein!
chen erzeugt bei Einspritzung unter die Haut gesunder Tiere eine TuberkuJ
linüberempfindlichkeit, wie sie sonst bei verhältnismässg frischer örtlicheii
Erkrankung beobachtet wird. Veri. nennt den wirksamen Stoff luberkulani
Neben diesem findet sich im frischen Auszug gleichzeitig Antituberkulan
Zusatz von Tuberkulin bindet Antituberkulan; Tuberkulan haltendes Serum
wie es regelmässig während der Entwicklung der Tuberkulose beim Meer
schweinchen gefunden wird, bildet mit dem Antituberkulan eine Verbindung
die von sensibilisierten Zellen nicht angezogen wird. Bei hochgradige
Tuberkulose verschwindet die Tuberkulinreaktion. Verf. konnte zeigen, das
dabei eine Anhäufung von Tuberkulan neben freiem Antituberkulan im Blut'«
besteht.
L. Bolk: Der Anfang der juvenilen Lebensphase.
Bemerkenswerte Unterschiede in dem Beginn der Menstruation be
Jüdinnen und Friesenmädchen lassen Verf. statistische Sammeluntersuchungei
\üKUSt 192.1.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
>er verhältnismässig sesshaften, unter gleichen klimatischen Einflüssen
nden Russen w ilnschehswert erscheinen.
Heft 16. A. GrcVensteck Thz.. E. Laqueur und W. R i e b e n -
n m : lieber Insulin.
Aus frischem Pankreas stellten die Verfasser entsprechend den Angaben
c I e o d s ein Insulin her, das den Blutzuckergehalt beirrt Kaninchen prompt
ibsetzlc. — Bemerkenswert war die verhältnismässig bessere Verträglicii-
hei Einspritzung in die Blutader statt unter die Haut. — Vorläufig kann
Präparat nur an einzelne Fachärzte, die Gewähr fiir genaueste Kontrolle
nehmen, abgegeben werden.
Cornelia de La nge: Herpes zoster varicellosa (Bokay) und Varizellen.
Beschreibung einer kleinen Varizellenepidcmie in einem Heim fiir ledige
ter und ihre Kinder im Anschluss an eine Herpes zoster-Erkrankung. Die
iplenteittbindungsrcaktion bestätigte den Zusammenhang.
D. (i. Cohen Tervaert: Welche Anforderungen sind an ein Zitrat zur
traiisfusioh zu stellen?
Saure Reaktion verhindert die Gerinnung nicht. Das Salz muss neutral
D. J. Beck: Einiges über iVleniiigitis.
j Nonnereaktion und Zellengehalt des Lumbalpunktates sind von mass-
■nder prognostischer Bedeutung.
Heft 17. J. Lobstein: Einige Betrachtungen über das Studium der
iclikeit in der Psychiatrie.
Nur sorgfältige genealogische Untersuchungen können unsere Kenntnisse
der Erblichkeit erweitern. Da ein rassenbiologisches Institut in Holland
äufig unerreichbar ist. so empfiehlt Verf. die Untersuchungen vorläufig
einen kleinen Kreis der Bevölkerung zu beschränken. Als besonders ge-
et erscheint ihm die jüdische Bevölkerung. Die ganze Bevölkerungsgruppe
iste in Kartei gebracht werden und alle Karten müssten mit Hilfe der
desämter und der Aerzte ständig auf dem laufenden erhalten werden.
L. E. Driessen: Der Kampf um die Myombestrahlung.
Während in Deutschland die Frage längst entschieden ist, ist sie in
|ikre ich und auch in Holland noch in vollem Gang. ■ — Verf. widerlegt die
diauungen Kouwers (niedergelegt in ..Gynecologie et ObstetriciUe“
. VI.. 1922, Nr. 6) über die Gefährlichkeit der Myombestrahlung.
L. Polak Daniels und J. Doyer: Ein mit Insulin behandelter Fall von
terkrankheit.
Genaue Untersuchungen zeigten deutlich den günstigen Einfluss auf den
Wechsel und das subjektive Beenden. — Eine Erhöhung der Toleranz
eine Besserung der Krankheit selbst konnte nicht festgestellt werden.
1 Heft 18. F. J. L. W o 1 f r i n g: Betrachtungen über Meningokokkensepsis
latente Meningitis auf Grund zweier Beobachtungen.
■ In einem Fall folgte auf länger währende allgemein-septische Erschei-
en eine schliesslich ausheilende Meningitis mit Weichselbaum-Diplokokken.
ländere Kranke wurde etwa 6 Wochen lang als Hysteriker betrachtet, bis
tödliche epidemische Genickstarre Klarheit brachte.
F. de M o u I i n : Beitrag zur Kenntnis des Baues der Ganglienzellen.
| Durch Untersuchung von Gehirnrindenstückchen verschiedener Tiere in
körpe rfl üssigkeit (vom Pferd), versetzt mit Gelatine und Methylenblau
Körpertemperatur stellte Verf. fest, dass das Protoplasma der Ganglien-
n ..mikrohomogen“ ist.
Heft 19. M. Woensdregt und C. van Dam: Blut und Parasiten-
beim Anfall von Malaria tertiana.
Bei holländischer Tertiana entsteht vor und bei dem Beginn des Fieber-
Hes Leukopenie, die mit erreichter normaler Temperatur wieder behoben
Die Leukopeniekurve entspricht dem Teilungsstadium der Erreger. Die
|mg ist beendet, bevor das Fieber seinen Höhepunkt erreicht hat. Die
iingsdauer beträgt für den holländischen Tertianaparasiten etwa 6 — 8 Stun-
Das Blutbild zeigt beim Beginn des Fiebers eine Linksverschiebung, die
in das Ende zu abnimmt und einer Monozytose weicht.
C. Ph. Wassink-van Raamsdonk und W. F. Wassink:
imagglutinine bei Krebskranken.
In der Gruppenverteilung (nach Ländsteiner) war bei Krebskranken
Unterschied gegenüber Gesunden feststellbar.
H. K. H a 1 1 i n k: Die Skiaskopie des linken Auges.
Ebenso wie bei der Skiaskopie des r. Auges der Untersucher mit seinem
ige untersucht, indem er die Blickrichtung des Kranken zum r. Ohr hin
ien lässt, so muss bei der Untersuchung des linken Auges die Blickrichtung
I. Ohr genommen werden und mit dem linken Auge die Beobachtung
icht werden, da sonst Fehler bis zu 4 und mehr Dioptrien entstehen
en.
Heft 20. Marg. C. M. Smid: Das Krankheitsbild der akuten Peritonitis
1 Säugiing.
Das Krankheitsbild weicht wesentlich von dem bei älteren Kindern ab.
lieh regelmässig besteht Erbrechen: häufig Durchfall, aber auch normaler
und Verstopfung kommen vor. Fast immer war Meteorismus vorhanden,
lerzhaftigkeit fehlte oft. Häufig konnten Eiweiss und Leukozyten im Urin
iden werden.
P. R. Michael: Ueber die Behandlung des Empyems.
Verf. empfiehlt die Drainage nach B ü 1 o w, wenn nötig mit künstlicher
ugung des Eiters.
D. E. Schonten: Ueber Insulin und Cyclopteius lumpus.
Verf. fand, dass dieser Fisch, der hauptsächlich im Frühjahr an der Nord-
iste vorkommt, ein Organ zwischen Leber und Pankreas besitzt, das
liaus aus Langerhans schem Gewebe zu bestehen scheint. — Bei der
! uerigkeit, welche die Gewinnung von Insulin bietet, ist diese Mitteilung
icht von Interesse.
Heft 22. T. Mcuwissen und Th. Thuis: Behandlung von Luiigcn-
ngen mit Milchklysmen.
Einlauf von 250 — 300 ccm Milch mit und ohne gleichzeitige Gelatineein-
’utig kann nicht als sicherwirkendes Mittel angesprochen werden.
LP. Hosste e: Ueber die Behandlung chronischer Gelenksentziindungcn
^anarthrit „Heilrier“.
Bei Arthritis deformans war das Medikament so gut wie wertlos. KI.
10.11
Vereins- und Kongressberichte.
Altonaer ärztlicher Verein.
(Offizielles Protokoll.)
S i t z u n g v o m 23. M a i 1923.
Herr Carl B r u e k berichtet über seine seit ca. 2 Jahren ausgefiihrti.il
Untersuchungen über die therapeutische Wirkung voll Silbersalzen der Zyail-
gruppe bei Gonorrhöe. Ani meisten hat sicli ein ca. 54 Proz. Silber ent¬
haltendes Doppelsaiz bewährt, das von der Firma Teicligraeber, Berlin unter
dem Namen Acykal in den Handel gebracht wird. Das Präparat ist seit
IX Jahren an der dermatologischen Abteilung mit bestem Frfolgc in An¬
wendung. Seine grossen Vorteile gegenüber anderen Silberverbindungen be¬
stehen darin, dass die Lösungen des krystallinischen Körpers völlig farblos,
mizersetzlicb und lichtunempfindlich sind, so dass die Unangenehme Ver¬
färbung der Haut und Beschmutzung der Wäsche vollkommen vcrirtiedcn wird.
Da das Acykal ferner in Verdünnungen von 1 : 10 000 — 1 : 3000 angewendet
wird und der therapeutische Effekt der Lösung 1:10 000 etwa dem einer
X proz. Silbereiweissverbindung entspricht, bedeutet das Präparat eine ganz
erhebliche Verbilligung der Silbertherapie bei der Gonorrhöe, ein Punkt, der
hpte sowohl in der Privatpraxis, als ganz besonders im Krankenhausbetrieb
eine grosse Rolle spielt.
Herr Reh der: Die Hypnose als akuter hysterischer Affcktreflex.
Jeder Affekt ist nicht nur von körperlichen Affektrcflexen begleitet,
sondern auch mit der Fähigkeit verbunden, die intelektuelle Kritik im Sinne
des Affektes zu beeinflussen. Im Affekt besteht dadurch eine auffallende Ge¬
bundenheit der drei Faktoren Affekt, Kritik und Körper aneinander, eine Ge¬
bundenheit, in welcher alle Faktoren gleichwertig sind und sich in gleichem
Maasse beeinflussen. Das Resultat der gegenseitigen Beeinflussung nennt
man subjektives Befinden. Für das Zustandekommen der Hypnose bezeichnet
Reh der nun als Vorbedingung die Erweckung starker Affekte sowie die
affektive Ladung der Versuchsperson. Diese erfolgt a) durch die Lehre von
der mystischen Seelenkraft des Hypnotiseurs, b) durch den Aufbau des hypno-
tropen Milieus, c) durch die hyönotropen Persuasionen des Hypnotiseurs.
Durch die Affektladung werden in der Versuchsperson im entscheidenden
Augenblick körperliche Affektreflcxe erzeugt, welche die Person für hypno¬
tische Einwirkung hält. Diese Missdeutung erzeugt Gläubigkeit an die be¬
ginnende Unterlegenheit und Abhängigkeit vom Hypnotiseur (den endogenen
Komplex). Die Person hypnotisiert sich selbst durch affektive Gläubigkeit.
Der Hypnotiseur ist nicht Ursache, sondern Mittel zur Hypnose; er kann
durch jede beliebige Staffage ersetzt werden, wenn die Versuchsperson nur
daran gläubig gemacht ist. R e h d e r macht darauf aufmerksam, dass die
psychologischen Mechanismen der Hypnose die gleichen seien, wie beim
akuten hysterischen Anfall. Er schliesst daraus: die klinischen Phänomene
der Hypnose sind akute hysterische Affektreflexe einer suggerierten Neurose.
Herr Schröder gibt Erläuterungen zum neuen prcussischen Heb-
a inmengesetz.
Aerztlicher Bezirksverein Erlangen.
Sitzung vom 26. Juni 1923.
Herr Graser:
Vortr. berichtet zunächst über die sehr schwierige Entfernung eines
Milztumors, der ganz zwischen den Blättern des Mesocolon transversurn und
descendens sich entwickelt und in verhältnismässig kurzer Zeit zu der Grösse
von 5 Pfd bei vorhandener Leukopenie ausgebildet hatte, und bespricht die
grossen Probleme, die heute noch in Bezug auf die Milzpathologie
bestehen, namentlich über das seltene Vorkommen einef echten Banti¬
schen Krankheit, als welcher der Fall der Klinik zugegangen war.
Dann gibt er einige grundsätzliche Auseinandersetzungen über die Patho¬
logie und Klinik des Ileus, bespricht 2 sehr interessante Fälle von Ileus,
von denen der eine nach einer Gastroenterostomie mit etwas
längerer Schlinge durch Durchschlüpfen des ganzen Dünndarms von rechts
nach links entstand und durch nachträgliche Verschliessung aller Lücken zur
Heilung gebracht war.
Ferner einen Fall von enormer Gasblähung des Querkolons nach einer
Magenoperation mit winkliger Abknickung an der Flexura coli sinistra, die
durch eine Appendikostomic ohne weiteren operativen Eingriff zur Heilung
gelangte. Es muste doch wohl eine Achsendrehung des Querkolons bei
völlig normalem Wundverlauf angenommen werden.
Endlich 3 Fälle von angeborenem Darmverschluss bei je 3 Tage alten
Kindern: eine sehr hochsitzeiide Atresia recti, die durch Plastik ge¬
heilt wurde, zweitens eine bis in die Kreuzbeinhöhlung beraufreichende
Atresie mit Ausmündung in die männliche Urethra, und endlich einen ganz
seltenen, äusserst komplizierten Fall von angeborenem Verschluss
mit Achsendrehung des ganzen Dünndarmes um 720 °,
bei welchem das untere Ende des Dünndarms dick angefüllt, vollkommen
frei endigte und der Dickdarm ih normaler Weise ausgebildet war,
auch einige Zentimeter Iieum diesseits der B a u h i n sehen Klappe mit
vollkommen blindem Abschluss vorhanden war. Zwischen dem stumpfen,
posthornartig aufgetriebenen oberen Ileumende und dem Stumpf an der Ein¬
mündungsstelle in den Dickdarm bestand nicht die geringste bindegewebige
Verbindung, sondern es war eine völlige Unterbrechung vorhanden, wofür
in der Literatur, die ja an angeborenen Atresien des Dünndarms ziemlich
reichhaltig ist, bisher ein Beispiel sich nicht auffinden Hess.
Aussprache: Herren Busch, Knorr, Hauser.
Herr Knorr: Mitteilungen über zerebrale Spätfolgen nach Infektion mit
dem Pfeifferschen Innueuzabazillus bei Meerschweinchen.
Seit-X Jahr wurden gemeinsam mit Herrn Dr. Wissmann der sog.
Koch-Weeks-Bindehautkatarrh (Augengrippe) studiert. An bis jetzt 60 Rein¬
kulturen von Koch-Weeks-Bazillen wurde festgestellt, dass sie sich mit den
derzeitigen Untersuchungsmethoden nicht von den Influenzabazillen unter¬
scheiden lassen, auch nicht im Tierversuch, wie Versuche an Kaninchen,
Meerschweinchen und Mäusen ergaben. Alle Stämme zeigen grosse Giftig¬
keit (Endotoxine). Die Virulenz der Stämme ist vor allem abhängig vom
Alter der Kultur und der Generation und lässt sich durch Tierpassagen
beträchtlich steigern. Besonders deutlich ist die Endotoxinwirkung bei
itrp. Injektion, gleichgültig, ob lebende oder bei 56° abgetötete Stämme
verwendet werden. Die Tiere gehen an einer ausgesprochen toxischen
Peritonitis ein. Es war nun aufgefallen, dass einige dieser Tiere (mit
1034
Nr. 31.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
lebenden Influenzabazilien, lebenden und toten Koch-Weeks-Bazillen geimpft),
die die Impfung vor 4 — 5 Monaten überstanden hatten, nervöse Störungen
aufwiesen. Man kann z. B. die Tiere auf den Rücken legen und weder*
durch Geräusch, Feuer usw. sie aus dieser Lage bringen. Die Tiere ver¬
harren in den widernatürlichsten Stellungen solange, bis sie durch Ver¬
lagerung des Schwerpunktes ihres Körpers in eine andere Stellung fallen.
Stellt inan die Tiere mit gesunden in eine Reihe und führt Futter vorbei, so
bringen diese Tiere nicht den Impuls im Gegensatz zu den gesunden auf,
nach dem Futter zu schnappen. Es würde zu weit führen, die weiteren
Experimente, die mit diesen Tieren anzustellen sind, aufzuführen. Aus diesen
Befunden etwa zur Aetiologie der Encephalitis lethargica Schlüsse zu ziehen,
wäre voreilig. Mikroskopische- anatomisch-pathologische Befunde und
weitere Versuche müssen Klarheit bringen. Immerhin schien es wichtig auf
die auffälligen Störungen bei Tieren mit einer derartigen Vorgeschichte hin-
zu weisen.
Herr Dyroff: Praktische Ergebnisse vom letzten Gynäkologentag.
Aussprache: Herr Hauser.
Medizinische Gesellschaft Göttingen
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom i7. Mai 1923.
Vorsitzender: Herr S c li u 1 1 z e. Schriftführer: Herr v. Gaza.
Herr heubner demonstriert den Universal-Indlkator der British Drug
Houses in London, der in dem Bereich von PH = 4 bis PH — _ lü die Farben
(.es Spektrums von Rot bis Violett zeigt mit dem Neutralpunkt PH — 7
an der Grenze von Gelb und Grün.
Herr L 1 c h t w ä t z - Altona: Ueber Unterernährung. Ausgedehnte, in
den letzten Jahren durchgeführte klinische und anatomische Untersuchungen
haben ergeben, dass durch chronische Unterernährung alle endokrinen Drüsen
tiefgreifende Veränderungen erfahren. Am frühesten und schwersten leidet die
Schilddrüse. Es wurde auch Hungertetanie und Hungerdiabetes beobachtet.
Beträchtlich sind ferner die Veränderungen des Magendarmkanals. Inazidität
des Magens findet sich regelmässig. Insuffizienz der äusseren Pankreas¬
sekretion bisweilen. Im Kreislaufsystem überwiegen die Schädigungen der
kleinen und kleinsten Gefässe (Neigung zu Hämorrhagien und zu Oedem).
Von seiten des Nervensystems kam Polyneuritis (Neuromalazie) zur Be¬
obachtung. Eine konstante Veränderung des Blutes ist die Lymphozytose.
Anämie ist nicht regelmässig. Die Blutmenge ist vermehrt, nicht nur in Be¬
ziehung zu dem durch Fettverlust verminderten Körpergewicht, sondern ab¬
solut. Es besteht Hydrämie und Hypalbuininose. Das Skelett zeigt, zumal
bei Frauen, auch klinisch leicht nachweisbare Osteoporose. Ursache der
Veränderungen der sezernierenden Parenchyme ist der Mangel der Kost an
vollwertigem Eiweiss.
Herr Hauberrisser: Einige Beobachtungen und therapeutische Er¬
fahrungen bei der sog. Alveolarpyorrhöe.
Vortr. bespricht eingangs den derzeitigen Stand der Alveolarpyorrhöe-
forschung und erläutert das Hauptcharakteristikum der Erkrankung: die Zer¬
störung von Gewebssubstanz unter Umwandlung in Granulationsgewebe.
Die Aetiologie der Erkrankung ist noch nicht geklärt. Einerseits werden
lokale äussere Schädigungen allein, anderseits eine primäre Atrophie des
Alveolarfortsatzes, hervorgerufen durch konstitutionelle Momente, für das
Zustandekommen verantwortlich gemacht. Beobachtungen, dass bei jugend¬
lichen Diabetikern in 90 Proz. der untersuchten Fälle röntgenologisch
eine primäre Alveolarknochenatrophie feststellbar war, ferner, dass be¬
stehende Alveolarpyorrhöe in mehreren Fällen durch Thyreoidin gün¬
stig beeinflusst wurde, bestärken Vortr. in der Annahme, dass konstitutionelle,
namentlich auch innersekretorische Momente einen wesentlichen Einfluss auf
die Entstehung der Erkrankung ausüben. •
Bei Besprechung der therapeutischen Methoden streift Vortr. eigene Ver- .
suche den Knochendefekt durch ein Transplantat zu decken; die gleichzeitig
und unabhängig von Hegedüs - Pest vorgenommenen, ähnlichen Eingriffe
werden erwähnt.
Verein der Aerzte in Halle a. S.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 27. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr F i e 1 i t z. Schriftführer: Herr Grote.
Herr Seil heim: Zerstückelung grosser Myome auf vaginalem Wege.
Die Indikation für das technisch etwas gewagte Morcellement des Myoms
auf vaginalem Wege ist gegeben in Fällen, in welchen das abdominale Ope-
•rieren gefährlich und das Röntgenverfahren aussichtslos erscheint.
Eine solche Zerstückelung sollte eigentlich der Geburtshelfer machen. Sie
legt ihm, weil das Gesetz, nach dem das Morcellement am besten vorgenommen
wird, mit dem Grundsatz übereinstimrnt, nach dem die normale Geburt und die
pathologische Geburt abläuft, sowie alle Geburtshilfe sich richtet: nämlich nach
dem Gesetz vom kleinsten Zwang, das auch einen Teil nach dem anderen,
eine Kopfhälfte nach der anderen usw. zur Geburt kommen lässt. In ähnlicher
Weise erleichtern wir uns die Uterusexstirpation durch mediane Sagittal-
spaltung und Versorgung einer Hälfte nach der anderen und Herausholen
eines Myomstückes nach dem anderen.
Solche Fälle sind nicht nur für den Gynäkologen der die Operation aus¬
führen muss, von Interesse, sie haben auch für den Praktiker eine besondere
Bedeutung. Denn niemand anders als der vorbehandelnde Arzt hat es bis zu
einem gewissen Grade in der Hand, ob wir auf dieses schwierige Verfahren
zurückgreifen müssen, oder technisch leichtere Eingriffe vornehmen können.
Hinweis auf die Wichtigkeit und Unerlässlichkeit der gynäkologischen
Untersuchung in der Praxis bei allen Formen von Anämie nicht nur bei
den auf Karzinom hindeutenden Symptomen. .
Wir haben so grosse Fortschritte in der Technik der Operation von oben
her gemacht, dass man sich im allgemeinen, wenn man zwischen vaginalem
und abdominalem Vorgehen wählen kann, dem vaginalen Verfahren immer
mehr abgewandt hat. Und doch lässt sich nicht leugnen, dass ein gewaltiger
Unterschied zwischen vaginalem und abdominalem Operieren zu gunsten des
ersteren Verfahrens besteht. Die Operation von oben stellt an den Gesamt¬
organismus grosse Anforderungen, welche beim Operieren von unten weg¬
fallen. Die Beckenhochlagerung, die breite Berührung mit Darm und Peri¬
toneum greifen an. Nach vaginaler Operation verhalten sich die Kranken in
dieser Richtung fast, als ob überhaupt nichts vorgefallen wäre. Die Körper¬
funktionen, insbesondere die Bauchfunktionen, sind entweder gar nicht gestört,
oder kommen rasch und ohne Beschwerden wieder in Gang. Die Laparotomie
stellt viel grössere Anforderungen an den Betrieb des Organismus.
Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Gesichtspunkt sich gerade heutzutage
uns aufdrängt. Die Zeit des Kummers und der Sorge, mit Strapazen, in steter
Gesellschaft mit der chronischen Unterernährung richtet das Organ, von dein
wir während und nach unseren Operationen die grösste Widerstandskraft
erwarten, das Herz, in viel höherem Grade zugrunde, als wir das in guten
Zeiten zu sehen gewohnt waren. Dieser Zustand vermag bei der Wahl des
Operationsweges, wie auch bei anderen Gelegenheiten, z. B. zum Entschluss
zur künstlichen Unterbrechung der Schwangerschaft *) die Indikationsstellung
zu verschieben. Das ist der Grund, warum ich heute wieder mehr und
mehr der vaginalen Operation den Vorzug vor der abdominalen zu geben
geneigt bin. (Erscheint ausführlich in der Klinischen Wochenschrift.)
Besprechung: Herr V o 1 h a r d.
Herr Graefe: Ein junges Mädchen war lange Zeit wegen „Blutarmut
mit Eisen und Arsen behandelt. Die Ursache der Blutarmut fand sich aber
in äusserst profusen, häufigen Menorrhagien. Untersuchung ergab ein kinds¬
kopfgrosses, submuköses Myom. Dies wurde durch Zerstückelung entfernt.
Schnelle Erholung. Später Heirat und Gravidität. Schwangerschaft verhet
normal. In der Nachgeburtsperiode schwere Blutung. Placenta accreta
musste manuell gelöst werden. Im Anschluss an den Eingriff. Sepsis, Tod.
In einem im Vorjahr mit Enukleation von der Scheide aus behandelten l all
von grossem, submukösem Myom wegen profuser Blutungen trat nach Ent¬
fernung der Geschwulst aus dem, einem schlaffen Sack^ gleichenden, Uteruu
eine sehr starke Blutung ein. Nach Auswaschen der Gebärmutterhöhle nili
Papaverin, Ergotin- und Pituglandolinjektion und Tamponade stand sie zu¬
nächst vollständig, kehrte aber nach 5 Stunden wieder, so dass schleunige
der Uterus exstirpiert werden musste. Die Kranke genas. Graefe hat voi
Jahren in einer Arbeit die vaginale Enukleation submuköser Myome warn
empfohlen. Auf Grund dieser beiden Fälle möchte er das heute nicht mehi
tun. Bei solch grossen Tumoren ist wegen der unübersehbaren Folgen de:
vaginalen Totalexstirpation mittels Zerstückelung der Vorzug zu geben. Das:
die vaginale Methode der abdominalen mit Rücksicht auf Anämie, Herz etc
vorzuziehen sei, bezweifelt' Graefe. Er hat bei geeigneter Vorbereituni
(Digitalis etc.) keine Schäden der abdominalen Methode gesehen. «
Herr S e 1 1 h e i m: Die Myomenukleation ist eine Notoperation. Es kam
danach freilich in mittelbarem oder unmittelbarem Zusammenhang mit de
Operation mancherlei passieren. Es bleibt eben doch ein geflicktes und mehi
oder weniger krankes Organ zurück. Oft sind wir aber genötigt, den Kranke j
zulieb, die gerne Kinder haben wollen und bereit sind, dafür ein gewisse
Risiko zu übernehmen, zu willfahren und diese konservative Myomoperatio
auszuführen Wenn ich die Enukleation in Erwägung ziehe (es gibt Grenzfälk
in welchen man nicht mit Sicherheit versprechen kann, ob man zum Nutze
der Kranken noch konservativ verfahren darf), wähle ich mit Vorliebe -de
Weg von oben. Man hat dann den besten Ueberblick über den Zustand de
ganzen Organes und kann am besten abwägen, ob eine Enukleation noch Sin
hat, oder im Interesse der Kranken besser darauf verzichtet wird. J
Meine Bemerkungen bezogen sich auf die Totalexstirpation des Uteru
Und da stehe ich gerade heute auf dem Standpunkt, dass das Operiere
von unten ungleich schonender ist, als von oben . Es entfällt die Bechenhocl
lagerung, die breite Berührung mit Bauchfell und Därmen. Die geringere Bt
lastung des Gesamtorganismus fällt in unserer heutigen Zeit der chronische
Unterernährung usw. ganz besonders in die Wagschäle. Die Herzstärkung
mittel wende ich auch an. Das beste Herzmittel ist aber, den vaginalen Mt
dem abdominalen vorzuzieheti.
Herr Sellhelm: Ein einfacher Tubenschneuzer.
Vorführung und Beschreibung des äusserst einfachen Instrumentes au
führlich in dem Aufsatze: Ein einfacher, zuverlässiger und ungefährlbhi
Tubenschneuzer; Zbl. f. Gyn. 1923) — Bezugsquelle C. Köhler, Halle a. 1
Gr. Steinstr.. 9.
Bericht Uber eine Reihe von klinischen Versuchen und Beobachtunge
welche die diagnostische und therapeutische Verwendbarkeit vor Aug(
führen. Sichere Feststellung der Tubendurchgängigkeit oder Nichtdurc
gängigkeit, sowie des Grades der Durchgängigkeit. Dadurch Grundlai
für die Sterilitätsbehandlung gegeben. Vielleicht therapeutischer Effekt
der Sterilitätsbehandlung durch Schneuzen der Tuben, ähnlich wie Zervi
dilatation und Spülung am Uterus wirkt. Aufhebung der durch Schwellun
Schleimklümpchen, leichte Verklebung bedingten relativen Eileiterverschlüss
Genaue Feststellung der Verschlusswelle bei Salpingostomie am offen'
Bauche. Offenhalten der künstlich geschaffenen Tubenöffnung durch Katgi
docht und Nachbehandlung mit Tubenschneuzen. fl
Der Gedanke, etwa durch gewaltsames Sprengen des Tubenverschltissf
mittels exzessiver Steigerung des Luftdruckes eine brauchbare Tubenöffnu:
herzustellen, muss fallen gelassen werden, schon weil die Tube nicht 1
platzt, wo wir es wünschen — nämlich nach der freien Bauchhöhle zu -
sondern nach der schwächsten Stelle, welche der Bauchfellverstärkung er
behrt, zwischen die Platten des Ligamentum latum, womit natürlich nie!
gewonnen ist.
Die Verschleppung von Keimen aus der infizierten Uterushöhle ist, ^
durch Experimente nachgewiesen wurde, möglich. Das Verfahren ist dah
auf die nicht infizierte und auch nicht einmal infektionsverdächtige Uteri
höhle zu beschränken. 1
Herr K n e 1 s e zeigt einen sehr grossen Blasenstein, der jahrelang
der Blase undiagnostiziert gelegen hatte und eine ungewöhnlich grosse P'
stata. die einem 77 jährigen Manne mit gutem Erfolge exstirpiert worden i
Herr Hassen camp: Ueber die P o n n d o r f sehe Impfung.
Wir sind in der spezifischen Behandlung der Tuberkulose über c
K o c h sehe Tuberkulin kaum wesentlich hinausgekommen. Es tauchen vj
Zeit zu Zeit Modifikationen auf, deren Entdecker jedesmal behauptet, _ jetzt c
Heilmittel gegen Tuberkulose gefunden zu haben. Seit einiger Zeit ist '
P o n n d o r f sehe Methode in Mode gekommen und hat speziell unter c
praktischen Aerzten grosse Verbreitung gefunden. Ponndorfs Prto
ist das einer aktiven Immunisierung durch die überragende Stellung der Ha
Manche klinische Beobachtungen, vor allem in der Dermatologie, aber ai
in der inneren Medizin sprechen für eine gewisse Rolle der Haut bei <
Immunität; doch dürfte dieselbe nur eine Teilrolle sein, -die sie mit dem Bl
der Lymphe und den Geweben gemeinsam hat. Experimentell haben s
*) Seil he im: Zur ärztlichen Schwangerschaftsunterbrechung. M.m-
1923 H. 17.
lugust 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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rhaupt noch keine greifbaren Beweise für die Sonderstellung der Haut
mgen lassen. Die Frage der aktiven Immunisierung ist durch die For-
ng der letzten Jahre entschieden; es lässt sich durch kein Tuberkulin-
iarat und auf keine der verschiedenen Applikationsweisen eine aktive
unisierung erzielen. Somit lässt sich Ponndorfs Grundidee in keiner
<e mit den objektiven Tatsachen vereinbaren. Mitteilung von über
Fällen von Tuberkulose, die mit dem Mittel behandelt wurden; es liess
keine andere Wirkung erzielen, als durch die sonstigen Tuberkulin-
arate auch. Bei anderen Krankheiten, den „Mischinfektionen" Ponn-
f s, war kein Eflekt festzustellen. Das Gesamturteil muss daher lauten,
dem Ponndorf sehen Verfahren gewiss nicht jede Wirksamkeit ab¬
rochen werden soll, dass ihm aber ebensowenig eine Sonderstellung zü¬
rnt. Am schärfsten zu beurteilen ist Ponndorfs Buch: es fehlt ihm
Kritik und Objektivität. Fast alle Krankheiten werden als Tuberkulose
als Mischinfektion angesehen und sollen durch die Impfung geheilt werden,
mitgeteilten Krankengeschichten mangelt jede Beweiskraft.
Besprechung; Herr Grund.
Herr Volhard; Mit der absprechenden Kritik im allgemeinen »in-
i tanden. Nur scheint die Impfung nach Ponndorf bei kümmernden, erst
|it tuberkulösen kleinen Kindern einen recht guten Einfluss zu haben. Die
I äne sind Fälle, die positiv reagieren, aber noch nicht klinisch krank sind.
Herr Jastrowitz konnte einen Fall mit ausgedehnter phlegmonöser
ündung_ der grossen Impffläche beobachten. Die „Erfolge“ der Impfung
i .inspezifischen Erkrankungen erklären sich zwanglos vom Standpunkt der
i ezinschen Reiztherapie — da jedes Tuberkulin gewisse Mengen Eiweiss
alt. Der V ersuch, die verschiedenartigsten Krankheiten (Psoriasis. Base-
I durch Tuberkulose zu erkären. ist vor Ponndorf bereits von M e n -
vergeblich gemacht worden.
Herr K n e i s e.
Herr Stöltzner; Tuberkulinpositive Kinder braucht man nicht nach
iindorf zu behandeln. Sie gedeihen ausgezeichnet durch eine richtig
I tete perkutane Tuberkulinbehandlung. Dabei werden auch die schädlichen
Lmeinreaktionen erspart.
Herr Kochmann: So wie sich Herr Volhard die Wirkung des
hrkulins vorstellt, so muss man sich auch die Wirkung von Arzneimitteln
Ihaupt denken, sofern sie nicht lediglich symptomatisch wirken. Eine
i'e Hyperämie im Sinne Biers, eine besondere Empfindlichkeit kranker
i wenigstens vom regelrechten Verhalten abweichender Organe eröffnen das
itändnis für Arzneimittelwirkung, wie sie von Hugo Schulz in Greifs-
: vor mehr als 40 Jahren ausgesprochen worden sind. Diese Anschau-
|n gewinnen immer mehr und mehr an Boden und werden auch praktisch
lutungsvoll werden.
Herr G e 1 1 h o r n: Beiträge zur Schilddriisentheorie.
Bericht über mit Abderhalden durchgeführte Versuche, in denen
| is Befund, dass durch Schilddrüsenextrakte die Erregbarkeit der Sym-
I kusendapparate im Herzen zunimmt, am Herzstreifen nach Löwe nach-
I aft wurden. Nicht allein Optone aus Thyreoidea. Thymus, Hypophyse.
I , Testis und Corpus luteum erhöhen die Erregbarkeit für Adrenalin, son-
I ebenso auch die Aminosäuren Glykokoll. Tyrosin und Alanin. Durch
I ne. die in an sich unwirksamen Mengen gegeben werden, lässt sich
l enalin noch in einer Verdünnung von 1 : 250 Millionen nachweis»-'. Die
i i sehe Reaktion ist also für Schilddrüsensekret nicht spezifisch.
Auch die Reaktion von R e i d Hunt ist insofern unspeziiisch. als die
ittenzsteigerung gegen Azetonitril nicht allein durch Vorbehandlung mit
ddrüsenextrakten. sondern auch mit dem Opton aus Hypophyse und
: s gelingt. Im thyreopriven Zustand ist die Resistenz gegen Azetonitril
i indert, dagegen gegen Zyankali und Propionnitril erhöht. Das völlig ver-
I dene Verhalten thyreopriver Mäuse spricht durchaus gegen die Ent-
hgstheorie. Die vermehrte Resistenz gegen Zyankali wird nicht nur an
|:odektomierten. sondern auch an kastrierten Mäusen beobachtet und auf
'd des verminderten Sauerstoffbedürfnisses erklärt. Die Schilddrüse ent-
I also neben spezifischen auch unspezifische Inkrete, die durch Inkrete
irer Organe ersetzt werden können.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 20. Juni 1923.
Herr Goebel; Erfahrungen mit der D e g k w 1 1 z sehen Masernpro-
!ixe.
Völlige Uebereinstimmung mit den Angaben von D e g k w i t z. Die
:en Beobachtungen zeigen, dass Rekonvaleszentenserum von Säuglingen
!ger zuverlässig schützt als das von älteren Kindern (schlechtere Anti-
i.'rbildung?) und dass die Immunisierung vor erfolgter Infektion nur einen
) vorübergehenden Schutz gewährt, wohl deswegen, weil sie rein passiv
: Empfehlenswert ist die Verwendung von Zitratblut, weil dabei gar keine
liste entstehen und jede technische Unbequemlichkeit vermieden wird.
Herr Berblinger: Pathologisch-anatomische Demonstrationen.
L Hyporaelie. Der Vortragende zeigt die Leiche eines neugeborenen
ien. dem die beiden unteren Extremitäten, die rechte obere Extremität
I: zu fehlen scheinen, während von der linken oberen Extremität ein 5 cm
$ Humerusstück vorhanden ist. Das Röntgenbild lehrt, dass die Wirbel-
i. die Rippen, Schulter- und Beckengürtel vollständig angelegt sind, links
l ein knorplig präformierter Gelenkkopf im Hüitgelenk sich findet. Andere
inmissbildungen fehlen. Der Arzt machte die Angabe, dass bei der
rt dieses 5. Kindes bei der Mutter eine auffallende Oligohydramnie fest¬
st werden konnte. Vortragender verweist darauf, dass eine amniogene
nldung nicht in Frage kommt, da Missbildungen gleicher Art bei den
en Kindern nicht vorhanden 'waren, vielleicht doch eine mechanische
ehung der Extremitätendefekte anzunehmen ist. bedingt durch den Frucht-
;rmangel. Bei der physiologischen Entwicklung der Extremitäten gehen
ber-en den unteren etwas in der Ausbildung voraus. Vortragender zeigt
m einem 6 Wochen alten menschlichen Embryo, dessen Handplatte schon
;Hert, dessen Fussplatte noch ungegliedert ist. So verstehen wir. dass
hokomelie bzw. Hypomelie der stärkere Defekt an den unteren Ex¬
täten sich findet, sofern für derartige Strahldefekte nicht endogene Fak-
• sondern^ mechanische Momente ursächlich eine Bedeutung besitzen.
Tuberöse Hirnsklerose und Rhabdomyome des Herzens. Klinisch
man bei dem Neugeborenen mit zerebraler Diplegie an eine intrakranielle
n? als auslösende Ursache gedacht und eine operative Aufklappung
mken Schläfenbeinschuppe als druckentlastende Operation vorgenommen.
Im Alter von 4 Monaten starb der Knabe an einer Lungenentzündung. Die
Sektion ergab das Vorhandensein einer tuberösen Hirnsklerose, ferner einen
Hydrocephalus congenitus externus wie internus. Nur das Grosshirn zeigt
die bekannten histologischen Veränderungen. Ueber den Befund am Rücken¬
mark wird weitere Mitteilung an anderer Stelle erfolgen. In der Wand des
linken \ entrikels und im Kammerseptum gelegene, gelbweisse, bis haselnuss¬
grosse Knoten erwiesen sich als Rhabdomyome, aus sarkoplasmareichen, mit
eigenartigen Plasmalücken ausgestatteten Elementen aufgebaut. Glykogen
konnte nicht festgestellt werden.
1 uberöse Hirnsklerose, bei Knaben ungleich häufiger als bei Mädchen,
ist oft kombiniert mit Rhabdomyomen, ferner mit Mischgeschwülsten der
Niere (H a n s e r) und einem Adenoma sebaceum der Haut. Lezteres ge¬
stattet bei bestehenden zerebralen Symptomen manchmal schon klinisch die
richtige Diagnose zu stellen.
3. Vortragender demonstriert zwei Beobachtungen von fibrösem par¬
tiellem Herzaneurysma. Beide sind entstanden auf dem Boden ischämischer
Herzmuskelinfarkte, bedingt durch hochgradige Koronarsklerose.
Der Ansicht, dass eine syphilitische Veränderung der Kranzarterien die
häufigste Ursache des angiogenen. partiellen Herzaneurysmas wäre
(M. Sternberg) kann Vortragender nicht beipflichten, ebenso findet er
anatomisch nicht die Angabe bestätigt, dass im Anschluss an eine angiogene
Myomalazie sich stets eine umschriebene Perikarditis entwickeln soll.
4. Vortragender zeigt einen Fall ausgedehnter Lungenzerreissung, ent¬
standenen bei einem 13 jährigen. von einem Automobil überfahrenen Knaben.
Der Entstehungsmechanismus der Lungenzerreissung wird besprochen und eine
Beobachtung eines totalen Abrisses des linken Stammbronchus gezeigt.
5. Ferner zeigt Vortragender die Lunge eines 53 jährigen Porzellan¬
arbeiters mit überfaustgrossen Emphysemblasen. Es konnte eine Pneumo¬
koniose anatomisch nachgewiesen werden und Zeichen chronischer Bronchitis.
Erörtert werden die Ansichten über die Pathogenese des Lungen¬
emphysems. die bedeutungsvollen Untersuchungen Loeschkes.
6. Angborene Brochniektasen, sogen. Sacklunge.
Im Spitzenteil des linken Oberlappens wurden bei einem lK jährigen,
an ausgedehnter azinöser Pneumonie verstorbenen Mädchens 3 glattwandige,
mit dem Bronchus nicht kommunizierende Höhlen gefunden. Ihre Wand ent¬
hält elastische Fasersysteme, glatte Muskulatur, grosse Gefässe. Die Innen¬
bekleidung bildet zweizeiliges Zylinderepithel.
Danach müssen angeborene Bronchiektasen angenommen werden; klinisch
j wurde amphorisches Atmen über den Höhlen bemerkt.
7. Partielle Ossifikation der Bandscheiben mit Versteifung der unteren
i Brustwirbelsäule ohne Kyphose.
Differentialdiagnostisch werden besprochen die Genese dieser Wirbel¬
säulenversteifung und derjenigen Form, die als Spondyloarthritis ankylo-
poetica bezeichnet wird.
8. Schliesslich demonstriert Vortragender ausgedehnte Metastasen eines
osteoplastischen Karzinoms in die Wirbelsäule bei primärem Prostatakrebs.
Ada S t ü b e 1: Ueber anämische Spinalerkrankungen.
Bericht über einen im Pathologischen Institut Jena obduzierten Fall von
funikulärer Spinalerkrankung im Gefolge einer perniziösen Anämie, der insofern
einige Besonderheiten bot, als klinisch eine motorische Paraparese der Beine
mit Atrophie von Anfang an das Bild beherrschte, ohne Sensibilitätsstörungen
und nachweisbare Ataxien, während die histologische Untersuchung eine aus¬
gedehnte Zerstörung der grauen Substanz des Rückenmarkes, besonders der
Hinter- und Seitenstränge, und eine Degeneration mit Verfettung der Vorder¬
hornganglienzellen vorlag.
Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 14. Mai 19?3.
Vorsitzender: Herr Gaben. Schriftführer: Herr Jungblut h.
Herr F. Cahen: Chirurgische Demonstrationen.
a) Exstirpierte Tunica vaginalis communis tuberculosa. 18 jähriger frisch
aussehender Bursche vom Lande, ohne nachweisbare Erkrankungen der
Brustorgane. Faustgrosse Hydrocele communicans. Bei der
Operation zeigt sich ausgedehnte Tuberkulose der Tunica; aus der Bauch¬
höhle fliesst seröse Flüssigkeit ab. Der Finger fühlt im Bauchraum überall
miliare Knötchen auf der Serosa.
b) Kranker mit r. Leistenhoden operiert nach der Hahn sehen Methode
mit Plastik aus der Haut des Oberschenkels. 15 jähriger Junge — Bluter,
wie sich später zeigte — , bei dem nach Herausleitung des mässig entwickel¬
ten Hodens aus dem Skrotum eine sekundäre Blutung in den gedehnten Hoden¬
sack eintrat. Dadurch verzögerte sich die Rücklagerung des Hodens, der
überdies stärker als in sonstigen Fällen anschwoll und so die Versenkung
in das Skrotum unmöglich machte. 11 Tage nach der Primäroperation Bil¬
dung eines gestielten Lappens aus dem r. Oberschenkel (ähnlich dem Vor¬
gehen Katzensteins), der zur Deckung des freiliegenden Hodens über¬
pflanzt wird. Heilung mit schönem Resultat. — C. hat seit langen Jahren
den Leistenboden, sobald er bei der Herablagerung auf Schwierigkeiten durch
den Samenstrang stiess, nach der Methode von Hahn operiert und dabei
durchweg guten Erfolg erzielt. Die Frage, ob diese an normale Stelle ver¬
pflanzten mangelhaft ausgebildeten Hoden zur normalen Entwicklung kommen,
soll demnächst an 14 »eigenen Fällen nachgeprüft werden.
c) 30 cm lange Dünndarmschlinge, operativ vor 3 Tagen gewonnen,
stammt von einem 17 jährigen Mädchen, das seit einem Jahr kränkelt, mit
S kg Gewichtsabnahme. Seit 6 Wochen kolikartige Schmerzanfälle in der
Zoekalgegend. Hier fühlt man je nach der Darmfüllung mehr oder weniger
deutlich eine eigrosse Resistenz. Schwache Blutreaktion des Stuhles bei
normaler Entleerung. Röntgendurchleuchtung lässt bei Kontrasteinlauf am
Zoekum keine Veränderung erkennen. Auf der Platte zeigt sich 18 Stunden
nach Breiaufnahme eine Restfüllung der untersten Ileumschlinge. Bei der
Operation stösst man auf das unveränderte Zoekum; die unterste Ileum¬
schlinge, im Becken leicht adhärent, wird vorgezogen, dabei platzt ein im
Mesenterium der Schlinge sitzender apfelgrosser Abszess mit nichtriechendem
dünnbröckligem Eiter. Die Schlinge selbst ist intensiv gerötet, ihre Wandung
hochgradig verdickt. Resektion der Schlinge, seitliche Einpflanzung des zen¬
tralen Dünndarmendes ins Kolon. — Die pathologische Untersuchung durch
Prof. Dietrich ergab: Verlust der Schleimhaut, statt ihrer Granulations¬
gewebe und Leukozyteninfiltrate, bedeckt von iibrinös-eiterigen Flocken.
Iniilttation aller Schichten, keine Tuberkulose. Mesenteriale Lymphdrüse
mit Abszess.
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die Kranken zar Rrreixhanz ihree
. ... r-r/ .-t;, /,x* fc vt ter.»'ere/ areer dock nickt zaaz BnbfezreHlk.be
r. ■.■,-■ ■• ryt f Y"'.'< -' .s'/ Uzt der Sacke aller rneixt Ursache
Baben, dem Arzt ihre ti
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Avdv.f-'z die ier V/.* rt
Mdor/'d len A«*adjrien. Hex
der
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en, zsrnal dreietben.
w . ^KAea fw.zen worzels». ztbnzt m*% die
. * z!;' ;z r. -.r. d oft ent nach lar.zen and
> ; - . A.'- '.'.z der zr'de ver Lehertre;henzfen
xcfc r df/C.h vor allen lor zen in dem Por.kte
affAf.
£r**kt f(M KJm'ffc /o KHnik wechv;!^
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rzil 4r üriiiKtn 4:ni thtlxliit* \»;rW<hr <tt
xer rr i iaatn wir im priktis^heo Lrben vite .c
-v» Ku*ir cm '»cac nxn >iidi Micke — isie diitii die Freud sc-ie
- , — _ v i, aax in ' de* \aaly>v' NrKhJ vxt und ia:
1 1 Jniiil mg m vmam U<»a Td der Rfc atosbeh. kh habe l«» I
x’ Jeir xjer lik^ichcsr- i iwische« .dtx'au'i'x'r und
i750tre ' anmnc-ud.-’i xac daran*' tunatewesen» dass» je senauer
faksWkRn. M si mehr fcunjf jat Koste» der Suuatto
rnmH‘r^.~~ir~T~TTr .t md dass tu VB irkltchkeit \ieiteicht alle
Sinacimsiigsoiren seieit. _ . , , ,
Man muss 'icrt als*) '^«usst b!<:’?en. dass mit der kuekronrun»;
~ : - arakter nicht viel
- tuiis eurd m» sich W* ™ -
i rat 11I1C der .eccren M:cve für das Interesse am Krank setn naturti
nrrnu le M ;■{ ra deren Bc- in*n~iaz *<t und dass es in anderen ral.»
cmiiuiii < nn tjeciTK' tr»e iu aktiviere», die ün Kranken wieder das
LüTüresse am ' iesun d kch erwecken können.
-■
/.- Verytar.-d.vi r.ytt tr.vs.tr byrr.gtonje die Peycfoe des
t fiBtBtcn 0Mjnid «tadiert werde» mw. dan man nach
ta ode» r.i», vor» dem der Ans ton a itzoz. der ichlicw
//(f Pfade z» dem Interesse am
. y *. 2 Hei spiele Km von CUinckt
*.z o*. • .'otivxSe ffartzaoz rin oev.brlebener Pall en*t»'ipc>tfe sich
• ."/»ri*/ .r>z le*z* - -rde da rin Motiv nicht auf-
-» Ursache o • r hysterischer Charakter
ck jntere*. »ant zb machen, anze
Später stellte
d.r,.- dev.'. oerzier.en in Krankenhäusern den
■ v.kanzen der Kriminaloolizei entz/*zen hatte, I« einem anderen Falle
...;•• • , • ; • .•,.•■■: -. , •. • •: - . * d*. * der. !■■■/'■.■ . ■ / . /
; x . e *v»e.e* ".re .'a.et z. roac.'.e.e, i/ezoze.e. Ms schliesslich htrauskam.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
iEIjener Bericht.)
Sitzunz vom S. Juni 19J3.
p D episch berichtet über einen Fall von Hermaphr
'* icri-ie Knaki wurde weiblich erzogen: er merkte \*or 4
i ’cc Krne tic;er wurde, bekam vor 1 Jahr ein Bärtchen a
~ fy- 3ehaarznsstyx>as des Mons veneris ist männlich. Der
— . £. z„ V- eine deutsche t ilans und ein deutliches 1 *äp3
x* ie- Lnterse *e der (Haas beginnt eine Furche, die in die L rethra
■ ii- Uretkra befinde: sich ein 6 cm tiefer Scheidentrichter.
cann *.;.xer-cits Leätcawien tasten. . -
- x E i * e I s b e r g demonstriert einen Mann, bei dem er im
s 1 - 1 p'esekdM des EUbogengekeakes ausgeführt hat. Vortr. mach'
- - des Gelenkes wegen Fungus und gab dem Kranke»
um gewiss« übermässige Exkursionen zu verhindern,
liierte Herr Gersuny noch Paramninjektionen in die üelenkf
"I I TO- a^— au.;zezeicuneten funktionellen Resultat aui die Para
c .-x:Ir za beziehen ist. lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ca
Tr des Pararüns herausgeeitert ist. Der Kranke meldete
r-,:l Zzs~ creiwHUzen Dienst an der Front, wurde am Fusse verwunden
UI .. V-> a - Id--e si 1 alsbald wieder ein Fungus, der die Pirogo::
Oferatv.n nötiz mac.'.te. Vortr. demonstriert den Kranken wegen des.
.ete» WhMdti Rtsdtatts.
.... y\. Scklesiiter demonstriert einen 47 jährigen Mann mit t
zeteötea laetischea Gelenk serkra»kung. t i
' -r K'zaxt hatte Schmerzen in der Schulter mit nachträglich*
a ,7f~- -r iiä '.sermarm negativ. Vortr. tiess Emplastr. hydrarg.
U - , r-V' i-.e-. Panier auxlegen. Der ausgezeichnete triolc^
,J . vortr. eine Osecksüber-Sahrarsanknr durchzuiühren. Der
_ ' -a-ijL Oer Röntgenbefund ergab später eine typische laei
Srf. dass nach jeder Qiiecksilberinjektion eine
. Tempera« rsteizernng eintrat: die, Temperatur nach den Sahn
- .<• - - betrug ma-.bmal über 39*. Daneben bestanden schwere *
-eak* - D;- Kranke hat dann so weit gebessert die Krankenah
, dass er nunmehr seinem Beruf als Tischler nachgehen ka
- r :r rr.er.r ei le zeringe Einschränkung der Beweglichkeit der linken
vorhanden. _ „ .
Herr \. kkaitz berichtet über einen Fall, den er wegen
ick merzen operiert hat. ...
ein-'.- 4 jährigen Knaben wurde bei der Probelaparotomie Aj
.-■A Jejunum normal befunden, im Jejunum landen sich Askariden in •
Eine .VI jährige Frau, im 5. Monat gravid, erkrankte mit Ko
.... ; g in Die Untersuchung ergab einen bis zum Nabel reic
[ Tmor Md sehr starke Drnckempfindlichkeit in der Oberbauchgegend.
die bloss« Berührung machte Schmerzen. Kein Erbrechen. Bin”
' Unter'. je* eng war möglich, als Vortr. die Kranke zum erstenmal sah.
war «ne präzise Diagnose unmöglich, so dass Vortr. sich entschlos
f «i-*; Vaert zuzuwarten. Als dann die Kranke plötzlich kollabierte,
operert werden, flei der Laparotomie fand man eine ektopische Gra
| in einen-: rupturierten, rudimentär entwickelten Uterushorne. Intrai
Ko. salzmfasion war erfolglos. Die Kranke starb.
Herr J. Schürer: Bekämpfung der Wut bei Hunden.
Vortr tritt für die präventive Impfung aller Hunde ein.
Aus ärztlichen Standesvereinen.
5, Bayerischer Aerztetag.
(Eigener Bericht.)
(Schlusi.)
4 Private Verrechnungsstellen,
O r a f - Gauting stellt sein aus der Standesprcsse genügend
System mit grosser Eindringlichkeit und rednerischer Gewandt
AbcH tr will — wie seine Gegner — teilen Zwang abgelchnt wiss
Bedeutung der Verrechnungsstelle liege einerseits in ihrem Wert
Durchführung der Pensionsverslchtrung, Indem sie eine genauere r.
des Einkommen . und leichtere Abführung der Abzüge zur Folge hätte,
.eits sei die Einrichtung ein Hllfslaktor und ein Ersatz Ihr die ka
liehen Verrechnung.stellen bei einem etwaigen Kasscnstrelk der Aer:
dem die kassenärztlichen Abzüge nicht mehr •tngfngM
In der sich anschließenden lebhaften Aussprache kamen Anhängi
Gegner in gleicher Weise zu Wort und legten Beweis dntüt ab.
Ansichten über den Wert der Einrichtung noch sehr uusalnandcrg
Ein von D e i d c s li e i m e r - Passau begründeter Antrag der
bayerischen Aerztekammi < zerurtcilte h di a ollem-n und verdeckte»
zum Beitritt zur Verrechnung*, .teile. Es würden dadurch /wlstigkeit«
m cs _ :-:csp? MEDtzpiiscKE wochexsctc? r
i •;.?*
-e«. wefche fer Org*insatxa schädlich «m körnten. Aach Stu J*.:
• cTe «eme m der Standes ö-exs« bereit* meftergeiegte gegmtte-.i.gi a.i-
' “ ma* rjm * a—' 1 * Jnd krrtnre ach »emen Aorteii een der Enniimag 1-r
* . ?*ia* mcat wrlgSciu und töne Zwangan— ig
I s fc ;s*et.e rir feg scand selbst sicht von Wert «111. thm seit iss ucä
. 8 • * e * * * Sarifttri. in. Eine besonders scharfe Absage brachte
• Mi- A.mciL der im Hintergründe unmer noch einen v erst eckt -*n
g »Bern sieht.
4Js ein warme- AiUagtr der Edee bekannte sich dagegen 1er Vertreter
-eiprccer »erbamles. Herr Kiiiv. der mitreute. las-: ein Zwang •< n
- - ' . . • - . ■ .-
1 len sich aaenteaneal aas Dr. EngeEberger »w-e.sti.ae 0*5e"-a^
i ; l e . - A*fcerg und D 1 e m - Krczingen. En diesem Bezirksv ere n <-
l UMU aCer i-ese Zwang re:mnr*si.:s lareajefiart. em a günstige- =.n-
| . inf las »erbätans Arzt ad Patent sei niemals za berne'ien gew :-^n.
• ; tjeatei: ua. eu 1-e Kranken TOces A erstandncs Sir i;e V iw -ac rt- -
1 ' nähme
Eae Einijxu fiess sich, natürlich mehr erzielen. doch bestund wen
d ir«- DräeBizfceK. lass ein Zwang Echt ansgsdm: werden du -de In
• ~‘nn,e ^rn-*** »ach der erste Teil des Antrages d.- snede-h »j irischen
. iiixia^ü. trt äcrncn». ii>i» i”.* T* z.**?
• irksvereme. m weichen die Verrechnangisteüe d iräger 'mrt 1 s;cn
t anerkennen c darüber aassprachen ad mit der Se-ge-hng ?enr zufrieden
• cil ’jöw :ni die Venuxngen zuweilen scharf aufeman d; — - ...reu, ti;-
• 1 aerTargeaii bea werden, dass auch dieser Teil der 3eramnt etr :cr-
» lisch verfiel was einerseits der tarne m Len Beaanclmc 1er Frii;
fr- G c a r ra langen war. andererseits der heka nuten gemässigTen and
t.ianten 1 .tart staune- s. sc v etier dieser Tin manenen etwas gg-
1*®" - iiesi -dnung nt to .et k 1 igi— . . c. ad Freundschaft ru¬
ft i-iigung beider Partiien.
. twerte^Tig des Asmetuges. Sonntag der 22.. brachte ce T* a.en_
- *-**" I- - - -CI - - r-:-; - : - b .11;- ; ; ; viel ■- . -
• r‘J* hob Vorsitzenden gewir.c. aucn an hingen neö die Zxs'm.tien-
*L--g des Laadesausschnses mc der Ansscjisse in wesentlicua 11. er-
*irt Nor ein hcchverdieater Man scheide: beenner :. renv eise cas cem
Adesaus^» — 1 ^ s 1 1 Mi 1 n c t - '> ;-n : ■ c 1 : ' - ;
■ lacscnuCT n e r c - Bccnicerg. Als 5era j zum Lemcigir "• sriene ir~L
> -der se.cst tätig sem. wihrenc Minier nur mehr uls Ersacmuco
sein w -±. ^ .c die KrankenkussenkcuimissiüiL ein Ausschuss t'c pi •
• *^Uendir Uichcgätem wird ein Vertreter Vederravins. ad ew.r
#«= I:' ' . • II .7-;. • ' . . - . • . ;
• c c.e Lurrcesausschussw uhlen nn Summernecici Schwu-en w *d ' r-
ftiCt
t l er nächste Punkt der Tagescrinog:
5. Bericht der Krankenkassenkommtssion
; “b-'il-: - i‘-Tr - - - :• • .‘Csw I- - - : .
1. Sc: - : 1 - . .. ..
-*'CCC" I- . CI. C : re. C - I . I — ; I C : ‘ I • . . . I;-
ithru.tis cmner raneameace Bedeatang dec Krunsiasussenfruzir Le*
e:a Ob eit de- Oesetzgeiang. steht fast sc. täte :s eine* gefesr.gc. .
ccc gescbdcteh drjanisan.oii gegeaüie* Lies hierts cur .'-gunisc: -
' . ...
* Aircte ru deu Küssen uac.t Amau- des Tanfacs : ciciens uuf unsicher ec
■ Vcrgeseien ist -«tat ein Reuihsaasscirass» :r de f-ucet der
ft ->ang_ der Pan Wirtschaft, der ficncrarbestiinmnag. ieäande 1. -erner
* ' sttragsaasschass. der e.tem Sc edsamt c: i Re.chssc edsc-i* . -
pw hHai ■«ersteht. Gefiuifcu nass werftu ftc Emrc:
• niera und Landesansschössen. weiche den V.-ilcug ge : ne cer cen-
' ' ' • ' . . ' . • . . . • . - • • • . .
ft 1. Verhaue uregea fäuren. remer müssen auch die Kessen er getr efene
** ranntgen gesetucch ge&oncen %-erdea I.ancesvertrugs- i-c Lance<-
* csL-ntsr nässen engenente: werden Pie freie Arztwahl muss üben
h ; « Küssen Terlaagt and erzwangen werden, der Be. trag ru den
fc.-üritiichen > ereiaigungea nass cc> -gute- sch sein, d •. ke*c:e imssc r
■ te K emkng to Kassen and soosr :
toft—to Di» /Urne nässe« in der M-Ncim- -
-- werden, da diesem Zwecke sind Semhrarien cu err.c.rten. Per
* . •e-::..c:c. • . - .c-.--sc.i- c . . ce-
fftt ah Mi die ' 1 ■ hi 1 Mil hi ifii fti^i ■ Es echt rar > ;
knnmiL». der Gnfcwke fter Scftsthüc Md der F
*' * ecer gestirk: werden.
er Mc »r rarfrage Siergeheac bespricht Redner das schre- ade '• <s-
-us swtschen Hooerar und Tenerag. In de- ersten Juxiihte ium die
S . >tung aar w m. v Sa einem Index rvn dl 511. ietst scncrri: s..; n:
1 SK. frei etoem Index von db sfd. Die Sätze toettea sich an Vcrahr
--'e- den Mnrcestsatren der c-re-ussv Geh. Ordnung, feest sind s.e wer
yfrh- Ik'indui btftere jOm» Innin aas der Ptaiiz. tot:
■ **** tot ftcat Werte eines Bes rnrlihnf wirft. Rascheste Abi»
* tn Noch sc - -:c- s-icci- .. • • . - ' - ; ... . . . . .
i i ciea. wenn c eses .Vettel versage, müsse man za den schärfsten
rton ftns ge « ertar.fraftfrr.hn» Kamptes g-, Dte Eatic
pwftto ftie Arafttag rasch erhügen. den Pfifaer Kollegen müssen
! gs: Zulagen gewährt wercec Pie Wegegehühren missen geragt
- - - ■- - .. I ■ ' - < . . s - .
m e r wo Vmtstenum hlr sociale Fürsorge hei. Nach iemcaec
■ issaag ftatcfr der \ • •> :. -a. . . .. v.. . ....
- i>t dt: schwe-ta N.'dhge der Ker.te wohl bewusst sei und sie '
Ph frtoftnfrnr werde, einen A*s*ieich 1 wischen den Interessen der Aerite
fh* WS» n Inden ftnefr dese seien ra tu etotr schweren Lage.
g fräMtofttrs ftw I iräiffW'ir.kmitaKsalw«. Er rerstchert xn Sinne
* ^c-’ «m: ’g a - - x. . ... c -I . . - .
•J • a . ... V-SCC . .. X x . >c:a- - ; aar \ ...
frt fter Aussprache wird ■ Vrdage and fti*-
* ftfrk Amte to beredten «oft ergreifender > arten cesefrftfter*. $0 vorn
;tr de: badischen Aerzte K a h e n - Mannheim, von Gilner- Väu-
[ ^ftjfr Sc h ■ 1 1 z * Afrfrnch. Van ist einig, dass otit aften Vkteht AS
• -- -• • SS ;. I .; SC- ass. . a - a -c .. a.
• i.iessaag tu Annahme:
~xNe am dd Jur to Nürnberg ragende Mjerisc - - Laudesirztekammer
c« Oeleutachte nachdräcAceusi aal d e : e-st cs» Lug« der Ae; jre-
u'ufaierx . die uaaprsächiSa venchaidet tot daran die 15 -cn-
wftrt&a jew-rieae Töilig uiKruiarigijaae Bezacunng m der Ka - -amiES.
w ährend l_e imtlicrten Z-ffetn cetiics ehre Vertinermg de- 1 . r-
«ea I rfrrnifrrfttofcmn ■ Bftt fte» awtofci grgrViir ton ? iJt-
«anuii angecen. rat das prsnsstoefre Wc mfaartimimscsnum. das 1 c
Teaerqggszuscuiug a für i_e In der äTassenpraxLs gr.cende Gecühre- -c-
nag äsc setzt. Le iafctoa Gemi.-.na es&cSch uuf das ü»irn . ir ..
i-mxa ki.rmnt. da.i ^ die Bernls Unkosten der Aerzte ms Lugeaenri ge-sre-an
sind, ad Tir u.ie-n. lass :_e S^izaaiag der Mo ao rare ra saht na a-
Cura entwerte: eräiigx
Duc-rcb tot ier .Aerz sstni ier für cu. VitkswBhi sei der ves
icniin unre.gr üben en \ otosgesmuiheit aentbe-rrfien tst. der Teretoadsng
ureisgegesex
T“ese_ gr-.sse Sce.ag- der Aerztescnaft -irtordert {erriet msen em -
rorr.ges Engremen ier mas-igscendea Pegieragssteilea.
Die _ bayerische Airztescham Teruu-gc rm-gead tnm bajer. Mn>
stgtnm ie< taeru. • c sich u- c.e Tiai-umgisausctLäga cur cebü.-cru-
. . InTirr-g ru erii.-cen. damit s;e len w riccuea e-v lübgen Tiaerags-
vinammssea entscrtchen. Firner irsucu: d.e ca-irscne AerztesctonE ras
Vünsc±r.um är scrta.e rirj.;-gi. ui Iresem Seine agusännr: be m
jtiuSh. jtmscinxi! nir * iikiir idirj.ir! cc'vufcäs
ru befürrnren. dass c.± Aerrtescua ft m mrtr Vercw txica
rar aeStsoure graä ad aut uZca £üwirücaar..cnen V-ttein den Samn^
ci_ e cea — hte - — icstenr iuacmnit. wan irc aulssigea ad -,e—echti,--iii
- : ediruerr-sr ntcht aalja irfü.It tkcix '
Geiegsnnci: Eeser Ansscmcae wird tue-. Le rag; re- ■> — --si-r-a
oeaaadeit. re 31 jetzt 6efrranrlt.:h tat weitim aicat re äe.bstk ua ie-%ei
Lbe .irsciagi *g 1 a : . - Kedermg Gmadgibänr. daru 3eaac.umr des : ms-
ircchen ruirxtnes auch re Nxhtceaütrung des T-*igit.. 1 — - r a
3) Ptjo. ntr Prfracgrums ümien H^oi!
—Sir iclc.i Ten »es renchres bc c dessen rcscci-riiung . — nca—
mittags amgfcck wurde, becancere die Pfanwfrtschacc 5r-- ' ir - r'-
iaergcschen Wann fe- Anfrectoarth iftrag der Teien Arutwxi ent.
--■c»-_ ..e -ccerriZurr giwissec .ree Terimderr ucc. mu;; egat-
srad an N erzurdZn'gea zwischen Aernzeschafr ad Kasse- rüden. V:a
seiten rer hassen wird ein jraritärtocher Zalassnttgsaissccu s s ggx-c.— "r
jitrter Zex sind, neue \ erschlüge rer raT^-Ischea Kassen ges -tunen xe
• ic a.tgit - irr ;.- b.:.-- ... „ . . - - ;-
- K issegm:cgj e-ier. uxassang erst 1 labn aacn der Xccrcbc-Icn. Nad-
Wi.s ».mirencir > 211 — usse auc rem^jerceie rer *■ ers.cier— gyne-d- m a’xj
3esacd enes Seminars. Letzterer Fcnternag xt razastmtmen. öde _'ce-
ren ceiren ersten. Vnr müssen _ unter P'aaw-Irtscbaf: in erster Laie ncur
- -- - - I C '• i 1 ; " .1 : : . - 1 - - - X : " : I . " . I f -.-
teoörag ihemtürer Orte iir i_e im 1 innic.—en. sendern tue r Fa.
cu ruZ er-.- .gen. »> as die enzinen Aerztegrigcea berriSi. sc s: Ass;.-.
ad VaiMtärärzten die Kassenrruxto ru Terfrteren. den V ersergnagsirrt.a
ist sie bereis rerbetaa. L'nireiagt ra fordern st r.e —eie Ä-;ixai
ce: den Ktuccschaccsärrten. Ueber d.e rage der Kassenpruvs rer Aji-~
ad 5c mürrte ist gescnc;rt ru sprechen.
, i Die Bihnritirist
i* *- -AU ic I ISS ic 1 ; : . - . ’ ; - . '.;s - ? e ; •
! reaadelr. Eine Regehmg wnr-de durch ras '» erra tea Jes Yere us i^r
j Bainame vere-rtei-.
j . fr «fcr Asssprache wnnfe auf tos Ufrftnftfrasn to Lage tot «■ipü-h«
Ä :~en besreders von Sisii-r.n-.V Lachen bingew - esc-. Fee au-
' dl 'S - ; I . - . - 1;- \ . . ^ ’ * . . -- - - ■ -
- - " - ' • ' - - - - - ' .1;- me c. Cs . • ;
I ftra ftnuiiuün. n fttosna Stone zu ftnUnii es saften ihm äto toaehn
' f. . .: - : .. • x - .. ' . - - - . -
zewandeii werren. dass de* Ausscaiuss der 3a. ca- ad Pcstknssenürii.- rurch-
- si. • 1.- X.s-S ■ : 's— 1 . - " i. -r —
j-'e-re- . *c is is rr-'C- i'sar . .1.
— . l.s ’ is c»; 1-scie- ?c rnü-iie c : T
. . . . - - . . . i ; . . • . .
■;esc- .."C 1.- f.sc-cc- *c -ik- -ir . ä:-c
M iitcaen smc ix eine- Ferm nc r einem Geiste ücgifasst. d--- r<a \ .
- - . ..... - ...
j»t üftftg izwirh iftoft. Der tojototo de-nccag - ssbübgt :
'“C-g ca- ci-i • 1 . ccc .--'sc 'c Ai - de i-g . - . . . b;c- ccs-
rnicären ad macht auf die Feigen aufmerksam» d ; ce. - Bedartea er
cesem resci.usse ectstecen misste-. Per Luncesaisscitass w -d mit der
Aasit inng dieser dncsch esssuexg ceaiftrugi
... •.. 'de . . - _ •. -
j c-sicie.tde i - - v ic : - i : ■ . - ; - i'. Fi— -. ...
Zr. F : : t i i : 1 { i r - Mixe« cr> ^Äcrt ad ceocc" c. N-
_eaes guten Ektverui. intens tvsc'au Aeritesc.i..-. ad Anisum . • p»<
sAiss;cc'-;d-e- ; . sc'.c er— Ti • ». • x ,>'C • .x .. 1. . ...
r-cx s. cur 7 er x . x . . .» x c • : ....... .
Cie ' ag ccc A— : sc - n i i'.i . i .. .
En Annahme getongt scfrftessftdfr fter Antrag Näruice-g. * c-mc - ca:
A-rsc-:ig si x-'-.g - i . .. . . ■ .. ■■ . c. .. \ \
I **• fter Ktosottos asEtocUtosoi wetftun cgft> «
- den ersten ’ - - b . . .... v : ... ec ■ -c - ' 1 • x - isa- : • . - c . .
cerea 7 icixäxnrsseu eme Ausnahme gemache werde:- Dieser Gtuncsci:
t ec: x cidi-iccc - .- 1 > vec - e -c . ». • - ex - »•-»-.;• c.
Awtsänte. Es seid der Ausgleich anft trnftftirto in Wege du-ch Vettoanfttonc
geraden werden.
bc >> . . . >e ■ r'c - \ i.- • c . ‘ . . . - c - i-.g c 1 s c.-
ttotora The to AtoSftrach nehratn. frirtnni ScfrnIL dass . sc - -
I tMfrt tot seinen Ansichten Star FhavitSstoh etov et straften <*y ftt
I TOtoftlt AnskhMn nicht geüxssort wurden. & h Tinft «u htwL ftra
• r'üfi-”.sc-c ’i i • bc * i". sec.-1 . • '.•-•.•• cc- Tu-.-.r
• sii .. . . . . :. . . . . ,n . . . - .
: . Tr : • - . - 1 . s . 1 .-. . . . . - . . . . -i - ...
- : ‘ si c - . • c '■ . g F * x- s c - c • i ■ i . i . . . • i - .■ - x. - . - .
(tkranm ri rtoliton lifktär 11 frei Kassen vertotohrace*.
Der eine Pakt der I'i.giscrd • 1 ..
T. Bericht der Kraukenhaus' u-td Fätsergeireie*
Unnts$:iM
toi hei fter rattschnHuu Zeit rächt nftr rät ftra wünschenswerte«
AtofthfeUftt hfttaNt werften. b . - mftftt ftra rararaftfthehe to
1038
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
erfolgreiche Wirken des Vorsitzenden der Kommission, Wille- Kaufbeuren.
Dieser beschränkt sich folgende Anträge vorzulegen und zur Annahme zu
bringen: . ...
1 Der Landesausschuss möge erneut die Unterorganisationen er¬
mahnen, die Durchführung der zentralen Vereinbarung über die Dienst- und
Besoldungsverhältnisse der Krankenhaus- und Fürsorgeärzte energisch zu
betreiben und im Falle des Widerstandes die geeigneten Gegenmassnahmen
2. Der Landesausschuss möge beim Städtebund Vorstellungen erheben,
die Errichtung von Privatkliniken möglichst zu erleichtern und den Kran¬
kenhäusern grosser Städte Spezialabteilungen anzugliedern mit beschrankt
freier Arztwahl. .... , , .
3. Der Landesausschuss soll im öffentlichen gesundheitlichen Interesse,
wie zur Erhaltung eines tüchtigen Aerztestandes alle Massnahmen treffen,
um die Auflösung zahlreicher Provinzkrankenhäuser und Privatklimken
zu verhindern. , „ , . „
Mit nochmaligen von Herzen kommenden und zum Herzen gehenden
Dankesworten K a s 1 1 s - München für S t a u d e r schloss nach 13 ständiger
Arbeit dieser denkwürdige Aerztetag. S t a u d e r konnte mit Recht sagen,
dass er sich den glanzvollsten deutschen Aerztetagen würdig an die Seite
stellte. In den letzten 5 Jahren hat der Aerztetag unter S t a u d er s
Führung vier grosse Werke vollendet: die Aerzteordnung, die Ehrengerichts¬
ordnung, den Mantelvertrag und nun als letztes, schwierigstes und segens¬
reichstes, die Aerzteversorgung, eine Leistung, auf die die bayerischen Aerzte
und ihr Führer stolz sein können. Nicht minder erhebend berührte der kolle¬
giale, man darf sagen herzlich freundschaftliche Geist, der alle beseelte,
auch bei scharfen sachlichen Gegensätzen, die zum Teil früher schon fast
zu persönlichen geworden waren, ein Geist, der alle zusammenhielt, so dass
auch manches kräftige Wort ohne Verstimmung vertragen wurde, dieser
Geist bietet die beste Gewähr für eine gute Zukunft der bayerischen Aerzte-
schaft. Le0 V 0 1 8 1 - Nürnberg.
Kleine Mitteilungen.
Der 70. Geburtstag Max v. Grubers.
Eine stattliche Zahl von Freunden und Schülern hatte sich am Nachmittag
des 6. Juli in dem schönen Heim Geheimrat v. Gruber s eingefunden, um
dem verehrten und geliebten Meister die herzlichsten Glückwünsche zu seinem
70. Geburtstage darzubringen. U. a. überbrachte Geheimrat v u o
die Grüsse der Bayer. Akademie der Wissenschaften, Geh. Rat baue r -
brach diejenigen der Medizinischen Fakultät München, Geh. Rat Dieu-
d o n n <5 hob die Verdienste des Jubilars um die öffentliche Hygiene in Bayern
hervor, Geh Rat K B. L e h m a n n - Würzburg überreichte die Festschrift
der SchWer Prof Schneider als Gabe der Mitarbeiter im Hygienischen
Institut eine künstlerische Majolikagruppe. Den Höhepunkt der stimmungs¬
vollen Feier bildete die Ansprache, in der . Herr v. Gruber für ilie »
dargebrachten Wünsche dankte und dabei die schweren seelischen Kampfe
schilderte, die er im Laufe seiner Entwicklung, z. T. schon im frühesten
Alter, zu bestehen hatte, bis er sich zu der harmonischen Gestaltung seiner
Persönlichkeit, die wir jetzt an ihm bewundern, durchgerungen hatte. Wir
sind Herrn Geh Rat v. G r u b e r besonderen Dank schuldig, dass er unserei
Bitte entsprochen hat, seine Worte, die tiefen Eindruck machten und diesen
auch bei unseren Lesern nicht verfehlen werden, niederzuschreiben. ^ie
lauteten:
Verehrte Frauen und Herren!
Wahrhaftigkeit vor allem gegen sich selbst, habe ich stets für eine erste
Pflicht gehalten Von diesem Standpunkte aus hatte ich sehr erheblich
Abstriche an dem zu machen, was Sie über meine Leistungen und Erfolge
ta,A£r bSiSÄ’ffiv«!«»!»!. „nd da„kb„ alles an was Sie
mir schenkten, als Ehrung für meine wackeren Ahnen, für meinen edlen Vater
vor allem und für meine enthusiastische, für Natur, Musik und Dichtkunst
begeisterte Mutter; als Huldigung für den Dämon, der mich gezwungen hat,
ihm durchs Leben zu folgen! Wir selbst sind ja ganz ohne Verdienst an dem,
U'1S lmrübHgennmussnich Sie bitten, auch für mich den Satz gelten zu lassen,
dass es genug sei, nach dem Höchsten gestrebt zu haben. Ich sage dies meid
mit Bescheidenheit, sondern mit Stolz, denn ich habe wirklich i : nach dem
Höchsten gestrebt. So tief hinab und so hoch hinauf wollte ich- J*lsvde
menschliche Geist nur immer zu dringen vermag. Und nicht mit dem Ver¬
stand allein, auch mit dem Gemüt wollte ich das All umfassen Das Beste,
das ich finden mochte, sollte dann meinen Mitmenschen, dem Vaterlande
zum Nutzbe.u ^g"neem verehrten Kollegen Lehmann, der die Reise hierher
nicht gescheut und soeben wieder so überaus freundliche Worte an mich g -
richtet hat, ganz besonders herzlich dankbar für die viele Zeit und Mu i .
die er an das Studium meiner Arbeiten gewendet hat, für seinen so “heraus
wohlwollenden, mich so sehr ehrenden Gluckwunschaufsatz in derJWünchener
medizinischen Wochenschrift. Es erscheint daher recht unartig und ich
bitte ihn dafür um Verzeihung — , wenn ich sage, dass ihm ein erheb eher
Irrtum unterlaufen ist, wenn er schreibt, dass mein Leben ein friedliches
deutsches Gelehrtenleben mit einem einzigen glatten Aufstieg gewesen sei.
Aus der Ferne mag es so scheinen. Aber in Wirklichkeit war mein
Leben keineswegs friedlich und so wenig ein glatter Aufstieg, dass ich einmal
in den Jahren der besten Kraft nahe daran war, völlig aus der Bahn ge¬
schleudert zu werden. Ich habe seelische Quetschungen und Verwundungen
erlitten, von denen ich mich nie mehr völlig erholen konnte. Die älteren
meiner hier anwesenden Schüler haben diese Schicksalsstosse zum Teile mit-
Dann war von vornherein ein Fehler in meiner Maschine. Es fehlte mir
zwar nicht an Spannkraft, und geistige Ermüdung habe ich kaum Je gespurt,
aber es fehlte irgendwie an den Hemmungen, ohne welche es keinen ruhigen
und gleichmässigen Gang einer Maschine gibt. Ich durfte gerade in meiner
besten Zeit niemals mit Volldampf fahren, wenn nicht das Ganze alsbald m
rasende Geschwindigkeit geraten und zerschellen sollte. Das ist eine der
Ursachen ™ ich bei weitem nicht das habe leisten können, was ich
leisten wollte und leisten sollte. . M - , wqr
Und dann muss ich Ihnen ein Geständnis ablegen. Mein Leben wa
eigentlich gar kein Gelehrtenleben! So lebhaft mich die GeKenstande des
Wissens immer beschäftigt haben; es war gar me mein höchstes Ziel.
grosser Gelehrter zu werden — und deshalb bin ich auch keiner geworc
Auf der Grundlage des Wissens und der Einsicht unserer Zeit ed es Mensel
tum selbst zu verwirklichen und anderen es verwirklichen helfen, das
— wenn ich mirs recht überlege — eigentlich stets das letzte Ziel ine
Sehnsucht gewesen. Weltanschauungs-. Sittlichkeitsprobleme haben mich s
mehr als alles andere beschäftigt. Mein lieber, glücklicherweise noch leben
als ausgezeichneter Chirurg und hilfsbereiter Arzt in seinem Lebenskreise
verehrter Kamerad im Schweisse der medizinischen Studien und in den h
nissen der Examina, Felix v. W i n i w a r t e r, scherzte einmal, als
noch Studenten waren, „Der Grueber-Schani hat sein Beruf verfehlt;
liätt“ Religionsstifter wern soiln.“
Verehrte Anwesende! Vieles, was heute über mich gesagt worden
gehört — Sie verzeihen mir schon! — zu den liebenswürdigen Ueberi
bungen, welche bei solchen Gelegenheiten üblich sind. Aber eines fühle
doch mit grösster Freude als echt heraus: dass Sie alle mir freundschafl
gesinnt sind Da wird es vielleicht für Sie einen Reiz haben, zu ertah
wie ich dazu gekommen bin, mich um die Hygiene des Ich mindestens ebe
viel zu kümmern, als um die Hygiene des Körpers. Sie selbst sind d;
schuld, wenn ich soviel von mir rede, denn ich habe mich mit Händen
Füssen gegen jede Feier gewehrt, in der ich der Mittelpunkt sein sollte, ;
Sie haben es gewollt.
Meine Kindheit war die allergücklichste. Sehr früh, mit 3, 4 Jahren sc
kam ich zu vollem Bewusstsein und Gefühl. Ich fand mich an der Hand e
liebevollen und weisen Vaters, der mir aus dem fabelhaft grossen Sch
seines klaren Wissens, das sich auf alle Gebiete erstreckte, mit vollen f
den gab. Meiner Mutter verdanke ich es, dass die düsteren Räume der e
lieben Wohnung im engstverbauten Teil der Wiener Altstadt vom Son
glanz der Musik und Poesie durchflutet waren, dass mich .schon in früh.
Kindheit der hohe Geist Friedrich Schillers umwehte. Und vor meinen Ai
stand in der vollen Blüte reinen warmen Mädchentums meine geistige Mu
Freundin, Geliebte, mein Alles, meine Schwester Auguste; erfüllte mein klt
Herz bis zum Bersten mit unsäglichem Entzücken über das Ewigweibl
riss mich in leidenschaftlicher Liebe und in Ehrfurcht hin zur edlen r
ein Amulet fürs ganze Leben.
Ich war ein frommes Kind und glücklich, Verehrungswürdiges vere
zu dürfen. Aber ich war wenig mehr als 10 Jahre alt geworden, als
alle religiösen Ueberlieferungen geraubt, alle religiösen Illusionen zer
wurden. Mein Bruder Naz, der mich aufs innigste lieble und zu den hoct
Leistungen bestimmt glaubte, selbst im Sturm und Drang seiner 20 Ji
meinte mir keinen besseren Dienst leisten zu können, als indem er
von allen Vorurteilen und Aberglauben der Vergangenheit so früh als mo
frei machte, mir den Weg zu freiem Menschentum bahnte. Unter dem S
strengster Verschwiegenheit gegenüber dem hochkonservativen Vater
traute er mir an, bewies er mir, dass die überlieferte Religion nichts als V
und Betrug sei. Aber er hatte die Tragfähigkeit eines Kinderherzens f
schätzt. Es kam die Stunde, in der mich das Gefühl der Verlassenheit in i
Welt ohne lebenden Vater im Himmel völlig überwältigte und ich bei
Vertrauten aller meiner Schmerzen, bei meiner Gusti 1 rost suchte. Nun k
an den Vater; ein schweres Donnerwetter ging über meinen Bruder nn
eine dauernde Entfremdung zwischen beiden blieb bestehen. Ich wurde
lobt dass ich gebeichtet hatte, mit allen Mitteln suchte man meinen Dia
wieder herzustellen. Aber bald kam die Reue über mich. Kein Vor
gegen mich war über die Lippen meines Bruders gekommen, aber aus si
Augen sprach der Kummer, dass ich so erbärmlich klein gewesen
ihn zu verraten, obwohl ich wusste, welche Folgen der Verrat für ihn ti
würde, und obwohl ich wusste, dass er in selbstloser Liebe mein d
gewollt hatte. Das konnte nicht die wahre Religion sein, was eine s<
Schändlichkeit gut hiess! Ich hatte vom Baume der Erkenntnis gegessen
gab kein Zurück mehr. So wurde ich in Gewissenskämpfe gestürzt wi
in solcher Schwere wohl selten ein so junger Knabe erlebt hat. Auch das
trauen zu meinem Vater war erschüttert; es gab nun Dinge, über die icI
ihm nicht mehr offen sprechen konnte. Schon vor diesen Ereignissen
ich in feindlichen Gegensatz zu meinem Staat geraten. Mein Bruder
mich die deutsche und österreichische Geschichte kennen, er entfachte
Nationalgefühl; sein damals glühender Hass gegen die Habsburg-Lothr
floss in mich hinüber; der Hass gegen diese Dynastie, die das Um
Deutschlands war, der Hass gegen ihren Staat, der zertrümmert wi
musste, wenn die Nation geeint werden, ein neues starkes Deutsches
unter Preussens Führung entstehen sollte. Und ich war noch nicht io
alt geworden, als ich die Darstellungen der Lage der Handarbeiter
Owen, Saint-Simon, Fourier, Proudhon, Marx und Engels kennen ft
aus denen hervorzugehen schien, dass auch die bestehende Wirtscl
ordnung mit unheilbaren Mängeln behaftet, wert sei, von Grund aus zei
zu werden. So war ich als unreifer Knabe von allem um mich Bestem
losgerissen; auch in allen diesen Dingen von meinem geliebten Vater getr
jeder Stütze beraubt, stand ich auf einem Boden, der vulkanisch schwa
mit einem sehnsüchtigen Streben nach Ordnung und Gesetz allein dem c
einer der Zerstörung verfallenden, dem Untergang geweihten Welt von
Stellungen und Wirklichkeiten gegenüber. Es war ein Kamp auf Leben
Tod. Jahre vergingen, in denen ich das Gefühl hatte, als verlorener beji
mer gegen die Wogen des Weltmeers zu ringen. So habe ich die ganze 11
Zerrissenheit, die ungeheuren geistigen und sittlichen Nöte und Kämpfe
individualistischen Zeit in meinem eigenen leidenschaftlichen Innern er
müssen, bis ich endlich wieder festen .Boden unter meinen Füssen zu S]
anfing. So ist das, was ich und der Kreis meiner gleichstrebenden Ju
freunde erlebten, wirklich ein Stück Kulturgeschichte unserer Zeit unc
werden jetzt begreifen, dass ich die paar Jahre geistiger Leistungsfatn;
die mir vielleicht noch übrig bleiben, benützen möchte, um mit Müsse i
Lebenserinnerungen niederzuschreiben, in denen ich durch ungeschu
Schilderung der Irrwege, welche ich gegangen bin, der Jugend das Auti
des rechten Wegs zum körperlichen und geistigen Heil erleichtern nu
Alles, was ich seit 20 Jahren in volkstümlichen Schriften und Vorträgen
diesen Heilsweg gesagt habo, hat bisher nur allzuwenig Wirkung *
Noch immer begreift unsere Zeit nicht recht, dass es keine Gesundhej
Körpers ohne Gesundheit des Ichs geben kann; die „Diätetik der Seele
wichtiger ist, als die Diätetik des Magens oder der Muskeln.
Wenn ich über mein Leben zurückblicke, finde ich, dass ich mich wä
des grössten Teils meines Lebens unglücklich gefühlt habe. Der Ah
zwischen Ideal und Wirklichkeit, nicht zuletzt der zwischen meinem
von mir selbst und meiner Wirklichkeit war zu gross, liess die Sehr
nie zur Ruhe kommen. Aber trotzdem betrachte ich mich als einei
Lieblinge der Götter; jener Lieblinge, die alles ganz empfangen, alle sc
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
103$
:n* ^ie >Jpendlichen, ganz, aber auch alle Freuden, die unendlichen, ganz,
m unendlicher Reichtum der Gesichte ist mir vergönnt gewesen; aus allen
egistern habe ich die Orgel des Lebens singen und brausen gehört. Vor
lern Schatze ich mich glücklich, dass mir von frühester Kindheit an die
abe verliehen war, den anderen Menschen ins Innere zu schauen, sie zu
rstehen, nicht allein die männlichen Seelen sondern — was bei einem
ann sehr selten ist auch die weiblichen; mit ihnen zu fühlen, ihre
. verborgenen Schmerzen mit zu leiden, und auch, was den meisten
enschen viel schwerer fällt, mich mit ihnen an ihren verborgensten Freuden
it zu erfreuen; unter den vielen Nieten jene rasch herauszufinden, die
twas sind und mit ihnen „die Seele auszutauschen“. So ist mir ein
igewolinlich grosses Maass von dem Kostbaren zuteil geworden, was das
eun'd schuft CtCn VermaK: ein ungewöhnlich grosses Maass von Liebe und
Auch heute wieder beglückt es mich, so viele um mich zu sehen, die
r freundlich gesinnt sind. Das ist im Alter doppelt süss, wenn schon fast
e dalnngegangen sind, mit denen man jung war.
Ihnen allen herzlichsten Dank!
Hugo Schulz,
der Qreifswalder Pharmako¬
loge feiert am 6. August
seinen 70. Geburtstag. Sein
Lebenswerk, das nicht
immer die gebührende An¬
erkennung gefunden hat,
wird aus diesem Anlasse
an der Spitze dieser Num¬
mer von Geh. R. Mar-
t i u s gewürdigt. Noch
einige andere Arbeiten, von
Kollegen und Freunden ihm
gewidmet, gestalten diese
Nummer zu einer Huldigung
für Schulz.
Galerie hervorragender Aerzte und Naturforscher.
Das in Nr.^ 30, S. 987 abgedruckte Bildnis Carl v. Hess’ ist auch als
. Blatt der Galerie erschienen. Unsere Bezieher erhalten es gegen Ersatz
erer Auslagen durch Einzahlung von 1000 M. auf das Postscheckkonto
F. Lehmanns Verlag, München Nr. 129, Nichtabonnenten gegen Ein-
lung von 2000 M. Früher erschienene Blätter können zum Preise von
, bzw. 1000 M. mitbezogen werden. (In letzter Zeit sind erschienen
v. Gruber, A. v. Strümpell, Quincke, Marchand, Schleich,
n z o 1 d t.)
Tarif der Deutschen Röntgengesellschaft ab 20, Juli 1923.
(Minimal tarif für Krankenkassen usw.)
I. Unkostentarif: a) Diagnostik: Platte 9 X 12 = 52 500 M. (Zahn-
ebenso), 13 X 18 = 68 900, 18 X 24 = 95 600, 24 X 30 = 139 200, 30 X 40
213 800, 40 X 50 — 349 200, Orthodiagramm 50 000, Durchleuchtung 47 800,
Jbaryummahlzeit 35 000, Schlauchfüllung 70 000, Einlauf mit Citobaryum
100, Abzüge bis zur Grösse 18 X 24 = 30 000, grössere 60 000, Glas-
Jositiv 75 000. — b) Therapie: 1. Oberfl. 1 M.A.M. = 1500, 2. (vollw.)
lenther. 1 M.A.M. = 4000 M.
II. Honorartarif: Allg. D. Geb.O. (Ausg. m. Deckbl.) Ziff. 336— 371 X 1500.
Therapeutische Notizen.
Ueber Rasapon.
Seit Anfang dieses Jahres verwenden wir am hiesigen Krankenhaus das
der Chemisch-Pharmazeutischen Aktien-Gesellschaft Bad Homburg her-
tellte „R a s a p o n“, zunächst versuchsweise, als Expektorans. — Im
tenden soll ganz kurz über die bisherigen klinischen Erfahrungen damit
chtet werden. Zunächst einiges über die Herkunft des Präparates,
ches wir den Mitteilungen von Herrn Prof. Dr. Brandt (Pharmako-
stisches Institut der Universität Frankfurt a. M.) entnehmen.
Unter den Expektorantien nehmen bisher die Radix Senegae und die
tex Quillajae eine hervorragende Stellung ein. Sie wirken durch ihren
alt an Saponinen, glykosidähnlichen Verbindungen mit ausgeprägten Kol-
eigenschaJten. Beide Drogen sind ausländischen Ursprungs und daher
t nur in kleinen Mengen und zu sehr hohen Preisen erhältlich. Ihr Ersatz
eine leichter beschaffbare und billigere einheimische Droge ist deshalb
(mehrfacher Hinsicht wünschenswert. Unter den bei uns heimischen
Inzen zeichnet sich die Saponaria officialis L. aus der Familie der Caryo-
llaceen durch erheblichen Gehalt ihrer Wurzel an Saponin aus und die
ix Saponariae ist schon früher viel als Expectorans gebraucht worden.
’® Droge erscheint denn auch zum Ersatz von Senega durchaus geeignet,
ihr wird das „Rasapon“ dargestellt, ein Präparat, das wie die analytische
trolle gezeigt hat, die Gesamtmenge der wirksamen Saponine in un-
inderter Form enthält. Das Präparat wird mit Hilfe eines quantitativ
iolytischen Verfahrens auf einen bestimmten Gehalt an wirksamen Sub¬
stanzen eingestellt und enthält etwa 5 Proz. Rohsaponingemisch. Hieraus
ergibt sich die Möglichkeit stets gleichmässiger Dosierung, die früher bei
Saponindrogen bzw. den daraus hergcstellten galenischen Präparaten nicht
vorhanden war.
Gegeben wurde das Präparat in der von den Herstellern angegebenen
F° TnnnafHPOn ?5’0, LlqUür ammon. anis. 12,5, Sirup spl. 50,0, Aqu. dost,
ad 500,0 davon 3 mal täglich 1 Esslöffel, Kindern 3 mal täglich 1 Teelöffel
nach dem Essen.
Die Indikationsstellung war die für Expectorantien allgemein gültige,
„r Anwendung kam es bisher in mehreren Fällen von akuter und chronischer
Bronchitis, bei grippösen Erkrankungen, bei chronischer Bronchitis mit
Emphysem und asthmatischem Einschlag, bei Lungentuberkulose und bei
Masern. Zur Kontrolle der Wirkung wurde es grundsätzlich allein unter
cglassutig der anderen Medikamente gegeben. In letzter Zeit verwenden
wir auch die uns fertig zur Verfügung gestellten Tabletten.
Es konnte festgestellt werden, dass das Präparat von allen Kranken,
sowohl im hohen Lebensalter und in sehr geschwächtem Allgemeinzustand,
als auch von Kindern gut vertragen und ohne Widerstreben genommen wurde
Auch bei wochenlanger Darreichung traten bisher keinerlei Störungen von
seiten des^ Magens, der Appetenz oder des sonstigen Befindens auf
Der Erfolg der Darreichung war durchweg günstig. Hartnäckig quälen¬
der Husten wurde deutlich gemildert, zähes festsitzendes Bronchialsekret ge¬
lockert und verflüssigt und seine Expektoration wesentlich erleichtert. Die
Kranken selbst gaben an, dass der Auswurf lockerer und das Aushusten
eichter wird. Die Wirkung war in den meisten Fällen schon nach wenigen
Gaben deutlich wahrnehmbar. In vereinzelten Fällen trat sie erst nach
mehreren Tagen auf. wurde aber eigentlich niemals ganz vermisst. Es sei
nochmals hervorgehoben, dass unangenehme Nebenwirkungen bisher nicht be-
obachtet wurden. Für ein abschliessendes Urteil sind diese Erfahrungen
natürlich noch viel zu gering. Es kann jedoch gesagt werden, dass die
bisherigen günstigen Erfolge unbedingt zur weiteren Prüfung und Anwendung
des Mittels auffordern, zumal da unsere wirtschaftliche Not uns gebietet
gleichwertigen deutschen Präparaten vor ausländischen den Vorzug zu geben’
(Aus dem Allgemeinen Krankenhaus iBad Homburg v. d. H. Chefarzt:
Prof. Dr. F. B o d e.) Dr. Schüler, Assistenzarzt.
Tel a tuten „Heilner“ bei Arteriosklerose und Hyper¬
tension.
Die günstigen, z. T. seit 15 Monaten anhaltenden Erfolge, die ich von
der Behandlung verschiedener Formen Von Arteriosklerose und Hypertension
mit Heilners Telatuten gesehen habe, veranlassen mich, meine Er¬
fahrungen jetzt mitzuteilen.
Das Mittel erwies sich als ungefährlich, hatte objektiv schnellen Erfolg
und wurde von allen Kranken sehr gut und ohne stürmische Reaktionen
vertragen Die wohltuende Wirkung des Präparates zeigte sich sogar bei
den infaustesten Fällen von schwerster maligner Sklerose. Obwohl der töd¬
liche Ausgang nicht verhindert werden konnte, traten die schwersten Sym-
ptome des kardialen Asthmas, welche die Kranken am meisten quälten, gänz¬
lich zurück. Nach 3 4 Injektionen wurde der Schlaf ruhiger, die grosse
Nervosität, welche die schweren Nephrosklerosen charakterisiert, legte sich,
der Appetit hob sich, und Arbeitslust stellte sich wieder ein. Bei Koronar¬
sklerosen mit starken und häufig auftretenden stenokardischen Anfällen war
der Erfolg direkt verblüffend. Ich führe nur zwei Fälle an:
1. J. K„ 51 Jahre alt, Fabrikant. Seit 1 Jahre krank. Maligne Sklerose.
Blutdruck 215 (R.-R.), Blutungen in den Skleren und Schleimhäuten. Starke
Herzhypertrophie. Oligurie, Isosthenurie, Albumen bis 1 Prom. Ständiges
Herzasthma, zeitweise Hämoptoe, Schlaf und Appetitlosigkeit, grosse Unruhe.
. s isf, en unmöglich, denn nach 2 — 3 Schritten entsteht Asthma
mit Kollaps. Mächtige Obstipation. Therapie: Telatuten, jeden 3. Tag eine
intravenöse Injektion. Nach den 2 ersten Injektionen Schmerzsensationen
in beiden Nierengegenden. 10 Minuten lang. Nach der ersten Injektion
I emperatursteigerung bis 37,6. Sonst nie eine Erhöhung. Die Temperatur¬
steigerung dauerte im ganzen 2 Stunden, von da ab normale Werte. Der
Erfolg war nach der 3. Injektion augenscheinlich. Die asthmatischen Anfälle
waren verschwunden, die nervösen Erscheinungen legten sich, der Appetit
hob sich anstatt Schlaflosigkeit mässiger Schlaf, anstatt Oligurie eher Poly-
urie bis 1800 ccm im Tag: Albumen fiel auf gf. Der Kranke verlässt das
Bett, macht etwas Körperbewegung und an schönen Tagen sogar Spazier¬
fahrten ohne Störungen. Dieser Zustand währte 3 Monate. Der Blutdruck
ging von 215 R.-R. auf 1.69 R.-R. zurück. Der Kranke fühlte sich kräftiger
9nn w2^er*. ^ Monaten stieg der Blutdruck wieder langsam auf
200 R.-R. : die Zeichen der Niereninsuffizienz stellten sich ein bis zu völliger
Anurie, und der Exitus erfolgte im Coma uraemicum. — Obzwar dieser Fall
schon a priori verloren war, war die wohltuende Wirkung des Telatuten
unleugbar; denn die quälendsten Symptome, insbesondere das Asthma car-
diale, waren gänzlich verschwunden und das objektive und subjektive Wohl¬
befinden dauerte 3 Monate.
2. E. W., 67 Jahre alt, Grundbesitzer, gut gebaut, gut genährt, leidet
seit ca. 1 Jahr an Herzbeschwerden, welche zeitweise stürmisch mit quälen¬
den krampfartigen Schmerzen in der Brust, ausstrahlend in den linken Arm,
Schwindel, riesiger Atemnot und kalten Schweissen einsetzten. Blässe,
Schlaflosigkeit, schnelle Ermüdbarkeit und sich steigernde Unruhe mit Todes¬
angst. (Blutdruck 180 (R.-R.). Das linke Herz stark vergrössert, der
11. Aortenton stark akzentuiert. Albumen 1 Prom. Also Koronarsklerose
mit häufig auftretender Angina pectoris. Therapie: 12 Telatuteneinspritzungen
in 3 tägigen Intervallen intravenös. Der Erfolg war ganz ausgezeichnet. Nach
der 3. Injektion hörten die stenokardischen Anfälle wie mit einem Schlage
auf. Ruhiger Schlaf, gute Appetenz, beruhigtes Nervensystem, ruhige At¬
mung, auch nach stärkeren Körperbewegungen, Arbeitslust waren die Folge.
Blutdruck ging auf 156 R.-R. zurück und ist seit 12 Monaten konstant, Al¬
bumen nur in minimalen Spuren. Trotz strengsten Verbotes trinkt und
raucht der Kranke sehr mässig, macht stundenlang Spaziergänge, arbeitet
stundenlang in seinem Garten ohne jede Störung und seit 15 Monaten hatte
er keinen einzigen Anfall mehr.
Ich fasse zusammen: Telatuten ist 1. unschädlich, leistet 2. bei Arterio¬
sklerose sehr gute Dienste; 3. der hohe Blutdruck wird ganz beträchtlich
herabgesetzt, ohne Nachteil und ohne schwere Reaktion.
Dr. J. Deutsch, prakt. Arzt, Nitra (Tschechoslovakei).
1040
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Tagesgeschichtliche Notizen
München, den 1. August 1923.
— Der bayerische Landtag hat den Gesetzentwurf über die
Acrzteversorgung in erster und zweiter Lesung einstimmig an-
genommem dcs vertragslosen Zustandes zwischen Aerzten
und Krankenkassen in Berlin ist vorläufig abgewendet. Unter dem Vorsitz
der Herren Ministerialdirektor Dr. Gott st ein und Geheimrat Dr Di e-
tcrich haben im preuss. Wohlfahrtsmmister.um sechstägige Verhandlungen
stattgefunden, die zu einer vorläufigen Einigung geführt haben Die Voss. Ztg.
berichtet darüber: Die Aerzte verlangten in erster Linie Wertbestandigkeit
ihres Honorars und schnelle Auszahlung. Das wurde ihnen von den Kassen
zugestanden. Strittig blieb nur die Höhe des Honorars, zumal die Ae: rzte
nachdrücklich eine Abgeltung ihrer gegenüber der Vorkriegszeit stark ge
stieeenen und immer weiter steigenden Berufsunkosten verlangten Da sie
neben ihrer Arbeit die Arbeitsräume, Werkzeug. Heizung Beleuchtung,
Reinigung, Wäsche usw. Vorhalten müssten, sei ein einfacher Vergleich der
Arzthonorare mit den Arbeiterlöhnen nicht zulässig. Die Kassenvcrtrete
glaubten aber, in bezug auf Abgeltung der Berufsunkosten den deutschen
Spitzenorganisationen nicht vorgreifen zu können. Eskam dann die Einigung
auf folgender Grundlage zustande: Friedenshonorar (5 M. für den Kopf -
Versicherten auf das Jahr berechnet) mal jeweiligen Reichsteuerungsindex,
Auszahlung wöchentlich. Das Wohlfahrtsministerium wird >n kürzester Zeit
Verhandlungen zwischen den deutschen Spitzenorganisationen der Kassen und
der Aerzte bezüglich Abgeltung der Berufsunkosten emle.ten Kommt es bei
diesen Verhandlungen zu keinem Ergebnis, dann wird das- W°hlfahrts-
ministerium erneut Sondcrverhandlungen zwischen den Berliner Kassen und
den Berliner Aerzten veranlassen. . . . . . ,
— Durch eine neue Verordnung des Reichsarbeitsministers wird die
Angestelltenversicherungsgrenze auf einen Jahresarbeits¬
verdienst von 78 Millionen festgesetzt. Wer also nicht mehr als 6,5 Mi honen
Mark im Monat Gehalt bezieht, unterliegt der Versicherung. Für die
Kranken Versicherung ist die versicherungspflichtige Lohn- odci Gehalts¬
grenze auf 48 Millionen Mark festgesetzt. ' . _
— In der neuen Aula der Universität Berlin fand in der vorigen Woche
eine von hervorragenden Vertretern des deutschen Geisteslebens veranstaltete
Protestkundgebung gegen das französische Vorgeh
an Ruhr Rhein undSaar statt. Prof. Dr. H e f f ter der derzeitige
Rektor der Universität, bezeichnete als ihren Zweck, das sittliche Gefühl der
Welt aufzurütteln. Es wurde folgende Entschliessung angenommen: «Die zu
einer Kundgebung der sittlichen Kräfte Deutschlands in der Aula der Berliner
Universität versammelten Männer und Frauen erheben ihre Stimme eininu g
und von tiefster Empörung gegen das barbarische Schreckensreg, ment und
die unsagbaren Greuel der Franzosen und Belgier an Ruhr, Rhein und baar.
Sie klagen Frankreich und Belgien vor Gott und Menschen an. das Völker¬
recht und die geschlossenen Verträge andauernd in der schwersten Weise zu
verletzen, die Gebote von Religion und Sittlichkeit mit Fussen zu treten, die
gemeinsame Lebensgrundlage der europäischen Völker zu zertrümmern u
so zu dem bereits vorhandenen ungeheuren Unheil immer weiteres Unheil u d
insbesonders neue grosse Kriegsgefahren heraufzubeschworen. Die Ver
sammelten, einig in der Ueberzeugung, dass eine gerechte und sittliche
Lösung der bestehenden Schwierigkeiten sehr wohl möglich wäre, wenden
sich mahnend und warnend an die sittlichen und religiösen Kräfte der Welt
endlich mit grösserem Nachdruck als bisher der unheilvollen Gewaltspolitik
entgegen zutreten, damit sie nicht mitschuldig werden an dem allgemeinen
Verderben, und es von ihnen nicht dermaleinst heisse. Gewogen, gewoge
iind zu j^<'hgngijgchen Unterhaus wurde der Gesundheitsminister gefragt, ob
ihm bekannt sei, dass die Todesfälle an perniziöser Anämie in den
letzten Jahren beträchtlich zugenommen hätten und ob eine grossere Zah
dieser Todesfälle Kriegsteilnehmer betrafen. In Beantwortung dieser Anfrag
wurde die Zahl der Todesfälle an permztöse^ Anämie im Jahre 1920 mit
55 m 62 w. = 117, 1921 mit 55 m., 74 w. — 129, 1922 mit 61 m.. 74 w.
= 135 auf je 1 Million Lebende angegeben. Unter den Kriegsteilnehmern
kamen von 60 000 Todesfällen 152 auf perniziöse Anäm.e, (Lancet. 28 Jul.
— Im englischen Parlament wurde das Gesetz, das den Verkau von
alkoholischen Getränken an Kinder verbietet, in zweiter
Lesung angenommen. hien pr(){. w e y g a n d t - Hamburg in Italien mehrere
wissenschaftliche Vorträge, u. a. im grossen Horsaal des akademischen
Krankenhauses in Rom über Okkultismus. , p
_ y Karlsbader Internationaler ärztlicher rort
bildungskursus mit besonderer Berücksichtigung der Balneologie und
Balneotherapie. Unserer heutigen Nummer liegt der Prospekt des V. Karls¬
bader Internationalen ärztlichen Fortbildungskursus bei, der vom 9. bis
15 September stattfindet. Die Kollegen werden besonders darauf aufmerksam
gemacht, dass den Teilnehmern durch Vermittlung des Kuramtes in Karlsbad
das notwendige Passvisum unentgeltlich erteilt und auf den ^chechoslowaki-
schen Staatsbahnen eine 33 proz. Fahrpreisermassigung in allen Wagenklassen
scttahrt j\nrd.^^ten def jüngst gegründeten U n gar i s c h e n Röntge n -
Gesellschaft in Pest wurden vom ung. Ministerium des Innern ge¬
nehmigt Derzeitiger Präsident ist Univ.-Dozent Dr. Emench v ü c r g o,
Vizepräsident Univ.-Dozent Dr. A. H e n s z e 1 m a n n, Sekretär Dr. Vidor
RlV- Die nächste Tagung der S ü d w es t d eut s ch e n Psy¬
chiater findet am 20. und 21. Oktober 1923 in Frankfurt a. M. statt.
Berichte: Kleist: Ueber Psychopathologie auf hirnpathologischer Grund¬
lage Jahnel: Ueber die Aetiologie der epidemischen Enzephalitis An¬
meldungen zu Teilnahme und Vorträgen bis 15. September an die Psychiatrische
Klinik Frankfurt a M. (z. H. von Prof. Jahnel) erbeten.
— Die British medical Associati o n, die soehen ihre Jahres¬
versammlung in Portsmouth abhielt, bewilligte die Summe von 100 000 Pf. St.
für den Ankat f und die Einrichtung eines neuen Heimes der Gesellschaft
London. s -hreibt uns: Vor kurzem erschien als 3. Bändchen des H a n d -
buchs für Leibesübung: Dr. L. Deppe: Die körperliche Erziehung
des Säuglii.?: und Kleinkindes; ein recht ernsthaftes Buch voll neuer Ge¬
danken in glänzender Darstellung, das man nachdenklich aus der Hand legt.
2
(
Dazu hat die Firma E r n e in a n ti - Dresden unter Leitung des \ erfass
einen Film herausgebracht, der dieser Tage Pressevertretern vorgeft
wurde In glücklichster Weise bringt er das dort Dargestellte selbst d
k "ssesten lS Obemutend nahe: Kollern die in V oririnen ete. So.
wirken wird dies neue Hilfsmittel recht willkommen sein,
wirsen, iru Laut Mitteilung vom 9. Juli wurden in Mal
3 neue Pestfälie festgestellt. - Mesopotamien. Im
in Bagdad. - Siam. Vom 11. März bis 14. 34 Erkrankuiigen
30 Todesfälle in Bangkok. - Aegypten Vom 18 bis -4. Juni 33 E kr
kungen. davon in Alexandrien und Por Said je 1. Peru. Vom L
15. April 68 Erkrankungen (und 28 Todesfälle) davon in der Stadt Lraa 3
— ln der 26. Jahreswoche, vom 24. bis 30. Juni 19^.3. hatten
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit . Lub
mit 17,7. die geringste Mannheim mit 7,8 Todesfällen pro Jahyüu^dRUQ°_
wohner.
Hochschulnachrichten. „ , _
Halle a S. Dem nicht beamteten a. o. Professor Dr. 1 riedi
L e h n dt ist ein Lehrauftrag für Säuglings- und Kmderfürsorge ver he
worden - Der nicht beamtete a. o. Professor Dr. Oskar David st
Leiter der Röntgenabteilung am Israelitischen Krankenhause in Frank! rt
^Marburg Der Assistenzarzt der Med. Universitätsklinik Dr. üerli
D e n e c k e erhielt auf Grund seiner Antrittsvorlesung „Ueber den chroni:
familiären Ikterus und die extrahepatische Gallenfarbstoffbildung die V<
legendi für das Fach der Inneren Medizin. _ w . <•
München Für Dermatologie habilitiert Dr. Franz Wirz (n
Wir Ui. s. vor. Nr.). - Für Chirurgie habilitierte sichderLASS.sten
glinik Sauerbruch Dr. Alfred Brunner. Hab.-Schr.. Die chiruigi:
Behandlung der Lungentuberkulose. Antrittsvorlesung: Die physikalisc
Grundlagen des chirurgischen Handelns. — Den Privatdozenten Dr. Al
Groth (Medizinische Statistik) ui;d Dr. Erich B e n j a m l n (Kinder)
k utide) ist der Titel eines ausserordentl. Professors verliehen worden
— Prof. Dr. med. Robert Heiss. Konservator des Anatomischen Inst:
der Universität München, hat einen Ruf als ordentlicher rofesxor
Anatomie und Direktor des Anatomischen Instituts der Universität Kor
berg i Pr erhalten und zum 1. Oktober 1923 angenommen. Den im Apnl
an ihn ergangenen Ruf auf die anatomische Lehrkanzel der Unrversitat
hat Prof. Dr. Heiss abgelehnt. — Prof. Dr. Oswald Bu m k e, Direktor
Leipziger Psychiatrischen Klinik, der einen Ruf nach München als Naehf.
Kraepelins angenommen hat, wird sein neues Lehramt am . t<l
Kiel in der medizinischen Fakultät im Sommersemester 1923
getragen 551 Studierende. Davon studieren 479 Medizin und 72 ! Zahn
künde. Von den Medizinstudierenden stehen 40 im ersten Semeste .
Rostock. Dem a. o. Professor Dr. med. Erich G r a f e, Hirektor
Med Poliklinik, wurden die Amtsbezeichnung und die akademischen Km
eines ordentlichen Professors verliehen, (hk.) . p
Tübingen. In der hiesigen med. Fakultät habilitierte sich als l r
dozent für Ohren-, Nasen- und Haiskrankheiten Dr. med. Otto . t e u i
Oberarzt der Univcrsitäts-Hals-Nasen-Ohrenkhnik. t
Innsbruck. Dr. Gg. B. Gruier, Prosektor am stadt. Kianken
in Mainz, hat den Ruf auf den Lehrstuhl für pathologische Anatomie in I
1,1 "^w'i'e n" "Der' Dozent der Augenheilkunde Dr. Adalbert Fuchs w
das von Rockefeller gegründete Union Medical College in I eking her
iV Berlin fsUrbL’am 25. Juli der o. Honorarprofessor für innere Me
dir Universität Berlin Geh. Med.-Rat Dr. Max W o 1 f L früher angjäh
1 eiter der Univ.-Poliklinik für Lungenkranke ebenda, im 80 Lebensjahre.
' ln Breslau verschied am 22. Juli der a. o. Professor der inneren Me
Primärarzt am Wenzcl-Haiick e sehen Krankenhause Dr. med. J«
Forsch buch im Alter von 45 Jahren, (hk.)
Der Direktor des Pharmakologischen Instituts der Universität 1 1
furt a. M. Geheimrat Prof. Dr. philv et med. Alexander F. 1 1 i n g e r ist-
langem schweren Leiden gestorben. net,.
In Paris starb Dr. Alexander M a rnt o r e k. ein Mitarbeiter laste
und Erfinder eines Serums gegen die Tuberkulose. , . .
Mau schreibt uns aus Argentinien: Am 6. Juni 1923 wurde in dt
Alto Parana gelegenen deutschen Kolonie Hohenau (Paraguay) der prak
Arzt Dr med. Leo S i m a. ein Deutschungar, 35 Jahre alt. erux
Dr. Sinia hatte den Weltkrieg als österreichischer Militärarzt mitten
war dann ausgewandert und 1 Jahr in der Stadt Mexico tätig. - eit Ai
hatte er sich in der 4000 Einwohner zählenden rem deutschen, lutlieri
Kolonie Hohenau am Oberlauf des Paranä in Paraguay niedergeh
Hohenau wurde vor 20 Jahren von Deutschbrasilianern aus Rio Grande d
gegründet. Er war ein sehr gut ausgebildeter und energischer Arzt. t
stand eine Missstimmung gegen ihn, da die Kolonisten die ärztlichen
nungen nicht zahlen wollten. Als Dr. Sima nun zu dem an sch
Sepsis erkrankten Kolonisten Schöller gerufen wurde, erkannte er
Schwere des Falles und behandelte ihn mit subkutanen Einspritzungen,
behaupteten die Leute nach dein Tode Schöllers, der Arzt habe ihn mit i
Einspritzungen aus persönlicher Feindschaft vergiftet. Zu der B
des Schöller erschienen die Kolonisten alle mit Revolvern und wiiich
büchsen bewaffnet. Als sie auf dem Wege zum Friedhof an dem Haus
Arztes vorbeikamen (ein Geistlicher war nicht zugegen), setzten sie
hin, umstellten das Haus und drangen unter lauten Verwunschungei
dem Rufe: „Jetzt wollen wir abrechnen“ ein und erschossen den Arz
den Augen seiner Frau. Dr. Sima hatte sich mit dem Revolver tapte
teidigt. Mit mehreren Schüssen in die Brust sank er zu Boden un
sofort tot. Der Fall ist mit Lynchjustiz und Volksurteil durchaus mc!
gemacht Er zeigt vielmehr den dumpfen Fanatismus und die kultunelle
ständigkeit der Urwaldkolonisten. An eine Ahndung der Tat ist Kai
denken, da die Regierung fast machtlos ist infolge der schon über I
dauernden Revolution. L>r- Jaeg
an
an
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung. Heizung, Beleuchtung, Wo“
und Kleidung beträgt am 11. Juli 21511, am 16. Juli 28 892 und am 2.
39 336. Basiszahl 1913/14 = 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl
Verlag von ], F. Lehmann in München SW. 2, Paul Hey.e-Str. 26. - Druck von E. Mühlthaler’. Buch- und Kunstdrucke«! O.m.
H. München.
f’rrts der einzelnen Nurmtiei freibleibend -H IS'WO - - Benigsp ci's
•n Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
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lüt die Schr.ft'e tung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8%— 1 Uhr),
liir Bezug: an J. F. L eh m anns V er la g, Paul Heyse-Strasse 2).
MÜNCHENER
Anzeigen- Annahmd:
Leo Waibel, Mönchen, Theatinerstrasse 3.
A nzcigenscblussi
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 32. 10. August 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Origmalien.
Die Entwicklung und Bedeutung der Oto-Rhino-Laryngo-
logie mit besonderer Berücksichtigung der Todesfälle*).
Von A. Scheibe -Erlangen.
Mein Lehrauftrag lautet: Ohren-, Nasen- und Kehlkopf-
j heilkunde. Ausserdem hängen mit diesen drei Fächern noch eine
Keilie von Nebenfächern untrennbar zusammen; es sind das die
! Krankheiten des Uleichgewichtsorgans, des Rachens, die Sprach-
, und Stimmstörungen, die Bronchoskopie und die Üesophagoskopic.
i Unserer Klinik stehen bisher für den Unterricht nur 3 Wochenstunden
, zur Verfügung. In dieser kurzen Zeit ist es unmöglich, die Lehraufgabe
einigermassen zu erschöpfen. Es ist nichts anderes übrig geblieben,
| als ausser dem Uiitersuchungskurs auch die Wiederholung der Ana-
j tomie und Physiologie, die Funktionsprüfung und die therapeuti-
j sehen Uebungen in 3 Nebenkollegs zu verlegen. Ohne eine weitere
dritte Lehrkraft wird dies auf die Dauer kaum durchführbar sein.
Zunächst möchte ich die Entwicklung und Bedeutung der Neben-
! fächer besprechen. Es ist selbstverständlich, dass dies nur in aller
Kürze möglich ist.
Das sogenannte Gleichgewichtsorgan besteht aus den
3 Bogengängen und dem Vorhof. Ueber die Funktion der einzelnen
j Teile sind die Akten noch nicht geschlossen. In der letzten Zeit
I haben sich ausser den Physiologen auch die Biologen an ihrer Er¬
forschung lebhaft beteiligt.
Der Vorhofs - Bogengangsapparat ist zusammen mit der
I Schnecke im Labyrinth untergebracht, so dass seine Erkrankung
meist auch zur Taubheit -führt. Bei Entzündung des üleichge-
i wichtsorgans entsteht in der Regel starker Drehschwindel, Erbre¬
chen und Nystagmus, d. h. rhytmisches Augenzittern.
Spätestens nach Monaten verschwinden diese Erscheinungen
wieder. Auch nach doppelseitiger totaler Zerstörung des Vorhofs-
Bogengangsapparats ist im gewöhnlichen Leben nichts mehr
- von Gleichgewichtsstörung zu bemerken. Nur durch besondere
I Untersuchungsmethoden lässt sich nachweisen, dass die Kranken
das Gleichgewicht nicht so gut halten können wie der Normale. Es
tritt ein fast vollständiger Ersatz durcli den Gesichtssinn sowie die
i Gelenk- und Muskelempfindungen ein.
Die klinischen Untersuchungsmethoden sind hauptsächlich
von B a r a n y, dem einzigen Nobelpreisträger unsres Faches, aus¬
gearbeitet worden. Ich will nur die wichtigste anführen, die kalo¬
rische Prüfung auf Nystagmus. Dabei kann im Gegensatz zum
Drehnystagmus jedes Ohr für sich geprüft werden. Beim Nor¬
malen tritt bei Ausspritzung des Gehörganges mit Wasser unter
Körpertemperatur Nystagmus nach der anderen Seite ein, bei
Ausspritzung mit Wasser über Körpertemperatur nach der glei-
c h e n Seite. Stellt man den Untersuchten auf den Kopf, so dreht
sich der Nystagmus um. Das erklärt sich am besten durcli Steigen
resp. Fallen der Endolymphe im zunächstgelegenen horizontalen
Bogengang. Bei Zerstörung des Vorhofs - Bogengangsapparats
oder des Nervus vestibularis kann aucli durcli Eis wasser kein Ny¬
stagmus mehr hervorgerufen werden.
Die wichtigste Krankheit ist die Labyrinth e i t e r u n g, weil sie
lebensgefährlich ist. Sie erfordert zum Feil difizile Operationen am
inneren Ohr, weshalb die Krankheiten des Gleichgewichtsorgans
immer zur ütologie gehören werden. Ausser den Otologen haben
auch die Neurologen lebhaftes Interesse für dieses Nebenfach.
Ich komme nun zu den Rachenkrankheiten. Der Nasen-
rachen gehört zur Rhinologie. Seine Untersuchung, die Rhi-
noscopia posterior, ist ebenso schwierig wie die Laryngoskopie. Bei
beiden stört der Würgreflex des Rachens.
Die Krankheiten des Mund r a c h e n s dagegen sind leicht zu
diagnostizieren. Es sind die einzigen unseres Faches, ausser denen
der Ohrmuschel, welche ohne Spiegel erkannt werden können. Die
Rachenkrankheiten sind niemals von eigenen Vertretern gelehrt wor¬
den. Von Krankheiten sind die häufigsten der chronische Rachen¬
katarrh, der therapeutisch ziemlich dankbar ist, und die Krankheiten
der Tonsillen. Die Funktion der Tonsillen ist auch heute noch
unbekannt. Man kann aber annehmen, dass sie im Kindesalter einen
besonderen Zweck haben, da sie später einschrumpfen.
*) Antrittsvorlesung, gelegentl. der Ernennung zum Ordinarius. Febr. 1923.
Wichtig ist der Zusammenhang mit i n n e r e n Krankheiten. Bei
der Angina können akute Nierenentzündung, akuter Gelenkrheuma¬
tismus und Sepsis entstehen. Dies ist allgemein anerkannt. Dagegen
ist es eine Streitfrage, ob aucli andere Allgemeinkrankheiten, insbe¬
sondere chronischer Gelenkrheumatismus und chronische
Nephritis, von den Tonsillen unterhalten werden können. Ja, es
sollen 20 — 30 verschiedene Krankheiten und schliesslich soll, wie in
einer der neuesten Arbeiten aus einer angesehenen Kehlkopfklinik
behauptet wird, jede Krankheit einmal von den Mandeln aus ent¬
stehen können. Zur Heilung all dieser verschiedenen Allgemeinkrank-
heiten wird deshalb vielfach die radikale Entfernung der Mandeln
vorgenommen. Die Tonsillektomie ist zu einer förmlichen Epidemie
geworden, besonders in Amerika. Nur Sänger und Kinder werden
meist verschont. Da die Frage aktuell ist, will icli bei ihr etwas
länger verweilen. Ursache jener Krankheiten soll nicht die akute,
sondern die sogenannte chronische Tonsillitis sein. Sie bestelle in
Hypertrophie, in Zerklüftung und in dem Vorhandensein von Mandel-
pfröpfen. Wie Fein- Wien aber mit Recht betont, sind die 3 ge¬
nannten Symptome nicht Zeichen von Erkrankung, sondern
normale Zustände. Von Hypertrophie lässt sich histologisch in
den grossen Mandeln nichts nachweisen, und Zerklüftung zeigt jede
Mandel. Am meisten umstritten sind die Mandelpfröpfe, auch fälsch¬
lich Eiterpfropfe genannt. Sie bestehen nicht aus Eiter, sondern
aus ausgestossenen und zerfallenen Epithelien sowie meist Sapro-
phyten, die den bekannten üblen Geruch verursachen. Diese Mandel¬
pfröpfe lassen sich fast bei allen Menschen, besonders bei Erwach¬
senen, mit geeigneten Methoden nachweisen.
Wenn einmal ausnamsweise flüssiger Eiter in den La-
kunen vorhanden ist, muss die Möglichkeit von lokalen und Allgemein-
krankheiten, wenigstens hei Retention, ohne weiteres zugegeben
werden. Aber im übrigen stellt die Lehre von dem Zusammenhang
der Pfropfe mit allen möglichen Allgemeinkrankheiten auf schwachen
Füssen. Die bisherigen Statistiken sind meist auf dem falschen Prin¬
zip aufgebaut: post hoc, ergo propter hoc. Die Statistiken sollten
ganz anders gemacht werden. Ls müssten aucli die nicht operierten
Fälle berücksichtigt werden. Und in Amerika, wo man in einem
Krankenhaus täglich durchschnittlich 30 Mandeln ausschält, würde
man bald zu einem sicheren Resultat kommen, wenn man nur jeden
zweiten Fall operieren würde. Wie Diskussionen in der deut¬
schen und in der Wiener laryngologischen Gesellschaft zeigen, ist
die Lehre von dem Zusammenhang der verschiedensten Krankheiten
mit den Tonsillen gegenwärtig stark erschüttert. Wenn der Zusam¬
menhang in der Tat in Zukunft als nicht bestellend sicli erweisen
sollte, so ist doch eines sicher, nämlich dass die Tonsillektomie als
Errungenschaft der Neuzeit bei gewissen lokalen Krankheiten des
Rachens dauernd ihren Wert behalten wird. Das ist der Fall vor
allem bei dem rezidivierenden peritonsillären Abszess und vielleicht
auch bei der rezidivierenden Angina. Die Tonsillektomie ist aber
kein ungefährlicher Eingriff. Es sind schon 40 Fälle von Lungen¬
abszess darnach beschrieben worden. Häufiger ist der lod erfolgt
an Halsphlegmone, Nachblutung und Sepsis. Unangenehm ist aucli
das öftere Auftreten von Rachenkatarrh nach der Operation. Wenn
aucli seit der besseren Ausbildung der Methode, besonders bei mög¬
lichst stumpfem Vorgehen, die Operation viel weniger gefährlich
geworden ist, so empfiehlt es sich doch, erst konservative
Methoden zu versuchen. Die beste, aber noch wenig bekannte, ist
die Ausspülung der Pfropfe, die der Kranke selbst erlernen kann.
Bei Kindern genügt oft schon die Abtragung der vergrösserten drit¬
ten Mandel, um das Wiederauftreten der Anginen zu verhüten.
Als nächstes Nebenfach kommt die Phonetik in Betracht.
Sie hat sich zunächst als selbständiges Eacli entwickelt, be-
sondern durch den leider zu früh verstorbenen Gutzmann. Jetzt
wird sie meist mit der Laryngologie vereinigt. Im Interesse der wis¬
senschaftlichen Entwicklung ist es aber zu begriissen, dass erst vor
kurzem in München ein Vertreter für dies Spezialfach sich habili¬
tiert hat.
Als ich 1911 nach Erlangen kam, wurden nur die hysterischen
Stimmstörungen behandelt, alle anderen Stimmstörungen dagegen
nicht. Ich veranlasste deshalb Dr. Brock, die Phonetik bei Gutz¬
mann zu studieren. Die Regierung von Mittelfrankcn stellte die
Mittel für die neue Abteilung zur Verfügung. Mit Hilfe der philo¬
sophischen Fakultät gelang es, Herrn Professor ü e i s s 1 e r hierher
zu berufen und für den technischen Teil der Stimmübungen zu ge¬
winnen. Neuerdings hat Professor Brock auch einen Lehrauftrag
2*
Münchener medizinische Wochenschrift.
Nr. 32.
1042
erhalten Die Erfolge der Behandlung sind zum Teil sehr gut und.schnell,
z B bei der hysterischen Tonlosigkeit, bei den Mutationsstorungen
und beim Lispeln, zum Teil erfordert die Behandlung viel Geduld,
aber schliesslich ist sie doch von Erfolg gekrönt, z B. bei der wich¬
tigen Stimmschwäche (Phonasthenie), so dass die Berufsredner und
-sänger ihren Beruf meist nicht aufzugeben brauchen; zum 1 eil sind
die Resultate schlecht, vor allem beim Stottern; es scheint mir, dass
hier andere Wege gegangen werden müssen, als Gutzmann sie
angegeben hat.
Ich komme nun zur Bronchoskopie. Sie ist ausgebildet von den
I arvmrolouen Kill i an und Brünings. Die direkte La-
ryngoskopie(Kirstein) hatte ihr den Weg gebahnt. Durch Ver¬
drängung des Zungengrundes nach vorn wird der rechtwinklige Weg
vom Mund zum Kehlkopf in einen geraden verwandelt. Die grössten
Triumphe feiert die Bronchoskopie bei der Fremdkorperextraktion
aus den Bronchien. Die Mortalität ist von früher mindestens 50 Proz.
auf jetzt höchstens 10 Proz. herabgedrückt. Wir hab|n..blifherc ™
Fremdkörper mit Erfolg extrahiert, bei einem fünften Fa 11, der schon
mit Pneumonie eingeliefert wurde, trat vor der Extraktion, wahr¬
scheinlich durch Kokainvergiftung, der Tod ein. Sicher aber gehen
auch heute noch viele Kinder, um die es sich meist handelt, an uner¬
kannten Fremdkörpern zugrunde.
Die Bronchoskopie ist auch für die Diagnose anderer Krank¬
heiten der Bronchien nicht unwichtig.
Das letzte der Nebenfächer ist die Oesophagoskopie. Die Aus¬
bildung dieser Methode verdanken wir nicht nur Laryngologen
(S t ö r k K i 1 1 i a n, B r ü n i n g s), sondern auch inneren Medizinern
(K u s s m a u 1) und Chirurgen (Mikulicz). Die grössten Erfolge
weist die Oesophagoskopie bei den Fremdkörpern in der Speiseröhre
auf. Die Mortalität, die vorher zirka 20 Proz. betrug, ist jetzt fast
Null. Die Diagnose ist meistens ohne weiteres gegeben. Die
Extraktion ist uns immer gelungen, mit Ausnahme eines ein¬
zigen Falles, wo ein grosses Gebiss bereits % Jahr lang fest in der
Speiseröhre verankert war. Hier gelang die Entfernung des rreind-
körpers in der chirurgischen Klinik durch Operation von aussen.
Auch diese Kranke kam trotz einer postoperativen Pneumonie mit
dem Leben davon. R
Bei Kindern ist die Oesophagoskopie zum I eil entbehrlich, z. d.
beim Steckenbleiben von Münzen, die man ungestraft in den Magen
stossen kann.
Von anderen Krankheiten ist besonders noch das K a r z i n o in
der Speiseröhre zu nennen, bei dem die Einführung des Roh¬
res teils diagnostisches, teils therapeutisches Hilfsmittel ist. Es ge¬
lingt damit leicht, eine Radiumkapsel in den ringförmigen Krebs ein-
zulegen, aber bisher waren wir nicht so glücklich, wie Witt-
maack, eine Heilung zu erzielen; wir mussten uns mit vorüber¬
gehenden Besserungen begnügen.
Ich komme nun zu den drei Hauptfächern, Kehlkopf-,
Nasen- und Ohrenheilkunde;
Der Kehlkopf ist Stimmorgan und Atmungsorgan zugleich. Als
Atmungsweg steht kein Ersatz zur Verfügung wie bei der Nase. Seit
1916, seit Eröffnung der neuen Klinik, sind in ihr an Kehlkopfkrank¬
heiten 14 Kranke gestorben, darunter an Tuberkulose 13 und an Kar¬
zinom 1. Eine Anzahl Kranke ist von ihren Angehörigen kurz vor dem
Tode nach Hause geholt worden, um die hohen Leichentransport¬
kosten zu sparen. D ,
Die Kehlkopfheilkunde hat sich als selbständiges Fach
entwickelt unter Türk, Czermak und K i 1 1 i a n. Auch innere
Mediziner (G erhard, Ziemssen und Penzoldt) haben sich
um die Entwicklung verdient gemacht. Später erfolgte die Ver¬
schmelzung mit der Otologie, und zwar ausschliesslich aus prak¬
tischen Gründen. In wissenschaftlicher Beziehung war
die Verschmelzung ein Nachteil.
Die beiden Fächer sind in Deutschland nur noch getrennt in
München, Frankfurt und Hamburg. Davon hat nur Frankfurt 2 Kli¬
niken und 2 Ordinariate. Es ist zu wünschen, dass wenigstens in
diesen 3 Universitäten die Trennung bleibt, sonst ist zu befürchten,
dass das Ausland die Führung übernimmt, die bisher Deutschland hat.
Von Krankheiten ist zunächst das Karzinom zu erwähnen.
Seine frühzeitige Operation ergibt verhältnismässig sehr günstige
Resultate, wie nicht leicht in einem anderen Organ. Die Laryngo-
fissur ist eine einfache Operation und fast gefahrlos. Die Funktion
bleibt dabei für den Verkehr genügend. In fortgeschritteneren Fäl¬
len kommt nur noch die halbseitige Exstirpation oder die Total¬
exstirpation in Betracht; die erstere ist am schwierigsten. Wir haben
bisher 2 mal die Laryngofissur und einmal die halbseitige Exstir¬
pation gemacht. Alle 3 Kranke sind geheilt. Die Zahl der Operationen
ist hauptsächlich deshalb noch so gering, weil die Operation ent¬
weder verweigert wird, oder weil die Kranken erst in einem in¬
operablen Zustand zu uns kommen. Die Diagnose durch den prak¬
tischen Arzt erfolgt namentlich meist erst zu spät. Die Ausbildung
in der Laryngoskopie ist, das muss zugegeben werden, bisher unge¬
nügend. Das kommt daher, dass 1 Kranker wegen des Würg¬
reflexes kaum von mehr als 2 — 3 Praktikanten untersucht werden
kann. Dafür reichen die klinischen Kranken nicht aus. Abhilfe ist
nur zu schaffen durch Verlegung des Untersuchungskurses auf die
Sprechstunden der Poliklinik. Eine dritte Lehrkraft würde auch für
den Untersuchungskurs sehr erwünscht sein, da der Lehrer immer
neben dem Schüler stehen soll.
Die Ausbildung der äusseren Kehlkopfoperationen verdanken
wir vor allem dem Chirurgen Gluck. Die Operationsmortalität, die
vor ihm bei der Totalexstirpation zirka 25 Proz. und bei der halb¬
seitigen zirka 40 Proz. betrug, ist bei Gluck selbst fast auf Null
gesunken, ln den letzten Jahren sind fast alle Kehlkopfkliniken dazu
übergegangen, die Exstirpation selbst vorzunehmen. Ich halte es
aber wegen des öfteren Uebergreifcns des Krebses auf die Nachbar¬
organe zunächst für die Kranken am besten, wenn der Laryngologe
zusammen mit dem Chirurgen die Operation vornimmt. Die Nachbe¬
handlung allerdings sollte wegen der besonderen Technik dem La¬
ryngologen überlassen werden. .... „ , .
Die Erfolge der Röntgenbestrahlung sind beim Kehl¬
kopfkrebs bisher schlechte. Wir haben nur einen Fall von Karzinom .
am Stimmband heilen sehen. Bei ihm muss aber die Möglichkeit zu¬
gegeben werden, dass der lumor schon vor der Bestrahlung durch A
die Probeexzision total entfernt worden war.
Das entzündliche Oedem des Larynx ist ebenfalls lebens¬
gefährlich. Abgesehen von der Diphtherie, kommt heute ätiologisch {■
besonders die Röntgenbestrahlung in Betracht. Ganz deletär ist die
oft erst Monate darnach eintretende Gangrän. Als weitere Ursache
der Kehlkopfstenose sind zu nennen Lues, I uberkulose, Influenza,
und von lokalen Krankheiten der peritonsilläre Abszess und die
Angina. Für die Tracheotomie, die wegen Erstickungsgefahr oft
ohne Aufschub gemacht werden muss, sind die praktischen Aerzte
durch den chirurgischen Operationskursus besser gerüstet als für
die Untersuchung des Kehlkopfes. Im späteren Verlauf muss die
Kehlkopfstenose häufig durch Dehnung mit Bolzen behandelt
werden, die allerdings grosse Geduld erfordert, aber doch meist zum
Ziele führt. , . ,
Die Tuberkulose des Kehlkopfes ist für die Kliniken bisher
eine Krux. Am besten ist Allgemeinbehandlung im Sanatorium mit
gleichzeitiger Spezialbehandlung. Hervorragend gute Resultate hat
R ü d i in Davos erzielt. Uns fehlt bis jetzt noch eine Liegehalle, für
die das Dach des Hörsaals vorgesehen ist. Bei der Seltenheit des
Sonnenscheins in Erlangen wäre als Ersatz des Sonnenlichtes das
universelle Kohlenbogenlichtbad dringend nötig, mit dem
neuerdings 2 Kopenhagener Kollegen bei Tuberkulose nicht nur des
Larynx und der Nase, sondern auch des Mittelohrs ganz über¬
raschende Erfolge erzielt haben. Hoffentlich gelingt es, in Er¬
langen die Mittel hierfür aufzubringen. .
Besser sind die Resultate der Klinik bei der einfachen Ent-
z ii n düng und besonders bei den gutartigen Geschwül¬
sten. Die Lähmungen dagegen haben mehr diagnostisches
Interesse.
Eine Erleichterung für die, grosse Uebung erfordernden, endo-
laryngalen Eingriffe ist die Kil Mansche Schwebe. Während
der Kranke auf dem Rücken liegt, wird ein Spatel in den Kehlkopf
eingeführt und an dem sogenannten Galgen aufgehängt. Der Kehl¬
kopf klafft dann so weit, dass er ohne Kehlkopfspiegel direkt der
Operation, und zwar für beide Hände, zugänglich ist. Seiffert,
ein Schüler Killians, hat neuerdings die Schwebe vereinfacht.
Ich komme nun zu den Krankheiten der Nase und des Nasen¬
rachenraums.
Sie sind nie von eigenen Vertretern gelehrt worden, sondern
waren immer entweder mit der Otologie, oder mit der Laryngologie j
vereinigt. Die Nase ist ebenso wie das Ohr Sinnesorgan, ausser¬
dem aber auch Atmungsweg. Todesfälle kamen seit 1916
in der Klinik vor 4, darunter 1 an Hirnabszess infolge Nebenhöhlen- 1
eiterung, 1 an Hirnabszess nach Nasenschuss, 1 an postoperativer ;
Hirnhautentzündung und 1 an Karzinom.
Als Sinnesorgan ist die Nase wichtig nur bei gewissen Ge¬
fahren, z. B. Gasausströmung, und bei gewissen Berufen; ich nenne
von den akademischen den Chemiker und den Mediziner. Beim
Ohrenarzt z. B. kann das Leben des Kranken direkt davon abhängen,
ob der Eiter im Mittelohr übel riecht oder nicht. *
Die Funktionsprüfung des Geruchsvermögens hat sich j
bisher noch nicht recht eingebürgert. Zwardemarker in Holland
hat zwar einen brauchbaren Apparat angegeben, aber die Mittel zu
seiner Anschaffung und Reparatur sind jetzt kaum erschwinglich.
Die Nase kann als Atmungsweg ersetzt werden durch den !
Mund, aber dabei ist die Filtrierung, die Anfeuchtung und die Er- ;
wärmung der Atmungsluft nur mangelhaft. Dadurch können Krank¬
heiten des Rachens, des Kehlkopfes und der Lunge entstehen. .fl
Die Ursachen der Nasen Verstopfung können sein entzünd¬
liche Schwellung des kavernösen Gewebes und der Schleimhaut, l
nervöser Schnupfen, Polypen und andere Geschwülste sowie die Vcr-
grösserung der Rachenmandel. Verbiegung der Nasenscheidewand
dagegen, an der fast jeder Mensch leidet, kommt selten als Ursache
in Betracht, da meist die andere Seite um so weiter ist. Die Ope¬
ration der verbogenen Nasenscheidewand wird noch viel zu häufig
ausgeführt.
Die Therapie der Nasenverstopfung, wenigstens der chronischen, .
ist meist chirurgisch und recht dankbar.
Die Ozaena, die sogenannte Stinknase, nimmt unter den Ka¬
tarrhen eine besondere Stellung ein. Wahrscheinlich handelt es
sich um eine Konstitutionsanomalie. Die modernen Operations¬
methoden verfolgen meist den Zweck, die durch Schwund erwei¬
terte Nase zu verengern. Nach unserer Erfahrung aber hält die Bes¬
serung der Beschwerden meist nur solange an wie der Reiz durch
die Operation.
10. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1043
Die malignen Geschwülste sind wegen besonderer ana¬
tomischer Verhältnisse fast hoffnungslos. Nur die Sarkome haben
eine bessere Prognose; das gilt sowohl für die Operation, als auch
für die Röntgenbestrahlung.
Selbst histologisch gutartige Geschwülste können
durch expansives Wachstum sowie durch spontane Blutung zum
Tode führen. Es sind dies das echte Papillom der Nase und das
juvenile Fibrom des Nasenrachens. Was das Papillom anbetrifft,
so ist bisher noch kein durch Operation geheilter Fall bekannt ge¬
worden. Dagegen ist es uns gelungen, einen Fall durch Röntgen¬
bestrahlung zur Heilung zu bringen. Beim juvenilen Fibrom kommt
es darauf an, die Geschwulst bis zirka zum 25. Lebensjahre in
Schranken zu halten. Nach dieser Zeit, d. h. nach Stillstand des
Schädelwachstums, wächst sie nicht mehr. Wir haben bisher keinen
Fall verloren. Bei der Behandlung hat uns die Elektrolyse bessere
Dienste geleistet als die recht blutige Operation, die bis zum 25. Le¬
bensjahre gewöhnlich von Rezidiven gefolgt war.
Die wichtigste Nasenkrankheit ist die Neben höhleneitc-
rung. Aus bestimmten, gleich zu ersehenden Gründen will ich
etwas ausführlicher auf dieselben eingehen. Sie können durch an¬
haltende Kopfschmerzen Berufsunfähigkeit hervorrufen, bilden eine
Gefahr für die Nachbarschaft, z. B. das Ohr, und können durch Ueber-
greifen auf die Schädelhöhle zum Tode führen. Es muss aber betont
werden, dass die Mortalität gegenüber den Mittelohreiterungen
ganz auffallend gering ist, obgleich es sich ebenso wie bei diesen
um Eiterung an der Schädelbasis handelt. Der vorher erwähnte
Todesfall an Hirnabszess ist der einzige, den ich in meinem ganzen
Leben beobachtet habe. Siebenmann hat ebenfalls nur 2 Todes¬
fälle in 20 Jahren erlebt.
Die Ursache der geringen Gefährlichkeit liegt in der anatomi¬
schen Beschaffenheit der Ausführungsgänge der Nebenhöhlen. Im
Ohr ist es die Eiterung in den Warzenzellen, welche mit der
Eiterung in den Nebenhöhlen verglichen werden kann. Die soge¬
nannten Terminalzellen des Mittelohres münden erst in Uebergangs-
zellen und von da in die Warzenhöhle und von da erst durch den
Aditus ad antrum in die Paukenhöhle. Die Nebenhöhlen dagegen
münden direkt in die Nase. Dazu kommt, dass die Ausführungsgänge
der Warzenzellen flaschenförmige Gestalt haben, die der Nebenhöhlen
aber fast alle fensterförmige. Retention in den Nebenhöhlen kommt
deshalb äusserst selten vor. Im Mittelohr kommt überdies noch das
besonders gefährliche Cholesteatom in Betracht, das in den Neben¬
höhlen wegfällt.
Die Operationsmethoden sind gut ausgebildet. Sie können zu¬
sammen mit den Ohroperationen als Schädelbasischirurgie
bezeichnet werden. Es ist zu erwarten, dass die Chirurgie der Schä¬
delbasis im nächsten Kriege noch mehr als im letzten in die Hände
der Rhino-Otologen gelegt werden wird.
Die Operation der Kieferhöhle ist fast ungefährlich, anders die
der Stirnhöhle, der Siebbeinzellen und der Keilbeinhöhle. Ja, es steht
jetzt fest, dass die Operation dieser Höhlen gefährlicher ist
als die Krankheit selbst. Die K i 1 1 i a n sehe Stirnhöhlenoperation
weist mindestens 3 Proz. Mortalität auf. Sieben mann hat mehr
als 3 mal so viel Kranke an der Operation verloren, als an der Krank¬
heit. Wir haben zwar nur 2 Fälle von postoperativer Hirnhautent¬
zündung erlebt, und zwar beidemal bei Nachoperationen, aber wir
haben auch die Indikation zur Operation der oberen Nebenhöhlen
sehr eingeschränkt. Der Höhepunkt der operativen Aera ist
wegen dieser Gefahren bereits überschritten.
Seit einiger Zeit hat man sich mehr der Ausbildung der Spii-
ungen gewidmet, die technisch ziemliche Uebung erfordern. Nun
ehrt aber die neueste Zeit, dass auch die Spülungen nicht unge¬
fährlich sind, ja dass an ihren Folgen ebenfalls mehr Kranke sterben
ils an der Krankheit selbst. Die Luftembolie will seit dem Krieg
licht mehr Von der Tagesordnung unserer Kongresse verschwinden.
5 c h 1 i 1 1 1 e r konnte bereits 41 sogenannte üble Zufälle Zusammen¬
gehen. Wir haben bisher ebenso wie Schüttler keinen Kranken
m Luftembolie verloren, weil wir ebenso wie dieser kein scharfes
Röhrchen, sondern das stumpfe von Sieben mann benützen.
Dagegen haben wir in den letzten Jahren infolge Spülung meli¬
ere Fälle von Sepsis und Erysipel beobachtet, darunter 2 To-
lesfälle. In der Literatur finden sich über Sepsis und Erysipel nur
wenig zerstreute kurze Bemerkungen. Es ist deshalb eine Publi¬
kation aus unserer Klinik hierüber vorgesehen.
Nach alledem kann es kein Zweifel sein, dass nicht nur die
ip er a t i v e, sondern auch die konservative Behandlung ge-
ährlicher ist als die Nebenhöhleneiterung selbst. Wir werden des¬
halb die Einschränkung der Operationen, abgesehen von der unge-
ährlichen der Kieferhöhle, auch weiterhin beibehalten und auch die
Spülungen auf die Fälle beschränken, bei denen sie nicht zu umgehen
■ind. Wir erheben ausserdem die Forderung, Spülungen nur unter
Kontrolle des Thermometers vorzunehmen.
Es bleibt nun noch übrig, die Otologie zu besprechen. Sie ist das
vichtigste und schwierigste unserer 3 Hauptfächer. Schon anato¬
mische Lage und Bau sind versteckt und kompliziert. Ohne Spiegel
st nur die Ohrmuschel zu untersuchen.
Die Entwicklung der wissenschaftlichen Ohrenheilkunde datiert
■eit der Einführung des durchbohrten Reflexspiegels in die Praxis
urch v. Tr ölt sch 1856. Es war ihm nicht bekannt, dass bereits
I Jahre früher Helmholtz-Ruete den durchbohrten Augen-
Piegel angegeben hatten, wie es anderseits H e 1 m h o 1 1 z unbekannt
war, dass bereits 10 Jahre vor ihm der praktische Arzt Hoff mann
den durchbohrten Reflektor erfunden hatte. Ausser T r ö 1 1 s c h
waren es besonders Politzer, Bezold, Schwärt ze und
Körn er, welche sich um den Ausbau der Otologie verdient gemacht
haben. Seit I r ö 1 1 s c h haben Deutschland und die deutschsprechen¬
den Länder den Engländern und den Franzosen die Führung abge¬
nommen.
Im Jahre 1875 wurde Tröltsch in Würzburg das Ordinariat
angeboten. Da er aber gleichzeitig gerichtliche Medizin lesen sollte,
lehnte er es ab. Es war erst die etwas natürlichere Vereinigung mit
der Laryngologie nötig und dauerte noch 26 Jahre, bis Körner im
Jahre 1901 das erste Ordinariat in Deutschland erhielt. Zwei
Jahre vorher war für ihn schon die erste Klinik errichtet worden.
Jetzt bestehen Kliniken an den meisten deutschen Universitäten.
Ohne den Kries: würden sie wohl schon an allen Universitäten erbaut
worden sein. Prüfungsfach ist die Oto-Laryngologie seit 1920.
Ohne Krieg und Revolution wäre dies wohl kaum so schnell durch¬
gesetzt worden. Die Rechte des Ordinarius besitzen jetzt die Fach¬
vertreter an allen denjenigen Universitäten Deutschlands, an denen
Oto-Laryngologie vereinigt sind.
Die Bedeutung der Ohrenkrankheiten liegt, abgesehen von
ihrer H ä u f i g k e i t, in der Störung der Funktion sowie in
der Lebensgefährlichkeit speziell der Mittelrohreiterungen.
... Schwerhörigkeit hindert, wenn sie doppelseitig ist, in der
Kindheit die geistige Gesamtentwicklung und das Erlernen der
Sprache. Ist die Schwerhörigkeit 'hochgradig oder besteht gar
laubheit, so kommt es zur Taubstummheit. Seit Bezold mit der
kontinuierlichen Tonreihe bei den Taubstummen noch Hörreste fest¬
zustellen gelehrt hat, ist Bayern damit vorangegangen, in den An¬
stalten Hörklassen zu errichten. In ihnen ist die Ausbildung der
Sprache und die ganze geistige Erziehung eine bedeutend bessere als
bei den Totaltauben. Es ist ohne weiteres einleuchtend, dass ein
I aubstummer, der soviel Hörreste hat, um laute Sprache bis in 20 cm
Entfernung verstehen zu können, die Sprache niemals erlernt, wenn
zu ihm immer in einer Entfernung von mehreren Metern gesprochen
wird, während er sie sofort versteht, wenn der Lehrer sich ihm bis
.1.® cm nähert, zumal wenn er ihm noch einen Handspiegel zur
Verfügung stellt, in dem er die Sprechbewegung des Lehrers von
dessen Gesicht ablesen kann.
Die Einführung der Schwerhörigenschule verdanken wir
Hart mann. In sie kommen solche Schwerhörige, die für die Volks¬
schule zu schlecht und für die Taubstummenanstalt zu gut hören. In
den Grossstädten sind bereits ganze Schulen mit der normalen
Klassenzahl eingerichtet worden. In Erlangen fanden wir in den
Volksschulen nur einen einzigen Schwerhörigen, der sich für die
Schwerhörigenschule geeignet hätte. Für die kleinen Orte müsste
also entweder B e z o I d s Forderung durchgeführt werden, dass die
1 aubstummenanstalten in solche für Totaltaube und solche für noch
Hörende getrennt werden, oder aber es müssten in den Grossstädten
mit der Schwerhörigenschule Internate verbunden werden.
Bei Erwachsenen kann die Schwerhörigkeit zur Aufgabe des
,Uys’ zur Unmöglichkeit am gesellschaftlichen, gemeindlichen und
politischen Leben teilzunehmen, sowie überhaupt zur Zerstörung des
ganzen Lebensglücks führen.
( .. , , . er Qer scnwerborigkeit ist es besonders die Lebensge¬
fahr 1 1 c h ke i t, welche die Ohrenkrankheiten bei Aerzten und
.aien so gefürchtet macht. Werden doch die Kranken gerade in den
MStfnT-J?hre,nLUjd meist aus volIer Gesundheit dahingerafft! Die
Mortalität ist bedeutend grösser als die der Nasen- und Kehlkopf-
krankheiten zusammengenommen. In der Klinik sind seit 1916 34 ge¬
storben, darunter 4 an Karzinom, und an Mittelohreiterung 30.
So deprimierend es ist, dass die Mortalität bei den Neben¬
hohl en e 1 1 e ru n.g e n mit der fortschreitenden Entwicklung der
Behandlungsmethoden sich erhöht hat, so erfreulich ist es. dass um-
. gekehrt bei den M i 1 1 e 1 o h r e i t e r u n g e n die Anzahl der Todes-
o u S5,!t der Entwicklung der Otochirurgie und der konservativen
Behandlungsmethoden wesentlich abgenommen hat. Das zeigt der
Vergleich dniger Statistiken aus der voroperativen Aera mit solchen
nach 1894 dem Erscheinen der Körn ersehen Monographie über
die otitischen Hirnkomplikationen.
Todesfälle infolge
B a r k e r
Bezold
Kümmel
Siebenmann
Erlangen
von Mittelohreiterung:
1877—1888
1881—1907
1897— 1906
1898— 1917
1911—1920
25 : 1000
8,1 : 1000 ‘)
6 : 1000
5,9 : 1000
5,5 : 1000
Ein noch besseres und eindeutigeres Bild über die Erfolge
der Behandlung ergibt die Statistik über die Heilungsresultate
der einzelnen Hirnkomplikationen selbst, nämlich des
Hirnabszesses, der Sinusthrombose und der Meningitis. Körner
sagt, dass sie 1884, als er Assistent war, alle noch für unheilbar
galten.
Unsere guten Resultate sind wohl besonders auf die Nach-
b e h a n d I u n g zurückzuführen, auf die wir wegen ihrer Schwierig¬
keit den grössten Wert legen. Als neue Methode haben wir die Aus-
) Diese Mortalitätsziffer ist überraschend niedrig, wenn man bedenkt,
dass die Hälfte der Jahre in die voroperative Aera fällt, und nur dadurch zu
verstehen, dass Bezold ganz besonderen Wert auf die Prophylaxe der
zerebralen Komplikationen legte.
1044
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Hi
irnabszess2).
Rostock
27 Proz. Heilungen
Berlin
15 „
Heidelberg
21 „
Breslau
21 .,
Uöitingen
50 „ „
Strassburg
30 „
Halle
23 „
Erlangen
53 „
Spülung und Insufflation von Borsäurepulver eingeführt. Unser wich¬
tigster Grundsatz aber für die Nachbehandlung ist der, dass kein
Assistent ausser dem Oberarzt sie übernehmen darf.
Die 2. cndokranielle Komplikation ist die S i n u s p h I e b i t i s.
Da die Sinusthrombose infolge chronischer Mittelohreite¬
rung weit gefährlicher ist als die infolge der akute n, müssen wir
beide trennen.
ebitis nach
akute
r M i
ttelohreiterung.
Wien
79
Proz.
Heilungen
Giessen
70
'**
»
Königsbeig
87
„
*»
Erlangen
95
*»
>>
t i s nach c h
r o n i s
eher
Mittelohreiterung
Wien
4-1
Proz.
Heilungen
Königsberg
51
„
• I
Erlangen
60
.*
««
Die guten Resultate der Erlanger Klinik dürften auf zwei Grund¬
sätze zürückzuführen sein.
1. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kliniken unterbinden
wir die Jugularis nur dann, wenn sie selbst mit erkrankt ist.
Bei der akuten Mittelohreiterung ist dies nur ausnahmsweise
der Fall, so dass wir die Jugularis in keinem Fall zu unterbinden
brauchten, während in Wien und Giessen fast alle Fälle und in
Königsberg etwas über die Hälfte unterbunden wurden.
Bei der chronischen Mittelohreiterung dagegen ist die Ju¬
gularis sehr häufig mit erkrankt. Während bei ihr in anderen Kli¬
niken, auch in Königsberg, die grosse Halsvene fast immer unter¬
bunden wurde, haben wir dies nur in etwa der Hälfte der Fälle
nötig gehabt. • .
2. Der zweite Grundsatz bei uns ist der, bei chronischer
Eiterung wegen der schnellen Ausbreitung der I hrombose die Sinus¬
operation sofort am gleichen Tage zu machen.
Die letzte zu besprechende Hirnkomplikation ist die Meningitis.
Ueber sie sind die Resultate in Erlangen noch nicht zusammen-
gcstellt. Mein Eindruck ist der: Die Meningitis ohne Bindeglied ist
fast hoffnungslos. Wenn dagegen Labyrintheiterung, Hirnabszess
oder Sinusphlebitis als Bindeglied sich findet, ist die Prognose viel
besser. Auch die gefürchtete eitrige Meningitis ist also nicht mehr
unheilbar!
Unsere Grundsätze bei ihrer Behandlung sind:
1. Ausschaltung des primären Eiterherdes.
2. Häufige Lumbalpunktion, dagegen keine Durchspülung des
Lumbalsackes.
Den grössten Wert aber legen wir auf die Vermeidung der nicht
seltenen post operativen Meningitis. Wir lassen deshalb
bei der Radikaloperation Hammer und Amboss stehen, wenn die Ver¬
bindung mit dem Steigbügel nicht aufgehoben ist und somit die Ge¬
fahr seiner Luxation aus dem Vorhofsfenster besteht. Und bei
latenter Labyrinthitis eröffnen wir bei der Aufmeisselung
des Mittelohrs das Labyrinth prinzipiell immer mit. Bisher haben
wir das Glück gehabt, keinen Kranken an postoperativer otitischer
Meningitis zu verlieren.
Aus dem Gesagten geht hervor, dass die Otochirurgie in der
Heilung der zerebralen Komplikationen grosse Fortschritte gemacht
hat. Aber immer noch sterben ungefähr die Hälfte der Kranken.
Vorbeugen ist deshalb auch hier besser als Heilen. Wir
kommen damit zu den unkomplizierten Mittelohreiterungen
und zu ihrer Behandlung.
Die Mortalität der verschiedenen Formen von Mittelohreite¬
rungen ist eine ganz verschiedene. Das ist erst deutlich geworden,
seit man nach B e z o 1 d die Mittelohreiterungen in 4 Gruppen ein¬
teilt, in die akute genuine, d. h. im widerstandsfähigen Organismus,
und die akute sekundäre nach Allgemeinkrankheiten, sowie in die
einfache chronische ohne Cholesteatom und die mit Cholesteatom.
Absolut die meisten Todesfälle treten ein infolge von Chole¬
steatom. obgleich die Gesamtzahl der Cholesteatomfälle viel geringer
ist als die jeder der anderen drei Gruppen.
Das Cholesteatom entsteht meist durch Hineinwachsen der Epi¬
dermis des Gehörganges auf die durch Eiterung des Epithels beraubte
Schleimhaut des Mittelohrs. Die oberflächlichen verhornten Epider-
misschuppen stossen sich ab und sammeln sich besonders in den ver¬
steckten oberen Mittelohrräumen zu dem sogenannten Cholesteatom
an. Solange die angesammelten Epidermismassen den Abfluss des
Eiters nicht behindern, sind sie ungefährlich. Der Eiter enthält zwar
zahlreiche Fäulnispilze, da es aber Anaerobier sind, spielen sie nur
die Rolle von Saprophyten.
Sobald aber das Cholesteatom die Oeffnung nach aussen ganz
verlegt, werden die Fäulnispilze infolge des Luftabschlusses mit
-’) Oie folgende Statistik ist, abgesehen von dem Resultat in Erlangen,
lircr Arbeit von Nüssmann aus der Hallenser Klinik entnommen.
Nr. 32.
einem Schlage höchst virulent und führen zu Gangrän des Kno¬
chens, so dass der Eiter in einem Tag die dickste Knochenwand
durchbrechen kann.
Etwas geringer ist die Zahl der 1 odesfälie nach der genuinen
akuten Mittelohreiterung, der häufigsten Form. Hier entstehen die
zerebralen Komplikationen dadurch, dass die Schleimhaut reaktiv
stark anschwillt und zur Retention des Eiters in den Warzenzellen
führt. Unter dem Ucberdruck des Eiters, der immer geruchlos ist,
kann der Knochen bis zur Schädelhöhle eingeschmolzen wer¬
den. Das dauert aber bei der akuten Eiterung mit geruchlosem
Sekret einige Wochen.
Ein nur kleiner Prozentsatz der Todesfälle entfallt auf die akute
Otitis nach Allgemeinkrankheiten. Hier besteht im Gegen¬
satz zu der genuinen Mangel an Reaktion, ja es kommt nicht
selten zur nekrotisierenden Entzündung. Die Bakterien kön¬
nen unaufhaltsam bis ins Labyrinth und bis zur harten Hirnhaut Vor¬
dringen. Hier allerdings machen sie überraschend und unerklärlicher¬
weise fast immer Halt, so dass die Anzahl der Todesfälle eine ver¬
hältnismässig sehr geringe ist. Bei der tuberkulösen und bei
der Scharlacheiterung sicht der einzelne Otologe in seinem
Leben kaum mehr als einen Todesfall, und bei der Masern otitis
ist weder in der Münchener, noch in der Baseler, noch in der Er¬
langer Klinik ein Todesfall beobachtet worden.
So gut wie ganz ungefährlich ist aber die letzte der vier
Formen, die einfache chronische Mittelohreiterung ohne i
Cholesteatom. Darin stimmen alle neueren Statistiken überein. Das
erklärt sich in der Hauptsache dadurch, dass die peripheren Warzen¬
zellen bei der chronischen Eiterung fehlen. Sie sind durch Knochen¬
masse mehr oder weniger, ausgefüllt. Wenn keine Zellen vorhanden
sind, kann natürlich auch kein Empyem in ihnen entstehen.
Der Satz von der Ungefährlichkeit der einfachen chronischen
Eiterung gilt selbst dann, wenn sie zeitlebens nicht behan¬
delt wird.
Während man also diese Gruppe ungestraft vernachlässigen darf, I
sind es die anderen Gruppen, bei denen die Therapie, sei es die kon-
s c r v a t i v e. sei es die operative, ihre grössten Triumphe feiert.
Die gefährlichste Form, das Cholesteatom, ist sogar ebenfalls
ganz ungefährlich, wenn es sachgemäss behandelt wird. Ich
habe in 34 Jahren noch keinen einzigen Fall von Cholesteatom ver¬
loren. der rechtzeitig in Behandlung gekommen ist. Aehnlich ist es
in der B e z o 1 d sehen und S i e b e n rn a n n sehen Klinik.
Bei der akuten Otitis ist dies anders. Zwar lässt sich ebenfalls
in den meisten Fällen der letale Ausgang verhüten, aber es bleiben
Fälle übrig, bei denen wir trotz sofortiger Behandlung den Eintritt
des Todes nicht zu verhindern vermögen. Das gilt sowohl für die
genuine Otitis, als auch für die sekundäre. Bei der genuinen kann
sich nämlich ein Empyem in einer Zelle jenseits des Labyrinths I
entwickeln, die dem Meissei unzugänglich ist. Und bei den All ge- ,
meinkrankh eiten mit mangelhafter Reaktion sind wir bisher |
nicht sicher imstande, das Vordringen der Bakterien aufzuhalten.
Da nach dem Gesagten somit bei weitem die meisten Todesfälle g
auf das unbehandelte Cholesteatom und auf das zu spät g
erkannte Empvera bei der akuten Otitis entfallen, ergeben sich
bezüglich der Prophylaxe der zerebralen Komplikationen zwei g
Hauptforderungen für den Unterricht. Dor Studierende muss I
erstens die chronische Mittelohreiterung mit Cholesteatom von der |
ohne Cholesteatom unterscheiden und zweitens das E m - I
pyeni bei der akuten Otitis diagnostizieren lernen.
Beide Diagnosen sind nicht schwierig und werden in Erlangen
von den meisten medizinischen Prüfungskandidaten beherrscht.
Wenn erst einmal alle Aerzte im Lande diese beiden Diagnosen 1
stellen können, wird sich die Mortalität der Mittelohreiterungen noch n
weiter ganz beträchtlich herabsetzen lassen.
Es sollten als unheilbar nur mehr die wenigen vorhin erwähnten |
unberechenbaren Fälle bei der akuten Otitis übrig bleiben, |
die schätzungsweise nur 1 auf 1000 oder 2000 ausmachen.
Für diese gilt es, neue Richtlinien der Behandlung |
aufzustellen, auf die ich heute nicht eingehen kann.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik Köln-Lindenburg.
(Direktor: Geh. Med. -Rat Prof. Dr. Tilmann.)
Die Reizvakzinetherapie des Erysipels.
Von Dr Konrad Koch. Assistent der Klinik.
Die Heilbestrebungen beim Erysipel haben — abgesehen von
rein symptomatischen Massnahmen — hauptsächlich von drei ver¬
schiedenen Gesichtspunkten ihren Ausgang genommen; man hat ver¬
sucht, 1. das örtliche Weitergreifen des Prozesses durch mecha¬
nische Einwirkung hintanzuhalten, 2. durch lokal desinfizierende
Mittel auf die Krankheitserreger einzuwirken und 3. durch spezifische
Immunisierung oder unspezifische Reizbehandlung den Organismus i
im Kampfe gegen die Infektion zu unterstützen. Von den mechanisch
wirkenden Massnahmen können die Heftpflastermethode (Wölf-
1 e r), die Stauungsbehandlung (Bier, Jo’chma n n) und die Heiss¬
luftbehandlung (Ritter) in geeigneten Fällen zweifellos heilbeför¬
dernd wirken, während die Mehrzahl der zur Vernichtung der In¬
fektionserreger empfohlenen Antiseptika — mit Ausnahme vielleicht
des reduzierend wirkenden und die Vitalität der Kokken schädigen-
10. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1045
den Ichthyols — keinen Erfolg verspricht und kaum mehr Anwendung
findet. Grösseres Interesse dürfen dagegen die in den letzten ver¬
flossenen Dezennien wachgewordenen Bestrebungen einer spezifi¬
schen bzw. unspezifischen Immuntherapie des Erysipels bean¬
spruchen, über deren Erfolge und Aussichten ein abschliessendes
Urteii heute noch verfrüht erscheint.
Der therapeutische Wert der passiven Immunisierung bei Erysipel-
kranken mittels der verschiedenen Antistreptokokkensera hat recht ab¬
weichende Beurteilung gefunden, die zwischen begeisterter Empfehlung und
völliger Ablehnung wechselt. Chantemesse (1895) hat erstmalig über
diesbezügliche Versuche mit dem M a r m o r e k sehen Serum berichtet und
sich an Hand von 500 Fällen günstig hinsichtlich der lokalen sowotd als all¬
gemeinen Heilwirkung ausgesprochen; Rötung, Schwellung und Schmerz¬
haftigkeit schwanden meist schon nach 24 Stunden, während gleichzeitig das
Fieber und die Störungen des Sensoriums deutliche Besserung zeigten. Zu
entgegengesetzten Resultaten kam L e n h a r t z, der auf Grund seiner Er¬
fahrungen mit dem gleichen Präparat die Anwendung von Antistreptokokken¬
serum nicht nur als nutzlos, sondern in Anbetracht wiederholt beobachteter
Gelenk- und Muskelschädigungen als gefährlich bezeichnet; in ähnlichem Sinne
hat sich Petruschky geäussert, der ebenfalls keine eindeutigen thera¬
peutischen und prophylaktischen Erfolge bei Anwendung der Serumtherapie
beobachten konnte. Im Gegensatz zu dem Marmorek sehen monovalenten
Serum, das mit einer von menschlicher Angina stammenden und durch Tier¬
passage hochvirulent gemachten Streptokokkenkultur gewonnen war, schien
das von A r an s o n hergestellte polyvalente Serum günstigere Aussichten
auf Erfolg zu bieten; zu seiner Herstellung wurde neben tierpassierten hoch¬
virulenten Streptokokkenstämmen noch eine Anzahl unpassierter. von mensch¬
lichen Affektionen stammender Kulturen verwandt. Ueber Versuche mit
diesem Serum haben Meyer und Michaelis berichtet, die nur in 3 von
8 Erysipelfällen eine gute Wirkung sahen. Günstiger lauten die Erfahrungen
von S t a w s k i, der auf Grund von 30 Fällen äusserst warm für das A r o n -
s o n sehe polyvalente Serum eintritt, mit dem er je nach Schwere des Falles
in Dosen von 2000—4000 E. prompte Heilung erzielte. Recht zurückhaltend
spricht sich Joch mann über die Wirkung des nach Meyer und R u p -
p e 1 hergestellten Antistreptokokkenserum „Höchst“ aus, von dem er „ver¬
einzelte günstige Resultate“ gesehen hat; der Einfluss auf das Allgemein¬
befinden trat stets deutlicher zutage als die Wirkung auf den Lokalprozess,
so dass das Serum besonders für solche Fälle empfohlen wird, „wo schwerere
Störungen des Sensoriums, schlechter Puls etc. auf toxische Einflüsse
sehliessen lassen“. Weitere Untersuchungen mit dem Höchster Serum, das in
Parallele zum A r o n s o n sehen Serum aus einem hochvirulenten Passage¬
stamm und unpassierten humanen Originalstämmen gewonnen wird, sind von
Welz veröffentlicht, der zu keinem abschliessenden Urteil über den all¬
gemeinen Wert der intravenösen Serumtherapie kommt; er sah allerdings in
16 von 23 Fällen eine im Anschluss an die Injektion einsetzende Entfieberung
mit Besserung des Gesamtbildes und Lokalbefundes.
Im Vergleich zur Serumtherapie hat die aktive Immunisierung mittels
der W r i g h t sehen Vakzinebehandlung beim Erysipel weniger praktische An¬
wendung gefunden; hauptsächlich von englischer und amerikanischer Seite
liegen diesbezügliche Untersuchungen vor. So sah Ball durch Vakzination
in 12 Fällen sofortigen Fieberabfall und vor allem Rezidivfreiheit in chroni¬
schen Fällen, während Johnson bei einem grösseren Material von
50 Fällen durch Dosen von 10 — 20 Mill. Keimen, die in zweitägigen Inter¬
vallen eingespritzt wurden, eine günstige Einwirkung auf Dauer und Schwere
der Erkrankung erzielen konnte. Ueber gleich günstige Resultate bei
erysipelkranken Säuglingen wird von Sill berichtet, der im Hinblick auf
die hohe Mortalität der erysipelatösen Infektion bei Neugeborenen bzw. Säug¬
lingen (95 bzw. 59 Proz.) seinen Erfolgen besondere Bedeutung beimisst.
Weniger befriedigend lauten die an Hand von 22 Fällen gewonnenen Erfah¬
rungen von W e a v e r und Boughton, die bei akuten Erysipeln keine
eindeutigen Erfolge von der Vakzinebehandlung sahen; in 3 vakzinierten
Fällen von Wandererysipel kam dagegen der Prozess zum Stillstand.
Von deutschen Autoren vertritt W o 1 f s o h n den Standpunkt, dass die
Gesichtsrose der Vakzination nicht zugängig ist. da er bei 8 Fällen keinmal
mit Sicherheit die Genesung der spezifischen Therapie zuschreiben konnte;
dagegen beobachtete er bei 2 Wandererysipeln der Arme Stillstand und
Rückbildung der lokalen Erscheinungen als offensichtliche Wirkung der Vakzi¬
nation. Den gleichen Erfolg bei wochenlang dauernden Wandererysipeln er¬
reichte Jochmann mit einer Kombination von Serumtherapie und Vakzine¬
behandlung, indem er bei 60° abgetötete menschenpatho^ene Streptokokken¬
kulturen in Mengen von 1/io Oese, je nach Bedarf in 5 tägigen Intervallen an¬
steigend bis 2/to bzw. 3I io Oese, subkutan einspritzte.
Neueren Datums und nicht allzu zahlreich sind die Versuche einer u n -
spezifischen Therapie des Erysipels; die bisher vorliegenden Resultate
lauten allerdings recht günstig. So konnte Reichenstein durch intra¬
muskuläre Milchinjektion auffallende Besserung bei Erysipelkranken erzielen,
während T u r n h e i m gleichfalls nach meist schon einmaliger Einspritzung
von 6 — 10 ccm körperwarmer Milch einen Rückgang der Krankheitserschei¬
nungen beobachtete — angeblich um so prompter, je näher dem Sitze des
Rotlaufs die Injektion erfolgte. Diese günstige Heilwirkung der unspezifischen
Therapie wurde von Kraus aus der Schmidt sehen Klinik (Prag) be¬
stätigt, der bei 10 mit intraglutäalen Milchinjektionen behandelten Kranken
sofortigen Temperaturabfall, Nachlassen der subjektiven Beschwerden und
Besserung des lokalen Prozesses beschreibt; bedeutend schlechter waren die
Resultate bei Parallelversuchen mit Serumbehandlung und Lokaltherapie.
R. Schmidt selbst hat dann später mit Einschluss des von Kraus publi¬
zierten Materials über insgesamt 52 vakzinierte Erysipelfälle berichtet: bei
44 Fällen von Gesichtsrose sah er in 27 Fällen am ersten Tag, in 8 Fällen
am 2. Tag nach der Injektion „prompte Entfieberung und Abschwellung und
komplikationslosen Heilverlauf“.
Aus diesem kurzen Teilüberblick über die Heilbestrebungen beim
Erysipel interessieren hier die mittels Vakzinebehandlung und un-
spezifischcr Reiztherapie erzielten Ergebnisse; neben völligen Ver¬
sagern und unsicheren Resultaten einerseits werden auf der anderen
Seite prompte Besserungen und auffallende Heilerfolge beschrieben.
Wenn auch letzteren gegenüber eine vorsichtige Stellungnahme
zweifellos berechtigt und notwendig erscheint, würde es m. E. doch
wohl zu weit gehen, wenn man solch günstige Erfolge sämtlich nur
als reine Zufälligkeiten bewerten wollte, zumal man einzelnen Unter-
Suchern auf Grund ihrer genauen Angaben das Bestreben nach sach¬
licher Kritik und möglichster Vermeidung von Fehlerquellen nicht
absprechen kann. Erscheinen aber Vakzination und Reiztherapie als
Behandlungsmethoden des Erysipels überhaupt erfolgversprectiend,
dann darf der Versuch einer Kombination dieser beiden Massnanmen
berechtigte Hoffnung auf Verbesserung der bisherigen Heilresultate
erwecken. Dieser Gedanke bot mir Veranlassung, das von den Beh¬
ringwerken (Marburg) hergestellte und unserer Klinik zu Versuchs¬
zwecken überlassene Strepto-Yatren, das als polyvalente
Aufschwemmung von Streptokokken in Yatrenlösung eine Kombi¬
nation einer aktiv immunisierenden spezifischen Vakzine mit einem
unspezifischen Reizstoff von stark aktivierender Wirkung darstellt,
auf seine praktische Brauchbarkeit hin zu erproben. Es lag mir be¬
sonders daran, ein Urteil über den therapeutischen Wert dieses
Mittels zu gewinnen, weil ich bereits mit dem auf gleichen Herstel¬
lungsprinzipien beruhenden und zuerst von R u e t e und K c i n i n g
an Hand theoretischer und klinischer Gesichtspunkte empfohlenen
Staphylo-Yatren auffallend günstige Erfolge bei lokalen Staphylo-
mykosen erzielt hatte, die ich unter besonderer Berücksichtigung der
klinisch nachweisbaren Reaktions- und Heilungsvorgänge an anderer
Stelle (D.m.W. 1923, Nr. 21) ausführlich mitgeteilt habe. Von der Er¬
wägung ausgehend, dass bei allgemeinen Bakteriämien in Anbe¬
tracht der mehr weniger weitgehenden, oft mit einem hohen opsoni¬
schen Index verbundenen Autoinokulationsvorgänge eine Vakzine¬
therapie nicht nur wenig nutzbringend, sondern mitunter gefährlich
und darum kontraindiziert ist, hielt ich es von vornherein tiir ge¬
boten und am aussichtsreichsten, das Strepto-Yatren eben gerade
beim Erysipel — - der lokalisierten Streptomykose der
Haut — zur therapeutischen Anwendung zu bringen. Ich war mir der
Schwierigkeit einer objektiv kritischen Bewertung einer bestimmten
Behandlungsmethode beim Erysipel wohl bewusst: die nach Krank¬
heitsdauer und -intensität überaus grosse Variabilität dieser In¬
fektion erschwert ein richtiges Urteil darüber, inwieweit eine auf¬
tretende Besserung tatsächlich als Folge der jeweils, angewandten
Therapie zu betrachten ist.
Man könnte vielleicht gegen die Anwendung der Vakzinebehand-
iung bei einer akut fieberhaften, verhältnismässig schnell verlaufen¬
den Streptokokkeninfektion, wie sie im Erysipel gegeben ist, den
Einwand erheben, dass eine solche Therapie zu zeitraubend ist, weil
die Produktion von Antistoffen erst vom Körper selbst getätigt wer¬
den muss: hiermit Hesse sich ja auch die Tatsache in Einklang
bringen, dass nach den Angaben verschiedene Untersucher gerade
längerdauernde Wandererysipele und rezidivierende Fälle am deut¬
lichsten auf die W r i g h t sehe Methode der Oosoninanrcichenmg
ansorechen. Würde somit einerseits die Strepto-Yatren-Behandhmg
kraft der spezifischen Komponente des Mittels für solch chronische
Krankheitsfälle vielleicht besonders geeignet erscheinen, so dürfte
anderseits eine mögliche Verzögerung an Vakzinewirkung bei akuten
und schneller verlaufenden Fällen durch die gleichzeitige Applikation
des Reizstoffes Yatren ausgeglichen werden, dessen reaktiv-aktivie-
rende Wirkung nach den Untersuchungen von Herzberg aus dem
G il d e m e i s t e r sehen Laboratorium bereits nach der innerhalb
4 — 5 Stunden erfolgten quantitativen Ausscheidung einzuset/en
Dflegt. Eine möglichst kombinierte und potenzierte Wirkung des
Strepto-Yatrens lässt sich demnach in akuten Fällen am ehesten er¬
zielen. wenn die Kranken recht frühzeitig zur Behandlung kommen,
so dass bei der gewöhnlichen Dauer unkomplizierter Fälle mit einem
Effekt der spezifischen sowohl als unspezifischen Komponente ge¬
rechnet werden darf. Im übrigen haben wir aber nach den Unter¬
suchungen von W r i g h t in der Verwendung von möglichst kleinen
Dosen ein Mittel zur Verfügung, um einer Verzögerung der Vakzine-
wirkung entgegenzuarbeiten und ein sofortiges Ansteigen der Anti¬
stoffe zu provozieren. — Man wird bei der aktiven Immunisierung
von Erysipelkranken — es gilt dies auch für anderweitige akute
Infektionskrankheiten — ferner noch die Frage aufwerfen müssen,
ob nicht die nach der Injektion entstehende negative Phase eine
Schädigung des schon kranken Organismus bedeutet, die den er¬
strebten Heileffekt verzögert oder illusorisch macht. Abgesehen da¬
von, dass man auch diese Schwierigkeit durch vorsichtige, zu einem
sofortigen Anstieg der opsonischen Kurve führende Dosierung aus¬
schalten kann, erscheint es nach der Ansicht massgebender Autoren
doch »echt fraglich, ob eine blosse negative opsonische Phase in
allen Fällen einen ungünstigen Einfluss auf den gesamten Heil Verlauf
ausüben muss: klinische Erfahrungen mit der Vakzinebehandhmg
besonders bei tuberkulösen und gonorrhoischen Affekt'onen scheinen
das Gegenteil zu beweisen. Ueberhaunt können wir beim Erysipel — -
abgesehen von schweren septischen Fällen — als einem mehr minder
lokalisierten Prozess ohne weitgehendere Autoinokulation die Angst
vor einer protrahierten negativen Pha^e mehr zurücksetzen als bei
allgemeinen Bakteriämien, wo der geschwächte Organismus auch
eine nur kurzdauernde Erniedrigung seiner Abwehrkräfte schlecht
verträgt.
Für den Erfolg der Strcpto-Yatren-Behandlung erscheint es von
Belang, dass die Kombination von Yatren mit Bakterienimpfstoffen
eine Reihe unleugbarer therapeutischer Vorteile bietet, die bereits
K e i n i n g in einer Arbeit über die theoretischen Grundlagen der
„Schwellenreizvakzinetherapie“ näher begründet hat. Besondere Be¬
deutung muss hiernach u. a. vor allem der Tatsache beigemessen
werden, dass in den Yatrcnvakzinen trotz der hohen bakteriziden
Kraft des Yatrens das Bakterienantigen durch möglichst schonende
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1046
Abtötung keine Alteration erfährt (Dietrich) — dass ferner ein
durch überlebende Fermente bedingter Abbau des Bakterieneiweisses
durch die antifermentativen (Schwab) Qualitäten des Yatrens aus¬
geschaltet wird. .
Auf einige Punkte sei hier kurz hingewiesen, die für eine richtige
Beurteilung therapeutischer Heilerfolge beim Erysipel nicht un¬
wesentlich sind und als mögliche Fehlerquellen Beachtung verdienen.
Es ist zunächst nicht gleichgültig, an welchem Krankheitstag die Be¬
handlung mit Strepto-Yatren einsetzt; eine p. inj. auftretende so¬
fortige Besserung am ersten oder zweiten Tag der Erkrankung —
etwa ein kritischer Temperaturabfall mit plötzlichem Freiwerden des
Sensoriums — besitzt natürlich mehr Beweiskraft als ein günstiger
Umschlag der Erkrankung nach einer Einspritzung am 5. oder 6. lag.
Ich habe deshalb besonderen Wert darauf gelegt, zunächst nur mög¬
lichst frische Fälle zu verwerten, zumal ich versuchen wollte, die
Erkrankung mit einer einmaligen Dosis zu kupieren. Ferner muss
mit der Tatsache gerechnet werden, dass die erysipelatöse Infektion
— wenn auch oft der Fieberverlauf ein ziemlich typischer ist und
etwa demjenigen einer Pneumonie ähnelt — vollkommen atypisch
verlaufen kann; es kommen abortive Fälle sowohl als solche mit
unregelmässigem Fieber und wechselnden Allgemeinerscheinungen
vor, so dass leicht eine zeitweise Remission fälschlicherweise auf die
Wirkung einer zeitlich zusammenfallenden Injektion bezogen werden
kann. Es lässt sich demnach nur durch regelmässig und gleichartig
in zeitlich engbegrenztem Anschluss an die Injektion auftretende
Reaktionen ein Rückschluss auf den Wert der Behandlung ermög¬
lichen. Es müssen schliesslich auch alle anderweitigen lokalen (Pin¬
selungen) oder allgemeinen Behandlungsmethoden (Antipyretica usw.)
während der Strepto-Yatren-Behandlung vermieden werden, damit
das Urteil über den Einfluss dieser Therapie nicht getrübt wird. Es
braucht wohl kaum betont zu werden, dass peinlichst genaue Fieper-
messungen — am besten in 2 — 3 stündigen Intervallen — - eine uner¬
lässliche Bedingung für die genaue Kontrolle der Injektionswir¬
kung sind.
Ich habe schon in meinen Ausführungen zur Strepto-Yatren-
Behandlung betont, dass die richtige Wahl der Applikationsart des
Impfstoffes für den Erfolg der Behandlung von nicht unwesentlicher
Bedeutung ist. Für die Strepto-Yatren-Behandlung des Erysipels dürfte
die intravenöse Injektion die gebotene Methode sein; es kommt dar¬
auf an, eine möglichst schnelle und schlagartige Wirkung zu er¬
zielen, die bei der intravenösen Einverleibung infolge günstigster
Resorptionsverhältnisse gewährleistet ist. Man darf sich zu dieser
Injektionsart um so leichter entschliessen, weil sie kraft der abso¬
luten Sterilität des Yatrens keine Gefahren für den Organismus
bietet; bei vielen hundert Injektionen von Staphylo-Yatren und auch
den neuerdings vorgenommenen Einspritzungen von Strepto-Yatren
habe ich niemals eine nachweisbare Schädigung gesehen.
Die Hauptschwierigkeit der Reizvakzinetherapie des Erysipels
liegt bei der Frage der Dosierung; ein falsches Vorgehen wird hier
aus leichtfasslichen Gründen bedeutend nachhaltigere Ausschläge
bedingen als eine unrichtige Dosierung etwa bei einer Furunkulose.
Die Dosis darf vor allem, wie schon vorher betont wurde, nicht zu
gross gewählt werden, um ein möglichst sofortiges Ansteigen der
opsonischen Kurve zu veranlassen. Da bisherige Angaben über die
Dosierungsbreite des Strepto-Yatrens an Hand klinischer Versuche
nicht vorliegen, kam es darauf an, eine praktisch brauchbare Dosie¬
rung zu finden, die möglichst einen gleitenden Uebergang zwischen
schematisierter und individueller Behandlung darstellt. Ich hatte bei
meinen Versuchen das Strepto-Yatren in 6 verschiedenen, durch an¬
steigenden Keimgehalt bestimmten Stärken zur Verfügung. Auf Grund
meines allerdings noch kleinen Materials glaube ich mit Vorbehalt
soviel sagen zu können, dass es für unkomplizierte Fälle zweckmässig
erscheint, das fertige Mischpräparat in einer Dosis zwischen Ws bis
3 ccm Stärke 1 als günstigster Dosierungsbreite zu injizieren; bei
Wandererysipelen empfiehlt sich nach einem dreitägigen Intervall
eine erneute Injektion gleicher oder nächsthöherer Stärke.
Ich habe nach den vorstehend kurz entwickelten Gesichtspunk¬
ten bisher 16 Fälle von Erysipel mittels Strepto-Yatren behandelt und
recht gute Heilwirkung erzielt, die ich in Anbetracht der Gleichartig¬
keit der einsetzenden Reaktionen auf Rechnung der Reizvakzine¬
therapie setzen zu können glaube. Was den Sitz der Erkrankung
anbelangt, so waren betroffen 8 mal das Gesicht, 2 mal der Rumpf
und 6 mal die unteren Extremitäten; unter den letzteren 6 Fällen
waren 3 Wandererysipele. Es handelte sich mit Ausnahme von zwei
leichten Fällen stets um schwerere Krankheitszustände mit durch¬
schnittlichen Temperaturen von 38,5 — 40 Grad und stark ausgepräg¬
ten Allgemeinerscheinungen; in 4 Fällen war das Sensorium vor der
Injektion deutlich getrübt. Am ersten Krankheitstage kamen 7 Tülle,
am zweiten Tage 6 Fälle, am 3. Tage 2 Fälle und am 4. Tage 1 Fall
zur Behandlung; irgendeine andere Therapie hatte vor der Einliefe¬
rung — ausser der Verordnung von antipyretischen Mitteln in vier
Fällen — nicht stattgefunden und wurde auch während des klinischen
Aufenthaltes nicht angewandt. Es lag mir vor allem daran, die Wir¬
kung der Injektionen von Strepto-Yatren genau zu beobachten auf
1. den Fieberverlauf, 2. das Allgemeinbefinden und 3. den Lokal¬
prozess.
Was zunächst den Einfluss der Injektion auf die febrile Tempe¬
ratur anbelangt, so kam es in der Mehrzahl der Fälle — wie an
Hand 2 stündlicher Messung kontrolliert wurde — meist nach 5—6
Stunden zu einem vorübergehenden kurzen Temperaturanstieg, der
mit gelegentlichen stärkeren Kopfschmerzen und ziehenden bzw.
brennenden Schmerzen am lokalen Herd verbunden war; diese Herd¬
reaktion trat auch dann auf, wenn deutlichere Fieberschwankungen
am Tage der Einspritzung nicht beobachtet wurden. In 5 Fällen
(3 mal 1. K.-T., 2 mal 2. K.-T.) mit durchschnittlichen Temperaturen
von 38,8 — 40 Grad liess sich je nach dem früheren oder späteren
Tageszeitpunkt der Injektion noch im Verlauf der folgenden Nacht,
stets aber bis zum nächsten Morgen ein kritischer Temperatursturz
mit anschliessender dauernder Entfieberung beobachten; in 2 Fällen ,
(1 mal 2. K.-T., 1 mal 3. K.-T.) bestanden mittlere Temperaturen von
38,2 — 38,8 Grad, die ebenfalls nach der Injektion sofort zur Norm i
abfielen. In 5 Fällen (2 mal 1. K.-T., 3 mal 2. K.-T.) fiel die Temperatur i
nach der Einspritzung bis zum nächsten Morgen zunächst ab, dann Q
kam es im Laufe des folgenden Tages zu einem erneuten Anstieg
mit stärkeren Beschwerden, und daran anschliessend bis zum räch- \
sten Morgen zu einem kritischen Temperatursturz. In einem Fall von i
Gesichtserysipel (3. K.-T.) konnte ich keine eindeutige Wirkung der |
Einspritzung auf den Fieberverlauf feststellen; die Temperatur hielt
sich noch 3 Tage in wechselnder Höhe, um dann lytisch abzufallen
In den 3 Fällen von Wandererysipel liess sich nach der ersten In¬
jektion nur ein vorübergehendes Sinken der Temperatur mit baldi¬
gem Wiederanstieg beobachten; dagegen trat in allen 3 Fällen im
unmittelbarsten Anschluss an die nach einem 3 tägigen Intervall vor¬
genommene gleichstarke 2. Injektion (2Vs ccm Stärke 1) eine kritische j
Entfieberung ein. — Es erhebt sich sofort die Frage, ob der fast ;
regelmässige Temperaturabfall wirklich als direkte Folge der In- j
jektion zu betrachten ist; auch bei aller Skepsis scheint mir die An¬
nahme eines kausalen Zusammenhanges berechtigt zu sein. Hierfür
spricht zunächst der Umstand, dass der Temperaturabfall stets
in zeitlich engbegrenztem Anschluss an die Injektion einsetzte, wo- <
bei es gleichgültig war, an welchem Krankheitstage die Injektion er- ,
folgte. Zweitens erscheint mir die Beobachtung von besonderer
Wichtigkeit, dass dieser Fiebersturz in der Hauptsache nach 2 ganz be- \
stimmten Typen (
verlief. Die Feststellung wäre sicherlich interessant, inwieweit diese j
2 verschiedenen Kurven von der Dosierung abhängig sind und war- I
um es insbesondere in einem Teil der Fälle vor dem endgültigen kri- I
tischen Fiebersturz zu einem erneuten, kurz dauernden Anstieg I
kommt (negative klinische Phase?). Ich habe auf Grund meiner bis-;
herigen Fälle den Eindruck, dass die Wahrscheinlichkeit eines Fie¬
berabfalles nach dem zweiten Typus, der übrigens auch bei Anwen-I:
düng der Serumtherapie in ähnlicher Weise beobachtet worden ist, ji
mit steigender Dosis wächst.
Besonders deutlich ist die Wirkung der Strepto-Yatren-Behandlung;
auf das Allgemeinbefinden der Erysipelkranken; hier kann ich im ,
besonderen Hinblick auf schwerer verlaufende Fälle von einem direkt ,
auffallenden Erfolg sprechen. In sämtlichen Fällen Hessen die sub¬
jektiven Beschwerden fast augenblicklich nach; wohltuend wurde t
nach den oft spontanen Aeusserungen der Kranken vor allem des
Schwinden der quälenden Kopfschmerzen und des lästigen Herz- ;
klopfens empfunden. Die Kranken waren nach der Injektion durch- ;
weg lebhafter, der Appetit besserte sich, der Puls wurde kräftiger \
und die Abgeschlagenheit liess nach. Ich hatte öfters den Eindruck, j
dass das Gefühl schweren Krankseins einer direkten Euphorie Platz >,
machte. In 4 frischen Fällen, wo die Kranken in stark benommenem, j
von motorischer Unruhe unterbrochenem Zustand zur Behandlung j
kamen, schwand nach der Einspritzung bis zum nächsten Morgen die j
Somnolenz vollkommen; die vorher völlig vernehmungsunfä'iigen ]
Kranken waren klar bei Bewusstsein und gaben auf Befragen lebhafte
und verständige Antworten.
Von den lokal einsetzenden Reaktionen wäre zunächst die schon i
5 — 6 Stunden nach der Injektion nachweisbare Herdreaktion zu,
nennen, die mit graduellen Unterschieden in sämtlichen Fällen ein- H
trat. Das schmerzhafte Spannungsgefühl am Entzündungsherd, dessen
dunkelrote Färbung an Intensität noch sichtbar zunimmt, verstärkt
sich zunächst für einige Stunden, um dann einer wohltuenden ü
Schmerzlosigkeit zu weichen. In 3 Fällen (2 Gesichtserysipele, 1 Un-f;
terschenkelerysipel) verlief die reaktive Zunahme der lokalen Ent-l
Zündungserscheinungen so stark, dass es noch in den ersten 6 Stun¬
den p. inj. zu einer ausgedehnten Blasenbildung kam. Gestalten sich ij
die Herdsymptome besonders intensiv, so kann leicht der Eindrucks
entstehen, als ob der erysipelatöse Prozess nach der Injektion zu¬
nächst noch fortschreite; nach längstens 12 Stunden ist die Herd¬
reaktion abgeklungen, so dass dann ein lokales Weitergreifen des,j
Prozesses als allein durch die Infektion bedingt angesehen werden
muss. Ein solches Weiterwandern des Rotlaufs habe ich nach Ablauf .
der Herdreaktion in 5 Fällen beobachten können; darunter befanden
sich die drei Wandererysipele, in denen aber nach der 2. Injek-ion
der Prozess fast augenblicklich zum Stillstand kam. In den übrigen
11 Fällen war nach der Injektion — abgesehen von der Herdreaktion
— jedenfalls keine sichtbare Zunahme der Lokalerscheinungen mehr
festzustellen; in 6 von diesen 11 Fällen liess sich auf Grund einer
halbtägigen Kontrolle vor der Injektion mit voller Sicherheit ein
deutliches Weitergreifen des Erysipels bis zum Beginn der Strepto-
in auffallender Gleichmässigkeit ji
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
i047
ren-Behandlung beobachten. Gleichzeitig mit dem Stillstand der
den Entzündungserscheinungen setzte in allen Fällen eine rasch
aufende Abblassung und Abschwellung ein.
Die numerische Auszählung des Blutbildes ergab in einzelnen
en, wo nicht schon von vornherein eine starke Erhöhung der
kozytenwerte bestand, eine bald nach der Injektion einsetzende
in durchschnittlich 24 Stunden wieder abklingende Zunahme der
oxytären Elemente mit besonderer Beteiligung der Neutrophilen,
mit relativer Zunahme der Lymphozyten einhergehender initialer
kozytensturz, wie ich ihn bei den Staphylo-Yatren-Injektioiien
s beobachten konnte, Hess sich hier nur in 3 Fällen mit Sicherheit
stellen ; die Differentialauszählung des Blutbildes lieferte keine
.vertbaren Resultate.
Zusammenfassend darf nach den vorläufigen Erfahrungen mit
Reizvakzinetherapie gesagt werden, dass diese neue Behand-
smethode für die Bekämpfung der erysipelatösen Infektion ge-
et und erfolgversprechend erscheint; jedenfalls konnte ich mit
Strepto-Yatren-Behandlung bessere und eindeutigere Resultate
eien als mit anderweitigen lokalen und allgemeinen Massnahmen,
endgültiges Urteil über die allgemeine Anwendungsrnöglichkeit
spezifisch-unspezifischen Erysipeltherapie muss weiteren Unter-
uingen und Nachprüfungen an grösserem Material Vorbehalten
ien: insbesondere wäre zu prüfen, ob durch die Strepto-Yatren-
andlung eine längere oder dauernde Rezidivfreiheit in chronischen
en gewährleistet wird und inwieweit die Injektionen einer Ent-
ung von Komplikationen Vorbeugen können.
Literatur.
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. d. 32. D. Kongr. f. inn. Med. 1920. — 16. Sill: Zbl. f. inn. Med.
S. 506 (Ref.). — 17. Turnheim: W.kl.W. 1917 S. 1620. —
tawski: Zbl. f. d. ges. inn. Med. u. Grenzgeb. 1912. 3 — 18. W e a v e r
Bo ught o n. zit. nach B ö h m e 1. c. — 19. Welz: Ther. Mh 1913. 27
0. Wölf ler: W.kl.W. 1889, S. 455. — 21. Wolfsohn: Mitt. a. d.
zgeb. d. Med. u. Chir. 1914, 27.
Aus der Universitäts-Augenklinik Frankiirt a. M.
Ein Beitrag zur Therapie der Uveitis leprosa.
Von Prof. Dr. O. Schnaudigel.
Die Erkrankungen der Augen, des Bulbus selbst und seiner
exe, sind bei der Lepra sehr häufig. Die beiden Formen der
mlo - anästhetischen und der tuberösen weisen insofern einen
i ;rschied auf, als bei der ersten Form in den ersten 10 Jahren der
Bentsatz aller Leprösen mit Augenerkrankungen etwa 60 ist, der
er zweiten Dekade auf 100 kommt, während bei der tuberösen
a schon im ersten Jahrzehnt 97 Froz. der Kranken augen-
:nd werden. Auf alle Fälle nimmt der Prozentsatz der Augen-
ktionen mit dem zunehmenden Alter der Lepra schnell zu.
Ich entnehme diese Angaben dem Werk von Börthen und
, der diese Angaben schon 1899 machte. Die Erkrankungen der
a, besonders die sog. Iritis uv6enne, beurteilt er, was die He¬
ilung anlangt, die eine rein symptomatische war, nicht ungünstig
r der Ausgang in Erblindung ist doch überaus häufig. Lepröse
ike habe ich nur einmal in Norwegen gesehen, Augenkranke nie-
•, bis mir am 6. März 1922 ein Lepröser wegen schwerer Augen-
ankung von Kollegen K. Herxheimer überwiesen wurde.
Vorgeschichte des Falles sei kurz angeführt:
Alter des Mannes 54 Jahre. Mit 25 Jahren ein nicht einwandfrei fest¬
ster Primäraffekt. 1893 wanderte der Kranke nach Sumatra aus, wo
is 1921, ein paar Europareisen ausgenommen, als Pflanzer lebte. 1907
iung der linken Hand; die Untersuchungen ergaben keinen Anhaltspunkt !
epra. 1909 Aufenthalt in Deutschland beschwerdefrei, 1912 in Deutsch-
Salvarsankur. 1915 begann sich die Haut der Stirne zu entzünden,
dbildung, Rötung, Schwellung; im Lauf der nächsten Jahre Schwellung
orm von erhabenen Flächen und subkutanen Knoten über den ganzen
er. Seit 6 Wochen Abnahme des Sehvermögens unter heftigen Schmer-
Lichtscheu, Tränenträufeln, Lidkrampf.
Beschreibung des Gesichts s. u. Hautbefund im Auszug nach Prof,
han: Stamm und Extremitäten sind in eigentümlicher Weise scheckig
: rbt. Es finden sich auf Brust, Bauch, Armen, Beinen ausgedehnte In¬
te, über denen die Haut intensiv glänzt. Verfärbung teils bräunlich, teils
■ch-rot, dazwischen leukodermartige Felder, wodurch der Eindruck der
-kung vermehrt wird Arme und Beine sind von einer fast flächenhaft
ufenden Röte eingenommen, innerhalb dieser Fläche finden sich teils
*■ teüs subkutan gelegene Knoten (folgt deren nähere Lokalisation). Kno¬
tinden sich ferner in der Gegend beider Ellbogengelenke, in der Sub¬
gelegen, mit der Kutis verwachsen, frei verschieblich, nicht druck-
indlich, hart, von Erbsen- und Bohnengrösse usw.
Neurologischer Befund von Prof. Kleist: ... Atrophie des Daumen-
Kleinfingerballens I., ebenso der Interossei. Streckung der Finger in den
mgealgelenken unmöglich. Spreizung und Annäherung der Finger auf-
ben, ebenso Opposition und Abduktion des Daumens. Sehnenreflexe an
sn und Beinen gesteigert. . . . Sensibilität mit Ausnahme der -behaarten
Nr. 32.
Kopfhaut herabgesetzt. Die Störungen an den Extremitäten nehmen distal-
würts zu, der linke Arm ist mehr befallen als der rechte, das rechte Bein
mehr als das linke . . . an der linken Hand ist die Schmerz- und Tem¬
peraturempfindung ganz aufgehoben, die Gelenkssensibilität ist erhalten.
Keine Ataxie.
Mein Befund vom 28. III. 22: Der Eindruck, den das Gesicht macht,
erinnert sofort an die bekannten Leprabilder der Lehrbücher. Die Stirne ist
wie bepackt von ballenartigen, roten Geschwülsten, die durch tiefe Furchen
voneinander getrennt sind. Die Lider erscheinen derb aufgetrieben, ebenso
die Haut auf dem Jochbogen. Wangen ebenfalls, aber nicht in gleichem
Masse verdickt und härtlich anzufühlen. Lippen etwas gewulstet, Ohren ver¬
dickt, rot, abstehend. Die ohnehin schwer zu öffnenden Lider sind infolge
der uvealen Erkrankung geschlossen, der Kranke kann unter der dunklen
Brille nur das rechte Auge^ einen kleinen Spalt weit aufmaehen. Die Kon¬
junktiven sind sattrot, die Conjunctiva bulbi beiderseits tief injiziert, darunter
die violette Injektion der Ziliargefässe. Der Limbus ist beiderseits, 1. mehr
wie r., übersponnen von feinsten üefässen, oben ist r. ein schmaler. 1. bis in
die Hornhautmitte reichender sulziger Hornhautbczirk, von feinsten Gefässen
überzogen, an einen leichten Pannus erinnernd. Lider nicht zu ektropionieren.
V. Kammer r. leidlich klar, 1. etwas getrübt, keine Beschläge. Iris rehbraun,
Pupillenrand mit der v. Linsenkapsel in eigenartiger Weise verlötet, so dass
die Verwachsung bei äusserster Miosis zustande gekommen und r. wie 1.
nur ein wie mit einer feinen Tuschfeder gezogener Pupillenstrich nach oben
freigeblieben ist. Der Druck ist eher etwas herabgesetzt, Atropin ganz un¬
wirksam, Spiegeln unmöglich. Enorme Lichtscheu, lästiges Tränenlaufen.
S. r. — 1/25, 1. Handbewegungen in 1 m.
Die Allgemeinbehandlung wurde in Sumatra nach den üblichen Methoden
in der Regel vom Kranken selbst durchgeführt. Die Engländer und Holländer
behandeln ihre Tuberkulosefälle mit den Natriumsalzen ungesättigter Fett¬
säuren des Lebertrans (Sodium Morrhuate) und des Chaulmoograöls (Sodium
Gynocardate, genauer Hydnocarpate) subkutan und intravenös, und haben
diese Behandlung auch auf die Leprösen übertragen. Unser Kranker, der
bei seiner Intelligenz und bei der langen Dauer seines Leidens ein guter Be¬
obachter geworden war, schreibt der Behandlung (wobei er bei einer intra¬
venösen Injektion, die er sich selber machte, beinahe an einer Thrombose
zugrundegegangen ist) das langsame Fortschreiten des Leidens zu.
Der Gedanke, die Lepra in ähnlicher Weise zu behandeln wie die
Tuberkulose ist alt und rührt natürlich von der Verwandtschaft in
puncto der Säurefestigkeit ihrer Erreger her. Trotz der schweren
Angreifbarkeit des Tuberkulose- wie des Lepraerregers war auch
bekannt, dass die leprösen Knoten gegenüber den Tuberkelknoten
den Vorteil der grösseren Durchblutung boten. Ich bin nicht unter¬
richtet genug, inwieweit die obengenannten Methoden die beiden
Krankheiten wirklich günstig beeinflusst haben, jedenfalls habe ich
gleich den Vorschlag gemacht, eine Kur mit Krysolgan zu ver¬
suchen. Alle Versuche, den seit sechs Wochen bestehenden und sehr
stürmischen Prozess zu beeinflussen, waren vergebens, insonderheit
hat das Salvarsan nicht den geringsten Einfluss gehabt; das Kry¬
solgan schien mir das einzige Mittel, mit dem ich dem Leiden bei¬
zukommen' hoffte. Der Urin war eiweissfrei und blieb es während der
ganzen Behandlung, obwohl ich wusste, wie gerade die Niere bei
chronisch Leprösen in der Regel angegriffen ist.
Wir sind dem Krysolgan, besonders in Verbindung mit der ak¬
tiven Immunisierung, wie ich sie in diesem Blatt geschildert iiabe,
treu geblieben, denn unsere Erfolge sind ausgezeichnete und werden
uns brieflich vielfach bestätigt. Auch G o e r 1 i t z hat das Verfahren
lobend erwähnt (Tuberkulin bei Augenerkrankungen, Kl. Mbl. f.
AHK., 68, 1922, Märzheft 306). Allerdings ist die Kur zurzeit sehr
teuer; nebenbei sei erwähnt, dass das Krysolgan nicht mehr von den
Höchster Farbwerken, sondern von der Chemischen Fabrik auf
Aktien vorm. E. Schering in Berlin hergestellt wird. Erst nach
Abschluss der Behandlung stiess ich auf eine Notiz, dass schon ein
anderer die gleiche Idee von der Wirksamkeit des Goldes bei Lepra
gehabt hat: Referat der Dermatologischen Wochenschrift, 1916, 62,
S. 79, über eine Arbeit: A z u a, J. de, und 0 u i r o s, B. de, Behand¬
lung der Lepra mit Aurum-Kalium cyanatum. Actas dermo-sifilio-
graficas, 1915, Juni-Juliheft. Es handelt sich um eine anorganische
Goldverbindung, die, wie ich in meiner ersten Veröffentlichung über
Goldtherapie 1917 erwähnt habe, wegen ihrer Giftigkeit verlassen
worden ist.
Schädigung der Haut und der Schleimhäute, wie sie bei der
Krysolganbehandlung neuerdings Büllmann (Med. Kl., 1922,
Nr. 44) in 12 Proz. der Fälle gesehen hat, sind bei uns sehr selten.
Bei meinem grossen Material habe ich überhaupt nur 4 Fälle ver¬
merkt. Aber ich stimme dem Verfasser zu, dass man neben der
Urinkontrolle bei jeder Injektion vorher die Eosinophilen feststellen
soll, da deren Ansteigen eine Hautintoxikation anzeigt. Von den
hohen Dosen sind wir ganz abgekommen, wir geben nur noch
0,05 — 0,1 (früher bis 0,4!) pro dosi.
Die Behandlung umfasst den Zeitraum vom 27. III. bis 19. V. 22,
also 53 Tage. Zuerst wurde Bazillenemulsion und Krysolgan 24 Stunden spä¬
ter gegeben. Da ist nun gleich die interessante Tatsache zu bemerken, dass
nach dem objektiven Befund, aber besonders nach den Beobachtungen des
langerfahrenen und kritischen intelligenten Kranken mit der Sicherheit der
Reaktion auf die Tuberkulininjektion eine Reizerscheinung mit Ver¬
schlechterung des Sehvermögens, auf die Krysolganinje'ktion eine
rasche Milderung der Entzündung und eine Hebung des Seh¬
vermögens jeweils eintrat. Infolgedessen haben wir das Tuberkulin ganz
weggclassen und im ganzen 12 Krysolganinjektionen. erst zu 0,1. dann zu
0,05 gegeben.
Befund bei der Entlassung: Die Injektion r. ist ganz bedeutend zurück¬
gegangen, die Hornhaut im oberen Drittel noch getrübt, aber die Gefässe sind
zurückgebildet. Pupille, wie erst erwähnt, feinster Schlitz. Aehnlich die
Verhältnisse 1. Lichtscheu ganz verschwunden, die Augen werden beide gut
geöffnet, so weit es die Lidwülste zulassen; aber diese Wülste haben sich
erheblich zurückgebildet, die ganze Haut des Gesichts ist nicht mehr so dick,
3
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
1048
die intensiv rote Färbung der Haut hat einem mehr blassen Aussehen Platz
gemacht, die Ohrmuscheln sind schmächtiger. Auch sonst haben sich die
Knoten verkleinert, die Haut sich gebessert mit Ausnahme des linken Unter¬
arms, wo derselbe Befund erhoben wird. Das rechte Auge hat das
staunenswerte Sehvermögen von 5/is erlangt, das ganz
schwer erkrankte linke kann wenigstens wieder Finger zählen. Aus seiner
reichen Erfahrung am eigenen Leibe heraus erklärt der Kranke, dass er
noch niemals eine solche Wirkung einer Behandlung
auf die leprösen Symptome bemerkt habe.
Der Kranke ist Ende 1922 auswärts verstorben. Herr Kollege Herx-
h e i m e r - Wiesbaden schickt mir den Sektionsbericht mit dem Bemerken,
dass man nur die bei den Leprösen häufige Glomerulonephritis gefunden habe,
die allerdings ganz frisch gewesen sei. Noch im Mai bei der Entlassung
zeigte sich im Urin gar nichts Pathologisches. Die Frage wäre zu beant¬
worten, ob vielleicht das Krysolgan so spät noch auf die Niere gewirkt
haben kann oder ob es sich eben um die gewöhnliche Leprosennephritis
bei einem so veralteten Fall gehandelt hat, die so wie so eingetreten wäre.
Ich möchte das letztere annehmen, denn niemals ist mir ein Fall von schwerer
Nephritis bei Krysolganbehandlung unterlaufen.
Ich veröffentliche den Fall in dem Bewusstsein, dass eine
Schwalbe keinen Sommer macht. Aber bei der Trostlosigkeit der
Therapie gegenüber der Lepra müsste das Verfahren unter den ge¬
botenen Kautelen in grossem Ausmass angewandt werden. Die Kol¬
legen im Norden und die in den von der Lepra verseuchten Kolo¬
nien können sich, bei der Ohnmacht ihrer sonstigen Hilfsmittel, in
ganz kurzer Zeit davon überzeugen, ob der angegebenen Benand-
Iungsweise Wert beizulegen ist. Wenn nur in einem Bruchteil der
Erkrankungen — ich denke dabei in erster Linie an die frischen
Fälle — Erfolge erzielt werden, wäre es für die Menschheit ein
Gewinn.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik zu Halle a. S.
(Direktor: Prof. Dr. Voelcker).
Direkte und indirekte Gegenstoss-Verletzungen der
parenchymatösen Bauchhöhlenorgane (Leber, Milz)*).
Von Dr. med. Fr. J. Kaiser, 1. Assistent der Klinik, jetzt
Chirurg in Soest i. W.
Aus dem grossen Gebiete der literarisch reichlich verwerteten
Bauchverletzungen im weiteren Sinne möchte ich heute ein kleines
Gebiet, eine eigenartige Verletzungsfolge, herausgreifen, die in den
Veröffentlichungen m. E. zu kurz kommt. Und doch handelt es sich
um ein recht charakteristisches Krankheitsbild.
Dass beim Hufschlag, beim Aufschlagen des aus der Höhe Ab¬
stürzenden, beim Anprallen von Holz-, Metall- oder Steinstücken
infolge Explosion u. a. m. das in dem getroffenen Bauchabschnitt den
Bauchdecken anliegende Organ an der Aufschlagsstelle lädiert wird,
dass .also das Zökum oder die gefüllte Harnblase platzt, das Mesen¬
terium vom Darmansatz abreisst, die Leber zerquetscht wird, ist
ein typischer Befund und eine von niemand bezweifelte Tatsache.
Dieser übergrossen Mehrzahl der stumpfen Verletzungen gegenüber,
bei denen die Organläsion dem Orte des Traumas direkt benachbart
liegt, treten, die sogenannten Gegenstossverletzungen der Bauch¬
höhle' stark zurück.
Den Begriff des Gegenstosses kennen wir in erster Linie von
Gehirnläsionen bei Schädeltraiiinen her; hier auch
durchaus verständlich. Denn wir wissen, dass die weiche, blutreiche,
von der Schädelkapsel rings umhüllte Gehirnmasse im physikalischen
Sinne einer mit Flüssigkeit gefüllten Kapsel fast gleichgesetzt wer¬
den kann. Der von einem Punkte ausgehende Druck pflanzt sich fast
unvermindert und gleichmässig nach allen Seiten fort. So sind auf
hydrodynamischem Wege die enormen Sprengwirkungen bei Nah¬
schüssen zu erklären. So ist auch die Deutung der physikalischen
Vorgänge bei den Gegenstossverletzungen leicht und ungezwungen
möglich. Ihre Eigentümlichkeit besteht darin, dass die Zertrümme¬
rung am Gehirn dem Punkte der Gewalteinwirkung diametral gegen-
tibcrliegt, dass also z. B. beim heftigen Aufschlagen auf den Hinter¬
kopf die Stirnhirnpole zerquetscht werden, durch „Gegenschlag“ der
Gehirnmasse gegen die knöcherne Schädelkapsel infolge Fortpflan¬
zung der Aufschlagskraft durch die Gehirnmasse nach vorn.
Uebertragen auf die Organe der Bauchhöhle, ist von
vornherein anzunehmen, dass nur die parenchymatösen
Organe derselben für Gegenstossverletzungen
einigermassen disponiert sind. Tatsächlich sind sie
bisher auch nur für die Leber beschrieben worden. So erklären
sich manche, meist sagittal verlaufende Risse und mehr flächen¬
hafte Zertrümmerungen an der Hinterseite der Leber bei plötzlich
auftreffender, heftiger Gewalt an der vorderen Bauchseite, wobei die
Leber gegen die Wirbelsäule oder die Rippen anprallt.
Hier kommt jedoch ein weiteres, sehr wichtiges Moment hinzu,
nämlich die Aufhängebänder der Leber. Zwar hat man
ihre Bedeutung geleugnet oder doch nur sehr gering eingeschätzt,
indem man den meist sagittalen Verlauf der Leberrisse auf die mit
dem Gefässverlauf im Zusammenhang stehende Spaltungsrichtung
der Leber zurückführen wollte; das aber mit Unrecht, da im Gebiete
der Leberlappen selbst diese quergerichtet ist. Ferner suchte man
*) Die sonst geläufige Bezeichnung „Contrecoup“ sollte unserem freund¬
lichen westlichen Nachbarn zu Ehren nicht mehr gebraucht werden.
das indirekte Bersten infolge Ueberbiegung — zweifellos eine st i
häufige Ursache der Leberruptur — auf alle diese Fälle auszudehm :
was keineswegs angeht. Den Aufhängebändern der Leber wur
von Strassmann und Fischer eine besondere Bedeutung 2*
geschrieben. Auffallend ist, dass die Leberrisse sehr oft neben d(
Aufhängebändern verlaufen, am Ligamentum falciforine sagittal, ;]
Ligamentum coronarium quer. Sie lassen sich auch experiment
erzeugen, wenn man Leichen aus der Höhe herabstürzen lä:
(Ri eher and). Bei all diesen Vorgängen reisst die Leber ;|
Aufhängeapparat ein, indem infolge des Beharrungsvermögens il
mitgeteilte lebendige Kraft die schwere massive Leber weitertrei I
während die Aufhängebänder nicht nachgeben und an Ort u
Stelle verbleiben. Der hiergegen vorgebrachte Einwand, dass d
Luftdruck die Leber in der Zwerchfellkuppe festhalte, dass im lu
leeren Peritonealraum die anderen Bauchhöhlenorgane, so z. B. au
die Aufhängebänder und das Zwerchfell, die Bewegungen der Let[
mitmachen müssten, und dass die Leber nach unten sich nur da
selbständig weiterbewegen könne, wenn nach Einriss von Zwcrchf
und Lunge Luft in den Bauchraum eingetreten sei, ist nicht stk
haltig. Tatsächlich sind am Lebenden und im Experiment Lebere
risse und starke Dislokationen auch ohne Einrisse an anderen Ci
ganen und ohne den Hinzutritt von Luft gesehen worden. Es I
auch ohne weiteres klar und in der Erinnerung an einfache phyl
kalische Experimente als längst erwiesen zu betrachten, dass c
nach Konsistenz, Gewicht, Festigkeit, Art der Anheftung usw.
grundverschiedenen Organe der Bauchhöhle durch plötzlich einw
kende, bewegende Gewalt eine ganz verschiedene Beschleuuigu
und Nachwirkung dieser lebendigen Kraft mitgeteilt bekommen u
dass diese Organe auch Lageveränderungen und Verschiebung
gegeneinander vornehmen können, ebenso wie den Bewegungen d
Intestina bei der Peristaltik, der Stieldrehung der Ovarialzyste, d<
Emporsteigen des sich vergrössernden graviden Uterus, der St
kung der bandgelockerten Leber, Milz oder Därme, um nur eiui
Beispiele zu nennen, in dieser Hinsicht keine Hindernisse entgegt
stehen. Dass man von Adhäsion zwischen Leber und Zwerchfell
streng physikalischen Sinne nicht reden kann, erhellt auch darai
dass bei der nicht traumatischen Hepatoptose höheren Grades \
vielen Autoren eine Distanz zwischen Zwerchfell und Leber u
eine Ausfüllung dieses Raumes mit gasgefüllten Darmschlingen natl
gewiesen worden ist. Die Feststellung dieser Tatsachen ist i?
meine nun folgenden Erörterungen nicht bedeutungslos.
Wie oben erwähnt, sind bisher Gegenstossverletzungen d]
Bauchhöhle nur für die Leber beschrieben, und zwar möchte it
diese als direkte Gegenstossverletzungen bezeichn^
indem die einwirkende Gewalt die Lebergegend selbst, meist vjj
der Seite oder von vorn, trifft und an dem entgegengesetzten Punll
durch Rückwirkung die Organzerstörung setzt.
Es gibt aber noch eine zweite Form des Gegenstosses, über is
ich in der Literatur nichts habe finden können und über die ich hl
berichten möchte. Im Gegensatz zu der genannten Form möchte ii
sie indirekte Gegenstossverletzung benennen, indu
das Trauma nicht in der Gegend des verletzt«
Organs selbst angreift und die Achse der f o r t w i S
kenden Kraft nicht das Organ selbst durchsetz,
sondern bei Vier der Verlvetzungsstoss an eintj]
entfernteren Körperstelle auftritt, sich durch d;
Bauchhöhle nach dem betreffenden Organe f o r ■
pflanzt und das Organ als Ganzes vom Gegenstoi
zurückgeschleudert und verletzt wird. Die Bezei;|
nung direkte und indirekte Gegenstossverletzung ist vielleiciit nies
ganz korrekt, gibt aber doch einigermassen das Richtige wiederjl
Zunächst mögen in Kürze zwei Krankengeschichten der letzt»
Zeit folgen:
Fall 1 betraf einen 8 jährigen Knaben, der aus 3 — 4 m Höhe v>i:
Treppengeländer abstürzte und mit der ganzen rechten Seite auf Ste|
Pflaster aufschlug. Das blasse Aussehen, der kleine frequente Puls, die fl
Lagewechsel verschiebliche Dämpfung in den abhängigen Partien des A
domens sprachen eindeutig für eine innere Blirtung. Auffallend war, dass 01
Abdomen zwar im ganzen stark gespannt und druckempfindlich war, da
sich aber Muskelabwehrspannung und Druckschmerz im linken Hypoclur
drium nach dem Rippenbogen zu deutlich verstärkten. An der rechten K-
perseite waren in der Axillarlinie in der Gegend des Darmbeinkammes ul
des Rippenbogens die Zeichen von Weichteilquetschung durch das A-
schlagen deutlich nachweisbar.
Sofortige Operation war angezeigt. Die mediane Laparotomie oberlu
des Nabels ergab grossen Bluterguss von schätzungsweise gut 1 Liter ■:
der freien Bauchhöhle. Darm, Magen und Leber waren völlig intakt. In (‘
Milzgegend reichlich Blutkoagula, die Milz selbst zertrümmert. Auf ci
Bauchwandlängsschnitt wird ein Querschnitt nach links gesetzt und die M-
dann nach doppelter Unterbindung und Durchtrennung der Hilus- und einiy
akzessorischer Gefässe exstirpiert. Das Organ ist vom Hilus aus quer i
ganzer Dicke eingerissen, so dass die Teile nur noch durch einige Parenchy-
brücken aneinanderhängen. Ausserdem noch mehrere unregelmässige, nii
ganz durchgehende Einrisse im mittleren Drittel, neben dem Hauptriss, a
auf die Hilusgegend zu mündend.
Nach der Operation Kochsalzinfusionen und Herzmittel. Primäre Wut
heilung; trotzdem unregelmässige Temperatursteigerungen in den erst
10 Tagen, für die der Milzausfall als Blutdrüse zur Erklärung herangezog
werden muss. Nach 3 Wochen geheilt entlassen.
Fall 2. Der 39 jährige, sonst kräftige und gesunde Mann wur
6 Stunden vor Einlieferung von einer Wagendeichsel gegen die linke Beck-
Seite gestossen. Sofort traten heftige Schmerzen im Rücken auf; er bra
sofort zusammen und wurde in die Klinik überführt. Bei der Aufnah
10. August 1 923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT .
1049
wurde bei dem blassen, schwitzenden, schwer kollabierten Manne eine
massige Auftreibung des Abdomens festgestellt. Dasselbe war massig ge¬
spannt, jedoch im ganzen nicht nennenswert druckempfindlich. Nur in der
rechten Oberbauchgegend, nach dem rechten Rippenbogen hin zunehmend,
bestand deutlich Druckschmerzhaftigkeit bei Muskelabwehrspannung. Selbst
aussen an der rechten Thoraxseite bestand unten im Bereiche der Leber
Druckempfindlichkeit. Bei Rückenlage in beiden Flanken Dämpfung. Die
Zunge war wenig belegt, feucht; der Puls kräftig, 65 pro Minute, gut gefüllt,
regelmässig, Temperatur 36°. Unterhalb des linken Darmbeinkammes an
der Verletzungsstelle fand sich oberflächliche Hautschürfung und Weichteil-
quetscluing.
Die Diagnose lautete auf intraabdominelle Blutung ohne Verletzung von
Darm und Magen und ohne peritonitische Erscheinungen. Nach den Er¬
fahrungen bei obigem Falle wurde die Wahrscheinlichkeitsdiagnose auf Leber-
zerreissung gestellt. '
Zunächst abwartende Behandlung unter Anwendung von Exzitantien,
Tropfeinlauf, Wärmeapplikation etc.
Da jedoch die Zeichen innerer Blutung Zunahmen, Kranker erbrach und
kollabierte, wurde am Tage nach der Einlieferung, 30 Stunden nach dem Un-
fall, operiert.
Bei der medianen Laparotomie fand sich massenhaft flüssiges und ge¬
ronnenes Blut in der freien Bauchhöhle. Intestinaltra'ktus und Milz waren
intakt. Dagegen war die Leber an ihrer Konvexität entlang dem Ligamen¬
tum falciforme und noch eine Strecke weit entlang dem Ligamentum
coronarium tief eingerissen, die Wunde blutete stark und war schwer
zugänglich in ihrem oberen Abschnitt; sie wurde kräftig tamponiert, der
Tampon aus dem oberen WundwinkeJ herausgeleitet, und die Bauchwand
im übrigen durch Etagennaht wieder geschlossen.
Die Wundheilung wurde durch teilweise Vereiterung der Bauchdecken¬
wunde verzögert. Nach 6 Wochen wurde der Kranke aus der klinischen
Behandlung entlassen.
Diese beiden Krankengeschichten sind m. E. typische Beispiele
von indirekten Gegenstossverletzungen der Leber und der Milz. Im
ersten Fall greift das Trauma von rechts her an, die Kraftquelle
pflanzt sich quer durch das Abdomen fort, der Gegenstoss trifft die
Milz, schleudert sie als Ganzes von ihrem Platze und reisst sie am
Hilus tief ein und teilweise ab. Beim zweiten Kranken trifft ein .hef¬
tiger Deichselstoss von der Seite her die linke Darmbeinschaufel;
schräg durch das Abdomen sich fortpflanzend nach der rechten
Oberbauchgegend setzt die Gegenstosswirkung die Leber, dieses
massige, schwere Organ, als Ganzes ruckartig, plötzlich in Be¬
wegung und reisst sie an ihren Aufhängebändern tief ein.
Es dürfte daraus klar genug hervorgehen, dass es sich liier zwar
um eine Gegenstossverletzung handelt, dass sich diese aber doch
durch ihre Fernwirkung von dem uns geläufigen und aus der Lite¬
ratur bekannten Gegenstoss unterscheidet. Es ist berechtigt, beide
Arten auch durch die Benennung zu kennzeichnen und deshalb
direkte und indirekte Gegenstossverletzungen des Abdomens zu
unterscheiden. Berücksichtigt und kennt man sie, so sind die Sym¬
ptome eindeutig genug, um schon ante operationem eine präzise Dia¬
gnose oder wenigstens eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose zu stellen.
Dazu gehört allerdings, dass man in der Anamnese genaue Angaben
über die Art des Unfalls und den Angriffspunkt der einwirkenden
Gewalt erhält, was keineswegs immer der Fall ist. Des weiteren gibt
die durch das Trauma lädierte, fern von dem auf Verletzung ver¬
dächtigen Organ gelegene Partie der Körperoberfläche mit ihren
Hautschürfungen, Weichteilquetschungen, ev. auch Knochenverlet¬
zungen wichtige Fingerzeige für die Diagnose.
Ob indirekte Gegenstossverletzungen auch an anderen Bauch¬
höhlenorganen als Leber und Milz Vorkommen oder möglich sind,
erscheint mir fraglich. Immerhin dürfte es angebracht sein, der
Frage nachzugehen und die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, wenn
z. B. der Darm an der Grenze von fixierten und beweglichen Ab¬
schnitten abgerissen ist und das Trauma fern davon eingewirkt hat.
Leber und Milz sind durch ihren parenchymatösen Charakter, ihr
Gewicht, ihre Fixierung an schmal inserierenden Ligamenten, ihrer
Unterstützung von unten her durch die leicht ausweichenden Daim-
schlingen für diese Art der Verletzung besonders disponiert. Alle
hiergegen vorgebrachten, obenerwähnten Bedenken halten ernster
Kritik nicht stand und sind auch durch die hier mitgeteilten Befunde
widerlegt.
Aus der Chirurgischen Universitätsklinik zu Leipzig.
(Direktor: Geh. Med -Rat Prof. Dr. E. Payr.)
Oie histologische Untersuchung von Brustdrüsentumoren
während der Operation.
Von Dr. Arthur Ladwig, Assistent der Klinik.
Es ist eine bekannte Tatsache, dass maligne Tumoren, aus denen
man zwecks histologischer Sicherung der Diagnose Stückchen ex-
zidiert hatte, oft rapid zu wachsen anfangen. Das wird jeder an
einem grossen Material gelegentlich beobachten können. Die Probe¬
exzision wirkt als ein positiver Reiz auf das Geschwulstwachstum
ein. Es erscheint beinahe überflüssig, wenn man dies auch noch an
Tierversuchen zu beweisen versucht. So hat N a h t e r (Arch. f. klin.
Chir., 119. Bd.) aus der v. E i s e 1 s b e r g sehen Klinik zwei Serien
von Mäusen Karzinome erzeugt. Bei der einen nahm er Probe¬
exzisionen vor und konnte feststellen, dass diese Tumoren nach
einem bestimmten Zeitraum bedeutend grösser waren als die der
Kontrollserie, auch das Gesamtgewicht der Tiere war ein grösseres.
Er glaubt, diese Zunahme des Körpergewichtes auf eine solche des
Tumorgewichtes zurückführen zu können.
An der Payr sehen Klinik herrscht schon lange die Vorschrift,
dass aus krebsverdächtigen operablen Tumoren jedweder Art und
Sitzes nur dann Probeexzisionen gemacht werden dürfen, wenn
gegebenenfalls auch unmittelbar die Radikaloperation angeschlossen
werden kann (Leipzig, Med. Ges., Juli 1922).
In zweifelhaften Fällen von Mammatumoren bedienen wir
uns der histologischen Untersuchung während der Operation in Form
des Schnellgefrierschnittes. Sie ist berufen, Missgriffe zu vermeiden,
dergestalt, dass die Operation einmal nicht radikal genug ausfällt,
im andern Fall eine Brustdrüse geopfert wird, die hätte erhalten
werden können, wobei man die seelische Noxe, die viele Frauen
durch den Verlust einer Brustdrüse erleiden, nicht unterschätzen
sollte.
Im Folgenden wird an Hand eines zweijährigen Materials der
Leipziger Klinik das Wertvolle dieser Methode dargelegt werden.
In den beiden Jahren 1921 und 1922 sind insgesamt 56 Fälle von
Mammatumoren zur Operation gekommen. Hierbei wurde 24 mal eine
histologische Untersuchung während der Operation angestellt, 32 mal
wurde sie unterlassen. Unter diesen 32 Fällen wurde 31 mal die Am¬
putation der Mamma mit anschliessender Ausräumung der Achsel¬
höhle ausgeführt. Allein auf Grund des klinischen Bildes, ev. des
makroskopischen Befundes am Tumor während der Operation,
glaubte man, die Diagnose einer malignen Geschwulst und damit die
Indikation zur Abtragung der Mamma stellen zu müssen. Nur ein¬
mal wurde in einem ganz besonders klaren Fall die Exstirpation eines
kleinen, wie sich später herausstellte, Fibroms vorgenommen.
Betrachtet man die Kriterien, auf Grund derer man diese Indi¬
kation stellte, so ergibt sich zunächst eine Gruppe der absolut siche¬
ren, über jeden Zweifel erhabenen Fälle, und das sind diejenigen, bei
denen der Tumor mit der darüberliegenden Haut fest verbacken und
diese selbst Veränderungen mehr oder weniger weitgehender Natur
eingegangen war, von der narbigen Verziehung bis zur Ulcusbildung
und Metastatierung in die Haut in Form der lentikulären Aussaat und
des sogenannten Panzerkrebses. Hierher gehören 23 Fälle, 4 davon
zeigten Hautmetastasen, 6 waren exulzeriert. Die Fixation auf der
Pektoralfaszie war ein nahezu sicheres Symptom für die Mali-
ginität; wichtig war ferner das Verhalten der Mamille, die Be¬
grenzung des Tumors, seine Konsistenz und Schmerzempfindlichkeit,
auch sein Sitz. Die Wachstumsenergie, die Multiplizität von Ju¬
nioren in einer Mamma, sowie das gleichzeitige Befallensein beider
Drüsen halfen uns in 3 Fällen zu der, wie sich dann herausstellte,
richtigen Diagnose Maliginität. Das Alter, die Untersuchung der regi¬
onären Lymphdrüsen bieten wertvolle Hinweise. Zu vergessen ist
auch nicht das makroskopische Aussehen des durchschnittenen Tu¬
mors, die grauweisslich markigen, in die Umgebung ausstrahlenden
Züge sind meistens karzinomatös. Eine Fülle von Symptomen, die
meisten für sich allein nicht pathognomonisch, sondern nur in der
Kombination untereinander wertvoll.
Trotz der Beobachtung all dieser Anhaltspunkte sind Fehldiagnosen vor¬
gekommen. In 4 Fällen ist die Mamma amputiert worden und bei der histo¬
logischen Untersuchung fanden sich gutartige Tumoren, 3 mal ein Fibro¬
adenom, 1 mal die sog. Mastitis chronica cystica. Die trügerischen Zeichen
waren in dem einen Falle das Verbackensein mit der Haut und die unscharfe
Begrenzung des Tumors. Hier handelte es sich um die Mastitis chronica
cystica. Sie bietet ja vor allem Anlass zu Verwechslungen mit Karzinom,
sei es in Form der schwieligen Indurationsherde oder prall gefüllter, sich hart
anfühlender Zysten. Im zweiten Falle täuschte das Kriterium des raschen
Wachstums. Ein anderes Mal hatte man geglaubt bei mehreren Knötchen in
der Mamma besser dieselbe amputieren zu müssen. Der 4. Fall war ein männ¬
licher. Nun, die Brusttumoren bei Männern bilden gewissermassen eine
Gruppe für sich. Bei ihnen fällt zunächst das kosmetische Moment fort: bei
einem 58 jährigen Manne, der seit Wochen einen harten Tumor in seiner
Brustdrüse wachsen fühlt, dabei noch Schmerzen hat, wird man sich nicht
lange besinnen. Sodann sind gutartige männliche Brustdrüsentumoren extrem
selten. Im ganzen finden sich in diesem Materiale 5 männliche Tumoren.
Bei allen ist die Mamma amputiert worden, bei 4 ohne histologische Unter¬
suchung intra operationem. Nur in 1 Falle handelte es sich um ein Fibrom,
die übrigen waren Karzinome. Alle Kranken hatten das 40. Lebensjahr über¬
schritten.
Es gibt also eine Reihe von Anhaltspunkten, die trügerisch sein
können und die zu Missgriffen verleiten; auch eine Mamille kann in¬
folge eines rein entzündlichen Tumors eingezogen sein, derbe Achsel¬
drüsenschwellungen können rein entzündlicher Natur sein, auch ohne
zu schmerzen. Deshalb ist es an unserer Klinik zum Prinzip erhoben
worden, bei allen Fällen, die nicht ganz eindeutig sind, die histo¬
logische Untersuchung während der Operation zur Klärung heranzu¬
ziehen. Der Aufenthalt während der Operation ist gering; es ver¬
gehen 5—10 Minuten, die ganz gut mit der Blutstillung usw. ausge¬
füllt werden können. Bei ruhigen, verständigen Kranken wird man
den ersten Teil der Operation nach vorheriger Aufklärung in Lokal¬
anästhesie ausführen und gegebenenfalls in Narkose die Amputation
der Mamma anschliessen. Wir haben in den Jahren 1921/22 24
solche Untersuchungen ausgeführt. 17 mal wurde die Diagnose
Karzinom gestellt und daraufhin die Amputation der Mamma mit
anschliessender Ausräumung der Achselhöhle vorgenommen. In 7 Fäl¬
len lagen gutartige Tumoren vor, bei deren Exstirpation es sein Be¬
wenden hatte; 4 davon waren Fibroadenome, 3 zeigten das histo¬
logische Bild der Mastitis chronica cystica mit den erweiterten, von
einem zellreichen periazinösen Gewebe umgebenen Drüsenläppchen,
vereinzelten kleinzelligen Infiltrationsherden und gelegentlichen
3*
iosö
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 32.
Epithelproliterationen an der Innenfläche der Zysten oder Milchgänge,
die ja bekanntlich bisweilen auch histologisch die Entscheidung gut¬
artig oder bösartig recht erschweren können. Die histologische
Diagnose Benignität brachte in den 7 Fällen keine Ueberraschung,
auch die klinischen Symptome hatten dafür gesprochen; dagegen
hatte man in mehreren von den 17 Karzinomfällen nicht mit einem
solchen Ausfall der Untersuchung gerechnet. Besonders 6 Fälle
hatten kaum klinische Anhaltspunkte für Bösartigkeit dargeboten.
Die Tumoren, walnuss- bis kinderfaustgross, waren alle sowohl gegen
die Haut, als auch gegen den Pektoralis frei verschieblich. Sie waren
nur langsam gewachsen und verursachten keine oder nur geringe
Beschwerden; die Mamille war völlig normal, bei zweien konnten
keine geschwollenen Achseldrüsen nachgewiesen werden. Nur das
Alter musste zur Vorsicht mahnen; die Kranken standen zwischen
dem 40. bis 60. Lebensjahre.
Fehldiagnosen insofern, als intra operationem die Diagnose be¬
nigner Tumor gestellt und die Mamma belassen wurde, sich hinterher
aber das Karzinomrezidiv einstellte, sind nicht vorgekommen. Des¬
gleichen nicht das Gegenstück davon, Diagnose maligner Tumor, Am¬
putation und endgültige Diagnose benigner Tumor. Von jedem Fall
wurden stets hinterher noch Schnitte auf dem üblichen Wege der ge¬
nügend langen Härtung und ev. Einbettung hergestellt.
Aus der orthopäd. Abteilung der Chirurg. Universitätsklinik
in Berlin. (Direktor: Geh. Rat A. Bier.)
Klinische Aetiologie und anatomische Hirnbefunde*).
Von Prof. Dr. J. Fraenkel.
Die neuen Ergebnisse der anatomischen Hirnforschung haben
beträchtliches theoretisches und praktisches Interesse erweckt. Die
Bedeutung des Geburtstraumas, die Aetiologie der spastischen Läh¬
mungen des Kindesalters gehören in den Kreis der berührten Fragen.
Das Heer der zerebralen Kinderlähmungen, ein Grenzgebiet, an
dem fast alle klinischen Fächer beteiligt sind, Neurologie, innere Me¬
dizin, Kinderheilkunde, Geburtshilfe, beansprucht therapeutisch stark
die Neurochirurgie und Orthopädie. Für diese Grund genug, um die
ätiologische Aufklärung des Krankheitsbildes mitbemüht zu sein.
Die auf dem anatomischen Gebiet gelegenen Fortschritte werden
den Hauptarbeiten R i c k e r s, Schwarz’, Siegmunds ver¬
dankt. Auf sie und die in ihnen verzeschneten Vorarbeiten wird hier
vorwiegend Bezug genommen.
In Kürze seien die tatsächlichen Feststellungen vorangeschickt.
Die Erfahrungen Rickers1), teils experimentell, teils im Stellungs¬
kampf des Weltkrieges gewonnen, behandeln die allgemeine Lehre von der
Commotio eerebri. Danach erklären sich die Folgen der Erschütterung des
Hirnes durch eine funktionelle Störung des Blutgefässnervensystems. Ver¬
langsamung des Blutstromes in erweiterter Strombahn, genannt prästatische
Hyperämie, kapilläre Diapedesisblutungen, Dauerstase ist die Reihenfolge
der Erscheinungen. Es schliessen sich an der rote Infarkt, die rote Hirn¬
erweichung, bzw. die weisse Erweichung, wenn bei schnellem Uebergang
der Prästase in Dauerstase Austritt von roten Blutkörperchen gefehlt hat.
Einzelpetechien, die punktförmigen Hämorrhagien, wie sie in der Wand des
Schusskanals auftreten und jedem Feldchirurgen geläufig sind, entstehen nach
R i c k e r also nicht direkt, sondern indirekt, entweder unmittelbar oder mehr
oder weniger lange nach dem Trauma im Sinne der traumatischen Spät¬
blutung B o 1 1 i n g e r s.
Die soeben skizzierten Ergebnisse werden von Siegmund auf das
kindliche Gehirn übertragen, mit der Einschränkung, dass zwischen dem pri¬
mären und dem Endbefund in dem sich entwickelnden Organ des Kindes
ein besonders grosser Unterschied zu erwarten ist.
Im Vordergründe der Diskussion stehen zurzeit die Geburtsverletzungen
des Gehirns. Sie sind nach Zahl und Art und wegen ihrer vielseitigen, jetzt
erkannten Beziehungen von vorher nicht geahnter Bedeutung.
Namentlich die Mitteilungen von Ph. Schwarz2) und Siegmund3)
haben berechtigtes Aufsehen erregt, ln den Prioritätskampf einzugreifen, der
unter den Instituten Frankfurt und Köln ausgebrochen ist, liegt hier keine
Veranlassung vor und kann nicht meine Aufgabe sein. Das Tatsachenmaterial
ist folgendes:
Nach Schwartz sind in 65 Proz. der Geburten makroskopische patho¬
logische Befunde zu erheben. Dabei wird der Hauptwert auf den Nachweis
der intrazerebralen Blutung gelegt. In den früheren Mitteilungen (Cru-
veilhiers, Virchows, Kundrats u. a.) werden als intrakranielle
Verletzungen in der Regel subdurale und subarachnoideale Blutungen ver¬
standen, die in Verbindung mit Falx- und Tentoriumrissen (B e n e k e) all¬
bekannte üeburtsschädigungen darstellen. Hier handelt es sich um vor¬
zugsweise intrazerebrale, oft miliare und multiple Blutungen, die in allen Tei¬
len des Gehirns angetroffen werden (in der Rinde, den Stammganglien,
im Centrum semiovale, Kleinhirn, verlängerten Mark). Bevorzugt ist das
*) Als Vortrag angemeldet für die 47. Tagung der D. Ges. f. Chir.
1) Gustav Rick er: Die Entstehung der pathologisch-anatomischen Be¬
funde nach Hirnerschütterung in Abhängigkeit vom Gefässnervensystem des
Hirnes. Virchows Arch. 1919, 226. — Die pathologische Anatomie der frischen
mechanischen Kriegsschädigungen des Hirnes und seiner Hüllen. Handbuch
der ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1921, 8.
2) Ph. Schwartz: Die Ansaugungsblutungen im Gehirn Neugeborener.
Zschr. f. Kinderhlk. 1921, 29. — Die traumatische Gehirnerweichung der Neu¬
geborenen. Zschr. f. Kinderhlk. 1921, 31. — Die traumatische Geburtsschädi¬
gung des Gehirns. M.m.W. 1922 Nr. 30.
3) H. Siegmund: Neue Untersuchungen über die Encephalitis inter-
stitialis congenita. Klin. Wschr. 1922. — Geburtsschädigungen des kind¬
lichen Gehirns und ihre Folgen. M.m.W. 1923 Nr. 5. — Die Entstehung von
Porenzephalien und Sklerosen aus geburtstraumatischen Hirnschädigungen.
Virch. Arch. 1923, 241.
Gebiet der V. terminalis, die Nachbarschaft der Ventrikel. Als Erklärung
wird im wesentlichen die physiologische Druckdifferenzstauung herangezogen,
ln ihrer Bedeutung für die Geburtshilfe und die Pathologie des Kindesalters
schon vorher wohl erkannt und namentlich von L. S e i t z gewürdigt, ver¬
gleicht sie Schwärt z treffend mit der Wirkung einer grossen Saugglocke. I
Der Unterschied zwischen dem atmosphärischen und dem intrauterinen, durch
die vereinigte Bauchpresse und Uterusmuskulatur erzeugten Druck (80 bis
250 mm Hg 13 Atmosphären) ist beträchtlich. Er geht aus den von
Schatz berechneten, genannten Zahlen hervor. Der Druckdifferenz wird
nach dem Blasensprung der extrauterin vorliegende Körperteil, in der Regel
also der Kopf, unvermittelt ausgesetzt. ln das Minderdruckgebiet
(Schwartz) wird das Blut angesogen, und so kommt es, abgesehen von
dem Kephalhämatom, zu meningealen und intrazerebralen Hyperämien und
Gefässzerreissungen mit Ventrikel- oder Hirnblutungen. Verderblich ist die
Ansaugungsblutuug bei Sturzgeburten und bei Verzögerung der Austreibung,
was sofort verständlich ist. Daher besteht erhöhte Gefahr bei engem Becken,
abnormen Lagen, erstgeborenen, grossentwickelten Kindern; ebenso sind
Frühgeburten mehr bedroht (Y 1 p p ö).
Pathologisch-anatomisch schliessen sich der Zirkulationsstörung zunächst
feintröpiige Verfettungen der Gliazellen an. Grobe Fetteinlagerungenn (Körn¬
chenzellen) werden in den perivaskulären Gliazellen angetroffen. Eine Stö¬
rung des Markreifungsprozesses geht einher. Auf das Thema der Hirnver¬
fettung beim Neugeborenen, die Encephalitis interstitialis congenita Vir¬
chows, die in der Literatur einen breiten Raum einnnimmt. werfen diese
Befunde Schwartz’, die Siegmund bestätigt und teilweise ergänzt hat,
ganz neues Licht. Das Fett im Gliaplasma ist nunmehr als Folge des Ge¬
burtstraumas erkannt; daneben werden infektiöse Erkrankungen der Mutter
und Eklampsie von W o h 1 w i 1 1 bezichtigt. Ebenso wichtig ist der jetzt
erwiesene Zusammenhang der traumatischen Hirnerweichung mit den ana¬
tomischen Endzuständen, die als solche von früher her sehr gut bekannt sind,
die aber vielfach ganz irrig gedeutet worden sind, Hirnnarben, por-
enzephalischen Defekten, Zysten, Sklerosen, Mikrogyrien mit sekundärer De¬
generation der absteigenden Nervenbahnen, namentlich der Pyramidenstränge.
Auch die indirekte Zirkulationsstörung im Sinne Rickers kann zu der¬
artigen Folgezuständen (Porenzephalien, Zysten) führen. Das von Diet¬
rich und Siegmund untersuchte Gehirn eines 36 jährigen Soldaten, in
dessen Nähe eine Granate eingeschlagen war, ohne ihn direkt zu verletzen,
und der 3 Tage später erkrankte und nach einem Jahre starb, beweist das.
Der erhobene Befund von feinwabiger Porenzephalie glich dem der Kinder¬
hirne. Die früher übliche Einteilung in kongenitale und erworbene Por¬
enzephalien muss von jetzt an korrigiert werden.
Anzureihen sind gewisse Fälle des kongenitalen Hydrozephalus. Für
den Hydrocephalus externus haben Doehle und W, o h 1 w i 1 1 den Weg.
vom subduralen Hämatom über die Pachymeningitis haemorrhagica interna
klargestellt. Die Entstehung des Hydrocephalus internus nach Einbruch einer
Blutung in die Hirnventrikel infolge Geburtstraumas wurde durch W. Fi¬
sch e r und Engel wahrscheinlich gemacht. S i e g m u n d bestätigt ein
solches Vorkommen und weist ferner auf die gleiche Entstehungsweise eines
intrauterin bestandenen Hydrocephalus internus hin, zugleich die Verlegung
der Abflusswege des Liquors durch Verschluss des 3. Ventrikels und un¬
genügende Liquorresorption bei Schädigung des Plexus chorioideus und des
Ependymepithels anschuldigend.
Die klinischen Folgen des Geburtstraumas sind nach Schwartz: Tot¬
geburt, Scheintod, Lebensschwäche, Krämpfe, Lähmungen; Zustände, die
früher vielfach unerklärbar waren. Den Icterus neonatorum ist Siegmund
geneigt, auf die Resorption der bei der Geburt entstandenen Blutungen
zurückzuführen. Es liegt nahe, für manche Formen der L i 1 1 1 e sehen Krank¬
heit, der spastischen kindlichen Hemiplegie, wie der Idiotie, Chorea, Epi¬
lepsie, dieselbe Ursache verantwortlich zu machen. Vielleicht gehören auch
Fälle von spastischem Hohlfuss, deren Aetiologie teilweise völlig ungeklärt
ist, hierher.
Weiter brauche ich mich in die Einzelheiten des anatomischen
Gebietes nicht zu verlieren. Das wesentliche Extrakt der vor¬
stehenden Daten ist folgendes: Nach den anatomischen Unter¬
suchungen ist das Gemeinsame und Prägnante der p r i -
märenHirnschädigungdieWirkungaufdasGefäss-
s y s t e m. Es ist nur logisch, das Ergebnis derart zu formulieren
und die Schlussfolgerung so allgemein zu fassen. Blutungen sind die
Hauptkennzeichen. Daneben kommen im wesentlichen in Betracht
Ischämie (B e n e k e, K r u s c h k a), Gefässverschluss durch Embolie
und Thrombose. Natürlich sind auch direkte Hirnschädigungen zu
berücksichtigen; ich kann selbst Beweise dafür erbringen. Sie haben
der Erklärung nie Schwierigkeiten bereitet und können hier füglich
ausgeschaltet bleiben.
Was veranlasst und berechtigt mich, auf diese Dinge einzugehen,
zu ihnen das Wort zu ergreifen?
Es ist die beim Studium der mitgeteilten Literatur wachgerufene
Erinnerung an eigene, ziemlich weit zurückliegende Untersuchungen,
die zu ganz dem gleichen Schluss gelangt waren. Sie be¬
fassten sich mit der kindlichen Halbseitenlähmung und versuchten der
vielfach missverstandenen Aetiologie dieser dem Orthopäden häufig
begegnenden Krankheit, die gewissermassen als das Seitenstück zur
Apoplexie der Erwachsenen aufgefasst werden kann, auf die Spur
zu kommen.
Konnte auch damals, ebensowenig wie heute, von einer einheit-
liehen Aetiologie der Krankheit nicht gesprochen werden, so war es I
doch möglich und zulässig, alle in Betracht kommenden Momente, 1
so verschiedenartig sie an sich sein mögen, auf eine gemeinsame, im
allgemeinen vaskuläre Ursache zurückzuführen. Das klar aus- I
gesprochene Ergebnis 4), an dem entlegenen Ort einer Fachzeitschrift
niedergelegt, blieb ziemlich unbeachtet. Jetzt bietet sich die Gelegen¬
heit, auf die klinische Arbeit zurückzukommen, nachdem ihre Ueber-
instimmung mit den Resultaten der anatomischen Untersuchung sich
herausgestellt hat und die willkommene Bestätigung, die bisher noch
4) J. Fraenkel: Die infantile zerebrale Hemiplegie. Zschr. f. orthop.
Chir. 15. : t
|ll. August 192.3.
MÜNCHENER AM I »IZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1051
ausgestanden hatte, damit geliefert ist. Aber nicht allein dieses Motiv
rechtfertigt die Rückkehr zu dem alten Thema. Es dürfte als nütz¬
liche. ja notwendige Ergänzung der anatomischen Mitteilung dienen,
wenn die Rolle des von jener Seite in den Vordergrund gerückten
Geburtstraumas den klinischen Erfahrungen gegenübergestellt und
mit ihnen verglichen wird.
Oie Methode, deren die klinische Studie sich bediente, war in
höchstem Grade einfach: Sie bestand in nichts weiter als der Er¬
hebung von Anamnesen, eines Mittels, das verdient, geziemend ge¬
würdigt zu werden, da es geeignet ist, auf allen möglichen Gebieten
das Geheimnis ätiologischer Zusammenhänge zu lüften; auch unser
hach nicht ausgenommen. Von wichtigen hierhergehörenden Kapiteln
seien der angeborene Klumpfuss, der muskuläre Schiefhals hervor¬
gehoben, bei denen ebenfalls Anamnesen in ausgedehntem Maasse
herangezogen werden sollten. Es darf auf zwei einschlägige Publika¬
tionen ’) u. n) in diesem Sinne verwiesen werden.
Diese Vorgeschichten müssen mit Sorgfalt und Verständnis ver¬
fasst werden: es genügt nicht, sie einem beliebigen vorbereitenden
Helfer zu überlassen. Sie müssen sich, um vollständig zu sein, auf
die Einzelheiten des Schwangerschafts- und Geburtsverlaufes, auf
hereditäre und familiäre Momente erstrecken. Alle in die Schwanger¬
schaftszeit fallenden örtlichen und Allgemeinerkrankungen der Mutter,
mechanische Einwirkungen irgendwelcher Art, äussere Traumen,
mtrauterine Raumnot, das Geburtstrauma müssen erkundet werden.
Der Versuch, in diese Dinge einzudringen, ist bei dem oft im Stich
lassenden Gedächtnis oder geringer Intelligenz der Beteiligten nicht
immer mühelos, lohnt sich aber doch meist. Es liegt auf der Hand,
dass in vielen Fragen der Geburtshelfer das entscheidende Wort mit¬
spricht. Seine Mitarbeit ist unentbehrlich, worauf bei verschiedenen
Gelegenheiten von uns hingewiesen wurde (1. c.).
Die nach solchen Gesichtspunkten erfragten und erhaltenen An¬
gaben wurden registriert, gesichtet und bei sich ergebender Kon¬
kurrenz der Ursachen gegeneinander abgewogen. Es ergaben sich
kurz folgende Schlüsse:
Für die luetische Aetiologie konnten in einer Gruppe
\ on Fällen eindeutige Beweise erbracht werden. Die Erfahrungen
der Nachkriegszeit scheinen dafür zu sprechen, dass dieser Faktor
nicht hoch genug gewertet werden kann, wenn auch eine Ver¬
allgemeinerung im Sinne Fourniers abzulehnen ist. Ist auch diese
Ursache für das betroffene Kind eher prognostisch günstiger anzu¬
sprechen als eine andere, was ihm, zum Trost gereichen kann, so
bedeutet für die, an sich von schlechtem Gewissen heimgesuchten
Eltern die Erkenntnis, an dem körperlichen und geistigen Siechtum
des Kindes mitschuldig zu sein, mitunter die Vollendung der Tragödie
ihrer vordem zerrütteten Ehe. Nach Sch wa r tz bevorzugten die unter¬
suchten Geburtsschädigungen die Frühgeburten. Das ist in diesem
Zusammenhang sehr bemerkenswert. Im Lichte der anatomischen
Befunde über das Geburtstrauma des kindlichen Gehirnes betrachtet,
bereitet die Lues die h ä m o r'r h a g is c"h e D i a t h e s c
und damit den Boden, auf dem das physiologische
Geburtstrauma, das sonst vielleicht harmlos ver-
i laufen wäre, seine verheerende Wirkung entfaltet.
Die Frühgeburt und die Schwere der Hiruver-
| letzung sind gleichermassen von der Lues beein¬
flusste Ereignisse. Zum Vergleich diene eine Analogie aus
der Schiefhalsätiologie: Steisslage und Schiefhals werden nach
j Voclcker durch eine gemeinsame Ursache, die intrauterine
, Raumenge, erklärt. Eine gegenseitige Beziehung in dem Sinne an¬
zunehmen. dass der Schiefhals lediglich Folge der Steisslage wäre,
ist also nicht richtig.
In ähnlicher Weise wie bei der Lues kann die Wirkung anderer
im mütterlichen Blute kreisender Toxine gedeutet werden. Akute
Infektionskrankheiten, Exantheme, Diphtherie, Pyämie und Sepsis,
die Nierenentzündung sind in Betracht gezogen worden. Bei einem
jüngst von mir beobachteten, schwer-hemiplegischen 14 jährigen
Mädchen führte die einzige ätiologische Fährte, die wir aufzunehmen
vermochten, auf eine von der Mutter überstandene, schwere
Schwangerschaftsnephritis.
Es handelt sich um eine Frühgeburt im 8. Monat. Das seit der Geburt
unter fortgesetzten Krämpfen leidende Kind brach sich 1922 in einem Krarnpf-
•v’faM den linken Schenkelhals und wurde deshalb klinisch behandelt. Am
12. III. 23 wurde wegen Spitzfuss die linke Achillessehne nach der offenen
nlastischen Methode in der jetzt von uns bevorzugten Form von zwei ge¬
trennten kleinen Schnittchen, oben und unten neben der Sehne, mit tunlichster
Schonung und Wiedervernähung des Peritenoniums tenotomiert.
Das den graviden Uterus treffende Trauma kann zweifellos eine
kindliche Hemiplegie zur Folge haben. Beweise sind aus der
Literatur ersichtlich (Cotard). Wie schwere Zustände eine derart
entstehende Hirnblutung auslösen kann, lehrt der von L. S e i t z 1907
beschriebene bedeutungsvolle Fall mit folgendem Hergang: Das müt¬
terliche Trauma fiel in den 4. Schwangerschaftsmonat. Das normal
geborene Kind starb, nachdem es noch 5 Stunden gelebt hatte. Durch
Blutung in das Hirn wurde der grösste Teil des Grosshirns zerstört
gefunden.
Aus typisch lautenden Anamnesen konnte bestimmt geschlossen
werden, dass bei der schweren Geburt, insbesondere der schweren
5) Derselbe: Zur Aetiologie und Therapie des angeborenen Klump-
fusses. Zschr. f. orthop. Chir. 32.
®) Derselbe: Zur Entstehung und Behandlung des angeborenen
muskulären Schiefhalses. Langenbecks Arch. 118.
Zangengeburt, grobmechanisch eine direkte Verletzung der Hirnsub¬
stanz zustande kommt. Aehnlicli ist die Wirkung postnataler Unfälle
und mancher Hirnschussverletzungen zu verstehen. Ich bin in der
Lage, über einen mehrfach von uns operierten Knaben zu berichten,
der von einem vom Baugerüst herunterfallenden und seine Schädel¬
decke rechts perforierenden Nagel so unglücklich getroffen war, dass
er eine regelrechte linke Halbseitenlähmung davongetragen hatte.
Auch die Wiedergabe des therapeutischen Teiles der Krankenge¬
schichte rechtfertigt sich wegen des erzielten Erfolges einer Nerven-
verpflanzung:
7/4 jähriger Knabe. Am 27. V. 1914 wegen Spitzfuss Operation in der
linken Kniekehle nach Stoffel. Am 5. VI. 1914: Medianus-Radialis-
anastomose am linken Oberarm. Aus dem kräftigen N. medianus wird der
vordere radiale Anteil, enthaltend seine für Pronator teres, Flexor carpi ra-
dialis und I almaris longus bestimmten Fasern, abgespalten und in den ganz
atrophischen N. radialis, der angefrischt wird, eingenäht und durch peri¬
neurale Naht befestigt. Das Ergebnis, die Wiederherstellung der verloren¬
gegangenen Hand- und Fingerstreckung, wird am 28. V. 1919 von dem neuro¬
logischen Begutachter (Herrn Prof. C a s s i r e r) als grosser Erfolg der be¬
nutzten Methode bezeichnet.
Der Vollständigkeit halber ist folgendes hinzuzufügen: Aktive Supination
und Daumenabduktion fehlten noch. Beide wurden durch Ueberpflanzung
des Flexor carpi ulnaris auf den Abductor pollicis longus und Extensor
pollicis brevis, um den Rand der Elle herum (am 6. VI. 1919), gewonnen.
(Aus dem ersteren Anlass wurde in meiner zitierten Arbeit die periostale Ver¬
pflanzung desselben Muskels vorgeschlagen.)
Der Gang war gut bis zum Januar desselben Jahres, wo der Kranke
eine Lungenentzündung durchmachte. Seitdem drehte sich der linke Fuss
wieder einwärts. Es ist möglich, dass der alte Hirnherd durch die Infektion
von neuem geschädigt worden ist. Am 10. V. 1919 wurde wegen des Spitz-
fussrezidivs die plastische Tenotomie der Achillessehne ausgeführt.
Wir kommen nunmehr zu der akuten Enzephalitis. Sie wird
meist als eine selbständige Infektion aufgefasst und in der Aetiologie
der kindlichen Hemiplegie mit Vorliebe in den Vordergrund gestellt;
nach unseren Beobachtungen nicht ganz mit Recht. Beim genauen Ver¬
hör der Eltern ergibt sich, dass der fieberhafte Beginn des Leidens
nicht immer wörtlich zu verstehen ist. Abgesehen von der Embolie
oder Thrombose, z. B. im Verlauf eines Scharlachs, tritt die Lähmung
selten plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf. Kaum
beachtete oder den Eltern erst nachträglich einfallende Vorboten
weisen mit Bestimmtheit auf pränatale Vorgänge oder Geburtsein¬
flüsse zurück, die mitgespielt haben müssen. Die hinzutretende In¬
fektion (auch an die Nabeleiterung ist gedacht worden) ist dann das
auslösende Moment. Sie verschlimmert den Prozess, darf aber nicht
generell als die alleinige Ursache beurteilt werden. Diesen Sach¬
verhalt erhärten die von uns seinerzeit mitgeteilten Beobachtungen,
die in Tabellenform niedergeigt sind, und unsere im Laufe der Jahre
an einem grossen Material 7) ergänzten und sich wiederholenden Er¬
fahrungen. Im Einklang hiermit steht ein Sektionsbefund Neuraths
aus dem Jahre 1899: Ein 2Vs ähriger Knabe erkrankte im Anschluss
an Scharlach an rechtseitiger Hemiplegie und starb. Die Sektion er¬
gab alte Sklerosen in der motorischen Region der linken Hemisphäre,
deren Entstehung in die fötale Entwicklungszeit verlegt werden
musste.
S i e g m u n d nimmt an, dass die hinzukommende Infektion in
den verfetteten Bezirken des Gehirns die Markreifung hindere.
Beim Keuchhusten wäre denkbar, dass die Hustenstösse eine
Apoplexie verursachen. Sonst sind die Toxine der Infektion anzu¬
schuldigen, indem sie ebensowohl auslösend, wie nach der obigen,
sich auf die Lues beziehenden Darstellung, vorbereitend wirken.
Wie dem auch sei, ob die Enzephalitis mehr oder weniger den
Ausschlag gibt, ob sie selbständig oder im Gefolge anderer Infektionen
auftritt, allemal geht die Infektion des Gehirns vaskuläre Wege
(Miarie). Analoges gilt für die akute Poliomyelitis (Goldschei¬
der, K a d y i). Auch an die perivaskulären Infiltrate, die charakte¬
ristischen Befunde bei Encephalitis lethargica und Fleckfieberenze¬
phalitis, darf hier erinnert werden.
Somit steht vom klinischen Standpunkt aus der einheit¬
lichen Auffassung einer im allgemeinen vaskulä¬
ren Entstehung der kindlichen Hemiplegie nichts im
Wege.
Die durch direkte Hirnverletzungen entstandenen Lähmungen
bilden, wie gesagt, eine Sondergruppe.
Scheinbare Widersprüche ergaben sich erst, als diese sich un¬
willkürlich aufdrängende Auffassung mit den anatomischen Befunden
jener Zeit verglichen wurde, mit denen wir uns unweigerlich ausein¬
andersetzen mussten. Die damals lediglich bekannten Endzustände,
die Porenzephalien, Sklerosen, Zysten, der Hydrozephalus usw.,
reimten sich schlecht mit der vaskulären Entstehungsweise. Sie wur¬
den überhaupt sehr verschieden, vielfach als originelle Entwicklungs¬
störungen oder als Missbildungen beurteilt. Primäres und Sekundäres
wurden verwechselt. Die herrschende Verwirrung war gross. Im¬
merhin konnten Deutungen vereinzelter anatomischer Endbefunde,
stammend von Cotard, Marie, Freud, W. König, Strüm¬
pell, herangezogen werden, die obiger allgemeinen Erklärung durch¬
aus nicht hinderlich waren. Heute ist die Schwierigkeit gänzlich be-
7) Seitdem die Klinik Krüppelfürsorgestclle geworden ist. wird sie mit
Lähmungen, speziell schlaffen und spastischen Kinderlähmungen, über¬
schwemmt. Soweit sie behandelt sind, dokumentieren sie vielfach den hohen
Stand der neuzeitigen Lähmungstherapie. Daneben überrascht die Fülle bis
dahin unbehandelter Fälle, die in der Grossstadt in diesem Umfang doch
nicht zu erwarten war.
1052
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 32.
hoben. Ein Verständnis der Initialläsionen ist dank den wertvollen
Arbeiten der Pathologen herbeigeführt. Die Untersuchung
der Frühstadien hat die Berechtigung der klini¬
schen Auffassung ergeben.
Zum Schluss bleibe nicht unerwähnt, dass die als überaus wich¬
tig erkannte Bedeutung der Geburtsschädigung des Gehirns durch
die Betonung des konstitutionellen Momentes und anderer Einflüsse
nicht abgeschwächt werden sollte. Sie hervorzuheben, nötigten die
klinisch erkennbaren Zusammenhänge und die Beziehungen, die aus
der Fötalzeit in die extrauterine Lebensperiode hinüberreichen.
Gleichwohl behält B. Fischer8) wohl im allgemeinen recht, wenn
er die Sc h war tz sehe Hauptthese unterstreicht, dass aus der Be¬
schaffenheit der Hirnherde der Zeitpunkt der Geburt als der Zeit¬
punkt der Läsion gefolgert werden kann.
Lieber die Blutveränderungen bei Pockenkranken.
Von Prof. Dr. W. H. Hoff mann, Habana (Cuba)
Marine-Qeneraloberarzt a. D.
Trotzdem das Krankheitsbild der Pocken in schwereren Epi¬
demien sehr charakteristisch zu sein pflegt, ist bei leichteren Epidemien
die Feststellung namentlich der ersten Fälle nicht immer ganz einfach.
Solange wir den Erreger nicht kennen, wird daher immer das Be¬
dürfnis bleiben, die Untersuchungsverfahren zu vervollkommnen,
welche den Nachweis der Krankheit sicherstellen sollen^
Ich habe seit 3 Jahren in Habana eine Pockenepidemie beobachten
können. In der ersten Zeit machte ich besonders Gebrauch von dem
Verfahren der Hornhautimpfung des Kaninchens, das in der Tat sehr
einfach und zuverlässig arbeitet. Auch in den mildesten Fällen er¬
zielte ich immer die spezifische Epithelwucherungen, in denen die
G u a r n i e r i sehen Körperchen leicht nachgewiesen werden konnten.
Sehr bald fing ich ausserdem an, die Blutveränderungen im Ver¬
lauf der Krankheit zu beobachten, indem ich an den Kranken 40 Tage
lang regelmässige Blutuntersuchungen vornahm. Ich verfüge jetzt,
nachdem die Epidemie hier erloschen ist, über 300 Beobachtungen,
die ich benutzt habe, um daraus die Durchschnittswerte zu ermitteln,
welche ein sehr eigentümliches Bild ergeben, das für den Nachweis
der Krankheit mit grosser Zuverlässigkeit herangezogen werden
kann; ebenso um Pocken auszuschliessen. Dieses Untersuchungs¬
verfahren hat den besonderen Vorzug grosser Einfachheit und kann
darum überall ohne weiteres ausgeführt werden.
Wenn im einzelnen Fall die Zahlen hier und da etwas niedriger
oder höher ausfallen mögen als im Durchschnitt, so haben doch meine
sämtlichen Fälle ohne Ausnahme grundsätzliche Uebereinstimmung
mit den hier mitgeteilten Durchschnittswerten gezeigt, so dass ich
mich für berechtigt halte, die von mir ermittelten Werte als eigen¬
tümlich für Pocken anzusprechen, wenigstens für die von mir be¬
obachtete Form.
Meine Ergebnisse sind die folgenden:
Die Gesamtzahl der Leukozyten ist in den ersten 3 Tagen sub¬
normal (4—6000). Sie steigt dann vom 4. Tage ab schnell sehr steil
in die Höhe und zeigt in der Zeit zwischen dem 9. — 14. Tage Werte
von durchschnittlich 17 000, in einzelnen Fällen 30 — 40 000. In der
3. Woche besteht weiter eine Leukozytose von durchschnittlich
10—12 und gelegentlich bis zu 24000 Zellen. In den nächsten
3 Wochen sinkt die Zahl der Leukozyten allmählich stufenweise ab,
bleibt aber immer noch deutlich erhöht (9 — 12000). Am Ende der
6. Woche ist die Zahl noch nicht normal, aber ich konnte meine Be¬
obachtungen nicht weiter fortsetzen.
Die Differentialzählung zeigt erhebliche Abweichungen von der
Norm.
Die Zahl der vielkernigen Zellen ist vermindert. Gegenüber
einem Durchschnitt von 65 Proz. beim Gesunden sehen wir bei
Pocken in der ersten Woche nur 30 — 20 Proz. durchschnittlich, in
einzelnen Fällen nur 12 Proz. Von da ab halten sich die Werte um
40 Proz. bis zum Ende der 6. Woche.
Die Juvenilen, unter gewöhnlichen Umständen 1 — 3 Proz., sind
in der ersten Woche auf 15—33 Proz. vermehrt; auch in der späteren
Zeit ist immer noch eine leichte Vermehrung auf 3 — 10 Proz. nach¬
weisbar. In der ersten Woche ist auch die Zahl der Stabkernigen
erhöht.
Eine ungewöhnlich starke Vermehrung ist bei den Eosinophilen
festzustellen; in den ersten 3 Wochen auf 3 — 10 Proz. im Durch¬
schnitt, vom 18. Tage ab sogar im Durchschnitt auf 15 — 20 Proz. und
in einzelnen Fällen bis zu 30 Proz.
Entsprechend der Abnahme der Vielkernigen findet sich eine
ausgesprochene Vermehrung der Lymphozyten. Mit Ausnahme der
ersten Woche liegen sämtliche beobachteten Werte über der Norm
von 24 Proz., und die ganze Kurve der Durchschnittszahlen weist
eine relative Lymphozytose auf, in der ersten Woche mit 45 Proz.
und in der dritten mit 65 Proz.; auch später sind immer noch 40 bis
50 Proz. vorhanden. Während der ganzen Beobachtungszeit sind
Lymphozytenwerte von 60 — 75 Proz. nichts seltenes. Auch die
grossen Mononukleären sind vermehrt, besonders in den ersten beiden
8) B. Fischer: Ueber die Geburtsschädigungen des Gehirns. M.m.W.
1923 Nr. 9.
Wochen, durchschnittlich auf 4—8 Proz. und nicht selten bis auf
20 Proz.
Ein besonders charakteristisches Zeichenist das Auftreten von
pathologischen Zellformen im Blut, nämlich der Myelozyten, die
kaum jemals vermisst werden. In den ersten 3 Wochen in Menge
von 1—3 Proz., oft 4—5 und selbst 10—12 Proz.; später etwas
weniger zahlreich.
Die Auszählung der Kernfragmente in den vielkernigen Zellen
nach dem Verfahren von Arneth ergibt in der ersten Woche eine :
starke Linksverschiebung; der Index ist bis auf 90 erhöht anstatt I
der normalen Zahl von 62. Später nähern sich die Kernverhältnisse i
mehr der Norm.
Die Veränderungen sind sehr ausgesprochen und für Pocken in ,
hohem Maasse eigentümlich. Ich kenne nur eine Krankheit mit ähn- |
lichem Blutbild, nämlich Varizellen, die ich auch in einer grossen
Zahl von Fällen während 20 Krankheitstagen planmässig untersucht ;
habe. Bei Varizellen ergibt die Differentialzählung sehr ähnliche
Verhältnisse wie bei Pocken; es besteht aber ein grundsätzlicher |
Unterschied in dem Fehlen von Leukozytose. Die Gesamtzahl der !
weissen Zellen ist bei Varizellen in der Regel sogar niedriger als j
normal; nur in einzelnen Fällen erhöht sich die Zahl zwischen dem ;
8. und 10. Krankheitstage ganz leicht und gibt Anlass zu Durch- t
schnittswerten von 10 — 12000 während dieser Zeit. Gerade für die I
Abgrenzung der beiden Krankheiten gegen einander ist die Zählung j
der weissen Blutkörperchen von grosser Bedeutung.
In der Zahl der roten Blutkörperchen und im Hämoglobingehalt ;
des Blutes habe ich auffällige Veränderungen bei den Pockenkranken j
nicht nachweisen können, wenn auch eine geringe Herabsetzung der
Werte um 10—20 Proz. nicht selten ist. Nennenswerte degenerative
Veränderungen der Form der roten Zellen habe ich auch nicht beob¬
achtet. Für Varizellen gilt das gleiche.
Da jetzt häufiger hier und da Pocken auftreten, wo man sie früher
gar nicht kannte, glaube ich, dass meine Beobachtungen sich bei
der Feststellung erster Fälle mit Nutzen verwenden lassen werden.
Ich habe mit diesem Verfahren gelegentlich Fälle am ersten und
zweiten Krankheitstage festgestellt, bei denen jeder andere Anhalt
fehlte und das Krankheitsbild selbst auf Grund der anderen Zeichen
erst mehrere Tage später deutlich wurde. Die Blutuntersuchung
sollte daher in jedem irgendwie verdächtigen Falle unverzüglich vor¬
genommen werden.
Zusammenfassung:
Bei Pocken treten im Blut regelmässig Veränderungen auf, die j
für die Krankheit eigentümlich sind, insbesondere starke Vermehrung <
der Leukozyten vom vierten Krankheitstage ab, starke relative I
Lymphozytose, hohe Eosinophilie, anfänglich hoher Arnethindex, und
Gegenwart von Myelozyten.
Ein ähnliches Blutbild findet sich nur bei Varizellen, bei denen *
aber die Gesamtzahl der Leukozyten im allgemeinen eher vermindert j|
ist, bis auf gelegentliche leichte Steigerung um den 8. bis 10. Krank- |
heitstag.
Die Blutuntersuchung kann in verdächtigen Fällen für den Nach¬
weis der Krankheit ausschlaggebende Bedeutung gewinnen.
Aus der Medizinischen Universitäts- Poliklinik Leipzig.
(Direktor: Prof. Dr. Rolly.)
Die Bedeutung der abdominellen Luftansammlungen für
die röntgenologische Darstellung von Leber- und Gallen¬
blasenerkrankungen.
Von Dr. Robert Nussbaum.
Richtige röntgenologische Beurteilung von Erkrankungen der
Leibeshöhle beruht wie auch sonst auf genauer Kenntnis der physio¬
logischen Vorgänge und des pathologisch-anatomischen Verhaltens
der Organe. Natürlich müssen auch die topographischen Verhältnisse
klar sein. Trotzdem ist eine genaue Differenzierung erst durch gute i
Kontraste möglich, die uns aus dem gleichmässigen Schattenbereich
diagnostisch wertvolle Bilder plastisch herausarbeiten. Unter physio-j
logischen Verhältnissen bietet ja die Betrachtung des Bauchphoto- !
gramms einen bestimmten Wechsel von Licht und Schatten, mehri!
oder weniger vollkommene Aufhellungen, d.h. lufthaltige Teile, neben.!
schlcierartigem bis kompaktem Schatten. So zeichnen sich die grösse¬
ren Organe, wie die Leber und Milz, in groben Linien heraus, auch
die Magenformen im Kardia- und Fundusteil stellen sich dar, das !|
weitere Schattenbild aber bleibt unklar und ohne Kontraste feineren
Erwägungen und Folgerungen verschlossen. Wir verwenden daher
zur Erzielung einer Kontrastwirkung einen Brei aus Schwermetallen,
z. B. von Baryum oder Wismut. Dadurch taucht das Magen-Darmrohr
aus dem Leibesschatten heraus und stellt die Magen- Darmsilhouette
plastisch dar, während auch die übrigen Organe mehr oder weniger
differenziert werden können, und zwar nur an den Stellen, wo nor¬
malerweise sich Luft befindet, z. B. in der Flexura hepatica, lienalis,
selbst im Ramus descendens duodenalis. Auch die Magenblase, die
zuweilen einen enormen Lufttrichter darstellt, verstärkt die Kontrast¬
wirkung im höchsten Grade. Natürlich können pathologische Vor¬
gänge die Luftmengen vermehren, sei es, dass abnorme Gärungen
aufreten und die Darmschlingen meteoristisch aufblähen, oder dass
0. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIET.
1053
erschlösse sich einstellen und dadurch abnorme Gärungen zustande
ommen, oder schliesslich dass durch Perforationen freies Gas in die
auchhöhle Übertritt. Derartige spontane Luftansammlungen können
ertvolle diagnostische Aufschlüsse geben, in manchen Fällen besser
s die metallischen Kontrastmittel. Man hat darum von jeher ver-
icht, die Luftkontraste in richtiger Form auszunutzen und auch
instlich die Gasansammlungen zu vermehren. So Hess man im
lagen durch Gaben von Weinsteinsäure und Natron eine genügende
enge von Kohlensäure sich entwickeln (Löffle r), musste natürlich
ne Ueberdosierung scheuen, zumal bei Ulcera des Magens und
hweren Verwachsungen, da sonst leicht durch bedrohliche Hem-
ung Perforationen und Zerreissungen eintreten können. Auch Luft-
lfuhr mittels Gebläse kommt noch in Frage; hier bestehen natürlich
e gleichen Kautelen, nur haben wir die Dosierung mehr in Gefühl
id Kontrolle. Einen Fortschritt auf dem Gebiete der Luftkontraste
^deutete es nun, als Rautenberg und G o e t z e Gas in die Pcri-
.nealhöhle unter aseptischen Kautelen einleiteten, womit sie gleich-
im neben das Positiv der Baryumwismutkontraste das Negativ der
uftkontraste stellten. Ueber die Technik soll weiter unten kurz ge¬
rochen werden. Die Methode ist jetzt so vervollkommnet, dass sie
e diagnostische Forschung sehr befruchtet hat. Es soll im folgenden
in untersucht werden, welche Bedeutung diese Methode und die
irigen abdominellen Gasansammlungen insbesondere für die Er-
mnung von Lebererkrankungen und krankhaften Veränderungen der
alienblase in ihren Beziehungen zur Nachbarschaft haben.
Die topographisch-anatomischen Verhältnisse der Leber gestatten
is in normalen Fällen eine relativ gute Abgrenzung gegenüber der
mgebung durch die respiratorische Verschieblichkeit, da die sagittal
■stellte Bauchfellduplikatur, das Ligamentum coronarium, am
.vechfell haftet, ebenso mit dem Ligamentum falciforme und trian-
ilare dextrum teilweise fixiert ist. Auch das Ligamentum hepato-
lrcnicum hält die Leber zum Teil an der Rückwand des Bauches
st; ferner ist sie durch die akzessorischen Bänder der mesenterialen
latte festgehalten. Dadurch, dass sie sich nun mit der Kuppel der
verchfellunterfläche fest anschmiegt, folgt sie den Bewegungen des
.verchfelles. Dje Leber tritt nun in innige Beziehungen zu den Nach-
irorganen, so zur Kardia und zum Pylorus des Magens, durch das
gamentum hepatogastricum mit diesem verbunden. Die Leber
lerlagert mit dem linken Anteil die Kardia und die kleine Kurvatur
ir mit dem Lobus quadratus die Pylorusgegend. Natürlich müssen
:i derartig innigem Konnex entzündlich-adhäsive Prozesse sehr
echselnde und dennoch charakteristische Bilder geben, so bei
hwartigen Infiltrationen, Tumoren oder Exsudaten. Allerdings ge-
ähren hier nur feinste Kontrastbilder Aufschlüsse, besonders dann,
enn die Palpation nur über Konsistenz, Resistenz, Sitz und Beweg-
üikeit aussagt, über Einzelheiten aber im Stich lässt. Wie sind
u n die physiologischen und pathologischen Ver-
iltnisse beim Pneumoperitoneum in der Leberregion?
Beim Pneumoperitoneum hebt sich in normalen Fällen das
.verchfell in einer nach oben konvexen Bogenlinie von der Leber-
lerfläche ab, wodurch ohne weiteres eine Betrachtung der Leber-
lppel, in geeigneten Fällen durch die Kontrastwirkung auch des
iberparenchyms möglich ist, indem Aufhellungen und Verdichtungen
stimmte Schlüsse zulassen. Normalerweise erkennt man neben
■m Zwerchfellansatz das Ligamentum teres mit dem medianen Fett-
ppen, der frei pendelt. Die Gallenblase, die als rundliche, knopf-
tige Vorstülpung des Leberschattens imponiert, aber nur selten zu
fferenzieren ist, kann zuweilen schon dutgh das gasgefüllte Quer-
ilon zur Darstellung kommen. Letzteres pflegt sich allerdings nur in
lsnahtnefällen zwischen Leber und Zwerchfell zu drängen. Zu er-
nnen ist diese Anomalie durch den Hochstand des Zwerchfelles
;w. durch die Abwärtsdrängung der Leber, während in dem luft-
itüliten Raume die Haustrierung des Darmes auffällt. Aelmliche
ilder entstehen durch die subphrenischen Gasansammlungen infolge
rforierter Abszesse der Leber oder von Magen-Darmgeschwüren
Veiland und Popper) und dadurch entstehenden subphreni-
hen Abszess oder Pyopneumothorax mit Eiter und Gasbildung,
ierbei wird die Leber nicht selten bis zur Nabellinie nach unten und
ich seitlich abgedrängt, andererseits ein Hochstand des Zwerchfelles
■wirkt und seine respiratorische Beweglichkeit eingeschränkt oder
ügehoben (W e i n b e r g e r). Eine helle Luftschicht unter dem
•verchfellbogen und darin ein beweglicher Flüssigkeitsspiegel sichern
e Diagnose. Solche Bilder können Bedeutung gewinnen für lokali-
crte eitrige Peritonitiden und entzündlich fibröse Verklebungen mit
■n Nachbarorganen, z. B. zu beiden Seiten des Ligamentum suspen-
irium hepatis zwischen Leber und Zwerchfell, eventuell auch durch
troperitoneale Gasansammlung. Es fällt auf, dass bei all der
teransammlung und Gasbildung, die oft nur spärlich sein kann
lichaud), bei Beteiligung der Peritonealtaschen die Leber zwar
utlich hervortritt, aber kleiner erscheint, was wohl auf einer Vcr-
mtung der Leber beruht. Am Zwerchfell selbst werden wir weniger
kennen können, da es als ausgespannte, zarte Sehnenmuskelplatte
ner näheren Betrachtung kaum zugänglich ist. Wohl aber klärt es
seiner Beziehung zur Leber über manche Erkrankung frühzeitig
if. Wenn nun auch das Zwerchfell die Formen der Leber wicder-
bt, so müssen wir doch berücksichtigen, dass es Formveränderungen
ifzuweisen vermag, die krankhafte Zustände der inneren Organe
irtäuschen können. Insbesondere müssen wir die Zwerchfellneurosen
isschalten, bei denen der sensorische Anteil des Nervus phrenicus.
der das Zwerchfell versorgt, oft durch organische Erkrankungen der
Brust- und Bauchorgane geschädigt ist. Auch kann schon rein örtlich
auch mechanische Beeinflussung in der Brust- und Bauchhöhle Lage
und Beweglichkeit des Zwerchfelles stören. Nach Rieder soll so¬
gar der Luft- und Gasgehalt des Magen-Darmrohrs eine zwerchfell¬
regulatorische Bedeutung besitzen. Natürlich kommt in solchen Fäl¬
len, wo eben krankhaft erscheinende Empfindungsstörungen und Form¬
veränderungen am Zwerchfell sich einstellen, der Trennung des
Zwerchfelles von der Leber durch Luftkontrast irgendwelcher Art
eine entscheidende Bedeutung zu. In diesem Fall könnte z. B. ein hef¬
tiger Schulterschmerz bereits die Annahme eines mechanisch wirken¬
den Reizes oder auch entzündlicher Veränderungen rechtfertigen
(0 e h 1 e c k e r), vielleicht infolge Reizung des Nervus phrenicus im
Gebiet der Verzweigungsäste des Ligamentum Suspensorium hepatis
und der Nerven unter der Serosa der Leberkonvexität (Quincke)
durch Mitreizung der Anastomosen mit dem Plexus cervicalis in der
4. Zervikalwurzel. Erhöhter Schmerz lässt eine Kapselspannung ver¬
muten, z. B. bei der Stauungshyperämie, so dass die von aussen ein¬
wirkende Luft durch ihren Druck den Schmerz erhöhen muss. Natür¬
lich beruht der Schmerz auf Dehnung von Verwachsungen, welche
durch entzündliche lokale flächenhafte Prozesse -am Zwerchfell zu¬
stande kommen, wobei auch die Nachbarorgane, wie Pleura und
Leber, ergriffen werden. Solche Verklebungen sind leicht feststellbar,
da die eingelassene Luft die Leber nicht vom Zwerchfell abdrängen
kann oder nur unvollständig, so dass kleine Schattenbrücken erhalten
sind, die wir als Verwachsungsstränge zwischen viszeralem und
parietalem Blatt zu deuten haben, wie wir es gerade bei der Bauch¬
felltuberkulose der Kinder oft feststellen können (G e 1 p k e und
Rupprecht).
Klare Bilder erhalten wir über Grösse, Form, Lage der Leber und
Gallenblase. In Rückenlage des Kranken kommen Oberfläche und
obere Kuppe der Leber zum Vorschein. Durch Drehen des Kranken
auf die linke Seite betrachten wir den glatten und scharfen unteren
Leberrand und den rechten Leberlappen. Der kleinere linke Leber¬
lappen wird in rechter Seitenlage sichtbar und verschwindet im
Stehen, während der rechte Leberlappen heraustritt und frei am Cen¬
trum tendineum in die Bauchhöhle hineinhängt. Die untere Fläche ist
auch hier nicht zu sehen, da die Leber mit ihrer Schwere in den Darm¬
schatten eintaucht. Am besten betrachtet man zu diesem Zwecke auf
dem Trochoskop in Bauchlage, wobei die Leber schön und plastisch
in ihrer Grösse und Form demonstriert wird, indem sie ganz von Luft
umspült wird und nach unten zu gegen die Nieren gut kontrastiert. In
Seitenlage können wir Veränderungen an der Leberoberfläche wie
höckerige Gummata (A s s m a n n) erkennen oder grosse Karzinom¬
knoten (R a u t e n b e r g), auch andere, luische Veränderungen, wie
starre und stumpfwinklige Abknickungen der Leber, während normal
der Rand scharf und glatt ist. Bei der Polyserositis fibrosa kommen
selbst feine Unebenheiten der Leberoberfläche zum Vorschein, be¬
sonders bei der zirrhotisch-hypertrophischen Form (Zuckergussleber,
Pseudoleberzirrhose). Rautenberg beschreibt auch feinere Unter¬
schiede in der Leberstruktur v- normale Leberdellen, gröbere Ver¬
änderungen, wie Schrumpfleber, Schnlirleber, Schnürfurchen. Andere
stellen herdförmige Defekte bei akuter gelber Leberatrophie fest. In
einem anderen Fall fiel innerhalb des Leberschattens eine Gasblase
mit darin befindlichem horizontalen Niveau, nicht weit von der
Zwerchfelloberfläche entfernt, auf — ein intrahepatischer Abszess, der
durch Operation bestätigt wurde. Die Abszesse sind durch Aufhel¬
lungen und Aussparungen in dem kompakten homogenen Leberschat¬
ten unschwer zu erkennen, zumal wenn sie eine Luftblase als Aus¬
druck bestehender Gärungsprozesse beherbergen. Liegen die Abszes¬
se der Oberfläche nahe, so kommt es nicht selten zu zirkumskripten,
fibrinösen Entzündungen der Leberserosa, welche auch auf das Peri¬
toneum parietale übergreifen können und so die Diagnose erschwe¬
rende Verklebungen im Gefolge haben. Aehnliche Bilder haben wir
bei Zystenleber und Echinokokkus. Assmann fand einen ver¬
kalkten Echinokokkus als Nebenbefund bei einem Pyloruskarzinmn.
Nach Part sch ist die Leberkontur an dem Sitz der Zvste aufge¬
rauht, aufgetrieben und bucklig verändert. Die Aufrauhung war durch
die strahlige Zystenmembran bedingt, in einem anderen Fall durch ein
stark ausgebildetes, subseröses, prall gefülltes Venennetz in der Nach¬
barschaft der Zyste. Natürlich ist die Diagnose nur dann sicher, wenn
der Parasit sich an der Oberfläche entwickelt hat oder den unteren
Rand in mächtiger Vorwölbung überragt.
Ueberhaupt ist die Grösse der Leber neben Lage und Form sehr
wichtig. Eine kleine Leb.er finden wir bei den atrophischen Formen
der Zirrhose, müssen uns aber vor Täuschungen hüten, da durch die
Lufteinblasung die Leber gekantet wird und so kleiner erscheinen
kann. Bei interstitieller Hepatitis kann nach Rautenberg infolge
starrer Leber eine Kantenstellung ebenso eintreten. Sind aber die
Gallenwege dauernd gestaut und kommt es zur Stauungsinduration,
so können wir eine gewaltig grosse, kugligrunde Leber vorfinden.
Natürlich können wichtige differentialdiagnostische Aufschlüsse ge¬
geben werden auch gegenüber gewissen Tumoren des Leibes, wie
Ovarialtumoren oder Nierentumor. So gelang es uns, in einem Fall
einwandfrei eine Schntirleber mit einem pendelnden Hepar lobatus
festzustellen, wo von anderer Seite ein Nierentumor angenommen und
Operation dringend empfohlen wurde.
Bei Erkrankungen der Gallenwegc, speziell bei Cholelithiasis und
ihren Folgen, bringt uns das Pneumoperitoneum — wie überhaupt
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3
1054
der Luftkontrast — diagnostisch in vielen Fällen einen guten Schritt
vorwärts. Schütze sieht zwar in dieser Methode nach seiner Er¬
fahrung keine Bereicherung der diagnostischen Hilfsmittel, da die
Luft nach seiner Ansicht den letzten Kontrast der Gallensteine fort¬
nimmt. Nur bei stark gefüllter Gallenblase empfiehlt er die Methode
und rät, auch den Dickdarm mit Luft vom Darm aus zu füllen. Bei
normaler Gallenblase oder nur leicht vergrössertcr gibt das Pneumo¬
peritoneum kein sicheres Bild. Allerdings wird eine mobile Gallen¬
blase, die z. B. am Ductus cysticus pendelt, gut zur Darstellung kom¬
men. Sind Verwachsungen eingetreten, so sind sie an den Einbezie¬
hungen der Nachbarorgane in die schwieligen Bildungen indirekt zu
erkennen. Je nachdem, ob pendelnde oder fixierte Gallenblase, müssen
wir unsere diagnostischen Schlüsse ziehen. Neben der Lage inter¬
essiert die Form und Grösse. Bei Gallenstauung oder -steinen über¬
ragt die Gallenblase den Leberrand, ist beim Atmen in Rückenlage
als rundlicher Puffer gut abzugrenzen. In haiblinker Seitenlage über¬
ragt er gut die untere Leberkante. Bei stärkerer hydropischer An¬
spannung ist auch grössere Schattendichte vorhanden. Natürlich ist
auch auf Unebenheiten der Oberfläche zu achten, wie sie gerade bei
Steinen und Krebs charakteristisch sind. Die Gallensteine selbst sind
nicht leicht darstellbar. Je kalkreicher, um so kontrastreicher; Chole¬
sterinkalksteine heben sich am besten ab. Reine Cholesterinsteine
sind für Röntgenstrahlen gut durchlässig, also auf der Platte unsicht¬
bar. Besteht bei Gemischsteinen die Rinde aus Kalk, d. h. Bilirubin¬
kalk, so dass die Form eines Kranzes oder Ringes entsteht, so zeich¬
net ein solcher kalkhaltiger Stein meist gute Schatten auf die Platte.
Wenn zum Schluss ein Wort über die Technik gesagt werden soll,
so hat sich uns das Verfahren nach Goetze bewährt. Nach gründ¬
licher Entleerung des Darmes Beckenhochlagerung und Einstich in
halbrechter Seitenlage oberhalb der Spina anterior superor links
analog etwa dem MacBu rn ey sehen Punkt unter den üblichen Kau-
telen mit „Denccke-Nadel“; 1500 — 2000 ccm Sauerstoff oder Stick¬
stoff aus dem Pneumothoraxapparat unter Manometerkontrolle. Man
kann auch Kohlensäure verwenden, die schneller resorbiert wird.
Denn die anderen Gase können noch tagelang im Peritonealraum Zu¬
rückbleiben und besonders beim Aufrichten Beschwerden machen, da
die schlaffen grossen Organe am Zwerchfell einen Zug ausüben und
rein mechanisch die Phrenikusendigungen zeigen können. Am besten
ist natürlich, nach der Pünktion das Gas wieder abzulassen.
Das Pneumoperitoneum ist eine wertvolle Bereicherung unserer
diagnostischen Hilfsmittel bei Leber- und Gallenleiden und in der
richtigen Hand ungefährlich. Natürlich besteht eine Kontraindikation
bei fieberhaften peritonitischen Prozessen. Sonstige Gefahren be¬
stehen nicht, so etwa Gasembolien, Lösung bestehender Verwach¬
sungen, Darmverletzung, Gefässbeschädigung mit Blutung, grösseres
Hautemphysem. Der Erfolg hängt wie immer von der Sicherheit und
der Erfahrung des Operateurs ab.
Verbesserung der Magenröntgendiagnose durch Luft¬
aufblähung des Dickdarms (Pneumokolon).
Von Dr. Walter Förster, Oberarzt d. Städtischen Kranken¬
hauses Suhl
Wer viel mit Röntgendiagnostik des Magens zu tun hat, wird
gleich mir oft bei dicken oder schlecht vorbereiteten Kranken über
die Undeutlichkeit der Bilder zu klagen gehabt haben. Ich konnte
dann durch Luftaufblähen des Dickdarmes meist die Magengrenzen
so überraschend gut zur Sicht bringen, dass ich dies Verfahren nur
allgemein empfehlen kann. Beim Durchsuchen nach geeigneter Lite¬
ratur stellte ich dann fest, dass Meyer-Betz1) diese Methode
des „Pneumokolon“ schon für Sichtbarmachen der Leber 1914 warm
empfahl. Um dies gleich nebenbei zu erwähnen, werden tatsächlich
Leber und Milz oft überraschend deutlich und greifbar plastisch dem
Auge dargestellt.
Ich pflege gewöhnlich so vorzugehen:
Der Kranke bekommt seinen Baryumsulfatbrei, wird vor den Schirm
gestellt und beobachtet. Eine schnell durchgepauste Skizze hält das Bild
fest. Nun legt sich der Kranke auf die linke Seite, durch ein Darmrohr wird
langsam solange mit einem kleinen Gebläse Luft eingeblasen, bis 'der Kranke
eine leichte Spannung fühlt. Mit der linken Hand kontrolliere ich gewöhnlich
den Leib selbst. 15 — 20 mal genügt es meist, den Gummiball auszupressen.
Zu starke Füllung ist natürlich zu vermeiden, sonst klagen die Kranken
sehr; einmal erlebte ich dabei sogar bei einem besonders zarten jungen
Menschen leichte Schwächeanwandlung mit Gesichtsblässe und Schfveiss-
ausbruch. Ausserdem Verzieht zu starke Aufblähung den Magen, der unter
Umständen hoch hinauf unter die linke Zwerchfellkuppel steigen kann und
..wie im Schock“ seine Tätigkeit einstellt. Da wird es dem Beobachter so¬
fort klar, wie innig Dickdarmfüllung und Magenstand voneinander ab-
hängen, wie stark ein geblähter Magen und Dickdarm das Herz belästigen
können.
Nun stellt sich der Kranke schnell wieder vor den Schirm. Wunderbar
deutlich liegt nun der ganze Magen da, umkränzt von dem hellen, luft¬
geblähten Kolon. Offenbar drückt das gefüllte hochgestiegene Querkolon
den Magen sanft an die vordere Bauchwand und bringt ihn dadurch so schön
zur Geltung. Schon M e y e r - B e t z weist in jener Arbeit darauf hin.
dass ..die Grenze zwischen dem Luftraum und einem stärker absorbie-'oiden
Körper um so deutlicher und schärfer sein werden, je näher beide dem
■ ’hirm oder der Platte liegen — “. Das ist ja klar.
Eine nun sofort angelegte zweite Skizze zeigt im Vergleich zur erst(
dass durch das „Pneumokolon“ der Magen etwas aus seiner ursprünglich
Lage gebracht werden kann, bald mehr nach rechts oder links, bald n;i
oben oder unten. Man kann hier schon wichtige Schlüsse ziehen auf die La
des Querkolons zum Magen. Verwachsungen. Länge des Mesocolon transve
usw. Eine zu starke Blähung muss man, wie schon gesagt, va ,
meiden. Im grossen und ganzen kann man aber sagen, dass eine mässi
Blähung die Tätigkeit des Magens nicht beeinträchtigt, sondern nur d
gnostisch fördernd wirkt.
Besonders angenehm auffallend ist auch bei diesem Pneutn
Kolon ein oft prächtiges Sichtbarwerden des Duodenum. Es tritt .
ein an- und abschwellender feiner schwarzer bandartiger Streif]
zutage, so dass man seinen Lauf, etwaige Ausstülpungen und Vt
Ziehungen studieren kann und öfters besonders schon den Bulbus
Gesicht bekommt (vgl. Chaouls Arbeit aus der 1. Münch. Ch
Klinik, M.m.W. 1923, Nr. 9 und 10).
Ich glaube, in bescheideneren Verhältnissen, in denen man Platt
und seine Zeit schonen muss und nicht so erschöpfende Beobachtu
gen machen kann oder — will, bietet gerade zur Beobachtung d
Duodenum diese Methode des Pneumokolon eine entschiedene B
reicherung. Sie dürfte auch das umständliche und nicht ganz uns]
fährliche Pneumoperitoneum in geeigneten Fällen ersetzen, z. B. ;9
unterstützende Vorbereitung bei Nierenröntgenaufnahmen.
Freilich — eine gewisse Uebung und Uebersicht gehört zu all
Methoden. Wer eine Methode täglich übt, wird mit ihr weiterko:]
men als der, welcher sie nur hie und da anwendet. So ist es
schliesslich mit jeder Operationsart.
Zur Nachprüfung halte ich diese einfache Art des diagnostisch!
Hilfsmittels jedenfalls der Mühe wert, empfehle aber besonders dl
Aufblähen nicht im Stehen, sondern in linker Seitenlage, um das Coli
ascendeus mit zu füllen.
Zum Schluss möchte ich bemerken, dass der gut entleerte u
dann mit Luft geblähte Dickdarm derartig klar zur Schau tritt, da
man jede Einziehung, jede Knickung deutlich sieht. Ich glaube sich'
dass man Tumoren schon im frühesten Stadium so erkennen wir
vielleicht besser als nach der Fis eher sehen Methode. Denn d
zur Luftaufblähung noch eingelassene Kontrastbrei kann m. E. gera
einen kleinen Tumor leicht mit in seinen Schatten nehmen. Do
fehlen mir hierin noch grössere Erfahrung und eigene Beobachtung!
Zur Zoelioskopie und Gastroskopie*).
Von Prof. Dr. G. Kelling, Dresden.
Auf der Hamburger Naturforscherversanunlung 1901 dem'
strierte ich an einem lebenden Hund die Besichtigung der Baut
höhle nach Luftaufblähung mittels Zystoskopes (Verhandlungen t
Ges. Hamburg 1901, II. Bd„ 2. Teil, S. 119; und M.m.W. 1902 Nr. I
Jacobäus publizierte 1910 in Nr. 40 dieser Wochenschrift dl
gleiche Verfahren unter dem Namen Laparoskopie. Dann habl
in Deutschland noch darüber veröffentlicht Korb sch (M.m.W. 1(1
Nr. 26), und ganz neuerdings Unv er rieht (Klin. Wsclir. 1(
Nr. 11). Dass ich mich jetzt wieder mit der Methode beschäft
habe, hat in der Hauptsache ökonomische Gründe. Die ungenei
Teuerung in Deutschland zwingt dazu, jedem Kranken nach Möglit
keit Verpflegstage, Verbandmittel und insbesondere möglicherwe
vermeidbare Operationen, wie Probelaparotomie, zu ersparen. D
kann nun die Besichtungung der Bauchhöhle in einer bestimmten A
zahl von Fällen leisten. Es besteht z. B. ein Rektumkarzinom, u
man muss wissen, ob Metastasen in der Leber vorhanden siij
Oder die Leber ist hart und vergrössert: handelt es sich um K;l
zinoin, um Syphilis oder Zirrhose? Bei einem Magenkarzinom |
scheint die Leber verdächtig auf Metastasen: bestehen solche, <4
von einer Radikaloperation absehen lassen? Oder nach eiil
Punktion von Aszites will man wissen, ob Tuberkulose, KarzinJ
Zirrhose vorliegt. So z. B. fand ich bei einer 43jähr. Kranken Vi
wachsungen der Leber mit dem Pylorus und Tuberkelknötchen J
dem grossen Netz. In einem anderen Fall — 69 jähr. Mann — wai»
die Krebsknoten der Leber sehr deutlich zu sehen. Bei eint
53 jähr. Mann mit Magenkarzinom war die Leber normal zu selil
Man erkannte aber einen Tumor der grossen Kurvatur, der mit dl
Kolon verwachsen war, und welcher übrigens auch vorher mit dl
Röntgenverfahren nachzuweisen war. — Bei einer 63 jährigen Frlj
waren kirschgrosse Karzinomknoten der Leber mit Nabelbildu*
ohne weiteres zu erkennen. In einem Fall einer 53 jährigen Frl
konnte man Verwachsungen der verdickten Gallenblase mit dl
Ouerkolon sehen: die Operation ergab Gallensteine. Man kann a«
in bestimmten Fällen von einer kleinen Oeffnung aus und bei eil'
Verpflegsdauer von etwa 2 — 3 Tagen zum Ziele kommen. Unter llj
ständen kann man auch Adhäsion, z. B. des grossen Netzes mit cj
Bauchdecke, nachweisen. Hierbei muss man aber ganz besondu
vorsichtig Vorgehen.
Was die von mir angewendete Technik betrifft, so verbind
ich die Zoelioskopie mit einem kleinen Einschnitt in die Baucndecbl
unter Lokalanästhesie. Ist man sicher, dass der Magen nicht mit d>»f
Gastroskop gleichzeitig dabei untersucht zu werden braucht, ind*
man vorher Krankheiten desselben genügend festgestellt ori r ausy
schlossen hat, so bevorzuge ich die Linea alb?, oberhalb des Nab
*) Vortrag, angemeldet zum 47. Kongress der Deutsch, Ges. f. 0
') M.m.W. 1914 Nr. 15.
10. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1055
als den bequemsten Ort. Es wird bis aufs Peritoneum anatomisch
präpariert, dann ein kleiner Einschnitt ins Bauchfell gemacht. Ich
kontrolliere dadurch erst, ob hier die Eingeweide verschieblich, also
nicht adhärent sind. Besteht hier eine Verwachsung, und man ge¬
langt mit dem Apparat in den Magendarmkanal, so ist das lebensge¬
fährlich und muss unbedingt vermieden werden. Beim blinden Ein¬
fuhren ist das aber immerhin möglich. Geht man aber so vor, dass
nichts geschieht, was nicht durch das Auge kontrolliert wird, so ist
das Verfahren ungefährlich und auch wenig belästigend für den
Kranken. Durch den Schlitz führe ich den vorn abgeschrägten und
abgestumpften Troikart ein. Man könnte auch ein Spülzystoskop
benützen und dadurch Luft einblasen. Da ich aber Wert darauf lege,
immer Luft beliebig zuführen zu können und auch die ganze Luft
am Schluss der Untersuchung bequem wieder herauszulassen, be¬
nutze ich ein besonderes Einführungsinstrument. Man denke sieh
einen Troikart mit einem Stilett; die Röhre hat in der Achse einen
Hahn, durch dessen Bohrung das Stilett geschoben ist. Das untere
Ende der Röhre mit dem Stilett ist unter 45 ü abgeschnitten, und die
Ränder sind abgerundet. In die Hülse ist unterhalb des Hahnes eine
seitliche Röhre eingeschmolzen zur Luftzuführung, und an dieser Stelle
ist eine entsprechende Rille in das Stilett eingefeilt. Der untere Teil
der Hülse unterhält die Luftzuführung, ist etwas weiter als der obere;
in den oberen passt das Zystoskop gerade hinein, so dass man durch
die weiteren unteren Röhren bei der Besichtigung jederzeit Luft hin¬
ein- und herauslassen kann. Aufgeblasen wird die Bauchhöhle mittels
! eines Doppelgebläses, und die Luft wird vorher durch eine weite
Glasröhre mit steriler Watte hindurchgetrieben und so filtriert. Nach
1 Aufblasen der Bauchhöhle wird das Stilett entfernt und der Hahn
geschlossen. Dann wird das Zystoskop eingeführt und durch den
dazu wieder geöffneten Hahn hindurchgeschoben. Ich habe an mei¬
nem Zystoskop Rillen als Marken einfeilen lassen, damit ich mich
jederzeit orientieren kann, in welcher Tiefe sich das hineingescho¬
bene Ende des Zystokops befindet. Ich gleite an der Bauchwand mit
dem Zystoskop entlang, unter Kontrolle des Auges nach den Einge-
weiden hin und nach rechts und links, damit nicht etwa Adhäsionen
gezerrt oder zerrissen werden und nicht die Eingeweide berührt
werden. Die Lagerung des Kranken wird nach Bedarf gewechselt.
Am Ende stelle ich den Tisch so, dass der Einstich die höchste Stelle
I ausmacht, und lasse nach Entfernung des Zystoskops die Luft gänz¬
lich aus der Bauchhöhle heraus, zuletzt unter vorsichtiger Ex¬
spiration des Kranken. Dann folgt eine Katgutnaht für die Faszie und
etwa 3 für Haut plus Unterhautgewebe.
Nach Aufblasung der Bauchhöhle kann man auch einen zweiten
kleinen Troikart nach Art des Fiedler sehen einstechen, dessen
innere, unten abgestumpfte Röhre man vorschiebt. So kann man die
Eingeweide unter Kontrolle des Auges vorsichtig
betasten und sehen, ob die Wandung hart oder weich ist und
wo ein Uebergang vom Harten zum Weichen besteht. Nämlich harte
Wandung gibt beim Eindrücken keine Delle; bei weicher Wandung
aber wird die Umgebung der Druckstelle dellenartig mit eingedrückt.
Die Grösse der Delle richtet sich nach der Widerstandsfähigkeit der
darunterliegenden Schicht. Dass man einen kleinen Haken zur Ab¬
hebung der Leber einsetzen kann, habe ich schon in der M.m.W.
1910, Nr. 45, beschrieben. Eine dünne Röhre ist um 90° abgebogen
und am konvexen Teil des Winkels sind zwei Löcher eingefeilt, die
in die Achse sowohl des kurzen, wie des langen Schenkels gerade
hineinführen. Das Stilett wird erst in den kurzen Schenkel einge¬
führt und mit diesem in die Bauchhöhle eingebracht, dann das Stilett
entfernt und unter Nachschieben der kurzen Schenkel um 90 9 ge¬
dreht. Dann führt man durch den langen Schenkel einen zweiten,
unten abgerundeten Stab ein. Leichter ist es, einen zweiten kleinen
Einschnitt zu machen und einen Harnröhrenkatheter zu obigen
Zwecken einzuschieben.
Kontraindikationen sind Fettreichtum des Bauches und
ferner sehr straffe Bauchdecken, weil dann der Luftraum zu klein
wird, und schliesslich ausgebreitete Verwachsungen mit den Bauch¬
decken, so z. B. wenn Operationen oder Perforationen in den be¬
treffenden Teil der Bauchhöhle stattgefunden haben.
In zwei Fällen habe ich an die Zystoskopie direkt die Gastro¬
skopie angeschlossen, und ich komme jetzt zur Besprechung dieser
Methode.
Im Anschluss an das Gastroskop von Mikulicz habe ich vor
mehr als zwei Dezennien mich viel mit dem Problem beschäftigt und
auch meine Untersuchungen in der M.m.W. 1898, Nr. 49 und 50, und
1902, Nr. 1, veröffentlicht. Es lässt sich ein Apparat konstruieren, in
dem man den Pylorus- und den Antrumteil der kleinen Kurvatur, also
die Stellen, auf welche es in der Hauptsache ankommt, übersehen
kann. Solche Apparate sind aber sehr kompliziert und zurzeit in
Anschaffung und Reparatur für die meisten Aerzte unerschwinglich
teuer. Die Handhabung ist auch nicht so einfach und nicht so bequem
und so gänzlich ungefährlich für die Kranken, wie man es für eine
diagnostische Methode wünschen möchte. Mein Gastroskop ist ein
gegliederter, biegsam einführbarer, unten winkelig abgebogener Ap¬
parat, bei dem das Sehfeld mit der Glühlampe im Schnabel beliebig
rotierbar ist. Das S c h i n d 1 e r sehe ist ein gerades Zystoskop,
eigentlich das alte Rosenheimsche, sicher sehr viel einfacher,
billiger und deshalb praktischer und, wo man damit leicht und unge¬
fährlich zum Ziele kommen kann, auch berechtigt. Aber Schindler
sagt selbst, dass er in 20—25 Proz. der Fälle den Pylorus nicht sehen
Nr. 32
kann (Boas’ Archiv f. Verd.-Krankh., Bd. 30, S. 140). Er sagt ferner,
dass ein negativer Befund nicht beweisend ist und — was ein erheb¬
licher Mangel ist — „dass der Antrumteil der kleinen Kurvatur der
Besichtigung am ehesten entgeht“ (ebenda S. 141). Optisch
sehr gut ist das Gastroskop von Sternberg (Medizinische
Klinik 1923, Nr. 19). Der Hauptvorteil Sternbergs beruht
aber in der freien Knieellenbogenlage. Man stelle sich folgen¬
des Problem vor: Man habe einen aufgeblasenen Magen vor
sich und sei vor die Aufgabe gestellt, die kleine Kurvatur und den
Pylorus, als die wichtigsten Stellen, endoskopisch sichtbar zu
machen, so wird sich wohl niemand eine solche feste Achse für die
Einführung eines Zystoskops wählen, wie ihn der Oesophagus dar¬
stellt, sondern man wird sich ein Loch in die Nähe der grossen Kur¬
vatur einschneiden und hier ein Zystoskop einschieben. Dann hat
man freies Spiel und kann alles von den Kardia bis zum Pylorus ein¬
stellen. Man kommt damit zu dem Verfahren, wie es Rovsing
bei seinen Operationen zur Aufsuchung blutender Magenarterien an¬
gewendet hat (Verhandl. d. 37. Deutschen Chir.-Kongr. 1908, I. Bd.
S. 200 und II. Bd S 31) und wie es dann Lindstedt (Ref in d.
D.m.W. 1908, Nr. 7, S. 193) angewendet hat. Ich habe mich in letzter
Zeit diesem Verfahren in einigen geeigneten Fällen zugewendet. Es
ist sicher ungefährlicher und ergebnisreicher und wenig belästigend
für den Kranken, wenn es auch eine kleine Laparatomie im linken
Rektus unter Lokalanästhesie nötig macht. Ein Zipfel des Magens,
dessen Lage vorher durch Luftaufblähung mittels Schlundsonde be¬
stimmt worden ist, wird durch den Schnitt hervorgezogen. Ich mache
das Loch in der vorderen Wand in der Nähe der grossen Kurvatur
und benutze zur Besichtigung denselben Apparat, den ich für die
Bauchhöhle verwende, auch für den Magen. Besonders wichtig ist
aber, dass eine Beschmutzung der Bauchdecken und der Magenwand
mit dem Mageninhalt vermieden wird. Das geschieht dadurch, dass
ich das Operationsfeld mit Billrothbattist bedecke, in welchen ein
kleiner Schlitz eingeschnitten ist, und durch diesen ziehe ich den
Zipfel der Magenwand. Mit kleinen Hakenklemmen wird die Magen¬
wand an den Rand des Schlitzes befestigt. Das übrige ergibt sich
von selbst. Am Schluss wird die Luft herausgelassen, das Loch im
Magen vernäht, dann kommt etwas Jodtinktur darauf und eine zweite
seroseröse Naht darüber. Man kann nun entweder den Magen ver¬
senken und die Bauchhöhle schliessen, oder man kann auch eine
Magenoperation direkt anschliessen; ferner kann man eine Gastro¬
stomie nach Kader anschliessen. Letztere hatte ich noch keine
Gelegenheit bei Ulcus zu machen, da den Kranken bei Fistelernährung
zu hohe Verpflegkosten zurzeit entstehen. Man könnte aber bei Ulcus
so Ernährungsversuche durchführen und gleichzeitig chemische und
optische Kontrollen damit verbinden. Schliesslich Hesse sich auch
durch die Magenfistel ein Duodenalschlauch einführen und eine Duo¬
denalernährung einleitend Das Problem, die Wirkung der internen
Behandlung bei Ulcus ventriculi genauer zu verfolgen, ist meines
Wissens auf diese Weise noch nicht in Angriff genommen worden.
Es lässt sich annehmen, dass es Aussichten zur Verbesserung unserer
Behandlung bietet. Ich habe nur eine Untersuchung in dieser Weise
machen können, indem ich die Wirkung der Höllensteinlösung "bei
einem Menschen mit Magenfistel feststellen konnte. Eine solche Me¬
dikation hilft bekanntlich häufig beim Ulcus anämischer Mädchen,
trotzdem Höllenstein die Salzsäuresekretion des Magens deutlich
vermehrt. Mit dem Zystoskop Hess sich nun feststellen, dass Höllen¬
stein auch die Magenschleimhaut stark hyperämisch macht (Boas’
Archiv f. Verd.-Krankh., Nr. 25, S. 463). So wirkt unter Umständen
die Hyperämie mehr heilend, als die Vermehrung der Salzsäure¬
sekretion schadet. Man wendet unter Umständen auch die Jejuno-
stomie bei Ulcus ventriculi an. Ich plädierte schon einmal dafür
(Archiv f. klin. Chir., 117, S. 96), hier noch eine Gastrostomie dazu
anzulegen, um die pathologische Physiologie des Magens bei Ulcus,
über welche wir zu wenig wissen, studieren zu können, insbesondere
den Einfluss der Jejunalernährung auf die Magenfunktion.
In weiterer Ausbildung des Verfahrens der Zoelioskopie kann
man an der Tastsonde Elektroden anbringen, um durch die Reizung
der berührten Organe diagnostische Aufschlüsse zu erhalten.
Traumatische Epithelzyste im Knochenende an einem
Fingerstumpf als Unfallfolge.
Von Prof. Dr. Sonntag, Vorstand des Chirurgisch-poli¬
klinischen Institutes der Universität Leipzig.
Nachstehender Fall von traumatischer Epithelzyste
an einem Fingerstumpf dürfte aus den unten genannten
Gründen allgemeines Interesse beanspruchen.
Die Krankengeschichte ist kurz folgende:
Eine 44 jähr. Frau hatte vor 24 Jahren einen Unfall durch Maschinenver¬
letzung erlitten, wobei das Endglied des linken Ringfingers zerquetscht wurde
und abgenommen werden musste. Jetzt hat sich im Verlaufe einiger Wochen,
und zwar angeblich nach mehrmaligem Anstossen, Schmerz und Schwellung
am Fingerstumpfende entwickelt. Die Untersuchung ergab eine kolbige,
druckempfindliche Knochenverdickung an dem Mittelsgliedende und das Rönt¬
genbild eine Aufhellung der ganzen distalen Hälfte des anscheinend an seinem
Ende etwas schräg abgesetzten Mittelgliedknochens bis auf eine schmale Rand¬
zone. In der Annahme eines Knochensarkoms wurde der Fingerstumpf im
Qrundgelenk exartikuliert. Die histologische Untersuchung des Präparats im
4
1U56
Nr. 32.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
hiesigen pathologischen Institut der Universität ergab eine Epithelzyste,
welche sich im distalen Teil des Mittelgliedknochens unter Aufbruch des¬
selben bis auf eine schmale Randzone entwickelt hatte und in der Nähe des
erhalten gebliebenen Knochens Riesenzellen um Hornschüppchen aufwies.
Abb. t.
Zunächst war auf Grund des Röntgenbildes und eines histo¬
logischen Präparats ein Riesenzellensarkom des Knochenstumpfes
angenommen und in dem eingeforderten Unfallgutachten der Unfall¬
zusammenhang bejaht worden. Fingerknochensarkome sind nun aller¬
dings im ganzen nicht häufig. Immerhin
sahen wir im Laufe des vergangenen
Jahres ein solches des Daumenendgiie-
des und ein solches des 4. Mittelhand¬
knochens. An den recht häufigen Ampu¬
tationsstümpfen der Finger oder sonstiger
Glieder sind freilich solche Knochensar¬
kome anscheinend bisher überhaupt noch
nicht beobachtet worden. Wenn einmal
ein Sarkom an einem soiciien Stumpf sich
entwickeln würde, so läge die Annahme
nahe, dass es dadurch begünstigt v/iid,
dass das Stumpfende nicht druckgewohnt
und öfterem Anstossen ausgesetzt ist;
man müsste in diesem Fall den Unfall¬
zusammenhang zugeben, auch dann, wenn
die allgemein gültigen Regeln über den
direkten Zusammenhang zwischen Sar¬
kom und Trauma, insbesondere üie über
das Zeitintervall, nicht zutreffen würden.
Bei genauer histologischer Unter¬
suchung eines Fingerquerschnittpräpa¬
rats ergab sich nun aber die zweifels¬
freie Diagnose einer Epithel-
zyste. Offenbar handelt es sich dabei um eine trau¬
matische Epithelzyste durch Einpflanzung eines Epidermisteils in
die Tiefe gelegentlich der Verletzung oder Wundversorgung im Sinne
von Reverdin-Garre. Diese traumatischen Epithelzysten sind .ia
genügend bekannt, so dass ich eine Besprechung mir hier ersparen
kann; nur folgende Punkte erscheinen mir der besonderen Erwäh¬
nung wert:
Abb.|2. Skizze des histologische«
Präparats (Fingerquerschnitt).
1 = Epithelzyste. 2 = Granula¬
täonsgewebe mit Riesenzellen und
Hornschüppcben. 3 =: Knochen-
schale um die Epithelzyste.
1. Die Epithelzyste entstand im Anschluss an eine Unfallver¬
letzung mit anschliessender operativer Entfernung des Endgliedes
nebst einem kleinen Stückchen des Mittelgliedknochens, wobei offen¬
bar ein Epidermisteil in die Tiefe versenkt wurde, und zwar ent¬
weder durch die Verletzung selbst oder durch die Wundversorgung.
Solche Fälle sind in der Literatur nicht zu finden, dürften aber wohl
öfters Vorkommen. Aehnliche Fälle sind aber beschrieben im An¬
schluss an die Operation des eingewachsenen Nagels (Martin),
Schwielenexzision (B 1 u m b e r g) usw.
2. Klinisch in Erscheinung trat die Epithelzyste erst nach 24 Jah¬
ren. Dies ist ein bemerkenswert langer Zeitraum; immerhin sind
einige ähnliche Fälle beschrieben, so von Gross (24 Jahre),
Coenen (30 Jahre) usw.
3. Unser Fall betraf eine Frau. Das weibliche Geschlecht ist be¬
kanntlich seltener befallen als das männliche, dies aber doch wohl
nur deshalb, weil letzteres häufiger Traumen ausgesetzt ist.
4. Am Boden der Zyste in Nachbarschaft des erhaltenen Knochens
fand sich Granulationsgewebe mit Riesenzellen um Hornschüpp¬
chen. Dieser Befund ist öfters erhoben worden (Böhm, Hank e,
W ö r z, R o e 1 e n, Mentschinski u. a.) ; die Riesenzellen werden
dabei als Fremdkörperriesenzellen gedeutet.
5. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Knochen
und dessen Aufbrauch; in dieser Hinsicht scheint der vorliegende Fall
einzig dazustehen. Der genannte Umstand erklärt sich wohl dadurch,
dass der Epidermisteil in den Knochen versenkt wurde und der
Knochen später darüber zusammenwuchs; bei der weiteren Entwick¬
lung der Zyste kam es dann zu einem gewaltigen Druck, durch wel¬
chen der Knochen bis auf eine schmale Randzone aufgebraucht
wurde. In Analogie zu setzen ist unsere Zyste mit solchen, welche
sich nach dem Körperinnern entwickeln, z. B. zwischen Stirnbein
und Dura (H a n 1 1 e y), wobei ebenfalls eine gewaltige Ausdehnung
der Zyste und Verdrängung benachbarter Teile beobachtet wurde.
6. Schliesslich erscheint der Fall beachtenswert wegen des Un¬
fallzusammenhanges, welcher mit Rücksicht auf die unter 1 darge¬
stellte Entstehung im Anschluss an den Unfall und an der Unfall¬
stelle ohne weiteres zuzugeben ist, wenn auch der Zeitintervall zwi¬
schen Unfall und Erkrankung als ein auffallend grosser Erscheinen
mag.
Ueber das Aufkleben mikroskopischer Schnitte mittels
Wasserglas.
Von A. üottstein in Berlin.
ln Nr. 27 der M.m.W. vom 6. Juli empfiehlt F. Wind holz das
Wasserglas zum Aufkleben mikroskopischer Schnitte und betont im
vorletzten Absatz, dass Wasserglas in der Mikrotechnik bisher nicht
angewandt worden sei. Diese Angabe ist irrtümlich. In einer kleinen
Schrift: „Ueber Aufbewahrung mikroskopischer Objekte“, die Her¬
mann W e 1 c k e r als damaliger Sekretär des üiessener Vereins für
Mikroskopie 1856 bei R i c k e r in Giessen veröffentlichte, bespricht
W. ganz ausführlich die Aufhebung von Präparaten in Wasserglas,
erwähnt, dass er die Empfehlung Dr. P h ö b u s verdanke, dass die
Methode leichter als die der Aufbewahrung in Kanadabalsam sei und
berichtet über empfehlende Aeusserungen von Leuckart; über die
Dauererhaltung äussert er sich zurückhaltend.
Auch ich habe vor mehr als 30 Jahren versucht, gefärbte Schnitte in
Wasserglas aufzubewahren, habe aber für Bakterienfärbungen Nach¬
teile gesehen. Wasserglas ist so bekannt, dass es wahrscheinlich
sehr vielen zu Versuchen gedient hat. Was interessiert, ist die Mög¬
lichkeit, Schnitte, die nach modernem Verfahren gefärbt sind, in ge¬
färbtem Zustand gut zu erhalten; darüber berichtet leider Wind¬
holz nichts.
Im Wandel der Zeiten.
Von Dr. E. Bruglocher, Oberregierungsrat und Ober¬
medizinalrat a. D.
So möchte ich die Mitteilungen benennen, für welche ich mir bei
der Gedenkfeier des 50 jährigen Bestehens des ärztlichen Bezirks¬
vereins Ansbach die Aufmerksamkeit der Kollegen erbeten hatte. Als
am 3. April 1872 15 Aerzte sich zur Gründung dieses Vereins zu¬
sammengefunden hatten, war ein Jahrzehnt vergangen, seit ich selbst
unter den nur mehr schwach brandenden Wogen des Ausganges der
zweiten Wiener Schule zum erstenmal einen klinischen Hörsaal be¬
treten hatte. Der Würzburger Kliniker Heinrich Bamberger war
noch ein ausgesprochener Vertreter dieser Wiener Schule, Adolf
K u s s maul hat sich in seiner Erlanger Zeit noch ganz als Nachfolger
D i 1 1 r i c h s gefühlt, den man von Prag nach Erlangen geholt hatte.
Wien und Prag waren das Mekka, nach dem damals die deutschen
Aerzte pilgerten. Noch klingt mir in den Ohren das Lob des Pneu-
monikers auf der Klinik von J a k s c h dem Aelteren über den Wun¬
dertrank, der ihm von gestern Abend bis heute Morgen über die Krisis'
hinweggeholfen hatte. Und der Wundertrank war die auf manchem
Krankentische stehende Emulsion aus Olivenöl, Wasser und arabi¬
schem Gummi.
Exspektativ-symptomatische Behandlung war in diesen Zeiten
des therapeutischen Nihilismus die Ouintessenz aller therapeutischen
Weisheit; nichts von der Polypragmasie unserer Tage, noch nicht
hatte die pharmazeutische Grossindustrie fast Woche für Woche ein
neues synthetisches Heilmittel auf den Markt geworfen, Antipyrin war
einer der ersten Phantasienamen, bei dem der Chemiker sich nichts
denken konnte und und die Weisheit des Drogenkenners versagte, bei
dessen Taufe aber der therapeutische Wunsch zu Gevatter gestan¬
den ist.
Unser ganzes ärztliches Denken war pathologisch-anatomisch ein¬
gestellt; Rudolf Virchows Zellularpathologie galt als die Bibel des
angehenden Arztes. Die Hurnoralpathologie war ein abgedanktes
Ammenmärchen und doch stecken wir heute in der serologischen Aera
wieder tief bis zum Hals in humoralpathologischen Anschauungen.
Die ausschliesslich anatomische Orientierung war geeignet den
therapeutischen Nihilismus zu stützen. Was konnte Digitalis und Tar¬
tarus stibiatus nützen, solange der klinische Begriff der kruppösen ■
Pneumonie — rm bei diesem Beispiel zu bleiben — sich deckte mit
der Hepatisation des Lungengewebes? Kliniker und Anatom mussten
in Kongruenz bleiben. Nicht umsonst haben Ziemssen und
Zenker gemeinsam das Deutsche Archiv für klinische Medizin ge¬
gründet. Gleich dem traurigen wilhelminischen Zickzackkurs
schwankten unsere Anschauungen bezüglich der Tuberkulose — um
nur dies eine herauszugreifen — unstet hin und her. Es hat eine Zeit
gegeben, wo das miliare Tuberkelknötchen in den Hintergrund zu
treten schien: was wir am Leichentisch sahen, war eine chronisch
peribronchitische Entzündung mit dem Ausgang in Verkäsung; das •
Tuberkelknötchen hatte nur mehr sekundäre Bedeutung. Mann konnte
sagen, der Schwindsüchtige musste sich davor hüten, tuberkulös zu
werden. Heute gilt das Gegenteil. Chirurgische Tuberkulose war
unbekannt: Karies der Knochen und Fungus der Gelenke ersetzten
deren Stelle. Erst Robert Koch hat Wandel geschaffen.
Und wie traurig war die Behandlung! Ich freue mich noch heute,
dass ich mich auch durch den Druck des zeitunglesenden Publikums
nicht habe verleiten lassen, den Rummel der Krankenfütterung mit
Natrium benzoicum mitzumachen. Heute ist Natrium benzoicum ein
obsoletes Arzneimittel. Die Arsenbehandlung der Tuberkulose ging
wenigstens von einem gesunden, wenn auch zellularpathologisch be¬
einflussten Gedanken eines Kampfes zwischen Krankheit und Kör¬
per aus.
. AuRUSt 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1057
Kreosot fristet in seinen Abkömmlingen auch heute noch sein
sein und, wie ich glaube, nicht mit Unrecht. 13 e n e d i c k t in Wien
t einmal gesagt, wenn es bei der Eisenbahn verboten ist, im vollen
.teil in den Wagen zu spucken, dann bleibe nichts übrig, als in
n Mage n zu spucken. Und wie oft geschieht dies auch heute
ch unwillkürlich! Ich habe den Eindruck, dass Kreosot hier ent-
tet und den Appetit erhält.
Ich habe Sanguiniker gekannt, die nach Entdeckung des Tuberkel-
zillus frohlockten, dass man nun die Tuberkulose sicher heilen
:ine. Das rasch abbrennende Tuberkulinstrohfeuer, das bis zu den
>enkämmen emporloderte und selbst Davos zu entvölkern drohte,
isste sic eines besseren belehren. Und doch hatte schon 1857
: einfacher Arzt, Herrmann Br e linier, in üörbersdorf versucht,
;er Mahnung Virchows gerecht zu werden, der einige Jahre zu-
r gesagt hatte, cs sei die Aufgabe der Menschheit, jetzt die Lungen-
iwindsucht zu überwinden, wie der Skorbut des Mittelalters iiber-
.nden ist. B r e h m e r hat es gewagt, die Lungenschwindsucht zu
len. nicht durch ein Mittel aus der Apotheke oder aus einem
nals allerdings noch nicht bestehenden Seruminstitut, sondern durch
nne, Wasser, Luft und vernünftige Ernährung, fast könnte man
ren durch die vier alten Elemente. Es ist nicht nötig, hier des
iteren auszuführen, wie auf seinen und seines Schülers D e 1 1 -
;iler Erfahrungen unsere moderne Heilstättenbehandlung beruht,
d doch konnte vor etwas mehr als einem Jahrzehnt gelegentlich
• Gründung des Bayerischen Vereins zur Bekämpfung der Tuberku-
e ein hoher Ministerialbeamter — Staatsrat v. Kratzeisen —
l Vergleich anstellen, es stürben in Bayern noch so viel Menschen
der Tuberkulose, wie wenn jährlich vier Bezirksämter aussterben
rden.
Noch 1886 betrug in Deutschland die Tuberkulosesterblichkeit
auf 10 000 Lebende, ist aber bis 1913 auf 14 zurückgegangen. Unter
• Hungerblockade ist sie zur alten Höhe ernporgeschnellt. In den
idten über 15 000 Einwohnern hat die Blockade in den 6 Jahren
3—1918 in runden Zahlen 40 000, 41 000, 45 000, 49 000, 68 000, 74 000
•rbefälle an Tuberkulose, im ganzen eine Zunahme um 83 Proz.
macht. Am schlimmsten war die Zunahme, die dem argen Dotschen-
lter folgte, sie betrug 1917 von einem Jahr zum anderen fast
Proz. Gleich einem grossen epidemiologischen Experiment haben
Kriegsjahre den Beweis erbracht, wie verschwindend für die
rhreitung der Tuberkulose als Volksseuche die Ansteckungs¬
ahr ist gegenüber den Ernährungsschwierigkeiten. Trotz der Ein-
liung von vielen Tausenden schwächlicher und früher kranker
nner, trotz aller Fährlichkeiten des Lebens im Feld in unhygieni-
! en Quartieren und Unterständen, hat diese Sterblichkeit im Feld¬
er nicht nennenswert zugenommen, die Steigerung befiel fast aus-
i liesslich die Zivilbevölkerung.
Dabei hat die Krankheit auch ihr Gesicht geändert; mehr noch
l: beim Feldheer nahmen unter der Zivilbevölkerung die Fälle rapid
■laufender Tuberkulose zu. Auffallend häufig gingen die Kranken
ne die früher zeitweise beobachteten Stillstände so wie sonst in
jiren. so nun in Monaten zugrunde.
Wenn ich so die Ernährungsschwierigkeiten gegenüber der An-
i ekungsgefahr ins Licht gerückt habe, so will ich gegenüber der
Izelerkrankung das Wort Seuche wiederholt unterstreichen. Die
jegserfahrung ist ein Fingerzeig, dass es nicht angeht, die ganze
l'lt ausschliesslich durch die bakteriologische Laboratoriumsbrille
i betrachten, wenn die Epidemiologie gelegentlich einmal mit schwar-
|i Finger ein Menetekel an die Wand schreibt.
Andererseits lehrt auch die Influenza verschiedene Infektions-
"sre kennen. Bei ihrem Wiederauftreten im Winter 1889/90 hat sie
i neinem damaligen Amtsbezirk in allen 65 Gemeinden K aller Ein-
hner ergriffen, aber als Seuche war sie in grossen und in kleinen
; en schon nach 4 Wochen erloschen. Wie ein Hochwasser ist sie
Kommen, wie ein Hochwasser hat sie sich verlaufen. Nach den
Inaligen Anschauungen und dem damaligen Sprachgebrauch haben
1 ihrem Kommen als einer „miasmatischen“ Erkrankung entgegen-
lehen; aber schon die ersten klinischen Beobachtungen lehrten in
n engen Rahmen der Krankensäle, wie sie als „kontagiöse“ Krank-
jt von Mann zu Mann, von Bett zu Bett weitergekrochen ist. Und
i wir nach dem Ablauf des Hochwassers vom erweiterten epidemio-
I ischen Gesichtskreis aus Rückschau hielten, drängte sich die Not-
' idigkeit auf, für den Einbruch einer Pandemie, welche im raschen
in’ grosse Länderstrecken, ja ganze Kontinente zu überfluten ver-
k, nach anderen Wegen für die Verbreitung der Krankheitserreger
suchen. Und diese Wege sind gefunden. Im 58. Band der Zschr. f.
g. lesen wir von Ballonfahrten, bei denen noch in 4000 m Höhe
i-‘nsfähige Mikroorganismen gefunden worden sind. Bei einer See-
i't nach Brasilien fanden sich etwa 100 km nördlich der Insel
Vincent mehrmals zahlreiche Kolonien einer bestimmten Hefeart,
chon die Seeluft im allgemeinen keimfrei ist. Sie konnten noch in
i 10 m über dem obersten Deck und 25 m über der Wasserfläche
eitenden Filtern gezüchtet werden, während dieselbe Hcfcart nie-
■s in Kontrollplatten vorkam. Nach der Windrichtung konnten sie
vom afrikanischen Festland aus 600 km Entfernung herüber-
veht worden sein.
Ganz hervorragend waren in dem uns beschäftigenden Zeitraum
Fortschritte der Wundbehandlung. Ignaz Philipp Semmel-
i s, Geburtshelfer in Pest, hatte schon im Jahre 1847 die Wesens-
chheit von Puerperalfieber und Pyämie erkannt und gezeigt, dass
ersterem die Krankheitsursache in den Händen der aus dem
Sektionssaal kommenden Stundenten zu suchen sei. Auch an Abwehr-
massregeln hatte er es nicht fehlen lassen. Aber seine Lehre war
vergessen, oder richtiger gesagt, wenig beachtet worden, weil er
mit teutonischer Grobheit seine wissenschaftlichen Gegner persönlich
angegriffen und als Mörder ihrer Kranken gebrandmarkt hatte.
20 Jahre später hielt noch sein Prager Kollege Seyfert zwar an
dieser Identität fest, aber als Krankheitsursache hat er immer nur
einen unbekannten genius epidemicus anzuschuldigen gewusst. Mir
sind niemals im Leben schärfere Gegensätze zwischen Theorie und
Praxis vorgekommen, als damals in Prag; denn in allen üebärsälen
standen die mit Chlorkalkwasser gefüllten Schüsseln zur Hände-
desinfektion. Selbst Saexinger, sein Assistent, der spätere
1 übinger Kliniker, verhielt sich ablehnend, als wir fränkischen Aerzte
an Semmel weis erinnerten, es sei nur eine Schweinerei mit
ungereinigten Händen zu untersuchen. Aber zur Handreinigung hatten
in Erlangen und Wiirzburg doch Wasser und Seife genügt.
So kam es, dass wir noch 1866 und 1870 mit Scharpie ins Feld
gezogen sind; Leinwandreste jeglicher Herkunft, die zu gar nichts
mehr zu gebrauchen waren, waren noch gut genug zum Wundver¬
band. Karbolsäure, eine damals trübe braune Flüssigkeit, kam zwar
1870 auch nebenher zu Karbolwasserumschlägen in Anwendung. Aetz-
wirkungen sind hiebei ab und zu beobachtet worden. Bald nachher
teilte mir Walter Heineke,der Erlanger Kliniker, einmal mit, er
wolle künftig genau nach Li st er arbeiten, da der Engländer be¬
hauptet hatte, die minder guten Erfolge der deutschen Chirurgen
seien in der geänderten Technik begründet. Der typische Lister-
verband bestand aber aus einer achtfachen Lage von Gaze, getränkt
mit Harz und Karbolsäure. Das Harz sollte zur Fixation der flüchtigen
Karbolsäure dienen. Zwischen die 7. und 8. Gazelage kam ein Stück
Mackintosh, ein Hutfutter zu liegen, um den Luftkeimen den Weg zur
Wunde durch die Maschen des Gewebes zu verlegen; zwischen Haut
und Verbandstoff legte man ein Stück Silk protective, ein undurch¬
lässiges Seidengewebe zum Schutz von Haut und Wunde vor der
giftigen und ätzenden Wirkung des Karbols.
Viele Jahre trieb auch der Karbolspray noch sein Unwesen und
bestäubte selbst beim einfachsten Verbandwechsel Arzt und Kranken
mit einem Karbolnebel, ja durchnässte beide bei längerer Dauer der
Operation auf das gründlichste. Ich gedenke noch heute nicht ohne
einen inneren Vorwurf einer Sequestrotomie, wo der anämische Knabe
schliesslich auf seiner Unterlage im Karbolwasser gelegen ist. Mein
assistierender Kollege Lochner war funktionierender Militärarzt
gewesen und hatte ganz im Sinn der damaligen Lehre zum Spritzen
zwei Chevauleger mitgebracht. Der Karbolnebel war bestimmt, die
von Pasteur und Liste r angenommenen Luftkeime zu entgiften.
Wie viel richtiger war doch die schon viel früher von Semmel¬
weis behauptete, aber längst vergessene Kontaktinfektion gewesen!
Alles Heil erhoffte man damals noch von der Karbolsäure, denn
sonst wäre es widersinnig gewesen, eigens zu erklären, dass L i s t e r
seine Theorie nicht aufzugeben brauchte, wenn er einmal die Karbol¬
säure preisgeben wollte.
Diesen Schritt tat indessen mein Lehrer Carl T i e r s c h, damals
in Leipzig, der die Salizylsäure in die Verbandtechnik einführte. Harz,
aber auch Machintosh und Protective kamen nunmehr in Wegfall. Ernst
v. Bergmann in Würzburg brachte später den Sublimatverband
zu Ehren. Auch das Verbandmaterial fand eine Bereicherung durch
den gleichfalls von T h i e r s c h empfohlenen billigen Jutehanf und die
lange nach dem Tübinger Chirurgen Bruns benannte entfettete
Watte. So war der Weg gebahnt für den „Deutschen Verband“, der
namentlich durch Richard Volkmann zum „Dauerverband“ aus¬
gebaut wurde. Als ich vor 40 Jahren bei einem alten Empyem ver¬
anlasst war, schliesslich eine ausgiebige thorakoplastische Resektion
von fünf Rippen vorzunehmen, konnte ich bei nun fieberlosem Verlauf
den Verband nach dessen erstem Wechsel stets 3 Wochen liegen
lassen, um der Brustwand Zeit zu geben, der retrahierten Lunge ent¬
gegenzuwachsen. Der Verband glich allerdings mehr einer dicken
Weste, den die Pflegerin nachher noch mit Nadel und Faden abzu¬
nähen hatte.
Und wieder war es H e i n e k e gewesen, der mich darauf auf¬
merksam machte, dass Theodor B i 1 1 r o t h in Wien ohne Anwendung
von desinfizierenden Chemikalien mit seinem Walratverband gleich
gute Erfolge erzielt haben wollte. Wir ahnten damals nicht, dass
dies der Uebergang war von der Antiseptik zur Asepsis, bereits die
Morgenröte aseptischer Behandlung durch Keimfreiheit von Opera¬
tionsgebiet und Hand des Arztes, von Instrumenten und Verband¬
stoffen. Vielfach nahmen in der Folgezeit und nehmen zum Teil auch
jetzt noch vor Bauchoperationen Arzt und Kranker ein Bad in frühe¬
ster Morgenstunde. Das Gegenstück hatte vordem Nepomuk Rings-
e i s geleistet, der streng katholischgläubige Arzt, der vor einer Opera¬
tion mit seinen Kranken das Abendmahl genommen hatte aus Priesters
Hand. Er war ein Freund von König Ludwig I., der ihn nur seinen
kleinen lieben „Muckel“ nannte. Er ragte noch herein in unsere Zeit,
meine Instruktion für die Studienreise nach Prag und Wien war von
R i n g s e i s gezeichnet.
Hier ist vielleicht der Ort, einige Streiflicher zu werfen auf die
Krankenhauspflege, die heute wohl allenthalben neben der ganzen
Hauswirtschaft Schwestern übertragen ist. Dagegen hatte ich in
meinen klinischen Semestern, als Assistenzarzt am Nürnbergei
Krankenhaus und als selbständiger Krankenhausarzt, ausschliesslich
mit weltlichem Pflegepersonal zu tun. Ja noch 1899, nachdem ich
inzwischen zum Kreismedizinalrat von Mittelfranken ernannt worden
1058
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 32
war, war es eine meiner ersten auswärtigen Amtshandlungen in einem
städtischen Krankenhaus, die Diakonissenpflege durchzudrücken. Nur
die Irrenärzte haben bis heute, oder vielleicht richtiger bis zum
8/9. Nov. 1918, die Ordenspflege abgelehnt.
Als mir 1871 der Dienst im städtischen Krankenhaus in Schwa- j
bach übertragen worden war, bin ich bald mit dem Wärter, der da- j
mals einzigen Pflegeperson, zusammengerückt, als er mir auf eine
dienstliche Zurechtweisung hohnlächelnd entgegnete, er sei nicht als
Wärter, sondern als Krankenhaus aufseher angestellt. Demnächst
fand ich in der Tobzelle einen Kranken auf Stroh auf dem Boden
liegend und mittels eines achterförmigen Instrumentes, dessen eiserner j
Ring um den Hals lief, an eine Eisenstange an der Wand angehängt.
Nur mit einem Schraubenzieher war der Achter zu entfernen. Auf- j
seher und Eisenstange mussten gleichzeitig fallen. Eine Illustration j
zum Wandel der Zeiten. Dieser Wandel hat sich auch sonst noch !
im ärztlichen Leben bemerkbar gemacht. Ueber die Freigabe der j
ärztlichen Praxis in Bayern am 1. Mai 1865 habe ich mich schon
früher im Aerztl. Korr.Bl. (1921, S. 272) geäußert.
Es ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Berliner med. Ge- j
Seilschaft, dass auf ihre Veranlassung nur mehr der ärztliche Titel
geschützt wurde. Kurierfreiheit und Aufhebung der Kurpfuscherei¬
verbote wurden hingenommen gegen das Linsengericht einer doch
nur in der Theorie verfänglichen Bestimmung, welche die grundlose
Verweigerung ärztlicher Hilfe mit Strafe bedroht hatte.
„Los aus der Gewerbeordnung“ war jahrelang der Kampfruf in
ärztlichen Vereinen und auf Aerztetagen. Unter den Rufern im Streit
waren mit am lautesten die fränkischen Triumvirn D o e r f 1 e r -
Aub-Rosenthal. Aber es kam eine Zeit, wo man sich nicht
mehr mit solchen Kleinigkeiten befassen konnte. Das erste Gesetz
über die Krankenversicherung der Arbeiter ist am 1. Dezember 1884
in Kraft getreten und damit ist eine Reihe praktisch viel wichtigerer
Kämpfe, welche endgültig auch heute noch nicht ausgetragen sind, in
den Mittelpunkt ärztlichen Interesses gerückt worden, so dass in
den Vereinen die Behandlung wissenschaftlicher Fragen zeitweise in
den Hintergrund gedrängt zu werden drohte.
Hat die Krankenversicherung manch Unschönes gezeitigt, in er¬
höhtem Maasse gilt dies von der Unfallversicherung. Diese ist
von Grund aus falsch aufgebaut. Wer vordem als Arzt
tätig war, hatte genugsam Gelegenheit zu sehen, mit wie dankbarem
Herzen der Unfallverstümmelte seine Arbeit wieder aufgenommen
hat, wenn er zum alten Lohn wieder eingestellt worden ist. An diese
Erfahrung hätte die Gesetzgebung anknüpfen können; doch war es
für die weltfremde geheimrätliche Weisheit bequemer, die wirtschaft¬
lichen Folgen einer Verunglückung in bares Geld umzumünzen, statt
den wirtschaftlichen Schaden durch das Recht auszugleichen, an der
alten Arbeitsstätte oder ohne Beeinträchtigung der Freizügigkeit in
einem anderen der genossenschaftlich zusammenzufassenden Betriebe
unter den bisherigen oder denen der Arbeitsgenossen anzugleichenden
Bedingungen trotz verminderter Leistungsfähigkeit Unterkommen zu
finden. Der wirtschaftliche Schaden wäre durch, solch eine Regelung
vom Arbeiter auf den Arbeitgeber abgewälzt worden, dem es anheim¬
zugeben gewesen wäre, sich durch Rechnung und Gegenrechnung
bei der Berufsgenossenschaft schadlos zu halten. Die vom ersten
Krankheitstage an einsetzende beunruhigende und verbitternde
Rentenbegehrlichkeit wäre ersetzt gewesen durch wohltuenden Ge¬
nesungswunsch, Unfallshysterie wäre eine unbekannte Krankheit ge¬
blieben und Zwergrenten von 10 und 15 Proz. würden nicht dem
Hohn gesprochen haben, was man vordem unter Unglück und Unfall
verstanden hatte. Nur Ganzinvaliden hätte man Geld geben müssen.
Recht bequem aber auch recht verkehrt ist es gewesen, die
land- und forstwirtschaftliche Unfallversicherung auf die Unternehmer
mit ihren Hausgenossen und den noch nicht schulpflichtigen Kindern
auszudehnen. Als langjähriger Gutachter beim Schiedsgericht für
Arbeiterversicherung hatte ich ab und zu Gelegenheit, einem wohl¬
habenden Bauern vorzurechnen, wie die 10 proz. Rente, um die er
kämpfte, auch bei den früheren billigen Bierpreisen kaum zum freien
Abendschoppen hinreichen würde. Ich hatte vielfach den Eindruck,
dass eine verfehlte Gesetzgebung es dahin brachte, an der Moralität
unseres sonst recht braven Volkes zu nagen Die drei Versicherungs¬
gesetze haben die Aerzte auch vor eine durchaus neue Aufgabe ge¬
stellt. Wenn vordem der praktische Arzt nur ausnahmsweise einmal
in die Lage kam, als Gutachter zu fungieren und die Gutachtertätigkeit
der beamteten Aerzte sich vorwiegend auf gerichtlich-medizinischem
Gebiete bewegte, so ist dies nun mit einem Schlag anders geworden;
heute kann jeder Arzt tagtäglich in die Lage kommen, sich über
Krankheit, Erwerbsbeschränktheit und Invalidität gutachtlich äussern
zu müssen. Dabei liegt die Schätzung des Grades der durch einen
Unfall oder durch Krankheit bedingten Minderung der Erwerbsfähig¬
keit gar nicht auf medizinischem Gebiet. Soweit meine Erfahrung
reicht, hat es nur wenige Berufsgenossenschaften gegeben, welche
auf Grund einer anatomisch einwandfreien Beschreibung und zeich¬
nerischen Erläuterung einer Verletzung den Grad der Einbusse an
Erwerbsfähigkeit betriebstechnisch feststellen Hessen, in der Mehrzahl
der Fälle ist solche auch der ärztlichen Begutachtung unterstellt wor¬
den. Freilich kann die Beurteilung der Spätfolgen einer Schädel¬
verletzung, einer Quetschung des Brustkorbes, einer hysterischen Un¬
fallsfolge u. a. nur Sache des Arztes sein. Ich habe in meiner amt-
') Nach dem Vortrag hat mir ein Kollege die Aeusserung eines Land¬
bürgermeisters mitgeteilt: Das müsste ein dummer Bauer sein, der nicht mit
60 Jahren eine Rente hätte.
liehen Tätigkeit vielfach den Eindruck bekommen, dass die behörc
liehe Wertschätzung eines Arztes vielfach von der Brauchbarke
seiner Gutachten abhängt.
Qui bene diagnoscit, bene curat. Leopold Auenbruggel
war schon 1754 auf die Schallunterschiede aufmerksar ,
die man beim Anklopfen an die Burstwand gesunder ur;
kranker Menschen bemerkt. Aber sein nach siebenjährige j
gewissenhaften Untersuchungen 1761 erschienenes Werk lnvei
tum novum ex percussione thoracis humani war längst vergessen
Corvisart, der Leibarzt Napoleons I. musste die Perkussion 180;
also fast 50 Jahre später, neu entdecken, vielleicht auch erst neuei
dings zur allgemeinen Anerkennung bringen. Laennec samtnell
seit 1816 mittels des von ihm erfundenen Stethoskops seine Beobacl
tungen über Herz- und Lungenkrankheiten, die er 1819 in einem bt
rühmten Werk über die Auskultation veröffentlichte. Erst 1832 c;
schien das Werk in deutscher Ausgabe von Meissner.
Ein junger böhmischer Arzt, Skoda, hatte sich beides in Par
angeeignet, deutsche Aerzte pilgerten nach Wien, um Kurse b
Skoda zu hören. Da, wo sich heute die Prachtbauten der Rin
strasse befinden, stunden bis zum italienischen Kriege im Jahre 18;
Wall und Graben, auch die äusseren Linien waren befestigt, hit
befanden sich die Zoll- und Polizeistationen. Als ein höherer hinan:
beamter einst diese Linien visitierte, fielen ihm die Namen viel«
1 junger Deutscher auf, die als Zweck der Einreise Kurse bei Skod
| eingetragen hatten. Da dämmerte ihm im Metternichschen Oeste
! reich der Verdacht, ob da nicht etwas Hochverräterisches dahinte
i stecke. Skoda musste ein Verhör bestehen zunächst bei de
| Finanzbeamten und sodann bei dem Leibarzt eines der Erzherzog
dem der erstere sein Erlebnis mitgeteilt hatte. Der Finanzman
meinte er, verstehe zwar nichts von der Sache, aber hochverrät
: risch sei sie gewiss nicht. Der Leibarzt Hess sich die Sache eingehei
j auseinandersetzen, als aber von Herztönen die Rede war, entgegne
er, er diagnostiziere auch ohne dies Vitium cordis und gebe Digitali
Skoda jedoch bemerkte, es sei möglich, dass sich von rauhen Kla
pen etwas abschwemme und ins Hirn gelange, da sei es doch wichti
die Angehörigen des Kranken zu verständigen und alle Anstrengung«
von ihm fernzuhalten. Und nun fügte es der Zufall, dass der Er
Herzog unter den klinischen Zeichen der Apoplexia cerebri erkrankt
Skoda wurde ans Krankenbett geholt und diagnostizierte eine Ei
bolie der Arteria fossae Sylvii. Als der damals junge R o k i t a n s k
der sich in der dunkeln Leichenkammer des allgemeinen Kranke
Hauses mit Sektionen beschäftigte, die Leichendiagnose diktiert liatt
gab der Leibarzt dem jungen Kollegen die Hand mit der Frage, ob
etwas für ihn tun könne. 'Skoda bat, er möchte künftig auch seii
Perkussionskurse am Lebenden abhalten dürfen, bisher sei dies n
an der Leiche gestattet worden, da das Beklopfen eines Kranken i
inhuman gelte. 14 Tage später hatte Skoda eine eigene Abteilui
im allgemeinen Krankenhaus.
Ich selbst habe später noch Gelegenheit gehabt, einen Blick jj
Skodas Klinik zu tun.
Wenn ich heute zurückblicke auf die Erfahrungen bei Erkra
kungen im eigenen Elternhaus, dann später im Verkehr mit älter'
Aerzten und zuletzt noch auf die Urteile befreundeter Kollegen, dai
muss ich sagen, dass es geraume Zeit gedauert hat, bis die Ergebnis
der physikalischen Diagnostik Gemeingut der Aerzte geworden sin
Dagegen kann ich mir versagen im einzelnen auszuführen, welch b
trächtliche Bereicherung unser diagnostisches Rüstzeug in der Folg
zeit erfahren hat, denn ich müsste meine Mitteilungen bis in die jüngs
Gegenwart erstrecken, ich müsste Massnahmen besprechen, die S
täglich selbst ausüben und für unentbehrlich zur Krankheitserkennti
erachten. Nur eines will ich mir nicht versagen, weil ich damit wc
eine der gewaltigsten Umwälzungen in unserem ärztlichen Könn
und Erkennen wenigstens anzudeuten vermag. Es ist dies der Hi
weis auf alles das, was sich an den Namen Wilhelm Roentgi
knüpft. , _
Mein Freund Gottlieb v. Merkel hat vor 19 Jahren eine Ec
rede aus Anlass des 50 jährigen Bestehens der Münchener medizii
sehen Wochenschrift mit den Worten begonnen: „Die Erzählung
älterer Kollegen aus unserer ärztlichen Jugendzeit gipfelten zumeist
dem Ausspruch, dass die Aerzte aus dem ersten Drittel des vorig
Jahrhunderts wie einsame Raubtiere lebten, jeder in seiner Behausuj
ohne Fühlung mit den anderen, nur mit sich und seinen Kranken t
schäftigt.“ Ich selbst habe Ihnen seinerzeit mitgeteilt, dass die R
gierung den bayerischen Aerzten bis zum Jahre * 1865 ihre „Jag:
gründe“ gehütet hat. Man hat auch gehört, dass die Kollegialität ’i
nahm mit dem Quadrat der Entfernung. Hier hat die straffe Orga;|
sation, welche wir der königlichen Verordnung vom 10. August 18
die Bildung von Aerztekammern und von ärztlichen Bezirksverein
betreffend, verdanken, gründlich Wandel geschaffen. Das Zusammen
leben in den Vereinen hat viele Ecken und Kanten abgestumpft ur
geglättet, welche Leben und Beruf mit sich bringen. Ich erinnei
mich nicht, in 50 Jahren mehr als 3 mal, und das in 3 verschieden!
Vereinen, meines Amtes als Schiedsgerichtsmitglied haben walten
müssen, obschon die Kollegen mir fast ebensolang diese zweifelha.
Ehrenstelle übertragen hatten.
Und so schliesse ich mit dem Wunsche; Möge unser Verein v
bisher so auch im zweiten Halbjahrhundert allezeit sein ein H«j
wissenschaftlichen Strebens, der Wahrung der Standesehre und c
Standesinteressen und eines wahrhaft kollegialen Verhaltens!
10. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1059
Soziale Medizin und Hygiene.
Neue Gesichtspunkte für die Bekämpfung der Tollwut.
Von Dr. Johannes Haedicke, Sanatorium Kurpark in
Ober-Schreiberhau.
Die Ausdehnung und Verlängerung der Hundesperre hat die all¬
gemeine Aufmerksamkeit von neuem auf eine der gefährlichsten Seu¬
chen gelenkt, die im Deutschen Reiche vor dem Völkerkriege fast
erloschen war, jetzt aber infolge gehäufter Einschleppung aus den
Nachbarländern nicht nur die stets bedrohten Grenzbezirke stark ver¬
seucht sondern auch Tiere und Menschen in den inneren Gebieten
zunehmend gefährdet und dort bereits mehrere Todesfälle verursacht
hat. Es erscheint daher angezeigt, auf einige neue Gesichtspunkte
hinzuweisen, die sich hinsichtlich ihrer Bekämpfung aus dein Fort¬
schritt der wissenschaftlichen Forschung ergeben.
Bei der praktischen Bekämpfung der Tollwut ist zu be¬
rücksichtigen:
1. Die Behandlung bereits erkrankter Menschen und
Tiere,
2. die Behandlung von tollwütigen oder tollwutverdächtigen
Tieren gebissener Menschen und Tiere,
3. die V e r h ii t u n g der Ansteckung durch tollwütige Tiere.
Zu 1. Die Behandlung von Menschen und Tieren mit bereits
agsgebrochener Tollwut ist noch immer aussichtslos
und besitzt daher nur insofern allgemeines Interesse, als ein jeder um
seines eigenen Lebens willen bestrebt sein muss, vor diesem trau¬
rigen Schicksal qualvoller Leiden bewahrt zu bleiben.
Zu 2. Ist ein M e n s c h von einem tollwütigen Tiere gebissen
worden, so teilt er dies am besten sofort seiner Ortsbehörde mit unter
Angabe des Tieres, und begibt sich ebenfalls sofort in die Behand¬
lung seines Hausarztes, der die Wunden sachgemäss versorgt und ihn
so schnell wie möglich der zuständigen Wutschutzabteilung
überweist zur spezifischen Schutz- und Heilimpfung.
Diese besteht auch heute noch nach den von Pasteur ausge¬
arbeiteten Grundsätzen darin, dass ihm täglich Einspritzungen ver¬
abfolgt werden aus einer Auflösung getrockneten Rückenmarkes von
Kaninchen, die künstlich wutkrank gemacht worden sind, das Gift
aber in einer für den Menschen unschädlichen Abschwächung ent¬
halten. Diese Behandlung beansprucht je nach der Schwere des Falles
3 — 6 Wochen und ist immer lebensrettend, wenn sie rechtzeitig be¬
gonnen und vor Ablauf der Inkubationszeit beendet oder doch bis zu
entscheidender Wirksamkeit durchgeführt worden ist. Da nun die
Inkubationszeit beim Menschen zwar durchschnittlich etwa 70 Tage
beträgt, bei besonders gefährlichen Verletzungen, d. h. zahlreichen
oder tiefen Bisswunden in der Nähe des Gehirns (Gesicht, Hals und
Rumpf), aber auf 2 — 5 Wochen herabgesetzt sein kann, so ist allge¬
mein und ganz besonders in solchen Fällen so bald wie irgend mög¬
lich nach dem Biss mit der Schutzimpfung zu beginnen. Impfschädi-
gungen, zumal Lähmungserscheinungen mit tödlichem Ausgang sind
bei den heutigen vorsichtigen und tausendfach bewährten luipfver-
fahren so ausserordentlich selten, dass sie in keiner Weise den Wert
der Wutschutz- und Heilimpfung beeinträchtigen.
So wirksam und einfach diese Behandlung technisch ist, so ist sie
doch für den Impfling und seine Angehörigen mit wirtschaftlichen
Schwierigkeiten, erheblichen Kosten und seelischen Erregungen ver¬
bunden, insofern dieser mindestens 3 Wochen seinem Beruf und seiner
Familie entzogen wird. Hierzu tritt die Tatsache, dass er oft nicht
einmal darüber Gewissheit erlangt, ob er überhaupt mit Wutgift an¬
gesteckt worden ist oder nicht, wenn das Tier, das ihn gebissen hat,
entsprechend dem heutigen Schema inzwischen getötet worden ist.
Es istbisher unmöglich, bei einem Menschen die
Ansteckung mit Wutgift vor Ausbruch der Krank¬
heit f e s t z u s t e 1 1 e n. Da nun die erfolgreiche Schutzimpfung
den Ausbruch der Krankheit endgültig verhindert, so macht die
Schutzimpfung gerade durch ihren Erfolg die Entscheidung unmöglich,
ob sie überhaupt notwendig war. Aehnlich verhält es sich ja mit der
Schutzimpfung gegen die schwarzen Blattern: Die Tatsache, dass es
heute Impfgegner gibt, beweist am besten die Wirksamkeit und Not¬
wendigkeit der Kuhpockenschutzimpfung, denn durch diese gibt es
bei uns keine Menschenpocken mehr, die jedoch mit ihren "Todes¬
fällen sofort wiederkehren durch Einschleppung aus anderen Ländern,
wenn die von unseren Grossvätern als segensreiche wissenschaft¬
liche Grosstat erkannte und gesetzlich eingeführte Schutzimpfung
wieder abgeschafft würde. Es ist eine bei uns nicht immer erfüllte
Aufgabe jeder Staatsregierung, dafür zu sorgen, dass Unverstand
der Enkel nicht zerstört, was Weisheit und Tatkraft der Almen aus
Idealismus und Not geschaffen haben.
Bei einem schutzgeimpften Menschen wird also
die Diagnose einer Wutgiftinfektion nur dadurch
möglich, dass die Tollwut bei dem Tiere festge¬
stellt wird, das ihn gebissen hat. Dieser Nachweis sollte
die unerlässliche Grundlage bilden für die Durchführung der Schutz¬
impfung, die ja nur dann notwendig ist. wenn eine Ansteckung mit
Wutgift erfolgt ist. Der Biss eines nichttollen Hundes kann zwar
auch seine Gefahren haben und bedarf daher ärztlicher Behandlmi?.
aber doch nicht der zeitraubenden, berufstörenden, kostspieligen und
auch seelisch nicht gleichgültigen Schutzimpfung. Gerade im Inter- I
esse der Gebissenen selber muss daher möglichst bald festgestellt
werden, ob der Verdacht der 'Tollwut berechtigt ist, d.h. ob das Tier,
das gebissen hat, wutkrank ist oder nicht.
Diese für den Verletzten wie für die Gesamtheit sehr wichtige
Entscheidung ist nur dann sehr einfach, wenn das heissende Tier die
Kennzeichen der akuten 'Tollwut aufweist und diese daraufhin von
dem zuständigen Tierarzt festgestellt wird. In diesen Fällen besteht
die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, dass das Wutgift auf den
gebissenen Menschen übertragen und dieser nun ebenfalls tollwut¬
infiziert ist, so dass die sofortige Wutschutzimpfung notwendig wird.
Nur in solchen klaren Fällen ist das 'Tier sofort zu töten und sein
Kopf der Wutschutzabteilung einzusenden zur Untersuchung und
Giftentnahme.
In allen anderen Fällen aber, die wesentlich zahlreicher sind, wird
die Sicherheit und Schnelligkeit der Krankheitserkennung beim Tiere
wie bei den von ihm gebissenen Menschen vermindert, wenn das Tier
alsbald nach dem Biss getötet wird. Denn beim toten Tiere ist die
Feststellung der Tollwut immer schwieriger und zeitraubender, oft
unsicher und sehr häufig ganz unmöglich, so dass bei den heute gülti¬
gen Vorschriften eine grosse Zahl von Personen unnötig lange und
sogar unberechtigt als tollwutverdächtig angesehen und behandelt
wird.
Tollwutverbreitend wirkt der Biss nur eines
tollwut-infizierten Tieres während der akuten
Krankheit und kurz vor deren Ausbruch. Bei diesem
kann die Diagnose durch mikroskopische Untersuchung des Gehirns
unter günstigen Umständen in wenigen Stunden bestätigt und ge¬
sichert werden durch Nachweis der von B a b e s zuerst aufgefun¬
denen [ll sog. Negrischen Körperchen, die nach Lommel f2l
vom Tage der ersten klinischen Erscheinungen ab in 98 — 99 v. H. der
Fälle zu finden sind.
Möglich ist die Feststellung der Tollwut auch noch bei solchen
getöteten Tieren, deren Gehirn und Rückenmark bereits giftdurch¬
setzt sind, obwohl sie noch nicht sichtbar erkrankt waren, die also
gegen Ende der Inkubationszeit getötet wurden. Zwar fehlen bei
ihnen ausser den klinischen Krankheitserscheinungen noch die charak¬
teristischen makro- und mikroskopischen Veränderungen der inneren
Organe und auch der abnorme Mageninhalt, aber es ist doch schon
möglich, durch Ueberimpfung ihres Rückenmarkes und Gehirns auf
Kaninchen diese tollwütig zu machen und dadurch den Nachweis der
Krankheit zu erbringen. Aber dies Ergebnis kann selbst bei positivem
Ausfall frühestens nach 19 Tagen vorliegen (L ub i n s k i [3]); solange
muss der Verletzte in Ungewissheit warten und sich der Schutz¬
impfung unterziehen.
Ganz unmöglich wird nun die Entscheidung, ob Tollwut vorliegt
oder nicht, wenn das 'Tier bereits im Beginn der Inkubationszeit ge¬
tötet wurde, weil es sich dann weder äusserlich, noch innerlich
irgendwie von gesunden 'Tieren unterscheidet und auch ganz gesunde
Hunde Fremde zu beissen pflegen, zumal wenn sie angegriffen wer¬
den, da ihnen der amtliche Zweck: Feststellung ihrer Zugehörigkeit,
nicht verständlich gemacht werden kann. Vielleicht bietet sich eine
Möglichkeit zur Feststellung der Krankheit wenigstens in der mitt¬
leren Inkubationszeit dadurch, dass eine der Wassermann sehen
Reaktion ähnliche Methode gefunden wird.
Nun kann man sich ja auf den Standpunkt stellen, dass auch bei
den von anscheinend gesunden Hunden gebissenen Menschen die
Durchführung einer wochenlangen Impfbehandlung das kleinere Uebel
ist gegenüber der immerhin 20 Proz. und mehr betragenden Wahr¬
scheinlichkeit, dass der Gebissene wirklich an Tollwut erkrankt.
Dies wäre aber wissenschaftlich und sozial nur dann berechtigt, wenn
es keinen anderen Weg gäbe, der schneller und sicherer zum Ziele
führt.
Dieser Weg ist nun durch die beiden Tatsachen gegeben, dass
erstens an akuter klinischer Tollwut erkrankte Hunde bis auf sehr
seltene und daher praktisch auszuscheidende Ausnahmen immer der
Krankheit erliegen und dass zweitens ein Hund, der 10 Tage, nachdem
er einen Menschen gebissen hat noch ganz gesund ist, entweder
überhaupt nicht tollwütig war (L u b i n s k i) oder, wie wir hinzu¬
fügen müssen, sich noch in einem Stadium der Inkubation befand, in
dem sein Biss noch nicht ansteckend war. In beiden Fällen ist die
Wutschutzimpfung überflüssig.
Das sicherste und am schnellsten erkennbare
Zeichen der Tollwut ist eben die akute Krankheit
selbst, bei den Tieren wie beim Menschen. In diesem Sinne
schreibt Dr. Lubinski, der Leiter der Wutschutzabteilung Breslau,
in einem kürzlich erschienenen Aufsatz über die Tollwut und ihre
Bekämpfung [3]:
„Da von mir die Beobachtung gemacht worden ist, dass die
Negrischen Körperchen besonders häufig dann fehlen, wenn die
Tiere im Anfangsstadium der Erkrankung getötet worden sind, emp¬
fiehlt es sich, tollwutverdächtige Tiere, soweit dies ohne Gefahr ge¬
schehen kann, nicht zu töten, sondern in sicherem Gewahrsam zu
halten und zu warten, bis sie spontan sterben.
Abgesehen aber von deii eben geschilderten Fällen, haben in
einem Bezirk, in dem während der letzten 3 Monate Tollwutfälle vor¬
gekommen sind, als tollwutverdächtig alle Hunde zu gelten, die einen
Menschen gebissen haben. Denn selbst wenn der Hund scheinbar
gesund ist, ist eine Schutzimpfung vonnöten, da durch Versuche er¬
wiesen ist, dass der Speichel eines Hundes bereits 3—4 Tage vor
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MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 32.
Auftreten der ersten klinischen Symptome infektiös sein kann. In
diesen Fällen, wo es sich also um anscheinend gesunde Hunde han¬
delt, darf das Tier nicht getötet werden, sondern es ist einer bis
zum 10. Tage nach dem Biss dauernden tierärztlichen Beobachtung
zu unterwerfen, um festzustellen, ob in dieser Zeit auf Tollwut ver¬
dächtige Symptome auftreten. Nach dem oben über die Bedeutung
des Fehlens der N e g r i sehen Körperchen Gesagten ist dies nämlich
die schnellste Methode, den Tollwutverdacht mit Sicherheit auszu-
schliessen.
Zwar kommt es vor, dass an Tollwut erkrankte Hunde wieder
genesen; diese Fälle sind aber so selten, dass sie für die Praxis keine
Rolle spielen. Bleibt der Hund während der 10 tägigen Beobach¬
tungszeit gesund, so wird die unterdessen eingeleitete Behandlung
der gebissenen Personen abgebrochen. Die Erfahrungen auf der
hiesigen Abteilung haben gezeigt, dass solche Fälle, in denen ein
Hund bereits bissig wird, bevor sonstige Anzeichen der Tollwut auf¬
treten, nicht zu den allergrössten Seltenheiten gehören.
Aus der folgenden, von Marie R e m 1 i n g e r aufgestellten Ta¬
belle geht hervor, nach welchen Grundsätzen der Arzt in zweifel¬
haften Fällen seine Entscheidung zu treffen hat.
1. Das Tier ist eingegangen vor Ablauf von 10 Tagen nach dem Biss.
(Spezifische Behandlung.)
2. Getötet vor Ablauf von 10 Tagen nach dem Biss. (Spezifische Be¬
handlung.)
3. Verschwunden. (Spezifische Behandlung.)
4. Unbekannt. (Spezifische Behandlung.)
Das verdächtige Tier ist
a) erkrankt an der Wut. (Spezifische Behandlung.)
b) geht unter verdächtigen Symptomen ein. (Spezifische Behandlung.)
c) erkrankt, lebt aber am 10. Tage. (Weitere Beobachtung, wenn +,
spezifische Behandlung.)
d) gesund nach 10 Tagen. (Spezifische Kur wird abgebrochen.)
Es ist verständlich, dass bei dieser weitgehenden Indikations¬
stellung manche Personen unnötigerweise sich den Unbequemlich¬
keiten der Schutzimpfung unterwerfen müssen. Es erscheint aber
doch gerade bei dem furchtbaren Krankheitsbilde der Lyssa besser,
etwas unter Umständen Unnötiges zu tun, als auch nur in einem
einzigen Fall das Notwendige zu unterlassen.“
Durch einfache Unterlassung der Tötung nicht
wahrnehmbar tollwütiger Tiere sowie durch deren
sachverständige Beobachtung während nur 10
Tage kann also die Beobachtungszeit und die
Dauer der prophylaktischen Wutschutzimpfung
bei gebissenen Menschen auf 10 Tage herabgesetzt
werden, d. h. auf die Hälfte der bisherigen Mindest¬
frist von etwa 20 Tagen.
Die Vorteile dieses neuen „Verfahrens nach Lubinski“
sind so handgreiflich, dass es verdient, allgemein beachtet, befolgt
und reichsgesetzlich eingeführt zu werden.
Ein nicht zu unterschätzender Vorzug dieses Menschen und Tiere
schonenden Verfahrens liegt ferner darin, dass es berechtigte Forde¬
rungen der zahlreichen Hundebesitzer erfüllt. Zum reinen Vergnügen
hält sich heute niemand mehr einen Hund oder eine Katze, Hühner,
Tauben und andere tollwutempfängliche Tiere. Alle diese Tiere wer¬
den vielmehr zur Erfüllung notwendiger wirtschaftlicher Aufgaben
gehalten und sind Wertgegenstände, die es gleich allen anderen be¬
sonders unter den gegenwärtigen Verhältnissen nach Möglichkeit zu
erhalten gilt. Das wahllose Niederknallen einseitig von Hunden, die
sich gelegentlich auch der strengsten Aufsicht zu entziehen wissen,
da man leider nicht auch ihnen die Notwendigkeit der Hundesperre
klarmachen kann, passt nicht mehr in unsere Zeit und dürfte bei dem
heutigen Stande der wissenschaftlichen Erkenntnis zu wohlbegrün¬
deten Entschädigungsansprüchen führen. Gewiss sind strenge Mass¬
nahmen erforderlich und ein wirklicher Schutz nur durch deren
lückenlose Durchführung möglich, aber diese Massnahmen und Vor¬
schriften müssen sich in den Grenzen des wissenschaftlich und sozial
Notwendigen halten. Hierzu gehört aber die' allgemeine Verfügung:
„Hunde“, die frei umherlaufend betroffen werden, sind sofort zu
töten“ nicht mehr.
Sogar unter den als tollwutverdächtig getöteten Hunden, deren
Köpfe der Wutschutzabteilung Breslau eingesandt wurden, befanden
sich nach Lubinski 50 (55 Proz.) im Jahre 1913 und 88 (26 Proz.)
im Jahre 1921, bei denen Tollwut nicht nachgewiesen werden konnte,
die also zwecklos getötet worden waren. Es ist mindestens möglich,
dass sich einige von diesen doch noch als tollwut-infiziert erwiesen
hätten, wenn sie nicht vorzeitig getötet, sondern lebendig weiter¬
beobachtet worden wären, so dass auch deren Leben wertvoller war
als ihr gewaltsamer Tod. Die Tötung der weit zahlreicheren gesunden
Hunde aber bringt niemandem einen Nutzen und bedeutet für ihre
Besitzer eine nicht mehr gerechtfertigte Schädigung.
Zu 3. Die Verhütung der Ansteckung von Menschen
und Tieren durch tollwütige Tiere erfordert das von gegenseitiger
Hilfsbereitschaft getragene Zusammenwirken der Bevölkerung
und der Behörden.
Die Tollwut wird auf Menschen übertragen
nicht nur Tiere, die beissen, sondern die gebissen
worden sind, und zwar von einem tollwütigen Tiere.
Ein Hund, der nicht von einem solchen Tiere gebissen worden ist,
bedeutet somit keine Gefahr für die Allgemeinheit, und es liegt daher
keine rechtliche Begründung für die behördliche Anordnung vor, ihn
zu erschiessen, selbst wenn er infolge Reizung einen Menschen ge¬
bissen hat. %
Anderseits wird durch einen gebissenen und dadurch mit Wut¬
gift angesteckten Hund dessen Besitzer- in erster Linie an
Gesundheit und Leben gefährdet, und daher hat der
Hundebesitzer selbst das allergrösste Interesse daran, dass sein
Hund nicht gebissen und angesteckt wird. Diese Erkenntnis ist wert- i,
voller und bei Verständigen wirksamer als polizeiliche Anzeigen und
Strafen, ohne die bei den Unbelehrbaren und Böswilligen allerdings >
nicht auszukommen ist.
Unbedingt gerechtfertigt und geboten ist in tollwutverseuchten ;
Gebieten die Tötung fremder Hunde und Katzen, die sich
in der Umgebung einer Ortschaft herumtreiben, da sie schutzlos I
den Bissen umherschweifender Wuthunde preisgegeben sind und so- i
mit selber gemeingefährlich sind.
Fremde Hunde, die ohne Maulkorb innerhalb eines Ortes I
angetroffen werden, zeigen, dass sie ihrem Eigentümer entlaufen sind j
und weitere Strecken zurückgelcgt haben, also ebenfalls tollwut - il
verdächtig sind. Diese sind daher auch zu töten, wenn es nicht j
gelingt, sie einzufangen. Aber gerade dann, wenn sie bei den Ver- i
suchen hierzu Menschen beissen, sind sie trotzdem möglichst am 1
Leben zu lassen, weil ihre Tötung die Feststellung ihrer Er- J
krankung immer verzögert und oft verhindert, so dass alsdann die I
Gebissenen davon keinen Nutzen, sondern nur noch grösseren Scha- J
den haben.
Einheimische Hunde, die sich in ihrem verständlichen
Freiheitsdrang vom Hause entfernt haben und in dessen Umgebung 1
ohne Maulkorb angetroffen werden, sind in kleineren Orten jederzeit ]
leicht festzustellen, da sie jedermann bekannt sind. Zu ihrer Tötung
liegt keinerlei Grund vor, zumal in Gemeinden, die noch frei von Toll¬
wut sind. Aber es ist berechtigt, ihre Besitzer in der üblichen Weise
zu einer Zahlüng an die Gemeindekasse zu veranlassen.
Eine besondere und bisher nicht vorgesehene Behandlung ver- i
langen die von fremden Tieren gebissenen Tiere, da diese als I
tollwutverdächtig anzusehen sind. Die Frage: wann ein i
Tier tollwutverdächtig ist, muss nach praktischen Gesichtspunkten i
entschieden werden. Im wissenschaftlichen Sinne ist nur das Tier |
wutverdächtig, das von einem wutkranken Tier angesteckt worden ij
ist, sei es durch Biss oder anderweitig. Praktisch sind diesen gleich- ;
zuachten in bisher tollwutfr-eien Orten alle Hunde usw., die von frem¬
den Tieren gebissen worden sind; in allen anderen Orten aber alle
Tiere und Menschen, die von irgendeinem, auch einheimischen, Tiere, 1
einschliesslich des eigenen Hundes, gebissen worden sind, sowie die¬
jenigen Hunde usw., die andere Tiere und Menschen gebissen liaben.
In tollwutverseuchten und -gefährdeten Gebieten!
sind praktisch also alle Gebissenen, Menschen wie!
Tiere, als tollwutverdächtig anzusehen und dem-]
entsprechend zu behandeln.
Während die gebissenen Menschen sofort der zuständigen
Wutschutzabteilung zu überweisen und dort der Wutschutzimp¬
fung zu unterziehen sind, müssen alle gebissenen und bissigen j
Hunde usw. als ansteckungsverdächtig, wie dies bei allen
anderen gemeingefährlichen Infektionskrankheiten bereits gesetzlich
vorgeschrieben ist, sofort der zuständigen Behörde angezeigt,
streng isoliert und tierärztlich beobachtet werden.
Diese Forderung ergibt sich aus der Erkenntnis, dass die Tötung toll- |
wutverdächtiger Tiere aus wissenschaftlichen und praktisch-ärzt- i]
liehen Gründen zweckwidrig und die Tötung ganz gesunder Tiere
ausserdem aus volkswirtschaftlichen Erwägungen zu verwerfen ist. ;
Die Isolierung und Beobachtung dieser praktisch als tollwutver- ;
dächtig zu behandelnden gebissenen und bissigen Hunde usw. kann
wie bei anderen Infektionskrankheiten im Hause des Besitzers oder ;
auch in besonderen Beobachtungsstätten erfolgen, die im j
Wohnort eines Tierarztes oder des Kreistierarztes einzurichten sind j
und dessen dauernder Aufsicht unterstehen.
Erweist sich ein Hund nach 10 Tagen noch als gesund, so sind
die von ihm gebissenen Menschen aus der WutschHtzabteilung unter
Einstellung der Schutzimpfung zu entlassen, da diese bei ihnen J
wegen nicht erfolgter Ansteckung überflüssig ist. Die Entlassung i
der Hunde usw. muss der Entscheidung des beaufsichtigenden Tier- i
arztes Vorbehalten bleiben. Sicher werden die meisten Hunde auch 4
weiter gesund bleiben, da sie lediglich infolge Gereiztseins gebissen]
haben, wie es ja die bekannte Art der meisten Hunde ist. Es besteht 1
aber immerhin die Möglichkeit, dass unabhängig hiervon in ver- ■(
seuchten Orten doch der eine oder andere Hund bereits tollwut-infi- I
ziert ist, so dass er zwar zur Zeit (Tds Bisses noch nicht ansteckend
war, aber nach Ablauf der Inkubationszeit doch an der akuten Wut)
erkrankt und alsdann ansteckend wird.
Somit ergeben sich für amtlich als tollwutverseucht oder -be- J
droht erklärte Gebiete folgende
■ v\ *
Richtlinien:
1. Alle Hunde sind auch während der Nacht so festzu-
1 egen (anzuketten oder einzusperren), dass fremde Hunde mit ihnen
nicht in Berührung kommen.
2. Der Festlegung der Hunde gleichzuachten ist das Führen der
mit einem bisssicheren Maulkorb versehenen Hunde an der
Leine oder bei Zughunden das sichere Anschirren an den Wagen.
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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3. Die Ausfuhr von Hunden und Katzen aus dem gefährdeten
zirk ist nur mit ortspolizeilicher Genehmigung nach vorheriger
rärztlicher Untersuchung gestattet.
4. Bei Erkrankungen von Hunden und anderen Tieren an
Iwutverdächtigen Erscheinungen ist sofort ein Tierarzt zu he¬
gen, der Fälle von Tollwut und Tollwutverdacht binnen 24 Stun-
n dem Kreistierarzt und der Ortsbehörde anzuzeigen hat.
5. Die kranken und verdächtigen Tiere sind sofort zu isolie-
n. Die Kadaver sind zu verbrennen oder tief zu vergraben; die
,pfe sind der zuständigen Wutschutzabteilung einzusenden.
6. Nachgewiesene Fälle von Tollwut bei Menschen und
,'ren sind sofort amtlich bekanntzugeben.
7. Ausserhalb der Ortschaften frei umhcrlaufende Hunde und
tzen können sofort getötet werden. Hierzu sind ausser den
ndarmen und Polizeivollzugsbeamten auch Förster-, Feld- und
aldaufseher befugt.
8. Hunde und Katzen, die in wutfreien Orten von fremden
;ren, oder in wutverseuchten Orten von anderen Tieren ge-
ssen worden sind oder die selber andere Tiere oder Men-
len gebissen haben, sind sofort der Ortsbehörde anzu-
tgen, aber nur dann zu töten, wenn ihr Einfangen oder die
ststellung ihres Besitzers unmöglich ist.
Diese Tiere sind als tollwutverdächtig einer I s p 1 i c -
n g und tierärztlichen Beobachtung von mindestens
Tagen zu unterwerfen. Den Zeitpunkt ihrer Entlassung bestimmt
i Freibleiben von Krankheitserscheinungen der zuständige Tierarzt.
9. Personen, die in tollwutverseuchten Gebieten von Hunden
er Katzen gebissen oder vermutlich bei der Pflege wutkranker
:re oder anderweitig angesteckt worden sind, haben sich sofort in
■ Behandlung eines A r z t e s zu begeben, der unter Meldung an die
tsbehörde und den Kreisarzt ihre alsbaldige Ueberfiihrung in die
ständige Wutschutzabteilung veranlasst zur Einleitung der
hutz- und Heilimpfung.
Literatur.
V. B a b e s - Bukarest: Behandlung der Wutkrankheit des Menschen.
izcldt-Stintzing. Hb. d. ges. Ther. 4. Aufl. Bd. I. — F. Lommel-Jena:
jnosen. Mohr-Staehelin, Hb. d. inn. Med. Bd. I. — Herbert L u b i n s k i:
lwut und ihre Bekämpfung. Zschr. f. Med. -Beamte u. Krankenhausärzte
3 Nr. 10.
—
Was erreicht die „Mannheimer Beratungsstelle“
für Geschlechtskranke.
.nnerkungen zu Loebs Aufsatz in Nr. 24 dieser Wochenschrift.)
on Dr. Hans Schmidt, Kreisassistenzarzt in Marburg.
In der Annahme, dass der Arbeit, wenigstens in ihren Schluss¬
zen, von ihrem Autor nicht nur lokale, sondern eine allgemeine
deutung zugedacht ist, möchte ich folgendes bemerken. Die For-
•ung einer erhöhten Beeinflussung der überwachten Personen durch
’angsmittel im Fall einer unregelmässigen Durchführung oder einer
terbrechung der Behandlung wird ebenso wie der Ruf nach Aus-
mung der Ueberwachung auch auf die nichtversicherten Kranken
am einem Widerspruch begegnen. Dagegen erscheint mir die Er-
gung einer Beseitigung oder Vernachlässigung der Meldung ver-
tener Kranker an die für den neuen Wohnort zuständige Beratungs-
lle doch recht anfechtbar, auch wenn sic in abgeschwächter Form
• Diskussion gestellt wird.
Nach meinen Erfahrungen, die ich als Leiter der Beratungsstelle
es Zentrums des rheinisch-westfälischen Industriegebietes zu ma-
:n in der Lage war, kann in jedem Fall dieser Art die Wiederauf-
ime der Ueberwachung und der Behandlung erreicht werden, wenn
Meldung von seiten der früher zuständigen Beratungsstelle recat-
tig erfolgt. Freilich habe ich nicht zu selten beobachten können,
ss derartige Kranke sich freiwillig bei der Beratungsstelle
rstellten und die Meldung der Beratungsstelle des früheren Wolri-
es entweder viel später oder überhaupt nicht erfolgte. Ich habe
:h dabei häufig fragen müssen, wieviele ungeheilte, weniger auf-
därte und weniger auf ihre Gesundheit bedachte Syphilitiker wohl
•ch den Wohnungswechsel für immer der Behandlung und damit
• endgültigen Heilung entzogen werden mögen. Dies gilt besonders
die Industriebezirke; hier sind es die jugendlichen Arbeiter, welche
ersten sich der Behandlung und Ueberwachung zu entziehen ge-
gt sind; die gleichen Elemente sind es aber anderseits, die von
' Wohnungsnot weniger betroffen und weniger zur'Sesshaftigkeit
:wungen sind und deshalb häufig Arbeitsstelle und Wohnsitz wech-
(i können. Aber auch für andere Gegenden dürfte eine strenge
ntinuität der Ueberwachung bei Ortswechsel notwendig sein, bc-
iders wenn man sich der alten Erfahrungstatsache erinnert, dass
lade die sogenannten Wanderberufe der Ansteckung am meisten
'■gesetzt sind. Mit Loeb teile ich das Gefühl, dass der in Rede
■liende Teil unserer Bekämpfungsmassnahmen bis jetzt recht un-
riedigend ist; doch bin ich der Ansicht, dass Loeb von unrich-
-n Voraussetzungen ausgeht, wenn er die Lücke bei der Wieder-
i nähme der Ueberwachung und Behandlung gefunden zu haben
mbt; nicht hier liegt der Mangel, sondern in dem ungenügenden
1 ldewesen. Deshalb muss in diesem Punkte nicht ein Abbau, son-
n ein Ausbau erfolgen, und zwar muss die organische Zusam-
narbeit sämtlicher deutschen Beratungsstellen durch Schaffung
eines einheitlichen Meldesystems angestrebt werden. Ich verkenne
nicht, dass diesem verwaltungstechnische Schwierigkeiten entgegen¬
stehen — wie erfährt z. B. die Beratungsstelle umgehend den Wegzug
des Kranken, wenn sich dieser gerade in einem behandlungsfreien
Intervall befindet? Hier wird man auf Mitwirkung der Behörden nicht
verzichten können — ; diese Schwierigkeiten aber dürfen bei der
Wichtigkeit der in Rede stehenden Materie kein Hinderungsgrund für
den geforderten Ausbau sein, sondern müssen überwunden werden.
Bücheranzeigen und Referate.
Seil heim: Die geburtshilflich-gynäkologische Untersuchung.
Ein Leitfaden für Studierende und praktische Aerzte. Mit 94 Abb.
4. vermehrte und umgearbeitete Auflage. Verlag J. F. Bergmann,
München 1923.
Ein wissenschaftlicher Spaziergang mit S e 1 1 h e i m ist oft
„inühe“voll, bringt aber immer Gewinn. Er vermeidet absichtlich die
breite, direkt zum Ziel führende, abgetretene Landstrasse und leitet
uns auf anmutigen, weite Fernsicht bietenden Nebenwegen, wobei
wir dann allerdings des öfteren steinige und steile, bisher un¬
begangene Pfade bezwingen müssen. Für den trainierten Fachmann
ist dies stets ein Genuss; mancher Studierende aber, der einen schwe¬
ren Rucksack voll Examenswissen daneben zu schleppen hat, wird
die alte bequeme Landstrasse vorziehen.
Das vorliegende- Buch S e 1 1 h e i m s zerfällt in einen allgemeinen
und einen praktischen Teil. Gerade der erste ist für die wissenschaft¬
liche Arbeitsart des Verfassers ungemein charakteristisch: Praxis
und Schule der geburtshilflich-gynäkologischen Untersuchung, Auf¬
gaben der Hand in der geburtshilflich-gynäkologischen Diagnostik,
natürliche Begabung der Hand, Schulung der Hand für
die Aufgaben der Geburtshilfe und Gynäkologie lauten die
vier ersten Kapitelüberschriften, die eine neue Physiologie
des Tastens enthaltenen und jedermann Wissenswertes und
Anregendes bringen. Auf diesen „steilen Pfad“ folgen die leicht fass¬
bar und zugleich ungemein interessant geschriebenen Abschnitte:
Unterhaltung mit hilfesuchenden Frauen, Psychologie im Umgang mit
kranken Frauen, die dem Studierenden und praktischen Arzt eben¬
so wie dem Fachmann wichtige Leitsätze fürs Leben geben. Ana¬
mnese, Vorbereitung und Hilfsmittel zur gynäkologischen Unter¬
suchung bilden den Schluss des allgemeinen Teils. Der zweite spe¬
zielle Abschnitt beginnt mit der Geburtshilfe: Untersuchung des knö¬
chernen Beckens, Untersuchung Schwangerer, Diagnose der Gra¬
vidität, wobei die Abderhalden sehe Reaktion ausführlich be¬
sprochen wird, von der S. für die Zukunft in der neuesten verbesser¬
ten Form mancherlei erhofft. Die Diagnostik ist ja Seilheims
besonderes Forschungsgebiet; im Text und im Bilde treten uns hier¬
bei die Ergebnisse seiner grundlegenden Arbeiten wiederum ent¬
gegen. Bei der Untersuchung Kreissender wird dringend empfohlen,
sich möglichst auf die äussere Untersuchung zu beschränken. Eine
ausgedehnte Rektaluntersuchung wird für die Geburtshilfe im Gegen¬
satz zur Gynäkologie abgelehnt. Bei der vaginalen Untersuchung
liegt die Hauptgefahr in dem Eindringen des Fingers in den Mutter¬
mund, daher: Respektieren des physiologisch keimfreien Gebietes,
d. h. Scheiden Untersuchung, und nur bei dringlichsten Fällen,
z. B. Placenta praevia U t e r u s Untersuchung. Den letzten Teil bil¬
det die gynäkologische Untersuchung, eingeleitet durch ein ungemein
instruktives Kapitel über die anatomischen Grundlagen der gynäko¬
logischen Betastung. Palpation, Untersuchung des Uterusinneren,
Probeexzision werden dann besprochen. Das Pneumoperitoneum
wird nur für die Diagnostik von Adhäsionen gewürdigt; es gelingt
aber auch hiermit die Verhältnisse im kleinen Becken röntgenologisch
darzustellen (Referent und Dr. Dietl). Den Schlftss bildet die viel¬
fach vernachlässigte, von S. besonders ausgearbeitete gynäkologische
Mastdarmdiagnostik und die vielleicht im Vergleich zu den voran¬
gehenden Kapiteln etwas zu knapp gehaltene Untersuchung der Harn¬
organe.
Der wertvolle Text findet eine vorzügliche Ergänzung durch 94
einfach gehalterte und dadurch ungemein klar wirkende Bilder, die
uns bereits zum grössten Teil aus den Arbeiten Seilheims be¬
kannt sind. Ausstattung und Druck sind, abgesehen von der durch
die Zeitverhältnisse bedingten Ungleichheit des Papieres, vorzüglich.
Jedem also, der mehr sucht als eine landläufige, nur für die
Praxis zugestutzte geburtshilflich-gynäkologische Diagnostik kann
das originelle, wissenschaftlich hochstehende und anregende Werk
Sellheims bestens empfohlen werden. P o 1 a n o - München.
Jaschke und Pankow: Lehrbuch der Geburtshilfe. 10. und
11. Auflage des Rung eschen Lehrbuches der Geburtshilfe. Berlin,
1923. Verlag J. Springer. 501 Texttabb. 789 S. Grdpr.: 32 M.
Wahrlich, ein neues deutsches wissenschaftliches Werk in gutem
Friedenszustand: bestes Papier, ausgezeichneter Druck. Wir Ael-
tcren, die wir uns an schönen Büchern freuen, können das Buch eben¬
bürtig unseren guten Freunden im Bücherschrank an die Seite
stellen. Die Jungen werden es als Kostbarkeit seltener Art betrachten
und behüten. Auch inhaltlich: ein Buch von ausreichendem
Tert, ohne die von der gegenwärtigen Not gebotene aphoristische
Kürze, mit der sich die Jungen meist zurechtfinden müssen. Ja, der
Bilderschmuck von verschwenderischer Fülle, in Zahl und Grösse.
1062
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Es könnte sogar zu gunsten des Textes, unbeschadet der Vollendung,
gar manches Bild beseitigt werden, manches in kleinerem Format ge¬
geben sein. Insbesondere einige der farbigen Abbildungen (so das
wenig gut gelungene Bild vom Chloasma uterinum, der Schwanger¬
schaftsdermatose. Abb. 168 vom Dämmerschlaf, Abb. 68, 69, 76, 78
usw.). Jäschke und Pankow, die Berufenen, haben sich in die
Bearbeitung des Buches geteilt. Aber sie haben es verstanden, dasselbe
auf eine einige, originelle Linie zu führen. J. beginnt mit der Physio¬
logie der Schwangerschaft (118 Seiten), P. reiht die Physiologie der
Geburt an (in 150 Seiten); .1. fährt mit der Physiologie des Wochen¬
bettes fort, reiht die Pathologie der Schwangerschaft an (142 Seiten).
Alsdann folgt P. mit der Pathologie und Therapie der Geburt und des
Wochenbettes (230 Seiten), und J. beschliesst das Buch in 110 Seiten
mit den geburtshilflichen Operationen. All diesen einzelnen Abschnit¬
ten ist je ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis angefügt. Ein
22 Seiten starkes Sachverzeichnis macht das Ganze zu einem vor¬
züglichen Nachschlagewerk.
Mit dieser trockenen Aufzählung ist die Form und der Plan des
Lehrbuches gegeben. '
Wir Glücklichen, an denen eine ganze Reihe vorzüglicher mo¬
derner geburtshilflicher Lehrbücher vorüberzieht, die wir auch die
alten, in vielen Teilen veralteten Lehrbücher erkennen; Scanzoni,
Win ekel, Schröder, das französische des Nägele, und aus ihnen
noch manch Wertvolles schöpfen können (vergessen wir die alten
Meister nicht! Sie enthalten eine Fundgrube von Gedanken und immer
wertvollen Darlegungen, flössen Achtung ein vor unseren Vorfahren
und könnten manchen modernen Schreiber bescheiden machen!), wir
müssen sagen, dass das vorliegende Buch ganz auf der Höhe der
gegenwärtigen Forschung, Anschauungen und Erfahrungen steht,
ein Zwilingswerk der B u m m sehen Geburtshilfe.
Es wäre unangebracht, in dem Hinweis auf dies schöne, grosse
Werk allzu sehr auf Einzelheiten einzugehen: Es könnten die Be¬
dürfnisse des Praktikers in einzelnen Fragen etwas mehr Berück¬
sichtigung finden: künstliche Befruchtung, die Fl i es s sehe Theorie,
Verhinderung der Schwangerschaft. Anführung bewährter Medika¬
mente (der Anfänger braucht eine Führung des Erfahrenen) könnten
mehr berücksichtigt werden.
Alles in allem ein Buch, das seinen Zweck in vollstem Maasse
erfüllt; ein vollkommener Führer zu sein durch die Geburtshilfe. Ein
Dokument unbesieglicher wissenschaftlicher Behauptung an erster
Stelle der Kulturwelt — trotz aljem und allem. Auch ein Beweis
zukunftshoffender Tatkraft des deutschen Verlegers
\ Max Nassauer - München.
Kompendium der Kriegschirurgie. Bearbeitet im Aufträge des
eidgenössischen Oberfeldarztes von Paul Deus, Hauptmann der
Schweizer Armee, mit 30 Abbildungen auf 13 Tafeln. Verlag Ernst
B i r c h e r, Bern, 1923.
Wie Oberfeldarzt Oberst Hauser in einem kurzen Geleitwort
hervorhebt, ist es auch für den Fachmann kaum möglich, die zu so
enormer Fülle angeschwollene Literatur der Kriegschirurgie durch¬
zuarbeiten. Es ist daher freudig zu begriissen, dass die Schweizer
Sanitätsoffiziere eine kurzgefasste, gediegene, anschauliche und auf
reicher eigener Erfahrung im Laufe des Weltkrieges beruhende Dar¬
stellung der Kriegschirurgie aus der Hand eines ihrer Kameraden
erhalten, der in günstigster Weise in österreichischen Lazaretten
sich betätigen konnte, zuerst in dem k. k. Reservespital Nr. 11, das
unter Prof. Spitzys Leitung als orthopädisches Spital mit Invali¬
denschulen eine ungemein wichtige Tätigkeit besonders auch in
sekundären Operationen. Prothesen- etc. Versorgung entfaltete, dann
als Chirurg an einem Divisionsspital im Stellungskrieg und später
in vorderster Linie bei massenhaftem Verwundetenandrang tätig war
und alle Aufgaben der Kriegschirurgie reichlich kennen lernen konnte.
D. schildert in lebhafter Anschaulichkeit seine Erlebnisse, bespricht
im allgemeinen Teil die Aufgaben des Sanitätsdienstes in den ver¬
schiedenen Linien im Stellungskrieg und Bewegungskrieg, erörtert
die Wahl der Operationsräume, Anästhesie und Narkose, Verbände
und Sterilisationsvorrichtungen, dann geht er auf die Schussver¬
letzungen, deren Pathologie und Behandlung, speziell auf Schuss-
frakturen, Gelenkschüsse, Kopf-, Brust- und Bauchschüsse etc. näher
ein. bespricht die Wundinfektionen, die Komplikationen (Schock, Blu¬
tung etc.) nach den Schlussverletzungen der einzelnen Körperteile, so
z. B. betr. der Schädelschüsse die Meningitis, Enzephalitis, Hirn-
nrolaps, Schädeldefekte, betreffs der Brustschüsse den Pneumothorax,
Hämothorax, Empyem etc.: betont u. a. betr. der Bauchschüsse die
Wichtigkeit des rechtzeitigen Erkennens von Verletzungen der Bauch¬
organe (was in allen zweifelhaften Fällen eine Probelaparotomie
rechtfertigt), geht auf Prognose und Behandlung der einzelnen
Schussverletzungen, u. a. auch anhangsweise auf Erkennung der
Selbstschüsse näher ein und gibt eine kurze Darstellung der wichtig¬
sten Operationen, Ligaturen, Amputationen, Gefässnaht. Nervennaht,
Tracheotomie. Anus praeternat. etc. Auch die Nachbehandlung von
Kriegsverletzungen (Behandlung von Kontrakturen. Verbesserung von
Amputationsstümpfen, Seauestrotomie und Pseudarthrosenoperation
etc.) findet entsprechende Berücksichtigung, und auch die Gas¬
vergiftung entsprechend der Bedeutung der Kampfgase im modernen
Kriege nach Diagnose, Prognose und Therapie ausführliche Be¬
sprechung. Obgleich die Ausstattung (um den Erwerb des Werkes
weitesten Kreisen zu ermöglichen) möglichst einfach gehalten wer¬
den musste, sind doch 13 Tafeln mit zahlreichen Abbildungen von
Nr.
Lazaretten, mobilen Desinfektionsanlagen, Krankenwagen der Ff I
bahn etc., chirurgischen Applikationen (S e h r t sehe Klammer, spj
eil Fixationsverbänden. Nagelextension und improvisierte ExtensicJ
verbände, solche bei Kniekontrakturen etc.) und Immediatprothc 4
angeschlossen, die die Darstellungen des Verf. gut illustrieren; a i!
ein entsprechendes Sachregister ist beigegeben.
Das ungemein übersichtliche und trotz der Zusammendrängi I
des Gebietes auf kleinen Umfang sehr vollständige Werk wird sic 3
nicht nur in der Schweiz, sondern auch bei uns weite Verbreiti
finden und auch wohl Uebersetzungen in fremde Sprachen bald
fahren. Schi
Reichardt: Allgemeine und spezielle Psychiatrie. 3., n
bearbeitete Auflage. Jena, Fischer, 1923. 498 S. Grundpn
10 M„ geb. 15 M.
Die 3. Auflage ist um 107 Seiten gekürzt, aber nicht bloss
Kosten zu sparen, sondern es handelt sich um eine sorgfältige t
vollständige Umarbeitung, durch die das Buch ganz wesentlich
wonnen hat. Das fällt schon in der Einleitung auf. Auch der
fahrene liest mit Vergnügen darin und holt sich Anregungen, b
gewiesen sei z. B. auf die beiden letzten Kapitel, die traumatiscl
geistigen Störungen und Defektzustände, und über die seelis
nervösen Störungen, inklusive die Rentenneurosen. Interessant
dass E. das Wesen der Schizophrenie in pathologischen Gerinnun;
vermutet; die Vorstellung hat manches für sich, doch stehen ihr n<
viele Bedenken entgegen. Das Schwergewicht ist immer noch
die allgemeine Psychiatrie gelegt, die gerade so viel Raum einnim
wie die spezielle: ein besonderes Interesse erhält sie durch die ebe
scharfen wie knappen elementar-psychischen und lokal isatorisc’
Bemerkungen. Die Abbildungen sind von 95 auf 26 reduziert, ol
dass viel verloren wäre. Einen Wunsch hätte der Referent:
wissen, was für Verhältnisse dahinterstecken, dass in der Wiirzbur
psychiatrischen Klinik bloss 2,7 Proz. Alkoholiker aufgenommen w
den, wobei erst noch die Morphinisten und Kokainisten mitgerech
sind (20 jährige Statistik; ganz oder fast ganz vor dem Kriegt
Das Werk ist in seiner jetzigen Form nicht nur eine ausgezeichn
Einführung für die Studierenden, sondern auch dem Arzt der
gemeinen Praxis oder dem Amtsarzt ein vortreffliches Nachschla
buch. E. Bleuler- Burghölzl
Handbuch der Neurologie, begründet von M. L c w andowsl
Ergänzungsband 1. Teil. Unter Mitarbeit von K. Birnbai
0. B u mkc, O. Färber, M. Görke, F. Kehrer, F. Kram
F. Lange, ü. Lenz, B. Pfeiffer. E. R e d 1 i c h, G. S t e
Herausgegeben von O. B u rn k e und O. F o er s t e r. Bd. I. 17 A
492 S. Berlin, .1. Springer, 1923.
In diesem Band sind die Erfahrungen des Krieges auf dem i
biete der Neurologie niedergelegt.
Karl Birnbaum behandelt das Kapitel „Psychopath
und Psychosen“. Ein wesentlicher Einfluss des Krieges mf
progressive Paralyse, die Schizophrenie und auf das manisch-depi
sive Irresein ist nicht festzustellen. Eine spezifische Kriegspsych
im Sinne einer lediglich durch Kriegseinflüsse verursachten Stör'
von spezifischem Charakter gibt es nicht. Dagegen haben die psyc
pathischen und psychogenen Störungen eine riesige Zunahme
fahren. Auch die Zahl der Morphinisten und Kokainisten ist beträi
lieh angestiegen. Die bedeutsamste Kriegserscheinung auf dies
Gebiete ist zweifellos der gewaltige Rückgang der Alkoholpsycho
und Delirien, eine Tatsache, die nur indirekt mit dem Kriege
sammenhängt.
Mit Vergnügen folgt man den klaren und flüssig geschriebe
Ausführungen Oswald Bumkes über die Kriegsneuros
Nicht nur den Fachleuten und den Psychotherapeuten, sondern jed
den seelisches Geschehen interessiert, ist das Studium dieses Kapi
anzuraten.
Ferdinand Kehrer geht auf die spezielle Symptom a t
logie der Hysterie und Neurasthenie ein. Die funk
nellcn Störungen der Sinnesorgane werden besonders ausführ
abgehandelt. Die hysterischen Geistesstörungen, die Ausfalls- i
Reizerscheinungen der äusseren und inneren Organe, die Neuro
der Haut und der inneren Organe — um nur das Wichtigste
nennen — werden übersichtlich abgehandelt. Die Fülle der
obachtungen entstammt zahlreichen eigenen Erfahrungen unter
hilfenahme einer kritisch gesichteten, grossen Literatur.
Die Behandlung der Kriegsneurosen ist von F j
Lange auf fast 150 Seiten dargestellt. Auf keinem andern Gel
der Medizin ist der therapeutische Erfolg so an die Person des Ar?
und an die Art der Umgebung geknüpft wie bei der Behandlung
Kriegsneurosen. Alle die vielgestaltigen Methoden führen bei ri)
tiger Auswahl und entsprechender Durchführung in weitaus i
meisten Fällen zur Befreiung vom kranken Symptom. Freilich di'J
gerade bei dem Kriegsteilnehmer der Rückfall. Daraus ergeben ?
sowohl für die Prognose als auch besonders für die weitere Dien
fähigkeit wichtige Schlussfolgerungen.
Emil Redlich hat die Bearbeitung der Epilepsie üb
nommen. Redlich steht durchaus auf dem Standpunkt, dass <
Epilepsie eine organische — wenn auch nicht immer greifbare
Erkrankung des Gehirns ist. Der epileptische Anfall wird als pat-
logische Reaktionsform des Gehirns aufgefasst. Der Einfluss ^
Kriegs auf die Epilepsie besteht, abgesehen von der Bedeutung r
August 192.3.
Münchener medizinische Wochenschrift.
ädeltraumen für diese Erkrankung, hauptsächlich in der Aus-
ng und in der Verschlimmerung der Anfälle auf Grund der seeli-
;n und körperlichen Beanspruchung. H. B ö w i n g - Erlangen.
Engel und Baum: Grundriss der Säuglings- und Kleinkiuder-
Je und Grundriss der gesundheitlichen Säuglings- und Kleinkindcr-
orge. 11. und 12.. durchgesehene, erweiterte und unbearbeitete
age. München, Verlag von J. F. Bergmann, 1922.
Das schon in den früheren Auflagen wiederholt lobend be-
chene Buch liegt in neuer erweiterter Auflage vor uns. Der vom
geäusserte Wunsch, die Kleinkinderkunde mit in das Buch auf-
-hnieii, wurde in glücklichster Weise berücksichtigt, wodurch
beliebte Buch ohne Ueberhebung als das beste Lehrbuch für die
glings- und Kleinkinderpflegerinnen bezeichnet werden darf. So-
1 die Einteilung des Stoffes, als auch die Behandlung im einzelnen
ten als wohlgelungen bezeichnet werden. Setzt sich das Wolil-
hen des Säuglings und Kleinkindes aus zahlreichen Kleinigkeiten
tminen, mit denen Arzt und Pflegerin vertraut sein müssen in
vorliegenden Buch wird der Leser in fast anmutiger Form, oft
:li wohgclungene Momentaufnahmen unterstützt, alles zu einem
i für den Kenner naturgetreuen Miniaturbilde vereinigt finden,
it nur für die staatliche Prüfung wird der Grundriss den Pflege¬
ilerinnen ein zuverlässiges Lehrbuch sein — auch den Aerzten,
Kinder behandeln, sowie den Fürsorgerinnen sei es aufs ai ge-
ntlichste empfohlen. 0. Rommel- München.
A. Juckenack: Was haben wir bei unserer Ernährung im
shalt zu beachten? Heft 6 der Sammlung „Die Volksernährung ‘.
is Springer, Berlin 1923. 58 Seiten. Grundpreis: 1 M.
Die vorliegende Schrift wendet sich in erster Linie an die Haus¬
en, also an alle die Kreise, die im Haushalte und der Küche dafür
■orgen haben, dass die Lebensmittel in sachgemässer Weise zu-
itet, ausgewählt und verarbeitet werden. Da wir leider nicht' be-
)ten können, dass wissenschaftliche Erkenntnis in der Küche und
iaushalte überall Einzug gehalten haben, so ist ein Buch zu be-
•sen, welches nicht nur alles enthält, was die Hausfrau wissen
e, sondern das auch so geschrieben ist, dass es zur Hausfrau
;ht imd ihr das notwendige Wissen nahebringt. Der Verf. hat auf
HM) Fragen wie sie sich täglich aufdrängen, in der rechten Weise,
ich und bestimmt, fachmännisch unanfechtbar, der Praxis und dem
entsprechend, Antwort gegeben und damit ein lehrreiches Ma¬
il zusammengetragen, das manches Lehr- und Hausbuch ersetzt,
tde die Form, in der das Wissenswerte dargebracht wird, wirkt
ringlich, und so haben wir hier die beste Hoffnung, dass in weiten
sen, in denen das Buch zur Hand genommen werden möge, das-
e viel Segen stiften wird. Da besonders in der jetzigen Zeit der
im Haushalte doppelt darauf geachtet werden muss, dass nichts
orcu geht und dass die Nahrung einfach, billig und gut sein soll,
Jie Schrift am rechten Platz. Weil es der Geist der Zeit er-
ert. hier in erster Linie aufklärend zu wirken, sollte das Buch in
r Familie vorhanden sein. R. Ü. N e u m a n n - Hamburg.
Isidorus Brennsohn: Die Aerzte Estlands vom Beginn der
irischen Zeit bis zur Gegenwart. Ein biographisches Lexikon.
. 1922. Gross 8. 551 Seiten.
Das Buch stellt den dritten Teil eines grossen Werkes dar,
dies die Biographien der baltischen Aerzte umfasst. Damit ist
Nachschlage- und Hilfsbuch für Medikohistoriker und baltische
:hichtsforscher geschaffen, wie es wohl kein anderes Land in
icher Gediegenheit und Ausführlichkeit besitzt. B. hat von sämt-
■n Aerzten seit Beginn der historischen Zeit bis zu den lebenden
raphische und literarische Notizen gesammelt, soweit sie zugäng-
waren. Dem Aerztelexikon ist ein historischer Abriss der Estlän-
nen Medizinalgeschichte beigegeben, der allgemeines Interesse
lient und auf 115 Seiten das Medizinalwesen, die Apotheken,
ikenanstalten, Hygiene, medizinische Gesellschaften usw. um-
t. 79 Proz. der estländischen Aerzte waren deutscher Nation
-ivland 72 Proz., in Kurland 74 Proz.). Es handelt sich also um
Stück deutscher Aerztegeschichte. Unter dem Namen finden sich
• die uns lieb sind und nicht nur in Deutschland, sondern in der
:en Welt den besten Klang haben. Eine Reihe von Registern und
eilen erleichtert die Benützung des Buches. Es ist ein Denkmal
scher Ehre, hoffentlich nicht nur ein Totenmal vergangener
scher Grösse. Kersch ensteine r.
Zeitschriften -Uebersicht.
Zentralblatt für Chirurgie. 1923, Nr. 30.
Otlim. R e i in e r - Graz: Zur Behandlung eitriger Prozesse ohne Tam-
de.
Verl, verzichtet bei eitrigen Affektionen auf Drainage un-d Tamponade:
gt zuerst für 1 — 2 Tage eine Paste mit Kupfer, Wismut oder Blei auf.
dark antiphlogistisch wirkt. Falls nicht spontan der Eiter durchbricht,
it er eine kleine Inzision und legt dann wieder das Präparat auf. Durch
■ehr starke Sekretion, die jetzt einsetzt, vermag sich die Inzisionswunde
zu schliessen. Freilich muss der Verband oft gewechselt werden, damit
durch das reichliche Sekret die Haut mazeriert wird. Eiterstauung in
liefe hat Verf. nicht beobachtet. Die ganze Behandlung ist schmerzlos; I
osen stossen sich von selbst ab; die Heilungsdauer ist kürzer, die Narben
len kleiner.
C. W e b e r - Stargard : Tod infolge Aethereingiessung bei diffuser Peri¬
tonitis.
Verf. berichtet von einem Todesfall nach Eingiessung von Nil g Aether
hei diffuser Peritonitis; offenbar handelt es sieh hier um eine Aether-
mtoxikation mit Lähmung des Atemzentrums. Dieser Fall mahnt trotz' der
seither herrschenden grossen Begeisterung für die Aetherbehundlung der Peri¬
tonitis zur Vorsicht und zur Verwendung von geringeren Mengen von Aether.
(i. P o t o t s c h n i g - I riest: Zur operativen Behandlung der Hcrnia per-
uiagua irreponibilis.
Bei sehr grossen irreponiblen Hernien empfiehlt Verf. die Resektion des
ganzen Bruchinhaltes, soweit Dünndarm und fettreiches Gekröse in Frage
kommt; besonders das Gekröse muss ausgiebig keilförmig reseziert werden.
Dickdarm lässt sich in der Regel leicht resezieren. Der Dünndarm wird am
schnellsten durch End-zu-End-Anastomose wieder vereinigt. Nach der Opera¬
tion (nach Bassin i) tragen diese meist älteren und fettreichen Kranken
einige Zeit eine Leibbinde.
M. K a t z e n s t e i n - Berlin : Ouadrizepslähniung, funktionell geheilt
durch Uebertragung der Kraft der Bauchmuskulatur.
\ erf. hat kürzlich eine Ouadrizepslähniung dadurch funktionell geheilt,
dass er die Kraft der Bauchmuskeln auf den Quadrizeps übertrug; er bildete
2 Sehnen für den M. rectus und obliq. ext., deren periphere Enden mit dem
gelähmten M. quadriceps innig verbunden wurden. Der Erfolg war sehr gut-
Pat. kann gerade gehen und das Kniegelenk fest kontrahieren.
S. K o f m a n n - Odessa: Zur Frage der Nearthrosenbildung am Koxal-
gelenk.
Verf. hat bei einer Hüftankylose eine Nearthrose am Schenkelhals da¬
durch gebildet, dass er einen 10 12 cm langen, -1 — 5 cm breiten duplizierten
Faszienlappen in die am Collum femoris gebildete Knochenspalte implantierte.
Die Methode ist an 3 Abbildungen kurz erläutert.
A. Schwarz-Dresden: Halswatteverband bei Schädelbasisbruch.
Verf. empfiehlt den von ihm schon früher angegebenen typischen Hals¬
watteverband auch bei Schüdclbasisfrakturen, wo er wesentlich die Schmerzen
lindert. Mit 1 Abbildung.
A. S c h a n z - Dresden: Die Sicherung der Resultate orthopädischer
Osteotomien.
Um nach orthopädischen Osteotomien jede Verschiebung der Bruchenden
zu verhüten, führt Verf. jede Osteotomie auf dem Hcusner sehen Ex¬
tensionstisch aus, auf dem der Kraulte liegen bleibt, bis der Gipsverband
hart ist. Bohrschrauben oder -nägel aus nichtrostendem Stahl sollen die
Knochenenden in der richtigen Stellung erhalten. Mit 4 Abbildungen.
R. G o e p e 1 - Leipzig: Zum Einmanschettierungsverfahren. Erwiderung
auf die Arbeit von Mandl und Gara in Nr. 16, 1923.
Verf. stellt einige Missverständnisse richtig, die Mandl und Gara
in ihrer letzten Arbeit unterlaufen sind, und betont nochmals die wesentlichen
Punkte seiner Methode, die bereits an vielen Kranken mit Erfolg angewendet
worden ist.
E. E n d e r 1 e n - Heidelberg: Zur Mitteilung von H. Seitz: Zur Frage
der Stumpfversorgung nach der Cholezystektomie. No. 18, 1923.
Verf. weist darauf hin, dass sich von der „neuen Methode“ der Zystikus-
versorgung in „K e h r, Praxis der Gallenwege, 1913“ eine Abbildung findet.
E. Heim - Schweinfurt-Oberndorf.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 29.
A. Mu eil er - München: Die Mechanik der Geburt. (Hl. Schluss.)
In Fortführung seiner Kritik der Seil hei m sehen Lehre weist Verf. darauf
hin. dass S. den Kindskörper als elastischen Zylinder mit einseitiger Ver¬
steifung durch die Wirbelsäule auffasst, während richtigerweise Kopf, Brust
und Becken als starre Teile ausschlaggebend seien und Hals- und Lenden¬
wirbelsäule die Beweglichkeit ermöglichen. Die starren Teile träten bei
S e 1 1 h e i m gegenüber dem Begriff der idealen elastischen Fruchtwalze, den
Verf. bekämpft, zu sehr in den Hintergrund. Die Grundlagen der Geburt
seien mathematisch-mechanisch. Nach wiederholter Durcharbeitung des
S e 1 1 h e i m sehen Werkes „Geburt des Menschen“ kommt Verf. zum Ergebnis,
dass ihn das Prinzip des geringsten Widerstandes mit S. vereinigt, das des
„elastischen Vorgangs“ von ihm trennt.
E. K e h r e r - Dresden: Entwurf zu den Richtlinien für die operative
Technik der frühzeitigen Schwangerschaftsunterbrechung.
Verf. entwarf im Auftrag der Dresdner Gynäkologischen Gesellschaft
Richtlinien für die Behandlung des nicht fieberhaften Abortes für Aerzte und
besonders für forensischen Gebrauch. Sie sollen nach Kritik durch die Fach¬
presse der Allgemeinheit der Aerzte unterbreitet werden. Ambulatorische
Abortbehandlung geschieht auf Verantwortung des Arztes, ambulatorische
Laminariaeinlegung ist unstatthaft. Er verlangt gründlichste Scheidendesinfek¬
tion, Messen des Uterus vor Ausräumung mittels Sonde mit dickem Kopf,
Kürettieren soll der weniger Geübte nur im 1. und 2. Monat und nur mit
stumpfer Kürette. Unentschuldbar ist Unterlassen des Transportes in Klinik
oder der Hinzuziehung eines Spezialisten, wenn Perforation erkannt wird.
Genügende Dilatation ist stets erstes Erfordernis. Metreuryse ist wegen
Gefahr des Berstens des Uterus vor dem 5. Monat zu unterlassen. Tamponade
soll nur bei stärkerer Blutung oder Verdacht nicht völliger Entleerung er¬
folgen. (Die Stellungnahme gegen ambulatorische Behandlung dürfte den
Praktikern und Kassen gleicherweise etwas zu sehr betont erscheinen, zumal
es sich hier nur um nicht fieberhaften Abort handelt. Ref.)
E. Klaften (1. Univ.-Frauenklinik Wien): Ueber biologische Ver¬
änderungen nach Röntgenschwaclibestralilung bei einigen gynäkologischen Er¬
krankungen.
Erythrozyten und Blutplättchen bleiben nahezu unbeeinflusst, Leukozyten
steigen um 1/e — ■1/i ihrer Zahl auf Kosten der Lymphozyten. Bei entzünd¬
lichen Adnexerkrankungen sind die Erscheinungen ähnlich denen der Protein¬
körpertherapie. Einzelheiten über das Blutbild.
W. Li ep mann: Psycho-orgaiifsche Korrelation in der Gynäkologie.
(Das Gesetz vom dreifachen Grunde.)
Auf Walthards Anregungen und Kretschmers Lehren aufbauend
stellt Verf. für die Fälle, wo die gynäkologische Erkrankung in der Psyche
ihre primäre Ursache hat, drei Gesichtspunkte auf: Das Hemmungsgesetz,
d. h. den Vorgang, wo durch zurückgehaltenen Sexualtrieb. Perversion,
Fixation an die Umgebung (Eltern, Geschwister) ein dem Kranken un¬
bewusster Seelenkonflikt entsteht; dann die Gesetze der Vulnerabilität und
des Pansexualismus, auf Grund deren in einer zweiten und dritten Phase
durch erhöhte Reizimpulse organische Effekte entstehen, das Leiden also
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WüCH ENSCH RtEl .
iog4
organisch imponiert und die psychische Genese verwischt wird, weil sich ein
pathologisch-anatomisch-organischer Automatismus bildet. Verf. bereitet ein
grösseres Werk über diesen Gegenstand vor.
H. L o e b e 1 - Przemysl: Entstehung und diagnostischer Wert der
kutanen Streifen. .
Auch ausserhalb der Gravidität können kutane Abdominal- und Brust-
drüsenstreifen entstehen, die als Ursache das Breitenwachstum und den Fett¬
ansatz sowie eine gesteigerte Nachgiebigkeit des elastischen Gewebes, eine
Neigung der elastischen Fasern der Lederhaut zum Bersten in der Pubertät
haben. Robert Kuhn- Karlsruhe.
Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 98. Bd.,
3. und 4. Heft.
Gros und K o c h m a n n - Kiel und Halle a. S.: Ueber einen neuen
Mechanismus der potenzierenden Wirkung von Arzneigemischen unter be¬
sonderer Berücksichtigung von Novokain und Kaliumsulfat.
Mischungen von Novokainchlorid und Kaliumsulfat in wirksamen Kon¬
zentrationen beschleunigen im Verhältnis zu den Einzelwirkungen den Eintritt
der Nervenlähmung und zwar führt diese Wirkungsbeschleunigung bei zeit¬
licher Beschränkung der Versuche zu einer Potenzierung. Die Verfasser
schlagen vor, diesen Potenzierungsmechanismus Zeitpotenzierung zu
nennen im Gegensatz zur Konzentrationspotenzierung, die auch
bei Ausschaltung der Zeit als Versuchsfaktor eintritt.
Becher und J e n s s e n - Heidelberg: Ueber Harnstoffdiurese.
Die osmotischen Wirkungen des Harnstoffs vom Blut aus sind für die
Diurese nicht wesentlich. Versuche an Kaninchen zeigten die überaus rasche
Abwanderung aus dem Blut und gleichmässige Verteilung auf den ganzen
Körper, trotzdem Weiterverlauf der Diurese. Letztere ist auch unabhängig
davon, ob Hydrämie bestand oder nicht. Durch Schätzung der absoluten
Wasserverdrängung war regelmässig eine beträchtliche Flüssigkeitsver¬
drängung vom Gewebe ins Blut nachzuweisen und gesteigerter Abstrom durch
die Nieren. Da die Wasserausscheidung anfangs überwiegt, wird durch Zu¬
strom von Kochsalz aus den Geweben das Blut kochsalzreicher; später über¬
wiegt dann die Harnstoffkonzentration des Harns, der Harnstoff wird relativ
reichlicher ausgeschieden als Wasser und Kochsalz. Nach Nephrektomie trat
nur anfangs Hydrämie auf, aber keine beträchtliche Flüssigkeitsverschiebung
vom Gewebe ins Blut wie beim Normaltier. Wenn auch extrarenale Faktoren
nicht auszuschliessen sind, sprechen doch die Versuche im Sinn einer direkten
Nierenwirkung des Harnstoffs. Es ist anzunehmen, dass der wesentlichste
Angriffspunkt aller Diuretika doch in der Nieäre selbst liegt, dass nicht, wie
man jetzt vielfach annimmt, die extrarenale Wirkung im Vordergrund steht.
Schlay-Jena: Die Ausscheidung von Phenolsulfophthalein durch den
Urin nach intravenöser Injektion in wässeriger und Chlorkalziumlösung,
nach Lösung in Serum und defibriniertera Eigenblut und nach Verabreichung
von Narkoticis.
K ü b 1 e r - Zürich: Ueber die Angewöhnung an Arsenik.
Uebereinstimmend mit früheren Versuchen von Cloetta fand Verf.,
dass man Hunde in langen Zeiträumen an hohe, sonst letale Dosen von AS2O3
gewöhnen kann, wobei infolge allmählicher Verminderung der Resorption im
Darm die Ausscheidung im Harn prozentual und absolut beträchtlich absinkt
(bis auf 0,3 Proz. der zugeführten Menge). Das resorbierte Arsen wird nur
durch die Nieren ausgeschieden, eine wesentliche Retention findet nicht statt.
Eine erworbene Immunität kann auch ohne weitere Arsenzufuhr lange Zeit
bestehen bleiben. Da nur die Resorptionsverhältnisse im Darm massgebend
für die Angewöhnung sind, gehen die immunen Tiere nach subkutaner Injek¬
tion an den gleichen Dosen zugrunde wie normale.
M. C 1 0 e 1 1 a und E. W a s e r - Zürich: Ueber die Beziehungen zwischen
Konstitution und Wirkung beim alizyklischen Tetrahydro-ß-Naphtylamin und
seinen Derivaten. II. Mitteilung.
I s e n s c h m i d - Bern: Ueber die Beteiligung der Schilddrüse an der
Wärmeregulation.
Verf. fand bei Kaninchen, dass die Schilddrüse in der Regulation der
Körperwärme keine führende Rolle spielt.
H e s s e - Breslau: Die Atropinfestigkeit der Kaninchen und ihre Be¬
ziehung zur unspezifischen Reizbehandlung.
P f e i f f e r - Graz: Ueber den Einfluss des Schilddrüsenverlustes auf die
Wärmeregulation des Meerschweinchens.
Schilddrüsenlcse Meerschweinchen waren leichter abzukühlen als ge¬
sunde und zeigten auch nach intraperitoneal eingespritzten Aspiringaben
starke Temperaturabnahme. Bei passivem Ueberhitzen im Wärmeschrank
verhielten sich aber beide Versuchsgruppen gleich. 6 — 8 Wochen nach der
Operation war das Wärmeregulierungsvermögen wieder zurückgekehrt. Vor
der Operation sensibilisierte Tiere erkrankten bei der Reinjektion nur ganz
wenig und bleiben am Leben, vielleicht, wie Kapinow annimmt, infolge
Mangel an anaphylaktischem Antikörper. L. Jacob- Bremen.
Archiv für Hygiene. 92. Band, Heft 2, 3, 4. 1923.
O. N a k a m u r a - Prag: Die Hemmung der Bakteriophagenwirkung
durch Gelatine.
Dörr hat bereits mitgeteilt, dass die Gelatine die Bakteriophagenwirkung
hemmt. Verf. konnte die Angaben vollständig bestätigen. Diese eigenartige
Hemmung zeigen aber auch andere Kolloide, wie Salepschleim, Traganth-
schleim, Gummi arabicum und auch Agar. Sie äussert sich zunächst in einer
Verzögerung ihrer Vermehrung. Im ganzen ist sie gering, wenn sie auch für
„kleine“ Bakteriophagen stärker in die Erscheinung tritt als für „grosse“. Am
ausgeprägtesten ist die Wirkung bei der Gelatine. Interessant ist die Be¬
obachtung, dass auch jene indirekte Bakteriophagenwirkung, welche sich in
der Ausbildung bäkteriophagenfester Stämme äussert, in Gelatine und anderen
organischen Kolloiden ausbleibt, obwohl eine Vermehrung der Bakteriophagen,
wenn auch mit einiger Verzögerung erfolgt.
L. Schwarz und J. P a g e 1 s - Hamburg: Versuche zur Frühdiagnose
der gewerblichen Manganvergiftung.
Die Versuche, die mit Thüringer Braunstein und Mangansuperoxyd bei
Katzen ausgeführt wurden, zeigten eine Zunahme des Hämoglobingehaltes und
der Erythrozytenzahl im Anfang. Nach langdauernder Aufnahme kam es
in einem Falle zu einer darauffolgenden Abnahme von Hämoglobin und der
Leukozytenzahl. Dass auch das Zentralnervensystem beeinflusst wurde, be¬
wiesen eintretende Lähmungen. Reines Mangansuperoxyd wirkte giftiger als
Braunstein. Die Giftwirkung ist auf das MnCh zurückzuführen, die ver¬
schiedene Giftigkeit auf die verschiedene Löslichkeit der Salze.
x Nr.J
K. B. Lehmann und Hans W e i 1 - Würzburg: Vergleichende V* .
suche über die Wirkung von Kaffee und Tee.
Wie schon früher von Lehmann gezeigt werden konnte, ist die W
kung des Kaffees und des Tees dieselbe, es kommt nur auf die Menge
die genossen wird. In den vorliegenden Versuchen sehen wir eine Bestätigu
dieser Annahme. Mengen von 0,025 g Koffein waren wirkungslos, ebeni
0,125 g. 15 g Tee mit 0.1 g Koffein bis 20 g Tee mit 0,17 g Koffein wirki
ebenso. Bei 0,25 g Koffein, gleichgültig ob sie in Kaffee oder Tee gcnoinm
werden, bringen Schlafstörungen, Abnahme der Pulsfrequenz und vermehr
Urinsekretion hervor. Bei grösseren Dosen tritt die Wirkung verstärkt al
K. B. Lehmann und Emil S c h e i b 1 e - Würzburg: Quantitative Uni.
suchung über Holzzerstörung durch Pilze.
Als holzzerstörende Pilze standen zur Verfügung: Merulieus lacrimai
2 Polyporusarten, Dädalea, Coniophora, Stercum, Armillaria und ein bish
noch nicht bestimmter Pilz. Die Versuche erstreckten sich auf Kulturversuc
auf künstlichen Nährböden, auf die Bildung von Kohlensäure unter Her;
ziehung von frischem Holzmaterial, das später infiziert wurde. Ausserdi
wurden Bestimmungen des Brennwertverlustes durch die Ermittlung der Vi
ringerung des spezifischen Gewichtes des absolut trockenen Holzes ausgefüh
Es zeigte sich, dass innerhalb von 6 Monaten das Holz unter Kohlensäui
bildung so zerstört werden kann, dass 5 — 30 Proz. der Trockensubstanz v.
loren gehen. Damit geht Hand in Hand die Abnahme des spezifischen C
wichtes und des Brennwertes. Nach diesen Ermittlungen ist es leicht
berechnen, dass in den Wäldern bei geeigneter Temperatur und Feuchtigk
so viel Verluste entstehen, dass mit einer Wertabnahme von 10 20 Pr.
gerechnet werden muss.
Sukeyasu Okuda-Prag: Pyozyaneusbakteriophagen.
R. Kan ao- Wien: Zur Desinfektionswirkung der Kresole.
Aus den Ergebnissen ist folgendes hervorzuheben: Die Desinfektioi
Wirkung von Ortho- und Metakresol auf Staphylokokken stimmen mit gross
Genauigkeit überein. Parakresole zeigen eine schwächere Desinfektionskr;
Die Wirkung der Kresole ist ungefähr noch einmal so stark als die c
Phenole. Die Einwirkungsdauer bis zur Abtötung ist der siebenten Potenz 1
Kresolkonzentration umgekehrt proportional. Im Innern der Zellphasen ist c
methylierte Phenolmolekül weniger giftig als das nichtmethylierte.
J. Fürth- Prag : Ueber die Methodik der biologischen Eiweissdifferi
zieruug.
Die Vorschläge für eine neue Methode zur Eiweissdifferenzierung 1
ruhen auf der Auffassung einer Gegensätzlichkeit im Verhalten körperlicl
Antigene zu ihren Antikörpern und gelöster zu den ihrigen.
Th. J. Bürgers und W. B a c h m a n n - Düsseldorf : Untersuchung
über den körperlichen Zustand der Jugendlichen Düsseldorfs nach dem Krie;
Die 14— lö'jährigen Düsseldorfer Jugendlichen sind in ihrer körp
liehen Entwicklung offenbar zurückgeblieben, was auf Schädigungen der Krie;
und Nachkriegszeit zurückzuführen ist. Dagegen zeigen die 16 17jährig
eine günstigere Körperentwicklung. Das Berufsleben scheint keinen e
scheidenden Einfluss auf die gute oder schlechte Beschaffenheit des Materi
auszuüben, vielmehr dürften hier Berufsauslese, wirtschaftliche Konjunktur e
eine Rolle spielen. Der Vergleich an Turnern und Nichtturnern im Alter v
14 Jahren zeigte die Ueberlegenheit der Turner.
R. O. Neumann - Hamburg
Klinische Wochenschrift. 1923. Nr. 29 und 30.
Nr. 29. U. E b b e c k e - Göttingen: Endothelzellen, „Rougetzellen“ u!
Adventitialzellen in ihrer Beziehung zur Kontraktilität der Kapillaren. I
Uebersichtsaufsatz.
H. Z 0 n d e k und T. Reiter- Berlin: Hormonwirkung und Kationen
Als Ergebnis ihrer Versuche an Kaulquappen fassen die Verfasser
sammen: Die Hormone sind nicht an und für sich, sondern nur im Rahm»
einer bestimmten Elektrolytkonstellation Träger der ihnen als spezifisch ;|
geschriebenen Wirkungen. Es ist anzunehmen, dass das vegetative Nervik
System als ein Bindeglied zwischen Hormon und Erfolgsorgan jenem <|
optimalen Bedingungen für seine Wirksamkeit ermöglicht und damit sein!
seits der Regulation des hormonalen Gleichgewichts dient.
O. G r 0 s s - Greifswald: Zur Röntgendiagnostik der PankreaskraiU
heiten.
3 Fälle werden mit Krankengeschichten und den RöntgenschirmbildiH
eingehend erörtert, einer derselben beweist auch die Wichtigkeit des PneunW
Peritoneums für die Diagnose, die beiden letzten Fälle zeigen die Wichtigku
der funktionellen Pankreasprüfung. Dabei lieferte die Kaseinprobe
quantitativen Trypsinbestimmung in den Fäzes einwandfreie Ergebnisse. I
C. Brunner und Ad. R i 1 1 e r - Zürich: Zur Wirkung des Rivan-
auf die Gewebe.
Aus den experimentellen und klinischen Ergebnissen geht hervor, d:.
die Rivanollösung 1 : 400, mit der im Experiment Meerschweinchen bei si<|
kutaner Infektion gegen die absolut tödliche Dosis geschützt werden konnte
gleichzeitig die Gewebe stark schädigt und zwar besonders die Muskeln, H
welchen Nekrosen auftreten. Das Ziel der Tiefendesinfektion ist wohl nt
bei weitem nicht erreicht.
W. S t a r 1 i n g e r - Wien: Ueber die Bedeutung der physikallse
chemischen Eiweissstruktur des Blutplasmas und eine einfache kliniso
Methodik zu ihrer Beurteilung. Nicht zu kurzem Auszuge sich eignend. Jj
M. M a r k u s - Berlin : Zur Diagnose der akuten Pankreaserkrankunfi
durch Fermentnachweis im Serum.
Verf. hat an einem Falle den Versuch unternommen, das Pankre.'
ferment im Blute zu erfassen. Die Pankreaslipase erweist sich als resist<|
gegen Atoxyl, während die normale Blutlipase und andere spezifisd
Lipasen schon in geringen Mengen tötet. Die Pankreaslipase wurde dun
die stalagmometrisch zu registrierende Aenderung der Oberflächenspanntn
bei fermentativer Spaltung einer Tributyrinlösung nachgewiesen.
P. G. B ö 1 1 c h e r - Berlin: Ueber die klinische Verwertbarkeit v
Nadelelektroden (Straub) bei der Elektrokardiographie.
Der Vergleich der Hautableitung, der intra-, subkutanen und Tief¬
ableitung zeigte, dass für eine einwandfreie Kurvenschreibung offenbar 1
intrakutane Nadelableitung (Straub), meistens auch die subkutane Lagen:
der Nadelelektroden, das Optimum darstellt.
Fr. Blumenthal und Finkenrath - Berlin : Ueber quantltat ;
Messung der Strahlen in der Lichttherapie.
Verf. haben zunächst die Beständigkeit der Zahlenangaben verschieder
Aktinimeter (Fürstenau) geprüft und gute Uebereinstimmung gefundi
ferner beschreiben sie ein Verfahren, mittelst der Aktinimeter auch '■
10. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. i065
individuelle Lichtempfindlichkeit jedes einzelnen Kranken zu bestimmen, was
für die richtige Anwendung der Lichttherapie von Wichtigkeit ist.
A. O r li a n s k i - Berlin: Die Sippy-Kur In der Ulcustherapie.
Das Prinzip derselben besteht in einer dauernden Alkalisierung des
Magensaftes, wechselnd mit kalorienreicher, schonender Diät in häufigen
kleinen Portionen, die den Zweck haben, die Säureprdduktion herabzusetzen.
Die Erfahrungen bei 28 Kranken erwiesen die Kur als „eine sehr empfehlens¬
werte Behandlungsmethode des Ulcus ventr. und duodeni“. Sie muss aber
mehrere Monate, womöglich' 1 Jahr, fortgesetzt werden.
K. L a q u a - Breslau: Hat die Vorbehandlung des Empfängers mit art-
iremdem Serum einen Einfluss auf das Schicksal eines homoioplastlschen freien
rransplantates? Mitteilung von Experimenten an Ratten.
C. W. C. M i e r e m e t - Groningen: Hautveränderungen durch Einwir¬
kung des elektrischen Stromes, ihre differentialdiagnostische Bedeutung und
ihr histologisches Bild.
Bei der Einwirkung des elektrischen Stromes auf die Haut entstehen
gewisse Veränderungen des Hautbindegewebes etp„ welche Folge der Tem¬
peratur sein können, welche in verschiedener Weise erhöht wird: einerseits
von aussen appliziert, anderseits in der Haut gebildet. Die Art der Haut¬
verdickung scheint vielleicht eine spezifische Wirkung des Stromes darzu¬
stellen.
H. Kahn -Altona: Ueber eine einfache Flockungs-Trübungsreaktion bei
malignen Tumoren.
Die mit ihrer Methodik beschriebene Reaktion beruht auf einer Ver¬
minderung der Albumine, sowie der fettsäurebindenden Lipoide im Serum von
Tumorkranken. Die Reaktion ist technisch unschwer auszuführen.
E. G o 1 d b e r g - Breslau: Das Aurikularisspmptom der Meningitis. Zu
dem gleichnamigen Aufsatz von Mendel in Nr. 17 der Klin. Wschr.
Verf. gibt einen anderen Erklärungsversuch des von Mendel a. a. O.
näher auseinandergesetzten Phänomens.
H i I g e r s - Königsberg: Die Rachitis in den Grossstädten und ihre Be¬
deutung für die Volksgesundheit.
Bemerkung zur gleichnamigen Arbeit von Engel, Nr. 12 d. Wschr.
Engel- Dortmund: Erwiderung.
A. P a 1 1 a d i n - Charkow: Ueber Kohlehydrat- und Kreatinstoffwechsel
bei experimentellem Skorbut.
F. Kl e witz und F. K r i e g e r - Königsberg: Ueber die Ninhydrin-
reaktion der eosinophilen Granula.
A. B u s c h k e und E. Langer - Berlin : Schleimhautveränderungen
bei Ratten infolge der Teerein Wirkung.
Kurze wissenschaftliche Mitteilungen.
W. V o g e 1 - Giessen: Ueber einen Fall von B u h 1 scher Krankheit mit
einem Beitrag zur Frage des Fettgehaltes der parenchymatösen Organe bei
Veugeborenen. Kasuistische Mitteilung.
Nr. 30. H. S e e 1 e r t - Berlin: Krankheitsursachen in der Psychiatrie.
Uebersichtsaufsatz.
A. G o 1 1 s c h a 1 k - Würzburg: Der Nahrungsreiz als Regulationsprinzip
m intermediären Stoffwechsel.
Die Versuche ergaben das Resultat, dass wohldefinierte Nahrungsbe¬
standteile bei oraler Zufuhr eine bei geeigneter Versuchsanordnung deutliche
spezifische Reizwirkung auf den intermediären Stoffwechsel ausüben und
zwar im Sinne der Steigerung bestimmter Abbauphasen des betr. Partial¬
gliedes.
F. S c h e 1 o n g - Kiel: Das Aufhören der Tätigkeit des menschlichen
Herzens im Tode.
Elektrokardiographische Untersuchungen an 20 Sterbenden ergaben, dass
die Art und Weise des Absterbens in erster Linie vom Zustand des Herz-
nuskels abhängt. Funktionell und anatomisch intakte Herzen zeigen noch
.'ine ausgesprochene Fähigkeit zur heterotopen Automatie. Wenn die Reiz-
lildung des A-V-Knotens und niederer Zentren sehr gering war, wurden ge¬
wöhnlich auch hochgradige anatomische Herzveränderungen gefunden. In der
4rt des Absterbens konnten 3 Stadien unterschieden werden, die vielge-
italtigen Arrhythmien entstehen während der Uebergänge von einem Stadium
n das andere durch Interferenz mehrerer Reizbildungsstellen.
L. Landau und L. v. Pap- Wien: Ueber den Einfluss der Leber auf
len Wasserhaushalt.
Die Leber greift im Wasserhaushalt nicht nur durch ihre mechanische
Anpassungsfähigkeit reflektorisch ein, sondern ihr Gewebe ist selbst mitbe-
eiligt, um die Menge, die Konzentration, die physikalisch-chemischen Ver-
lältnisse des Blutes auf erwünschter Höhe zu erhalten. Die lokale oder die
üiemische Fernwirkung des Leberparenchyms ist auch für die Diurese von
nitbestimmender Bedeutung.
F. Frisch- Wien: Nervenlues und Aortitis iuetica.
Unter 145 Fällen von Nervenlues fand sich 45 mal eine Komplikation
;eüens der Aorta; nur 2 von diesen letzteren Fällen machten Angaben über
>uöjektive Sensationen. Verf. glaubt, dass die eine Nervenlues kompli¬
nerende Aortitis eine der reinen Aortitis nicht zukommende Benignität auch
n „tektonischer“ Hinsicht besitzt, wofür er verschiedene Argumente anführt.
S. B. De Vries R o b 1 e s - Amsterdam: Untersuchung über den Zu¬
sammenhang zwischen Asthma und exsudativer Diathese.
Aus seinen Untersuchungen folgert Verf. dass der Extrakt von Schuppen
menschlicher Haut nicht geeignet ist, das Bestehen exs. Diathese bei Kindern
lachzuweisen, dass ferner ein deutlicher Einfluss des Alters auf Positiv¬
er Nichtpositivsein der Reaktionen nicht wahrgenommen wurde. Mit dein
■ichuppenextrakt kann ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Asthma und
:xs. D. nicht nachgewiesen werden.
W. K i r s c h b a u m - Hamburg: Methoden und Kautelen einer Malarla-
ilutkonservlerung und -Versendung zur Behandlung der progressiven Para-
yse. Nach Beobachtungen an Tertianaplasmodlen ln vitro und an Impf-
/ersueben.
Verf. hat längere Versuchsreihen ausgeführt, um die Einflüsse der Tem-
leratur, der Bewegung, der Art der Defibrinierung mit und ohne Dextrose-
:usatz die verlässliche Dauer der Lebensfähigkeit der Plasmodien zu
■tudieren.
J. S. M a g a t - Simferopol: Erfahrungen über Hämo vakzlne beim Fleck-
vphus.
Die prophylaktische Impfung gegen Fleckfieber mit defibriniertem Blut
'■on Kranken auf der Höhe des Exanthems nach Sterilisierung ist nicht ge¬
eignet, die Ansteckung zu verhindern. Die prophylaktische Impfung kann
licht empfohlen werden.
C. J. R o t h b e r g e r - Wien: Bemerkungen zur Theorie der Kreisbe¬
wegungen beim Flimmern.
Verf. wendet sich gegen die Begründung der von de Bo er aufge¬
stellten Ansichten über diese Kreisbewegungen.
H. S c h a c k - Magdeburg: Vergleichende Leberfunktionsprüfung.
Bemerkungen zu der Mitteilung von Hesse und Havemann in
Nr. 42 S.\ 2077 d. Wschr.
Verf. konnte feststcllcii, dass auch bei Lebergesunden milchsaures Natron
in bestimmter Menge eine Erhöhung des Blutzuckers bewirken kann.
Tabellen.
J. S m o i r a - Magdeburg: Ueber vergleichende Bilirubinbestimmungcn
mit der Methode von E. H e r z f e I d und van den B e r g h.
Verf. kommt zum Ergebnis, dass die genannte Methode praktisch durch¬
aus brauchbar ist.
C. Oehme-Bonn: Die Abhängigkeit des Wasser-Salzbestandes des
Körpers vom Säure-Basenhaushalt und vom physiologischen lonengleieh-
gewicht.
R. S t e r n - Berlin: Ueber den Mechanismus der serologischen Lues¬
reaktionen.
E. Bloch und E. 0 e 1 s n e r - Berlin : Untersuchungen an menschlichen
roten Blutkörperchen. Kurze wissenschaftliche Mitteilungen.
W. Schmitt-Leipzig: Passagere Blindheit bei Keuchhusten.
Kasuistische Mitteilung. Grass tnann - München.
Medizinische Klinik. Heft 29.
Th. B r u g s c h - Berlin: Allgemeine Lebensprognostik.
K. G o 1 d s t e i li - Frankfurt a. M.: Die Funktionen des Stirnhirnes und
ihre Bedeutung für die Diagnose der Stirnhirnerkrankungen.
L. F e i 1 c h e n f e 1 d - Berlin: Die Prognostik innerhalb der Lebens¬
versicherung.
Die beiden beachtenswerten Abhandlungen von Brugsch und Feil-
c h e n f e 1 d sind leider zu kurzem Bericht wenig geeignet.
I. Z a d e k - Neukölln: Zur kombinierten chirurgischen Behandlung der
Lungentuberkulose; Phrenikusexairese und Pneumothorax.
Manche Schwierigkeiten der Indikationsstellung für die operative Be¬
handlung der Lungentuberkulose werden erleichtert durch eine Kombination
der beiden genannten Eingriffe. Die Phrenikusexairese soll die Einleitung
bilden. Die bisherigen Erfahrungen mit einer Therapie nach diesen Grund¬
sätzen sind günstig, da auch das soziale Moment zu seinem Rechte kommt.
G. Singer -Wien: Bemerkungen zur chirurgischen Behandlung der
Gallensteinkrankheit.
Der Internist warnt vor der Frühoperation, weil die Frühdiagnose des
Steinleidens nur mangelhaft sein kann. Andererseits ist freilich notwendig,
die Verschleppung aller schwereren Gallensteinprozesse zu vermeiden. (Hier¬
für können leider nur geringe Anhaltspunkte gegeben werden.)
H. B i s c h o f f und K. D i e r e n - Rostock: Senkungsgeschwindigkeit der
Erythrozyten und Pirquetreaktion.
Die Skg. schwankt bei gesunden Kindern erheblich, aber gesetzmässig.
Bei schweren Fällen hat die positive Pirquetreaktion einen Einfluss auf die
Skg.; die Beziehungen sind aber unsicher. Bei leichter und latenter Tuber¬
kulose fehlt der Einfluss.
J. V o 1 k m a n n - Halle a. S. : Ueber Narbenverknöcherung.
Klinischer Vortrag. In den letzten 3 Jahren hat die Chirurgische Klinik
Halle neben 25 Fällen von ossifizierendem Hämatom 6 Narbenverknöcherungen
(meist der Medianlinie nach Laparotomie) beobachtet.
J. Oettingen - Witebsk: Ueber einen Kunstgriff bei der topographi¬
schen Perkussion.
Das Nachschwingen des Plessimeterfingers wird durch die im Augenblick
des Plessimeterschlages erfolgende Entfernung des Fingers von der Thorax¬
wand unmöglich gemacht. Ein festes Andrücken des Fingers bewirkt anderer¬
seits eine Spannung der Weichteile an der Perkussionsstelle, so dass die
bekannte Forderung von G e i g e 1 erfüllt wird.
W. B r a u n - Berlin: Ueber die Verwendbarkeit des Menostatikum in
der gynäkologischen Praxis.
Das Gemisch pflanzlicher Drogen hat sich bei Dysmenorrhöe und als
Hämostyptikum bewährt.
J. J o s e f o w i c z - Wien: Zur Frage der Tuberkelbaziilenaggiutination
nach F o r n e t.
Nachprüfungen ergaben, dass das Phänomen keine Agglutination, sondern
eine Fällung ist, die auch mit dem bazillenfreien Diagnostikum zustande
kommt. Die Reaktion ist unspezifisch, da ihr Ausfall von dem Gehalt des
Serums an Globulinen abhängig ist.
H. E n g e 1 - Schöneberg: Schüttellähmung nicht Folge eines Unfalles.
E. G 1 a s e r - Itzehoe: Varizen — Ulcus crurls und ihre Behandlung.
Wechsel des Zinkleimverbandes, B a y n t o n sehe Heftpflasterverbände.
S.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923, Nr. 24.
G o n i n - Lausanne: Breves remarques sur Ia traitement du psoriasis.
A m r e i n - Arosa: Ueber Lungenegelkrankheit (Distomum pulmonale) auf
Grund eines selbstbeobachteten Falles.
Die in Europa ausserordentlich seltene Krankheit ist in Asien, besonders
in Japan häufig. Die Parasiten gelangen mit der Nahrung, hauptsächlich
Krustazeen, in den Körper, wandern durch den Oesophagus oder die Darm¬
wand in die Lunge ein, führen dort zu Bronchiektasen, zirkumskripten
Infiltrationen und selbst Abszessbildung. Im vorliegenden Fall Beginn mit
Darmkatarrh und Ikterus, dann Erscheinungen im rechten Unterlappen, die
zuerst für Tuberkulose gehalten wurden, zumal sich einmal säurefeste
Stäbchen im Sputum fanden. Sehr häufige, zum Teil starke Blutungen, die
schliesslich zu Anlegung eines künstlichen Pneumothorax zwangen, danach
Besserung, schliesslich aber stinkender Auswurf, so dass ein chirurgischer
Eingriff jetzt angeraten wurde. Das Sputum war pflaumenmusartig und ent¬
hielt die charakteristischen Eier. Die Komplementbindungsreaktion war
positiv, keine Leukozytose. Ausführliches Literaturverzeichnis.
S t e i g e r - Bern: Die Röntgenbehandlung der Ischias.
Erfolg in 13 Fällen durch Bestrahlung des Wurzelgebietes des Nervus
ischiadicus.
Ritz: Experimenteller Beitrag zur Wismuttherapie der Syphilis.
Bericht über sehr günstige Erfolge mit Oleo-Bi Roche bei experi¬
menteller Hodensyphilis des Kaninchens. Die sicher heilende Dosis ist 20 mal
geringer als die eben noch ertragene. L. Jacob- Bremen.
1066
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 32.
Vereins- und Kongressberichte.
Berliner medizinische Gesellschaft.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 18. Juli 1923.
Vor der Tagesordnung demonstriert Herr Grün borg einen Fall von
Peilagroid, der infolge quantitativer Unterernährung auf dem Boden einer
alkoholischen Psychose entstanden ist.
Ferner berichtet Herr N e u m a n n über 2 einander ähnliche halle mit
grossem rechtsseitigen Bauchtumor (anscheinend Leberschwellung), eigen¬
artigem Fiebertyp. Der eine kam unter progredienter Verschlechterung zum
Exitus und stellte sich als Ca renis heraus mit Einwachsen des Tumors in
Leber, Pleura und Lunge.
Aussprache: Herr Kraus: Die makroskopische Wachstumsform
und das histologische Bild sprechen beide für das seltene Karzinom der Niere.
Herr Btnda glaubt, dass es sich vielmehr um eine angeborene MiSch-
gesch willst (Karzinosarkom) handeln würde, wenn man den Tumor an den
verschiedensten Stellen untersuchte.
Herr Neumann (Schlusswort): Die histologische Untersuchung
stammt von verschiedenen Tumorstellen und Metastasen und wurde von
Herrn C e e 1 e n ausgeführt.
Tagesordnung:
Herr Umber: Ueber Pankreasinsulin und seine Anwendung bei Dia¬
betikern.
Seit M e r in gs und insbesondere Minkowskis grundlegenden
Arbeiten steht fest, dass der Kohlehydratstoffwechsel durch innere Sekretion
des Pankreas beeinflusst wird. Dann wurde die wichtige Rolle dei
Langerhans sehen Inseln erkannt. Doch blieben alle Pankreasfütterungs¬
versuche erfolglos. Allerdings kann man heute sagen, dass schon 1908
Zülzer dem Ziele der Diabetesorgantherapie nahegekommen war, als er
mit gutem Erfolg ein Präparat herstcllte, das nur durch unangenehme Kom¬
plikation beeinträchtigt war und dessen weitere Vervollkommnung schliesslich
der Krieg hinderte. Neuerdings haben nun kanadische Forscher von der
Universität Toronto in eingehenden Untersuchungen ein neues Präparat er¬
halten, das nach den Berichten der ausländischen, insbesondere amerikanischen
Literatur vollste Beachtung verdient Es wurde nämlich festgestellt, dass
das proteolytische Enzym (Trypsin) störend auf das Organpräparat einwirke,
so dass es ausgeschaltet werden müsste. Verschiedene Wege führten zum
Ziel, so die Unterbindung des Ductus pancreaticus, nach der der Drüsen¬
körper atrophiert unter Erhaltenbleiben des Inselapparates. Aber auch bei
Kalbsföten bis zum 4. Monat und verschiedenen Fischarten finden sich die
Langerhans sehen Inseln getrennt vom Drüsengewebe. Aber erst durch
fabrikmässige Herstellung im grossen konnte das Insulin weitere Bedeutung
erlangen. Es enthält Eiwciss nur noch in Spuren, verträgt Erhitzen, aber kein
Kochen und wird durch Trypsin rasch zerstört, so dass orale Applikation
nicht möglich ist. Insulin wirkt auf den Blutzucker derart, dass er nach
2 Stunden stark absinkt, nach 6 — 8 Stunden den tiefsten Stand erreicht und
nach ca. 24 Stunden seine Ausgangshöhe wiederfindet. Beim Kaninchen
kommt es schliesslich zu Intoxikationszuständen (Unruhe, Krämpfe, Bewusst¬
losigkeit, Tod), sog. hypoglykämische Reaktion. Sic scheint
dadurch zustande zu kommen, dass der Blutzucker unter eine bestimmte
Minimalhöhe heruntersinkt. Diese Reaktion ist durch Dextrosezufuhr sofort
(in weniger als 1 Minute) zu beseitigen. Da beim Menschen Prodromal¬
erscheinungen auftreten (Zittern, Schweiss, Schwindel etc.), lässt sich das
Auftreten einer schwereren hypoglykämischen Reaktion sicher vermeiden,
denn auch hier wirkt Dextrose. Eine weitere Insulinwirkung besteht darin,
dass Azidose schwindet und die Glykosurie bis zu normalen Werten absinkt,
dabei werden die zugeführten Kohlehydrate besser ausgenützt. In der Leber
fand sich ein rasches Ansteigen des Glykogengehaltes, der respiratorische
Quotient steigt an, wie beim Normalen. Die Hyperglykämie beim Zucker¬
stich etc. bleibt nach Insulingaben aus. Es wirkt bei Jugendlichen am
günstigsten. Vor intravenöser Injektion ist zu warnen, es ist nur subkutan
zu verabfolgen (10 — 20 Einheiten pro die), wobei als Einheit die Menge be¬
zeichnet wird, die den Blutzucker um einen bestimmten Wert herabdrückt.
Die Behandlung ergibt keine Dauererfolge, sie ist nur von vorübergehender
Wirkung genau wie Thyreoideavxtrakt beim Myxödem; sie ist auch kein
Ersatz, sondern nur ein Unterstützungsmittel der Diät. Auf Grund eigener
Erfahrungen demonstriert Vortr., wie unter geeigneten Insulingaben die nega¬
tive Zuckerstoffwechselbilanz in eine positive verwandelt wird, diese aber
beim Aufhören weiterer Dosen sofort wieder negativ wird. Vortr. konnte
eine nicht unerhebliche Wasserretention (1 Yi kg pro die) beobachten, auf-
ianttia ist die subjektive Besserung, die der Kranke' selbst sofort verspürt.
Als Nachteile sind die sehr hohen Kosten des Auslandpräparates anzusehen
und die schmerzhafte Applikation, beides wohl überwindbare Fehler, dann
aber das Fehlen jeglicher Nachwirkung und die Verabreichung, die nur unter
klinisch und diätetisch sorgfältiger Kontrolle möglich ist.
Aussprache: Herr Kraus: Das wirksame Hormon hat sich auch
im Pflanzenreich gefunden, so dass die Herstellung eines guten Präparates
auch bald bei uns möglich sein wird, zumal die Industrie schon an der Arbeit
ist. Es kommen die Hefe, Zwiebel, aber auch andere unserer heimischen
Pflanzen in Frage. Als wichtige Indikationen kommt die Behandlung vor
Operationen und beim drohenden Koma in Frage.
Herr S. Rosenberg: Aus Hefe ist schon vor Jahren von Klark
ein brauchbares Präparat hergestellt worden, auch Metabolin (L o e n i n g und
V a h 1 e n, D.m.W. 1922) und Reglykol (Engel- Düsseldorf) sind als deutsche
Vorgänger anzusehen.
Herr Eugen Jungmann berichtet gleichfalls über einen mit Insulin
behandelten Fall.
Herr Umber (Schlusswort).
Sitzung vom 25. Juli 1923.
Vor der Tagesordnung spricht Herr Dülirssen über die W e n i fi g c r-
sche Inhalationskur der Lungentuberkulose. Inhalation von täglich 50 g der
Flüssigkeit soll, auch bei schweren Fällen, absolut unschädlich sein und ganz
überraschende subjektive und objektive Besserungen bewirken. Demonstration
einer erfolgreich behandelten Kranken. Dazu stellt Herr Dämmert noch
8 weitere Fälle vor.
und
solche mit
dreijährige
Tagesordnung:
Herr Pribram: Proteintherapie und chirurgische Therapie des Magen-
Duodenalgeschwürs.
P. behandelt jedes Ulcus ventriculi oder duodeni. auch
schweren Stenosen, zuerst konservativ und verfügt über fast
Erfahrungen an Uber 200 Fällen.
Die Proteintherapie bezweckt eine Applikation von Oewebsreizen an
dem Ulcus als chronischem Entzündungsherd. Fast regelmässig tritt Herd¬
reaktion auf, die im Laufe der Behandlung zur Auffüllung grosser Nischen
führt. Dazu kommt, wie Vortr. durch Adrenalinkurven nachweisen konnte,
eine Wirkung auf das vegetative Nervensystem (Schwächung des Sympathi¬
kus). 24 Stunden nach intravenöser Injektion von 0,5 ccm Novoprotin
zeigen Puls und Blutdruck keine Adrerialinreaktion mehr (Demonstration ent¬
sprechender Kurven). Ein Vergleich mit der Ulcusthcrapic durch Sym¬
pathektomie liegt nahe.
P r i b r a m verwendet ausschliesslich jeden 3. — 4. Tag wiederholte intra¬
venöse Injektionen von Novoprotin, ansteigend von 0,2 1 ccm derart
dass stets eine leichte Reaktion erfolgt. Es werden höchstens 10 — 12 Injek¬
tionen gemacht, die Kur nötigenfalls einmal nach b Wochen wiederholt.
Die Einspritzungen wirken analgetisch, spasmuslösend und hyperämi-
sierend. Meist sind die Kranken nach 2 — 3 Injektionen für Wochen und
Monate beschwerdefrei ohne Einhaltung einer Schonungsdiät. Der Viertel¬
stundenrest verschwindet, (Demonstration zahlreicher Röntgenbilder.)
Allerdings kommen refraktäre Fälle von Ulcus pepticum vor, doch
wurden fast durchweg wenigstens vorübergehende Besserungen erzielt.
Völlig refraktäre Fälle haben sich bei der Operation im allgemeinen als Fehl¬
diagnosen erwiesen. so dass Erfolglosigkeit der Kur in dubio gegen Ulcus
spricht.
Jedenfalls sollen refraktäre Fälle chirurgisch, durch G astroentero-
st o in i e oder Resektion, angegangen werden. Da die Ausschaltung des
Ulcus aus der Magenstrasse nur in 50—80 Proz. Heilung bringt. Blutungs¬
und Perforationsgefahr sowie die Entstehung neuer Ulcera an der Anasto-
mosenstelle nicht mit Sicherheit ausschliesst, gewinnt die Resektion immer
mehr Anhänger. Nur Fälle mit chronischer Hämatomesis operiert P r i b r a m
sofort (Resektion), alle anderen werden zuerst mit Novoprotin be¬
handelt, wobei Kombination mit der zurzeit schwer zu beschaffenden
Schonungsdiät sich erübrigt. J
Aussprache: Herr C r o t e - Halle hat 120 Fälle mit gutem Erfolg
mit Novoprotin behandelt. 52 Fälle zeigten auffallende Besserung,
darunter 17 schwere Stenosen. Nach der Injektion tritt Fieber bis 38 und
deutliche Lokalrekation, mitunter sogar Erbrechen auf. Die Salzsäure-
Keine so guten röntgenologischen, aber
gute klinische Erfolge gesehen.
Ueberflüssigkeit der alten Diätkur. Der
wechselvoller, der Erfolg einer
kombinierten Therapie zu.
reaktion wird nicht herabgesetzt,
ausgezeichnete klinische Erfolge.
Auch Herr Kraus hat einige
Herr S t r a u s s leugnet die
Verlauf des Ulcus ist ein unberechenbarer,
Behandlung in keinem Falle sicher.
Herr Kraus gibt die Zweckmässigkeit einer
Entscheidend ist der klinische Erfolg.
Herr P r i b r a m: Schlusswort.
Herr Westenhöfe r: Ueber Erhaltung von Vorfahrenmerkmalen
beim Menschen, insbesondere eine progonische Trias und ihre praktische Be¬
deutung.
Bei manchen Erwachsenen finden sich, wie W. schon in einem früheren
Vortrag in der Anthropologischen Gesellschaft ausgeführt hat, morphologische
Bildungen, wie sie für Kinder charakteristisch sind: Lappung der Nieren und
der Milz und Hornform des Blinddarms mit fliessendem Uebergang zwischen
Zoekum und Appendix. Diese Trias, die man weder als Anomalie noch als
Infantilismus bezeichnen kann, findet sich fast regelmässig bei einem Menschen
vereinigt. Vortr. beobachtete sie zuerst vor etwa 10 Jahren in Chile und
deutete sie als Rassemerkmal; aber auch bei uns zeigen sie 25 30 Proz.
der Menschen. Es handelt sich um Ueberreste von einer früheren Entwick¬
lungsstufe. Sucht man entsprechende Bildungen in der I ierreihe, so findet
man die grade Verlängerung des Zoekum bei den Pflanzenfressern. Auch die
Nierenlappung kommt bei Fleischfressern niemals, manchmal bei Pferden vor.
Ebenso hat kein Fleischfresser eine gekerbte Milz, die dagegen bei Wasser¬
säugetieren (Walen, Robben, Seeottern, Bären) die Regel ist. Die ganze
progonische Trias (Westenhöfe r) findet sich bei keinem
anthropoiden Affen, aber bei jedem Kinde. Ein Analogon bildet das Erhalten¬
bleiben der oben breiten, unten schmalen kindlichen Lungenform, eine Bildung,
die in Amerika (Bolivien) häufiger ist als bei uns. Darwin betrachtete
diese viereckige Thoraxform der Bolivianer als Folge der Anpassung an das
Höhenklima und zog sie in diesem Sinne zum Beweise seiner Theorie heran.
(Demnach wären alle Neugeborenen Höhenbewohner.) Auch die progonische^
Einwärtsstellung der Füsse hat ähnliche Erklärungen gefunden.
Weste nhöfer schliesst aus seinen Befunden, dass der Mensch jeden¬
falls nicht unmittelbar vom Affen abstammt, die Trennung zwischen den Vor¬
fahren beider vielmehr viel höher in die Ahnenreihe hinaufreicht, etwa bis zu
den Reptilien. Die Kleinheit seines Materials lässt weitgehende Sctilüsse
nicht zu, aber der Prozentsatz des Vorkommens (1 : 2) der progonischen
Trias erinnert auffallend an das Mendel sehe Gesetz.
Ihre gesundheitlichen Folgen werden kurz besprochen. Appendizitis ist
bei einem offen in das Zoekum übergehenden Wurmfortsatz nicht möglich, im
Gegensatz zu dem sekundär ausgebildeten, senkrecht zur Blinddarmlängs¬
achse verlaufenden Appendix der meisten Menschen. Daher bekommen kleine
Kinder keine Appendizitis (ausser einer metastatischen), ebensowenig eine
Spitzentuberkulose. Gelappte Nieren haben häufig ein doppeltes Becken. Bei.
Pyelitis erkranken beide Becken einer einseitigen Doppelniere. Zwei kleinere
XT' . - 1 _ .. - 1 - . . t 1. ....... 1 T T A ,, h 1, i . i t nn r, ll 4 PA L- »- ri T 4 I A- liri O O
Nierenbecken mit zwei Ureteren arbeiten nicht so kräftig wie ein einheitliches
grösseres. Die Menschenniere besteht aus mehreren funktionell ganz selb¬
ständigen Teilen, die der anderen Säugetiere ist ein einheitliches Organ. Von
den Tieren sind die Rinder, die eine ähnliche Nierenform haben, am meisten
nierenkrank.
Aussprache: Herr Ben da hält die an Anthropoiden angestellten
Untersuchungen für nicht zahlreich genug zur Ableitung von Gesetzen. Sicher
stammen die Menschen nicht von anthropoiden, höchstens von niederen
Affen ab. W.
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1007
Aerztlicher Bezirksverein Erlangen.
Sitzung vom 17. Juli 1923.
Herr L. R. Müller: Vorweisung eines Falles von Sklerodermie mit
ibildungserschcinungen an den Fingerendphalangen.
Herr Flaskamp: Ein Fall von Akanthosis nigricans (Dystrophia papil-
et pigmentosa). 23jährige kräftige Frau; Vorgeschichte belanglos; rapide
• icklung des schwersten Krankheitsbildes in drei Monaten. Pigmentierung
Achselhöhlen, des Halses, Bauches, äusseren Genitales. Schwerste
cimhautveränderungen. Genital- und Leberkarzinom (!)
Aussprache: Herren H a u c k, L. R. Müller.
Herr W iss mann: Ueber Retinitis gravidarum. (Erscheint ausführ-
iu dieser Wochenschrift.)
Aussprache: Herren Weichard, Dyroff.
Herr Ko hl mann: Zur Klinik und Röntgendiagnose des subphrenischen
:esses.
ln einer eingehenden Darstellung der topographisch-anatomischen Ver-
lisse erläutert K. an der Hand von Skizzen, dass je nach dem Sitz der
orationsstelle an Magen, Darm, Leber, Milz usw. verschiedenartige
;esse in den entsprechenden subphrenischen Taschen entstehen können,
l Uebergangs- bzw. Mischformen von 2 Taschen kommen in manchen
:n vor. Zur Klarstellung des Krankheitsbildes kann bei gasfreien
tessen nach Probepunktion Luft eingeblasen werden (mit Demonstrationen),
lach der Lage des Abszesses sind Rückschlüsse auf die Aetiologie und
^erforationsstelle möglich (Vorweisung zahlreicher Diapositive). Um fest¬
eilen, ob der Erguss vor oder hinter dem Magen liegt, ist die frontale
ihleuchtung ausgiebig anzuwenden. Auch die Untersuchung in Seitenlage
zur ürössenbestimmung mit Vorsicht heranzuziehen. Die Differential-
nostik wird eingehend besprochen; zu ihrer Erläuterung werden zahl-
le Bilder projiziert. In allen Fällen ist die Frühdiagnose anzustreben, die
nders durch die Röntgenuntersuchung erheblich gefördert werden kann.
Operation hat sich womöglich gleich anzuschliessen. Spontanheilungen
äusserst selten. Die Mortalitätsziffer ist verhältnismässig hoch. Befallen
len vorwiegend Kranke im mittleren und höheren Lebensalter.
Medizinische Geseiiscnatt Göttingen.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 14. Juni 1923.
Vorsitzender: Herl- S c h u 1 1 z e. Schriftführer: Herr v. Gaza.
Herr Richard Seyderhelm: Ueber Beeinflussung der perniziösen
nie durch Anlegung eines Anus praeternaturalis.
Demonstration eines Falles von perniziöser Anämie, bei dem nach An-
lg eines kompletten Anus praeternaturalis im untersten Ende des Ileum
plötzlicher Umschwung des Allgemeinzustandes mit Besserung der Blut-
e beobachtet wurde (Hämoglobin von 48 Proz. auf 105 Proz. ; Erythro-
n von 1 600 000 auf 5 100 000 pro Kubikzentimeter innerhalb 8 Wochen),
der Anlegung des Anus praeternaturalis waren im Urin Indikan und
tilin dauernd stark +, unmittelbar nach der Anlegung des Anus während
nächsten Wochen stets negativ. An der Hand dieses neuen Falles wird
ut auf die Bedeutung bakterieller Eiweissfäulnisprozesse im Bereich des
idarms als Giftquelle für Entstehung der perniziösen Anämie hingewiesen
die von Meulengracht zusammengestellten Fälle von perniziöser
nie bei Dünndarmstriktur). Nach der Anlegung des Anus praeternaturalis
entaner Umschlag der Dünndarmflora, Sistieren der Eiweissfäulnis.
Herr Richard Seyderhelm: Ueber rektale Ernährung.
Ausgehend von den physiologischen Grundlagen der Dickdarmresorption
len auf besonderen Wunsch die für die rektale Ernährung in Frage
menden Nährsubstanzen kurz besprochen und als besonders billig und
tnet das von v. Noorden-Salomo n empfohlene Rezept zu Tropf-
ieren erneut empfohlen:
Dextrin 150,0
Alkohol 30,0
Kochsalz 7,0
W’asser 1000,0
Herr Ebbecle demonstriert eine Methode zur Untersuchung der
rotonischen Erregbarkeitsänderungen am Menschen, bei welcher der durch
inungsteiler abgezweigte konstante Strom durch die sekundäre Spule
. Induktionsapparates geleitet wird, so dass die zur Reizschwellenbestim-
; dienenden Induktionsstösse dem gleichzeitig stossenden konstanten Strom
rponiert werden.
Herr Ebbecke demonstriert einen Apparat, welcher kurze Ström¬
te von genau bekannter Dauer (um Vioooo Sek.) und Spannung anzu-
len gestattet, erörtert die Vorzüge dieses Apparates gegenüber dem
ktionsapparat und zeigt am Nervmuskelpräparat vom Frosch die Abhängig-
der Reizschwelle von der Stromzeit.
Herr Tonndorl: Ein neues Instrument zur peroralen Intubations-
ose.
Muss eine Operation an den oberen Luftwegen in allgemeiner Narkose
enommen werden, so wendet man am zweckmässigsten die perorule
>ationsnarkose an. Das von Kuhn dafür angegebene Instrumentarium hat
Nachteil schwieriger Bedienung. Vorführung eines neuen Instrumentes,
hes leicht zu handhaben und billig ist. (Vortrag erscheint demnächst aus-
ich in der Zschr. f. Hals-, Nasen- u. Ohrenhlk.)
Herr Tonndorf: Ueber einen Fall von Otitis fibrosa circumscripta
ca am Schädel. (Mit Krankenvorstellung.)
Ein 21 jähriges Mädchen hat seit dem 6. Lebensjahr (angeblich infolge
5 Sturzes) eine langsam wachsende, schmerzlose Vorwölbung der linken
i. Es wird eingeliefert und operiert unter dem Verdacht einer linksseitigen
ihöhlenentzündung. Bei der Operation findet sich eine Ostitis fibrosa
unscripta des Stirnbeines mit grosser Zyste im Orbitaldach. — Innere
ine und Blutbild normal, Wassermann negativ. Allem Anschein nach
-ht nur der eine Krankheitsherd am Schädel. (Vortrag soll ausführlich
ner der Fachzeitschriften für Hals-, Nasen- u. Ohrenheilkunde veröffent-
werden.)
Herr Wage ner: Demonstration eines selbsthaltenden Autoskops,
d beschrieben in der Zeitschrift für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde.)
Herr Wagener: Demonstration von Siebheinpräparaten. (Erscheint
-n Verhandlungen Deutscher Hals-, Nasen- u. Ohrenärzte.)
Verein der Aerzte in Halle a. S.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 11. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr F i e 1 i t z. Schriftführer: Herr Grote.
Herr Boeminghaus: Demonstration eines 139 g schweren Harn-
röhrendlvertikelsteines. Das Divertikel mündete in die Pars pendula urethrae.
Herr Linde mann demonstriert eine Frau mit Inkontinenz der Blase,
die durch die G ö b e 1 - S t o e c k e I sehe Operation geheilt wurde.
Herr Grote demonstriert ein 6 jähriges Mädchen mit primordialer
Nanosomie. Mutter untermittelgross, Vater regelrecht gewachsen. Ge¬
schwister normal. Schon bei der Geburt zierlich. Mit einem JahT laufen
gelernt, geistig ganz leidlich entwickelt. Gewicht jetzt 9,7 kg; Körpergrösse
853 mm; Länge der vorderen Rumpfwand 255 mm; proportioneller Brust¬
umfang 50,9; proportionelle Armlänge 40,3; proportionelle Beinlänge 47,9.
Becher-Lenrihoff : 60,0. Schädelindex 89,8. Türkensattel nicht verändert.
Kein Zeichen von Myxödem. Ein Jahr lang durchgeführte Thyreoidinbehand-
lung hatte keinen erkennbaren Einfluss auf das Wachstum. Genitale dem
Alter entsprechend. Mons veneris fettreich.
Besprechung: Herr S t o e 1 1 z n e r.
Herr Hart wich: Die Differentialdiagnose zwischen primordialer und
infantiler Nanosomie ist durch das seelische Verhalten gegeben. Hier handelt
es sich wegen der leidlichen psychischen Entwicklung um einen primordialen
Zwergwuchs. Die Pathogenese dieser Form von Zwergwuchs ist noch ganz
unklar. Vielleicht sind als Erklärung die B o v e r i sehen Experimente
heranzuziehen, in denen durch Befruchtung eines Teilstückes vom Seeigelei
Zwergembryonen erzeugt werden konnten.
Herr Brandt demonstriert als Gegenstück einen rachitischen Zwerg
und weist auf die Feststellungen von Schlange und Veit hin, wonach bei
Rachitis mit Wachstumshemmung die Prognose in bezug auf spontane Rück¬
bildung der Knochenverkrümmung ungünstiger ist.
Herr Stoeltzner: Der therapeutische Stil im Wandel der Zeiten.
(Erscheint als Originalartikel in der M.m.W.)
Herr Streibel: Beiträge zur Rivanoltheraple.
Bericht über gute Erfolge bei puerperaler Sepsis nach Abort durch intra¬
venöse Rivanolinjektionen. (Erscheint ausführlich im Zbl. f. Gyn.)
Besprechung: Herr Stoeltzner.
Herr H a r t w i c h hält für die Beurteilung des Rivanoderfolges eine
bakteriologische Blutuntersuchung vor und nach der A.iwendung für erforder¬
lich. Auch bei lokaler Anwendung von Rivanoltampons im Uterus bei
putrider Endometritis muss eine bakteriologische Untersuchung von Blut und
Zervixsekret vor und nach der Anwendung gefordert werden.
Herr Lindemann: Es handelte sich in den geschilderten Fällen um
schwere septische Erscheinungen, bei denen die Anwesenheit von Keimen im
Blut ohne weiteres angenommen werden konnte. Wenn in solchen Fällen
eine intravenöse Rivanoltherapie die Erscheinungen zum Schwinden bringt,
so ist das ein bemerkenswerter Erfolg.
Herr Fr. Schmidt hat bei einem 13jährigen Knaben eine schwere
hochfieberhafte Osteomyelitis durch mehrmalige Injektion von je 100 ccm
0,1 proz. Rivanollösung intravenös zur Ausheilung gebracht. Bei der von
Härtel und v. Kishalmy empfohlenen Applikation in infizierte Gelenke
und Abszesse nach Eiterentleerung wurden nicht so gute Erfolge wie von
diesen Autoren gesehen.
Herren Grund, Fielitz, Linde mann.
Herr Lin de mann: Ueber Verbrennungen bei Diathermie. (Erscheint
an anderem Orte ausführlich.)
Besprechung: Herr Neuendorff verwendet die Diathermie viel
bei der weiblichen Tripperbehandlung. Er heizt im Durchschnitt 1 bis
2 Stunden täglich. Benutzt wird der Apparat von Reiniger, Gebbert & Schall.
Fettkoagulationen geringeren oder stärkeren Grades sind häufig, zwingen
aber selten zu längerem Aussetzen. Bei den Fällen, die keine Veränderungen
der Bauchdecken zeigen (Striae, Operationsnarben) entstehen sie durch Un¬
regelmässigkeiten in der Funkenstrecke.
Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg.
(Medizinische Sektio n.)
11. Sitzung vom 19. Juni 1923.
Vor der Tagesordnung: Herr Moro: Krankenvorstellung: 1. Auto¬
vakzination an einem thermokauterisierten Hämangiom mit sofortiger Area¬
reaktion. 2. Varizellenschutzimpfung. 3. Arsenmelanose bei Chorea un(
Struma. 4. Sommerprurigo.
Diskussion: Herren Bettmann, Gottlieb, Moro.
Herr Gans und Herr Pakheisen: Histochemische Untersuchungen
über das Kalzium in der gesunden und kranken Haut.
Mit dem von M a c a 1 1 u m (Handb. d. biochem. Arbeitsmeth. 1912, 5)
angegebenen Ca-Nachweis lässt sich bei exsudativen und proliferativen Haut¬
veränderungen eine Verschiebung des Ca feststellen. Während in der ge¬
sunden Haut das Ca in erster Linie im bindegewebigen Anteil nachweisbar
ist (es wird freies wie gebundenes Ca nachgewiesen) und im Epithel nur eine
gewisse Anlagerung an die Kerne auftritt, überwiegen bei den untersuchten
Dermatosen die Ca-Ablagerungen im Epithel die in Papillarkörper und Kutis
bei weitem. Scheinbar folgt das Ca bei seiner Verschiebung den inter¬
epithelialen Spalträumen; diese erscheinen bei nässenden Ekzemen dichter,
bei trockenen weniger mit Granula angefüllt. Bei krustösen Formen sammelt
sich das Ca vorwiegend in den Krusten in unregelmässigen Klumpen, bei den
squamösen Formen herrschen in den Schuppen Anlagerungen an die Kerne vor.
Diese Ca-Verschiebung in das Epithel lässt sich auch experimentell durch
Höhensonnenbestrahlung erreichen und nachweisen.
Bei bestimmten Hautkrankheiten finden sich neben dem oben erwähnten
Gemeinsamen bestimmte Abweichungen. Inwieweit diese jedoch als end¬
gültige besondere Eigentümlichkeiten zu betrachten sind, wird weiter unter¬
sucht werden.
Gleichzeitig wurde das Kalium nach der H a mb u r g e r sehen Modifikation
(Biochem. Zschr. 1915, 71) untersucht. Das einzige, was bisher hierbei mit
völliger Sicherheit festgestellt werden konnte, ist die verstärkte K-Ansamm-
lung in Schuppen und Krusten.
Die Untersuchungsergebnisse sind vielleicht geeignet, der bisher unge¬
klärten Pathogenese mancher Hautkrankheiten näherzukommen.
1008
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Herr Siebeck: Was bedeutet der Zusammenhang von Krankheit und
Lebensgestaltung für die Aufgaben der klinischen Medizin?
Herr Waltz: Beobachtungen an Magenkranken in Haus und Beruf.
Medizinische Gesellschaft zu Kiel.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 12. Juli 1923.
Herr Schellong: Das Aufhören der Tätigkeit des menschlichen
Herzens im Tode.
Von früheren Untersuchern (Robinson, Hegler) wurde die Tat¬
sache aufgedeckt, dass vom menschlichen Herzen noch eventuell viele Minuten
nach dem klinischen Tode Elektrokardiogramme zu erhalten seien, dass aber
das Verhalten der einzelnen Herzabschnitte zueinander während des Ab-
sterbens vollkommen regellos sei. An der Hand von Elektrokardiogrammen,
die von 20 Sterbenden vor und während des Exitus bis zum Herzstillstand
gewonnen wurden, wird gezeigt, dass doch eine Gesetzmässigkeit zu er¬
kennen ist. Es werden drei Stadien in der terminalen Herztätigkeit unter¬
schieden. Im 1. verlangsamt sich der normale Sinusrhythmus bis zum even¬
tuellen völligen Stillstand. Ursache: Vagusreizung infolge COa-Vermehrung
des Blutes, ln den meisten Fällen kommt es zur Ausbildung des 2. Stadiums,
das durch Automatic untergeordneter Zentren gekennzeichnet ist. Der Zeit¬
punkt des Beginns und der Verlauf dieses Stadiums sind abhängig von dein
funktionellen Zustande des Herzmuskels, der mit dem anatomischen weit¬
gehend parallel verläuft: bei anatomisch und funktionell noch intakten Herzen
kommt es zum Typ der hochgradigen Reizbildung“, leistungsfähige Herzen
zeigen keine oder nur geringe Automatic. Herzkranke sterben also — wenn
die allmählich zunehmende Leistungsunfähigkeit des Herzens die Todesursache
ist — nicht unter Uebererrcgung oder gar unter Kammerflimmern. Im
3. Stadium kann der Sinus — infolge Lähmung des Vaguszentrums nicht mehr
gehemmt — wieder die Führung übernehmen. Auf die geschilderte Art und
Weise stirbt das Herz sowohl bei primärem Atmungs- als auch bei primärem
Herztod; von der Ursache des klinischen Todes ist nur die Dauer der
..postmortalen“ Herztätigkeit abhängig.
Entgegen der Auffassung von Robinson und Hegler muss auf
Grund neuerer Beobachtungen von Einthoven angenommen werden, dass
Kontraktionsvorgänge am Herzen sich solange abspielen, als Aktionsströme
zu erhalten sind. Dass Herztöne und Puls nicht mehr nachweisbar sind, liegt
an dem Sistieren des Kreislaufs infolge Lähmung des Vasomotoren- und
Atemzentrums. — An der Hand einiger Beispiele wird darauf hingewiesen,
dass man aber aus der — absoluten oder relativen Höhe der Zacken
weder auf die Stärke des Kontraktionsvorganges noch auf die Arbeitsleistung
oder Leistungsfähigkeit des Herzens schliessen darf. Die T-Zacke ist am
absterbenden Herzen stets auffallend hoch; die Grösse von T ist also kein
Maass für die Leistungsfähigkeit. Die Einflüsse, die die Höhe der elektrischen
Ausschläge verändern können, sind zu mannigfaltig, um bei der Beurteilung
von Elektrokardiogrammen Lebender auseinandergehalten werden zu können.
Der Wert der Elektrokardiographie liegt in der Erkennung von Arhythmien
und Reizleitungsstörungen. Darüber hinaus ist ihr Wert nahezu erschöpft.
Aussprache: Herren Frey. Bürger, Schellong.
Herr Bürger: Die Klinik der Leberdystopie.
Der Bandapparat der Leber bestimmt lediglich den Platz des Organs in
der Bauchhöhle, ist aber nicht geeignet das lX> kg schwere Organ zu halten
und zu tragen; dafür kommen als wesentliche Faktoren folgende in Betracht:
der Tonus der Bauch- und Interkostalmuskulatur, welcher einen seitlichen
Druck auf die Leber ausübt; ferner das Darmkissen, auf welchem die Leber
ruht. Schliesslich der unteratmosphärische subphrenische Druck. Das
Zwerchfell wird durch die im Thorax gegebenen Druckverhältnisse gewisser-
massen in den Thorax hineingesogen; mit ihm die ihm durch kapilläre
Adhäsion (Quincke) fest anhaftende Leber. Kaiser schätzt, dass die
Leber mit einer Kraft, die 4 kg das Gegengewicht hält, in der Zwerchfell¬
kuppe ,, festgesogen wird“. Sobald der Druck in der Leibeshöhle mit dem
Atmosphärendruck ausgeglichen wird (Pneumoperitoneum), sinkt die Leber
nach unten, einen breiten Spalt zwischen Zwerchfell und ihrer Oberfläche
zurücklassend. Das gleiche tritt nach Magen- oder Darmperforation ein,
wenn Luft in die freie Bauchhöhle gelangt (Demonstration von Diapositiven).
Neben diesem Mechanismus der Leberdystopie kommt ein zweiter vor. bei
welchem sich zwischen Oberfläche des rechten Leberlappens und Zwerchfell
resp. Brust- und Bauchwand Darmschlingen einschieben. Vortragender
demonstriert die Röntgenbilder dreier einschlägiger Fälle. Die Breite des
Spalts kann sich je nach dem Gasgehalt und der Lage des Kranken rasch
ändern. Im Stehen und in linker Seitenlage ist die Abhebelung des rechten
Leberlappens im allgemeinen am deutlichsten. In rechter Seitenlage fällt die
Leber in ihre alte Lage zurück. In allen 3 Fällen handelt es sich um Pylorus¬
stenose mit perigastrischen Verwachsungen; die Diagnose wurde in 2 Fällen
durch Operation gesichert.
Die klinischen Erscheinungen sind vor allem gekennzeichnet
durch Schmerzen in der rechten Seite, die in linker Seitenlage beim Stehen
und Gehen sich verschlimmern. Bei einem der Fälle trat gelegentlich leichter
Hustenreiz auf (Vfenes tussis hepatica). Die Beschwerden im rechten Hypo-
chondrium sind insofern von der Ernährung abhängig, als grobe Gemüse,
schlackenreiches Brot, die zu Blähungen führen, offenbar durch stärkere Gas¬
füllung des zwischen Leber und Zwerchfell gelagerten Dickdarms die Be¬
schwerden vermehrten.
Als E r k 1 ä r u n g s m o m e ti t e für die Dystopie des rechten Leber¬
lappens wurden angegeben: die Verwachsungen zwischen Leber und Pylorus-
gegend, die die Leber nach unten ziehen; die Verkleinerung der Leber als
Folge der Pylorusstenose, das Tiefertreten des Darmkissens infolge des
Schwundes des intraabdominellen Fetts.
In 2 nach Billroth I operierten Fäll en, in denen die Ver¬
wachsungen zwischen Leber und Pylorusgegend durchtrennt wurden, ergab
die Nachuntersuchung eine vollkommene Reposition der Leber; auch nach
Darmblähung kam es nicht zur Dystopie. Hinweis auf die Fälle Chilaiditi;
Weiland. Systematik der Hepatoptosen und Dystopien. (Erscheint in der
Kiin. Wochenschrift.)
Aussprache: Herren Weiland, Konjetzny, Schitten-
It e I m, Frey, Schröder, Welz, Bürger. E.
Nr. 3
Wissenschaftl.-med. Gesellschaft an der Universität KOI
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 1. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr Moritz. Schriftführer: Herr Habcrland.
Herr Kochs: Vorstellung eines Falles von doppelseitiger Luxatlo c
turatoria traumatica inveterata, verbunden mit doppelseitiger Unterschenk
aniputation. Es ist dies der 5, Fall von doppelseitiger, traumatischer Hi
geienksverrenkung. Die verschiedenen Behandlungsarten und ihre Result,
werden erörtert. Sowohl von der unblutigen wie blutigen Reposition wut
wegen der Kompliziertheit des Falles und der schlechten funktionellen 1
sultate namentlich des letzteren Abstand genommen. Mit der beiderseitig
subtrochantären Osteotomie, die die Flexions- und Abduktionskontraktur b
der Oberschenkel, die störendsten Symptome des Falles, beseitigte, wut
ein funktionell befriedigendes Resultat erzielt. (Ausführliche Arbeit ersehe
demnächst im Arch. f; Orthop.)
Besprechung: Herren Wiemers, C r a in e r.
Herr C. O. Sonnenschein: Ueber Flockungs- und Trübuii;
reaktionen zum Luesnachweis, insbesondere über eine Formolkontrolle :
Meinicke Dritten Modifikation (DM.).
Erschien in gekürztem Auszug in der M.m.W. 1923 Nr. 21.
Besprechung: Herren Hess, Haberland, Moritz. So
nenschein (Schlusswort).
Herr Vorschütz: macht darauf aufmerksam, dass er eine Reihe \
unspezifischen Wassermann- und Meinickereaktionen beobachtet hat, die
folge von schweren Entzündungen, Pneumonien, Pleuritiden positive I
aktionen ergaben. Nach Abklingen der Entzündungserscheinungen waren
Reaktionen negativ. Ferner weist er darauf hin, dass durch derart
Entzündungsmomente Fälle mit tatsächlich vorhandener Lu
negative Reaktionen ergeben können. In allen diesen Fällen schl
V. die von Sachs angegebene partielle Enteiweissungsmethode für W;
vor. V. hat nach derartiger Enteiweissung die Seren zur Meinicke P
angesetzt und hat dann entsprechende Resultate erhalten.
Herr Oer t ei: Bemerkungen zur Anatomie der inneren Gehirnven
Vortr. berichtet über Injektionsergebnisse an den Venen des Gehirr
Besonderer Wert wurde auf die Untersuchung der mittleren (inneren Hi
venen) gelegt, und zwar speziell auf die Zuflüsse aus dem Gebiet der t
physe. Entsprechend ihrer Zugehörigkeit zum inkretorischen System nt
diese eine gute Zu- und Abfuhr des Blutes haben. Die Wachsinjektion erj
den Nachweis einer kräftigen Vena azygos coronarii« die von M. I. Web
schon 1842 namentlich erwähnt wird, ohne dass jedoch in den späteren Lc
büchern genauer darauf Bezug genommen wird. Als speziell neu stellte 1
die Anordnung und die Art der Einmündung der Vene heraus. Sie samn
sich von der hinteren Kommissur, von den vorderen Vierhügeln und spez
von der Epiphyse, welche sie mit ihren Aesten korbartig umgreift. Die I
miindung selbst erfolgt genau in dem Vereinigungswinkel der beiden Ve
cerebri internue zur Vena magna Galeni. Hier ist jederseits des sagi
eingestellten Einmündungsschlitzes ein klappenartiges Vorspringen der Ver
wand feststellbar, was die Injektion von der Vena magna aus meist unm
lieh macht. Dieses (an in situ gehärteten Gehirnen ev. gut sichtbare) \
handensein einer Klappe ist um so bemerkenswerter, als Klappen im Ge
dieser Venen sonst nicht angegeben werden. Funktionell ist diese Tatsa
von Bedeutung, da bei Stauung in den Venae cerebri internae die genau
Klappe offenbar zugedrückt wird. Die Vena azygos coronarii ist im juge
liehen Alter am stärksten. (Vorläufige Mitteilung.)
Besprechung: Herr S i e g m u n d.
Medizinische Gesellschaft zu Leipzig.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 10 Juli 1923.
Vorsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr W e i g e 1 d t.
Herr Sud hoff: Der Gründungstag der Leipziger medizinischen Fakul
Die heutige Sitzung fällt auf das Datum, an dem vor 508 Jahren
Leipziger Doktoren der Medizin zur „Facultas medicinae“ sich zusamn
schlossen, dem 10. Juli 1415. Im Gründungsjahr der Universität war
24. Oktober 1409 die Wahl des Dekans der Facultas artium erfolgt, in dt
sofort angelegter Magistcrliste auch 5 Mediziner aufgeführt sind. Die fin
sich alle auch unter den 9 Gründungsmitgliedern der med. Fakultät wit
mit angeführt, deren erste Aufzeichnung im ältesten Statutenbuche der n
Fakultät Vortr. in photographischer Wiedergabe vorlegt.
Herr v. Mikulicz-Radecki demonstriert ein 11 Tage altes K
das die Zeichen des Mongolismus aufweist: Lidspalten eng, geschlitzt, et
schiefstehend, nach aussen und oben divergierend, Sattelnase. Schlaffheit
Glieder, besonders der unteren Extremitäten. Am 3. Tage trat
Melaena v e r a auf und daneben Hautblutungen in den Falten der H;
und Fussgelenke. Die Melaena bildete sich allmählich zurück, die H
blutungen wiederholten sich bisher nicht. Blutbild normal bis auf
Thrombozyten, die etwas herabgesetzt sind (135 000), Gerinnungszcit: Be
2 Minuten, Ende 10 Minuten; Blutungszeit 9 Minuten; letztere ist also
längert, ist aber in den letzten Tagen kürzer geworden. Vielleicht liegt
zur Konstitutionserkrankung des Mongolismus gehörende Anomalie
hämatopoetischen Systems vor. Die Prognose scheint bezüglich der Mel;
günstig zu sein.
Herr Linzenmeier: Die Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit
ihre praktische Bedeutung. (Erscheint unter den Originalien der M.m.W.
Aussprache: Herr Adler: Die W i d a 1 sehe Blutkrisc ist. v
man die Leukozyten und den Blutdruck als Testobjekt benutzt, für die
gnose der Leberschädigungen unbrauchbar. Zieht man aber andere I
Veränderungen nach Milchzufuhr heran, so ergibt sich, dass beim Nom’
der Fibrin- und Globulingehalt (wasser- und kohlensäurefällbares Glob
nach peroraler Milchzufuhr auf annähernd der gleichen Höhe bleibt, t
Leberkranken aber nimmt der Fibrin- wie auch der Globulingehalt meis
in seltenen Fällen aber auch ab. Für diese Veränderung im Fibrin-
Globulingehalt des Blutserums ist die Erythrozytenscnkungsgeschwindii
ein ausgezeichneter Indikator, sie geht den Fibrin- und Globulinveränderu
im Blutserum nahezu parallel.
Herr Sonntag berichtet, dass in dem Chirurgisch-poliklinis*
Institut der Universität Leipzig seit einigen Monaten ebenfalls Untersucht^
MONCHFNHR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1069
UiKUSt 192.1.
i die Blutsenkungsgeschwindigkeit vorgenoinmcn werden, und zwar nach
l_ inzenmeier sehen Methode. Die Untersuchungen sind noch nicht
i chlosscn. Wenn auch die Reaktion nicht spezifisch ist. sondern u. a. hei
angerschaft sowie nach Operationen und Frakturen beobachtet wird, so
sie doch schon wegen ihrer Einfachheit auch in der Chirurgie neben
guten klinischen Untersuchung und neben sonstigen Reaktionen der
iig unterzogen werden. Soweit ein Urteil bisher möglich ist,
it die Blutsenkungsgeschwindigkeitsprobe brauchbar zu sein zur Dr¬
ing von Hysterie oder Simulation, von akuten Entzündungen, von clironi-
Entzündungen einsehi. von Tuberkulose und Syphilis, insonderheit
lochen und Gelenken, von malignen Tumoren, spez. Karzinom aller tb-
ferner zur Beurteilung latenter Infektion vor Operationen (Plastik,
ikmobilisation, Knochenoperation, Bauchschnitt im Intervall usw.) und
sslicli zur Entscheidung von Prognose und Therapie bei Tuberkulose
i'umoren (Metastase, Rezidiv usw.). Nach Abschluss der hiesigen Unter-
ngen soll über deren Ergebnis berichtet werden.
Herr W eicksei: An der medizinischen Poliklinik haben wir die
enkungsreaktion seit K> Jahr durchgeführt sowohl bei der Reizkörper-
pic als besonders bei der Behandlung der Lungentuberkulose. Wir
eten die Linzenmeie.r sehe Methode an. Uns beschäftigte insbe-
re die Frage, ob es gelänge, bei einem gelungenen Pneumothorax die
mgsgesehwindigkeit der R. zu verlängern. Es war uns aufgefallen, dass
(ranker, bei dem 2 Jahre lang eine gute Kompression der erkrankten
» erzielt worden war, eine Blutsenkung von 210 Minuten nach L i n z e n -
e r zeigte. Von 20 zur Zeit behandelten Pneumothoraxfällen gelang
iei einem Falle die Senkungsreaktion innerhalb von 5 Monaten von
uf 110 Minuten zu verlängern. Die übrigen Kranken blieben unbe-
sst. häufig trat nach eingetretener Komplikation (Exsudat etc.) eine
ungsbeschleunigung ein. Die Versuche werden fortgesetzt.
Herr D o r n e r berichtet über Gonokokkensepsis, die gegenüber der
gkeit der Gonorrhöe im allgemeinen doch ein seltenes Krankheitsbild
eilt. Als Ausgangspunkte kommen, abgesehen von den Genitalien,
das Peritoneum und die Konjunktiven der Augen in Frage, dazu müssen
andere schädigende Momente hinzukommen, durch welche die Wider¬
skraft des Körpers den Gonokokken gegenüber vermindert wird (fieber-
Erkrankungen, Traumen, Artigoninjektionen, Vakzinetherapie, bei letz¬
besteht während der negativen Phase eine erhöhte Infektionsmöglich-
Die Gonokokkensepsis ist durch 3 Kardinalsymptome gekennzeichnet,
ikerkrankungen, Endokarditis und Exantheme. Die Prognose hängt
sächlich von dem Befallensein des Herzens ab, es kommt bei schweren
n zu ganz akut verlaufenden Endokarditiden mit vollkommener Klappen-
örung. Die Exantheme bei Gonokokkensepsis sind äusserst verschieden,
elang bei einem Falle dem Autor in einem roseolaartigen Exanthem
kokken nachzuweisen und damit die septisch-embolische Natur eines
s dieser Exantheme sicherzustellen. Ausserdem wurden bei einzelnen
ken noch eigentümliche Schwellungen der Muskeln von Taubeneigrösse
achtet, die rasch wieder zurückgingen, weiterhin Schwellungen von
vialmcmbranen u. dgl. Bei 2 Kranken konnten zu Lebzeiten aus dem
: mehrfach Gonokokken gezüchtet werden, bei 2 anderen erst nach
Tode aus den Auflagerungen am Endokard sowohl im Schnitte als auch
rell der Gonokokkennachweis erbracht werden. Therapeutisch wird,
sehen von heissen Bädern und Allgemeinbehandlung, das Trypaflavin
■•enös in Ys proz. Lösung empfohlen, wogegen während der Gonokokken-
s lokale Behandlung zu vermeiden ist.
Herr Wandel und Herr Schmöger: Zur Behandlung des Diabetes
’ankreasextrakten.
Wandel bespricht zunächst die historische Entwicklung der Frage
Insulins und die für seine Entdeckung und Darstellung in Frage
nenden Grundlagen auf Grund derer es Dr. Schmöger auf seiner
ilung gelungen ist, das Insulin ebenfalls darzustellen.
Schmöger spricht über die Herstellung und die Bewährung des
.■stellten Insulins in 3 schweren Fällen von Diabetes.
Aerztlicher Verein zu Marburg.
(Gtr.z’.ciies Protokoll.)
Sitzung vom 4. Juli 1923.
Herr Läwen: Zur Behandlung fortschreitender pyogener Prozesse im
:ht.
Der malignen Form des Oberlippenfurunk'els stehen wir zurzeit so gut
machtlos gegenüber, gleichgültig ob man operiert, kauterisiert oder kon-
itiv behandelt. Es wurde ein neuer Weg versucht, der darin bestand,
nach der Inzision das ganze infiltrierte Gebiet ausgiebig mit Eigen-
des Kranken (aus der Vena cubitalis) umspritzt wurde. In 9 Fällen
fortschreitenden Gesichtsfurunkeln konnte festgestellt werden, dass die
ration stets vor der Blutschanze haltmachte. Alle Fälle kamen ohne neue
ion zur Heilung, ln der Regel wurden etwa 40 ccm Blut rings infiltriert,
wurde dieser Bluterguss infiziert. Die Wirkung wird zurückgeführt auf
die Resorption von Bakterien und Toxinen herabsetzende Gewebs-
1 ö t u n g, eine bakterizide und antitoxische Wirkung
Blutes und vielleicht auf eine Proteinkörperwirkung. Beim
ill der roten Blutkörperchen kommt es zu einer Verstopfung der Lymph¬
en und auch dadurch zu einer Behinderung der Resorption. Die Assisten-
Ues Vortr.. Hilgenberg und T h o m a n n, konnten bei Mäusen nach¬
ten, dass nach Blutinjektion in die Schwanzwurzel überletale Dosen von
der Schwanzspitze eingespritztem Strychnin, Kokain und Kurare ver-
" n wurden.
In einem Falle von wirklich malignem Gesichtsfurunkel konnte neuerdings
j günstige Wirkung der zirkulären Blutumspritzung bestätigt werden.
[ r hohen Temperaturen entwickelte sich bei einem Geisteskranken ein
>r den Augen der Aerzte sich vergrössernder Gesichtsfurunkel an der
den Oberlippe und rechten Wange. Inzisionen. Ueberall Maulwurfsgänge
Eiter und harte Infiltration. Umspritzung mit 95 ccm Eigenblut. Am
1 sten Morgen reicht die Infiltration bis an den Blutwall. Die ganze rechte
» chtshälfte bis in Schläfengegend prall infiltriert. Temperatur abends 39,2.
I se Unruhe. Am nächsten Morgen Temperaturabfall. Schwellung geht
j all zurück. In den nächsten 5 Tagen völliger Rückgang der Infiltration
Ir Temperaturen um 37,6 schwankend. Am 6. Tag, als die Blutumwallung
zurückgegangen war. Weitergehen der Infiltration an der linken Oberlippe
und Wange. Neue Blutumwallung mit 60 ccm Eigenblut auf der linken Seite.
Um eine durch die Inzision zustandekommende Verschiebung und Resorption
von Toxinen zu verhindern, wird diesmal die Blutumspritzung vor
der Inzision vorgenommen. Vorstellung des Kranken am Tage dieser
Operation.
Die von dem Vortr. empfohlene Umwallung mit grossen Blutmengen
nach oder vor der Inzision stellt eine neue Methode vor und hat mit Ein¬
spritzung kleiner Blutmengen in den Furunkel oder Umspritzung mit Pferde¬
serum u. dgl. nichts zu tun, da sie sich auf ganz anderen Voraus¬
setzungen aufbaut.
Diskussion: Herr Zangemeister: Eine Reihe von klinischen
und experimentellen Beobachtungen sind geeignet, die interessanten Ergebnisse
von Herrn Läwen zu bestätigen und zu ergänzen. Ich habe schon zweimal
erlebt, dass parametrane Exsudate sofort entfiebert wurden, als eine Blutung
in das Exsudat hinein stattfand, das eine Mal bei einer Inzision. Hier war
die Blutung so stark, dass mir nichts übrig blieb, als die Wunde zu vernähen.
Im 2. Fall wurde das Exsudat mehrfach punktiert und dabei entstand eine Blu¬
tung aus einer Stichöffnung, die offenbar auch nach innen weiterging.
Ich habe früher versucht, die Anwesenheit von Blut im Infektionsbezirk
experimentell auf ihre Bedeutung zu ergründen, indem ich Kaninchen intra¬
peritoneal infizierte und dann Kaninchenblut in die Bauchhöhle injizierte. Die
Infektion erfolgte mit Streptokokken, deren Dosis letalis für Kaninchen mir
genau bekannt war. Gegen meine damalige Erwartung starben die Tiere,
welche zugleich Blut bekommen hatten, nicht oder erheblich langsamer als
die Konfrontiere ohne Blut.
Vielleicht ist die Wirkung des injizierenden artglcichcn Blutes nicht nur
eine lokale. Wir haben in den letzten Jahren wiederholt bei schweren In¬
fektionen. die gleichzeitig anämisch waren, an Stelle von artgleichem Normal¬
serum Blut intramuskulär injiziert und den Eindruck gewonnen, dass der In¬
fektionsprozess dadurch günstig beeinflusst wurde.
Herr Dold: Bei der Einspritzung der verhältnismässig grossen Blut¬
mengen muss es zu Gewebszerreissungen und dadurch zum Austritt von Ge-
webssaft kommen. Aus früheren Untersuchungen von mir (Zschr. f. Immuni¬
tätsforschung 1911, 10 u. 1912 und Zschr. f. exp. M. 2. H. 3) geht hervor, dass
der sterile art- und körpereigene Gewebssaft ausserhalb seiner physiologischen
Bahnen unter anderem eine gerinnungerzeugende und eine leukotaktische
Wirkung besitzt. Wenn es unter dem Einfluss des Gewebssaftes zu einer Ge¬
rinnung des eingespritzten Blutes kommt, so ist denkbar, dass aus den zu¬
grunde gehenden Blutplättchen und Leukozyten bakterienfeindliche Stoffe
(Plakine und Leukine) entstehen. Ferner ist zu bedenken, dass das sich bil¬
dende Fibrin Leukozyten anlockt und dass das sich bildende Serum mög¬
licherweise bakterienfeindlichp Eigenschaften annimmt, welche dem Vollblute
nicht eigen waren. Dafür besitzen wir in der Serologie viele Analoga. Der
Gewebssaft als solcher wirkt ebenfalls leukotaktisch und übt auch auf das
fixe Bindegewebe einen Reiz aus. Ich habe in der erwähnten Arbeit gezeigt,
dass man die sterile traumatische Entzündung auf diese Weise erklären kann.
Auf jeden Fall sind in dem sterilen körpereignen Gewebssaft Stoffe vor¬
handen, welche entzündliche Reparationsvorgänge veranlassen (Wundhor-
rnone). Ich glaube, dass die erwähnten Stoffe sämtlich an der günstigen Wir¬
kung der Blutumspritzung beteiligt sind.
Herr Burckhardt: Zur Behandlung der traumatischen Epilepsie.
Herr Läwen: Vorstellung eines 11jährigen Mädchens mit Invaginatio
ileocoecalis-colica. Die schlaffe, bis ins Querkolon reichende Invagination liess
sich leicht lösen. Das Besondere des Falles lag darin, dass sich an der Vor¬
derwand des Colon ascendens kurz oberhalb und nahe der Valvula Bauhini,
eingesenkt zwischen zwei Haustren eine etwa markstückgrosse Infiltration der
Kolonwand fand. Das Zoekum war nach oben umgeschlagen, mit der Spitze
an der genannten Stelle verklebt und dann ins Kolon nach oben mit dem
Wurmfortsatz invaginiert. wobei es das Ileum nachgezogen hatte. Nach der
Desinvagination Fixierung des Zoekums am parietalen Peritoneum. Heilung.
Herr Läwen: Vorstellung eines Kranken, bei dem zur Deckung eines
Duradefektes (Narbenexzision wegen traumatischer Epilepsie) ein Stück
Faszie aus der Fascia lata des linken Oberschenkels entnommen worden war.
Während Vortr. am Schädel operierte, war die Faszienentnahme mit Hilfe
eines Bogenschnittes an Stelle des von Kirschner empfohlenen Längs¬
schnittes vorgenommen worden. An dieser Stelle hatte sich nun ein schlaffes
Lymphextravasat, wie man es bei der traumatischen Ablederung der Haut
zuweilen beobachtet, gebildet. Es ist bisher 3 mal ohne Erfolg punktiert
worden.
Herr Burckhardt stellt einen Fall von blutig reponierter links¬
seitiger Hüftgelenksverrenkung vor. Der Kranke war beim Dirigieren des
hinteren Endes einer Langholzfuhre verunglückt und hatte sich eine Luxatio
suprapubica zugezogen. Am anderen Tage wurden in der Klinik in Narkose
hU Stunden lang ohne Erfolg Repositionsversuche gemacht. Es musste direkt
die Operation angeschlossen werden. Ungefähr: K o c h e r scher Schnitt.
Erst nach Durchtrennung des Glutaeus medius ist die Einrenkung möglich.
Der Muskel wird wieder genäht. Vollständiger Verschluss der Wunde.
Resultat: fast normale Beweglichkeit, nur Abduktion und Flexion ein wenig
eingeschränkt, erstere um etwa 15°. letztere 5°.
Herr Walther Müller zeigt 1. einen Mäusetumor. der bei einer Maus
an der rechten Halsseite spontan entstanden war. Das Tier war im Verlaufe
von % Jahren 26 mal in der Gegend der Schwanzwurzel röntgenbcstrahlt
worden, ohne dass sich am Orte der Bestrahlung irgendeine Veränderung
zeigte. Dagegen trat 3 Monate nach Aufhören der Bestrahlung am Halse der
geschilderte Tumor auf, der sich nach histologischer Untersuchung (Prof.
Verse) als ein kleinzelliges Karzinom, wohl ausgehend von versprengten
Drüsenepithelien erwies. Die Entscheidung, wie in diesem Falle ein Zu¬
sammenhang mit den Röntgenbestrahlungen vorhanden sein könnte, ist schwer.
2. Demonstration eines kindlichen Armes mit spontaner Gangrän der
Hand und hochgradigster Schrumpfung der Weichteile des Armes, sowie
konzentrischer Atrophie der Knochen. Die Ursache konnte nicht ergründet
werden. Primäre Gefässveränderungen waren nicht da.
Herr V e r s 6.
1070
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
Aerztlicher Verein München.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 25. Juli 1923.
Herr Borst: Geschwulsterzeugung bei Cholesterinüberfütterung. (Mit
Lichtbildern.)
Die bei der Teerkrebsausbeute aus den verschiedenen Laboratorien be¬
richtete grosse Ungleichheit gibt Anlass als Grund eine gewisse Freigebig¬
keit mit der Diagnose Krebs anzunehmen, zu der auch die unglückliche Be¬
zeichnung präkanzeröse Veränderung verführt.
Vortr. berichtet über 2 Kaninchen, deren eines ein einwandfreies Kar¬
zinom aufweist. Beide Tiere (blaue Wiener) wurden mit Teer, Rohparaffin
und /(-Naphtylamin an Rücken und Löffeln behandelt. Sie bekamen ausserdem
Cholesterinhafer zu fressen.
Ein Tier war löK Monate im Versuch und ging durch Uniall zugrunde.
Es bestand ausgedehnteste Cholesteatose im ganzen Körper: Bindegewebe,
Uefässsystem, Organe wiesen überreiche Fettanhäufung auf. Vieüach ianden
sich Xanthelasmen, u. a. am Herzen und in der Magenwand. Die Wuche¬
rungen auf der Haut waren unverdächtig, nur am Rücken war eine Stelle, die
vielleicht als beginnender Krebs zu deuten wäre.
Das zweite Tier lebt noch und ist reichlich 10 Monate in Behandlung.
(Es ist früher ohne Erfolg mit Syphilis geimpft worden.) Um die Metall¬
marken bildeten sich stark wuchernde Fibrome. Häufige Probeexzisionen
dienten der histologischen Kontrolle. Anfang Juni fand sich nur Fibrom.
Anfang Juli sicherer Krebs. Die Behandlung wurde eingestellt. Die Ge¬
schwulst aber wächst weiter, zerstörend und zerfallend. Anatomisch handelt
es sich um Krebs, der vom menschlichen Krebs sich in nichts unterscheidet.
Es fragt sich ob die Stoffwechseländerung, die durch das Uebermaass an
Fettaufnahme bewirkt wurde, eine Rolle bei der Entstehung dieses Krebses
gespielt hat. Vortr. möchte die Möglichkeit, dass dem so ist, nicht abweisen,
aber nicht mehr sagen.
Besprechung: Herr D ö d e r 1 e i n jun. hat seine Mäusepräparate
z. T. in Heidelberg gezeigt: Es wurde dort als Krebs bezeichnet, was hier
als solcher nicht anerkannt wird. D. hat neuerdings eine Maus, bei der die
Stelle, wo eine Teerwucherung abgetragen wird, nicht heilt, sondern von
neuem wuchert.
Herr Theilhaber lässt sich über den Einfluss der Ernährung auf die
Entstehung des menschlichen Krebses aus.
Herr Kaemmerer denkt auf Grund von Analogien bei Infektionen an
die Möglichkeit, dass Abwehrstoffe durch das Cholesterin gesättigt werden,
wodurch der Krebswucherung Vorschub geleistet werde.
Herr Borst: Bei dem experimentellen Krebs müssen die Anforderungen
an die Diagnose so hoch, wie irgend möglich, geschraubt werden.
Herr E. v. Redwitz: Demonstrationen und Bemerkungen zur chirur¬
gischen Behandlung des chronischen Magen- und Duodenalgeschwürs.
v R. demonstriert: 1. Eine 50 jährige Kranke, bei welcher vor 8 Jahren
eine hintere Gastroenterostomie wegen Ulcus des Magenkörpers ausgeführt
worden war und bei welcher sehr bald wieder die Beschwerden einsetzten.
Bei der Untersuchung im März 1923 fand sich eine gut funktionierende
Gastroenterostomie und eine tiefe Ulcusnische im Magenkörper. Gastro-
Pylorektomie unter Mitnahme der Gastroenterostomie; Versorgung des
Magens nach Modus B i 1 1 r o t h I, der durchtrennten Gastroenterostomie-
schenkel End-zur-Seit (analog der Roux sehen Operation). Heilung.
2. Das Magenresektionspräparat einer 54 jährigen Frau, bei welcher vor
6 Jahren eine hintere Gastroenterostomie wegen Ulcus am Pylorus ausgeführt
worden war. 2 Jahre später Relaparotomie wegen „Verwachsungen“, die
angeblich gelöst wurden. 1923 röntgenologisch nachweisbares Ulcus gastro-
jejunale an der hinteren Jejunumwand (abführender Schenkel) und Sanduhr¬
magen an der Stelle der Gastroenterostomie. Gastro-Pylorektomie unter Mit¬
nahme der Gastroenterostomieschenkel und des Ulcus nach Modus Bill-
roth II; Versorgung der durchschnittenen Gastroenterostomieschenkel wie
bei 1. Heilung.
3. Das Magenresektionspräparat eines 62 jährigen Mannes, bei welchem
16 Monate vorher wegen eines Ulcus duodeni eine Pylorusausschaltung
mittels Fadenabschnürung nach Paria vechio und hintere Gastroentero¬
stomie ausgeführt worden war. Bald nach der Operation neue Beschwerden
und Blutungen. Im Juni 1923 Gastro-Pylorektomie unter Mitnahme des Ulcus
duodeni und der Gastroenterostomieschenkel nach Modus B i 1 1 r o t h II. Die
durchtrennten Gastroenterostomieschenkel wurden wie bei 1. und 2. versorgt.
Befund: Florides, noch blutendes Ulcus duodeni, Ulcus gastro-jejunale an der
hinteren Jejunumwand (zuführender Schenkel). Der Faden der Pylorus-
abschnürung ist in dak Innere des Magens eingewandert und hängt dort an
einer Schleimhautbrücke. Der F*ylorus ist wieder durchgängig. Der Kranke
erlag 11 Tage nach der Operation einer Pneumonie.
Der Vortragende zeigt verschiedene Röntgenbilder, welche ebenialls das
Versagen der Gastroenterostomie bei nischengebenden organpenetrierenden
Geschwüren veranschaulichen, und bespricht die Wirkungsweise und Leistungs¬
grenze der Gastroenterostomie beim chronischen Magengeschwür. Die
Gastroenterostomie wirkt beim stenosierten und dilatierten Magen als
Drainage, beim nichtstenosierten muskelkräftigen Geschwürsmagen als physio¬
logisches Sicherheitsventil. Sie setzt die aktuelle Azidität des Magenchymus
herab, nicht wie bisher angenommen worden ist, durch Neutralisation, sondern
durch reflektorische Hemmung der Magensaftsekretion vom Darm aus. Die
Grenze der Leistungsfähigkeit der G.E. ist zu suchen in der Organpenetration
der Magengeschwüre und der breiten Fixation der Magenwand an Nachbar¬
organen. Dadurch wird die Schrumpfung der Muskelränder des Geschwürs
verhindert, so dass die Epithelregeneration von den Rändern her dann nicht
mehr ausreicht, den Geschwürsgrund zu überbrücken. Der Vortragende be¬
spricht die Indikationen zur operativen Behandlung des Magengeschwürs und
bekennt sich als Schüler Enderlens im allgemeinen als Anhänger der
radikalen Resektionsmethoden, erkennt aber an. dass die G.E. bei strenger
Indikation in einzelnen Fällen nach wie vor ihre Berechtigung behält. Das
Hauptgewicht ist auf eine strenge Auswahl der Fälle zu legen, welche zur
operativen Behandlung überhaupt bestimmt werden. Die Operation ist nur
eine Etappe in der Behandlung des Magengeschwürs; sie muss jederzeit von
einer exakten Nachbehandlung gefolgt sein. (Selbstbericht.)
Besprechung: Herr Sauerbruch stimmt dem Vortr. zu. Das
Magengeschwür ist kein lokales Leiden, sondern ein Symptom einer Krankheit.
Herr P e r u t z empfiehlt Prüfung der parenteralen Eiweisstherapie.
Herr G e b e 1 e, Herr Schindler. V. E. M e r t e n s.
Münchener Chirurgen-Vereinigung.
Sitzung vom 18. Mai 1923.
Vorsitzender: Herr G e b e 1 e. Schriftführer: Herr A. Ploeger.il
Demonstrationsabend im Versorgungskrankeuha [
Herr Besteime y er: Krankenvorstellung.
1. Knochenbolzung bei Amputation zur Verlängerung des Staa
U. H., 37 Jahre alt. Am 15. IX. 1922 hohe Amputation dicht am Troch j
femoris wegen Tuberkulose des rechten Kniegelenkes und weitreicht
tuberkulöser Knochenentzündung des Femur. Nach dem Vorschlag „v. S
b e n r a u c h" bei Exartikulation im Hüftgelenk wurde, da die Weici
gesund waren, ein 7 cm langes Knochenstück der weggenommenea
durch Bolzung in den Oberschenkelstumpf eingesetzt: die Heilung erf
glatt. Der Kranke ist vollständig beschwerdefrei und kann mittels des
längerten Stumpfes die Prothese gut bewegen.
2. Totale Osteomyelitis des rechten Oberschenkels nach Schussbract
Trochanter. A. B., 25 Jahre alt. Nach mehrjährig bestehender Fistelbildu:
der Gegend des Trochanters wurde die Becksche Wismutpaste in die F
eingespritzt; es zeigte sich nun aui dem Röntgenbild ein Kanal, der
in die Epiphyse am Kniegelenk herabreichte. Autmeisselung der Epiphys-
inneren Kondylus ergab das Vorhandensein einer grossen Eiterhöhle.
Heilung macht seit der vorgenommenen Operation gute Fortschritte.
3. Ulcus pepticum jejuni. G. H.. 37 Jahre alt. Im Felde wegen c.-.|
Bauchbruches operiert, wobei Gastroenterostomie vorgenommen wurde.
Jahre 1919 von mir wegen grossen Bauchbruches mit handbreitem Klane*
atrophischen Muse, recti operiert; durch freie Faszientransplantation u
der Bauchbruch geheilt. Die Beschwerden verschwanden jedoch nicht
Röntgendurchleuchtung des Magens zeigte, dass sämtlicher Speisebrei c
die Gastroenterostomose den Magen verliess. während durch den Py
kein Austritt erfolgte, ausserdem wurden Verwachsungen an der Ga
enterostomiestelle festgestellt. Nachdem hier eine konstante Drucken?
lichkeit bestand, wurde die Diagnose auf Ulcus pepticum jejuni gestellt
bei der Operation bestätigt gefunden. Bei dieser wurde die Gastrcec
stomie durch Resektion beseitigt Am Magen bestand kein abnormer Be
Seit diesem Eingriff funktioniert der Pylorus wieder. Der Kranke is-
schw'erdefrei.
4. Harnleitersteckschuss. J. H., 26 Jahre alt. Steckschuss durch Gr
Splitter im Jahre 1917; nur einmal angeblich blutiger Urin während meh
Tage, seit 1 Jahr nie Blut im Urin beobachtet. Zystoskopie mit Injektion
Farblösung ergab das vollständige Funktionieren beider Ureter. Im Rot
bild wurde ein erbsengrosser Splitter zwischen Hüftbeinkamm und !e
Rippe testgestellt. Bei Entfernung des Splitters mit Kryptoskop zeigte
dass dieser im Harnleiter lag. Entfernung und Naht des Ureters,
kurzer Fistelbildung Heilung.
5. Nierenbeckensteckschuss. G. M., 27 Jahre alt. Am 16. X. 1916 S
schuss durch Granatsplitter in der linken Nierengegend. Im Harn Spuren
Eiweiss. Zystoskopie mit Farbstofflösung ergibt, dass die linke Niere
oder kaum absondert. Operation am Röntgentisch: Freilegung der Niere
linsengrosse Splitter wird mit Kryptoskop im Nierenbecken iestgestellt
durch Einschnitt entfernt. Die Niere erwies sich makroskopisch ge:
doch waren Verwachsungen im Nierenlager vorhanden. Heilung
1 wöchentlicher Fistelbildung. (Nachträgliche Zystoskopie ergab jetzt
qualitativ normale Funktion der linken Niere; quantitativ ist die Fun
noch etwas herabgesetzt.)
6. Milzsteckschuss. L. G.. 26 Jahre alt. Am 4. VII. 1917 Iniant
Steckschuss am Rücken. Das Geschoss wurde am 11. IV. 1923 aus der
durch Freilegung derselben entfernt (Rippenbogenschnitt). Die Milz
verwachsen, liess sich nicht vorziehen. Aui den fühlbaren Fremdkörper w
eingeschnitten und das glatte Geschoss manuell in die Bauchhöhle he
gedrückt. Nach Tamponade glatte Heilung innerhalb 4 Wochen.
7. Eingeklemmte Zwerchfellhernie. F. K., 29 Jahre alt. Am 9. XJ.
Revolversteckschuss; Einschuss in der rechten Achsellinie. Das Ges.
findet sich im Röntgenbild links neben dem 1. Lendenwirbelkörper.
Heben von Kisten am 10. XII. 1922 plötzlich schwere Erkrankung, begirp
mit Bauchschmerzen. Stuhlverhaltung. Am nächsten Tag Auftreten
heftigen Brustschmerzen links. Nach 2 Tagen wird der Kranke von aus-
hier eingeliefert. Leib leicht aufgetrieben, links etwas gespannt und C
empfindlich. Ueber der linken Lunge hinten ausgesprochene Dämpiu*»
zum Schulterblatt; Kurzatmigkeit, Husten. Punktion der Pleura e
dunkelrot-seröse Flüssigkeit. Wegen Verdacht auf eine eingekler
Zwerchfellhernie Durchleuchtung, die die Diagnose sicherstellt.
3. Tage Operation. Eröffnung der Pleura durch Resektion der '
und 8. Rippe. Es fliesst ca. 1 Liter stinkende blutige Flüssigkeit ab. I:
Pleurahöhle liegt eine 40 cm lange hochgradig geblähte schwärzlich-verii
nicht mehr spiegelnde Darmschlinge. Erweiterung des Zwerchiellschl:
Hervorziehen des Dickdarms: Abtragung der grossen gangränösen Scfc
und Vereinigung des Dickdarms durch zirkuläre Naht; dann teilweise
des Zwerchfells unter Freilassung einer Lücke für ein Tampon. Die Ht
vom Darm aus erfolgte glatt, von seiten der Pleurahöhle besteht noeb
grosse Empyemresthöhle, doch dehnt sich die Lunge in der letzten Zeit
und mehr aus.
8. Ostitis fibrosa. K. W., 46 Jahre alt. Fall auf ebenem Bode
Jahre 1915 am Exerzierplatz. Am 30. XL 1915 erfolgte Lazarettaufna
w-obei Knochenhautentzündunv mit Längsfissur festgestellt wurde. Be
im Jahre 1923 (Mai) vorgenommenen Nachuntersuchung zeigt sich eine s’
Verkrümmung der Tibia in der Gegend der Tuberositas. Das Röntge
ergibt typische Merkmale einer Ostitis fibrosa.
9. Ungewöhnlich grosser Darmvorfall am Anus praeternaturalis. Be.
schussverletzung im Jahre 1916. Seit dieser Zeit bestand 1. eine Harnrö
Mastdarmfistel, durch die sämtlicher Urin abgesondert wurde. 2. eie
mählich immer grösser werdender, zuletzt 40 cm erreichender Darmr
der Flex. sigmoid. des künstlichen Afters auf der linken Bauchseite, t
mehrfache Operationen wurde im Jahre 1922 die Harnröhren-Mastlanr
beseitigt, dann wmrde an die Beseitigung des Darmvorfalls gegangen. 1
erfolgte in 2 Sitzungen: zuerst wurde der irreponible Vorfall an der -
abgetragen: in einer 2. Sitzung wurde extraperitoneal der Dickdarm zir
vernäht und versenkt. Es erfolgte ziemlich rasche Heilung; heute bei
jedoch noch eine schwere Nierenbeckenerkrankung rechts.
Herr Luxenburger: Krankenvorstellung.
Vortr. stellt einige Kriegsverletzte mit Unterkieferpseudaiifc*
vor, bei denen durch indirekte Autoplastik der Defekt ersetzt ■
L vujtust 1953.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
i didation erzielt worden war. Das Prinzip der Methode besteht in
, riger Ersetzung des Transplantates in die untere Hälfte des Muse.
I >cleidomast. auf der Seite der Verletzung und nach hier erfolgter Ein-
i ig des Transplantats Verpflanzen des letzteren samt einem Muskelstiel
i s Knochenlücke. Der Vorteil dieses gegenüber der freien Plastik um-
i icheren Verfahrens ist grössere Sicherheit des Einheilens selbst sehr
inöser Knochenstücke, die Nachteile sind ein grösserer Weichteilschnitt
weizeitigkeit.
Mehrere sehr umfangreiche Gaumendefekte durch Schussverletzung
n mittelst gedoppelter Halshautlappen verschlossen, welche nach Art
Wanderplastik zuerst neben dem Mundwinkel und dann in einer
| ren Sitzung nach Spaltung des Mundwinkels in den Defekt eingefügt
i *-
iir entstellende Knochendefekte auch der Stirn- und Kriegssattelnasen
irten sich frei verpflanzte Tibiasplitter.
! irforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostock.
(Medizinische Sektion.)
Sitzung vom 28. Juni 1923.
.'orsitzender: Herr W. Müller. Schriftführer: Herr R. Stahl.
ferr Brüning: Demonstrationen.
) Einen 7 Wochen alten Säugling mit den typischen Erscheinungen
i ongenitalen Pylorusstenose.
) Die Kurventafeln zweier weiterer einschlägiger Fälle, von denen der
I rotz aller therapeutischen Massnahmen zum Exitus kam, whhrend der
I I auf Dnodenalsondierung ganz auffallend günstig reagierte.
) Das bei der Obduktion gewonnene Organpräparat von dem unter b)
i nten Fall 1.
ferr Brüning: Ueber Wurmkuren.
nter Hinweis auf die bei den gebräuchlichen Wurmmitteln gelegentlich
: eobachtung gelangenden Vergiftungserscheinungen, berichtet der Vor-
; ide kurz über 5 neue, zu seiner Kenntnis gekommene Intoxikationen
I em amerikanischen Wurmsamenöl (Ol. Chenopodii anthelminthici), das
: einer Ansicht ein vorzügliches Mittel gegen Rundwürmer, insbesondere
I Askariden, darstellt. Durch diese 5 Fälle ist die im Jahre 1919 von
i i Schüler Preuschoff gesammelte Kasuistik auf 29 Fälle ge-
I n, von denen 20 = 70 Proz. tödlich verlaufen sind. Er geht dann
I auf die Ursachen dieser Vergiftungen ein und schildert als die wich-
I I Fehler, welche bei anthelminthischen Kuren gemacht werden, die
! den: 1. Die Kur wird sehr oft überhaupt ohne genügende Berechtigung
I eitet, wenn das Vorhandensein der Darmparasiten nicht unmittelbar
• mit Sicherheit festgestellt worden ist. 2. Die Kur wird häufig zu
i für den Wurmträger ungeeigneten Zeitpunkt vorgenommen (Rekon-
> enz nach akuter Erkrankung). 3. Die Kur wird falsch durchgeführt
war a) unter gleichzeitiger Darreichung anderer, ev. für das Anthel-
kum nicht gleichgültiger Medikamente, b) mit zu grossen Dosen des
mittels und 4. unter Verwendung gefälschter Präparate, von denen er
lers aui die vielfachen Fälschungen des Ol. Chenopodii hinweist. Er
l um Schluss noch die von ihm in Hunderten von Fällen geübte Dar-
l ng dieses Wurmmittels bekannt und fordert, dass dasselbe aus der
r erkaufsliste gestrichen wird. (Näheres siehe in der D.m.W.)
ussprache: Die Herren Fischer, Frey, Brüning, Frey,
i e r und Grafe.
err Hans Curschmann: Hämatomveile.
' jähr. Lehrling, bisher gesund, bei Schlägerei heftiger Sturz oder Stoss
■ n Rücken. 4 Tage später plötzlich Steifwerden von Armen und Brust,
i che der Arme, leichte Temperatursteigerung bis 37,7°, nach 6 Stunden
I Lähmung der Arme und Beine. Die Lähmung ging von den Händen
i zur Schulter und von den Hüften hinab zu den Füssen. Geringer
i rz in der Halswirbelsäule, in der Ruhe völlig schmerzfrei. Sofort
t io urinae. Bei der Aufnahme, 4 Tage nach der Lähmung: Streek-
■ ln der Arme völlig, Beugemuskeln geringer gelähmt, kleine Hand-
J ln gelähmt, alles R > L. Das rechte Bein völlig schlaff gelähmt.
: nur geringe Aussenrotation und schwache Dorsalflexion des Fusses
I h. Alle Sehnenreflexe (ausgenommen Masseterenreflex) fehlen, des-
i n alle Hautreflexe, kein Babinski. Sensibilität: vom 5. Zer-
llsegment herab bis in mittlere Lumbalsegmente
ger Verlust der Temperatur - und Schmerzempfin-
bei tadellos erhaltenem Berührungsgefühl, also
ite dissoziierte Empfindungslähmung. Wirbelsäule in
t Jeziehung, auch röntgenologisch, intakt. Liquor gänzlich normal, keine
I rbung, keine Pleozytose, keine Eiw’eissvermehrung. Blut- und Liquor-
1 &. Keinerlei Zeichen einer Gefässerkrankung, Endokarditis. Sepsis etc.
m sonst blühend gesunden Jungen. In den ersten 14 Tagen schwere
i isuffizienz infolge Lähmung der Interkosta!muskeln( bei intaktem
t ifell), vorübergehend Sympathikuszeichen links im Gesicht (Hemihyper-
und -hyperämie, kein Horner, keine Veränderung der Iris). All-
1 he Ausbildung ausgedehnter Muskelatrophien in den Armen (besonders
1 leus links, Strecker und kleine Handmuskeln L. u. R.). Ausbildung
1 r Spasmen im rechten Bein. Kranker lernt nach 4 — Wochen wieder
ü h gut stehen und gehen, auch manche Hand- und Armmuskeln gut
' en. Die Lähmung der Brust- und Bauchmuskeln, sowie Blase und
5 Tm ist völlig geschwunden. Die dissoziierte Gefühlsstörung ist quanti-
' twas geringer, in der Begrenzung fast unverändert.
;e Differentialdiagnose gegenüber Poliomyelitis oder Encephalomyelitis
1 ica. sowie Polyneuritis (L a n d r y) ist leicht wegen der ausgeprägten
• 'liierten Gefühlslähmung. Diese, ebenso wie der negative Liquor-
intgenbefund (der Wirbelsäule) schliessen eine extramedulläre Blutung
traumatische Spinalläsion aus; eine ..Commotio spinalis“ ist angesichts
uer des Leidens abzulehnen. Die Diagnose einer Läsion des zentralen.
1 n Graus ist sicher, gegen eine (überwiegende) zentrale Erweichung
die sehr gute Restitutionsneigung. Alles spricht also klinisch für eine
‘ mige. auf das vordere und hintere Grau lokalisierte Rückenmarks-
; : von erheblicher Länge, deren Hauptsitz aber in den Armsegmenten
1 Bemerkenswert ist 1. das späte Auftreten post trauma, analog Jen
'■innten traumatischen Spätapoplexien des Gehirns: bei Hämatomyelie
s sehr selten. 2. Das Auftreten bei völlig gefässgesundem jungem
10/ 1
Menschen nach nicht besonders schwerem Trauma; dies ist nicht allzu selten,
nach C. sogar ziemlich typisch. Die traumatische Hämatomyelie setzt nie
eine Atherosklerose voraus. 3. Typisch ist auch die starke Neigung zur
Rückbildung der Lähmungen im Gegensatz zum Beharren der sensiblen
dissoziierten Defekte. Die Prognose ist leidlich gut. Das Fehlen der
segmentären Progression unterscheidet die Hämatomyelie gegenüber der
Syringomyelie, der sie im Befund sonst natürlich völlig gleichen kann.
Aussprac he: Die Herren Grafe, Curschmann, Walter,
Curschmann, Fischer, Curschmann, Pol und Curschmann.
Herr Deusch: Stoffwechselstörung mit hochgradiger Gewichtsabnahme
und Polyurie. (Demonstration.)
52 jähr. Obertelegraphensekretär. Familienanamnese o. B. Während der
Militärzeit angeblich Herzleiden zugezogen. Kinderlos verheiratet. Seit
4 5 Jahren zunehmende psychische Erregbarkeit, Neigung zu Schweiss¬
ausbrüchen, massiger Ausfall des Kopfhaares. In den letzten 2 Jahren bei
bestem Appetit und sehr guter Ernährung Gewichtsabnahme von
213 auf 109 Pfund. Grosse Urinmengen (5 — 6 Liter am Tag) mit
Nykturie, kein gesteigertes Durstgefühl, aber stets Hungergefühl. Abnahme
der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, Verminderung der Libido
und Potenz.
Befund: Massiger Ernährungszustand, Körpergewicht 54,5 kg bei 1,70 m
Länge. Haut feucht, mässige Stirnglatze, Körperbehaarung o. B. Kein
Exophthalmus. Brust- und Bauchorgane o. B. Puls 60—66 in der Minute.
Blutdruck 120 mm Hg. Schilddrüse klein, etwas derb. Testes
klein. Sella turcica o. B. Nervensystem: lebhafte Reflexe.
Dermographismus. Augenhintergrund o. B. Liquor o. B. WaR. in
Blut und Liquor negativ. Blutstatus: Hb. 78,8 Proz., E. 4,9 Mille, F.J. 0,8.
L. 6500. 38 Proz. Lymphozyten. Serumkonzentration schwankend
zwischen 7,35 und 7,6 Proz. NaCl im Blut 0,5 — 0,53 Proz. Urin gelb, sauer,
spezifisches Gewicht 1010 — 1012, chemisch und mikroskopisch o. B. Urin¬
mengen anfangs bis 4 Liter, dann 2 — 3 Liter täglich. NaCl im
Harn 0,7 — 1,0 Proz. Im Verdünnungs- und Konzentrationsversuch spezifisches
Gewicht 1001 — 1015, überschiessende Ausscheidung, in gut vertragenem
24 ständigen Durstversuch Konzentration bis 1027. Auf Hypophysin
vorübergehende Diuresehemmung. NaCl-Zulage von 30 g in 48 Stunden
nahezu völlig ausgeschieden. Auf 1 mg Suprarenin subkutan Blutdruck¬
senkung von 125 auf 115 mg Hg. L o e w i sehe Adrenalin-
mydriasis +. Während der Beobachtung Abnahme der Urinmengen
(1500 — 2000 ccm), Zunahme des Körpergewichts um 16 Pfund. Psychische
Beruhigung. Auffallend gesteigerte Empfindlichkeit der Haut für Quarz¬
lampenbestrahlung.
Der Fall lässt sich unter keine der bekannten Stoffwechselerkrankungen
oder endokrinen Störungen einreihen. Für Basedow sehe Krankheit, an
die die Stoffwechselstörung an sich am ehesten denken liesse, keine Anhalts¬
punkte, ebensowenig für hypophysäre Kachexie. Vortragender ist geneigt,
das Krankheitsbild mit Rücksicht auf die Stoffwechselstörung, die Polyurie
und die Tonussteigerung des vegetativen Nervensystems als Folge einer
Funktionsstörung in den vegetativen Zentren des
Zwischenhirn zu deuten.
Aussprache: Die Herren Curschmann, Grafe und Deusch.
Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen.
(Medizinische Abteilung.)
Sitzung vom 2. Juli 1923.
Herr Jüngling: Fortschritte auf dem Gebiete der Lokalisation von
Hirntumoren mittels Sauerstoffüllung der hinteren Ventrikel.
26 Fälle mit’ Verdacht auf Hirntumor wurden untersucht. 20 mal wurde
die Diagnose auf Hirntumor gestellt. Von diesen Diagnosen wurden
11 autoptisch bestätigt (teils durch Operation, teils durch Obduktion). Einmal
konnte der angenommene Tumor bei der Operation nicht gefunden werden.
Von den 11 richtig lokalisierten Fällen waren 7 ohne deutliche Herdsymptome
gewesen, 2 waren neurologisch falsch lokalisiert, bei 2 war die Ortsbestim¬
mung auch neurologisch möglich gewesen.
Punktiert werden die Vorderhörner in Gesichtslage, von der Stirnbein-
Scheitelbeingrenze aus. Die in den Ventrikel eingedrungene Nadel wird mit
S t e n t s masse in ihrer Lage gehalten, als Kontrastmittel dient steriler
Sauerstoff, der unter möglichster Vermeidung von Druckschwankungen in den
Ventrikel eingeführt wird.
J. gibt der D a n d y methode vor der B i n g e 1 sehen den Vorzug, da
die subjektiven Störungen geringer sind, da er sie wegen der reinen Ventrikel¬
füllung für übersichtlicher und für weniger gefährlich hält. Auch in Fällen
von Verschluss des Foramen Magendi erhält man gute Bilder.
Auch die Ventrikelfüllung ist nicht ganz ungefährlich. 2 Todesfälle, ganz
plötzlich ohne Vorboten wenige Stunden nach der Ventrikelfüllung, die zu¬
nächst anstandslos ertragen wurde. Beide Male handelte es sich um grosse
Tumoren, welche einen ganzen Schläfenlappen eingenommen hatten.
Der Vortragende demonstriert die Bilder von 12 Fällen zum Teil mit
Hirnschnitten, welche die Brauchbarkeit der Methode erläutern. Konvexitäts¬
tumoren sind eindeutig zu lokalisieren, ebenso Tumoren, die vom Schläfen¬
lappen her die Ventrikel verdrängen. Die Unterscheidung von Kleinhirn¬
tumoren unterhalb des Tentoriums, welche dieses nach oben vordrängen und
dadurch deformierend auf die Hinterhörner einwirken, und von Hirnstamm¬
tumoren, welche dasselbe tun, kann Schwierigkeiten machen.
Herr Perthes: Vorstellung von Fällen erfolgreich operierter Hirn¬
geschwülste.
Herr Duscht: 1. Demonstration einer Kaltblüterparablose an Eidechsen.
Trotz der Lebhaftigkeit der Tiere gelingt die Parabiose dank der ausser¬
ordentlichen Regenerationsfähigkeit gut.
2. Ueber eine seltene Missbildung des Pankreas. Bei einem 21 jährigen
Telegraphenarbeiter, der im diabetischen Koma ad exitum kam, fehlten
Körper- und Schwanzteil des Pankreas. Der seltene Befund erklärt sich
durch Fehlen der dorsalen Pankreasanlage, aus der sich entwicklungs¬
geschichtlich die nicht vorhandenen Drüsenbestandteile ableiten. Trotz der
kongenitalen Hypoplasie der Drüse war der Diabetes erst seit 3 Monaten, im
Anschluss an eine fieberhafte Infektionskrankheit aufgetreten. Durch diese
akute Schädigung ist die bis dorthin noch genügende Drüsensubstanz
insuffizient geworden und hat dann zum Koma und Exitus des Kranken geführt.
1072
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Herr Windholz spricht über die autonome Fähigkeit des Nebenhodens
und des Vas deierens, den durch Retention des Hodens gestörten Descensus
selbständig zu vollenden. Stellt -4 Typen der diesbezüglichen Beobachtungen
aui und demonstriert ein einschlägiges Präparat, welches bei Retention des
Hodens und des Nebenhodenkopies in der Gegend des äusseren Leistenringes
Teilung des Nebenhodenkörpers und Descensus des Nebenhodenschwanzes
und des Vas deferens aufweist.
Würzburger Aerzteabend.
(Amtliche Niederschrift.)
Sitzung des ärztlichen Bezirksvereins vom 3. Juli 1923.
Herr Zieler: Krankenvorführungen.
1. Zur Behandlung der Gesichtskarzinome mit Röntgen¬
strahlen. .
2. Lupus erythematosus: Heilung durch Röntgenstrahlen;
mehrere (z. B. bereit früher gezeigte) Kranke mit teilweisen Rückfällen
seit dem letzten Frühjahre.
3» Ungewöhnliche oder schwierig zu erkennende Aus¬
brüche der Früh- und Spätsyphilis an der Haut und an den Schleimhäuten.
4. Trichophytien des Kopfes bei Kindern: a) M i k r o s p o r i e (M i k r o -
sporon Audouinii) b) Trichophytie der Kinderköpfe.
Diese letzte Form ist bisher in Würzburg nicht beobachtet worden. Bei
dem 5 jährigen Knaben finden sich ziemlich regelmässig fast über die ganze
Kopfhaut zerstreut rundliche, fast vollkommen kahle Hende bis zu 1 cm
Durchmesser, auf denen die Reste der abgebrochenen Haare ähnlich wie
„Pulverkörner“ in den Haartrichtern erkennbar sind. Diese Haarstümpte
enthalten massenhaft Pilzsporen.
5. Systematisierter, hyperkeratotischer Nävus, fast über den ganzen
Körper ausgebreitet. ..
6. Psoriasis und Leukopathie. Die Leukopathie besteht seit der Kindheit.
Angebliche Zunahme mit dem klinischen Deutlichwerden einer offenen Lungen¬
tuberkulose (1916 Hämoptoe). Die Psoriasis ist zuerst 1917 aufgetreten.
Oertliehe Beziehungen zur Leukopathie sind nicht erkennbar. Die Psoriasis¬
herde finden sich sowohl an normalen wie an entfärbten Hautbezirken,
deren ürenze zuweilen mitten durch einen Psoriasisherd hindurchgeht, ohne
dass an den beiden Hälften irgendwelche Unterschiede erkennbar wären.
7. Hydroa vaccinlformis. 11 jähr. Mädchen. Die Krankheit besteht seit
dem 5. Lebensjahr. Akuter Ausbruch im Gesicht seit einigen Tagen. Der
Harn enthält, ul- meist, Hämetoporphyrin. Vor einem Jahre war bei einem
abk‘ingenden Ausbrugli weder Hümatoporphyrin noch Porphyrinogen nachzit-
weisen, auch nicht nach kräftiger künstlicher Belichtung (Quarzlampe, Höhen-
8. Lichtdermatose. 22 jähr. junger Mann. Beginn der jetzigen mkran-
kung vor 9 Jahren während des Sommers im Gesicht, zuerst an der rechten
Wange, dann Ausbreitung über Gesicht und Hals. Besserung im Winter.
Im nächsten Sommer Rückfall und gleichzeitige Erkrankung der Hände.
Regelmässiger Rückgang der Erkrankung im Winter, Verschlimmerung im
Sommer. Die Erkrankung betrifft nur die offen getragenen Körperstellen
(Gesicht, Hals, Nacken, Hände und Vorderarme). Das klinische Aussehen ist
das eines chronischen, infiltrierten Ekzems, das an einzelnen Stellen auch
oberflächliche rundliche Narben zeigt. Blasenbildungen sind nicht vorhanden
und sollen auch früher nicht beobachtet worden sein. Beziehungen zur
Einwirkung des Lichtes erscheinen nach dem Verlauf zweifellos. Die experi¬
mentelle Prüfung war bisher nicht möglich. Die Einordnung der Erkrankung
ist schwierig. Aehnliche Veränderungen sind als Sommerprurigo be¬
schrieben worden. Hümatoporphyrin oder Porphyrinogen haben sich nicht
nach weisen lassen. Die teilweise Narbenbildung (Kratzveränderungen ?)
konnte an Beziehungen zur Hydroa vacciniformis denken lassen. Ernährungs-
Verhältnisse gut („P e 1 1 a g r o i d“ kommt nicht in Frage).
9. Hämatogene tuberkulöse Dermatosen: a) Erythema indurat u in,
b) und c) papulo-nekrotische Tuberkulide, d) akute
pustulöseAussaat vom Aussehen eines L i c h e n scrofulosorum;
rascher Rückgang auf Tuberkulin, e) Lichen scrofulosorum bei
38 jähr. Manne iin Anschluss an eine ausgedehnte Tuberkulose der Lymph-
i-noten der rechten Halsseite, f) Lichen scrofulosorum bei 53 jahr.
Mann mit offener Lungentuberkulose von chronischem Verlauf. Der Lichen
scrofulosorum soll erst in den letzten Wochen aufgetreten sein und hat sich
in korymbiformer Anordnung zum Teil an etwas grössere, geschwünge und
warzige Herde an Rumpf und Gliedern angeschlossen. Das Auftreten eines
Lichen scrofulosorum bei älteren Erwachsenen ist durchaus ungewöhnlich.
Diese auf dem Blutwege entstehenden Ausbrüche, die eine klinisch verhältnis¬
mässig gutartige (chronische) Miliartuberkulose der Haut darstellen, haben
sich im letzten Jahre entschieden wieder gehäuft. Wir sehen diese Häufung
und besonders auch das Auftreten solcher mehr der Kindheit angehörenden
Ausbrüche bei älteren Erwachsenen, wenn die zugrunde liegende allgemeine
(chronisch verlaufende) Tuberkulose (Lymphknoten, Haut, Knochen usw.)
sich verschlechtert. Aus der Häufung solcher Beobachtungen gegenüber
den Feststellungen aus der Zeit vor dem Kriege ergibt sich der Schluss, dass
weniger im Kranken selbst liegende als allgemeine Verhältnisse ursächlich
von Bedeutung sind. Ebenso sehen wir auch Verschlechterungen von Haut¬
tuberkulosen (Neigung zu geschwürigem Zerfall bei sonst überhäuteten Herden,
schnelleres Fortschreiten usw.) mit der Verschlechterung der allgemeinen
Verhältnisse. Die zunehmenden Schwierigkeiten der Ernährung bzw. deren
Unzulänglichkeit tragen wohl auch jetzt die Schuld, wie bei den gleichen
Beobachtungen unmittelbar nach dem Weltkriege. Die jetzige Mord- und
Raubherrschaft der Franzosen an Ruhr und Rhein hat mit ihren Rückwir¬
kungen auf das unbesetzte Deutschland den gleichen Einfluss auf die allge¬
meinen Gesundheitsverhältnisse wie die Aushungerung der Frauen und Kinder
während des Weltkrieges und nachher durch den Feindbund.
11. Bericht über zwei Kranke mit etwas verzettelter Behandlung ausge¬
breiteter Allgemeinsyphilis (6 bzw. 8 Kuren). WaR. im Blut beim ersten
Fall seit über zwei Jahren stets negativ, im zweiten Falle teils negativ,
teils zweifelhaft. Die Untersuchung der Rückenmarkflüssigkeit ergibt dabei
bei beiden stark positive Befunde. Hinweis auf die Wichtigkeit der recht¬
zeitigen Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit in solchen Fällen.
12. Besprechung der Wlsmutbehandlung der Syphilis. Die vorliegen¬
den Erfahrungen stehen im umgekehrten Verhältnis zur Menge der auf den
Markt geworfe len und als Syphilisheilmittel empfohlenen Wismutverbin-
Nrg
düngen. Die experimentellen Grundlagen sind noch recht dürftige. ||
klinische Prüiung ist ebenfalls nicht als abgeschlossen zu betrachten, ij
Wismutverbindungen verhalten sich der menschlichen Syphilis gegern
etwa ähnlich wie das Quecksilber: Die Spirochäten verschwinden meist )
sam. Die Beeinflussung der WaR. ist eine geringe, ebenso die Dauerwirlj
Nierenstörungen sind verhältnismässig häufig, jedenfalls nicht seltener, <
häufiger als beim Quecksilber. Die Wismutsalze machen zwar weniger)
schwerden als stark wirksame Quecksilberverbindungen. Dafür tritt ,
zuweilen schon nach wenigen Einspritzungen ein Wismutsaum am Zahnfl<
auf, dessen Dauerhaftigkeit eine recht unangenehme Beigabe ist.
Für den allgemeinen Arzt ist die Wismutbehandlung der Syphilis ii
falls noch nicht reif. Berechtigt erscheint die Anwendung, wenn die Z
wirksamer Hg-Verbindungen grössere Schwierigkeiten macht oder unwir
ist. Das Salvarsan zu ersetzen sind die Wismutverbindungen nicht geei
Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzbui
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 5. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr F 1 u r y. Schriftführer: Herr Walther Sch mit
Herr Karbe macht eine kurze Mitteilung Uber eine Schädigung
Auges eines sechsjährigen Kindes durch die Federkelchhaare der Strohl
(Helichrysum bracteatum). Es ist hier neben einem Infiltrat um ein ii
Hornhaut liegendes Haar zu dem charakteristischen Bilde einer knöt
förmigen Entzündung (Ophthalmia nodosa) der Augapfelbindehaut gekoi
ganz analog den Verletzungen durch Raupenhaare. In einem exzid'
Knötchen fanden sich typische Pseudotuberkel, innerhalb derselben
Pflanzenhaar im Querschnitt. K. weist darauf hin, dass die toten Haar
Strohblume keinerlei das Gewebe reizende Stoffe enthalten (wie beisl
weise die Haare der Primula obeoniea) und dass somit das Bild der I
thalmia nodosa auch durch reine Fremdkörperwirkung zustandekoil
kann. ’-l
Aussprache: Herren v. Frey, Flury, Wessely, Karbr
Herr Wessely: Ueber den Flüssigkeätswechsel des Auges und
Regulierung beim Glaukom.
In den letzten 10 Jahren hat sich in der operativen Therapie des
nischen Glaukoms mehr und mehr das Prinzip der sog. „fistelbildenden“
rationell durchgesetzt, welches in der Schaffung einer dauernden Kom
kation in der Vorderkammer mit dem subkonjunktivalen Gewebe be
Die Lagrange sehe Sklerektomie fand nur langsam Anklang, die Eil
sehe Trepanation dagegen wurde mit einem fast übermässigen Enthusia
aufgenommen, auf den ein Rückschlag nicht ausbleiben konnte. Wege
Gefahr der Spätinfektion und häufigen Schlusses der Fistel wird sie
jetzt auch vielfach bekämpft. Von mancher Seite wird sogar der Gedank
äussert, der ganze Plan der Therapie, dem Kammerwasser erleichtertet
fluss zu schaffen, sei falsch, weil unsere Vorstellungen über den Flüssig
Wechsel im Auge irrige seien. Die Leber sehe Lehre, dass die Zilia
sätze die Hauptbildungsstätte, der Kammerwinkel der Hauptabflusswe
Kammerwassers seien, soll ersetzt werden durch die neue Hypothese, nac
es weder Quelle noch Wege gibt, sondern die Augenflüssigkeiten ihrei
stand nur zellulären Klüften, d. h. Stoffwechseltätigkeiten der sämtlieht
umgebenden Zellen verdanken (Hamburger, W e i s s). Danach gä
natürlich keine Regulierung des Flüssigkeitswechsels mehr. So wieln
ist, die modernen Anschauungen vom Flüssigkeitshaushalte der Gewebe
auf da; Auge anzuwenden, so darf doch nicht übersehen werden, da:
tatsächlichen Befunde einer Flüssigkeitsabströmmöglichkeit im Kai
winkel durch den Schlemm sehen Kanal in die Venen und einer Netib
eiweisshaltigen Kammerwassers an den Ziliarfortsätzen nach Entleerun
Kammer oder unter der Wirkung hyperämisierender Reize zum mim
am Tierauge unzweifelhaft zu Recht bestehen. Beim Menschen soll ab<
Regeneration der Kammer nach Punktion ganz anders erfolgen, nämlicl
zugsweise aus dem Glaskörper, und der neue Kammerinhalt völlig eiwe
sein. So soll zwischen Menschen- und den zu den Versuchen ben
Säugetieraugen ein prinzipieller Gegensatz vorhanden sein (H a
Loewenstein, R a d o s). Vortragender hat demgegenüber auf I
vergleichend-physiologischer Untersuchungen stets betont, dass das ml
liehe Auge nicht aus der Reihe der Säugetiere herausfalle, sondern
graduelle Verschiedenheiten vorlägen, die in dem unterschiedlichen Vf
nisse der Kammerwassermenge zum gesamten Bulbusvolumen und in
entsprechend verschiedenen Bau und der verschiedenen Mächtigke
Ziliarfortsätze ihren Ausdruck fänden. Durch neue Versuche wird dies«
fassung gestützt. Erstens ist es ein Irrtum und beruht auf Anwendur
geeigneter Untersuchungsmethoden (Refraktometer), dass das Kai«
regenerat beim Menschen eiweissfrei sei. Am gesunden Auge jugenc!
Individuen findet sich bei Apokainanästhesie (nicht Kokain, wegen
verengernder Wirkung) eine Eiweissvermehrung im zweiten Katnmervj
von 0,015 auf 0,175 Proz. Ferner lässt sich an ein und derselben 11
(Kaninchen) int Verlaufe des Wachstums zeigen, dass der im Vergleich
Bulbusvolumen stärker zunehmenden Kammergrösse der Eiweissgeh;;«
zweiten Humor aqueus ständig steigt. Auch an ein und demselben N
individuum lässt sich die Durchläsisgkeit der Gefässwände und damfl
Eiweissaustritt (z. B. durch Gewöhnung an hyperämisierende Reize)!
ieren. Aehnlich findet man an dem anatomischen Substrat der Kafl
Wasserproduktion an den Ziliarfortsätzen (G r e e f f s Epithelblasen, \l
selys Limitansabhebungen) Abstufungen. Somit sind die Unterschied!
sehen Tier- und Menschenauge nur graduelle und die im Tierexperime:
fundenen Tatsachen betreffs der Bedeutung der Abflusswege (z. B. SekJ
glaukoin durch Kammerwinkelverlegung) dürften für die menschliche f
logie noch weitgehend ihre Bedeutung behalten. Der Plan, durch fistelbijl
Operationen dem Kammerwasser einen ständigen Abfluss nach den*
kcnjunktivalan Gewebe zu schaffen, behält daher vorerst noch sein 1
rechtigung. Vortragender zeigt denn auch, dass an denjenigen Gla<
äugen, die einer solchen Druckregulierung bedürfen, die Trepanation'1
in der überwiegenden Zahl der Fälle dauernd durchgängig und da:*
konjunktivale Filtrationskissen jahrelang erhalten bleibt. (Demonstrat <
Von 112 an der Würzburger Klinik trepanierten Fällen von chron*
Glaukom war der Druck dauernd völlig reguliert in 85 Proz. der Fäl
Funktion gebessert oder ganz erhalten in 75 Proz. Ein ausgesp-*
schlechter Ausgang war in 6 Proz. der Fälle zu verzeichne». Diese >
sehr günstigen Ergebnisse übertreffen nicht unmerklich diejenigen b
ÄuRUSt 1923.
MÜNCHßNRR MEDIZINISCH^ WOCHENSCHRIFT.
1073
lektimie, selbst wenn man die beste der Statistiken (U li t h o f f) daneben
t. Besonders charakteristisch sind die Resultate einer allerdings erst in
i Aniängen befindlichen Statistik von Fällen chronischen Glaukoms, bei
len bei möglichst gleichem Zustande beider Augen an ein und demselben
inken einerseits die Iridektomie, andererseits die E 1 1 i o t sehe Trepa-
\ inn ausgeführt wurde und die bisher lA — 5Ä Jahre unter Beobachtung
nden. Hier war der Druck am trepanierten Auge immer, am iridekto-
•rten nur ganz ausnahmsweise reguliert und auch hinsichtlich der Funk-
ishaltung erwies sich die Trepanation weitaus günstiger. Solch ver¬
lebende Prüfung scheint demnach der geeignetste Weg, in der Lösung
strittigen Fragen weiterzukommen.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 15. Juni 1923.
Herr A. Strasser stellt einen 31jährigen Mann mit ankylosierender
rbelsäulenentzündung- vor.
Herr G. Schwarz berichtet von einem Fall von Beseitigung der
, urie durch Röntgenbestrahlung.
Herr J. Kaspar: Beeinflussung der Struma durch leichte Joddosen.
Die Kranken bekommen 4/ioo mg Jodkali pro die, bei den erfahrungs¬
näss schwer beeinflussbaren Strumen geht Vortr. auf die vierfache Dosis.
Das Jodkali wird in wässeriger Lösung gegeben. Niemals wurden üble
I gen beobachtet. In 3 — 4 Wochen nahm der Halsumfang um 2 — 2'A cm
I Vortr. demonstriert 4 Geschwister, bei denen der Halsumfang um
i'A ern abnahm. Bei refraktärem Verhalten geht Vortr. bis 0,02 g Jod-
i pro die hinauf. Vortr. demonstriert 2 junge Männer, von denen einer
e Stenose der Trachea hatte. „Auf 4/ioo mg pro die nahm in diesem Falle
r Halsumfang um 5 cm ab. Bei dem anderen betrug die Abnahme des Hals-
(fanges 5 cm. Diese Erfolge weisen den Weg zu einer grosszügigen Kropf-
landlung.
Herr P. Werner berichtet über Beeinflussung gynäkologischer Er-
I inkungen durch Bestrahlung der Hypophyse.
[ Ein Feld von 2 cm etwas oberhalb der Mitte der Verbindungslinie des
»sersten Punktes der Orbitalumrandung und des obersten Punktes des
hörganges wurde mit 18 — 20 Proz. der Hautdosis von einer Siederöhre
strahlt. 6 Fälle von Myom und 7 Fälle klimakterischer Metrorrhagie
rden nicht beeinflusst. Als später die halbe Hautdosis gegeben wurde,
reu die Erfolge bei Amenorrhoe, Dysmenorrhöe und Anfallserscheinungen
olge von Kastration besser. Vortr. bezieht die Wirkungen auf Beein-
ssung der Thalmuskerne und der Tuber cinereum. Da die Einstellung nur
e approximative war, ist zu erwarten, dass bei besserer Einstellung die
sultate besser sein werden.
Kieine Mitteilungen.
Nachweis von Tuberkelbaziflen Im Stuhl.
Während der Nachweis der Tuberkelbazillen im Stuhl für die Diagnose
' Darmtuberkulose nicht verwertbar ist, da aus verschlucktem Sputum
mmende Tuberkelbazillen im Stuhl erscheinen, ist er aus dem gleichen
unde brauchbar bei solchen Erwachsenen und Kindern, die ihr Sputum
rschlucken. Ich benutze seit Jahren ein einfaches eigenes Verfahren, das
n Schöne und Weissenfels (Zschr. f. Tuberkulose 1913, Bd. 21,
209) nachgeprüft wurde. Es ergab sich, dass mein Verfahren dem um-
ndlicheren Antiforminverfahren gleichwertig, wo nicht überlegen ist, und
ss es einen angenehmen Ersatz bieten könnte für die in der Pädiatrie zur
winnung verschluckten Sputums angewandte Magenspülung. Die M e -
odik ist folgende: Etwas Stuhl wird mit langem Glasstab im Reagenz-
ise unter Zusatz von soviel destilliertem Wasser verrührt, dass eine
t-weiche Masse entsteht, die nicht oder kaum im schräg gehaltenen Glase
rabfliesst. Man gibt dann reichlich Aether zu, verschliesst mit Guinmi-
ipsel und schüttelt kurz durch. Der Aether wird in ein Zentrifugen¬
ischen abgegossen und der durch kurzes Abstehen oder Ausschleudern
laltene Bodensatz — nach Abgiessen des Aethers — mit einigen Tropfen
ther aufgeschüttelt und auf den Objektträger gegossen, wo er sehr gut
itet. Färbung nach Z i e h 1. Der Bodensatz besteht fast nur aus Bakterien
d ist darum angenehm zu mikroskopieren. Die ausserordentlich einfache
d wenig zeitraubende Ausführungsweise meines zuverlässigen Verfahrens
ranlasst mich, in einer für den Praktiker bestimmten Zeitschrift kurz
rauf hinzuweisen, zumal es in den Lehrbüchern nirgends erwähnt ist.
Dr. Max R e h - Berlin-Lichterfeldc.
Pockenepidetnie in der Schweiz.
Im Bericht des Schweizerischen Bundesrats über das Gesundheitswesen
s Jahres 1922 wird bei der Besprechung über die seit dem Jahre 1921 in
r Schweiz herrschende, sich in bis jetzt 13 Kantonen allmählich immer
iter ausbreitende Pockenepidemie unter anderem gesagt:
„Die ausgedehnte Epidemie, die in der zweiten Hälfte 1921 im Kanton
arus ausgebrochen war, erlosch endgültig zu Beginn des Jahres 1922.
eses glückliche und unerwartet rasche Erlöschen einer Epidemie, die sich
ter so ungünstigen Verhältnissen entwickelt hatte, ist sicher zu einem guten
uil dem Umstand zuzuschreiben, dass die Kantonsbehörden unverzüglich in
n verseuchten Gegenden des Kantons den Impfzwang eingeführt haben. Es
iieint uns mehr als wahrscheinlich, dass die gegenwärtige Epidemie auch
hon längst erloschen wäre, wenn alle Kantone, in denen sie ausgebrochen
•i sich zur Befolgung dieses Beispiels hätten entschlossen können. Was
s in dieser Meinung bestärkt, ist die Tatsache,’ dass alle Kantone mit
ligatorischer Impfung (so namentlich die Westschweiz, Graubünden und
ssin) trotz der vielen Ansteckungsmöglichkeiten, die der rege Verkehr mit
n infizierten Gegenden bot, von der Epidemie nicht ergriffen worden sind,
e Mehrzahl der Pockenfälle des Jahres 1922 — über 90 Prozent — betraf
igeimpfte, und in Fällen, in denen Geimpfte von der Krankheit befallen
urden, handelte es sich meistens um Personen, bei denen der durch eine
ipfung im Kindesalter erworbene Impfschutz infolge ihres Alters nicht mehr
rhanden war.
Wir dürfen deshalb behaupten, dass die Pocken, die in den Ländern mit
regelmässiger und systematischer Impfung fast restlos verschwunden sind,
bei uns nur deshalb einen günstigen Boden für ihre Ausbreitung gefunden
haben, weil die Impfung nur noch in einigen Kantonen obligatorisch ist,
während die anderen den Impfzwang abgeschafft haben unter dem Einfluss
einer Propaganda, die zur Erreichung ihrer Zwecke Behauptungen aufstellt,
die auf schlechter Beobachtung oder falscher Deutung von Tatsachen beruhen
und sehr oft auch in allen Teilen erfunden sind.
Der Schluss, der sich bei der Betrachtung der jetzigen Epidemie auf¬
drängt, ist der, dass der Impfung — der einzigen, dafür aber unbedingt wirk¬
samen Massnahme zur Bekämpfung der Pocken — wieder das Zutrauen der
Bevölkerung verschafft werden muss, das sie nie hätte verlieren sollen.“
(Volkswohlfahrt.)
Die Pest in der Kirgisensteppe.
Die südrussische Kirgisensteppe ist als ein Pestherd von jeher bekannt,
in dem alljährlich eine Reihe von Fällen zur Beobachtung kommen. Ueber
die Pesterkrankungen im Winter 1922/23 teilt Dr. G a i s k i, der Leiter des
Pestlaboratoriums in Alexandrowgai, einer in der Steppe gelegenen Kirgisen¬
stadt, die durch eine Seitenlinie mit der grossen Eisenbahn nach Astrachan
verbunden ist. mit, dass im November vorigen Jahres in der Ansiedelung
Kany Tschagal 14 Personen an Lungenpest erkrankten und starben. In einem
Fall bestand zugleich Bubonenpest. In der Zeit vom 7. bis 14. Januar 1923
starben in Jeremen 6 Menschen an Lungenpest, während die letzte Hälfte des
Januar in der Ansiedelung Kun Bernen und ihrer Umgebung eine Epidemie
von 77 Fällen brachte, von denen 75 Personen an Lungenpest starben,
während die beiden anderen, die nur eine Erkrankung der Drüsen zeigten,
durchkamen. In jener Gegend befinden sich eine Reihe von Peststationen,
die schon vor dem Kriege eingerichtet wurden und auch jetzt ihre Tätigkeit
fortführen. Die eben genannten Orte befinden sich in unmittelbarer Nähe der
deutschen Wolgakolonien, in denen selbst bisher kein Pestfall zur Beob¬
achtung gekommen ist. In ihrem Bereich befindet sich eine Peststation im
Dorfe Sawinka, an dessen Spitze ein erfahrener, mit den Verhältnissen seit
langen Jahren vertrauter Arzt steht.
Tarif der Deutschen Röntgengesellscliaft ab 1. August 1923.
(Minimal tarif für Krankenkassen usw.)
I. Unkostentarif : a) Diagnostik: Platte 9 X 12 = 89 000 M. (Zahn¬
film ebenso). 13 X 18 = 122 000, 18 X 24 — 175 000, 24 X 30 = 262 500.
30 X 40 = 411 500, 40 X 50 — 683 500, Orthodiagramm 110 000, Durch¬
leuchtung 95 500, Citobaryummahlzeit 70 000, Schlauchfüllung 140 000, Einlauf
mit Citobaryum 100 000, Abzüge bis zur Grösse 18 X 24 = 60 000, grössere
120 000, Glasdiapositiv 150 000. — b) Therapie: I. Oberfl. 1 M.A.M.
— 1500, 2. (vollw.) Tiefenther. 1 M.A.M. = 4000 M.
II. Honorartarif: Allg. D. Geb.O. (Ausg. m. Deckbl.) Ziff. 336 — 371'X 1500.
Galerie hervorragender Aerzte und Naturforscher.
Die allgemeine Teuerung hat uns dazu gezwungen, auch für die Galerie
nunmehr Grundpreise anzusetzen. Der Grundpreis für die in letzter Zeit
erschienenen Bilder (M. v. G r u b e r, A. v. Strümpell, O u i n c k e,
Marchand, Schleich, Penzoldt) beträgt für unsere Bezieher
10 Pfennig für das Bild und für Nichtabonnenten 20 Pfennig. Früher er¬
schienene Bilder können zum Grundpreise von 5 Pfennig für Bezieher und
10 Pfennig für Nichtbezieher geliefert werden. Die Grundzahl ist mit der
vom Börsenverein deutscher Buchhändler amtlich festgesetzten Schlüsselzahl
— am 8. August 80 000 — zu vervielfachen. Für unsere Auslagen an Porto
und Verpackung kommt bei Einzelversendung noch ein Zuschlag von M. 1500
für das Bild hinzu. Bei Bestellungen bitten wir den Betrag gleichzeitig auf
das Postscheckkonto J. F. L e h m a n n s Verlag, München 129, einzuzahlen.
Therapeutische Notizen.
Zur Schmierseifenbehandlung der Tuberkulose.
Prof. Heinz hat (M.m.W. 1923 Nr. 20) gegen Tuberkulose eine Kom¬
bination von 10 Proz. Terpentinöl und Schmierseife empfohlen, wobei er die
letztere nur als Vehikel benutzt, weil sie reinlicher als Salbe sei und sich
besser einreiben lasse. Die Verkennung der Wirkung der Schmierseife muss
eigentlich wundernehmen, denn dieses uralte Volksmittel ist doch schon vor
Dezennien von Kappesser und anderen Autoren auch in der medizinischen
Literatur gegen Tuberkulose warm empfohlen. Wenn die Schmierseifen-
behandlung trotzdem nicht Allgemeingut der Aerzte wurde, so kam das daher,
weil ihre Anwendung gewisse Nachteile bot, weil die Seife vielfach aus
schlechten, ungleichmässigen Rohstoffen bestand und -so unwirksam war. und
weil man vor allem glaubte, dass sie nur zur Hautreizung diene. Schon seit
dem Jahre 1911 habe ich in Wort und Schrift die Meinung vertreten, dass die
Schmierseife eine spezifische Wirkung ausübt, dass sie durch ihre Lipoid¬
löslichkeit die Wachshüllen der Tb.-Bazillen auflöst und durch ihren Alkali¬
gehalt die sauren Toxine paralysiert und entgiftet. Grundbedingung für die
Wirkung ist aber ein chemisch und physikalisch gleiohmässiges Präparat von
bestimmtem Alkaligehalt. Ich Hess daher eine einwandfreie, leicht verreibbare
Schmierseifenkombination mit eigens hierzu aus kalt geschlagenem Leinöl
bereiteter Sapo kalinus herstellen, die unter dem Namen Sudian in weiten
Aerztekreisen bekannt wurde. Besondere Beachtung haben die ausgedehnten,
erfolgreichen Versuche gefunden, die Prof. Springfeld im Kreise Hümm¬
ling, in dem die grösste Tb. -Morbidität Deutschlands herrscht, mit Sudian
ausführen liess x). Das Sudian habe ich auch mit Guajakol, Kreosot etc. kom¬
binieren lassen in der Erwartung, den Effekt zu steigern, aber nie bessere
Resultate als mit dem reinen Präparat erzielt. Ob ein Zusatz von Terpentinöl
zum Sudian therapeutisch besser wirkt, werden Versuche lehren.
Auch bei Lepra dürfte die Schmierseife allein wirksam sein, so wurde
mir schon vor Jahren berichtet, dass die eingeborenen Medizinmänner Ost¬
afrikas die Lepra mit Schmierseife behandelten und auch dabei Heilungen
erzielt hätten. Dr. Mosberg - Bielefeld.
4) Mosberg: Vorläufige Mitteilung über die Erfolge der Sudian-
behandlung der Tuberkulose im Reg.-Bez. Osnabrück bzw. ira Kreise Hümm¬
ling. M.K1. 1914 Nr. 6.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
]i)74
In einer zusammenfassenden Uebersicht über die Therapie der
Vulvovaginitis gonorrhoica infantum berichtet W. S c h m i d t -
Frankfurt a. M. auch über die von Ben da empfohlenen Olobuli in Suppo-
sitorienform Homefa (zusammengesetzt aus Thigenol 5 Proz.. Choleval
Merck 0.5 Proz.. Hegonon Schering 0,5 Proz., Arg. proteinic. 3 Proz.. Chinin,
hydrochlor. 2,5 Proz., Hydrarg. oxycyanat. 0,2 Proz., Acid. boric. 3 Proz.,
hergestellt von der Firma Karl Horn & Co.. Frankfurt a. M., Ludwigstr. 27).
bei deren Anwendung in einem Fall mit stets positivem Gonokokkenbefund
bei einem 8 jährigen Mädchen die eitrige Sekretion sehr schnell nachliess und
die Gonokokken in etwa 14 Tagen verschwanden. Die Globuli vaginales
haben den Vorteil bequemer Anwendung, die von der Mutter leicht erlernt
und wegen der Bequemlichkeit meist pünktlich durchgeführt wird. (Ther. d.
Gegenw. 1922, April.) R. S.
S c h i 1 d b a c k ist ein von Prof. L. Huismans in Köln angegebenes
zweckmässiges Schilddrüsenpräparat, bestehend in einem quadratischen, in
Aluminiumfolie einzelverpackten, je 0,3 g Schilddrüse mit der Brühe ent¬
haltenden Zwieback, der von der Firma Bertram Weiss in Köln, Nährmittel¬
fabrik, Pharmaz. Abt., hergestellt und nur auf ärztliche Verordnung abgegeben
wird. (Ther. d. Gegenw., Juli 1923.) R. S.
S o m n o 1 i n ist ein neues Hypnotikum und Antineuralgikum, über
welches W. Steinbrinck nach Erfahrungen an mehreren Hundert
Kranken der mediz. Abteilung des städt. Krankenhauses Allerheiligen in
Breslau berichtet. Das Mittel ist eine Kombination des Chlorals mit dem
Azetyl-Para- Aminophenol, der Muttersubstanz des Phenacetins. Die
Indikationen sind Asomnie und Erregungszustände aller Art, sowie Neuralgien,
insbesondere Migräne, die Dosierung je nach Erfordern 1 — 2 Tabletten
pro die. Der Erfolg war im allgemeinen recht gut, völliges Versagen war
selten, die Verträglichkeit war (bei Darreichung zerrieben und aufgeschwemmt
in einer halben Tasse warmen Getränkes) durchweg gut, die Wirkung zeigte
sich 1 — 1/4 Stunden nach der Aufnahme und hielt meist bis zum Morgen an.
(Darstellung: Chemische Fabrik J. A. Wülfing in Berlin.) (Ther. d. Gegenw.,
Juli 1923.) R. S.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 8. August 1923.
— Sterbekassaverein der Aerzte Bayerns. Das
Reichsaufsichtsamt für die privaten Versicherungsunternehmungen hat die
Aenderung der Satzung betr. vereinfachter Form der Auflösung genehmigt.
Es findet daher eine ausserordentliche Generalversammlung am 9. September
d. J., vorm. 9 Uhr, zu München, Altheimereck. 20/1 links statt. Tages¬
ordnung: 1. Beschlussfassung bezüglich der Auflösung des Vereins, 2. Liqui¬
dationsverfahren.
— Unter Aenderung des Abs. II der VO. vom 29. XII. 22 über die
Gebühren der Aerzte und Zahnärzte in der Privatpraxis
(GVBil. S. 698, StA. 1923 Nr. 5) und Aufhebung der VO. vom 10. VII. 23
Nr. 5188 a 41 (StA. Nr. 168) wird bestimmt, dass zu den Sätzen der Teile II
A und B sowie III der Preuss. Geb.O. vom 10. XII. 22 (Deutsch. Reichsanz.
Nr. 281), für Bayern übernommen durch die VO. vom 29. XII. 22, mit Wirkung
ab 15. VII. 23 ein Teuerungszuschlag von 10 900 v. H., mit Wirkung ab
21. VII. 23 ein Teuerungszuschlag von 21 900 v. H., mit Wirkung ab 1. VIII. 23
ein Teuerungszuschlag von 39 900 v. H. tritt.
— Der vom 23. bis 28. Juli 1923 abgehaltenen zweiten diesjährigen prak¬
tischen und mündlichen Prüfung für den ärztlichen Staatsdienst
unterzogen sich 23 Aerzte. Hiervon erhielten 7 die Note I, 13 die Note II,
3 die Note III. Die nächste praktische und mündliche Prüfung findet in der
Woche vom 22. bis 27. Oktober 1923 statt.
— Vom Aushilfsfonds der Notgemeinschaft deut¬
scher Aerzte (Geh. Rat Schwalbe, Postscheckkonto Berlin 25 058)
sind dem Pensionsverein für Witwen und Waisen bayerischer Aerzte 4 Mil¬
lionen Mark überwiesen worden.
— Vor 25 Jahren, am 1. August, wurde das Städtische Säuglingsheim in
Dresden (Direktor: Prof. Dr. B a h r d t) eröffnet, das das erste Säuglings¬
krankenhaus in Deutschland war. Es wurde in diesem Vierteljahrhundert
von seinem Gründer Prof. Dr. Schloss mann und der Reihe nach von
den Professoren Salge. Rietschel und B a h r d t geleitet und ist vor¬
bildlich gewesen für alle später eingerichteten Säuglingskrankenhäuser des
In- und Auslandes.
— In England haben Bestrebungen eingesetzt, um die Forschungen
gegen das Krebsleiden in Uebereinstimmung zu bringen. Unter
dem Namen „Britische Reichs-Krebsbekämpfung“ wurde eine neue Gesell¬
schaft gegründet, die bezweckt, das notwendige Kapital zu diesem Zweck
aufzubringen. Die Forschungen werden im ganzen Reich unternommen
werden. Es werden Ausschüsse eingesetzt, die sich mit der Medizin, mit
der Operation, mit der Hygiene und mit der chemischen Bekämpfung, mit
der Physik befassen. . Jede Entdeckung des einen Ausschusses wird sofort
allen anderen mitgeteilt, um dadurch die Arbeiten zu unterstützen. Die neue
Gesellschaft wird eine Art Zentrale für alle diese Ausschüsse bilden. (Volks¬
wohlfahrt.)
— Ein Kursus über Gesundheit und Erziehung in der
Jugendfürsorge wird vom 19. bis 22. September 1923 vom Deutschen
Verein für öffentliche und private Fürsorge auf der Kindererholungs¬
stätte Wegscheide bei Bad Orb veranstaltet. Arbeitsplan: (Kurs¬
leitung: Dr. P o 1 1 i g k e i t.) Die Grundlagen einer planmässigen Gesund¬
heitspflege und Gesundheitsfürsorge nach dem R. J. W. G. (Dr. Pollig-
k e i t - Frankfurt a. M.). Säuglingsschutz und Säuglingsfürsorge vom Stand¬
punkt der Sozialhygiene und der Jugendfürsorge (Min.-Rat Dr. Baiser-
Darmstadt). Die Durchführung der Krüppelfürsorge (Dr. Harms- Mann¬
heim). Tuberkulosefürsorge bei Kindern und Jugendlichen (Prof. Dr. Simon-
Frankfurt a. M.). Die Schulkinderspeisung als soziale und hygienische Ein¬
richtung der Schule (Stadt-Med.-Rat Dr. Oschmann - Erfurt). Oertliche
Erholungsfürsorge statt kostspieliger Kurunterbringung (Stadt-Med.-Rat
Dr. Fischer-Defoy - Frankfurt a. M.). Landaufenthalt und Erholungs¬
heime: 1. vom gesundheitlichen Standpunkt (Med. -Rat Dr. G a s t p a r - Stutt¬
gart): 2. vom erzieherischen Standpunkt (Rektor J a s p e r t - Frankfurt a. M.).
Gesundheitliche und schulmässige Versorgung chronisch kranker Kinder
(Stadtschuloberarzt Dr. B a n d e 1 - Nürnberg). Schulärztlicher Dienst (Stadt-
Med.-Rat Dr. Stephani - Mannheim). Heilpädagogik in Schule und Elte
haus (Prof. Dr. H ä b e r 1 i n - Basel). Die Dringlichkeit besonderer Fürsor
massnahmen für die Gesundheit der schulentlassenen Jugend (Stadt-Med.-l
Dr. S c h n e I 1 - Frankfurt a. M.). Jugendpflege und Jugendbewegung
die ärztliche Fürsorgearbeit (Stadtarzt Dr. H a g e n - Höchst a. M.). |1
Gesundheitsfürsorge für Jugendliche in einem Kreiswohlfahrtsamt (Med.-I ,
Dr. H e i d - Heppenheim a. d. B.). Gesundheitsamt, Jugendamt und Wi
fahrtsamt unter städtischen Verhältnissen (Beigeordneter Dr. Kraut wi 1
Köln). Da am 16. und 17. September die Tagung der Fürsorgeärzte I
Münster stattfindet, steht den Teilnehmern beider Veranstaltungen >1
18. September als Reisetag zur Verfügung. Wegscheide (früherer Trupp I
Übungsplatz) liegt eine Stunde von Bad Orb entfernt (Linie Frankfurt-Betl
Seitenbahn Wächtersbach-Bad Orb). Die Teilnehmer erhalten dort Herbe i
und Verpflegung zum Tagessatz von 50 000 M. (Einzahlung auf der W j
scheide) Anmeldungen müssen bis Mittwoch, den 12. September in <1
Geschäftsstelle Frankfurt a. M.. Stiftstr. 30, eingegangen sein.
— An der Universität Erlangen findet vom 15. bis 20. Oktober d. I
ein ärztlicher Fortbildungskursus über die Fortschritte J
Medizin der letzten Jahre statt. Bestimmte Anmeldungen sind an die Me I
zinische Klinik zu richten, die auf Wunsch auch den Vorlesungsplan üb I
mittelt. Die Kliniken wollen nach Möglichkeit auch Räume zur Verfügtl
stellen, um wenigstens einen Teil der sich rechtzeitig anmeldenden Kolleta
unterzubringen.
— Bad Kissinger Fortbildungskurs für praktisch
Aerzte vom 3. mit 6. September 1923. An Stelle des verstorbenen He I
Geh. Rat v. Hess liest Herr Geh. Rat Wessels- Würzburg, Prof. H I
manns van den B e r g h - Utrecht liest über neueste Diabetesthera;!
— III. Jahresversammlung der Deutschen Gesell
Schaft für Vererbungswissenschaft in München v I
24. bis 27. September 1923. Allgemeine Vorträge: H. W i n k I e r - Hambui
Ueber die Rolle von Kern und Protoplasma bei der Vererbung; H. Spil
mann- Freiburg i. Br.: Vererbung und Entwicklungsmechanik; O. R e n n e|
Jena: Vererbung bei Artbastarden. Anmeldung von Vorträgen sind an (I
Schriftführer der Gesellschaft, Prof. Dr. H. Nachtsheim - Berlin-Dahhil
Institut für Vererbungsforschung, Schorlemer Allee, zu richten. In Wohnunl
angelegenheiten gibt Herr Privatdozent Dr. O. K o e h 1 e r - Münchii
Zoologisches Institut, Neuhauserstr. 51, Auskunft.
— Pest. Aegypten. Vom 25. Juni bis 1. Juli 41 Erkrankungen, davl
in Alexandrien 1 und Port Said 2.
— In der 27. Jahreswoche, vom 1. bis 7. Juli 1923, hatten von deutscll
Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Augsburg mit lfl
die geringste Barmen mit 6,9 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohnl
Vöff. R.-O.-A 3
Hochschulnachrichten
Breslau. Zum Rektor magnificus für das Studienjahr 1923/24 wuijj
Domprobst Johannes N i k e 1, Professor der katholischen Theologie gewäll
zum Dekan der mediz. Fakultät Prof. Dr. H i n s b e r g, Direktor der Uniij
Ohrenklinik. — Der Unterstützungsfonds des Schlesischen Adels für die ntj
leidende Studentenschaft hat erneut namhafte Beträge überwiesen. Es 1
hielten die Breslauer Studentennot zwecks Verteilung an bedürftige Sl
dierende 10 Millionen, das Studentenheim zu Breslau 2/4 Millionen, (I
Johanneum 1/4 Millionen, insgesamt 14 Millionen. Möchte dieses edle B|(|
spiel auch in anderen Provinzen Nachahmung finden! (hk.)
Frankfurt a. M. Der Privatdozent für Kinderheilkunde an der Frahl
furter Universität Dr. med. Paul Grosser wurde zum nichtbeamtelit
ausserordentlichen Professor ebenda ernannt, (hk.)
München. Dem Honorarprofessor Oberregierungsrat a. D. Obi
medizinalrat Dr. Otto Messerer wurde der Titel eines Geheimen Medizin!
rates verliehen.
Tübingen. Den Privatdozenten Dr. Ernst Kretschmer (P.<l
chiatrie und Neurologie) und Dr. Otto Jüngling (Chirurgie) ist die Dien J
bezeichnung ausserordentlicher Professor verliehen worden, (hk.)
Wien. Dr. Anton P r i e s e 1 ist als Privatdozent für pathologisch
Anatomie an der Wiener Universität zugelassen worden, (hk.)
Todesfall.
Der amerikanische Hygieniker H. M. B i g g s in New York, 63 Jahre J
Abdruck. Amtliches. (Bayern).
Verordnung des Staatsmlnisteniums des Innern vom 19. VII. 23 Nr. 5187 a
über die Gebühren für ärztliche Dienstleistungen bei Behörden.
Mit Wirkung ab 20. VII. 23 werden die Gebühren für ärztliche Dien. 1
17X10 2 715
leistungen bei Behörden nach der VO. vom ' ' , GVB1. S. — und ci
4. VIII. 10 415
dieser VO. beigegebenen Gebührenordnung wie folgt festgesetzt:
1. Die Mindestsätze des § 3 Abs. II und III der VO. werden auf dl
6000 fache erhöht, als Vergütung nach § 11 Abs. II wird das 6000 fache cl
dortigen Satzes bestimmt.
2. Die Sätze der Ziff. 14 der Gebührenordnung werden auf das 8000 facti
der Mindestsatz der Ziff. 1 wird auf das 4000 fache, der Mindestsatz cl
Ziff. 11 auf das 2500 fache, die übrigen Mindestsätze werden auf das 6000 fac!
erhöht.
3. Als Höchstsatz darf das 10 fache der durch die vorstehende Regelud
bestimmten Sätze berechnet werden; dies gilt auch für jene Ansätze, '/I
17 XI 02
welche die VO. vom - ^ ‘ einen Spielraum zwischen Mindestsatz u.
Höchstsatz nicht vorsieht.
Für besonders gelagerte Ausnahmefälle, so bei besonders leistuntl
fähigen Zahlungspflichtigen, wird gestattet, diese Sätze zu überschreiten. /.
Diese Sätze treten an die Stelle der Sätze der VO. vom 2. VII. j
Nr. 5187 a 31, StA. Nr. 161.
i:.T=.-=-r_ - - - ls—: — .'i . . ■!
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnu i
und Kleidung beträgt am 11. Juli 21511, am 16. Juli 28 892 und am 23. J i
39 336. Basiszahl 1913/14 — 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist ab 7. VIII. 1923: 80 0'
Verlag von J. F. Lehmann in München SW. 2, Paul Heyse-Str. 26. — Druck von E. Mühlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei G.m.b. H. München.
Preis der einzelnen Nummer freibleibend Jl 18000.-. • Bezugspreis
n Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
ür die Schriftleitung: Amulfstr. 26 (Sprechstunden 8H— 1 Uhr),
ür Bezug : an J. F. L e h m a n n s V e r I a g , Paul Heyse-Strasse 26.
Anzeigen-Annahme :
Leo Waibel, München, Theatinerstrasse 3.
Anzeigenschluss!
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Medizinische Wochenschrift
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
r. 33. 17. August 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. __
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26. JcuirQ<UlQ.
Der Verlag behält sich daa ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeitrage vor.
Originalien.
US der Chirurg. Abt. des städt. Krankenhauses München r. d. I.
(Chefarzt: Dr. Max Qrasmann.)
ur Diagnose intraabdomineller Verletzungen durch
Sumpfe Gewalt sowie zur Differentialdiagnose ver¬
schiedener intraabdomineller Erkrankungen.
Von Dr. Max Qrasmann.
Die Diagnose intraabdomineller Verletzungen durch stumpfe
ewalt kann manchmal auch dem erfahrenen Arzte Schwierigkeiten
-reiten, besonders wenn die Bauchquetschung durch Verletzung
js Brustkorbes, der Brustefngeweide, des Retroperitoneums, der
irbelsäule oder des Beckens kompliziert ist. Gerade die der chirur-
schen Behandlung zugängigen Fälle machen nicht selten im Friih-
adium keine alarmierenden Symptome. In zweifelhaften Fällen
izuwarten ist sehr verantwortungsvoll, denn die Prognose ist, ab-
isehen von der Schwere der Verletzung, von der Frühdiagnose
ld Frühoperation abhängig. Wie jede Stunde des Zuwartens die
orhersage verschlechtert, zeigt am evidentesten die Statistik von
schistosserhof (Beiträge zur klin. Chir., Bd. 79, I.).
Von den innerhalb der ersten 6 Stunden operierten Kranken
^Urdun.u , . 50 Proz.,
innerhalb der nächsten 6 — 24 Stunden . 12 Proz.,
nach 24 Stunden . . proz"'
geheilt.
Unser Bestreben muss also dahin gehen, schon innerhalb der
steil Stunden nach dem Trauma festzustellen, ob ein Organ der
luchhöhle verletzt ist. Welches Organ geschädigt ist, kann nur in
izelnen Fallen mit grösster Wahrscheinlichkeit bestimmt werden,
aktisch ist diese Frage ohne grössere Bedeutung, da jede Ver-
tzung eines Bauchorgans die Operation indiziert. Die Kenntnis der
mptome intraabdomineller Verletzungen ist für den praktischen
-zt von grösster Bedeutung: Er sieht den Kranken in vielen Fällen
erst, er soll die Diagnose stellen und den Verletzten möglichst
sch dem Facharzt zuführen.
Aus der Erzählung des Herganges der Verletzung dürfen wir für
sere Diagnose nicht viele Schlüsse ziehen, denn die schwersten
uichkontusionen brauchen keine inneren Verletzungen zu verur-
chen; anderseits können relativ geringe Gewalteinwirkungen
hwere Schädigungen hervorrufen. Welche Faktoren dabei aus-
nlaggebend sind, lässt sich im Einzelfall nicht bestimmen. Viel
ehr interessieren uns Mitteilungen über das Verhalten des Kranken
aerhalb der ersten Stunden nach dem Trauma. Erfahren wir,
ss sich der Kranke nach der Verletzung zuerst erholte, sein All-
■meinbefinden sich jedoch nach 1 — 3 Stunden verschlimmerte, oder
ss sich erst einige Stunden nach dem Trauma schwerere Erschei¬
ngen einstellten, dass erst nach Ablauf dieser Zeit Erbrechen auf-
it, dass der Puls innerhalb weniger Stunden rascher und kleiner
worden oder die Temperatur, wenn auch nur um einige Zehntel,
stiegen ist, so haben wir sehr wichtige Anhaltspunkte gewonnen,
ets müssen wir uns erkundigen, ob Urin gelassen wurde, ob der-
Ibe mit Blut vermengt war.
Die Symptome der intraabdominellen Verletzungen werden ein¬
teilt in Allgemein- und Lokalsymptome. Finden wir den Kranken
rze Zeit nach der Verletzung apathisch, nur langsam und unwillig
sere Fragen beantwortend, mit blassem Gesicht, spitzer Nase, mit
Item Schweiss auf der Stirne, kühlen Extremitäten, oberflächlicher
mutig, meist kleinem, frequentem, seltener verlangsamtem, ge-
anntem Puls, mit Brechreiz oder Erbrechen, so sagen wir: Der
anke liegt im Schock; seltener bestellt im Anschluss an die
Tletzung grosse Unruhe und lautes Jammern.
Es ist allgemein bekannt, dass es sich beim Schock um einen
tlexvorgang handelt, dass er kein Zeichen für eine Organverletzung
• dass auch ohne Organverletzung im Schock der Tod erfolgen
nn Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auch ohne Scliock-
mptome schwere innere Verletzungen bestehen, ja dass Kranke
>tz Organverletzungen noch kürzere oder längere Strecken Weges
ojcklegen können. Sehr wichtig ist es, zu wissen, dass der Schock,
i Kcflexyorgang, nach kurzer Zeit, im allgemeinen längstens nach
Stunden, verschwindet. Ist nach dieser Zeit das Allgemeinbe-
Nr 33.
finden noch schwerer beeinträchtigt, oder hat es sich nach anfäng¬
licher Besserung neuerdings verschlechtert, so sind das höchst ver¬
dächtige Anzeichen einer inneren Blutung oder fortschreitender Peri¬
tonitis. Die Symptome sind die gleichen wie bei rein traumatisch¬
nervösem Schock; man bezeichnet sie: Kollapserschein un-
g e n. T h ö 1 e hebt hervor, dass sich nur durch die Dauer und das
zeitliche Auftreten die Symptome des eigentlichen traumatisch-ner¬
vösen Schocks von den Folgen einer Bauchnervenreizung durch Ein¬
geweideverletzung unterscheiden. Nur zu oft begegnet man dem
Fehler, das gestörte Allgemeinbefinden mehrere Stunden nach dem
Trauma auf Kosten des Schocks zu bewerten. Ausdrücklich sei auch
noch erwähnt, dass gutes Allgemeinbefinden innerhalb der ersten
12—24 Stunden nach Verschwinden des Schocks das Vorhandensein
einer intraperitonealen Verletzung nicht ausschliesst.
Eine einmalige Feststellung der Pulsbeschaffenheit ist
für die Diagnose im Frühstadium meist nicht zu verwerten. Im FTüh-
stadium des Schocks soll der Puls stets regelmässig, klein, aber ge¬
spannt, nur wenig oder gar nicht beschleunigt, oft sogar verlangsamt
sein (J. Wieting). Wegen der meist kurzen Dauer dieses Sta¬
diums kommt es selten zur klinischen Beobachtung. Wir sehen meist
erst das zweite Stadium des Schocks: Puls klein, leicht unterdrück¬
bar, sehr beschleunigt. Mit Schwinden des Schocks bessert sich der
Puls, auch wenn eine Organverletzung vorliegt; nur bei schweren
Blutungen bleibt die Besserung aus. Eine Ausnahme machen häufig
die Leberverletzungen. Finsterer hat darauf aufmerksam ge¬
macht, dass bei Leberverletzung als Wirkung der Resorption gallen¬
saurer Salze eine Pulsverlangsamung auftritt, und hält dies für ein
charakteristisches Symptom der Leberverletzung; auch wir konnten
dies bei einigen von uns in der letzten Zeit beobachteten Fällen fest¬
stellen. Ist die Pleura mitbeteiligt, handelt es sich also um eine
Brust-Bauchverletzung, so kann trotz der Verletzung eines Bauch¬
organs ein verlangsamter, kräftiger Vaguspuls vorhanden sein
(S a u e r b r u c h). Grösste Bedeutung gewinnt fortlaufende Kontrolle
der Pulsbeschaffenheit; finden wir, dass die Pulszahl von Stunde zu
Stunde steigt, dass sich die Qualität des Pulses verschlechtert, so
liegt wohl sicher eine Verletzung vor; allein kostbare Zeit ist ver¬
loren.
Perthes hat auf die Wichtigkeit der Blutdruckmessung
hingewiesen; ich selbst habe sie nie angewandt, fand auch in der
Literatur keine Erfahrungen darüber niedergelegt. Ich glaube, dass
sie nur bei wiederholter Anwendung innerhalb mehrerer Stunden von
Bedeutung sein kann, da der Blutdruck im ersten Stadium des
Schocks erhöht sein soll, im zweiten Stadium wohl stets erniedrigt ist.
Fieber ist im Frühstadium intraabdomineller Verletzungen
meist nicht vorhanden; das Fehlen von Temperatursteigerung
schliesst also eine Organverletzung nicht aus. Hagen hat auf
die Wichtigkeit wiederholter, d. h. wenigstens stündlicher Aftermes¬
sung hingewiesen und auch nur das geringste Ansteigen der Tempe¬
ratur mit grosser Wahrscheinlichkeit als Symptom innerer Ver¬
letzungen schätzen gelernt. Auch wir haben früher, als wir die
Kranken noch öfters beobachten mussten, dieses Zeichen für höchst
beachtenswert befunden.
Wichtiger als die Allgemeinsymptome sind zur Stellung der
Frühdiagnose die Lokalsymptome. Sicher liegt eine Ver¬
letzung von Bauchorganen vor, wenn wir freie Luft oder freie, bei
Lagewechsel verschiebliche Flüssigkeit bei sonst gesunden Men¬
schen, oder wenn wir mit Sicherheit eine abnorme Dämpfung nacli-
weisen können.
Die Vorstellung, dass in allen Fällen von Verletzungen des
Magen- und Darmkanals eine grössere Menge Luft oder Stuhl aus
der Perforationsstelle in die freie Bauchhöhle austreten müsse, ist
irrig. In Wirklichkeit tritt oft weder Luft, noch Stuhl in nachweis¬
baren Mengen aus; selbst bei Perforation eines Magen- oder Duo-
denalulcus, wo gewiss die günstigsten Bedingungen für ein solc.ies
Ereignis gegeben sind, finden wir nicht selten keine freie Luft. Auf
die Gründe dieses Verhaltens kann hier nicht eingegangen werden.
Aus dem Fehlen freien Gases dürfen also keine Schlussfolgerungen
gezogen werden, ganz abgesehen davon, dass freie Luft bei Ver¬
letzung parenchymatöser Organe oder bei Verletzung des Gekröses
nicht vorhanden sein kann. Ist Luft ausgetreten, so wird sie sich in
den meisten Fällen am höchsten Punkte der Bauchhöhle, d. h. unter
dem Zwerchfell, ansammeln; ist die Menge eine genügende, aber auch
nur dann, werden wir sie durch die Verkleinerung resp. das Ver¬
schwinden der Leberdämpfung nachweisen können. Es sei mit allem
2
1076
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33
Nachdruck darauf hingewiesen, dass das Vorhandensein der Leber¬
dämpfung schwerste Darmverletzung, Perforation von Magen- und
Duodenalgeschwüren usw. nicht ausschliesst. Anderseits, wenn die
Leberdämpfung verkleinert oder verschwunden ist, so ist dies be¬
kanntlich noch kein "Beweis, dass die Leber durch freie Luft ver¬
drängt worden ist; #s kann der geblähte Darm die Leber hoch¬
drängen, oder es kann sich der geblähte Dickdarm direkt zwischen
Leber und der vorderen Bauchwand einschieben. Wir haben das
Verschwinden der Leberdämpfung einige Stunden nach Bauch¬
quetschung ohne Darmverletzung dreimal beobachten können; Ein¬
mal war die Bauchquetschung kompliziert mit einem Bruch des
dritten Lendenwirbels, zweimal durqh ein retroperitoneales Hä¬
matom.
Dieser „primäre Meteorismus“ (L e x e r, H e i n e c k e), der in¬
nerhalb der ersten 2—3 Stunden nach der Verletzung auftritt, zieht
den ganzen Darmtraktus in Mitleidenschaft; er ist zu unterscheiden
vom „lokalen Meteorismus“, der bedingt ist durch eine begrenzte
Darmlähmung bei zirkumskripter Darmquetschung. Trifft diese Quet¬
schung die rechte, obere Bauchgegend, so kann durch Blähung des
Dickdarmes die Leberdämpfung sich verkleinern resp. verschwinden,
ohne dass freies Gas vorhanden ist. ln den späteren Stunden ist das
Verschwinden der Leberdämpfung meist durch Lähmung des Darmes
infolge fortschreitender Peritonitis bedingt; in diesem Stadium be¬
reitet die Diagnose keine Schwierigkeiten mehr; freilich ist dann auch
von einer Operation kaum mehr ein Erfolg zu erhoffen.
Selten sammelt sich das freie Gas in Form einer isolierten Gas¬
blase über der verletzten Darmstelle an, wohl nur dann, wenn kleine
Mengen Gases ausgetreten sind und der Darm in der Umgebung sehr
rasch paralytisch wird. Wir haben dann an der verletzten Stelle eine
umschriebene Zone hochtympanitischen Schalles, der besonders bei
Perkussion mit dem Stäbchenplessimetcr metallischen Schall ergibt.
Freie Luft dürfen wir aber nur dann diagnostizieren, wenn sie bei
Lagewechsel verschieblich ist; es besteht sonst grosse Gefahr der
Verwechslung mit dem „lokalen Meteorismus“. Der Nachweis freien
Gases ist also oft mit grössten Schwierigkeiten verbunden. Lenk
(M.m.W. 1916) hat während des Krieges bei frischen Bauchschüssen
zum Nachweis freier Luft die Röntgenstrahlen zu Hilfe genommen;
er fand das Auftreten einer abnormen Gasblase zwischen rechter
Zwerchfellhälfte und Leber in Form eines schmalen, halbmondförmi¬
gen, hellen Streifens oberhalb des Leberschattens. Dieses Symptom
ist nach seiner Erfahrung ein sicherer Anhaltspunkt zur Erkennung
einer Kolon- oder Magenverletzung. Bei Dünndarmverletzungen hat
Lenk diese Wahrnehmung nur einmal machen können. Er empfiehlt
das Verfahren in der Friedenspraxis zur Differentialdiagnose zwischen
perforierten Magengeschwüren und perforiertem Appendix und Gal¬
lenblase. Abgesehen davon, dass der Kranke zur Durchleuchtung
aufgesetzt werden muss, wird das Symptom bei stumpfer Verletzung
der Bauchorgane nur ausnahmsweise vorhanden sein.
Der Nachweis freier, d. h. bei Lagewechsel ver¬
schieblicher Flüssigkeit gelingt im Frühstadium nur selten.
Bei Darmperforation ist der Austritt von Darminhalt meist ganz gering
oder er fehlt vollständig. Bei Magenperforation kann freie Flüssigkeit
häufiger festgestellt werden. Aber auch hier wird die Dämpfung bei
Lagewechsel nicht so verschieblich sein, wie man erwarten sollte. Die
Untersuchungen von Kranken mit perforiertem Magen- oder Duo-
denalulcus zeigen uns dies. Selbst bei Verletzungen mit konsekutiver
heftiger, intraabdomineller Blutung ist ein sicheres Erkennen der¬
selben nicht so leicht. Um freie Flüssigkeit sicher nachweisen zu
können, muss eine grössere Menge Blutes vorhanden sein. Ist aber
eine grössere Quantität fremder Flüssigkeit in der Bauchhöhle, so
tritt infolge Fremdkörperreizung Meteorismus auf, der das Festslellen
freier Flüssigkeit sehr erschwert oder unmöglich macht. Ferner spielt
die Viskosität und die teilweise Gerinnung des Blutes eine grosse
Rolle.
Grösste Vorsicht erfordert der Nachweis abnormer Dämp¬
fung. Wir unterscheiden zweckmässig zwischen Flankendämpfung
und Dämpfung über den übrigen Teilen der Bauchhöhle. In der Be¬
urteilung der Flankendämpfung ist grösster Skeptizismus am Platze,
denn schon bei gesunden Menschen ist oft die rechte, noch häufiger
die linke Flanke gedämpft. Ist die Dämpfung bei Lagewechsel nicht
verschieblich, so ist meist mit der Flankendämpfung nicht viel anzu¬
fangen. Aber auch die Dämpfung an den übrigen Stellen des Bauches
bedarf einer kritischen Würdigung. Wie oft hat der Internist bei
akuter Appendizitis eine handtellergrosse Dämpfung perkutiert als
Zeichen eines grossen Exsudates, und bei der folgenden Operation
fanden wir wohl einen entzündeten, vielleicht auch gangränösen Pro-
zessus, aber keinen Tropfen Exsudat. Ueber jeder kontrahierten
Schlinge, besonders wenn die Bauchdecken straff gespannt sind oder
wenn fettes Netz über einer leeren Darmschlinge liegt, ist Dämpfung
zu erwarten. Bei den Darmperforationen werden wir nach den oben
gemachten Ausführungen keine Dämpfung beobachten können; bei
Magenperforation wird sie wohl öfters festgestellt werden, doch wer¬
den wir dann meist noch andere sicherere Symptome haben. Bei
Verletzungen von Leber und Milz wird uns die Perkussion oft grosse
Dienste leisten; wir finden hier nicht selten neben der >Jlanken-
dämpfung auch eine solche der seitlichen Bauchgegend; das Blut sam¬
melt sich zwischen Leber, resp. Milz und Colon transversum, resp.
Colon ascendens und descendens an: die Leber-, resp. Milzdämpfung
ist vergrössert. Vor kurzem konnten wir bei ausgedehnter Leber¬
ruptur wahrnehmen, wie eine solche Dämpfung unter unseren Fingen I
zunahm. - :
Es ist sehr zu beherzigen, dass sowohl eine Magenperforutior I
als auch eine schwere innere Blutung bestehen kann, ohne dass un i
die Feststellung abnormer Dämpfung gelingt. Die Gründe für ei
solches Verhalten sind die gleichen wie die oben angeführten bi ,
Besprechung des Nachweises von freier Flüssigkeit. Es muss ausser |
dem auch noch betont werden, dass das Blut, um eine Dämpfun j
zu geben, rasch, d. h. aus einer stark blutenden Wunde ausl
strömen muss.
Die reflektorische Bauchmuskelspannung ist ti I
Stellung der Frühdiagnose eines der wichtigsten und zuverlässigste !
Merkmale. Man hat zwischen der allgemeinen, der einseitigen uml
der oft nur auf einen kleinen Bezirk der Bauchdecken beschränkte!
Spannung der Bauchdecken zu unterscheiden. Die allgemeine Bauch!
dcckenspanming ist fast pathognomisch für Organverletzung; Ich kan!
mich nur an einen Fall erinnern, bei dem nach Hufschlag auf de 1
Bauch die ersten acht Stunden eine diffuse, brettharte Spannung, anJ
scheinend ohne Organverletzung, bestand. Der Fall soll noch kur!
skizziert werden. Schwieriger ist die Beurteilung einseitiger Bauciil
deckenspannung; man findet sie am häufigsten bei einseitigem retrcl
peritonealem Bluterguss mit oder ohne Verletzung der Niere odel
des Harnleiters und bei Verletzungen des Brustkorbes und der Brust!
organe. Sind diese Verletzungen mit Bauchkontusionen komplizier!
so bereiten sie der Diagnose die grössten Schwierigkeiten. Der AnÜ
sicht, dass bei Fehlen einer Organverletzung die Spannung der Bauch!
muskeln nicht so bretthart sei, kann ich nicht beipflichten; auch i$|
nicht richtig, dass dabei die Spannung stets scharf mit der Linea alb|j
abschneiden müsse.
Die zirkumskripte Muskelspannung sehen wir bei umschriebene I
Gewalteinwirkung, mag nun eine einfache Quetschung oder eine Üi j
ganverletzung vorliegen. Die Intensität der Spannung gibt uns diffe 9
rentialdiagnostisch keinen sicheren Anhaltspunkt. Es ist richtig, das
sich die Spannung bei einer Organverletzung innerhalb der näcnstel
Stunden auszudehnen pflegt, jedoch ist das kein Frühsymptom, sorl
dern das Zeichen fortschreitender Peritonitis. Ebenso ist eine ers|
einige Stunden nach Bauchquetschung auftretende Muskelspannuni
das Merkmal fortschreitender peritonealer Entzündung oder peritontl
aller Reizung. Demmer (W.kl.W. 1917) hat vorgeschlagen, ig
zweifelhaften Fällen Morphium zu geben. Er möchte die Persistenl
der Defense musculaire nach Morphiumgabe als differentialdiagnostjj
sches Merkmal zwischen schützender Muskelabwehr („springende!
Muskel“) bei Bauchverletzung und zwischen ruhigstellender Muskel
Spannung bei gleichzeitigen Rippen- oder Beckenfrakturen anseheid
Er hat in vielen Fällen beobachtet, dass eine Bauchdeckenspannunl
welche bei gleichzeitiger Rippenfraktur ausgelöst ist, meist nacl
Morphium injektion verschwand, während dies bei gleichzeitiger Vei
letzung intraperitonealer Organe nicht der Fall war. Es ist das sichell
nicht allgemein richtig. Innerhalb der letzten Wochen habe ich zwi;]
Fälle von perforiertem Duodenalulcus untersucht, die von anderes
Seite Morphium bekommen hatten; bei dem einen fehlte die MuskeH
Spannung fast völlig, beim andern war sie nur undeutlich vorhanderj
mag sein, dass zufällig bei beiden Kranken schon vorher die bretthartjj
Spannung nicht vorhanden war. Ich glaube, für die Praxis den altd
Grundsatz empfehlen zu müssen, bei allen Baucherkrankungen Mofl
phium erst dann zu geben, wenn der Fall restlos geklärt ist.
Dass bei jeder Organverletzung eine Bauchmuskelspannung vo j
handen sein müsse, ist ein Irrtum; auch bei schwersten Magen- tu!
Darmverletzungen kann sie fehlen. Erst vor wenigen Monaten opi*
rirte ich einen Kranken wegen perforiertem Duodenalulcus zw !
Stunden nach dem Durchbruch. Trotz reichlichen Ersudates in dtq
Bauchhöhle und besonders im Douglas war der Bauch vollkommü!
weich, leicht eindrückbar, wenig schmerzhaft bei Fehlen jeglicht^
Schocksymptome. Es ist bekannter, dass intraabdominelle Blutung«;!
häufig keine brettharte Muskelspannung auslösen. Wer viele geplatzt I
Extrauteringraviditäten zu untersuchen Gelegenheit hat, wird dit
bestätigen können. Ich habe dabei nur sehr selten eine bretthari
Spannung gefunden; es besteht fast stets nur eine „teigige“ Spaij
nung bei ausgesprochenem Druckschmerz. Auch bei Leber- und Mild
Verletzungen konnten wir wiederholt das Fehlen der eigentliche!
Muskelspannung konstatieren.
Spontaner Schmerz ist meist vorhanden, jedoch sehr hj
dividuell und für die Frühdiagnose nicht zu verwerten. Strahlt er -j
den Rücken oder in die Schulter aus, so besteht der Verdacht einoj
inneren Verletzung; bei rechtsseitigem Sitze kann die Leber, bei link ‘
seitigem die Milz verletzt sein.
Ist der Druckschmerz auf den ganzen Bauch verbreitet, s i
ist eine Organverletzung sehr wahrscheinlich. Dieses Symptom iü
aber nur dann zu verwerten, wenn der Kranke exakt untersucht we
den kann und zuverlässige Angaben macht. Ist der Druckschmerz ai !
die Stelle der Gewalteinwirkung lokalisiert, so besagt er nichts; bo
steht bei zirkumskripter Gewalteinwirkung auch ausserhalb der b>
troffenen Stelle Druckempfindlichkeit, so ist eine innere Verletzurl
sehr wahrscheinlich. Lässt der Schmerz innerhalb der nächsten Stui
den nach dem Trauma nicht nach, so ist das sehr verdächtig; ve
breitet er sich sogar oder nimmt er an Intensität zu, so ist eine inr.e
Verletzung wohl stets vorhanden. Es ist sehr zu beherzigen, dass d
spontane, wie auch der Druckschmerz selbst bei schwersten Ve
letzungen fast völlig fehlen kann. Auch das Nachlassen des Schme
AuRust 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRlF 1
s innerhalb der nächsten Stunden nach der Quetschung schliesst
ie Organverletzung nicht aus.
Erbrechen innerhalb der ersten 2—3 Stunden ist sowohl bei
agen-Darmverletzungen, wie auch bei (.infachen Kontusionen in
gefälir der Hälfte der balle vorhanden. Galliges Erbrechen ist kein
weis fiir eine intraabdominelle Verletzung. Tritt das Erbreciun
3 Stunden nach der Verletzung zum erstenmale auf oder wieder-
It es sich nach dieser Zeit, so ist das ein sehr ernstes Zeichen;
■ist handelt es sich dann um eine fortschreitende Peritonitis. Bei
ber- und Milzverletzungen fehlt im Initialstadium das Erbrechen
ufig.
Der Nachweis kostaler Atmung (Enderlen, Sauer¬
uch) sowie das Hustensymptom, d. h. ein lokalisierter, stechender
limerz an der Stelle der Verletzung beim Husten, Anzeichen, die
s bei der Diagnose sonstiger Perforationsperitonitiden so gute
enste leisten, lassen uns hier im Stich, da der Kranke auch bei ein¬
her Quetschung des Bauches meist die Baucliatmung ausscnaltet.
derseits sehen wir trotz innerer Verletzungen Bauchatmung, wenn
h der Kranke noch im Schock befindet.
Ga 16 (Zentralorgan Bd. 4) hat als Diagnostikum die Fortleitung
r auskultatorischen Herz- und Atmungsgeräu-
h e auf das Abdomen erwähnt. Ich habe darüber keine Er-
irung, auch in der Literatur fand ich nichts. Es kann erst in den
iteren Stunden mit Eintritt der Darmparalyse vorhanden sein.
Besonders hervorzuheben ist noch, dass im Frühstadium, auch
i schweren Magen-Darmverletzungen die Peristaltik nicht
llig zu sistieren braucht. Trotz gut hörbarer Darmgeräuscne, tiotz
gangs von Gasen in den ersten Stunden kann eine Organverletzung
rhanden sein.
Aus den vorstehenden Erörterungen ist zu ersehen, dass wir zur
idiagnose einer intraabdominellen Verletzung durch stumpfe Ge¬
iteinwirkung nur wenige pathognomische Symptome besitzen. Auch
se wenigen Anhaltspunkte können im Einzelfall fehlen und sind
enfalls häufig sehr schwer mit Sicherheit nachzuweisen.
Es ist daher begreiflich, dass man nach diagnostischen Hilfsmit-
i gesucht hat. Die Benützung der Röntgenstrahlen zur Erkennung
er Magen-Darmperforation sowie die Einspritzung von Morphium
Differentialdiagnose der verschiedenen Bauchdeckenspannungen
>e ich bereits erwähnt. Oser (W.kl.W. 1911) hat in zweifelhaften
len die Probepunktion der Bauchhöhle in Vorschlag gebracht. Die
leu der meisten Chirurgen, die Bauchhöhle zu punktieren, scheint
in neuerer Zeit abgenommen zu haben. Zur Anlegung des soge¬
inten Pneumoperitoneums wird nur zu häufig und kritiklos punk-
t. Man muss sich darüber klar sein, dass ein negatives Resultat
hts besagt: Bei einer Darmperforation werden wir im Frühstadium
hl meistens durch eine Punktion nichts erzielen. Bei innerer
tung muss es sich um beträchtliche Mengen freien Blutes oder um
en glücklichen Zufall handeln, wenn die Punktion positiv ausfällt.
Florence zieht in allen zweifelhaften Fällen die Douglas-
iktion zu Hilfe. Den Douglas zur Punktion zu wählen, entsprient
itiger Beobachtung am Operationstisch, worauf ich weiter unten
gehen werde. Es dürften sich aber wohl wenige Chirurgen dazu
schlossen können, beim Manne den Douglas durch das Rektum zu
iktieren; beim Weibe aber sind schwere Bauchquetschungen eine
tenheit. Wir machen beim Weibe in zweifelhaften Fällen, z. B.
er Peritonitis oder eines äusseren Fruchtkapselaufbruches, se¬
hnlich nicht die Probepunktion des Douglas, sondern die Colpoto-
i posterior. Sie gibt uns zuverlässigere Aufschlüsse, ohne dass der
initt eingreifender oder zeitraubender wäre.
Das sicherste Verfahren ist die Probelaparotomie. Fast allgemein
d empfohlen, auch nur beim leisesten Verdacht einer inneren Ver¬
eng, die Bauchhöhle durch einen kleinen Schnitt zu eröffnen. Da
se Operation in Lokalanästhesie gemacht werden könne, sei sie
lkommen gefahrlos. Abgesehen von dem wenig befriedigenden
ühl, eine Bauchhöhle vergeblich geöffnet zu haben, halte ich auch
sen Eingriff selbst in Lokalanästhesie nicht immer für ganz unge-
rlich; man denke nur an Kranke, die neben der Bauchquetschung
h eine heftige Brustkorbquetschung oder eine Verletzung der
isteingeweide haben. Ich glaube, wir sollten danach streben, die
gnosenstellung zu verbessern und die Probelaparotomie möglichst
vermeiden.
Ich habe im Laufe der Jahre ein Symptom schätzen gelernt, das
in der Literatur nirgends erwähnt fand, das mir sowohl bei Baucli-
itusionen, bei Bauchstich- und -Schussverletzungen, wie auch bei
Differentialdiagnose der verschiedensten chirurgischen Erkran¬
ken der Bauchhöhle beste Dienste geleistet hat.
Es war mir in der Zeit vor dem Kriege, in welcher wir in Mün-
n nicht selten Bauchstichverletzungen zu operieren hatten, auf-
lllen, dass sich bereits 1 — 2 Stunden nach einer intraabdomincllen
letzung — also zu einer Zeit, in welcher die übrige Bauchhöhle
m vermehrte Flüssigkeit aufwies und die Umgebung der Darm-
nde oft noch kaum eine Reaktion zeigte — im Douglas bereits Blut
r Exsudat vorfand. Diese Feststellung ist bei der allgemein be¬
sten Bedeutung des Douglas als Schlammfang nichts besonderes,
habe nun in derartigen Fällen den D.ouglas systematisch unter¬
st und ihn bei intraabdomineller Verletzung stets druckempfindlich
anden. Die Untersuchung muss aber mit grosser Exaktheit duich-
ührt werden. Ich prüfe, nachdem ich vorsichtig den Finger in den
-r eingeführt und kurze Zeit ruhig liegen gelassen habe, zuerst die
107?
Druckempfindlichkeit der Prostata, dann die der Umschlagstelle des
Peritoneums an der Blase, dann am Rektum und überzeuge mich von
der Richtigkeit des Befundes durch Wiederholung des Manövers. Wer
richtig untersuchen kann, wird ganz exakte Antworten bekommen.
Ist die Douglasfalte druckempfindlich, so ist mit Sicherheit pathologi¬
scher Inhalt im Bauchraum: Blut, Magen-Darminhalt oder Exsudat,
und damit eine absolute Indikation zur Operation gegeben. Mich hat
dieses Symptom noch nie getäuscht; bei dessen Fehlen lag keine
intraabdominelle Verletzung, bei dessen Vorhandensein stets eine
Organverletzung vor.
Ob nun bei Fehlen der Druckempfindlichkeit innerhalb der ersten
2 3 Stunden nach dem 1 rauma immer eine innere Verletzung auszu-
schliessen ist, kann ich nicht bestimmt behaupten; es fehlt mir die
Erfahrung, da stumpfe Verletzungen der Bauchorgane auch in einem
grossen Krankenhaus vereinzelte Vorkommnisse sind und Stichver¬
letzungen des Bauches in München während des Krieges, in der Dünn¬
bierperiode und jetzt bei den hohen Bierpreisen Raritäten geworden
sind. Ich habe mich entschlossen, das Symptom bekanntzugeben, da¬
mit es auch anderwärts geprüft und sein Wert festgestellt werden
könne.
Aber nicht nur bei Verletzungen der Bauchhöhle hat uns dieses
Symptom nie irregeführt; es hat uns auch treffliche Dienste bei der
Differentialdiagnose der verschiedenen Erkrankungen des Bauches
geleistet, was einige Krankheitsgeschichten zeigen können. Bei uns
wird jeder Bauchfall, mag es sich um eine Verletzung oder Erkrankung
handeln, prinzipiell rektal untersucht; ich kann dieses Vorgehen nicht
eindringlich genug empfehlen.
W. K., 20 j ä h r. M a n n. Vor 3 Stunden zwichen Aufzug und Wand
gequetscht. Heftige Schmerzen im Leib und der linken Lendengegend
Schwere Schocksymptome. P. 96. Temp. 39,5. Allgemeine Muskelspannung
Keine Dämpfung, Leberdämpfung vorhanden. Druckempfindlichkeit der 1.
Lenden- und der 1. seitlichen Bauchgegend. Kein Erbrechen. Douglas sehr
druckempfindlich. Operation: Haematoma intraperitoneale ex ruptura vasorum
mesenterici.
A. M., 35 j ä h r. Mann. Vor einer Stunde von einem ausschlagenden
Pferde mit dem Hinterhuf Schlag in die 1. Mittelbauchgegend: mit dem Kopf
gegen eine Wand geschleudert; kurze Zeit bewusstlos. Schwerer Schock.
, - .120V Temp- 37’2- Allgemeine Muskelspannung; diffuse Druckempfindlich¬
keit. Keine Dämpfung. Leberdämpfung vorhanden. Erbrechen. Quetsch¬
wunde am Hinterkopf; keine Erscheinung von intrakranieller Verletzung
Douglas nicht druckempfindlich, daher exspektative Behandlung. In der fol¬
genden Stunde steigt die Temperatur auf 37,8. Puls bleibt unverändert. Dou¬
glas stets frei. Nach 8 Stunden verschwindet langsam die allgemeine Muskel¬
spannung, auch die diffuse Druckempfindlichkeit lokalisiert sich auf die Gegend
links vom Nabel. Nach 12 Stunden handtellergrosse Muskelspannung und
Druckempfindlichkeit an der verletzten Stelle. Nach 5 Tagen beschwerdefrei
entlassen.
B. J., 23j ähr. Mann. Vor 2 Stunden zwischen 2 Puffer geraten.
Schwerer Schock. P. 76. Temp. 36,8. Allgemeine Muskelspannung, diffuse
Druckempfindlichkeit, Dämpfung mit Sicherheit nicht nachweisbar. Leber¬
dämpfung vorhanden. Kein Erbrechen. Douglas vorgewölbt, sehr druck¬
empfindlich. Operation: Ruptura hepatis. Haemorrhagia gravis.
T. A., 45 j ähr. Mann. Vor 2 Tagen mit einer Leiter ausgerutscht und
gegen die 1. Lendengegend gefallen. Konnte noch lA Stunde arbeiten, wegen
vermehrter Schmerzen dann nach Hause und zu Bett gegangen; angeblich
kein Blut im Urin. Am 2. Tage nachts 4 Uhr plötzlich heftigste Schmerzen
im ganzen Leibe und in der 1. Lendengegend. Sehr blasse Gesichtsfarbe.
P. 84. Temp. 37,5. Brettharte Spannung und heftige Druckempfindlichkeit
der linken Bauchseite und 1. Lendengegend; leichter Meteorismus; Dämpfung
mit Sicherheit nicht nachweisbar; etwas Brechreiz. Douglas frei, daher ex¬
spektative Behandlung trotz Verdachtes zweizeitiger Milzruptur. Im nächsten
Urin Blut. Nach 14 Tagen beschwerdefrei entlassen.
M. K., 28 j ä h r. Mann. Vor 1 Stunde von einer Kreissäge ein Stück
Holz gegen die rechte Unterbauchseite abgesprungen. Sofortige Ohnmacht,
Erbrechen. Schwerer Schock. P. 70. Temp. 36,2. Brettharte Spannung
und intensive Druckempfindlichkeit der rechten Unterbauchgegend in Hand¬
tellergrösse, in deren Mitte fünfmarkstückgrosses Suggillat, keine Dämpfung;
Leberdämpfung vorhanden. Kostale Atmung. Brechreiz und wiederholtes
Erbrechen. Douglas frei, daher exspektative Behandlung. Nach 3 Stunden
Spannung und Druckempfindlichkeit geringer; kein Erbrechen. P. 84. TepiP-
36,8. Heilungsverlauf ungestört.
A. Rj, 29 j ä h r. Mann. Vor 2 Stunden bei einer Rauferei zu Boden
geworfen und mit Nagelschuhen wiederholt gegen Bauch und Brustkorb
gestossen und getreten. Sofortiges Erbrechen. Betrunken; anscheinend
schwerer Schock. Motorische Unruhe, lautes Jammern, fortwährendes Er¬
brechen. P. 90. Temp. 37,6. An Brust und Bauch multiple Kontusionen
und Erosionen. Bauch bretthart gespannt, diffus druckempfindlich- Keine
Dämpfung. Leberdämpfung verkleinert. Fraktur der 8. und 9. Rippe. Dou¬
glas frei, daher exspektative Behandlung. Heilungsverlauf ungestört.
W. E., 12 j ä h r. Mädchen. Soll vor 3 Stunden beim Herunter¬
rutschen an einem Treppengeländer vom 1. oder 3. Stock herabgestürzt sein.
Näheres nicht zu erfahren. Wegen „innerer Blutung“ eingewiesen. Grosse
Unruhe, hochgradigste Blässe. Puls klein, stark beschleunigt, nicht zählbar.
Galliges Erbrechen. Starke Spannung und Druckschmerz beider Oberbauch¬
gegenden. Rechtsseitige Rippenfrakturen, kleiner Hämatothorax rechts.
Douglas frei, daher exspektative Behandlung. Nach 3 Stunden besteht die
Bauchdeckenspannung unverändert weiter. P. 102. Gesichtsfarbe hat sich
gebessert. Nach 24 Stunden ist das bedrohliche Krankheitsbild verschwun¬
den. Ungestörter Heilungsverlauf.
St. M., 40 j ä h r. M a n n. Vor einer halben Stunde aus Unvorsichtigkeit
mit einem Revolver in die rechte Bauchseite geschossen. Schwerer Schock.
P. 120. Temp. 36,4. Kein Erbrechen. Rechts neben dem Nabel Einschuss¬
wunde, Ausschuss nicht vorhanden. Rechte Unterbauchgegend durch einen
grossen Bluterguss vorgewölbt, gespannt, druckempfindlich. Douglas frei.
Die schweren Allgemeinerschcinungen lassen trotz Fehlens der Druckempfind¬
lichkeit des Douglas einen Probeeinschnitt angezeigt erscheinen. Probe¬
laparotomie ergibt: Bauchhöhle unverletzt.
2
1078
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.J3|
R St 22 j ä h r Mann. Vor ca. 1 Stunde in die linke Bauchseite ge¬
stochen Kein Erbrechen. Betrunken. 3 Queriinger ausserhalb und etwas
unterhalb des Nabels 1 X cm lange Stichwunde. Keine Muskelspannung. ge¬
ringe Druckempfindlichkeit der Umgebung Kerne Dämpfung Leberdämpfung
vorhanden. Douglas druckemptmdlich. Laparotomia: 2 Stichwunden des
lleums.
Er M 21 i ä h r. M a n n. Vor 19 Stunden plötzlich mit heftigen Scnmer-
zen im Leibe erkrankt. Erbrechen. Früher gesund. Facies abdominalis.
Kühle Extremitäten. P. 102. Temp. 38,4. Leib bretthart, diffus druckempfind¬
lich Dämpfung mit Sicherheit nicht nachweisbar. Leberdampfung vorhanden.
Douglas nicht schmerzhaft. Konservative Behandlung. Am nächsten läge
Erholung, ungestörte Rekonvaleszenz. Wahrscheinlichkeitsdiagnose. Clio e-
zystitis oder Pankreatitis.
R. A. 52 j ä h r. M a n n. Vor 6 Stunden plötzlich mit heftigsten Schmer¬
zen erkrankt. Früher gesund. Wegen perforierten Magengeschwürs zuver-
fegt. Schwerer Schock P. 120. Temp. 37,6. Allgemeine brettharte Span¬
nung und Druckempfindlichkeit. Dämpfung nicht sicher nachweisbar. Leber-
dämpfung vorhanden. Douglas frei, daher konservative Behandlung Auf
Morphium verschwindet der bedrohliche Zustand innerhalb der nächsten
2 Stunden. Diagnose: Dyspraxia intestinalis angiospastica.
H. A„ 21 i ä h r. Mann. Vor 2 Stunden plötzlich heftiger Schmerz in
der Magengegend. Früher gesund. Kein Schock,^ gutes Allgemeinbefinde .
Kein Brechreiz, keine wesentlichen Schmerzen Ganz geringe Muskelsp. -
nung in der rechten Oberbauchgegend. Kostale Atmung Keine Da™P*“ J*:
Leberdämpfung vorhanden. Douglas schmerzhaft. Operation. Ulcus duodcm
perforatum.
Anmerkung bei der Korrektur: Herr Geheimrat End e r 1 e n
bemerkte gelegentlich des Vortrages auf dem bayer. Ghirurgen-
tae 1923 dass v. Quörvain in seiner chirurgischen Diagnostik
bereits auf die Wichtigkeit der D o u g 1 a s Untersuchung bei stumpfen
Bauchverletzungen hinweise. Dies beruht auf Irrtum, was mir auc
Herr Ueheimrat auf Anfrage bestätigte. — Auf die Arbeit ^0I
Dr. Kulenkampff: „Zur Frühdiagnose der akuten Masenperf(>
ration“, D.m.W. 1913, S. 110, die mir erst jetzt unter die Hand kam,
kann ich leider nicht mehr eingehen.
Zur Differentialdiagnose der Perityphlitis.
Von üeh.-Rat Prof. Dr. A. Borchard, Charloitenbuig.
Die ausgezeichneten und lehrreichen Ausführungen meines
Freundes Kr ecke werden sicher allgemeinen Beifall gefunden
haben. Beim Lesen derselben erinnerte ich mich lebhaft zweier
schwerer Differentialdiagnosen, die ich in meiner T atigkeit n l osen
erlebte. Da sie allgemeines praktisches Interesse haben durften, bis¬
her nicht publiziert sind und auch in den üblichen Lehrbüchern au
die beiden in Betracht kommenden Krankheiten in differentialdiagno-
stischer Hinsicht nicht oder nur selten hingewiesen ist, auch
Kr ecke dieselben nicht erwähnt, möchte ich sie kurz mhteilen.
Zwar stehen mir die Krankengeschichten nicht zur Verfügung, jedoch
haben sich die beiden Fälle so in mein Gedächtnis eingepragt, dass
alle wesentlichen Momente geschildert werden können.
13 jähriger Junge. Vor 5 Tagen mit Schmerzen in der, rechten Unter-
bauchgegend und hohem Fieber erkrankt. Stuhlgang angehalten, ab und an
Erbrechen. Unter der Diagnose Perityphlitis mit Abszess in das Diakonissen¬
haus in Posen abends eingeliefert. Befund: Grosser kräftiger Junge. Te -
peratur gegen 40 B, Puls beschleunigt, ln der rechten Unterbauchgegend,
der Beckenschaufel anliegend, harter schmerzhafter Tumor, der sich nach
dem Bauch bis etwas lateral vom M c B u r n e y sehen Punkt erstreckt und
nach hinten gegen die Lendengegend reicht. Er entspricht ln se‘n' p
einem retrozökal gelegenen entzündlichen Tumor, und da auch vom Rektum
her rechts oben eine schmerzhafte Verdickung zu fühlen ist, wird die Dia¬
gnose „Perityphlitis mit Abszess" für gesichert gehalten. Hüftgelenk frei
Leichte Psoasstellung. Sofortige Operation mit Schrägschnitt in der Nähe
Beckenschaufel um wie ich es damals und auch jetzt noch in entsprechen¬
den Fällen zu 'tun pflege, möglichst extraperitoneal an den Abszess heran-
zukommen Muskulatur Stärker sulzig infiltriert wie gewöhn ich, besonder
aber nach der Beckenschaufel hm. Deshalb Vordringen entsprechend de
grösseren Infiltration. Nach Durchtrennung einer stärkeren, sul*lgen^ *raj '
weisslichen Üewebsschicht entleert sich dicker, f ettig er n. i ch fr
schein Sauerteig riechender Eiter. Schon dadurch wurde die Dia
gnose auf Osteomyelitis gesichert. Bei Revision der Wundhohle erweist sich
eine Stelle der Beckenschaufel vom Periost entblosst und verfärbt. Tre¬
panation der Beckenschaufel an dieser Stelle Drainage nach aussen und
dem Schnitt zu. Heilung ohne Besonderheiten.
So bestechend cs ist, gleich mit der Entleerung des perityphli i
tischen Abszesses auch den Wurmfortsatz zu entfernen, so gibt cl
doch Fälle (besonders gilt dies bei ausgesprochener retrozok de
Lage der Appendix), wo es besser ist, möglichst extraperitonal und vc;
hinten her an den Abszess heranzukommen. Jedenfalls lehrt der Fal
selbst bei Eröffnung einer gut abgegrenzten perityph ltischen Lite
rung sich mehr von dem anatomischen Befund bei der Operatioi
als von seiner vorherigen Diagnose leiten zu lassen. Ueberlegungei I
die ich nach der Operation anstellte, zeigten mir, dass bei grossere i
Berücksichtigung der Lage des Infiltrates in der Nahe resp.-an de
Beckenschaufel diagnostische Erwägungen nach der Richtung eine
akut entzündlichen Prozesses dieser Gegend hatten gepfloge
werden müssen.
Es hatte sich also um einen der nicht häufigen Fälle von O s t e o -
myelitis der Beckenschaufel gehandelt. Da das Hüft¬
gelenk trotz der leichten Psoasstellung des rechten Beines, die ja
auch bei der von mir angenommenen retrozökalen Lage des perity-
phlitischen Abszesses vorkommt, frei und schmerzlos bewegt werden
konnte so hatte ich differentialdiagnostische Erwägungen nach dieser
Richtig hin gar nicht angestellt. Der Beginn mit Fieber Schmerzen
in der rechten Unterbauchgegend, die Stuhlverhaltung, das von Zeit
zu Zeit auftretende Erbrechen passten genau zu dem Bilde der Peri¬
typhlitis. Nur der Befund bei der Operation machte mich stutzig
Die Infiltration reichte mehr nach der Beckenschaufel zu, war hier
viel deutlicher und stärker, und deshalb ging ich entsprechend diesen
anatomischen Veränderungen in die Tiefe. Hatte ich mich i zu st ihr
auf meine Diagnose verlassen, wäre ich mehr medial \orgegangen,
so hätte ich unter Umständen Bauchhöhle und osteomyelitischen
Abszess eröffnen können. Eine tödliche Peritonitis bei dem hoch¬
virulenten Eiter wäre die Folge gewesen.
Der zweite Fall ist diagnostisch noch viel schwieriger. g
Ca. 45 jähriger Mann. Vor einigen Tagen mit Schmerzen im Bauch ei
krankt. Seit dem vorhergehenden Tage hohes Fieber, schneUer kleiner Pul:
stärkere Schmerzen im ganzen Bauch, besonders n£c.h|tAer
bauchgegend, wo deutlich ein faustgrosser lumor fühlbar geworden ist.
Der betreffende Kollege, der mich konsultierte, hielt das Ganze iurem
Perityphlitis und ich konnte seiner Diagnose auf Grund des in der Wurmfori
satzgegend gelegenen faustgrossen schmerzhaften 1 umors, der bestehende
Temperatur von ca. 40°, der Schmerzen im übrigen Bereich mit leichte
Rektusspannung nicht widersprechen. Trotzdem also ein ‘ ^ofo^tiiie &■
Abszess vorzuliegen schien, war etwas, was mich an dem sofortigen En.
Schluss zur Operation hinderte. Der Kranke sah so eigentümlich anämisc
wie ausgeblutet aus. der Puls war schnell, dem Fieber entsprechend abs
klein. Das passte mir nicht ganz zu dem Bilde einer seit 8 Tagen bestehende!
mit Abszessbildung einhergehenden „Perityphlitis. Ich wollte de
Kranken nachmittags noch einmal ansehen (ca. 6 Stunden spater). Der Bt
{und war ungefähr derselbe; der Tumor in der Blinddarmgegend war deu
Ser geworden und ich batte ab und an den Eindruck, eine Pulsation de
Tumors zu fühlen. Der Allgemeinzustand war schlechter, die Anämie grösst
geworden Zu dem Bilde der Perityphlitis stimmte das aber nicht n dt
Nacht Exitus. Nach vielen Schwierigkeiten gelang es mir, die Sektion
der Wohnung des Kranken machen zu dürfen. Ich fand ein Aneurysma dt
Aorta abdominalis in der Höhe der Art. coeliaca Der Sack sass recht Jnnte
war geplatzt und das Blut hatte sich retropentoneal bis zur rechten Dam
beinschaufel vorgewühlt. Der Tumor, den man rechts fühlte und der a
perityphlitischer Abszess imponierte, war das von dicken Blutgerinnse
umgebene Ende des Aneurysmasackes. An den übrigen Organen nichts b
sonderes.
C1C5.
Das wäre eine Ueberraschung gewesen, wenn man diesen ve:
meintlichen Abszess besonders in einer Privatwohnung inzidie
hätte! Ich dankte meinem Schöpfer, dass mich irgend etwas davt
bewahrt hatte. Es war das anämische, blasse Aussehen, die schnei
Verschlimmerung das Fehlen peritonitischer und septischer Ersehe
innigen bei dem sonst so schweren Krankheitsbilde, ri
Perityphlitis sprach die Temperatur, der deutlich fühlbare lumor
der Blinddarmgegend, dessen Entstehen und Wachsen mnerha^
weniger Tage vom behandelnden Arzt beobachtet worden war, u
die leichte Rektusspannung; gegen Perityphlitis mit Peritonitis (eii
solche musste wegen des schweren Allgemeinzustandes mit in Ej
wägung gezogen werden) das anämische Aussehen des frühe g*
sunderf kräftigen Mannes, die bleichen, aber relativ warmen Extrem
täten (bei schwerer Peritonitis blaurot, kühl) und die geringe Rektu
Spannung sowie das Fehlen von Erbrechen und stärkerer Auftreibui
des Leibes.
Der vorliegende Fall ist eine Seltenheit, hat aber trotzdem c
praktisches Interesse. Wenn nicht alles in den Erwägungen i bei
typhlitischen Abszess stimmt, soll inan lieber sich noch unmal d
Fall ansehen und das Blutbild, dessen Bedeutung damals (1898) no<
nicht anerkannt war, zu Rate ziehen. . vf
Die Differentialdiagnose der Perityphlitis und Osteomyelitis <1
Beckenschaufel kann uns ab und zu einmal zu schaffen machen, s
lässt sich, wenn man an die Möglichkeit denkt, nach dieser oder je
Richtung hin entscheiden. Sollte man sie verfehlen, so > wir 1
erfahrenen Operateurs die Veränderung an dem zu durchbrennoid'
Gewebe richtig leiten und vor Schaden bewahren. Die Different .
diagnose mit einem Aneurysma perforatum der Aorta muss vorh
gestellt werden. Das Aussehen der Kranken, die relativ germe
peritonitischen Erscheinungen trotz des schweren Krankheitsbild
fallen da entsscheidend ins Gewicht. _ jitf
Aus den vielen interessanten Fällen, die ich im Laufe der Jan
als „Perityphlitis“ gesehen habe, hielt ich diese beiden im Anschlu
an die Mitteilungen von K r e c k e für erwähnenswert. Trotz .all
Fortschritte und Errungenschaften werden auch dem Erfahren
immer wieder unklare Krankheitsbilder begegnen; da ist der De.
Rat, sofort einen anderen erfahrenen Kollegen zuzuziehen. ,
Damit auch der Humor nicht fehle — noch eine kleine Ren
niszenz. Ich hatte einer 32 jährigen Klavierlehrerin den frisch «
zündeten „Blinddarm“ entfernt. Zwei läge spater konnt^ * f f
einmal nicht sehen. Objektiv am Augenhintergrund nichts. Nach d
Tagen Heilung der Blindheit, nachdem ich der (hysterischen) Krank
erklärt hatte, dass der Blinddarm mit Blindheit nichts zu tun hat
Eine wahre Geschichte!
. August 192.?.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1079
is der orthopädischen Klinik der Universität Heidelberg.
(Direktor: Prof. Dr. Ritter v. Baeyer)
latomischer Beitrag zur Frage der operativen Skoliosen¬
behandlung.
Von Dr. med. Heinz Jordan, Assistent der Klinik.
1921 berichtete v. Baeyer in dieser Wochenschrift1) über ein
ies Verfahren zur operativen Behandlung der Skoliose; ausgehend
n der Beobachtung am Skelett, dass die auf der konvexen Seite
irm vergrösserten Gelenkfortsätze ein Redressionshindernis dar-
llen, nahm er die Resektion mehrerer Lendenwirbelgelenkfortsätze
r und machte die dadurch erzielte erhöhte Beweglichkeit in der
ndenwirbelsäule nach kürzerer Gipsverbandperiode im aktiv redres-
renden Skoliosenkorsett nutzbar. Im gleichen Jahr veröffentlichte
Finck2) einen ähnlichen Opcrationsplan, der. auf der gleichen
Römischen Betrachtung aufbauend, lediglich die Verkürzung des
steigenden Gelenkfortsatzes des 5. Lendenwirbels vorsah, um damit
Wirbelsäulenbasis symmetrisch einzustellen.
Nach der v. Baeyer sehen Methode wurden 1922 5 Fälle von
iwer- bzw. nicht ausgleichbarer Skoliose an unserer Klinik operiert,
handelte sich um einen Jungen von 6 und 4 Mädchen von 14 bis
Jahren. 4 mal konnte eine Rachitis, einmal eine spinale Kinder-
mung als Ursache der Skoliose festgestellt werden. Der Qpera-
jnsverlauf war im wesentlichen derselbe: Bogenschnitt auf der hon¬
ten Seite über der stärksten Lendenkrümmung, Freipräparieren
• Gelenkfortsätze und Abmeisselung derselben im Bereich von
—4 (3 Fälle) bzw. L2 u. 3 (1 Fall) oder LI — 3 (1 Fall). In einem
le (16 jähriges Mädchen mit starker Skoliose und grossem
ipcnbuckel) wurden die Gelenkfortsätze (L 2 — 4) beiderseits ent-
nt. Dann Schichtnaht der Wunde und Gipsverband mit Einschluss
; einen Beines bis unterhalb des Knies in starker Gegenkrümmung,
en Fällen gemeinsam war ein reaktionsloser Verlauf der Wund-
lung in ca. 8 Tagen. Die Kranken wurden nach 6 — 9 Wochen mit
iv adressierendem Korsett aus der Behandlung entlassen. Nur
e Kranke blieb infolge anderweitiger Erkrankung 12 Wochen in
Klinik.
Ucber den Erfolg der Operation lässt sich aus äusseren Gründen
hwierigkeit der Nachuntersuchung usw.) nur soviel sagen, dass
:h der Operation die Redression der Skoliose in einem Umfang
•genommen werden konnte, wie sie mit unblutigen Mitteln nicht
erzielen gewesen wäre, und’ dass bei zwei zur Nachuntersuchung
chienenen Fällen (17 jähr. Mädchen: rachitische Skoliose, und
ähr. Mädchen: paralytische Skoliose) nach 12 bzw. 14 Monaten
e deutlich verbesserte Haltung festzustellen war.
Liefert uns somit das neue Verfahren — soweit die wenigen zur
eration geeigneten und geneigten Fälle ein Urteil zulassen — auch
:ten Endes hinsichtlich völliger Heilung keine wesentlich besseren
;u!tate wie die zahlreichen anderen unbefriedigenden Hcil-
thoden, so stellt es doch einen gangbaren und empfehlenswerten
;g für die Fälle dar, in denen, wie in der Voraussetzung enthalten,
tomische Hindernisse eine ausgiebige Redression aussichtslos er-
einen lassen.
Es wird nun von Interesse sein, mit der Empfehlung der Opera-
l auch über Untersuchungen zu berichten, welche einerseits die
tomischen Grundlagen des geschilderten, nicht ganz leichten Ein-
fes liefern, andererseits die Frage klären sollten, ob etwa mit
i einfacheren von v. Finck skizzierten Verfahren ein gleich-
rtiges Ergebnis erzielt werden kann.
Zu diesem Zweck nahm ich an den Leichenwirbelsäulen eine
he von Messungen vor. Für die liebenswürdige Gewährung des
leitsmaterials sei auch an dieser Stelle dem Direktor des ana-
lischen Instituts, Herrn Geheimrat K a 1 1 i u s, bestens gedankt.
Nur wenige und einander in ihren Resultaten widersprechende
taben über den Bewegungsumfang der normalen Lendenwiröel-
le sind bisher veröffentlicht 3).
Zwei normale und eine skoliotischc Wirbelsäule standen mir zur
fügung. Die Technik der Messungen gestaltete sich folgender-
>sen. Es wurde ein Bänderpräparat der unteren Brust-, der
idenwirbelsäule und des Beckens hergestellt, an dem noch die
nen Muskeln zwischen den Wirbeln (Mm. interspinales, rotatores,
rtransversarii) erhalten waren. Der Wirbelsäulentorso wurde
ch Anschrauben des Sakrums auf ein festes Stativ montiert, so
s Becken und Wirbelsäule die Lage beim normalen Stehen wieder-
'en. An Stelle von Winkeln wurden Strecken nach bestimmten
htpunkten gemessen und die Bewegungswinkel in den drei Haupt-
neu geometrisch berechnet. Die Messung der Seitenneigung, die
n Hinblick auf den Versuchszweck am meisten interessierte, wurde
eils doppelt vorgenommen, indem hinten der Ausschlag des Dorn¬
satzes des 1. Lendenwirbels, vorn derjenige eines Stiftes in der
tc der Zwischenwirbelscheibe zwischen dem untersten Brust- und
.endenwirbel abgelesen und aus beiden Messungen ein Mittelwert
:enommen wurde.
’) M.tn.W. 1921 S. 1325.
2) Verhandl. d. D. orthop. Ges. 1921 S. 477.
6) Rudolf Fick: Handbuch d. Anat. u. Mech. d. Gelenke, Bd. 3, S. 87 ff.
Das unversehrte Wirbelsäulenbandpräparat zeigte in allen
3 Fällen einen geringeren Bewegungsumfang als den Eick sehen
Werten entsprach. Wahrend Fick eine Seitenneigung von 35°, eine
Vorbeugung von 23°, Rückbeugung von 90° und eine Torsion von
5" angibt, lieferten meine Präparate eine Linksneigung von 10°, 6°,
7K>°; Rechtsneigung von 714°, 614 °, 7!4° bei einer Vorbeugung von
16°, 19°, 17°, Rückbeugung von 5°, 10°, 2° und einer Torsion v on
16°, 0° und 44 0 1).
Die so gefundenen Versuchswerte dienten als Grundlage für die
Beurteilung der Erweiterung des Bewegungsumfanges durch vier
folgende, in jedem Versuch gleich ausgeführte Resektionen.
Aus Gründen der Raumersparnis sollen nur die Ergebnisse bei
Seitenneigung wiedergegeben werden.
1. Nach Entfernung der linksseitigen, artikulierenden Gelenkfort¬
sätze des 5. Lendenwirbels und des Kreuzbeins mit dem Meissei, wie
sic dem v. Finck sehen Vorschlag entspricht, belief sich die I inks-
neigung auf 10°, 7°, \\% °. Nur bei der dritten, skoliotischcn Wirbel¬
säule hatte also eine Zunahme der Beweglichkeit um 4° statt¬
gefunden, während an den beiden anderen Präparaten eine solche
innerhalb der Fehlergrenzen nicht festgestellt werden konnte. Der
Querfortsatz des 5. Lendenwirbels mit seiner zum Darmbeinkamm
ziehenden Bandmasse hemmte, auch nach Resektion des untersten
Gelenkforsatzes, die Bewegung.
2. Wurde dieser Querfortsatz mit Säge oder Meissei entfernt, so
fiel eine deutliche Zunahme der Linksneigung auf. Dieselbe stieg
auf 17°, 12°, 18°, was einer durchschnittlichen Vermehrung der er¬
strebten Beweglichkeit um 95 Proz. des Ausgangswertes entspricht.
3. Nachdem zu den bisherigen Resektionen noch die Entfernung
der restlichen 4 Lendenwirbel-Gelenkverbindungen der linken Seite
gekommen war, resultierte eine Seitenneigung nach links von 21 Vi °,
14°, 18 !4 d. i. im Mittel 125 Proz. des Grundwertes, und das chne
dass die Beweglichkeit in den übrigen Bewegungsrichtungen wesent¬
lich vermehrt worden war. Es erscheint mir nicht ohne Bedeutung,
dass gerade bei der skoliotischen Wirbelsäule die Entfernung aller
Lendenwirbel-Gelenkfortsätze das durch Resektion des 5. Lenden¬
wirbel-Querfortsatzes (nicht Gelenkfortsatzes!) erzielte Ergebnis
nicht nennenswert zu erhöhen vermochte.
4. Zum Schluss wurde auf der rechten Seite der Präparate zur
Kontrolle derselbe Situs wie links hergestellt und dabei hinsichtlich
der Rechtsneigung ungefähr der gleiche Bewegungsumfang erzielt,
wie er links gemessen worden war. Vorbeugung, Rückbeugung und
Torsion hatten mit zunehmender Versuchsdauer ebenfalls an Umfang
gewonnen, ein Befund, der durch die versuchsbedingte Lockerung
und Dehnung der Bänder usw. der Technik zur Last fällt.
Betrachten wir das Ergebnis der Messungen noch einmal nach
Präparaten getrennt, so finden wir eine Zunahme der Linksneigung
am 1. Präparat nach Resektion 1 um 0 Proz., nach Resektion 2 um
70 Proz., welch letzterer Wert durch die 3. Resektion um 26 Proz.
vermehrt wurde. Beim 2. Präparat sind die Werte 17 Proz., 100 Proz.
und 17 Proz einzusetzen, während sie sich beim 3. Präparat, der
lumbal linkskonvexen Skoliose, auf 53 Proz., 160 Proz. und 3 Proz.
stellen.
Bei der kritischen Betrachtung der Versuchsergebnissc muss
man sich zunächst die Fehlerquellen vor Augen halten, die in der
Beschaffenheit der Präparate (Altersveränderungen, Leiche, Kon¬
servierung) und der angewandten Methode (Strecken statt Bogen
bzw. Winkel, Achsenbestimmung) liegen. Fernerhin mag ein Teil
der Zunahme des Bewegungsumfanges — namentlich, was die Tor¬
sion und die Vorwärts-Riickwärtsbewegung anbetrifft — auf die mit
der Versuchsdauer zunehmende Dehnung des Bandapparates zurück¬
zuführen sein.
Unter Berücksichtigung dieser Faktoren bleibt jedoch als Er¬
gebnis der Untersuchung bestehen:
1. Dass eine ausgiebige Zunahme der Seitenneigung (bis
160 Proz.) in der Lendenwirbelsäule durch Resektion der untersten
artikulierenden Gelenkfortsätze (L5 u.S) und des untersten Quer¬
fortsatzes (L5) zu erzielen ist, ohne das feste Gefüge der Lenden¬
wirbelsäule wesentlich zu lockern; diese Zunahme wird um so erheb¬
licher sein, je stärker die Gelenkfortsätze der konvexen Seite ver-
grössert sind;
2. dass die Entfernung der untersten Gelenkfortsätze (L5 u. S)
allein das gewünschte Ziel nicht erreicht;
3. dass die Wegnahme des untersten Querfortsatzes und aller
Lcndenwirbelgelenkfortsätze die Beweglichkeit nach der gleichen
Seite nicht unwesentlich vermehrt, während die Exkursionsfähigkeit
in den übrigen Hauptebenen auch dadurch nicht besonders beein¬
flusst wird.
Die Untersuchungen am Wirbelsäulenpräparat bestätigen also die
Beobachtungen bei der v. Baeyer sehen Skoliosenoperation und
lassen darüber hinaus auch die Wegnahme des 5. Lendenwirbelquer¬
fortsatzes angezeigt erscheinen.
') Auf die Wiedergabe in übersichtlicheren Tabellen muss leider ver¬
zichtet werden.
1080
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3;
Zur Frage der postpleuritischen Skoliose.
Von Dr. Josef Rey, Assistent der orthopäd. Univ.-Klinik
Heidelberg, z. Z. am orthopäd. Spital in Wien (Hofrat Prof.
Dr. Spitz y.)
In Nr. 19 dieser Wochenschrift macht A. Müller [l] den Mus¬
kelzug für die Entstehung der empyematischen Skoliose verantwort¬
lich. gleichsam in Ergänzung der von mir [2] angegebenen Ursachen,
die sich übrigens auf unkomplizierte seröse Pleuritiden bezogen. Ich
vermag in kritischer Verwertung meiner Untersuchungen dieser An¬
sicht nicht beizupflichten.
Die hohe Bedeutung des Muskelzugs in seiner modellierenden
Wirkung auf das menschliche Skelett ist wohl jedem mechanisch,
d. h. orthopädisch denkenden Arzt vertraut. Ich erinnere hier nur
an die eingehenden Arbeiten Qrunewalds [3] auf diesem Ge¬
biete.
Als ätiologisches Moment aber in der Entstehung einer post¬
pleuritischen oder postempyematischen Skoliose möchte ich den Ein¬
fluss des Muskelzuges nicht verwerten. Er tritt vielmehr als ein die
Verbildung fördernder Faktor auf bei einer schon vorhandenen De¬
formität und hindert später ihre Beseitigung. Wir finden dieses Hin¬
dernis in mehr oder weniger ausgesprochener Form wohl bei jeder
Skoliose, gleichgültig welcher Aetiologie. Die eigentliche Ursache
der postpleuritischen Skoliose suche ich vielmehr, und wiederhole
damit nur die Ansicht der meisten Autoren, in der Zugwirkung der
narbig schrumpfenden Pleuraschwarten als Hauptfaktor, den in vielen
Fällen noch weitere Momente [2] fördernd begleiten. Ist die Verbin¬
dung einmal da, so folgt eine Inaktivitätsatrophie der Interkostal¬
muskulatur und des übrigen an der Atmung beteiligten muskulären
Apparates der betroffenen Seite, die stets der Konvexität der Sko¬
liose gegenüberliegt. Mit der Zeit pflegt die untätige Muskulatur zu
schrumpfen und leistet dann einem späteren Redressionsversuche
erheblichen Widerstand. Aus diesem Gesichtspunkte z. B. empfiehlt
Krukenberg [4] die Tenotomie des konkavseitigen M. psoas,
unter Umständen verbunden mit einer Verlagerung des M. obliquus
ext. zur Besserung einer Lendenskoliose. Der muskuläre Wider¬
stand aber ist, wie ich auch auf Grund meiner Untersuchungen an¬
nehmen möchte, nicht die Ursache, sondern die Folge der
Skoliose.
Ich habe ihn daher nur bei fertigen, ausgebildeten Wirbelsäulen¬
deformitäten vorgefunden. Eine Hypertonie der krankseitigen
Atmungsmuskulatur, wie sie von A. Müller [1] beschrieben wird,
konnte ich in keinem auch der frischen Fälle feststellen. Eine Schwel¬
lung und Druckempfindlichkeit, die einem einigermassen genauen
Untersucher doch nicht entgehen dürfte, habe ich nirgends ge¬
funden.
Dass frische Pleuritiden, die in der Abheilung begriffen sind, unter
Umständen bei brüsker Untersuchung über Schmerzen klagen, möchte
ich mehr auf eine Pleurareizung beziehen als auf reaktive, entzünd¬
liche Prozesse in der angrenzenden Muskulatur. So handelt es sich
bei den von mir untersuchten Kranken fast durchweg um einfache,
seröse, nicht durch Empyem komplizierte Pleuritiden, wo kein lang¬
wieriger Eiterungsprozess in der Tiefe die Ursache von „schwersten
Degenerationsprozessen“ in der umgebenden Muskulatur sein
konnte.
Aber auch die wenigen mit Empyem verbundenen zeigten in
keiner Weise, die von A. Müller angegebenen Veränderungen der
Muskulatur.
Auf diesen Erwägungen fussend ergeben sich ohne weiteres die
Richtlinien für die notwendigen therapeutischen Massnahmen. Dass
mit einfachen Atemübungen allein die Beseitigung einer einmal aus¬
gebildeten Skoliose nicht erzielt werden kann, braucht an dieser
Stelle wohl nicht besonders betont zu werden. In der vorbeugenden
Therapie der postpleuritischen Skoliose aber leisten sie ohne Zweifel
recht gute Dienste. Die fertige Deformität verlangt eingreifendere
orthopädische Massnahmen, deren Auswahl man von Fall zu Fall
dem Fachorthopäden überlassen wird. In der ProDhylaxe jedoch
empfiehlt sich, worauf ich bereits an anderer Stelle [2] hingewiesen
habe, zur Unterstützung der Atemgymnastik die methodische Massage
der geschwächten Muskulatur. Sie soll einer Inaktivitätsatrophie und
damit der drohenden Schrumpfung Vorbeugen und eine Kräftigung
und Stärkung der Funktion erzielen. Ich möchte also im Gegensatz
zu A. Müller die Massage mehr als — allerdings nicht unwichti¬
ges — Adjuvans verwendet wissen, wie ich auch die Schädigung der
Atemmuskulatur als das Sekundäre, nicht das Ursächliche der post¬
pleuritischen Skoliose betrachte.
Literatur.
1. A. Müller: Der Muskelzug als Ursache der Skoliose nach Empyem.
M.m.W. 1923 S. 601. — 2. Rey: Die postpleuritische Skoliose im Kindesalter.
Arch. !. Kinderhlk. 1923. — 3. 0 r u n e w a 1 d: Ueber Beanspruchungsdeformi¬
täten. Zschr. f. orthop. Chir. 38, S. 449. — 4. Krukenberg: Ueber die
Verwendung der Bauchmuskulatur in der orthopädischen Chirurgie. Zschr.
f. orthop. Chir. 42, H. 4. — 5. D r a c h t e r: Bedeutung der Interkostalmuskel¬
atrophie beim Raumausgleich im Thorax usw. M.m.W. 1919 S. 485.
Aus der Medizinischen Universitätsklinik Frankfurt a. M.
(Direktor: Prof. Q. v. Bergmann.)
Ueber die Beziehungen der Lambia intestinalis zu Er
krankungen der Gallenwege und Leber.
Von Privatdozent Dr. KarlWestphal, Oberarzt der Klini
und Georgi, früherem Praktikanten der Klinik.
Lamblia intestinalis, die in England und Frankreich Girardi. 1
intestinalis genannte Flagellatenart, ist als ein in Mitteleuropa sei
tener gefundener, meist als harmlos angesehener Bewohner besom
ders des oberen Dünndarmes beim Menschen und verschiedene)!
Tierarten bekannt, der jedoch bei Cholera und ruhrähnlichen Enteri.1
tiden bisweilen sehr gehäuft in den Dejektionen gefunden wurd
(Moritz und Hölz, Salomon u. a.). Ausgedehnte, während de
Krieges besonders von englicher Seite vorgenommene Massenunter,
suchungen haben nun gezeigt, wie häufig besonders bei den im OrienJ
gewesenen Truppen diese Flagellatenart in den Darmausscheidungel
nachweisbar war. Es fanden sich bei diesen (Literatur bei Roden!
wald im Handbuch von Prowazek) nach den Arbeiten voij
Wenyon, Dobel 1, Jepps, Smith und M a 1 1 h e s u. a. in etw;i
10 — 20 Proz. diese Protozoen. Bei weiteren Untersuchungen fioj
aber auf, dass auch Soldaten, die nie an der Front gewesen un.j
dort ungünstigeren hygienischen Verhältnissen ausgesetzt gewese:ij
waren, und schliesslich auch Menschengruppen, die nichts mit denl
Kriege zu tun hatten, in erheblichem Maasse, z. B. Asylinsasse i
in 3,4 Proz. (M a 1 1 h e s und Smith), die Protozoen aufwiesen, sl
dass man ganz allgemein mit einem höheren Prozentsatz des Vor!
kommens der Lamblia intestinalis auch in europäischen Länderil
rechnen muss.
Auch die hier erhobenen Befunde von gehäuftem Vorkommen
von Lamblia intestinalis zuerst im Duodenalsaft, dann auch in de|
Fäzes, die als Nebenbefund bei der nach J. R 0 t h m a n n - Mannhein
vorgenommenen mikroskopischen Untersuchung des Duodenalsafte
Gallenblasenkranker zuerst erhoben wurden, zeigen, dass auch i
Deutschland ganz allgemein das Vorkommen dieser Flagellaten wol
ein weniger seltenes ist, wie man bisher angenommen hat. Durc
diesen häufigeren Befund wird naturgemäss die immer noch um
strittene Frage der Pathogenität dieser Protozoen von neuem auf |
gerollt. Bevor auf dieses Problem eingegangen wird, sei erst da '
hier gefundene Material an der Hand von Auszügen aus den Kranken^
geschichten vorgelegt. Zuerst fiel bei zwei Fällen aus der Kranki
heitsgruppe des Icterus Simplex beim Mikroskopieren des Duodenal!
saftes eine sehr grosse Menge von Lamblien im Sediment auf.
1. Frl. Sofie M., 19 jähriges Hausmädchen, litt bereits im Janual
und Februar 1921 öfter an kurzen, nur einige Minuten anhaltenden ausl
gesprochen krampfartigen Schmerzanfällen im rechten Oberbauch ohne Gelbl
sucht und ohne Erbrechen, gleichzeitig war starke Müdigkeit und Appetitlosiglj
keit vorhanden. Dann wieder Wohlbefinden bis August 1921, etwa ai
10. ds Mts. wieder Auftreten von Mattigkeit, Appetitlosigkeit und häufige)
Brechreiz, ohne Fieber. Mitte August stellte sich Hautjucken ein. mässig
Schmerzen im rechten Oberbauch, die auch bisweilen in den Rücken nac
rechts oben zogen und beim Atemholen besonders deutlich wurden, zulet?
tritt eine deutliche Gelbfärbung des ganzen Körpers ein. Sie wird deswege
am 2. IX. 21 in die Klinik überwiesen. Hier wird ein Ikterus mässigen Grade
bei der konstitutionell etwas asthenischen Kranken gefunden, an der weit«
ein leichter Exophthalmus, weite Pupillen, ausgesprochener Dermographismiü
und eine Hyperhidrosis manum et pedum als Zeichen eines etwas labile
vegetativen Nervensystems auffallen. Am Herzen ist eine gut kompensiert;
Mitralinsuffizienz nachweisbar. Das Abdomen ist aufgetrieben, der unter
I.eberrand ist ein Querfinger breit unter dem rechten Rippenbogen in del
Mamillarlinie palpabei, die Gallenblasengegend ist druckschmerzhaft, di
Gallenblase selbst nicht fühlbar. Die Milz nicht vergrössert. Der Stuhlganr
ist hell, aber nicht völlig acholisch. Im Urin Urobilin +. Bilirubin
Spur, Wassermann regativ. Blutbild: Erythrozyten 4 500 000, Leukdi
zyten 8300, Neutrophile polynukleäre 72 Proz., Eosinophile 6 Proz.. Lymphri
zyten 14 Proz., grosse Mononukleäre und Uebergangszellen 10 Proz.. bc
der zweiten Untersuchung finden sich 8 Proz. Eosinophile. Die Röntgerj
Untersuchung des Magen- und Darmtraktes und Prüfung des Magens zeia
nichts Besonderes. Okkultes Blut im Stuhlgang negativ. Die Temperati-'
ist nie erhöht, Wassermann negativ. Schneller Rückgang des Ikterus, ar
15. IX. sind nur noch die Skleren leicht ikterisch, die subjektiven ?i
schwerden gebessert, am 21. IX. die letzten Spuren des Ikterus geschwundei
Leber wieder von normaler Grösse ohne Druckempfindlichkeit. Am 25. I>j
wird eine Duodenalsondierung zur Gewinnung von Blasengalle mit der
Witte-Pepton-Reflex vorgenommen. Der Duodenalsaft ist von normale)
grüner Farbe, die Blasengalle deutlich dunkler. Im Sediment der Gall>
finden sich bereits in der sog. Lebergalle sehr reichliche Mengen voi
lebhaft sich bewegenden zweizeiligen Flagellaten, in der dunkleren Blasen
galle schwirren diese noch gedrängter im frischen Präparat durcheinandc
im Giemsa-gefärbten Ausstrichpräparat imponieren wieder durch ihre ur
geheure Massierung die zusammengeballten Haufen der bimförmigen Prot)'
zoen (s. Abb. 1), die sich bei genauerer Ansicht unschwer als Lambh
intestinalis bestimmen lassen. Im Stuhlgang finden sich sofort bei der nu
vorgenommenen mikroskopischen Untersuchung reichlich enzystierte Daue
formen dieser Protozoen. Das Krankheitsbild, mit dem bereits von 7 b ;
8 Monaten bestehenden Beschwerden im rechten Oberbauch, der Drucl \
empfindlichkeit in der Gallenblasengegend, lässt sehr an einem im Sinr
der N a u n y n sehen Vorstellung durch die Gallenwege in die kleinste!
Gallengänge zur Leber hinaufgezogenen Infekt als Ursache des Ikterus denke
Für eine eigentliche Cholezystitis oder Cholangitis fehlt Fieber und Hypei
leukozytose. Welche Rolle die in so grosser Menge im Duodenum E1
fundenen Lamblien für den leberwärts hinaufgewanderten Infekt spiele >
können, soll erst später erörtert werden.
. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1081
2. W. Johannes. 48 jähr. Gärtner, hat an früheren Krankheiten eine
igstpsychose vor 12 Jahren durchgemacht. Anfang Juli 1921 Beginn der
!zigen Erkrankung mit Schmerzen im Magen, Gefühl von Unbehagen im
nzen Leib. Mattigkeit, Appetitlosigkeit, kein Durchfall, kein Erbrechen,
n 20. Juli tritt dann eine deutliche Gelbsucht auf, Magenbeschwerden be-
nders nach dem Essen bleiben, keine Schmerzen der Gallenblasengcgend.
osser Gewichtsverlust, im ganzen 10 kg, infolge der Appetitlosigkeit. Am
IX. eingewiesen in die Klfnik. An dem noch in mittlerem Ernährungs¬
stande befindlichen Mann von kräftig-gedrungenem Körperbau (arthritisch-
knischer Habitus) findet sich ausser dem stark ausgeprägten Ikterus mit
obilin und Bilirubin im tiefbraun verfärbten Urin nichts Wesentliches,
ber und Milz sind nicht vergrössert, 'der Magen zeigt etwas erhöhte
urewerte beim Probefrühstück, freie HCl 58, Ges.-Azid. 86. Röntgenunter-
chung zeigt mittleren Tonus und normale Peristaltik am Magen. Blutbild:
B. Keine Eosinophilie, Temperatur in den ersten 3 Tagen subfebril bis
.5, sonst normal. Bradykardie von 60. Am 21. IX. deutlicher Rückgang
s Ikterus, am 28. IX. nur noch subikterische Verfärbung an den Skleren
rhanden.
Am 29. IX. vorgenommene Duodenalsondierung zeigt besonders wieder
der sog. Blasengalle in sehr grosser Menge im frischen Präparat und
Sendiment in dichten Haufen gedrängt und lebhaft sich bewegend Lamblien,
ich im Stuhlgang lassen sich bei nachträglicher Untersuchung Zys*''-formen
grosser Menge finden. Okkultes Blut im Stuhlgang negativ. Am 3. X.
rd der Kranke aus der Klinik entlassen.
Auch hier wird ein Ikterus Simplex konstatiert mit einer bei den wochen-
ig vorausgehenden Magen- und Darmbeschwerden vielleicht von dort durch
ekte Infektionsübertragung oder durch Toxinresorption hervorgerufenen
berparenchymschädigung, für eine schwerere Erkrankung der Gallenwege
!bst fehlen auch hier die Zeichen.
3. Ein dritter Fall liegt sehr ähnlich. Henrich J., 46 jähr. Buchbinder.
von Lamblien sowohl in der ersten Portion wie in der Blasengalle. Auch
im Stuhlgang finden sich in grossen Massen Zystenformen dieser Protozoen
(s. Abb. 2). Eine daraufhin am 24. IX. eingeleitete, sehr energische Abführkur
mit häufigen Gaben von Karlsbader Salz in konzentrierter Lösung fördert
einen sehr dünnbreiigen, schon makroskopisch deutlich blutig tingierten
Stuhlgang, bei dessen mikroskopischer Untersuchung sich wiederum in sehr
zahlreichen Exemplaren neben enzystierten Formen gut bewegliche Lamblien
finden und ausserdem grosse Mengen von Erythrozyten und fast ebenso reich¬
lich abgestossene Darmepithelzellen. Interessanterweise tritt am Abend des
24. am ganzen Körper der Kranken ein urtikariaähnliches Exanthem auf, das
nach Zurückgang der Quaddclbildung am 25. / 26. wie ein typisches Arznei¬
mittelexanthem wirkt und vom beratenden Dermatologen (Prof. Nathan) als
ein solches mit grosser Wahrscheinlichkeit angesprochen wird. — Da ausser
dem Karlsbader Salz neben dem sonst von der Kranken gut vertragenen
Atropin in diesen Tagen kein Medikament gegeben wurde, so wird als
Ursache des Exanthems bei dem sehr vasomotorischen Menschen an die
Möglichkeit einer solchen Wirkung gesteigerter Resorption irgendwelcher
Stoffe gedacht, die beim Abtransport dieser Lamblienmengen aus den stark
geschädigten z. T. abgetöteten Protozoen frei wurden. Am 28. IX. ist das
Exanthem abgeklungen. Blutbild ohne Besonderheiten. Eosinophile 3 Proz.
Im Stuhlgang zu normalen Zeiten kein okkultes Blut.
Vom 30. IX. ab waren die Schmerzen im rechten Oberbauch deutlicher
lokalisiert, strahlten in die rechte Schulter aus, und sind im ganzen heftiger.
Die Temperatur zwischen 37 und 38,5° bei rektaler Messung. Deutliche
Druckempfindlichkeit der Gallenblasengegend und in der Gegend der Papilla
Vateri, 2 Querfinger breit rechts neben der Mittellinie und 1 Querfinger breit
oberhalb des Nabels. Keine Vergrösserung der Leber, kein Ikterus. Es wird
die Diagnose auf eine Gallenblasenentzündung gestellt trotz fehlenden Gallen-
blasentumcrs. Im Stuhlgang finden sich stets sehr reichliche Mengen von
Dauerformen der Lamblien (Abb. 2) sie treten besonders deutlich nach Zu-
Abbildungl. Uebersichtspräparat, Objektiv Nr. 3.
Grosse Mengen Lamblia intestinalis im Sediment
des Duodenalsaftes in einem Fall von Ikterus
Simplex (Fall 1). Die dunklen Konglomerate be¬
stehen neben vereinzelten Epithelzellen nur aus
diesen Protozoen.
Abbild'ung 2. Grosse Mengen von Zystenformen
der Lamblia intestinalis als ovale Aufhellungen
im Tusehepräparat des nichteingeengten Stuhl¬
ganges bei Cholecystitis (Fall 4, Objektiv Nr. 5).
geliefert 31. X. 21 mit S t i 1 1 e r schem Habitus, leichtem Exophthalmus
1 anderen Zeichen einer leichten Neurose des vegetativen Nervensystems,
te Hände und Füsse, vasomotorisch. Nach Prodromalstadium mit Appetit-
igkeit, saurem Aufstossen von ca. 14 Tagen, Auftreten von Ikterus mit
ht völlig acholischem Stuhlgang, Urobilin und Bilirubin im Urin, Brady-
'die und subfebrilen Temperaturen bis 37,3. Die Leber ist nur wenig ver-
issert, die Milz nicht palpabel, Druckempfindlichkeit der Leber besteht
ht. Blutbild: Leukopenie von 3600, keine Eosinophilie. Im Stuhlgang
len sich am 7. XI. reichlich Zystenformen von Lamblia intestinalis. Die
odenalsondierung am 9. XI. ergibt den für Ikterus simplex typischen sehr
Igelben bilirubinarmen Duodenalsaft, in dem sich bei bakteriologischer
tersuchubng vereinzelte positive Kokken und Stäbchen nachweisen lassen,
turell Kolibazillen und saprophytische Kokken (Frl. Dr. Goldschmidt,
gienisches Institut). Im Sediment des Duodenalsaftes finden sich sehr zalil-
che Lamblien, Abklingen des Ikterus nach 4 Wochen.
Diesen drei Krankengeschichten von typischen Erktanktingen am
jenannten Icterus simplex folgte eine zweite Gruppe von chroni-
len Entzündungen der Gallenblase ohne Ikterus, bei dem gleich-
ls in reichlicher Menge Lamblien sich auffinden Hessen.
4. Fall. Johanne B., 25 jähr. Hausmädchen mit massig ausgebildetem
i 1 1 e r sehen Habitus, vasomotorisch leicht erregbar, psychisch sehr labil,
■gen Lungenspitzentuberkulose rechts in Behandlung der Klinik seit dem
VII. 21. Am 31. VII. heftiger Schmerzanfall im rechten Oberbauch, schnell
dingend, am 15. IX. plötzlich Wiederauftreten im ganzen Oberbauch,
ichzeitig Anstieg der vorher normalen Temperatur auf 37.5°, Einsätzen
rker Appetitlosigkeit und Mattigkeit. Dieser Zustand hält in den nächsten
gen noch stärker ausgeprägt an. Hochgradige allgemeine Schwäche mit
:hten Schwindelanfällen beim Versuch das Bett zu verlassen, weiter
rke Inappetenz, diffuse Schmerzen im ganzen Oberbauch mit Gefühl von
oiffen und Gurren in den Därmen, H e a d sehe Zone am Oberbauch nach
ten beiderseits ausstrahlend zum 10. Brustwirbel sowie heftige Druck-
nfindlichkeit des gesamten Oberbauches rechts und unterhalb des Rippen-
cens halten nun an. Die deswegen vorgenommene Sekretionsprüfung des
gens ergibt normale Säurewerte. Die Röntgenuntersuchung zeigt einen
lertonischen Stierhornmagen mit Hyperperistaltik und schneller Entleerung,
Dünndarm fällt bei der Durchleuchtung ebenfalls eine starke Steigerung
Motilität auf. Die Leibschmerzen werden vor dem Röntgenschirm in
Gegend der gesteigerten Peristaltik angegeben.
Am 23. IX. ergibt die Duodenalsondierung einen guten Witte-Pepton-
lex, im Sendiment des Duodenalsaftes finden sich ganz ungeheure Mengen
satz von Kollargol und chinesischer Tusche hervor, bei wiederholter Duo¬
denalsondierung sind immer wieder die Lamblien in sehr reichlicher Menge
im Duodenalsaft vorhanden. Trotz energischer Therapie mit Atropin, Kata-
plasmen, Karlsbader Kur, Diät sowie Methylenblau und Trypaflavin gegen
die Lamblien bleiben die Beschwerden die gleichen. Am 7. XL wird daher
in der Chirurg. Klinik die Cholezystektomie vorgenommen (Dr. H e 1 1 w i g).
Es finden sich an der Gallenblase ausgedehnte, im ganzen ziemlich zarte
Verwachsungen, die Wand dner Gallenblase erscheint wenig verdickt, makro¬
skopisch sind ausser der Serosaverdickung und den Adhäsionen keine aus¬
gesprochenen Zeichen akuter Entzündung mehr feststellbar, die Mukosa er¬
scheint nicht sehr verändert. Im Gallenblaseninhalt finden sich weder kul¬
turell noch mikroskopisch Bakterien. Lamblien sind ebenfalls im Sediment
der Blasengalle nicht zu finden. Nach der Operation vorläufig Schwund der
Beschwerden. Seitdem noch bisweilen leichte Krampfschmerzen im gesamten
Oberbauch, besonders in der Nabelgegend, die gut durch Atropin zu be¬
seitigen sind. Lamblien finden sich dauernd weiter im Darminhalt und dem
Duodenalsaft auch noch 1/4 Jahre später im April 1923. Verschiedene weitere
Versuche mit Trypaflavin. Methylenblau, Chinin, Wurmmitteln unter gleich¬
zeitiger Anwendung von Abführmitteln, haben wohl zu Verringerung der
Zahl der Lamblien aber nicht zu deren Schwund geführt.
5. Ein zweiter Fall von Cholezystitis bei einemn 25 jährigen Dienst¬
mädchen Marie D. liegt ähnlich. Konstitutionell ausgesprochener asthenischer
Habitus mit vielen Zeichen vegetativer Neurose, sehr vasomotorisch, Glanz¬
auge, Hyperhidrosis manum et pedum, auch psychisch sehr labil. Bei einer
3 Monate lang bestehenden Cholezystitis mit typischen Beschwerden, ge¬
ringer Temperaturerhöhung ohne Leberschwellung, ohne Ikterus, finden sich
bei der Mikroskopie des Duodenasaftes neben Epithelien und sehr vereinzelten
Leukozyten in mässiger Menge Lamblia intestinalis. Im Stuhl ebenfalls
Dauerformen. Eosinophile 1 Proz. Die Operation zeigt (Oberarzt Scheele)
eine ausgedehnte verwachsene Gallenblase, in deren Inhalt zahlreiche Koli¬
bazillen bei mikroskopischer Untersuchung sich finden, keine Lamblien.
6. Franz G., 40 jähr. Kaufmann. Ausgesprochener Stiller scher Ha¬
bitus, auch vegetativ und psychisch neurotisch zeigt eine seit 6 Jahren
gehende Anamnese von schweren Gallenkoliken. Er kommt wegen ganz hef¬
tiger, neuerdings wieder aufgetretener, kaum beeinflussbarer Schmerzattacken
in die Klinik. In der Gallenblasengegend ist ein etwa taubeneigrosser Tumor
tastbar. Die Röntgendurchleuchtung ergibt ein in der Gegend der Papilla
Vateri verschmälertes, oberhalb erweitertes Duodenum, die Duodenalson¬
dierung zeigt normalen Gallen- und Pankreasabfluss, im Sediment des Duo¬
denalsaftes wimmelt es stets bei mehreren Untersuchungen von Lamblia in¬
testinalis. Im Stuhlgang ebenfalls in grossen Massen Dauerformen, keine
1082
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33.
Eosinophilie im Blut, kein okkultes Blut im Stuhlgang. Die nach 3 Wochen
vorgenommene Operation (Dr. Fischer I, Chirurg. Klinik) ergibt eine aus¬
gedehnte, derb mit ihrer Umgebung verwachsene Gallenblase, die prall ge¬
füllt ist mit einer grossen Menge von Bilirubinkalksteinen und kaum noch
flüssige Galle enthält, am Gallenblasenhals ein haselnussgrosses Karzinom,
von dem aus massig entwickete Metastasen zum Duodenum und dessen Um¬
gebung hinabziehen. Die Gallenblasenwand ist an den nichtkarzinombefal¬
lenen Teilen chronisch entzündet mit zahlreichen Ulzerationen auf der Mukosa¬
seite. Eine mikroskopische Untersuchung des Gallcnblaseninhalts auf Lam¬
blien und Bazillen war infolge des Mangels an Flüssigkeit nicht möglich.
Nach Anamnese und Befund handelt es sich also um eine chro"ische entzünd¬
liche Cholclithiasis mit einem später sich entwickelnden Gallenblasenkarzinom.
Bei je drei Kranken mit Ikterus simplex und chronischer Chole¬
zystitis — sekundär hatte sich in einem der Fälle ein Karzinom ent¬
wickelt — wurden also in so auffallend grosser Menge Lamblia in¬
testinalis bei Duodenalsondierung und im Stuhlgang gefunden, dass
der Gedanke an irgendwelches Zusammenhängen zwischen diesen
Erkrankungen und einer solchen Häufung der Protozoen im Duodenum
in unmittelbarer Nachbarschaft der Gallenwege sich aufdrängt. Auch
von L o e b e r wurde kürzlich auf einen Fall mit massenhaft Lamblien
in der Blasengalle der Duodenalsondierung hingewiesen, der längere
Zeit an einer Gallenblasenentzündung ähnlichen Krankheitserscheinun-
gen gelitten hatte. Bei seinem Kranken fand sich im Blut eine Eosino¬
philie von 11 Proz., die ja in diesem Material bis auf Fall 1 fehlte. Auch
er denkt an die Möglichkeit krankheitserregender Wirkung der Lamb¬
lien in Uebereinstimmung mit unserer kurzen Mitteilung auf dem Wies¬
badener Kongress 1922. Wären solche Beziehungen möglich? Wenn im
Duodenum so grosse Mengen dieser Flaggelaten umherschwimmen, wie
es in diesen Fällen festzustellen war, wäre es u. E. sogar im Gegen¬
teil recht unwahrscheinlich, dass diese unter dem Mikroskop so gut
beweglichen Tiere nicht ab und zu, wie es in so häufigen Fällen in
der Kasuistik von Askariden beschrieben worden ist, durch die Pa¬
pilla Vateria eindringen und sich hier irgendwie bemerkbar machen
würden. Dass dieses Hinaufgehen in die Gallenwege tatsächlich ge¬
schehen kann, zeigte die mikroskopische Untersuchung des Sedi¬
mentes des Inhaltes einer operativ entfernten Gallenblase bei einem
klinisch als leichte chronische Gallenblasenentzündung angespro¬
chenen Fall.
Sofie H„ 33 jähr. Köchin, hat seit dem Jahre 1919 zeitweise Schmerzen
in der Magengegend und im rechten Oberbauch, deswegen im März und
April 1921 bereits behandelt in der Med. Klinik. Seit dem Juli 1921 wieder
Magenbeschwerden, etwa eine Stunde nach dem Essen einsetzend, oft beson¬
ders stark im rechten Oberbauch empfunden und in die rechte Rückenseite
ziehend. Dabei häufig Erbrechen, Schwindel, bisweilen auch Kopfschmerzen
und Ohnmachtsanfälle. Die Schmerzen sind im August fast dauernd vor¬
handen im Magen und- in der Lebcrgegend, zum Teil auch ganz unabhängig
vom Essen, häufiger Erbrechen gallig durchtränkter Massen, nächtliche
Schmerzanfälle kommen auch vor, bisweilen war Fieber dabei vorhanden,
Appetitlosigkeit. Die sehr zarte Frau von Stiller schem Habitus mit
deutlicher vergrösserter Schilddrüse, deutlichem Dermographismus, ver¬
stärktem Aktionstyp des Herzens mit Neigung zur Tachykardie, von psy¬
chisch stark nervösem Wesen zeigt im Abdomen eine deutliche Druck¬
empfindlichkeit am unteren Leberrand, in der Mittellinie beginnend, am stärk¬
sten weiter rechts am Ort der Gallenblase. Bei den im Krankenhaus be-
oabachteten Schmerzattacken besteht eine geringe Spannung der Muskulatur
im rechten Oberbauch, die Schmerzen werden deutlich ausstrahlend bis in
die rechte Schulter angegeben. Ein hier oft beobachtetes Krankheitszeichen
bei Erkrankungen der Gallenwege, Druckempfindlichkeit des rechten Hals¬
plexus, ist bei der Kranken dauernd vorhanden. Magensekretionsprüfung
ergibt Probefrühstück: freie HCl 8, Ges.-Azid. 29. Bei der Röntgenunter¬
suchung findet sich bei dem tiefstehenden Angelhakenmagen eine lebhafte
Antrumperistaltik und ein dauernd gefüllter, stets etwas schmaler Duodenal¬
schatten. Auch vor dem Röntgenschirm Druckempfindlichkeit unterhalb der
oberen Umbiegungsstelle des Duodenums in der Gegend der Papilla Vateri
und rechts davon in der Gallenblasengegend. Die Entleerung des Magens ist
ein wenig verzögert, nach 5 Stunden noch mässiger Rest, nach 6 Yi Stunden
leer. Stuhlgang frei von okkultem Blut. Die Duodenalsondierung ergibt nor¬
malen Wittepeptonreflex. Mikroskopisch Epithelien und koliähnliche Bazillen,
jedoch nichts von Lamblien bei zweimaliger Untersuchung. Die Temperatur
ist dauernd etwas erhöht, auf 37,5, zweimal bis 38,6. Es wird eine leichte
chronische Cholezystitis angenommen und da die interne Therapie ohne rech¬
ten Erfolg bleibt, wird am 17. IX. in der Chirurg. Klinik (Oberarzt Scheele)
zur Operation geschritten: Am Magen und Duodenum kein Befund, auch die
Gallenblase erscheint von aussen nicht verändert. Unter der Diagnose einer
funktionellen Stauungsgallenblase wird sie entfernt. Die weitere Untersuchung
der Vesica fcllea und ihres Inhaltes ergibt folgenden interessanten Befund:
Sowohl mikroskopisch wie kulturell sind in der steril entnommenen Blasen¬
galle keine Bakterien nachweisbar, dagegen finden sich in dem etwas dick
gestrichenen Sedimnent des makroskopisch normalen Gallenblaseninhaltes
zahlreiche bimförmige, am zugespitzten Ende deutlich zwei Geissein und in
der Mitte zwei Kerne zeigenden Gebilde von gleicher Grösse wie Lamblien
und bei genauer Untersuchung der dünneren, besser übersichtlichen Stellen
des Präparates auch typische acht Geissein gut erkennen lassende, nach
Giemsa deutlich gefärbte Exemplare dieser Flagellatenart. Bei genauester
mikroskopischer Untersuchung verschiedener Stellen der Gallenblasenwand
fiel nur eine geringe Verdickung der Muskelschicht auf. nirgends fanden
sich sichere Zeichen einer noch vorhandenen oder abgelaufenen Entzündung,
in der normalen Schleimhaut lagen hier und da einige Plasmazellen. An
der Wand haftende Lamblienteile konnten trotz Durchsicht zahlreicher Schnitte
nicht entdeckt werden. An dem Beginn des Ductus cysticus konnte leider an
dem infolge der Operation in diesem Gebiet nicht gut erhaltenen Präparat
keine genaue Untersuchung auf die für Stauungsgallenblase typischen Ver¬
änderungen im Sinne Bergs, Schmiedens und Rhodes nicht erhoben
werden.
Nach der Operation schnelle Besserung der Beschwerden. Die Tem¬
peratur sank zur Norm. Bei späterer Untersuchung in der Med. Klinik
konnten bei neuer Duodenalsondierung und bei verschiedenen Untersuchungen
des Stuhlganges auch mit dem Anreicherungsverfahren keine Lamblien ge¬
funden werden. Bei der Nachuntersuchung nach 1 'A Jahren war die Kranke
wieder völlg frei geblieben .von ihren Gallenblasen- und Magenbeschwerden. 1
Lamblien liessen sich auch diesmal weder im Stuhlgang noch im Duodenal- !
saft nachweisen.
Dieser sehr interessante Befund von Lamblia intestinalis in dem
Inhalt einer operativ entfernten Gallenblase bei jahrelangen Be¬
schwerden von seiten dieses Organs zeigt, dass die Protozoen in
die Gallenwege bis zur Gallenblase hinaufdringen können. Sie kön¬
nen sich auch hier lange lebend erhalten, denn der völlig negative
Befund bei dem häufigen Suchen nach ihnen im Darm spricht da¬
gegen, dass sie in nennenswerter Masse noch in diesem zur Zeit der
Opration vorhanden waren. Man muss daher annehmen,
dass sie vor längerer Zeit vielleicht beim Beginn der üallen-
blasenbeschwerden bereits in die Gallenwege eingedrungen
und später aus dem Darme zum grössten Teil geschwunden
waren. Da gröbere anatomisch - sichtbare Veränderungen an
der Wand der Gallenblase sich nicht feststellen liessen,
so müssen wohl funktionelle Störungen an den Gallenwegen
infolge einer so gesteigerten Reizbarkeit ihrer Wandung, vielleicht
am stärksten entwickelt bei der Entleerung der Blase durch Spas¬
men oder Uebcrdehnung der glatten Muskulatur an Vesica fellea.
Ductus cysticus und Ductus choledochus, Ursache der Schmerzen
gewesen sein, Betriebsstörungen, die bei einem an und für sich
neurotisch-asthenischen Menschen durch die Anwesenheit der Pro¬
tozoen in besonders starkem Maasse ausgelöst wurden und im Sinne
der von einem von uns an anderer Stelle ausführlich geschilderten
Krankheitsbilde zu einer Gallenblasenneurose mit starken Beschwer¬
den geführt haben. Dass sich bei diesem 1 Vs, Jahre später als aus¬
gesprochener leichter Basedow imponierenden Fall bei solchen
Schmerzattacken Temperaturerhöhungen einstellten, ist bei diesem
Konstitutionstyp ja geläufig auch ohne Vorhandensein schwerer ent¬
zündlicher Erkrankung.
Das Eindringen dieser Flagellaten in die Gallenwege ist nach
diesem Befund durchaus möglich und damit auch die Annahme von
Beziehungen zwischen dem Vorkommen grosser Lamblienmengen
im Duodenalsaft mit den oben geschilderten Krankheitszuständen.
Um eine weitere Uebcrsicht über die Häufigkeit solcher Koinziden
vom Vorkommen der Lamblien und Erkrankungen der Gallenwege
und Leber zu erhalten, wurde versucht, durch Serienuntersuchung ')
festzustellen, in wie ausgedehntem Maasse bei Erkrankungen dieser
Art Lamblien im Duodenalsaft und im Stuhlgang nachweisbar wären.
Die Technik des Verfahrens war dieselbe wie bei den bisher ge¬
schilderten Fällen:
Von der bei Duodenalsondierung gewonnenen Flüssigkeit wurden jedes- •
mal mehrere Sedimente hergestellt und diese zuerst frisch untersucht. Zum iji
Färben der in unseren Fällen schon bei diesen unbehandelten Präparaten gut I
sichtbaren Lamblien wurde eine sehr dünne Giemsalösiing benutzt in der
Weise, dass 1 Tropfen der Stammlösung auf 1 ccm Aqu. dest. gegeben wurde
und diese Lösung 1 Stunde lang im Brutschrank auf das vorher 2 Minuten
lang mit Alkohol fixierte Präparat einwirkte. Es entstanden dann recht ..
gute Präparate, die eine genauere Durchsicht des Sediments gestatteten und
bei Oelimmersion sehr deutlich die 8 Geissein, die beiden Kerne, den sog. ;
Rätselkörper und an den Ursprungstellen der Geissein die Basalkörner ■
an den etwa 15 — 20 u grossen, in der Form einer Laute gebauten Protozoen
erkennen lassen (Abb. 3). Die konvexe Rückenseite und die abgeplattete ; :
Bauchseite mit dem Saugnapf im vordersten Teile, erscheinen dagegen viel,
plastischer im ungefärbten Sedimentpräparat, wenn die Tiere noch lebhaft ,V
sich bewegend zu beobachten waren.
Weiterhin wurde versucht mit Hilfe eines Anreicherungsverfahrens,
wie es zum Auffinden von Wurmeiern im Stuhl benutzt wird, durch Behand¬
lung der Fäzes mit Salzsäure, Aether, Durchfiltrierung des Rückstandes durch i-t
Mullläppchen und Sedimentierung desselben auch in geringer Menge vor- ■
kommende Zystenformen der Lamblien im Stuhlgang nachzuweisen'; Das 1
Verfahren bewährt sich gut. Auch nur wenige dieser ovalen, mit doppelt , I
konturierter Kapsel versehenen und an Grösse etwas kleiner als die in
Geisselformen erscheinenden Zysten wurden so leicht und schnell in den
Fäzes entdeckt bei schneller Durchsicht des Sediments mit Objektiv Nr. 3
und Kontrolle mit 5 oder 7, bei grosser Anhäufung gestattete eine schnelle
und eindrucksvolle Uebersicht das Tusch- und Kollargolpräparat des nor-
malen Stuhlgangs.
Bei einer Serienuntersuchung fanden sich mit dieser Methode der Stuhl- 1 1
gangsuntersuchung unter 100 Normalkranken der Klinik 2 mal Dauerformen
der Lamblien. Auch mit der Duodenalsondierung konnten sie bei diesen bei- fj
den dann nachgewiesen werden. Der eine dieser Kranken hatte eine Pneu¬
monie, nie Magen- und Darmbeschwerden gehabt, er war von sehr kräftigem .i
Körperbau und erschien wenig reizbar in seinem vegetativen Nervensystem. I
Der andere war wegen einer Herzneurose in der Behandlung der Klinik.
Dieser beschrieb in seiner Anamnese heftige Schmerzanfälle im rechten Ober- 3j
bauch, die von seinem behandelnden Arzte seinerzeit als Gallenblasenkolik¬
anfälle aufgefasst worden waren, so dass auch bei diesem Lamblienträger, der
die Protozoen in sehr reichlichen Mengen sowohl in den Fäzes wie in dem rj
Duodenalsaft aufwies, die Möglichkeit einer gleichzeitigen Erkrankung der
Gallenwege vorliegt. Ikterus war aber nicht vorhanden gewesen. Zurzeit 1
des jetzigen klinischen Aufenthaltes liessen sich keine Beweise für eine
Cholezystitis oder ähnliches finden.
Im Duodenalsaft fanden sich hei Serienuntersuclumgen an 30 Nor¬
malkranken nie Lamblien. Bei 20 Fällen, die der Gruppe des Ikterus
simplex zuzurechnen waren, fanden sich die obenaufgeführten 3 Fälle,
bei 25 Gallenblasenkranken mit Einschluss von schweren Gallenstein¬
kranken und schweren Gallenblasenentzündungen wiederum die drei
obenbeschriebenen Fälle. Ausserdem waren einmal die Lamblien im
Sediment des Inhaltes der als funktionelle Stauungsgallenblase auf-
*) Schwester Ida Burkard sei auch an dieser Stelle bestens für die
bei dieser Untersuchung geleistete technische Hilfe gedankt.
. August 192.3.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1083
fassten Erkrankung nachzuweisen. Das Resultat dieser Unter-
chungen ergibt, dass wir bei unserem Durchschnittsmaterial mit
nein Vorkommen der Lamblien in 2 Proz. zu rechnen haben, bei
r Duodenalsondierung allein fanden sich bei 30 Normalkranken
gar keinmal Protozoen. Es ergibt ferner, dass wir bei lkterus-
llen und bei üallenblasenkratiken dagegen häufiger ein reichliches
rrkotnmen dieser Protozoen feststellen können, so dass also die
linzidenz der Befunde von Lamblia intestinalis im Darm und von
krankung der üallenwege oder Icterus Simplex über das Maass der
im Normalen hier in Mitteldeutschland gefundenen erheblich liin-
szugclien scheint. Nehmen wir jenen Befund hinzu, wo sich die
otozoen in der Gallenblase nachweisen Hessen, so erscheint der
isammenhang zwischen einem sehr gehäuften Bewohntsein des
roden ums durch diese sehr beweglichen Protozoen und den beiden
cnangefiihrten Erkrankungen doch ein recht wahrscheinlicher.
Für die Vorstellung, in welcher Weise dieser Zusammenhang zu
lern Peil sich erklären Hesse, sei ein kurzer Hinweis gegeben auf ge-
sse Erscheinungen bei der funktionellen Prüfung der Motilität der
rllenwege und ihrer nervösen Reflexe, wie sie in ausführlicher
eise in den Arbeiten von W e s t p h a 1 geschildert worden sind,
bt man bei der Untersuchung des Stepp sehen Wittepepton-
flexes auf Gallenblasenentleerung nach Eintritt starken Ausfliessens
g. Blasengalle dem Untersuchten eine intravenöse Injektion von
—% ctg Pilokarpin je nach seinem Körpergewicht, so ist bei den
rrmalen der Erfolg ein schnelleres Abfliessen. Dies wurde an einer
össren Serie von 15 Kranken erprobt. Gallenblasenkranke, Gra¬
de und Frauen in der Menstruation wiesen dagegen eine initiale
mnnung des Gallenblasenflusses auf, die zurückgeführt wird auf
te erhöhte Reizbarkeit der glatten Muskulatur der üallenwege,
ir allem des von ü d d i zuerst beschriebenen Sphinktergebietes an
r Mündung des Ductus Choledochus. Bei diesen Untersuchungen
urden sechs von den hier angeführten Kranken mitgeprüft. Es
gab sich dabei nur einmal die normale sofortige Beschleunigung
s Ausflusses der Blasengalle, einer der Kranken wies eine initiale
iuse mittleren Grades von 4 Minuten auf, und bei 4 dieser Kranken
ir eine initiale Pause von über 5 Minuten vorhanden. Es fand sich
ter den Fällen mit der sehr verlängerten initialen Pause über 5 Mi-
ten 1. Frl. M., der erste Fall von Icterus Simplex mit einer Pause
in 7 Minuten, 2. die beiden ersten Cholezystitisfälle (Nr. 4 und 5)
t einer Pause von 9 und 13 Minuten, 3. die Kranke H. mit der
auungsgallenblase und Lamblien im Sediment des Gallenblasen-
laltes mit einer Pause von 15 Minuten.
Diese erhöhte Krampfbereitschaft des Muskelgebietes am Aus-
ng der üallenwege spricht unseres Ermessens bei diesen Fällen
hr dafür, dass hier infolge der Anwesenheit der Lamblien im Duo-
num eine erhöhte Reizbarkeit der Gallenwege bei den Kranken
irhanden und auch normalerweise auf die im physiologischen Be-
eb der Verdauungstätigkeit vorkommenden Reflexe hin ein stärkerer
ampfverschluss des 0 d d i sehen Sphinkters bisweilen zu erwar-
ti ist. Ein solcher Verschluss führt zu Stauung in den Gallenwegen
d gibt so erhöhte Disposition zum Aufsteigen der in den unteren
irtien des Ductus choledochus normalerweise vorkommenden Koli-
zillen. Damit ist gleichzeitig die Möglichkeit gegeben zur Ent-
ihung einer Cholezystitis oder leichten Cholangitis, die als solche
er im Sinne der N a u n y n sehen, kürzlich von Umber wieder
schilderten Cholangie als ein im anatomischen Bilde nicht stark
sgeprägter Infekt der üallenwege bis in die kleinsten Gallenkapil-
-en hinaufsteigen und zu Parenchymerkrankungen der Leber führen
nn, die wir vorläufig der grossen, wohl auf verschiedenste Ent-
Hiungsmöglichkeit zurückgehenden Gruppe des sog. Icterus Simplex
zurechnen haben. Es wäre also in dieser erhöhten Reizbarkeit des
ündungsgebietes der Gallenwege unseres Ermessens ein Zusam-
snhang gegeben zwischen dem sehr gehäuften Vorkommen von
imblien in engster Nachbarschaft der Papilla Vateri und den eben
wähnten Erkrankungen. Ob diese Protozoen dabei stets und jedes-
rl in die Gallenwege hineinkriechen, erscheint wohl erst in zweiter
nie wichtig. Auch die häufige Berührung des empfindlichen Schliess-
uskelapparates von aussen an der Papille durch diese wird eine
lche Neigung zum Krampfverschluss herbeiführen. Voraussetzung
eibt allerdings wohl ein sehr gehäuftes und massigeres Vorkommen
eser Dünndarmbewohner im oberen Duodenum, wie wir es in
seren Fällen beobachten konnten. Eine direkte anatomische
:hädigung der Mukosa der Gallenwege scheint nach dem mikro-
opischen Befunde an der H.schen Gallenblase nicht zu entstehen. Die
öglichkeit, dass beim Eindringen der Flagellaten in die Gallenwege
ae Reizung der Schleimhaut mit Neigung zu gesteigerter Sekretion
rselben und in der Gallenblase durch Resorption von Zerfalls-
odukten abgestorbener Tiere Störungen für den Gesamtorganismus
tstehen können ebenso wie bei weiterem Eindringen derselben in
e intrahepatischen Gänge, besteht natürlich ausserdem.
Es wurden hier auch experimentelle Untersuchungen vorge-
imrnen in der Weise, dass grosse Mengen von Lamblien, die durch
-dimentierung aus Duodenalsaft gewonnen waren, in die Gallen¬
ase zweier Kaninchen nach Oeffnung des Abdomens mittels eines
irch die Leber geführten Stiches eingespritzt wurden. Die Re-
ltate dieser Untersuchungen waren negativ, es fand sich bei einem
minchen eine sehr geschrumpfte Gallenblase gelegentlich der Kon-
olle nach 6 Wochen, die andere Kaninchen-Gallenblase war durch
ne leichte Entzündung am Ductus cysticus anscheinend ver-
Nr. 33.
I schlossn, sie enthielt bei mikroskopischer Untersuchung sehr
zahlreiche abgeschilferte Epithelzellen; aber Lamblien oder
deren Reste waren weder im Gallenblaseninhalt, noch bei
genauer mikroskopischer Untersuchung der Wand in zahlreichen
Schnitten von diesen Gallenblasen auffindbar. Herr Sanitätsrat
Dehler, der bekannte Protozoenzüchter am Frankfurter Institut
für experimentelle Therapie, versuchte aus dem sehr zahlreiche
lebende Lamblien enthaltenden Duodenalsaft diese Tiere ausserhalb
des Körpers isoliert weiterzuzüchten; für weitere experimentelle
Untersuchungen wäre ein Gelingen dieses Versuches sehr wertvoll
gewesen. Aber auch dieses Vorgehen erwies sich leider als erfolg¬
los. Es scheint die Artspezifität der Lamblien, die auf bestimmte
Tiere als Wirte angewiesen ist und ihre Empfindlichkeit gegen starke
Aenderung des Milieus, das nicht dem Darminhalt entspricht, weitere
Untersuchungen in dieser Richtung sehr zu erschweren.
Die Lamblia intestinalis erscheint auch nach unseren Befunden
nicht so sehr an sich pathogen, sondern erst durch eine besondere
auf ihre gehäufte Anwesenheit stärker erfolgende Reaktion eines an
und für sich Empfindlicheren oder durch eine vorausgehende Ruhr¬
erkrankung empfindlicher gewordenen Organismus Miterzeuger der
Krankheit zu werden. Gerade dieses konstitutionelle Moment einer
allgemein erhöhten Reizbarkeit möchten wir an Hand der vorher
aufgführten Krankengeschichten noch einmal besonders betonen.
Fast alle unsere Kranken zeigten deutlich ausgesprochen einen sehr
lebhaften Dermographismus, Glanzaugen, einer Hyperhidrosis manum
et pedum, gleichzeitig war ein Stiller scher Habitus und eine
leicht erregbare Psyche vorhanden. Von ausgesprochen anderer
äusserer Wuchsform war nur der zweite Ikteruskranke. Hier fehlten
auch äussere Zeichen einer besonderen körperlichen Reizbarkeit, qs
lag nur in der Anamnese eine Psychose, anscheinend ein länger
dauernder Depressionszustand, vor. Wesentlich scheint auch ein
solches konstitutionelles Moment zu sein bei dem krankhaften Ver¬
halten des Darmes infolge gehäuften Vorkommens der Lamblien. Ein
wegen häufiger Diarrhöen ohne erkennbare bakterielle oder che¬
misch-physiologische Ursache, die vom Hausarzt und auch in der
Klinik (Prof. v. Bergmann) zum grössten Teil als neurotisch auf¬
gefasst wurden, aufgenommener Kranker zeigte bei der Untersuchung
seiner Dejektionen sehr grosse Mengen von enzystierten Lamblien.
Ohne irgendwelche Behandlung schwand jedoch allein auf Bettruhe
und etwas Diät die Neigung zu Diarrhöen bei dem in vielem seines
Körpers und seiner Psychose ausgesprochen nervös labilen Men¬
schen.
Die therapeutischen Versuche zur völligen Beseitigung der Lam¬
blien aus dem Darm führten hier ebenso wie bei früheren Unter¬
suchern nicht recht zum Ziele. Trotzdem Zusatz von Trypaflavin-
lösungen in Verdünnung von 1: 10000 zum Duodenalsaft bei mikro¬
skopischer Beobachtung sehr schnell zur Abtötung der Protozoen
führte, hatte eine sehr reichliche Medikation mit Trypaflavinlösung
1 : 1000 durch die Duodenalsonde keinen ausgesprochenen Erfolg.
Nach dem Vorschlag von Castellani, Mar sh all, Low u. a.
wurde Methylenblau versucht und zwar in der Weise, dass gleich¬
zeitig durch konzentrierte Lösung von Karlsbadersalz, die nach dem
Methylenblau gegeben wurde, eine intensive Abführwirkung herbei¬
geführt und durch Chinin eine weitere Protozen abtötende Wirkung
versucht wurde. Es wurden von einer 0,3 proz. Methylenblaulösung
zweimal täglich je 3 mal in dem Abstand von je 1 Stunde 200 ccm
ins Duodenum injiziert und 2 mal täglich hohe Einläufe mit der
gleichen Lösung gegeben. Es trat danach allerdings eine bedeutende
Verminderung der Flagellaten im Stuhlgang auf, ihr Nachweis ge¬
lang aber weiter bei genauer Untersuchung. Dies ist für die
Kranken selbst, wenn ungeschickte psychische Beeinflussung vom
Arzte vermieden wird, im allgemeinen nicht von Bedeutung gewesen,
da hier schon VA Jahre lang beobachtete Lamblienträger nur über
wenig Beschwerden zu klagen hatten. Bei dem einen fehlten sie
ganz, bei dem anderen, einer wegen Cholezystitis operierten Kranken,
traten bisweilen noch leichte krampfartige Schmerzen im linken
Obrbauch, wohl beruhend auf einer mässigen Hyperperistaltik des
Dünndarms, auf, die sich durch geringe Atropindosen gut bekämpfen
Hessen.
Eine Anzahl von Lamblienträgern ist daher auch bei unseren
Beobachtungen lange Zeit frei von irgendwelchen krankhaften Er¬
scheinungen, trotz der unmittelbaren Beziehungen, in die nach den
Beobachtungen von G r a s s i und Schewiakoff diese Flagel¬
laten mit ihrem Saugnapf zu den Zellen der Darmschleimhaut treten.
Beziehungen, die in dem Abgang zahlreicher Darmepithelien und
Erytrozyten beim gründlichen Abführen mit Kalsbader Salz auch
in einem der hier beschriebenen Fälle ihren deutlichen Ausdruck
fanden. Es muss daher auch bei vielen normalen Individuen von
nicht besonders asthenischer Natur oder im vegetativen Nerven¬
system labiler Konstitutionsform das Verhältnis zu diesen dünndarm¬
bewohnenden Flagellaten im allgemeinen im Rahmen eines harm¬
losen Kommensualismus bleiben; kommen aber besondere Betriebs¬
störungen der Darmtätigkeit durch Ruhrerreger, toxische, endokrine
oder klimatische Schädigungen vor, so macht unseres Ermessens ein
solcher Gleichgewichtsausschlag den vorher harmlosen Mitbewohner
zum ebenfalls pathogenen Reiz, besonders wenn eine Vermehrung
der Parasiten ins Ungemessene dann stattfindet. Und ähnlich kann,
wie in den hier geschilderten Fällen, bei im ganzen konstitutionell
und auch im Nerven- und Muskelapparat der Gallenwege, besonders
3
1084
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33.
im Sphinkterengebiet, empfindlichen Individuen die sonst harmlose i
Symbiose mit intestinalen Lamblien zu Störungen führen, die in ihrer
Genese natürlich auch wieder abhängig von der Masse dieser Fremd¬
linge im Duodenum und der Tiefe ihres Eindringens in die Gallen¬
wege mit Ursache am pathologischen Geschehen in diesem Gebiet
werden können, in Gemeinschaft mit dem so erzeugten Schliess-
muskelkrampf und dadurch erleichtertem Aufwärtsdringen bak¬
teriellen Infektes in die biliären Duktus. Ein nicht zu gesteigerter
Reaktion bereiter Organismus wird dagegen jahrelang auch in engster
Nachbarschaft der Papilla Vateri Lamblien beherbergen können, ohne
dass dieser Zirkel krankhaften Geschehens sich eröffnet. So scheint
uns in verschiedenem Zustand des Wirtskörpers und des lntestinal-
trakts das Problem der Pathogenität der Lamblia intestinalis häufig
seine Lösung zu finden, ihre Pathogenität ist nur eine relative.
Literatur.
Braun: Die tierischen Parasiten des Menschen. Würzburg 1903.
Loeber: Ueber morphol. Unters, d. Duodenalsaftes. M.m.W. 1923, 22. —
Morowitz-Hölzl: Ueber Häufigkeit und Bedeutung des Vorkommens
von Megastoma entericum im Darmkanal des Menschen. M.m.W. 1892 S. 831.
— Rodenwald: Flagellaten als Parasiten der menschlichen Körperhöhlen.
Prowacek-Noeller: Handbuch der pathogenen Protozoen, Leipzig 1921. —
R o t h m a n n - Mannheim: Untersuchungen über die zelligen Bestandteile
der durch Duodenalsondierung gewonnenen galligen Flüssigkeit und ihre
differentialdiagnostische Verwertung. Mitt. Qrenzgeb. 1921, 33, H. 4.
Schmidt- v. Noorden: Klinik der Darmkrankheiten. München und
Wiesbaden 1921. — Salomon: Ueber einen Fall von Infusoriendiarrhöe.
B.kl.W 1899 S 100. — Umber: Der Infekt der steinfreien Wege. Naunyns
Cholangie. Klin. Wschr. 1923 Nr. 13. — Westphal: Muskelfunktion,
Nervensystem und Pathologie der Gallenwege. Zschr. f. klin. M. 1923,
96, H. 1—3. *
Aus dem patholog. -hygienischen Institut der Stadt Chemnitz.
Lungenvarix und Hämoptoe.
Von Prof. C. Nauwerck.
Wer sich in zweifelhaften Fällen von Hämoptoe in dem bekann¬
ten „Lehrbuch der Differentialdiagnose innerer Krankheiten“, 2. Auf¬
lage, 1921, von Matth es Rat holen will, dem bietet sich eine Liste
krankhafter Zustände zur Auswahl dar, die die Hauptmasse der ge¬
samten Lungenpathologie umfassen dürfte. Trotzdem wird eine
Gruppe vermisst, die Varizen der Luftwege u n d der
Lungen nämlich. Dass Venektasien der Trachea zu beträchtlichen,
periodischen, über Jahre sich hinziehenden Blutungen führen können,
lehrt u. a. eine in der D.m.W., 1911, Nr. 34, S. 1580, von Ephraim
mitgeteilte Beobachtung eines Falles, der unter endoskopischer Be¬
handlung mittels Chromsäure zur Abheilung gelangte. In meiner
Chemnitzer Sammlung findet sich nur ein einziges Präparat, die Luft¬
wege betreffend, ein kleiner Varixknoten dicht unterhalb der Glottis.
Varizen der Lunge dagegen müssen ungeheuer selten sein, ln
der letzten Auflage seines Lehrbuches führt Kaufmann, dessen
umfassende Literaturkenntnis unbezweifelt ist, nur H e d i n g e r (De¬
monstration eines Lungenvarix, Verhandlungen der Deutschen patho¬
logischen Gesellschaft 1907) an, und auch mir ist es nicht geglückt,
diese Kasuistik zu erweitern. Hedinger meint, man werde bei
Blutungen unklarer Art an Lungenvarix denken müssen; bei einer
44 jährigen Frau hatten sich während dreier Schwangerschaften ziem¬
lich reichliche Blutungen eingestellt bei sonstigem Wohlbefinden.
Hedinger vermag nicht mit Sicherheit auszuschliessen, dass die
Hämoptoe auf tuberkulösen Prozessen beruhte, neigt aber doch mehr
dazu, sie auf den Varix zurückzuführen, „indem durch stärkere Fül¬
lung desselben Stauungsblutungen in seiner Umgebung zu¬
stande kommen konnten“. Im Lichte nachstehender Beobachtung
möchte es indessen näherliegen, sofern die Tuberkulose ausscheidet,
den Varix selbst verantwortlich zu machen.
Der erschütternde Todesfall durch akute hämoptoische Ver¬
blutung, den ich am 23. XII. 22 aufzuklären in die Lage kam, betraf die
45 jährige kräftige, gut ernährte, bisher blühend aussehende Frau eines mir
wohlbekannten Arztes. Aus seinen mir zur Verfügung gestellten Aufzeich¬
nungen entnehme ich, dass sie, aus gesunder Familie stammend, selbst stets
gesund, seit vielen Jahren und schon als Kind besonders bei Anstrengungen
und Aufregungen an Nasenbluten litt. Wegen starker Lungenblutung seiner
Frau wurde er 1915 (telegraphisch aus dem Felde zurückgerufen; nach 2— äTagen
stand die Blutung; bei seinem Eintreffen hatte seine Frau keinerlei Beschwer¬
den, das Aussehen war wie sonst frisch und gesund. Auch Prof. Clemens
vermochte auf den Lungen nichts Sicheres festzustellen. Auf dem Rönt¬
genbild glaubte man in der Gegend der Bronchialdrüsen einen Schatten
feststellcn zu können, so dass man immerhin bei positivem Pirquet stark
an Tuberkulose dachte; die Sektion hat diesen Verdacht nicht bestätigt. Die
Blutung wiederholte sich in den folgenden Jahren in verschiedenen, nicht-
periodischen Zeitabschnitten noch 5 mal, 1 mal bis zur Gefahr der Erstickung.
Die vorletzte Blutung trat 3 Wochen vor Weihnachten auf, war weniger stark,
aber längerdauernd als sonst. 8 Tage vor ihrem Tode hatte die Kranke das
Bett verlassen und verrichtete wieder leichte Arbeiten. Nach dem Auftreten
einer Blutung fühlte sie sich meistens in 5—6 Tagen wieder völlig wohl,
so dass sie kaum im Bett zurückzuhalten war; niemals Fieber. Die Ge¬
burten zweier gesunder Kinder fielen vor die Zeit der Lungenblutungen. An
peripheren Varizen hat die Verstorbene nicht gelitten.
Ich will mich mit der Schilderung der Ueberschwemmung der
Lungen, der Luftwege, des Rachens, der Mundhöhle mit Blut, den
Zeichen von Erstickung und akuter Anämie nicht weiter aufhalten,
sondern wende mich gleich zu dem entscheidenden Befund:
An der Aussenseite des Unterlappens der nirgends verwachsenen rechter I
Lunge ragt in der Axillarlinie eine haselnussgrosse, dünnwandige, wcisslich i
undurchsichtige Blase vor, die bei den Manipulationen unter quatschen- 1
dem Geräusch bald einsinkt, bald wieder über die Lungenoberfläche sich er- 1
hebt, die um dpi Sack herum durch Druck grabenartig vertieft erscheint 1
Vom unteren Rande liegt er 2,5 cm entfernt. Auf einem Einschnitt erweis: i
er sich als das distale Ende eines grösseren, ovalen Hohlraums, mit diesen J
durch einen sondendicken Kanal verbunden; die Höhle ist 3,5 cm lang, 2 cm 1
tief, enthält schaumiges Blut. Sie zeigt eine zarte, glatte, papierdünne Wan 1
düng und geht ziemlich rasch in einen nicht erweiterten, nicht verdiektci I
Ast der Lungenvene über. Vom Hauptbronchus bleibt der Varix noch 6 en I
entfernt. Die Höhle ist distal sinuös gestaltet, unter Bildung des beschrie I
benen, subpleuralen Sackes, ebenso proximal. Hier weist hinten die vor!
sichtige Sondierung 1 ein vom proximalen Ende entfernt, hiluswärts eint!
freie Verbindung zwischen Varix und einem Bronchial !
ast erster Ordnung nach. Das an den Varix angrenzende Lungengewelxl
ist lufthaltig, frei von irgendwelchen indurativen oder sonstigen Verände !
rungen.
Der Durchbruch des Varix in den Bronchus erklärt die letzte $
todbringende Hämoptoe; es erschiene mir künstlich, für die früherer!
Lungenblutungen andere Ursachen hcranziehen zu wollen, üb diel
gleiche Stelle, ob nicht vielmehr mehrfache Perforationen, die siel j
dann wieder thrombotisch schlossen, in Betracht kommen |
bleibe dahingestellt. Für Stauungsblutungen im Sinne Hedinger s|
fehlen die Anhaltspunkte. Atrophierende Vorgänge, von der Blut -tj
masse des Varix nach aussen wirkend, dürften für die Durchbrüche?
entscheidend gewesen sein. Auf die mikroskopische Analyse habe icljij
verzichtet.
Ueber die Entstehung dieses Lungenvarix vermag ich cbensg-:.
wenig wie seiner Zeit Hedinger etwas bestimmtes beizubringen jj
wahrscheinlich handelt es sich um eine auf Unterbildung der Venen u
wand zurückzuführende Anlage; jedenfalls bestehen keine Gründel
ihn durch schrumpfende Prozesse des umgebenden Gewebes als se-1
kundär zu erklären; möglich wäre es, dass die erweiterte Vene eineii
lokalen kongenitalen Lungendefekt zu ersetzen bestimmt war.
Alter und Geschlecht sowie die Lokalisation im rechten Unter :;
lappen stimmen in Hedingcrs und meinem Fall überein. Die sflbj
pleurale Lage lässt die Möglichkeit zu, dass unter Umständen ein
Hämothorax sich anschliesst.
Hedinger bezieht alte Infarkte in Leber und Milz auf ver!
schleppte Thromben des Varix und denkt auch bei dem Ulcus simple.'*
duodeni, das der Kranken den Tod brachte, an embolische Entl
Stellung. , T , . .
In meinem Fall bestand VA Jahr vor der ersten Lungenblutuni
eine „leichte passagere Hemiplegia dextra mit Sprachstörung“, die icl|
mir, mangels jeder anderen Ursache, ebenfalls als auf Embolie be|
ruhend denken möchte. _ ||
Diagnostisch dürfte, bei Ausschluss aller näherliegenden Grund!
lagen, die Röntgenuntersuchung die positive Entscheiduna
für einen Lungenvarix bringen. Wenigstens gaben mir Sachverstanl
dige, wie Prof. Clemens und Oberarzt Dr. Schuster, ihre An ■
sicht bestimmt dahin kund, dass ein solcher scharfbegrenzter Lungen!
varix von einer gewissen Grösse, wenn mit Blut gefüllt, einen Schat|
ten liefern müsse, sofern er von lufthaltigem Lungengewebe umgebeil
sei. Der negative Ausfall in vorliegender Beobachtung spräche nichfl
mit Sicherheit im gegenteiligen Sinne, weil die seitliche Lage de:|
Varix bei den üblichen Aufnahmen von vorn oder von hintei!
ungünstig habe wirken müssen. Eine Aufnahme von der Seite he|
hätte wahrscheinlich den Varix zur Ansicht gebracht.
Ob ein einmal diagnostizierter Lungenvarix. der inneren TherapiJ
zugänglich ist, vermag ich nicht zu sagen. Chirurgisch scheinen di!
Aussichten, wie ich der Meinung auch auf dem Gebiete der Lungen!
Chirurgie besonders Erfahrener entnehme, überaus zweifelhaft z\H
sein. Auch mein Vorschlag, durch künstlichen Pneumothorax deiil
Varix zum Kollaps und zur Verödung zu bringen, löste keinen bei
sonderen Beifall aus.
Aus der Hautklinik der Universität Jena.
(Direktor: Prof. Spiel ho ff.)
Kritik zur sogenannten „Hämoklasischen Krise“
Widals als Leberfunktionspriifung.
Von Dr. Hans Mietling, Volontärarzt der Künik.
Wenn wir die Angaben Widals einer Nachprüfung unterzöget \
so war für uns massgebend die Behauptung Widals, dass nicli
nur manifeste, sondern auch latente Leberschädigungen mit seiner
Funktionsprüfung nachgewiesen werden konnten. Hatte Wida
recht, so musste auch für den Syphilidologen dies von grossem Vor
teil sein, sowohl bezüglich der klinisch latenten Form von luetische
Hepatitis, als auch der Salvarsanleberschädigungen während odel
auch nach der Kur, erwies sich die Brauchbarkeit der „Hämoklasischt «
Krise“ als Leberfunktionsprüfung, so musste sie von grossem Wer
sein für unser therapeutisches Handeln. Nach den Mitteilungen vo
Widal über seine Blutuntersuchungen erschien uns seine Method '
nicht genügend gesichert. Wir haben zu beanstanden, dass bei de
Widal sehen Fällen das Blutleben der Untersuchten v o r der Prob
nicht genau ermittelt ist. Bei den grossen individuellen Verschiede!
heiten, bei den Tagesschwankungen ist vom methodologischen Stand
Punkt unbedingt die Forderung zu erheben, dass das Blutleben bc
7. August 192.1.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCI IK’lf I .
;annt ist, bevor die Einwirkung irgendeines Faktors auf das Blut-
eben untersucht werden soll (S p i e t h o f f; näheres in seiner Arbeit:
Blutbild bei den verschiedenen Formen der Hauttuberkulose. Archiv
ür Dermatologie und Syphilis, Bd. 132, Jahrg. 1921). Im vorliegenden
'all passt sich die Voruntersuchung genau dem Typus der Haupt-
mtersuchung an, die Widal angibt.
An drei aufeinanderfolgenden Tagen untersuchten wir morgens
n vollkommen nüchternen Kranken, jeden Tag zu genau derselben
.eit, ohne Milchgabe die Leukozythenzahlen im peripheren Blut. Am
ierten lag Messen wir bei gleichen Bedingungen den Widal sehen
ersuch folgen. Gezählt wurde 5 mal hintereinander im Abstand von
i 20 Minuten. An allen Tagen wurde peinlichst dieselbe Zäh I z e it
inegehalten. Am 3. und 4. Tage wurde ausserdem der Blutdruck
ach Riva-Rocci, am 4. Tage ausserdem der refraktometrische
udex im Blutserum bestimmt. Als Leukopenie nahmen wir, ent-
prechend den Angaben W i d a 1 s, ein Absinken der Leukozythcn-
/erte um 2000 und mehr an. Wir untersuchten im ganzen 15 Kranke,
ie ersten drei zeigten sichere Leberschädigungen, bei den übrigen
/ar eine solche nicht nachweisbar und auszuschliessen. Sämtliche
ueskranke waren spezifisch vollkommen unbehandelt.
Fall 1. Kranker mit Lues hepatis. Leber 2 Querfinger unterhalb des
ippenbogens deutlich palpabel. Urobilinogen: ++. WaR.: ++++. Leuko-
etenwerte an den Vorversuchstagen schwankend. Am Hauptversuchstag kein
eukowidal. Blutdruck und refraktometrischer Index ohne Besonderheiten.
Fall 2. Lues I. Primäraffekt am Präputium. WaR. H — I — h+. Kran-
er war wegen Acne vulgaris permagna lange mit hohen Arsendosen be-
jndelt und hatte einige Zeit vorher eine schwere Arsenhepatitis mit Ikterus
jrchgemacht. Urobilinogen: ++. Am 2. Voruntersuchungstag ein Absinken
er Leukozyten um 2160 bei einem Anfangswert von 8760. An den anderen
oruntersuchungstagen wie am Tage des Hauptversuchs in allen 3 Sym-
iomen unbestimmte Werte.
F a 1 1 3. Acne vulgaris permagna. Längere Zeit mit hohen Arsendosen
ahandelt. Urobilinogen:. ++. Vollkommen schwankende Werte an den
oruntersuchungstagen wie am Tage des Hauptversuches.
Diagnose
Uro¬
bilinogen
V o runtersuehungen
Hauptversuch
1. Tag
Leuko¬
zyten
2. Tag
Leuko¬
zyten
3. Tag
Leuko¬
zyten
Blut¬
druck
3. Tag
4. Tag
Leuko¬
zyten
4. Tag
Refrakt.-
Index
4. Tag
Blut¬
druck
Lues hepatis
+
7000
7950
12200
9900
10100
7500
7500
7750
5950
7250
7600
6750
7650
7200
5700
95
96
98
8 a
92
X
1
7500
7600
9 '50
9750
6300
1,34998
1,34995
1,35013
1,3: 027
1,34958
98
108
105
105
98
t£
X
' B
B
LuesIiFrühe
ikne, starke
Arsen-
aeliandlung)
+
6200
6960
6140
6440
6200
8760
6600
6860
7200
7600
7320
5360
7400
5840
6040
93
22
93
93
94
w
E
a
a
7050
6650
5250
5500
65 0
1,34962
1,34962
1,34966
1,34966
1,34958
95
96
95
94
95
w
E
a
a
8. Acne
vulgaris
+
8000
8480
7000
7800
11040
7080
7080
7720
8800
L880
8960
8t 80
9240
8200
10280
87
80
81
80
79
bfl
X
£
B
8000
8760
8160
9560
11360
1,34180
1,34847
1,34843
1,34838
1,34790
83
85
80
79
81
SB
E
a
a
Vielleicht wäre eine hämoklasische Krise noch anzunehmen, wenn
l dem Hauptversuchstag der Leukozythenabfall wesentlich grösser
: als die Schwankungen an den Voruntersuchungstagen. Es wäre dann
>n W i d a 1 nicht richtig gewesen, eine absolute Zahl anzugeben,
ie Zahl, die als Leuko-Widal anzusprechen wäre, hätte iti jedem
nzelnen Fall an den Vorversuchstagen erst ermittelt werden müs-
n. Aber auch unter diesen Gesichtspunkten haben wir in den Fällen
>n Leberschädigungen keinen Leuko-Widal feststellen können.
In den weiteren 12 Fällen untersuchten wir dann das Blutleben
■i lebergesunden Kranken unter denselben Voraussetzungen, die
ir bei den Leberkranken angewandt hatten.
Fall 4. Lues II. WaR.: ++- f+. Unbehandelt. Urobilinogen: nega-
"• Am 1. Voruntersuchungstag ein Absinken der Leukozyten um 2160 bei
iem Anfangswert von 6800, am 3. Vorvcrsuchstag eine Leukozytenabnahme
n 2200 bei 7160 Anfangswert. Am Hauptversuchstag eine „Leukopenie“
n 3560 bei einer Anfangszahl von 9980 Leukozyten.
Fall 5. Qonorrh. ant. + post. Nur lokal behandelt. Urobilinogen:
gativ. Am 1. Voruntersuchungstag bei einem Anfangswert von 11 640
ukozyten ein Absinken um 4760. Am 2. Tag bei einem Ausgangswert von
50 eine „Leukopenie“ von 2680. Am Hauptversuchstag eine Abnahme der
ukozyten um 3280 bei 8360 Anfangswert. Parallel dem Absinken der Leuko-
ten eine Blutdrucksenkung von 15 mm Hg und eine Abnahme des refrakto-
:trischen Index um 0,00041.
Fall 6. Qonorrh. ant. + post. Nur lokal behandelt. Urobilinogen:
gativ. Am 1. Voruntersuchungstag ein Leukozytensturz um 5760 bei einem
fangswert von 16 080. Am 3. Voruntersuchungstag bei einer Ausgangs-
hl von 21 000 ein Absinken um 8760 Leukozyten. Am Hauptversuchstag
r eine Blutdruckschwankung um 17 mm Hg ohne „Leuko-Widal“.
F a 1 1 7. Lues II. Unbehandelt. WaR.: ++H — K Urobilinogen: negativ.
1 1. Voruntersuchungstag fand sich ein Absinken der Leukozyten von
400_auf 7450, also um 2950. Am Hauptuntersuchungstag eine „Leukopenie“
a 6500 auf 4400, also um 2100. Bei letzterem Falle eine Verminderung des
raktometrischen Index um 0,00058, entsprechend dem Absinken der Leuko-
ten.
Fall 8. Lues I. Unbehandelt. WaR.: 4 — I — b+. Urobilinogen: nega-
.• Dieser Kranke wurde nur zweimal ohne alimentären Reiz geprüft. An
!den Untersuchungstagen ein Absinken der Leukozyten, am ersten um
-.0 bei einem Anfangswert von 10 050, am zweiten um 2650 bei einem
tangswert von 9350. Nicht parallel dem Absinken der Leukozyten ging
i 2. Tag eine Blutdruckerniedrigung um 15 mm Hg.
1085
^Ma * I 9. Lues II. Unbehandelt WaR.: H — I — 1 — K Urobilinogen: nega¬
tiv. Nur am Hauptuntersuchungstag war ein starkes Absinken der Leuko-
| zyten um 4200 bei einer Anfangsziffer von 8750 festzustellen. An den übri¬
gen lagen schwankende Werte.
Fa 1 110. Lues II. Unbehandelt. WaR.: +H — I — h Urobilinogen: nega¬
tiv. Am 2. Voruntersuchungstag Absinken der Leukozyten von 11 200 auf
7800 also um 3800.
.... I’ a G H. Strictura urethrae postgonorrhoica. Lokale Behandlung. Uro-
bilinogen: negativ. Am Hauptuntersuchungstag eine Verminderung der Leuko-
I zyten von 8320 auf 5280, also um 3040. Parallel dem Leukozytenabfall geht
; eine Verminderung des refraktometrischen Index um 0,00066.
| Fall 12 Lues II. WaR.: H — I — I — j-. Urobilinogen: negativ. Am
; 3. Voruntersuchungstag findet sich eine Verminderung der Leukozyten um
3250 bei einem Ausgangswert von 11 920.
f Miqf llandelt es sich um 2 Lues-II-Fäile, WaR. bei jedem
i« ' j o- .und uni ^ Prostatitis chronica, mit negativem Urobilinogen-
betund. sie zeigen an allen Tagen vollkommen schwankende Symptome.
Zusammenfassung: 1. Bei 3 Leberkranken fand sich keine
alimentäre „Leukopenie“. Fall 2 ergab am 2. Tage der Vorunter¬
suchung einen mässigen „Leuko-Widal“.
2 Leukozythenschwankungen über die Widal sehe Grenze
(2000) hinaus nach alimentären Reizen sind nicht von einer gestörten
Leberfunktion abhängig.
Denn wir sehen im Ablauf des Blutlebens, das unter keiner
probatorischen oder therapeutischen Reizwirkung steht, gleiche
Schwankungen, wie sie W i d a 1 auf alimentären Reiz bei lebergestör¬
ten Organismen fand.
Aus dem Krankenhaus der barmherzigen Brüder zu Straubing.
(Leiter: Dr. Al bin An ge rer, Facharzt für Chirurgie.)
Klinische Erfahrungen über die intravenöse Gonargin¬
behandlung der Gonorrhöe des Mannes.
Von Dr. Fritz Sachweh, Volontärassistent.
Angeregt durch eine Arbeit von Rhoden [l], betitielt „Klinische
Erfahrungen über die intravenöse Behandlung der offenen Schleim-
hautgonorrhöe des Weibes , welche in Nr. 31 des letzten Jahrganges
dieser Wochenschrift erschien, versehen mit einer einleitenden Be¬
merkung von Professor G a u s s - Freiburg, stellte ich mir die Auf¬
gabe, ähnliche Versuche an gonorrhoischen Männern vorzunehmen.
Einzelheiten aus dieser Arbeit anzuführen, wäre überflüssig. Nur
sei erwähnt, dass G a u s s auf Grund seiner Erfahrungen dem Go¬
nargin den Vorzug gibt. Das Endresultat der mit Gonargin behan¬
delten Fälle war folgendes: Bei 31,3 Proz. sichere, 25 Proz. wahr¬
scheinliche, 12,3 Proz. fragliche, 31,3 Proz. keine Heilung. Dieses
Ergebnis ist sicherlich ein gutes zu nennen, zumal wenn man be¬
denkt, welche Crux medicorum die Behandlung der weiblichen Go¬
norrhöe darstellt.
Es ist daher wohl begreiflich, wenn ich mich hierdurch ermutigen
Hess, die gleichen Versuche bei Männern vorzunehmen, hoffend,
dass dabei das Endresultat ein noch günstigeres sein werde. An
dieser Stelle sei besonders darauf hingewiesen, dass ich obige Arbeit
lediglich als Anregung benutzt habe, dass es mir jedoch fernliegt,
irgendwelche Kritik an deren Ausführungen üben zu wollen.
Es kamen in der Zeit von August 1922 bis März 1923 im ganzen
15 Fälle zur Behandlung, und zwar neben solchen mit einfacher Ure-
thralgonorrhöe eine Reihe von Formen, die mit Arthritis, Epididy-
mitis, Prostatitis und Ergriffensein der Posterior kompliziert waren;
neben frischen Fällen solche, die schon früher anderweitig in Be¬
handlung gewesen und nur unvollkommen geheilt entlassen worden
waren.
Bei der Behandlung dieser Fälle wurde zunächst genau das in
obiger Arbeit angegebene Behandlungsschema innegehalten. Es
wurde mit einer Injektion von 5 Mill. Keimen begonnen, die an jedem
2. bis 3. Tag (Gauss empfiehlt 3. bis 4.) um weitere 5 Mill. Keime
erhöht wurde. Ich muss bemerken, dass ich während der Zeit meiner
Versuche keine andere Literatur eingesehen habe, um von anderer
Seite möglichst unbeeinflusst zu bleiben. Später bin Ich von selbst
dazu übergegangen, grössere Dosen, manchmal bis zu 200 Mill.
Keimen, anzuwenden. Als ich dann, nachdem meine Versuche abge¬
schlossen waren, die Veröffentlichungen anderer Autoren zum Ver¬
gleich herbeizog, konnte ich feststellen, dass manche von ihnen eine
weit höhere Keimzahl, ja bis zu 350 und mehr Millionen, pro Injek¬
tion empfahlen.
Anfänglich hatte es den Anschein, als ob die intravenösen In¬
jektionen tatsächlich den gewünschten Erfolg bringen sollten. Bei
einigen Kranken, auch solchen, bei denen im Anfang reichlich eitriger
Ausfluss vorhanden war, liess die Sekretion bereits nach wenigen
Injektionen merklich nach, die Gonokokken zeigten im mikroskopi¬
schen Präparat, das in der Regel wöchentlich 2 mal angefertigt
wurde, eine merkliche Abnahme. Wenige Tage später aber stellte
sich wieder vermehrte Sekretion ein, und die Gonokokken wurden
ebenfalls zahlreicher, obwohl die Kranken durchweg zu strikter Bett¬
ruhe angehalten wurden.
Diese Wahrnehmung machte ich in erster Linie, d. h. ausschliess¬
lich, an solchen Kranken, bei denen reine Urethralgonorrhöe vorlag,
ohne irgendwelche Komplikationen von seiten der Posterior, der
Prostata oder der Epididymis. Dieser Umstand brachte mich sehr
bald auf den Gedanken, dass die ausschliessliche Behandlung mit
3-
1086
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33.
Gonargin in solchen Fällen unzureichend sei, daher ich denn auch
nicht lange zögerte, neben der spezifischen Behandlung lokal wir¬
kende Mittel, wie Protargol, Spülungen mit Oxyzyanat oder Cal.
permang., anzuwenden, denn schliesslich handelte es sich nicht^ in
erster Linie darum, die Wirksamkeit des üonargins in all ihren Ein¬
zelheiten zu beobachten und zu ergründen; vielmehr stand im Vor¬
dergrund das Interesse an der möglichst raschen Wiederherstellung
der Arbeitsfähigkeit der betreffenden Kranken.
Dennoch kann ich auf Grund meiner Erfahrungen nicht behaup¬
ten, dass die Vakzinotherapie bei der Behandlung der offenen Ure¬
thralgonorrhöe vollkommen wirkungslos ist, wie z. B. Hagen L2J
getan hat. Vielmehr möchte ich sagen, dass die Gonargintherapie
sehr wohl imstande ist, einen günstigen Einfluss auf den Verlauf der
Erkrankungen auszuüben. So traten z. B. bei allen denjenigen Fäl¬
len, die gleich zu Anfang energisch auch mit Gonargin behandelt
wurden, niemals Komplikationen auf, während in der Zeit, als wir die
intravenöse Gonargintherapie noch nicht anwandten, Komplikationen
durchaus nicht selten waren.
Üb jedoch in jedem Fall Komplikationen vermieden werden, lässt
sich vorläufig nicht endgültig entscheiden, zumal das mir zur Ver¬
fügung stehende Material, es handelt sich um 1U derartige Fälle, nicht
reichhaltig genug ist, um eine solche nicht unwichtige Frage voll
und ganz zu beantworten. Ich werde jedoch weiterhin mein Augen¬
merk darauf richten.
Während nun die Gonargintherapie bei unkomplizierten Fallen
einen kaum merklichen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung aus¬
übte, abgesehen eben davon, dass Komplikationen nie^ beobachtet
wurden, war die Wirksamkeit in solchen Fällen, die mit Epididymitis,
Prostatitis usw. von vornherein kompliziert \yaren, bedeutend
günstiger.
So konnte' ich beobachten, dass Schwellung Schmerzhaftig¬
keit der Prostata bzw. des Nebenbodens, in einigen Fällen schon
nach wenigen Injektionen verschwunden waren; auch liess der an¬
fangs heftige Ausfluss in einigen Fällen nach, ohne jedoch immer
ohne Lokalbehandlung gänzlich zu verschwinden. Es lag daher nahe,
anzunehmen, dass das Mittel einen erfolgreichen Einfluss auszuüben
vermag in solchen Fällen, in denen es sich auf einer breiteren An¬
griffsbasis auswirken kann. Eine Ansicht, die durch die Auffassung
verschiedener Autoren bestätigt wird.
ln einem Falle (Fall 3), es handelt sich um eine frische, aber erst spät
in die Behandlung 'kommende Erkrankung, trat nach einigen Tagen eine
Posterior und Prostatitis auf. doch wurde Kranker anfänglich mit Gono-
Yatren behandelt, das in diesem Falle keinen günstigen Einfluss ausübte.
Diese Behandlung wurde unterbrochen und Kranker bekam Gonargin intra¬
venös, worauf bald eine merkliche Besserung der entzündlichen Verände¬
rungen eintrat.
Ebenso spricht der Verlauf der übrigen am Schluss der Arbeit
angeführten Fälle dafür, dass die intravenöse Gonargintherapie bei
der Behandlung der komplizierten Fälle eine wertvolle Unterstützung
darstellt.
Bruck und Sommer [3] begründen die bessere Wirksamkeit
des Gonargins in komplizierten Fällen wissenschaftlich damit, dass
das Antigen eine breitere Angriffsfläche an spez. Rezeptoren findet.
So konnte ich 2 Fälle beobachten, in denen gleichzeitig mit dem Ab¬
klingen der entzündlichen Erscheinungen innerhalb der Prostata eine merk¬
liche Beserung in der Urethra Hand in Hand ging. Und zwar wurde einer
von diesen beiden Kranken nur mit Gonargin behandelt, während bei dem
anderen später infolge beginnender Striktur eine Lokalbehandlung angezeigt
erschien.
ln einem 3. Falle (Fall 1) handelte es sich um einen Kranken, der be¬
reits 1917 im Felde an Gonorrhöe erkrankte und mehrfach in ärztlicher Be¬
handlung war. Anfang September erneuter Ausfluss und Nebenhoden¬
anschwellung mit starker Schmerzhaftigkeit. Er kam einige Tage nach Auf¬
treten dieser Erscheinungen in die Behandlung, bekam nur Gonargin intra¬
venös, ohne gleichzeitige Lokalbehandlung. Nach 4 Injektionen (10 Mill.
Keime, 20 Mill., 30 Mill., 40 Mill. Keime) waren Schwellung und Schmerz¬
haftigkeit des erkrankten Nebenhodens bereits zurückgegangen. Es bestand
jedoch noch reichlich gonokokkenhaltiger Ausfluss, so dass jetzt Lokalbehand¬
lung angeschlossen wurde. Konnte nach 4 Wochen als geheilt entlassen
werden. 6 Präparate waren völlig frei von Gonokokken.
Was nun die Dosierung des Gonargins angeht, so habe ich
bereits im Anfang erwähnt, dass ich zunächst in der von Rhoden
bzw. G a u s s angegebenen Weise vorging, später jedoch zu weit
grösseren Dosen griff. Während Rhoden angeblich nur selten über
20 Mill. Keime pro Einzeldosis hinausging und im ganzen nie mehr
als 320 Mill. Keime injizierte, bin ich in den meisten Fällen sehr bald
zur Einzeldosis von 50 Mill. bis 100 Mill. Keimen übergegangen, so
dass einige Kranke im Laufe der Behandlung unter Umständen bis
zu 400 Mill. Keime und mehr appliziert bekamen.
Schwere Nebenerscheinungen wurden bei dieser Art der Dosie¬
rung kaum jemals beobachtet; nur bei einem Kranken traten bei In¬
jektion höherer Dosen starkes Herzklopfen und Schwindelgefühl auf.
Es war dies der einzige Fall, bei dem die Gonargintherapie eine
Zeitlang unterbrochen werden musste. Höhere Temperaturen als
38 Grad wurden nur einmal beobachtet, nur klagten fast alle Kranke
etwa 2—3 Stunden nach der Injektion zuweilen über heftigen Schüt¬
telfrost, der manchmal eine Stunde lang anhielt, wonach dann häufig
ein heftiger Schweissausbruch erfolgte. Kranke, die anfänglich einige
intramuskuläre Injektionen mit entsprechend höherer Keimzahl er¬
halten hatten, reagierten nur wenig auf die folgenden intravenösen
Injektionen; auch habe ich verschiedene Kranke in dieser Weise am¬
bulant behandelt, ohne dass dabei jemals bedenkliche Erscheinungen
irgendwelcher Art beobachtet worden wären. Es kann also meines -
Erachtens die intravenöse Therapie ohne grosse Bedenken ambulant |
vorgenommen werden, zumal wenn man etwa 2 — 3 intramuskuläre !
Injektionen voraufgehen lässt, vorausgesetzt, dass es sich nicht um
herzschwache oder hinfällige Personen handelt.
Da bei allen Fällen von unkomplizierter Gonorrhöe neben der
Vakzinetherapie auch Lokalbehandlung angewandt wurde, wäre es i
nicht angebracht, eine Uebcrsicht über den Verlauf dieser Art von t
Fällen beizufügen, zumal da niemals eine Abkürzung der Behänd- i
lungsdauer bewirkt und auch sonst der Verlauf der Erkrankungen J
kaum beeinflusst wurde, abgesehen von der Beobachtung, dass bei i
den mit Gonargin behandelten Kranken (es handelt sich um 10 Fälle) {j
niemals irgendwelche Komplikationen auftraten, wovon bereits oben f
einmal die Rede war. Im Gegensatz dazu steht die früher gemachte I
Beobachtung, dass häufig Komplikationen auftraten, wenn die frische \
Gonorrhöe lediglich einer Lokalbehandlung unterzogen wurde.
Ich will mich deshalb darauf beschränken, nur solche Fälle an-
zuführen, bei denen ein sichtbarer Erfolg der Gonargintherapie zu 1
verzeichnen war.
Fall 1. LandWirtsch. Arbeiter L., 24 Jahre alt, ledig. 1. gonorrh. In¬
fektion 1917 während des Feldzuges. Seit einigen Tagen erneuter eitriger
Ausfluss und Epididymitis links. 4. IX. 1922. Mikr. Befund: Gonokokken in
jedem Gesichtsfeld, teils vereinzelt, teils in Häufchen, extra- und intrazellulär, i
Gonargin intravenös. Anfangsdosis 10 Mill. Keime. Keine Lokalbehandlung. 4
Die Einzeldosen wurden jeden 2.- — 3. Tag um weitere 10 Mill. erhöht. I
15. IX. 1922. Erhielt bis jetzt 100 Mill. Keime, Nebenhodenschwellung zurück¬
gegangen, nicht mehr druckschmerzhaft, gonokokkenhaltiger Ausfluss besteht
fort; daher auch Lokalbehandlung. 7. X. 1922. Kein Ausfluss mehr. Nach»
energischer Provokation wenig schleimiges Sekret. 6 mikroskopische Prä-
parate frei von Gonokokken. Wird geheilt entlassen.
Fall 2. Landwirtssohn S., 28 Jahre alt„ verh. Gon. Infektion am
1. I. 1923. Ausfluss 3 Tage später. Brennen in der Harnröhre. War in
ärztlicher Behandlung, erhielt Protargol. Seit 8 Tagen Schmerzen bei Stuhi-
entleerung; wurde vom Arzt ins Krankenhaus geschickt. Befund: Reichlicher,
dickrahmiger, eitriger Ausfluss. Starke, derbe, druckempfindliche Prostata- (3
Schwellung. 26. I. 1923. Mikr. Befund: Massenhaft Gonokokken, Einzelformen
und Häufchen, extra- und intrazellulär. Reine Gonargintherapie wie oben, t*
9. II. 1923. Prostata abgeschwollen, kein Druckschmerz mehr, geringer Aus-#
fluss. Mikr. Befund: Spärliche Degenerationsformen in einigen Gesichts-!
feldern. 17. II. 1923. Erhielt insgesamt 250 Mill. Keime. Kein Ausfluss mehr. %
Nach energischer Provokation spärliches Sekret. Mikr. Befund: 6 Präparatei
frei von Gonokokken. Geheilt entlassen.
Fall 3. Kanalarbeiter M., 30 Jahre alt, ledig. Gon. Inf. angeblich vor’
3 Wochen. 10 Tage später Ausfluss, Brennen in der Harnröhre, kommt heute g
ins Krankenhaus. 21. I. 1923« Mikr. Befund: Massenhaft Gonokokken, einzeln
und in Häufchen in jedem Gesichtsfeld, extra- und intrazellulär. Bekommt ,
zunächst Geno-Yatren intravenös. 3. II. 1923. Seit einigen Tagen Schmerzen:
bei Stuhlentleerung und brennender Schmerz hinter der Symphyse. Rektale^
Utersuchung ergibt starke, derbe, druckempfindliche Schwellung der Prostata. "
8. II. 1923. Keine Besserung, ab heute Gonargin intrav., beginnend mit
20 Mill. Keimen, jeweils steigend um 10 Mill. 18. III. 1923. Prostatitis
abgeheilt, Ausfluss geringer. Da der Gonarginvorrat verbraucht, und die ,
neubestellte Sendung noch nicht eingetroffen ist, Behandlung der Posterior j
mit Arg. nitric.-Einträufelungen in I proz. Lösung. 6. III. 1923. Wiederauf- 1
nähme der Gonargintherapie unter Beibehaltung der Arg. nitric.-Einträufe-l
lungen. 12. III. 1923. Mikr. Befund: Spärliche Einzelformen. 17. III. 1923.|
Kein Ausfluss mehr, trotz mehrfacher energischer chemischer Provokation#
und wiederholter Prostatamassage. Mikroskopische Untersuchung infolge*
Fehlens des erforderlichen Sekrets daher unmöglich. Geheilt entlassen.
Fall 4. Arbeiter H., 22 Jahre alt. ledig. Gon. Inf. im Juni 1922. Wurde«
unvollkommen geheilt, auf eigenes Drängen in ambulatorische Behandlung!
entlassen, erschien jedoch nicht. 4 Wochen später stellte er sich wiedefii
ein mit Epididymitis links. Kein Ausfluss. Schwellung des linken Neben- (
hodens, die auf feuchte Umschläge nach einigen Tagen zurückgeht; wird-
entlassen. S. VIII. 1922. Schwellung und Druckempfindlichkeit des linken!
Nebenhodens. Bekommt jetzt ambulatorisch üonargin zunächst intramuskulär, .
dann nach 3 Injektionen intravenös, was ohne nennenswerte Nebenerschei-I
nungen gut vertragen wird. Suspensorium. Nach der 1. intravenösen Injek- «.
tion gonokokkenhaltiger Ausfluss, Klagen über Schmerzen bei Stuhlentlcerui g.
Rektale Untersuchung ergibt derbe Schwellung und Druckschmerzhaftigkeit ,
der Prostata. 20. VIII. 1922. Mikr. Befund: Keine Gonokokken mehr, j
Schmerzhaftigkeit und Schwellung der Prostata und des Nebenhodens sind
zurückgegangen. Bleibt der Weiterbehandlung fern. 21. XL 1922. Abermals!
Schmerzhaftigkeit und Schwellung des linken Nebenhodens, jedoch nicht be-<
deutend. Schmerzen in der Harnröhre beim Urinieren. Krankenhausaufnahme, j
Auf Provokation mit Arg. nitric. Ausfluss. Mikr. Befund: Massenhaft Gono-t
kokken in Rasen angeordnet. Gonargin intravenös. Erhielt bis zum
10. XII. 1922 insgesamt 400 Mill. Keime. Nach den ersten 3 Injektionen
leichter Schüttelfrost, der später nicht mehr auftrat. 15. XII. 1922. Kein Aus- j
fluss mehr. Provokation. 16. XII. 1922. Schleimiger Ausfluss. Mikr. Befund:;
Von 10 Präparaten sind 7 frei von Gonokokken, 3 erscheinen verdächtig; esl
zeigen sich stellenweise zusammengeballte, formveränderte Kokken, die ab .
Gonokokken nicht deutlich erkennbar sind. Wird als gebessert entlassen, j
20. III. 1923. Blieb bisher rezidivfrei.
F a 1 1 5. Viehhändler H., 28 Jahre alt, verh. Aufnahme am 19. VIII. 1922
Diagnose: Arthritis gon. des linken Handgelenkes. 19. VIII. 1922. Gon. Inf
vor 2 Monaten, war einige Wochen in ärztlicher Behandlung. Seit 14 Tager i
Schmerzhaftigkeit, Schwellung und zunehmende Bewegungsbehinderung de.1 ;
linken Handgelenkes. Wurde vom behandelnden Arzt mit Jodtinktur be- :
pinselt! Da Verschlimmerung eintrat, begab sich Kranker heute in Kranken .
liausbehandlung. Befund: Linkes Handgelenk aktiv so gut wie unbeweglich
geringe passive Bewegung äusserst schmerzhaft, Konturen verwaschen, er
liebliche Schwellung des Gelenkes, kein Fieber. Eitriger, gonokokkenhaltigei
Ausfluss. Behandlung: Bettruhe, Ruhigstellung, B i e r sehe Stauung, Go¬
nargin intravenös in der gebräuchlichen Dosierung. 2 Stunden nach der In¬
jektion heftiger Schüttelfrost, Temperatur 40°, geht nach weiteren 2 Stunder ,
zurück. Alle späteren Injektionen wurden gut vertragen. 5. IX. 1922. Bes¬
serung. Ausfluss geringer, Abnahme der Kokken, Schmerzhaftigkeit um ■
Schwellung des Gelenkes vermindert. 20. IX. 1922. Kein Ausfluss. Hand
7. August 192.1.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1087
tlenk wird allmählich beweglich, wenn auch bei forcierter passiver Be-
egung noch geringe Schmerzen geklagt werden. Vorsichtige Massage und
lewegungsübungen, Heissluftbehandlung. 13. X. 1922. Schwellung und
chmerzhaftigkeit völlig verschwunden. Sämtliche Bewegungen nur noch
twa uni die Hüllte eingeschränkt. Mikr. Befund: Keine Gonokokken mehr
achweisbar. Geheilt entlassen.
Zusammenfassung. 1. Die intravenöse Qonargintherapie
Hein hat auf akute, reine gorforrh. Urethralerkrankungen keinen
usscrlicli erkennbaren Einfluss; auch wird die Behandlungsdaucr
urch sie nicht abgekürzt. Die Frage, ob durch intravenöse Qonar-
indarrcichung Komplikationen verhütet werden, muss vorläufig
nentscliieden bleiben. Bei akuten Prozessen sollte sic stets mit
okalbehandlung kombiniert werden.
2. Der Einfluss der intravenösen Qonargintherapie auf gonorrh.
Komplikationen, wie Arthritis, Prostatitis, Epididymitis und Erkran-
ungen der Posterior, ist ein äusserst günstiger. In solchen Fällen
eniigt oft die reine Vakzinotherapie. Dabei pflegen die entzündlicnen
irscheinungen in der Regel bereits nach wenigen Injektionen abzu-
lingen. Besteht gleichzeitig gonokokkenhaltiger Harnröhrenausfluss,
o empfiehlt es sich, eine kombinierte Behandlung anzuwenden.
3. Bei der intravenösen Darreichung des Qonargins sollte mög-
chst grossen Dosen der Vorzug gegeben werden. Anfangsdosis
—10 Mill. Keime, dann möglichst rasch steigend um weitere 5 — 10
tili. bis zu 100 — 200 Mill. Keime pro dosi.
4. Nebenerscheinungen, wie Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmer-
en. Schwindelgefühl, Herzklopfen, werden zuweilen bei Darreichung
rössercr Dosen beobachtet, doch gehen sie meist rasch zurück und
interlassen keinerlei nachteilige Folgen für den Kranken. Bei herz¬
ranken upd hinfälligen Kranken ist eine vorsichtige Dosierung
atsam.
5. Auch in der ambulanten Behandlung lässt sich die intravenöse
ionargintherapie durchführen, zumal wenn man einige intramusku-
ire Injektionen von entsprechend höherer Keimzahl (50 — 100 — 150
lill. Keime) vorausgeschickt hat.
6. Das Qonargin ist m.E. ein Mittel, auf dessen Anwendung bei
er Behandlung der Gonorrhöe, zumal in komplizierten Fällen, nicht
erzichtet werden sollte.
Zum Schluss danke ich ergebenst der Firma Merck für die
ebenswürdige Zusendung der einschlägigen Literatur.
Literatur.
1. v. Rhoden: M.m.W. 1922 Nr. 31. — 2. Hagen: Med. Klin. 1912
r. 7. — 3. Bruck und Sommer: M.m.W. 1913 Nr. 32.
leber Heilwirkung von Schlangenserum bei Skorpionstich.
Von Dr. Emil Wiener.
In Nr. 22 dieser Wochenschrift berichten R. Kraus und R o c h a
I o t e 1 h o über Antiskorpionserum. Es gelang diesen beiden For-
chern, im Institute Butantan in Sao Paolo antigene Eigenschaften
n Skorpionserum nachzuweisen und antitoxisches Serum von Pfer-
en zu gewinnen.
Sie dehnten hierauf ihre Versuche auf Schlangenserum aus und
rüften die Angaben Mauranos1) über Neutralisation des Skor-
iongiftes durch Schlangenserum nach. Diese und auch die Versuche
on Vital Brazil waren jedoch nicht ganz eindeutig; immerhin
elang der Nachweis, dass 1 ccm Antibothrop- und Antikrotalusserum
wohl nicht imstande war, die Vergiftungserscheinungen vollständig
ufzuheben, aber einen evidenten Einfluss auf den Verlauf derselben
atten, so dass sie sogar den Tod verhüten konnten“. Das erstere
erum hatten nach Maurano einen schwach antitoxischen Wert
egenüber dem Schlangengift.
Kraus und Botel ho versuchten nun, sowohl Schlangengift
nt Antiskorpionserum, als auch umgekehrt Skorpiongift mit Anti-
chlangenserum zu neutralisieren. Versuchstiere waren Tauben. Vor¬
ersuche bestätigten die Annahme von früheren Arbeiten von B r a -
il, Maurano, Calmette, Metschnikoff1), dass das spe¬
ifische gleichartige Serum das entsprechende Gift sofort zu neutra-
sieren vermag, dass also Skorpionserum Skorpiongift, Schlangen-
erum Schlangengift sofort unschädlich machen kann.
Bei weiteren Versuchen zeigte es sich, dass, wie bereits be-
lerkt, diese sofortige Neutralisation nicht gelang, wenn Schlangen-
mim mit Skorpiongift und Skorpionserum mit Schlangengift ver-
etzt wurde.
Es gelang dagegen die Neutralisation in allen
ällen, wenn die Mischungen 1 Stunde bei 32 “stehen
lieben, woraus die Verfasser schliessen, „dass im Schlau-
enserum, welches gegenüber dem Schlangengift
ine maximale Avidität besitzt, Nebenantitoxine
orkommen, die mit einer viel geringeren Avidität
usgestattet sind und den einst iindigen Kontakt
rauche n“.
Ein am Menschen beobachteter Fall dürfte einen weiteren Beitrag
u dieser Frage bieten: Zum Schieben der Trojlics auf kleinen De-
auville-Eisenbahnen im Pilgerlager der Quarantänestation Tor am
’oten Meer waren stets eine Anzahl eingeborener Araber angestellt;
*) Zit. nach Kraus und B o t e 1 h o; die Originalliteratur war mir nicht
ugänglich.
diese verrichteten ihren Dienst immer barfuss. Das Lager liegt am
Rande der Wüste El Quäa, zwischen dieser und dem Meer, und ist
das Vorkommen einer Skorpionart, welche bis zu 10 cm gross ist,
nicht selten.
Gelegentlich einer Fahrt — im Januar 1914 — schrie einer der
bei den Trollics Beschäftigten plötzlich auf, griff sich an den Fuss,
machte heftige Schmerzäusserungen, wollte noch weitergehen, was
ihm aber nach wenigen Schritten unmöglich war. Er wurde im
Gesicht blaurot, der Atem wurde kurz, er sank auf die Erde, und in
den nächsten Minuten stellten sich eine Reihe gefahrdrohender Sym¬
ptome ein, die Zyanose vertiefte sich, die Atmung wurde frequent
und oberflächlich, der Puls rasch und weich, es traten mehrfach hefti¬
ges Erbrechen und Muskelkrämpfc auf. So fand ich wenige Minuten
später den Kranken, welcher mittlerweile vor die Apotheke gebracht
worden war. Bemerkt muss werden, dass der Skorpion, welcher die
Verletzung verursachte, von dem Kameraden des Betroffenen in dem
Moment getötet wurde, als er sich eben in den Sand graben wollte.
Antiskorpionserum war in der Apotheke keines vorhanden, hin¬
gegen ein zwei Jahre altes, aus dem Londoner
Listerinstitut stammendes Antischlangengift¬
serum. Es war eine 5 ccm -Ampulle. Das Serum war wasserklar.
Mittlerweile verstärkten sich die Muskelkrämpfe. Es trat leich¬
ter Opisthotonus hinzu, die Würgbewegungen blieben unvermindert
heftig, das Sensorium leicht benommen.
Ich injizierte mit einer rasch mittels Aether desinfizierten Re¬
kordspritze ungefähr 20 — 25 Minuten nach erfolgter Infektion 3 ccm
von dem Schlangenserum in den linken Oberschenkel intramuskulär
und massierte die Stelle kurze Zeit, um die Resorption zu befördern.
Es stellte sich binnen wenigen Minuten ein voller Erfolg ein. Die
Brechbewegungen und Krämpfe Hessen nach, nach einigen weiteren
Minuten wurde die Atmung fast regelmässig, die Pulsfrequenz sank,
die Radialis war fast normal gespannt, der Kranke begann stark zu
schwitzen, gab mit schwacher Stimme auf Fragen entsprechende
Antworten und klagte nur noch über Kopfschmerz und Schmerzen
an der Stichstelle. Am Abend war er fast normal.
Es war dies demnach ein voller Heilerfolg mittels
Schlangenserum bei einem Skorpionstich. Zusam-
mengehalten mit den Versuchen von Kraus und B o t e 1 h o, er¬
geben sich Abweichungen von den Laboratoriumsergebnissen. Der
Heilerfolg war derart sinnfällig, dass es schwer fällt, anzunehmen,
dass das Schlangenserum, welches, vom Lister¬
institut als solches bezeichnet, polyvalent auch
gegen Skorpion gift vorbereitet war.
Man muss daher annehmen, dass dieses Schlangenserum im
menschlicher Körper auch gegen das Skorpiongift hochgradig wir¬
kende antitoxische Eigenschaften besass, dass es in gewissem Sinne
polyvalent war, oder dass sehr hochwertige Nebenantitoxine vor¬
handen waren, welche noch die Fähigkeit hatten, das im menschlichen
Körper zirkulierende Gift nach ungefähr 20 — 25 Minuten zu neutrali¬
sieren. Bemerkenswert ist aber auch die ungewöhnlich lange Wir¬
kungsdauer des Serums, da in der Literatur kaum ein Fall Vorkom¬
men dürfte, dass eine solche durch 2 Jahre bestand.
Es geht aus diesem Fall auch die schon oft hervorgehobene
Tatsache hervor, dass Laboratoriumsexperimente nicht ohne weiteres
auf den Menschen, überhaupt auf den lebenden, funktionierenden
Organismus übertragen werden können, obwohl sie als Laborato¬
riumsversuche ihren uneingeschränkten Wert haben können.
Aus dem biologischen Institut zu Frankfurt a. M.
Mitteilungen über Tonophosphan.
Von Prof. F. Blum.
Die Kriegs- und Notjahre mit ihrer ausserordentlichen Verschl :ch-
terung der Volksernährung haben mancherlei Krankheitsbilder ge¬
bracht, die ehedem nahezu unbekannt waren, und haben bekannte
Ernährungsstörungen in breite, früher fast ganz verschont gebliebene
Volksschichten getragen.
Unter den Bekämpfungsmitteln hat sich sehr bald als eines der
wirksamsten der halb vergessene gelbe Phosphor erwiesen. Man
hatte ihn ehedem verlassen wegen der mit seinem ungewissen Re¬
sorptionsfaktor verbundenen Gefahr einer Ueberdosierung und Ver¬
giftung. So lag auf der einen Seite in der anerkannten Heilkraft des
Phosphors, auf der anderen in seiner Toxizität genügend Lockendes,
um einen Umbau und Ausbau der Phosphortherapie zu versuchen.
An den beiden Enden des Weges, der gegangen werden musste,
standen hüben der elementare Phosphor und drüben das Endprodukt
des Phosphorstoffwechsels, die Phosphorsäure. Zum Studium des
dazwischenliegenden Gebietes habe ich mich mit der pharmazeu¬
tischen Abteilung der Cassella-Werke zusammengetan. Ihnen und
ihrem wissenschaftlichen Leiter, Herrn Dr. B e n d a, verdanke ich,
dass unsere Bemühungen zu einem chemischen Darstellungserfolg
geführt haben.
Zunächst lag es nahe in Analogie zu der im Vergleich zur Arsen¬
säure recht ungiftigen Kakodylsäure organische aliphatische Phos¬
phorverbindungen hcrzustellcn. Diese Substanzen verhalten sich aber
chemisch den As-Körpern gegenüber so wesentlich anders, dass sie
als ungeeignet bezeichnet werden konnten.
1088
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33.
Sicher erschien mir, dass ein Teil der P-Valenzen oxydiert sein
musste, um ein genügend ungiftiges Präparat zu gewinnen. Zu er¬
wägen aber war, ob der 3- oder 5 wertige Phosphor als Qrundsub-
stanz zu dienen habe und ob ein oder zwei Valenzen organisch zu
substituieren seien. Ich habe Repräsentanten solcher Gruppen ge¬
prüft; als aussichtsreichste Klasse ergaben sich Verbindungen, die
sich vom 3-wertigen Phosphor herleiteten, 2 Valenzen durch OH-
Gruppen besetzt enthielten und mit der dritten an einen organischen
Ring gebunden waren — also phosphinige Säuren mit Besetzung des
nichtoxydierten P-Armes durch jenen Ring. Auch hier waren manche
Variationen möglich. Die vergleichende Prüfung hat substituierte
Verbindungen der Grundformel amidophenylphosphinige Säure als
die geeignetsten Körper ergeben und unter diesen hinwiederum die
dimethylamidomethylphenylphosphinige Säure resp. deren Salz.
Diese Substanz wurde mit dem Namen „Tonophosphan“ bezeichnet.
Selbst in sehr grossen Dosen ist Tonophosphan ungiftig. Ich
habe Kaninchen 0,5 g pro Kilo Körpergewicht intravenös eingespritzt,
ohne irgendeine Störung des Wohlbefindens. Von Kochsalz wirken
solche Dosen schon ausserordentlich deletär. Bei den vielen Er¬
probungen im Laufe der letzten Jahre an Hunden, Katzen und Ka¬
ninchen ist nie ein Tier durch die intravenöse oder subkutane In¬
jektion von recht erheblichen Mengen von Tonophosphan einge¬
gangen; es trat auch weder eine Nierenreizung, noch eine nennens¬
werte Erhebung des Blutzuckers auf. Aber nicht nur die einmalige
Verabfolgung, sondern auch lange durchgeführte Einspritzungen
haben Vergiftungen nie im Gefolge gehabt. Im biologischen Institut
befand sich bis vor kurzem ein Hund, der während mehr als zwei
Jahren täglich mit dem Zwanzigfachen der bei Menschen gebräuch¬
lichen Dosis ohne irgendeine Schädigung gespritzt wurde. Der Urin
blieb frei von pathologischen Bestandteilen; das Blut zeigte stets
normale Verhältnisse. Als das Tier nach dieser langen Behandlungs- I
zeit durch Entbluten getötet wurde, ergab die Sektion bis auf später
zu besprechende Knochendeformitäten völlig normalen Befund.
Nachdem ich von der Unschädlichkeit des Tonophosphans über¬
zeugt sein konnte, rechtfertigten sich auch therapeutische Versuche.
Die Richtung der ersten Erprobung war gegeben durch den Ge¬
dankengang, der zur Darstellung des Tonosphosphans geführt hatte.
Ich verschaffte mir zunächst rachitische Hunde und behandelte die¬
selben mit unserem neuen Mittel. Der Erfolg war durchaus zufrieden¬
stellend. Gerade jenes Tier, das so lange mit Tonophosphan gespritzt
wurde, wurde von uns in jammervollem Zustand mit verkrümmten
Gliedern aufgenommen. Laufen konnte es fast nicht; rutschend be¬
wegte es sich fort. Die Erholung blieb aus, solange das Tier noch
kein Tonophosphan bekam, setzte aber nach Beginn der Kur bei
sonst unveränderten Verhältnissen sofort und energisch ein. Bald
wurde es munter, lernte laufen, und auch die Beschaffenheit seines
Skelettsystems hat sich gebessert. Immerhin handelte es sich um
einen zu schweren und zu alten Fall, als dass eine Restitutio ad in¬
tegrum am Knochengerüst noch möglich gewesen wäre.
Krankengeschichte: Geburtsort Wasenbach bei Limburg a. d. Lahn.
Vater: deutscher Schäferhund; Mutter: Wolfshund; beide 60 — 70 cm hoch.
1918 Wurf von 4 Jungen; 2 sind grosse Wolfshunde geworden, 2 klein ge¬
blieben mit verkrümmten Beinen. Der eine wurde erschossen; das Ver¬
suchstier — damals 2 Jahre alt — wurde am 26. IX. 20 im Korb ins Institut
gebracht.
Befund: Die Extremitätenknochen zeigen Verkrümmung und an den Ge¬
lenkenden erhebliche Auftreibungen. An den Rippen besteht Rosenkranz¬
bildung. Alle Zähne sind vorhanden; die oberen mittleren stehen unregel¬
mässig. Einige Zähne sind grau verfärbt. Das Tier kann kaum 10 Schritte
laufen, dann legt es sich auf den Bauch und rutscht nach seinem Ziel.
Fresslust vorhanden. Gewicht: 17 Pfd. 400 g. Ernährung mit eiweissreichen
Abfällen, Brot und Kartoffeln. Eine Röntgenaufnahme am 16. X. 20 zeigt
die Knochenstruktur lichter als normal. In den beiden ersten Monaten der
Pflegezeit fällt auf, dass das Tier sich öfters eigentümlich geistesabwesend
benimmt. Nach diesen 2 Monaten bei unverändertem Gewicht und Zustand
wird mit den Injektionen von Tonophosphan — anfänglich 0,3 g pro die,
später 0,15 g — begonnen. Schon nach 14 Tagen ist das Tier sehr viel leb¬
hafter, welchem Umstand es wohl auch zuzuschreiben ist, dass das Gewicht
trotz gleicher Ernährung zunächst absinkt bis 15 Pfd. 390 g (18. XII. 20),
um von da an beständig zuzunehmen bis zum Höchstgewicht von 23 Pfd.
(4. III. 22). 24. IV. 21: Besserung sehr erheblich. Psychische Störungen
wurden nicht mehr bemerkt. Läuft lebhaft herum. Rosenkranz zwar noch
fühlbar, aber geringer. 6. V. 21: Läuft ohne Unterbrechung 2/4 km auf ebener
Strasse. Das am 1. VII. 21 aufgenommene Bild zeigt das Tier in seiner
besten Verfassung. Am 10. I. 23 wird es bei guter Gesundheit zwecks genauer
Besichtigung getötet. Befund s. o.
Von veterinärärztlicher Seite hat man mir berichtet, dass bei
jungen rachitischen Tieren das Tonophosphan völlige Heilung zu
bringen vermöge.
Dass eine Hebung der Widerstandskraft gegenüber Infektionen
durch Tonophosphan stattfinden kann, dafür haben sich im Tier¬
experiment deutliche Hinweise ergeben.
Versuch: Weisse Mäuse — 2 X 16 — wurden die einen mit Ringer¬
lösung (1 ccm), die anderen mit Tonophosphan in Ringerlösung (0,01: 1,0)
täglich 8 Tage hindurch zwecks Vorbehandlung gespritzt. Nach weiteren
10 Tagen wurden sie von Herrn Prof. Braun1) mit einer eingestellten Auf¬
schwemmung von Schweinerotlaufbazillen geimpft. Gemäss den Feststellungen
des Hygienischen Instituts mussten bei der verwendeten Kultur die Mäuse
innerhalb von 4 Tagen erliegen. Von den nur mit Ringerlösung vorbehandel¬
ten Mäusen (Durchschnittsgewicht 16,9 g) starben 1 am 2., 14 am 3. und
*) Herrn Prof. Braun und Herrn Prof. C a s p a r i bin ich für die
Unterstützung meiner Arbeit zu besonderem Danke verpflichtet.
1 am 4. Tage; von den mit Tonophosphan vorbehandelten Mäusen (Durch¬
schnittsgewicht 17,1 g) starben 8 am 4. Tage, 6 am 5. Tage und 2 am 6. Tage. \
Einige Versuche wurden auf der Abteilung für Krebsforschung
des staatlichen Instituts für experimentelle Therapie durch Herrn
Professor Caspari ausgeführt. Derselbe berichtet über das Er¬
gebnis:
„Um festzustellen, ob eine gewisse Resistenzerhöhung gegen nachfolgende
Tumorimpfung durch Vorbehandlung mit Tonophosphan zu erreichen ist, wur- .
den im ganzen 55 Mäuse nebst der entsprechenden Anzahl von Kontroll- 3
tieren verwandt. Zunächst ergab sich die Harmlosigkeit der Substanz |
bei subkutaner Einverleibung. Injektion von 1 ccm einer 1 proz. Lösung täg¬
lich während der Dauer von 8 Tagen wurde ohne wahrnehmbare Schädigung
von weissen Mäusen von 15 — 20 g Körpergewicht ertragen. Eine Resistenz- .]
erhöhung gegen eine ca. 2 Wochen nach der letzten Injektion vorgenommene n
Impfung mit Karzinom war nachweisbar. Sie wurde dadurch nicht sehr deut-
lieh, dass unter den Kontrollen sich eine ungewöhnlich hohe Zahl von absolut %
oder relativ immunen Tieren fand. Die Versuche mussten wegen der augen¬
blicklichen Schwierigkeit der Beschaffung des notwendigen Tiermaterials vor- 1
läufig abgebrochen werden.“
Nach diesen Vorstudien war die Berechtigung zum klinischen ö|
Versuch am Menschen vorhanden. Sehr bald Hess sich aus den ge- ü
sammelten Erfahrungen erkennen2), dass im Tonophosphan ein Mittel
gegeben war, das sowohl auf das Skelettsystem günstig einzuwirken
vermochte, als auch das Allgemeinbefinden, die Blutbeschaffenheit, i
die Leistungsfähigkeit und die Psyche nützlich beeinflusste.
Aus mir zugegangenen Berichten und eigener Erfahrung heraus I
möchte ich als Paradigmata auf der einen Seite die Osteomalazie5), i
auf der anderen Seite den Morb. Basedowii anführen. — Mein
eigener Fall von Osteomalazie war ein zwar beschwerdereicher, aber £
doch nur eben beginnender. Er ist mit Tonophosphan sehr rasch ge- f
bessert, wieder marschfähig und später geheilt worden.
Krankengeschichte Nr. 522. 49 Jahre alte, seit langem an Achylia
gastrica leidende Kranke. Im Krieg erheblich körperlich zurückgegangen;
1919 Zystitis; 1920 Rezidiv der Zystitis mit Pyelitis; unter spezialistischer
Behandlung abgeheilt. Kurz darnach einsetzendes Klimakterium; gleichzeitig
begannen Beschwerden beim Qehen und besonders beim Treppensteigen:
Schmerzen in den Knien und in der Wirbelsäule. Der bis dahin elastische r
Gang wird schwerfällig. Rasche Ermüdung. Aussehen anämisch. Organ¬
befund o. B. Keine Behinderung bei passiven Bewegungen; keine besen- p
dere Druckempfindlichkeit. Trotz sorgsamer Pflege und Landaufenthalt nur ;
geringe Gewichtszunahme und keine Besserung der Marschfähigkeit. Okto- jJ
ber 1921 Beginn der Tonophosphankur: Schon nach wenigen Injektionen (0,01) s
verschwinden die Schmerzen. Nach ca. 40 Einspritzungen ist das Gehen
wieder völlg frei. Das Aussehen ist ein viel frischeres. Die Leistungsfähig- !■
keit hat sich gehoben und das Körpergewicht ist um 10 Pfd. angestiegen. U
Der Erfolg bezüglich der zweifellos osteomalazischen Beschwerden hat an- I
gehalten; das Allgemeinbefinden machte Ende Oktober 1922 eine Wieder- I
holung der Kur wünschenswert, die durchgeführt wurde lind wiederum einen
guten Erfolg zeitigte.
Bei schweren Osteomalazien habe ich auch von Versagern be¬
richtet bekommen; ihnen stehen eine Reihe von gut verbürgten, z.T. I
mit Röntgenbefund versehenen Heilerfolgen gegenüber.
Als ein solch schwerer Fall von Osteomalazie erscheint der fol- •
gende, dessen Schilderung ich Herrn Dr. B r ü c k m a n n - Vilseck ,,
verdanke:
„Am 26. VI. 21 wurde ich dringend zu einer Oekonomensfrau gerufen, die
heftige Schmerzen im Rücken klagte. Bei der Untersuchung ergab sich eine 1
starke Skoliose der Wirbelsäule, die sich in kurzer Zeit entwickelt hatte. Da ’>
sich keine Anzeichen einer Tuberkulose ergaben, dachte ich an Osteomalazie. |
Ich schickte die Frau, die in etwas vorgerücktem Alter viele schnell auf- t
einanderfolgende Entbindungen durchgemacht hatte, zur Röntgenunter- „I
suchung.“ — Bericht des Städtischen Krankenhauses Wieden: „Das Rönt¬
genbild von Frau W. macht durchaus den Eindruck von Osteomalazie. Der J
Knochen ist auffallend weich. Die sonst üblichen Wirbelkonturen laufen
unregelmässig durcheinander und geben ein ganz anderes Bild als sonstige 1
Skoliosen.“
„Daraufhin begann ich mit der Tonophosphankur. Der Erfolg übertraf
alle Erwartungen. Schon vor Ende der Injektionskur waren die Beschwer-
den vollkommen verschwunden, so dass die Frau ihrer Arbeit nachging. Sie I
hat seit der Zeit nie mehr Beschwerden gehabt.“
Ein diagnostisch schwierig zu rubrizierender Fall von Störungen .
am Skelettsystem, bei dem sich Tonophosphan ausserordentlich be- J
währt hat, sei hier angeführt:
Krankengeschichte 8511. 15. VIII. 21. 34 Jahre alte Frau. Unbelastet.
Als junges Mädchen Bleichsucht. Appendizitis 1912. Gürtelrose 1917.
Periode mit 18 Jahren regelmässig, stark. Nullipara. Seit 1912 Gicht, die
mit Grosszehenanfall begann. Solche Anfälle ereigneten sich in der Folge
1 mal jährlich an r. Fuss und r. Hand. Seit Februar 21 kommen 3 — 4 Tage
vor jeder Periode Schmerzen und Verdickungen r. u. 1. an Händen und Füssen. *
Seit 6 Wochen weitgehende Steifigkeit im Rücken und am Hals nach dem
Kopf hin. Appetit gering. Viel Durst. Stuhl träge. Erhebliche Körper- I
gewichtsabnahme.
Befund: Gequälter Gesichtsausdruck. Gang schiebend. Armbewegungen c
beiderseits gehemmt. L. Schulterbewegungen (auch passiv) stark gehemmt;
ebenso im Ellenbogengelenk. Fast brettharte Spannung in Schulter- (Skapu-
lar-) Muskulatur. Beiderseits Vorderarm-Handgelenksbewegungen gehemmt.
An den Mittelphalangen mehrerer Finger im Gelenkanteil mässig druck¬
empfindliche Verdickungen. Hüften frei. Knie r. etwas, 1. weniger in seiner
Beweglichkeit beschränkt. Sprunggelenke frei. Innere Organe o. B. Leichte
Struma. Refl. i. O. Blutdruck R.R.syst. 84 mm Hg. Puls 78. Temp. nor¬
mal. Urin: 1,1 Prom. Eiweiss. Harnsäure 0,07 Proz. bei 1750 ccm Tages¬
menge. Mikroskopisch: vereinzelte granulierte Zylinder. Blut: 64 Proz.
Hämoglobin. Rote Bl. 4 800 000; weisse Bl. 4000 mit 41 Proz. Lymphozyten.
- /
2) C. Hoff mann: Therapie der Gegenwart, Nov. 1921.
3) S. hierzu: Wirth: Erfahrungen mit Tonophosphan. M.m.W. 1923
Nr. 7.
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1089
ntgenbefund: R. Hand zeigt an Grundphalanx des Daumens leichte Auf-
kerung des Periosts. An den Metakarpalknochen r. im Gelenkanteil
1 an den Seitenanteilcn ähnliche Veränderungen erkennbar. L. Hand: den
ichteilverdickungen entspricht hier kein pathol. Knochenbefund. L. Knie:
enkspalt eng; sonst o. B. Verordnung: gewürzarme, purinarme Kost.
I. iter Milch täglich. Tonophosphan 0,01 täglich. 13. IX. 21: Nach 20 In-
tionen Tonophosphan fühlt sich Kranke jetzt wesentlich woliler. Kann
e Stock gehen. Aussehen besser. L. Schulterrnuskulatur nicht mehr ge-
nnt, Beweglichkeit der Schulter und im Schultcrgclcnk frei. Vordcrarm-
idgelenk freier; ebenso Knie. Albuminurie unverändert. 11. X. 21:
lophosphan wurde fortgesetzt. Hat kaum noch Schmerzen. Gelenke frei,
t: 68 Proz. Hämoglobin. Rote Bl. 5 800 0000, Weisse Bl. 5000 mit 18 Proz.
nphozyten. 29. XII. 22: Wohlbefinden. Die Tonophosphankur wurde nach
Injektionen aufgehört. Vor Periode leichtes Ziehen in der r. Hand,
r ohne Schwellung. Gelenke frei. Albuminurie unverändert; bei Ruhe
ingcr als nach Bewegung (0,3 — 0,7 Prom.). Nochmals Tonophosphankur.
II. 23: Gelenke etc. andauernd frei geblieben. Kein Ziehen mehr vor der
iode. Albuminurie besteht noch.
Seiner Entstehungsgeschichte nach gehört der Fall in die Gruppe
• Harnsäurediathese; im weiteren Verlauf aber entfernt er sich in
neu Einzelzügen von diesem Grundtypus so sehr, dass man kaum
durch die Diagnose „Gicht“ erschöpfend geklärt ansehen kann.
Ich habe vor einiger Zeit eine Kranke mit vielen Anklängen an
ges Krankheitsbild beobachtet. Die Sektion ergab eine Zysten-
re als Grundkrankheit. — Völlig sicher erscheint mir bei unserer
mken die günstige Einwirkung des Tonophosphans; denn was von
tetischcn Massnahmen durchgeführt wurde, war nichts wesentlich
les in der Behandlung.
Sehr Nützliches weiss ich von der Beeinflussung der Base-
w sehen Erkrankung durch Tonophosphan zu berichten. Eine
Therapie hat bei dieser Krankheit Kocher schon vor Jahren
pfohlen. Den bisher gebräuchlichen Formen ist das Tonophosphan
it überlegen. Auch hier sind es die Frühformen, die die besten
^sichten für die Behandlung bieten; ich habe aber auch sehr
werc Fälle ausgezeichnet auf Tonophosphan reagieren sehen.
In dem Bestreben, einen Einblick in die Art der Wirkung des
lophosphans zu bekommen, habe ich zusammen mit meinem Assi-
lten, Herrn Dr. Binswanger, folgenden Versuch durchgeführt:
r bestimmten bei gleichmässig gefütterten ausgewachsenen Ka-
chen deren P2O5-, anorganische Schwefelsäure- und Aetherschwe-
äureausscheidung im Urin und injizierten ihnen dann während
ger Tage Dosen von Tonophosphan, die genügen mussten, um
ebliche Ausschläge in der P2O5- und — wenn umgesetzt —
herschwefelsäureausscheidung zu erzielen.
Als Beispiel eines solchen Stoffwechsels sei angeführt: Kanin-
u. 2,3 kg. Ernährung: Dickwurz und Heu.
Wieviel
Durchschnittliche tägl. Ausscheidung im Urin.
Tage
P205
Anorganische
Aether-
Schwefelsäure
Schwefelsäure
jeriode .
3
0,056 g
531 mg
93 mg
ptperiode .
operiode .....
5
2
0,046 g
0,05 g
439 mg
236 mg
171 mg i)
107 mg2)
J) Täglich 2 x 0,25 g Tonophosphan in 10 ccm Wasser subkutan injiziert.
*) Endgewicht 2,4 kg.
An dem ersten Tage der Darreichung trat überhaupt keine Ver-
erung ein; dann begann die Aetherschwefelsäure anzusteigen und
b nach Aussetzen der Einspritzungen noch eine Weile vermehrt;
P2O5 aber änderte sich nicht. Es findet also zunächst statt eine
ention der gesamten Verbindung und dann Abspaltung der orga-
Jien Komponente unter Oxydation, während der Phosphoranteil
Verbindung gespeichert wird. Das ist ein bemerkenswertes Rc-
at, das die Phosphorwirkung des Präparats sinnfällig macht.
Im pharmakologischen Institut zu Greifswald sind von Herrn
fessor R i e s s c r und seinem Assistenten, Herrn Dr. Engel, sehr
ressante Untersuchungen über das Tonophosphan durchgeführt
'den “). Die Autoren konnten gemäss einer eben erschienenen
en Veröffentlichung feststellen, dass das Tonophosphan im pliar-
tologischen Experiment erhebliche stimulierende Wirkung auf
geschwächten Herzmuskel zeigt und dass es die glatte Musku-
r des Darmes, der Blase und des Uterus anregt. Die Klinik wird
erproben haben, inwieweit sich aus diesen Befunden neue Indi-
onen ergeben.
_
Aus der Medizinischen Universitätsklinik Rostock.
(D.rektor: Prof. H. Curschmann.)
Das Linimentum Tuberculini Petruschky.
Von Dr. A. Müller.
Auf Grund von Beobachtungen am Krankcnmaterial des städti-
-n Tuberkulosekrankenhauses Waldhaus-Charlottenburg in S0111-
feld-Osthavelland, weiche bei der Behandlung mit Linimentum
uschky dort gemacht wurden, kommt U 1 r i c i zu dem Schluss,
■> das Verfahren zwar absolut ungefährlich, aber auch völlig un-
ksam sei. Denn weder auf eine der von Petruschky vorge¬
schriebenen Dosen, noch auf die 20 fache Höchstdosis konnte U 1 r i c i
bei 6 Kranken mit schwerer progedienter offener Lungentuberkulose
irgendeine Reaktion erzwingen. Dabei waren sämtliche Kranken hoch
allergisch und mit Tuberkulin nicht vorbehandelt.
Diese Mitteilung veranlasst mich, über die Wirkung des Linimen¬
tum Petruschky an der hiesigen Medizinischen Klinik kurz zu be¬
richten. Trotzdem die klinisch zur Behandlung kommenden Fälle
in der Mehrzahl sehr schwere Lungentuberkulosen darstellen, und
aus diesem Grunde schon eine spezifische Behandlung sehr häufig
nicht mehr zulassen, konnte ich doch bei Durchsicht der Krankenge¬
schichten seit Oktober 1921 60 mit „Linimentum Petruschky“ be¬
handelte Fälle feststellen. Alle diese Kranken litten an offener Lun¬
gentuberkulose (Turban II und III), waren stark allergisch (Pir¬
quet H I b) und sämtlich nicht mit Tuberkulin vorbehandelt. 26 die¬
ser Kranken reagierten im Verlauf der nächsten 24 — 48 Stunden auf
die Einreibungen mit deutlichen Fiebersteigerungen, teilweise bis
39,0°, während 34 keinerlei Reaktionen zeigten. Bei den 26 reagie¬
renden Fällen finden sich 7 Kranke, welche schon auf 1 resp. 2 Trop¬
fen der Anfangsdosis 1 : 25 000 mit deutlicher Fiebersteigerung ant¬
worteten, dann nach einigen Tagen wieder entfieberten, um erst im
Verlauf der weiteren Behandlung trotz langsamster Dosierung mit
der Dosis 1 : 5000 erneut Fiebersteigerung mit deutlicher Herdreak¬
tion in der kranken Lunge zu bekommen. Die Behandlung wurde
daraufhin sofort ausgesetzt bis zum Abklingen aller Fieber- und
Herderscheinungen. Es zeigte sich dann aber durch sofortige erneute
Fieberzacken, dass die Kranken so überempfindlich gegen die
kleinsten Linimentgaben geworden waren, dass eine spezifische
Therapie überhaupt aufgegeben werden musste. 5 Kranke bekamen
nach der Dosis 1 : 25 000 resp. 1 : 5000 ganz unerwartet — bei vorher
normalem Verhalten gegen das Liniment und keiner Blutungsnei¬
gung — plötzlich eine schwere Hämoptoe, die mit ziemlicher Sicher¬
heit der Tuberkulinbehandlung zur Last zu legen ist. Die übrigen
14 Kranken vertrugen die Einreibungen nur bis zu einer gewissen,
für jeden Kranken verschiedenen Grenze, die nie überschritten
werden durfte, ohne den Kranken höherem Fieber und deutlichen
Herdreaktionen auszusetzen.
Zusammenfassend müssen wir also sagen, dass unsere nun etwa
2 jährigen Erfahrungen uns nicht zu der Ueberzeugung kommen
lassen, in dem „Linimentum Petruschky“ ein ebenso unwirksames als
unschädliches Mittel zu sehen, wie dies U 1 r i c i annimmt. Es unter¬
liegt für uns — wie sicher für die Mehrzahl der Aerzte, die mit dieser
Methode gearbeitet haben — keinem Zweifel, dass sich auch mit dem
Liniment Herd- und Allgemeinreakfionen auslösen lassen, wie mit
anderen Tuberkulinapplikationen, und zwar durchaus nicht schwä¬
cheren und harmloseren. Wenn das Verfahren therapeutisch nicht
das gehalten hat, was sein Urheber uns versprach, so darf das Mittel
doch keineswegs wahllos und, ut aliquid fiat, angewandt werden.
Wie bei jeder spezifischen Tuberkulosetherapie, ist auch hier die
strikte Forderung nach genauester und sorgfältigster Auswahl der
Kranken und streng individueller Behandlungsweise zu stellen. Dass
überhaupt auf perkutanerrv Wege eine Sensibilisierung erreicht wer¬
den kann, ist ja durch vielfache experimentelle und klinische Be¬
obachtungen erwiesen. Winkler und Stahl haben, um nur eine
neue, bisher nicht veröffentlichte Beobachtung zu erwähnen, an der
Rostocker Medizinischen Klinik in ihren „Versuchen über Beibrin¬
gung von Typhusimpfstoff subkutan, intrakutan und perkutan und ihre
Wirkung auf die Agglutininbildung“ nachweisen können, dass eine
perkutane Sensibilisierung zweifellos eintritt, wenn auch wesentlich
schwächer und langsamer als bei den beiden ersteren Methoden.
Auf die perkutane Tuberkulinbehandlung übertragen, müssen wir es
also als Tatsache hinnehmen, dass geringe Mengen Tuberkulin auch
auf diesem Wege in den Körper übergehen und zur Wirkung ge¬
langen. Eine wahllose Anwendung des „Linimentum Petruschky“
brächte den also behandelten Kranken in die Gefahr starker Fieber-
resp. Herdreaktionen, die zwar von Petruschky selbst als er¬
strebenswert hingestellt wurden, von uns aber ganz im Sinne der
Sahli sehen Vorschrift nach Möglichkeit vermieden werden: die
Ausdehnung und Dauer einer solchen Herdreaktion sind nie voraus¬
zubestimmen, so dass der behandelnde Arzt immer erst post festum
sagen kann: Hier war die Herdreaktion nicht angebracht! Moro
hat das unlängst sehr fein ausgedrückt (in seiner Ektebinarbeit
[M.m.W. 1922, Nr. 28]), indem er sagt: Wenn wir einen Fall (nach
einer Erfahrung oben gekennzeichneter Art) für ungeeignet für die
Tuberkulintherapie erklären, so haben wir ihm meist schon ge¬
schadet. Oberster Grundsatz muss gerade in der spezifischen Tu¬
berkulosetherapie immer das „Nil nocere“ bleiben, auch bei An¬
wendung des Linimentum Petruschky, das wegen seiner geringen
Konzentration und Dosierung gar zu häufig nach dem Grundsatz:
„wenn es nicht hilft, schaden kann cs nicht“ verordnet wird. Unsere
Erfahrungen warnen dringend vor solcher Anschauung,
Literatur.
Ulrici: Klin. Wschr. 1923 Nr. 1 S. 20. — M.m.W. 1922 Nr. 13. —
v. Winterfeld: Ther. d. Gegcnw., Nov. 1922.
1090
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33.
Clavipurin, ein neues, natürliches Mutterkornpräparat*).
Von Dr. med. Klaus Hoff mann, Frauenarzt in Darmstadt.
Seit mehr denn hundert Jahren bemühen sich die Wissenscnaftler
emsig um die Erforschung der spezifisch wirksamen Bestandteile
des Mutterkorns, das seit alters in der geburtshilflichen und gynäko¬
logischen Therapie eine so bedeutsame Rolle spielt. Die Ergebnisse
gerade der letzten Jahre auf diesem Gebiete lassen wiederum recht
erfreuliche Fortschritte in der Lösung dieser Frage verzeichnen.
Rothlin [ l] hat im vorigen Jahre ln der Klin. Wschr. ein vortreff¬
liches Uebersichtsreferat „über die wirksamen Substanzen des Mut¬
terkorns“ erstattet, so dass es sich erübrigt, auf die geschichtlichen
Daten der Mutterkornforschung hier näher einzugehen. Nur soviel
sei gesagt: Man unterscheidet nach dem jetzigen Stande der For¬
schung einerseits die in der Mutterkorndroge prä-
formierten, spezifisch wirksamen Bestandteile
und anderseits die auf die Uterusmuskulatur eben¬
falls erregend wirkenden proteinogenen Amine,
die ijj der Hauptsache sekundär bei der bisher üblichen Extraktberei¬
tung entstehen. Von den letzteren spielen das Tyramin = p-Oxy-
phenyläthylamin und das Histamin = ß-Imidazolyläthylamin die
Hauptrolle. Sie sind in der frischen Droge, wie St oll [2] nach-
weisen konnte, entweder gar nicht oder nur in verschwindend kleiner
Menge enthalten. Ihre Entstehung verdanken sie vielmehr dem bei
der Zubereitung der Mutterkornextrakte auftretenden Fäulnisprozess
von Eiweissstoffen, indem sie durch fermentative Dekarboxylierung
von Aminosäuren gebildet werden. Ihre synthetische Herstellung
gelingt unschwer, so dass man zu ihrer Gewinnung die Mutterkorn¬
droge völlig entbehren kann. Der letztere Umstand gab die Ver¬
anlassung dazu, dass bei der starken Einschränkung der Mutterkorn¬
zufuhr während des Krieges die synthetischen Ersatzprodukte aus¬
gedehnte Verwendung fanden, obwohl ihre Wirkung keineswegs völ¬
lig identisch mit der typischen Sekalewirkung ist. Die grösste Ver¬
breitung in der Praxis hat wohl das vor allem von Jaeger [3l als
Mutterkornersatz empfohlene Teno sin gefunden, das aus synthe¬
tisch gewonnenem Tyramin und Histamin zusammengesetzt ist.
Rübsamen Dl stellte durch klinisch-experimentelle Versuche am
Menschen fest, dass die Wirkung des Tenosins bereits zirka 2 Mi¬
nuten nach der intramuskulären Verabreichung beginnt, aber nach
15 Minuten abgeklungen ist, und erklärt dies mit der ausserordent¬
lich schnellen Resorbierbarkeit der synthetischen Amine. Durch
mehrfache Wiederholung der Tenosininjektionen gelingt es zwar,
über längere Zeit hin dauernde Uteruswirkung zu erzielen — ein
Verfahren, das nach den Erfahrungen von Jaeger. wie auch meinen
eigenen ohne unangenehme Nebenwirkungen für die Kranke durch¬
geführt werden kann; für den beschäftigten Praktiker aber, wie auch
in der Klinik bedeutet die bei diesem Vorgehen notwendige, besonders
sorgfältige und dauernde Ueberwachung des zu Atonie neigenden
Uterus eine starke Belastung und somit einen erheblichen Naenteil
gegenüber der stundenlang an-
schiedenen zur Untersuchung herangezogenen Tierarten und Or¬
ganen keine qualitativen Differenzen der Wirkung. Wenn eine solche
quantitativer Art besteht, so ist sie nur klein, und es bedürfte zu inrem
Nachweis noch einer viel grösseren Anzahl von Experimenten. Prak¬
tisch kann jedenfalls gesagt werden, dass die beiden Alkaloide in
ihrer Wirkung qualitativ und quantitativ identisch sind. Diese Iden- t
tität schliesst aber eine chemische Differenz nicht aus, wenn es auch
unwahrscheinlich ist, dass sie sehr erheblich ist. Die Isolierung des
Ergotamins führt also nicht zu einer Umstellung der Pharmakologie
des Mutterkorns, aber sie weist erneut auf die Bedeutung der
spezifischen Alkaloide der Droge hin, die von
deren zufälligen und un spezifischen Bestandtei¬
len scharf unterschieden werden müssen’). Jedenfalls
steht und fällt der therapeutische Wert des Mutterkorns mit dem der
beiden Alkaloide Ergotoxin und Ergotamin. Welches von beiden
man therapeutisch verwendet, wird allein von pharmazeutisch-tech¬
nischen Bedingungen (Reinheitsgrad. Dosierbarkeit usw.) abhängen.
Für die Mutterkornextrakte wird es darauf ankommen, dass sie die
Alkaloide quantitativ enthalten.“
Die im letzten Satz dieser Ausführungen von Barger und
Carr enthaltene Forderung erfüllt ein von der Firma Gehe & Co.
in Dresden in den Handel gebrachtes, natürliches Mutterkornoräpa-
rat, das den Namen „Clavipurin“ trägt. Das neue Mittel wird
von dieser durch ihre früheren Arbeiten auf dem Gebiete der Mutter-
kornforschung bekannten Firma unter Berücksichtigung der Erfah¬
rung, dass die Sekaleblasen gegen chemische Reagentien ausser¬
ordentlich empfindlich sind, mittels eines besonders schonenden Ver¬
fahrens gewonnen. Nach den Angaben der herstellenden Firma han¬
delt es sich bei dem „Clavipurin“ (der Name ist von Claviccps
purpurea abgeleitet) um die 0,1 proz. weinsäure-wässrige Lösung
eines klinisch hochwertigen, konstanten Gemisches der wirksamen
Sekalebasen. Ueber die Konstitution der darin enthaltenen Alkal )ide
sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen, so dass Einzel
daten noch nicht mitgeteilt werden können. Veröffentlichungen hier¬
über stehen in Aussicht.
Vor Beginn der klinischen Versuche am Menschen, die seit etwa
einem Jahre im Gange sind, wurde das Präparat von dem Direktor
des pharmakologischen Universitätsinstituts in Halle a. S.. Professor
Koch m a n n, im Tierversuch geprüft und seine Ungiftigkeit fest
gestellt.
Eine klinisch - experimentelle Prüfung des Mittels, wie sie Riib-
same n aus der Erkenntnis, dass die Ergebnisse der Experimente am
überlebenden Uterus nicht ohne weiteres auf den Menschen über
tragen werden dürfen, fordert, wurde in der staatlichen Frauenklinik
zu Dresden vorgenommen. Durch das Entgegenkommen meines frü
heren Chefs, Geheimrat Kehrer, dem ich auch an dieser Stelle für
die liebenswürdige Ueberlassung des Materials meinen herzlichsten
Dank abstatten möchte, ist es mir möglich, an Hand der beiden hier
wiedergegebenen Kurven den exakten Beweis der Wirksamkeit des
Clavipurins auf den menschlichen Uterus in der Nachgeburtsperiode
haltenden Wirkung guter Se-
kalepräparate. Gute Sekale-
präparate aber stets zur Hand
zu haben, war bis vor nicht
allzu langer Zeit keineswegs
mit Sicherheit möglich, da,
wie allgemein bekannt ist, der
Gehalt kler Mutterkorndroge
an wirksamen Substanzen in¬
konstant ist und demnach auch
der Gehalt der Extrakte an den
den spezifischen Mutterkorn¬
effekt zeitigenden Stoffen wechselt.
Abb. 1.
Mit anderen Worten: Es fehlte
ein exakt dosierbares, natürliches Mutterkornpräparat von voller und
konstanter Wirkung, das nebenbei auch frei von unerwünschten
Nebenwirkungen und überflüssigen Ballaststoffen sein sollte.
Einen wichtigen Fortschritt in der Mutterkornforschung bedeu¬
tete in dieser Hinsicht die Isolierung eines krystallisierten
Alkaloids aus dem Mutterkorn mittels einer neuen chemischen Me¬
thode durch St oll. Diese von ihrem Entdecker
„Ergotamin“ benannte Sekalebase übt, wie
Spiro [5] zeigen konnte, auf den isolierten Uterus
die für Mutterkorn spezifische Wirkung aus. Einzel¬
heiten hierüber findet man u. a. in der eingangs er¬
wähnten Rothlin sehen Arbeit und der dort zitier¬
ten Literatur.
zu erbringen. Die Kurven wurden von dem Assistenten der Dres-
dener Klinik, Dr. Lehman n, dem ich ebenfalls für seine freundliche
Unterstützung bestens danke, mittels der von Rübsamen |9l an¬
gegebenen Methode der „externen Hysterographie“ aufgenommen
Dr. Lehmann gibt dazu folgende Erläuterung: „Bei der Kurve 1
sieht man alsbald nach der intramuskulären Injektion 1203 (sieht
Pfeil) eine "Wehe auftreten, ohne dass der bis dahin innegehabte Ab¬
Das „Ergotamin“, das als weinsaures Salz den
wirksamen Bestandteil des schweizerischen Han¬
delspräparats „Gynergen“ (im englischen Sprachge¬
biet als „Femergin“ bezeichnet) darstellt, ist mit
dem von den englischen Forschern Barger und Carr [6] bereits
1906 dargestellten amorphen „Ergotoxin“ und dem hiermit iden¬
tischen „H y d r o e r g o t i n i n“ von Kraft Dl sehr nahe verwandt.
In einer neueren Arbeit von Dale und Spiro [8] wird darüber
folgendes gesagt: „Die beiden Alkaloide des Mutterkorns, Ergotoxin
(Barger und Carr) und Ergotarriin (S t o 1 1), zeigen bei den ver-
*) Nach einem auf dem diesjährigen Gynäkologenkongress in Heidelberg
gehaltenen Vortrag. •
Abb. 2.
stand zwischen den einzelnen Wehen eingehalten wird. 7 Minutei'
später, also 12'°, wird eine beträchtliche Tonussteigerung des Utenn
beobachtet mit später rasch und regulär aufeinanderfolgenden, kräf
tigen Wehen, deren Wellental die frühere Tiefe nicht mehr erreicht
Auch die Kurve II zeigt die Injektion von ebenfalls 2 ccm Clavi¬
purin intramuskulär (4:1S). Sofort wird die Kranke ein wenig unruhig
so dass, wie es häufig dabei geschieht, der Oberkörper etwas zurück-
’) Im Original gesperrt gedruckt.
!7. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1091
tczogen wird und die auf den Bauchdecken bzw. den Fundus uteri
iufgelegte Pelotte dadurch um Spuren symphysenwürts verschoben
vird. Man muss sich daher die etwa 3 Minuten später erfolgende,
;ehr kräftige Wehe als im ganzen um die gegen früher vorhandene
liffcrenz des Wellentales nach oben verschoben denken. 45S tritt
•ine beträchtliche Tonussteigerung von langem Bestehen auf, wonach
ler Uterus noch lange Zeit in einem gewissen Kontraktionsstadium
erharrt.“
Meine eigenen Beobachtungen, die sich auf rein klinische Erfüll¬
ungen stützen, haben ergeben, dass das C 1 a v i p u r i n bisher in
.einem einzigen Fall einen Versager zeitigte. Ich verwandte das
dittel stets in solchen Fällen, in denen ich erfahrungsgemäss Sekale-
»räparate anzuwenden pflegte, also bei Blutungen in der Nachgeburts-
leriode oder, wenn solche zu erwarten standen, auch prophylaktisch,
>ei Lochialstauungen, nach Ausräumung von Aborten, nach Ausscha¬
lungen der Gebärmutter und bei gynäkologischen Blutungen.
Als besonders beweisend führe ich als Beispiel einen Fall von Zwilliugs-
.chwangerschaft mit Hydraninion an, bei dem nach dreitägigem Kreissen
vegen sekundärer Wehenschwäche die Entwicklung des ersten Kindes mittels
(icllandzange und des zweiten, in Querlage befindlichen Kindes durch Wal¬
lung und Extraktion durchgeführt worden war. Als 10 Minuten später infolge
\tonin uteri eine stärkere Blutung begann, gab ich 1 ccm Clavipurin intra-
nuskulär mit dem Erfolg, dass sich die Gebärmutter ohne jeden sonstigen
Eingriff nach nicht ganz 2 Minuten zu einer harten, die schlaffen Bauchdecken
leutlieh sichtbar vorwölbenden Kugel kontrahierte und nach weiteren
0 Minuten die Expression der Plazenta ohne erheblichen Druck gelang. Im
veiteren Verlauf blieb der Uterus auch ohne mechanische Hilfsmittel gut kon-
rahiert und die Blutung setzte nicht wieder ein.
Olmc auf weitere Einzelfälle eingelien zu wollen, möchte ich noch
lie prompte Wirksamkeit bei Aborten im 4. bis 6. Monat hervor-
leben, die erfahrungsgemäss leicht zu Nachblutungen neigen. Audi
lier konnte ich durch intramuskuläre Injektion von 1 ccm Clavipurin
angdauernde Uteruskontraktion erzielen und grössere Blutverluste
üntanhalten. Mehrmals injizierte ich auch bei operativer Beendigung
•on Geburten und Aborten oder nach Ausschabungen 14 bis 1 ccm
Clavipurin in die Portio und sah danach auffallend schnell
’intretende Zusammenziehung desvUterus bei lange anhaltender
Virkung.
Versuchsweise applizierte ich ferner die eine klare, wasserhelle
•'lüssigkeit darstellende Clavipurinlösung in Mengen von 0,5 b i s
ccm intravenös, um einerseits die Wirkungsart und atider-
eits die Verträglichkeit des Mittels bei dieser Applikationsart zu
irüfen. Der Effekt trat stets in kürzester Zeit ein, und unliebsame
Nebenerscheinungen, wie sie bei intravenöser Verabreichung der
iroteinogenen Amine (Tenosin), insbesondere des Histamins, in der
?egel auftreten, kamen niemals zur Beobachtung. Es ist dadurch
ler Beweis erbracht, dass das Präparat frei von diesen Stoffen ist
ind die darin enthaltenen Substanzen als die spezifisch wirksamen
>ekalebasen anzusprechen sind.
Ueber die Erfahrungen an der Dresdener staatlichen Frauenklinik
>ei intravenöser Injektion des Clavipurins berichtet mir Dr. L e h -
n a n n:
„Im Geburtssaal habe ich bei Frauen, die eben geboren hatten, in etwa
2 Fällen das Clavipurin intravenös verabfolgt, zunächst ganz vorsichtig be-
tinnend, strichweise in Pausen von K Minute das Präparat injizierend, spä-
er kontinuierlich, wenn auch langsam einspritzend. Irgendwelche schädliche
Wirkungen wurden nicht gesehen, wie sie sonst nach intravenöser Ver-
direichung anderer Präparate zuweilen beobachtet werden. Das Präparat
■vurde stets gut vertragen und erzielte oft deutliche Wirkung. Ich habe
viederholt beobachtet, dass der Uterus sich fast unmittelbar nach der Iti-
ektion intensiv kontrahierte. Leider ist es mir nie gelungen diese Tatsache
curvenmässig in gewünschter Weise festzuhalten. — Auch Herr Dr. Lcs-
i i n g hat seinerzeit das Präparat wiederholt intramuskulär und intravenös
■ crabreicht und ist zum gleichen Urteil wie ich gekommen.“
Ueber die orale Anwendung des Clavipurins, das
ür diesen Zweck sowohl als Lösung, wie auch in Tablettenform im
landel ist (1 Tablette oder 35 Tropfen, mit dem beigegebenen Tropf-
däbchen gemessen, entsprechen jeweils dem Inhalt einer 1 ccm ent-
laltenden Ampulle), teilte mir Dr. Lehmann mit:
„Wir haben das Clavipurin, zunächst ich selbst, dann auch Herr
Ir. Geller auf der Wochenstation in ausgiebiger Weise geprüft. Es wurde
n Tablettenform (3 mal 2 Tabetten) oder in Tropfenform (3 mal 50. 3 mal 40,
I mal 30 Tropfen täglich) verabreicht. Den Erfolg hielten wir für befriedigend ;
■r schien uns jedenfalls nicht hinter der Wirkung des Secale cornuti fluidum
•urückzustehen.“
Meine eigenen Erfahrungen bei Anwendung per os gehen dahin,
lass man im allgemeinen mit 3 mal täglich 1 Tablette oder 35 Tropfen
Clavipurin ausreichende Wirkung erzielt, dass aber auch höhere
)osen gut vertragen werden. Die gute Verträglichkeit zeigte mir
i a. eine ausserordentlich magcnemnfindliche Kranke, bei der es
lach einer schweren Eklampsie im Wochenbett zu Lochialstauung
<am: diese wurde durch 3 mal täglich 35 Tropfen resp. eine Tablette
Clavipurin prompt behoben, und die verzögerte Rückbildung der Ge-
'ännutter trat bald nach der Clavipurindarreichung in gewünschter
\Veise ein.
Wenn ich der Vollständigkeit halber noch erwähne, dass bei den
njektionen niemals über Schmerzen an der Injektionsstelle geklagt
vurde, geschweige denn dass etwa Abszesse aufgetreten wären, so
daube ich, auf Grund der mitgeteilten Erfahrungen das neue Mutter-
■iornpräparat „Clavipurin“ zu ausgiebiger Nachprüfung warm
-mpfehlen zu dürfen.
Nur nebenbei sei schliesslich auch noch darauf hingewiesen, dass
der Preis des Clavipurins im Verhältnis zu den sonstigen Mutter¬
korn- und Mutterkornersatzpräparaten erstaunlich billig ist. So ko¬
steten z. B. ab 1. Mai 1923 10 g Clavipurinlösung = 1750 M., 10 g
Tenosin 2990 M. und 10 g Secacornin 6552 M.
Zusammenfassend ergibt sich aus Vorstehendem: Das neue
Mutterkornpräparat „Clavipurin“ zeigt die spezifische
Wirksam k,e i t der in der Droge präformierten S e -
kalebasen und enthält keine proteinogenen Amine.
Im Gegensatz zu den galenischen Mutterkornpräparaten ist es frei
von Ballaststoffen und ermöglicht durch seine chemische
und pharmakologische Konstanz exakte Dosierung.
Als Indikationen gelten die gleichen wie bei allen
Sckalepräparaten: 1 . In der Geburtshilfe: a) prophy¬
laktisch in der Nachgeburtszeit, um Blutungen vorzubeugen, so¬
wohl bei normalen Geburten, wie ganz besonders bei geburtshilf¬
lichen Operationen und Zuständen, bei denen erfahrungsgemäss eine
Atonia uteri zu befürchten ist (Ermüdungswehenschwäche, Zwillinge,
Hydramnion, Placenta praevia, Sectio caesarea und Aborte, besonders
in vorgeschrittenen Schwangerschaftsmonaten). Hierzu verwendet
man in der Regel die Injektion von 1 ccm Clavipurin in
die Oberschenkel musku lat ur, in die Portio oder
direkt in den UterusmuskeL Die Injektion kann im Bedarfs¬
fall unbedenklich öfters wiederholt werden. Nach jedem unkompli¬
zierten Abort verordnet man zweckmässig für die Dauer von 3 — 4
Tagen 3 mal täglich eine Tablette oder 35 Tropfen
Clavipurinlösung (mit dem beigegebenen Tropfstäbchen ge¬
messen) d e r o s zur Beschleunigung der Rückbildung der Gebär¬
mutter. b) Therapeutisch bei Atonia uteri und Spätblutungen
im Wochenbett: Anwendung wie unter a oder intravenös, 14
bis 1 ccm langsam injiziert, zur Erzielung beson¬
ders schneller und intensiver Wirkung. Zur Ver¬
längerung der Einwirkung ist nachfolgende intra¬
muskuläre I n i e k t i o n der gleichen Menge empfeh¬
lenswert. Bei Lochialstauung oder mangelhafter Rückbildung des
Uterus genügt in den meisten Fällen die Verabreichung von 3 mal
tätlich einer Tablette oder 35 Tropfen Clavipurin per os. Die dop¬
pelte Dosis wird ebenfalls ohne Schaden vertragen. 2. In der Gy¬
näkologie: Bei gutartigen Blutungen (Cave! Polypen, submuköse
Mvoine und Karzinome!) und nach Ausschabungen des Uterus emp¬
fiehlt sich interne oder intramuskuläre Verabreichung von Clavipurin
wie oben geschildert.
Unangenehme Nebenerscheinungen wurden bisher
in keinem Fall (auch nicht bei intravenöser Darreichung) be¬
obachtet.
Literatur.
1. Rot hl in: Klin. Wsclir. 1922 Nr. 46M7. — 2. Stoll: Schweiz.
Med. Wschr. 1921 Nr. 23. — 3. Jaeeer: M.m.W. 1913 Nr. 31; D.m.W.
1916 Nr. 7: Zbl. f. Gvn. 1913 Nr. 37. 1919 Nr. 29. 1920 Nr. 43; Arch. f. Ovn.
1921, 114, H. 3. — 4. Riib samen: M.m.W. 1921 Nr. 11. — 5. Spiro;
Schweiz, med. Wschr. 1921 Nr. 23 u. 32. - — 6. Barger und Carr: Chem.
News. 1906. 94: Journ. of the Chem. Soc. 1907, 91. — 7. Kraft: Arch. f.
Pharm. 1906, 244 u. 1907, 245. — 8. Dale und Spiro. Arch. f. exper.
Path. u. Pharm. 1922, 95, 5./6. Heft. — 9. Rübsamen: Arch. f. Gyn. 112.
Aus dem Städtischen Tuberkulosekrankenhaus Waldhaus
Charlottenburg in Sommerfeld /Osthavelland.
(Direktor: Dr. Ulrici.)
Erfahrungen mit Ektebin.
Von Dr. W. Kremer, Assistenzarzt.
Gott lieb konnte an Schnitten exstirpierter Hautstückchen
nachweisen, dass bei Einreibung mit Moros .Ektebin (Salbe mit Zu¬
satz von Tuberkulin, abgetöteten Tuberkelbazillen und „kerato-
lytischen Substanzen“) Tuberkelbazillen in die tieferen Hautschichten
gebracht werden und dort zerfallen.
M o r o schliesst daraus, dass die mit Ektebin eingeriebene Haut¬
stelle einem tuberkulösen Herde entspricht; er nimmt weiter an, dass
durch einen solchen künstlichen Herd anderweitige tuberkulöse Pro¬
zesse günstig beeinflusst werden, ohne dass es zur Herdreaktion
kommt, wie man häufig günstigen Verlauf von Lungentuberkulose
sähe, wenn dieselbe mit Haut- oder Knochentuberkulose kombiniert
ist. Mit dem Ektcbinverfahren stellt M o r o sich somit in Gegensatz
zu Petruschky, der bei Einreibungen mit seinem Lincment die
Herdreaktion zu erreichen strebt.
Die Erfahrungen mit Ektebin aus der M o r o sehen Klinik Lauten
fast durchweg günstig, Herdreaktionen wurden unter 1000 Ein¬
reibungen nicht beobachtet. Auch von anderer Seite werden günstige
Erfolge berichtet: doch mehren sich in letzter Zeit die Stimmen, die
über Herdreaktionen berichten (H a r t o g, Schellenberg, Kers-
s e n b o o m).
Ich prüfte zunächst die mikroskopischen Untersuchungen von
G o 1 1 1 i e b nach.
Bei Kindern, die in der von Moro angegebenen Weise nach
vorheriger Abreibung mit Benzin mit Ektebin eingerieben waren,
wurden nach 12, 18, 24 und 36 Stunden kleine Hautstückchen ex-
zidiert und diese in Serienschnitten mikroskopisch untersucht. Die
Schnitte wurden abwechselnd nach Z i e h I und Gram gefärbt.
Nr. 33.
1092 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Ich fand in Uebereinstimmung mit G o 1 1 1 i e b, dass nach
18 Stunden sich im Stratum granulosum zahlreiche Ziehl-positive
Stäbcheji befanden, ganz vereinzelte waren auch über die Basal¬
zellenschicht hinaus vorgedrungen. Nach 24 Stunden fanden sich
kaum noch Ziehl-positive Stäbchen, dafür aber zahlreiche Gram¬
positive Granula.
Wenn ich so die Angaben G o 1 1 1 i e b s, dass es mit der Ektebin-
einreibung gelingt, Tuberkelbazillen in die tieferen Hautschichten zu
bringen, bestätigen kann, so zeigten die Erfahrungen, die wir bei
der Behandlung mit Ektebin machten, dass das Auftreten einer Heid-
reaktion nicht ausgeschlossen ist. Neben guten Erfolgen bei skrofu¬
lösen Augenentzündungen, wie sie von Hirsch und Schulz auch
von Alttuberkulin gerühmt werden, und günstiger Beeinflussung bei
einigen Knochentuberkulosen, sahen wir in zwei Fällen Verschlimme¬
rungen, die nur als ein Aufflackern des tuberkulösen Prozesses unter
der Ektibinbehandlung aufgefasst werden können.
Bei Fall 1 handelt es sich um einen 12 jährigen Jungen mit einer seit
6 Jahren bestehenden Fussgelenkstuberkulose. Vergleichende Röntgenbilder
zeigten ausgeheilte Herde im Talus und Kalkaneus, einen frischen Herd in
der Tibia. Entsprechend diesen Herden fanden sich zu beiden Seiten des
Kalkaneus und Talus seit einem Jahr geschlossene Fistelnarben; an beiden
Knöcheln waren noch sezernierende Fisteln vorhanden. Nach 4 Ektebineinrei-
bungen brachen die Fisteln am Kalkaneus wieder auf.
Bei dem 2. Fall handelte es sich um eine tuberkulöse Kniegelenks¬
entzündung mit einem grossen Herde im Femur; nach einjähriger konserva¬
tiver Behandlung war der Herd gut begrenzt, das Kniegelenk gut beweglich.
Nach 3 Ektebineinreibungen traten starke Schmerzen im Knie auf, so dass
Bewegung kaum noch möglich ist. Das Röntgenbild zeigt jetzt den Herd ver¬
waschen, den umgebenden Knochen stärker atrophisch.
Bei beiden Kindern wurde in Abständen von 4 Wochen ein¬
gerieben. Eine stärkere Sonnenbestrahlung oder eine sonstige Be¬
handlung, die für das Aufflackern des Prozesses hätte verantwortlich
gemacht werden können, hatte nicht stattgefunden. Die Hautreaktion
war jedesmal mittelstark. Stärkere Fiebersteigerungen waren nicht
aufgetreten. Aehnliche Erscheinungen sind aus der Behandlung mit
Alttuberkulin bekannt, und es gelingt demnach sicher mit dem Ektebin,
auf angenehme Weise eine Tuberkulinwirkung im Körper zu er¬
zeugen, im Gegensatz zu den Einreibungen mit Petruschkylinement,
bei welchen, wie Untersuchungen von Ulrici gezeigt haben, die
zwanzigfache Dosis ohne jede Herd- und Lokalreaktion vertragen
wird.
Wenn nun auch anzunehmen ist, dass die Reaktionen bei den
beiden Fällen keine ernstere Bedeutung haben, so dürfte doch ein
analoges Aufflackern eines Prozesses in der Lunge wenig erwünscht
sein.
Literatur.
1. Falkenheim und Q o 1 1 1 i e b: M.m.W. 1922 Nr. 40. — 2. Q o 1 1 -
lieb und Heller: M.m.W. 1923 Nr. 10. — 3. Gott lieb: M.m.W. 1922
Nr. 13. — 4. Hartog: M.m.W. 1923 Nr. 10. — 5. Hirsch: B.k..W.
1921 Nr. 21. — 6. Kerssenboom: M.m.W. 1923 Nr. 22. — 7. Moro:
M.m.W. 1922 Nr. 13. — 8. Moro: M.m.W. 1922 Nr. 28. — 9. N e i s s:
M.m.W. 1923 Nr. 4. — 10. Schellenberg: M.m.W. 1923 Nr. 21. —
11. Schulz: Zschr. f. Tbk. 1922 H. 2. — 12. Ulrici: Kl.W. 1923 Nr. 1.
Beitrag zum fixen urtikariellen Salvarsanexanthem.
Von Dr. H. Mühlpfordt in Allenstein.
Zu den seltenen Salvarsanschädigungen gehören die fixen Sal-
varsanexantheme. Folgender Fall dieser Art erscheint mir mit¬
teil enswert:
Frieda W., Arbeiterin, 19 Jahre, kam am 27. 1. 23 zu mir mit den
Erscheinungen einer floriden Lues II (Angina spec., Roseola, Alopec. spec.,
ausgedehnte Papeln ad genitale). Schmicrkur mit 3 g beginnend, dann mit
4 g. Die erste und zweite Neosalvarsaninjektion je 0,3 g am 2. und 7. II.
wurden von der kräftigen Kranken gut vertragen.
12. II. 23. Dritte Injektion Neosalvarsan 0,45. Unmittelbar nach der
Injektion am rechten Arm tritt, zuerst um die Einstichstelle herum, dann rasch
über den ganzen Arm sich verbreitend, ein urtikarielles Exanthem auf, das
sich nur wenig später auch am linken Arm zeigt. Nach Angabe der Kranken
besteht es 2 — 3 Tage und juckt etwas.
17. II. Das Exanthem ist verschwunden, ohne dass deshalb die Schmier¬
kur, bei der aus äusseren Gründen die Arme nicht eingeschmiert wurden,
unterbrochen wurde. Alb.: — . Kein Fieber, keine Kopfschmerzen, keine
Störungen von seiten des Darms. Luetische Erscheinungen bis auf einige
Papelreste am Genitale abgeheilt. Keine Urticaria factitia! Vierte In¬
jektion Neosalvarsan 0,45 in die rechte Armbeuge. Noch während der In¬
jektion tritt dasselbe typische urtikarielle Exanthem um die Injektionsstelle
herum auf, breitet sich rasch weiter über den rechten Arm aus und erscheint
nach ca. 5 Minuten auch auf dem linken Arm, besonders in der linken Arm¬
beuge. Körper frei. Es juckt leicht und verschwindet unter Puder in den
nächsten Tagen.
22. II. Exanthem verschwunden, keinerlei Schuppung. Fünfte Injektion
Neosalvarsan 0,45 wieder in die rechte Armbeuge. Das Exanthem tritt in der
geschilderten Weise erst rechts, dann links auf, doch diesmal schwächer. Es
ist nach Angabe der Kranken noch am gleichen Tag verschwunden.
Genau so verläuft der Vorgang am 28. II. bei der sechsten Injektion
Neosalvarsan 0,45. Luetische Erscheinungen restlos abgeheilt.
Die siebente Injektion 0,45 am 5. III. ruft das gleiche Phänomen hervor,
doch ist der Ausschlag, wie ich mich überzeugen konnte, nach \'A Stunden
verschwunden.
10. III. Achte (letzte) Injektion 0,45: Exanthem nur am rechten Injek¬
tionsarm kurz nach der Spritze angedeutet, nach 10 Minuten verschwunden.
Kranke hat im ganzen 3,3 g Neosalvarsan + 138 g Ung. ein. erhalten.
16. III. WaR.: — . Befinden jetzt wie auch während der Kur sehr gut”).
Frühere Mitteilungen ähnlicher Fälle (Fuchs [l], Schön- i
f e 1 d [2], A. Kraus [3], Frei [4]) zeigen, dass die fixen Salvarsan- i
exantheme erst auftreten. nachdem mehrere Einspritzungen anstands¬
los vertragen wurden. Auch bei meinem Fall zeigte sich das Exan¬
them bei der 3. Injektion und bei Erhöhung der Dosis. Im Gegensatz
zu den beiden von Fr. S t e r n [5] beschriebenen Fällen, bei denen das j
Exanthem sehr hartnäckig war, fällt bei meiner Kranken das rasche
Abklingen auf.
Soll man nun beim Auftreten fixer Salvarsanexantheme das j
Salvarsan aussetzen? Pinkus [6] rät dazu, Jadassohn >j
1 7] hält es für richtig, vorsichtig weiterzubehandeln, da diese I
Form viel harmloser sei als die Salvarsandermatitis. Auch ich g
bin der Ansicht, dass die fixen Exantheme viel weniger mit der 1
prognostisch immer zweifelhaften Dermatitis, als vielmehr mit dem a
angioncurotischcn Symptomenkomplex in Parallele zu setzen ist. Da- |
für spricht auch P o 1 1 a n d s [8] Fall, bei dem neben der — allerdings
generalisierten — Urtikaria der angioneurotischc Symptomen¬
komplex auftrat.
Ich werde also in ähnlichen Fällen stets wieder weiterbehandeln. I
da mein Fall zeigt, dass der Körper sich auch an die niejit ver- j]
kleinerte Dosis gewöhnt, zumal der durch Unterbrechung der Kur h
entstandene Schaden betreffs Heilung der Lues unverhältnismässig jj
viel grösser sein würde als die geringe Gefahr eines fixen Salvar- jj
sanexanthems.
Wie beim angioneurotischen Symptomenkomplex, wäre lediglich 11
das Salvarsan in mehr Aq. dest. (10 ccm - Spritze!) zu lösen, be- ji
sonders langsam zu injizieren und gegebenenfalls Adrenalin zu ver- H
abfolgen.
Literatur.
1. D. Fuchs: Fixe Salvarsanexantheme. D.m.W. 1919 Nr. 46. — |
2. W. Schön fei d: Fixe Salvarsanexantheme. D.m.W. 1920 Nr. 1. — I
3. A. Kraus: Fixes Salvarsanexanthem. D.m.W. 1920 Nr. 33. — 4. Frei: I
Fixes Salvarsanexanthem, auch an unspezifisch gereizten Hautstellen. Schles. I
Dcrm. Ges. Breslau, Sitzung v. 6. V. 22, zit. nach Zbl. f. Haut- u. Geschl.- I
Kr'kh. 1922, 6, H. 2. — 5. Fr. Stern: Zur Kasuistik der fixen Salvarsan-
exantheme. B.kl.W. 1921 Nr. 32. — 6. F. Pinkus: Die Behandlung mit I
Salvarsan. Berlin 1920. — 7. Jadassohn: Diskussionsbemerkung z. d. I
Vortr. v. Frei (4.). — 8. R. Polland: Salvarsanurtikaria und angio- I
neurotischer Symptomenkomplex. Derm. Zschr. 1922, 36, H. 5.
—
Für die Praxis.
Ueber die gewöhnlichen Fehler bei der allgemeinen
Narkose.
Von A. Krecke in München.
*
Wenn ein neuer Medizinalpraktikant in meine Anstalt eintritt, so |
ist in der Regel meine erste Frage: „Haben Sie schon einmal eine I
Narkose gemacht?“ In der Mehrzahl der Fälle lautet die Antwort: I
Nein. Anfangs war ich über diese Antwort immer etwas erschüttert, 1
mit der Zeit gewöhnt man sich aber an alles, und so gehe ich jetzt im t
allgemeinen von der Erwartung aus, dass ein neuer Medizinalprakti- j
kant — rühmliche Ausnahmen gibt es überall — von der Narkose I
nichts versteht, d. h. in der Kunst der Narkose in der Zeit seines Stu¬
diums nicht ausgebildet worden ist. So sehr ich mich an diese Tat- j
Sache gewöhnt habe, so sehr muss ich bedauern, dass in der langen j
Zeit des Studiums der junge Mediziner keine Gelegen- 1
heit findet, eine der wichtigsten (medizinischen!
Künste, die Allgemeinnarkose, zu erlernen. Der Medi- |j
zinalpraktikant steht so der ersten Narkose, die er selbständig leiten ii
soll, ratlos gegenüber, führt bei jedem kleinen Zwischenfall völlig un- 1
geeignete Handgriffe aus oder übersieht gar die schwersten bedroh- 9
liehen Zufälle vollkommen.
Auch die Praktiker verfügen vielfach nicht über die Kenntnisse [j
und Erfahrungen, die zu einer sicheren Ausführung einer Narkose i(
notwendig sind. Zur Erklärung dieser Tatsache müssen wohl ver- 1
schiedene Punkte herangezogen werden. Einmal der obenerwähnte u
Missstand, dass auf der Universität der junge Mediziner so wenig ii
Gelegenheit findet, sich in der Kunst der Narkose auszubilden. Hinzu ii
kommt weiter, dass von seiten der Mediziner überhaupt der Narkose:]
nicht die Bedeutung beigemessen wird, die sie unbedingt verdient, u
Eine Appendixoperation, eine Hernienoperation ausführen lernt jeder j
Mediziner mit Leichtigkeit. Eine ruhige und sichere Narkose herbei- i
führen ist aber eine viel schwierigere Aufgabe, die den meisten erst jj
nach langen bösen Erfahrungen gelingt. Der Durchschnittsmediziner
bringt für die Narkose viel zu wenig Interesse auf. Ihm ist es viel
wichtiger und unterhaltender, sich an der Wunde zuschauender- oder .
assistierenderweise zu betätigen, als den Kranken in Schlaf zu ver- n
setzen: er schaut mehr auf das Operationsgebiet als auf das Gesicht
des ihm anvertrauten Kranken.
Eine einigertnassen geübte Krankenschwester macht im allge- ;
meinen weit bessere Narkosen wie der junge Mediziner. Es ist zu¬
zugeben, dass die Schwester in dem langen Anstaltsdienst viel mehr
Uebung gewonnen hat. Sicher ist aber auch, dass eine mit der Nar¬
kose betraute Schwester ihre ganze Aufmerksamkeit der Betäubung
*) Nachtrag bei der Korrektur: Bei der 2. Kur — kein Hg, 8 mal
Neosalv. 0,45 — trat das Exanthem nicht auf. WaR. vor und nach der
I Kur: — , Befinden vorzüglich.
J. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1093
iwendet und sicli um alles andere, was um sie herum vorgeht, nicht
limmert. Die Narkose verlangt die vollkommene Aufmerksamkeit
es mit ihr betrauten Gehilfen.
Der junge und auch der ältere Arzt soll sich immer wieder in der
niist der Narkose üben. Auch als ältere Assistenten haben meine
ollegen und ich stets darauf gehalten, von Zeit zu Zeit selbst Nar-
iscn auszuführen, um nicht aus der Uebung zu kommen und die
itige Sicherheit beim Narkotisieren nicht zu verlieren.
Ein Anstaltsleiter schwankt immer zwischen zwei Aufgaben hin
id her. Auf der einen Seite soll er dafür sorgen, dass die Betäubung
iner Kranken in bester Weise vorgenommen wird, auf der anderen
eite soll er die bei ihm zur Ausbildung eingetretenen Praktikanten
id Assistenten in der chirurgischen Technik und vor allem auch in
er Narkose ausbilden. Würde er die Ausbildung der jungen Medi-
ner vernachlässigen und würde er allein von dem Standpunkt aus
indcln. dass eine Narkose nur von dem ausgeführt werden darf, der
»rin die nötige Erfahrung hat, so wäre es am einfachsten, berufs-
iissige Narkotiseure und Narkotiseurinnen anzustellen. Bekanntlich
t in sehr vielen Anstalten die Narkose beständig einer bestimmten
chwester anvertraut, und in England und in Amerika besteht die
inrichtung der berufsmässigen Narkotiseure. Man hat
ich in Deutschland der Einrichtung dieser neuen Facharztgruppe das
'ort geredet. Es wäre aber doch zu bedauern, wenn es in Deutsch-
nd zur Einführung dieser Einrichtung kommen würde. Die Narkose
t eine ärztliche Massnahme, die von jedem Arzt unter den schwie¬
gen Verhältnissen der Landpraxis an jedem Ort und zu jeder Zeit
ltweder von ihm allein, oder unter Beiziehung einer Hilfskraft vor-
mommen werden muss. Wie soll der Arzt eine Schulterluxation
nrichten, wie soll er bei einem schreienden Kinde eine Bruch-
)eration vornehmen, wie soll er eine Wendung ausführen, wenn er
cht eine gute tiefe Narkose einzuleiten imstande ist? Der Arzt muss
lher, bevor er in die Praxis hinausgeht, sich die nötige Sicherheit
der Ausübung der Narkose angeeignet haben. Ich habe es immer
r meine vornehmste Pflicht gehalten, die jungen Mediziner, die zur
usbildung zu mir kommen, gerade in der Kunst der Narkose gut
iszubilden, so dass sie, wenn sie allein auf sich selbst angewiesen
nd. diesen Teil der ärztlichen Tätigkeit vollständig beherrschen,
an dem Standpunkt aus, die Narkose in der Praxis jederzeit vor-
:hmen zu können, habe ich auch im allgemeinen auf die sonst so
irtrefflichen Hilfsapparate (Roth-Dräger, Braun) verzichtet
id halte darauf, dass die Narkose mit den allergewöhnlichsten und
nfachsten Hilfsmitteln vorgenommen wird.
Eine ausführliche Anleitung für die Ausführung der Narkose lässt
:h selbstverständlich nicht in kurzen Worten geben. Wollte man
les, was von Wichtigkeit ist, zusammenfassen, so müsste man viele,
eie Seiten schreiben; wohl aber scheint es mir möglich, auf gewisse
■hier, die bei der allgemeinen Narkose begangen werden, mit bc-
nderem Nachdruck hinzuweisen.
Eine Tatsache, die mir immer wieder auffällt, ist die, dass mancue
;rzte mit sehr geringen Mengen Aether auskommen, wäh-
nd andere ganz unglaubliche Mengen davon verbrauchen. Sicher
•gt die Ursache dafür vielfach darin, dass die Vielverbraucher riiek-
;htslos immer wieder Aether aufschtitten und nicht in der Lage
id, an dem Narkosemittel zu sparen. Manche können aber auch
i dem besten Willen nicht mit geringen Mitteln auskommen. Das
meines Erachtens zum Teil dadurch bedingt, dass der Narkotiseur
:ht fähig ist, ein persönliches Vertrauensverhältnis
rächen sich und dem Kranken herzustellen. Wie geht es denn in
r Regel bei der Narkose zu? Der Kranke liegt zur Operation vor¬
reitet auf dem Tisch, und der mit der Narkose betraute Arzt tritt
nzu, legt die Maske auf und schüttet den Aether auf. Man muss sicii
ir in die seelische Stimmung eines Kranken, der operiert wird,
aeinversetzen, um zu verstehen, welche Erregung seinen Körper
>r dem Eintreten der Narkose durchzittert. Diese Erregung stei-
rt sich in der Regel unter den ersten Einwirkungen des Narkose¬
ittels und verzögert den Eintritt des Erschlaffungsstadiums ganz
deutend. Wie ganz anders ist es, wenn der Arzt an den Kranken
rantritt, ihm einige ruhige Worte sagt, ihn auf die Ungefährlich-
it der Operation hinweist und ihm versichert, dass er bestimmt in
rzer Zeit tief einschlafen werde.
Man hat oft von der Operation in Hypnose gesprochen, und
ist kein Zweifel, dass sich vjele Operationen in Hypnose vornehmen
■isen. Eine gewisse hypnotische Wirkung sollte auch bei jeder mit
emlschen Mitteln vorgenommenen Narkose entfaltet werden. Es ist
r kein Zweifel, dass derjenige, welcher seine Kranken suggestiv zu
einflussen vermag, weniger von dem Narkosemittel verbraucht als
rjenige, welcher sich um den Seelenzustand seines Kranken in
inerWeise kümmert. Der beste Narkotiseur ist derjenige, welcher
ien persönlichen Kontakt zwischen sich und dem Kranken
rzustellen vermag, und ich glaube gewiss, dass darauf der Ruf so
inchen Arztes als eines guten Narkotiseurs beruht.
In München kannte ich einen Kollegen, der als Arzt in keiner Weise
■vas Bedeutendes leistete, der es aber verstand, mit den geringsten Mengen
ther ganz ausgezeichnete Narkosen herbeizuführen. Sicherlich war er
1 solcher Arzt, der seine Kranken gut zu beeinflussen verstand, der allerdings
-h mit allen seinen Sinnen bei der Narkose dabei war und sich um den
’crationsverlauf sonst in keiner Weise kümmerte.
Dass die Narkose — ausser in zwingenden Fällen — nicht im
Jerationssaal eingeleitet werden soll, ist selbstverständlich. Ein
anker, der um sich herum die zur Operation notwendigen Vor¬
bereitungen sehen muss, wird sicherlich weit schwieriger in den
Schlafzustand kommen, als derjenige, der von all diesen Dingen nichts
bemerkt. Die Narkose soll darum unbedingt in einem Neben rau m
des Operationssaales vorgenommen werden.
Auch soll im Narkosenraum vollständige Ruhe herrschen.
Wie oft muss man es erleben, dass sich zwei Aerzte während der
Einleitung der Narkose über irgendwelche gleichgültige Dinge unter¬
halten. Abgesehen davon, dass der Kranke in dieser Unterhaltung
eine grobe Vernachlässigung der von ihm mit Recht verlangten Sorg¬
falt erblicken muss, wird es ihn auch seelisch erregen und den Eintritt
der Narkose verzögern. Dass der Kranke durch entsprechende nar¬
kotische Mittel (Veronal, Morphium) für die Operation vorbereitet
sein muss, ist allbekannt und braucht nicht besonders erwähnt zu
werden.
Dass der Arzt, der eine Narkose unternimmt, sich vorher, wie vor jeder
anderen chirurgischen Massnahme, die Hände reinigen muss, soll,
so selbstverständlich es ist, auch hervorgehoben werden. Ich habe es wieder¬
holt von sehr empfindlichen Damen aussprechen hören, wie unangenehm es
ihnen war, wenn sie bei der »Einleitung der Narkose den an den Händen des
Arztes haftenden Tabakduft einzuatmen hatten.
Die zur Narkose nötigen Instrumente müssen jederzeit
bereitliegen. Wieviele Aerzte sieht man an die Narkose herangehen,
ohne dass sie sich Stieltupfer, Mundkeil, Zungenzange bereitlegen.
Plötzlich tritt eine schwere Zyanose ein; erschrocken schaut der Arzt
sich um, findet natürlich keine Instrumente bereit. Bis glücklich von
einem anderen Gehilfen das Nötige herbeigeschafft ist, vergehen qual¬
volle Sekunden und Minuten. In den Anstalten ist es in der Regel die
Aufgabe der Schwester, alle Instrumente bereitzustellen. Dadurch
werden die jungen Aerzte verführt, sich um diese Vorbereitungen
gar nicht zu kümmern. Jeder, der eine Narkose übernimmt, hat die
Pflicht, sich alle Hilfsmittel, die bei Zwischenfällen benötigt werden,
zurechtzulegen.
Dass eine Narkose nur bei leerem Magen vorgenommen
werden soll, ist selbstverständlich. Bei plötzlich notwendig werden¬
den Operationen (Bauchverletzung bei vollem Magen und ähnl.) ist
der Magen vorher auszuspülen. In jedem Fall von Darmver¬
schluss soll der Operation eine Magenspülung vorangehen. Die
Aspiration des während der Operation erbrochenen Darminhaltes hat
schon wiederholt zu Pneumonien geführt.
Künstliche Zähne sind vor der Narkose herauszunehmeir
Das weiss ein jeder, und doch wird es immer wieder vergessen. Bei
empfindsamen Damen sagt der kluge Arzt nicht: „Haben Sie künst¬
liche Zähne?“, sondern er lässt den Mund öffnen und sieht selbst
nach. Findet er ein künstliches Gebiss, so verschwindet er für eine
Minute und lässt durch die Schwester den Zahnersatz entfernen.
Mit welchen Mitteln die Narkose durchgeführt werden soll, dar¬
über soll hier eine Erörterung nicht stattfinden. Kurz hervorheben
darf ich nur, dass das einzige Mittel, das jeden gefährlichen
Zwischenfall bei der Narkose ausschliesst, der Aether ist. Grund¬
sätzlich soll daher zur Narkose kein anderes Mittel als der Aether
Verwendung finden. Chloroform darf niemals, ausser auf besondere
Anordnung des Operateurs, gebraucht werden. Auch das im Kriege
zu einer gewissen Berühmtheit gelangte Choräthyl ist als viel zu
gefährlich von der Verwendung bei der Narkose auszuschliessen. Der
kurze Chloräthylrausch lässt sich in bester Weise durch den Aether-
rausch ersetzen.
Die Kunst des Aetherrausches ist eine so wichtige, dass sie
ganz besonders von jedem jungen Mediziner geübt werden muss.
Dass mit der Einleitung des Aetherrausches nicht eher begonnen wer¬
den darf, als bis alles zur Narkose hergerichtet ist, ist .selbstverständ¬
lich. Die Operationsstelle muss abgedeckt sein, Operateur und Ge¬
hilfen stehen fertigdesinfiziert bereit.
Zur Einleitung des Aetherrausches bediene ich mich trotz aller
gegenteiligen Empfehlungen am iiebsten der J u 1 1 i a r d sehen Maske.
Ich muss gestehen, dass ich mit der gewöhnlichen E s m a r c h sehen
Maske nie so gut zurecht gekommen bin. Auch bei dem Aetherrausch
muss der Narkotiseur sich vor allen Dingen mit seinem Kranken in
einen gewissen seelischen Kontakt setzen, ihm freundlich Zureden
und ihm die Harmlosigkeit des Eingriffs klarmachen. Man fordert
den Kranken auf, langsam zu zählen und nähert erst dann, wenn er
ruhig zählt, die mit 10 — 20 g Aether beschickte Maske langsam dem
Gesicht. Diese grosse Aethermenge ist dem Kranken in der Regel
sehr unangenehm; er macht Abwehrbewegungen und atmet nicht.
Nichts ist unsinniger, als jetzt mit Gewalt die Narkose erzwingen zu
wollen. Die Regel heisst: Maske noch einmal wegnehmen und kurze
Zeit frische Luft einatmen lassen, danach wiederum Maske dem Ge¬
sicht nähern.
In der Regel genügen 10 — 20 g Aether. Nur wenn nach 3 Minuten
der Rausch nicht eintritt, soll man noch einmal 10 g nachgiessen. Beim
Nachgiessen des Aethers darf die Maske nur ganz kurze Zeit gelüftet
werden. Dazu muss die geöffnete Aetherflasche mit der rechten
Hand bereitgehalten werden. Die linke Hand legt die Maske um, und
die rechte giesst schnell etwas Aether hinein.
Dass der Narkotiseur über den Stand der Narkose und
über das Befinden seines Kranken stets unterrichtet sein muss, ist
eine selbstverständliche Forderung. Erfüllen kann dieselbe nur der¬
jenige, der ständig auf Puls, Atmung, Pupillen, Gesichtsfarbe, Muskel-
spannung achtet. Wie der Steuermann Kurs und Geschwindigkeit
seines Schiffes stets anzugeben in der Lage sein muss, so muss der
Narkotiseur in jedem Augenblick Auskunft über das Befinden seines
1094
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33.
Kranken erstatten können. Wie oft erlebt man das Gegenteil! Auf
die Frage: „Wie ist der Puls?“ erfolgt ein hastiger Griff nach der
Radialis. Auf die Frage: „Wie sind die Pupillen?“ werden die Lider
schnell auseinandergezerrt. Der gute Narkotiseur prüft ständig ohne
Hast und Unruhe das Verhalten von Puls und Pupille; alsdann wird
er nie durch einen Zwischenfall überrascht werden und wird stets
wissen, ob er mehr Aether aufgiessen soll, oder ob er eine Unter¬
brechung der Aetherzufuhr eintreten lassen kann.
Als ein höchst unzweckmässiges Verfahren zur Bestimmung der
Narkose muss die Prüfung des Hornhautreflexes be¬
zeichnet werden. Man kann Narkotiseure sehen, die in Zwischen¬
räumen von einer Minute und weniger die Lider auseinander zerren
und die Hornhaut mit dem Zeigefinger betupfen. Abgesehen davon,
dass dieses Verfahren in keiner Weise zuverlässige Resultate ergibt,
ist es auch geeignet, die wertvolle Kornea in unangenehmster Weise
zu schädigen. Bei uns ist das Betupfen der Kornea verboten. Zur
Beurteilung der Narkosentiefe sind die obengenannten Zeichen durch¬
aus genügend. Als beste müssen die Pupillenreaktion und die Muskel¬
spannung bezeichnet werden, die leidet viel zu wenig geprüft
werden. In der tiefen Narkose soll die Pupille eng sein, aber auf Licht
noch gut reagieren. Auf diesem Stande der Pupille muss die Narkose
erhalten werden. Zur Prüfung der Muskelspannung sind leichte Beuge-
und Streckbewegungen an einem Arm in der Regel genügend. Nur
im Ausnahmefall kann es erlaubt werden, die Haut mit einer Pinzette
leicht zu zwicken; das ist immer noch harmloser als ein Betupfen
der Hornhaut.
Die Haut ist der empfindlichste Teil des Menschen und darum
muss bei der Durchtrennung der Haut, d. h. im ersten Augenblick
der Operation, die Narkose am tiefsten sein. Statt dessen erlebt man
nur zu oft im Anfang der Operation eine ungenügende Tiefe der Nar¬
kose: Der Kranke macht eine hastige Abwehrbewegung, fährt mit
der Hand ans Operationsgebiet, reisst die Tücher weg, macht die
Asepsis zunichte und bringt einen temperamentvollen Operateur in
eine mehr oder weniger heftige Erregung. Bei einem guten Nar¬
kotiseur darf so etwas nicht Vorkommen.
Nach dem Hautschnitt darf die Tiefe der Narkose in der Regel
nachlassen. Das gilt besonders für manche Laparotomien. Bei
manchen Magen- und Darmresektionen kann man, sobald die Bauch¬
höhle eröffnet ist, und die Organe zur Resektion freigelegt sind, die
Aetherisierung vollständig aussetzen. Da die viszerale Serosa bei
den meisten Menschen unempfindlich ist, so kann man in solchen
Fällen viel Aether sparen. Zur Verhütung der postoperativen Pneu¬
monien ist das sicher von Vorteil.
Für die Bauchdecken naht muss dagegen die Narkose
wieder tiefer werden. Bei einem unerfahrenen Narkotiseur
geschieht es nur zu oft, dass bei der Naht des parietalen Peritoneums
der Kranke anfängt zu spannen und so die Naht ausserordentlich
erschwert. Ein vorsichtiger Narkotiseur wird schon einige Zeit vor
Beginn der Bauchdeckennaht die Narkose wieder tiefer werden
lassen.
Die Asphyxien mit plötzlichem Aussetzen des Pulses, maxi¬
maler Erweiterung der Pupillen und leichenartiger Verfärbung des
Gesichtes, wie sie bei der Chloroformnarkose nur zu häufig und jedem
Chirurgen in furchtbarster Erinnerung sind, kommen bei der Aether-
narkose nicht vor. Dadurch ist die Aethernarkose der Chloroform¬
narkose so bedeutend überlegen, und der Operateur kann sich weit
unbesorgter der Arbeit an der Wunde widmen. Derjenige Nar¬
kotiseur würde aber schlecht beraten sein, der nun ohne die nötige
Sorgfalt und Aufmerksamkeit an die Narkose herangehen würde. Nar¬
kosenzwischenfälle kommen auch in der Aethernarkose genügend vor
und verlangen die vollständige Umsicht des mit der Narkose be¬
trauten Arztes.
Die Zwischenfälle der Aethernarkose betreffen in der Regel die
Atmung und sind fast ausschliesslich dadurch bedingt, dass in der
tiefen Narkose die Zunge mit dem Unterkiefer zurücksinkt und den
Atmungsweg im Rachenraum verlegt. Bei einem sorgfältigen Nar¬
kotiseur wird solch ein Zwischenfall nicht Vorkommen. Wie oft aber
trifft man einen sorglosen oder unfähigen Narkotiseur, der die
Atmungsstörung nicht merkt. Er hört nicht das Rasseln und er sieht
nicht die Zyanose. Der Operateur sieht an dem schwarzen Blut, dass
etwas nicht in Ordnung ist; er schaut nach und findet Gesicht und
Lippen des Kranken zwetschgenblau verfärbt. Da§, is* der höchste
Grad der Unwissenheit und Gleichgültigkeit. Einem Narkotiseur, bei
dem so etwas vorkommt, darf kein Kranker anvertraut werden, bis
er einen Beweis seiner Besserung erbracht hat.
Der andere unerfahrene Narkotiseur sieht die Zyanose und ver¬
sucht, die Zunge und den Kiefer nach vorn zu bringen, verwendet alle
in der Mehrzahl der Fälle durchaus ungeeigneten Handgriffe. Er legt
den Zeigefinger an den Kieferwinkel und die Daumen auf das Mittel¬
stück des Unterkiefers, arbeitet krampfhaft an dem Unterkiefer her¬
um, kommt aber in keiner Weise zum Ziel. Der Kranke bleibt blau.
Also Zunge heraus! Es vergehen qualvolle Sekunden, bis glücklich
die krampfhaft aufeinandergepressten Zahnreihen auseinander¬
gebracht sind, und nun liegt die Zunge ganz hinten, für die Zange
schwer erreichbar. Unruhig fährt der Narkotiseur in die Mundhöhle
hinein, ohne die Zunge zu erreichen. Mittlerweile presst der Kranke
den Unterkiefer wieder zu. Der Versuch wird wiederholt, und nach
vie'en qualvollen Sekunden ist endlich die Spitze der Zunge erfasst
und die Zunge vorgeholt; die Zyanose hört auf.
So darf es nicht gemacht werden! Ein guter Narkotiseur merkt
an der leichten blauen Färbung des Gesichts oder an der ras¬
selnden Atmung, dass der Luftweg nicht frei ist. Sofort trifft er scint
Gegenmassregeln und schiebt den Unterkiefer ruhig und gleichmässip
nach vorn. Dazu legt er die Daumen auf die Schläfe und die Stirn
und die flache Hand auf das Ohr, so dass die Spitze der Zeigetingei
an den Kieferwinkeln liegt. Durch einen allmählich gesteigertei
Druck der Zeigefinger wird der Kiefer langsam nach vorn geschoben
Dass der Unterkiefer nach vorn gebracht worden ist, merkt mai
daran, dass die untere Zahnreihe vor der oberen steht Leider sieh
man noch immer manchen Narkotiseur, der von vorn her den Daume;
auf das Mittelstück des Unterkiefers legt und mit dem hakenförtnh
gekrümmten Zeigefinger den Kiefer vorzuziehen sucht: Er macht s(
gewöhnlich die Sache noch schlimmer und bringt den Unterkiefei
noch mehr nach hinten.
Wenn trotz dieser richtig angewendeten Handgriffe die Zyanost
nicht verschwindet, so muss der Mund geöffnet, der Rachen ausge¬
wischt und die Zunge vorgezogen werden. Das Mundöffnen wird an
besten mit dem alten guten Holzkeil vorgenommen, der in scho¬
nender Weise zwischen die Zahnreihe eingeschoben werden kann
Man geht mit der Zange ruhig in die Mundhöhle hinein, fasst di«
Zunge breit und zieht sie vor. Fasst man die Zunge nur an de
Spitze, so gleitet die Zange gleich ab, und der Handgriff muss wieder
holt werden. Auch verursacht eine nur an der Spitze gefasste Zunge
später die heftigsten Schmerzen, wie überhaupt das Quetschen de-
Zunge durch die Zange dem Kranken später recht unangenehme Be
schwcrden verursacht.
Als Zange hat sich am besten eine Ringzange bewährt mi
guter Sperrvorrichtung, in der die Zunge sicher liegt. Der Narkotiseu
muss die Zange vor Beginn der Narkose prüfen und an seinen
eigenen Finger ausprobieren, wie er sie anzulegen hat. Jeder Studie
rende sollte mindestens einmal Gelegenheit haben, an einem narkoti
sierten Kranken den Mund zu öffnen und die Zunge hervorzuziehen
Besser als die Anlegung der Zungenzange ist oft das Durch
ziehen eines Fadens durch die Zunge. Dieser 'Faden kan’
während der ganzen Dauer der Operation liegen bleiben und ver
ursacht später dem Kranken keine Beschwerden.
Das völlige Aussetzen der Atmung, ohne dass ein mechanische
Hindernis vorliegt, kommt bei der Aethernarkose höchst selten vor
Dass in einem solchen Fall sofort die künstliche Atmun
einzuleiten ist, versteht sich von selbst. Nähere Vorschriften für di
künstliche Atmung fallen nicht in den Rahmen dieses kurzen Aulj
satzes.
Erbrechen tritt in der Regel nur dann auf, wenn die Tiefe de
Narkose nachlässt. Das beste Mittel gegen das Erbrechen ist ein
Vertiefung der Narkose. Vorher muss selbstverständlich das Erbro
ebene aus dem Rachen entfernt werden und ein Hineinfliessen in di
Luftröhre verhütet werden. Ganz unzweckmässig ist es, dazu de
Kopf zu heben und so die erbrochene Flüssigkeit zu entfernen. De
Kopf muss im Gegenteil nach hinten gesenkt und auf die Seite gelev
werden. Der Mund wird geöffnet, Rachen und Wangentaschen wer
den mit Stieltupfern ausgewischt. Sind die Atmiuigswege frei, s
gebe man ruhig Aether nach.
Ein besonderes Wort ist noch über die Einleitung der Narkos
bei Kindern zu sagen. Auch bei Kindern benutzen wir zur Allgc
meinbetäubung grundsätzlich nur Aether. Da aber die Einleitung de!
Narkose mit Aether viel länger dauert als mit Chloroform und da di
Kinder beim Einatmen des unangenehmen Geruchs sehr aufgeret
werden, oft andauernd schreien, so beginne ich bei Kindern untc
10 Jahren die Narkose mit Chloroform. Natürlich mit äusserster Voi
sicht Tropfen für Tropfen. Bei Kindern unter 6 Jahren verfahre
wir auf folgende Weise. Man beschickt je nach dem Alter die Mask
mit dreimal soviel Tropfen Chloroform als das Kind Jahre zählt un
lässt das Chloroform solange einatmen, bis das Kind zu schreien au
hört. Dann sofort Maske weg und mit Aether fortfahren.
Man versäume nicht, bei unverständigen Kindern vor Auflege
der Maske die Hände durch einen Gehilfen gut festhalten zu lasse
Es gewährt einen zu hässlichen Anblick, wenn das Kind sofort beii
Auflegen der Maske mit seinen Händchen die Maske ergreift un
wegreisst, und wenn erst nach einem erbitterten Kampfe der ungeübt
Betäuber die Maske wieder auf das Gesicht auflegen kann. Die VoJ
schrift heisst also: Die Hände durch einen Gehilfen sicherhalte
lassen, die Maske mit 3—18 Tropfen Chloroform beschicken und er-
dann schnell auf das Gesicht auflegen. Ganz falsch würde es sei
wenn man erst die Maske auflegen und dann das Chloroform «u
träufeln würde. ^
Ist das Kind ruhig, sofort Chloroform weg und Aether auftropfei
Auch Säuglinge lassen sich ohne Schwierigkeit mit Aether narkot
sieren, wenn man sie mit Chloroform über das erste Erregung
Stadium hinübergebracht hat.
Es konnte hier nur auf einige wenige Punkte cingegangen we
den, die bei der Ausführung der Allgemeinnarkose von besonder’
Bedeutung ist. Dass daneben noch unendlich viele andere Diw
zu beachten sind, sei nochmals ausdrücklich betont. Insbesondei
sei hier hervorgehoben, dass auch die Art der Vorbereitung des Kra:
ken vor der Narkose von grösster Bedeutung ist.
Trotz aller Fortschritte der örtlichen Betäubung bleibt die All a-
meinbetäubung auch in Zukunft unentbehrlich. Jeder Arzt hat da
um die Pflicht, sich mit derselben vertraut zu machen und sich in d’
Ausführung derselben zu üben. Ein Meister in der Narkose wird tu
derjenige sein, der sich immer wieder von neuem in ihrer Ausführin
zu vervollkommnen sucht.
7. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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Bücheranzeigen und Referate.
Ernst Löwenstein: Handbuch der gesamten Tuberkulose,
ierausgegeben mit 36 Mitarbeitern. Bd. 1, 1. Teil mit 26 teils farbi-
;en Textabbildungen und 6 teils mehrfarbigen Tafeln. 2. Teil mit
0 Textabbildungen. Urban öl Schwarzenberg, Berlin-Wien.
044 S.
Die rege Arbeit auf dem Gebiet der Tuberkulose Jiat erst neuer-
ings eine gründliche Zusammenfassung erfahren in der 3. Auflage
es grossen Sammelwerkes von Brauer, Schröder und B 1 u -
lenfeld (vgl. diese Wschr. 1923 Nr. 17 S. 539). Bezüglich der
erhütung und Behandlung schienen nach dem Kriege in Deutschland
owie auch im Ausland die ausgedehnten Bekämpfungs- und Behand-
jngsmassregeln nicht ohne Einfluss geblieben zu sein, indem die
•terblichkeit erheblich herunterging. Die Nachkriegszeit zeigte aber
utlich, dass für die Höhe der Ausbreitung der Volksseuche
tärkere Einflüsse massgebend sind, als die ärztliche Kunst bisher
u entfalten imstande ist. Um so weniger dürfen wir in unsern Be-
trebungen nachlassen. Deshalb ist das vorliegende Sammelwerk
lit Freuden zu begrüssen. Es stellt sich zur Aufgabe, nach einer
rägnanten Schilderung der Pathologie und Klinik der Tuberkulose
ine genaue Kenntnis der Heilfaktoren und genaue Angaben über die
echnik der Heilbehandlung zu vermitteln. Der Herausgeber sagt im
orwort: „Krankenhaus und Heilstätte können nur kurze Etappen
n langwierigen Verlauf der Tuberkulose sein; der Schwerpunkt der
uberkulosebehandlung liegt eben in der ambulatorischen Behand-
ung, d. h. in den Händen des praktischen Arztes“. Das ist sehr
ichtig und heutzutage richtiger als je. Aber das erstrebenswerteste
liel der Tuberkulosebehandlung ist in. E. doch immer eine möglichst
tilge ausgedehnte ärztliche Ueberwachung in einem Krankenhaus
der einer Heilstätte oder, wenn diese nicht möglich, in einer ähn¬
elten hausärztlichen Behandlung, nicht die eigentliche ambulatorische
lehandlung, die die notwendige strenge Beaufsichtigung des Kranken
mmöglich erscheinen lässt. — Der vorliegende 1. Band, der all-
:emeine Teil, enthält die Statistik von L. T e 1 e k y - Düsseldorf.
Venn uns die Zahlen auch bekanntlich nicht immer die Wahrheit
agen, besonders die statistischen Ergebnisse des Auslandes nicht
nmer mit den unsrigen vergleichbare Resultate geben, so sind doch
olche Zusammenstellungen unleugbar von Wichtigkeit. Es folgt
ine gründliche Besprechung der Gefässtuberkulose von
i. Liebermeister - Düren i. W., eines Gebietes, das in neuerer
.eit durch die Arbeiten von Liebermeister wieder in den Vor-
ergrund gerückt ist. Mehrere farbige Tafeln erläutern die Vorgänge
n den üefässen. Leider fehlen Literaturangaben. Das für Vorher-
agung und Behandlung gleich wichtige Kapitel der anatomi-
chen und klinischen Formen der L ungent uberku-
ose liegt in den Händen von A. B a c m e i s t e r - St. Blasien, der
uch ein neues Schema vorschlägt. Ausreichenden Aufschluss über
ie allgemeinen Grundlagen der Strahlentherapie
rhält der Leser durch W. Hausmann-Wien; über die physi-
alisch-chemischen und biologischen Grundlagen durch R. Gassul-
Jerlin. ln beiden Abschnitten mit reichlichen Angaben aus dem
>chrifttum. ln dem Artikel das. Hochgebirgsklima kommt der
rfahrenc Praktiker O. A m r e i n - Arosa zum Wort; über den H e i 1 -
vert des Seeklimas werden wir von dem verstorbenen
. G 1 a x unterrichtet. Bemerkungen über Bau und Einricii-
ung von Lungenheilstätten stammen von 0. Frank-
u r t e r - Wien ; solche über Auswahl der Kranken für die
Lungenheilstätten von K. M e y e r - Berlin. Die eigentliche
ichilderung der Anstaltsbehandlung der Lungentuber¬
ul ose liefert A. Grau- Honnef, ln der Statistik der Heil-
tättenerfolge kommt L. T e 1 e k y zu einem verhältnismässig
.ünstigen Ergebnis unter der Voraussetzung, dass sie nur eine Etappe
uf dem langen Weg der Tuberkulosebehandluiig darstellt. In dem
Abschnitt Schwangerschaft und Tuberkulose wird von
i. Frischbier - Beelitz besonders die Frage der künstlichen
Jnterbrechung der Schwangerschaft eingehend er-
»rtert. In dem sehr beachtenswerten Abschnitt über die theo-
eti sehen Vorraussetzungen der Inhalations-
h e r a p i e von dem Pharmakologen W. H e u b n e r wird das, was
liese vielgeübte Methode erwarten lässt, auf das richtige Maass zu-
ückgeführt, während die praktische Inhalations- und
'neumotherapie mit zahlreichen Abbildungen von M. Oster-
nanu- Wien geschildert wird. Die Atmungstherapie ist von
- Hofbauer - Wien besprochen. Es folgen lesenswerte Darstel-
ungen des Fürsorgewesens in Oesterreich und
Deutschland von A. G ö t z 1 - Wien und in den Vereinig-
en Staaten von J. W e 1 s h - Philadelphia, sowie des Kampfes
;egen die Tuberkulose in romanischen Ländern
on J. B. D a r d e r - R o d e s - Barcelona. Den Schluss des 1. Ban¬
les bilden die physiologischen Grundlagen der Er-
1 ä h r u n g von A. D u r i g - Wien, deren weitläufige Darstellung —
’ei aller Anerkenung des hohen Wertes für die Behandlung der
I uberkulose darf man es wohl sagen — einen unverhältnismässig
uossen Raum, beinahe die Hälfte des ganzen Bandes einnimmt. —
'•ach den bisher vorliegenden Arbeiten kann man das vorzüglich
msgestattete Werk den Forschern auf dem Gebiet der Tuberkulose-
'ehandlung ebenso wie den klinischen Lehrern und den Acrzten auf
las angelegentlichste empfehlen. P e n z o 1 d t.
Neue deutsche Chirurgie, begründet von P. v. B r u n s, heraus¬
gegeben von H. Küttner- Breslau. 30. Bd., a u. b. Otto W.
Madelung: Die Chirurgie des Abdoiniualtyphus. Verlag von
Ferd. Enk e, Stuttgart 1923.
Wenngleich der Typhus durch die Arbeit der Hygieniker im all¬
gemeinen seltener geworden, so flackert er besonders nach Kriegen in
grösseren Städten immer wieder auf und ist (wie Madelung im Vor¬
wort zu seinem umfassenden Werk hervorhebt) noch heute ein sehr wich¬
tiger Teil der Arbeit, die die Aerzte zu leisten haben und an der sich
auch die Chirurgen voll beteiligen müssen. Durch 36 jährige Arbeit in
Gegenden, in denen Typhus relativ häufig, hat M. grosse spezielle Er¬
fahrungen sammeln können und unter eingehender Berücksichtigung
der hauptsächlich in ausländischen Zeitschriften zerstreuten reichen
1 yphusliteratur als Abschluss seines Lebenswerkes ein bisher fehlen¬
des diesbezügliches deutsches Werk erstellt, das speziell die in
steigender Bedeutung sich ergebenden chirurgischen Indikationen
und die chirurgische Behandlung der typhösen Erkrankungen um¬
fassend darstellt, u. a. den Einfluss von Typhus auf Heilung von Wun¬
den und Knochenbrüchen, die Veränderungen im Knochen (Schädel,
Beckenknochen, Kreuzbein etc.), die relativ häufigen Rippenknorpel¬
affektionen, die üelenkerkrankungen, Hämatome und Muskelruptureil
sowie die Erkrankungen der Blutgefässe (Thrombophlebitis und
Arterienthrombose mit ihren Folgen, die Lymphdrüsenerkrankungen
etc. im Typhus unter steter Berücksichtigung der Pathogenese, des
Bazillenbefundes, der Diagnose und therapeutischer Einzelheiten ein¬
gehend bespricht. Besonders ausführlich wird die typhöse Darm¬
perforation und Peritonitis (deren Literatur allein 24 Seiten einnimmt)
dargestellt (bei deren oft diagnostischer Unsicherheit ev. der ex-
plorative Bauchschnitt angezeigt erscheint). Die Technik und Nach¬
behandlung werden im einzelnen besprochen und u. a. hervorgehoben,
dass das E s c h e r sehe Verfahren (Bildung eines Notafters als Er¬
gänzung der Laparotomie unter Umständen der Darmnaht vor¬
zuziehen ist und dass der Drainiierung bei Behandlung der Peritonitis
grosse Bedeutung beizumessen ist: Die statistischen Ergebnisse, dass
in etwa Va der Operationen auf Heilung zu rechnen sei, sind wohl
zu günstig, da eben viele nicht erfolgreiche Operationen unbekannt
bleiben. Nach Madelungs Ansicht kommt die Angabe von
M i c h a u x, dass nach Operation 7 — 8 Proz. geheilt worden sind,
der Wirklichkeit näher. Weitere eingehende Besprechung finden die
Appendix vermiformis im Typhus, die Veränderungen des Meckel-
schen Divertikels, Darminvagination und Volvulus bei Typhus, eben¬
so die chirurgisch wichtigen Veränderungen der Mesenterialdrüsen,
auch die Peritonitis ohne Perforation sowie einige Spätfolgen der
typhösen Darmerkrankungen (Darmwandstrikturen, Darmverschluss
durch peritonitische Bildungen, parazoekaler Spätabszess werden
entsprechend berücksichtigt und auch über einige Versuche, den
Meteorismus, die Koprostase, die Darmblutungen bei Typhuskranken
chirurgisch zu behandeln, wird berichtet. Die von Prof. C. Adrian
gelieferte Darstellung der Hautveränderungen im Typhus erscheint
in Anbetracht der speziellen chirurgischen Bedeutung des Werkes
fast etwas zu ausführlich. Im zweiten, 411 Seiten starken Teil wer¬
den in gleicher Ausführlichkeit und unter Berücksichtigung ent¬
sprechender Kasuistik die Veränderungen des Afters und Mastdarms
im Typhus und ihre Folgen, die Geschwüre des Magens und Zwölf¬
fingerdarms, die Veränderungen des Mundes, Erkrankungen der
Kieferknochen etc., die Veränderungen der Speicheldrüse und der
Gallenwege, u. a. auch die typhösen Leberabszesse, Milzabszesse, die
Veränderungen der Schilddrüse, der Harn- und Geschlechtsorgane
im Typhus unter Würdigung der Bazillenbefunde, der diagnostischen
und therapeutischen Verhältnisse eingehend besprochen, auch die
Frage der ev chirurgischen Behandlung der Typhusbazillenstuhl¬
ausscheider entsprechend gewürdigt.
v. H i n s b e r g- Breslau gibt die ausführliche Besprechung der
Veränderungen des Kehlkopfs im Typhus (typhöses Geschwür, Peri-
chondritis laryngea typhosa nach Pathogenese, Diagnose, Therapie,
schildert auch die sekundären Narbenstenosen und deren Behandlung,
die typhöse Larynxgangrän und posttyphöse Postikuslähmung.
J. Zange- Graz bespricht in ebenfalls eingehender Weise die
Veränderungen des Ohres beim Typhus, sowohl des äusseren als des
Mittel- und Innenohres und die Folgeerkrankungen im Schädel.
Max B a r u c h - Berlin berichtet über den Paratyphusbazillus A
und B als Erreger chirurgischer Erkrankungen und bespricht das kli¬
nische Bild, die Diagnose paratyphöser Prozesse (Leberabszesse,
Gallenblasenentziindungen, sowie die Erkrankungen des Respirations-
traktus und des kardiovaskulären Systems, des Urogenitalapparats,
der Muskulatur, der Knochen und Gelenke beim Paratyphus.
Das im Vergleich mit anderen Bänden der Neuen deutschen
Chirurgie etwas umfangreiche Werk Madelungs wird in allen
das spezielle Gebiet der chirurgischen Veränderungen im Typhus be¬
treffenden Fragen entsprechende Belehrung geben und ist um so mehr
zu begrüssen, als das bisher einzige Werk über das betreffende Spe¬
zialgebiet von dem Amerikaner William Keen von 1898 die neue¬
sten chirurgischen Erfahrungen nicht geben kann und die Made¬
lung sehe Arbeit, die sonst schwer auffindbare diesbezügliche Litera¬
tur in seltener Vollständigkeit zugänglich macht. Sehr.
F. Penzoldt: Lehrbuch der klinischen Arzneibehandlung. Für
Studierende und Aerzte. Mit einem Anhang: Chirurgische Technik
der Arzneianwendung von M. v. Kryger. 10., neubearbeitete Auf¬
lage. Jena, 1923. G. Fischer. Grdpr.: 9 M., geb. 11M.
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MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T
Nr. 3
Vor nunmehr 33 Jahren hat der Verfasser erstmalig den glück¬
lichen Gedanken zur Ausführung gebracht, den gebräuchlichen von
Pharmakologen verfassten Arzneimittellehren ein Lehrbuch der Arz¬
neibehandlung an die Seite zu stellen mit der ausgesprochenen Ab¬
sicht, den Hauptnachdruck auf die am Krankenbett beobachtete Ver¬
wendbarkeit zu legen. Kein anderer war zur Lösung dieser Aufgabe
besser berufen, als der Verfasser, der damals noch den Kliniker und
Pharmakologen in einer Person vereinigte. Der grosse Erfolg des
Werkes hat gezeigt, dass für den Praktiker wie für den Studierenden
ein wirkliches Bedürfnis nach einer derartigen, auf eigene klinische
Erfahrungen gestützte Bearbeitung, die gleichzeitig der pharmakolo¬
gischen Forschung gebührende Rechnung trägt, bestanden hat. Die
Aerzteschaft muss es dem verdienten Kliniker und dem langjährigen
Vorsitzenden der Deutschen Arzneimittelkommission besonders dan¬
ken, dass er selbst im Ruhestand nicht müde geworden ist, sein
Lehrbuch aufs neue der Zeit anzupassen. Nach einer Pause von nur
VA. Jahren erscheint es in 10. Auflage. Unermüdlich hat der Ver¬
fasser wieder neben den alten die Hochflut neuer Arzneimittel, die
„täglich wie Pilze aus der Erde wachsen“, durchmustert und mit
strenger Kritik gesichtet. Von hoher Warte ist er immer wieder be¬
strebt, „die Kollegen und dadurch die Kranken vor Schaden durch
irreführende Reklame zu schützen“. Um dem Leser das Urteil und
die Wahl zu erleichtern, ist die erprobte Methode beibehalten wor¬
den, Wichtiges und Wertvolles gegenüber dem Entbehrlichen durch
Anwendung verschiedener Druckschriften zu kennzeichnen. Wiewohl
die neue Auflage den alten Bestand durch manche brauchbare, oder
doch des Versuches werte neue Arzneimittel ergänzt, ist es doch
gelungen, eine Vergrösserung des gesamten Umfanges zu vermeiden.
Die praktische Anordnung und übersichtliche Darstellung des spröden
Stoffes und nicht zum wenigsten das nach klinischen Gesichtspunkten
zeitgemäss zusammengestellte „Therapeutische Register“ verleihen
dem Werk in seiner neuen Gestalt wiederum den Wert eines auf
allen Gebieten der Arzneiverordnung zuverlässigen Ratgebers,^ wozu
auch die im Anhang beigefügte anschaulich geschriebene „Chirur¬
gische Technik der Arzneibehandlung“ M. v. Krygers das ihrige
beiträgt. Möchte es dem Verfasser noch oft beschieden sein, die so
dringend notwendige Generalmusterung der Arzneimittel zu wieder¬
holen! Stintzing.
Karl Rosenberger: l)ie Stationsschwester. Ein Führer durch
die praktische Tätigkeit der Krankenschwester. Berlin, 1923, bei
Springer. 88 S. 8°. Grdpr.: 2.40 M.
Das anregend geschriebene Büchlein beabsichtigt nicht, Lehr¬
bücher zu ersetzen, wie etwa das von Lindemann, oder zur
Examensvorbereitung zu dienen, wie das Büchlein von Häring,
sondern will in erster Linie der schon ausgebildeten Schwester Er¬
gänzung ihres Wissens geben. Vermöge der nach praktischen Gesichts¬
punkten gewählten Disposition, die von der gewöhnlichen abweicht,
ist es sehr geeignet, bei den verschiedenen typischen Tätigkeiten der
Schwester als praktischer Ratgeber zu dienen, so dass es neben dem
für Fortbildungszwecke ebenfalls vorzüglichen, aber anders gearteten
Buch von Kulenkampf doch seinen eigenen Wert behält und der
fertigen Schwester aufs wärmste empfohlen werden kann.
Kerschensteine r.
Walter Lindemann: Schwestern-Lehrbuch für Schwestern
und Krankenpfleger. 4. und 5., umgearbeitete Auflage. München,
Bergmann. 1923. 419 S. Gr, 8°. Mit 440 Abb.
Das vorzüglich geschriebene Lehrbuch hat sich bewährt und gut
eingeführt. Die neue Auflage ist bereichert durch einen kurzen Ab¬
schnitt über „die Röntgenschwester“. Auch die Abbildungen, die
ein besonderer Vorzug des Buches sind, erfuhren Ergänzungen und
Bereicherung. Kerschensteine r.
B u ni k e: Psychologische Vorlesungen. Bergmann, München,
1923. 168 S. Gdpr.: 4 M.
Kurze klare Behandlung der Psychologie, im wesentlichen vom
naturwissenschaftlichen Standpunkt. Das stark individuelle Gepräge
gibt ihr ein besonderes Interesse, mag aber auch in anderer Hinsicht
ein Nachteil sein. Für den Verfasser liegt in dem Kapitel über Unter¬
bewusstsein, Psychanalyse und Dualismus der Seele in gewissem
Sinne sein „psychologisches Glaubensbekenntnis“.
E. B 1 e u 1 e r - Burghölzli.
Vorberg: Zusammenbruch. München, Gmelin, 1922. 2. Heft
1923. 47 S. gr. Form. Leuthold, Rethel, v. Gogh (das erste
Heft siehe M.m.W. 1922, S. 1516).
Keine Pathographien gewöhnlichen Stils, sondern kurze Skizzen
über drei Künstlerleben mit ihrer Leistung und ihrem Untergang.
Wohl sind die Tatsachen mit wissenschaftlichem Ernst gesammelt
und gesichtet, wohl unterbrechen einige für den Laien berechnete
Bemerkungen über Ursachen und Erscheinungen von Paralyse und
Schizophrenie Darstellung und Stimmung, aber Inhalt und Ausdruck
formen die drei Schicksale zu gerade in ihrer Knappheit erschüttern¬
den Tragödien. Zwar nicht die Studierstube, aber um so eher den
Salon des Arztes wird das künstlerisch hervorragend ausgestattete
Heft zieren. E. Bleuler- Burghölzli.
Dermatologisches Uebersichtsreferat.
(1. Halbjahr 1923.)
Von Dr. Julius K. M a y r.
Ueber die Art und Häufigkeit der Hautveränderungen b
Schwangeren berichtet Jordan (Zbl. f. Haut- u. Geschl.Krkh. 8, H.
im Anschluss an eigene Reihenuntersuchungen. Er konnte bei 'A a!
Schwangeren, ausser den allen zukommenden Rigmentationen der Linea al
und der Brustwarzen, auch an anderen Hautstellen Piginentationen find'
Diese bestehen in Flecken an den verschiedensten Teilen des Gesichtes in c|
Art der Epheliden und lassen sich von diesen in der Hauptsache nur dur
ihren meist grösseren Umfang unterscheiden. Daneben können sie eil
flächenhafte Ausdehnung annehmen. Ihre Lokalisation ist ganz unregelmässl
anscheinend spielen bei ihrer Entstehung auch Druck oder Sonnenlicht ei
gewisse Rolle. So gut wie immer fand sich ferner bei den Schwangeren i
Dermographismus von verschiedener Intensität. Er ist desto stärker,
jünger das betreffende Individuum ist. Seine Prädilektionsstellen sind Bru
Bauch und Rücken. Andere Veränderungen an der Haut von Schwanger
sind viel seltener. Am öftesten kommt noch Pruritus vor. Fast alle Ha
Veränderungen treten erst um die zweite Hälfte der Schwangerschaft auf, i
Jucken erlischt kurz vor oder bald nach der Geburt, die Pigmentationen geh
nach der Geburt ganz allmählich zurück. Liegen nun bei diesen Veräm
rungen die Zusammenhänge mit der Schwangerschaft einfach, so ist dies I
den sogen. Schwangerschaftsdermatosen, der Impetigo herpetiformis und d
Dermatitis gestationis nicht ohne weiteres der Fall. Die Unterschiede zwisch
Herpes gestationis und Dermatitis herpetiformis liegen ja in der Hauptsac
nur darin, dass die Krankheit in dem einen Falle nur bei Schwangeren a
tritt. Da nun die Fälle von Dermatitis herp. wesentlich häufiger beobach
werden als diejenigen von Herpes gestationis, so scheint keine genügen
Berechtigung zu bestehen, letztere als selbständige Krankheit abzugrenzu
Schwieriger ist die Klärung bei der Impetigo herp. hinsichtlich der Fra;
ob es sich hier um eine reine Schwangerschaftsdermatose handelt. Hier kom
nun Jordan auf Grund des vorliegenden Literaturmaterials ebenfalls
einem verneinenden Ergebnis, da höchstens von einer grösseren Neigu
Schwangerer, von dieser Krankheit befallen zu werden, gesprochen werd|
darf und einwandfreie Krankehitsfälle bei Männern beobachtet worden sii
Ueber Hautschädigungen nach der Einwirkung v i
Elektrizität, über die J e 1 1 i n e k in einem ausführlichen Referat 1 1
richtet (W.kl.W. 1923 Nr. 9), soll noch näher eingegangen werden. Dit
Schädigungen können in. dem Auftreten von elektrischen Strommarken,
Verbrennungen, in Metallisationen, in Verfärbungen und Niederschlägen in c
Haut, in mechanischen Traumen bestehen. Die Brandwunden können leii
testen und schwersten Grades sein. Die Metallisationen sind oberflächlic
Imprägnierungen der Haut mit geschmolzenen und gasförmig verteilten Met«
teilchen, welche sich über verschieden grosse Hautpartien, die unbekleii
waren, erstrecken. Sie sind flächenförmig oder diffus angeordnet und 1
sitzen die Farbe des betreffenden Metalls. Die so veränderte Hautstelle
von trockener und rauher. Oberfläche, derb, schwer faltbar und erzeugt Sp;
nung und Fremdkörpergefühl. Ihre Heilung und Abstossung geschieht in c
Form von grossen Lamellen, die ganze Schälung ist nach 3 Wochen oh
Hinterlassung von Narben beendet. Die Verfärbungen und Niederschlä
bestehen aus pulverisierten Teilchen, die sich vom stromführenden Kört
abspalten. Die mechanischen Läsionen besitzen je nach der Beschaffenh
des den Strom leitenden Gegenstandes das Aussehen von Schnittwunde
Abschnürungen, Suffusionen, Kontusionen u. dgl. Die Strommarke ist me I
kreisrund oder eüpsenförmig. Bei der Berührung eines scharfkantigen Körpil
oder eines Drahtes ist sie der genaue Abdruck dieses Körpers. Ihre Fall
ist bleichgelb. Sie ist fest, hart, wie eingelegt. Sie verursacht keil
Schmerzen. Ihre Umgebung ist ohne Rötung und Entzündung. Mehrt I
Wochen bleibt die Marke unverändert bestehen, sie lockert sich dann :l
mählich und stösst sich bei spärlicher Sekretion ab. Die Narbe ist wei l
glatt, ohne Tendenz zur Schrumpfung. Die Haare bleiben während des ganz ti
Prozesses unverändert und zeigen keine Symptome der Verbrennung. /t|
Haarschaft findet sich dagegen eine ganz eigenartige Drehung im Sinne eiil
Schraubenbewegung, die Einschnürungen finden sich dabei in gleichen /d
ständen. Die Strommarke stellt im eigentlichen Sinne eine spezifische EUl
trizitätsveränderung dar.
L u i t h I e n (Zbl. f. Haut- u. Geschl.Krkh. 7, H. 1) hat im Anschluss I
die vorhandene Literatur die Zusammenhänge zwischen E
nährung und Haut einer eingehenden Untersuchung unterzogen. H'
ist nun zunächst sichergestellt, dass die Allgemeinernährung einen EinfltJ
auf die chemische Zusammensetzung der Haut und damit auf ihre biologiscl
Reaktion besitzt. Bei Verabreichung von saurem Futter wird z. B. bei Tier 1
eine Steigerung der Haut gegenüber äusseren Giften erzielt. Geringe Vfi
Schiebungen einiger Stoffe im Gleichgewicht zueinander, die durch die
nährung ausgelöst werden können, sind bereits imstande, grosse Wirkung»:
nach sich zu ziehen. Unzweckmässige Ernährung kann also eine besondil
Disposition zu Dermatosen hervorbringen. Bei diesen ist natürlich die 1-
nährung ein wichtiger Teil der Therapie, da es gelingt, die Entzündungsbere-i
Schaft des Gewebes auf diese Weise herabzusetzen. Die beste Nahrub
zur Erreichung dieses Zieles ist die Zufuhr von Gemüsernineralstoffen, fl
Einhaltung einer Diät, die nur aus Vegetabilien und aus gekochtem Rindfleisch
bei vollständiger Enthaltung von Kochsalz besteht. Um den natürlichen Sah
gehalt der Gemüse zu erhalten, werden diese in wenig Wasser gekocht, cit
Wasser wird wieder eingedampft und als dicker Saft der Speise zugeset.
Kalk ist für den allgemeinen Stoffwechsel notwendig: er muss aber im rnrf
tigen Verhältnis zu den übrigen Mineralstoffen zugeführt werden, ln viel.
Fällen lässt sich nun die Ueberempfindfichkeit gegen gewisse Nahrungsmittj*
auf deren Zufuhr die Haut mit Krankheitserscheinungen antwortet, durch e:
kutane Probeirnpfung feststellen. Die Prüfung auf EiweissempfindlichkL
durch eine kutane Impfung beruht somit auf sicherer Grundlage. Bei Uebll
einpfindlichkeit gegen die Abbauprodukte des Fleisches kann durch kle *
Dosen von Pepton Heilung erzielt werden. Man geht derart vor, dass tri
nach dem Anfall (Urtikaria etc.) Kapseln mit Fleischpepton 0,2 und Fischpep»:
0,15 oder einfach Pepton 0,5 eine Stunde vor den Mahlzeiten gibt. In ande»
Fällen führt man die betreffenden Nahrungsmittel in kleinen Dosen zu, l
eine Desensibilisierung zu erreichen. Von dem Gelingen einer solchen kc •
man sich durch die Kutireaktion überzeugen, die durch die Kur nega'
werden kann.
Highmann versuchte die Frage der sogen, praecancerös'
Hauterkrankungen näher zu umschreiben (New York med. Journ. •
med. rec. 116). Diese praecancerösen Dermatosen lassen sich, wenn man U
7. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1097
legriff recht weit fassen will, in 5 Qrupen einteilen. Diese sind erstens die
xrschiedcnen Nävi, d. h. also kongenitale Bildungen. zweitens infektiöse
Entzündungen, wie Tuberkulose und Syphilis, drittens Irritationsdermatosen,
lic durch chemische, thermische, mechanische und andere Reize bedingt
werden, viertens Narben und fünftens Krankheiten sui generis, wie vor Allem
rtorbus Darier, Pagets und Bowen, sowie das Xeroderma pigmentosum,
dir hei diesem letzteren geht eigentlich das Entstehen eines Krebses mit
iner gewissen Regelmässigkeit vor sich, bei den anderen kommt die Ent-
rtung erst im Anschluss an den Sitz, die Form der Erkrankung, an Reizungen
ustande. Die ganze Bezeichnung einer praecancerüsen Dermatose erscheint
n Hinblick vor allem auch darauf, dass sich auch anscheinend von normaler
laut aus eine Krebsbildung entwickeln kann, wenig glücklich.
In einem ausführlichen Referat über die Pigmentfrage nimmt
I c i r o w s k y erneut Stellung vor allem zu den Untersuchungen B 1 o c |i s
nd seiner Schüler (Zbl. f. Haut- u. üeschl.Krkh. 8, H. 3). M. kommt dabei zu
cm Ergebnis, dass die Dopareaktion wohl fermentativen Charakter besitze,
her nicht spezifischer Natur sei. Der Nachweis einer absolut spezifischen,
igmentbildenden Dopaoxydase ist nicht erbracht. Der positive Ausfall der
Reaktion ist nur der Ausdruck dafür, dass in der positiv reagierenden Zelle
in die Oxydierung beschleunigendes Agens tätig ist. Damit stimmt auch die
atsache überein, dass das Dopa eine äusserst leicht zu oxydierende Substanz
erstellt. Nur der chemische Reaktionszustand entscheidet hier über
en Ausfall der Reaktion. Die Reaktion kann daher an allen möglichen Orten,
ie sicher nichts mit der Pigmentbildung zu tun haben, positiv sein. Die
insicht B 1 o c h s, dass das Dopa denjenigen chemischen Körper darstellen
oll, der dem Melanin am nächsten steht, lehnt M. aus dem Grunde ab, weil
ein Recht besteht, wie auch besonders H u e c k hervorhebt, aus der grossen
’eihe der Substanzen, die als Propigment für das Melanin in Betracht kommen,
inen Körper als alleinigen Ausgangskörper anzusprechen. Dazu kommt,
ass das Dopamelanin keinen Schwefel enthält, während nach der Analyse
on Salkowsky das Melanin schwefelhaltig ist. Es besteht ferner kein
irund. anzunehmen, warum das Dopa als intermediäres Stoffwechselprodukt
•n Blute kreise und in den Stätten der Melaninbildung zu Melanin oxydiert
• erden soll. Diese Annahme steht im Widerspruch mit der Tatsache der Ver-
„■ilung des Pigments, die nach phylogenetischen Gesichtspunkten vor sich geht.
>enu bekanntlich sind immer bestimmte Stellen stärker pigmentiert und es
st nicht recht einzusehen, warum sich gerade hier die im Blute kreisenden
’iginentvorstufen immer im erhöhten Maasse ablagern sollen. Gerade diese
hylogenetisch bedingte Verteilung des Häutpigments spricht für eine zellu-
ire Entstehung der Pigmentmuttersubstanzen und damit des Melanins. Und
war sprechen die gefundenen Veränderungen am Kern, dass die Propigmente
us diesem stammen
Mayr und Hof Stadt (Derm. Wschr. 23, 8) versuchten die Brauch-
arkeit der Eigenharnreaktion nach Wildbolz, bei der be-
anntlich bei aktiver Tuberkulose nach Impfung mit Harn eine positive Reak-
ion in Form einer Rötung und Schwellung der Impfstelle eintritt, in ihrer
ledeutung bei den Hauttuberkulosen zu prüfen. Die Verhältnisse liegen ja
ier vielleicht insoferne günstiger, als sich die Aktivität eines tuberkulösen
’rozesses leichter überschauen lässt, als bei inneren Tuberkulosen. Die Er-
ebnisse sind jedoch auch bei der Hauttuberkulose ebenso wenig konstant
• ie dort. Nur ein Teil der als positiv zu erwartenden Fälle ergab auch ein
ositives Resultat. Ein solches zeigten aber auch Fälle von Trichophytie,
on Furunkulosen, von Impetigo contagiosa, von florider Lues und andere,
»ie Untersuchungen von Frey ergaben günstigere Zahlen, insofern als bei
inen Lupus vulgaris und Skrophulodermen bis zu 82 Proz., Tuberkulide etwa
0 Proz. ein positives Resultat ergaben, während die gleichen Zahlen bei
L und H. nicht unbeträchtlich geringer waren. Das Fehlen einer positiven
Reaktion in Fällen, in denen eine zu erwarten gewesen wäre, lässt sich daraus
rklären, dass der Uebertritt von toxischem oder infektiösem Material nicht
ontinuierlich, sondern schubweise vor sich zu gehen pflegt, ein negativer
iusfall bei einer sicher aktiven Tuberkulose kann somit durch das Fehlen
on Antigenen in Blut und Harn bedingt sein. Da ferner auch bei anderen
ls tuberkulösen Prozessen Antigene ins Blut und damit in den Harn über-
reten können, kann auch in solchen Fällen durch das Zusammenwirken von
intigen und Antikörpern eine positive Reaktion resultieren. Da nun ferner
er Ausdruck dieses Zusammenwirkens in der Form seiner Hautreaktion ein
ientisches Aussehen besitzt, ohne Rücksicht darauf, welcher Art Antigene
nd Antikörper sind, so kann eine positive Reaktion nur dann im Sinne einer
ktiven Tuberkulose zu verwerten sein, wenn sich alle diese anderen Pro¬
esse ausschliessen lassen. Durch diese Einschränkung wird aber natürlich
er praktische Wert der ganzen Reaktion sehr eingeschränkt, wenn nicht
berhaupt illusorisch.
Einen interessanten Beitrag zur Klinik des Erythema exsuda-
ivum multiforme bringt Brünauer (Arch. f. Derm. u. Syph. 142,
i. 2). Er beschreibt 4 Fälle, bei denen neben den üblichen Lokalisationen
Erscheinungen an der Glans penis, am Präputium und am Skrotum bestanden
atten. An der Glans handelte es sich um rundlich flache Epitheldefekte;
as Epithel war am Rande abgehoben und verdickt. Die Umgebung der Rän-
er erwies sich als stark gerötet, der eigentliche Defekt präsentierte sich als
iemlich glatt und weisslich belegt. Die Herde an Präputium und Skrotum
'■aren ähnlich, z. T. jedoch mit Schuppen bedeckt, der Hof war hellrot ent-
ündet. Differentialdiagnostisch Messen sich Lues, Ulcus molle, Balanitis,
mtipyrinexanthem und Pemphigus ausschliessen.
Aus der Deutschen Klinik in Prag liegt von I s e r (Derm. Wschr. 23, 8)
ine zusammenfassende Arbeit über die Behandlung des Pemphigus
or. Der Verf. kommt auf Grund der Durchsicht des sich über Jahre er¬
weckenden Materials zu dem Ergebnis, dass Salvarsan, Chinin, Trypaflavin
nd Seruminjektionen symptomatisch wirksam sind. Bei der Unverträglichkeit
es einen ist unverzüglich das andere zu geben. Das Salvarsan wird in Dosen
on 0,15 gegeben, im ganzen etwa bis 6,25 g. Beim Pemphigus vegetans ist
Ins Neosalvarsan das Mittel der Wahl. Es muss auch hier in kleineren Dosen
:ber längere Zeit gegeben werden.
Die auch anderwärts bereits gemachten Erfahrungen über eine grössere
läufigk eit un spezifischer Epididymitiden ergänzt Schu¬
macher mit einer grösseren Arbeit aus der Münchener Klinik (Arch. f.
•erm. u. Syph. 1923, 142, 3). Das Leiden führt in der Regel nur zu sehr
massigen Beschwerden. Seine Hauptbedeutung liegt in den diagnostischen
'diwierigkeiten, und zwar sind es auch Schädigungen psychischer Art, die
hr den Kranken aus einer oft vorschnellen Diagnose erwachsen können.
Me Erkrankung kann bald mehr akut, bald mehr schleichend einsetzen; es
önnen demnach alle möglichen Fehlschlüsse über deren Aetiologie eintreten,
on denen wohl diejenige einer Tuberkulose, die unter Umständen dann zu
höchst überflüssigen Kastrationen führen kann, die schwerwiegendste sein
wird. Bei diesen unspezifischen Entzündungen handelt es sich um eine meist
nicht sehr schmerzhafte Schwellung des Nebenhodens, in deren Verlauf sich
ziemlich scharf umschriebene Knoten von glatter, selten unebener Oberfläche
im Kaput, wie auch in der Kauda ausbilden. Das Vas deferens ist ebenfalls
in der Regel geschwollen. In einem der beobachteten Fälle bildete sich sogar
ein Abszess mit Fistelbildung aus. Das Alter der Kranken schwankte zwischen
22 und 52 Jahren. Nach dem Verlauf lassen sich Fälle feststellen, die in
wenigen lagen abortiv verlaufen, und solche, die sich erst in Monaten zurück¬
bilden. In den voll zur Ausbildung gekommenen Fällen resultieren dauernde
Veränderungen wie bei den gonorrhoischen Erkrankungen. Aetiologisch kom¬
men vor allem banale Eitererreger iu Betracht. Die Harnröhre muss nicht
miterkrankt sein; jedoch lassen sich in der Mehrzahl der Fälle Erscheinungen
an dieser und auch an der Prostata nachweisen. Eine hämatogene Infektion
scheint zu den grössten Ausnahmen zu gehören. Das Vas deferens wird unter
Umständen den Weg darstellen, auf dem die Bakterien in den Nebenhoden
gelangen. Auch die bei der Ejakulation nachgewiesene Antiperistaltik kann zu
einer Keimverschleppung führen, ebenso wie rein psychisch bedingte Er¬
regungzustände der Genitalsphäre ohne jegliche sexuelle Betätigung. Eine
ätiologische Bedeutung kommt sicher auch Traumen zu. In diagnostisch zwei¬
felhaften Fällen, in denen eine Tuberkulose nicht sicher auszuschliessen ist,
bleibt als letztes Mittel eine Probeexzision übrig. Die Behandlung besteht
auch bei der unspezifischen Epididymitis im akuten Stadium in Ruhigstellung,
Hochlagerung, feuchten Verbänden etc. Eine lokale Behandlung von Urethra
und Prostata ist nicht notwendig, vielleicht sogar nicht einmal zweckmässig.
Die Therapie ist also eine durchaus konservative.
Ueber eine interessante Beobachtung einer Myelitis transversa
gonorrhoica berichtet Polony (Derm. Wschr. 1923, 3). Es handelte
sich um einen 18 jährigen Burschen, der sich an Gonorrhöe infiziert hatte,
eine Epididymitis bekam und 4 Monate lang, ohne mit der Arbeit auszusetzen,
in sehr wechselnder Behandlung stand. Nach dieser Zeit bemerkte der Kranke
ziemlich plötzlich alle möglichen Ausfallserscheinungen, wie Anästhesien, Un¬
sicherheit in den Beinen, stichartige Schmerzen in den unteren Extremitäten
u. dgl. Das Gehen wurde bald unmöglich, die Temperaturen bewegten sich
um 38,5 u. Bei der Spitalsaufnahme bestand eine vollkommene Lähmung
beider Beine, Tast- und Schmerzempfindung waren aufgehoben. In der Gegend
des Kreuzbeines hatte sich ein sehr ausgedehnter Dekubitus ausgebildet. Die
obere Grenze der Lähmung entsprach einem Segment etwa 3 cm unterhalb
des Nabels. Der Kranke kam 2 Monate nach dem Beginn der Myelitis zum
Exitus unter den Erscheinungen einer von dem Dekubitus ausgehenden Sepsis.
Bei systematischen Untersuchungen über eine besonders auch für die
Praxis geeignete Gonorrhöetherapie des Weibes kam Bruck
zu folgender Technik (Derm. Wschr. 1923, 21). Die Behandlung durch den
Arzt hat 2mal wöchentlich in der Weise zu geschehen, dass die Zervix nach
vorheriger Reinigung der Scheide mit einem trockenen Tupfer mittels eines
mit Arg. nitr. 10 proz. beschickten Wattestäbchens ausgewischt wird. Dann
wird ein kurzes, in Wasser getauchtes Hegononstäbchen in die Zervix ein¬
geführt. Davor wird ein mit 50 proz. Ichthyolglyzerin getränkter Tampon
mit Schnur gelegt. Die Harnröhre wird mit 1 proz. Arg. -nitr. -Lösung aus¬
gespritzt. Man führt dann ein langes Hegononstäbchen in sie ein. Die
Schleimhautfalten der Vulva werden mit ebenfalls 50 proz. Ichthyolglyzerin
ausgewischt. Neben dieser Behandlung durch den Arzt hat sich die Kranke
selbst zweimal täglich morgens und abends in der Weise zu behandeln, dass
sie nach dem Urinieren ein Urethralstäbchen in die Harnröhre einführt und
möglichst hoch in die Scheide eine Hegonontablette zu legen versucht. Um
ein Ausfallen der Stäbchen zu verhindern, ist eine halbstündige Bettruhe
nötig. Während der ganzen Dauer der Behandlung ist eine sog. Gesundheits¬
binde zu tragen. Spülungen werden nicht oder höchstens zweimal wöchent¬
lich vorgenommen. Der vom Arzte eingelegte Tampon wird am nächsten
Morgen entfernt. Die Behandlung wird kontinuierlich 5 Wochen lang durch¬
geführt und dann ausgesetzt. Reizerscheinungen oder Komplikationen hat
Bruck niemals beobachtet. Das Resultat erwies sich als sehr günstig, in¬
dem von 32 genügend lange behandelten Fällen 23 dauernd geheilt blieben,
4 Fälle mit Adnexerscheinungen blieben ungeheilt, bei weiteren 5 Fällen führte
die nächste Menstruation zu Rezidiven. Zur persönlichen Prophylaxe emp¬
fiehlt Bruck ein Präparat, das unter dem Namen ,,M ementomittel“
in den Handel kommt, nur ungiftige Bestandteile enthält (= fettfreie, färb- und
geruchlose, wasserlösliche, auf der Haut völlig reizlose Benzoeformalin¬
creme) und im hängenden Tropfen mit Spirochätenmaterial zusammengebracht
ein sofortiges Abtöten der Erreger, im Rekurrensversuch bei Mäusen einen
prompten Schutz vor der Infektion bietet. Für die Gonorröeprophylaxe
liegen zwei verschiedene Packungen für Männer und Frauen vor, die Hego-
monstäbchen enthalten.
Engel und Beer sehen günstige Resultate mit der Fulmargin-
behandlung bei gonorrhoischen Komplikationen. Diese
Behandlung wird derartig durchgeführt, dass zuerst täglich 5,0 ccm, dann von
der dritten Spritze ab alle 3 Tage dasselbe Quantum, im ganzen bis zu 6 In¬
jektionen gegeben werden. Schädigende Nebenwirkungen sind niemals be¬
obachtet worden, höchstens in einigen Fällen Temperaturen bis 38,5°. Wäh¬
rend bei Erkrankungen der hinteren Harnröhre und bei Prostatitis kein Er¬
folg zu verzeichnen war, war dieser bei den Epididymitiden mit Ausnahme
von 2 Fällen stets eingetreten. Bei Gonarthritiden führte diese Fulmargin-
behandlung zu einer Verkürzung der Behandlungsdauer.
Auf Grund seiner Studien über die Reflexe des Harn - und Ge¬
schlechtsapparates kommt Bartrina (Journ. d’urol. 13, 5) zu dem
Ergebnis, dass die unteren Harnwege, der Geschlechtsapparat und die Ver¬
dauungsorgane von der Niere aus reflektorisch beeinflusst werden können.
So kann bei Nierensteinen ein renourethraler oder prostatischer Reflex die Er¬
scheinungen eines Harnröhrenkatarrhs verursachen und unter Umständen einen
Verdacht auf das Bestehen einer Gonorrhöe erwecken helfen. Auch Störungen
der Geschlechtsfunktion, wie Impotenz, Ejaculatio praecox und Samenfluss
können ihre Ursachen in solchen von den Nieren ausgehenden Reflexen haben.
N e r i o versucht die einzelnen Formen der sexuellen Impotenz
zu klassifizieren (Semana med. Jahrg. 29, 36; ref. Zbl. 8, 5/6). Die psychi¬
sche Impotenz scheint ihm nur eine Scheinimpotenz zu sein, deren typischste
Form sich bei Männern findet, die an einer Genitalphobie leiden. Bei dieser
Form der Impotenz bleibt das Verlangen nach Kohabitation und die Erek¬
tionsfähigkeit erhalten. Die eigentliche Impotenz lässt sich einteilen in eine
physiologische, die dem Kindesalter und dem Senium entspricht, und in eine
pathologische. Bei letzterer unterscheidet der Verf. eine physio-pathologische,
die durch Neurasthenien, Diabetes u. dgl. bedingt wird, und eine organische.
Die Ursachen letzterer sind einerseits lokale Veränderungen (Miss-..dung,
1098
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33.
Traumen) oder allgemeiner Natur, wie Schwäche, Kachexie, Störungen innerer
Sekretion, und drittens solche, die auf neurologischer Grundlage beruhen.
Hier sind in erster Linie Tabes, Myelitiden und Paralyse zu nennen, ln
letzterem Zusammenhang sind die Untersuchungen von Alessandro (Note
e riv di psich 10, 3) zu nennen, der fand, dass bei allen parasyphilitischen Er¬
krankungen und besonders häufig bei der Paralyse Degenerationen am Moden
Vorkommen können, die sich in einer Verminderung der endokrinen Funk¬
tionen bzw. einem völligen Erliegen derselben äussern. Diese Storungen
stehen mit der Schwere der Erkrankungen an sich in keinem direkten \ er-
hältnis. Sie sind wohl in der Hauptsache durch Ernährungsstörungen bedingt,
die sich als Folge der Geiässveränderungen einstellen, ln diesen Ausfalls-
Erscheinungen von seiten der Keimdrüsen ist der Grund für die Unfruchtbar-
keit oder die herabgesetzte Fortpflanzungsfähigkeit der Paralytiker zu suchen.
ln gerichtlich-medizinischer Hinsicht ist das Ergebnis von Hodenpunk¬
tionen von Bedeutung, die M ü h s a m an der Leiche zwecks Untersuchung
auf vorhandene Spermatogenese angestellt hat. Hier ergab sich eine weit¬
gehendste Uebereinstimmung zwischen den Punktionsresultaten mit dem
histologischen Befund, dass die Punktion sich als absolut brauchbares Mittel
zur Feststellung etwa noch oder nicht vorhandener Spermatogenese darstellt.
Janovsky (Casopis lökaruw ceskych 23, 42; ref. Zbl. 8, 5 /b) versuchte
die Beziehungen zwischen Tuberkulose und Syphilis
einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Zunächst zeigte sich, dass
die erste Inkubationszeit für Syphilis bei den 1 uberkulösen keine Ab¬
weichungen von der Norm bietet. Die Infektionsgefahr ist bei Tuberkulosen
und Nichttuberkulösen die gleiche. In der Zeit zwischen Ausbruch des 1 ri-
märaffektes und den Sekundärerscheinungen lassen sich bei tuberkulösen
Individuen nicht selten höhere Temperaturen beobachten als sonst. Ueber-
haupt ist bei der sekundären Lues das Fieber stärker als bei gesunden Per-
sonen, pustulöse Exantheme sind häufiger. Kombinieren sich beide Er¬
krankungen an den Schleimhäuten, so ist der Verlauf meist bösartiger, die
Therapie ist weniger wirksam. Die Neigung zu Rezidiven scheint bei
Tuberkulösen vermehrt zu sein. Im tertiären Stadium der Lues konnte der
Verf. trotz des grossen Materials nur wenig tuberkulöse Kranke finden.
Syphilis praecox und maligna ist bei tuberkulösen Personen zweifellos häufiger.
Dagegen sind kongenital luetische Kinder gegen eine Tuberkuloseinfektion
nicht überdisponiert. .
Ob ihrer Bedeutung sei hier noch etwas ausführlicher auf eine Arbeit
von Oppenheim hingewiesen (Klin. Wschr. 23, 1), die Beobachtungen
über den Syphiiisverlauf bzw. das Verhalten der Ausscheidung von
Quecksilber und Salvarsan bei der Jarisch-Herxheimerschen Re¬
aktion zum Gegenstand hat. Nach diesen systematischen Untersuchungen,
wie solche meines Wissens noch nicht vorliegen, sind überstarke Reaktionen
zweifellos ungünstig für den weiteren Verlauf der syphilitischen Infektion.
Die Beobachtungen, die sich auf eine Zeitdauer von über 2 Jahren erstrecken,
lassen deutlich erkennen, dass starke, aber unter Umständen auch geringfügige
Reaktionen eine Disposition zu einem häufigeren und früheren Eintritt von
Rezidiven nach sich ziehen können. Die Salvarsanexantheme sind häufiger
als sonst. Die Ausscheidung von Salvarsan und von Quecksilber sind bei
der Reaktion verzögert, und zwar in gleichem Umfange wie die Stärke der
Wechselmann, Lockemann und Ulrich bestimmten den
Arsen gehalt von Blut und Harn nach der intravenösen
Applikation verschiedener Salvarsanpräparate und
seine Beziehungen zu Salvarsanschädigungen (Arch. f. Derm. u. Syph. HZ,
2) Der Arsengehalt von Blut und Harn hängt von zwei Bedingungen ab,
nämlich von der chemischen Natur des eingespritzten Präparates und vom
Ausscheidungs- bzw. Aufspeicherungsvermögen des Organismus. Beim bal-
varsannatrium und beim Neosilbersalvarsan verschwindet in den ersten Stun¬
den und Tagen nach der Einspritzung das Arsen durchwegs viel schneller
aus dem Blut als bei Neosalvarsan und Silbersalvarsan. Nicht jede Zurück¬
haltung von Arsen im Blut muss sich auch klinisch irgendwie äussern. Die
Ausscheidungsverhältnisse können sich nach der günstigen und ungünstigen
Seite hin sehr schnell ändern. Im allgemeinen wirkt jedoch eine sehi stark
verzögerte Ausscheidung schädigend auf den Organismus. Das in die Vene
eingespritzte Salvarsan wird zum Teil durch die Niere ausgeschieden, z. 1 .
an die Körperzellen, besonders diejenigen der Leber gebunden. Hier bilden
sich wahrscheinlich ungiftige, langsam und gleichmäßig wieder in den Blut-
Kreislauf gelangende Verbindungen. Der ganze klinische Verlauf zeigt, dass
diese im Körper zurückgehaltenen Mengen von Arsen vollkommen ungiftig sind.
Einen bemerkenswerten Beitrag über die r e 1 a t i v e U n g i f t i g k e 1 1
auch grosser Mengen von Bismogenol veröffentlicht Prater
(Derm. Wschr. 23, 14). Ein Kranker erhielt im Abstand von 3 Tagen 2 mal
je 10 ccm Bismogenol intramuskuär, d. h. also das Zehnfache der üblichen
Dosis. 7 Tage nach der zweiten Injektion trat eine Stomatitis auf, die einen
grösseren Umfang mit Belegen annahm. Am Zungenrand bildete sich eine
weiche, oberflächliche Nekrose aus. Im Urin fand sich ein Eiweissgehalt
von % Proz. Die Erscheinungen besserten sich unter Bettruhe sehr rasch,
der Urin war nach 6 Wochen wieder eiweissnegativ. Die Vergiftungserschei¬
nungen waren demnach im Hinblick auf die sehr grosse Ueberdosierung
sehr gering.
Accame (Semana med. Jahrg. 29, 38; ref. Zbl. 8, 8) fasst seine An¬
sichten über die Beziehungen zwischen sexueller Erzieh u n g
einerseits und Geschlechtskrankheiten andererseits
in einer grösseren, bemerkenswerten Arbeit zusammen. Die sexuelle Er¬
ziehung, die Biologie, Pathologie, Soziologie und Ethnographie zu umfassen
hat, hat in frühester Jugend einzusetzen. Eine etwa vorhandene Disposition
zu sexuellen Anomalien kann durch physische und psychische Kräftigung in
frühester Jugend bekämpft bzw. zur Normalität zurück- oder ubercefuhrt
werden. Sexuelle Funktionsstörungen lassen sich von einer Hypo- oder Hyper¬
funktion der Keimdrüsen ableiten. Die Sexualerkrankungen als solche sind
kongenital; die funktionellen sind in der Regel erworben. Die Ursache ist
dann in Organschwäche, in Syphilis, in Alkoholismus oder in Geistekrankheiten
zu suchen. Ganz besonders häufig liegt kongenitale Lues zugrunde. A c c a m e
weist mit Recht darauf hin, dass bei der ganzen Belehrung, bei der metho¬
dische Arbeit, sportliche Betätigung, zweckmässige Wohnungshygiene etc.
mitzuwirken hat, nicht nach einem Schema verfahren werden darf. Es lassen
sich hier nicht, wie schon an anderer Stelle Mayr hervorgehoben hat, den
übrigen Schulfächern analoge Lehrpläne aufstellen. Einzig und allein eine
möglichste Unbefangenheit bei der Erörterung dieser Dinge durch den Lehrer
kann erzieherisch wirken ohne dass irgendwelche Peinlichkeitsmomente für den
Lehrer, die dann zu Geheimnistuereien u. dgl. führen müssen, in Augenschein
treten dürfen.
Zeitschriften -Uebersicht.
Brauer sehe Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Band 53
T. Stenström: Das Problem Influenza-Lungentuberkulose und damh
zusammenhängende Fragen.
Die Empfänglichkeit für Influenza ist bei Gesunden und Tuberkulöser,
dieselbe. Manifeste Tuberkulose wird je nach der Schwere der 1 uberkulost
durch eine Grippe beeinflusst, im allgemeinen tritt eine V erschlimmerung ein
die Grippe kann auch auslösend für Lungentuberkulose wirken.
W. Röckemann: Untersuchungen über die Tuberkulinreaktion.
Stärkerwerden der Pirquetreaktion kann eintreten nach Erregbarkeits¬
erhöhung des Vasomotorenapparates (z. B. nach Schwefelapplikation auf di«.
^ " a. Winkler: Das Wesen der Tuberkulinreaktion vom Gesichtspunkt! j
allgemein-pathologischer und pathologisch-anatomischer Grundlagen der Organ-
tuberkulöse. Zum Referat ungeeignet. ^ .
Th. J. Bürgers: Die experimentellen Grundlagen moderner Tuberku-
losetherapie.
Nach parenteraler Tebeloninjektion konnten im lierversuche weder Ein¬
wirkung auf die vorhandene Tuberkulose noch Antikörper nachgewieserl
\yprHpn
werdcin ^ f $ und Webering: Die experimentellen Grundlagen moderne!
. .. . ■ ■ rv» i i .. ,11....» n P o 1 r ii c P li k v I
Tuberkulosetherapie. 11. Die Perkutanbehandlung nach Petruschky.
' nwendung der Perkutanbehandlung zeigte nach autop-
Verschiedenste Anwendung u«.« . ........ ...... - -—■ *» — -yr — yt
tischen Befunden nicht den geringsten Einfluss auf die 1 uberkulose deil
H Selter und E. Tan er 6: Ueber die Natur der in den Tuberkuline,;
wirksamen Stoffe. I
Die „Tuberkulinwirkung“ (wörtlich zitiert) ist ein chemisch-physikalischeil
Vorgang; ” die Allergie kann nur durch Einwirkung lebender virulenter Bajj
zillen, nicht durch abgetötete bzw. ältere Kulturen hervorgerufen werden!
E. Guth: Lungentuberkulose und vegetatives Nervensystem.
Beim Zustandekommen der Tuberkulinreaktion sind vasomotorische \oi (I
gänge ausserordentlich stark beteiligt (Hemmung durch Suprarenin, Fordei
rung durch Pilokarpin, Temperatursenkung durch Atropin).
E. Szäsz: Gibt cs eine anaphylaktislerende Tuberkulinbehandlung? j
Definition des Begriffes. Ablehnung.
E. Kadisch: Ueber das Silicium, speziell die Kieselsäure bei .dei
Therapie der Lungentuberkulose.
Silicium entfaltet keine Wirkung auf die Lungentuberkulose. .
E. De ho ff: Weitere Beobachtungen über die Bedeutung der Uro!
chromogenreaktion bei chirurgischer I uberkulose. . I
Negative Reaktion indiziert konservative, positive Reaktion auch bej
klinisch nicht schwer erscheinendem Prozesse operative Behandlung.
A. Sercer und R. Peiöic: Ein Beitrag zur Kasuistik der Todesfall
beim künstlichen Pneumothorax. Kasuistischer Beitrag.
H. G o r k e und ü. T ö p p i c h: Untersuchungen über die Beeinfliissuu
experimentell erzeugter chronischer Lungentuberkulose des Kaninchens mittel
des Goldpräparates „Knysolgan“ und durch Röntgenbestrahlungen. 1. Mit
tUl "Behandlung experimentell gesetzter Kaninchentuberkulose mit Krysolga»
und Röntgenstrahlen ergab kein Abweichen des histologischen Bildes vol
Lungen der Tiere, die mit einer der Komponenten behandelt waren. Di
Beeinflussung des Prozesses war nirgends beweisbar.
A. Wallgren: Epidemisches Auftreten von Erythema nodosuin.
E. n. ist eine sporadisch meist in der Folge von 1 uberkulose au .
tretende Infektionskrankheit. „ „ , . , 1
Q. Geiger: Die Pneumothoraxbehandlung im Stadt. Krankenhaus Lud
wigshafen a. Rh. 1920/21. 25 Fälle, 14 gute Fortschritte, 6 Todesfälle. U
E. Moro: Spezifische Tuberkulosebehandlung mit Einreibungen vo
Eiktebin in die Haut. Theoretische Grundlagen, Methodik der Therapie.
K. Staunig: Zur Technik der röntgenologisch differenzierten Lunger:
Untersuchung.
R. Peters: Erwiderung, Schlusswort.
Persönliche Replik.
D. Reinders: Die Exposition der Spitze der Lunge.
Kritik der Theorien über den Infektionsmodus. Ablehnung der I heori>l
der aerogenen und hämatogenen Infektion. Unterscheidung von DispositicJ
und Exposition (Aussetzen von Lungenpartien der Bazilleninvasion). ln üta
durch Entzündung der unteren Halsdrüsen (Zähne, Tonsillen) entstehende!
Adhäsionen ist ein pathologischer Weg für die oft in den tiefen Hall
drüsen vorhandenen Bazillen (?). Den Umstand, dass die Lungenspitze dur«
diesen Weg den Bazillen zugänglich ist, nennt Verf. Exposition, der er eit;
überragende Bedeutung beim Entstehen der Lungentuberkulose zumisst. I
R. Katz: Die Bedeutung der biologischen Reaktionen für den Statt
und die Prognose einer Tuberkulose. . .. _. J
In Hinsicht auf Diagnose und Prognose der Tuberkulose ist die \ LI
q u e t sehe Kutanprobe bedeutungslos. Wiederholte r negativer .Austu |
der Intrukutantuberkulininjektion lässt die > Diagnose I uberkulose a
schliessen. Starker und mittelstarker Ausfall nach subkutaner Tuberkulid
injektion und starke Reaktion auf alle Partialantigene gestaltet die PrognoQ
günstig, allergisches Bild bei späteren Partialimpfungen ist prognostisch in
fuust zu bewerten. . , . e .
K. Rennen: Ueber Sepsis tuberculosa gravissima bei einem rai
von Polyzythämie. Kasuistischer Beitrag.
E S e e g e r: Ueber die Bedeutung der Kutanproben mit spezifischen An'
genen und unspezifischen Proteinkörpern für die Prognose der chronisch*!
Lungentuberkulose. ...... . -rwtJ
Starke P i r q u e t sehe Reaktionen mit gleichzeitiger guter M.Tb.M
Reaktion bieten eine gute Prognose, Fehlen der M. Tb R.-Reak >n ui
schwacher bis negativer Pirquet sind prognostisch ungünstig zu bewerten.
H. KUmme 11 jr.: Ueber eine Gruppenreaktion mit Blutkörperchen o-
Nachweis von Tuberkuloseantigenen in den Erythrozyten durch intrjl
kutane Verimpfung derselben in Anlehnung an die Ideen Spenglers'
Gegensatz zu Much und Leschke, entsprechend der Theorie der Eige
harnreaktion von W i 1 d b o 1 z. Technik und Gewinnung des Injektion .
materials im Original nachzulesen. . „ ... _
E. A. Schmidt: Ueber die K ü in m eil sehe Gruppenreaktion n
Blutkörperchen bei Lungentuberkulose. ,
Ablehnung der K.schen Reaktion bei Lungentuberkulose (60 Falle).
. AuKust 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1099
P. Hecht: lieber erworbene Dextrokardie bei chronischer Limgcn-
bcrkulose.
Beruht auf rechtsseitiger, zu totaler Schrumpfung führender Zirrhose
kurzer Zeit. Prognose, falls Kavernen nicht vorhanden, günstig.
C. Falkenheim und P. György: Ueber die Beziehungen des
iberkullns zur Serumlipase.
Tuberkulin besitzt eine Affinität zur Serumlipase (= die Fetthülle der
izillen lösendes Ferment), wirtet „vergiftend“ auf sie in der Art chemischer
•aktion. Cs kann in dieser Hinsicht kein Unterschied zwischen normalem
rum und Serum Tuberkulöser nachgewie'sen werden.
A. Rustemeyer: Die W e i s s sehe Urochromogenreaktion und ihr
ognostlscher Wert in der Beurteilung der Lungentuberkulose.
Inkonstant auftretende U-Reaktion beweist eine Verschlimmerung des
idens ohne sichere prognostische Schlüsse, konstante U-Reaktion deutet
f eine infauste Prognose hin.
A. Sternberg: Ueber die Diagnose der Lokalisation der Luugen-
ütungen.
Die Hauptgefahr der Hämoptoe besteht in der Aspirationspneumonie, die
wohnlich einseitig der blutenden Lunge entsprechend cintritt. Hierbei ist
icumothorax arteficialis indiziert.
H. Oerhartz: Experimentelle Untersuchungen über den Einfluss des
nähningszustandes. des Alters und anderer allgemeiner Einflüsse aui den
•rlauf der Tuberkulose.
Meerschweinchenversuche; Einfluss nicht feststellbar.
J. Schnorrenb erg: Ueber das Verhalten der weissen Bl"'lfnrpcr-
en bei der chronischen Lungentuberkulose, insbesondere bei Mischinfektion.
Leukozytosen deuten nicht stets auf Mischinfektion hin. Neutrophilien
gegen kommen fast nur dabei vor.
O. Seiffert: Der Nachweis der Hustentröpfchen, ihre Bedeutung für
iektionen, insbesondere bei Tuberkulose.
Vergl. d. W. 1922 Nr. 28 S. 1038.
B a 1 1 i n und Lorenz: Die Hämoptoe in ihrer Beziehung zu den patho-
'isch-anatomischen Grundformen der Lungentuberkulose.
Die zirrhotischen Formen der Lungentuberkulose stellen infolge des Ver¬
ses des elastischen Gewebes das Hauptkontingent zu den Hämoptoen.
H. v. Hayek: Zur Frage der Tuberkulindiagnostik.
Zum Referat ungeeignet.
Rodenacker. Die Pausen zwischen den einzelnen Tuberkulinein¬
ritzungen.
Bericht über Erfolge bei kleinsten Dosen Bazillenemulsion Höchst in
igeren Intervallen (3 Wochen) 177 Fälle.
K. Käding: Mamillenschatten im Röntgenbilde.
Darstellung am besten in 10 cm Haut-Platten-Abstand nach vorherigem
:ibcn der Mamille (Hyperämie).
A. V. Frisch: Kombination von Pneumothorax und Phrenikotomie als
icrapie der Lungentuberkulose.
Bei Hämoptoe, die trotz Anlegung eines Pneumothorax (infolge flächcii-
fter Verwachsungen am Diaphragma) nicht zum Stillstand kommt, ist die
irenikotoniie indiziert. 3 Fälle.
E. La deck: Zur röntgenologischen Feststellung des freien phreniko-
stalen Winkels.
Bewegung des Körpers nach der Seite der gesunden Lunge, Stemmen der
ind der gesunden Seite in die Hüfte, Umgreifen des Kopfes mit der Hand
r kranken Seite.
J. Petschek: Beitrag zur Tuberkuloseinfektlon im Säuglingsalter.
F. Jessen: Tuberkulöse Usur der Lungenpleura beti künstlichem
icumothorax.
S. Berg: Ein Fall von Konglomerattuberkel der Leber mit sekundärem
bphrenischen Abszess. Drei kasuistische Beiträge.
P. Strassmann: Schwangerschaft und Tuberkulose. Fortbildungs-
rtrag.
Indikationsstellung für den Praktiker. Zum kurzen Referat ungeeignet.
K. Peyrer: Ueber offene Tuberkulose im Kindesalter.
Tuberkulose kann im 2. Stadium (Kindertuberkulose) offen sein, wobei
: Prognose relativ günstig gestellt werden kann.
C. J. Raff auf: Ueber die Veränderungen des weissen Blutbildes im
rlauf der diagnostischen Tuberkulinanwendung bei Lungentuberkulose.
Die Verschiebung des weissen Blutbildes nach Tuberkulinanwendung ist
r Ausdruck der Reaktion des Gesaintorganismus und ein feineres Reagens
> die anderen Reaktionsarten. Eosinophilie und Lymphozytose ohne Eosino-
ilie nach Tuherkulininjektion ist prognostisch günstig und indiziert Tuber-
lintherapic, Neutrophilie mit Fehlen der Eosinophilen ist prognostisch un-
nstig und mahnt zur Vorsicht bei Tuberkulintherapie.
Fr. Kellner: Beitrag zur Kenntnis der Pncumothoraxnebenhöhlen.
Fall von Pneumothoraxnebenhöhle, die vor dem Cor und den Gefässen
legen in vivo nicht erkennbar durch Kompression den Tod herbeiführte,
itopsie.
W. Böhme: Problematische Gedanken zur Ponndorf-Hautimpfung.
Zum kurzen Referat ungeeignet.
K. Gottlieb: Histologische Untersuchungen zur Tuberkulosetlicrapie
t Ektebin.
Ektebinapplikation bewirkt eine histologisch charakterisierte Tuberkulin-
tzündung, histologisch nachweisbar ist auch Eindringen von Bazillen-
littern in die tieferen Hautschichten, wo sie dann aufgelöst werden.
A. Menninger v. Lerchenthal: Die Tuberkulose in einem Ge-
•gstalc. Zum kurzen Referat nicht geeignet.
E. Sp rin gut: Steigerung abgestimmter Reaktionen durch unabge-
mmte Reizmittel.
Vorbehandlung mit Yatren (1 : 100U) bewirkt eine starke Steigerung der
aktionsfähigkeit auf Alttuberkulin (1:100 000) und Partialantigene.
F. Mattausch: Unspezifische Immunität bei der chronischen Lungen-
Iierkulose.
Erfolgreiche Behandlung von auf dem Boden von Phthisen aufgetretenen
unchopneumonien mit Immunovollvakzine (Omnadin - M u c h).
H. Ulrici: Jahresbericht deutscher Lungenheilanstalten 1921.
O. Wiese: Zur Häufigkeit der tuberkulösen Infektion im Schulalter.
Polemik gegen Klose — Band 52, 1. Ein einmaliger, auch jährlich
cderholter Pirquet genüge nicht, die Wiederholung solle innerhalb 4 Tagen
ecks Sensibilisierung event. mit verschiedenen Tuberkulinen erfolgen.
H. Deist: Beitrag der experimentellen Meerschweinchentuberkulosc
d ihrer Beeinflussung durch Röntgenbestrahlung.
Bericht über eine neue Methode der experimentellen Mcerschwcinchen-
tuberkulose. Leuko’zytcnsturz durch Röntgenbestrahlung, dadurch schnellere
Ausbreitung des Prozesses (14 Tage); Versager jedoch häufig.
K. Neufeld - Hamburg.
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 178. Band, 5. bis 6. Heft.
Adolf Herrmannsdorfer: Experimentelle Nierenstudien an Para-
biose- und Einzelratten. (Aus der Chir. Univ. -Klinik München. Prof. Sauer¬
bruch.)
Weiterer Ausbau der von Georg Schmidt an der Klinik Sauer-
b r u c h wieder aufgenommenen Parabioseexperimente. I. Parabiosevergif-
tung. Meistens kommt es bei parabiotischen Tieren zu einem Vergiftungsbild
infolge innerer biochemischer toxischer gegenseitiger Beeinflussung. Der
Grad der Vergiftung hängt ab von der Nähe der biologischen Verwandtschaft
der Partner. Wichtigste Symptome dieser Vergiftung sind Kachexie und Blut¬
verschiebung. Das kachektische und hypcrämischc Tier stirbt zuerst. Bei
einer harmonisch scheinenden Parabiose erfolgt die Blutverschiebung vor¬
wiegend durch akzessorische Gefässverbindungen.
II. Ueber Nierenkompensation bei Parabiosetieren. Ein cölostomiertes
Parabiosepaar kann monatelang mit einer einzigen Niere gesund ohne die ge¬
ringsten urämischen Erscheinungen leben. Die Rcstniere leistet eine 4 fach
gesteigerte Arbeit und hypertrophiert um das 3 fache. Bei nur durch Haut¬
muskelbrücke vereinigten Tieren geht die Kompensation des Nierenausfalls
weniger weit. Der Abtransport der Harnschlacken aus dem nierenlosen
Partner geschieht z. T. durch die Bauchlymphe.
III. Urämie und Eklampsie. Durch beidseitige Nierenhilusunterbindung,
Nephrektomie, Ureterunterbindung, Blasenkappung und intraperitoneale Ein¬
spritzung von Harn einer gesunden Ratte wird stets dasselbe Krankheitsbild
der echten Harnvergiftung erzeugt: echte oder Retentionsurämie. Eine ent¬
giftende Funktion innersekretorischer Nierenprodukte ist bei der Harnvergif¬
tung nicht nachweisbar. Die sog. hormonale Nierentätigkeit spielt daher bei
der Urämie keine Rolle. Tonisch-klonische Krämpfe gehören nicht zur echten
Urämie. Wird Harn von Parabioseratten einer gesunden Einzelratte intra-
peritoneal injiziert, so verendet sie akut unter tonisch-klonischen Krämpfen
unter dem Krankheitsbilde der Eklampsie. Das Krampfgift entsteht durch
extrarenale biochemische Störungen unter Mitwirkung der Nieren („Nieren“-
krampfgift). Analog sind die Eclampsia gravidarum und die Krampfurämie
als Erkrankungen aufzufassen, die bei toxischer Störung des Gesamtstoff¬
wechsels durch Krampfgiftbildung in den Nieren mit Resorption des Giftes in
den Kreislauf entstehen.
Oskar Hürzeler: Chirurgische Askariserkrankungen. (Aus dem allg.
Krankenhaus zu Bad Homburg v. d. H. Prof. Dr. Bode.)
2 Fälle von Askaridiasis unter dem Bilde der Appendizitis. 2 weitere
unter dem Bilde des Ileus, die beiden letzten wurden operiert mit Laparo¬
tomie, später Santoninkur, ein Exitus. Anschliessend ein Fall von traumati¬
scher Perforationsperitonitis bei Askaridiasis.
Friedrich K e m p f - Braunschweig: Die maligne intermittierende adhäsive
Peritonitis und ihre Behandlung mit körpereigenem flüssigem Fett.
Ausführliche Krankengeschichte eines Patienten, der im ganzen 9 mal
operiert, 7 mal laparotomiert wurde, meistens wurden Verwachsungen gelöst,
der letzten Operation erlag der Kranke. Verf. spricht von einer „fessellos
fortschreitenden, chronischen, durch akute Schübe weitergetragene Peritonitis
von äusserst malignem Charakter“. Anschliessend wird die Frage der peri¬
tonealen Adhäsionen und deren Vorbeugung erörtert. (Der unbefangene Leser
hat den Eindruck, dass der Kranke ein schwerer Neurotiker war. Rcf.)
Karl Gras mann: Zur Aetiologie spontaner Massenblutungen ins
Nierenlager. (Aus der chir. Abt. des städt. Krankenhauses München r. d. I.
Dr. Max G r a sman n.)
Im Anschluss an ein Panaritium ossale entstanden bei der 36 jährigen
metastatische Abszesse und Infarkte in der Rindenschicht der rechten Niere,
an einer Stelle kam es nach Durchbruch der Rindenschicht und Sprengung der
Nicrenkapsel zu einer ausgedehnten Diapedesisblutung ins Nierenlager. Auch
andere Fälle in der Literatur sind vielleicht ähnlichen hämatogenen Ursprungs.
Aurel C a n d e a - Timisoara (Rumänien): Primäres Sarkom der Leber.
Durch eine Blutung mit Kollaps machte sich eine nussgrosse Geschwulst
der Leber bemerkbar, die exstirpiert wurde, histologisch Sarkom; Tod nach
2 Jahren an Rezidiv. Anschliessend erwähnt der Verf. eine Familie, in der
von 5 Kindern binnen 4 Jahren 3 an Sarkom im Alter von 19 — 23 Jahren
starben. H. Flörcken - Frankfurt a. M.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923, Nr. 30.
H. S e 1 1 h e i m - Halle: Ein einfacher, zuverlässiger und ungefährlicher
Tubenschneuzer.
An Stelle der umständlichen Apparatur Rubins zur Prüfung der Tuben¬
durchgängigkeit setzt Verf. einfach eine 150 ccm fassende Glasspritze, die
mit Schlauch und einer in den Uterus einzuführenden Metallröhre armiert ist.
Ein Manometer zur Druckkontrolle ist zwischengeschaltet (Abbildung). Bei
guter Durchgängigkeit fand S. 50 — 100 mm Druck. Bei einiger Uebung fühlt
man sogar den rückwirkenden Druck der Luft bei geschlossenen Tuben mit
dem den Kolben führenden Finger. S. bezeichnet daher dieses Vorsichher-
schieben der Luftsäule in Spritze und Schlauch bis in die Tuben hinein als
eine Art Tasten. Die Spritze misst zugleich die Menge der eingeführten
Luft. S. empfiehlt die Durchblasung als wertvolle Bereicherung der gynäko¬
logischen Diagnostik.
G. H. Schneider (Univ. -Frauenklinik Frankfurt a. M.): Allgemeine
Peritonitis im Anschluss an eine Menstruation erst nach einem halben Jahre
nach der Geburt.
Bei einem Falle von leichtem Puerperalfieber nach Spontangeburt trat
nach Vi Jahr plötzlich Bauchfellreizung (vom Arzt zuerst als Typhus dia¬
gnostiziert und in medizinische Klinik verwiesen) und Bauchfellentzündung
ein. Ueberall heftiger Druckschmerz über dem Abdomen. Flankenpunktion
ergab eitriges Exsudat. Laparotomie hielt den Exitus nicht mehr auf. Im
Uterus fand sich post mortem eine kleine eitrig belegte Plazcntarstelle. Von
dieser war eitrige Salpingitis und von dieser allgemeine Peritonitis aus¬
gegangen.
L. Han dorn (Univ.-Frauenklinik Heidelberg): Operative Heilung eines
Falles von chronischer lnversio uteri puerperalis.
Die spontane lnversio uteri puerperalis ist selten. Verf. beschreibt einen
derartigen Fall. Die Kranke kam 3 X> Monate nach Ablauf eines leicht fieber¬
haften Wochenbettes wegen Ausfluss und unbestimmten Schmerzen. Im
Scheidengrund zeigte sich eine kugelige hochrote Geschwulst, die aus dem
1100
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _ Nr. 33
Muttermund hervorquoll. Corpus uteri nicht tastbar. Unblutige Reinversion
war nicht möglich. Die durch Menge selbst ausgeführte Operation nach
Kiistner war von Heilung gefolgt, hatte aber wegen Rückwärtsverlagerung
des Uterus Verwachsungen im Gefolge. Es wird daher in ähnlichen Fällen
empfohlen, nach Spinelli-Thorn das vordere Scheidengewölbe zu er¬
öffnen und die Naht auf die Vorderwand des Uterus zu verlegen, wodurch
auch jede lleusgefahr vermieden wird.
K. Riediger (Dudenstift Dortmund): Entgegnung auf die Arbeit
F 1 n k s „Zur Kritik der Kiellandzange“, d. Zbl. 1923 Nr. 17.
Verf. weist darauf hin, dass die Fink sehe Arbeit über 54 Kielland¬
zangen zu Unrecht den Eindruck erweckt, dass die Königsberger Klinik mit
dem neuen Modell wenig günstige Erfahrungen gemacht habe. Verf., der
selbst bei vielen der von Fink erwähnten Zangen anwesend war, revidiert
dessen Darstellung im einzelnen. Er tritt energisch für die neue Zange ein.
Man darf aber von ihr nicht zu viel verlangen, sie soll nicht geradezu zur
queren Kompression des Kopfes sowie zu Extraktion ohne Pausen statt zu
einzelnen Traktionen verführen. An der Dortmunder Klinik werden seit 1920
alle Zangen mit dem neuen Modell ausgeführt, und zwar mit sehr gutem
Erfolg. Nicht jede Klinik verfügt über ein Originalmodell; dieses federt nicht.
B. v. Värö-Pest: Bemerkungen über den Aufsatz „Ueber Serum¬
untersuchungen auf Syphilis bei Neugeborenen gesunder und luetischer Mütter
und über den kongenitalen Infektionsmodus bei der latenten kongenitalen
Syphilis von Prof. Esch. (Zbl. f. Gyn. 1923 Nr. 18.)
Die Ansicht Esch’, dass das Serum luetischer Neugeborener negativ
reagieren könne, ist unhaltbar. Es gibt Fälle, wo die Mutter negativ, das
Kind positiv reagiert, aber die Mutter ist in diesen Fällen doch stets luetisch.
Stellt man neben Wassermann auch Sachs-Georgi an, so entdeckt man oft
die Lues. Robert Kuhn- Karlsruhe.
Klinische Wochenschrift. 1923, Nr. 31.
Fr. v. G r ö e r - Lemberg: Die Dermoreaktionen mit besonderer Berück-^
sichtigung pharmakodynamischer Funktionsprüfung der Haut. Schluss folgt.
M. K a p p i s - Hannover: Weitere Erfahrungen mit der Sympathektomie
(bei verzögerter Konsolidation, Beingeschwüren u. a. m.).
Mitteilung einer grösseren Kasuistik (beginnende Gangrän der Zehen,
Ulcus varic. oder trophicum, Narbenulcera, Dekubitus etc.). Aus den an
15 Kranken gewonnenen Erfahrungen kommt Verf. u. a. zu folgenden
Schlüssen: Im allgemeinen gute Erfolge bei Dysbasia angiosklerotica, Ray¬
naud scher Gangrän, bei verzögerter Konsolidation einer Unterschenkel¬
fraktur, sehr guter Erfolg bei jahrelang bestandenem Ulcus varic. Die
Ursache des eigenartigen Verhaltens der Arterien nach der periarteriellen
Sympathektomie ist noch nicht sicher erkannt. Die Verschiedenheit der
Ergebnisse der Operation kann nicht auf der Art der Technik beruhen.
P. S. M e y e r - Breslau: Weitere Studien über die Gewöhnung des Bac.
prodigiosus an Strahlenwirkung.
Verf. fand, dass, ebenso wie gegen Röntgenstrahlen, der Bazillus auch
gegen Höhensonne und Kohlenbogenlicht gefestigt werden kann. Zur Er¬
reichung dieser Festigung bedarf der Bac. prod. keines Nährbodens. Die
Tatsache der Festigung kann zur Erklärung der geringeren biologischen
Wirkung einer in dosi refracta verabfolgten Bestrahlung herangezogen
werden. Ein röntgengefestigter Prodigiosusstamm wird von Höhensonne- und
Kohlenbogenlicht ebenso geschädigt, wie eine überhaupt noch nicht bestrahlte
Kultur. i . i i -I 1 :!.
H. H o h 1 w e g - Duisburg: Zur Diagnose der Nierensteine und Nieren¬
beckenerkrankungen, speziell mit Hilie der Pyelographie.
Diagnostische und differentialdiagnostische Darlegungen. Röntgenologisch
kann der Steinschatten in 97 Proz. der Fälle auf der Platte sichtbar gemacht
werden. Mitteilung einzelner Fälle, Technisches. Verwendung von Kollargol
wird widerraten, 10 proz. Jodkalilösung oder 15 proz. Bromnatriumlösungen
sind vorzuziehen, liefern ebensolche Schattentiefe. Bei einseitig erkanntem
Steinleiden ist die röntgenologische Kontrolle der anderen Niere angezeigt.
H. Guggenheimer und K. S a s s a - Berlin: Ueber die Beeinflussung
des Koronarkreislaufs durch Purinderivate.
Vortrag auf dem Kongress für Innere Medizin, Wien 1923.
Fr. K i s c h - Marienbad: Experimentelle und klinische Untersuchungen
über das Verhalten des Blutfibrinogens bei pathologischen Zuständen.
Nach den Resultaten der Untersuchungen lässt sich behaupten, dass unter
der Einwirkung von Toluylendiamin, welchem eine hämolytische Wirkung
zukommt, nach kurzdauernder anfänglicher Steigerung eine intensive Herab¬
minderung des Blutiibrinogengehaltes eintritt, welche sich nach Abklingen der
Giftwirkung wieder ausgleicht. Es scheint eine Beziehung zwischen der
Funktion des retikulo-endothelialen Systems und der Blutfibrinogenmenge zu
bestehen. Auch ausgebreitete Parenchymschädigungen der Leber können die
Menge des Blutfibrinogens herabsetzen.
K. N a t h e r - Zürich: Zur Gefässanatomie der Magenstrasse.
Untersuchungen an embryonalen Magen verschiedenen Alters bei mög¬
lichst gleichem Kontraktionszustand liessen erkennen, dass die Magenstrasse
hinsichtlich ihrer Gefässversorgung im Verlaufe ihrer Entwicklung in ähnlicher
Weise charakterisiert ist, wie sie am ausgewachsenen Magen als ein eigenes
Blutversorgungsgebiet zu bezeichnen ist.
Mar. L e m e s i c - Belgrad : Prüfung diuretischer Mittel an der Isolierten
Kaninchenniere.
Abbildung und Beschreibung der Vorrichtung. Experimentell geht hervor,
dass die isolierte Niere funktionstüchtig ist, dass Novasurol stark diuretisch
darauf wirkt, Euphyllin in geringem Maasse, Harnstoff gar nicht.
W. S o g c f f e r - Charlottenburg: Zur Frage des Fibrinogengehaltes des
Blutes bei Lebererkrankungen.
Bemerkungen zu der Arbeit von Isaac-Krieger und H i e g e in der
Klin. Wschr. 1923 Nr. 23, sowie Erwiderung von den 3 letztgenannten
Autoren.
0. Neuberg und A. Gottschalk - Berlin-Dahlem: Vorführung der
Azetaldehydbildung durch Organe des Warmblüters im Vorlesungsversuche.
Beschreibung des Verfahrens.
A. B u s c h k e und Fr. P e i s e r - Berlin: Ueber schwere Schleimhaut-
und Knochenverändertingen bei Ratten durch experimentelle Thalliumwirkung.
Kurze wissenschaftliche Mitteilung.
H. B a e r - Frankfurt a. M.: Ueber äussere und innere Pankreassekretion.
Kurze wissenschaftliche Mitteilung.
F. R o s e n t h a 1 - Berlin : Salvarsanintoxikatlon und Staphylokokken-
empfindlichkeit. Kasuistische Mitteilung. Grassmann - München.
Medizinische Klinik. Heft 30.
G. D o r n e r - Leipzig: Der künstliche Pneumothorax.
Antrittsvorlesung.
G. S t ü m p k e - Hannover: Ueber blasenartige Hauterkrankungen, Bei-
träge zu deren Aetiologie, Pathogenese und Therapie.
Die Arbeit ist im wesentlichen ein klinischer Vortrag über den Pemphigui '
vulgaris mit besonderer Berücksichtigung der neueren Anschauungen und de: j
Differentialdiagnose gegen die Dermatitis herpetiformis Duhring.
J. F a b r y - Dortmund: Zur . Frage der Verhütung der syphilitischer
Berufsinfektion.
Bericht über den Fall eines Kollegen, bei dem die Fingerwunde un¬
mittelbar nach der Verletzung energisch kauterisiert, geätzt und mit Neo-j
salvarsan gebadet wurde. Eine Infektion trat nicht ein. Empfehlenswert und
berechtigt wäre in solchen Fällen auch eine Salvarsaninjektion, die hier aut
Wunsch des Kollegen unterlassen wurde.
A. D ü h r s s e n - Berlin: Die W e n i n g e r sehe Fnhalatlonskur der
Lungentuberkulose.
Warme Empfehlung der Methode, die in der Inhalation einer Flüssigkeit
besteht, die in erster Linie Uran, Thorium, Mangan und Säuren enthält. Ziel
dieser magischen Behandlung, deren Erfolg durch einen Krankenbericht belegt
wird, ist die Durchdringung der wachsartigen Hülle der Tuberkelbazillen, un
die toxischen und infektiösen Eigenschaften der Organismen aufzuheben.
H. F 1 ö r c k e n - Frankfurt a. M.: Erfahrungen mit der Bluttransfusion1
Erfahrungen an 150 Fällen, meist mit der Methode von O e h 1 e c k e r
Stets Sicherung durch die Dreitropfenmethode von Nürnberger.
B. F i s c h e r - Prag: Der Einfluss von Sensibilitätsstörungen auf der
B ä r ä n y sehen Zeigeversuch.
Bericht über 2 Fälle, wo das an- bzw. hypästhetische Schultergelenk derl
Ausfall der Versuche beeinflusste.
E. Schill-Pest: Ueber ein annäherndes Quantitativverfahren zur Be¬
stimmung des Harnzuckers mittels einfacher Einrichtung.
Das Verfahren beruht darauf, dass man den Urin solange verdünnt, bi:
bei Anwendung von Nylanders Reagens die den bekannten Zucker¬
konzentrationen entsprechenden Farbentöne zum Vorschein kommen.
Gottschalk - Mayen: Scheidenrisse.
Für die extraperitonealen Scheidenrisse wird die Naht, weil teclmisct
schwierig, dem Praktiker widerraten und die Tamponade nach Dührsser
empfohlen. Mitteilung dreier Fälle.
Rh. E r d m a n n - Berlin: Einige Gedanken über Zellwucherungen ii
weitestem Sinne nach experimentellen Erfahrungen der in-vitro-Kultur.
Beitrag zur Krebsforschung.
H. Engel- Schöneberg: Progressive Paralyse nicht Folge einer Kopf.
Verletzung. S.
Vereins- und Kongressberichte.
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 12. März 1923 im grossen Saale des Konzei;thauses.
Gymnastik für den weiblichen und kindlichen Körper, vorgeführt von)
Bund der selbständigen Gymnastinnen Dresdens, E. V.
a) Gesundheitsübungen — Mensen dieck,
b) Körperbildung — L o h e 1 a n d,
c) Aesthetische Gymnastik — Wo ndsworth - Flint.
Sitzung vom 19. März 1923.
Vorsitzender: Herr Mann.
Schriftführer: Herr Grunert und Herr Wemmers.
Tagesordnung:
Herr Wachtel: Die dogmatischen und sozialen Grundlagen der Laien
medizin.
Vortr. ging als Pharmakologe bei seinen Untersuchungen davon aus, di>
Arzneimittel der laienärztlichen Heilrichtungen kennenzulernen, und wurd'
bei dieser Gelegenheit in enger Berührung mit praktizierenden Laienärztei
auch Beobachter anderer Heilmethoden, welche zum Teil auf der Wirkung
strahlender Kräfte (Magnetismus, Od, Helioda) beruhen sollen, zum Teil siel
rein seelenärztlicher Mittel bedienen. Die Ergänzung dieser Beobachtungei
durch das Studium der für die' verschiedenen laienärztlichen Richtungen
massgebenden Quellenschriften führte den Vortragenden zu einer systemati
sehen Gruppierung der heute in Gebrauch befindlichen laienärztlichen Arbeitst
methoden. Diese Methoden sind oft sehr weitgehend ausgebaut, so dass si*
ganze Lehrsysteme bilden, die sich dem äusseren Ansehen nach als wissen!
schaftliche geben. So gibt es z. B. einen Atlas der Augendiagnostik, de;
viele hundert Irisbilder, die für verschiedene Erkrankungen charakteristisch
sein sollen, wiedergibt. Selbstverständlich bedienen sich die laienärztliche:
Richtungen nicht der gleichen Logik, wie die exakte Naturwissenschaft, es is
aber falsch, sie einfach als unlogisch und unsinnig beiseite zu legen. Ihr
Denkmittel sind vielmehr diejenigen der Gehcimwissenscjiaften, der Grundsat;
der Entsprechung, der mehrfachen Bedeutung, der sprachlichen Symbolik un«
der intuitiven Gewissheit; was für den Naturwissenschaftler die Beobachtuni
und das Experiment, das ist für den Laienarzt eine einfache Empirie um|
durch Hellsehen erworbene Kenntnis.
Ueber diese Methoden selbst herrscht bei Aerzten und Laien im all
gemeinen weitgehende Unkenntnis; deshalb hat sich der Vortragende ent
schlossen, eine zusammenfassende Darstellung der in Betracht kommende
Gegenstände in einem Buche, unter dem Titel: „Laienärzte un1
Schulmedizin, ihre hauptsächlichen und sozialen Beziehungen im Licht •
der zeitgenössischen Medizin und Philosophie“ zu geben, das im Verlag vo
Gurt Kabitzsch, Leipzig, erschienen ist. In dieser Darstellung kommt zur
Ausdruck, dass die Entwickelung der laienärztlichen Richtungen in Parallel
steht zu der Entwickelung der okkultistischen Wissenschaften und sich wi
diese auf der gleichen Entwickelungslinie des magischen Idealismus bewegi
Infolgedessen enthalten alle laienärztlichen Richtungen zahlreiche mystisch t
Bestandteile, die zu einer häufigen Berührung mit religiösen Ideen führen
Nur wenn die wissenschaftlichen Aerzte sich dieses Zusammenhanges be
wusst sind, werden sie nicht verständnislos vor der Tatsache stehen, das
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1101
e Laienärzte ihre Wirkung auf das Volk heute noch genau so üben, wie an
:r Wiege der Menschheit vor Jahrtausenden. Aus diesem Grunde ist es
itwendig, dass die Schulmedizin die Laienärzte nicht einfach als eine Gesell¬
haft von Geldverdienern und Schwindlern betrachtet, sondern sie muss
ese Bewegung zum Objekt ihrer Studien machen, genau so wie irgendein
ideres Gebiet der sozialen Hygiene.
Selbstverständlich lässt sich bei einer genauen Kenntnis der Grundlagen
icnärztlicher Heilweise die Bekämpfung der Laienärzte weit gründlicher
rcliführen, wenn man imstande ist, unter ihnen die Idealisten und Schwindler
reng zu sondern, nur dürfen wir nicht erwarten, dass es uns jemals gelingen
:rd. die Laienärzte auszurotten; denn ihr Vorhandensein entspricht einem
ingenden Bedürfnis des Volkes, dessen vielseitige Ansprüche mystischer
t die wissenschaftliche Medizin natürlich nicht befriedigen wird. Wir
lssen uns damit begnügen, die sozialen und volksgesundheitlichen Schäden,
eiche durch eine unbeaufsichtigte und unkontrollierte Laienheilkunde an¬
richtet werden können, nach Möglichkeit auf ein Mindestmaass zu bc-
hränken. Die Darstellung in dem Buche „Laienärzte und Schulmedizin“ ist
eignet, dem Arzte die Kenntnisse zu vermitteln, deren er in der täglichen
axis und als Gutachter in Kurpfuscherprozessen bedarf.
Herr Nahmacher: Grundlagen und Ausführungstechnik der Strahlen-
ifentherapie und über die notwendige Zusammenarbeit des behandelnden
•ztes mit dein Strahlentherapeuten.
Medizinische Gesellschaft Göttingen.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 28. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr S c h u 1 1 z e. Schriftführer: Herr v. Gaza.
Herr R 1 e c k e demonstriert ein 18 jähriges Mädchen mit Angiokeratoma
gitorum acroasphycticutn. Asthenischer Habitus, pigmentarme Haut, röt¬
ende Haare. Keine nachweisbare Tuberkulose. Akroparese. Symmetrisch
beiden Dorsalflächen der Hände, übergreifend seitlich auf die Volae ein
.anthem, bestehend aus bordeauxroten und tiefdunklen Flecken, welche auf
■uck nicht verschwinden und aus verrukösen grünschwarzen und dunkel-
aunroten Erhabenheiten, auf Druck dunkle Blutpunkte zurücklassend, rauh
d uneben an der Oberfläche. Daneben namentlich an der stärker befallenen
iken Hand orbikuläre, flachmuldenförmige, weissbläuliche glatte Narben,
rrührend von früheren Perniones.
Anamnestisch: Erfrierung mit 12 Jahren; seit etwa dem 15. Lebensjahre
itwicklung der angiokeratotischen Veränderungen. Mutter und Tante zeigen
iselben Erscheinungen. Ein Grossvater litt an Erfrierung der Hände.
Herr Staemmler: Untersuchungen über die Arterlenrauskulatur, ins¬
sondere der Milz- und Nierenarterie.
Vortr. zeigt an der Hand von mikroskopischen Präparaten, wie die Media
r grossen Arterienstämme vom muskulösen Typus, insbesondere der Niere
d Milz, im Laufe des Lebens einer fortschreitenden bindegewebigen De-
neration verfällt. Nachdem es anfangs nur zu einer Einlagerung kollagener
d elastischer Elemente zwischen den Muskeln kommt, ohne dass diese patho-
;ische Veränderungen zeigen, entsteht vom 3. — 4. Jahrzehnt zuweilen auch
hon im 2., ein herdförmiger Untergang von Muskelfasern, der durch eine
hwielenähnliche Bindegewebswucherung gedeckt wird. Die elastischen
sern, die in diesen Schwielen zunächst in grosser Menge vorhanden sind,
rschwinden unter körnigem Zerfall. In den höchsten Graden kann die ganze
uskulatur bindegewebig ersetzt sein. In der Adventitia, besonders der
erenarterie, findet sich gleichzeitig häufig eine Hypertrophie der Längs-
rsulatur.
Als Ursachen des Prozesses müssen wohl rein funktionell-mechanische
omente angesprochen werden.
Diese „fibröse Degeneration der Media“ hat mit Intima¬
ränderungen direkt nichts zu tun, ist aber trotzdem zur Arteriosklerose zu
chnen und zeigt in ihrer ganzen Entstehung die grösste Aehnlichkeit mit
r bei der Arteriosklerose auftretenden Intimaericrankung (1. Stadium mit
/perplasie, 2. Stadium mit Degeneration).
Als Folgen treten Ektasie und Schlängelung der Arterien ein. Allgemeine
eislaufstörungen entstehen nicht, da die peripheren Aeste meist intakt
;iben. (Der Vortrag erscheint ausführlich a. a. Stelle.)
Herr Ebb ecke: Ueber Zellreizung und ihre Beziehung zu klinischen
agen.
Als elektrischer Ausdruck einer Erregung findet sich bei Muskeln und
:rven das Auftreten von Aktionsströmen und die Abnahme der Polarisier-
rkeit und des Gleichstromwiderstandes. Diese Erscheinungen lassen sich
f Permeabilitätssteigerung von Oberflächengrenzschichten und Membran-
.kerung zurückführen. Dieselben Erscheinungen zeigt die Netzhaut (durch
dichtung vermehrte Phosphorsäureausscheidung, Leitfähigkeitszunahme,
;tionsströme), die Epidermis der Haut (Flammströme, reversible Wider-
indsänderungen, Aenderungen des Sauerstoffverbrauchs) und die Pflanze, bei
r die aus den elektrischen Messungen erschlossene Durchlässigkeitssteige-
ng der Plasmahäute sich auch aus der Beobachtung der plasmolytischen
enzkonzentration und des Turgors ergibt. Für Einzelzellen werden die
zellen, Amöben und weissen Blutkörperchen als Beispiel angeführt und wird
f den Zusammenhang zwischen Abnahme der Oberflächenspannung, amöboider
:weglichkeit und Phagozytose hingewiesen. Ganz ähnlich wie die weissen
utkörperchen verhalten sich die Endothelzellen der Blutgefässe, deren ver¬
werte Oberflächenspannung zu Kapillarerweiterung und deren Durchlässig-
itssteigerung zum Austritt kolloidaler Substanzen (Plasmaeiweiss. Vital-
bstoffe) aus der Blutbahn führt. Die Anschauung wird angewandt auf die
iktionelle Zunahme der Vitalfärbbarkeit, die Erscheinungen des Schocks und
r omnizellulären parenteralen Reizkörperwirkung. (Erscheint in der D.mAV.)
Verein der Aerzte in Halle a. S.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 25. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr F i e 1 i t z. Schriftführer: Herr Grote.
Herr Volhard demonstriert einen Fall von Perikardobiiteration und
örtert die operative Behandlung.
Herr Kürten demonstriert eine für Endocarditis lenta charakteristische
rumreaktion: 1,0 ccm Serum und 2 Tropfen käuflichen lackmusneutralen
Formalins ergeben nach Minuten bis wenigen Stunden Gelatinierung. Bei den
differentialdiagnostisch in Frage kommenden Erkrankungen bleibt die letztere
auch noch nach 24 Stunden aus. Die Erscheinung beruht auf einer starken
Globulinanreicherung des Serums. (Ausführliche Publikation a. a. O.)
Besprechung: Herren Neuendorff, Volhard, Beneke,
Kürten.
Herr Grund: Ueber Situs inversus partialls abdomlnis.
Bei einem 60 jährigen Manne ist röntgenologisch folgender Befund zu
erheben: Normale Lagerung der Brusteingeweide und der Leber; Situs trans-
versus des Magens, des Duodenums und der Milz; der Dünndarm liegt rechts,
Zoekum, Dickdarm und S romanum links, wobei das Zoekum der Mitte am
nächsten liegt. Der Befund, der anatomisch einige Male, klinisch aber noch
nicht beobachtet worden ist, ist zu erklären durch eine verkehrte Drehung
der Magenschleife und eine rechtläufige, aber ungenügende Drehung der
Darmschleife.
Besprechung: Herr S t i e d a.
Herr Ackermann: Ueber hereditäre spastische Spinalparalvse.
Demonstration zweier Schwestern, die 48 jährige mit stark spastischem
Gang und typischen Pyramidensymptomen, die 50 jährige mit schwersten
spastischen Kontrakturen der unteren Extremitäten, geringeren auch des
rechten 1 Arms. Die ebenfalls untersuchte 70 jährige Mutter hat leichtere
spastische Störungen. Bei allen dreien keinerlei sonstige Symptome. Keine
Syphilis. Liquor normal. Blutsverwandtschaft der Eltern — der Vater war
der Onkel der Mutter.
-Besprechung: Herr Grund: Wahrscheinlich sind leichtere Formen
der spastischen Spinalparalyse häufiger als im allgemeinen angenommen wird;
sie bleiben aber stationär und kommen nicht zur Obduktion.
Herr Grund: Ueber den Kroch sehen Respirationsapparat.
Vortr. demonstriert und erläutert die Konstruktion und die Anwendungs¬
weise des Apparates und gibt einen kurzen Ueberblick über die klinische Be¬
deutung der Bestimmung des Grundumsatzes. Folgende Modifikation des
Apparates wurde vorgenommen: Der Netzeinsatz mit dem zur Absorption
der CO2 bestimmten Natronkalk fällt fort. Dafür wird der Natronkalk in
einem etwa 2 kg fassenden Glasgefäss untergebracht, das auf dem Boden des
Apparates steht und bis etwas über den Wasserspiegel reicht. Das Rohr,
welches die Exspirationsluft in den Apparat leitet, wird von unten bis etwas
über den Wasserspiegel hochgeführt und mit einem Glasrohr verbunden, das
von oben in das Glasgefäss bis auf den Boden reicht, wo es mit einem Draht¬
netz verschlossen ist. Im übrigen wird das ganze Innere des Apparates mit
Wasser gefüllt.
Die Absorption des CO2 ist bei dieser Anordnung sicherer, die Aus¬
nutzung des Natronkalkes besser, der Verbrauch darum sparsamer. Die
häufiger notwendige Auswechselung des Natronkalkes vollzieht sich sehr
rasch und sauber.
Besprechung: Herren Winternitz, Kochmann, Grund.
Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg.
(Medizinische Abteilung.)
12. Sitzung vom 3. Juli 1923.
Herr Teutschländer zeigt ein .makroskopisches Präparat und Licht¬
bilder eines von ihm als Haarscheidengeschwulst (Trichokoleom) bezeichneten
Tumors, welcher bisher nur bei der Maus beobachtet wurde (Tumeur mollus-
coide) ; aber, da seine Matrix bei den meisten Säugetieren und auch beim
Menschen vorhanden ist, wohl nicht nur -bei der Maus Vorkommen dürfte.
Von diesem Standpunkt aus hat diese eigenartige Geschwulst, die
sich mit keinem der bisher bekannten Epithelgeschwulsttypen identifizieren
lässt und sich durch ihren sehr regelmässigen Bau (mit peripheren Blind¬
säcken und zentralen, dichotomisch, gabelig geteilten Strahlen, welche zentral
nekrotisches, peripherwärts über Keratohyalinbildung verhornendes Epithel
enthalten) auszeichnet, auch für den Human- und Tierpathologen und Dermato¬
logen Interesse.
Herr Klug: Ueber die periarterielle Sympathektomie (Leriche sehe
Operation).
Zurzeit die modernste chirurgische Operation. Hat bereits ihre Vor¬
läufer in der Sympathikusresektion von Jonnescu und J a b u 1 a y bei
Basedow, Epilepsie, Glaukom und bei Hysterie. Diese Operation, zunächst
in Vergessenheit geraten, wird jetzt neuerdings wieder bei Angina pectoris
von Jonnescu, Tuffier und Brüning ausgeführt. Eppinger und
Hofer durchschneiden bei der gleichen Erkrankung den Nerv, depressor,
einen Abkömmling des Nerv, vagus.
Eingehende Erörterung der Leriche sehen Operationsmethode und der
einzelnen Theorien, auf Grund welcher die Operation ausgeführt wird. Eigene
Erfahrung bei 16 Fällen der E n d e r 1 e n sehen Klinik mit Nerven- und Ge-
fässerkrankung. Es können die von anderer Seite gerühmten Erfolge mit
der Leriche sehen Operation und die bestehenden Theorien bei sehr
beschränkter Indikationsstcllung und sauberster Technik nicht bestätigt
werden. Allen Fällen gemeinsam ist in der ersten Zeit nach der Operation
eine gewisse Hyperämie, die sich in subjektivem wie objektivem Wärmegefühl
-äussert. Es treten aber schon bald wieder die früheren Störungen auf, z. B.
Zyanose. Der Blutdruck wird teilweise beeinträchtigt, teilweise nicht, viel¬
leicht Operationseinfluss. Gefässkontraktion während der Operation nur bei
Jugendlichen vorhanden. Peripher und zentral von der Kontraktionsstelle
besteht gleiche Weite des Gefässrohres. Dieser Zustand spricht daführ, dass
das Blutvolumen in der Extremität nicht beeinträchtigt wird. Es ist dies
auch experimentell von W i c d h 0 p f beim Hunde plethysmographisch nach¬
gewiesen. Als event. Spätschäden der Operation sind vielleicht wieder¬
auftretende Oedeme, ferner ein Schwächersein des peripheren Pulses an¬
zusehen. Die Kapillartätigkeit wird offenbar nur vorübergehend beeinträchtigt
(Beobachtungen mit dem Kapillarmikroskop). Später tritt die Automatic der
Kapillaren wieder in Kraft. Senföl- und Adrenalinversuche an den nach
Leriche operierten Extremitäten führten zur prompten Rötung bzw.
Blässe; es bestand kein Unterschied gegenüber der anderen Extremität. In
den Ausfallszonen bei Nervenverletzungen blieb die Senfölreaktion vor wie
nach der Leriche sehen Operation aus. Die Kapillardilatation und Kapillar¬
kontraktion wird also durch die Leriche sehe Operation keineswegs be¬
einflusst und es scheint die Nervenversorgung der Gefässe doch eine seg¬
mentäre zu sein.
1102
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33
Ausserdem hat man auch mit pathologischen Stoffwcchsclvorgängen zu
rechnen. Die Zyanose spricht für Uebersäuerung, Rötung oder Blässe für
die Wirkung irgendwelcher Reizstoffe aus dem geschädigten Gewebe. Beides
aber ist von Einfluss auf die Kapillartätigkeit. So scheint der Erfolg der
L e r i c h e sehen Operation an der Automatic der Kapillaren und ihrem
engen Zusammenhang mit dem geschädigten Gewebe zu scheitern. Vorüber¬
gehende Erfolge und Scheinerfolge verdanken wir wohl der Hyperämie, der
Ruhe und der Pflege. Als Therapie der Wahl dürfte die Operation wegen
ihrer geringen anatomischen und experimentellen Begründung und ihres nicht
einwandfreien Erfolges kaum in Betracht kommen. Für das Experiment bietet
sie vielleicht bessere Aussichten. Daher erst Erproben der Methode im Ex¬
periment und daraus die Indikation zur Operation am Menschen.
D ii s k u s s i o n : Herren Ernst, Freund, Klug.
Herr Steinthal: Untersuchungen an Herzkranken.
Wissenschaftl.-med. Gesellschaft an der Universität Köln.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 6. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr Moritz. Schriftführer: Herr Haberland.
Herr Dietrich: Ueber die Entstehung des Hydrozephalus. (Mit De¬
monstration.)
Erscheint unter den Originalien dieser Wochenschrift.
Besprechung: Aschaffenburg, Tilmann, Moritz,
Dietrich, Hering.
Herr Thomas: a) Ueber das Spitzenpigment des Kleinkindes.
Es handelt sich um eine normalerweise auftretende Pigmentierung des
letzten Fingergliedes (Dorsalseite), seltener der Zehenendglieder. In den
ersten Lebenswochen ist die Pigmentierung nicht wahrzunehmen, da sie durch
die rote Farbe verdeckt ist. Sie fand sich deutlich bei etwa der Hälfte
der untersuchten Säuglinge, in einem Viertel war sie zweifelhaft, in einem
weiteren Viertel fehlte sie. Im zweiten Lebensjahr wird sie bedeutend inten¬
siver, um gegen das fünfte Lebensjahr hin allmählich abzunehmen. Bei
älteren Kindern ist nur proximal vom Nagelfalz noch eine streifenförmige
pigmentierte, meist nur gerötete Zone nachweisbar. Eine Erklärung steht vor¬
läufig noch aus, Insolation oder Karotinablagerung kommt nicht in Frage.
Besprechung: Cords, Haberland, Sieger t, Mei-
rowsky, Müller.
b) Jodgehalt der Neugeborenenschilddrüse.
Es wurden über 90 Kölner Schilddrüsen von Kindern auf ihren Jodgehalt
nach der Methode von Baumann-Authenrieth untersucht (Ueber-
sichtstabelle). Im Rahmen dieser Untersuchungen, die mit E. Delhougne
zusammen ausgeführt wurden, ist auch bei 4 Schilddrüsen von ausgetra¬
genen Neugeborenen und von 6 Frühgeburten der Jodgehalt festgestellt wor¬
den. Entgegen den Angaben der Literatur zeigten 3 von 4 Neugeborenen-
und 2 von 6 Frühgeburtenschilddrüsen deutlichen Jodgehalt. Dass nicht
sämtliche Neugeborenenschilddrüsen Jod enthielten, führt Th. darauf zurück,
dass es sich um Winterschilddriisen handelte. Nachdem K e n d a 1 1 im nor¬
malen Blut mit einer sehr empfindlichen Methode Jod nachgewiesen hat und
die fötale Schilddrüse schon Fähigkeit zur Jodspeicherung zeigt, wäre eine
Jodfreiheit der Neugeborenenschilddrüse nur so zu erklären, dass die Pla¬
zenta für Jod undurchlässig wäre, was unwahrscheinlich ist. Dass die
Neugeborenenschilddrüse Jod enthält, beweist noch nichts für ihre volle
Tätigkeit. Es kommt vielmehr der Gehalt an Thyroxin in Frage, welcher
wegen der kleinen Ausgangsmenge nicht dargestellt werden kann. Die
Latenzzeit myxödematöser Zeichen bei angeborenem Schilddrüsenmangel
deutet darauf hin, dass der Neugeborene, falls die mütterliche Schilddrüse
leistungsfähig ist, ein Thyroxindepot im Körper mitbringt, welches thyreo-
prive Erscheinungen solange hintanhält. Beim normalen Kind fängt die Schild¬
drüse an zu produzieren und ergänzt das Thyroxindepot.
Besprechung: Sieger t.
Herr Siegmund: Zur Pathologie chronisch verlaufender Fälle von
Encephalitis epidemica — - Ueber die durch das Herpesvirus erzeugte En¬
zephalitis von Kaninchen.
Vortragender zeigt zahlreiche Präparate und Bilder der Hirnverände¬
rungen bei akut und besonders chronisch verlaufenden Fällen von Encepha¬
litis ep. Bei den akuten Fällen stehen die degenerativen Veränderungen an
den nervösen Elementen im Vordergrund; alle übrigen Erscheinungen, wie die
Ganglioneuronophagie. Gliaknötchen, perivaskuläre Infiltrate etc., sind der
Ausdruck resorptiver Leistungen seitens des ektodermalen und mesenchvrmlen
Stützapparates. Besonders deutlich lässt sich das an solchen Stellen zeigen,
wo pigmentierte Fett- oder eisenhaltige -Bestandteile untergehenden nervösen
Gewebes zum Abbau gelangen und der direkte Nachweis der Abbauprodukte
möglich wird. Die wiederholt beschriebenen Ganglienzelleinschh'isse sind
intrazelluläre Degenerationsprodukte. Im adventitiellen Maschenwerk von
Venen und Kapillaren auftretende Zellinfitrate entstehen an Ort und Stelle
aus dem retikulären Gewebe der Gefässwand unter dem Einfluss und als Er¬
folg der Verarbeitung von herangebrachten Zerfallsprodukten.
Bei den chronisch verlaufenden Fällen sind die Restzustände von den
meist schubweise auftretenden frischen Veränderungen zu trennen. In drei
klinisch als Spätzustände erscheinenden Fällen (8 Wochen. 2 Jahre, 3 Jahre)-
fanden sich bei der histologischen Untersuchung jedes Mal auch ganz frische
Prozesse, so dass die Zweifel an einer Heilung der Enc. ep. durchaus be¬
rechtigt sind. Es handelt sich meist um ein Fortschreiten des Leidens. Neben
schweren, oft überraschend ausgedehnten Ausfällen von Ganglienzellen in den
verschiedensten Kerngebieten (Olivenkern, Nucleus dent., Kerne der Hauben¬
region usw.), aber auch der Rinde mit meist sehr geringfügigen feinfaserigen
reparatorischen Gliawucherungen fanden sich kleine Entmarkungsherde mit
Fettkörnchenzellen und perivaskuläre Gliaverdichtungen. Am augenfälligsten
sind, wie auch von Spatz u. a. betont wird, die Veränderungen der Sub-
stantia nigra, die in ein gliöses Narbengewebe mit eingestreuten Pigmtent-
massen verwandelt ist, in denen Ganglienzellen so gut wie ganz fehlen. Peri¬
vaskuläre Infiltrate sind ausserordentlich gerinfügig und finden sich nur in
solchen Abschnitten, wo auch frische Veränderungen nachzuweisen sind, hier
neben Gliaknötchen und mannigfachen akuten und subakuten degenerativen
Veränderungen der Ganglienzellen. Zum Studium lokalisatorischer Probleme
sind Fälle von chronischer Enc. ep. nicht geeignet.
Verfasser demonstriert zum Schluss eine Reihe von Kaninchengehirn¬
schnitten mit enzephalitischen Veränderungen, die durch korneale Infektion
mit Herpesbläscheninhalt erzeugt wurden. Das histologische Bild ist dabei,
je nach Verlauf der Infektion, ausserordentlich wechselnd. Es gibt alle Ueber I
gängc von akut verlaufenden, rein eitrig abszedierenden Prozessen zur rei ’
proliferativen, die dem Bilde von menschlicher Enzephalitis ausserordeutlic j
ähnlich sind. Das anatomische Bild der Hirnveränderungen allein berechtig i
nicht zu Schlüssen über die Aetiologie des Prozesses und darf nicht ul •
Beweis für die Einheit des Enzephalitis- und Herpesvirus im Sinne vo
Dörr und Schnabel angeführt werden. Die experimentelle Kaninchen
enzephalitis ist ein sehr geeignetes Objekt zum Studium der feineren gewel
liehen Veränderungen, insbesondere der Zellentstehung aus Gefässwandzellet
Besprechung: Herren Aschaffenburg, Hess, Asch affen
bürg.
Fr. O. Hess betont die Wichtigkeit fortlaufender klinischer Beot
achtungen der Enzephalitiskranken, besonders auch mit Rücksicht auf später
anatomische Befunde und der möglichst scharfen Trennung zwischen Erkrar
kungen, die ohne Unterbrechung oder in Schüben von der akuten Erkrankun
bis zum Tode verlaufen ,und solchen, die klinisch (vielleicht nur scheinbar
zum Stillstand gekommen sind und nur „Restsymptome“ zeigen.
Im Gegensatz zu Aschaffen bürg betont Hess, dass er bisher bt
keinem seiner Kranken, auch nicht bei den schwersten, eine „Dementi
encephalitica“ habe feststellen können; man ist im Gegenteil bei eingehende
Unterhaltung oft überrascht, bei den körperlich erstarrten Kranken ein rege
üeistesinnenlcben zu finden.
Medizinische Gesellschaft zu Leipzig.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 24. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr W e i g e 1 d t.
Diskussionsbemerkungen zum Vortrag von Herrn Wandel
Ueber die Insulintherapie des Diabetes.
Herr Thomas berichtet von den neueren Arbeiten über die Konstitutio
der Zucker (Irvine, Karrer, Pringshei m). Der Blutzucker is
normalerweise nach Winter und Smith y-Glukose. Bei überstürzte
Glykogenolyse durch Adrenalin werden, wie im Pankreasdiabetes, höhe
drehende Abbaustufen von Disaccharidcharakter ins Blut abgegeben. Insuli
erleichtert die Umwandlung der «- ß-Glukose in die stapelungsfähige y-Forr
und führt deshalb zur Glykogenanhäufung in der Leber; es kann also nich
als Antipode vom Adrenalin bezeichnet werden. Insulin begünstigt ausserdei
den Verbrauch von Zucker in den Geweben. Da diese auch bei schwere
Fällen von Pankreasdiabetes die Fähigkeit der Verbrennung von Zuckei
derivaten, die im Muskel verbraucht werden und aus anderem Material ge
bildet worden sind, nie vollständig verloren haben, wird im (Insulin ei)
zweiter Aktivator vermutet, der die Umwandlung vom Gewebeglykogen i
die reaktionsbereite Glukoseform (Laktacidogen?) begünstigt.
Herr H u e c k weist darauf hin, dass das „Insulin“ kein Extrakt sei, de
lediglich aus dem Inselgewebe (im histologischen Sinn) gewonnen wird. De
Schluss erscheine also nicht zulässig, dass durch das „Insulin“ die Seil
ständigkeit des Inselgewcbes im Pankreas bewiesen sei. Nach wie vo
sprechen sehr viele Gründe für eine innige Zusammengehörigekeit von Inse
und Drüsengewebe im Pankreas.
Herr Wandel (Schlusswort): Die Amerikaner, vor allem Al lat
haben weitere Stützen für den spezifischen Charakter des Insularapparatö!
erbracht. In Ergänzung seines Vortrages spricht W. über die Natur dt
Insulins. Es ist nicht als- glykolytisches Ferment im alten Sinne Lepinc
aufzufassen, denn es wirkt nicht in vitro und erhöht auch nicht die glyke
lytische Funktion der Blutzellen, sondern es ist als hormonaler Aktivator dt
Umsetzungsvorgänge im Zuckerstoffwechsel anzusehen. Seine Angriffssteli!
ist wahrscheinlich eine zweifache: 1. beim Glykogenaufbau und 2. bei)
Zuckerabbau. In anderen Organen als im Pankreas wurde es beim Tier nicl
gefunden. Ob der aus Hefe dargestellte Stoff beim Menschen dasselbe leist'
wie das Insulin, ist noch nicht sicher; nach eigenen Kaninchenversucht
setzte es den Blutzucker in ähnlicher Weise herab wie das Insulin.
Herr Bostroem: Ueber Stirnhirntumoren.
Für die Erkennung von Stirnhirntumoren sind wertvoll die Kombinat«)
von Gleichgewichtsstörungen, besonders R u m p f a t a x i e, di
der zerebellaren klinisch im wesentlichen gleicht, mit einer eigentümliche
A k i n e s e. die sich vor allem in einer Entschlussunfähigkeit, Mangel a
Antrieb und in Fehlen jeder Spontaneität äussert. — Es wird über 9 älterl
und neue Beobachtungen kurz berichtet. — Um ein Lokalsymptom im strenge)
Sinne des Wortes handelt es sich dabei nicht, da in einer Reihe von Fälle]
auch der Balken beteiligt war, und da es zuweilen auch Stirnhirngcschwülstj
ohne diese Symptome gibt. Man wird daher aus diesen AusfallscrscheinungeJ
keine Schlüsse auf die Funktion des Stirnhirns ziehen können. Praktisch
wichtig ist es, dass es sich immer um sehr grosse Tumoren gehandelt ha (
Man kann aus den Beobachtungen entnehmen, dass Geschwülste dieses Sitzet-
offenbar erst sehr spät klinische Erscheinungen machen, dass besonders da
erwähnte charakteristische Syndrom erst spät auftritt, wobei auch Allgcmeii
Symptome, wie Stauungspapille. Druckpuls, ja auch Kopfschmerz oft fehler.
Man wird daher trotz gestellter Diagnose unter Umständen eine Indikatioj
zum operativen Eingriff zunächst nicht für gegeben halten. Die Erfahrun
lehrt aber: Sind die obenerwähnten charakteristischen Symptome vorhandef
so kann man nicht nur auf das Vorhandensein eines Stirnhirntumors schliessef
sondern man kann auch annehmen, dass ein recht grosser Tumor vorlieg
und wir haben in diesem Syndrom auch ein bedrohliches Zeichen zu erblicket
das auch ohne alarmierende Allgemeinsymptome die Indikation zu eine
Trepanation abgibt.
Diskussion: Herr Niesslv. Mayendorf: Man muss zwische
Stirnphysiologie und der Symptomatologie der Stirn
hirntu moren streng unterscheiden. Letztere lässt keine Rückschluss; J
auf die erstere zu. Wenn dies versucht wurde, verfiel man in Irrtümcr.
Herr R. A. Pfeife r: Anatomische Darstellung des kortikalen Ende
der Sehlcitung.
Auf Grund myelogenetisch-anatomischer Untersuchungen kommt dt
Vortragende zu der Anschauung des Verlaufs der Sehstrahlung in einer g<
schlossenen Marklamelle (Sehmarklamelle). Von der Ursprungsleiste a:
äusseren Kniehöcker aus divergieren die optischen Fasern, um als nahez
vertikal aufgestellter „Stielfächer“ die innere Kapsel zu verlassen. Dt
dorsale Saum steigt bis zur Höhe des oberen Inselrandes auf und behüt;
als Leitseil Stabkranzanteile des Gyrus fornicatus. Er überbrückt de
7. August 192,?.
Münchener medizinische: Wochenschrift.
1103
entrikel an der Ursprungsstelle des Hinterhorns aus dem Seitenventrikel
id tritt, in eine seichte Eindellung (Jochbildung) des in den Markkörper vor-
„•triebenen Rindengraues der Fissura parieto-occipitalis eingelagert, in den
uneus ein. Fr durchquert diesen von vom oben nach hinten unten und
crsorgt kaudale Abschnitte der Fissura calcarina bzw. die Polkappe. Der
entrale Saum steigt nach dem Schläfenlappen ab, beschreibt dort eine
dileife mit der Konvexität nach vorn um das Unterhorn vom Scitenventrikel
emporales Knie) und verläuft entlang der Basis des Unterhorns nach oralen
hschnitten der Unterlippe der Fissura calcarina. Die Verteilung der übrigen
isern auf Ober- und Unterlippe sowie die Gyri cuneo-linguales ist kompliziert
id kann im einzelnen hier nicht wiedergegeben werden. Die Sehmark¬
melle als Ganzes erhält zahlreiche Digitationen und Impressionen durch
arspringen des Rindengraucs nach dem Markkörper zu. Das in den Mark-
irper vorgetriebene Rindengrau der Fissura collateralis lässt in der Gegend
-*s Gyrus lingualis eine grosse napfförmige Impression (Impressio lanciformis)
itstehen und lateral davon typisch die basale Duplikatur der Sehmarklamelle,
n der Stelle des Uebergangs der sagittal gestellten Sehmarklamelle zu dem
irizontal gespreizten Fächer, der die Versorgung der Polkappe übernimmt,
itsteht im retroventrikulären Markraum eine ,, Umschlagstelle“ mit sehr
impliziertem Faserverlauf. Die Hypothese hat viel für sich, dass, was die
unktion anbelangt, jener überstehende Teil der Unterlippe der Fissura
ilearina, dem also die Oberlippe noch nicht paarig gegenübersteht, die
aserversorgung der temporalen Sichel enthält, dass jene Teile der Fissura
dcarina, in denen sich Unter- und Oberlippe paarig gegenüberstehen, das
inokulare Gesichtsfeld versorgen und in der Polkappe wesentliche Anteile
er Macula lutea lokalisiert sind. (Der Vortrag erscheint als Monographie
ei Julius Springer.)
Münchener Chirurgen-Vereinigung.
Sitzung vom 22. Juni 1923.
Vorsitzender: Herr G e b e I e. Schriftführer: Herr A. P 1 o e g e r.
Demonstrationsabend im Krankenhaus r. d. Isar.
Herr' M. Gras mann: 1. Demonstrationen.
1. Fall von Schmerzscher Faszienplastik nach Rekurrensparalvse,
eit über 3 Jahren mit bestem Erfolge operiert.
2. Femurepiphysenlösung bei 14 jähr. Fräulein, Reposition nach Lorenz
nt gutem anatomischen und funktionellen Resultate.
3. Zungenkarzinom mit medianer Kieferspalturig operiert.
4. Progressive Rippenknorpelnekrose bei 49 Jahre altem Arbeiter, die
ch an einer Stichverletzung des V. Rippenknorpels entwickelt hatte: Ent-
irnung der III. — XI. Rippenknorpeln. Besprechung der anatomischen und
hysiologischen Eigentümlichkeiten der Rippenknorpel.
5. Durch Kapseleinklemmung irreponible Daumenluxation; Spaltung der
ielenkkapsel, leichte Reposition.
6. Vof X> Jahr periarterielle Sympathektomie wegen trophischer Ulcera
cs Fusses nach Ischiadikusschussverietzung: seitdem keine Geschwürs-
ildung. t
7. Deckung des Defektes der Haut der ganzen Hand bis über das Hand-
elenk durch Muffplastik mit sehr gutem funktionellem Resultate.
8. Fall von Pateilarfraktur mit bestem Erfolge operiert mit der Kapselnaht-
icthode nach Schulze.
9. Im Anschlüsse an die Vorstellung eines operierten (seitliche Anasto-
lose und Resektion) Vodvulus Sromani: Empfehlung einer neuen Bauch¬
eckennaht zur Vermeidung der Nahtfistel bei grösseren Magen- und Darm-
perationen: Durchgreifende Bauchnaht durch Faszie, Muskel und Peri-
meum; Haut und subkutanes Gewebe wird nicht genäht. Die Fäden bleiben
mg, Entfernung der Fäden nach 3 Wochen; Heilung in ca. 5 Wochen. Feste,
chmale Narbe.
10. Bei allen Verletzungen der Schultergelenksgegend (Distorsionen,
.ontusionen, Frakturen am oberen Ende des Oberarmes, ob eingekeilt oder
icht, Frakturen des Schlüsselbeines) vom ersten Tage an funktionelle Be-
andlung. Bei grosser Schmerzhaftigkeit für ca. 10 Tage Extensionsverband
l Abduktions- und Auswärtsrotation, dann funktionelle Behandlung. Ab-
uktionsschiene nur bei sekundärer Versteifung des Gelenkes.
11. 60 Jahre alter Mann mit Abriss der Sehne des M. supraspinatus bei
.uxation des Oberarmes im Schultergelenk, wegen Alters keine Naht.
12. Bei Oberarmluxationen, wo immer möglich, Reposition durch eine
:xtensionsmethode. Demonstration eines Falles, der auswärts durch
(otationsmethode nach Kocher eine Parese des Nervus axillaris und
adialis davongetragen hat. Bei Oberarmluxationen vom ersten Tage an
unktionelle Behandlung.
13. Revolverkugel im Kniegelenk. Entfernung: Erönffung des Gelenkes
urch S-Schnitt nach Payr, welcher stets ausgezeichneten Ueberblick gibt.
■ icht alle Meniskusverletzungen erfordern einen operativen Eingriff.
14. Pseudarthrose des Unterschenkels, durch Verriegelung geheilt.
2. Zur Behandlung der äusseren Darmfisteln.
Erwähnung einiger wichtiger Punkte der pathologischen Anatomie der
>armfisteln. Viele Darmfisteln heilen durch konservatives Verhalten. Wenn
ine Operation nötig ist, so muss fast immer der Darm, der Fistelkanal und
ie Haut genäht werden. Von den extraperitonealen Methoden wird die von
1 i n s c h e r f und Payr erwähnt, die P a y r sehe wegen ihrer Gefährlichkeit
bgelehnt. Die Spornquetschmethode ist fast ganz verlassen. Intraperi-
oneal wird fast nur mehr nach der zuerst von Hacker angegebenen
Methode operiert: Eröffnung der Bauchhöhle weit ab von der Fistel, Ablösung
les Fisteldarmes, Schliessung der Fistelstelle durch Peritonealnaht. Ver¬
tagung des Darmes. Darmausschaltungen kommen nur als Notoperation in
Tage.
Wenn möglich stets extraperitoneal. Vortr. empfiehlt die Hautdarm-
dastik nach Nelaton-Jeanell: Umschneidung der Fistel in einer Ent-
ernung von 1 Yi — 2 cm, Beweglichmachen der Ränder des Lappens rings-
>crum, Umwendung des Lappens, so dass die Epidermis des Lappens dem
-umen des Darmkanales zugekehrt ist, Vernähung der Wundränder des
-appens durch dichte Koriumnähte, Versenkung des Ganzen durch zwei- oder
treischichtige Bauchwandnaht.
Die Operation wurde in 22 Fällen ausgeführt; 3 mal bei axialen Dick-
larmfisteln, 3 mal bei Dünndarmfisteln, die übrigen Fälle betrafen laterale
Dickdarmfisteln. Gestorben ist keiner, geglückt alle bis auf 3. wobei 2 mal
technische Fehler den Misserfolg verursachten.
(Erscheint anderwärts ausführlicher.)
Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen.
(Medizinische Abteilung.)
Sitzung vom 9. Juli 1923.
Herren A n d 1 e r und Sch ml n ek e: Ueber maligne Chordome.
Besprechung der Symptomatologie, Klinik, Prognose, Therapie, Patho¬
genese, pathologischen Anatomie der malignen Chordome mit Vorweisung von
2 neuen Fällen mit Lokalisation in der Kreuz-Steissbeingegend, bei einem
45 jähr. und 62 jähr. Mann.
Im 1. Fall hatte die Geschwulst sich nach einem vor 5 Jahren erlittenen
I rauma langsam unter dem Auftreten neuralgischer Schmerzen im Gesäss
und an der Rückseite beider Oberschenkel entwickelt. 2 malige Operation.
In der ersten Entfernung eines hühnereigrossen Steissbeintumors, der nach
einer beschwerdefreien Pause von einem Jahr rezidivierte. Bei der zweiten
Operation diffuse Geschwulstinfiltration aller Kreuzbeinwirbelkörper. Nur
teilweise Entfernung möglich. Röntgenbestrahlung, die anscheinend das
zurückgelassene Geschwulstgewebe zum Schwund brachte. Der Kranke ist
bis jetzt beschwerdefrei ohne Erscheinungen eines weiteren Geschwulst¬
wachstums.
Im 2. Fall anscheinend spontane Entstehung der Geschwulst innerhalb
von 5 Jahren. Auch hier Neuralgien. Tumordiagnose mit Sicherheit erst
3 Jahre nach Beginn der Beschwerden zu stellen. Röntgenbestrahlung
erfolglos. Operation ergab ca. zweifaustgrossen Tumor im Kreuz- und Steiss-
bein ohne Möglichkeit einer genaueren Lokalisation.
ln beiden Fällen Aufbau der Geschwulst aus einem in seiner Konsistenz
wechselndem, glasigem, teilweise gallertigem Gewebe. Mikroskopisch un¬
regelmässig gestaltete Zellen mit kuglig-tropfigen Einlagerungen und weit¬
gehendem vakuolärem Zerfall, z. T. dicht nebeneinander gelagert — Chorda¬
karzinom — , z. T. durch hyaline und fibrilläre, reichlich mit Vakuolen durch¬
setzte Grundsubstanz getrennt. Vortragende leiten die Geschwulst in beiden
Fällen von den von L i n c k und Warstat (Beitr. z. klin. Chir. 127, 3)
kennengelernten, extravertebral in der Sakrokokkygealgegend gelagerten
Chordagewebsresten ab.
Herr Schmincke: Ueber Tuberkulose. I1. Infektionswege und
Morphologie.
Hinweis auf die ausschliessliche Entstehung der Tuberkulose des
Menschen durch Infektion mit Typus humanus-Bazillen. Die enteral und
mesenterial-glandulär lokalisierte Infektion mit Bovinbazillen ist nur hin¬
sichtlich einer dadurch bedingten Allergie von Bedeutung. Die intrauterine
plazentare Infektion ist praktisch ohne Belang. Von Bedeutung ist nur die
pulmonale Infektion in jeder Phase des extrauterinen Lebens. Die isolierte
Phthise entsteht durch gehäufte (?) exogene Reinfektion. Besprechung der
Morphologie der Tuberkulose an der Hand der anatomischen Formen der
Lungentuberkulose unter Vorweisung zahlreicher Lichtbilder.
Sitzung vom 23. Juli 1923.
Herr Schmincke: Demonstration einer missbildeten Frühgeburt im
7. Monat mit Aphasie des äusseren Genitals, Atresie des Anus, Meningocele
lumbalis und einer birngrossen Zyste rechts neben der Blase, die mit dem
Blasenhats in Form einer schweinsborstendicken Oeffnung kommunizierte.
Die Zyste war mit Plattenepithel ausgekleidet und zeigte im übrigen eine
bindegewebige Wand mit reichlich glatten Muskelfasern. Es handelte sich
hierbei um den rudimentären und sekundär zystisch entarteten rechten
Müller sehen Gang. Der linke fehlte vollkommen. Die röntgenologische
Untersuchung ergab eine Verlagerung, rudimentäre Anlage, z. T. Defekt der
unteren Brust-, Lenden- und Kreuzbeinwirbelkörper. Die Missbildungen sind
syngenetische und ursächlich auf eine Schädigung der Lenden-Kreuzbein-
gegend in früher Embryonalperiode — ca. 5. — 6. Woche — zurückzuführen.
Herr Brandess: Neues Instrument zur Lokalisation der Portio vag.
bei Röntgentiefentherapie.
Demonstration eines Instrumentes, das zur Lokalisation der Portio vag.
im Becken dient. Das Instrument gestattet, die Portio nicht nur genau auf
Bauch-, Rücken- und Vulvafeld zu projizieren, sondern auch — was bei vielen
bisher konstruierten Apparaten nicht möglich war — auf die beiden Seiten¬
felder und den entsprechenden Hautportioabstand abzulesen. Auf den
projizierten Punkt ist dann jeweils der Zentralstrahl bei Bestrahlung von
Kollumkarzinomen zu richten. Mit Hilfe einer beigegebenen Tabelle ist es
weiter möglich, auch beliebige andere Punkte in der Mittellinie des Körpers
auf der Haut festzulegen, die mittels des Instrumentes zu der vorher be¬
stimmten Portioprojektion in Beziehung gebracht werden können, und für
diese sofort den Portiohautabstand, sowie den dazugehörigen Röhrenkantungs-
winkel abzulesen, der erforderlich ist, wenn man den Zentralstrahl durch den
neubestimmten Hautpunkt auf die Portio lenken will.
Herr E. Vogt: 1. Biologie der Peritonealflüssigkeit.
V. hat die Peritonealflüssigkeit bei ungefähr 100 Laparotomien chemisch,
physikalisch und zytologisch untersucht. Er bespricht die Abhängigkeit der
Peritonealflüssigkeit von der chronischen Appenditis, sowie die Theorie von
N o v a k, wonach die Peritonealflüssigkeit von dem jeweiligen Funktions¬
zustand des Corpus luteum abhängt. Die Beziehungen der Peritonealflüssig¬
keit zu den verschiedenen Stadien der Gravidität und die Bedeutung der Peri¬
tonealflüssigkeit für den Eitransport und für die Vitalität der Spermatozoen
werden erörtert, und ausserdem die Beeinflussung der weiblichen und männ¬
lichen Geschlechtszelle von der Follikelflüssigkeit in Beziehung zur Sterilitäts¬
frage.
2. Röntgendemonstrationen.
V. hat die Harnblase mit Jodkalilösung gefüllt und dadurch sehr über¬
sichtliche Blasenbilder erhalten. Die ungeheuer grosse Anpassungsfähigkeit
der Blase wird gezeigt an Bildern nach ventraler Fixation des Uterus, nach
Vaginifixur und nach Kollifixur. Die Harnblase kann sich, wie der Vortragende
früher gezeigt hat, nicht nur in ausgedehntester Weise unter der Geburt
extraperitoneal entwickeln, sondern auch beim Totalprolaps, wie aus Röntgen¬
aufnahmen nach Füllung der Harnblase im Stehen und Liegen hervorgeht.
Beim Totalprolaps wandert die Blase nach oben und vermehrt ihren sagittalen
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 33
1104
Durchmesser ganz beträchtlich. Das lässt sich röntgenologisch sehr gut nach-
weisen.
Es wird noch das Röntgenbild eines Granatsplitters gezeigt, welcher im
Uterus nach einer Eliegerbombcnverletzung im Jahre 1916 ganz reaktionslos
eingeheilt ist und bisher bei der Kranken auch gar keine Erscheinungen ge¬
macht hat. Dieser Bombensplitter wurde als Nebenbefund in einem Falle ent¬
deckt, bei welchem wegen Aneurysma arterio-venosum der Uteringefässe
infolge einer Bombensplitterverletzung die Totalexstirpation mit Erfolg aus¬
geführt worden ist.
Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 12. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr F 1 u r y. Schriftführer: Herr Walther Schmitt.
Herr Paul Hoff mann: Eindrücke in Spanien.
Der Vortragende war von der Universität Santiago (Spanien) zur Ab¬
haltung eines 3 monatigen praktischen Kurses für Physiologie berufen. Er
berichtet über seine Erfahrungen während dieser Zeit. Besonders betont er,
dass die spanischen Universitäten kraftvoll versuchen, den Unterricht zu ver¬
bessern, so dass anzunehmen ist, dass ihre Einrichtungen in wenigen Jahren
denen der Universitäten Deutschlands nicht mehr nachstehen werden.
Herr Karl Marbe: Ueber Unfallversicherung und Psychotechnik.
Marbe schlägt eine Brücke von der Psychologie zur Versicherungs¬
wissenschalt. Er weist statistisch nach, dass Personen, die innerhalb eines
bestimmten Zeitraums mehr Unfälle erlitten haben als andere Personen, inner¬
halb des gleichen folgenden Zeitraums ebenfalls mehr Unfälle erleiden als
diese. Da dieses statistische Verhalten auch für Angehörige gleicher Berufe
zutrifft, so schliesst Marbe daraus auf einen die Disposition zu Unfällen
regelnden persönlichen Faktor im Menschen, der individuell wesentlich ver¬
schieden sein kann. Marbe legt dann die Gesichtspunkte zur psycho-
technischen Untersuchung dieses persönlichen Faktors dar. Durch geeignete
Prüfungen desselben bei den Arbeitern könnten unfalldisponierte Personen
von vorneherein aus gefährlichen Betrieben ferngehalten werden, was Arbeit¬
gebern, Arbeitern und der sozialen Unfallversicherung gleichmässig zugute
käme.
(Der Vortrag erscheint ausführlich in der Monatsschrift „Praktische
Psychologie“.)
Herr E. Wagner: Ueber die Grenze im Aufbau der Elemente auf Grund
der Bohr sehen Atomtheorie.
Die spektroskopischen Tatsachen im Lichte der B o h r sehen Theorie
lassen leichtere Elemente als Wasserstoff nicht möglich erscheinen und er¬
lauben nur wenige Lücken innerhalb der Reihe der 92 Elemente zwischen
Wasserstoff (Atomzahl .= 1) und Uran (Atomzahl = 92) mit neuen noch un¬
bekannten Elementen auszufüllen. Die Frage, warum Elemente jenseits Uran
nicht gefunden werden, wurde bisher wohl meist mit dem kaum genügenden
Hinweis auf die Radioaktivität der schwereren Elemente beantwortet, die eine
Instabilität bedingt.
Es schien mir nun, dass die Bohr sehe Theorie auf diese Frage eine
befriedigendere Antwort geben kann. Die Quantengesetze des Atombaues
verlangen, dass der Radius des dem Atomkern nächsten (ersten) Elektronen¬
rings mit zunehmender Atomzahl Z abnimmt und zwar im Verhältnis y'
Andererseits ist der Atomkern kein ausdehnungsloser Punkt, sondern er hat
einen Radius, der aus radioaktiven Aeusserungen gefolgert werden kann
und der ein deutliches Wachstum mit zunehmender Atomzahl zeigt. Wir
meinen, dass die Instabilität des Atombaues gegeben ist, wenn mit wachsender
Atomzahl die Kernausdehnung mit der Ringschrumpfung in Konflikt kommt,
sei es (was wahrscheinlicher ist), dass die Elektronenbahnen infolge der Kern¬
nähe gestört werden, sei es, dass der Kernaufbau selbst durch die periodischen
Störungen der in grosser Nähe kreisenden Elektronen instabil (radioaktiv)
wird.
Für das Verhältnis Ringradius : Kernradius findet man bei Wasserstoff
den Wert 50 000, bei Uran (Kernradius nach Rutherford = 7 . 10-13 cm)
den Wert 8. Im Perihel der elliptischen Elektronenbahnen im Uran¬
atom nähert sich das Elektron dem Kern noch weiter, nämlich auf 4 Kern¬
radien.
In diesem Zusammenhang wäre vielleicht die Frage erlaubt, ob bei den
schwersten Elementen die stark elliptischen Bahnen fehlen (aus Anzeigen
der Röntgenspektren), während die innerste Kreisbahn noch besteht, oder
ob die beginnende Instabilität das ganze Elektronengebäude auf einmal er¬
greift.
Es leuchtet ein, dass die aus radioaktiven Erscheinungen (grosse Ener¬
gien) geschlossenen Kernradiengrössen kein genaues Maass (zu kleine
Werte) für die Wirkungssphäre des Kerns abgeben können, die zur Instabilität
des Atoms führt. Wir möchten umgekehrt die Grösse des Kernradius, die
maximal im schwersten Atom möglich ist, mit der kleinsten Periheldistanz
der Elektronenbahnen identifizieren.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 22. Juni 1923.
Herr P. Liebesny: Ueber den Einfluss des Jods, sowie kombinierter
Jod-Thymusmedikation auf den Stoffwechsel bei Hyperthyreosen.
Untersuchung der Jodwirkung bei Hyperthyreosen unter steter Kontrolle
des Grundumsatzes mittels des K r o g h sehen Spirometers. Dabei ergab
sich, dass gleichzeitige Gaben von Glandula Thymi einerseits einen vorher
gegen Jod intoleranten hyperthyreotischen Organismus gegen letzteres
weniger empfindlich machen, andererseits Jod plus Thymus viele hyper-
thyreotische Bilder sehr günstig beeinflusst. Die günstigen Resultate der
Thymusresektion bei Basedow stehen damit nicht in Widerspruch, da an¬
genommen werden kann, dass die Thymus eine der Thyreoidea antagonisti¬
sche Funktion ausübt, in welcher sie erlahmen kann, andererseits hyper¬
plastisch entarten kann.
Herr W. F a 1 1 a berichtet über die Wirkung des Insulins bei Diabetes.
Vortr. wurde vor etwa 2 Monaten von Herrn MacLeod ln Toronto
(Kanada) aufgefordert, sich für die Herstellung des Insulins zur Diabetes¬
behandlung zu interessieren. Die ersten Versuche waren mit einem Präparate
gemacht worden, das man aus einem Pankreas hergestellt hatte, dessen Aus-i
führungsgang unterbunden worden war. Nur die Inselbestandteile bleiben I
bekanntlich bei dieser Versuchsanordnnng erhalten. Das gewonnene Extrakt i
war bei pankreas-diabetischen Hunden gut wirksam. Später wurde aus deml
Pankreas von Kalbsföten, bei denen der Inselapparat bereits vollständig ent¬
wickelt ist, ein Extrakt hergestellt, weiterhin aus den Inselbestandteilen von ]
Fischen, der vom Pankreas ganz getrennt ist. Noch später gelang es, den j
wirksamen Bestandteil aus dem Pankreas von Rindern. Schafen und
Schweinen zu gewinnen. Man benützt die Eigenschaft des Insulins, den Blut-'
Zuckergehalt herabzusetzen, um eine Art Dosierung durchzuführen. Als Ein¬
heit bezeichnet man die Menge, welche ausreicht, um den Blutzuckergehalt
eines mittelschweren Kaninchens auf die Hälfte herabzudrücken. Vortr.
schildert kurz 2 Fälle, bei denen Insulin angewendet wurde. 1. 42 jähriger
Mann, der in kurzer Zeit 20 kg verloren hatte. Bei der Aufnahme 5 K> Proz.
Zucker, 2 g Azeton; Hunger, Zeichen von Azidose. Mehlfrüchtekur und
Gemüsekost konnten die Zuckerausscheidung nur bis 70 g pro die herab¬
drücken. Auf Insulin trat Senkung des Zuckergehaltes ein. Der Kranke
wurde schliesslich zuckerfrei (Demonstration einer Tabelle). 2. Bei diesem
Kranken mit lYi Proz. Zucker musste man an manchen Tagen 2 Injektionen
von Insulin machen, um den Kranken zuckerfrei zu machen. Insulin in ge-|
ringer Dosis konnte Zuckerfreiheit auf der Höhe der Verdauung nicht be-i
wirken. Insulin ist nicht ungefährlich. Bei zu grossen Dosen kommt es zu!
Vergiftungserscheinungen (Müdigkeit, Hunger, Krämpfe. Bewusstlosigkeit), s<J
dass es nur bei Kranken verwendet werden kann, die unter ständiger genauer!
Kontrolle stehen. Zur Beseitigung der Vergiftungserscheinungen gibt man!
am besten Traubenzucker intravenös. Durch das Insulin wird die diätetische!
Therapie des Diabetes nicht überflüssig gemacht. Die grösste Wichtigkeit!
hat das Insulin für die schwersten Fälle und die komatösen Zustände.
Herr St. Briinaucr: Klinische Beobachtungen mit Diphasol.
Diphasol ist eine molekulardisperse Lösung eines komplexen Quecksilber-!
salzcs. Es zeigte sich, dass subkutan und intramuskulär bis 60 mg Oueck-I
süber pro Kilogramm Körpergewicht, bzw. 20 mg Quecksilber pro Kilogramm!
Körpergewicht intravenös im Tierversuch glatt vertragen wurden. Von Be-I
deutung für die günstige Wirkung eines Quecksilberpräparates ist aber nicht!
nur die Verträglichkeit, sondern auch die Ausscheidung desselben. Aus-I
scheidungsversuche, die im chemischen Universitätsinstitute (Prof. F r o m m)jj
angestellt worden waren, ergaben, und zwar gleichgültig, ob die Injektion!
subkutan, intramuskulär oder intravenös vorgenommen wurde, dass erst!
zwischen dem 11. und 15. Tage nach einer einmaligen Injektion kein Queck-|
Silber mehr im Urin nach der Ludwig-Mauthner sehen Methode nach!
gewiesen werden konnte. Weiterhin sind für die Wirkung des vorgeführter!
Präparates seine Eigenschaften, besonders sein ausgezeichnetes Dialysier-I
und Ultrafiltriervermögen vop Bedeutung. Sehr interessante Befunde er¬
gaben die Prüfungen der Kolloidstabilität des Blutes. Die Frage, worin
eigentlich die Quecksilberwirkung bestünde, ist auch heute noch nicht eine:
einheitlichen Beantwortung zugeführt. Während eine Anzahl von Autorenj
dem Quecksilber noch eine, wenn auch geringe spirillozide Wirkung zu-j
erkennen wollen, wollen andere dem Merkur nur eine indirekte, etwa übei]
die Schutzkräfte des Organismus vor sich gehende Wirkung zuerkennen
Schade und Schuhmacher sehen im Quecksilber einen Katalysator
wieder andere, wie Kolle, Kreibich erklären die Quecksilberwirkung als
Protoplasmaaktivierung, so iüngst auch B u s c h k e und S k 1 a r z, die in dei
Beeinflussung des kolloidchemischen Zustandes, in der Auslösung physikalisch-!
chemischer Vorgänge durch das Quecksilber das Wesen der Quecksilber-!
Wirkung erblicken. Dieser letzteren Anschauung Rechnung tragend, wurderj
Kolloidstabilitätsprüfungen von den Herren Dux und K o 1 1 m a n n vorge-n
nommen und diese ergaben als normale Reaktion auf die Einführung vorl
Diphasol eine Beschleunigung der Erythrozytensenkung, zurückzuführer I
wahrscheinlich auf eine Vermehrung der grob dispersen labilen Plasmal
Eiweisskörper, besonders der Globuline. Eine Verlangsamung der Senkungsjj
geschwindigkeit war nur in jenen Fällen zu beobachten, welche von Haus au:|
eine hohe Senkungsgeschwindigkeit zeigten. Dies ist so zu erklären, das»
die schon anfänglich vorhandenen, hochlabilen Eiweissfraktionen im Blut!
plasma durch die Injektion so vermehrt werden, dass sie ausfallen und danrl
die stabilisatorische Komponente überwiegt.
Herr W. O s t w a 1 d aus Leipzig: Ueber Diphasol.
Herr E. Loewenstein berichtet über Untersuchungen, die er ge
meinsam mit H. M o r 1 t s c h über die Tuberkulose als Organsystemerkran
kung angestellt hat. K. S
Sitzung vom 6. Juli 1923.
Herr W. Knoepfelmacher demonstriert das von ihm am 1. J ul M
gezeigte Kind, dessen Gehirnabszess als geheilt betrachtet werden kann.
Die Herren M. Sgalitzer und H. S t ö b r berichten über die röntgeno¬
graphische Diagnose der Tracheomalazie.
Herr I. Bauer stellt einen 13 jährigen Knaben mit rechtsseitige!
Gynäkomastie vor. _ J3
Die Drüse weist etwa den Zustand der Brustdrüse bei einem 18 jährigen
Mädchen auf. Sonst ist der Knabe durchaus normal gebaut. Derartige FälU'l
sind sehr selten; sie zeigen, dass die Entwicklung der Brustdrüse nicht reiiji
hormonal bedingt ist. Das Ovarium spielt höchstens eine protektive Rolle;]
Vortr. verweist darauf, dass nach dem heutigen Stand der Forschung atll
zunehmen ist, dass die Geschlechtsbestimmung des werdenden Individuum:,
durch die Chromosomen im Moment der Befruchtung bestimmt ist. Auch dei
Charakter aller Körperzellen ist von der befruchteten Eizelle aus bestimmt.
In diesem Falle ist die rechte Mamma weiblich.
Herr H. H a u d e k demonstriert das Präparat und die Röntgenogramnn
eines Falles von benignem Magentumor.
Herr E. Freund berichtet über Untersuchungen mit Insulin.
Die Herren P. Neu da und F. Redlich: Wirkung der Röntgentiefen
bestrahlung auf die Nierenfunktion. K*
. AtiRust 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1105
/
Kleine Mitteilungen.
Die Bestie im Menschen.
Das Juliheft der Süddeutschen Monatshefte, das diesen Titel führt, set/t
6 Reihe der Veröffentlichungen fort, mit denen diese Zeitschrift den Zweck
rfolgt. Aufklärung über die sog. Schuld der Deutschen am und im Welt-
iege zu bringen und damit das Urteil über die moralische Berechtigung
serer Länder-, Güter- und Freiheitsberaubung durch das Versailler Diktat
ermöglichen. Das Heft ist eine Fortsetzung des vor 2 Jahren unter dem
tel „Gegenrechnung“ erschienenen und wie dieses von unserem Kollegen
of. Dr. G a 1 1 i n g e r bearbeitet. Es behandelt die Erlebnisse von Zivil-
d Kolonialgefangenen bei den Franzosen.
Der Inhalt des Heftes ist eine Anhäufung von Greueln und Schcusslich-
iten. wie man sie sich nicht schlimmer denken kann. Man fühlt sich wieder,
e bei den Schilderungen der Bestialitäten gegen die Kriegsgefangenen im
:fte „Gegenrechnung“ an die Zeiten der Hexenprozesse erinnert, in denen
ch Millionen schuld- und wehrloser Menschen hingemartert worden sind, als
>fer eines Wahnes, der ganz Europa befallen hatte.
Jammervolle Unterkunft, Hunger, ekelhafte Nahrung, Misshandlungen,
lilägc, Auspeitschungen, unmenschliche Strafen ohne Grund oder bei ge-
igsten Anlässen, das ist in beständiger Wiederholung der Inhalt der von
a 1 1 i n g e r gesammelten Berichte. Man ging in Frankreich bei Kriegs-
sbruch gegen die dort lebende deutsche Zivilbevölkerung mit beispielloser
iheit und Unmenschlichkeit vor. Die in Deutschland lebenden Angehörigen
ndlicher Staaten sind wie bekannt lange Zeit überhaupt ganz unbehelligt
blieben und wurden erst dann in Konzentrationslager verbracht, als die
ndlichen Staaten, die sofort bei Kriegsausbruch unsere Landsleute in Ge-
lgenenlager eingesperrt hatten, sich endgültig weigerten sie freizugeben.
Romain Rolland, ein edler Mann, der den besten Willen zur Gerech-
;keit hat, irrt, wenn er meint, Deutschland habe das Beispiel gegeben zu all
n Tollheiten und Gewalttätigkeiten des Krieges, es hätte sie organisiert
d von ihm aus hätte sich dann dieser schreckliche Seelenzustand wie eine
lidemie über die andern Völker verbreitet. Der Ausbruch dieser Epidemie
gt vielmehr ganz und gar in der. hysterischen Veranlagung des französischen
dkes und in den schon lange Jahre vor dem Kriege künstlich aufgepeitschten
dksinstinkten.
Besonders schrecklich sind die Schilderungen der Lager in Afrika. Schon
Hefte Gegenrechnung fiel als grauenhaft auf, dass die Franzosen mittel¬
erliche Folterwerkzeuge in Gestalt von Daumenschrauben gebrauchen. Man
chte damals, das wird doch hoffentlich nur ein ganz vereinzelter Missbrauch
wesen sein. Aus vorliegendem Hefte geht aber hervor, dass das nicht der
11 war. Er war offenbar in den Lagern ferne der Heimat gang und gäbe,
ne besonders scheussliche Folter war die, 2 Gefangenen Daumenschrauben
zulegen, die Daumenschrauben durch eine Kette zu verbinden. An die
•tte wurde dann ein 2 Kilo schwerer Block gehängt und dieser Klotz musste
t ausgestreckten Armen in der Schwebe gehalten werden. Liessen die
.■marterten vor Schmerz oder Erschöpfung die Arme sinken, so wurden sie
m Adjutanten oder schwarzen Soldaten solange geschlagen, bis sie die
me wieder erhoben. Diese Marterung dauerte Stunden. Auch geschah
etwas nicht vereinzelt, sondern tagtäglich. Leider gab auch der Lagerarzt
tabsarzt L o n g h a r 6) im Lager Abomey, das offenbar das allerschlimmste
wesen ist, dem Adjutanten und den Sergeanten an Roheit der Gesinnung
chts nach. Prof. Dr. Z u s p i t z a, der zur Unterstützung des französischen
ztes 1915 ins Lager Abomey gebracht wurde, schreibt: „Das Ganze machte
len unheimlichen Eindruck, man hatte das Gefühl, von aller Welt auf
mmerwiedersehen abgeschnitten zu sein. Nun gar der erbarmenswürdige
ndruck unserer Landsleute! Lebensmüde, abgezehrte, hagere Gestalten,
ichsbleiche Gesichter mit tief in den breit umränderten Höhlen liegenden
itten Augen, stumm gebeugt und mit schlotternden Gliedern schlichen sie
rschüchtert über den Hof daher. Andere standen, mit verstohlener Neugier
ch dem Ankömmling spähend im Hintergrund ihrer Hütteneingänge, um sich
im Annähern eines Franzosen scheu wie verschlagene Hunde in das Innere
rückzuziehen. Das waren die „arbeitsfähigen Gesunden“! Welches Elend
Ute sich mir erst offenbaren, als ich am Morgen nach meiner Ankunft zum
ztlichen Dienst das Lazarett betrat!“
All diese Leiden waren nicht allein bedingt durch das Schreckensregiment
izelner, vielleicht geisteskranker Offiziere, sondern lagen im System. Die
inzösische Regierung hat die Zustände im Lager Abomey, die durch eine
lzahl übereinstimmender und absolut einwandfreier Zeugenaussagen über
en Zweifel sichergestellt sind, ausdrücklich gebilligt. Die deutsche Re-
srung hat März 1915 dringende Vorstellungen erhoben. Der stellvertretende
>uverneur von Dahomey hat das Lager besichtigt, die Zustände gutgeheissen
d die französische Regierung behauptete, die Behandlung stehe „in vollem
nklang mit den Gefühlen der Menschlichkeit, denen unter allen Umständen
wissenhaft zu genügen die Regierung sich zur Ehrenpflicht mache.“
Schrecklich war die absolute Rechtlosigkeit. Kapitän B o s.c h sagt: Die
.‘fangenen stehen ausserhalb des Völkerrechtes. Das Vorbringen von Be-
hwerden war in Abomey verboten und strafbar! Man vergleiche dagegen
s unbeschränkte und bis zum Aeussersten missbrauchte Beschwerderecht
t Kriegsgefangenen in Deutschland! Selbst ein Mann, wie der bekannte
zialistische Abgeordnete R e n a u d e 1 gibt einem deutschen Zivil¬
fangenen. der über 3 Jahre qualvoller Gefangenschaft durchgemacht hatte,
if seine Klagen zur Antwort: „Sie sind ein Boche und haben sich daher
cht zu beschweren.“
All diese Qualen wurden braven, gänzlich unschuldigen Leuten zugefügt.
mg und Stellung machte nichts aus. Auch der stellvertretende Gouverneur
:>n Togo wurde gleich unwürdig behandelt. 3 Tage lang bekam er trotz
'tten kein Glas Wasser, kein Essbesteck. In Gegenwart von schwarzen
»Idaten wurde er beschimpft. Auch den Frauen ging es nicht besser als den
ännern.
Als Gegenstück folgt ein Aufsatz von Generalarzt Dr. Buttersack
'er „Deutsche Menschlichkeit im Kriege“, dem eine Reihe von authentischen
»kumenten von Franzosen, Belgiern und Engländern beigegeben sind. Sie sind
n Beweis für die humane deutsche Sinnesart und deutsche Handlungsweise,
ie Mantelnote zum Versailler Diktat sagt: „Die Deutschen sind es. die sich
nsichtlich der Kriegsgefangenen, welche sie gemacht hatten, eine barbarische
ehandlung erlaubt haben, vor welcher die Völker unterster Kulturstufe
irückgeschreckt wären.“ Dazu sagen die Süddeutschen Monatshefte, im
schwort: „Die Wahrheit ist, dass niemals, soweit die Geschichte reicht,
Kriegsgefangene so gut behandelt worden sind, wie von den Deutschen im
deutsch-französischen und im Weltkrieg, Wir können ein so umfassendes
Urteil abgeben, da wir uns diesen Gegenstand seit 9 Jahren zum besonderen
Studium gemacht haben. Die Gerechtigkeit gebietet wiederholt festzustellen,
dass uns Fälle von Gefangenenmisshandlung aus Serbien bis jetzt nicht be¬
kannt geworden sind. Das aber, was in der Mantelnote von den Deutschen
gesagt ist, gilt wörtlich von den Franzosen.“
„Solange diese Tatsachen nicht bekannt sind, kann nichts Eindruck
machen, was die Welt von unserem gegenwärtigen Leiden erfährt. Vielmehr
sagt sie: es geht euch immer noch besser als ihr verdient habt.“
„Dass das schutzlose Frankreich gegen Deutschland geschützt werden
müsse — der Kern aller französischen Forderungen — kann ja nur vertreten
werden, solange die Welt über den beiderseitigen Volkscharakter getäuscht
wird und glaubt, dass Deutschland an allen europäischen Kriegen schuld sei.
Dem deutschen Volk wurden seine Waffen genommen, wie einem Raub¬
mörder, von dem man weiss, dass er das ihm gelassene Messer zu einem
neuen Raubmord verwenden würde. Man erkennt in Deutschland nicht, dass
den Kern der weltpolitischen Lage bildet: der Weltbetrug über die Bestie im
Menschen.“
Ga 11 in ge r schliesst: „Damit bringe ich diese traurige Arbeit zum
Abschluss. Traurig für die menschliche Gesittung, traurig für den Kultur¬
zustand eines Volkes, das von sich behauptet, an der Spitze der Zivilisation
zu marschieren und unsagbar traurig für die gesamte Kulturwelt, die cs fertig
bringt, diesen abscheulichen Vorgängen gleichgültig gegenüberzustehen, so
dass ein geistvoller Engländer treffend sagen konnte: „Wir haben während
des Krieges gelernt die Leiden anderer geduldig zu ertragen.“ Inzwischen
werden in Frankreich fleissig deutsche „Kriegsverbrecher“ in ihrer Abwesen¬
heit „gerichtet“. Will die deutsche Regierung nicht endlich der französischen
Rechtspflege Gelegenheit geben, ihre berühmte Gerechtigkeitsliebe zu be¬
währen, indem sie Frankreich aus ihrem überreichen Material eine Liste der
französischen Kriegsverbrecher überreicht? Oder will sie die Pflicht, die
Wahrheit zu verbreiten, ganz und gar Privatpersonen überlassen.“
Es ist zu vermuten, dass die Zurückhaltung des grossen Materiales, das
über diese Dinge vorhanden ist, wohl aus sog. psychologischen Gründen ge¬
schieht. Was der Deutsche auch tun mag, es heisst immer: er versteht sich
nicht auf die Psyche des Ausländers und ihre Behandlung. Das hören wir
nun seit 9 Jahren, besonders von gewissen Neutralen und von unseren
eigenen sog. Pazifisten. Man ist wohl unsicher geworden, man fürchtet,
vielleicht mit Recht, einen Reiz zu setzen, der „Sanktionen“ auslösen könnte.
Jedenfalls denkt man an verleumderische Entgegnungen, die rasch und ein¬
gehendst in der Weltpresse verbreitet werden, während deutsche Berichte
von vorneherein zum Totgeschwiegenwerden verurteilt sind. Wir sind wie
in einem luftleeren Raum, unsere Notschreie werden nicht weitergeleitet.
Auch denkt man vielleicht, die Amerikaner könnten gekränkt sein, und etwa
gar aus unseren Berichten einen stillen Vorwurf herauslesen. Es könnte
ihnen vielleicht, natürlich nur vorübergehend, die sonderbare Empfindung
kommen, als hätten sie sich ohne Not auf die falsche Seite geschlagen und als
seien die Rollen von Humanität, Edelmut, Fortschritt einerseits. Barbarei und
Hunnentum andererseits nicht so verteilt gewesen wie der gute Wilson es
ihnen gesagt hat. Das könnte ihnen wehe tun und das wollen wir beileibe
nicht.
Es ist wohl recht schwer, im Falle Deutschland psychologisch richtig
vorzugehen. Ich vermute die armen Weiblein auf der Folterbank haben es
auch gar nicht recht verstanden ihre Hexenrichter psychologisch richtig zu
behandeln. Haben sie geschrien, hats nicht geholfen und haben sie nicht
geschrien, so wars erst recht nichts.
Das beste wird wohl sein, die ganze Psychologie unseren Pazifisten zu
überlassen und ganz einfach die Wahrheit zu sagen, wenn auch zunächst nur
für uns selbst. Mögen sie die andern hören wollen oder nicht, einmal wird
sie schon an den Tag kommen. Die jetzige Generation ist gemütlich zu stark
an den Irrtum gebunden und würde sich selbst unrecht geben, wenn sie nicht
diesen Komplex verdrängen würde. Sie muss sich die Ohren zuhalten. Aber
für die Zukunft muss festgelegt werden, was war und was ist. Die Süd¬
deutschen Monatshefte haben diese Aufgabe übernommen und führen sie
weiter ohne Unterlass. Das wollen wir ihnen und G a 1 1 i n g e r danken.
Kerschensteine r.
Therapeutische Notizen.
Yatrenanwendung bei chirurgischer Tuberkulose.
In Anlehnung an meine Mitteilung in Nr. 13 der M.m.W. möchte ich
noch kurz den Wert der lokalen Applikation der 5 proz. Yatrenlösung be¬
leuchten, die, wie ich aus Referaten ersehen habe, zum Teil völlig über¬
gangen ist, der jedoch gerade eine besondere Wichtigkeit bei gewissen
Formen der sog. chirurgischen Tuberkulose beizumessen ist, z. B. bei Be¬
handlung des Fungus und tuberkulöser Abszesse, wo gerade durch die
lokale Applikation ein Reiz auf das Bindegewebe aus¬
geübt wird, was zu Rückbildung und Schrumpfung des
tuberkulösen Granulationsgewebes führt und unter
Eiterverminderung die schliessliche Vernarbung der
Abszesshöhle bewirkt, während hierbei die intramuskulären Injek¬
tionen lediglich im Sinne der allgemeinen Leistungssteigerung wirken sollen.
Ich greife hier gerade den tuberkulösen Fungus und tuberkulöse Abszesse
wie Mischformen beider heraus, da hier der Wert eines Mittels sich sichtbar
verfolgen lässt und Vergleiche mit anderen Behandlungsmethoden leicht mög¬
lich sind.
Bei aller Skepsis, mit der wir an die Prüfung des Präparates heran¬
gegangen sind, hat sich das Yatren durch seine günstige Wirkung, insonder¬
heit bei lokaler Applikation, fast möchte ich sagen unentbehrlich gemacht.
Bei tuberkulösem Fungus gehe ich so vor, dass ich mit einer längeren,
möglichst dünnen Nadel unter Vor- und Zurück- und Seitwärtsschieben der
Nadel etwa 2 ccm 5 proz. Yatrenlösung in dem betreffenden Gebiete verteile.
Handelt es sich um nur einen kleinen Herd tuberkulösen Granulationsge¬
webes, so werde ich mit einer Injektion das gesamte Gebiet durchtränken
können: andernfalls wird nach Abklingen der geringen Reaktionserscheinungen
(lokale Temperaturerhöhung, geringe Volumzunahme bei fehlender Allgemein¬
reaktion) nach etwa 3 — 4 Tagen der anschliessende Bezirk infiltriert Wie
häufig die Injektionen vorgenommen werden müssen, lässt sich nur von
Fall zu Fall entscheiden, vom Schematisieren ist, wie auch sonst abzuraten.
Der Geübte wird durch wenige im rechten Zeitpunkt gegebene Injektionen
1106
MÜNCH EN KR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3. 5
Besseres erreichen als der Ungeübte durch Polypragmasie. Die Infiltration
des Fungus kann in 10 tägigen Intervallen wiederholt werden, schädigende
Nebenwirkungen sind ausgeschlossen.
Bei tuberkulösen Abszessen schliesse ich an die Punktion eine Durch¬
spülung der Abszesshöhle mit Yatrenlösung an (aus Sparsamkeitsgründen
kann man stärker verdünnte Lösungen nehmen) und beschicke zum Ab¬
schluss die Abszesshöhle mit mehreren Kubikzentimeter 5 proz. Yatrenlösung
der Grösse der Höhle angepasst. Dieses Verfahren wird je nach Bedarf
wiederholt. Befindet sich um den Abszess herum reichliches tuberkulöses
Granulationsgewebe oder stellt der Abszess einen eitrig eingeschmolzenen
Bestandteil des Fungus dar, so wird an die Abszessbchandlung eine Infiltration
des Granulationsgewebe angeschlossen. Meine Fälle, die hier nicht wieder¬
gegeben werden können, zeigen die gute Wirkungsweise der vorstehend ge¬
schilderten Behandlungsmethode. Orthopädische Massnahmen (üipsverbändc,
Extensionen u.a.m.) soweit notwendig, sind natürlich „conditio sine qua non“.
Aus dem Sanatorium Bad Rappenau für Knochen, Gelenk- und Drüsen¬
leiden; Leiter; Prof. Dr. V u 1 p i u s - Heidelberg.
Dr. E. R ü s c h e r, Hausarzt.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 14. August 1923*).
— Die Zeichnung auf die wertbeständige Anleihe des
Deutschen Reiches nimmt am 15. August ihren Anfang. Im Anzeigen¬
teil dieser Nummer werden die Bedingungen für die Zeichnung bekannt-
gegeben. Danach lauten die Stücke sowohl auf Dollar als auch auf Mark,
und zwar werden Stücke von 1 Dollar bis zu 1000 Dollar ausgefertigt. Die
grossen Stücke von 1Ü00 Dollar bis zu 10 Dollar einschliesslich tragen 6 Proz.
Zinsen, die jährlich zahlbar sind. Die Stücke von 5 Dollar abwärts werden
ohne Zinsscheine ausgefertigt. Sie werden im Jahre 1935 zu 170 Proz., also
mit einem Aufschläge von 70 Proz. zurückgezahlt, die grossen 'Stücke hin¬
gegen nur zum Nennwerte, d. h. zu 100 Proz. Ein Anleihestück über 10 Dollar
würde also im Jahre 1935 mit dem Gegenwert von 10 Dollar, berechnet nach
dem New Yorker Wechselkurse, zahlbar sein; ein Stück über 1 Dollar mit
dem Gegenwert von 1.70 Dollar. Zeichnungsstelle ist die Reichsbank, ferner
fungieren eine grosse Anzahl von Banken, Bankfirmen und sonstigen Geld¬
instituten als Annahmestellen für die Zeichnung. Es kann aber der Zeichner
auch jede andere nicht als Annahmestelle bestellte Bank oder Bankfirma mit
der Zeichnung beauftragen.
— Mit Wirkung ab 12. VIII. 1923 werden in Bayern für die
Leichenschau folgende Gebühren festgesetzt: 1. für ärztliche Leichen¬
schauer: a) Gebühr für die Verrichtung 90 000 M., b) Entfernungsgebühr, wenn
die Entfernung des Orts der Leichenschau vom Wohnorte des Leichenschauers
mehr als 1 km beträgt, für jeden Kilometer des Hin- und Rückwegs 20 000 M.;
2. für nichtärztliche Leichenschauer: a) Gebühr für die Verrichtung 45 000 M.,
b) Entfernungsgebühr, wenn die Entfernung des Ortes der Leichenschau vom
Wohnorte des Leichenschauers mehr als 1 km beträgt, für jeden Kilometer
des Hin- und Rückwegs 10 000 M. Die Gebühren für eine ausserhalb des
Wohnorts vorgenommene Leichenschau dürfen insgesamt den Betrag von
200 000 M. nicht übersteigen. Diese Sätze treten an die Stelle der ent¬
sprechenden Sätze der VO. vom 26. VII. 1923 Nr. 5356 a 13, StA. Nr. 172.
— Das Staatsministerium des Innern hat dem Landesverbände
für das ärztliche Fortbildungswesen in Bayern für das
Jahr 1923 zur Förderung seiner Bestrebungen einen Zuschuss von 300 000 M.
bewilligt. Nachdem unter den gegenwärtgien schwierigen Verhältnissen der
früher geübte Modus, jeweils das ganze Jahr über in den verschiedenen
lokalen Vereinigungen einzelne Fortbildungsvorträge abzuhalten, nicht in
Betracht kommen kann, wird das Geld den lokalen Vereinigungen zu München.
Würzburg und Nürnberg-Erlangen überwiesen, woselbst dann, gemeinsam mit
den dortigen Dozentenvereinigungen, kurzfristige Fortbildungskurse aus dem
Gesamtgebiete der Medizin im Laufe des Herbstes abgehalten werden.
— Der Wunsch, alle im Zusammenhang mit dem amerikanischen
Alkoholverbot in der deutschen Oeffentlichkeit aufgetauchten Fragen
einmal einer gründlichen, sachlichen, alle Einwände berücksichtigenden
Erörterung zu unterziehen, führte zur Einberufung einer Alkohol-
verbots Konferenz in Hamburg-Altona vom 26. bis
28. August 1923. Zur Erörterung kommen folgende Themen: a) Die
geschichtliche Entwicklung der Verbotsbewegung und -Gesetzgebung
einschliesslich der Uebergangsformen (Gemeinde-Bestimmungs-Recht usw.).
b) Die Wirkungen des Alkoholverbots in gesundheitlicher, sittlicher, wirt¬
schaftlicher Beziehung, c) Die der Durchführung des Verbots entgegen¬
stehenden Schwierigkeiten und ihre Ueberwindung. d) Die Möglichkeiten für
ein Alkoholverbot in Deutschland. Als Redner sind bisher gewonnen: Herr
Emit L. G. H o h e n t h a 1, internationaler Sekretär der World Prohibition and
Reform Federation, Washington (U.S.A.); Herr Redakteur Larsen-
L e d e t, Aarhus (Dänemark), Herr Lektor K. A r o, Helsingfors, Herr Präsi¬
dent Dr. Reinhardt Strecker, Darmstadt, Fräulein G. Blücher-
Dresden. Alle Mitteilungen und Anfragen sind an den Geschäftsführer
des Zentralverbandes, Herrn F. G o e s c h, Hamburg 30, Eppendorfer Weg 211,
zu richten. Wenn besondere Antwort gewünscht wird, ist Porto beizufügen.
Einberufer sind der Allgemeine Deutsche Zentralverband zur Bekämpfung des
Alkoholismus, der Ausschuss für Alkoholverbot in Deutschland und der
Hamburgische Zentralverband gegen den Alkoholismus.
— Zu Mitgliedern des Landesgesundheitsrats für
Preussen wurden ernannt der Kreismedizinalrat Dr. Hubert Lohmer
in Köln und der Sanitätsrat Dr. E. K r ö n e r in Potsdam, (hk.)
— An der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig finden vom
1. bis 13. Oktober d. J. Fortbildungskurse für praktische
A e r z t e statt. Die Programme können gegen Einsendung von 2200 M.
exkl. Porto von der Kanzlei der Medizinischen Fakultät Leipzig, Augustus-
platz 5 rechts II bezogen werden.
— Pest. Portugal (Azoren). Vom 25. Februar bis 28. April 53 Er¬
krankungen mit 22 Todesfällen auf der Insel St. Michael.
— Fleckfieber. Deutsches Reich. Nachträglich wurde 1 Erkran¬
kung in Ragnit (Kreis Tilsit-Ragnit, Reg.-Bez. Gumbinnen) für die Woche vom
bis 2. Juni gemeldet. — Russland. Vom 10. bis 23. Juni 19 ErkraF
in Petersburg. Im gesamten Russland wurden in den MonateS
und Eisenbahnen 462. 1406. io.
732 Erkrankungen (und 57 Tode
( — ) und in den Departement
27. Mai
klingen
Januar, Februar. März und April 45 330, 34 911, 22 317 und 4296 Erkrankung,:
gemeldet, und zwar im europäischen Russland und den autonomen Republik*
41 183, 29 679, 18 956 und 4181, in Sibirien. Kaukasicn und Zentralasien 36s
3526. 2322 und 88 und auf Wasserstrassen
und 27. — Polen. Vom 22. April bis 5. Mai
fälle), davon in der Stadt Warschau 11
Warschau 28 (3) und Bialystok 34 (3).
— In der 28. Jahreswoche, vom 8. bis 14. Juli 1923, hatten vi
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Mail
mit 20,5. die geringste Erfurt mit 8,5 Todesfäfllen pro Jahr und 1000 Eii
wohner. Vöff. R.-G.-A. •
Hoch schulnachrichten.
Frankfurt a. M. Der Privatdozent für Kinderheilkunde. Dr. Pa
Grosser, dirigierender Arzt des Böttger-Kinderheims, wurde zum nich)
beamteten ausserordentlichen Professor ernannt. — Das Krankenhaus d» !
Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. hat sich ein modernes Röntgei
institut ungegliedert, zu dessen Leitung der a. o. Professor der inneren Mediz
und Röntgenologe an der Universität Halle Dr. Oskar David berufe
worden ist. (hk.)
Giessen. Dem Assistenzarzt an der Mediz. Klinik der Universit.S
Giessen Dr. med. Erwin Moos wurde die venia legendi in der dortigen medu
zinischen Fakultät für das Fach der mneren Medizin erteilt, (hk.)
H a m b u r g. Die Zahl der immatrikulierten Studenten beträgt im S.-‘
4350. Ausserdem sind noch 819 Gasthörer eingeschrieben. Medizin studieren
insgesamt 394. Darunter sind 78 Zahnärzte. Unter den Medizinern befindijJ
sieh 55 weibliche Studierende und 62 Ausländer. Als erstes Semester h;M
weder ein Vollmediziner noch ein Studierender der Zahnheilkunde belegt, jl
Heidelberg. Für das Fach der Zahnheilkunde habilitierte sich d< (
Assistent an der zahnärztlichen Universitätspoliklinik Dr. med. GerhaijJ
W eissenf eis mit einer Habilitationsschrift über „Die Resistenz d,
Miindhöhlengebildc gegen Infektion“ und einer Probevorlesung über „D
Zweckmässigkeit des Gebisses“, (hk.)
Königsberg i. Pr. Der a. o. Professor und Konservator an d,
anatomischen Anstalt der Universität München Dr. med. Robert H e i s
wurde zum ordentlichen Professor und Direktor des anatomischen Institu
in Königsberg i. Pr. als Nachfolger von Prof. Friedr. M e v e s ernannt, (hk
— Im S.-S. 1923 beträgt die Zahl der immatrikulierten Studenten 214
darunter 291 Damen. Medizinstudierende 251, darunter 39 Damen, Studiereni
der Zahnheilkunde 44, darunter 5 Damen. Gesamtzahl der Ausländer (ei,J
schliesslich Oesterreich, ausschliesslich Elsass^Lothringen) 143, darunt<K
21 Damen, 43 Mediziner.
Münster. Der Ausbau der Medizinischen Fakultät in Münster ist nu |
mehr soweit fortgeschritten, dass es möglich gewesen ist, an die Inhaber dg
bisher noch nicht besetzten Lehrstühle eine vorläufige Anfrage über ih !j
Bereitwilligkeit zur Annahme eines Rufes zu richten. Hiernach sind, wie w •
hören, in Aussicht genommen: für Pharmakologie Prof. Dr. HermaiH
Freund in Heidelberg, für Ohrenheilkunde Prof. Dr. Hermann Marx J
Heidelberg, für Gerichtliche Medizin Prof. Dr. Heinrich Többen in Münstc j
für Augenheilkunde Prof. Dr. Carl Behr in Kiel, für Pathologie Prc I
Dr. Walter Gross in Greifswald, für Hygiene Geh.
Dr. Rudolf Abel in Jena, für Dermatologie Prof. Dr.
Obermedizinalrat Pri
Albert J e s i o n e kil
Giessen und für Kinderheilkunde Prof. Dr. Hans Kleinschmidt in Har
bürg, (hk.)
Todesfall.
Am 7. August starb der Ordinarius der Physiologie und Direktor d
physiologischen Instituts an der Universität Leipzig Dr. med. .Siegfrit
Garten im Alter von 52 Jahren. Seine Arbeiten betreffen allgcmeii
Muskel- und Nervenphysiologie sowie Sinnesphysiologie. Prof. Garte,
stammte aus Kieritzsch in Sachsen. Seit 1894 war er Assistent am Leipzig 1
physiologischen Institut bei L u d w i g, später Hering, erhielt ebenda d-
venia legendi und später die Beförderung zum a. o. Professor. 1908 wur
Garten Ordinarius in Giessen als Nachfolger Otto Franks ui
Ostern 1916 Nachfolger Herings in Leipzig, (hk.)
Korrespondenz.
*) Wegen eines katholischen Feiertages musste diese Nummer um einen
Tag früher abgeschlossen werden.
Die deutsche Medizinschule in Schanghai.
Man schreibt uns aus Schanghai: Herr Dr. P f i s t e r - Peking hat |(
Nr. 18 d. Wschr. einen Brief auf China veröffentlicht ,in dem er scharfe A
griffe richtet gegen das Konsulat, die Tungchi Medizinische Hochschule u.
seine ärztlichen Kollegen. Dieser Brief stellt eine völlig subjektive Ai
fassung dar.
Das Dozentenkollegium der Tungchi Medizinischen Hochschule beschrän
sich darauf, -zur Charakteristik des Herrn Dr. Pfister festzustellen, da,,
seiner Entlassung, die völlig und allein von den chinesischen massgebend
Behörden abhing, ein Verfahren von seiten des Dozentenkollegiums vora
ging, dessen Ergebnis war:
Protokoll der Sitzung des Dozentenkollegiums der Tungchi Medizinisch-
Hochschule vom 20. Mai 1922:
Dass Herr Dr. Pfister durch seine Klage vor dem gemischt,
Gericht und sein gesamtes Verhalten in der betreffenden Angelegenin
den Ruf eines Kollegen leichtfertig zu schädigen versucht hat und gleich
zeitig das Ansehen der Hochschule, des Deutschtums und des ärztlich
Standes schwer geschädigt hat.
Dieses Verfahren war auf eigenen Wunsch des Herrn Dr. Pfistt
eröffnet worden und er hatte sich schriftlich bereit erklärt, den Spruch a1:
zuerkennen. ]. ^ sämtlicher Mitglieder des Dozentenkollegiums
der Tunchi Medizinischen Hochschule.
Der Dekan: Dr. B i r t.
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnu
und Kleidung beträgt am 11. Juli 21511, am 16. Juli 28 892 und am 23. J
39 336. Basiszahl 1913/14 = 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist ab 14. VIII. 1923: 700 0‘
Verlag von J. F. Lehmann in München SW. 2, Paul Heyse-Str. 26. — Druck von E. Mühlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei O.m.b.H. München.
Trffs der einzelnen Nummer freibleibend -M 105000.-. • BezugS-
pieis in Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
lür die Schriftle.tung : Amulfstr. 26 (Sprechstunden 8K— 1 Uhr),
lür Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, IJaul Heyse-Strasse 2 j.
• •
MÜNCHENER
Anzeigen-Annahme :
Leo Waibel, München, Theatinerstrasse 3.
Anzeigenschluss:
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 34/35. 31. August 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Stromafunktionen.
(Paul v. Baurngarten zum 75. Geburtstag gewidmet.)
Von M. Askanazy, Genf.
Wie ein immer sieghafter durchdringendes Leitmotiv geht durch
v. Baumgartens grundlegende Studien zur Histogenese der In¬
fektionsprozesse, namentlich der chronischen, der Satz von der
grossen Rolle der „fixen Gewebszellen“ beim Aufbau der knötchen¬
artigen kranklieitserzeugnisse. Die Jahrzehnte haben an dieser
Erkenntnis nichts wesentliches zu ändern vermocht, aber sie haben
diesem Befunde einen tieferen Inhalt gegeben. Diese Vertiefung ist
durch unsere wachsende Erfahrung von den Funktionen der „fixen“,
besonders der Stromazellen und der interstitiellen Substanzen über¬
haupt bedingt.
Unter Stroma verstehen wir hier die Grundsubstanzen und ihre
Zellen, welche die Stützsubstanzen der Organ-Parenchyme darstellen
einschliesslich der Gefässe, die sie tragen. Virchow unterschied
Jas Parenchym und das interstitielle Gewebe noch wesentlich da¬
durch, dass das erste spezifischen Charakter trug, das letztere nicht.
Das ist gewiss für die Parenchymfunktion im allgemeinen zutreffend,
indem wir kaum annehmen, dass das Interstitialgewebe einer Drüse
in den spezifischen Produkten der Drüse aktiv beteiligt ist. Allein
Jie Gegend ist nicht ganz klippenfrei, wenn man dem spezifisch-
iunktionellen Prinzip als ordnender Richtschnur folgt. Orth sah
sich bereits genötigt, ihm zuliebe das gefässhaltige Bindegewebe der
Alveolarwände zum Lungenparenchym und nur das interlobuläre
(jewebe zum Interstitium zu rechnen. Und wie steht es mit den
Organen, in denen die elastischen Elemente fast Parenchymwert be¬
sitzen, also ausser der Lunge mit der Haut und den Arterien? Das
vermag uns nicht zu beunruhigen, denn das Lebendige kennt keine
scharfen Grenzen und die Natur kumuliert Funktionen verschiedener
Wertigkeit im gleichen Objekt. Wenn nun das Stroma im Verhältnis
mm tätigen Parenchym gemeinhin als nicht spezifisch gelten kann,
•.o verlangt die Spezifität der Interstitialgewebe innerhalb der ver¬
schiedenen Organe wohl mehr Beachtung, als ihr bisher zuteil ge¬
worden ist. Die Grundsubstanzen der einzelnen Organe sind den
Leistungen ihrer Parenchyme in feinster Weise angepasst, selbst für
feriodische Funktionen weitblickend vorgebildet. Dafür liefert die
Mamma ein ausgezeichnetes Beispiel. So unförmig wie auf den
jrsten Blick die Bindegewebsmasse der virginalen Mamma neben
Jen spärlichen in ihr sich verlierenden Epithelröhrchen erscheint, so
wertvoll wird sie in Gravidität und Puerperium, wo sie der Drüsen-
»ubstanz gerade entspricht. Dieses Verhältnis beherrscht auch einen
Juten Teil der Pathologie der Milchdrüse, wo wieder das Epithel
Jer bestimmende Faktor bleibt, öfters verschleiert durch die relativ
mposante „Fibromatose“. Eine entsprechende Adaptation von Stro-
na und Parenchym aneinander und an die Gesamtleistung äussert
'ich ferner im weiblichen Genital- und im Magendarmkanal. Es war
-‘in kleiner Missgriff, dass v. Recklinghausen in seiner vor-
refflichen Abhandlung über die Adenomyome des weiblichen Genital-
ipparates von dem Stroma als zytogenem Bindegewebe sprach, was
Jem lymphatischen Gewebe gleichlauten würde. Fast jede physio-
ogische und pathologische Hyperplasie der Uterusschleimhaut lehrt
iber, dass das Stroma, das ja auch auf die in der Regel von ihr her-
'tainmenden Drüsenteile der Adenomyome übergeht, sich aus Spiti-
Jelzellen aufbaut, die die funktionelle Wandlungsfähigkeit bis zur
dezidualzelle besitzen. Im Gegensatz dazu steht die Schleimhaut
von Magen und Darm, die einen lymphatischen Grundzug darbietet,
ind zwar nicht nur in den typischen Lymphknötchen und Platten,
Jeren Anschwellung bei der physiologischen Darmresorption (Hof¬
meister, Heidenhain, Kuczynski) und bei pathologischen
Resorptionsvorgängen in die Augen springt, sondern auch im Zotten-
ind Schleimhautstroma im allgemeinen. Hier zeigt sich auf alltäg-
ichem Boden, dass der Lymphozyt, in verschiedenen Etappen zur
dlasmazelle werdend, der Resorption dient, was, zusammengehalten
mit den Erfahrungen der Pathologie, die lymphozytöse Reaktion als
Resorptionsreaktion hat erkennen lassen, die für sich oder als Teil-
iizw. Folgeerscheinung der Entzündung in Erscheinung tritt. Wir
müssen uns daran gewöhnen, den korpuskulären Phagozytismus
Jer protoplasmareichen Zellen von der Lösungsresorption der ab¬
sichtlich protoplasmaarmen und darum mehr schwellbaren Lymph-
zelle zu trennen. Solche spezifischen Strukturen der Stromata be¬
halten auch sonst ihren grossen Wert für die Diagnose und Pro¬
gnose in der Pathologie. Der Zellreichtum des Stromas, der z. B. in
einem „Polypen“ den ürundzug der Schleimhaut wiederspiegelt, ent¬
scheidet über Fibrom oder Sarkom des Organs. Wir erinnern auch
an die spezifische osteoplastische Fähigkeit des Muskelbindegewe¬
bes. Die Tatsache des lokalen Zusammenstimmens von Stroma und
Parenchym musste die Frage anregen, wie sich diese Harmonie
embryogenetisch erklären lässt. Denn sie ist embryogenetisch, kon¬
stitutionell in der ganzen Tragweite dieses Wortes. Als L. Bard das
Spezifitätsgesetz der Gewebe in seiner Weise in die Formel „omnis
cellula e cellula ejusdem naturae“ kleidete, schuf er von vornherein
eine Art Ausnahmegesetz, indem er annahm, dass die Natur aus öko¬
nomischen Gründen gewissen Knotenpunktzellen (Cellules nodales)
die Fähigkeit verlieh, alle Gewebe der Oertlichkeit, z. B. der Haut,
zugleich zu erzeugen. Er begrüsste die Feststellung, dass Nerven-
und Gliagewebe derselben ektodermalen Herkunft sind, dass in der
Iris und Schweissdrüse myoepitheliale Keime vorliegen. Da solche
Zeugnisse spärlich sind, bleibt die Vorstellung massgebend, dass zwi¬
schen Stroma und Parenchym die Gesetze der „abhängigen Differen¬
zierung“ (W. Roux) walten, die nach erblichen Anlagen gestaltend
wirken. Wie es Organe gibt, in denen das Stroma einen sehr breiten
Raum einnimmt, kennen wir auch solche, in denen es, den Aufgaben
dieser anatomischen Apparate getreu, mehr und mehr bis zu Rudi¬
menten schwindet. Die rein endokrinen Drüsen, die die epithelialen
Sekrete unmittelbar in die Lymph- oder gar Blutbahn abgeben sollen,
besitzen „planmässigerweise“ nicht viel mehr als ein vaskuläres
Stroma, das hämopoetische System, das u. a. das Blut mit den Zellen
selbst speist, ausser dem feinen Gefässapparat, dem gut zu durch¬
rieselnden Retikulum nur noch Stromabälkchen für grössere Gefäss-
chen und Nerven.
Was die Funktionen — denn in der Biologie gibt es kaum ein
Gebilde, das nur eine Funktion besitzt — des Stromas betrifft, so
drückt die Bezeichnung der Stützsubstanzen die primitive Vorstel¬
lung seiner mechanischen Aufgabe als Träger der Parenchyme aus,
die es zugleich ernährt, indem es seine Gefässe heranführt und be¬
herbergt. Der Gedanke bleibt unanfechtbar, mechanistisch erklärt
sich auch zum wesentlichen Teil seine Architektur. Aber allmählich
musste man bemerken, dass die Funktion der Stromazellen weit über
diese mechanische Leistung hinausgeht, eine Erkenntnis, die haupt¬
sächlich aus den Studien über die experimentelle und pathologische
Physiologie im Bereich der interstitiellen Gewebe erwachsen ist. Die
Fragen der Entzündungslehre, der Pigmentlehre, der Wiederherstel¬
lungsvorgänge, der Prozesse der Blutzellbildung und Blutreinigung,
der Immunität haben viel Licht gespendet, wenn es auch an Gebieten
der Dämmerung und Verwirrung keinesfalls mangelt. Der gemein¬
same Charakter dieser Funktionen kann als der der Säuberung, der
mechanischen und chemischen Reinigung, der Abfiltrierung von
Fremdstoffen körperlicher und gelöster Natur, der Schutzwirkung bis
zur Immunisierung zusammengefasst werden. Von der Aufnahme
der Nährstoffe bis zu der von Giftstoffen gibt es keine Grenzscheide.
Die Funktion kommt der Stromazelle als solcher zu; aber sie erfährt
eine Potenzierung in dem Maasse, als die Stromazelle mit Reduktion
der Interzellulärsubstanz zur „Retikulumzelle“ wird oder vor dieser
als Endothel differenziert ist. Ist sie in den Stromazellen der Organe
lokal wirksam, so wird sie in den 3 Organen der Blutfilter im engeren
Sinne (s. u.) für den Gesamtkörper bedeutungsvoll. Aber wie nach
Schulemann zwischen lokaler und allgemeiner „Vitalfärbung“
keine prinzipielle Grenze besteht, so liegt auch hier bei der wech¬
selnden Stromafunktion der Unterschied zum Teil in Art und Weg
der zugeführten Körper. Der Erkenntnisweg führt von den Erschei¬
nungen bei Aufnahme körperlicher Elemente durch Phagozytismus und
Speicherung (Karmin, Vitalfärbungen) zur zellulären Reaktion nach
Einverleibung von mikroskopisch unkenntlichen gelösten Stoffe. Da¬
durch, dass die Stromazelle oft oder ständig zu dieser Funktion an¬
gehalten wird, wird sie sensibilisiert. Das gilt allgemein für die spei¬
chernde Stromazelle — so definiert auch Gold in a n n seine Pyrrol-
zelle als histiogene Wanderzelle von hoher chemotaktischer Sensibi¬
lität usw. — , das gilt ebenso für die regionär spezialisierten Stroma¬
zellen der Blutfilter. Dabei scheint aber ein gewisser Rhythmus in
der Indienststellung dpr Zellen festgehalten zu werden, denn sie ar¬
beiten nicht alle gleichzeitig und nicht gleich intensiv, ein ökonomi¬
sches Verhalten, das wir auch vom Drüsenepithel (Harnkanälchen
usw.) her kennen.
2
1108
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 34 35.
Als Beispiele wählen wir in der hier notwendigen Kürze die Haut
einerseits, dann die typischen Blutfilter.
Die Haut ist als das nach der Umwelt am ersten und am stärk¬
sten exponierte Organ von je der Schauplatz pathologischer und ex¬
perimenteller Beobachtungen gewesen. Mit dem Niederschlag von
Pigmenten begann die Stromazelle fast überall die Aufmerksamkeit
auf sich zu lenken. Wie das Kohlepigment sich im Lungenbindege¬
webe z.B. peribronchial am Ufer des Lymphstroms in der Stroma¬
zelle anhäuft, so tut es die chinesische Tusche und der Zinnober in
den Kutiszellen der tätowierten Haut. Dann lehrten die zahllosen
Beobachtungen an der entzündeten Haut die gesteigerte Wirkung der
Oefäss- und Bindegewebszellen kennen, die sich den fremdartigen
Eindringlingen und alterierten Gewebsteilen gegenüber äussert. Man
sah die unscheinbare Zelle zu einem grossen Element mit wieder ganz
basophilem Plasma und ein- oder mehrfachem saftreichen, bläschen¬
förmigen Kern anschwellen. Analogie der Funktion gibt der Binde¬
gewebs- und Endothelzelle analoges Aussehen. Die Schwellung voll¬
zieht sich oft auf Kosten der Qrundsubstanz, fibroklastisch, auch wenn
Leukozyten nicht an der Arbeit sind *)• Noch reiner als bei der Ent¬
zündung mit ihrer Summierung von Leistungen zeigt sich das Bild
bei vor- oder nichtentzündlicher Ernährungssteigerung, erhöhter
Saftzufuhr. Die Stromazellen regeln die Flüssigkeitszufuhr, entschei¬
den über Turgeszenz und Oedem. Eppinger nannte das Stroma
in diesem Sinne ein „peripheres Herz*\ ein Lymphherz. Patholo¬
gische Reaktionen im Zeitalter der Serologie stellten die Stroma-
funktion weiter fest. So bei der Intrakutanreaktion, wo sich die Kutis
als Reagens fast feiner zeigte als die Subkutis,_ so bei der lokalen
Immunisierung von Trichophytie, Aleppobeule, Tuberkulose, Syphi¬
lis durch die Haut. Auf die Ausschaltung des Hautfilters bezog man
die Gefährlichkeit der kongenitalen Lues im Verhältnis zu der In¬
fektion dt*s Neugeborenen (v. Zumbusch). Die erbliche Konsti¬
tution der Stromazelle beeinflusst die Idiosynkrasie, die erworbene
die Allergie. In seiner Analyse der pathologischen Anatomie des
anaphylaktischen Schocks hat Dörr die Rolle der Endothelzellen
nicht zu würdigen unterlassen.
Zum Verständnis dieser biologischen Reaktionen ist ein extra¬
zellulärer Stoffverkehr erforderlich. Er lässt sich für Stromazellen an
mikroskopisch nachweisbaren Produkten führen. Das extrazellulär
nachweisbare Glykogen könnte man als artifiziell beanstanden, aber
für das extrazelluläre Hämosiderin, das sich um Kohlekörnchen als
Mantelschicht niederschlägt und so im Stroma der Herzfehlerlungen
ein alltägliches, wenn auch noch wenig beachtetes Doppelpigment
bildet, ist die Ausfuhr der spezifischen Stromazellprodukte unabweis¬
bar. Dazu kommt, dass die Stromazelle selbst mobilisiert werden
kann1 2)- , . „.
Was die Aktion der Stromazellen im modifizierten örtlichen Sinne
innerhalb der drei B 1 u t f i 1 1 e r angeht, so stammt ihre besondere
Würdigung aus der Pathologie des hämopoetischen Apparats, ln
dieser Trias: Milz, Leber, Knochenmark, ist es interessanter-
weise das fötale Blutbildungsorgan, die Leber, die den Ausgangs- und
Kernpunkt darstellte. Als v. K u p f f e r in seinen beiden grundlegen¬
den Arbeiten die Kapillarwandzelle — erst als adventitiell, dann als
endothelial — in ihrer Morphologie klarstellte, hatte er auch schon
ihre Punktion durch den Versuch entdeckt; sie sonderte aus dem
Blutstrom Elemente aus und hielt sie zurück. E. Neumann ging
auf diesem Wege weiter, als er die Rolle der K u p f f e r sehen Zellen
in der Hämosiderose der perniziösen Anämie betonte. Dann folgten
die Erkenntnisse bei den anderen hämatogenen Pigmentierun¬
gen, so bei der Ablagerung des Hämomelanins der Malaria, bei der
man solange die Melanämie mit der Melanose der Organe verwech¬
selt hat, die im wesentlichen an die 3 Blutfilter gebunden ist. Aus dem
Umstand, dass die metastatische Anthrakose und Silikose wieder die
3 Blutfilter mit Beschlag belegt, durfte auf ihren hämatogenen Ur¬
sprung geschlossen werden. Das Mikroskop lehrt, dass die fremd¬
artigen Elemente aus dem Blut ins Endothel — 1. Phase — , aus dem
Endothel in die Retikulärzellen ausserhalb des Parenchyms —
2. Phase — abgeschieden wurden. Hier können sie monate- und jahre¬
lang liegen, aber auch allmählich — 3. Phase — mit dem Lymphstrom
in die portalen Bindegewebszüge der Leber, in die Adventitia der
Follikelarterien überführt und bis zu den regionären Lymphknoten
getragen werden. Ebenso verhalten sich Endothel und Retikulum¬
zelle zu alterierten Körperelementen, wie Erythrozyten usw., zu Fett¬
stoffen; auch pflanzliche und tierische Parasiten können sich hier
intrazellulär wiederfinden. Zugleich war der Blutbildungsapparat als
Blutreinigungsapparat erkannt, aber mit gewisser räumlicher Funk¬
tionstrennung, indem die Filtrationsarbeit dem Stroma anvertraut
erschien. Sicherlich sind die Kupff ersehen Sternzellen, die Sichel¬
zellen der kapillären Pulpavenen und die Endothelien der venösen
Markkapillaren ebensowenig morphologisch und daher funktionell
1) Bilder, die P. Q r a w i t z zuerst sah.
2) An der Haut beobachtet man bereits den Vorgang der „sekundären
Speicherung“ der Stromazcllcn, den man nicht vernachlässigen darf. Ein
Stoff wird dabei von der Mutterzelle auf eine Stromazelle umgeladen. So
kann das Melanin im Naevus pigmentosus und melanotischen Tumor von der
Bildungszelle auf eine „harmlose“ Stromazelle übergehen, die Deutung der
Histiogenese erschwerend. So kann das Fuscin (Lipofuscin) aus den
untergehenden Herzmuskelfasern von den Stromazellen des Perimysiums, das
Ganglienzellenpigment bei Enzephalitis von der Gliazelle, das Fett im
regenerierenden Fettgewebe von Nichtlipoblasten übernommen werden.
s) lieber den antiseptischen Wert des Arg. colloidale. Diss. Königs¬
berg 1902.
identisch wie die Retikulumzellen, deren die Leber ermangelt und die
im Mark die Potenz zur Fettzellbildung besitzen. Aber eine Funk¬
tionseinheit ist ihnen gewahrt, die nun nicht nur in „Abfiltrierung , j
sondern unter Umständen weiterer biochemischer Verarbeitung be¬
steht. Diese trat zunächst nach der intravenösen Kollargoleinspritzimg
hervor. Als E. Cohn auf Veranlassung R i c ha r d_P f e i f f er s die
Einwirkung dieser Kollargolinjektion auf die bakterielle Infektion im
Tierversuch prüfte und man mir die Schnitte vorlegte ‘), fiel sofort die .
klassische Darstellung der Kupff er sehen Sternzellen auf; ihre so
bewirkte Abstempelung konnte ebenso verwertet werden, wie
Golm hei m einst die Injektion von Karmin zur Wiedererkennung
der Leukozyten benutzt hatte. Da hat sich die Methode auch be¬
währt zur neuerlichen Festlegung v. Baumgartens Lehre des
histiogenen Ursprungs der Epitheloidzelle (Oppenheimer). All¬
mählich im Laufe der Wochen wurde dann durch die aktivierten
Zellen das Ag-Pigment abgebaut. Es ist bekannt, wie man diese
Methode zur Prüfung mannigfacher an die Endothel- und Retikulum¬
zellen gestellter Fragen benutzt hat. Hat man doch selbst durch
Ueberfüllung der Zellen ihre sonstigen Funktionen zu unterdrücken
gehofft, was aber nur bei funktionellem Antagonismus zutreffen
würde. — Steht diese Trias von Blutfiltern den anderen Organen
schroff gegenüber? Das ist festzuhalten, dass die Retention von
Stoffen im Blute natürlich nicht nur in den 3 Blutfiltern erfolgt, denn
wie die Kalkmetastasen zeigen, hängt der Vorgang auch von der
H-Ionen-Konzentration der Organe bzw. Gewebe ab, und, wie die
Jodspeicherung in der Schilddrüse und ähnliches lehrt, auch von der
chemischen Selektion der Parenchyme. Aber auch wenn wir uns an
die Stromafunktion von Endothel und Retikulumzellen halten, darf
man den Exklusivismus nicht übertreiben. Hier schliesst sich zu¬
nächst der lymphatische Apparat an, der aber mehr ein Lymph-, als
Blutfilter vorstellt. Denn wenn auch da der Stromateil der ab¬
fangende und biochemisch wie proliferativ reagierende Abschnitt
(Typhus, Tuberkulose, Lymphogranulom) ist, wenn v. Baum¬
garten auch experimentell (mit Ca mp ich e) eine reine hämo¬
togene Lymphdrüsentuberkulose erzeugen konnte, so können wir
eine so konstante primäre Beteiligung der Lymphdrüsen an der Blut¬
säuberung wie die der 3 anderen Blutfilter noch nicht dartun. Be¬
kanntlich ist nun aber der Begriff des „endothelio - retikulären (ich
kehre absichtlich die Wortfolge um) Systems“ in den letzten lü Jah¬
ren noch erheblich erweitert, ja erst eigentlich in die allgemeine Dis¬
kussion geworfen worden. Das Verdienst gebührt Asch off und
K i y o n o, die nach der Speicherungsmethode mit Karmin (R i b -
bert) im Sinne Goldmanns die Funktion der interstitielle
Zellen weiter erforschten. Da Asch off erst kürzlich in dieser
Wsciir. (1922, Nr. 37) seinen Standpunkt auseinandergesetzt hat.
kann auf seine Darstellung verwiesen werden. Die Schwierigkeit
liegt bei ihnen darin, dass für ein funktionell zusammengefasstes Zell¬
gebiet ein morphologischer Name gewählt wurde. Denn was ihr
„retikulo - endotheliales System“ kennzeichnet, ist die Farbstoff- und
Lipoidspeicherung., die aber auch gewissen Zellen zukommt, die
weder Endothelien noch Retikulumzellen sind, jenen seit Metsch-
nikoff als Makrophagen, also auch funktionell charakterisierter
Gewebszellen. Sie sind, wie pathologische, anatomische und experimen¬
telle Erfahrung lehren, die sofort disponible Truppe der filternden Stro¬
mazellen. Auf der anderen Seite ist die Eigenschaft, endogene Pig¬
mente, wie Hämosiderin, zu bilden, das man vielfach als Kriterium ver¬
wertet, allen Protoplasmen der Metazoen eigen; nur für die Epidermis
steht der Beweis noch aus, der aber in diesem Punkte nicht in Fragt
kommt. Daher die Unsicherheit in der Abgrenzung des filternder
Stromaapparates. Uns scheint es der Uebersicht wegen am ein¬
fachsten, in schematisierender Weise so zu gruppieren: Ueber allen
steht das Stroma — Endothelium, Retikulumzellen — der 3 Blutfilter;
Leber, Milz, Knochenmark, die die Blutreinigung erledigen. Ihnen folg'
der lymphatische Apparat, der in erster Linie die allgemeine Lymph
reinigung besorgt, dem man die lymphepithelialen Organe und die Ma-j
dendarmschleimhaut angliedern kann. Letztere leitet zu den schnell
funktionell mobilisierten Stromazellen in den Stützsubstanzen de:
anderen Organe über, die man nicht (totum pro parte) Histiozytci;
nennen sollte. Es gibt nun einen Apparat, das Zentralnervensystem!
in dem das Gesetz der mesenchymalen Natur der Stromazellei
durchbrochen und in dem der ektodermalcn Gliazelle neben de;
mensenchymalen Adventitiazclle die Organreinigung bis zur Entgif
tung übertragen ist, wobei die Hauptrolle der Gliazelle zufällt. Da:
äussert sich unter pathologischen Verhältnissen deutlich. Aber untej
Umständen, wenn die Organe mit stärkerer Reaktion auf gewiss«
entzündliche Reize erwidern, genügt der halb physiologisch amtierend»
Apparat nicht mehr, dann nehmen fast alle Stromazellen Anteil un<
vermehren ihren Bestand durch Proliferation. Denn die entzündlich!
Proliferation dient nicht nur der Reparation und Regeneration, si»
schafft mehr Schutzkörper in Zellen und ihren Produkten, wie wi,
auch an der Lymphdriise nach der Typhusschutzimpfung zeigen
konnten, v. Bau m garten hat schon vor Jahren die Proliferation
der Tuberkelzellen nicht als durch regenerative Prozesse beding
erklärt, sondern als Ergebnis der formativen Reizung gedeutet, di'
wir heute leicht physikalisch-chemisch auslegen können. — Mit 13c
friedigung ersehe ich, dass Asch off wie ich die epithelialen Pa
renchyme von dem filternden „Stoffwechselapparat“ ausschliessi
überhaupt vor der Ueberschätzung des „Systems“ warnt. Hat nur
doch die Funktionen der Milz mit denen ihres Stromaaparats fas
identifizieren wollen, v. Baum garten hat nun gelehrt, dass be
3l. August 192.5.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1109
der proliferativen Reaktion der „fixen Gewebszellen“ auch die Epi-
thelien der Parenchyme sich betätigen können, wie sie an der Bildung
der „Epitheloidzellen“ teilnehmen. Stellt das im Gegensatz zu dem
oben Ausgeführten? Keinesfalls. Denn bei den chronischen Infek¬
tionen steigern sich die Anforderungen an die Filter- und Schutzappa¬
rate dermassen, dass nun auch Parenchymzellen auf ihre spezifische
Funktion verzichten können und funktionell entdifferenziert in erster
Linie die Ureigenschaften des Protoplasmas wieder entfalten. Auch
dafür haben wir in den Alveolarepithelien ein halbphysiologisches
Vorbild.
Mögen diese Zeilen dem Forscher, dem wir die Kenntnis von der
Rolle der fixen Gewebszellen bei der Entzündung besonders ver¬
danken, einen herzlichen Geburtstagsgruss übermitteln!
Aus dem Pathol. Institut der Universität Köln.
Ueber die Entstehung des Hydrozephalus.
(Herrn Professor Dr. P. v. Baumgarten zu seinem 75. Geburtstag
gewidmet.)
Von Prof. Dr. A. Dietrich.
Unter Hydrozephalus schlechthin oder Hydrocephalus internus
verstehen wir die Ausdehnung der Hirnventrikel durch übermässige
Flüssigkeitsansammlung.
Es ergibt sich ohne weiteres, dass eine solche Ansammlung ent¬
stehen muss aus einem Missverhältnis von Absonderung und Abfluss,
und wir sprechen allgemein von mechanischem Hydrozephalus bei
erkennbar verhindertem Abfluss, von entzündlichem bei einer gestei¬
gerten Bildung der Hirnflüssigkeit. Dazwischen steht aber eine erheb¬
liche Reihe von Fällen, wo beide Bedingungen zusammen wirken,
vermehrte Bildung und gestörte Ableitung, besonders offensichtlich
bei dem Hydrozephalus nach epidemischer Meningitis.
Den Typus des mechanischen Hydrozephalus erkennen wir bei
Tumoren der hinteren Schädelgrube, z. B. einem Gliom, das den
4. Ventrikel vollständig ausfüllt, oder bei grossknotigem Tuberkel
(Solitärtuberkel) des Kleinhirns, der die Rautengrube zusammen-
driiekt. auch bei einem kaum erbsengrossen Tuberkel der Vierhügel¬
gegend, der zur Unterbrechung des Aquaeductus Sylvii geführt hatte.
Das Gegenstück zeigt eine tuberkulöse Meningitis, bei der die Ven¬
trikel durch Flüssigkeit allerdings nicht in gleichhohem Maasse aus¬
gedehnt sind, jedoch ohne dass ein Hindernis vorliegt.
Seit Jahren benütze ich zum Studium des Hydrozephalus die Injektion
gefärbter Gelatine (Ultramarin oder Berliner Blau) durch die uneröffneten
Schädeldecken, wobei aus einer zweiten Kanüle die Flüssigkeit ablnufen
muss. Gleichzeitig ist eine Eröffnung des Wirbelkanals und des Duralsackes
in der Lendengegend nötig. Bei rein entzündlichem Hydrozephalus läuft
die unter vorsichtigem Druck injizierte Gelatine glatt aus dem Wirbelkanal
ab, bei einem Hindernis erfüllt sie die Hirnhöhlen bis zu diesem. Das Ge¬
hirn gibt dann nach Formolinjektion von der Karotis aus sehr anschauliche
Präparate, die bei der unmittelbaren Obduktion nicht erreicht werden
können. Falls eine Injektion nicht möglich ist, muss zum mindesten die
Härtung des ganzen Gehirns und eine Zerlegung in Sagittal- oder Frontal¬
schnitte je nach der Lage des Falles vorgenommen werden.
In allen Lehr- und Handbüchern der Histologie, der Physiologie
und Pathologie wird als eine sichere, unzweifelhafte Tatsache die
Auffassung vertreten, dass der Liquor cerebrospinalis von den Plexus
abgeschieden wird; teilweise wird eine Filtration (Schlüpfer),
überwiegend aber eine Sekretion seitens des eigenartigen Epithels
angenommen, v. Monakow nennt den Plexus geradezu eine Drüse,
der die Ernährung, der Organstoffwechscl und der Schutz der Hirn¬
substanz gegen im Blut kreisende Stoffe anvertraut ist. Auf Störung
dieser Drüsenfunktion führt er sogar gewisse Geisteskrankheiten zu¬
rück. Dieser Auffassung steht die andere gegenüber, dass der Liquor
ausser von den Plexus noch von der Arachnoidea gebildet wird
(Quincke, Schlüpfer, auch Bungart). Aber ausser von
Spina, der den Liquor als ein Transsudationsprodukt des Gehirns
selbst ansieht, ist die wenigstens erhebliche Teilnahme des Plexus
an der Ausscheidung der Flüssigkeit nicht bestritten worden. Dem¬
gegenüber hat Askanazy die Frage aufgeworfen, ob nicht die
Plexus auch die Eigenschaft der Resorption besitzen könnten, und ge¬
wichtige Gründe dafür angeführt. Seine Darlegungen haben keinen
Widerhall gefunden, aber sie machten, da ich mich schon damals viel
mit der Entstehung des Hydrozephalus beschäftigte, auf mich den
Eindruck, dass in der neuen Auffassung manche Rätsel der Pathologie
der Hirnventrikel ihre Lösung finden könnten. Ich habe die Frage
immer wieder aufgegriffen, und durch eine Arbeit von W ii 1 1 e n -
weber ist sie zu einem gewissen Abschluss gebracht worden. Man
ist überrascht, bei Durchsicht der Literatur die sekretorische Funktion
der Plexus wohl überall als zweifellos bewiesen, ja sogar als direkt
sichtbar bezeichnet zu finden, jedoch ohne Anführung einer einzigen
einwandfreien Beobachtung. Histologische Bilder am Plexuscpithel
können nicht als Beweis gelten, z.B. das Auftreten von Lipoidtröpf¬
chen oder von anderen tropfigen Einschlüssen, die zunehmende Bil¬
dung von Pigment, der gegenüber dem Epcndym so auffallende Gly¬
kogengehalt; selbst die Auffassung gleichartiger tropfiger Bildungen
im Liquor als Sekrettropfen kann ein Trugschluss sein. Gegen eine
sekretorische und für die Möglichkeit einer resorbierenden Tätigkeit
lassen sich aber folgende Gründe anführen:
Der papilläre Bau des Plexus ist nichts weniger als drüsenartig,
ebenso nicht die Lage (Kopfstellung) des Kernes. Zottige Strukturen
(Darm, Plazenta) sind aber in erster Linie Resorptionsorgan
(Askanaz y).
Die Lage des Plexus an den Ausgängen und tiefsten Teilen der
Ventrikel wäre für ein Abscheidungsorgan des Liquors sehr eigentüm¬
lich, ja am 4. Ventrikel reicht der Plexus noch in die äusseren Arach-
noidalräume hinein. „Man würde Wasserhähne zur Berieselung nicht
gerade an der offenen Tür anbringen“ (Askanazy). Vollends die
Uebermittlung spezifischer Sekretstoffe an die Hirnsubstanz ist mit
dieser Lage und mit der Richtung des Flüssigkeitsstromes nicht ver¬
einbar. Auch führt Askanazy die Beobachtung von abgeschlos¬
senen Ventrikelerweiterungen an, die ihre Flüssigkeit nicht von den
Plexus bezogen haben können. Einfacher wäre die Vorstellung, dass
die herabrieselnde Flüssigkeit von den Plexus gleichsam durchge¬
siebt und, abgesehen von einer Verminderung der Menge, von gewis¬
sen Bestandteilen befreit würde.
Die als sekretorische Erscheinungen gedeuteten Lipoidtropfen
und Pigmentkügelchen können ebensogut Produkte der Resorption
sein. Sie finden sich nicht oder ganz spärlich beim Kind zur Zeit d.er
Markreifung, also des grössten Bedarfs an Lipoiden; dagegen nehmen
sie im Alter zu, ebenso wie die eigenartigen Sandkörner, die aus
hyaliner Degeneration des Stromas und Aufnahme kalkhaltiger Flüs¬
sigkeit hervorgehen.
Dass die Plexusepithelien auch aus dem Blut Stoffe zu speichern
vermögen, soll dabei nicht angezweifelt werden. Die beim Fötus so
ausgesprochene Glykogenspeicherung sowie die vitale Färbbarkeit
(G o 1 d m a n n), ebenso auch die Aufnahme von Silber in die Grenz¬
lamelle bei Argyrosis sind wohl sicher als hämatogen entstanden zu
denken. Aber der Austausch zwischen Blut und Gewebszellen ist ja
immer wechselseitig, und somit ist weder eine Sekretion damit zu
beweisen, noch eine Resorption auszuschliessen.
Aber wir haben noch bestimmtere Anhaltspunkte für eine Re¬
sorption. Schmorl berichtete über Untersuchungen, die eine ver¬
schiedene Beschaffenheit des Liquor spinalis und der Ventrikel¬
flüssigkeit erkennen Hessen. Bei Ikterus, auch bei Ikterus neonatorum,
fand er regelmässig Gallenfarbstoff in der Spinalflüssigkeit, dagegen
nicht in den Ventrikeln. Nur einmal enthielt auch die Ventrikelflüssig¬
keit Gallenfarbstoff; hier war der Plexus bei gleichzeitiger tuberku¬
löser Meningitis krankhaft verändert. Die Nonne sehe Reaktion und
die Wassermann sehe Reaktion waren regelmässig positiv in der
Spinalflüssigkeit, dagegen negativ im Ventrikel. Auch wiederum mit
nur einer Ausnahme bei schweren Veränderungen der Plexus.
Schmorl sieht die Funktion der Plexus in einem Zurückhalten be¬
stimmter Stoffe. Aber das Fehlen bestimmter Substanzen im Ven¬
trikelinhalt bei normaler Beschaffenheit und ihr Vorhandensein bei
krankhaften Veränderungen scheint mir verständlicher unter der An¬
nahme, dass der erkrankte Plexus seine resorptive Funktion nicht
ausiiben konnte.
Askanazy berichtet über den Befund von Hämosiderin im
Plexus eines wegen Spina bifida operierten Kindes und schliesst dar¬
aus auf Resorption einer Blutung. Allerdings möchte ich nach unseren
heutigen Erfahrungen diese weniger als Operationsfolge, wie als Ge¬
burtsschädigung ansehen ( s. Siegmund). Wüllenweber
hatte einen gleichen Befund bei einem Kinde, das etwa VL>. Jahr alt mit
mächtigem Hydrozephalus starb. Es bestanden Blutungsreste in der
Brücke und in der Ventrikelwandung, auch Verwachsungen am
dritten Ventrikel, der Plexus erschien bräunlich. Sein Epithel war
mikroskopisch streckenweise von braunem Pigment erfüllt, das Eisen¬
reaktion gab. Wüllen weber fand aber auch in 3 Fällen von Hirn¬
blutung bei Erwachsenen eisenhaltiges Pigment in den Plexus. Es
lagen ältere Blutungen der Stammganglien vor mit Ventrikeldurch¬
bruch; in dem einen Fall war durch erneute frische Blutung der Tod
erfolgt. Der Plexus lateralis der gleichen Seite enthielt einmal körni¬
ges, braunes Pigment, in den beiden anderen gab Eisenreaktion einen
gleichmässigen, blauen Sau.m. Derartige Fälle sind, wie schon As¬
kanazy bemerkt, selten, da bei Ventrikeleinbruch gewöhnlich sofort
der Tod eintritt. Apoplektische Blutungen ohne nachweisbaren Ven¬
trikeleinbruch von jeder Altersstufe bis zur braunen Narbe wurden
in grosser Zahl untersucht, ohne dass sich eisenhaltiges Pigment nach-
weisen liess, ebensowenig andere Reste des Gewebszerfalls.
Daraus geht hervor, dass der Plexus nur unmittelbar aus dem
freien Ventrikelinhalt Stoffe aufnimmt, nicht aus der Hirnsubstanz
zugeführt erhält. Es muss eine Schranke dazwischen liegen, und diese
ist wohl das Ependym. Plexusepithel und Ependym lassen schon von
frühesten Entwicklungsstadien an eine scharfe Gegensätzlichkeit er¬
kennen, die besonders im Glykogengehalt zum Ausdruck kommt
(Askanazy); so liegt ihre entgegengesetzte Funktion auf der Hand.
Aber die Fliissigkeitsabschcidung des Ependyms muss mit Auswahl
erfolgen, nicht ein einfaches Durchtreten der Hirnlymphe sein. Die
Lymphbewegung im Gehirn und ihr Verhältnis zur Ventrikelflüssigkeit
scheint mir noch weiterer Klärung zu bedürfen; denn ob die adventi-
tiellen Spalträume um die Gefässe, in denen sich auch Pigmentzellen
und Fettkörnchenzellen ansammeln, Lymphgefässe im Sinne unserer
heutigen Auffassung sind, ist sehr fraglich (s. S p i e 1 m e y e r). Da¬
her ist auch die Bezeichnung der Ventrikelflüssigkeit als Gehirn¬
lymphe nicht angängig.
Wir wissen aber, dass eine Flüssigkeitsströmung von der Hirn¬
rinde ventrikelwärts zieht. Denn Hirnabszesse haben die gefürchtete
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 34 35.
1110
Neigung, gegen die Hirnventrikel fortzuschreiten. Selbst vom Schädel¬
knochen aus können geringfügige örtliche Infektionen in unheimlicher
Weise schnell bis zu den Hirnhöhlen in Form eines spitzen Ein¬
schmelzungsstreifens dringen und das plötzliche Einsetzen einer Me¬
ningitis bewirken. Derartige Erfahrungen haben wir im Kriege hun¬
dertfältig gemacht. Eins beweisen diese Beobachtungen, dass eine
Resorption des Ventrikelinhaltes vom Epcndym und eine Abführung
rindenwärts, wie sie nach v. Mon a k o w s Auffassung stattfinden
müsste, nicht denkbar ist.
Alles dies zusammenfassend, müssen wir erkennen, dass die An¬
nahme von der Sekretion des Liquors durch die Plexus d.urch nicht
mehr Gründe belegt ist. als durch eine gläubig hingenommene Ucber-
licferung, dass dagegen für eine Resorption durch die Plexus sich viele
schwerwiegende Beobachtungen anführen lassen. Die Stoffaufnahme
scheint in erster Linie eine auslesende zu sein, aber sicher wohl auch
mit einer Flüssigkeitsaufnahme verbunden, so dass der aus dem Fo-
ramen Magendi austretende Liquor nach Menge und Zusammen¬
setzung verändert ist. Gewiss ist diese Anschauung noch durch
weitere Untersuchungen zu bestätigen und zu vertiefen, aber wir
wollen prüfen, ob sie für das Verständnis des Hydrozephalus wert¬
voll ist.
Bei rein entzündlichem Hydrozephalus, z. B. bei tub. Meningitis,
haben wir stets eine Beteiligung der Plexus an den krankhaften Ver¬
änderungen, entsprechend den Veränderungen der Meningen. Hierbei
wäre eine pathologische Exsudation aus den Plexus allerdings ebenso
wahrscheinlich wie eine behinderte Resorption der vom Ependym
übermässig abgeschiedenen Flüssigkeit. Bei mech. Hydrozephalus,
z. B. durch Hirntumoren, müsste durch die Resorptionstätigkeit des
Plexus ein gewisser Ausgleich geschaffen werden. In de;- Tat tiifft
man trotz Abschluss des vierten Ventrikels oft eine auffallend geringe
Ausweitung der Seitenventrikcl. Wüllenwcber konnte zeigen,
dass auch bei erheblichem Hydrozephalus infolge Hirntumoren sich
in dem Plexus Veränderungen finden (zellige Infiltrate, Verdichtung
des Stromas), durch die eine Störung der Funktion wohl erklärt wird.
Zwei Fälle mit starkem Hydrozephalus Hessen schwere entzündliche
Veränderungen, anschliessend an vorhergehende Operationen, er¬
kennen. Also wird der mechanische Hydrozephalus durch Verände¬
rungen der Plexus mindestens erheblich verstärkt.
Dies kommt ganz augenfällig bei dem Hydrozephalus nach Me¬
ningokokkenmeningitis zum Ausdruck. Das Abflusshindernis kann da¬
bei am Foramen Monroi oder im Aquaeductus Sylvii gelegen sein;
die meisten meiner Präparate zeigen Verwachsungen am Foramen
Magendi, in die der Plexus des 4. Ventrikels mit eingehüllt ist, oder
einen Abschluss hinter dem verlängerten Mark durch Verdichtung
und Verwachsung der Arachnoidalplatte der Cysterna cerebcllo-
medullaris am Foramen Magnum. Die Ausdehnung des Hydrozephalus
aber entspricht weniger dem Orte der Unterbrechung, als der
Schwere der noch chronischen entzündlichen oder narbigen Verände¬
rungen der Plexus.
Die Plexus sind imstande, einen gewissen Ausgleich zu schaffen,
wenn der Abfluss der Ventrikclflüssigkeit durch Tumoren oder ent¬
zündliche Verlegungen behindert ist, sofern ihn selbst nicht krank¬
hafte Veränderungen trafen.
Diese Vorstellung lässt uns verstehen, wie in manchen Fällen ein
Hydrozephalus unaufhaltsam zunimmt, bis der Hirndruck die mit dem
Leben verträgliche Grenze überschreitet, während sich in anderen
Fällen ein Gleichgewichtszustand über viele Jahre ausbildet. Dies
möge noch eine Beobachtung erläutern, die den höchsten Grad von
Hydrozephalus betrifft, den ich je gesehen.
Die weibliche Kranke hatte im ersten Lebensjahr eine Meningitis über¬
standen und seither ihren Hydrozephalus. Sie blieb in der körperlichen
und geistigen Entwicklung zurück, ohne ganz verblödet zu sein, hatte spa¬
stische Kontraktionen der Arme und Beine, so dass sie zu jeder selbsttätigen
Bewegung unfähig war, auch eine Kyphoskoliose. Durch aufopfernde Pflege
ihrer Schwestern erreichte sic ohne ernstliche Gesundheitsstörungen ein
Alter von 38 Jahren. Bei vorübergehendem Aufenthalt in der Klinik sollte
eine Röntgenaufnahme des Kopfes gemacht werden; wenige Stunden nach
dieser starb sie ganz plötzlich.
Der Kopf hatte einen Umfang von 72 cm, war riesenhaft und unförmig
gegenüber dem kindlichen Körper, vor allem auch gegenüber dem kleinen
Gesicht. Nach Formalininiektion wurde der Kopf sagittal durchschnitten.
Hierbei zeigten sich die Seitenventrikel mächtig ausgedehnt, so dass die
Hirnrinde nur einen dünnen Balg bildet, der nur flache, unregelmässige Win¬
dungen darbietet. Beide Seitenventrikcl stehen durch eine Lücke von
9: 6 cm anstelle des Septums pellucidum in Verbindung; ein Balken ist nicht
erkennbar. Die Fornixschenkcl erscheinen als dünne Stränge, um die sich
die Plexus laterales schlingen, um sich dann den flachen Stammganglien
aufzulegen _ und gegen die breite Bucht des Unterhorns zu verlieren. Die
Plexus zeigen nur geringe Papillenbildung und fleckige, wei,ssl;'''''’ Ein¬
lagerungen. Das ganze Ependym erscheint verdickt. An der Eintrittsstelle
des Plexus medialis ist ein tiefer Trichter gebildet, dem die ganz ab¬
gehackte Zirbeldrüse aufliegt. Aquaeductus Sylvii und 4. Ventrikel sind eben¬
falls aufs stärkste ausgedehnt, der Plexus liegt dem Ependym innig an und ist
wcisslich verdickt. Der Gegend des Foramen Magendi entspricht eine
trichterförmige Bucht, die ganz von festen Verwachsungen der Hirnhäute
und der angrenzenden Teile des Kleinhirns umschlossen ist. . Diese Ver¬
wachsungen setzen sich noch im Bereich des 1. Halswirbels fort und erst
am 2. Halswirbel ist cs möglich, weiche und harte Rückenmarkshaut zu lösen.
Ich habe nur die wichtigsten Einzelheiten dieses mächtigen Be¬
fundes erwähnt. Ueberraschend ist nun bei mikroskopischer Unter¬
suchung die verhältnismässig gute Erhaltung der Plexus. Es bestehen
gemäss dem makroskopischen Befund narbige Umwandlungen, daneben
aber wohlgcfiillte Gefässschlingen mit regelmässigem, schönen Plexus-
epithcl. Es muss hier also nach Ueberstehen einer Meningitis, die zu
vollständigem Abschluss des Liquors gegen den Spinalkanal führte,
sich ein Gleichgewichtszustand zwischen Liquorbildung und Resorp¬
tion entwickelt haben, so dass 37 Jahre lang das Leben erhalten blieb,
allerdings eine Vita minima, die keinen überraschenden Ansprüchen
ausgesetzt war. Die auffallend gute Erhaltung des Plexus, vielleicht
durch kompensatorische Hypertrophie unversehrter Teile neben den
narbig veränderten, würde dies nach den obenentwickclten An¬
schauungen verständlich machen. Die Röntgenbestrahlung löste eine
Hyperämie aus mit einer plötzlichen Steigerung der Liquorabsonde¬
rung, der die Resorption nicht angepasst war. So musste unter rasch
zunehmendem Hirndruck der Tod erfolgen.
Ich bin mir bewusst, dass meine Ausführungen nicht allgemeine
Zustimmung finden, vielleicht Widerspruch auslösen werden, denn es
ist schwer, altgewohnte Anschauungen umzuändern. Ich selbst möchte
mir noch weitere Untersuchungen Vorbehalten. Mir ist aber schon
jetzt, nachdem ich mich zu der dargelegten Auffassung durchgerungen
habe, manche Eigentümlichkeit des Hydrozephalus verständlicher ge¬
worden, und so schliesse ich mich der Empfehlung Askanazys
an, die Resorptionsleistung der Plexus chorioidei im Auge zu be¬
halten und weiter zu verfolgen. Ich zweifle nicht, dass dadurch mehr
Licht in ein noch recht dunkles Kapitel der Hirnpathologie gebracht
wird.
Literatur.
Askanazy: Verh. Path. Ges. 1914, 17, S. 85. — S c h r* o r 1: Verh.
Path. Oes. 1910. 14, S. 288. — Siegmund: Vircli. Areh. 1923. 241. —
Spielmeyer: Histopathologie des Nervensystems, 1922. — Wüllen-
weber: Zschr. f. d. ges. Neurol. 1923 lim Druck).
Aus der inn. Abt. des Krankenhauses Bethesda in Duisburg.
(Chefarzt: Prof. Dr, H. Hohlweg.)
Die intrakardiale Injektion.
Von H. Hohlweg.
Im Gegensatz zu früheren Anschauungen wissen wir heute, dass
der Tod kein momentanes Ereignis darstellt. Für die
lebenswichtigsten Organe — Herz, Atmungsorgane, Gehirn — gibt
es von dem Augenblick an, wo sie ihre Funktion einstellen, bis zum
Eintritt vollkommen irreparabler Veränderungen eine gewisse Ucber-
gangszeit, innerhalb deren sie durch geeignete Massnahmen wieder-
belebt werden können. Diese Uebergangszeit ist für die einzelnen
Organe verschieden begrenzt. Am empfindlichsten ist von den ge¬
nannten Organen das Gehirn, das eine Zirkulationsstockung von län¬
ger als 10 — 15 Minuten Dauer nicht überstellt, am widerstandsfähig¬
sten ist das Herz.
Langendorff gelang es zuerst zu zeigen, dass das Wartn-
bliiterherz kürzere oder längere Zeit nach dem Tode wiederbelebt
werden und in ausgeschnittenem Zustande regelmässig schlagen
kann, wenn mittels einer in die Aorta eingebundenen Kanüle das
Herz vom Kranzgefässsystem aus mit defibriniertem Blut gespeist,
also m. a. W. der Koronarkreislauf künstlich wiederhergestellt wird.
Später hat dann Zeller auf Grund umfangreicher experimenteller
Untersuchungen an Hunden nachgewiesen, dass die primäre Herz¬
lähmung im Gefolge der Chloroformnarkose durch die zentripetale
arterielle Transfusion von hirudinhaltigem gleichartigen Blut fast
regelmässig prompt beseitigt wird. Das mit gutem arteriellen Blut
gespeiste Herz nimmt schnell und immer kräftiger seine Tätigkeit
wieder auf und auch die Atmung kehrt wieder. Ebenso konnte
Zeller zeigen, dass nach Verblutung, selbst wenn mehr als "U
der Blutmenge entleert, also der Blutverlust bedingungslos tödlich
war, die arterielle Durchströmung mit Blut ein nahezu sicheres Mittel
ist, das Herz des Hundes wieder zum Schlagen zu bringen.
Am aussichtsreichsten für die Wiederbelebung nach Eintritt des
I ödes im landläufigen Sinne mussten demnach von vorneherein die
Fälle von primärem Herzstillstand erscheinen, wie sie am häufigsten
bei der reinen Chloroformsynkopc beobachtet werden. Da eine
Schädigung des Gehirnes in diesen Fällen meist zunächst nicht vor¬
handen ist, hat man nach dem oben über die Widerstandsfähigkeit
des Gehirns gegenüber Zirkulationsstockungen Gesagten vom Be¬
ginn des Aussetzens der Herztätigkeit an 10 — 15 Minuten Zeit, um die
Zirkulation vom Herzen aus mit Aussicht auf Wiederbelebung des
Gesamtorganismus in Gang zu bringen.
So geistreich auch die Untersuchungen von Zeller angestellt
mul so sorgfältig auch die Technik bis ins einzelne durchdacht und
angegeben war, so hatte das Verfahren doch von Anfang an wegen
seiner nicht zu umgehenden grossen Umständlichkeit wenig Aussicht
auf praktische Erfolge und konnte selbstverständlich überhaupt nur
in einem bestens eingerichteten Operationssaal zur Anwendung
kommen. Man wäre deshalb wohl auch heute mit den Wiederbele¬
bungsversuchen nach Narkosenherzstillstand in der Praxis noch nicht
weiter, wenn nicht von den Velden1) auf den verdienstvollen
Gedanken der intrakardialen Injektion gekommen wäre.
J) Ob den wenigen Autoren — Latzko. Skubinski. Rucdiger.
Escli. Doerner, Volkmann — , deren Publikation vor 1919 erfolgte,
der Gedanke von den Veldens bekannt war, kann ich nicht ent-
entschciden ; teilweise — Ruedigcr und wahrscheinlieh auch Esch —
war cs sicherlich der Fall. Jedenfalls hat von den Velden das Ver¬
fahren bereits seit 1906 in zahlreichen Fällen ausgeführt und im Kolleg wie
Aerztekursen unter genauer Angabe der scharf umrissenen Indikation und
Technik seitdem empfohlen.
Uigust 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1111
in den Herzmuskel oder die Herzhöhle direkt eingcbrachtc stark
ierende Medikament gelangt unmittelbar an die Erfolgsorgan¬
ente im Herzen, um so sicherer als auch schon durch den Stich als
ich eine kräftige Kontraktion des Herzmuskels ausgelöst und so
ausgiebige Verteilung des Medikamentes im Blutstrom des Her¬
selbst gewährleistet wird. An Stelle der umständlichen kiinst-
n Durchblutung des Herzens tritt die vom Herzen selbst mit
nblut übernommene Durchblutung; der Koronarkreislauf wird so
lic einfachste und natürlichste Weise wieder in Gang gebracht.
Bei Betrachtung der praktischen Erfolge der Methode fällt so-
auf. dass die Chirurgen im ganzen wesentlich bessere Er-
isse zu verzeichnen haben, als die Interne n. Der Grund liier-
rgibt sich aus der Verschiedenartigkeit des Materiales und der
.ationsstellung. Wie oben bereits auseinandergesetzt, ist eben
primäre Narkoscnherzstillstand das günstigste Objekt für die
kardiale Therapie. Der Chirurg im Operationssaal ist auf solche
ile auch vorbereitet und dafür gerüstet, während dem Internisten,
Jurch einen primären Herzstillstand vielleicht gelegentlich einmal
rascht wird, mit der Herbeischaffung des Instrumentariums und
Medikamentes die aussichtsreichste Zeit bis zur Wieder-
ningsmöglichkcit des Herzens schon verstreicht.
Bei der Zusammenstellung der in der Literatur niedergelegten
; mit Indikation auf chirurgischem Gebiet fand
2 Dauererfolge und 5 zwar vorübergehende, aber doch deutliche
ge. Die i. I. hat auch in diesen letzten Fällen durchaus das geleistet,
man billigerweise von ihr verlangen kann ; sie hat den vollkommen
iedcrliegenden Kreislauf meist für eine Reihe von Stunden wieder
mg gebracht. Wenn in diesen Fällen kein Dauererfolg eintrat, so
er Grund hierfür nicht der Methode als solcher, sondern den
ils begleitenden Verhältnissen und Nebenumständen zuzu¬
üben. Der Fall Esch ist, soweit ich die Literatur übersehe, der
ge, wo die i. I. selbst von ungünstigen Folgen begleitet war;
■inetn Falle war der Exitus der Kranken offenbar mitverursacht
h einen künstlichen Pneumothorax, der durch eine Stichver-
ng der Lunge bei der i. I. entstanden und durch energisch aus-
lrte künstliche Atmung anscheinend vergrössert worden war.
Selbstverständlich stehen diesen Erfolgen einzelne veröffentlichte
wahrscheinlich sehr viele nicht veröffentlichte Misserfolge gegen-
^usammenstellung 2 der Fälle mit Indikation auf internem
iet zeigt demgegenüber ein ganz anderes Bild. Hesse be-
htete unter 12 Fällen nur 4 mal geringfügige Erfolge bis höch-
; 20 Minuten Dauer, in einigen Fällen war überhaupt keine
inbare Wirkung der i. I. nachweisbar, von den Velden sah
• 45 Fällen 13 mal vorübergehende günstige Beeinflussung mit
lereinsetzen der Herztätigkeit bis zur Dauer von maximal
unden. Hesse und von den Velden haben aber bei zu-
nen 57 Fällen überhaupt keinen Dauererfolg zu ver-
inen. Einen Dauererfolg mit der i. I. bei Indikation auf
;rnem Gebiet stellen nur je 1 Fall von Ruediger —
cre dekotnpensierte, bis dahin unbehandelte Mitralinsuffizienz
-Stenose — und Baumann — Atem- und Herzstillstand bei
erer Pertussis — dar, dem sich als dritter der von m i r
achtete Fall anreiht.
'rau B„ 20 Jahre alt. Am 13. XI. 1922 wegen einer schweren offenen
ativen Tuberkulose des ganzen linken Oberlappcns aufgenommen.
J. Anlegung eines künstlichen Pneumothorax — Schnittverfahren nach
u e r — . Vorübergehende Bildung eines Exsudates im linken Pleura-
. das aber am 2. I. 1923 bereits vollkommen resorbiert ist. 3. I. erste
iillung. Im Röntgenbilde zieht von der Mitte der linken Lunge nach der
wand ein breiter Strang. Am 13. II. in ambulante Behandlung entlassen.
:hfüllungen ohne Storung. 27. IV. 8. Auffüllung. Einstich im 5. linken
«ostalraum. Dabei hat man das Gefühl, nicht im freien Pleuraraum zu
Der Mandrin, der die Nadelspitze 2 cm überragt, lässt sich zwar ohne
chen Widerstand einführen; es erfolgen aber keine Ausschläge am Mano-
'. Noch bei Ausführung dieser Manipulation, ohne dass also überhaupt
iahn zur Stickstoffflasche geöffnet war, richtet sich die Kranke auf mit
Vortcn: ..Es wird mir schlecht“ und kollabiert sofort. Starke Zyanose,
auffallende Blässe; schnappende Atemzüge mit längeren Pausen; voll-
icner Herzstillstand. Der Exitus scheint eingetreten zu sein. Etwa
Minuten später Einstich am oberen Rand der 4. linken Rippe. 2 Ouer-
■ ausserhalb des linken Brustbeinrandes. Beim Ansaugen tritt sofort
in die Spritze; langsame Injektion von 2 ccm Ol. camphorat. forte. Nach
3 — 4 Sekunden setzt die Herztätigkeit wieder ein, gleichzeitig wird der
wieder fühlbar, der bereits nach 12 — 15 Sekunden wieder vollkommen
mässig und kräftig ist. Ungefähr 2 Minuten nach der i. I. wieder regel¬
te Atmung: das Bewusstsein ist nach 6 — 7 Minuten wieder zurück-
irt. Es besteht völlige Amnesie bezüglich des Zufalles: die Kranke ist
durchaus klar. Stündlich 0,1 Koffein subkutan. Nachmittags starke
chmerzcn, gegen Abend wieder plötzlich auftretende Bewusstlosigkeit
Ionischen Krämpfen am ganzen Körper. Reflexe ausserordentlich stark
igert: Babinski und Oppenheim beiderseits positiv. Nach Injektion von
n Adrenalinlösung (1 : 1000) subkutan schnelle Erholung. Nach etwa
nden ist die Kranke völlig ruhig: es bestehen noch starke Kopfschmerzen,
keine Krämpfe mehr: Babinski und Oppcpheim nicht mehr nachweisbar.
?9. IV. bei vollem Wohlbefinden auf eigenen Wunsch entlassen.
:s handelte sich also offenbar um einen schweren Pleuraschock
Herzstillstand gelegentlich der Nachfüllung eines künstlichen
imothorax. Der Exitus schien eingetreten zu sein. Die i. I. von |
n Ol. camph. fort, in den rechten Ventrikel brachte den Kreislauf
momentan wieder in Gang. Der Erfolg war geradezu verblüffend. \
mg und Bewusstsein kehrten in kürzester Zeit wieder. Nach
vorübergehenden Störungen am gleichen Nachmittag — Bewusst¬
losigkeit mit klonischen Krämpfen — rasche dauernde Er¬
holung.
Der vorstehend beschriebene Fall, wobei die Kranke durch die
i. I. von Ol. camph. fort, vom sicheren Tod gerettet werden konnte,
zeigt, wie wichtig es auch für den Internisten ist, für die Ausführung
der i. I. gerüstet zu sein. Man hat im allgemeinen von üblen Zu¬
fällen bei der Pneumothoraxbehandlung in den letzten Jahren wenig
mehr gehört. Vielleicht mehren sich in Zukunft die Mitteilungen
darüber, wenn es wie in meinem Falle gelingt, den gefürchteten
Pleuraschock durch die i. I. zu überwinden. Mir gab meine Beob¬
achtung Veranlassung, mich mit der Methode näher zu beschäftigen
und mich so auf ähnliche Fälle in Zukunft besser vorzubereiten. In
diesem Sinne soll meine Beobachtung auch eine Anregung für die¬
jenigen internen Kollegen sein, die sich mit dem Gegenstand bisher
wenig befasst haben. Müssen wir uns doch dessen bewusst sein, dass
hier jeder positive Erfolg ein gerettetes Menschenleben darstellt, das
sonst unter allen Umständen verloren gewesen wäre.
Im einzelnen sei bezüglich der Indikation, des Medika¬
mentes und der Technik der i. I. noch auf folgendes hin¬
gewiesen:
Vorbedingung für einen Erfolg ist vor allem die möglichst
sofortige Anwendung des Verfahrens nach eingetretenem Herzstill¬
stand. Je früher die Injektion ausgeführt wird, desto günstiger sind
natürlich die Aussichten auf einen Erfolg. Die nutzbare Zeit,
innerhalb deren das Gehirn die Zirkulationsstockung eben noch ver¬
trägt, beläuft sich auf 10 — 15 Minuten. Nach dieser Zeit ist ein
Erfolg mit der i. I. kaum mehr zu erwarten. Selbstverständlich kann
das Verfahren gelegentlich auch bei noch schlagendem Herzen zur
Anwendung kommen, wenn, wie im Falle von Ruediger, jede
Therapie von der Peripherie her von vorneherein aussichtslos er¬
scheint.
Die Indikation auf chirurgischem Gebiet sind vor
allem der primäre Narkosenherztod, der Operationskollaps, Schock
im Gefolge schwerer Verletzungen, Vergiftungen (Chloral-, Kohlen¬
oxyd), Erstickungen, Erfrierungen und Starkstromverletzun<ren.
Auf internem Gebiet: Fälle von akutem Herztod bei noch
persistierender Atmung, sog. Sekundenherztod, wo bei unfühlbarem
Puls die Möglichkeit, das Analeptikum auf subkutanem, intramusku¬
lärem oder intravenösem Weg ans Herz zu bringen, an der fehlenden
Zirkulation scheitert — - Hesse — , Fälle von Pleuraschock im Ge¬
folge eines Pneumothorax, plötzlicher Tod bei Herzmuskelerkran¬
kungen mit und ohne stärkere Beteiligung des Klappenendokardes;
besonders aussichtsreich erscheinen hier solche Fälle, wo eine chro¬
nische Muskelschwäche erst im Stadium der schwersten Dekompen¬
sation in Behandlung kommt (Fall Ruediger), wo also die Reserve¬
kraft des Herzens nicht bereits durch vorausgegangenc anderweitige
(intravenöse) Behandlung erschöoft ist. Weniger Erfolg zu bieten
scheinen nach den bisherigen Erfahrungen die Fälle von Herzinsuffi¬
zienz bei Nenhritis. Kollaps hei Infektionskrankheiten (Ausnahme Fall
B a u m a n n) und bei Kampfgasvergiftungen.
Die Applikation des Mittels kann erfolgen:
1. in die Perikardialhöhle — intraperikardial,
2. in die Herzmuskulatur — intramuskulär,
3. in die Herzhöhle — intrakardial.
Theoretisch begründet ist die intraperikardialc Injektion durch
die von L. Rehn festgestellte Tatsache, wonach in Wasser oder
Del gelöste Substanzen mit grosser Schnelligkeit aus dem Herzbeutel
resorbiert werden. Nach den Angaben von H e n s c h e n ist die
perikardiale Injektion aber nicht frei von Zufällen. Der Herzbeutel
ist gegen brüske Reizungen sehr empfindlich; es kann im Anschluss
daran Verschlechterung der Herztätigkeit und sogar dauernder Herz¬
stillstand eintreten. Aus diesem Grunde erscheint mir die intraperi¬
kardiale Injektion, obwohl Hen sehen sie bezüglich des Wieder-
belcbungseffektes mit der intrakardialen Injektion etwa auf eine Stufe
stellt, weniger empfehlenswert, zumal anscheinend auch die Technik
umständlicher und weniger sicher ist.
Die intramuskuläre Injektion wird von manchen Autoren
(Baumann, der in die Muskulatur des linken Ventrikels injiziert)
als besonders wirksam und aussichtsreich angesehen. Jedenfalls
scheint beim stillstehenden Herzen der Stich in die Muskulatur
an sich schon eine intensive Kontraktion auszulösen, wodurch dann
die Verteilung des Arzneimittels in den reichlichen Blut- und Lymph-
bahnen des Myokards schnell zustande kommt. Im Gegensatz hiezu
hält Hesse die Injektion in den Herzmuskel theoretisch für falsch,
weil er sich nicht vorstellcn kann, dass das Medikament von der Ein¬
stichstelle im rechten Herzen sich schnell über das ganze Herz ver¬
breiten soll, ganz abgesehen davon, dass er selbst die beabsichtigte
Injektion in das Myokard des meist stark dilatierten und daher dünnen
rechten Ventrikels für schwer hält. Beim Einstich in den 4. oder
5. linken Interkostalraum neben dem Sternalrand ist H. jedenfalls
immer in das Lumen des rechten Ventrikels gelangt.
Hesse hält vielmehr die intrakardiale Injektion für die
lichtigstc Methode und zwar legt er grössten Wert darauf, dass das
Medikament in das Lumen des linken Ventrikels injiziert wird.
Bei Injektion in das Lumen des rechten Ventrikels, glaubt, er, könne
ein stillstehendes oder nur noch flimmerndes Herz nicht die Kraft
aufbringen, das Exzitans über den Umweg durch den Lungenkreislauf
in den linken Ventrikel und in den Koronarkreislauf zu bringen.
1112
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 34
WaS die Wahl des Medikamentes anlangt, so kommen vor
allein in Betracht: Adrenalin, die Hypophysenpräparate, Strophanthin,
Digalen, Digipurat, Koffein und Kampfer.
Das Adrenalin ist zweiefllos ein gerade bei der i. I. ausseror¬
dentlich schnell und intensiv wirkendes und durch seine verschieden¬
artigen Eigenschaften fast ideales Mittel für die Wiederbelebung des
Herzens. Während es nämlich einerseits auf die Muskelzellen der
inneren Herzwandschicht direkt erregend und im allgemeinen, be¬
sonders auf den Splanchnikus gefässkontrahierend wirkt, erweitert
es durch seine Sympathikuswirkung gleichzeitig die Koronargefässe.
Es wird also durch die vasomotorische Wirkung auf die Bauchgefässe
eine Umschaltung des angchäuften Blutes herbeigeführt (V o 1 k -
m a n ti) und andererseits doch wieder einer zu befürchtenden Ueber-
lastung des Herzens vorgebeugt dadurch, dass durch die Erweiterung
der Kranzgefässe eine intensive Durchblutung des Herzmuskels ge¬
währleistet und so eine kräftige Arbeitsleistung ermöglicht wird.
Dazu kommt, dass das Adrenalin geradezu antagonistische Wirkung
dem Chloroform gegenüber entfaltet. Es paralysiert die 6 fache
tödliche Chloroformdosis und ist, um das durch Chloroform gelähmte
Herz wieder in Gang zu bringen, deshalb ein besonders für den
Chirurgen ausserordentlich wertvolles Medikament.
Seinen Vorteilen stehen aber auch Nachteile gegenüber. Vor
Ueberdosierung und schneller Injektion muss dringend gewarnt wer¬
den. Es tritt sonst leicht Dauerkontraktion mit systolischem Herz¬
stillstand ein. Auch die von Baumann im Anschluss an eine In¬
jektion von Vk ccm Adrenalinlösung bei einem 6 Monate alten Kind
beobachteten starken epileptiformen Krämpfe sind zweifellos der
Ueberdosierung zur Last zu legen. Die Maximaldosis beträgt bei
Kindern Vs ccm, bei Erwachsenen 1 ccm der 1 prom. Adrenalinlösung
für die Einzeldosis. Ob man die Flüchtigkeit sezier Wirkung als einen
Nachteil ansehen soll, erscheint mir zweifelhaft. Wollen wir ja doch
durch das Verfahren das Herz nur über eine kurze Augenblicksgefahr
hinwegbringen; für die Aufrechterhaltung des erst einmal wieder in
Gang gebrachten Kreislaufs haben dann andere Massnahmen zu
sorgen. Bei ungenügender Wirkung der ersten intrakardialen
Adrenalininjektion gestattet gerade die Flüchtigkeit des Medikamentes
die Wiederholung seiner Anwendung. Die von Boruttau u. a.
angeführten Bedenken, dass das Adrenalin gerade das Herzflimmern
begünstigen solle, haben durch die praktischen Erfahrungen keine
Stütze erhalten. Für den Chirurgen, speziell beim Chloroform¬
tod, wird das Adrenalin das Mittel der Wahl bleiben.
Die Wirkung der Hypophysenpräparate ist der des
Adrenalins ganz ähnlich, anscheinend nicht ganz so intensiv, dafür
aber länger anhaltend und in Kombination mit Adrenalin besonders
machtvoll.
Das Strophanthin kommt als Mittel zur i. I. vor allem für
die Fälle von bis dahin unbehandelter Herzmuskelschwäche und De¬
kompensationszustände in Betracht und entfaltet hier (vgl. Fall Rue-
d i g e r) ganz ausgezeichnete Wirkung. Es erfüllt vor allem auch die
für solche Fälle notwendige Forderung nach einer länger anhaltenden
Wirkung des Medikamentes. Da Injektionen ins Myokard schwere
Gewebsschädigungen herbeiführen können, ist allerdings das Stro¬
phanthin nur streng intrakardial zu injizieren.
Der Erfolg der Digitalispräparate ist offenbar ein zu
langsamer, so dass sie für die Zwecke der i. I., wo es doch immer ge¬
rade auf eine momentane Wirkung ankommt, weniger geeignet er¬
scheinen. Von ihrer Kombination mit Adrenalin oder Koffein ist mög¬
licherweise ein grösserer Effekt zu erwarten. Auch mit Koffein allein
sind bei der i. I. anscheinend keine besonderen Resultate erzielt wor¬
den; gelegentlich sind nach seiner Verwendung Reizleitungs¬
störungen, Arhythmien und Flimmern, sowie auch gewebsschädigende
Wirkungen beobachtet worden. Doch müssen hier weitere Er¬
fahrungen noch gesammelt werden.
Der Kampfer wird von Boruttau in Form von kampfer¬
haltiger kalkfreier Salzlösung zur i. I. als geeignetstes Mittel beim
Sekundenherztod durch Kammerflimmern, vorwiegend beim primären
Aussetzen des Pulses in Narkose empfohlen. Während Borut-
t a u im Adrenalin und Koffein Mittel sieht, welche die heterotope
Reizbildung und damit das Flimmern geradezu begünstigen, soll der
Kampfer die Neigung zu dauerndem Flimmern herabsetzen oder ganz
beseitigen; eine Anschauung, die allerdings von H. E. Hering nicht
geteilt wird. Jedenfalls war in meinem Falle der Erfolg des Kampfers
ein ganz momentaner, ähnlich wie beim Adrenalin, und dabei ver¬
hältnismässig nachhaltig. Für Fälle mit ähnlicher Indikation erscheint
die i. I. von Kampfer jedenfalls durchaus empfehlenswert. Die In¬
jektion in den Herzmuskel ist wegen der Möglichkeit von Gewebs¬
schädigungen zu vermeiden. Difc Gefahr der Fettembolie möchte
ich nicht zu hoch veranschlagen, nachdem ich bei der Behandlung
von Pneumoniekranken mit intravenösen Kampferinjektionen in sehr
zahlreichen Fällen niemals nennenswerte Störungen beobachtet habe.
Bezüglich der Technik der i. I. muss man sich vor allem klar
machen, in welchen Herzabschnitt man überhaupt injizieren soll,
von den Velden hält es theoretisch für am zweckmässigsten, in
den rechten Vorhof resp. unmittelbar an den Sinus zu injizieren. Ver¬
suche mit Injektionen von der rechten Thoraxhälfte aus haben ihn
aber davon überzeugt, wie unsicher im Einzelfall die Lokalisation
dabei ist. Zudem zeigt die Praxis, dass bei der i. I. in den Ventrikel
bzw. die Muskulatur des Ventrikels ein durchaus genügender Erfolg
erzielt wird.
Die Frage, ob die Injektion intramuskulär oder int j
kardial ausgeführt werden soll, ist praktisch noch nicht sh;|
entschieden. Bei der Eile, mit welcher nach Lage der Dinge j(
Injektion gewöhnlich zur Ausführung gelaugt, wird es wohl oft >
Zufall abhängen, ob schliesslich die Injektion intramuskulär oder in
kardial erfolgt, und es wird, wie Hesse mit Recht hervorhebt, ,
die beabsichtigte Injektion in das Myokard des meist s
dilatierten und deshalb dünnen rechten Ventrikels namentlich ■
Anfänger durchaus nicht immer nach Wunsch gelingen. Trotz |
halte ich es für durchaus wünschenswert, dass man sich Gewiss
darüber zu verschaffen sucht, ob bei der Injektionn die Nadelst
sich in der Muskulatur oder in der Herzhöhle befindet. Das
dringen von Blut in die Spritze beim Aspirationsversuch gibt
dafür einen zuverlässigen Anhaltspunkt. Wichtig ist dies vor a
bei Verwendung solcher Medikamente (Strophanthin, vielleicht ;
Digitalispräparate und Kampfer), die lokale Gewebsschä
g u n g e n der Herzmuskulatur herbeiführen können und deshalb i
streng intrakardial injiziert werden dürfen.
Als Regel wird man wohl aufstellen dürfen, dass man bei st
stehendem Herzen intramuskulär, bei noch sch
gen dem Herzen intrakardial injizieren soll. Der 5
bezw. die Injektion in die Muskulatur wirkt nämlich an sich offei
schon kontraktionserregend, so dass durch die auf den Stich
gelöste Kontraktion eine intensive Verteilung des Medikamente
den Blut- und Lymphbahnen des Myokards erfolgt. Bei noch sc
•gendem Herz erscheint die Injektion in die Herzhöhle — namenl
in den linken Ventrikel — aussichtsreicher, weil von hier aus
Medikament schneller in den Koronarkreislauf gelangt. Werden gk
zeitig grössere Flüssigkeitsmengen verwendet — Adrenalin in K
Salzlösung, Kampfer in kalkfreier Salzlösung — , so wird durch
damit verbundene Dehnung der Ventrikelwand gleichzeitig ein 1
traktionsreiz ausgelöst. Es wird dann die intrakardiale
j e k t i o n zur i n t r a k a r d i a 1 e n I n f u s i o n, die bei ausgeblut
Kranken ganz besonders angezeigt sein wird.
Auch die Frage, ob man im Bereich des rechten oder
linken Ventrikels injizieren soll, ist noch umstritten. Während
alle Autoren den rechten Ventrikel wählen, halten Bau mann (ii
muskulär) und Hesse (intrakardial) die Injektion in den linken ’
trikel für erheblich aussichtsreicher. Theoretisch erscheint das
denken H e s s e s gerechtfertigt, dass nämlich bei Injektion in
Lumen des rechten Ventrikels ein stillstehendes oder nur noch
merndes Herz nicht mehr imstande sei, das Medikament über
Lungenkreislauf in den linken Ventrikel und den Koronarkreislau
bringen. Praktisch widerspricht dem allerdings die Tatsache,
die in der Literatur niedergelegten Erfolge der i. I. mit Ausna
der beiden B a u m a n n sehen Fälle alle vom rechten Ventrikel
erzielt worden sind. Weitere Beobachtungen müssen hier Klä
verschaffen.
Als Instrumentarium wähle man eine 2 ccm fassende!
kordspritze mit nicht zu dicker, etwa 6 — 10 cm langer Nadel. Diel
Nadeln sind zu vermeiden, weil sie durch Reizung des Herzbel
auf einem noch nicht sicher bekannten Reflexweg leicht Reizleltul
Störungen, ja sogar Herzstillstand herbeiführen können. Zur iij
kardialen Infusion muss entsprechend der zu injizierenden grössl
Flüssigkeitsmenge eine wesentlich grössere Spritze verwel
werden.
Bei der Wahl der Injektions stelle ist vor allem anl
Möglichkeit von Nebenverletzungen zu denken. Zu vermeiden i
die Arteria mammaria interna, die Pleura und die sog. Gefahrzl
des Herzens, nach Hen sehen: die Scheidewand der Vorhöfel
der Ventrikel, die Zone des H i s - T a w a r a sehen Bündels, I
Spangoro sehe Punkt — oberer Drittelpunkt der vorderen Läfl
furche — , die Basis des Herzohres nahe dem Mündungsgebiet«
beiden Hohlvenen — Gegend des sinoaurikulären Systems — unJ
hintere Hälfte der atrioventrikulären Grenzzone. Die Verletl
dieser Punkte kann einen irreparablen Herzstillstand herbeiführJ
Um die Mammaria interna, die etwa VA cm vom Brustbein!
entfernt läuft, zu umgehen, ist der geeignetste Ort für diiti
jektion in den rechten Ventrikel der 4. linke Interkostalrg
dicht am Sternalrand — oberer Rand der 5. Rippe, ln Bet™
kommt ausserdem die entsprechende Stelle im 3. oder 5. IKR.. I<
ein Punkt 2 Querfinger breit seitlich vom linken BrustbeiniJj
ausserhalb der Mammaria interna, doch besteht hier die Gefahrfl
Verletzung der Art. coronaria sinistra. Das Auftreffen der Nadelsd
auf den Herzmuskel — in etwa 4 Vs — 5 cm Tiefe — macht sic iS
einem deutlichen Widerstand bemerkbar, der bei weiterem I
dringen in die Herzhöhle nachlässt. Zur Vermeidung von Sepl
Verletzungen gibt man der Nadelspitze spätestens vom Auftri
auf den Herzmuskel an eine leicht medial gerichtete Neigung; jl
tiefes pinstechen ist wegen der hinteren Gefahrzonen zu vermejs
Der Eintritt in die Ventrikelhöhle gibt sich am Eindringen von Ii
in die Spritze — spontan oder nach Ansaugen — zu erkennen. !t
die Verletzung der Pleura wird durch die Injektion dicht am Ste 3
rand am sichersten vermieden. Wird gleichzeitig zu Wiederil'
bungszwecken künstliche Atmung ausgeführt, so ist wegen der ft I
lichkeit der Lungen- und Pleuraverletzung — vgl. Fall Esc-
streng darauf zu achten, dass die Injektion in ExspiratioS
Stellung erfolgt. Leichenversuche von S c u b i n s k i u. a. ze ■
dass bei Befolgung dieser Technik die Nadelspitze sich stets im D>
raum des rechten Ventrikels befand, dass nur die vordere Kam-:
H. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1113
wand durchstochen und dass Septum. Papillarniuskcln, Klappen und
iefässe unverletzt waren.
Als Ort für die Injektion in den linken Ventrikel gibt Han¬
na n n bei normalen Verhältnissen am Erwachsenen an: oberer Rand
!er 5. Rippe, ca. 5 '/< cm vom linken Sternalrand entfernt; bei Kin-
lern, bei Dilatation oder Hypertrophie des Herzens soll man sich den
, eiänderten Verhältnissen anpassen. Hesse wählt die Stelle des
5pitzenstosses oder einen Punkt einen Querfinger innerhalb davon,
lei unbekannter Lage des Spitzenstosses führt er den Einstich der
Nadel an der linken Grenze der relativen Herzdämpfung oder 1 Ouer-
inger innerhalb derselben im 4. oder 5. 1KR. oder, bei stark dilatier-
em Herzen, auch im 6. IKR. unter Führung der Kanülenspitze nach
nnen und oben aus und gelangt bei dieser Technik stets in den Hohl-
raum des linken Ventrikels.
Bei richtiger Technik und zweckmässiger Wahl des Medikamen¬
tes ist die i. I. als frei von Schädigungen und üblen Zufällen anzu-
<ehen. von den Velden fand post mortein mehrfach kleine Blut-
mstritte in das perikardiale und Myokardgewebe, in anderen Fällen
waren die Spuren der Injektion gar nicht aufzufinden. Verletzungen
oder Blutungen am Endokard konnte er überhaupt nicht feststellen.
Auch andere Untersucher fanden ausser gelegentlichen subepikar-
lialen, seltener endokardialen kleinen Blutungen keinerlei Spuren der
Injektion mehr.
Schliesslich müssen wir uns dessen bewusst sein, dass die i. 1.
izwar einen ausserordentlich intensiven, aber doch nur ganz kurz
.lauernden Reiz für das Herz darstellt. Der durch die i. I. erst einmal
wieder in Ciang gebrachte Kreislauf muss natürlich mit allen Mit¬
teln lang anhaltender Wirkung aufrecht erhalten wer¬
den — intravenöser Injektion von Kochsalz, Herzexzitantien, ev. Blut¬
transfusionen. Bei starker Ueberlastung des rechten Herzens ist
u. U. der i. I. eine Entlastungspunktion des rechten
Vorhofes oder des rechten Ventrikels vorauszuschik-
ken. Der Eingriff wird als zentraler Aderlass das rechte
Herz beispielsweise bei der Pneumonie ganz besonders wirksam ent¬
lasten können. Ein nicht mehr überdehnter Herzmuskel wird auf die
dann nachfolgende intrakardiale Injektion sicher auch besser an¬
sprechen.
Um eine ausgiebigere Wirkung des Medikamentes zu erzielen,
kann man dasselbe in einer grösseren Flüssigkeitsmenge gelöst in-
izieren — Strophanthin in 15 — 25 ccm NaCl- oder Ringerlösung — oder
kalkfreie kampferhaltige Salzlösung. Es wird dann eine gleichmäs-
sigerc Vermischung des Mittels mit dem Ventrikelblut Zustande¬
kommen und auf diese Weise das Medikament in grösseren Mengen
in den Koronarkreislauf gelangen. Zudem ist zu bedenken, dass der
mit der Dehnung des Ventrikels verbundene Reiz selbst kontraktions-
auslösend wirkt. Selbstverständlich darf diese Herzinfusion
nicht in einen an sich schon überdehnten rechten Ventrikel erfolgen;
sie erscheint vielmehr nach einer vorgenommenen Ent¬
lastungspunktion des rechten Ventrikels vom lin¬
ken Ventrikel aus besonders aussichtsreich.
Niemals darf die intrakardiale Therapie den Tummelplatz für die
Polypragmasie abgeben. Lediglich der Umstand, dass ein Verfahren
technisch ausführbar ist, gibt noch lange keine Berechtigung für seine
praktische Anwendung am Krankenbett ab. Nur bei sorgfältigster
Auswahl der Fälle und gewissenhaftester Indikationsstellung wird die
intrakardiale Therapie überhaupt angewendet werden dürfen. Dann
aber wird sie auch ausserordentlich segensreich wirken, dann wird
namentlich auch vom weiteren Ausbau der Methode (Entlastungs¬
punktion des rechten Herzens, Herzinfusion) noch mancher thera¬
peutische Erfolg zu erwarten sein.
Nachtrag: In einem während der Niederschrift dieser Arbeit
erschienenen Artikel empfiehlt Tornai (M.K1. 1923, 23, 792) d i e
i n t r a a o r t a 1 e Injektion als ein der intrakardialen Injektion
überlegenes Verfahren. Ich habe aus seiner Schilderung allerdings
nicht den Eindruck gewonnen, dass die Methode, wie T. schreibt,
einfacher, sicherer und schonungsvoller sei als die intrakardiale In¬
jektion. Im Gegenteil die Technik erscheint mir entschieden umständ¬
licher und mehr mit der Gefahr von Nebenverletzungen verbunden.
Einfacher, sicherer und vor allem schneller lässt sich wohl
kaum eine Injektion ausführen als die in den breit der vorderen Brust¬
wand anliegenden rechten Ventrikel nach der oben angegebenen
Technik. Dazu kommt, dass bei einem nicht mehr schlagen-
den Herzen die Injektion in den Kreislaufmotor selbst, wie ja
auch die praktischen Erfahrungen zeigen, vielfach diesen wieder in
Gang bringen kann. Dass dies auch von der Aorta aus möglich sein
soll, erscheint mir doch recht zweifelhaft.
Literatur.
Ihumann: Schweiz, med. Wschr. 1923. 8. — Blau: D.m.W. 1921. 30.
— Boruttau: D.m.W. 1918, 31. — Doerner: M.K1. 1917. 2-1. —
Esch: M.in.W. 1916. 22. — F r e n z e 1 : M.m.W. 1921, 24. — G u t h in a n n:
M.m.W. 1921. 24. — H c n sehen: Schweiz, med. Wschr. 1920, 14. —
Hering: M.m.W. 1916, 15. — Hesse: M.m.W. 1919. 21. — Opitz-
Heydloff: zit. nach Frenzei und Blau. — L. Rchn: zit. nach
Henschen. — Rüdiger: M.m.W. 1916, 4. — Scubinski: M.m.W.
1915. 50. — v. Tappeiner: zit. nach Frenzei. — von den Velden:
M.m.W. 1919, 10. — Vogeler: D.m.W. 1920, 27. — Vogt: M.in.W.
1921, 24. — V o 1 k tn a n n: M.K1. 1917, 52 u. D.m.W. 1919, 35. — W a 1 k c r:
B.kl.W. 1921, 9. — Z e 1 1 e r: D.m.W. 1917, 20. — Z u n t z: M.m.W. 1919. 21.
Aus der Medizinischen Universitätsklinik Frankfurt a. M.
(Direktor: Prof. G. v. Bergmann.)
Duodenalsondierung zur Typhus- und Paratyphus¬
diagnostik.
Von Privatdozent Dr. Karl WestphaL
Zahlreiche Untersuchungen am Leichenmaterial von Qri-
galski [1], Jürgens |2|, Förster [3] u. A. zeigten uns schon
seit langem das häufige Vorkommen von hämatogen durch die
Leber ausgeschiedenen Typlnisbazillen in der Galle und in den
oberen Darmteilen, oft im Gegensatz zu einem selteneren Befand in
den unteren Darmpartien. C h i a r i [4l wies auf die wesentliche
Bedeutung der auf diesem Wege hervorgerufenen Infektionen der
Gallenblase für die Entstehung mancher Gallensteine und Gallen-'
blasenentzündungen hin. Als Erster tand in der vom lebenden Ty¬
phuskranken gewonnenen Galle Weber [5] durch Anwendung des
V o 1 h a r d sehen Oelprobefriihstücks die pathogenen Keime. We¬
sentlich vereinfacht wurde das Verfahren des Nachweises des
Krankheitserregers in der Galle bei Typhusrekonvaleszenten und
bei Typhus- und Paratyphusbazillen-Dauerausscheidern von Stepp
durch Benutzung der Einhorn sehen Duodenalsonde und des
W i 1 1 e - Peptonreflexes zur Auslösung von Entleerungskontrak¬
tionen der Gallenblase. Bei einer ganzen Anzahl von Kranken im
Genesungsstadium gelang ihm |6] dieser Nachweis, ebenso Retz-
1 a f f 1 7], B o s s e r t und Leichtentritt [8] und in einem beson¬
ders ausgedehntem Maassc Küster und Holtum 1 9],
Dass dieses Verfahren der Duodenalsondierung in zweifelhaften,
klinisch, bakteriologisch und serologisch nicht genügend geklärten
Fällen von Typhus und Paratyphuserkrankungen bisweilen zur exak¬
ten und schnelleren Stellung der Diagnose verhelfen kann, finde ich
in der mir vorliegenden Literatur nicht genügend betont, und wegen
seiner praktischen Bedeutung sei daher eine kurze Empfehlung an
der Hand einiger ihren Nutzen erweisenden Krankengeschichten ge¬
stattet.
Frau Christine F„ 48 Jahre alt, Arbeitersfrau, ist früher nie ernstlich
krank gewesen. Am 16. XII. 1922 starb die einzige Tochter in der Klinik
an einem sehr schwer akut verlaufenden Typhus abdominalis. 8 Tage nach
dem Tode der Tochter, am 22. XII. erkrankt die Mutter mit einer sehr schwe¬
ren, 5 Tage anhaltenden Gebärmutterblutung. Seitdem fühlt sie sich sehr
matt, arbeitet aber trotzdem weiter bis zum 3. I. 23, hat seitdem etwas Fieber,
bis 37,6 0 ist gemessen worden, fühlt sich auch leicht benommen und wird
schliesslich am 11. I. in die Klinik eingewiesen.
Der Untersuchungsbefund ergibt eine mittelgrosse, etwas fette Frau mit
einer geringen Zyanose, einer gewissen Benommenheit, grosser Mattigkeit,
einem nur massig gefüllten Pulse von 110 — 130 in der Minute, bei einer Tem¬
peratur von 38". Brustorgane o. B. Am Abdomen Meteorismus, keine Ro¬
seolen, angedeutetes Ileozoekalgurren, deutlich fühlbare Milzvergrösserung,
keine Druckempfindlichkeit in der Gallenblasengegend. Stuhlgang 1 — 2 mal
täglich, nur wenige Male diarrhoisch. Die Diazoreaktion ist positiv, die Blut¬
untersuchung zeigt eine Leukopenie von 3500 und Aneosinophilie.
Die Temperatur schwankt in steilen amphibolischen Kurven täglich zwi¬
schen 36,5, 38,5 bis 39°, um nach 8 Tagen ein wenig abzusinken. Der Puls
war stets von entsprechender Beschleunigung, nie relative Bradykardie. Die
Annahme eines Typhus abdominalis im Stadium decrementi schien daher nur
bis zu einem gewissen Grade berechtigt, vor allem da auch das Ergebnis
der bakteriologischen Untersuchung die Diagnose nicht zur Genüge sicherte:
die G r u b e r - W i d a 1 sehe Reaktion war nur bis zu 1:50 deutlich positiv,
bis 1: 100 angedeutet positiv bei zweimaliger Untersuchung im Hygienischen
Institut der Universität und im Bakteriologischen Laboratorium der Klinik
(Dr. Cahn-Bronner). Ebenso misslang der Nachweis von Typhus-
bazilen aus dem Blut sowohl in Galle wie in Bouillon trotz zweimaliger
Untersuchung; auch im Stuhlgang und Urin wurde bei verschiedenen Unter¬
suchungen nichts gefunden. Die am 17. I. vorgenommene Duodenalsondierung
klärte das Bild: in der so gewonnenen Galle konnten im Hygienischen Institut
Typhusbazillen nachgewiesen werden.
Frau Babette O., 38 Jahre alt. Am 20. IX. 22 eingeliefert in die Klinik
wegen einer fieberhaften Erkrankung, die bereits seit dem 4. IX. besteht.
Leichte Schmerzen in der Gallenblasengegend waren bereits im Jahre 1918
vorhanden, auch jetzt bestehen sie wieder. Die sehr fette Frau ist ein wenig
benommen, ihre rechte Oberbauchgegend ist etwas druckempfindlich: hohes
Fieber in einer Kontinua zwischen 38,8 und 39,5°, Leukopenie von 5000 mit
Aneosinophilie, positiver Diazo sprechen für einen Typhus abdominalis, die
dauernde Pulsbeschleunigung von 120 bis 130 etwas dagegen, eine Milz¬
vergrösserung lässt sich bei den meteoristisch aufgetriebenen, fettreichen
Bauchdecken nicht mit Sicherheit feststellen, Roseolen fehlen. Die druck¬
empfindliche Gallenblasengegend und ausgesprochene Urobilinurie lassen
auch an eine Cholezystitis denken. Die übliche bakteriologisch-serologische
Untersuchung bringt diagnostisch nicht weiter: Typhus- oder Paratyphus¬
bazillen sind bei der Untersuchung des Blutes am 24. und 28. IX. in Galle-
und Bouillonkultur nicht nachweisbar, auch im Stuhlgang und Urin nicht
am 27. IX., die Agglutination zeigt nur bis 1:50 einen deutlich positiven, bis
zu 1:100 einen angedeutet positiven Ausfall für Typhusbazillen. Die Ent¬
scheidung erfolgt erst durch die Duodenalsondierung, in der so gewonnenen
Galle wurden am 30. IX. durch das Hygienische Institut Typhusbazillen nach¬
gewiesen. Am 2. X. fanden sie sich auch im Stuhlgang.
Der weitere Verlauf der Krankheit mit einem perforierenden Typhus¬
geschwür in einem Rezidiv nach Abklingen der ersten Erkrankung bot infolge
des durch die Peritomtis herbeigeführten Todes Gelegenheit, die Gallenblase
und ihren Inhalt genauer zu untersuchen. In der chronisch entzündeten, stark
geschrumpften, mit ihrer Umgebung breit verwachsenen Gallenblase war ein
Cholesterin-Bilirubin-Kalkstein, aber weder in dem Stein, noch in dem
schleimig-serösen Inhalt der Gallenblase fanden sich Typhusbazillen. Die
Ausscheidung derselben erfogte also hier wahrscheinlich, da auch ein posi¬
tiver Witte-Peptonreflex nicht auslösbar war, ohne Benutzung der ge-
3
Nr. 34/35.
1114
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. .14 3.
schrumpften Gallenblase direkt von der Leber durch den Ductus choledochus
in das Duodenum.
Frieda G„ 17 jähr. Schneiderin. Aufgenommen 18. IX. 22. Seit 14 Tagen
fieberhaft erkrankt. Graziles Mädchen mit ganz klarem Sensoriuin. Am
Rumpf zahlreiche Roseolen. Zunge typhusverdächtig, Milz deutlich ver-
grössert, lleozoekalgurren. Täglich I — 2 dickbreiige Darmentleerungen. Tem¬
peratur zwischen 37 und 39,5“ täglich schwankend, allmählich absinkend im
Verlaufe der nächsten 10 Tage. Puls entsprechend der Temperatur zwischen
90 und 140. Es besteht Leukopenie von 4600 und Aneosinophilie. Die stets
negative Diazoreaktion, die Gruber-Widalsche Reaktion mit einer nur sehr
schwachen Agglutination auf Typhusbazillen und Paratyphus-B-Bazillen 1 : 50,
bei der zweiten Untersuchung Typhusagglutination negativ, Paratyphus-B-
Bazillen 1 : 50 positiv, 1 : 100 schwach positiv, ein völlig negativer Befund
von Bazillen im Blut und im Stuhlgang und Urin bei zweimal wiederholter
Untersuchung passen nicht zu dem angenommenen Typhusverdacht. Erst
die Duodenalsondkrung am 30. IV. gestattete in der so gewonnenen Galle
den Nachweis von Paratyphus-B-Bazillen (Hygienisches Institut). Spätere
Untersuchung von Blut, Stuhlgang und auch der Galle verliefen negativ, Ver¬
schiebung des Agglutinationstiters fand auch nicht mehr statt. Die bakterio¬
logische Sicherung und damit die Stellung der Diagnose auf Paratyphus B
war also nur durch die Duodenalsondierung möglich.
Aennlich ein zweiter Paratyphusfall: Frau Helene L., 37 Jahre alt, er¬
krankte vor ca. 4 Wochen mit Fieber, Schüttelfrost, Husten, Leibschmerzen
und Durchfall. Der Husten bestand nur zu Anfang der Erkrankung, kurz
nach dem Erkrankungsbeginn delirierte die Kianke stark. Von Anfang an
bestehen Durchfälle, in den letzten Tagen dreimal täglich dünnbreiige, gelb¬
liche Darmentleerung. Vom behandelnden Arzt wird die Kranke wegen
Paratyphusverdacht eingeliefert. Auf der Brust der Kranken sind einige
Stellen auf abgeblasste Roseolen verdächtige Stellen vorhanden. An der
Lunge sind einige trockene Rasselgeräusche hörbar. Im übrigen war der
klinische Befund ein minimaler, es bestand kein Fieber, keine Milzver-
grösserung, normaler Stuhlgang, ein normales Blutbild, ein negativer Diazo.
Eine mehrmalige Untersuchung des Blutes, des Stuhlganges und des Urins auf
Typhus- und Paratyphusbazillen verlief negativ, der Widal war für Typhus
bis 1 : 50 positiv und 1 : 100 schwach positiv, für Paratyphus B bis 1 : 50
stark positiv, 1 : 100 bis zu 200 schwach positiv. Da eine solche Aggluti¬
nation nicht beweisend angesehen werden kann für Paratyphus B, so wurde
eine Duodenalsondierung versucht; diese wies Paratyphus-B-Bazillen nach; die
überstandene Krankheit muss also ein Paratyphus B gewesen sein.
Die mitgeteilten 4 Krankengeschichten zeigen, wie bei zweifelhaften,
durch Gruber-Widalsche Reaktion und den Versuch des Bakterien¬
nachweises aus Blut, Stuhlgang und Urin nicht zu klärenden Fällen
die durch Duodenalsondierung gewonnene Galle infolge ihres reich¬
licheren Bazillengehaltes vielleicht infolge der günstigeren Existenz¬
bedingung in der Gallenblase und den Gallenwegen für die Bazillen
die Diagnose Typhus oder Paratyphus sichern kann, auch in einem
frühen, noch nicht der Rekonvaleszenz ungehörigen Stadium der
Erkrankung. Die Duodenalsondierung ist, bei Anwendung der von
Holzknecht und L i p p m a n n [10] angegebenen Methodik, so
schonend, dass man sie auch Schwerkranken, Hochfiebernden und
leicht Benommenen ohne Bedenken zumuten kann; beim Schlucken
der Sonde genügt ein kurzes Aufrichten im Bett, unter Verabrei¬
chung von einem Schluck Wasser gleitet sie dann, leicht von der
Hand nachgeschoben, in den Magen; der weitere Transport ins
Duodenum wird durch Unterschiebung von Kissen unter das Gesäss
und die linke Rumpfseite gefördert. Die theoretisch sehr interessante
Frage über den Zeitpunkt des ersten Auftretens von Typhusbazillen
in der Gallenblase konnten wir infolge Mangels geeigneten Materials
nicht weiter angeben.
Die Duodenalsondierung förderte bei unserem Material durch¬
aus nicht immer bei klinisch und bakteriologisch einwandfreien Ty¬
phusfällen die Krankheitserreger ans Tageslicht. Wir erlebten hier
eine ganze Reihe von solchen Kranken, wo trotz zwei- bis drei¬
maliger Sondierung in der so gewonnenen Galle keine Typnus-
erreger nachweisbar waren. Auch in einem Fall, wo im Stuhlgang
3 mal ein positiver Bakterienbefund sich erheben liess, war eine
3 malige Duodenalsondierung ohne Erfolg. Also, wenn auch unser
Material nicht gross genug ist, um über das Verhältnis von positiven
Duodenaluntersuchungsbefunden zu sonstigem Erregernachweis Stel¬
lung zu nehmen, so muss doch gerade wegen der hier gegebenen
Empfehlung des Verfahrens der direkten Gallenentnahme zur Dia¬
gnostik typhöser Erkrankungen auch auf die schon von früheren
Autoren (Retzlaff) betonte Möglichkeit des Versagens dieses j
Nachweises hingewiesen werden. Dass das Verfahren aber in man¬
chen zweifelhaften Fällen von grossem Nutzen sein kann, vor allem
bei atypischen Typhus- und Paratyphuserkrankungen, zeigen die
hier mitgeteilten Krankengeschichten *).
Literatur.
1. Drigalski: Zbl. f. Bakt. 1904, 35. — 2. Jürgens: Zschr. f.
klin. Med. 1904, 42. — 3. Förster: M.m.W. 1908 Nr. 1. — 4. Chiari:
Verhandl. d. pathol. Ges. 1907. — 5. Weber: M.m.W. 1908 Nr. 47. —
6. Stepp: M.m.W. 1915 Nr. 49 und 1918 Nr. 22. — 7. Retzlaff: Med.
Klin. 1917 Nr. 7. — 8. Bossert und Leichtentritt: D.m.W. 1908
N. 47. ■ — • 9. Küster und Holtum: Beitr. z. Klinik d. Inf.-Krankh. u. d.
Immunitätsforschung 1918, 6, S. 233. — 10. Holzknecht und L i p p -
mann: M.m.W. 1914 Nr. 39.
*) Auch für einen Versuch der Therapie der Typhusbazillendaueraus¬
scheider empfiehlt sich vielleicht die häufige Duodenalsondierung unter An¬
wendung des Wittepepton- oder Magnesiumreflexes, um so durch wieder¬
holte energische Entleerungen der Gallenwege und besonders der Blase das
Reservoir der Bazillen auszuspülen.
Behandlung der Epilepsie durch Sympathektomie.
Von Prof. Dr. E. Förster, Berlin.
Seit ich im Februar 1922 eine durch die L e r i c h e sehe Operatio
von ihrer Sklerodermie geheilte Kranke in der Berl. med. Ges. voi
stellte, wurde auch in Deutschland die Aufmerksamkeit auf dies
Therapie gelenkt und der günstige Einfluss dieser Operation durc
viele Fälle bewiesen. Die Erfolge der Sympathektomie bei den vast
motorischen Störungen legen es nahe, die Frage nachzuprüfen, o
diese Behandlungsmethode nicht zur Beseitigung epileptischer Ai
fälle wieder aufgegriffen werden muss.
Es ist zweifellos, dass vasomotorische Einflüsse imstande sin
epileptische Anfälle auszulösen. Ich denke hier nicht nur an die Fäll
von sog. Affektepilepsie, sondern auch an die gar nicht seltenen Fäll
von genuiner Epilepsie, bei der durch Schreck (Anspringen eine
grossen Hundes etc.) die ersten epileptischen Anfälle ausgelöst wui
den. Es liegt nahe, anzunehmen, dass der Reiz, der durch die plöt?
liehe Kontraktion der Blutgefässe (infolge des Schrecks) ausgeüt
wird, genügt, die epileptischen Anfälle auszulösen. Auch die gelegen!
lieh beobachtete Abhängigkeit der Anfälle von der Menstruation läss
einen Zusammenhang mit vasomotorisch bedingten Reizen vermute:
In dieser Beziehung sind nun zwei Publikationen der letzten Zeit bt
sonders beachtenswert. Die erste ist die von Brüning1). Hier Schilde:
Verf. eine Kranke, bei der seit 1911 Anfälle von Herzklopfen. Schmerzen 1
der Herzgegend, Angstgefühl am Herzen aufgetreten waren und bei der se
1920 diese Anfälle so zugenommen hatten, dass die Kranke 1922 wegen Her;
schmerzen einen Suizidversuch durch Erhängen am Bett machte. Am 16. I. 2
exstirpierte Brüning den linken Grenzstrang vom unteren Pol des obere
Halsganglion einschliesslich bis zum oberen Brustganglion (Ganglion stellatui
einschliesslich). Seither kein Anfall mehr, Schmerzen völlig geschwunden.
Die zweite Arbeit ist die von A. W e s t p h a 1 2).
Im Vergleich mit dieser, von Brüning operierten Kranken, gewinne
die drei hier von A. Wes-tphal beschriebenen Kranken ganz besondere
Interesse.
Es handelt sich beim ersten Fall um eine 44 jährige Frau ohne epilc;
tische Antezedentien, bei der im 30. Lebensjahr eine Totalexstirpation de
Uterus und der Ovarien vorgenommen worden war. Im Anschluss an di
Operation traten zugleich mit dem Zessieren der Menses gehäufte epileptisch
Anfälle auf, 25 — 35 in der Woche, die noch bis heute fortdauern. Nach cinei
epileptischen Anfall vor einigen Jahren Gefühle von Schwäche und Steifigke
im linken Arm und Bein, welche sich allmählich zu einer Lähmung steigertei
Die objektive Untersuchung ergab ausser Intelligenzdefekt und Merkfähig
keitsstörungen sowie gesteigerter Reizbarkeit spastische linksseitige Hem
parese mit Babinski. Kein Herz- oder Nierenleiden, kein erhöhter Blutdrucl
Die zweite, 63 Jahre alte Kranke war vor 20 Jahren kastriert wprdci
Seit dieser Zeit, zugleich mit dem Aufhören der Menses in regelmässigen 3 iähi
Intervallen stark erregt mit nachfolgender Depression. Zunehmende Fet
leibigkeit. Klage über Kopfschmerzen, Blutwallungen, Schwindelgefühl, ge
drückte Stimmung, Abnahme der Leistungsfähigkeit. Obj.: F'ettpolster übet
massig entwickelt. Vasomotorische Uebererregbarkeit. Beiderseits Babinsl
und Gordon konstant nachweisbar. Blutdruck 110mm Hg (Riva-Rocci
Es werden Schwindelanfälle beobachtet mit vorübergehender Arhythmie un
Beschleunigung der Herzaktion.
Die dritte, 40 jähr. Kranke, machte im 20. Lebensjahr eine Exstirpatio
der Schilddrüse durch. Im Anschluss an die Operation Auftreten gehäufte
epileptischer Anfälle, die allmählich seltener wurden, um mit dem Eintrete
der ersten Schwangerschaft für die Dauer derselben ganz zu verschwindet
Auch in den folgenden 7 Schwangerschaften regelmässig Aussetzen der ep
leptischen Anfälle, die stets mit dem ersten Wiederauftreten der Mense
erneut in Erscheinung traten und sich in unregelmässigen Intervallen wieder
holten. Anfälle stets epileptischen Charakters, niemals Tetanieanfälle. Ma
1920 (37. Lebensjahr der Kranken) erster Schlaganfall mit rechtsseitiger Läh
mung und Verlust der Sprache, die allmählich wiederkehrte. Januar 192
zweiter Schlaganfall mit tagelang andauerndem Bewusstseinsverlust. 1
einem Krankenhaus trepaniert, kein Bluterguss gefunden. Probeexzidiert«
Gehirnstückchen normal. Epileptische Anfälle und Lähmung blieben unver
ändert. Obj.: Häufige schwere epileptische Anfälle. Niemals spontan auf
tretende Tetaniefälle. Trousseau und Fazialisphänomen +. Rechts Cata
racta polaris post. Rechtsseitige Hemiplegie mit Resten motorischer Aphasie
Blutdruck 115 mm Hg (Riva-Rocci).
W e s t p h a 1 weist nun darauf hin, dass die Entfernung der endo
krinen Drüsen auch das Auftreten der neurologischen Symptome beding
habe. Besonders bemerkenswert sei das Auftreten von Pyramidenbaiin
Symptomen — in leichteren Fällen nur das Babinski sehe Zeichen, ’it
schweren dauernde Lähmungen. Er weist darauf hin, dass für das Auftrete»
epileptiformer Anfälle die Toxinwirkung infolge der Schädigung endokrine!
Drüsen in Frage komme. Diese Toxinwirkung biete vielleicht auch die Er]
Klärung für die Schädigung der Pyramidenbahn, vielleicht auf dem Weg]
eines durch die Giftwirkung geschädigten Gefässsystems. Schon Möbiu !
habe auf das Vorkommen hemiplegischer Symptome bei Basedow auftnerksanj
gemacht und Kämmerer und L o r b e r hätten mit Recht die Bedeutuml
des Zwisqjicnhirns für das Zustandekommen der betreffenden Symptomen-I
komplexe hervorgehoben Für die schweren, apoplektiform auftretenden Läh]
rnungen nimmt W e s t p h a 1 Blutungen in die Gehirnsubstanz aus durclj
Toxinwirkung geschädigten üefässen (er stützt sich hierbei auf Arbeiter!
Z o n d e k s) an, während er für die leichten einen Druck auf die Hirn
Schenkel oder toxische Einwirkungen nicht ausschliessen will.
Es scheint mir, dass die W e s t p h a 1 sehen Fälle die Bedeutuns
der endokrinen Schädigung für das Zustandekommen des nervöser
Symptomenkoniplexes zweifellos ergeben. Würdigen wir mm der
l) Brüning: Die operative Behandlung der Angina pectoris durcl
Exstirpation des Halsbrustsympathikus und Bemerkungen über die operativ«
Behandlung der abnormen Blutdrucksteigerung. Klin. Wschr. 2. Jahrg., S. 777
■’) A. Westphal: Organische Erkrankungen des Zentralnerven¬
systems und ihre Beziehungen zu vorausgegangener operativer Entfernung
endokriner Drüsen. Klin. Wschr. 2. Jahrg. S. 1008.
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habe ich Interesse und bitte ohne jede Verbindlichkeit für mich
um Übersendung der Druckschrift XII 32 nebst Kostenanschlag,
Vertreterbesuch ist erwünscht*)
Name
Wohnort Straße
*) Nichtzutreffendes bitte durch streichen! Deutlich schreiben!
31. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1115
Einfluss der von endokrinen Drüsen abgesonderten Produkte auf die
Qefässinnervation und gleichzeitig die Wirkung, die eine patho- ,
logische üefässinnervation auf das Nervensystem ausübt, so scheint !
mir ein Verständnis des Mechanismus dieser Störungen gegeben. [
Infolge der Schädigung von endokrinen Drüsen kommt es (wahr¬
scheinlich auf dem Wege über das Zwischenhirn) zu einer patho¬
logischen Reizung des Sympathikus und dadurch zu einer patho- |
ogischen Innervation (Spasmen) der Blutgefässe. Infolge von Spas-
nen in den das Nervensystem versorgenden Blutgefässen kommt es
zu mangelnder Blutversorgung bestimmter Gebiete und dadurch zu
Ausfallserscheinungen, die, wenn die Störung der Blutversorgung zu
ange anhält, eine dauernde wird. Es ist also ein ähnlicher Vorgang,
.vie wir ihn bei Migräneanfällen (Migrene ophthalmique) nicht selten
beobachten. Diese Störungen der Innervation üben auch einen Reiz
aus, der bei einer gewissen „Krampfbereitschaft“ genügt, einen
epileptischen Anfall auszulösen.
Zweifellos besteht die Ansicht Westphals, dass die in der
Schwangerschaft auftretenden, nach der Entbindung wieder ver¬
schwindenden, mitunter von hemiparetischen Erscheinungen begleite¬
ten Anfälle kortikaler und „genuiner“ Epilepsie auf durch Störung
nnersekretorischer Sekretion hervorgerufener Toxinwirkung beruht,
zu Recht, und es ist wohl kaum mehr zu bezweifeln, dass es in der
Schwangerschaft besonders leicht zu innersekretorischen Gleich¬
gewichtsstörungen kommt. Diese bewirken dann wieder eine Störung
i der Gefässinnervation und die durch diese hervorgerufenen Schädi-
Uungen.
Ich möchte kurz einen hierhergehörigen Fall schildern:
Frau B., geb. 1898. Aufgenommen in die Nervenklinik der Charitee am
?Ü. IV. 21 entl. 9. VII. 21. War früher nie wesentlich krank. Sie hat 1 Kind,
|l Jahr alt, gesund. Januar 1921 einmal einen Ohnmachtsanfall. In der
»'origen Schwangerschaft auch einmall ein Ohnmachtsanfall.
Kranke ist jetzt im 7. Monat schwanger. Täglich bis 2 mal Erbrechen.
Am 23. IV. kein Appetit, fühlte sich matt. 24. IV. gegen morgen sehr starkes
Erbrochen. Nach dem Erbrechen, als sie sich das Hemd anziehen wollte,
bemerkte sie, dass sie den 1. Arm nicht bewegen konnte, er war fest gegen
iie Brust gepresst. Als sie sich nachts auf die andere Seite legen wollte,
bemerkte sie, dass das linke Bein auch gelähmt war Wann die Lähmung
.■intrat, weiss sie nicht. Das Bein, das ganz gelähmt war, könne sie jetzt
:twas besser bewegen, der 1. Arm sei noch ganz gelähmt. Seit Bestehen der
-ähmung habe sie starke Kopfschmerzen. Die Schmerzen hören auf, wrn
de längere Zeit Umschläge macht. Wenn sie Kopfschmerzen habe, werde es
hr schwer die Worte zu finden, sie müsse sich erst lange überlegen, was sie
intworten solle; aussprechen könne sie die Worte gut. Schwindelanfälle
labe sie nie gehabt, doch habe sie am Tage des Anfalls einmal ihre Schwä-
ierin nicht erkannt; sie sei da wohl nicht ganz klar gewesen, und habe
hre Schwägerin mit der Nachbarin verwechselt.
Obj. : Typische schwere linksseitige Hemiplegie vom Pyramidenbahn-
ypus. Babinski positiv. Keine Temperaturstörung.
Bei der Lumbalpunktion am 30. IV. entleert sich zitronengelbe klare
'lüssigkeit unter normalem Druck.
Die Qlobulinreaktion ergab Opaleszenz. WaR. 0,2 — 0,8 negativ. Die
nikroskopische Untersuchung sehr starke Leukozytose, daneben
mch einzelne Lymphozyten.
Die Lumbalpunktion wurde am 4. V. wiederholt. Es entleert sich wieder
dare gelbe Flüssigkeit. Sie wurde zur Untersuchung in das Robert-Koch-
nstitut gesandt. Mikroskopisch und bakteriologisch negativ.
Kranke ist bis zum 5. VI. leicht dösig und schwer besinnlich, dann wird
de klar und munter. Allmähliche Besserung vom 14. V. an.
Am 15. VI. zur Entbindung in Frauenklinik verlegt. Zurückverlegt am
14. VI. Ganz erhebliche Besserung der Hemiplegie, nur das linke Bein wird
loch etwas geschleift, der Händedruck links noch schwächer.
Lumbalpunktion am 4. VII. 21. Klare Flüssigkeit. Keine Globulin-
; Vermehrung, mittlere Lymphozytose.
Nachuntersuchung am 6.- X.: Fühlt sich ganz gesund. Hat grosse
.Wäsche gemacht. Händedruck links noch ganz geringe Schwäche. Patellar-
i ehnenreflex und Achillessehnenreflex 1. etwas stärker. Babinski nicht sicher.
Als ich die Kranke seinerzeit in Beobachtung hatte, war ich ge-
leigt, die Hemiplegie dadurch zu erklären, dass eine Embolie von
^lazentarzellen eine Gefässverstopfung und gleichzeitig anaphylak-
ische Erscheinungen hervorgerufen hatte. Anaphylaktische Er¬
scheinungen, über die ich allerdings keine ausreichende eigene Er-
ahrutig besitze, vermutete ich der sterilen Leukozytose wegen.
Während des Krieges sah ich einen Fall von schwerem anaphylak-
ischen Schock nach Seruminjektion. Die Lumbalpunktion ergab
riibe, dicke Flüssigkeit, die mikroskopische und bakteriologische
Untersuchung stärkste Leukozytose, aber vollkommen steril. Nach
5 Tagen keine nennenswerte Zellvermehrung mehr. In der bakterio-
ogischen Untersuchungsanstalt wurde mir damals gesagt, dass diese
■ sterile Leukozytose bei Anaphylaxie häufig sei. Obwohl, falls dies
ichtig ist, anaphylaktische Erscheinungen auch jetzt noch angenom¬
men werden müssen, glaube ich, dass die Hemiplegie doch ebensogut,
’.venn nicht besser, durch einen Gefässspasmus erklärt werden könnte.
Die vorausgegangenen Ohnmachtsanfälle, die Kopfschmerzen, der
tiomentanc „unklare“ Zustand würden durch Störung der Blutzirku-
ation infolge Innervationstörungen zwanglos erklärt — und diese
wären wieder auf eine durch die Schwangerschaft gestörte innere
Sekretion zurückzuführen — in der eventuell auch die Ursache der
.anaphylaktischen“ Leukozytose zu suchen wäre. Für diese Auf-
ässung spricht auch die sehr weitgehende Rückbildung der schweren
Hemiplegie.
Uebersieht man alle erwähnten Fälle, so erscheint die Annahme
von innervatorischen Zirkulationsstörungen infolge Störung in der
nneren Sekretion nicht unbegründet. Dass die Schwangerschaft eine j
besondere „Krampfbereitschaft“ bedingt, ist nicht zu bestreiten und
so wird es verständlich, dass in der Schwangerschaft besonders leicht
durch vasomotorische Reize cpileptiforme Anfälle ausgelöst werden.
Die erhöhte Gefahr, epileptische Anfälle zu bekommen, beruht bei
den Schwangeren also einerseits auf der erhöhten „Krampfbereit¬
schaft“, andererseits auf der gesteigerten Neigung zu innervatorisenen
Zirkulationsstörungen.
Auffallend ist nun, dass in dem 3. Fall Westphals die Krampf¬
anfälle während der Schwangerschaft nicht häufiger wurden, sondern
aufhörten. Dies spricht aber keineswegs gegen die oben vertretene
Ansicht. Das Wechselspiel zwischen Krampfbereitschaft und Reiz,
zwischen Reizung und Lähmung des Sympathikus ist nicht so leicht
durchsichtig. Jedenfalls ist die Annahme gerechtfertigt, dass hier
eine spezielle, durch die Schwangerschaft bedingte Aenderung der
infolge der Schilddrüsenexstirpation geschädigten inneren Sekretion
die Gefässinnervation so beeinflusst, dass eine Reizung des „krampf¬
bereiten“ Hirns nicht mehr erfolgt oder die „Krampfbereitschaft“
herabgesetzt wird.
Man wird also bei gewissen Fällen von „erhöhter Krampfbereit¬
schaft“, bei denen es nicht möglich ist, die Krampfbereitschaft selbst
herabzusetzen, sich einen Erfolg versprechen dürfen, wenn man den
motorischen Reiz ausschaltet.
Dass dies möglich ist, beweist die erwähnte Publikation Brünings.
Die von ihm beschriebene Kranke, Frau M., wurde nämlich schon vom
17. VI. 09 bis 18. VI 09 in der Psychiatrischen Klinik der Charitee be¬
obachtet. Damals wurde die Diagnose Lues cerebri gummosa und Beschäfti¬
gungsneuritis im rechten Arm gestellt. Ueber ihre damalige Erkrankung be¬
richtet sie: September 1907 sei der linke Daumen angeschwollen, ohne dass
sie sich verletzt hätte, es „stach von innen und kribbelta“, so dass sie
grosse Schmerzen hatte. Kranke meinte es sei Ueberanstrengung beim Nähen.
Nach kalten Umschlägen Besserung. Ein Monat später bekam Kranke rechts
stechende und bohrende Schmerzen. Nach Behandlung mit Brom und Bäaern
in der Nervenpolikllinik verschwanden sämtliche Beschwerden. Damals,
23. IV. 08, WaR. im Blut negativ. November 1908 wieder das Stechen in der
Schläfe und heftigere Schmerzen im ganzen r. Arm. Der Daumen schwoll
nur wenig an. Dabei Schwäche im linken Arm, so dass sie Gegenstände in
der 1. Hand nicht ordentlich halten konnte. Nach Elektrisieren Besserung,
j Bei der Aufnahme klagte Kranke über unaufhörlichen Schmerz in Schläfen-
I gegend, Ohrensausen links mehr als rechts und Orer.reissen, Schwindelgefühl,
j Uebelkeit, aufsteigende Hitze. Seit April 1909 sei auch das Sehen schlechter
| geworden. Kranke hatte Flimmern vor den Augen, es war auch so, als
J ob ein schwarzer Schein sekundenlang einmal von dem einen, einmal vor
i dem anderen Auge wäre. Nur einmal, als sie einen Schreck bekommen hatte,
habe sie doppelt gesehen. Der Schlaf sei nur schlecht, wenn die Schmer¬
zen zu gross seien. Die Stimmung sei flau, da sie sich Gedanken über ihr
Leiden mache — als sie ins Krankenhaus kam, habe sie sich auf dem Klosett
aufhängen wollen.
Die objektive Untersuchung ergab: Beiderseits Stauungspapille r. = 1.
(Dr. Scholl). Hüftbeugung und Beugung im linken Kniegelenk etwas
herabgesetzt. Babinski beiderseits fraglich, r. ziemlich deutlich.
Die Augenuntersuchung am 26. VI. (Klagen über heftige Kopfschmerzen)
ergibt in der Augenpoliklinik der Charitee: Beiderseits Hypermetropie
+ 3,0 D., Stauungspapille beiderseits stärker. Die in der Augenklinik vor¬
genommene Blutuntersuchung ergab positiven WaR.
Während der Behandlung mit Ung. einer, wechselnde Klagen über Kopf¬
schmerzen und Uebelkeit, am 21. VII. Erbrechen. Am 1. VII. auf Wunsch
entlassen. Kein Babinski mehr.
22. X. 09. Befund der Augenklinik: Stauungspapille gegen früher nicht
verändert.
23. XI. 11. Befund der Augenklinik: Keine Aenderung des ophthalmo¬
skopischen Befundes.
Vom 25. IX. 13 bis 9. X. 13 war die Kranke in der I. med. Klinik. Es
wurde dort die Diagnose auf Polyzythämie gestellt. Die WaR. war negativ.
13. VII. 21 bis 27. VII. 21 wieder Aufnahme in die Med. Klinik. Dia¬
gnose: Polyzythämie. Fundus: Verbreiterung der Venen, Schlängelung.
Venen dunkelrot. Scharfe Grenze. An beiden Füssen, besonders links, Zehen
gerötet, teils bläulich verfärbt.
20. II. 22: Wieder Aufnahme in Med. Klinik. 2. III. 22: Lähmungserschei¬
nungen in r. Arm und r. Hand; r. Babinski +. 5. III.: Macht Erhängungs-
versuch. verlegt nach Psych. Klinik.
Hier_ gab sie über die Lähmungserscheinungen an: Am 1. III. sei ihr mit
einem Male die r. Seite steif geworden, der r. Arm wurde steif, sie konnte
ihn nicht bewegen, die r. Gesichtshälfte wurde tot und steif, sie konnte nicht
essen, wohl sprechen. Gehen konnte sie. Seit 54 Jahre alle 4 Wochen
Schwindelanfälle, schon öfter dabei umgefallen.
Obj.: Die grobe Kraft im allgemeinen gut, nur die Kraft der Finger
der r. Hand stark herabgesetzt, Händedruck mit geringer Kraft. Patellar¬
und Achillessehnenreflexe nicht auslösbar. Babinski r. +.
Fundus: Starke Röte der Papillen, Ver.en dunkelrot, breit, geschlängelt.
7. III. Lumbalpunktion. Globulinreaktion, ganz geringe Vermehrung
der Lymphozyten. WaR. 0,2 — 0,8 negativ.
Ständig Klagen über Kopfschmerzen und zeitweise Klagen über Schmer¬
zen in der Brust.
23. III. Da in den letzten Tagen Besserung besteht. Kranke hoffnungs¬
freudiger ist, zurückverlegt nach Med. Klinik. Die Diagnose wurde gestellt
auf Affektkrisen bei Polyzythämie 3).
Uebersieht man den ganzen Verlauf des Falles, so kann wohl
kein Zweifel daran bestehen, dass es sich um vasomotorische Stö¬
rungen gehandelt hat. Die Symptome werden am zwangslosesten
erklärt, wenn wir als Ursache der passageren Lähmungen und der
Schwindelanfälle (die ganz den von W e s t p h a 1 beschriebenen
gleichen) angiospastische Zirkulationsstörungen im Hirn annehmen.
Auch die „Stauungspapille“, die sich jahrelang nicht änderte, muss
als eine vasomotorische Störung, Erweiterung der Venen, aufgefasst
3) Der Fall wurde auch in einer Dissertation aus der I. med. Klinik
von Erich L i 1 1 a u e r beschrieben. Einen ganz ähnlichen Fall publizierte
H. Heuck: R a y n a u d sehe Krankheit und periodische Melancholie. Arch.
f. Psych. 1921, 62, S. 408.
3
Nr. 34 35.
Münchener medizinische Wochenschrift.
werden. (Hier sei an die Arbeiten von Otfried Müller erinnert.)
Audi die Kopfseiunerzen — man denke an die Migräne — finden leicht
eine Erklärung in vasomotorischen Störungen (Angiospasmen?) und
natürlich erst recht die angiospastischen Zustände, die in der Nerven-
klinik an der r. Hand (damals als Beschäftigungsneuritis aufgefasst) und
später in der Nervenklinik und von Brüning am Fuss beobachtet
wurden und durch die Lericheoperation an der femoralis beseitigt
wurden. Da es nun nach der Halssympathikusexstirpation gelang,
auch die Anfälle von Angina pectoris zu beseitigen und auch die
Schwindelanfälle bisher fortgeblieben sind ist der Schluss gerecht¬
fertigt, dass es durch die Sympathikusexstirpation gelingt, auch die
zentralen Zirkulationsstörungen zu beseitigen. (Dass der einmal in
der Augenpoliklinik im Blut positive gefundene Wa. nicht ausreicht,
eine luische Erkrankung anzunehmen, braucht wohl nicht weiter be¬
gründet zu werden. Die damalige Diagnose Lues gummosa wurde
auch nicht für sicher gehalten — das geht schon daraus hervor, dass
sich in der Krankengeschichte ein Vermerk befindet: 14 Tage Frei-
bett auf Privatfonds des Herrn Qeh. Rat Ziehen.)
Aus den mitgeteilten Fällen ergibt sich also, dass innervatorische
Zirkulationsstörungen zu passageren und dauernden Lähmungserschei¬
nungen, zu heftigen Kopfschmerzen, zu Schwindelanfällen und epi-
leptiformen Anfällen führen können. Diese Zirkulationsstörungen sind
einer operativen Beeinflussung zugänglich.
Hiermit ist die Fragestellung, ob die Sympathektomie bei Epi¬
lepsie anzuraten ist, gegeben.
ln früherer Zeit, seit William Alexander1) 1899 die Resektion
des Halssympathikus bei Epilepsie empfohlen hatte, wurde diese
Operation wahllos bei den verschiedenartigsten Epilepsien ausgeführt.
Man glaubte, die Sympathektomie4 5 6) deswegen empfehlen zu
müssen, weil man die Epilepsie auf eine Gehirnanämie zurückführte,
die durch diese Operation beseitigt werden sollte. Jonnesco ')
glaubte, die zerebrale Anämie in eine permanente Kongestion um¬
wandeln zu können — eine Kongestion, die die schlechte Ernährung
der Nervenzellen verändere oder dieselbe von toxischen Produkten
befreie, ln den anderen Fällen, bei der Reflexepilepsie, werde der
Weg der Transmission von den Viszeren zum Hirn geändert.
Das waren rein theoretische, nicht substantiierte Erwägungen
und der Erfolg der Operation war gering — so dass die Methode mit
Recht bald verlassen wurde.
J a b o u 1 a y 7), der die Sympathektomie doch gewiss anwandte,
wo sie nur Erfolg versprechen konnte, meinte auf Grund seiner Er¬
fahrungen, dass in dieser Operation nicht die künftige Behandlung
der Epilepsie gefunden sei. Th. Jonnesco ging zwar mit Begeiste¬
rung an die Operation heran (wie er 1900 in Paris berichtete, hatte
er bis dahin im ganzen 97 Sympathikusresektionen bei Epilepsie aus¬
geführt), aber auch sein Erfolg war sehr gering, denn Winter
kommt zu dem Resultat, dass von diesen 63 nicht verwertet werden
können und von den übrigen nur 4 als geheilt (d. h. mindestens
3 Jahre ohne Anfälle) betrachtet werden können. Von 122 Fällen,
darunter 7 eigene, findet Winter nur 8, das sind 6,6 Proz. ge¬
heilte, darunter 4 von Jonnesco und 4 von Alexander.
Auch Braun8), der eine kritische Zusammenstellung der Litera¬
tur und Berichte über eigene Fälle gibt, kommt zu dem Resultat, dass
die Resektion der beiden Halssympathici nebst der Entfernung des
Ganglion cervicale superius et medium zwar ungefährlich, aber in
ihrem Einfluss auf die Epilepsie unwirksam sei.
Man könnte nun die Vermutung aussprechen, dass es sich bei
den wenigen erfolgreichen Operationen um solche gehandelt hat, bei
denen innervatorische Zirkulationsstörungen die Ursache für die
epileptischen Anfälle waren. Beweisen oder glaubhaft machen lässt
sich das aus der Beschreibung dieser Fälle aber nicht — um so
weniger als nicht einmal die Abgrenzung gegenüber der Hysterie
scharf gezogen wurde.
Das erste Erfordernis ist die Berücksichtigung der Tatsache,
dass es sich bei epileptischen Anfällen nicht um eine einheitliche
Ursache oder Erkrankung handelt.
Die Sympathektomie darf nicht wahllos ausgeführt werden, son¬
dern nur bei solchen Fällen, bei denen, wie in dem mitgeteilten
W e s t p h a 1 sehen Falle, angenommen werden muss, dass inner¬
vatorische Zirkulationsstörungen die Anfälle ausgelöst haben.
Als geeignetste Fälle kommen natürlich solche Fälle in Frage,
bei denen angiospastische Symptome (z. B. an den Extremitäten)
zweifellos bestehen und bei denen Schwindelanfälle und passagere
Lähmungen auf Zirkulationsstörungen im Hirn hindeuten und bei
denen dann auch epileptische Anfälle auftreten. Einige derartige
Fälle wird man, auch wenn sie noch keine Anfälle haben, der un¬
erträglichen Kopfschmerzen halber operieren. Viele solcher Kranken
sind sicher bisher oft fälschlich für „funktionell“ oder „hysterisch“
gehalten worden.
Aber auch diejenigen Fälle von „genuiner“ Epilepsie, bei denen
die Anfälle abhängig sind von Zirkulationsvorgängen, hervorgerufen
durch affektive Reize, wie Schreck, Angst etc., oder solche, bei denen
4) William Alexander: The treatment of Epilepsy. Edinburg 1889.
5) Siehe Winter: Arch. f. Min. Chir. 1902, 67, S. 816.
6) Th. Jonnesco: Die Resektion des Halssympathikus in der Behand¬
lung der Epilepsie, des Morbus Basedowi und des Glaukoms. Zbl. f. Chir.
1899 S. 161.
7) Jaboulay et Lannois: Sur le traitement de l’epilepsie par ta
Sympathectomie. Revue de medecine 1899 S. 1.
8) H. Braun: Arch. f. klin. Chir. 1901 S. 1715.
die Anfälle eine deutliche Abhängigkeit von der Menstruation (Gra¬
vidität) zeigen, versprechen vielleicht einen Erfolg.
Die Hauptsache ist, dass eine ganz genaue Indikation gestellt
wird — dann besteht Hoffnung, dass die Sympathektomie, die früher,
wo sie wahllos an ungenügend untersuchten Kranken ausgeführt
wurde auf Grund von Theorien, die unzureichende Kentnisse auf¬
gebaut hatten, mehr Schaden als Nutzen gestiftet hat, nun in einigen
geeigneten Fällen die ersehnte Heilung bringen wird.
In diesen Fällen wird man dann die kombinierte Operation —
periarterielle Sympathektomie der Karotis und Resektion des Hals-
sympathikus nach Brüning — anraten.
Zum Schluss noch eine kurze Bemerkung über die psychischen
Störungen bei diesen Kranken. Ich glaube, die Diagnose: „Affektkrise
bei Polyzythämie“, die bei der letzten Aufnahme in die Nervenklinik
bei der' B r ii n i n g sehen Kranken gestellt wurde, traf das richtige.
Die psychischen Störungen sind nicht als direkte Folge der Lokali¬
sationsstörungen aufzufassen, sondern nur als Reaktion auf die durch
die Zirkulationsstörungen bedingten Schmerzen und Unannehmlich¬
keiten. Das scheint mir auch für alle die anderen gleichartigen Fälle
zu gelten. Wir dürfen also ein Schwinden der psychischen Sym¬
ptome nach der vorgeschlagenen Operation nur in dem Sinne er¬
warten, dass die Schmerzen etc. fortfallen und damit die durch sie
bedingte Reizbarkeit und psychische Reaktionsweise, Eine eventuell
vorhandene „echte“ psychische Störung, z. B. epileptische Demenz
etc., dürfen wir nicht erwarten beseitigen zu können. Ob und wie
Dämmerzustände — die teilweise auch reaktiv bedingt sind — be¬
einflusst werden, muss die Erfahrung lehren.
Aus der Universitäts-Augenklinik Kiel.
(Direktor: Prof. Heine.)
Die parenterale Terpentinbehandlung bei Augenleiden.
Von Prof. Dr. Carl Behr.
Die parenterale Milchtherapie, die sich auch in der ophthalmolo-
gischen Praxis als ein unentbehrliches Mittel gegen entzündliche
Erkrankungen der Augen eingebürgert hat, besitzt zwei Nachteile,
die den Wert der Methode nicht unwesentlich beeinträchtigen. Der
eine liegt in der Unsicherheit der Wirkung, auf die wir in keinem Fall
von vornherein rechnen können. In äusserlich ganz gleichartigen
Fällen erleben wir das eine Mal einen fasf kritischen Abfall der Er.t-
ztindungserscheinungen, das andere Mal trotz der gleichen Dosis und
einer gleichen Allgemeinreaktion überhaupt keine Einwirkung auf
den Krankheitsprozess. Der zweite Nachteil besteht in den nicht
unerheblichen, wenn auch in der Regel verhältnismässig rasch vor¬
übergehenden Störungen des Allgemeinbefindens, die gerade in den
Fällen vorhanden zu sein pflegen, in denen die Milch eine gute Wir¬
kung entfaltet. Die zahlreichen Ersatzpräparate, die, wie das Oph-
thalmosan, das Caseosan, das Aolan, das Yatren-Kasein u. a„ diesen
letzteren Fehler vermeiden sollen, haben wenigstens in der ophthal-
mologischen Praxis nach unseren Erfahrungen mit ihm zugleich einen
guten Teil der Wirksamkeit der Milch verloren, so dass wir ganz
von ihnen abgekommen sind.
Wir haben uns daher nach andersartigen Mitteln umgesehen
und haben in dem Terpentin ein solches gefunden, das einerseits in
manchen Fällen auch dann -noch von guter Wirkung ist, wenn die
Milch versagt hat, und das anderseits ohne störende lokale oder all¬
gemeine Erscheinungen unter die Haut eingespritzt werden kann.
Einer allgemeinen Anwendung dieses Mittels steht überdies jetzt
nichts mehr im Wege, seitdem fabrikmässig nach den Angaben
Klingmüllers, der als erster das Terpentin mit grossem Erfolg
in die Hautpraxis eingeführt hat, eine 10 proz. ölige Lösung rektifi¬
zierten Terpentins unter dem Namen „Olobintin“ in den Handel ge¬
bracht wird (in Ampullen zu 1 ccm und für Klinikzwecke in Flaschen
zu 100 ccm), das neben einer vollkommenen Gefahrlosigkeit der In¬
jektionen eine genaue Dosierung gewährleistet. Klingmüller
verwendet daneben in hartnäckigen Fällen noch eine 40 proz. Lösung, |
mit deren Injektion aber selbst bei vorsichtiger Dosierung recht be¬
trächtliche Schmerzen an der Injektionsstelle verbunden sind. Auch
intravenös wird das Olobintin, allerdings nicht ohne beträchtliche
Störungen des Allgemeinbefindens von ihm verwendet. Wir haben j
deswegen auf diese Modifikationen verzichtet und sind bei den ein-;
fachen subkutanen Injektionen der 10 proz. Lösung geblieben, da wir
ja durch das neue Präparat vor allem die üblen Begleiterscheinungen j
der Milchinjektionen vermeiden wollten.
Injiziert wird intramuskulär (glutäal) oder subkutan unter die!
Haut der Arme oder des Rückens (Darmbeinkuppe). Die Schmerzen'
sind entweder nur gering oder fehlen ganz. Allgemeinerscheinungen!
und Fieber treten nicht auf. Gelegentlich klagen die Kranken am Ort
der Entzündung über ein leichtes Ziehen und Druckgefühl. So gab
eine an einer gonorrhoischen Konjunktivitis erkrankte Kranke an,i
dass sie jedesmal nach den Terpentininjektionen ein mehrere Stun¬
den anhaltendes und ziemlich lebhaftes Druckgefühl im Auge ver¬
spürte. Ueble Nebenerscheinungen haben wir nur einmal vor Ein¬
führung des neuen Präparates erlebt. An Stelle der verschriebenen
10 proz. Lösung war uns vom Apotheker reines Terpentinöl geliefert,
von dem der an Retinitis albuminurica leidenden Kranken 3 ccm
unter die Haut des Armes eingespritzt wurden. An der Stelle der
Injektion und ihrer näheren Umgebung entwickelte sich eine senwere
31. August 1923.
MÜNCHENER MMD1Z1N1SCHE WOCHENSCHRIFT.
1117
nekrotisierende Entzündung, die erst nach mehreren chirurgischen
Eingriffen und monatelanger Behandlung mit ausgedehnter Narben¬
bildung ausheilte. Abgesehen von der lokalen Schädigung traten je¬
doch keine Störungen ein. Die Retinitis albuminurica besserte sich
vielmehr, während die Nierenerkrankung selbst keine Aenderung
zeigte. Dieser Zwischenfall, der keinesfalls der Terpentintherapie zur
Last gelegt werden kann, beweist jedenfalls die vollkommene Gefahr¬
losigkeit der Terpentininjektionen in der von Klingmüller an¬
gegebenen Dosierung.
Als Einzeldosis haben wir bei Erwachsenen 0,5 bis 4, seltener
auch bis 5 ccm gegeben, bei Kindern je nach dem Alter von 0,1 bis
0,5 ccm. Wir beginnen mit den schwächeren Dosen und steigen je
nach der Wirkung rascher oder langsamer an. Im allgemeinen ge¬
nügen wöchentlich 2 — 3 Injektionen. In den schweren Fällen, in
denen es auf eine akute Wirkung ankommt, haben wir die rasch an¬
steigenden Dosen längere Zeit hindurch täglich (8 — 14 Tage lang)
gegeben, ohne auch hiermit jemals üble Erfahrungen gemacht zu
haben. Als Gesamtdosis haben wir bis jetzt 30 ccm nicht zu über¬
schreiten brauchen. Als Regel gilt, dass es sich schon nach den
ersten Spritzen zeigt, ob in dem betreffenden Fall eine Wirkung er¬
wartet werden kann oder nicht. Sehen wir nach der dritten Spritze
keine Besserung, dann sind auch in der Regel weitere Einspritzungen
ohne Wirkung. •
Das Terpentin wirkt ebenso wie die Milch vor allem gegen die
akuten Entzündungen, namentlich gegen die mit stärkerer Sekretion
und Exsudation einhergehenden. Die chronischen werden seltener
und dann auch nur weniger deutlich beeinflusst. Ebenso wie die Milch
lässt es sich auch bei dem Terpentin nicht Voraussagen, ob die Be¬
handlung Erfolg haben wird. Doch läuft die Wirkung der beiden
Mittel nicht prinzipiell parallel, insofern, als nicht selten, wie schon
hervorgehoben ist, das eine Mittel wirkt, wo das andere versagt hat.
Diese elektive Wirkung der beiden Mittel zeigt sich gelegentlich bei
einem und demselben Kranken an den einzelnen Symptomen. So
verschwanden bei einer seit längerer Zeit an chronischem Gelenk¬
rheumatismus und Episkleritis leidenden Kranken die Gelenkbe¬
schwerden nach einigen Terpentinspritzen vollständig, während die
Episkleritis sich in keiner Weise änderte und sich erst besserte, als
an Stelle des Terpentins einige Milchspritzen gegeben wurden. Ich
werde im folgenden noch häufiger Gelegenheit haben, auf derartige
Unterschiede in der Wirkung der beiden Mittel, die auch in theo¬
retischer Hinsicht von Bedeutung sind, hinzuweisen. Möglicherweise
sind sie durch die verschiedene Dosierung der Milch und des Ter¬
pentins bedingt.
Unsere Erfahrungen über die Wirkung des Terpentins sind an
mehr als 200 Fällen der verschiedensten Art mit mehr als 2000 In¬
jektionen gewonnen. Ich verzichte auf eine statistische Zusammen¬
stellung, die uns doch niemals ein absolut richtiges Bild von der the¬
rapeutischen Wirksamkeit eines Präparats zu geben vermag, und
beschränke mich auf eine kurze zusammenfassende Schilderung un¬
serer Beobachtungen an der Hand der wichtigsten Erkrankungen
des Auges.
Die besten Erfolge haben wir bei den Erkrankungen der I ider
erzielt, bei denen die parenterale Proteinkörpertherapie in der
Regel versagt. Vor allem bei den akuten und auch bei den chroni¬
schen Formen des Ekzems, den Hordeola und weniger aus¬
gesprochen auch bei den schwereren Formen der Blepharitis
ulcerosa. Die Ekzeme heilen gewöhnlich schon nach den ersten
Spritzen in überraschend kurzer Zeit aus. Wie intensiv die Wirkung
des Terpentins sein kann, zeigte ein Fall von akutem Ekzem der
Lider und der Backe bei einer Kranken mit Ulcus corneae. Durch
eine Terpentinspritze verschwanden die unangenehmen Empfindungen
im Gesicht, und das Ekzem blasste ab. Zugleich traten in den an¬
scheinend ganz normalen Händen und Füssen Paraesthesien auf, die
sich mit den folgenden Spritzen, unter denen das Gesichtsekzem voll¬
kommen ausheilte, verstärkten und die Kranke nicht unerheblich
belästigten. Die Haut der Hände und Fiisse begann dann sich in
grossen Fetzen abzustossen, die wie ein Handschuh von den Fingern
herabgezogen werden konnten. Zugleich verschwanden die Par-
ästhesien. Die Hornhauterkrankung blieb dagegen unbeeinflusst. Wir
können uns diese eigenartigen Erscheinungen an den Extremitäten
doch wohl nur dadurch erklären, dass hier eine Generalisierung des
Ekzems der Wange in Vorbereitung war, die jedoch durch die Ter¬
pentinspritzen verhindert werden konnte. Derartige Fälle geben uns
eine Vorstellung von der beträchtlichen Umstimmung des Organis¬
mus durch diese parenteralen Injektionen. Die Hornhautaffektion
heilte erst durch einige Milchspritzen ab.
Auch dieser Fall zeigt wiederum recht augenscheinlich die eick-
tive Wirkung der Milch- und Terpentinspritzen. Eine erschöpfende
Erklärung solcher Dissoziationen ist heute wohl kaum möglich. Man
kann zunächst nur den Schluss ziehen, dass die Wirkungsrich¬
tung der Milch und des Terpentins zwar sehr ähnlich, aber im
Prinzip doch verschieden sein muss. Derartige Fälle, in denen bei
dem gleichen Grundleiden die einen Symptome nur durch die Milch,
die anderen nur durch das Terpentin gebessert werden, zeigen uns
so recht, dass wir mit dem Begriff der Protoplasmaaktivierung vor¬
läufig wenigstens nichts anderes als eine Verschleierung unseres
Nichtwissens gewonnen haben. Der Begriff einer allgemeinen Akti¬
vierung des Protoplasmas, d.h. einer allgemeinen Erhöhung der
Zellvitalität, schliesst doch wohl von vornherein derartige dissoziative
und elektive Wirkungen aus, wie wir sie hier bei der Behandlung
mit zwei ganz verschiedenartigen Mitteln nicht selten erlebt haben.
Bei der Hordeola und den Furunkel n in der Umgebung
der Lider wird durch einige Terpentinspritzen die eitrige Einschmel¬
zung und die Demarkierung des nekrotischen Pfropfes gewöhnlich
ganz erheblich beschleunigt und der Krankheitsverlauf nicht un¬
wesentlich abgekürzt. Auch die subjektiven Begleiterscheinungen
verschwinden gewöhnlich bald. Beginnende Hordeola können nicht
selten durch einige Spritzen zur Rückbildung gebracht werden, ohne
dass es zu einer Vereiterung kommt. Doch gelingt es nicht durch
das Terpentin — und das gleiche gilt als allgemeine Regel auch für
die parenterale Proteinkörpertherapie — , Rezidive zu verhindern.
Gelegentlich sehen wir unmittelbar an die prompte Ausheilung der
Hordeola oder auch anderer Entzündungen der Augen sich ein
Rezidiv unmittelbar anschliessen.
Die Ursache dieser Wirkungsbeschränkung der parenteralen The¬
rapie liegt in dem Prinzip ihrer Wirkung begründet. Diese Therapie
richtet sich primär nicht gegen die entzündungserregende Ursache,
z. B. nicht gegen den Staphylokokkus bei der Hordeola oder gegen
die Gonokokken bei der Ophthalmoblennorrhoe, sondern rein sym¬
ptomatisch gegen die Begleit- und die Reaktionserscheinungen des
Organismus, gegen den parenteralen Abbau der Entzündungspro¬
dukte, die den lokalen Abwehrkampf des Gewebes hemmen. Das
eingespritzte und entfernt von dem Ort der Entzündung abgebaute
Eiweiss und Terpentin wirkt als Antigen. Die dadurch hervorgeru¬
fenen Antikörper gelangen durch den Kreislauf auch an den Ort der
Entzündung, wo sie den in Gang befindlichen Abbau der Entzün¬
dungsprodukte unterstützen und die giftigen Zwischenprodukte des
Eiweissabbaus neutralisieren, wodurch sich die sekundären Reiz¬
erscheinungen zurückbilden. Die eigentliche spezifische Entzündung
und die Krankheitskeime selbst bleiben dagegen unbeeinflusst. Eine
Heilung des Krankheitsprozesses ist darum nur dann möglich,
wenn daneben die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers den A.n-
griffskräften des Infektionserregers überlegen sind.
Bei den schweren Formen der Blepharitis ulcerosa, bei
denen die gewöhnliche Salbentherapie ohne Erfolg geblieben ist,
vermag die Terpentinbehandlung in vielen Fällen einen Umschwung
der Krankheitserscheinungen herbeizuführen, durch welche unsere ge¬
wöhnlichen Mittel dann besser zur Wirksamkeit gelangen. Heilungen
allein durch das Terpentin haben wir nur ausnahmsweise beobachtet.
In den schweren und hartnäckigen Fällen, in denen auch das Ter¬
pentin versagt, habe ich mehrfach eine auffallende Besserung durch
tägliche Xeroformeinpuderungen eintreten sehen. Für die ganz
schweren Fälle bleibt die Röntgenbehandlung ein Zuverlässiges Mit¬
tel. So sah ich vor kurzem eine schwere, äusserst hartnäckige, seit
mehreren Jahren bestehende und dauernd vergeblich behandelte
Blepharitis ulcerosa bei einem sonst ganz gesunden 27 jährigen
Mann durch eine dreimalige Röntgenbestrahlung vollkommen aus¬
heilen.
Konjunktivale Erkrankungen. Bei den Entzündungen der Binde¬
haut steht die Wirkung der spezifischen parenteralen Behandlung —
und dieses gilt als allgemeines Gesetz sowohl für die Milch-, wie für
die Terpentinbehandlung — in geradem Verhältnis zu der Schwere
der entzündlichen, vor allem der exsudativen Erscheinungen. In den
chronischen Fällen fehlt sie mehr oder weniger ganz, nur subjektiv
wird manchmal eine Besserung angegeben. Dasselbe gilt von den
mit follikulären und papillären Hyperplasien einher¬
gehenden Prozessen, von der Conjunctivitis trachoina-
t o s a und follicularis. Von den akuteri sezernierenden
K o n j u n k t i v i t i d e n ist die schwerste, die Ophthalmoblennor¬
rhoe, zugleich auch die zugänglichste für die parenterale Behandlung.
Hier sind jedoch die Milcheinspritzungen der Terpentinbehandlung,
besonders was das Schlagartige des Erfolges anbetrifft, ohne Zweifel
wesentlich überlegen. Während wir nicht' selten schon nach einer
Milchspritze in kürzester Zeit, innerhalb von 6 — 12 Stunden, die
schwersten Erscheinungen, die abundante eitrige Sekretion, das
hochgradige Oedem der Lider und der Konjunktiva in kritischem
Abfall zurückgehen sehen, wirkt das Terpentin langsamer; der
gleiche Erfolg tritt erst nach einigen Tagen ein. Ueberdies sind hei
ihm Versager häufiger als bei der Milchbehandlung. Es ergibt sich
daraus, dass man nur in den von vornherein leichtverlaufenden Fällen
zum Terpentin greifen soll, durch das man dann nicht selten den
Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann. In den Fällen mit
starker Sekretion, mit stärkerer Schwellung der Konjunktiva am
Limbus und namentlich mit drohender oder bereits vorhandener
Hornhautbeteiligung ist nur die Milch am Platze, ln diesen schwer¬
sten Fällen soll man sich jedoch nicht von vornherein auf eine be¬
stimmte Therapie schablonenmässig festlegen. Vielmehr ist es gerade
hier, wo das Schicksal des Auges oft in kürzester Zeit entschieden
wird, am Platze, sich erforderlichenfalls in jedem Augenblick thera¬
peutisch neu ein- und umzustellen und mit den Mitteln zu wechseln.
So habe ich vor kurzem ein auf das schwerste gefährdetes Auge
einer Schwester, die sich im Beruf gonorrhoisch infiziert hatte, nur
dadurch retten können, dass ich im richtigen Augenblick die vergeb¬
liche Terpentin- und Milchbehandlung abbrach und statt dessen
Gonokokkenvakzine (Arthigon) injizierte. Gute Dienste vermag das
Terpentin auch in den schweren Fällen der Ophthalmoblennorrhoe
nach Abklingen der bedrohlichen Erscheinungen als Ersatz der Milch
zu leisten. Gelegentlich habe ich auch die beginnende Entzündung
1118
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 34 35.
des zweiten Auges durch eine oder ein paar Terpentinspritzen ku- ;
pieren können.
Die konjunktiv alen Phlyktänen sind nur bei be¬
sonderer Schwere des Krankheitsbildes Gegenstand einer parente¬
ralen Injektionsbehandlung. Das Terpentin beschleunigt die Ein- |
Schmelzung und kürzt die Krankheitsdauer um einige Tage ab. Bei
den nicht ulzerierenden Formen der Bindehautentzündung, bei der
Subkonjunktivitis, der E p i s k 1 e r i t i s, und den skleri-
ti sehen Infiltraten ist eine Einwirkung des Terpentins auf !
den Krankheitsprozess nicht selten unverkennbar. Im allgemeinen |
gelingt es aber nicht, allein durch die Terpentinbehandlung eine j
Heilung herbeizuführen. Doch scheint auch hier, wie wir es noch bei J
anderen Erkrankungen sehen werden, eine vorausgegangene Ter¬
pentinbehandlung der üblichen Therapie die Wege zu ebnen, so dass j
schliesslich die Abheilung doch rascher erfolgt als ohne das Terpentin. |
Den die ekzematösen Hornhaut- und Bindehautentzündungen
nicht selten begleitenden Blepharospasmus habe ich — wenn |
auch nicht regelmässig — auch dann zurückgehen sehen, wenn sich j
die eigentliche skrofulöse Entzündung nur wenig oder gar nicht
gebessert hatte.
Die ekzematösen Hornhaut- und Hornhaut-Bindehautentzündun¬
gen zeigen hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber der parenteralen
Therapie trotz scheinbar vollkommener Gleichheit düs klinischen Bil¬
des, und bei der Milchbehandlung auch der Allgemeinreaktion, in den
in einer zweiten, kleineren Gruppe (2 Fälle) umgekehrt nur das Ter-
Gruppen von Fällen unterscheiden. In der einen Gruppe (unter
42 Fällen 15 mal) wirkte nur die Milch, dagegen nicht das Terpentin,
in einer zweiten, kleineren Gruppe (2 Fälle) umgekehrt nur das Ter¬
pentin, in einer dritten Gruppe (10 Fälle) waren beide Mittel wirk¬
sam, wobei die energischere Wirkung der Milch zukam, endlich in
einer vierten Gruppe versagte sowohl die Milch, wie das Ierpentin.
Gerade diese letzte Gruppe ist nun aber dadurch ausgezeichnet, dass
bei ihr fast immer durch eine Behandlung mit Alttuberkulin eine auf¬
fallend rasche Abheilung des gewöhnlich schon längere Zeit be¬
stehenden Krankheitsprozesses erzielt werden konnte, während die
anderen Gruppen auf das Alttuberkulin weniger gut reagieren. Ich
lasse es dahingestellt, ob die vorausgeschickte parenterale Milch-
und Terpentinbehandlung dem Alttuberkulin den Weg geebnet hat,
oder ob, was mir wahrscheinlicher ist, ein tieferer Grund in dem
Sinne vorliegt, dass die entzündlichen Erscheinungen hier eine lein
spezifische Einstellung zeigten, die infolgedessen auch allein einer
spezifischen Antigenbehandlung zugängig war. Ebenso lasse ich cs
unentschieden, ob dieser bemerkenswerte Unterschied in der Re¬
aktionsfähigkeit der einzelnen Fälle auf eine bisher noch unbekannte
prinzipielle Verschiedenheit dieser bis jetzt noch als gleichartig
angesehenen Krankheitsfälle zurückzuführen ist, und ob hier unab¬
hängig von der lokalen Erkrankung Unterschiede in der allgemeinen
Reaktionsfähigkeit des betreffenden Organismus bestehen.
Für die Behandlung der ekzematösen Hornhauterkrankuugen
(und das gleiche gilt auch für die einfachen ulzerösen Entzündungen)
ergibt sich aus den obenangeführten Unterschieden in der Wirkung
der parenteralen Injektionstherapie als allgemeine Behandlungsrcgel,
dass wir neben der üblichen lokalen Therapie zunächst Terpentin¬
injektionen verabreichen, durch die wir nach unseren Erfahrungen
etwa in einem Drittel der Fälle zum Ziel kommen. Bleibt nach der
dritten Terpentinspritze der Erfolg aus, so geben wir einige Milch¬
spritzen; bleiben auch diese ohne Wirkung, so werden wir in der
Mehrzahl der Fälle durch einige Spritzen Alttuberkulins die Heilung
rasch herbeiführen können. Doch kommen hin und wieder schwerste
Fälle vor, in denen trotz aller Therapie die Einschmelzung der Horn¬
haut nicht aufzuhalten ist. So sahen wir kürzlich unter unseren
Augen bei einem 12 jährigen Mädchen, dessen rechte Hornhaut durch
eine rasch einschmelzende Phyktäne zur Perforation gebracht
war, unter der Milch-, Terpentin- und Alttuberkulinbehandlung
auch das andere Auge in ähnlicher Weise erkranken und zur Per¬
foration kommen. Allerdings konnten beide in einem sehfähigen Zu¬
stand erhalten werden. In derartigen Fällen besteht offenbar eine
hochgradige lokale Allergie. Jede Steigerung der Abwehrkräfte —
und sei es auch nur der unspezifischen — verschlimmert den lokalen
Krankheitsprozess ganz erheblich. Hier ist nur eine vollkommen
indifferente lokale und daneben vor allem eine allgemein-diätetische
Behandlung am Platze.
In einem Fall von sklerosierender Keratitis, die trotz
einer längeren Tuberkulin- und Milchbehandlung dauernd rezidi-
vierte, gelang es, durch drei Terpentinspritzen die entzündlichen
Erscheinungen zum Rückgang zu bringen, so dass die Kranke dau¬
ernd neue Terpentinspritzen forderte, um sich, wie sie hoffte, gegen
erneute Rückfälle zu schützen.
Auch in drei leichteren Fällen von Ulcus serpens hatte die
Terpentinbehandlung Erfolg, während die vorausgegangene Milch¬
therapie wirkungslos geblieben war. Doch sind diese Fälle Ausnah¬
men. Bei einigermassen schwerem Krankheitsbild wirkt weder
Milch, noch Terpentin. Auch bei dem in diesem Jahre anscheinend
besonders häufig auftretenden Herpes corneae gelingt eine
Heilung der Erkrankung nur ausnahmsweise durch die parenterale
Milch- oder Terpentintherapie, wenn auch gelegentlich eine deut¬
liche Besserung zu verzeichnen ist.
Gegen die Keratitis parenchymatosa ist das Terpentin
ebenso wirkungslos wie die Milch. Dasselbe gilt von den pan-
nösen Prozessen, sowohl dem Pannus scrophulosus,
wie dem Pannus trachomatosus. Dagegen sind wieder die
Trachomgeschwüre der Horn ha u t sehr günstig durch
das Terpentin zu beeinflussen, wie ich es in zwei l allen beobachten
konnte. ...
Im Gegensatz zu der guten Wirkung des 1 erpentins bei den
Entzündungen des vordersten Augenabschnittes erleben wir bei den
primären und sekundären Entzündungen der Regenbogenhaut und
des Corpus ciliare häufiger Versager. Unter 18 Fällen sah ich nur
zweimal eine rasche Heilung eintreten. Das eine Mal bei einer
frischen Iritis mit Hypopyon durch zwei Injektionen, das andere Mal
ebenfalls bei einer akuten Iritis durch 5 Injektionen in 14 I ageii. In
6 anderen Fällen war die Besserung nur geringfügig, in den übrigen
10 Fällen trat überhaupt keine Wirkung ein. Hier ist zweifellos die
parenterale Proteinkörpertherapie dem Terpentin ganz erheblich
überlegen. Immerhin kann man namentlich in der ambulanten Praxis
einen Versuch mit dem Terpentin machen.
Bei den ülaskörpertrübungen haben wir Erfolge weder durch
Milch, noch durch Terpentin beobachten können. Hier hat sich auch
uns die zur Nedden sehe Absaugung in manchen Fällen über¬
raschend bewährt.
Die retinalen und chorioidealen Entzündungen (16 Fälle), die wir
der parenteralen 'Therapie mit Milch und Terpentin unterworfen
haben, bieten ein sehr widerspruchsvolles Bild. In manchen P allen
wirkt keins von beiden, in anderen wiederum nur die Milch oder das
Terpentin, in einer dritten Gruppe dagegen beide Mittel. Nicht selten
besserte sich die Sehschärfe, ohne dass sich der objektive Befund
änderte. So sah ich bei einem Fall von Retinitis centralis,
in dem die Milchbehandlung ohne jede Wirkung war, durch 8 'Ter¬
pentinspritzen die Sehschärfe sich von Fingerzählen in 2 m auf
Fingerzählen in 4 m bessern. In einem Fall von Chorioiditis
disseminata, bei dem ebenfalls vorher die Milch ohne Erfolg
angewandt war, stieg die Sehschärfe durch 5 I erpentinspritzen auf
dem einen Auge von Fingerzählen in 1 m auf °.i8, auf dem anderen
Auge von 8/ 24 auf 0/s. Mehrmals wurde mir bei Chorioiditis
eine subjektive Besserung des Sehvermögens angegeben, ohne dass ;
sich die Sehschärfe selbst gehoben hätte. Eine eigenartige Beobach¬
tung, für die ich eine Erklärung nicht zu geben vermag, haben wir
in einem Fall von Myopia magna von 10 bzw. 9 Dioptr. gemacht.
Nach 13 ccm Terpentin besserte sich die Sehschärfe rechts von */» o
auf 6'm, links von 6Ai a auf °/i8. Auch bei der Retinitis albumi¬
nurica kann durch die Terpentinbehandlung ebenso wie es
Schmidt und Heine durch die Milchtherapie gesehen haben, eine
Besserung der Funktionen ohne wesentliche Aendcrung im ophthal¬
moskopischen und im Nierenbefund eintreten. So sah ich z. B. in
einem Fall die Sehschärfe von */« auf dem einen und °/ is auf dem
anderen Auge sich auf e/s in einem Tage durch eine Terpentinspritze
bessern und sich unter weiterer Behandlung auf dieser Höhe halten.
In diesem Fall hatte die Milch vollkommen versagt.
Wie launenhaft gelegentlich die Wirkung der Terpentininjektionen
so dass sich der Kranke für geheilt hielt. Nach einigen Tagen trat
jedoch ein Rezidiv auf. das trotz fortgesetzter Terpentinbehandlung
und anderer Mittel schliesslich zur vollständigen Amaurose führte. 1
Es ergibt sich also, dass auch bei den entzündlichen Er¬
krankungen der Retina und Chorioidea ein Versuch
mit dem Terpentin gemacht werden kann, der in manchen Fällen von
Erfolg sein wird.
Die von uns behandelten Optikusentzündungen blieben
ebenso wie gegen Milcheinspritzungen so auch gegen das Terpentin
vollkommen refraktär. Allerdings handelte es sich hier nur um i
wenige (3) Fälle.
Diese kurze Zusammenfassung unserer Erfahrungen zeigt, dass
wir in dem Terpentin ein wertvolles, besonders für die ambulante I
Praxis geeignetes Mittel gewonnen haben, das in vielen Fällen die
parenterale Milchbehandlung ersetzen kann und vielfach auch dort
noch wirksam ist, wo diese versagt hat. Anderseits begegnen wir
aber auch bei der Terpentinbehandlung nicht selten vollständigen
Fehlschlägen, für die wir eine Erklärung zum Teil nicht zu geben
vermögen.
Aus dem Physiologischen Institut der Universität (messen.
Ueber eine einfache Regel zur Voraussage von Blutwerten.
Von Prof. Dr. K. 13 ü r k e r - Giessen.
Für den Praktiker wird es nicht unerwünscht sein, aus der Zahl
der roten Blutkörperchen den absoluten Hämoglobingehalt des Blu¬
tes oder umgekehrt aus dem Hämoglobingehalt die Blutkörperchen-
zahl Voraussagen zu können. Es lässt sich dies, zunächst normale
Verhältnisse und menschliches Blut vorausgesetzt, auf folgende ein¬
fache Art erreichen.
Angenommen, die Blutkörperchenzahl (Erythrozytenzahl, E-zaiil)
betrage 4,82 Millionen, so erhält man den normalerweise zu erwar¬
tenden absoluten Hämoglobingehalt in g für 100 ccm Blut (Hb-gcha.lt)
durch Multiplikation von 4,82 mit 3, also abgekürzt 14,5 g. Kennt man
dagegen den Hb-gehalt, er sei zu 15,60 g bestimmt worden, so ergibt
sich die zugehörige E-zahl durch Division von 15,60 durch 3, also
5,2 Millionen. Bei eingehenden Untersuchungen hat sich nämlich her-
31. August 1023.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1119
ausgestellt, dass unter normalen Verhältnissen die E-zalil und der
Hb-gehalt von Person zu Person zwar stark schwanken kann, dass
beide Werte aber in gleichem Sinne schwanken, so dass doch der
Ouotient Hb - geh alt in der Volumeneinheit Blut
E-zahl in der Volumeneinheit Blut
also der mittlere absolute Hämoglobingehalt eines Erythrozyten
Hbi:- gehalt), konstant bleibt und 30 * * 10 J2 beträgt1)-
Die obengenannte Regel gilt auch für eine Reihe pathologischer
'alle, sofern nur der Färbeindex bzw. der HbR-gehalt normal ist, was
Jurcli eine einfache Bestimmung der Senkungsgeschwindigkeit der
Erythrozyten in Hayemscher Lösung zu ermitteln ist, worüber Herr
Dr. B. Behrens demnächst an dieser Stelle berichten wird.
Ausdrücklich betone ich, dass es sich bei Anwendung dieser
einfachen Regel nur um Schätzungen, die aber doch von Nutzen
sind, handeln kann.
ln ähnlicher Weise kann auch bei Schätzungen von Blutwerten
der Laboratoriumstiere verfahren werden* nur hat man statt der Zahl
3 beim Hunde die Zahl 2,4, beim Kaninchen die Zahl 2 und bei der
weissen Ratte die Zahl 1,8 in analoger Weise zu verwenden. Ein
Hund mit 6,59 Millionen Erythrozyten hat also voraussichtlich einen
Hb-gehalt von 6,59 • 2,4 = 15,S g in 100 ccm Blut, und eine weisse
Ratte mit einem Hb-gehalt von 14,98 g weist schätzungsweise
14,98 j 1,8 = 8,3 Millionen Erythrozyten auf.
Es ist wohl nicht ohne Interesse, dass nach unseren absoluten
Bestimmungen beim Menschen zurzeit die E-zahl und der Hb-gehnlt
geringer ist als vor dem Kriege, dass aber der HbR-gehalt mit
'0 • 10 bzw. der Färbeindex ziemlich der gleiche geblieben ist:
an diesem wichtigen Werte wird also 'offenbar zäher festgehalten.
Die Spuren des elektrischen Starkstromes in der Haut* .
Von Prof- Dr. Q. Riehl in Wien.
Die Veränderungen, welche an der Haut durch Einwirkung -von
Starkströmen hervorgerufen werden, sind schon durch ihre stei¬
gende Häufigkeit für die Aerzte von Interesse; sie haben aber merk¬
würdigerweise gerade von seiten der Kliniker und speziell Derinato-
ogen noch nicht die gebührende Beachtung gefunden. In der Lite¬
ratur finden wir fast ausschliesslich Arbeiten von pathologischen und
gerichtlichen Anatomen, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Und
m ist auch die Deutung der elektrischen Schädigungen hauptsächlich
von Anatomen unternommen worden. Die einen bezeichnen sie als
.‘igenartige Verletzungen, andere als identisch mit gewöhnlichen Ver¬
brennungen. Für ihre Eigenart ist vor allem Jellinek eingetreten,
ler sich seit zwei Jahrzehnten mit dem Problem der elektrischen
Schädigungen beschäftigt und von dem auch die Bezeichnung „Strom-
narke“ herrührt, welche wir im folgenden beibehalten wollen. Ihm
;chliesst sich der holländische Forscher Mieremet an, während
lessen Landsmann Holst und auch Schridda die elektrischen
Schädigungen der Haut für gewöhnliche Verbrennungen erklären.
Zur Beurteilung dieser Frage genügt aber der pathologisch-ana-
omische Befund allein ebensowenig, als etwa der Nachweis tuberku-
joiden Gewebes für die klinische. Diagnose eines tuberkulösen Haut-
eidetis genügt. Die Kliniker halten mit Recht die so verschiedene rti-
ten Bilder der Hauttuberkulose auseinander und begnügen sich nicht
nit der anatomischen und ätiologischen Diagnose „Hauttuberkulose“.
Vlan müsste es als einen groben Fehler bezeichnen, wenn eine miliare
lauttuberkulose auf Grund des histologischen Befundes mit einem
-upus vulgaris oder einem Tuberkulid verwechselt würde. Ich
nöchte hier einen Ausspruch Virchows in Erinnerung bringen:
.Das Tote allein gibt uns keinen Aufschluss über das Lebendige.“
Bei den elektrischen Verletzungen handelt es sich ausserdem
un eine bekannte Energie, die nicht bloss in der Form von Wärme
■ich äussert. Inwieweit die chemische, dynamische, Licht-Wirkung
ind andere Wirkungsarten der Elektrizität bei elektrischen Unfällen
:ur Geltung kommen, ist heute nicht mit voller Sicherheit zu be-
•timincn, da die Elektrophysik noch manche Frage nicht geklärt hat.
Ueber die klinischen Erscheinungen der reinen elektrischen
/erletzungen sind, abgesehen von den Beobachtungen J e 1 1 i n e k s,
lirgends genauere Angaben zu finden. Jellinek hat über 700 clek-
rische Unfälle beobachtet und mich vor Jahren angeregt, die elektri-
chen Schäden am Lebenden zu studieren.
Ich möchte mir deshalb erlauben. Ihnen hier — soweit es in der
uirzen Zeit möglich ist — die klinischen Charaktere der „Strnn-
narke“ zu beschreiben und zu illustrieren.
Vorerst sei bemerkt, dass die Schädigung des Allgemeinorgunis-
nus, ev. der Tod durch Verbrennung, bekanntlich von der Ausb-ei-
ung der Verbrennung abhängt. Die Verbrennung ausgedehnter Haut-
lächen tötet durch Resorption von Abbauprodukten aus den \er-
etzten Hautanteilen nach Stunden und Tagen. Der elektrische Stnrk-
trom kann töi^ich wirken bei minimalen Erscheinungen an der Haut;
’ie Elektrizität bewirkt nicht auf dem Wege einer Vergiftung, son-
lern durch die eigene Energie meist plötzlich den Tod.
’) K. Bürker: Das Gesetz der Verteilung des Hämoglobins auf die
»berfläehe der Erythrozyten. Pflügers Arch. 1922. 195, 516.
*) Vortrag, gehalten am Kongress der deutschen Dermatologen, München,
lai 1923.
Versuchen wir die elektrischen Hautschädigungen analog den
Hitzeverbrennungen nach Graden zu ordnen, so sehen wir sofort
einen fundamentalen Unterschied. Die reine elektrische Wirkung ruft
niemals Hyperämie und Exsudation hervor — dem I. und II. Grade
der Verbrennung analoge elektrische Strommarken gibt es nicht.
Stärkere Erytheme oder mit Serum gefüllte Blasen sind immer durch
gleichzeitige Einwirkung von hohen Temperaturen von aussen her
bedingt. Eine klinische Aehnlichkeit zeigen also die Strommarken
nur mit Verbrennungen III. Grades (Nekrose).
Während bei III gradigen Verbrennungen regelmässig kurze Zeit
nach der Einwirkung der Hitze um den verschorften Hautanteil starke
Hyperämie und Blasenbildung eintritt, fehlt Rötung bei Strommarken
tagelang bis zu Wochen oder während des ganzen Verlaufs, und
Serumblasenbildung tritt niemals ein.
Bei elektrischen Unfällen sind sehr häufig an den Verände¬
rungen der Haut elektrische Strom- und Flammenwirkung von aussen
her kombiniert beteiligt, und zwar dadurch, dass entweder Klei¬
dungsstücke in Brand geraten oder Lichtbogen- und Funkenbildung
auftritt, welch letztere Verbrennungen gewöhnlicher Art erzeugen.
Dadurch wird das Bild der reinen elektrischen Strommarke ver¬
wischt und an der Leiche kaum mit Sicherheit gegeneinander ab-
grenzbar; auch der Heilungsverlauf wird ein ähnlicher wie bei ge¬
wöhnlichen Verbrennungen.
Ein auffallendes Unterscheidungsmerkmal liegt im Verhalten der
im Bereich der Strommarke liegenden Haare. Selbst bei bis in die
Subkutis reichender Nekrose bleiben Lanugo oder stärkere Haare
! erhalten, werden nicht vermengt, während bei der Einwirkung hoher
Temperaturen von aussen her, wie sie zur Erzeugung von Nekrosen
bei Verbrennungen III. Grades einwirken müssen, die Haare immer
zerstört werden.
Das subjektive Symptom des Schmerzes, welches Verbren-
j nungen in hohem Grade hervorrufen, fehlt bei einen Strommarken
; völlig oder ist in ganz geringem Grade ausgeprägt. Es gibt Fälle,
in welchen von Starkstrom getroffene Menschen erst abends beim
j Entkleiden durch Löcher in ihren Kleidern darauf aufmerksam wer-
1 den, dass sie an ihrer Haut Strommarken tragen; in solchen Fällen
j zeigen Wäsche und Kleidungsstücke an den Rändern der meist kreis-
| förmigen Löcher keine Spur von Versengung oder Verkohlung.
Auch der Verlauf und die endliche Abstossung der Strom¬
marke weicht von dem der Verbrennungen ab durch das Fehlen von
entzündlicher Hyperämie und Exsudation, durch die geringe Schmerz¬
haftigkeit, durch das beinahe vollständige Fehlen von Eiterung
und konsekutiven septischen Symptomen.
Bei Strommarken intensiverer Art und Ausdehnung ver-
grössert sich ferner die Nekrose im weiteren Verlauf häufig ganz
bedeutend, so dass anfänglich gut vaskularisierte und in der Sensi¬
bilität normale Hautpartien der Nachbarschaft nach 1—2 Wochen erst
der Nekrose anheimfallen können — eine Erscheinung, wie sie uns
von den Erfrierungen her bekannt ist und an die Röntgen¬
wirkung erinnert.
Die Narben nach Strommarken sind immer glatt und geschmei¬
dig, während Verbrennungsnarben zu Hypertrophie neigen.
Das Bild der reinen Strommarken ist übrigens selbst sehr vari¬
abel, abhängig von Stromstärke und -Spannung und von der Dauer
der Einwirkung, sowie von der Ausdehnung, Gestalt und Form der
Kontaktstelle zwischen Leiter und Haut.
Am raschesten wird eine Uebersicht über ihre Formen durch Fin-
teilung in Kategorien gegeben werden können. Wir wollen ganz un¬
verbindlich 4 auffällige Typen unterscheiden, der Intensität der
Stromwirkung entsprechend:
I. Ganz oberflächliche Strommarken, die nur die Epi¬
dermis, ev. die Papillarschicht betreffen, ohne Defekt.
Sie zeigen eben sichtbare Grösse, bis 4 oder 5 mm Durchmesser,
sind meist kreisrund, elliptisch oder strichförmig. Sie bilden scharf
begrenzte Veränderungen der Oberhaut von grauer oder graugeib-
licher Verfärbung und harter Konsistenz; sie liegen gewöhnlich etwas
unter das Hautniveau eingesunken, seltener leicht prominierend. und
werden häufig von einem fahlweissen Saum umrandet. Nach 2-3-
wöchentlichem Bestand hebt sich ohne Zeichen einer entzündlichen
Reaktion die Platte vom Rande her ab, hinterlässt keine Spur oder
nur eine ganz seichte narbige Depression.
II. Die zweite Form ist erosionsähnlich, die Epidermis
fehlt teilweise oder ganz, erscheint manchmal in Form von gas¬
haltigen Blasen abgehoben. Das nässende Rete Malpighi liegt
zutage, bedeckt sich mit einer dünnen, lackartigen Kruste. Die Aus¬
dehnung dieser Strommarken ist erheblich grösser, erreicht mehrere
Zentimeter Durchmesser. Ihre Grenzen sind immer scharf, ohne Ery¬
themsaum, dagegen öfter von weissem Hof umgeben. Die Konsistenz
nicht erheblich erhöht. Ihre Form meistens schcibig oder streifen¬
förmig; es kommen auch unregelmässige Figuren, die der Kontakt¬
fläche mit dem elektrischen Leiter entsprechen, vor. Zuweilen sieht
man die Oberhaut eine Zeitlang in Blasenform abgehoben, das Kavum
enthält niemals Flüssigkeit. Auch diese Strommarken können nach
2 — 3 Wochen mit Restitutio ad integrum abheilen, in vielen Fällen
wird aber der obere Anteil der Kutis nekrotisch und nach Abstossung
des Schorfes durch flache Narben ersetzt.
III. Tief nekrotische Strommarken. Bei dieser
Form, welche hauptsächlich dann entsteht, wenn eine längerdauernde
Berührung mit dem stromführenden Leiter stattgefunden hat, ist die
1120
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. .34 35.
Ausdehnung oft sehr beträchtlich, z.B. die ganze Beugeflache der
Hand einnehmend. Die Weichteile sind schon unmittelbar nach dem
elektrischen Trauma in nekrotische Massen umgewandelt. Von der
Epidermis ist meist keine Spur mehr zu finden, die Verschorfung be¬
trifft die ganze Kutis, die unterliegenden Weichteile, ja selbst den
Knochen Sie präsentiert sich als graue harte, nekrotische Masse, uie ,
häufig zerklüftet, selten verkohlt erscheint. Auch bei dieser mächtigen ,
Verletzung fehlen Zeichen der Hyperämie und Exsudation.
IV Schussähnliche Strommarken; diese selten vor¬
kommende Form weist wie durch eine Gewehrkugel hervorgerufe.ie,
scharf begrenzte, senkrecht in die Tiefe reichende röhrenförmige
Defekte auf, die sich zuweilen in den tieferen Gewcbsschichten scharf
abbiegen. Manchmal erscheint sie in Gestalt eines Spaltes, wie eine
durch Axthieb gesetzte Verletzung. Die fast glatten Wände dieser
Defekte erweisen sich als nekrotisch, aber nur selten oberflächlich
verkohlt. Das Gewebe ist im Moment der Stromeinwirkung vergast
worden. tt ... ,
Aehnliche Bilder geben die Stromaustrittsstellen. Alle 4 ange¬
führten Typen von Strommarken finden sich bei U eberlebenden sowie
bei durch den elektrischen Strom Getöteten. (Demonstration von
farbigen Bildern.)
Klinisch verhalten sich demnach reine Strommarken durenaus
nicht identisch mit Verbrennungen und müssen \on
Dermatologen ebenso differenziert werden wie z.B. die verschiedenen
Formen der Hauttuberkulose. Uebrigens ist genauen Beobachtern,
wie J e 1 1 i n e k, K o 1 i s k o, H a b e r d a, auch am Leichenmatenal
die Eigenartigkeit der elektrischen Verletzungen immer aufgefallen.
Die histologische Untersuchung, auf die ich hier nicht näher
eingehen kann, ergab fast allen Forschern, die sich damit beschäf¬
tigt haben, wie auch uns eine auffallende Aehnlichkeit der Gewebs¬
veränderungen mit jenen Verbrennungen, die durch EinwirKuig
hoher Temperaturen entstehen und auch künstlich an lebender wie
toter Haut erzeugt werden können. Dieses Bild von Verbrennungen
ist aber den Dermatologen durchaus kein neues und unbekanntes; es
ist in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch Biesia-
decki zuerst beschrieben und in seiner Histopathologie von Unna
vor 30 Jahren eingehend studiert; ich kann hinzufügen, dass es sich
auch bei manchen Verätzungen ganz ähnlich vorfindet.
Ich möchte hierzu noch bemerken, dass auch histologisch zwi¬
schen beiden Ursachen der Hautnekrose (Hitzeverbrennung und elek¬
trischer Strom) bei genauer Untersuchung Differenzen sich nach-
weisen lassen. Diese bestehen hauptsächlich darin, dass die charak¬
teristische Ausziehung der weichen Epidermiszellcn zu fädiger Form
bei den Kauterisationen in einer Richtung liegen, welche vom Punkte
der Einwirkung der Hitze radienförmig ausstrahlt. Bei den elektri¬
schen Strommarken dagegen finden sich diese Zellbündel häufig in
sehr verschiedener Richtung verlaufend, oft wirbelförmig angeordnet.
Während bei den Kauterisationen die Veränderungen auf den Ort
der Hitzeapplikation beschränkt auftreten, finden wir bei Strom¬
marken oft in grösserer Entfernung und Tiefe, an Stellen, an welchen
das umgebende Gewebe vollständig normal erscheint, an der äusseren
Wurzelscheide der Haare und an den Schweissdrüsen die charak¬
teristischen Umwandlungen der Stachelzellen, Gasblasenbildung vsw.
Ich muss bezüglich genauerer Details auf die bevorstehende ausführ¬
liche Publikation verweisen (Demonstration von histologischen
Bildern).
Schon von J e 1 1 i n e k wurde wiederholt der Gedanke ausge¬
sprochen, dass die histologischen Veränderungen der Strommarken
dem Einfluss von Wärme ihre Entstehung verdanken, und zwar jener
Wärme, die dem Widerstand des Elektrizitätsleiters entsprecnend
sich im durchströmten Objekt entwickelt, das ist die Joule sehe
Wärme. Zwischen Verbrennungen gewöhnlicher Art und Veränderun¬
gen durch J o u 1 e sehe Wärme besteht der prinzipielle Unterschied,
dass die erstere von aussen her einwirkend allmählich gegen die
Tiefe zu an Intensität abnimmt, den Wärmeleitungsgesetzen ent¬
sprechend, während die .1 o u 1 e sehe Wärme erst in den einzelnen Ge-
webselementen, welche als Leiter fungieren, durch den vorhandenen
Widerstand entstehend, in ganz andersartiger Verteilung die Ver¬
änderungen bis zur Nekrose (wahrscheinlich durch Wärmewirkung)
setzt. Daher erklärt es sich, dass bei reinen Strommarken die sonst
so leicht versengbaren Haare unverletzt bleiben. Denn der vom
Verletzten berührte stromführende Draht z. B. wird ja auch im Mo¬
ment des Stromübertrittes nicht erhitzt. Und so erklärt es sich
ferner, dass die Richtung der in die Länge gezogenen Retezellen, der
Stromverteilung im Gewebe entsprechend, unregelmässig wird und
solche Veränderungen in abseits gelegenen Haaren und Drüsen ge¬
funden werden können, dass weiters bei den schussförmigen Strom¬
marken die Defekte winkelig abbiegen usw. Die Anordnungen dieser
Zellveränderungen im histologischen Präparat sind als die Wegspuren
des elektrischen Starkstroms im Organismus anzusehen.
Die Aetiologie der Strommarke, die elektrische Energie, ist uns
als von der hohen Temperatur wesentlich verschieden bekannt, und
es wäre schon aus diesem Grunde unzweckmässig, für die, wenn
auch einander ähnlichen Gewebsalterationen denselben Namen zu
gebrauchen. Da wir aber auch im histologischen Bilde wesentlicne
Differenzen finden und in den klinischen Erscheinungen nur fallweise
eine äusserliche Aehnlichkeit vorhanden ist, die aber bei Beobachtung
am Lebenden weitgehende Unterschiede in den Erscheinungsformen,
ganz besonders im Verlauf, in der Prognose und in der Abheilung
zeigt, müssen wir als Dermatologen auf einer strengen Abtrennung
der elektrischen Verletzungen von den Verbrennungen gewöhnlicher
Art bestehen und wollen auch fernerhin den Ausdruck „Strommarke
als Bezeichnung für die an Ein- und Austrittsstellen des elektrischen
Stromes entstehenden Veränderungen der Haut festhalten.
Aus der Universitäts-Kinderklinik in Graz.
(Vorstand: Prof. Dr. Franz Hamburger.)
Ueber die Infektiosität der Säuglingstuberkulose.
Von Dr. Alois Bratusch-Marrain. Sekundärarzt.
In den letzten Jahren konnten Hamburger und seine Mit¬
arbeiter Peyrer, Müllegger und D i e 1 1 in einer Reihe von
Fällen Zeitpunkt und Art der Tuberkuloseinfektion ziemlich genau
beobachten, auch Schloss hat eine derartige Beobachtungsreihe
veröffentlicht. In all diesen Fällen ist der Forderung, dass bei den
Infizierten die vorherige Tuberkulosefreiheit festgestellt ist. Genüge
geleistet, doch kommen in diesen Fällen als Infiziens durchwegs Er¬
wachsene in Betracht. Beobachtungen, in denen die Infektion von
einem Säugling ihren Ausgang genommen hat, stammen von
Gutowsky und Klotz, doch weisen die Beobachtungen der bei¬
den Autoren in wichtigen Punkten schwere Lücken auf, so dass ihr
Wert dadurch stark in Frage gestellt wird.
Wir hatten nun in der letzten Zeit Gelegenheit zu zwei Be¬
obachtungsreihen, die für die Frage der Infektiosität der Säuglings¬
tuberkulose manches Bemerkenswerte bieten, und deren Veröffent¬
lichung daher berechtigt erscheint.
B e o b. 1. Der 4X> Monate alte R. L. wurde am 13. VIII. 22 unter dem
Bilde einer schweren akuten Gastroenteritis auf die Säuglingsabtcilung auf-
genommen. Lungen o. B., am 22. VIII. gesellten sich dazu Erscheinungen
einer Lungeninfiltration im rechten Unterlappen. Tuberkulin am 24. VIII. nega¬
tiv, erst am II. IX. positiv. Körpergewicht seit der Aufnahme konstant ab¬
nehmend. Am 21. IX. Tuberkulin wieder negativ, dagegen fanden sich im
Sputum grosse Mengen von Tuberkelbazillen. Das Kind wurde nun auf die
Tuberkulosenabteilung verlegt, wo es nach wenigen Tagen starb.
Die Obduktion ergab: azinös-produktive Phthise der ganzen Lunge, Pleu¬
ritis tuberculosa, jedoch keine ulzerösen Lungenprozesse. Als vermutliches
Infiziens konnte nachträglich der Kindesvater festgestellt werden.
Von den gleichzeitg auf der Abteilung befindlichen 21 Kindern konnten
11 durch längere Zeit (mindestens 6 Wochen, die meisten durch mehrere
Monate) beobachtet werden. Sic alle erwiesen sich bei den regelmässigen
ruberkulinuntersuchungen bis zur Entlassung als nicht infiziert. Allerdings
konnten in diesem Falle die unmittelbaren Bettnachbarn des R. L. nicht be¬
obachtet werden, da sie nach kurzer Zeit starben, bevor sich bei ihnen eine
Tuberkulinetiipöndlichkeit, bzw. klinische oder pathologisch-anatomische
tuberkulöse Veränderungen entwickeln konnten.
B e o b. 2. St. Wr., 14 Tage alte Frühgeburt wurde am 8. XL 22 aui
dieselbe Abteilung aufgenommen. Gewicht 1560 g, Lunge o. B. ; in der Folge
sehr schlechte Gewichtszunahme, Ende November trat an den Fusssohlen
ein luetisches Exanthem auf, ferner über den Lungen diffuses Rasseln, das auf
eine Bronchopneumonie zurückgeführt wurde. Eine Tuberkulinreaktion wurde
nicht angestcllt. JJnter fortschreitendem Verfall am 6. XII. Exitus.
Die Obduktion ergab: multiple käsige Pneumonien beider Lungen, jedoch
keine ulzerösen Prozesse, verkäste tracheobronchiale und peritracheale
Lymphdrüsen.
Wie nachträglich festgestellt werden konnte, war das Kind vermutlich
von seinem Vater infiziert worden.
Ende Januar traten nun bei 3 Kindern, die zeitweise neben dem Kinde
Wr. gelegen hatten, positive Tuberkulinreaktionen auf und eines dieser
Kinder starb auch kurz darauf an Lungentuberkulose.
Bei den übrigen Kindern der Abteilung, so auch bei 2 Kindern, die in]
demselben Raum mit dem Kinde Wr., jedoch etwas weiter entfernt als die;
3 erwähnten Kinder, gelegen hatten, blieb die Tuberkulinreaktion dauernd!
negativ. Es ist also mit Sicherheit anzunehmen, dass die 3 Kinder von:
Kinde Wr. infiziert wurden, besonders da das Pflegepersonal durch wieder¬
holte Untersuchungen einwandfrei ausgeschlossen werden konnte und aus-,
wärtige Besuche auf die Abteilung nicht zugelassen werden.
Der scheinbare Widerspruch der beiden Beobachtungen findet
wohl darin seine Erklärung, dass eben im ersten Falle die unmittel¬
baren Bettnachbarn des R. L. nicht weiter beobachtet werden konn¬
ten, und die Infektion auf grössere Entfernungen, wie ja auch am
Beob. 2 erhellt, nicht möglich ist. Es sind ja gewiss viele Kindeil
manchmal für ganz kurze Zeit in die gefährliche Nähe des R. L. ge
kommen, doch war die Wahrscheinlichkeit der Infektion bei diesen
kurzen Beisammensein eben gering.
Schwierig ist es, in unserem Falle sich ein Urteil darüber zu
bilden, auf welchem Wege die Infektion vor sich gegangen ist. Da
Nächstliegende wäre, an eine Tröpfcheninfektion im Sinne de
Flug ge sehen Schule zu denken, die sicherlich den häufigsten ln
fektionsmodus darstellt, doch erscheint es in Anbetracht der grosser
Schwäche des bazillenhustenden Kindes etwas unwahrscheinlich, das
dieses seine Hustentröpfchen auf 1 m Entfernung verschleudern
konnte; immerhin erscheint die Möglichkeit dieser Ansteckungsar
nicht ausgeschlossen. Zu denken wäre auch an eine Verbreitung de-
Bazillen, die vom Kranken auf die Gegenstände seiner unmittelbare
Umgebung verstreut wurden, mit dem von dort aufgewirbelten Stauf
Doch erscheint uns dieser Weg noch viel unwahrscheinlicher.
Jedenfalls lehren unsere Beobachtungen, dass auch ein gan
schwacher Säugling imstande ist, seine Umgebung zu infizieren, aller
dings nur auf ganz kurze Entfernung, wie dies auch Hamburgs
und M ii 1 1 e g g e r in einem Falle für ältere Kinder wahrscheinlfc
gemacht haben.
31. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1121
Was nun die Frage des Schutzes gegen die Infektionsgefahr an¬
langt, so ist bei der Schwierigkeit der Diagnose der Säuglingstuber¬
kulose die Anstellung der Tuberkulinreaktion bei den neuauf genom¬
menen Kindern als wertvolles Hilfsmittel zur rechtzeitigen Erken¬
nung der Gefahr zu empfehlen, weiters die Isolierung der verdächti¬
gen Kinder mittels der seinerzeit von Hcubner empfohlenen
Schirme, die nach den oben auseinandergesetzten Anschauungen über
den Infektionsmodus einen ausreichenden Schutz gewähren dürften.
Literatur.
F. Hamburger: Die Tuberkulose des Kindesalters. 2. Aull. 1912. —
Derselbe: Brauers Beitr. 17. — Derselbe und Müllegger:
W.kl.W. 1919 Nr. 2. — Dietl: Brauers Beitr. 25. — Peyrer: W.kl.W.
1920 Nr. 23. — Schloss: Jahrb. f. Kinderhlk. 1917. — Qutowsky:
Zschr. f. Kinderhlk. 1919, 22. — Klotz: M.m.W. 1920, Nr. 33.
Beitrag zur Jod-Kropfprophylaxe in den Schulen.
Von Dr. med. Lutz, Wollmatingen a. Bodensee.
Die Versuche, die in neuerer Zeit durchgeführt wurden, um die
Möglichkeit der Beeinflussung des kindlichen Kropfes durch kleinste
Jodgaben festzustellen, sind, soweit mir bekannt geworden ist, fast
durchweg zugunsten dieser „Jod-Prophylaxe“ ausgefallen und haben
z. B. dazu geführt, dass in der Schweiz heute die gute Wirkung
dieser Therapie bereits als feststehend erachtet und die Jodbehand¬
lung infolgedessen an der weitaus grössten Mehrzahl der Schulen
durchgeführt wird.
Ich bin dazu in der Lage, aus eigener Erfahrung über Ergebnisse
zu berichten, die ich selbst mit der Jod-Kropfprophylaxe in unserer
kropfreichen Gegend durchgeführt habe; ich benutzte dabei als Prä¬
parat die D i j o d y 1 kügelchen der J. D. R i e d e 1 - A.-G., Berlin,
welche 0,0065 g Dijodyl, d. h. nur 0,003 g Jod, enthalten und sich auch
nach anderen Autoren für den hier zu besprechenden Zweck als
recht geeignet erwiesen haben.
Meine Versuche begannen am 13. November 1922, die letzte für
meinen Bericht heranggzogene Untersuchung wurde am 23. März 1923
vorgenommen. Ausgewählt wurden Kinder im Alter von durch¬
schnittlich 12 Jahren, denen alle 14 Tage 1 Dijodylkügelchen ver¬
abreicht wurde, so dass jedes Kind insgesamt 10 Kügelchen ver¬
brauchte.
Trotz oder vielmehr infolge dieser geringen Jodmenge war eine
ausgezeichnete Wirkung auf die Kropfbildung zu beobachten; es
wurden genaue Maasse festgestellt, die nachfolgend in einer Tabelle
wiedergegeben seien.
Fall
Halsumfang
Zu- oder
13. Nov. 1922
23. März 1923
Abnahme
1
cm
30
cm
29
cm
—1
2
31
26,5
-4,5
3
31
29
—2
4
31
28
-3
5
30
28
—2
6
29
27
—2
7
31
26
-5
8
29
27
— 2
9
30
29
—i
10
32
31
— 1
11
29
26,5
-2,5
12
31
27.5
—3,5
13
30
27,5
-2,5
14
30
26,5
—3,5
15
29
28
-1
16
29
28
—1
Die vorstehende Aufstellung ergibt deutlich einen vollen Erfolg
der eingeleiteten Massnahmen: Das subjektiv beobachtete Ver¬
schwinden der äusseren Sichtbarkeit eines Kropfes wurde belegt
durch die objektiv durch Messung bewiesene Abnahme des Halses,
die durchschnittlich 2,34 cm betrug. Am deutlichsten sichtbar war
die Wirkung der eingeleiteten Prophylaxe bei den Fällen 2 und 7,
wo das Maass des Halsumfanges sogar um 4,5 bzw. 5 cm zurückging.
Lediglich bei 2 aller behandelten 16 Fälle ist ein vollständiges
Verschwinden des Kropfes im Zeitraum der Untersuchung noch nicht
erfolgt, obwohl auch in diesen Fällen eine deutliche Abnahme um je
1 cm beobachtet werden konnte; es handelt sich um die Fälle 9 und
10, bei denen die Behandlung deshalb noch weiter fortgesetzt wird.
Die 16 zu dem Versuch herangezogenen Kinder gehörten sämtlich
ein und derselben Klasse an, welche im ganzen 30 Schüler und Schü¬
lerinnen umfasste; alle 16 hatten vor Einleitung der Prophylaxe
Kropferscheinungen, während nur die restlichen 14 völlig frei von
solchen waren — ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr der Kropf
schon unter unserer Schuljugend verbreitet ist und eine eingehende
und sorgfältige Behandlung verdient.
Für uns waren die Ergebnisse der hier wiedergegebenen Unter¬
suchungen. zumal dann auch in den anderen Klassen ähnliche Erfolge
über die Behandlung des kindlichen Kropfes mit Dijodylkügelchen
erzielt werden konnten, ein Grund dazu, diese Dijodyl-Kropfprophy-
laxe auf erheblich verbreiterter Basis durchzuführen. Die Verabrei¬
chung der Kügelchen erfolgt in dem angegebenen Zwischenraum von
je 14 Tagen durch den Klassenlehrer, der bei uns noch niemals bei
den Kindern oder Eltern auf irgendwelche ernsthafte Widerstände
gestossen ist; wichtig ist, dass die Behandlung im übrigen i ber.so
billig wie einfach ist und dass es sich bei den von uns verwendeten
Dijodylkügelchen um ein Präparat handelt, welches auch von so
schwierigen Kranken, wie den Kindern, als „wohlschmeckend“ stets
gern genommen wurde.
Das Orthometer, ein Maassstab zur Grössenbestimmung
des Herzens am Röntgenschatten*).
Von Dr. Lilienstein, Bad Nauheim.
Sogleich nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen haben eine
Reihe von Forschern (ürunmach, L i c h t h e i m, Rieder,
Holzknecht, Beclere, de la Camp und viele andere) ihre
Bedeutung für die Herzuntersuchung erkannt. Dabei sind die Schwie¬
rigkeiten, die sich der Beurteilung der wahren Herzgrösse aus dem
Herzschatten entgegenstellen, von vornherein keineswegs übersehen
worden.
Einen grossen Fortschritt stellte es dar, als M o r i t z und Levy-
Dorn die Herzzeichnung mittels paralleler, zum Leuchtschirm senk¬
rechter Strahlen, das sog. Orthodiagramm einführten. Auch die
von Köhler angegebenen Teleröntgen - Aufnahmen hatten den
Zweck, nahezu parallele Strahlen zur Erzeugung des Herzschattens
zur Verwendung zu bringen.
Freilich ist es auch jetzt noch unmöglich, mit Hilfe einer Auf¬
nahme des Herzschattens die Herzgrösse bis auf Millimeter genau zu
ermitteln; denn erstens ist die Schattengrenze nur selten so scharf,
dass Ablesungen von 1 mm möglich sind, zweitens pulsiert das
Herz während der Untersuchung und nimmt auch an der respiratori¬
schen Bewegung teil. Daher kann es während der Aufnahme nicht
nur seine Lage, sondern auch seine Grösse erheblich ändern. Drittens
ist, wie Moritz gezeigt hat, der verschiedene Abstand verschie-
dner schattenbildender Herzteile von der Brustwand bzw. vom
Leuchtschirm, die Neigung der Herzachse zum Schirm, eine nicht zu
unterschätzende Fehlerquelle.
Will man aus dem Schatten, den das Herz auf den Röntgenschirm
wirft, auf die tatsächliche Dimension des Herzens schliessen. so muss
man sich auch darüber klar sein, dass die Umgrenzung des Schattens
davon abhängig ist, welche Teile des Herzens von den Grenzstrahlen
getroffen werden; bei verschiedener Strahlenrichtung, bei verschie¬
dener Lagerung des Herzens können es ganz verschiedene Teile sein,
die auf den Leuchtschirm projiziert werden.
Exakte Normalmaasse aufzustellen ist überhaupt nicht
möglich, da die Gesamtgrösse des Herzens von Alter, Geschlecht und
Körpergrösse erheblich abhängt. Für die Zwecke der Praxis
genügt es aber andererseits zumeist, festzustellen, ob eine Vergrösse-
rung des Herzens existiert und welcher Teil des Herzens von ihr
betroffen ist.
Als „zuverlässige Maasse“ haben sich nach Moritz in erster Linie die
sog. Medianabstände erwiesen, wobei unter Medianabstand links der
grösste Abstand des linken Herzschattenrandes von der Körpermittellinie,
unter Medianabstand rechts der grösste Abstand rechts von der Mittellinie zu
verstehen ist. Ihre Summe ergibt die „Transversaldimension“ des Herzens.
Bei wiederholten Untersuchungen unter verschiedenen Versuchsbedingungen
erwies sich diese stets als konstant. Die Transversaldimension ist sowohl
bei Durchleuchtungen, als auch bei Aufnahmen an leichtesten festzustellen,
schon deshalb, weil als Kontrastkörper hierbei vorzugsweise Lungengewebe
in Betracht kommt.
Die Mittellinie wird auf der Röntgenpause und der Photographie am besten
durch Halbierung der ganzen Thoraxbreite, sonst auch durch eine Bleimarke
auf der Mitte des Sternums festgelegt. Die bogenförmigen Ausbuchtungen des
Herzschattenrandes am „normalen“ Herzen werden rechts unten vom rechten
Vorhof, rechts oben von der Vena cava superior oder der Aorta ascendens,
links unten vom linken Ventrikel, in der Mitte von der Arteria pulmonalis
und links vom Arcus aortae gebildet. Bei pathologischen Veränderungen ist
die Entfernung dieser Bogen von der Mittellinie für viele Herzkrankheiten
charakteristisch. Durch diese Maasse wird auch die allgemeine „Konfigura¬
tion“ des Herzens im wesentlichen bestimmt. Die meisten Herzkrankheiten
gehen mit einer Vergrösserung eines Herzteiles einher, entweder mit einer
Vergrösserung der Herzhöhlen oder mit einer Zunahme der Wandstärke,
häufig auch mit einer Kombination von beiden oder mit stärkerem Hervor¬
treten des Herzbeutels, bzw. dessen Füllung. Diese Veränderungen in der
Grosse eines Herzteiles machen sich in der überwiegend grossen Zahl der
Fälle durch Veränderung der oben erwähnten Randbogtn und ganz besonders
der beiden untersten, rechts und links, die die Transversaldimeusion be¬
dingen, bemerkbar.
In der Orthodiagraphie und in der Teleröntgenaufnahme bieten sich aus¬
gezeichnete Mittel dar, um eine objektive Bestimmung und Darstellung der
wahren Her/.grösse vorzunehmen. Diese beiden Wege erfordern aber einen
Aufwand an Apparatur und Kosten, durch den ihre Benutzung unter den
jetzigen wirtschaftlichen Verhältnissen sehr erschwert wird. Die grosse Ver¬
teuerung aller Hilfsmittel, insbesondere der Röntgenplatten, führte mich dazu,
eine einfache Methode zu suchen, die ohne grossen Aufwand an Mitteln hin¬
reicht, die wahre Transversaldimension des Herzens in jedem Fall zu be¬
stimmen.
Bei der gebräuchlichen Röntgenanordnung gehen die Röntgenstrahlen von
einem Punkte aus. Der von ihnen auf den Schirm geworfene Schatten eines
Objekts stellt also eine sog. „Zentralprojektion“ dar. Auf geometrischem
Wege lassen sich nun, wenn die Zentralprojektion eines Objektes gegeben ist,
die Dimensionen des Objektes selbst berechnen und konstruieren, wofern nur
die relative Lage von Objekt, Schirm und Lichtquelle bekannt ist.
*) Nach einem Vortrag mit Demonstration auf dem Kongress für innere
Medizin in Wien, 9. b:s 12. April 1923.
4
1122
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 34 35.
Die Verhältnisse lassen sich durch Figur (1) klarlegen. Von der Licht¬
quelle i (dem Fokus der Röntgenröhre) gehe ein Strahlenbündel f a, f b aus,
das von dem Objekt d e auf dem Leuchtschirm einen Schatten a b entwirft.
Die Entfernung des Fokus vom Leuchtschirm b c (60 cm) ist bekannt. Ist
nun der Abstand des Objekts vom Leuchtschirm ge = h konstant, so lässt
sich aus dem Schatten (a b) auf dem Leuchtschirm durch einfache Rechnung
de _ 60-h . i6U-h) ab
die Grösse des Objekts (de) bestimmen: rr — ^ also: de —
Hat man die Entfernung des Fokus vom Leuehtschirm cm für allemal
und diejenige des Herzens in jedem einzelnen Fall festgestelit, so lässt sich
für jeden solchen Fall ein Maassstab konstruieren, der es gestattet, an einer
Messung des Herzschattens unmittelbar z. B. die wahre Transversaldimension
des Herzens abzulesen. Bei unverändertem Fokusabstand des Leuchtschirms,
z. B. 60 cm, muss man also für verschiedene Personen verschiedene Maass¬
stäbe verwenden.
Liegt bei der Aufnahme oder Durchleuchtung des Herzens die Brust¬
wand dem Leuchtschirm unmittelbar an (Fig. 1), so kann man in der Praxis,
wie ich empirisch feststellte, als Entfernung des schattenwerfenden Herz¬
teiles vom Leuchtschirm ein Drittel des Thoraxsagittaldurch-
m e s s e r s in die Rechnung einstellen.
Bei Kindern z. B. ist der Abstand des Herzens vom Leuchtschirm
■ — anliegende Brustwand vorausgesetzt — nur gering (ca. 5 cm), die Ver¬
zeichnung des Schattens gegenüber der wahren Herzgrösse daher ganz, un¬
bedeutend, so dass Orthodiagramm und Herzpause (bzw. Photographie in
60 cm Fokusabstand) übereinstimmen.
Die hiernach sich ergebenden relativen Grössen der Medianabstände
von 1 bis 15 cm nach links und von 1 bis 6 cm nach rechts und für Thorax-
sagittaldurchmesser von 15 bis 33 cm habe ich auf Maassstäbe abgetragen.
Ich habe im Laufe des letzten Sommers eine grosse Zahl von Fällen
am Röntgenschirm untersucht und hierbei die Herzgrösse zunächst rechnerisch
aus unmittelbar aufgenommenen Maassen und dann mittels der eigens hierfür
konstruierten Maassstäbe festgestellt.
Die so erhaltenen Maasse habe ich an Orthodiagrammen nachgeprüft und
die Richtigkeit der Ablesungen bis auf wenige Millimeter genau gefunden.
Der Maassstab, das sogen. Orthometer, dient also dazu, die Ver¬
zeichnung des Herzens am Röntgenschirm dadurch zu korrigieren, dass für
jeden Zentimeter der wahren Herzgrösse ein der Verzeichnung entsprechendes,
vergrössertes Maass aufgetragen ist. Wenn z. B. der Medianabstand links
im Orthodiagramm 10 cm beträgt, so würde ein normaler Massstab beim j
Fokusabstand 60, bei Sagittadurchmesser 31 cm durchschnittlich 11.3 cm am
Herzschattenbild anzeigen. Der von mir konstruierte Massstab ist aber
so eingestellt, dass er nicht 11,3 cm zeigt, sondern unmittelbar den wahren
Medianabstand von 10 cm abzulesen gestattet.
Selbstverständlich kann mit diesem Massstab jede -Röntgenplatte und
Herzschattenpause ausgemessen werden, und zwar vorausgesetzt, dass sie in
60 cm Fokusabstand aufgenommen worden ist *).
Schaltet man zwischen Brust¬
wand und Leuehtschirm einen Sperr¬
körper ein, so dass das Herz d/ e
(Fig. 2) um 10 cm weiter vom
Leuehtschirm entfernt ist, so wird
die Verzeichnung des Herzens und
jedes einzelnen Zentimeters ver-
grössert und daher wird die Ab¬
lesung am Massstab erleichtert
(Schatten g — h statt a — b Fig. 2).
Das Orthometer besteht aus
6 Zelluloidstreifen, 3 zur Benutzung
mit Distanzkörper, 3 ohne denselben.
Streifen Nr. 1 bezieht sich auf
den Brustkorb mit sagittalem Tho¬
raxdurchmesser von 15 — 21 cm
(Kinder), Nr. 2 mit Sagittaldurch-
messer von 21 — 27 cm (Männer und
magere Frauen), Nr. 3 für Sagittal-
durchmesser 27 — 33 cm (korpulente
Männer und Frauen).
Hat man also mit dem Taster¬
zirkel den Sagittaldurchmesser etwa
mit 21 ermittelt (bei einem Mann), so
wird der Zelluloidstreifen Nr. 2 so
auf die Pause oder die Photographie gelegt, dass an der zu messenden Strecke
z. B. c — b (Medianabstand links) die unterste Linie (21) angelegt wird, so dass
sich die Null-Linie (0) mit a deckt; wir finden dann, dass Punkt b von
0 Die Messung an der Röntgenpause ist bequemer, als die unmittelbare
Messung des Schattens bei der Durchleuchtung und daher dieser vorzuziehen.
Teilstrich 10 gedeckt wird. Das bedeutet also 10 cm wirkliche Herz¬
dimension; messe ich die Strecke a — b mit dem normalen Zentimetermaass
aus, so würde man 11.3 cm, also die Schattendimension finden.
Es werden auch Orthometer für die Fokusdistanz 70 cm und 80 cm her-
gestellt. Das Orthometer kann an jedem Leuehtschirm angebracht werden T).
Ich möchte nicht verfehlen, meinem Assistenten, Herrn I)r. Hans
Strauss, sowie Herrn cand. med. Hans Wagner für die Unter¬
stützung bei den Berechnungen und Zeichnungen, sowie Herrn Kol¬
legen Dr. Franz Q r o e d e 1 für die Hinweise auf die Literatur bestens
zu danken.
Literatur.
1. Beel öre: Semaine mödicale 1898 Nr. 3. — 2. Dietlen: M.mAV.
1907 Nr. 1, 1908 Nr. 10, Nr. 34, Nr. 40, 1913 Nr. 32. — 3. Grangerard:
Journal de Radiologie et d’Eleetrologie 1920, 4, Nr. 3 S. 133. — 4. Grun-
mach: M.m.W. 1897 Nr. 1. Ther. Mh. 1897 H. 1. — 5. G r o e d e 1 : Rönt-
gendiagn. 1922. — 6. Holzknecht: Fortschr. d. Röntgenstr. 1901. —
7. K n o x: Proc. Royal Society of Medizine 1923, 16. — 8. Köhler: D.mAV.
1908. — 9. Levy-Dorn: B.kl.W. 1910 Nr. 44, Zschr. f. klin. M. 72 H. 5. —
10. Moritz: Fortschr. d. Röntgenstr. 7; derselbe: D. Arch. f. klin. M.
1905, 81, 82. — 11. Woodbur n, M o r i s o n and White: Arch. of Radiol.
and Electrother. 1918—1919, 23, S. 282.
VIII. Aus meiner Gerichtsmappe.
Anklage des Dr. S. wegen fahrlässiger Tötung.
Von A. Döderlein.
Am 9. November 1919, früh zwischen 3 und 4 Uhr, wurde die Hebamme
D. zu der M. in H. gerufen, die am Ende der Schwangerschaft Wehen be¬
kommen hatte. Die Hebamme kam um 5 Uhr morgens an, untersuchte die
Kreissende, die sie als eine kräftige, grosse Person bezeichnete, und stellte
Kopflage bei reifem Kinde fest. Die Wehen waren schwach. Bei einer zwi¬
schen 12 und 1 Uhr mittags vorgenommenen Untersuchung fand die Heb¬
amme den Muttermund handtellergross geöffnet und sie glaubte, dass in eini¬
gen Stunden die Geburt bei richtiger Wehentätigkeit glatt verlaufen würde.
Die Wehen liessen jedoch nach und so wurde nachmittags 5 Uhr telephonisch
Dr. S. zu Hilfe gerufen. Die Zeit des telephonischen Anrufs ist deshalb
genau festgestellt, weil am Sonntag das Telephon in H. nur von 5 — 6 Uhr
offen ist. Dr. S. traf alsbald die Vorbereitungen zur Entbindung und fuhr
dann mit Pferdefuhrwerk 5 Uhr 30 Min. von zuhause weg. Er brauchte zum
Zurücklegen des im November sehr schlechten Weges bis H. 2l/> — 3 Stunden.
Unterwegs hatte er in der Apotheke und dienstlich zu tun, wobei er sich
etwa 14 Stunde in einem Gasthause aufhielt, wo er ein Glas Bier trank. Die
in der Anzeigeschrift des Rechtsanwaltes G. enthaltene Angabe, dass vorher
Dr. S. im Wirtshaus getrunken haben soll und deshab betrunken zu der
Kreissenden gekommen sei, ist durch mehrfache Zeugenaussagen als nicht
der Wahrheit entsprechend abzulehnen. Um 9 Uhr kam dann Dr. S. zu der
Kreissenden. Nach Untersuchung erklärte er, dass das Kind eine falsche
Lage habe, eine Angabe, die er selbst als nicht zutreffend bezeichnet; er
habe die Aeusserung aus Schonung für die Hebamme fallen lassen, um den
Angehörigen gegenüber die Beiziehung eines Arztes zu rechtfertigen. Ein
Vorwurf kann aus dieser Angabe nicht abgeleitet werden. Es wurde nun
die Kreissende narkotisiert. Dr. S. legte die Zange an, konnte jedoch das
Kind mit der Zange nicht entwickeln, da sie „abrutschte“. Dann nahm er
die Wendung des Kindes auf die Füsse vor, extrahierte das Kind bis zum
Hals, was mit einigen Schwierigkeiten gelang; doch konnte er den nachfol¬
genden Kopf nicht entwickeln. Er selbst versuchte von aussen zu drücken,
nachdem er sich über die Kreissende stellte und mit beiden Händen den
Kopf des Kindes von aussen in das Becken hineinzudrücken suchte. Als
das nicht gelang, zog er selbst von unten und liess die Hebamme gleich¬
zeitig von aussen den Kopf hereindrücken. Auch dies führte nicht zum
Ziele. Die Angabe des Rechtsanwaltes, dass Dr. S. die Hebamme veranlasst
habe, sich auf den Leib der Wöchnerin zu setzen und zu kneten, muss als
ungerechtfertigte Entstellung dieser an sich nicht unsachgemässen Hilfe¬
leistung bezeichnet werden. Dr. S. schritt, nachdem diese Extraktionsversuche
des Kopfes vergeblich waren, zur Perforation des nachfolgenden Kopfes.
Schliesslich gelang es den vereinten Bemühungen, durch Zug von unten und
Druck von oben den Kopf zu entwickeln. Die Perforation selbst war nicht
gelungen, denn die spätere Leichenöffnung des Kindes hat ergeben, dass weder
„das Gehirnzelt noch die Schädelgrundknochen“ verletzt waren. Eine Er¬
öffnung des Schädels hat also nicht stattgefunden und die Perforation
hat lediglich zu einer oberflächlichen Verletzung der weichen Kopfbedeckung
geführt. Nach der Extraktion des Kindes stellte Dr. S. einen Dammriss fest,
der sofort genäht wurde. Die Beleuchtung geschah mit einer Wachskerze,
und war äusserst mangelhaft, ein Umstand, der von Bedeutung ist, da es sich
schliesslich herausstellte, dass der Dammriss III. Grades, der auch eine aus¬
gedehnte Zerreissung des Mastdarms veranlasst hatte, nicht vollkommen genäht
war und daraus ein Vorwurf abgeleitet wurde. Nachdem Dr. S. um 10 Uhr
die Entbundene verlassen hatte, blieb die Hebamme noch bis zum Morgen des
folgenden Tages bei ihr. Sie gibt an, dass die Wöchnerin in der Nacht nicht
geschlafen habe wegen grosser Schmerzen. Sie habe dann am folgenden Tage
katheterisiert und etwa 1 Liter Urin entleert. Am nächsten Tage habe sie
wegen abermals grosser Schmerzen der Wöchnerin ein Klystier gegeben, wo¬
bei sie bemerkte, dass die zum Klystier verwandte Seifenlösung durch die
Scheide abfloss, woraus sie eine Verletzung des Mastdarms und eine Ver¬
bindung zwischen Mastdarm und Scheide schloss. Sie benachrichtigte tele¬
phonisch Dr. S. von diesem Befunde. Er erklärte zuerst, dass er keine Zeit
habe, zu kommen. Auf weiteres telephonisches Drängen des Vaters der
Wöchnerin sagte er dann seinen Besuch zu und begab sich am 11. November
mit Bezirksarzt Dr. M. zu der Wöchnerin, die fiebernd im Bette lag und an¬
scheinend sehr elend war. Die Wöchnerin wurde narkotisiert; die alten Nähte
des Dammrisses wurden entfernt und Dr. S. nahm eine neue Naht Jes
Dammrisses vor, da er nicht vollständig vernäht war. Dr. M. hatte den Ein¬
druck. dass die Wöchnerin wohl kaum mit dem Leben davonkommen werde.
Da Dr. S. dann selbst nicht mehr zur Wöchnerin kym, wmrde am 14. Novem¬
ber Dr. B. gerufen, welcher die Wöchnerin für verloren erklärte. Sonntag,
-) Fabrikation und Vertrieb des Instruments haben die Veifa-Werke A.G.
Frankfurt a. M. übernommen.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
112.?
1. August 192.1.
6. November, abends 9 Uhr starb dann die Wöchnerin; sie wurde am 19. No-
ember beerdigt; das Kind war bereits am 11. November beerdigt worden.
Da der Vater der Verstorbenen verschiedentlich hörte, dass Dr. S. teils
•egen Trunksucht teils aus anderen Gründen kein Vertrauen bei seinen
ranken geniesse, so erstattete er am 9. Mürz 1920, also 3 Monate nach dem
ode der Wöchnerin, auf Grund des Drängens seiner anderen Kinder Anzeige,
in zu verhindern, dass Dr. S. noch andere ungücklich mache. Cr beschul-
igte den Dr. S. der fahrlässigen Tötung seiner Tochter.
Cs wurden nun die Leichen der Wöchnerin und ihres Kindes ausgegraoen
ad eine gerichtliche Sektion beider vorgenommen, welche ergab, soweit das
.■i dem vorgeschrittenen Verwesungszustand der Leichen festgestellt werden
onnte. dass bei der Kindsmutter ein vollkommener Scheiden-Mastdarmriss
orhanden war, der 6 cm in die Höhe hinaufreichte, und dass Veränderungen
n der Gebärmutter und den benachbarten Organen sich fanden, die auf eine
uerperale Infektion schliessen Messen, so dass als Todesursache Kindbett¬
eber angenommen werden musste. Die Sektion der Kindesleiche ergab
ichts Wesentliches ausser dem schon oben genannten Befund, dass die Per¬
iration nicht zur Cröffnung des Schädels geführt hatte.
Die Frage, ob Dr. S. bei der Entbindung der M. fahrlässig ge-
andelt hat und dies die Ursache der folgenden Erkrankung und des
ödes war, muss verneint werden. Sein Vorgehen kann allerdings
om wissenschaftlich-geburtshilflichen Standpunkt aus nicht in allen
'ingen gebilligt werden. Unrichtig ist, wenn Dr. S. vorgeworfen
ird. dass er versäumt habe, zur rechten Zeit zur Kreissenden zu
ominen, und dass die Zeitspanne von 4 — 5 Stunden bis zu seinem
ukommen die günstigste Zeit für die Entbindung habe versäumen
tssen. Abgesehen davon, dass Dr. S. wohl kaum viel früher hätte
ur Kreissenden kommen können, muss nach Lage des Falles gesagt
erden, dass lediglich die Wehenschwäche die Veranlassung der Ge-
urtsverzögerung war und dass bei der in Betracht kommenden Zeit
on einigen Stunden hierin keinerlei Gefahr erblickt werden kann,
n Gegenteil, wäre Dr. S. noch viel später zu der Kreissenden gekem-
len. so wäre aller Wahrscheinlichkeit nach anzunehmen, dass in¬
wischen stärkere Wehen eingesetzt hätten, wie dies so häufig nach
ingerdauernder Wehenschwäche von selbst auftritt, und dass in¬
wischen die Kreissende vielleicht von selbst entbunden hätte oder
ie operative Beendigung der Geburt mit der Zange nicht auf solche
chwierigkeiten gestossen wäre, wie dies tatsächlich der Fall war.
Dass Dr. S. alsbald nach seiner Ankunft die Zange anlegte, ist
ielleicht nicht ganz zu billigen. In seinen Aussagen ist nichts ge-
aues über den Stand des Kopfes angegeben. Die Hebamme gibt zu,
ass der Kopf „noch reichlich“ hoch stand, und aus der Tatsache,
ass ihm nachher die Wendung gelang, muss geschlossen werden,
ass der Kopf nicht zangenrecht im Becken gestanden war. Auch die
atsache, dass die Zange abglitt, lässt vermuten, dass der Kopf zum
lindesten nöch sehr ungünstig für das Anlegen der Zange stand,
nd wenn dies der Fall war, wäre es vielleicht besser gewesen,
enn Dr. S. noch gewartet hätte, zumal aus dem Protokoll nicht er-
chtlich ist, dass von seiten der Mutter wie des Kindes eine unbe-
ingte Notwendigkeit zur Vollendung der Geburt gegeben war. Ist
amit der Versuch der Zangenoperation wohl nicht ganz zu recht-
irtigen, so ist doch anderseits nicht zu schliessen, dass daraus eine
esentliche Gefährdung der Kreissenden entstand. Die Verletzung,
ie sich nach der Geburt fand, dürfte kaum dem Zangenoperations-
ersuch zur Last zu legen sein, und andere Verletzungen von Gebär-
uitter oder gar Blase waren nicht vorhanden.
Dass Dr. S. nach dem vergeblichen Zangenversuch die Wendung
usführte, halte ich für einen Fehler, denn Wendung und Zangen-
peration schliessen sich gegenseitig aus. Die Zange sollte nur an
inen tief und fest im Becken stehenden Kopf angelegt werden, wenn
nders sie das Ziel erreichen soll, „ein lebendes Kind auf natürlichem
Y’ege zu entwickeln“. Die Wendung sollte nur bei über dem Becken¬
ingang beweglichem Kinde ausgeführt werden, wenn anders sie das
ind und die Mutter nicht so gefährden will, dass beide darüber zu¬
runde gehen. Wenn ich somit die Vornahme der Wendung nicht
utheissen kann, so darf ich doch nicht soweit gehen, dies als eine
ahrlässigkeit zu bezeichnen; denn es ist etwas anders, ob ich das
landein eines Arztes vom wissenschaftlich-geburtshilflichen Stand¬
unkt aus beurteile, oder vom strafgesetzlichen aus. Wie der Ob-
uktionsbefund ergibt, war bei der Verstorbenen keine Verletzung
er Gebärmutter oder anderer Organe vorhanden, abgesehen von
em Mastdam-Scheidenriss, dessen Entstehung nicht auf die Wen-
ung zu beziehen ist. Wenn die Vornahme der Wendung auch nicht
erteidigt werden kann, so darf nicht behauptet werden, dass diese
er Wöchnerin das Leben gekostet habe.
Die Entstehung des Mastdarm-Scheidenrisses ist auf die gewalt-
ame Entwicklung des nachfolgenden Kopfes zu beziehen, die offen-
ar durch die straffen Weichteile der nicht mehr jungen Erstgebä-
enden sehr erschwert war. Es kommt dabei dann, wenn der Kopf
iötzlich und mit grosser Gewalt entwickelt wird, zu einem Nach¬
eben dieser straffen, unelastischen Weichteile durch Zerreissen, und
s handelt sich dann in der Regel um hoch in den Mastdarm iiinauf-
eichende Risse, wie dies hier der Fall war. Wenn dies auch bei
twas schonenderem Verfahren hätte vermieden werden können, so
ann doch hier von einer Fahrlässigkeit des Handelns des Arztes
eine Rede sein, denn zwischen gewisser Ungeschicklichkeit und
ahrlässigkeit ist ein grosser Unterschied. Dabei muss berücksich-
igt werden, dass die Ausübung der Geburtshilfe unter den ungiin-
tigen Verhältnissen des Privathauses, bei Kerzenbeleuchtung und
nter alleiniger Assistenz der Hebamme ausserordentlich viel schwie¬
riger und nachteiliger ist als etwa unter den Verhältnissen einer
Anstalt.
Wenn Dr. S. weiterhin ein Vorwurf daraus abgeleitet wird, dass
er den Riss nicht gleich genügend genäht habe, und wenn aus dem
Einfliessen der Klystierflüssigkeit in die Scheide die Ursache für das
tödliche Kindbettfieber abgeleitet wird, so kann ich dem nicht bei¬
stimmen; denn ich glaube, dass zur Zeit der Vornahme des Klystiers
die Wöchnerin bereits schwer erkrankt war, wofür die Tatsache des
von der Hebamme konstatierten Fiebers von 39,3 Grad spricht. Auch
wenn der Dammriss gleich sachgemäss genäht worden wäre, so ist
doch erfahrungsgemäss das primäre Verheilen eines derartigen kom¬
pletten Dammrisses eine so seltene Ausnahme, dass mit dieser Mög¬
lichkeit gar nicht gerechnet werden darf. Der Dammriss dritten Gra¬
des stellt eine schwere Verletzung der Betreffenden dar; aber die
Ursache der tödlichen Erkrankung ist er nicht gewesen. Aus dem
Entstehen des Kindbettfiebers kann aber, wie gerichtlich festgestellt
ist, dem Arzt ein Verschulden oder eine Fahrlässigkeit nicht vorge¬
worfen werden; denn es lässt sich in keinem Fall feststellen, nament¬
lich bei so schweren Entbindungen, wo von anderer Seite ebenfalls
untersucht worden ist, wer die Infektion veranlasst hat, und selbst
wenn sie bei der Operation erfolgt war, so kann auch daraus noch
nicht der Vorwurf der Fahrlässigkeit abgeleitet werden.
Wir kommen somit zu dem Schlüsse, dass das Handeln des Dr.
S. vom wissenschaftlich-geburtshilflichen Standpunkt aus nicht ge¬
billigt werden kann, dass ihm aber daraus der Vorwurf der Fahr¬
lässigkeit nicht gemacht werden darf.
Zu dem isotopischen Prinzip in der spezifischen
Behandlung der Tuberkulose.
Von Chefarzt Dr. Sofus Wideröe, Kristiania.
In der M.m.W. von 1923, Nr. 21, S. 659, hat Professor
W. Stoeltzner eine sehr lesenswerte Arbeit über die spezifische
Behandlung der Tuberkulose veröffentlicht. Da ich seit 1908 mit der¬
selben Frage experimentell und auch klinisch beschäftigt gewesen
bin, möchte ich hier einige von meinen Erfahrungen auf diesem Ge¬
biete mitteilen.
Professor Stoeltzner schreibt: „Koch hat den Schritt von
der heterotopischen zur isotopischen Behandlung nicht getan. Und
bisher auch sonst niemand. Im Gegenteil, das isotopische
Prinzip widerspricht den bis jetzt herrschenden Anschauungen.“ Das
stimmt nicht.
In Norsk Mag. f. lägevidensk., 1908, Nr. 5, habe ich ganz kmz
einen isotopisch behandelten Fall besprochen. 1909 habe ich diese
Frage experimentell bearbeitet. Meine Ergebnisse sind in der Nor¬
wegischen medizinischen Gesellschaft berichtet und später in der
M.m.W., 1919, Nr. 28. S. 780 — 81, veröffentlicht worden.
Mein erster Kranker wurde im Jahre 1908 behandelt. Die Axil¬
largegend wurde benutzt. Nachdem die Haut mit Aether entfettet
war, habe ich eine 25 proz. Tuberkulinglyzerinlösung eingerieben.
Nach Abklingen der Reaktion wurde derselbe Hautbezirk nach weni¬
gen Tagen abermals behandelt. Meine damaligen Aeusserungen über
die theoretische Grundlage sind a. a. O. (M.m.W. 1919, S. 780) ver¬
öffentlicht, wo sie nachzulesen sind.
Seit 1912 habe ich diese Behandlung an einem grösseren Ma¬
terial, und zwar hauptsächlich bei chirurgischer Tuberkulose versucht.
Krankengeschichten sollen hier nicht berichtet werden. Was die Tu¬
berkulinanwendungsart betrifft, so habe ich eine Tuberkulinglyzerin¬
mischung benutzt von 25 Proz. bis zu 50 Proz. Stärke. Die Schwe¬
stern haben diese Mischung mit einem Finger, der durch einen Finger¬
ling geschützt ist, eingerieben und dann trochnen lassen. Zuerst
wurde dieselbe Hautgegend mehrmals mit Tuberkulin eingerieben;
die Reaktion trat dann öfters ziemlich stark in diesem Bezirke auf.
Deswegen habe ich dann einen anderen gewählt und diesen mehr¬
mals eingerieben. Meist habe ich dann die Beobachtung ge¬
macht, dass in dem zuerst behandelten Hautgebiete eine sekun¬
däre Reaktion auftrat. Auf diese Weise habe ich 3 — 4 reaktions¬
fähige Hautbezirke gebildet. Die Hautreaktionen sind, wie Pro¬
fessor Stoeltzner auch bemerkt hat, sehr verschieden; ja mitunter
wechseln sie sogar bei demselben Kranken. Bisweilen habe ich auch
bemerkt, dass eine Lichtbehandlung (natürliche oder künstliche Son¬
nenbestrahlung) dieses Reaktionsvermögen beeinflussen kann. Ich habe
derj Eindruck bekommen, dass Lichtbehandlung meist günstig wirkt.
Es ist natürlich sehr schwer, etwas Sicheres über die Therapeu¬
tische Wirkung zu sagen. Meine Meerschweinchenversuche *) be¬
weisen, dass die kutane Tuberkulinbehandlung Erfolge zeitigt. Auch
meine ich, bei meinen Kranken den festen Eindruck einer klinisch
guten Wirkung bekommen zu haben. Ich habe hauptsächlich chiiur-
gische Tuberkulose junger Menschen in Behandlung gehabt; Kno¬
chen- und Gelenktuberkulose habe ich mit wenigen Ausnanmen
immer konservativ nach Bier-Rollier behandelt und daneben
spezifisch in der beschriebenen Weise.
Früher als 1908 hat — meines Wissens — keiner
die Tuberkulose kutan behandelt. Ich habe schon
damals das isotopische Prinzip benutzt und es
1) M.m.W. 1919. Nr. 28. S. 780.
1124
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 14 35.
später mit dem lieterotopischen kombiniert — eine
Methode, die ich hier empfehlen möchte.
Aus meinen früheren Veröffentlichungen über dieses Thema gellt
hervor, dass ich vom theoretischen Standpunkt aus mit
der isotopischen Behandlung angefangen und sie dann später, infolge
meiner Erfahrungen, mit der heterotopischen kombiniert habe.
Die Gefahren intraspinaler Lufteinblasung.
(Bemerkungen zur Mitteilung von Klein, M.m.W. Nr. 30.)
Von Dr. Es au, Oscliersleben-Bode.
Die Veröffentlichung von Klein über Neben- und Nachwirkun¬
gen bei Lufteinblasungen in den Wirbelkanal veranlasst mich, über
Tierexperimente zu berichten, welche ich während meiner Assi¬
stentenzeit an der G r e i f s w a 1 d e r chirurgischen Klinik machte.
Es sollte der Trage nachgegangen werden, ob gasförmige Stoffe von
dem Zerebrospinalraum vertragen würden und — das war die we¬
sentliche Frage — ob eine narkotische Wirkung durch entsprechend
geartete Gase erzeugt werden könne. Ich habe damals eine Reihe von
Versuchen an Hunden und Kaninchen mit gewöhnlicher Luft, Sauer¬
stoff, Kohlensäure und schliesslich mit Leuchtgas durchgeführt, nach
folgender Technik: Nach Einführung einer mittelstarken Nadel in
den Lumbalkanal wurde unter Wasserdruck stehendes Gas, dessen
abströmende Menge in einem U-förmigen Glasrohr durch ansteigen¬
den Wasserspiegel gemessen werden konnte, in den Spinalkanal ein-
laufen gelassen.
Es konnte nachgewiesen werden, dass vom Tier so grosse Luft¬
mengen vertragen wurden, als überhaupt unter mässigem Druck ein-
laufen wollten; hohe Drucke und Einpressen wurde nicht verwandt.
Ein für Narkosezwecke geeignetes Gas — von Aether- und
Chloroformgasgemischen glaubte ich wegen der Geringfügigkeit des
Narkotikums absehen zu können — stand mir damals nicht zur Ver¬
fügung, und so schloss ich dann noch einige Vergiftungsversucne not
Leuchtgas an. Sie verliefen aber ziemlich negativ. Ausser gelegent¬
lichen kurzen Krämpfen, die ich auf Luftembolien bezog, sah ich
keinerlei Wirkungen.
Eine Weiterführung der Versuche, welche wenigstens die Un¬
schädlichkeit von Lufteinblasungen in den Spinalraum beim Tier er¬
wiesen, scheiterte an dem Mangel eines geeigneten Narkotikums und
an meinem Weggang von der Payr sehen Klinik. An eine Anwen¬
dung zu diagnostischen Zwecken, wie sie Bingel später ausbaute,
wurde bei meinen 1908 gemachten Untersuchungen nicht gedacht;
diese Tatsache möchte ich ausdrücklich feststellen.
Ueber Blutungen in der Nachgeburtszeit.
(Erwiderung an Herrn Dr. Georg Becker- Alzey.)
Von Geh. Rat Prof. Opitz in Freiburg i. Br.
In Nr. 29 der M.m.W. wendet sich Becker gegen meinen Rat
an die Praktiker, kleine Einrisse der Zervix nicht zu nähen. Wenn
Herr Kollege Becker meint, dass solche Einrisse, die bis zum
Fornix vaginae gehen, sehr erhebliche, ja gefährliche Blutungen ver¬
ursachen, so kann ich ihm nur soweit folgen, als ich diese Möglicnkeit
zugebe; häufig ist es nicht. Ich wenigstens kann mich aus meiner
doch immerhin nicht ganz unerheblichen Erfahrung von über 30 000
Geburten nur an ganz vereinzelte Fälle derart erinnern. Wenn man
freilich nach der Geburt stets die Portio im Spiegel einstellt und die
Zervix mit Klammern auseinanderzieht, dann fangen solche Risse an
zu bluten, was sie vorher nicht getan haben. Und gerade das ist ein
Grund, weshalb ich dem Arzt im allgemeinen abrate, solche Risse
nähen zu wollen, da es fast stets unnötig ist:
Dass es anderseits nicht so einfach ist, solche Risse zu nähen,
sagt Becker, der ja als Operateur doch über eine besondere Er¬
fahrung und Operationstechnik verfügt, ausdrücklich selbst. Daraus
ergibt sich wohl ganz von selbst,, dass mein Aufsatz, der sich aus¬
schliesslich an den Praktiker wendet, mit seinem Rat das Richtige
getroffen hat. Ich bin der Meinung, dass ein Arzt, der nicht gewohnt
ist, solche nicht ganz einfache Operationen vorzunehmen, mit dem
Versuche häufig scheitern oder mehr Schaden als Nutzen stiften wird.
Das gleiche gilt für die Gewohnheit, bei jeder Blutung nach der
Geburt die Portio sich einzustellen; dann sieht man freilich Risse,
sieht auch, dass sie bluten, weil man sie zum Bluten bringt und glaubt
deshalb, sie nähen zu müssen. Damit geschieht, wie ich überzeugt
bin, etwas Ueberfliissiges.
Wenn der Praktiker aber regelmässig bei Blutungen die Zervix
mit Spiegeln einstellen soll, so wird mit dieser fast stets überflüssigen
Massnahme die Gelegenheit zur Infektion erheblich vermehrt, und
das ist ganz gewiss nicht zu wünschen.
- -
Liebig
als Begründer der wissenschaftlichen Ernährungslehre*)
Zur Erinnerung an seinen Todestag vor 50 Jahren.
Von Prof. Dr. Otto Kr ummac her, Münster i. W.
Fünfzig Jahre sind seit dem Tode Liebigs verflossen. Seim
Leistungen auf dem Gebiete der reinen Chemie sind allgemein be¬
kannt und in vielen Schriften eingehend behandelt. Was er tiir die
Agrikulturchemie und mittelbar für die Landwirtschaft getan, lit-gi
heute deutlich vor aller Augen. Auch seine Verdienste um die Heil¬
kunde sind in Schrift und Rede gewürdigt worden, unter anderen aul
der Naturforscherversammlung in München von G. Kleinperen
1899.
Welchen Einfluss aber Liebig auf die Ernährungslehre seiner-!
zeit ausgeübt hat, ist gegenwärtig viel schwerer zu erkennen. Die
Spuren sind vielfach verwischt oder von neuen Schichten überdeckt
die sich im Zeitraum von 50 Jahren darüber gelagert haben: die]
Physiologie der Ernährung hat allmählich ein ganz anderes Aussehen
bekommen.
Und doch sollten wir weiterblickenden Nachkommen über der
neueren Erfolgen nicht den kühnen Bahnbrecher vergessen, der mit
zäher Ausdauer noch gegen Vorurteile ankämpfen musste, die uns
heute kaum mehr verständlich erscheinen, und Fragen in Fluss
brachte, an die man vorher nicht zu denken wagte.
Darum geziemt es sich wohl, einmal Liebigs Leistungen in dei
Ernährungslehre im Zusammenhang zu betrachten.
Es war um das Jahr 1840, als Liebig mit seiner ersten Ab¬
handlung über Ernährung in der Augsburger Allgem. Zeitung hervor¬
trat. 1842 erschien sein bekanntes Werk: Die Tierchemie oder dis
organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Patho¬
logie. Die Medizin ruhte noch wesentlich auf vitalistischer Grund¬
lage, wie es uns H e 1 m h o 1 1 z mit folgenden Worten geschildert hat
„Dem Arzt hing der wesentliche Teil der Lebensvorgänge nicht vot
Naturkräften ab, die, mit blinder Notwendigkeit und nach festen Ge
setzen ihre Wirkung ausübend, den Erfolg bestimmten . . . e
glaubte, es mit einem seelenähnlichen Wesen zu tun zu haben, den
ein Denker, ein Philosoph, ein geistreicher Mann, gegeniiberstehei
musste. Den Puls zu fühlen, war erlaubt, dabei nach der Uhr zi
sehen galt schon als handwerksmässig“.
Die Ueberschätzung der Spekulation gegenüber der Beabachtun;
war durch Schell in gs Naturphilosophie noch mehr genährt wor
den. Ueber diese hat der Philosoph Hermann Lotze 1842 folgende:
vernichtende Urteil gefällt: „Die unglückseligen Ansichten, weicht
Abstraktionen, Eigenschaften, Kräfte und Verhältnisse als etwa:
wirkliches ansehen, welche überhaupt nie weit genug sich von de
Erfahrung und dem Sinnlichen entfernen zu können glauben, dies«
verdanken wir der S c h e 1 1 i n g sehen Naturphilosophie . . . Es is
eine eigene Erscheinung, dass unsere Philosophie, die sich oft st
heftig gegen das Wahre der neueren Philosophie sträubt, so geduidi;
unter dem Einfluss ihrer Irrtümer fortarbeitet.“ Liebig geht wobj
zu weit, wenn er behauptet, nach 1815 habe es in Deutschland keinen
Naturforscher mehr gegeben.
Dass aber L o t z e s Urteil nicht zu hart ist, mögen einige Probet
zeigen: „Das Licht,“ sagt Schell in g, „ist dasselbe wie die Ma
terie, die Materie dasselbe wie das Licht, nur jene im Realen, dies:
im Idealen. Das Reich der Schwere ist im Einzelnen durch da
weibliche, das Licht durch das männliche Geschlecht personifiziert.':
Solche Aussprüche sind weder wahr, noch falsch; sie sind über
haupt völlig sinnlos, und man hat den Eindruck, dass sie nur um de
Wortschwalles willen geschrieben wurden. Nur eine unglaublich
Selbstüberhebung konnte sich einreden, mit solch fadem GeschwätJ
der Wahrheit zu dienen, und man sollte doch endlich einmal auf
hören, die Zeit des sogenannten Idealismus, in der Fichte, Sc hei1
1 i n g und Hegel regierten, als eine besonders glänzende Kultur
Periode zu preisen. Sie bedeutet im Gegenteil für Naturforschern:]
und Erkenntnistheorie einen gewaltigen Rückschritt gegenüber der
redlichen Kant. Das wird auch von den meisten heutigen Philo]
sophen, soweit es ihnen mit der Erforschung der Wahrheit völlige
Ernst ist, bereitwillig zugegeben.
Von medizinischer Seite wird die Sache oft so dargestellt, al
führe nur die induktive Methode zum Ziel, während Deduktion um
Spekulation keine neuen Erkenntnisquellen eröffneten. Diese Ansich
scheint mir gänzlich verfehlt. Nichts wäre verkehrter, als der
Naturforscher die Spekulation zu verbieten. Sehen wir nicht eins de;
schönsten Kunstwerke, die kinetische Gastheorie, auf nahezu rei
deduktivem Wege erstanden, eine Theorie, deren herrlicher Erfol
uns heute in der Brownschen Bewegung greifbar vor Augen tiitt
Allein der gewissenhafte Forscher kennt die Pflicht, seine Schluss
folgerungen an den Erfahrungen zu prüfen, die Rechnung muss stim
men: sonst ist der Ansatz falsch. Dieser Pflicht glaubten sich abe'
die Idealisten überhoben: sie verliessen sich auf die intellektuelle An
schauung oder auf den Weltgeist, der ihnen die Resultate zuflüstertt
Doch nicht allein in den Denkrichtungen, auch in der Arb eit s
weise fehlte es an einem festen Band, das Biologie und Chemie hätt
verknüpfen können, ln der Physiologie, welche noch auf lange Zei
) Nach einem in der Chem. Gesellschaft zu Münster gehobenen Vortrag
1. August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1125
Is ein Anhängsel der Anatomie betrachtet wurde, überwogen mcr-
liologische Arbeiten physikalische und chemische bei weitem.
Kein Wunder also, dass Liebig auf dem nocli wenig bebauten
elde der Ernährung säen und ernten konnte, kein Wunder aber
uch, dass er dem selben Missverständnis und Misstrauen begegnete
ie in der Agrikulturchemie.
Natürlich musste auch Liebig an frühere Vorstellungen an-
lüipfen, und wenn auf medizinischer Seite der Chemie, wie erwähnt,
och wenig Verständnis entgegengebracht wurde, so waren doch
.-hon in bezug auf den Stoffwechsel viele wichtige Tatsachen ge-
mden und richtig gedeutet worden.
L a v o i s i e r hatte zuerst die im Tierkörper sich abspielenden
ersetzungen als Oxydationen erkannt und dargetan, dass Kohlenstoff
u Kohlendioxyd verbrennt, eine Tatsache, die sich jederzeit mit
ilfe eines einfachen Apparates demonstrieren lässt.
Zwei Glaskolben sind mit Kalkwasser beschickt und nach Art der
pritzflaschen mit Röhre und Schlauch versehen, so dass der eine nur
er eingeatmeten, der andere nur der ausgeatmeten Luft den Durch-
itt gestattet. Atmet man durch die Flaschen, so kann man schon
ach wenigen Atemzügen einen grossen Unterschied in der Menge des
bgeschiedenen Karbonats beobachten. Die eingeatmete Zimmerluft
at nur eine leichte Trübung, die aus dem Körper stammende einen
icken Niederschlag hervorgebracht. Ausserdem lässt sich mittels
iasanalyse feststellen, dass die ausgeatmete Luft erheblich weniger
auerstoff enthält als die atmosphärische, nur etwa 16 Proz. Wenn
ber Sauerstoff im Körper verschwindet und Kohlensäure entsteht,
:) folgt, dass Kohlenstoff zu Kohlensäure oxydiert ist. L a v o i s i e r
atte aber schon vermutet, dass ausser dem Kohlenstoff auch Was-
erstoff im Tierkörper verbrenne.
Diesen Gedanken greift Liebig auf, indem er folgendes aus-
ihrt: „Die vorhandenen Beobachtungen stimmen darin überein, dass
ie Luft, in welcher ein Tier atmet, unter allen Umständen abnimmt,
nd die Beziehung dieser Raumabnahme zu der Nahrung gibt auf
as Bestimmteste zu erkennen, dass sie im graden Verhältnis zu der
ii Fett oder, allgemeiner gesprochen, zu der an Wasserstoff reichen
ahrung steht.“
Ich glaube kaum, dass der Sinn dieser Worte ohne weiteres ein-
aichtet: sie enthalten nach Liebigs sprunghafter Darstellungs-
eise nur das Anfangs- und Endglied der Beweiskette. Ich will da-
er die Mittelglieder ergänzen.
Der Gedankengang ist folgender:
Die Volumina der eingeatmeten und ausgeatmeten Luft lassen
chlüsse zu auf die oxydierten Elemente. Würde ausschliesslich
o h 1 e n s t o f f verbrannt, so dürfte ein abgeschlossener Luftraum,
i dem ein Tier atmet, sein Volumen nicht verändern, da ebensoviel
auerstoffmoleküle verschwinden wie Kohlendioxydmoleküle ent¬
eilen, und eine gleiche Anzahl Moleküle nach Avogadro auch das
leiclie Volumen erfüllen.
Die Avogadro sehe Regel war zwar zu Anfang der 40 er Jahre
icht allgemein anerkannt. Unumstritten aber war das Volumgesetz
on Gay-Lussac und Humboldt, das bekanntlich die Grund¬
ige der Avogadro sehen Regel bildet und das Liebig als
chiiler Gay-Lussacs besonders geläufig sein musste.
Stellen wir uns dagegen vor, der eingeatmete Sauerstoff diene
ur zu Verbrennung von Wasserstoff, dann müsste, das Luft-
olumen durch die Atmung erheblich abnehmen. Der Aussenr.ium
/ürde sich alsbald mit Wasserdampf sättigen, so dass alles neu¬
ebildete Wasser sich im flüssigen Zustand abscheiden müsste.
Diese Volumverhältnisse hat Liebig im Sinn, wenn er sagt:
Es kann als ausgemachte Tatsache gelten, dass im Körper eines
flanzenfressenden Tieres, welches von 10 Volumina nur 9 Volumina
i Form von Kohlensäure ausatmet, das zehnte Volumen, im Kör-
er eines fleischfressenden Tieres vier- bis fünfmal mehr Sauerstoff
ur Wasserbildung verwendet wird.
Hier ist zwischen den Zeilen zu lesen, dass im Körper der
’flanzenfresser die Kohlenhydrate, im Körper der Fleischfresser die
ette als Nährstoffe überwiegen. Liebigs Auseinandersetzungen
nthalten im Keim die Lehre vom respiratorischen Quotienten (ab-
ckürzt: RQ), die später von Pflüger und besonders von
I. Zuntz zu einem unschätzbaren Werkzeug der Stoffwechselunter-
uchiing fortgebildet worden ist.
Wir definieren den RQ als das Volumen der ausgeatmeten Koh-
msäure, dividiert durch das Volumen des einverleibten Sauerstoffs,
VolcOo
Iso: RQ = und man sieht, dass man bei dieser Begriffsbe-
timmung vom Gesamtvolumen der das atmende Geschöpf umgeben-
!en Luft unabhängig wird, wodurch auch die Schlussfolgerungen ent-
chieden an Schärfe gewinnen.
Denken wir uns, 1 Grammatom C sollte zu CO* verbrannt wer-
leti, dann wäre hierzu 1 Mol. ()•_> erforderlich, und ebenfalls würde
Mol. CO2 entstehen, wie es nachstehende Gleichung versinnlicht:
1 Mol | Oa | -{- 1 Grammatom C = 1 Mol
ln diesem Fall wird der RQ = 1.
Oder umgekehrt: Finden wir für den RQ den Wert 1, so folgt
laraus, dass nur C verbrennt. Diente dagegen der aufgenommene
CO;
Sauerstoff ausschliesslich zur Oxydation von Wasserstoff, so müsste
der RQ = 0 werden. Zwischen den beiden Grenzen 0 und 1 wird
sich daher der RQ stets bewegen, und zwar wird er in der Regel
einen mittleren Wert besitzen, da im allgemeinen beide Elemente C
und H an der Verbrennung teilnehmen. Je mehr Kohlenstoff oxydiert
wird, um so mehr nähert er sich der 1, je mehr Wasserstoff verbrennt,
der 0.
Die gezogenen Schlussfolgerungen, auf die sich auch Liebig
stillschweigend beruft, sind nun freilich, auf den lebenden Organismus
angewandt, nicht ohne weiteres zwingend, denn von vornherein steht
ja keineswegs fest, dass die Oxydationsprodukte, in denen der
einverleibte Sauerstoff steckt, in der ausgeatmeten Luft wieder zum
Vorschein kommen; sie könnten ja auch auf anderen Wegen, z. B.
durch den Harn, den Körper verlassen.
Aber wie so oft, hat auch hier Liebig mit seinem Ahnungs¬
vermögen das richtige getroffen: die im Harn ausgeschiedenen Koh¬
lenstoffverbindungen, wie Harnstoff, bedürfen zu ihrer Bildung nicht
der Sauerstoffzufuhr von aussen: sie sind Trümmer von Eiweiss-
molekülen, und der darin steckende Sauerstoff stammt gleichfalls
aus dem Tüiweiss.
Beobachtungen über Atemvolumina lagen nun in der in Rede
stehenden Zeit in ausreichender Anzahl vor. Sie gehen auf John
Mayow zurück, der bereits 1668 auf die einfachste Weise zeigte,
dass die Luftmenge in einem abgeschlossenen Raume ihr Volumen
verringert, wenn ein Mäuschen darin atmet. Genauere Versuche
dieser Art sind von L a v 0 i s i e r und seinen Mitarbeitern ausgeführt
worden.
Selbstverständlich werden nicht etwa die Elemente Kohlenstoff
und Waserstoff im Tierkörper verbrannt, sondern die sie einschlies-
senden organischen Verbindungen, als welche ausschliesslich Eiweiss,
Fett und Kohlenhydrate ln Frage kommen. Und diese Stoffe waren
in jener Zeit soweit erforscht, dass man die aus dem RQ gezogenen
Schlussfolgerungen darauf anwenden konnte. Hatten doch Liebig
selbst und seine Schüler nicht wenig zur Aufklärung dieser Verbin¬
dungen beigetragen.
Am einfachsten gestaltet sich die Rechnung bei den Kohlenhydra¬
ten. Berücksichtigt man nämlich nur die Anzahl und nicht die Bin¬
dungsweise der Atome, so lassen sie sich auffassen als eine Vereinigung
von Wasser undKohlenstoff, wie es ja auch der Name ursprünglich aus-
driieken sollte. Wir beschränken uns auf die Hexosen und ihre Mut¬
terstoffe: CbHmOg, C12H22O11, CoHmOs. Wie man sieht, brauchen wir
nur den Kohlenstoff in Gedanken abzutrennen, um einen Rest von der
Zusammensetzung des Wassers zu erhalten. Sie erfordern also auch
nur soviel Sauerstoff, als zur Oxydation des Kohlenstoffes nötig ist,
und müssen, wenn sie allein verbrennen, den RQ 1 liefern, wie es
nachstehende Zeichnung veranschaulicht:
6 Mol Os
+ CßHiaOu =
6 Mol CO2
-f 6 Mol HsO
Die Fette führen dagegen nicht soviel Sauerstoff mit sich, wie zur
Oxydation ihres Wasserstoffgehaltes nötig ist, sie sind daher ge¬
zwungen, nicht nur zur Oxydation des C, sondern auch zur Oxydation
des Wasserstoffes Sauerstoff von aussen aufzunehmen. Darum wird
bei ausschliesslicher Fettverbrennung der RQ kleiner als 1, wie wir
uns am besten an einem einfachen Beispiel, an der Palmitinsäure,
klarmachen können.
Diese Säure CieHsaOa enthält nur 2 Sauerstoffatome im Molekül
gebunden, und diese vermögen nur 4 Wasserstoffatome zu oxydieren.
Folglich muss für die Verbrennung des Restes ChTLs Sauerstoff von
aussen hinzukommen.
Ein Blick auf die folgende Verbrennungsgleichung zeigt deutlich,
dass der RQ bei Oxydation der Palmitinsäure einen viel geringeren
Wert als 1 annimmt.
16M010.2
+
1 4 Mol O2
=
16 Mol CO*
-f 14 Mol H2O
Ganz ähnliche Ueberlegungen lassen sich auf die Neutralfette an¬
wenden. Aus ihrer prozentischen Zusammensetzung ergibt sich der
RQ zu 0,7.
Da aber auch der RQ. des Eiweisses in nächster Nähe bei 0,8
liegt, so ist es schlechterdings unmöglich, aus dem RQ) allein zuver¬
lässige Schlüsse zu ziehen, falls alle drei Nährstoffe an der Zersetzung
teilnehmen.
Hier hilft uns nun die Tatsache aus der Verlegenheit, dass der
Stickstoff des zersetzten Eiweisses den Körper nur in den flüssigen
und festen Ausscheidungen, im Harn, Schweiss und Kot, verlässt. Und
zwar genügt es in den meisten Fällen, sich auf die Untersuchung des
Harnes zu beschränken.
Den zwingenden Beweis freilich, dass kein aus dem Eiweiss
stammender Stickstoff durch die Lungen austritt, hat erst Karl V o i t
1856 erbracht. Aber Liebig scheint eine andere Möglichkeit gar
nicht erwogen zu haben: er Hess sich auch hier wiederum von seinem
chemischen Gefühl leiten und zweifelte nicht, dass der im Harn ans¬
geschiedene Stickstoff ein Maass des zersetzten Eiweisses sei.
Wir brauchen also nur eine Stickstoffbestimmung im Harn aus¬
zuführen, wenn es gilt, den Eiweissumsatz zu ermitteln, Die Eiweiss¬
körper enthalten im Mittel 16 Proz. Stickstoff. Also N : E = 16 : 100
1126
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 34 35.
oder wie 1 : 6,25. Folglich ist der Stickstoff mit 6,25 zu multiplizieren,
um die zugehörige Eiweissmenge zu ermitteln.
Die Dumassche Methode der Stickstoffbestimmung war wegen
ihrer Umständlichkeit für längere Versuchsreihen nicht zu gebrau¬
chen. Aus diesem Grunde erfand L i e b i g sein maassanalytisches
Verfahren zur Bestimmung des Harnstoffes mittels Merkurinitrat, das
aber richtiger Stickstoffbestimmung genannt werden sollte. Nur die¬
ser bequemen Methode ist es zu danken, dass B i s c h o f f und V o i t
zahlreiche Versuche über den Eiweissstoffwechsel unter verschie¬
denen Bedingungen anstellen konnten. Und wenn das Verfahren
später durch bessere ersetzt wurde, so tut dies Liebigs Verdienst
natürlich keinen Abbruch.
Wie in der Folgezeit die einzelnen Methoden zu einem geschlos¬
senen System weiter ausgebaut wurden, will ich nur andeuten.
Durch die Untersuchung des lebenden Organismus erhalten wir
drei Bestimmungsstücke: 1. den Kohlenstoff sämtlicher Ausgaben, in
der ausgeatmeten Luft und im Harn, 2. den Stickstoff im Harn, 3. den
vom Körper aufgenommenen zur Oxydation verbrauchten Sauerstoff.
Somit muss es auch möglich sein, 3 Gleichungen mit 3 Unbekannten
aufzustellen, als welche die zersetzten Nährstoffe Eiweiss, Fett und
Kohlenhydrate in Betracht kommen. Die Aufgabe wird durch den
Umstand verwickelt, dass im Körper das Eiweiss nicht vollständig
zu Kohlensäure und Wasser verbrennt. Allein auch diese Schwierig¬
keit lässt sich überwinden.
Die bisher besprochenen Gedanken Liebigs haben sich als
höchst fruchtbar erwiesen: Es wurde möglich, aus den Ausscheidun¬
gen festzustellen, welche Stoffe im Tierkörper zersetzt werden, un¬
streitig ein grosser Fortschritt gegenüber dem vorangegangenen
Zeitalter. Aber genau besehen waren damit doch nur die Vorfragen
beantwortet; die eigentliche Aufgabe, die gefundenen Tatsachen in
ursächlichen Zusammenhang zu bringen, war noch zu lösen. Dessen war
sich auch L i e b i g wohl bewusst. Er hat versucht, Erklärungen zu
geben, die längere Zeit den Untersuchungen am lebenden Körper als
Richtschnur dienten. Doch hat sich Liebig mit seiner Stoffweciisel-
theorie allzu weit von der Erfahrung entfernt. Und auf diesem noch
völlig unbebauten Felde hatte er viel weniger Glück als beim Auffin¬
den chemischer Tatsachen. Hier musste der chemische Spürsinn
unweigerlich versagen.
Allein um gerecht zu sein müssen wir bedenken, dass die Zeit
für eine wissenschaftliche Erklärung des Stoffwechsels noch nicht
reif war. Vor allem waren zwei wichtige Entdeckungen, die der
heutige Forscher als selbstverständlich voraussetzt, damals noch
nicht völlig in das Zeitbewusstsein übergegangen: Ich meine die
Lehre vom Aufbau der Lebewesen aus Zellen und das Gesetz von der
Erhaltung der Energie. Liebig hat die Bedeutung der Zellenlehre
wohl gewürdigt, wie aus vielen Stellen seiner Schriften hervorgeht.
Dass aber die Zellen auch bei den höheren Organismen sich eine ge¬
wisse Selbständigkeit bewahrt haben und ihrerseits den Umsatz be¬
stimmen, diese Erkenntnis hat sich erst viel später durchgerungen.
Im Verständnis für das Energiegesetz zeigt sich Liebig man¬
chen seiner Zeitgenossen überlegen. Er erklärte mit Lavoisicr
die chemischen Prozesse des Tierkörpers als die einzige Quelle der
tierischen Wärme, womit er allerdings bei B e r z e 1 i u s auf heftigen
Widerstand stiess. Nicht nur waren ihm die qualitativen Energiefor¬
men durchaus geläufig, er wusste das Gesetz auch quantitativ richtig
anzuwenden, wo es sich um einfache Vorgänge, wie die Verbrennung
des Kohlenstoffs, handelte. Hingegen hat er den Kern der chemischen
Energetik, das Gesetz von Hess, noch im Jahre 1870 in seiner
Abhandlung über die Quelle der Muskelkraft völlig verkannt.
Während nach diesem Gesetz bekanntlich die Energieentwick¬
lung nur vom Anfangs- und Endzustand abhängt, bemüht sich L i e -
b i g in dem betreffenden Aufsatz, allen Ernstes zu zeigen, dass der
Zucker mehr chemische Spannkraft entwickle, wenn man ihn zuerst
zu Alkohol vergären lasse, als wenn man ihn unvergoren verbrenne.
„Und wenn wir uns denken,“ heisst es dann weiter, „dass wir den
Alkohol zuerst in niederen Temperaturen zu Aldehyd, dann zu Essig¬
säure, Ameisensäure und zuletzt zu Kohlensäure oxydiert hätten, so
wiirdeh wir wieder eine andere Zahl für die Verbrennungswärme
erhalten haben.“ Darum sei eben die Verbrennungswärme kein ein¬
deutiges Maass der chemischen Energie.
Wie Liebig das umfassendste Naturgesetz so gänzlich missver¬
stehen konnte, zu einer Zeit, wo der Energiebegriff längst von der
Wissenschaft anerkannt war, ist für uns kaum fassbar. Allein seine
Verblendung mag uns mehr zur Bescheidenheit als zur Ueberhebung
nahnen. Man sieht eben, wie eng begrenzt das Wissen und Verstehen
des Einzelnen ist, selbst bei einem Forscher, der die meisten seiner
Fachgenossen um Haupteslänge überragte.
Liebigs Theorie des Stoffwechsels lässt sich in den Haupt-
ziigen kurz auseinandersetzen: Wie schon Pr out angedeutet und
Liebig selbst bei dem höheren Stande unserer Kenntnisse über¬
zeugender dargelegt hatte, lassen sich die Nährstoffe in zwei Klassen
teilen, das Eiweiss und die stickstofffreien Substanzen: Kohlenhydrate
und Fette. Nur das Eiweiss ist nach Liebig zum Aufbau der Ge¬
webe tauglich, da diese im wesentlichen aus Eiweiss bestehen — und
müssten wir hinzufügen: da Eiweisssynthesen im tierischen Organis¬
mus nicht Vorkommen, wenigstens nicht unter natürlichen Bedin¬
gungen.
Gegen diese Ausführungen ist nichts einzuwenden. Nun aber
kommt der fehlerhafte Schluss: Da das Eiweiss den Hauptbestandteil
der organischen Substanz des Muskels ausmacht, meint Liebig,
könne auch das Betriebsmaterial für die Muskelarbeit nur das Eiweiss
sein. Bei der Tätigkeit würde das Muskelgewebe zerstört, infolge¬
dessen müsse immer soviel Eiweiss mit der Nahrung zugeführt wer¬
den, als zum Wiederaufbau der zerstörten Muskelmasse nötig sei.
Demgegenüber gelten Fette und Kohlenhydrate Liebig nur als
toter Stoff, der niemals Bestandteil der lebenden Gewebe werden
könne. Als Baustoffe ungeeignet, sollen sie am Stoffwechsel der Or-i
gane keinen Anteil haben: sie werden vielmehr nach Liebigs Mei¬
nung unmittelbar durch den Sauerstoff verbrannt und dienen ledig¬
lich als Heizstoffe; allerdings soll ihnen die Fähigkeit zukommen, das
Eiweiss vor der schädlichen Wirkung des Sauerstoffs zu schützen,
indem sie selbst verbrennen.
Diese Anschauung über die Rolle der stickstofffreien Nährstoffe
gründete sich indessen nicht auf beobachtete Tatsachen, sondern nur
auf einen Schluss per exclusionem: weil Fette und Kohlenhydrate
nicht zur Arbeitsleistung taugen, müssen sie einen anderen Zweck
erfüllen, als welcher nach Liebig nur die Heizung des Körpers in
Frage kommt.
Nicht unzutreffend findet sich die Liebig sehe Stoffwechsel-
theofie in einem aus jener Zeit stammenden Kommerslied wieder¬
gegeben. Die Strophen lauten:
„Nähr dich o Mensch verständig! mit einem Wort erkenn dich.
Nach Liebig lern ermessen, was dir gebührt zu essen.
Als Wärmebildner merke: Fett, Zuckerstoff und Stärke,
Blutbildner sind im ganzen die Proteinsubstanzen.
Die erstem wie wir sehen, aus C, H, O bestehen.
die letztem mannigfaltig, sind sämtlich stickstoffhaltig.
Und also iss und lebe, ersetzend dein Gewebe,
und denk in allen Fällen, wie bild ich neue Zellen?!1
Das Gebäude der Liebig sehen Theorie ruht offenbar aul
Ueberlegungen, die sich wesentlich nur mit den stofflichen Vorgänger
im Tierkörper beschäftigen. Der tierischen Wärme wird zwar ge¬
dacht, aber nur beiläufig; es ist überhaupt nicht der Versuch ge¬
macht, quantitative Beziehungen zwischen den Energieleistungen dei
Lebewesen und den chemischen Spannkräften aufzudecken.
Die Fehler der Theorie traten denn auch bald zutage, als tnat
ernstlich daranging, sie an lebenden Geschöpfen zu prüfen. Da zeigte
sich, das keineswegs das Eiweiss allein als Betriebsmaterial der
körperlichen Arbeit dient, dass im Gegenteil Fette und Kohlenhydrate
für diesen Zweck bevorzugt werden.
Es zeigte sich ferner, dass die Oxydationen im lebenden Organis¬
mus keine einfachen Verbrennungen sind, verursacht durch die An¬
wesenheit des Sauerstoffs, dass vielmehr die Reaktionsgeschwindig¬
keit von der lebenden Substanz selbst geregelt wird, auf freilich nocl
unbekannte Weise.
Heutzutage ist es nicht schwer, einzusehen, dass Liebig:
Phantasie gar nicht leisten konnte, was er ihr zutraute. Die Vor
gänge im lebenden Körper sind viel zu verwickelt, als dass man au:
vereinzelten Erfahrungen sich eine zutreffende Vorstellung davot
hätte bilden können.
Allmählich musste denn auch Liebig die Führerschaft in de
Ernährungslehre an die Physiologen abtreten. An den von ihre:
unternommenen Untersuchungen nahm er nur noch geringen Anteil
angeblich weil es ihnen an leitenden Gedanken gebrach, in vVirklich
keit wohl, weil die von Zahlen starrenden Versuchsreihen seinem au
rasches Arbeiten gewöhnten Geist viel zu langsam die erhofften Er
folge brachten.
ln einem Punkte freilich sollte Liebigs Scharfsinn gegenübe
der experimentellen Forschung recht behalten, in der Frage nach de:
Fettbildung im Tierkörper.
Respirationsversuche von Pettenkofer und Voit schiene:
darzutun, dass neben dem Nahrungsfett nur das Eiweiss als Mutter
Substanz des Körperfettes in Betracht käme. Auf Grund dieser Er
gebnisse wurde eine Zeitlang die Fettbildung aus Kohlenhydratet
geleugnet, während Liebig gerade in den Kohlenhydraten ein
wesentliche Ursprungsquelle des Körperfettes zu erblicken glaubte
Spätere Untersuchungen, mit schärferen Methoden und unter giinsti
geren Bedingungen angestellt, haben aber Liebigs Ansicht au
das glänzendste bestätigt.
Seit Liebigs Tode ist die Ernährungslehre nach den verschiej
dunsten Seiten weiter ausgebaut worden; insbesondere trat ihr'
energetische Bedeutung immer mehr in den Vordergrund. Dass abt
auch das gegenwärtige Zeitalter dem kühnen Pfadfinder zum grösste
Dank verpflichtet ist, dürften die vorstehenden Zeilen zur Genüg
gezeigt haben.
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1127
Für die Praxis.
Behandlung der Nierenleiden im Kindesalter.
Von Prof Dr. M. Klotz -Lübeck.
I. Akute diffuse hämorrhagische Glomerulonephritis.
Einige klinische Vorbemerkungen: Aetiologisch
ike man nicht nur an die akuten Infektionskrankheiten, sondern
:li an Pyodermien, Skabies und besonders an Impetigo. Bei Schar-
li sind auffallende Gewichtszunahmen in der 3. Woche nach P i r -
e t verdächtig auf okkultes Oedem.
Harn: trübe, entsprechend der Stärke des Blutgehaltes pflaumenbrüh¬
ig, grünlich schimmernd, auch braunrot, braungrün. Albumen: meist nur
3 Prom., aber auch 8, 10 Prom. und darüber bei stärkerer Beteiligung
Tubuli. Oligurie bis zur Anurie. Mikroskopisch: Ueberwiegend rote
tkörpcrchen, aber auch viele weisse, ferner Zylinder aller bekannten Arten.
Menge der inorphotischen Nierenelementc pflegt parallel der Aknität ntid
iwere der Nicrenläsion zu gehen.
In ganz schweren Fällen können rote Blutkörperchen gelegentlich ver-
st' werden.
Temperatur: uncharakteristisch. Puls: beschleunigt, aber
;h verlangsamt, gespannt.
Blutdruck. Die Blutdruckmessung sollte zum Rüstzeug des
Absehen Arztes gehören!
Bestimmung bei Kindern erst vom 5. Jahre ab brauchbar. Mehr-
ligcs Abiesen wegen der psychischen Komponente.
Physiologische Blutdruckwerte im Kindesalter (gemessen
h Riva-Rocci mit breiter Armmanschette): 5 Jahre 80 mm Hg, 5 bis
Jahre 80 — 100 mm Hg, 10 — 14 Jahre 100 bis 120 mm Hg.
Nach einer älteren pädiatrischen Literaturangabe sollen motorisch er-
te, unstäte Neuropathen normalerweise Werte über 130 aufweisen,
icheinend ist dieser Typ jugendlicher Hypertoniker aber selten.
Die Blutdrucksteigerung ist für akute diffuse
omerulonephritis pathognostisch (Volhard). In
:hten Fällen können wohl auch normale Werte gefunden werden.
: Blutdrucksteigerung kann ferner ausbleibeti — oder verdeckt
rden — bei hohem Fieber, bei Vasomotorenschwäche, septischen
len. bei Komplikationen, wie Pneumonie, Grippe, Diphtherie. So
d Li c h t w i t z bei Pneumonie + Nephritis einen Druck von
, nach Abklingen der Pneumonie dagegen 170.
Es kommt im übrigen auch nicht so sehr auf die absolute Höhe
. Erstwertes an, als auf die fortgesetzte Kontrolle des Druckes,
arakteristisch für die günstig ablaufende Glo-
irulonephritis ist das stetige Sinken des Blut-
u c k e s. Die absinkenden Zahlen des Blutdruckes sind ein wert-
leres prognostisches Zeichen als die fallenden Werte der Albu-
mrie.
Die Bestimmung des Reststickstoffs im Blut hat
klinischen Betrieb ihre Berechtigung, für den Praktiker ist sie
t b e h r 1 i c h.
Die Gefahr liegt bei der akuten Nephritis weniger in der viel-
h gar nicht vorhandenen Eiweissschiackenretention, sondern in
hydrämischen Plethora (J a w e i n). Die Niere lässt kein Wasser
cli und steigert so die Herzarbeit um ein Vielfaches. Die gefähr-
iste Form der akuten Nephritis ist die trockene, anhydropische,
■r hydrämische. Die Verlegung des Oedems aus dem Blut in die
)kutis oder die Körperhöhlen ist, wie die Nierenforschung lehrt,
e Sicherungsmassnahme des Körpers.
Biim Kind mit seinem noch unverbrauchten Kreislauf, seinen Reserven
Herzmuskel (und in den Gefässen!) wird die Gefahr des Versagens sich
sehr selten zeigen. Gewiss kommt es auch bei Kindern zu klinisch nach-
sbaren Folgen der akuten Mehrbelastung (Schwäche, Dilatation und
lertrophie des linken Ventrikels, hebender Spitzenstoss, akzentuierte zweite
le, verstärkte Aktion, systolisches Geräusch an der Spitze, Stauungs-
nchitis), aber ein Zusammenbruch, der sich wie beim Erwachsenen z. B.
.ungenödem äussert, ist doch sehr selten und hat seine besonderen Gründe.
Beim Kinde kann es als Regel gelten, dass das Zentralnerven-
•tem den Stoss auffängt und mit urämischen Erscheinungen re-
ert.
Hinweise auf drohende urämische Komplikation:
ehmende Mattigkeit, Apathie. Ueberempfindlichkeit gegen Sinneseindrücke,
teigerte Sehnenreflexe. Durchfälle. Als Aequivalente gelten: Amaurose,
>fweh, Erbrechen, Babinski, Kernig, Nackensteifigkeit, Krämpfe. Tatsäch¬
lichen aber urämische und „pseudourämische“ Erscheinungen bei der
ten Nephritis vielfach untrennbar ineinander über.
Auf die neueren Auffassungen über die Pathogenese der Urämie kann
' nicht eingegangen werden.
Zurückhaltend mit der Prognose sei man bei Kindern, die das
iz akute Stadium ambulant durchgemacht haben. Prognostisch
istig: Absinken des Blutdrucks, Kongruenz von Harnmengc und
z. Gewicht.
Andererseits darf eine gewisse Inkongruenz nicht zu pessimistischen
lüssen verleiten; es gibt Phasen der akuten Nephritis mit fixiertem
Gewicht oder einer gewissen Schwerfälligkeit desselben, die nichts Ernstes
eutet und wohl durch Abschub von retinierten harnpflichtigen Stoffen be¬
it ist. • ‘
Im übrigen ist aber die akute Glomerulonephritis eine gutartige
^rankung. Urämie, Herzschwäche, Chronizität sind 3 Klippen im
ist breiten günstigen Fahrwasser. Glücklicherweise lassen sie
h in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle umschiffen; selbst
derholte hochdramatische urämische Episoden brauchen keines-
8s letal zu enden. Und der Uebergang in Chronizität ist so selten,
dass ich ihn in den letzten 5 Jahren unter 30 akuten Fällen mit
0 Proz. Mortalität kein einziges Mal gesehen habe.
Die Behandlung der akuten diffusen Nephritis
ist eine diätetische. Wir entlasten durch eine geeignete Diät die Arbeit
von Niere und Herz, arbeiten einer eventuellen Schlackenanhäufung
entgegen und bringen die stockende Harnabsonderung wieder in
Gang. Dieses Ziel wird erreicht durch die auf v. Noorden zu¬
rückgehenden Zuckertage. Man verwendet etwa 10 — 15 g Küchen-
zucker pro Körperkilo, lässt in %, höchstens 1 Liter Tee oder Malz¬
kaffee, Fruchtsaftwasser auflösen und in 4 — 6 Portionen während des
Tages trinken. Sonst keinerlei Nahrungszufuhr. Am nächsten Tage
das gleiche und — falls die Harnabsonderung noch nicht genügend
in Gang kommt — auch noch einen dritten Tag lang. Ist der Erfolg
dieses ersten Zuckerwasserstosses unbefriedigend, was gelegentlich
vorkommt, dann mache icli eine 3 tägige Pause und setze darauf den
zweiten Zuckerversuch an. Einen Misserfolg dieser Methode habe
ich bisher noch nicht erlebt.
Eine Ausdehn mg der Zuckertherapie auf 6 — 7 Tage, wie sie gelegentlich
empfohlen wird, halte ich beim Kind für nicht belanglos. Uebrigens kann
schon der zweite Zuckertag manchmal bei sensiblen Kindern und entsprechend
gearteten Eltern rechte Schwierigkeiten machen. Hier helfen 1 — 2 Apfel¬
sinen über das quälende Hungergefühl,
Die Hämaturie kann zunächst noch unbeeinflusst bleiben, ja sogar
zunehmen. Das muss der Praktiker wissen und sich nicht irremachen
lassen.
Die Albuminurie pflegt dagegen prompter anzusprechen. Schlagartig
kann eine Albuminurie von über 10 Prom. am zweiten Tag auf 6. auf 1 am
3. Tag sinken. Aber dieser Erfolg ist natürlich oft noch instabil und der
Eiweissgehalt federt zunächst noch beträchtlich hin und her. Furcht vor
Durchfällen bei dieser Therapie ist unbegründet; wie Bratke betont, kann
sogar Verstopfung eintreten.
Im Verlauf einer akuten diffusen Glomerulonephritis auftretende
präurämische Symptome verlangen die sofortige Einleitung von
Zuckertagen.
Die Sicherung der durch die Zuckertage ein¬
geleiteten günstigen Wendung geschieht nun
durch eine sachgemässe Handhabung der Diät. Wohl
auf keinem anderen Gebiete interner Therapie herrscht heute noch
bei der Mehrzahl der Praktiker ein so altehrwürdiger Schematismus
wie hier. Wird man zu einer Konsultation bei einem nierenleiden¬
den Kinde gerufen, dann kann man fast wetten, die 3 Nierenheiligen
am Bette begrüssen zu können: Milch, salzfreie Kost und Helenen¬
quelle. Der Hausarzt verordnet salzarme Kost, eine Massnahme, die
bei Oedembereitschaft durchaus richtig ist, aber illusorisch wird,
wenn nebenher 2—3 Liter Milch (2 Liter Milch = 60 Eiweiss,
3,0 Kochsalz) getrunken werden müssen! Der alte Gallicismus:
le Iait ou la mort spukt auch heute noch in der Nierentherapie und
beweist wieder einmal, dass es kaum etwas lebenszäheres gibt, als
einen alten Irrtum. Die Milchdiät ist keine Entlastungs¬
kost für die Niere, denn sie ist eiweiss-, salz- und
wasserreich.
Eine Schonungskost für die Nieren ist folgende: Obst, süsse
Früchte, Mehlspeisen, 250 g Milch, Semmel, Zwieback (salzfrei),
Butter (salzfrei). Als Eiweissträger: Reis (mit Tomaten, Aepfeln
oder dgl.). Gelbei ist gestattet, Suppen bleiben fort.
Nachdem die Diurese in Gang gekommen ist, ergänzt man die
obige Kost durch Kartoffeln, Blattgemüse, salzarm gebackenes
Weissbrot, Makkaroni, Nudeln, etwas Weisskäse, gekochtes Ei.
Kochsalz pro Tag etwa 2 g. — Endlich, etwa nach 14 Tagen anstelle
von Reis bzw. abwechselnd mit ihm, Fleisch: zuerst in Frikassee¬
form: ob man die Brühe gestatten kann, hängt von der jeweiligen
Situation ab. Süsswasserfische, in zerlassener Butter, gekochte Eier
sind erlaubt. Verboten: Würste, Konserven und schwerverdauliche
bzw. purinreiche Speisen, wie Leber, Niere, Gehirn, Thymus,
Schinken, Pöckelfleisch und ähnliches. Der Zeitpunkt für diese
Kostform ist gekommen, wenn der Blutdruck sich allmählich nor¬
malen Werten zuneigt.
Aus dieser Formulierung soll aber nicht der Schluss abgeleitet werden,
dass zwischen proteinreicher Kost und Blutdrucksteigerung gesetzmässige
Beziehungen bestehen. Die Untersuchungen Mosenthals haben gelehrt,
dass weniger die proteinartne Kost für die Senkung des Blutdrucks ver¬
antwortlich zu machen ist als die Reduktion der Gesamtkalorien.
Als Anhaltspunkt für die erlaubte Tagesmenge diene 1 g Fiweiss
pro Körperkilo. Die Extraktivstoffe werden ebenfalls besser ver¬
boten, bis der Blutdruck normale Werte aufweist. Leguminosen
gestatte man erst im Rekonvaleszenzstadium.
Nun die Gewürze: Hier stehen sich die Ansichten der Autori¬
täten unvereinbar gegenüber. Der eine bat von Senf, Pfeffer etc. nie
den geringsten Schaden gesehen, der andere verbietet sic teils völlig,
teils stuft er sie sorgfältig ab.
Ich glaube, man geht auf der goldenen Mittelstrasse, wenn man
etwa folgende Richtlinien beachtet: Pfeffer, Senf, Paprika, Dill,
Esdragon und Gemüse, wie Sellerie, Poree, Meerrettich, Rettich,
Radieschen, sind bei akuter Nephritis besser auszuschliessen. Da¬
gegen sind Zimt, Kümmel, Nelken, Petersilie, Zwiebeln (gekocht oder
geröstet), frische Gurken, Kürbis, Spargel, Schwarzwurzeln, frische
grüne Erbsen, Puffbohnen, Spinat, Rhabarber erlaubt. Eine Anregung
der Diurese durch Spargel habe ich nicht gesehen. Der Kaligehalt
der Kartoffeln, den v. Noorden beargwöhnt, hat sich nach den
Erfahrungen der Kinderärzte als ungefährlich erwiesen. Kakao, Tee,
MÜNCHFNER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _ Nr. 34/a
1128
Schokolade, Kaffee können erlaubt werden. Gegen Sauerkraut be- *
steht kein Bedenken.
Essig findet man gewöhnlich auf dem Index des Verbotenen. Die Essig- ;
säure soll schwerer verbrennlich sein als andere organische Säuren und
gelegentlich im Harn erscheinen (?). Begründet erscheint mir das Vorurteil
gegen Essig weniger aus den erwähnten höchst strittigen Gesichtspunkten
heraus als aus der Tatsache, dass der gewöhnliche Essig des Kleinhandels viel¬
fach minderwertig ist und allerlei Ballaststoffe hat. Aus diesem Grunde kann
ein Ersatz des Essigs durch massige Mengen frischen Zitronensaftes besonders
auch im Hinblick auf die Vitaminlehre gutgeheissen werden.
Was den Gebrauch von Mineralwässern (Wildungen,
Brückenau-Wernarz, Fachingen u. a. m.) anbelangt, so halte ich ihn
bei akuter Nephritis für überflüssig.
Wenn L. Mendel neuerdings wieder für die Mineralwässer eintritt,
so kann ich der Deutung seiner gewiss beachtenswerten Versuche nicht bei¬
treten und halte es mit L i c h t w i t z, der den höchst fraglichen Wert von
Mineralwasserkuren bei akuter Nephritis betont.
Die medikamentöse Behandlung tritt gegenüber der
geschilderten diätetischen völlig in den Hintergrund. Nur bei anhy-
dropischer akuter Nephritis oder wenn sonst im Verlauf der Krank¬
heit eine Exzitierung des Herzmotors angezeigt erscheint: Digi¬
talis oder besser noch wegen der sofortigen Wirkung Strophanthin
— 0,2 (5 Jahre), 0,3 (10 Jahre), 0,5 (14 Jahre) — intravenös. Gibt
man Digitalis, dann aber nicht grosse Dosen, wie Mendel es will,
sondern kleine und mittlere, weil grosse Gaben die Nierendurch-
strömung verringern können, während kleine die Nierengefässe er¬
weitern.
Medikamentöse Diuretika sind entbehrlich und kom¬
men höchstens in den seltenen gegen die Zuckertherapie refraktären
Fällen und bei Herzschwäche in Frage. Hier würde man Digitalis
mit Diuretin oder Theocin kombiniert anwenden. Harnstoff,
Thyreoidin sind kontraindiziert.
Ein sicheres Mittel gegen die Hämaturie gibt es nicht ;
alle angepriesenen Medikamente und Massnahmen: Clauden, Coagu-
len, Milzbestrahlung, Proteinkörper, Serum-, Menschenbild-, Calcine-
(Mcrck) Injektionen können gegebenenfalls glatt versagen. Intra¬
venöse Einspritzungen von Kalziumchlorid sind noch relativ am wirk¬
samsten, kommen aber nur für den Geübten und bei guter Assistenz
in Frage, denn ein einziger Tropfen, in das perivenöse Gewebe ge¬
langt, kann langwierige, schmerzhafte Infiltrate, Abszesse. Nekrosen
zur Folge haben. Afenil (Ca. chlor. -f- Harnstoff) hat diese Schatten¬
seiten weniger; der geringe Harnstoffgehalt dürfte unbedenklich sein.
Das einfachste bleibt die alte Therapie mit Kalksalzen per os: Ca.
lact., 4 — 5 mal täglich 1 äbgestrichener Teelöffel oder Ca. chlor.
4 — 5 g am Tag.
Der scheussliche Geschmack beider Mittel lässt sich durch Zusatz von
Liq. ammon. anis. zur Mixtur einigermassen korrigieren. Besser schmecken
die Spezialpräparate des Handels: Kalzan, Klykalz u. dgl. m
Ueber Urämiebehandlung s. später unter Nephrose.
Schweisstreibende Prozeduren halte ich für entbehrlich; dagegen
angenehm warme Vollbäder, 3 mal etwa in der Woche, Massage,
Hautpflege für nützlich.
Namentlich der Massage kommt, darin pflichte ich J e h 1 e vollkommen
bei, ein sehr günstiger Einfluss zu. Eine absolute Ruhigstellung des Körpers
ist nur im Anfangsstadium der akuten diffusen Nephritis zweckentsnrf>~hend.
Dann aber soll durch passive Muskelbewegungen die periphere Blut- und
Lymphzirkulation gefördert werden.
Nach Abklingen der akuten Erscheinungen pflegen die morphotischen
Elemente im Harn noch längere Zeit nachweisbar zu sein, selbst wenn die
Albuminurie nur als hauchartige Trübung besteht. Man zögere aber trotz
dieses ,, Restbefundes“ nicht mit der Erlaubnis zum Aufstehen und wird sehen,
dass fast immer keine Verschlechterung eintritt, sondern die Zellelemente
nach und nach verschwinden. Das hat Czerny schon vor 20 Jahren ge¬
lehrt. Man kann auch beobachten, dass die Albuminurie, die bei Bettruhe
dauernd auf einem gewissen Wert beharrt, sofort nach den ersten Aufsteh¬
versuchen geringer wird und mehr oder minder schnell absinkt.
Der Praktiker soll sich ferner daran erinnern, dass kleine inter¬
kurrente Unpässlichkeiten den Harnbefund verschlechtern und wieder
zur Hämaturie führen können. Nimmt ferner, was gelegentlich be¬
obachtet wird, die Albuminurie orthotische Züge an, so ist ein Ver¬
such mit dem von L. J e h 1 e angegebenen Stützmieder empfehlens¬
wert.
Soziale Medizin und Hygiene.
Soziale Versicherung und Tuberkulose.
Von Dr. v. Wilucki, Marine-Oberstabsarzt a. D., Ver¬
trauensarzt der Allgemeinen OrtskrankenkasseWürzburg-Stadt.
Durch die Sozialversicherung steht allen Versicherten ein Recht
auf Heilbehandlung zu mit dem Zweck, dem Versicherten durch
Wiederherstellung der Gesundheit seine volle Arbeitskraft wieder¬
zugeben, und indirekt damit die Rentenlast der Versicherungsanstalt
zu vermindern. Die Einleitung einer Heilbehandlung im engeren
Sinne ist Sache der Krankenkassen, nämlich ärztliche Behandlung in
der Sprechstunde und im Hause, Gewährung von Arznei und Stär¬
kungsmitteln, von Bruchbändern, Brillen, künstlichen Zähnen, Pro¬
thesen usw. Im weiteren Sinne gehört dazu die Unterbringung in
Krankenhäusern, Genesungsheimen, Lungenheilstätten, Luftkur¬
anstalten usw.
Besteht keine Möglichkeit mehr die Gesundheit und damit d
volle Arbeitskraft wiederherzustellen, so erhält der Versicherte eil
Rente. Diese wird gewährt in der Arbeiterversicherung durch d
Landesversicherungsanstalt, in der Angestelltenversicherung dun
die Reichsversicherungsanstalt, neben welcher selbständig analog di
Arbeiterversicherung zur Einleitung der eigentlichen Heilbehandlui
die zahlreichen Ersatzkassen stehen, denn die gesetzlichen Vorschri
ten der Angestelltenvcrsicherung sind der Arbeiterversicherung vol
kommen nachgebildet.
Beide Versicherungen haben also dem Grunde nach diesclln
Interessen: die Bekämpfung der Krankheiten.
Nun fand man sehr bald, dass eine Infektionskrankheit bei weite
die grössten Opfer von den Versicherungen fordert, die I uberki
lose. Auf diese Krankheit entfallen ungefähr 20—25 Proz. all«
Krankheitstage. Es ist daher kein Wunder, dass die Arbeiter- w
die Angestelltenversicherung sich die energische Bekämpfung dies*
Krankheit als besonders lockendes Ziel setzte.
Um die Krankheit zu heilen, baute man Krankenhäuser und San
torien und der Sieg schien auch nicht auszubleiben, da kam der Krie
der grosse Lehrmeister, und zeigte, dass der Erfolg weniger die Fol;
bewährter gegen diese Krankheit gerichteter Bekämpfungsmassrege
als eine grösstenteils nicht beabsichtigte Begleiterscheinung unser*
wirtschaftlichen Aufschwungs gewesen war, der zu einer Verlang
rung der Lebensdauer führte (Rank e). Unsere Bekänipfungsmas
nahmen müssen daher verbessert und erweitert werden.
Goethe, dessen Namen wir immer mit Ehrfurcht nennen, lii
einmal gesagt: „Mit einer erwachsenen Generation ist nicht me
viel zu machen. Seid aber klug und fangt mit der Jugend an, •
wird es gehen.“
Diesen Ausspruch Goethes bestätigen heute unsere 1 ube
kuloseforscher, wenn sie sagen: der Angelpunkt der Bekämpfung d
Tuberkulose liegt in der Verhütung der Kinderansteckung in d
Familie. Wenn wir aber die Kinderansteckung in der Familie vc
hüten wollen, muss unser erstes Ziel die restlose Erfassung all
offenen Tuberkulösen sein. Zu diesem Zweck müssen Untersuchung
stellen gegründet werden, die mit allen erforderlichen Hilfsmitte
einer möglichst sicheren Krankheitsbestimmung, im besonderen n
einem Röntgenapparat versehen sein müssen, um den Kampf n
dem jetzt nötigen Nachdruck und mit besserem Erfolge durchzuführ
(M.m.W. 1920 S. 338). Zur Einrichtung dieser Untersuchungsstell
fehlen heute allgemein die Mittel. Die finanzielle Lösung dieser Ai
gäbe ist aber bei einem harmonischen Zusammenarbeiten aller Vc
sicherungsträger — der Landesversicherungsanstalten, der Angeste
tenversicherung, der Orts-, Ersatz- und sonstigen Krankenkassen
in einer Arbeitsgemeinschaft, wie sie sich schon gebildet haben, au
heute noch möglich. Die Krankenkassen haben nur, soweit sie nie
schon freiwillig die Familienhilfe eingeführt haben, mit Kindern nie!
zu tun. Wohl aber übernahmen sie schon lange, aber jede für sic
einen grossen Teil der Fürsorge durch Verhütungsmassnahmen.
Massgebend für sie ist der § 363 der RVO., in dem es lieis
„die Mittel der Kasse dürfen nur zu den satzungsmässigen Leistung«
zur Erfüllung der Rücklage, zu den Verwaltungskosten und für ?
gemeine Zwecke der Krankheitsverhütung verweile
werden.“
Aehnlich liegen die Verhältnisse bei der Invaliden- und Hirne
bliebenenversicherung. Nach § 1274 der RVO. kann die Versicl
rungsanstalt mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde Mittel aufwi
den, um allgemeine Massnahmen zur Verhütung des Eintritts vc
zeitiger Invalidität unter den Versicherten oder zur Hebung der i
sundheitlichen Verhältnisse der versicherungspflichtigen Bevölkern
zu fördern oder durchzuführen, sie kann nach § 1269 RVO. ein Hc
verfahren einleiten und kann nach § 1270 RVO. den Erkrankten i
ein Krankenhaus oder in eine Anstalt für Genesende unterbring'
Lässt eine Versicherungsanstalt ein Heilverfahren eintreten, so ka
sie nach § 1519 die Fürsorge für den Kranken seiner letzt
Krankenkasse in dem Umfang übertragen, den sie für geboten h;
Die gesetzlichen Leistungen der Kasse dürfen aber nicht üb«
schritten werden, d. h. die Kasse zahlt in diesem Falle in der Re'
das Krankengeld.
Für die Angestelltenversicherung gelten dieselben gesetzlicl
Bestimmungen in noch höherem Maasse. I
Der Versicherte hat also nicht nur ein Recht auf Heilbehandh'
sondern auch auf Krankheitsverhütung.
Gesetzlich sind aber, wie schon gesagt, die Kinder nicht in i
Versicherung mit inbegriffen. Daher lag die Verhütung im engeil
Sinne, nämlich die häusliche Prophylaxe bisher grösstenteils nur
den Händen von privaten Vereinen. Deren Arbeit war aber j
sofern unproduktiv, als sie meist nur die Arbeit der praktisch
Aerzte wiederholten, weshalb naturgemäss deren Unterstütze:
fehlte. Vorbedingung für eine rationelle Arbeit sind die erwähn*
Untersuchungsstellen. Wenn die soziale Versicherung heute hilft
1. Untcrsuchungsstellen zu gründen und
2. die private Hausfürsorge energisch zu unterstützen,
so wird produktivere Arbeit geleistet werden als bisher.
Die Untersuchungsstellen werden am besten den Ortskrank
Rassen (Vertrauensärzten) übertragen, denn die Kassen haben beri;
ein genaues Verzeichnis ihrer Versicherten und einen vollkonmei
I
August 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1129
»erb! ick über die Erkrankungen ihrer Mitglieder in den Personal¬
ien, die täglich durch die ärztlichen Meldungen ergänzt werden.
In einer Universitätsstadt kommen für diese Tätigkeit auch die
lizinisehen Polikliniken in Frage. Um die Kassen nicht doppelt zu
tsten, müsste diese Arbeit aber ehrenamtlich übernommen werden,
ml der Universität durch die Untersuchungsstellen wertvolles
nkemnaterial zugeführt und gleichzeitig die sozialhygienische Ur¬
ning der Studierenden gefördert wird.
Auch die Auslese der Kranken für ein Heilverfahren würde
ckmässig erst nach stattgehabter Untersuchung durch die Unter-
miigstelle zu geschehen haben, denn durch diese Massnahmen
den zweifellos die Heilstätten von den Pseudotuberkulosen eilt¬
et werden. Zu Polikliniken dürfen jedoch keinesfalls die Unter-
lungsstellen ausgebaut werden. Prinzipiell muss jede Behandlung
dehnt werden. Wenn produktivere Arbeit ohne Behandlung ge-
et wird, werden die Kassenärzte gern die Untersuchungsstellen
atzen, ja im Interesse einer energischen Bekämpfung der Tuberku-
könnten die Versicherungsanstalten die ausgiebige Benutzung
Untersuchungsstellen unter dieser Voraussetzung zur Pflicht
heil.
In der ehemaligen Kaiserlich deutschen Marine suchte der Schiffs-
Seinen Stolz nicht darin, am Ende des Jahres möglichst viele
nke behandelt zu haben, sondern durch geeignete prophylaktische
isnahmen die Infektionskrankheiten, z. B. die Geschlechtskrank¬
en oder in den Tropen die Malaria auf ein Mindeslmaass herab¬
rücken. Ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Medizin ist die
zende Durchführung unserer Verhütungsmassnahmen während
Weltkrieges. Sie zeigt wohl am sinnfälligsten, dass die Verhütung
r Krankheit die vollkommenere Leistung in der ärztlichen
st ist.
Die Allgemeine Ortskrankenkasse Würzburg-Stadt hatte aus dei¬
nen Erwägungen heraus eine eigene Untersuchungsstelle ge-
iffen, und um ganze Arbeit zu leisten, machte sie sich auch von
privaten Fürsorge frei und gründete eine eigene Fürsorgestelle,
ersten Jahre ihres Bestehens wurden vom 1. Juni 1922 bis 1. Juni
• bei 2U000 Versicherten 69 offene Tuberkulosen festgestellt, dazu
en im Jahre 1922 36 ihr unbekannte offene Tuberkulosen aus den
iken, Polikliniken und Sanatorien gleich 105 offene Tuberkulosen,
lass sie unter der Voraussetzung, dass in Würzburg mit seinen
X) Einwohnern jährlich 2 Prom. an Tuberkulose gleich 160 Men-
n sterben, und das Dreifache von ihnen gleich 480 offene Tuber-
n zu schätzen sind, sie 66 Proz. der offenen Tuberkulosen ihrer
ucherten feststellte, die ungefähr ein Drittel der Bewohner Würz-
:s ausmachen. Früher waren von der privaten Fürsorge ungefähr
oz. aller offenen Tuberkulosen festgestellt worden.
Wir sehen aus diesem Beispiel, dass die Möglichkeit einer viel
er gehenden Erfassung aller Tuberkulösen als bisher besteht,
n sich die Versicherten zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen-
iessen. Noch wirksamer wird der Abwehrkampf werden, wenn
Volkskreise auf einheitlicher Grundlage — vielleicht durch
hsgesetz — mobilisiert sind.
Am 8. Juni 1923 wurde durch Vermittlung der medizinischen
iltät in Würzburg (Geheimrat Schmidt) unter dem Vorsitz von
. Dr. Magnus-Alsleben in diesem Sinne eine Arbeits¬
einschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose ins Leben gerufen,
besonderes Verdienst erwarb sich der Verwaltungsdirektor der
emeinen Ortskrankenkasse Wiirzburg- Stadt Westermeir
h sein temperamentvolles verständnisreiches Eintreten für die
;n grossen Ziele. Da der Würzburger Oberbürgermeister Dr. med.
Löffler ebenfalls ein sehr weitherziges Entgegenkommen
te, gelang es schnell, in vorbildlicher Weise den Ring zwischen
tversicherten und Versicherungsträgern zu schliessen.
Die Statuten wurden unter Anlehnung an den Nürnberger Zweck-
tand entworfen, und es wurde ein jährlicher Beitrag pro Kopf
Versicherten von 10 Friedenspfennig mal Index festgesetzt. Die
t zahlt denselben Beitrag an die Arbeitsgemeinschaft wie die
-meine Ortskrankenkasse Würzburg-Stadt.
Es wurden drei Untersuchungsstellen geschaffen:
die 1. in der Medizinischen Poliklinik (Prof. Magnus -Als-
1 e b e n),
die 2. in der Kinderpoliklinik (Prof. R i e t s c h e 1),
die 3. in der Allgemeinen Ortskrankenkasse Würzburg-Stadt lin¬
deren Versicherte (Dr. v. W i 1 u c k i).
Die gesamte häusliche Fürsorge wurde dem Stadtarzt Dr. L i 1 1
tragen. Die Leitung der Arbeitsgemeinschaft ruht in den Händen
Prof. Magnus-Alsleben. Im engeren Vorstande befinden
noch ein Vertreter der Stadt, der Direktor der Allgemeinen
krankenkasse Würzburg-Stadt und der Stadtarzt. Um von vorn-
in kein Misstrauen unter den praktischen Aerzten aufkommen zu
*n und ihre Mitarbeit zu sichern, ist in der Arbeitsgemeinschaft
der ärztliche Bezirksverein durch die Stimme seines Geschäfts-
ers (Hofrat Dr. Frisch) vertreten.
Möge dieser Einheitsfront in dem harten Kampfe trotz des wirt-
ftlichen Niederbruchs unseres schwer geprüften Vaterlandes
-rfolg beschieden sein!
Bücheranzeigen und Referate.
H. Oppenheims Lehrbuch der Nervenkrankheiten iiir Aerzte
und Studierende. 7., vermehrte und verbesserte Auflage. Bearbeitet
von R. C a s s i r er , K. G o 1 d s t e i n, M. Nonne, B. Pfeifer.
Erster Band. Mit 323 Abbildungen im 1 ert und 4 Tafeln. Berlin, 1923.
S. Karger, ürdpr.: 27 M.
Das Fehlen des unvergleichlichen O p p e n h e i m sehen Funda¬
mentalwerks während zehn Jahren ist von den Aerzten, insonderheit
den Neurologen, als grosser Mangel empfunden worden. Nach dem
vor vier Jahren erfolgten frühen Tode des Verfassers war zu be¬
fürchten, dass kein zweiter Forscher in Deutschland allein imstande
sein werde, das gesamte Gebiet der Nervenheilkunde in solcher Voll¬
ständigkeit zusammenzufassen und in gleicher Vollkommenheit dar¬
zustellen. Wir müssen es daher dem Schüler Oppenheims,
Üassirer, Dank wissen, dass er sich, um das Werk seines Lehrers
nicht vom Büchermarkt verschwinden zu lassen, wenn auch lange
zögernd, entschlossen hat, im Verein mit drei anderen hervorragenden
Fachgenossen eine neue Ausgabe zu veranstalten. Der zunächst er¬
schienene erste Band*, der den „Allgemeinen Teil“ und vom speziellen
Teile die Krankheiten des Rückenmarkes und der peripherischen
Nerven enthält, zeigt, dass die jetzigen Bearbeiter in pietätvoller
Wertschätzung des verstorbenen Meisters die alte Gliederung des
Stoffes und sogar einen grossen Teil des Textes im Wortlaut bei¬
behalten und nur da ergänzt haben, wo die neueren Forschungen und
Erfahrungen es geboten. Dadurch dürfte die Einheitlichkeit und der
Charakter des Werkes als „Lehrbuch“ im Gegensatz zu den Hand¬
büchern gewahrt werden.
Die Mehrzahl der Kapitel des ersten Bandes ist von C a s s i r e r
bearbeitet, und zwar: der ganze allgemeine Teil (Art der Unter¬
suchung, allgemeine Symptomatologie), der gegen früher nur wenige
Ergänzungen bringt, ferner die diffusen Erkrankungen des Rücken¬
markes, das allgemeine Kapitel „Peripherische Lähmung“ und die
speziellen peripherischen Lähmungen der spinalen Nerven. Die Be¬
arbeitung der Physiologie und Pathologie des Rückenmarkes lag in
den Händen K. Goldsteins, diejenige der Strang- und System¬
erkrankungen des Rückenmarkes, der peripherischen Lähmung der
Hirnnerven, der multiplen Neuritis und der Neuralgien in den
Händen B. Pfeifers. Eine sehr wertvolle zeitgemässe Ergänzung
hat der erste Band erfahren durch Nutzbarmachung der grossen Er¬
fahrungen, die der Weltkrieg gerade auf dem Gebiete der Neuro¬
pathologie brachte. Dahin gehören vor allem umfangreiche neue
Abschnitte aus der Feder C a s s i r e r s, der während des Krieges
über 5000 Fälle von peripherischen Nervenverletzungen selbst unter¬
sucht und nun seine reichen Erfahrungen in dem Kapitel über „Trau¬
matische Lähmung periph. Nerven“, wie in den Kapiteln der einzelnen
periph. Lähmungen und in einem besonderen Abschnitt über die
Schuss- und Stichverletzungen des Rückenmarkes niedergelegt hat.
ln äusserlicher Beziehung war eine nicht unerhebliche Vergrösse-
rung des Umfanges unvermeidlich, auch die Abbildungen erfuhren
eine vorteilhafte Vermehrung; die technische Ausstattung des Buches
gereicht dem Verlag zur Ehre.
Wenn der zweite Band, woran wir nicht zweifeln, erfüllt, was
der erste verspricht, so wird das wiedererstehende Oppenheim-
sclie Werk (dessen frühere Auflagen in vier ausländischen Sprachen
über alle Weltteile verbreitet waren) in der jetzigen Vervollkomm¬
nung die Führung in der — zunächst deutschen — Neuropathologie
wieder übernehmen, zum Nutzen der Wissenschaft und Praxis und
zum erneuten Ruhme seines Urhebers. Stintzing.
R. Ti sch ne r: Einführung in den Okkultismus und Spiritismus.
2. Auflage. Verlag von J. F. Bergmann, München, 1923. 124 S.
7 Abb. Grdpr.: 3.50 M.
Eine Einführung in den Okkultismus und Spiritismus kann natür¬
lich nur ein Anhänger dieser Richtungen schreiben. T. ist überzeugter
Okkultist und macht daraus schon in Vorwort und Einleitung kein
Hehl; er lehnt es dagegen ab, Spiritist zu sein, als welcher man d ie
Deutung okkulter Phänomen anerkennen muss, die diese auf einen
Verkehr mit den Geistern Verstorbener zurückführt. — Es berührt
sympathisch, wenn T. sich bei Darstellung der „Grenzgebiete des
Okkultismus“, unter welchem Begriff er die Erscheinungen der
Ueberempfindlichkeit der Sinne in der Hypnose, diese selbst, die Sug¬
gestion, unterbewusste Phänomene, wie Traum, Persönlichkeits¬
spaltungen, Automatismen (automatisches Schreiben, „Kristallsehen“,
Tischrücken u. w.), die Traumzustände u. a. m. subsumiert, in durch¬
aus sachlichen Grenzen hält, so dass man fast alles unterschreiben
kann, da eigentlich „Okkultes“ hier eben keine Rolle spielt. Nicht
so voll kann man schon seiner Stellung zu Wünschelrute und side-
rischem Pendel zustimmen. Dann aber kommt der eigentliche Okkul¬
tismus mit den „parapsychischen“ und „paraphysischen“ Erscheinun¬
gen; hier kann nicht mehr mit, wer nicht von vornherein den Okkul¬
tismus anerkennt. Zu den parapsychischen Erscheinungen rechnet T.
die Telepathie und das Hellsehen, wie sie von Experimenten und
„spontanen Ereignissen“, also den bekannten „Ahnungen“ von Ereig¬
nissen, die sich in der Ferne erfüllen, auch vom Hellsehcn in die Zu¬
kunft und vom zweiten Gesicht her bekannt sind. Die Tatsache des
Vorkommens von uns bisher nicht erklärbaren Ahnungen
und eigentümlichen experimentellen Erfolgen mag mit Re¬
serve zugegeben werden, eine zwingende Notwendigkeit,
1130
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 34 35 1
„eine irgendwie geartete direkte seelische Fernwirkung,
eine Uebertragung der Vorstellungen ohne direkte engste
Abhängigkit von einer materiellen Unterlage“ deshalb anzuneh¬
men, liegt nicht vor, auch nicht wenn man dem Verfasser gern ein¬
räumt, dass alle Bemühungen, diese Dinge auf physikalische oder
psychologische Weise befriedigend aufzuklären, bisher fehlschlu¬
gen. Wir wissen eben noch nicht, wie sich diese Dinge verhalten;
aber einer rein psychistischen Theorie zu folgen, dürfte vielen
schwerer fallen als ein Eingeständnis unseres vorläufigen Unver¬
mögens. Gänzlich verweigern aber muss man dem Verfasser die
Gefolgschaft auf dem Gebiete der paraphysischen Erscheinungen. Bei
der guten Einsicht, die Verfasser bei Besprechung der „Grenzgebiete
des Okkultismus“ bewiesen hat, muss man sich wundern, dass er
die Lehie vom „Od“ und der „Exteriorisation der Sensibilität“ (ein
Medium hat Empfindungen, wenn in ein Glas gestochen wird, in das
es sein Empfindungsvermögen übertragen hat) nicht glatt ablehnt.
Hier zeigt sich, dass er ganz dem Okkultismus verfallen ist, und dass
nichts fremdartig und wunderbar genug ist, um nicht angenommen
und gedeutet zu werden. Die Materialisation ist für ihn eine fest¬
stehende Tatsache, das Auftreten materieller Gesichter, Hände, Ge¬
stalten und merkwürdiger, auch ähnlicher und papierartiger Gegen¬
stände im Dunkelzimmer unter dem Einfluss der Medien ist ihm
sicher; es stört ihn nicht, dass die materialisierte Hand, die ihn be-
rührt, sich genau anfühlt wie eine Hand von Fleisch und Bein und
Körpertemperatur; es stört ihn nicht, wenn bei der Telekinese Fäden
oder stab- oder rutenartige Gebilde vom Medium zu dem sich bewe¬
genden Gegenstand führen, das ist eben dann die zu materieller
Stütze gewordene fluidische Kraft. Mit der Materialisation muss er
aber auch die Dematerialisation zugeben — denn die materialisierten
Gebilde zerfliessen ja auch wieder in einem Moment in ein Nichts — ,
und so muss T. denn auch z. B. die Versuche des Mediums Slade
anerkennen, das aus verschlossenen Schachteln Münzen und
dergleichen verschwinden und wiederkommen Hess. Es soll
gern zugegeben werden, dass T. sehr vorsichtig bei seinen
Experimenten vorgeht, und dass wir alle vielleicht ebenso
vor Rätseln gestanden hätten; es soll auch mit Anerkennung
darauf hingewiesen werden, dass T. der Täuschung und dem Betrug
eine grosse Bedeutung beimisst, ja es soll besonders betont werden,
dass er frei zugibt, dass selbst die grössten mediumistischen Kronzeu¬
gen seiner Auffassung schon auf Schwindeleien ertappt wurden; man
kann sich aber darum doch nicht, fast möchte man sagen gerade des¬
wegen nicht, der Auffassung anschliessen, dass bei den massgeben¬
den Experimenten eine Vortäuschung oder Selbsttäuschung „aus¬
geschlossen“ war. Die Experimentatoren haben trotz ihrer Ge¬
wiegtheit eben doch nicht durchgesehen, wir weniger Gewürfelten
würden es gewiss noch viel weniger tun. Aber selbst wenn wirklich
trotz der so grotesk anthropomorph gestalteten Materialisation etwas
Positives an den Erperimenten sein sollte, so würde uns die Hypo¬
these von der vierten Dimension und die Heranziehung der Relativi¬
tätstheorie u. ä. vielleicht noch mehr befriedigen als die jetzigen
Deutungen des Okkultismus; dass es für uns noch unbekannte Länder
gibt, davon sind wir wohl alle überzeugt. — Der Spiritismus wird
von T. in sehr entgegenkommender Weise besprochen, schliesslich
aber doch abgelehnt.
Ich habe das in ernstem Geiste geschriebene Buch gern und mit
Interesse gelesen, aber auch mit Staunen, und zwar mit Staunen über
die Tatsache, wie wenig die ehrliche Absicht kritischer Stellung¬
nahme bei guter Beherrschung unserer jetzigen wissenschaftlichen
Kenntnisse davor schützt, dass jemand durch die Labilität seines
Persönlichkeitsbewusstseins — ein gewisses Maass solcher Labilität
bei jedem vorausgesetzt; es spielt in normaler Breite ja beim Glauben
eine grosse Rolle — in solch phantastische Formen entrückt wird.
Dass wir bei den okkulten Erscheinungen uns an den Grenzen unseres
Wissens befinden, darüber sind wir uns einig. Die Deutung dieser
Erscheinungen scheint mir aber vorläufig noch Glaubenssache und
nicht Wissenssache zu sein, und wer sich mit diesen Dingen befasst,
wird immer Gefahr laufen, Glauben mit Wissen zu verwechseln; dem
dürfte T. zum Opfer gefallen sein. Ich halte mich weder für einen
Materialisten, noch für einen Mechanisten in dem von T. bekämpften
Sinne, und ich bin mir der Relativität all unseres Wissens wohl be¬
wusst; das kann mich aber nicht veranlassen, den Tischner sehen
Argumentationen zu folgen. G. Ewald- Erlangen.
E. Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie. 4. Auflage. Berlin,
1923, Julius Springer. 546 S.
Das hier schon mehrfach besprochene Buch Bleulers hat sich
kraftvoll durchgesetzt. In weniger als sieben Jahren die vierte Auf¬
lage! Das beweist die allgemeine Beliebtheit des Lehrbuches, zumal
bei der Erschwerung der Buchanschaffung, die den Studierenden
zwingt, ganz auf den Kauf eines Lehrbuches zu verzichten oder sicli
mit einem kurzen Kompendium zu begnügen. Die grosse Anerken¬
nung des Bleuler sehen Werkes ist für den Psychiater um so er¬
freulicher, als es wenig geeignet ist, sich in flüchtigem Durcheilen
die für die Prüfung erforderlichen Kenntnisse einzupauken, sondern —
zuweilen sogar recht hohe — Ansprüche an Wissen, Können und
Ernst des Lesenden macht. So bedarf das Buch keiner besonderen
Empfehlung mehr.
Zwei Wünsche für die nächste Auflage: Die Wirkung des Luini-
nals bei Epilepsie ist doch nach meinen Erfahrungen so gross, dass
rch eine wärmere Empfehlung wünschen möchte. Ich ziehe es den
Brom entschieden vor. Die von Bleuler angegebene Menge (0,0?;
bis 0,1) ist häufig nicht ausreichend; im allgemeinen habe ich, abge
sehen von den seltenen Fällen einer sich sofort zeigenden Idiosyir
krasie, auch bei jahrelangem unausgesetztem Nehmen keinerlei Schä
digungen gesehen. _ . .. .
Die Encephalitis lethargica ist in B 1 e u 1 e r s Darstellung zu kur.
geraten. Die schweren Spätfolgen verdienen um so mein eine ge
nauere Darstellung, als sie sich oft erst viel später einstellen um
schubweise den Gesamtzustand der Kranken körperlich und psychisch
verschlimmern. Ich fürchte sehr, wir werden um die Anerkennum
einer vielgestaltigen Dementia postcncephalitica nicht herumkonnneii
Aschaffenburg.
Marburg: Arbeiten aus dem Neurologischen Institut an de
Wiener Universität. Band XXIV, 2. und 3. Heft. April 1923. Leipzig
D e u t i c k e. 453 S. Gdpr.: 36 M.
Das Heft wird eingeleitet durch einen wannen Nachruf fu
Obersteiner aus der Feder Marburgs. Ni s hdk awa unter
sucht die Veränderungen in den anliegenden Hirnteilen bei klein
hirnbriickenwinkeltumoren und die Gründe der hohen Mor
talität bei der Operation und deren Vermeidung. Spiegel um
Nishikawa bewirkten bei Katzen, Hunden und Ratten durc
partielle und totale Exstirpation der Epithelkörperchen Disposition z,
Tetanie und brachten dann durch Verletzungen im Mittelhirn ausge
sprochene einseitige Tetaniekrämpfe hervor. Das Zentrum für die ent
sprechenden Reflexe lokalisierten sie etwas genauer als oisher i
Pons und Oblongata. Das Kleinhirn ist höchstens nebensächlich be
teiligt. Die Tetanie kann keine Guanidinvergiftung sein, da die z
dieser gehörenden entzündlichen Erscheinungen fehlen. N a i t o zeig«
dass auch im (menschlichen) Kleinhirn die Ummarkung der U.as'^r
von den phylisch ältesten Partien zu den jüngsten fortschreitet. Kub
hat 4 Fälle von Entwicklungsstörungen des Kleinhirns sehr gena.
untersucht mit vielen interessanten Einzelresultaten. Nishikawj
findet mit der Degenerationsmethode in der scheinbar so allseiti
studierten Oblongata noch neue Fasersysteme. Hoff studiert de
Liquordruck nach Punktionen und Injektionen und nach Einfluss vei
schiedener auf die Gefässe wirkenden Substanzen. Hryntscha
beschreibt Lage und Formen der Zellen der Harnblase.
XXV. Band, 1. Heft, April 1923:
Saito hat eine minutiöse Untersuchung von 7 Paralytikergchii
nen gemacht, die erlaubt, sich über die pathologische Anatomie de
Paralyse und ihre Zusammenhänge mit dem Verlauf der Krankhe
bestimmter zu äussern als bisher. Betont wird namentlich die fleck
weise Lokalisation sowohl in der Pia, wie im Gehirn. Der I rozes
der als eine Entzündung aufgefasst werden muss, ist in den en
zelnen Herden akut, läuft daselbst nach mehr oder weniger starke
Zerstörung des Gewebes ab, so dass z. B. die Infiltrate und Exsudat1
um die Gefässe wieder verschwinden können. Chronisch wird di
Krankheit dadurch, dass immer wieder neue Herde auftreten. Di
Zusammenhänge der Befunde mit dem Verlauf und der Symptomab
logie sitld auffallend gering. Die vielen Einzelheiten sind im Origin;
nachzulesen. E. Bleuler- Burghölzü. ;
Zeitschriften- Uebersicht.
Deutsches Archiv für klinische Medizin. 142. Bd., 3. u. 4. Hei
H. S t r a u b - Greifswald: Die Poikilopikrie der Nierenkranken. (At|
der I. med. Klinik der Universität München und aus der Med. Klinik d.
Universität Greifswald.) (Mit 1 Abbild.)
Bei einer grösseren Zahl von Nierenkranken verschiedener Art uil
Schwere, fand sich ein ausserordentlich buntes Bild der Serumzusamme.
Setzung. ' Während beim Normalen nicht nur die Gesamtsumme aller g
lösten Bestandteile, sondern auch jeder einzelne von ihnen nur ganz gerirg<
Schwankungen unterliegt, ist dies beim Nierenkranken anders. Jeder ei
zelne kann vermehrt und vermindert gefunden werden, Chloride, Bikarbonat,
säurelöslicher Phosphor, Rest\N und der Rest unbekannter Mole nehmen ti
diesen Schwankungen teil, ohne dass die Gesetze dieser Schwankungen au
reichend geklärt wären. Ausscheidungsinsuffizienz der Niere und Aend
rungen der Zufuhr nehmen auf diese Schwankungen ebenso Einfluss wie dj
Verhalten der Gewebe und intermediäre Stoffwechselvorgänge. Die bun
Zusammensetzung der Gesamtsumme der Säureanionen ist der wesenthet]
und wichtige Ausdruck dieser Bilanzstörung der Nierenkranken. Ein*
Organismus, dessen Anionengehalt von exogenen und endogenen Vorgang!
abhängig und nicht mehr ausreichend konstant gehalten wird, bezeichnet m,
als poikilopikrisch. Wenn an diesen Schwankungen nicht nur die Aniotit'
sondern auch die Kationen beteiligt sind, so wäre der Begriff der Poiki
pikrie zu erweitern und durch den schon eingebürgerten Begriff der I oikil]
ionie zu ersetzen. Von der durch Gefrierpunktsbestimmungen ermittelt
molaren Konzentration des Serums bleibt noch ein erheblicher, unbekannt
..Molenrest“, der durch den Gehalt an Eiweiss und Traubenzucker nie
gedeckt ist. Bei Nierenkranken fand sich der Molionengehalt des Blutserui
häufig erhöht, woran meist der Reststickstoff überragenden Anteil hat. M
stärksten Vermehrungen des Molenrestes fanden sich bei 2 QuecksilDii
nieren, was auf das Auftreten von Zerfallsprodukten im Blute infolge dl
Giftwirkung auf den Gesamtkörper hinweist. Vielleicht führt verändert
Zellstoffwechsel bei chronischem Nierensiechtum zum Auftreten analog
Stoffe im Blute und zu Kachexie. Verminderung einzelner Mole und Ion
bei Zunahme anderer kann von dem Gesichtspunkt der Aufrechterhaltung d
Isotonie als „zweckmässige“ Kompensationseinrichtung aufgefasst werde
Die Beobachtungen lassen eine aktive Rolle der Körpergewebe an die1-
regulatorischen Vorgängen vermuten. Wegen der Unkenntnis über die Na.
des Molenrestes kann die Frage nach dem Wesen der Hypokapnie ( - Hers
Setzung der Kohlensäurebir.dungsfähigkeit des Blutes) der Nierenkrank
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
eilt eindeutig beantwortet werden. Bestellt er vorwiegend aus Anelektro-
ten, so beruht die Hypokapnie teils auf Clilorretention teils darauf, dass
Ikali aus dem Blut verschwunden ist, also auf einer Niereninsuffizienz. Ent-
ilt der Molenrest aber zu einem erheblichen Teil organische Säuren, so ist
e Blutveranderung, die zur Hypokapnie der Nierenkranken führt, durchaus
ialog der bei diabetischer Azidose.
E. Boden und F. Neukirch: Klinische und experimentelle Studien
ier Bulbus scillae und SziUären. (Aus der med. Klinik der Akademie für
aktische Medizin zu Düsseldorf.) (Mit 3 Kurven.)
Klinische Beobachtungen ergaben die Wirksamkeit von Bulbus scillae
id Szillaren besonders bei Myodegeneratio cordis, hier waren sie anderen
igitalispräparaten und dem Strophanthin überlegen. Dekompensierte Aorten-
tien wurden gleichfalls günstig beeinflusst, ohne dass hier die eben er¬
ahnte Ueberlegenheit gegenüber Digitalis und Strophanthin bestand, bei
itral vitien und Herzinsuffizienz nach Nierenerkrankungt;n war Scilla ohne
folg. Aus den klinischen und experimentellen Beobachtungen am über¬
benden Warmblüterherzen hat sich ein besonderer Angriffspunkt der Scilla-
äparate am Herzen oder ein prinzipieller Unterschied von der Digitalis in
■r Wirkungsweise nicht erkennen lassen. Bulbus scillae wurde früher mehr
iter die Diuretika, als unter die Herzmittel eingereiht, weil ungenügende
äsen verabreicht wurden und die wirksamen Substanzen nicht genügend in
e früheren „ü a 1 e n i sehen“ Präparate übergingen. Ein wirksames Scilla-
äparat ist das Szillaren.
R. Q e i g e I - Würzburg: Die diskontinuierlichen Schwingungen in der
iagnostlk.
Helmhol tz hat gezeigt, dass bei diskontinuierlichen Schwingungen
ner Saite die hohen Obertöne gegenüber dem Orundton hervortreten, mit
irminderung der Stosszeit beim Anschlägen der Saite werden die hohen Ober-
nc verstärkt, der Grundton schwächer. Je kürzer die Stosszeit, je kleiner
e gestossene Stelle, je härter der Hammer und je stärker die Schwingung
s angestossenen Körpers, um so diskontinuierlicher wird die Bewegung,
eigel hat nun diese H e 1 m h o 1 1 z sehen Untersuchungen zur Erklärung
s Metallklanges in der Diagnostik benützt, indem er das, was Helm-
sitz für die Schwingungsform von Saiten gefunden hatte, auch für die
n gespannten Membranen verwertete, und zeigte, dass das gleiche wie in
r Perkussion auch für die Auskultation gilt, indem auch hier eine dis-
ntinuierliche Erschütterung von Lufträumen dort entsteht, wo man in der
agnostik das Auftreten sog. „metallischer“ Obertöne beobachtet. Ebenso
■ Unterschied von tympanitischem und atympanitischem Perkussions-
liaH in letzter Linie auf den höheren und geringeren Grad der Diskontinuität
r Schwingungen zu beziehen. Diese in die Diagnostik eingeführte Lehre
n den diskontinuierlichen Schwingungen hält G e i g e 1 aufrecht gegenüber
a r t i n i (siehe dieses Archiv Bd. 139).
R. D. L o e w e n b e r g - Hamburg: Ein Beitrag zur Klinik des Herz-
arkts und der Pericarditis epistenocardiaca. (Aus der med Universitäts-
liklinik in Hamburg.)
Wenige Tage nach seinem ersten stenokardischen Anfall zeigte cm
jähriger Lotse vorübergehend Fieber, perikardiales Reiben und Leuko-
tose. Nach scheinbar völliger Erholung 3 Wochen später plötzlicher Exitus,
)”e' u!.e *t^n’sc‘1 beobachtete Pericarditis epistenocardiaca anatomisch auf
em Höhepunkt war; das kurz nach dem Verschluss der Kranzarterien auf-
dende Fieber und die Leukozytose beruhten offenbar auf dem Zerfall der
:rzmuskeln. Diese beiden Symptome können auch in solchen Fällen die
agnose stützen, in denen das schnell wieder hergestellte subjektive Wolil-
iinden scheinbar gegen einen Infarkt spricht.
R. Hopmann: Akute infektiöse Stammzelilenverinehrung im Blute mit
ilung. (Beiträge zur „Monozytenangina“.) (Aus der med. Klinik der Uni-
rsität Marburg.)
Bei einem 22 jährigen Studenten mit schwerer eitriger Angina und starken
Igemeinerscheinungen fanden sich im Blute grosse einkernige» Zellen, die
ist positive Oxydasereaktion ergaben. Wahrscheinlich handelt es sich um
ie besondere Spezifität des zur abnormen Blut- bzw. Gewebsreaktion
irenden Reizes, also wahrscheinlich des hypothetischen Infektionserregers.
E. J ü r g e n s e n - Bad Kissingen: Mikrokapillare Beobachtungen und
somotoren. (Aus der I. med. Klinik München.)
Systematisch durchgeführte Mikrokapillarbeobachtungen ergeben die
iglichkeit, Störungen im Kreislaufmechanismus, die vorwiegend auf Schädi-
ugen im Bereich des Vasomotorensystems beruhen, frühzeitig nachzuweisen
jl in ihrer weiteren Auswirkung für den Gesamtkreislauf zu verfolgen. Bei
llcn epidemischer Enzephalitis bzw. Grippe Hessen sich zwei Grundtypen
terscheiden. In Typ A kommt die erhöhte Erregbarkeit des Vasomotoren-
ltrums sehr gut in der gesteigerten Reizbarkeit der peripheren Gefässe zum
sdruck; es finden sich schmale, im ganzen noch gut differenzierte Kapillar-
i lmgen, die Strömung meist lebhaft, zeitweise der körnigen Strömung
dich: im Sperrversuch fanden sich, ganz ungeordnet, bald verlängerte, bald
rkurzte Strömungszeiten, die Blutdruckwerte relativ hoch, man könnte es
das Stadium der Gefässunruhe bezeichnen. Typ B zeigt das Stadium
Vasjmotorenschwäche bzw. Lähmung, von vornherein maximal erweiterte
Pdlarschlingen bei träger, kaum wahrnehmbarer Blutströmung. Im Sperr-
■such erhebliche Verkürzung oder Stillstand der Blutsäule, die Blut-
ickwerte ganz niedrig. Typ A also Vasomotorenreizung, Typ B Vaso-
t.?re"sc.tlwä9he oder Lähmung. Das Besondere der Grippeinfektion (Enze-
ditis) liegt in der Auswirkung vasomotorischer Schädigungen auf fast das
lamte periphere Gefässsystem. Nach Abklingen der akuten Erscheinungen
ss sich die noch lange fortdauernde Schädigung des peripheren Gefäss-
stems durch den Sperrversuch nachweisen, so dass die oft auffällig lang
|Jernde Rekonvaleszenz erklärlich wird. Auch die Dysfunktion innersekre-
ischer Drüsen (z. B. Schilddrüse) kann einen verhängnisvollen Einfluss auf
hi Verlauf der Erkrankung ausüben, so dass sowohl Hyper- als Hypo-
hreosen für die Mikrokapillarbeobachtung von Wichtigkeit sind. In einigen
■ len postoperativer Hypothyreose mit hochgradiger Störung im Bereich
peripheren Gefässregulation Hess sich durch systematische Thyreoidin-
d'e Kreislaufstörung beheben. Bei septischen Erkrankungen kommt
Nachlass des Splanchnikustonus schon frühzeitig in einer maximalen Ver-
Rerung der Hautkapillaren (Antagonistenwirkung) zur Geltung. Die Mikro-
mlarbeobachtung ist allerdings eine subtile, Uebung und Erfahrung er-
'dernde Untersuchungsmethode.
R. Prigge: Die Wirkung der intravenösen Zufuhr grosser NaCI-
ngen. III. Mitteilung. Die Beeinflussung der Antikörperproduktion. (Aus
n Institut für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M.)
Die günstige Wirkung der intravenösen Injektion grosser NaCl-Mengen
Pneumonie führt zur Frage, ob sie durch Einwirkung auf die Antikörper¬
bildung bzw vermehrtes Auftreten derselben aus Zellen in die Blutbahn be¬
dingt ist. Versuche mit Hämolysinen, die zum Studium der Einwirkung
massiver Chlornatriumdosen auf die Antikörperbildung angestellt wurden,
zeigten, dass beim immunisierten Kaninchen keine Vermehrung der Anti¬
körper eintritt, vielmehr zeigte sich stets eine Verminderung der im Blut
kreisenden Hämolysine.
O. Ewald: Die leukämische Retikuloendotheliose. (Aus dem Sama-
riterhaus Heidelberg.) (Mit 2 Abbild.)
Ein 60 jähriger Landwirt kam wegen stark ulzerierender, sehr bluten¬
der Gingivitis zur Röntgenmilzbestrahlung, die den 8 Tage später erfolgenden
Exitus nicht aufhalten konnte. Es handelte sich um eine klinisch als septisch
zu bezeichnende Erkrankung, die sich zytologisch in einer Proliferation der
urenchymzellen des ganzen retikulo-endothelialen Systems mit Ausschwem¬
mung dieser primitiven Zellen in die Blutbahn darstellt. Es handelt sich
also um eine als akute leukämische Retikuloendotheliose zu bezeichnende,
selbständige Form der Leukämie, die neben die Myelose und Lymphadenose
zu stellen ist.
O. G r o s s - Greifswald : : Zur Lehre von der Verfettung parenchymatöser
Organe.
... Z1? ^heren Arbeiten haben Gross und V o r p a h I gezeigt, dass in
überlebenden Organen vorher nicht nachweisbares Fett auftritt, wenn die
rgane oder Teile davon unter besonderen Versuchsbedingungen einem lang¬
samen Zugrundegehen — einem nekrobiotischen Prozess — unterworfen
wurden. Weitere Untersuchungen ergaben, dass eine echte, fettige Degenera-
tion vorlag, d. h. eine Fettbildung aus Eiweiss; die Zelle ist imstande aus
Eiweiss Fettsäure zu bilden. Diese Ansicht wird gegenüber den Arbeiten
von Munk und R o t he r aufrecht erhalten. (Dieses Archiv HO 314 S 137)
Besprechungen. B a m b e r g e r - Kronach.
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie.
Band 36. Heft 5. Jena 1923. Verlag Gustav Fischer.
A k e r 1 u n d - Stockholm: Die Röntgendiagnostik des Ulcus duodeni mit
Hinsicht auf die lokalen „direkten“ Röntgensymptome.
Zur Darstellung des Bulbus duodeni gibt Verf. eine dünnflüssige, trink¬
bare, niehtsedimentierende Bariumsaftcreme von Sahnenkonsistenz und macht
Serienaufnahmen im Stehen. Das Ulkus kann folgende Formveränderungen
am Bulbus hervorrufen: Nische, Defekt. Retraktion und Divertikel, wie an Ab¬
bildungen erläutert wird. An autoptischem Material ergab sich, dass die
„detaillierte Bulbusanalyse“ in über 60 Proz. eine richtige Röntgendiagnose
des Ulc. duod. lieferte, in etwa 20 Proz. eine richtige Wahrscheinlichkeits-
diagnose. In weniger als 20 Proz. war die Diagnose nur alternativ mög¬
lich oder musste offen gelassen werden oder war falsch (4 Fälle = 5.6 Proz.)
A. Szenes (Chir. u. Med. Univ.-Kl. Zürich): Ueber den Gehalt des
Blutes an Kalk, des Serums an Aminosäuren bei Strumen und einem Falle
von Myositis ossificans, nebst refraktometrischen Bestimmungen.
Der durchschnittliche Blutkalkwert betrug bei kleinen Strumen 14,5 mg-
Proz., bei mittelgrossen 19,8 und bei grossen 12,75 mg-Proz. Bei 2 1 {jähri¬
gen Kindern fand sich nach Strumareduktion erhöhter Blutkalkwert. Den
Höchsten Blutkalkwert hatten adenomatös-parenchymatöse Strumen, den
niedrigsten zystische Strumen, Kolloide hielten die Mitte. Der Brechungsindex
des Serums (entsprechend der Konzentration) war bei grossen Strumen
niedriger; ebenso war er nach operativer Reduktion der Struma häufiger
herabgesetzt, was Verf. mehr dem operativen Eingriff als der Gewichts¬
abnahme zuschreibt. Der Gehalt des Serums an Aminosäuren war bei er¬
höhtem Gasstoffwechsel erniedrigt und umgekehrt. — in einem Fall von
Myositis ossificans war der Blutkalkgehalt beträchtlich erhöht; nach Ex¬
stirpation zweier Epithelkörperchen und ausgedehnter Thymusreduktion wurde
er geringer.
L. B i e n e r (I. chir. Kl. Wien): Die Behandlung der Lungenverletziin®en.
Im Frieden genügt in der Regel konservative Behandlung: absolute Ruhe,
Morphium, ev. Styptika. Langsam zurückgehende Ergüsse punktiere man.
Nach 4 Wochen soll Lungengymnastik einsetzen. Primärer operativer Ein¬
griff kommt in Betracht bei progredienter Blutung, bei Spannungs- und bei
offenem Pneumothorax.
K. N a t h e r und H. R. S c h i n z (Chir. KHn. Zürich): Tierexperimentelle
Röntgenstudien zum Krebsproblem. I. Gibt es eine Reizdosis bei malignen
Tumoren?
Beobachtungen an Mäusekarzinomen ergaben keine Anhaltspunkte für
mögliche Reizwirkungen. Karzinomheilung wurde erzielt durch Bestrahlungs-
serien mit kleinen Dosen in kurzen Zwischenräumen (2 — 3 Tage): dies lässt
sich so erklären, dass dabei die verschiedenen Geschwulstzellen in ihrem
empfindlichsten Teilungsstadium der Reihe nach erfasst werden. Verff. regen
an, auch beim Menschen, wenn Maximaldosen nicht ohne grosse Gefahr an¬
wendbar sind, kleine Teildosen in gedrängten Serien zu versuchen.
A; Buzello (Chir. Klinik und Hyg. Institut Greifswald): Ueber die
bakterientötende Wirkung des Narkoseäthers.
Wurde weissen Mäusen eine mit Streptokokken tödlich infizierte Rücken¬
wunde nach Vi bis höchstens 1 Stunde mit 2 — 3 ccm Narkoseäther betropft,
so blieben sie am Leben. Die Keime werden wohl nicht alle getötet, aber
doch in ihrer Virulenz sehr geschwächt. Schwächeren, d. h. langsam töd¬
lichen Tetanusinfektionen gegenüber wurde der gleiche Erfolg erzielt.
J. v. Bo ros (II. interne Universitätsklinik Pest.): Ueber Relaxatio
diaphragmatica.
Zwei Fälle; beim einen bewegte sich das relaxierte Zwerchfell paradox,
beim anderen nicht. Da in der Mehrzahl der Fälle eine Verletzung de>
N. phrenicus wahrscheinlich ist. rät Verf. stets auch eine kausale Therapie
zu versuchen (event. Strahlenbehandlung komprimierender Hal.stumoren
Faradisation des N. phrenicus).
Prima (Physiol. Institut und Chir. Hospitalklinik der Universität Dor¬
pat): Ueber die Resorptionsfälligkeit des Bauchfells bei gesteigerter Darm¬
peristaltik.)
^ Geprüft wurde am Kaninchen die Bauchfellresorption von physiologischer
NaCl-Lösung, Ringer-, Jodkali- und Methylenblaulösung unter normalen Be¬
dingungen, dann bei gesteigerter Peristaltik. Gleichviel ob letztere pharmako¬
logisch (Physostigmin, 01. Ricini) angeregt wurde oder mechanisch (mässige
Kompression einer tiefer gelegenen Darmschlinge durch Gummibinde), zeigte
sich gesteigerte Resorption. Durch Eröffnung der Bauchhöhle wird letztere
herabgesetzt, was u. a. auf die Druckentlastung zu beziehen ist.
St. J a t r o u (I. Chir. Klinik Wien): Ueber die Ursache der Passage¬
verzögerung der Ingesta im Oesophagus bei Strumen.
Die Schluckbewegung im Oesophagus war in 60 Proz. der untersuchten
Strumafälle verzögert, ohne dass die Kranken immer Beschwerden hatten.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Die Verzögerung ist meist durch Druck des intrathorakalen Teiles der
Struma auf den Vagus bedingt (Atonie) und betrifft den ganzen Abschnitt
zwischen der Struma und der Kardia. Der verminderte Schluckantrieb scheint
untergeordnete Bedeutung zu haben. _
k. Ran zi- Wien: Ueber arterielle Luftembolie nach operativen Ein¬
griffen und Verletzungen der Lunge. Mit einer neurologischen Epikrise von
O. A 1 b r e c h t.
Verf. ist mit Brauer u. a. der Ansicht, dass die Fälle von „intra-
pleuralem Reflex“ arterielle Gasembolien sind, wobei Luft in die Lungen¬
vene eintritt und ins Gehirn gelangt. Er teilt 2 Fälle mit, von denen der
eine (Punktion eines Lungenherdes, Exitus) wahrscheinlich, der andere
(Lungenabszesspunktion, 1 Tag bewusstlos) sicher auf Luftaspiration zu be¬
ziehen war. Ebenso deutlich war eine solche zu beobachten bei einer printar
geschlossenen (nicht genähten) Lungenstichverletzung im Anschluss an heftigen
Hustenstoss und Spannungspneumothorax. Die Nervensymptome des letzten
Falles wurden neurologisch gewürdigt.
V. Orator (I. Chir. Klinik Wien): Ueber die funktionelle Bedeutung
der Magenstrasse und die kardianahen Geschwüre.
Verf. fand, dass der Magen sich normalerweise entlang der kleinen
Kurvatur füllt; nur bei Hypersekretion (oder nach Füllung des Magens mit
Wasser) sinkt der Bariumbrei in der „Führungslinie“ des Magens abwärts. -
Am Grunde der Magenblase staut sich der Brei kurze Zeit, in der Gegend
der oberen Segmentschlinge, an welcher die „kardianahen“ Geschwüre mit
Vorliebe sitzen. Grashey - München.
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 179. Band, 1. bis 2. Heft.
Grauhan: Ziele und Wege der Prognosenstellung vor der Prostat¬
ektomie. (Aus der Chir. Klinik Kiel. Prof. A n s c h ü t z.)
Auf Grund der Literatur und von 506 Fällen von Prostatahypertroph.e
(1901 bis Frühjahr 1922) der Kieler Klinik stellt Verf. zunächst fest, dass das
Gros der Todesfälle bei der gutartigen Prostatektomie bedingt ist durch die
direkten Folgen des Leidens, durch die Komplikationen, die die Harnstauung
infolge des vesikalen Abflusshindernisses am Harntraktus und den Nieren
verursacht. Weiterhin prüft Verf. die Frage, ob durch verschiedene neuere
Untersuchungsmethoden eine bessere Prognosestellung und eine striktere
Indikationsstellung für die Zystostomie event. mit sekundärer Ektomie oder
für die primäre Ektomie möglich ist. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die
Aussichten für eine primäre Ektomie günstige sind bei einem Restharn nicht
über 500 ccm, einem Blutdruck unter 125 mm Hg. Vierstundenmenge über 1000.
höchster Konzentration in 24 Stunden über 1020 beim Wasser- und Kon¬
zentrationsversuch. Reststickstoff unter 0,060 g, 0 — höher als —0.59. Die
meisten Prostatiker werden diese Bedingungen nicht erfüllen, sondern ver¬
langen eine Vorbehandlung; Verf. gibt der Zystostomie als entlastendem vor¬
bereitendem Eingriff den Vorzug. Verursacht dieser kleine Eingriff schon
ernstere Störungen, so soll eine Radikaloperation abgelehnt werden. Meistens
bessert sich durch die Zystostomie der Blutdruck, der Blutgefrierpunkt, dei
Ausfall des Wasser- und Konzentrationsversuches und es bildet sich eine ge¬
wisse Resistenz gegen die fortschreitende Infektion aus, so dass die sekundäre
Ektomie ausgeführt werden kann. Dass bei dieser Art des Vorgehens eine
wesentliche Besserung der Resultate möglich ist, zeigt die Statistik der Klinik
in den letzten 3 Jahren.
Walther Drügg: Imrnunbiologische Erfassung der chirurgischen Tuber¬
kulose. (Aus der chir. Univ.-Klinik Köln-Lindenburg. Prof. T i 1 m a n n.)
Weitere Ausführungen des Verf. über Prognose und Verschiedenheit der
Therapie bei der chirurgischen Tuberkulose durch Prüfung mit den Partial-
antigenen und mit dem Alttuberkulin. Es werden unterschieden: 1. Der
Albumintyp“: stark ausgesprochene Reaktion auf den Albuminanteil bis zu
enormen Verdünnungen. 2. Der „Fetttyp“: stärkere Reaktion auf eins oder
beide Glieder der Fettgruppe. 3. „Unbestimmter Typ“: Mischung beider.
4 Starke oder schwache „L-Allergie“, d. h. starke oder schwache Reaktion
auf die wasserlösliche Substanz; bei sämtlichen genannten Typen in Betracht
zu ziehen. Der „Albumintyp“ ist ein „unruhiger“ Typ; kann er durchi itlaiera-
peutische Massnahmen nicht beseitigt werden, so ist die Prognose ungünstig.
Der „Fetttyp" ist eine günstige Reaktion, sein Auftreten bedeutet einen
guten Heilungsverlauf. Beim „unruhigen Typ ist die Prognose mit äusserster
Vorsicht zu stellen. Erfahrungen über die Bedeutung der „L-Allergie“ fehlen
noch. Für die Therapie ergeben sich folgende Grundsätze: Jeder lokale,
ohne' grosse Verstümmelung entfernbare Herd mit Knochen- und Gewebs¬
sequestern wird operativ entfernt. Sind solche Sequester nicht vorhanden,
kommt zunächst konservative Behandlung in Frage. Neue Impfung nach
4 — 5 Wochen, zeigt sich keine Verschlechterung, also besonders keine Umkehr
des Fetttyps in den Albumintyp, so wird die konservative Behandlung fort¬
gesetzt, andernfalls wird womöglich operiert (z. B. Gelenksresektionen). Ist
keine Operation möglich, so wird weiter konservativ behandelt, zugleich mit
spezifischer Therapie (Partigene, Alttuberkulin). Kalte Abszesse werden durch
einfache Punktion entleert. Nur die Erkenntnis der „immunbiologischen
Vorgänge“ schützt vor falschen therapeutischen Massnahmen.
W. Baumann: Ein Fall von embryonalem Mischtumor der Niere.
(Aus der Chir. Klinik Kiel. Prof. A n s c h ü t z.)
59 jähriger Mann, Hämaturie und Schmerzen ohne einwandfreien uro-
logischen Befund. Probatorische Freilegung beider Nieren, links im Nieren¬
gewebe nahe dem Hilus eine pflaumengrosse höckrige Geschwulst, die sich
ausschälen lässt. Histologisch handelt es sich um ein embryonales Gewebe
mit Entwicklungstendenz sowohl nach der epithelialen wie nach dei meso¬
dermalen Seite. Mit Robert Meyer nimmt Verf. an, dass der Tumor
zurückgeführt werden muss auf Störungen in der Entwicklung des W o 1 f f -
sehen Ganges, der Tumor ist relativ gutartig.
Th. Naegeli: Die Heilung von ZwerehSellwunden. (Aus der Chir.
Univ.-Klinik Bonn. Prof. G a r r &.) . x ...
Experimente am Hund: Zwerchfellwunden heilen wie quergestreifte
Muskeln. Die Heilung wird verhindert bei Defekten von einer gewissen
Grösse, besonders bei querer Richtung der Verletzung. Ferner beeinflussen
Verletzungen intrathorakaler Organe, Aenderungen der Druckverhältnisse im
Thorax (Pneumothorax, seröser, blutiger Erguss) die Heilung, die auch durch
Vorfall des Netzes oder intraabdominaler Organe verhindert werden kann.
Jede Zwerchfellverletzung soll vom Abdomen oder vom Thorax aus freigelegt
und genäht werden.
Karl Gra sman n : Ueber „Röntgenspätschadigungen der Haut, nebst
kasuistischem Beitrag. (Aus der chir. Abt. und dem Pathol. Institut des
Krankenhauses München r. d. I. Dr. Max Gras mann und Prof. I u e r c K.)
4 Jahre nach Röntgentiefenbestrahlung wegen Myome und Endometrit
trat bei der 49 jährigen an der rechten Gesässbacke ein roter Fleck auf, d»
sich blaurot verfärbte und zu einem üusserst schmerzhaften Geschwür un
wandelte. Exzision im Gesunden, Naht. Heilung. Nach der liistologisclu
Untersuchung war die Epithelschädigung das Primäre, die bestehem
Endothelschädigung sekundär. Eingehende Besprechung der Literatur, d
z. T. Fälle aufführt, in denen vor oder nach der Bestrahlung eine ande
weitige Schädigung der Haut stattfand. Für Fälle mit abgeschlossen
Demarkation erscheint aktives chirurgisches Vorgehen als das beste. (.«
Extremitäten kommt die Sympathektomie in Frage. Ref.)
H. Boeminghaus: Zur Frage der Hydronephrosen nicht mechan
sehen Ursprungs. (Einiluss der Entnervung der Niere auf die Nierenbecke
und Uretertätigkeit.) (Aus der Chir. Klinik Halle a. S. Prof. V o e 1 c k e i
An 6 Hunden wurden beide Nieren entnervt durch Vorziehen der Nien
und Zerzupfung der die Gefässe umspinnenden Nervenfasern, bei 3 Hundi
gleichzeitig Dekapsulation. In keinem Falle zeigte die spätere Kontrolle cii
Andeutung von Nierenbecken- oder Uretererweiterung. I
Jen ekel und S c h ü p p e 1 - Altona: Nachtrag zur Arbeit über Ulci
jejuni pepticuni in Bd. 175 d. Zschr. Literaturberichtigung.
H. Flörcken - Frankfurt a. M.
Zentralblatt Siir Chirurgie. 1923. Nr. 31.
H. T e s k e - Plauen: Supramalleoläre Keilosteotomie beim paralytlschi
Kluinpfusse. ^ , -r-, !
Das Vorgehen des Verfassers — lineäre schräge Osteotomie der Dbi
Entfernung von ca. 1 cm aus der Fibula, Tenotomie der Achilles- und I ibi .
anticus-Sehne — verdient weitere Nachprüfung; nach 2/> Jahren hatte si
bei seinem Falle die gelähmte Muskulatur wesentlich erholt und die KnickuJ
des Unterschenkels hatte sich nicht vergrössert, sondern zeigte eher Neiguj
zur Abflachung.
Ed. B i r t - Schanghai: Zur Technik der Albee-Operation.
Verf., der Albee selbst hat operieren sehen, betont einige wichti
Details in der Technik; Albee entnimmt den Knochenspan erst, nachdem |
sich die Lade für das einzupflanzende Stück genau mit der Sonde abgemess
hat; zur Entfernung der Proc. spin. eignet sich am besten der etwa 4 i
breite A 1 b e e sehe Meissei; für die Fasziennaht benützt Albee Renntu
sehnen; jedoch genügt auch starkes Katgut; Albees Kranke dürfen bere
nach 3 Wochen Rückenlage ohne Gipsverbände wieder aufstehen.
W. Wisbrun - Düsseldorf: Ueber Fusssohienschmerz beim Pes equir
excavatus.
Verf. beseitigte bei einem Fall von Pes cquino-excavatus die s
9 Jahren bestehenden lästigen Schmerzen dadurch, dass er das sehr schmei
hafte mediale Sesambein, das unter dem 1. Metatarsusköpfchen als Exostc
vorsprang, estirpierte. Mit 1 Abbildung.
F. de Gironcoli - Venedig: Hernia supraveslcalis transrectalis dexti
pararectalis sinlstra, vesicäe extraperitonealis.
Verf. schildert ausführlich einen selbstbeobachteten Fall von Hcri
supravesicalis transrectalis (den Muse. rect. durchsetzend) dextra und put
rectalis sinistra (am lateralen Rande des Rektus austretend); bei c
Operation fand sich auf beiden Seiten eine extraperitoneale Blasenhorn
Reduktion der Blase und Operation nach B a s s i n i brachten Heilung.
W. Mintz-Riga: Ulcus Simplex coli.
ln dem vom Verf. kurz beschriebenen Fall fand sich neben einer chro
sehen Invagination des unteren lleums und Zoekums in das Col. transvers
ein markstückgrosses Geschwür am Zoekum gegenüber der Einmündung c
lleums, Ileozoekalresektion brachte Heilung. Ursache und Krankheitsbild t
Ulcus coli sind heute noch nicht geklärt. Mit 1 Abbildung.
W. P o r z e 1 1 - Würzhurg: Schere mit veränderter Griffstellung.
Verf. hat eine Schere mit veränderter Griffstellung, die aus beigegebei
Abbildung ersichtlich ist, konstruiert, die auch bei intensivem Gebrauch kc
Ermüdungserscheinungen aufkommen lässt.
E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923, Nr. 31.
ü. W l n t e r - Königsberg i. Pr.: Die in Heidelberg angenommene m
Karzinomstatistik.
Verf. veröffentlicht die von ihm vorgeschlagenen und von der D. ii
f. Gyn. angenommenen Grundsätze für die Karzinomstatistik, denen er in
einige Erläuterungen beifügt. Es sind alle Fälle aufzuführen, die überha
den Rat der Klinik suchen. Einteilung ist: Operable Fälle, wo das Karznil
auf den Uterus und seine unmittelbare Nachbarschaft beschränkt ist. t|
inoperable. Geheilt sind die 5 Jahre nach abgeschlossener Behandln
rezidivfreien Fälle. Die absoluten Zahlen zeigen, wieviele Fälle aus ‘
Gesamtzahl aller Karzinome geheilt werden, sie betreffen daher auch
nichtbehandelten Fälle, die relativen zeigen, wieviele Heilungen bei enl
bestimmten Methode, Operation oder Bestrahlung oder Kombinatl
beider, erzielt werden.
W. S. F 1 a t a u - Nürnberg: Zum Karzinomstreit auf dem Heldelberi'
Kongress. Eine unausgesprochene Diskussionsbemerkung.
Winter will durch seine Statistik feststellen, ob das Bestrahlen o<|
das Operieren bessere Dauererfolge gibt. Verf. stellt sich auf Meng:
Seite, der allereinfachste Statistik verlangt, und dem innerlich auch
meisten Teilnehmer des Heidelberger Kongresses zugestimmt hätten. Da
Strahlentherapeut auch vorgeschrittene Fälle bessere und heile, die
Operateur gar nicht angehe, seien die beiden Verfahren schwer vergleicht!
Insbesondere sei es im Interesse der Fortentwicklung der Strahlentheran
-dass auf die Veröffentlichung der vorläufigen Heilu n g e n i. s. i
Seitz nicht verzichtet werde, da diese viele Frauen der Strahlenthera
zuführe, wodurch viele primäre Wertheim-Todesfälle verhindert werden
v. Mikulic-Radecki (Univ.-Frauenklinik Leipzig): Ueber den V'
und die Grenzen der rektalen Untersuchung Intra partum.
Die vaginale Untersuchung ist und bleibt die feinere, aber auch geh"
lichere. Die Erkennung des Muttermundes gelingt rektal, -wenn die I m
noch erhalten ist, aber ein dünner Saum ist nicht tastbar. Die Erkennung
Blase ist rektal oft schwierig, da das Fühlen der Haare bei gesprungd
Blase nur vaginal möglich ist. Feststellung des vorliegenden Teiles, a
-des Steisses gelingt fast stets, ausser wenn er noch hoch über dein Bec
steht Die Erkennung der Placenta praevia ist sehr schwierig. Die A
tastung des Beckens ist bequem. Normale Geburten kann man daher rei
.11. August 1 92.1.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
113.1
leiten, in schwierigeren Fällen kann man den Versuch dazu machen. Die
Rektalschleimhaut leidet nicht.
H. Heidi er (II. Univ. -Frauenklinik Wien): Weitere Erfahrungen mit
der Kiellandzange.
Vcrf. bringt im Gegensatz zu Fink günstige Berichte Uber 50 weitere
Kiellandzangenoperationen an der Wiener Klinik. Nur einmal war der
Zangenversuch vergeblich. ..Wo die richtig angelegte Kiellandzangc nicht
zum Ziele führt, wird keine andere Zange Erfolg haben können.“ Bei den
32 hohen Zangen wurde der vordere Löffel umgedreht, bei eingetretenem Kopf
ist dies nicht notwendig, man kann den Löffel dann wandern lassen. Als
Rotationsinstrument bietet die Zange, wie bekannt, grosse Vorteile. Ver¬
wechselt man allerdings grosse und kleine Fontanelle und dreht verkehrt, so
kann man das Kind schwer schädigen. Man muss fühlen, wie der Kopf
sich drehen will, und der intendierten Bewegung nachgeben. Nicht von der
Verwendung der Kiellandzange, sondern von der Ausführung der hohen
Zange als solcher wird der praktische Arzt besser absehen, wenn er nichts
riskieren will. Sehr ausführliche Arbeit.
P. Werner (II. Univ. -Frauenklinik Wien): Ueber die Becinflussbarkeit
einiger gynäkologischer Krankheitsbilder durch Röntgenbestrahlung der Hypo¬
physengegend.
Auf Hypofunktion der Ovarien beruhende Beschwerden, nämlich
Amenorrhoe, Dysmenorrhöe und klimakterische Ausfallserscheinungen wurden
durch kleine Dosen (1 Einfallsfeld, % HED.) sehr günstig beeinflusst. Bei
13 Amenorrhöefällen wurde in 7 Fällen nach kurzer Zeit Blutung erzielt.
Doch ist nach neuerer Ansicht nicht Wirkung auf die Hypophyse, sondern
auf den Boden des III. Ventrikels und die dort liegenden Kerne des
vegetativen Nervensystems anzunehmen. Robert Kuhn- Karlsruhe.
Zeitschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie. 86. Bd„ 2. Heft.
E. W e i n z i e r 1 - Prag: Ueber den hohen Geradstand.
Der hohe Geradstand ist selten. Vcrf. kann Uber 18 Fälle unter SSOO Ge¬
burten der Prager Klinik berichten. 9 davon wurden durch Zange, und 7 von
diesen 9 wieder durch das K i e 1 1 a n d sehe Modell beendigt. 2 grosse
Tabellen geben übersichtliche Auskunft über Zeitpunkt und Art der Zangen¬
anlegung, Muttermundsinzisionen, W a 1 c h e r sehe Hängelage, die mit Erfolg
angewandt wurde und die Zangenoperation erleichtert, sowie Heilungsverlauf.
Ergebnis: Die K i e 1 1 a n d sehe Zange, deren Technik genau und anschaulich
beschrieben wird, hat sich beim hohen Geradstand als hohe Zange sowie
Rotationsinstrument sehr bewährt.
B. Zondek (Charite-Frauenklinik Berlin): Experimentelle Unter¬
suchungen über den Wert der Organotherapie.
Die umfangreiche Arbeit des Verf. beweist experimentell, dass die
Wirkung der Organextrakte, deren blutstillende Wirkung klinisch erwiesen,
keine spezifische ist. Alle diese Extrakte haben mit Ausnahme der Hypo¬
physenpräparate ihre spezifische endokrine Substanz durch die Enteiweissung
verloren. Ergebnis: Nur durch chemisch nicht veränderte Trocken¬
präparate der Drüsen sowie Organimplantation, die nur etwa 3 Monate wirkt,
ist eine spezifische Organtherapie möglich. Die Erfahrungen mit den Hypo¬
physenpräparaten sind nicht analog auf die anderen Drüsenpräparate an¬
wendbar. Die ganze seitherige Literatur ist nicht beweisend. — Die Arbeit
wird allen, die der Organotherapie kritisch gegenüberstehen, von grossem
Interesse sein.
Martha T r a n k u - R a i n e r - Bukarest: Die deziduale Reaktion in den
Tuben, bei ein- oder beiderseitiger Tubarschwangerschaft. während der ersten
drei Monate.
Unter 4 histologisch genau durchuntersuchten Fällen fand sich 3 mal
Deziduabildung. So wie z. B. überall im Bindegewebe Osteoblasten ent¬
stehen können, können auch in einem gewissen Stadium die Bindegewebs-
zellen überall, also auch in der Tube, die Fähigkeit haben, Deziduazellen zu
werden.
R. Salomon (Univ. -Frauenklinik Giessen): Die Entstehung der Genital¬
flora. (Beiträge zur Lehre über den Fluor albus.) IV. Teil. Die Entstehung
der Scheidenkeime.
Die Vagina der Neugeborenen ist einige Stunden hindurch keimfrei. Dann
wird der Ansiedelungsweg: Mund-Rektum-Vulva-Vagina. Anfangs überwiegen
die grampositiven Kokken, e'fwa vom 7. Tag ab die grampositiven Stäbchen
(D ö d e r 1 e i n sehe und andere). Die Selbstreinigung der Scheide (Menge
und Döderlein) dürfte bei Zutreffen des d ’ H e r e 1 1 e sehen Phänomens
eine Korrektur und einfache Lösung erfahren. Die Konstitution ist von
Wichtigkeit (v. Jaschke). Ergebnis: Aus dem Zustand der Vagina des
Neugeborenen erhellt, dass auch bei der erwachsenen Frau keine Keim¬
vernichtung, sondern eine Hochzüchtung bestimmter Rassen zur Fluor¬
behandlung anzustreben ist.
W. Schmitt (Univ.-Frauenklinik Würzburg): Ueber die Strahlen¬
behandlung des Carcinoma colli uteri.
Eindrucksvoller als die Statistik und Thcrapicbeschreibung ist die von
Verf. hervorgehobene Tatsache, dass unter den 6 dauernd durch Bestrahlung
geheilten Fällen 4 weit vorgeschrittene, sicher inoperable
waren, die ohne Bestrahlung in kürzester Zeit verloren gewesen wären.
Radium gab die besten Erfolge. Der Standpunkt der Würzburger Klinik ist
z. Z.. die operablen Karzinome zu operieren, die anderen kombiniert zu be¬
strahlen.
0. Bokelmann und J. Rot her (Frauen- und mediz. Klinik der
Charite Berlin): Azidose und Schwangerschaft. I. Die unkomplizierte
Gravidität.
Die Frage der Azidität des Blutes in der Gravidität steht schon lange zur
Diskussion. Man muss die Wasserstoffionenkonzentration messen. Dies ge¬
schieht am besten durch Bestimmung des Kohlensäurebindungsvermögens
des Blutes. Es ergab sich als Resultat der komplizierten Untersuchungen
keine Erhöhung der Azidität während der frühen Graviditätsmonate,
geringe Azidose gegen Ende der Gravidität, die vielleicht mit dem die
Wehen einleitenden nervösen Impuls in Zusammenhang steht und nach der
Geburt rasch wieder schwindet. Robert Kuhn- Karlsruhe.
Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. 83. Bd.
M. Isserlin: Hugo Li ep mann zum 60. Geburtstag.
Fr. J a m i n - Erlangen: Zur Entwicklung des psychischen Infantilismus.
J. weist besonders auf die häufigen Störungen der Pubertätsvorberei¬
tungszeit (bei Knaben 10 — 12, bei Mädchen 7 — 9 Jahre) hin. die in Ermüdbar¬
keit, Ablenkbarkeit, Schlafstörungen. Verstimmungen, Reizbarkeit, verschlos¬
senem Wesen, Neigung zu Affektausbrüchen, phantastisch ausgeschmückter
Unwahrhaftigkeit, schreckhaften Traumbildern, Davonlaufen, Triebhandlungen
bestehen. Sie beruhen vielleicht auf Gleichgewichtsstörungen der endokrinen
Korrelationen, die vielfach ausgleichbar sind. Die Behandlung kann vor¬
wiegend eine abwartende sein.
*W. P o p p c 1 r e u t C r - Bonn : Zur Psychologie und Pathologie der
optischen Wahrnehmung.
P. polemisiert zunächst gegen G o I d s t c i n und Gelb, die ihren Fall
Schnei, als apperzeptive Seelenlindheit aufgefasst hatten. Er sucht zu zeigen,
dass ganz gleichartige Erscheinungen durch perimakulärc Amblyopie zustande
kommen können, und bringt dazu ein ausgedehntes Material. Zum Abschluss
seiner langen und sehr interessanten Abhandlung stellt P. seine Theorie vom
Stufenabbau und Stufenaufbau des Sehsystems dar. „Wir finden ein Sehen
der niedersten Stufe, wo bei Verlust der Farben-, Grössen- Formen-, Be-
wegungs-, Richtungs- usw. Wahrnehmung nur noch blosse Helligkeit re¬
gistriert wird. Dann eine Stufe, in der wohl eine Grössen- und Richtungs¬
wahrnehmung, aber noch keine eigentliche Formwahrnehmung vorliegt, eine
Stufe, in der wohl Grössen-, aber noch keine Mchrheitswahrnehmung zu¬
stande kommt, eine Stufe, in der es noch keine Bewegungsempfindung gibt,
eine Stufe, in der es dann schliesslich zur höheren Gestaltwahrnehmung
kommt“. Die sehr anregende und weite Ausblicke eröffnende Arbeit ist im
Original zu lesen.
Walter Jacobi-Jena: Psychiatrisch-interferometrische Studien
Mit Hilfe des Löwe-Zeiss sehen Interferometers wurde die Frage
der Abwehrfermente an einem grossen psychiatrischen Material nachgeprüft.
Nur einige der Ergebnisse, die wesentlich den Grossteil der früheren, mit
anderen Methoden gewonnenen Untersuchungen bestätigen: Die Methode gilit
keine differentialdiagnostischcn und prognostischen Aufschlüsse, doch gibt
sie vielleicht Hinweise für die pathologische Physiologie der Psychosen. Auch
bei Normalen findet sich ein Abbau inkretorischer Organe, bei ihnen, den
Flysterischen und Manisch-Depressiven aber quantitativ geringer, als bei
epileptischer Demenz, Paralyse, Dementia praecox und Amentia. Aus den
serologischen Formeln lassen sich keine Beziehungen zum klinischen Verlauf
konstruieren, auch nicht bei der Paralyse im Gehirnabbau. Bei der Dem'>"tia
praecox findet sich der Höchstwert beim Geschlechtsdrüsenabbau, der ge¬
ringste beim Gehirnabbau, der aber auch noch eine sehr hohe Zahl zeigt.
Die Untergruppen der Dem. praecox lassen keine besonderen Abbautypen
erkennen. Mit der Methode ist keine strenge Geschlechtsspezifität nach-
zuweisen. Nähere Beziehungen zu den Reaktionen von Sachs und v. Oef¬
fingen auf der einen, Neuraann und Hermann auf der anderen Seite
bestehen nicht.
Aladar Bä 1 int- Wien: Bemerkungen zu einem Falle von polyglotter
Aphasie.
Bei einem Kranken, der die deutsche, griechische, schlechter die fran¬
zösische und russische Sprache beherrschte, bildete sich die nach einem
Trauma entstandene schwere sensorische Aphasie für die griechische und
deutsche Sprache gleichmässig rasch zurück, während die beiden anderen
Sprachen bis zum Abschluss der Beobachtung nicht restituiert wurden. Die
Muttersprache des Kranken war Griechisch. Die bei der Restitution zutage
tretende Abweichung vom R i b o t sehen Gesetz, nach dem die Muttersprache
rascher wiederkehren soll, als die später erlernten, wird mit der besonderen
Lebensgeschichte des Kranken — - spricht und schreibt seit langen Jahren
ganz vorwiegend Deutsch — und dem Einfluss der Deutsch sprechenden Um¬
gebung zusammengebracht.
Robert Wartenberg - Freiburg: Zur Klinik und Pathophysiologie der
extrapyramidalen Bewegungsstörungen.
An der Hand eines eingehend zergliederten Krankheitsfalles mit Torti-
collis, Lordoskoliose, Athetose der Gesichts- und Sprachmuskulatur, Span¬
nungen in verschiedenen Muskelgruppen, der zu den Misch- und Uebergangs-
formen vom Torionspasmus zur Athetose gehört, werden eine Reihe eigen¬
artiger Erscheinungen beschrieben, zunächst das Gegendruckphänomen. Dieses
besteht darin, cass der Kranke, der seine Finger nicht willkürlich strecken
kann, dies sofort fertig bringt, wenn man einen leichten Gegendruck auf die
Finger ausübt, so dass die Bewegung gegen Widerstand erfolgt. Weiterhin
kann er aber die Finger strecken, wenn benachbarte Muskelgruppen gegen
Widerstand stark angespannt werden, wenn elektrische Ströme in der Nähe
zur Applikation kommen, wenn man leicht auf die Grundgelenke drückt, ja,
wenn man die Grundgelenke mit feinen Gummiringen umschnürt. Endlich
wirken noch stärkste thermische Reize in unmittelbarer Nähe. Allenthalben
durchbricht ein Zusatzreiz die bestehende zentrale Störung.
Maximilian R o s e n b e r g - Magdeburg: Zur Psychologie der Wahn-
bildung.
R. nimmt an der Wurzel der Wahnbildung eine Störung der Funktion
zur kausalen Synthese an, die er auf die gleiche Stufe stellt, wie die besser
bekannten Störungen der räumlichen und zeitlichen Synthese.
Heinrich B i b e r f e 1 d - Hamburg: Zur Praxis und Theorie der Goldsol-
reaktion.
Es wurde ein sehr grosses Material untersucht. Das Verfahren von
Lange genügt allen praktischen Anforderungen. Uebergrosse Kolloid¬
empfindlichkeit der Lösungen kann durch Kombination mit entsprechenden
Mengen von Alkali ausgeschaltet werden. Die Stärke der Reaktion liegt
bei den luischen Erkrankungen des Zentralnervensystems. Charakteristisch
sind neben der Paralyse- die Taboparalyse- und Lueskurvc Bei negativem
Ausfall ist mit Bestimmtheit zu schliessen, dass ein luigener aktiver Prozess
am Nervensystem nicht vorliegt. Der Rückgang der Goldreaktion lässt mit
grösserer Sicherheit als das Verschwinden der anderen Reaktionen eine Aus¬
heilung im klinischen Sinne annehmen. Bei Berücksichtigung des Liquor-
cnsembles wird man stets eine Diagnose stellen können, auch wenn nicht-
luische Erkrankungen Ausflockungen ergeben. Nichtluisehe Meningitiden ver¬
halten sich in vielfacher Hinsicht (Lage der Ausflockung. Verhalten gegen
Erhitzung usw.) anders als luische Erkrankungen. Dafür sind vorwiegend die
qualitativen Differenzen der Liquoreiweisskörper verantwortlich.
F. K. Walter- Rostock-Gehlsheim: Weitere Untersuchungen zur Patho¬
logie und Physiologie der Zirbeldrüse.
Es wird in dieser Arbeit ein seiir grosses Material mitgeteilt, das im
wesentlichen die früheren Ergebnisse Walters bestätigt. Die Zirbel ist
nach W. ein einheitlich gebautes Organ, dessen Parenchymzellen hyper-
trophieren können, und zwar nicht auf unspezifische Reize hin, sondern bei
bestimmten Zirkulationsstörungen, vor allem bei Stauung und passiver
Hyperämie. Die Funktion der Zirbel hängt mit der Zirkulation des intra-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 34-35.
1134
kraniellen Gefässsystems zusammen und ist eine regulatorische. Die Lehre
von der Innersekretion der Zirbel erhält durch W.s Untersuchungen keine
Stütze.
A. Bisgaard und J. N o r v i g - Kopenhagen: Fortgesetzte Unter¬
suchungen über die Neutralitätsreaktion bei der genuinen Epilepsie.
Bei der genuinen Epilepsie finden sicli konstant Unregelmässigkeiten iin
Ammoniakstoffwechsel. 3 Stunden vor dem Anfall, auch vor psychischen
Aeciuivalenten, treten steigende Ammoniakmengen bis zum Dreifachen der
Norm ein. Genuine Epilepsie und Unterfunktion der Nebenschilddrüsen
scheinen zusammenzuhängen.
F. S c h o b - Dresden: Ueber Wurzelfibromatose bei multipler Sklerose.
Sch. beschreibt bei einem histologisch gesicherten Falle von m. Ski.
Fibrome an den Wurzeln, die er für eine besondere Art von Neurofibromen,
ausgehend vom mesodermalen Gewebe, und zwar vom Endoneurium. hält.
Doch lassen sich auch die Schwann sehen Scheiden als Ausgangsstälte
der Neubildungen nicht ausschliessen. Die Beziehung der Befunde zu dem
Prozess der m. Ski. ist noch nicht geklärt.
Hans Zweig- Wien: Beitrag zur Klinik der benignen Erkrankungen
der Cauda equina.
Interessante kasuistische Mitteilungen, die im Original nachgelesen wer¬
den müssen.
E. Bleuler: Biologische Psychologie.
B. gibt eine kurze Darstellung der Lehren, die er in der „Naturgeschichte
der Seele“ niedergelegt hat, und setzt sich dann grundsätzlich mit einem
Teil seiner Kritiker, vor allem Jaspers, auseinander.
Paul S c h u s t e r - Berlin: Zwangsgreifen und Nachgreifen, zwei post-
hemiplegische Bewegungsstörungen.
Es werden 3 Kranke beschrieben, die nach einem Schlaganfall die folgen¬
den Erscheinungen zeigten: Parese der r. Körperseite mit sehr erheblicher
Schonung der r. oberen Extremität, 1. Apraxie bei r. Eupraxie, zwangs¬
artiger Faustschluss der r. eupraktischen Hand bei sensibler Reizung der
Hand, bes. der Vola (Zwangsgreifen), endlich zwangsartiges Greifen der
r. Hand nach nahe befindlichen Gegenständen und zwangsartiges Wieder¬
ergreifen eines kurz vorher aus der r. Hand befreiten Gegenstandes (Nach¬
greifen). Aehnliche Beobachtungen sind auch in der Literatur niedergelegt.
Sch. glaubt, dass das Zwangsgreifen auf einer durch sensible Reize bedingten
dauernden Entladung eines subkortikalen Zentrums beruht, dass das Nach¬
greifen aber eine obligatorische kortikale Begleiterscheinung des Zwangs¬
greifens ist. Es muss eine Unterbrechung der nichtpyramidalen Verbindungen
zwischen der Rinde und dem sub'kortikal gelegenen primitiven Greifmecha¬
nismus den genanten Erscheinungen zugrunde liegen.
Aurel J a 1 c o w i t z - Wien: Zur Pathophysiologie des amyostatischcn
Symptomenkomplexes.
J. versucht an der Analyse eines Falles zu zeigen, dass entgegen der
allgemeinen Meinung beim amyostatischen Symptomenkomplex der Agonist
weder verspätet vom Willensimpuls erreicht wird, noch verspätet auf ihn
anspricht.
Ausserdem enthält der Band hier nicht zu referierende Arbeiten von
Greving, Bychowski, Küppers, Boruttau, Choroschko.
Rochow, Schultz, Hallervordcn. Klein, Krestnikoff.
Schemcnsky, Bohn, Rosenberg, Altman, Brühl, Foclier
und S c h r i j v e r. Johanes Lange- München.
Zieglers Beiträge zur pathologischen Anatomie und zur allge¬
meinen Pathologie. Band 71, Heft 2. 1923.
Max Brauch: Ueber Appendlcopathia oxyurica. Ein Beitrag zur Frage
der Bedeutung der Oxyuren für den apnendizitischen Anfall. (Aus dem Pathol.
Institut der Universität Freiburg i. B.)
Die Arbeit ist von sehr grosser praktischer Bedeutung; denn sie richtet
sich gegen die bekannten Untersuchungen Rheindorfs (Die Wurmfortsatz-
entzündung, ref. d. Wsclir. 1920, Nr. 38, S. 1097) über die Abhängigkeit der
Appendizitis von Eingeweidewürmern, besonders von Oxyuren, und lehnt
dieselbe vollkommen ab. B. stellt fest, dass überhaupt durchschnittlich
25 Proz. aller Menschen Oxyurenträger sind, in Freiburg enthielten 14,6 Proz.
der Leichen Appendixoxyuren und 33,3 Proz. der exstirpierten Wurmfortsätze
waren oxyurenhaltig, was fast immer bedeutungsloser Nebenbefund sei und
mit der lokalen und familiären Infektionshäufigkeit mit Oxyuren zusammen¬
hängt. Die klinische Pseudoappendizitis kann u. a. auch durch Oxyuren be¬
dingt sein und schliesslich kann in ganz seltenen Fällen auch einmal eine eitrige
Appendizitis durch Oxyureneinbohrung entstehen, aber die Theorie Rhein¬
dorfs von der ausschliesslichen Beteiligung der Oxyuren bei der Genese
der Appendizitis wird als unbewiesen abgelehnt und besonders darauf hin¬
gewiesen, dass zahlreiche von R. und anderen beschriebene mikroskopische
Befunde durch Exstirpation. Fixierung und Paraffineinbettung entstandene
Artefakte darstellten. Auch die neueren Untersuchungsergebnisse von N o a c k
(ref. M.m.W. 1922, Nr. 42, S. 1490) werden abgelehnt.
Gurt Krause: Histologische Untersuchungen über die Fettstoffablage-
rungen ln der Milz des Hundes. (Aus döm Pathol. Institut der Tierärztl.
Hochschule zu Berlin.)
W. Z i n s e r 1 i n g: Ueber die Anfangsstadien der experimentellen
Cholesterinverfettung. Zur Lehre vom Cholesterinstoffwechsel. (Aus der
pathol.-anat. Abteilung des Instituts für experimentelle Medizin zu St. Peters-
burg.) ,
Stomachale, aber auch intraperitoneale und subkujane Einverleibung
von Cholesterin führt — zumal bei gleichzeitiger Darreichung von Neutral¬
fett — sehr rasch zur Ablagerung im retikulo-endothelialen Apparat (Leber,
Knochenmark. Milz. Lymphdrüscn etc.), wie auch in den Epithelien der Gallen¬
gänge und in der Nebennierenrinde (auch hier nur rein koordinierte Infiltra¬
tion). Die Ablagerung ist hauptsächlich von der richtigen Funktion der Darm¬
wand (Resorption. Esterisation und vielleicht auch Verwandlung in eine kol¬
loidale Lösung?) und der Leber (Ausscheidung) abhängig.
L. Lenaz-Fiume: Ueber die embryonale Blutbildung und ihre Be¬
deutung für die Pathogenese der perniziösen Anämie.
Nach den Untersuchungsergebnissen des Verfassers stellt die perniziöse
Anämie eine primäre Atrophie des normoblastischen Blutorganes dar, welche
mit der Persistenz des megaloblastischen Organes verbunden ist: die Leber
tritt als blutbildendes Organ wieder auf und substituiert fast vollkommen das
insuffizient gewordene und atrophische Knochenmark. Zum Zustandekommen
derselben gehört eine individuelle konstitutionelle Disposition, nämlich der
Persistenz des primären embryonalen megaloblastischen Systems. L, betont
die Verwandtschaft der p. A. mit dem hämolytischen Ikterus.
H. Bienert: Ueber Rückbildungsvorgänge Im Thymus, mit besonderer
Berücksichtigung epithelialer Randsäume und Inseln und über seltene andere
Bciunde. (Aus dem Pathol. Institut der Universität Freibürg i. B.)
In der Arbeit wird dargetan, dass die sogen. Duhois sehen Abszesse
im Thymus auf ganz verschiedene Vorgänge zurückzuführen sind: 1. Wirk¬
liche Abszesse im Sinne D u b o i s’: 2. Zysten durch Einwachsen von 1 hymus-
parenchym in die H a s s a 1 sehen Körperchen mit nachträglicher Einschmel-
zung (Chiari); 3. persistente Thymuskanäle mit Exsudation innerhalb der¬
selben (S i m m o n d s und R i b b e r t) und endlich 4. Sequestrierungsvor¬
gänge im Parenchym (H a m m a r) mit Einschmelzung etc., bei Lues con¬
genita. Kasuistische Beobachtungen.
Ernst Kratzeisen: Ueber die Magenform. (Aus dem Pathol. In¬
stitut des Stadtkrankenhauses in Mainz.)
Unter Hinweis auf die gelegentlich der Pathologentagung 1921 in Jena
von'Gg. B. G ruber vorgetragenen Untersuchungen an Leichcnmägen hält
K. an der von Forssell, Aschoff, Volkmann angegebenen Vicrteilung
des Magens fest und trennt: 1. F o r n i x. abgegrenzt durch den Sulcus
superior, 2. Korpus, begrenzt durch den S. medianus, 3. V e s t i b u 1 u in
p y 1 o r i c u m, begrenzt durch den S. inferior, 4. C a n a I i s p y 1 o r i c u s.
begrenzt durch die Pylorusfalte; in 40 Proz. der ganz frisch untersuchten
Leichenmägen haben G r u b e r und Verfasser auch den von Aschoff als
„I s t h m u s“ beschriebenen taillenartigen Gürtel feststellcn können, der ,n
der Höhe des Sulcus medianus, also im Bereich des Korpus liegt. K. be¬
tont die Beweiskraft der Leichenbefunde, die durch Eingiessen von er¬
wärmter 30 proz. Formalinlösung möglichst rasch nach dem Tode gewonnen
worden sind und sucht nachzuweisen, dass weder die Totenstarre, die für den
Magen bestritten wird (? Ref.), noch auch die postmortale Formalinein-
giessung irgendwelchen erheblichen Einfluss auf die Magengestaltung haben
könne. Eingiessutigen von heisser Flüssigkeit dagegen ändern das postmortale
Bild ganz wesentlich, indem sie ganz unregelmässige Zusammenziehungen
und Schrumpfungen des Leichenmagens erzeugen. Beim Säugling ist die
Magenlage mehr horizontal, je älter aber das Individuum wird, um so schräger
wird die Magenstellung, um schliesslich in ihrer Hauptachse fast vertikal zu
werden.
Tomosaburo Ogata und Akira Ogata: Ueber die H e n I e sehe
Chromreaktion der sogen, chromaffinen Zellen und den mikroskopischen Nach¬
weis des Adrenalins. (Aus dem Pathol. Institut und dem ehern. Laboratorium
des Pharmazeut. Instituts der Universität zu Tokio.)
Die H e n 1 e sehe Chromreaktion stellt ein einfaches Reduktionsphänomen
des Adrenalins auf Chromsäure resp. Bichromat dar; cs gelingt durch ein
von den Verfassern angegebenes Verfahren in der nichtfixierten Nebennie.e
die reduzierende Fähigkeit des Adrenalins einer ammoniakalischen Silber¬
lösung gegenüber nachzuweisen.
M. Staemmler: Zur Pathologie des sympathischen Nervensystems:
im besonderen: Ueber seine Bedeutung für die Entstehung der Arteriosklerose.
(Aus dem Pathol. Institut der Universität Göttingen und dem Pathol.-Hygicn.
Institut der Stadt Chemnitz.) . . .
Bei akuten Infektionskrankheiten und bei septischen Allgemcininfcktionen
finden sich an den Ganglien des Sympathikus degenerative Prozesse mit ent¬
zündlicher Reaktion des Gefässbindegewebsapparates; ausserdem hat St. auch
chronische, langsam fortschreitende, zum Untergang der nervösen Elemente
mit interstitieller Bindegewebssubstitution führende Prozesse gesehen, die bei
chronischem Alkoholismus, Bleischädigung etc. beobachtet wurden, sowie
gleichzeitig mit Arteriosklerose, wobei St. die Erkrankung des nervösen
Apparates als das Primäre anzusehen geneigt ist. Die durch Baktcnen-
injektion bei Kaninchen hervorgerufenen Arterienveränderungen waren gleich¬
falls mit ähnlichen Erkrankungsprozessen am Sympathikus verbunden, da¬
gegen fand sich bei der experimentellen Adrenalinsklerose nur eine bedeutend
geringfügigere Beteiligung der sympathischen Ganglien.
Hans Schütz:- Ueber Veränderungen der quergestreiften Muskeln und
des retrobulbären Fettgewebes bei Morbus Basedow!. (Aus der mediz. Klinik
der ungarischen k. Elisabeth-Universität.)
Sch. stellt degenerative Prozesse in den quergestreiften Muskeln (zumal
der Augenmuskeln) fest mit Ersatz durch Fett- oder seltener Bindegewebe:
ausserdem wird das Auftreten von lymphoidzelligen Hcrdchen analog den
bei Morb. Bas. öfters in der Schilddrüse, aber auch in den Muskeln bei
Myasthenie gefundenen Bildungen — beschrieben; vielleicht beruht auf diesen
Prozessen auch der Exophthalmus, zumal man auch bei chronischen, nicht
rückbildungsfähigen Fällen des letzteren eine mehr oder weniger staTke
WTicherung des Fett-, Bindegewebs- und Gefässapparates finden kann.
M. F. Sorour: Versuche über Einfluss von Nahrung, Licht und Be¬
wegung auf Knochenentwicklung und endokrine Drüsen junger Ratten mit
besonderer Berücksichtigung der Rachitis. (Aus dem Pathol. Institut zu
Freiburg i. B.)
S. kann die experimentellen Forschungsergebnisse englischer und
amerikanischer Forscher auf Grund eigener verschieden modifizierter Ver¬
suche nicht bestätigen, da in keinem Fall das Bild der Rachitis, sondern
nur Osteoporose erzielt wurde. Bemerkenswert ist, dass im Dunkeln ge¬
haltene Ratten basedowähnliche Schilddrüsenvergrösserung mit Vergrösserung
der Epithelkörperchen zeigten, dagegen bewegungsgehinderte aber belichtete
Ratten auffallend kleine Epithelkörperchen aufwiesen.
Kleinere Mitteilungen:
Seishichi Ohno: Ueber den Adrenalingehalt der Nebennieren bei Kakke.
Derselbe: Ueber den Adrenalingehalt der Nebennieren bei ver¬
schiedenen Krankheiten und mikrochemische Reaktion von Adrenalin (Chrom-
und Silberreaktion nach Ogata) zur Schätzung des Adrenalingehaltes.
Erwin Thomas-Köln: Zur Pathologie der Nebenniere. _ J
Bemerkung zur Arbeit von Weissenfeld in Z. B. Bd. 70, S. 556 ff.
Entgegnung von Aschoff darauf.
Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 100. Band,
1. Heft. 1923.
C. Flügge: Geleitwort zum 100. Bande.
B r ä u n i g - Stettin: Ueber die Abgrenzung der ansteckungsfähigen
Lungentuberkulosen gegen die nichtansteckungsfähigen.
Bei der zeitgemässen, aber in sehr verschiedener Weise beantworteten
Frage, wann eine Lungentuberkulose ansteckungsfähig ist und nicht, sind vom
Verf. an 318 sicheren Tuberkulosefällen eingehende Untersuchungen angestellt
worden. Auf Grund dieser Feststellungen empfiehlt B r ä u n l g 4 Grade der
August 192.?.
1135
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ktiosität aufzustellcn: 1. Die „offenen“ Tuberkulösen, bei denen in
r oder fast jeder Untersuchung Tuberkelbazillen gefunden werden. 2. Die
k u 1 1 a t i v offene n“ und zwar a) die „selten o f f e n e n“, bei
ii nur gelegentlich einmal bei vielen Untersuchungen Bazillen gefunden
Jen und b) die „noch geschlossene n“. Das sind die ge-
issenen I uberkulösen mit feuchten Rasselgeräuschen, Lungenauswurf,
•genbefund etc. 3. Die „geschlossenen“ Tuberkulösen, bei denen
e Bazillen im Auswurf gefunden werden und bei denen die obengenannten
Meinungen nicht bestehen. Wenn jede Gruppe dann einer individuell mi¬
ssten Behandlung unterzogen wird, dürfte die meiste Aussicht auf Ver-
erung weiterer Ausbreitung bestehen.
\V a n k e 1 - Stettin: Ueber Meerschweinchenimpfungen mit Auswurf-
cn zur Trennung offener und geschlossener Liingentuberkulöser.
Ks wurden 127 Sputa von Tuberkulosekranken auf Meerschweinchen ver-
t, 12 davon enthielten bei der Voruntersuchung im gefärbten Präparat
,'rkelbazillen. In den anderen Proben waren sie nicht nachzuweisen.
Proz. der Meerschweinchen endeten an Impftuberkulose, die übrigen
uclie verliefen negativ. An der Hand des verwendeten Materials werden
Ergebnisse so beurteilt, dass nicht alle Lungentuberkulosen, die Sputum
aussen entleeren, als ansteckend zu betrachten sind. Weiterhin können
alle Lungentuberkulösen, in deren Auswurf mikroskopisch Tuberkel-
len nicht gefunden werden, als „geschlossen“ angesehen werden. Auch
'•'älle, die nur vorübergehend auf Grund des mikroskopischen Befundes
•ffene ar.zusehen waren, können nicht sämtlich als geschlossen angesehen
len, wenn die späteren mikroskopischen Untersuchungen Tuberkelbazillen
lissen lassen. Die Ausscheidung von Tuberkelbazillcn kann zum Still-
J kommen, um nach Wochen wieder einzusetzen. Es gibt zweifellos
. in denen eine Ansteckung unterbleibt, wenn Tuberkelbazillcn sich nur
h das Tierexperiment nachweisen liessen.
Bruno L a n g e - Berlin : Die Desinfektion tuberkelbazillenhaltigen Aus-
s durch Alkalysol und Parmetol.
Die von Uhlenhut h, Jötten und Heiler vorgcschlägenen Des-
tionsverfahren wurden nachgeprüft. Auf Grund der Untersuchungen
nt Verf. zu dem Schluss, dass, wenn auch unter den beschriebenen Vor-
smassregeln eine vollkommene Abtötung nicht, in jedem Falle erreicht
len kann, die Desinfektion mit Alkalysol und Parmetol für die Praxis für
eichend angesehen werden kann.
A. v. J e n e y - Berlin: Experimentelle Untersuchungen über anta-
;tische Wirkungen innerhalb der Typhus-coli-Gruppe. (Ein Beitrag zur
pcneintcilung der Paratyphusarten.)
Verf. verfolgte die von Theobald und Smith mitgeteilte Tatsache.
Organismen aus der Paratyphusgruppe die Gasbildung der Koliarten
iflussen. Die Befunde wurden bestätigt, aber die Möglichkeit mit dieser
leinung die Paratyphen voneinander trennen zu können, liegt nicht vor.
zwischen solchen, die die Gasbildung hemmen, und solchen, die sie nicht
nen, alle Ucbergänge vorhanden sind. Ueber den Mechanismus der
mung herrscht noch nicht volle Klarheit, möglicherweise bestehen Be¬
ingen zum d ’ H e r e 1 1 e sehen Phänomen.
R. S c h n i t z e r - Berlin: Zur Kenntnis der experimentellen Strepto-
enphlegmone der Maus.
Es wurden 250 hämolytische Streptokokkenstämme, die aus menschlichen
inkungen gezüchtet waren. Mäusen eingespritzt und mit einer Ausnahme
len Fällen Phlegmone erzielt. Die Dosen schwankten von 0,2 (einer
ünnung 1 : 10 000) bis zu 0,2 (einer Verdünnung von 1 : 10). Auf die
enz kommt es anscheinend weniger an, da vielfach sehr kleine Dosen
e Phlegmonen hervorbringen, während virulente Stämme teilweise nur
er angehen. Mit der Phlegmone entwickelt sich eine mehr oder weniger
e Allgcmeininfektion.
R. Doerr und E. Z d a n s k y - Basel: Studien zum Bakteriophagen-
em. \. Mitteilung: Quantitativer und oualitativer Nachweis der Lvsine.
lispersitätsgrad und ihre Aufteilbarkeit ihrer Lösungen.
Eduard B o ec k e r - Berlin: Ueber die Resorption des Chinins nach sub-
ter und intramuskulärer Injektion.
Die Versuchsergebnisse sprechen gegen die Annahme einiger Autoren,
die Entstehung von Chinindepots die Regel ist. Vielmehr liegt die Sache
ass bei weitem der grösste Anteil des Alkaloids binnen kurzer Zeit, wenn
allmählicher als bei intravenöser Injektion, in die Blutbahn gelangt und
?este an der Applikationssielle Zurückbleiben.
W. Kolle und H. S c h 1 o s s b e r g e r - Frankfurt a. M.: Chemo-
peutische Versuche mit Tuberkulose.
Aehnlich wie bei den Protozoeninfektionen haben die Verfasser bei
'imentclier Tuberkulose an Mäusen, die mit Hühnertuberkulose infiziert
en. Versuche angestellt und zwar mit einer sehr grossen Anzahl (48)
hiedenster Stoffe, wie Farben. Arsenpräparate, Metall- und Metalloid-
ndungen. Die Erfolge waren im allgemeinen wenig befriedigend, keines
dl diesen Mitteln wirkte spezifisch. Allerdings konnte bei einigen Farb-
n. Jod- und Schwermctallen eine nachweisbare lebensverlängernde
ung konstatiert werden. Die Art der Wirkung scheint im Sinne einer
plasmaaktiviercnden Beeinflussung zu verlaufen.
R. O. N e u m a n n - Hamburg.
Deutsche medizinische Wochenschrift.
Nr. 29. A. Biedl-Prag: Ueber die Abfuhrwege des Pankreasinkrefes
die Bedeutung des Insulins für die Theorie des Pankreasdiabetes.
B. s Versuche zeigen, dass die antidiabetisch wirkende Substanz intra-
entstellt und in der Duktuslymphe ebenso enthalten ist wie im Insulin,
leilwirkung des Insulins ist mit aller Wahrscheinlichkeit in der Hemmung
>athologisch gesteigerten Zuckerproduktion zu suchen.
P. Uhlenhut h und E. H a i 1 e r - Berlin: Ueber die Desinfektion des
kulösen Auswurfs.
Nach neueren Untersuchungen mit den inzwischen teilweise verbesserten
■raten sind das seifenhaltige Alkalysol (das billigste Mittel), die
■tinat-Kresollaugen, das Parmetol und das Chloramin Heyden als die
ssigsten. handlichsten und wenig giftigen (alle in 5 proz. Lösungen), auch
ie Wäschedesinfektion zu empfehlen.
i. S u 1 t a n - Berlin: Erfahrungen über Phrenikusexairese bei schwerer
itiger Lungentuberkulose.
Jericht über 44 Fälle (21 reine Exairesen. 19 Kombinationen mit Pneumo-
x. 4 mit Thorakoplastik). Die reine Exairese hatte nur in einzelnen
Fällen einen namhaften Erfolg; dagegeft ist sie eine wertvolle Unterstützung
des Pneumothorax und der I horakoplastik und daher hier stets als Vor¬
operation zu empfehlen
I. B r ü n i n g - Berlin : Ueber Operationen an den Herznerven bei
Angina pectoris.
B. bestätigt die günstigen Dauererfolge der Exstirpation des Halsgrenz¬
stranges des N. syrnpathieus einschliesslich seiner Ganglien als einer kausalen
I herapie der Angina pectoris vasomotorica. Den von E p p i n g c r und
Hofer berichteten gleichgünstigen Erfolg der Operation am N. Vagus
(N. depressor) bei Aortalgie erklärt Verf. dadurch, dass der N. depressor
vorwiegend sympathisch ist. Die doppelseitige Ausführung dieser Operation
am N. vagus bei der Angina pectoris vasomotorica ist nicht unbedenklich.
\ erf. schlägt vor, die Unterbrechung des N. depressor weiter unten durch
periarterielle Sympathektomie an der Carotis communis auszuführen mit Ent¬
fernung der gemeinsamen Gefässschcide. Damit wird der obere Vagus ge¬
schont. Vorerst dürfte die Sympathikusoperation die Methode der Wahl
bleiben.
H. Martenstein und B. Schapiro - Breslau: Zur Frage der Be¬
ziehungen zwischen Haut und Immunität.
Die Verfasser stellen dem Aufsatze Klemperers und P c s c h i c
eine Reihe von in positivem Sinne sprechenden Versuchen entgegen.
H. Hirschfcld und Apcl- Berlin: Ein Normalwert für die ßlut-
fanbstoffmessung.
Das Grundsätzliche bestellt in der Verwendung konstant gefärbter, licht-
beständiger gefärbter ülasstäbc, deren Farbenton genau dem des salzsauren
Hämatins entspricht.
W. Forst -Jena: Hyperbin ein neues Hämostyptikuin.
Das Hyperbin erscheint als ein geeigneter Ersatz der Hydrastispräparate
bei gehäuften und verstärkten Menstruationsblutungen.
J. Ca rt- Berlin: Anaphylaktische Erscheinungen durch PSerdefleisch-
genuss.
Ausgedehnte Urtikaria nach einmaliger Pferdeseruminjektion und fol¬
gendem Pferdefleischgenuss.
Pust- Jena: Ein brauchbarer Frauenschutz.
Beschreibung eines von P. angegebenen und mit Erfolg verwendeten
Pessars.
A. Pa sso w: Zur Bekämpfung der Pyozyaneusinfektion. Zum Aufsatz
Paetzels in Nr. 25.
Die reine Borsäure als Mittel gegen die Pyozyaneusinfektion ist in der
Ohrenheilkunde lange bekannt.
H. I h 1 e f e 1 d t - Bremen: Pitralon in der kleinen Chirurgie.
Vorteile des Mittels: Starke antiseptische Wirkung, rasche Abstossung
nekrotischer Teile, Anregung der Granulation.
C. R h o d e - Elberfeld : Galoidin ein neues Antirheumatikum.
Das Galoidin (Antipyrin und Phenylurethan in 30 proz. Alkohol) ist ein
brauchbares perkutanes Antirheumatikum.
E. Grahe- Kasan: Erythrozytol.
Durch Sättigung des Pferde-Blutkörperchenbreies mit Milchzucker und
nachfolgender Trocknung wird ein haltbares wohlfeiles Hämoglobinpräparat
leicht hergestellt. G. erinnert auch an das sehr brauchbare Fleischpulver,
welches aus gutem Fohlen- oder Kalbfleisch durch Trocknen bei niedriger
Temperatur und starkem Luftzug gewonnen wird.
Nr. 30. H. S t r a u s s - Berlin: Ueber Insulinbehandlung bei Diabetes
mellitus. *
St. betont nachdrücklich, dass das Insulin nicht ein Heilmittel für Diabetes
schlechthin ist und für leichtere und mittelschwere Fälle nicht in Betracht zu
ziehen ist. Dagegen bewährt es sich für schwere, durch Azidose komplizierte
Fälle und bei manchen Komafällen als Symptomatikum, auch bei den schweren
Fällen Jugendlicher. Bei mittelschweren Fällen lässt sich durch Insulin¬
behandlung unter Umständen eine Erhöhung der Toleranz für Kohlehydrate
und eine Erleichterung des diätetischen Regimes erreichen.
A. S c h n a b e 1 - Berlin : Experimenteller Beitrag zur Dauer der Fleck¬
fieberimmunität beim Menschen.
Sch. berichtet über den Nachweis von Antikörpern und Erscheinungen
der Allergie (Hautimpfungen) irrt fieberfreien Stadium des Rekurrensfiebers.
Als geeignete Mittel zur Aktivierung der Rekurrens erwiesen sich subkutane
Adrenalingaben und vor allem der Typhusimpfstoff.
J. Hollo und E. H o 1 1 o - W e i 1 - Pest: Gibt es eine aspezifische
Ueberempfindlichkeit infolge von Tuberkulose?
Im Gegensatz zu Selter wurde kein Unterschied der Reaktion auf
Pc-pton-Intrakutanimpfungen bei Tuberkulösen und Nichttuberkulösen gefunden.
E. Pulay-Wien: Der Wert der Bestimmung des Energiestoffwechsels
in ger Dermatologie.
A. H a u e r - Berlin : Das Blutbild als diagnostisches Symptom.
H. zeigt an einer Reihe von Fällen die wichtige diagnostische Bedeutung
der Blutuntersuchung.
L. K r o p p - Marburg: Ueber die sog. Fettsteine in der Harnblase.
15 Fälle. Es handelt sich meist um Paraffin oder Fettsubstanzen, die zu
Behandlungs- oder anderen Zwecken durch die Harnröhre eingeführt waren.
Für die Diagnose kommen vor allem die durch das geringe spezifische Gewicht
bedingten physikalischen Erscheinungen in Betracht.
W. Patzschke - Hamburg: Zur Behandlung von primärer Syphilis mit
Wismutpräparaten.
Ob sich primäre Syphilis zur alleinigen Wismutbehandlung eignet, ist
zweifelhaft, jedenfalls soll diese nur da durchgeführt werden, wo bereits nach
1 — 2 Injektionen die Spirochäten schwinden und die Erscheinungen zurück¬
gehen.
L. D e t r c - Pest: Ueber eine Mikromcthode der spezifischen Gewichts-
bestimmunv. 1
Das spezifische Gewicht wird erkannt aus dem Schweben. Sinken oder
Steigen eines — gefärbten — Tropfens in einer Reihe von NaCl-Lösungen
von bekanntem spezifischem Gewicht.
F. . B u r g k h a r d t - Zwickau : Ueber Eigenblutinjcktionen bei vaginalen
Blutungen und Operationen.
B. sammelt das durch die Blutung abgehende Blut, seiht es durch einen
mehrfachön Mullappen und injiziert es sofort intramuskulär in die Schenkel.
Kompressionsverband zur Beschleunigung der Resorption.
W. N e u h a u s - Hagen (Wcstf.): Ein Fall von ausgedehnten Haut-
blutungen bei einem Kinde.
1136
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 34/3
G. Müller- Bautzen: Geruehsdiagnostik und Syphilis.
M. beobachtete bei und zwar auch bei unbehandelter Syphilis, namentlich
bei Frauen, einen eigenartigen, modrigen, benzolähnlichen Geruch, welcher
ihn vielfach allein schon auf die Diagnose der Syphilis hinleitete.
D. L e b e d e r - Moskau: Zur Methodik der Leber- und Miizpalpation im
Kindesalter.
Tolle- Gross Bodungen: Encephalitis lethargiea und Hg-Sehnuerkur
kombiniert mit unspeziflscher Reiztherapie. .
Guter Erfolg bei frischem Fall eines 12 jährigen Knaben, Versagen bei
dem Dauerzustand eines Erwachsenen.
K. Ochsenius- Chemnitz: Zur Therapie des Keuchhustens.
Bemerkungen zu dem Aufsatz von Schmuck 1er in Nr. 15.
W a r t e n s 1 e b c n - Berlin : Nebenerscheinungen nach Gebrauch von
Curral. . , .
Bei zwei körperlich stark reduzierten Knaben traten nach einer Lurrai-
tablette klonische Zuckungen an den Armen und Beinen auf.
B e r g e a t - München.
Medizinische Klinik. Heft 31.
S. L o e w e n t h a 1 - Braunschweig: Die Erkrankung und Behandlung
der Depressionszustände.
Fortbildungsvortrag, der vor allem für den praktischen Arzt Wertvolles
bringt. , .....
O. K a u d e r s - Wien: Hysterische Zustandsbilder unter dem klinischen
Bilde des postenzenhalitischen Parkinsonismus.
Betrachtungen zu dem genannten Thema an Hand zweier ausführlicher
Krankenberichte. '
P. T s e 1 i o s - Wien: Die Lues als ätiologischer Faktor für die Ulcus-
bildune im Magen und Duodenum.
Untersuchungen an 44 Tabesfällen mit Ulcusbeschwerden ergaben weitere
Hinweise auf die von Holler u. a. vertretene Anschauung; und zwar in
dem §inne, dass bei einer geringen Verhältniszahl von Ulcuskrankcn das Ge¬
schwür eine trophische Störung der Magenwand nach luetischer Erkrankung
der zuführenden Nervenbahnen darstellt.
E. R i c h t e r - Zittau: Ueber Erfahrungen mit der Ponndorfimpfung.
Auf Grund der Erfahrung an 33 einschlägigen Fällen kann die Ponndorf¬
impfung nicht als brauchbare Methode bezeichnet werden. Die gebesserten
Fälle bleiben in der Minderzahl: eine wirkliche Dosierung ist nicht möglich;
gelegentlich stellen sich bedenkliche Komplikationen ein.
S. L u m m e - Berlin: Bemerkungen zur Wismutbehandlung der Syphilis.
Ueber die Bedeutung des Wismutsaumes des Zahnfleisches.
Der entstehende Saum lässt sich nicht beseitigen und bleibt als ein
peinliches Stigma bestehen. Solange wir dem nicht abhelfen können, sollte
das sonst vorzügliche Antisyphilitikum möglichst wenig verwandt werden
und dann nur nach vorheriger Aufklärung des Kranken.
H. Mo ro- Wien: Arteriotomie bei schwerer Pneumonie.
Bei 8 kleinen Kindern wurde der klinische Verlauf nur unwesentlich
beeinflusst, dagegen wurde das Herz rasch und sicher entlastet.
G. B 1 ü m e n e r - Charlottenburg: Dauerbeobachtuiigen nach Syphilis-
behandlung mit Mischspritzen (Neosalvarsan, Neosilbersalvarsan mit Novasurol
und Cyarsal), verglichen mit Dauerbeobachtungen nach Neosalvarsan und
Hvdrargyrum salicylicum. .
Die Mischspritzenbehandlung mit Neosalvarsan-Cyarsal hatte ein auf¬
fallend schlechteres Dauerergebnis als die Mischspritzenbehandlung mit Nova¬
surol und als die getrennte Behandlung mit Neosalvarsan und Hg. salic.
S e r d j u k o f f - Saratow: Vollständiges Fehlen der Vagina und des
Uterus. ..... , .
Nur geringe Molimina menstrualia, kein Wunsch zur Heirat; daher keine
plastische Operation.
A. M ii 1 I e r - Rostock: Ueber Serratuslähmung nach künstlichem Pneumo¬
thorax. ,
W. W o r m s - Berlin: Hämokiasische Verteilungsleukozytosen nach
Dermographie und ihre Beziehungen zum vegetativen Nervensystem.
Die Bedeutung der W i d a 1 sehen Versuchsanordnung wird auch dadurch
herabgemindert, dass dcrmographische Hautreizung Leukozytenschwankungen
hervorruft bei Gesunden und Kranken, deren Leberapparat intakt ist.
E. S t i e r - Berlin: Missbrauch von Reichsmitteln mit Hilfe ärztlicher
Gutachten. .
Erneuter Beitrag zur mangelhaften Kritik bei ärztlichen uutachtcn.
E. C 1 a s e n - Itzehohe: Varizen-Ulcus cruris und ihre Behandlung.
Technik des Zinkleimverbandes. S.
Paukenröhrchen), mit der man aus Gehörgang und innerem Ohr auch die
Eiter- und käsige Massen leicht absaugen kann. L. Jacob- Bremen
bei
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 25.
Frey und A r m b r u s t e r - Zürich: Ueber die vorzeitige Lösung der
richtig inserierten Plazenta. . .
Nach den Erfahrungen der Züricher Frauenklinik ist die vorzeitige
Lösung der richtig inserierten Plazenta wesentlich häufiger als früher; bei
Mehrgebärenden ist sic doppelt so häufig als bei Erstgebärenden. Leichte
Fälle sind rein exspektativ zu behändem, schwere zu entbinden, und zwar bei
uneröffneten Weichteilen durch Sectio cervicalis in Lokalanästhesie (14 eigene
Fälle mit bestem Erfolg). Ausführliches Literaturverzeichnis.
B a u m a n n - Wattwil: Zum Narkoseproblem. (Mit spezieller Berück¬
sichtigung der chemischen Seite.)
Verf. geht auf Grund eigener Versuche besonders auf die Prüfung der
Reinheit der Narkotika ein und zeigt, dass die üblichen Prüfungsmethoden
teilweise revisionsbedürftig sind. Ein Grossteil der Todesfälle nach Narkosen,
ganz besonders der Spättodesfälle fallen einem verdorbenen Narkotikum zur
Last. Am meisten ist der Acther (auch in Gemischen) der Einwirkung von
ficht, Luft. Wärme und Wasserdampf ausgesetzt. Aether und Chloroform¬
gemische werden zweckmässig nur in gasförmiger Form angewandt. Verf.
beschreibt ausführlich die verbesserten Prüfungsreaktionen, die ieder
Narkotiseur von Zeit zu Zeit anwenden müsste und verlangt für den Narkose¬
äther zukünftig noch schärfere Bedingungen und kompliziertere Reinigung als
sie gebräuchlich sind.
Dunant et T u r r e 1 1 i n i - Genf : Apropos d’un cas de Symphyse
cardiaque operöe (Thoracolyse precardiaque).
L ii s c h e r - Bern: Ueber die Verwendung der Säugpumpe in der Oto-
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 29. B. Bu sso n -Wien: Diagnostik. Vakzinen- und Serumtlierai
verschiedenen Infektionskrankheiten. Fortbildungsvortrag
D. Adlersbcrg und O. Po rg es- Wien: Die Behandlung t
Tetanie mit Ammonphosphat. _
Das saure Aininoniumpliosphat bewährt sich zur Behandlung aer 1 eta i
sehr gut. Es wird gerne genommen und gut vertragen.
B. Lipsch üt z- Wien: Die örtlichen und zeitlichen Verhältnisse I
der experimentellen Pigmenterzeugung durch Teerpinselung (nach Versuch
an grauen Mäusen). . ... _. . ,1
Die Pinselungen bewirken das Auftreten melanotischen 1 lgments (I acljj
dermic, flecken- und knotenförmige Melanome) an normalerweise pigmcl
freien Stellen und zwar unbeeinflusst von Lichteinwirkung.
F. Eisler -Wien: Die Röntgendiagnose der pathologischen Gallenbla
F bestätigt die von amerikanischen Autoren beschriebenen guten I
fahrungen; sie haben zur Voraussetzung Plattenaufnahnien mit sorgfältigsl
Technik und ein besonders geschultes Plattenstudium.
C. Wicthe-Wien: Die Durstbekämpfung nach Operationen.
Das Cesol eignet sich sehr gut zur Abminderung des Durstes nach Opel
tionen infolge der ausgiebigen Anregung der Speichelsekretion.
Nr. 30. H. Beitzkc: Pathologische Anatomie. Resistenz und Allen
bei der Lungentuberkulose.
S. Bericht d. M.m.W. 1923 S. 654.
O. Frisch- Wien: Ueber die funktionelle Verlängerung des Ob
schenkeis.
Zusammenfassung: Um bei Hüftankylose eine stärkere Verkürzung
Oberschenkels zu beheben, so genügt nicht die schräge Osteotomie und
tension, sondern cs muss eine Verheilung in Abduktion (funktionelle
glciehung durch Schiefstellung des Beckens) erzielt werden. Der erforc
liehe Abduktionswinkel errechnet sich aus der Länge des Oberschenk
der Verkürzung und der Beckenbreite und beträgt erfahrungsgemäss e
doppelt so viel Grade, als die Verkürzung in Zentimetern beträgt.
Maximum kann die Schiefstellung des Beckens gelten, die einer Abduk-
von 35" entspricht, womit eine Verkürzung von 15 cm eben noch ;
zugleichen wäre. Die funktionelle Verlängerung des Beines durch Sei
Stellung des Beckens kann als 2. Akt mit dem Extensionsverfahren n
schräger Osteotomie verbunden werden. — Bemerkenswert ist u. a.
Hinweis auf die starke Behinderung des Sitzens durch eine Versteifung
Hüftgelenks in voller Streckung. Eine Beugung von 20— 25 schafft
eine grosse Erleichterung ohne irgend welchen Nachteil.
L. Kraul und G. Halter- Wien: Ueber den Einfluss des welbln
Genitales auf den Grundumsatz. _
Nach Röntgenkastration fand sich der Grundumsatz um 17 30 x
herabgesetzt, bei Myomen sowie bei Metropathia haemorrhagica um e
30 Proz gesteigert. Uterusexstirpation verminderte den Grundumsatz.
Unterfunktion der Ovarien bestanden ziemlich normale Verhältnisse, Rönt;
bcstrahlung steigert durchgehends den Grundumsatz.
.1. P c t z o 1 d t - Wien: Ein Fall von Foetns papyraceus. intrauterin i
gestellt.
L. T h a 1 1 e r - Agram: Ueber die Seltenheit des Diabetes mellitu
Kroatien. . . , .
Das seltene Vorkommen des Diabetes, vor allem bei der kroatisi
Landbevölkerung, beruht vielleicht großenteils auf der sehr fleischar
Kost.
Nr. 31. E. L ö w e n s t e i n - Wien: Die Tuberkulose als Organsys
Erkrankung. . w v,
Vorgetr. Gesellsch. d. Aerzte 15. VI. 23. S. Bericht M.m.W. 1923 Nr
P. S a x 1 - Wien : Ueber die oligodynamische Wirkung der Metalle
M etallsalze
Ueber die Erschöpfung und Regeneration der oligodynamischen Wir!
des Silbers. Ueber die Beziehung der Löslichkeit der Metalle und »
Salze zur oligodynamischen Wirkung.
A. v. T o r d a y - Pest: Ueber typhösen Meningismus.
4 Fälle. Bemerkungen zur Pathologie und Literatur.
L. K i r c hm a y r - Wien: Eine seltene Verletzung als Beitrag!
Festigkeit der Sehnen.
Bemerkungen zum Aufsatz Blocks in Nr. 17 der M.m.W.
E. Maliwa-Baden b. Wien: Ueber die Resorptionsverhältnissc f
Schwefelverbindungen aus den Badener Thermalquellen.
D o s t a 1: Ueber den Bakteriengehalt der Vakzine Tebecin (D o s a :
Erwiderung auf den Artikel von Mo ritsch in Nr. 27.
P. Moritsch: Erwiderung. B e r g e a t - Münch)
logie.
Empfehlung und Abbildung einer einfachen Säugpumpe mit Vorlegc-
flasche, Gummischlauch und dünnem Ansatz (am besten Hartmann sches
Spanische Literatur.
Palacz Brilurega: Pustula maligna, geheilt durch Proteinkni
therapie (Milch). (La Medicina Ibera 17, Nr. 274.)
Schwerer Fall von Pustula maligna im Gesicht, bei dem aus Mi
an anderen Mitteln Caseal calcium (B a 1 d a c c i) intramuskulär (3 ccm
geben wurde. Starke Reaktion mit Krämpfen, Besserung. Nach 2 we
Injektionen (je 5 ccm) Heilung. ... . ■
F. de la Cruz: Experimentelle und klinische Studien über Bisnl
(La Medicina Ibera 17, Nr. 274.) _ _ j
Die Jodwismutverbindung des Chinins, in Olivenöl suspendiert, i
ein völlig unschädliches, schnell wirkendes Spezifikum gegen Lues dar. j
intramuskulärer Injektion überall, auch im Liquor nachweisbar. Versuch)
vertrugen das 320 fache der menschlichen Dosis ohne Schaden. Anwc J
hauptsächlich bei Arsen- und Quecksilber-resistenten Fällen.
Bast er ra: Doppelseitige, retrobulbäre Neuritis optica acuta, e1
durch Punktion des 3. Ventrikels. (La Medicina Ibera 17. Nr. 275.) _ :
46 jährige Frau, bei welcher wahrscheinlich ein Gummi die Neuriti 1
sekundär die Erweiterung des 3. Ventrikels hervorrief. Links ErbliR
rechts Heilung durch Ventrikelpunktion nach A n t o n - B r a u m a n i ■
3 Lumbalpunktionen. Während der Entleerung (ca. 70 ccm) stark? A|
schmerzen rechts.
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MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1138
dritte sodann den Aufbau der eigentlichen (apparativen und nichtapparativen)
speziellen Untersuchungsmethoden, die zugleich von hohem Symptom- und
hohem differenzierenden Wert sein müssen. Die Eichung der letzteren er¬
möglicht die Erfolgskontrolle, d. h. der Vergleich der Untersuchungscrgcbnisse
mit der Betriebsbewährung (Akkordziffern).
Möglichkeit und Notwendigkeit der psychologischen Feststellung der
Berufseignung ist dabei durch die Entwicklung der industriellen Arbeits¬
verfahren selbst bedingt, die auch im handarbeitenden Berufe die Anforde¬
rungen an den Menschen immer mehr vom Gebiete des Physischen auf das
des Psychischen verschiebt.
Lichtbilder demonstrieren sodann die vom Vortragenden durchgeführten
psychologischen Analysen der verschiedenen Zweige der Gummiindustrie,
der Kartonmacherei, der Leistenindustrie, des Berufes der Stenotypistin usw.
und die von ihm zum Zwecke der Untersuchung konstruierten Apparate,
sowie die gebräuchlichen, auf M o e d e usw. zurückgehenden apparativen
Untersuchungsmethoden für die Gebiete der metall- und holzbearbeitenden
Industrie usw.
Die Erfolge in Hannover sind durch 84-, 96-, ja 100 prozentige Ueberein-
stimmung zwischen Untersuchungsergebnis und Betriebsurteil gegeben. Die
Beziehungen zwischen Intelligenz und Beruf verlangen ausserdem in fast
jedem Falle die (mit psychologischen Mitteln heute durchaus mögliche) Fest¬
stellung des Intelligenzniveaus des Berufsanwärters.
Bei der Synthese der durch die Analyse gewonnenen Ergebnisse muss
die hohe Bedeutung des moralischen (in Willen, Fleiss, Ordnungssinn, sozialem
Verhalten sich zeigenden) Habitus gebührend berücksichtigt werden. Da ein
Urteil in dieser Hinsicht nur auf dem Wege längerer Beobachtung möglich ist,
ist engstes Zusammenarbeiten mit Schule und Haus nötig.
Das vom Vortragenden in Hannover aufgebaute psychologische Institut
umfasst daher eine pädagogische, eine speziell berufspsychologische und eine
wirtschaftspsychologische Abteilung, denen neben den Untersuchungs- ent¬
sprechende Vortragsabteilungen zum Zwecke der Schulung, Aufklärung der
Fach-, Lehrer- und Elternkreise usw. ungegliedert sind. Dank der Förderung
und des Interesses des Oberbürgermeisters L e i n e r t und des Senators
Stadtschulrats Grote ist cs nicht nur das erste, sondern auch das grösste
psychologische Institut Deutschlands. Seine Arbeit erstreckt sich nicht nur
auf die Stadt Hannover, sondern auf die ganze Provinz (die auf Beschluss des
Provinziallandtages sich mit einer namhaften Beihilfe an seiner Finanzierung
beteiligt) und wird überall gern geleistet, wo sie gewünscht wird.
Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg.
13. Sitzung vom 17. Juli 1923.
Herr Eckstein: Ueber Beeinflussung der roten Blutkörperchen vor
und nach der Fixation.
Rote Blutkörperchen, sofort nach der Venenpunktion in Agar eingebettet
und nach dem Erstarren des Agars in Ringer-Formo! eingelegt, zeigen bei der
Alzheimer sehen Methylblau-Eosinfärbung eine Differenz ihrer Färbbar¬
keit. Von aussen nach innen folgen sich: eine schmale rote Zone, eine
breitere blaue Zone, dann das rote, die Hauptmasse des Schnittes einnehmende
Zentrum. Behandlung des Blutagarblocks (vor der Fixierung) mit
Sauerstoff, Wasserstoff oder Leuchtgas ergibt keine wesentliche Aenderung;
Einwirkung von Kohlensäure kehrt dagegen die Färbbarkeit um: die Erythro¬
zyten sind nun in breiter Randzone rot, im Zentrum blau. Diese Umstim¬
mung lässt sich durch Beseitigung der Kohlensäure mit Sauerstoff wieder
rückgängig machen. Fixation des nicht vorbehandelten Agarblocks
in einem nur Kohlensäure enthaltenden Formol lässt den äusseren roten und
den inneren blauen Anteil der Randzone viel breiter werden, das rote Zentrum
entsprechend zusammenschrumpfen. Fixation des mit Kohlensäure
vorbehandelten Blocks in „isopneumatischem“ Formol ergibt maximale
Wirkung: eine noch breitere rote Randzone und blaues Zentrum. Nach
Fixation in Agar eingebettete Erythrozyten färben sich gleichmässig rot;
Kohlensäurebehandlung bleibt wirkungslos.
Schlussfolgerung: Der Sauerstoffgehalt der Erythrozyten ist ohne Ein¬
fluss auf ihre Färbbarkeit; dagegen ergibt ein gewisser Grad der Kohlen¬
säureanreicherung Blaufärbung; bei maximalem Kohlensäuregehalt tritt wieder
Rotfärbung ein.
In normalen Organen dürfte die Blaufärbung der Erythrozyten der Aus¬
druck einer Kohlensäureproduktion der überlebenden Gewebselemente sein.
Diskussion: Herren Ernst, Gans.
Herr Valentin: Medizinisches aus Holland. (Erscheint ausführlich.)
Herr Bo in in er: Plasinareaktionen bei Hautkranken.
Es wurden Plasmalabilitätsreaktionen angestellt bei Gesunden und Haut¬
kranken. Bei Gesunden fällt die raschere Senkung weiblicher Blutkörperchen
auf, der eine Gleichheit im Ausfall der Fällungsrcaktionen zwischen männ¬
lichem und weiblichem Plasma gegenübersteht. Neben dem Zustand des
Plasmas sind demnach noch in den Blutkörperchen selbst gelegene Momente
massgebend (Zahl der Erythrozyten, Blutkörperchenvolumen u. a.). Es
scheint ausserdem zu gelingen, durch Kombination von Senkung und Fällungs¬
reaktionen Grenzfälle genauer zu differenzieren. Von Hautkranken zeigten
starke Beschleunigung resp. Flockung: akute Pyodermien, alle untersuchten
Fälle von Prurigo. Beschleunigte Senkung und entsprechende Flockung
zeigten tiefe Trichophytien, ulzerierter oder die Schleimhaut beteiligender
Lupus vulgaris, sowie Ekzeme und akute Dermatitiden im Stadium der Ex¬
sudation. Normale Werte zeigten Fälle von Sycosis vulgaris, von ge¬
schlossenem Lupus, die übrigen Ekzem- und Dermatitisstadien, die Fälle von
Psoriasis. Eher verlangsamte Senkung resp. verminderte Flockung fand sich
bei Urtikaria, Dermographismus und Pruritus. Senkung und Ausfall der
Flockungsreaktionen verlief im allgemeinen parallel. In einigen Ausnahmen
fand sich bei weiblichen nicht menstruierenden Kranken beschleunigte
Senkung bei Zurückbleiben der Plasmareaktionen.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzungvom 27. Juni 1923.
Tagesordnung:
Herr Ibrahim: Demonstrationen:
1. Arachnodaktylie, Mädchen von 14 Monaten.
Nr. 34/.-
" i
2. Osteopsathyrose: a) Knabe von 12/4 Jahren, seit dem 3. Lebensla l
im ganzen bis jetzt 39 Frakturen. Behandelt früher mit Phosphorlebertru .
im letzten Jahr nacheinander mit Quarzlampe und Calc. lact. 4 Woche
Strontium lact. 1 mal täglich 1 — 3 g 3K* Monate, Silicol 3 mal täglich 1 Tablet
ä 0,1 SiOa 5 Monate, davon 5 Wochen zusammen mit Injektionen von Thym
glandol 1 ccm jeden 2. Tag, alles ohne Erfolg; b) Mädchen von 8 Monate
seit dem 3. Lebensinonat 3 Frakturen. Behandelt mit täglichen subkutan
Injektionen von je 0,5 ccm Pferdescrum, zusammen 65 Injektionen; seit Begii
der Therapie keine neue Fraktur.
Herr Duke n: Osteodysplasia exostotica (Kienböck).
Demonstration einiger Fälle aus mehreren Familien mit ausgesprochen «
Erblichkeit durch mehrere Generationen. Das stärkste Wachstum zeigJ
gewöhnlich die Exostosen an den Knochen, die spät verknöchern bei gleit j
zeitig stärkerer Wachstumsvermehrung. Manche Autoren geben an. dass d |
erkrankten Kinder stets geistig sehr zurück seien, diese Behauptung darf nie I
allgemein genommen werden, da unter unseren Kindern mehrere ganz b
sonders begabt sind. Ausserdem liegt durchaus nicht immer geringes Körpe|
Wachstum vor. Wachstumshemmung und Wachstumssteigerung werden bto.j
achtet, wie auch beschleunigte und verzögerte Ossifikation. Die vi|
mehreren amerikanischen Autoren unternommenen Stoffwechselversuche bj
derartigen Kranken haben r,u Ernährungsvorschlägen (eingeschränkte Kal
zufuhr im progredienten Stadium usw.) geführt, die sicher unhaltbar sin t
Der oft gezogene Vergleich zwischen Osteodysplasia exostotica und Chondr <
dystrophie ist ein sehr oberflächlicher. Wenn auch die beiden Krankheit
bilder in bezug auf die periostale Verknöcherung und die Einlagerung vi]
Knochen in den Knorpel eine Umkehrung der jeweiligen Verhältnisse dal
bieten, so ist damit doch nur eine Teilerscheinung berührt, nicht aber d.i
gesamte Krankheitsbild.
Normalerweise ist die Modellierung des Knochens vorwiegend bedinj
vom Periost und den periostalen Osteoblasten aus, diese Modellierung könnt
bei der Osteodysplasia exostotica nicht zur Durchführung und führt so zu de
ungezügelten Wachstum, das die Exostosen tatsächlich zeigen.
Herr Thiel: Untersuchungen zuin Fliissigkeitswechsel am Icbcndt
Menschenauge bei Erkrankungen des Zentralnervensystems.
Bei 19 Patienten mit Erkrankungen des Zentralnervensystem^ (4 Tabt
2 Taboparalyse, 9 Paralyse, I Neuritis retrobulbaris, 1 Hirntumor mit Py
cephalus internus, 1 Stauungspapille) wurde nach Eingabe von 2 g Flu
reszeinnatrium per os das Kammerwasser mit Hilfe der Nernstspaltlampc, d
ultravioletten Lichtes und des Homhautmikroskopes untersucht. Es fand sic
dass im Durchschnitt nach 50 Minuten nach der Eingabe des Fluoreszeins ei;
deutliche Fluoreszenz des Kammerwassers in allen Fällen von Tabes, Tab
Paralyse, Paralyse und bei der Neuritis retrobulbaris mit Ausnahme ein
Falles von Tabes nachweisbar war, nicht dagegen bei der Dementia praeci
und der Stauungspapille. Der Liquor cerebrospinalis, im Durchschnitt na
70 Minuten nach der Eingabe des Fluoreszeins entnommen, ergab bei d
Tabes, Taboparalyse und Paralyse eine Fluoreszenz im Mittel von 1 ; 700 Ot
bei der Dementia praecox 1 : 2 000 000, bei der Neuritis retrobulbaris und b
dem Hirntumor mit Pyoeephalus internus 1 : 100 000. Unter Berücksichtigui
des vom Vortragenden erhobenen Befundes am klinisch gesunden Au;
(Sitzung der Med. Gesellschaft Jena vom 29. II. 1923),. das einen Uebertr
von Fluoreszein in das Kammerwasser in messbarer Menge nicht erkennt
Hess, kommt der Vortragende zu der Schlussfolgerung, dass bei Erkrankung
des Zentralnervensystems, die zu einer Mitbeteiligung des Plexus chorioidej
und der Meningen (Tabes, Paralyse) führen, auch am Auge mit Wahrschei
Uchkeit Veränderungen im Corpus ciliare oder der Pars plana retinae b
stehen, die an dem Uebertritt von Fluoreszein in das Kammerwasser erken
bar sind. Ob diesem Nachweis eine klinische Bedeutung zukommt, möehl
der Vortragende von weiteren Untersuchungen abhängig machen. Es wäi
notwendig, auch bei Glaukomkranken nachzuforschen, ob auch bei diesen dj
Parallelismus zwischen Plexus chorioideus und Corpus ciliare besteht, i
könnten sich daraus vielleicht Schlüsse auf die Genese des Glaukoms zieh]
lassen.
Herr Willich: Demonstration: B a n t i sehe Krankheit bei lOjährigel
Knaben.
Medizinische Gesellschaft zu Kiel.
(Eigener Bericht.)
Sitzungvom 26. Juli 1923.
Herr Runge: Demonstrationen:
a) Multiple kavernöse Hämangiome beim Neugeborenen.
Zweites Kind gesunder Eltern. 1. Kind an Spina bifida zugrunde g
gangen. Kind stirbt nach einigen Tagen. Angiome im Herzen, in der Lebtl
im Gesicht und an der linken Hand.
Aussprache: Herren K o n j e t z n y, Heine, Bürger.
b) Tödliche Infektion des Brustkindes bei Mastitis der Mutter.
Bericht über mehrere Fälle, davon einer aus der letzten Zeit. Kind .
Peritonitis zugrunde gegangen. Bakteriologisch fand sich bei Mutter und Ki;
Streptococcus mucosus.
Aussprache: Herren Holzapfel, v. Stare k, Konjetzn
Kahler. Hansen, Runge.
Herr Engels mann: Die gesundheitlichen Verhältnisse ln Kiel i
Jahre 1922.
In der Stadt Kiel (E. 206 010) wurden 1922 3603 Kinder =f 18.1 Pro;
(22 Prom. 1921) geboren. Es starben 2853 Personen - 13,3 Prom. (12,4 Proi
1921), davon 525 Kinder unter 1 Jahr. Der ücburtenüberschu.'is sank vi)
9.7 Prom. 1921 auf 4,8 Prom. 1922. Die Vergleichszahlen für '46 deutsc
Städte über 100 000 E. (Klin. Wschr. 1923 S. 379) sind 17^4 Gebürte
13,4 Stcrbefälle; Geburtenüberschuss 4,0 Prom. Während die Totgeburten 3'
die an Lebensschwäche und Bildungsfehlern im 1. Lebensjahr Verstorben
3.7 Proz. der Lebendgeborenen betrugen, belief sich die Zahl der Fehlgeburt
(aus dem Hebammenbuch errechnet) 1921 auf 17,1, 1922 auf 19.9 Proz.
einem ländlichen Bezirk stieg diese Zahl von 16,0 (1921) auf 29,1 (1922). D
Säuglingssterblichkeit betrug 1921 11,9, 1922 14,6 Proz. der Lebendgeboreni
in 46 deutschen Städten 12,2 Bez. 12,8 Proz. Von 100 ehelichen Säugling
12,3 Proz., von 100 unehelichen 24,6. Von 3603 standen 1084 (722 ehelicl
362 uneheliche) in Fürsorge. Von 100 in Fürsorge stehenden Säugling
starben nur 1,8 Proz. (!). von 100 unehelichen darunter 4,7 Proz.: v*
100 ehelichen 0 Proz. (!). Während die Sterblichkeit an Magendarmerkrai
31. August 1023.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
kunjicn 1,7 Proz. der Lebendgeborenen betrug, starben von 100 unehelichen
in Fürsorge stehenden Säuglingen nur 0,8 Proz. Im Qesamtsterberegister
nimmt die Säuglingssterblichkeit mit 25,6 Prom. Lebenden die erste Stelle
ein. Es folgen Todesfälle an Herz- und Gefässlcrankheiten 24,6; Pneumonien
und Entzündungen der Atmungswege 18,4; Krebs und sonstige Neubildungen
14.4: alle Formen der Tuberkulose 13,4 (ohne Ortsfremde 10,9), nur Lungen¬
tuberkulose 10,7 (ohne Ortsfremde 9,07 Prom.). Die Sterblichkeit an Kind-
bettfieber betrug 1,07 Prom. (auf 743 Fehlgeburten berechnet 3 Proz.. auf
die gemeldeten Fieberfälle berechnet 52,4, auf die fieberhaften Aborte be¬
rechnet 62 Proz.) (1). Unter den ansteckenden Krankheiten nahm die Grippe
mil 3,7 Prom. die erste Stelle ein, während Typhus, einschliesslich Para¬
typhus, mit 0,87 Prom., Diphtherie mit 0,77 Prom. Durchschnitts-, Scharlach
mit 0.05 sehr niedere Werte zeigen.
Herr Voigt: Masernprophylaxe nach D e g k w i t z.
Bericht über die Erfahrungen der Universitäts-Kinderklinik.
Aussprache: Herren Spiegel, Hansen, Voigt. E.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 11. Juni 1923.
Herr N e 1 i u s: Proteinkörpertherapie.
Vortr. geht zunächst auf verschiedene Methoden in der Krankenbehand¬
lung ein. Er unterscheidet 3 Gruppen.
I. Gruppe: Methoden, die geeignet sind, schädliche Reize vom
Organismus fernzuhalten; als Beispiel die moderne Wund¬
behandlung.
II. Gruppe: Methoden, die dazu dienen, in den Organismus e in¬
gedrungene Schädlichkeiten zu entfernen oder zu vernichten. Beispiel der
Infektionskrankheiten, bei denen entweder chemotherapeutische Mittel oder
die passive Immunisierung zur Anwendung gelangen.
III. Gruppe: Hebung der Abwehrkräfte — Steigerung der Widerstands¬
fähigkeit durch Massnahmen, die nicht die Schädlichkeiten direkt be¬
kämpfen, sondern die Leistungsfähigkeit des Organismus verstärken. Hierher
gehört die von Weichardt und R. Schmidt begründete Protein-
körpertherapie, als deren wirksames Prinzip die Protoplasma¬
aktivierung bezeichnet wird.
Anschliessend geht Vortr. näher auf die Bier sehe Reiztheorie
ein. mit der Bier auf seine bekannten Anschauungen über das „Heilfieber“
und die ..Heilentzündung“ znrückgreift, die durch Reize verschiedener Art
— chemische wie physikalische — erzeugt werden. Zu den chemischen
Reizen rechnet Bier die Proteinkörper, die den Vorteil haben, dass sie
chemisch rein darstellbar und besser dosierbar sind.
Kurze Erwähnung der Much sehen Lehre von den abgestimmten bzw.
unabgestimmten Immunitäten, die sich eng an Biers Reiztheorie anlehnt.
Vortr. erwähnt, dass auch die Bäder, die Röntgenstrahlen, ferner die
Eiweissstoffe der Vakzine und Sera, die den Eiweiss-Mischpräparaten wie
Fulmargin, Dispargen als Schutzkolloide beigegebenen Eiweisskörper und die
chemotherapeutischen Präparate neben ihrer bakteriziden Wirkung auch eine
sensibilisierende haben und als Aequivalente der eigentlichen Proteinkörper
aufgefasst werden müssen.
Die Schwierigkeiten der Reiztherapie liegen in der Dosierungsfrage;
falsche Dosierung schadet mehr als eine richtige nützt. Daher müssen wir
durch abgestimmte Reize die Schwelle der Höchstleistung der
Zelle zu erreichen suchen, d. h. durch den Schwellenreiz das Optimum
der Reaktion auszulösen versuchen, daher die Bezeichnung Schwel¬
lenreiztherapie.
Genaueste Beachtung verlangt der Zustand des erkrankten
Gewebes; akut entzündetes verlangt höhere Dosen als chronisch ent¬
zündetes Gewebe.
Was die Wirkungsweise der Proteinkörpertherapie ganz allgemein be¬
trifft, so sind ihre Wirkungen in folgende Grade zu teilen:
a) Vorübergehende allgemeine Reaktion oder negative Phase,
b) Oertliche Reaktion oder Herdreaktion,
c) Günstige Nachwirkung oder positive Phase,
d) Ungünstige Wirkung wie Kachexie oder Anaphylaxie.
Man wählt diejenigen Mittel, welche unter Herdreaktion die Krankheit
gut beeinflussen. Es haben sich bewährt:
Bei Gelenkerkrankungen: Kasein, Yatren-Kasein, Silicium:
bei Haut- und gynäkologischen Erkrankungen: Terpentinöl;
bei Augenerkrankungen: Ophthalmosan usw.'
Vorläufig herrscht aber noch auf dem ganzen Gebiete völlige Empirie. Man
zieht die Mittel vor, die durch eigene Bakterizidie Keimfreiheit gewährleisten.
Milch ist gefährlich, da sie ein unkontrollierbares Gemisch darstellt und die
Gefahr der Anaphylaxie birgt. Vortragender teilt 3 Vorkommnisse von
Anaphylaxie mit, die nach Erstinjektion von Aolan bzw. Fulmargin bei Nach¬
injektion der gleichen Mittel bzw. von Milch innerhalb weniger Tage ent¬
stand. Zur Behebung der Schädigung wurden Sauerstoffatmung, Herzmittel,
Pituglandol, Physostigmin vergeblich verwendet. Ob durch Aetherinhalation
und Atropin der Bronchialkrampf gelöst werden kann, ist noch fraglich. Die
parenterale Zufuhr von Mitteln, denen anaphylaktogene Wirkung zukommt,
einschliesslich der Eiweiss-Mischpräparate bedarf strengster Indikation. Zur
Verhütung des Schocks ist einstweilen die vorsichtigste und individuelle
Dosierung der einzige Weg.
Kleine Mitteilungen.
Therapeutische Notizen.
Ersatzdes Höllensteins durch Kochsalzbei der T ripper-
behandlung*).
(Vorläufige Mitteilung.)
Bei der wirksamen Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ist sehr
hinderlich der heutige hohe Preis der Medikamente. Daher muss es unser
*) Mangels Voranmeldung auf dem XIII. Kongress d. D. D. ü. in München
nicht zum Vortrag gelangt'
Bestreben sein, nicht nur in der Privatpraxis darauf Rücksicht zu nehmen,
sondern vor allem den grossen sozialen Einrichtungen, die Kostenträger für
die weiten Volkskreise sind, die Möglichkeit zu verschaffen, ihren Pflichten
weiter nachzukommen, indem wir gleichwertige billige Behandlungsweisen
an die Stelle von teueren setzen. In diesem Sinne hatte ich schon früher
bei der Behandlung der Syphilis für die zweifellos wirkungsvollen Höhen¬
sonnebestrahlungen die billigeren Schmierseifeeinreibungen empfohlen, in
diesem Sinne empfahl ich bei Salvarsanbehandlung einfach abgekochtes Lei¬
tungswasser (Reagenzglas! statt Aqua bidestillata und in einer weiteren
demnächstigen kleinen Mitteilung werde ich zur Verhütung des angioneuroti-
scihen Symptomenkomplexes den Zusatz von einigen Tropfen einer hoch¬
prozentigen, stets sterilen Kalziumchloratlösung als Ersatz für die teueren
Afenillösungen empfehlen.
Einen sehr wesentlichen Verbilligungsfaktor glaube ich Ihnen aber heute
für die Behandlung der Gonorrhöe, vor allem der Gon. post, und Prostatitis
mitteilen zu sollen, vorläufig lediglich als Anregung zur Nachprüfung; eine
ausführlichere Veröffentlichung soll demnächst in gemeinsamer Arbeit von
Dr. Blumenthal - Coblenz und mir erscheinen. Kollege B. ging von dem
Gedanken aus, dass die Hauptwirkung des Arg. nitr., das wohl unbestritten
als das souveräne Mittel bei der Behandlung der Gon. post, gilt, nicht
auf seine desinfektorische Kraft zurückzuführen sei, sondern auf seine An¬
regung der Sekretion und Hebung des Säfteflusses, durch den die Bakterien
aus der Drüse und ihren engen Ausführungsgängen herausgeschwemmt würden.
So lag es für ihn nahe, das teure Silbersalz durch ein wohlfeiles Mittel
zu ersetzen, das dieselbe Eigentümlichkeit hätte, und er regte diesen Ge¬
danken bei mir an. An erster Stelle kam da das Kali chloricum in Betracht,
das aber wegen seiner Giftigkeit nur für Injektionen in die vordere Harnröhre
und als Instillation mit der Tropfspritze, in. 3 proz. Lösung, benutzt wurde.
Zur Blasenspülung bedienten wir uns 1 — 3 proz. Kochsalzlösungen, denen zur
Desinfektion Kali permanganat zugesetzt wurde; diese Lösungen erwiesen
sich als absolut reizlos. Obwohl ich mich bei der Kürze der Erfahrungszeit
recht vorsichtig- ausdrücken möchte, kann ich Ihnen heute doch schon soviel
sagen, dass die theoretischen Erwägungen des Kollegen B. durch die prak¬
tische Erfahrung durchaus bestätigt zu werden scheinen, denn die Erfolge
bei der Behandlung der Gon. post, mit derartigen Lösungen waren weit
besser, als wir sie bei Spülungen mit blossem Kali permanganat zu sehen
gewohnt waren, sie übertrafen sogar in einzelnen Fällen die Höllenstein¬
spülungen. Bei der Gon. ant. verwandten wir 3 proz. Kali chloricum-Lösungen
abwechselnd mit schwachen Silberlösungen und glaubten bei hartnäckigen
Fällen chronischer Gonorrhöe guten Erfolg davon zu sehen. Ohne Ihnen,
meine Herren, also neue Heilmethoden enthusiastisch anpreisen zu wollen,
möchte ich Sie auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen an einem grossen
Krankheitsmaterial bitten, vorurteilsfrei nachzuprüfen, da der Ersatz des
teuren Höllensteins durch das billige Kochsalz zweifellos ökonomisch einen
grossen Fortschritt darstellen würde. Dr. Oskar Salomon - Coblenz.
Assistenten- und Studentenbelange.
Eine Studentenstiftung in Kiel.
Das grosse Festhaus Bellevue bei Kiel ist angekauft und als Studenten¬
haus gestiftet worden. Etwa 200 begabte Studenten sollen hier unentgeltlich
Wohnung und Kleidung finden. Zu. dem Hause gehört ein Park mit altem
Buchenbestand, einem Teil des Düsternbrooker Holzes. Das Studentenhaus
wird ausser den Wohnräumen auch noch Gesellschaftsräume und Vortragsäle
enthalten. Ein Teil der Räume soll der Oeffentlichkeit zugänglich bleiben.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 29. August 1923.
— Die Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher
Verleger in Berlin hat im Namen der Firmen Walter de Gruyter
6t Co., Paul Parey, Julius Springer, Urban 6t Schwarzen¬
berg, Weidmann sehe Buchhandlung am 16. August folgendes Rund¬
schreiben versandt: i
„Mit dem uns heute angekündigten Inkrafttreten der abermaligen Ver¬
doppelung der Buchdruckpreise sind diese bei einem Dollarstande von
2 700 000 M auf etwa dem dreifachen Stand der Friedensgoldpreise
angelangt. Das macht es dem Verlag unmöglich, noch zu Preisen zu produ¬
zieren, die die Aussicht auf Absatz dieser Veröffentlichungen im Inlande
offen lassen. Selbst die Preise des Auslandes würden dadurch so wesentlich
überstiegen werden, dass die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Buches voll¬
ständig vernichtet ist. Wir sehen uns deshalb zu unserem eigenen lebhaften
Bedauern gezwungen, unsere Druckaufträge sämtlicher
Werke und Zeitschriften zu sistieren*). Wir empfehlen
dringend, sich unserem Vorgehen im Interesse eines Erfolges anzuschliessen.“
Dieses Rundschreiben wurde noch durch ein Telegramm der Firma
Julius Springer an den Verlag der M.m.W. unterstützt, in dem jener
von der beabsichtigten Einstellung seiner Zeitschriften Kenntnis gab und zum
Anschluss aufforderte.
Der Verlag der M.m.W, zögerte nicht, dieser Aufforderung zu folgen.
Sowohl aus Gründen der Disziplin, wie aus der Erwägung, dass nur durch die
Einstellung der Druckaufträge die Möglichkeit gegeben war, gegen die rnass-
losen Forderungen der Gewerkschaft der Buchdrucker, die Ende August einen
Wochenlohn von 52 Millionen Mark und für September von 75 (!) Millionen
Mark verlangen, wirksam anzukämpfen. Diesen Kampf durchzuführen, lag
ebenso im Interesse des Verlagsbuchhandels, wie der Bücher und Zeitschrif¬
ten kaufenden Oeffentlichkeit. in unserem Falle der Aerzte.
Die Erreichung dieses Zieles ist nun leider durch das Abspringen des
Verlags Springer von der auf seine Anregung getroffenen Vereinbarung
vereitelt worden. Nachdem der Verlag der M.m.W. getreu seiner Zusage die
für den Druck bereits fertiggestellte Nr. 34 zurückgehalten hatte, liess die
Firma J. Springer ihre „Klinische Wochenschrift“ unbekümmert um die
Abmachungen weitererscheinen. Unter diesen Umständen hat auch unser
Verlag sich genötigt gesehen, die zurückgehaltene Nummer in verstärkter
Form als Nr. 34/35 herauszugeben. Wir bedauern, dass durch dieses Ge¬
schäftsgebaren einer Firma der aussichtsreiche Kampf, um normale Preise
unserer Bücher und Zeitschriften ausserordentlich erschwert worden ist.
*) Von uns gesperrt. Schriftl.
1140
Münchener Medizinische Wochenschrift.
Nr. 34 '35.
— Der Geschäftsausschuss des Deutschen Aerztevereinsbundes hat den
diesjährigen Deutschen Aerztetag, der auf 14. und 15. September
nach Bremen einberufen war. abgesagt, da er der deutschen Aerzteschatt
bei ihrer jetzigen schlimmen Notlage die Aufwendung von Milliarden für
diese Tagung nicht zumuten zu dürfen glaubt. Dieser Entschluss entspricht
einer Forderung der Zeit und sollte vorbildlich sein für andere Veranstal¬
tungen. Wenn man das Verzeichnis der im September und Oktober d. J.
geplanten Kongresse überblickt (s. den Kongresskalender in dieser Nummer),
gewinnt man den Eindruck, dass wir uns der Schwere unserer Lage noch
lange nicht allgemein bewusst geworden sind, ln einer Zeit, m der der Ab¬
wehrkampf im Westen die ganze Kraft des Volkes beansprucht, sollten alle
nicht unbedingt nötigen Ausgaben, insbesondere kostspielige Reisen, ver¬
mieden werden. . . ...
— Eine vom Aerztlichen Bezirksverein München in das Auditorium
maximum der Münchener Universität einberufene allgemeine Aerztc-
Versammlung am 17. August gestaltete sich zu einer Würdigen und
eindrucksvollen Kundgebung zur Notlage des ärztlichen Standes. Es sprachen
Kustermann, der Vorsitzende des Bezirksvereins als Einberufer,
G i 1 m e r als Vorsitzender der Abteilung für freie Arztwahl und S c h o 1 1,
der Geschäftsführer der Abteilung. Das Hauptreferat lag in den Händen
G i 1 m e r s, der, ein glänzender Redner, ein bewegtes Bild von den Schwie¬
rigkeiten, unter denen die Aerzte arbeiten, entwarf. Eine von der Versamm¬
lung einstimmig angenommene Entschliessung betont in markanten Sätzen
die Unzulänglichkeit der den Aerzten bisher zugebilligten Vergütungen und
verlangt Honorare, die der allgemeinen Teuerung entsprechen, Wertbeständig¬
keit und sofortige Auszahlung, ferner finanzielle Hilfe für die Krankenkassen,
um sie in den Stand zu setzen, den Forderungen der Aerzte nachzukommen.
Am Schlüsse erklärt die Versammlung ihren Entschluss, diesen unhaltbaren
und unwürdigen Verhältnissen ein Ende machen und, falls nicht sofort
in eine Hilfsaktion und in Verhandlungen über Aenderung der Honorarbestim¬
mungen eingetreten werde, den Kampf um ihre Existenz aufnehmen und auch
vor dem Gebrauch der letzten Waffe der Verzweiflung, dem allgemeinen Bc-
handlungsstreik, nicht zurückschrecken zu wollen. (Inzwischen haben die
Forderungen der Aerzte insoferne Berücksichtigung gefunden, als zu den
Sätzen der Preuss. Gebührenordnung ein Zuschlag von 199 900 v. H. ge¬
währt und seitens des Ministeriums für soziale Fürsorge ein Kredit von
20 Milliarden gegeben wurde zur Befriedigung der dringendsten Anforderungen
der Krankenkassenverbände.)
— Mit Wirkung vom 27. August an ist die Verdienst - und Ein¬
kommensgrenze in der Krankenversicherung auf
1,5 Milliarden, im besetzten Gebiet auf 1,8 Milliarden Mark festgesetzt worden.
— Die Arbeitsgemeinschaft der württcmbergischen
Krankenkassen und der württembergischen Aerzte hat
in einer unter dem Vorsitz des Leiters des württembergischen Arbeitsmini-
steriums abgehaltenen Versammlung beschlossen, eine gemeinsame Eingabe
an das Arbeitsministerium zu richten und die württenibergische Staats¬
regierung um sofortige Gewährung eines möglichst zinslosen Kredits von
40 Milliarden Mark zur Sicherstellung der Kassenärzteversorgung zu bitten.
— Die üebührenkommission des Aerztlichen Be¬
zirk s v e r e i n s München hat mit sofortiger Wirksamkeit den bis¬
herigen Reichsteuerungsindex durch den Index der _ Goldmark ersetzt
(1 Goldmark — 1/b Dollar, berechnet nach dem Kurse am Tage der Rechnungs¬
begleichung).
— Durch Regierungserlass wurde bestimmt, dass zu den Sätzen der
Teile 11 A und B sowie III der Preussischen Gebührenordnung betr. die
Gebühren der Aerzte und Zahnärzte in der Privat-
praxis vom ia XII. 22, für Bayern übernommen durch die VO. vom
29. XII. 22. mit Wirkung ab 15. VIII. 23 ein Teuerungszuschlag von 199 900
vom Hundert tritt.
— Die Bibliothek der Berliner' medizinischen Ge¬
sellschaft ist .infolge der hohen Gehälter gezwungen gewesen ihre
Bibliothek bis auf weiteres zu s c h 1 i e s s e n, ein neuer betrübender Beleg
für die Notlage der deutschen Wissenschaft. .
— Der Direktor der III. Abteilung (Nervenkranke und chronisch körper¬
lich Kranke) der städt. Heil- und Pflegeanstalt Dresden. Stadt-Ober-
medizinalrat Sanitätsrat Dr. Hecker, tritt nach erreichter Altersgrenze am
1. Oktober d. J. in den Ruhestand. Zu seinem Nachfolger wurde Stadt-
Obermedizinalrat Dr. Schob ernannt.
— Der Nahrungsmittelchemiker Prof. Dr. B e y t h l e n, Direktor des
chem. Untersuchungsamtes der Stadt Dresden, und der sächs. Landes¬
gewerbearzt Ministerialrat Geheimrat Prof. Dr. Thiele sind vom Reichs¬
rate zu Mitgliedern des Reichsgesundheitsrats gewählt worden. Zum
Mitglied des Reichsgesundheitsrates ist ferner gewählt worden Hofrat
Dr. B. Spatz in München, Schriftleiter der Münch, med. Wochenschrift.
— ln München finden ärztliche Fortbildungskurse
statt vom 24. — 29. September und vom 1. — 6. Oktober: Säuerbruch,
Jchn, Lebsche, Schmidt: Chirurgisch-klinische Demonstrationen.
Müller: Klinische Hämatologie. Romberg: Störungen des Herz¬
rhythmus. Kämmerer: Protein- und Reizkörpertherapie. Weber und
Sänger: Neuere gynäkologische und geburtshilfliche Fragen. Eisen¬
reich. v. R e d w i t z: Geburtshilflicher Operationskurs. - H e u c k: Behand¬
lung der Lues. Pöhlmann: Behandlung der Psoriasis. Malaisd:
Nervenkrankheiten. Julius Mayr: Neuere Arzneimittel. Wirz: Tuber¬
kulose der Haut. Hey er: Seelische Krankenbehandlung. Isserlin:
Neue Fragen in der Psychiatrie. Grashey, B o e h m, C h a o u 1,
Winter, Voltz: Kurs der röntgenologischen Diagnostik und Therapie.
Wanner: Ohrenheilkunde. Neumayer: Erkrankungen der Nasenneben¬
höhlen. Thannhauser: Diabetesfragen. Oberndorfer: 1 atho-
logisch-anatomischer Demonstrationskurs. Klee: Funktionelle Magen-
Störungen. G e b e 1 e: Gelenkverletzungen. v.Redwitz: Wundbehandlung.
Derselbe: Chirurgie des Magengeschwürs. Martini: Lungen¬
diagnostik. Hohm a n n: Orthopädischer Kurs. H u s 1er: I faktisch
wichtige Fragen aus der Kinderheilkunde. S i 1 1 m a n n: Soziale und Unfall-
medizin. Siemens: Pyodermien. Stordeur: Licht- und Strahlen¬
therapie der Hautkrankheiten. K i e 1.1 e u t h n e r: Kurs der Kystoskopie
und des Ureterenkatheterismus. Die einzelnen Disziplinen, für welche
seitens der teilnehmenden Aerzte besonderes Interesse besteht, können nach
Rücksprache mit den betreffenden Dozenten bei genügender Teilnehmerzahl
entsprechend ergänzt bzw. zeitlich ausgedehnt oder verlegt werdem Die
Teilnahme an den Kursen ist kostenlos. Einschreibcgebühr für Reichs¬
deutsche 20 M. mal Reichsteuerungsindex, für Ausländer 20 Goldmark.
Meldungen an das Sekretariat der 11. med. Klinik. München, Ziemssenstr. 2.
— Um den praktischen Aerzten die Kenntnisse in D l f f e r e n 1 1 a 1 -
d i a g n o s e und Therapie der chirursischen Tuberkulose
zu vermitteln, die nötig sind, um ihn zur Behandlung solcher Kranker z u
Hause zu befähigen, veranstaltet die Heilstätte in Hohe nlychen
14 tägige Fortbildungskurse. Die Kurse umfassen: Die klinische
und röntgenologische Diagnostik und Differentialdiagnostik (Gonorrhoe. Lues,
Sarkom, Osteomyelitis) der Knochen- und üeleiiktuberkulose, praktische Be¬
tätigung „uf den Stationen zur Erlernung der dort geübten Therapie (natür¬
liche Sonnenbestrahlung, Freiluftkuren, künstliche Bestrahlung, Stauung,
orthopädische Lagerung, medikamentöse Behandlung, kleine chirurgische
Eingriffe, wie Punktionen u. dgl.). Auf Wunsch kann in diesem Kurs auch
noch die Indikation zur operativen Behandlung der Lungentuberkulose er¬
örtert werden. Im Anschluss an den Aerztekurs findet ferner ein 14 tägiger
Kurs für Gemeinde - bzw. Fürsorgeschwestern statt, an dem
sich vor allem immer die Schwestern beteiligen sollen, die dem Arzt des
vorhergehenden Kurses zur Hand gehen sollen. Die I" eilnehmer des Aerzte-
wie des Schwesternkurses finden in den Anstalten unentgeltliche Aufnahme
und werden zum Selbstkostenpreis dort verpflegt. Meldungen zu diesem
Kurs sind zu richten an Herrn Prof. Dr. Kisch, Berlin N. 24, Ziegelstr. 5 9.
Chirurgische Universitätsklinik. . . _ .
— In der Heilstätte in Hohcnlychc n findet in der Zeit vom
1. — 7. Oktober d. J. ein Tuberkulosefortbildungskurs statt.
Es wird das Gesamtgebiet der Tuberkulose berücksichtigt und den Lcil-
nehmern vor allem Gelegenheit zur praktischen Ausübung der einzelnen
Handgriffe gegeben. Die Aufnahme der I eilnehmer ist unentgeltlich, für die
Verpflegung wird der Selbstkostenpreis berechnet. Umgehende Meldungen
sind wegen der beschränkten Zahl der 1 eilnehmer an das Zentralkomitee für I
das ärztliche Fortbildungswesen in Preussen, Berlin NW. 6, Luisenplatz 2—4
(Kaiserin-Friedrich-Haus) erforderlich. . .
— Der ärztliche Fortbildungskurs in Bad Elster
findet vom 23.-26. September statt. Es werden von hervorragenden Ge-
lehrten Vorträge aus dem Gebiet der Balneologie, Biologie, der Frauenheil-
künde, der inneren Medizin und der Bewegungsstörungen gehalten. Die
Zuhörer erhalten durch Vermittelung der Badedirektion weitgehendste Lr-
mässigung für Wohnung und Verpflegung.
— Die ärztlichen Fortbildungskurse in Bad Kis¬
sing e n (3. — b. September) sind umständehalber bis auf weiteres ver¬
schoben worden. I
— Die I. Jahres-Hauptversammlung der Deutschen Gesell¬
schaft für Gewerbehygiene findet im Hygienischen Institut der
Universität Würzburg am 19. und 20. September statt. Auf der Tages¬
ordnung stehen die Staubfrage und andere wichtige Fragen der Gewerbe-
hygiene. oie DeutSche Gesellschaft für Geschichte der
Medizin und der Naturwissenschaften hält ihre diesjährige
(17.) Tagung am 18., 19. und 20. September im Kurhaus zu Bad St eben
ab. Die Zahl der angemeldeten Vorträge beträgt 25. Anmeldungen zur Teil-
nähme werden an den Vorsitzenden Geh. Rat Sud ho ff in Leipzig ( 1 a 1-
strasse 38) oder Direktion der Badeverwaltung Steben erbeten. Der Kur¬
verein gewährt kostenlose Unterkunft und 25 Proz. Nachlass in der \ cr-
pflegung.p e s ^ AeKypten vom 9. bis 15. Juli 47 Erkrankungen, davon in
Alexandrien 2 und in Port Said 5.
— In der 29. Jahreswoche, vom 15. bis 21. Juli 1923, hatten von
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Wies¬
baden mit 27,6, die geringste Duisburg mit 5,3 Todesfällen pro Jahr und
1000 Einwohner. R--IJ--A- 1
Hochschulnachrichten
Breslau. Die Dienstbezeichnung als ausserordentlicher Professor
erhielt Dr. med. Alfred Renner, Privatdozent für Chirurgie, Oberarzt der
urologischen Abteilung an der Chirurg. Univ.-Klinik. _
Halle a. S. Der Privatdozent für Orthopädie Dr. Friedrich
Löffler ist zum nichtbeamteten ausserordentlichen Professor ernannt
Jena. Die ausserordentlichen Professoren Dr. Friedrich Schulz
(Physiologische Chemie), Dr. Felix Lommel (Innere Medizin), Vorstand
der medizinischen Poliklinik, Dr. Bodo Spiet hoff (Dermatologie) Vor-
stand der Hautklinik, und Dr. Ludwig Gräper (Anatomie) wurden zujj
ordentlichen Professoren ernannt, (hk.)
Kiel Der durch die Emeritierung des Geh. Med.-Rats Grafen
v S p e e erledigte Lehrstuhl der Anatomie an der Universität Kiel wurde
dem ord. Prof. Dr. Wilhelm v. M ö 1 1 e n d o r f f in Hamburg angeboten. (hk.)
Tübingen. Dem Privatdozenten Dr. Otto Jüngling, Oberarzt der
Chirurg. Klinik, und dem Privatdozenten Dr. Ernst Kretschmer an der
Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten ist für die Dauer der Zugehörigkeit
zur Universität Tübingen die Dienstbezeichnung Professor verliehen worden.
— Im Sommersemester haben sich habilitiert: Dr. Max G ä n s s 1 e n lür
innere Medizin, Dr. Steurer für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, so¬
wie Dr. Schmidt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.
Todesfall.
Prof. Dr. C. A. Th. Rumpel, Direktor des Barmbecker Krankenhauses,
ist im 62. Lebensjahre einem inneren Leiden erlegen. Der weit über Ham¬
burgs Mauern bekannte Arzt und Gelehrte trat 1888 als Assistent in das
Eppendorfer Krankenhaus ein und wurde dort Sekundärarzt. Während der
Cholerazeit in Hamburg hat er sich um die Allgemeinheit sehr verdient ge¬
macht. Nachdem er zum Oberarzt befördert war wurde er vom Senat mit
dem Bau des Barmbecker Krankenhauses betraut, das zum grossen 1 eil nach
seinen Wünschen und Pläneri erbaut worden ist. ( Bei der Eröffnung 1913j
wurde er dessen erster Direktor.
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsdndex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnung
und Kleidung betrug am 7. August 149 531. am 13. August 436 935 und am
20. August 753 733. Basiszahl 1913/14 = 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist am 29. August 1 200 000.
Verlag von J. F. Lehmann in München SW. 2, Paul Heyse-Str. 26. - Druck von E. Mühtthaler’s Buch- und Kunstdruckerei G.m.b.H. München.
eis der einzelnen Nummer freibleibend ->t 500000.-. - BezugS-
cis in Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
r die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8K — 1 Uhr),
r Bezug : an J. F. L e h m a n n s V e r I a g , Paul Heyse-Strasse 26.
Anzeigen-Annahme :
Leo Waibel, München, Theatinerstrasse 3.
Anzeigenschluss:
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Medizinische Wochenschrift
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
*. 36. 7. September 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält eich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalboiträge vor
* Originalien.
Der therapeutische Stil im Wandel der Zeiten.
Von Prof. Dr. W. Stoeltzner in Halle a. S.
Wer, versuchen wollte, die moderne Therapie der inneren Krank-
iten in ein einheitliches System zu bringen, würde sich sehr bald
von überzeugen müssen, dass das unmöglich ist. Nun ist es gewiss
:htig, dass die Therapie Schematismus und Prinzipienreitern nicht
ne schweren Schaden vertragen kann; sie hat das Gute zu nehmen,
o sie es findet; man könnte demgemäss versucht sein, die ver¬
wende Mannigfaltigkeit und Verschiedenartigkeit unserer thera-
utischen Mittel und Methoden einfach als das natürliche Ergebnis
les gesunden Eklektizismus anzusehen. Aber die Dinge liegen doch
ssentlich anders, und zwar lässt uns nur die Betrachtung der
dorischen Entwicklung ein Verständnis der Zusammenhänge ge-
nnen. Eine solche historische Betrachtung wird dadurch erleich-
rt, dass im Laufe der Zeiten die Therapie in ihren Grundzügen viel
eiliger geschwankt hat als die Ansichten vom Wesen der Krank-
iten.
Die moderne Medizin hat einerseits an die griechische, anderer¬
es an die arabische Medizin angeknüpft. Dementsprechend hängt
sere moderne Therapie zu einem Teile mit dem Hippokratismus
sammen, zu einem anderen Teile mit dem Arabismus; während ein
itter Teil von Grund auf modern, also von Hippokratismus und
abismus ganz unabhängig ist; und daher innerhalb unserer heutigen
lerapie die auf den ersten Blick so befremdenden Ungleichartig¬
sten.
Die hippokratische Therapie umfasst Diätetik, klimatische Be-
ndlung, Hydro- und Balneotherapie, Gymnastik, auch Suggestion,
e Zahl der Arzneimittel, welche die hippokratische Therapie ver¬
endet, ist gering; und der Zweck ihrer verhältnismässig seltenen
lwendung ist nicht die symptomatische Wirkung, sondern gemäss
r hippokratischen Krankheitslehre die Ableitung schädlicher Säfte
in lebenswichtigen Organen. Benutzt werden harmlose Abführ¬
ittel und Brechmittel, schweisstreibendc, harntreibende, blasen-
i'hende Mittel. Die Verwendung des Mohns als Narkotikums ist in
eser Therapie eine Ausnahmeerscheinung.
Ein ganz anderes Gesicht hat die arabische Therapie.
Schon bei Galen nehmen neben der hygienisch-diätetischen
lerapie die Arzneimittel einen breiteren Raum ein als in der hippo-
atischen Medizin. Zugleich ist Galen der Vater des Prinzipes
■r symptomatischen Arzneibehandlung contraria contrariis.
dt Galen gibt es Antipyretika, Sedativa, Excitantia, Solventia,
dstringentia. Und an Galen schliesst sich die arabische Medizin
i eng an, dass die Historiker vom galenisch-arabischen System
irechen.
Bei den Arabern tritt mehr und mehr die hygienisch-diätetische
herapie in den Hintergrund, die Pharmakologie in den Vordergrund,
ie Zahl der Arzneimittel wird immer grösser, die Art ihrer Zu¬
leitung immer komplizierter. Das Rezept und die Apotheke sind
abische Erfindungen. Eine Eigentümlichkeit der arabischen Phar-
akologie ist die vielfache Verwendung von Mitteln, bei denen die
erapeutischen und die toxischen Dosen nicht sehr weit auseinander
.'gen. Die Pharmakologie verwächst mit der Toxikologie.
Die moderne Medizin geht in ihrer Jugendzeit zunächst bei
-■m Hippokratismus in die Schule; bald aber wendet sie sich von
m ab und dem Arabismus zu. In S a 1 e r n o vollzieht sich dieser
mschwung im 13. Jahrhundert; die bis dahin massgebende hygic-
;sch-diätetische Therapie verliert an Geltung, die arabische
harmakologie gelangt zur Herrschaft. Und sie behauptet diese
errschaft, im grossen und ganzen gerechnet, ein halbes Jahr-
msend hindurch. Zwar fehlt es nicht an Auflehnungen, aber sie
ermögen den Arabismus nicht zu entthronen. Paracelsus hat
war die Schriften des Avicenna verbrannt; aber er selbst ist
iit seiner Lehre vom Archeus und von den Arkanis tief im Arabis-
ius stecken geblieben. Seine Benennung der Krankheiten nach den
u ihrer Behandlung dienenden Arkanen' mutet an wie eine Vor-
linung der spezifischen Therapie in dem uns ungewohnten Sinne,
ass nicht zu der Krankheit das Heilmittel gesucht wird, sondern
ii dem Arkanum die zugehörige Krankheit. Paracelsus ist der
orläufer einer neuen Zeit, die er kommen fühlt, von der ihn aber
'ich Jahrhunderte trennen.
Auch der berühmte van H e 1 m o n t, der im Gegensatz zu
Paracelsus schon auf normale und pathologische Anatomie Wert
legt, und der durch seine Entdeckung der Kohlensäure auch in der
Geschichte der Chemie eine ehrenvolle Stelle einnimmt, ist als An¬
hänger der Arkanenlehre therapeutisch ganz überwiegend Arabist.
Jedesmal, wenn in diesen Zeiten versucht wird, an die Stelle des
Arabismus etwas anderes zu setzen, so gibt es keinen anderen Aus¬
weg, als die Rückkehr zum Hippokratismus. Das gilt in gewissem
Maasse schon von van HelmonJ, der neben den Arkanis des
Paracelsus auch der hygienisch - diätetischen Therapie einen
Platz einräumt. In weit höherem Grade gilt es, lVa Jahrhunderte
nach Paracelsus, von Sydenham, der sich ganz als Hippo-
kratiker fühlt; freilich ohne sich in der Praxis von der arabischen
Pharmakologie vollständig frei machen zu können. Der modernste
Zug an Sydenham ist sein entschiedenes Verlangen nach spe¬
zifischen Heilmitteln.
Aber die neue Zeit schreitet vorwärts. Dem grossartigen Auf¬
schwung der Anatomie und der Physiologie folgt die ebenso gross¬
artige Enwickelung der pathologischen Anatomie und der physi¬
kalischen Diagnostik. Der Stern des Arabismus verblasst langsam;
und es bereitet sich eine der seltsamsten Epochen vor, die die Medizin
je durchlaufen hat; eine Epoche, die sich ihrer kolossalen Einseitig¬
keit wohl niemals recht bewusst geworden ist: das Zeitalter Sko¬
das. Die Diagnostik auf einer vordem nie geahnten Höhe, und
daneben therapeutisch der reine Nihilismus. Hippokratismus und
Arabismus werden nicht mehr ernst genommen, eine der neuen
Pathologie und Diagnostik zugeordnete neue Therapie ist noch nicht
geboren.
Dem Kranken ist mit der scharfsinnigen Diagnose nicht geholfen;
er will gesund werden. Und er kann nicht auf eine Therapie warten,
die erst in Jahrzehnten oder Jahrhunderten kommen soll. So ent¬
stehen aus einem vitalen Bedürfnis heraus, schon ehe der thera¬
peutische Nihilismus seinen Höhepunkt erreicht, abseits von den
führenden Schulen kurz nacheinander zwei Bewegungen, die dem
Kranken Ersatz für das versprechen, was ihm die „Schulmedizin“
jener Zeit noch nicht bieten kann.
Die Homöopathie ist ein doktrinäres pharmakologisches
System; trotzdem entfaltet sie eine bedeutende Werbekraft. Damit,
dass sie die toxikotherapeutische Seite des Arabismus radikal aus¬
schaltet, kommt sie einem sehr verbreiteten Gefühl entgegen, das
die Verwendung von „Giften“ zu Heilzwecken mit tiefem Misstrauen
ablehnt. Der Volksmund gibt diesem Gefühl Ausdruck durch die
sprichwörtliche Redensart „Trau der Teufel dem Apotheker“ und
durch die vulgäre Bezeichnung der Apotheken als „Giftbuden“. Der
gänzlichen Harmlosigkeit ihrer ausschliesslich suggestiv wirkenden
Mittelchen verdankt die Homöopathie ihre Lebenszähigkeit.
Die etwas später als die Homöopathie heraufkommende, durch
den Bauer Priessnitz begründete Naturheilkunde ist eine
volkstümliche Wiederbelebung des Hippokratismus. Sie teilt mit der
Homöopathie die Ablehnung der Toxikotherapie, macht dagegen zeit¬
weilig, so in der Heilweise des Pfarrers K n'e i p p, von Hausmitteln
recht reichlichen Gebrauch. An therapeutischer Wertigkeit überragt
die Naturheilkunde die Homöopathie bei weitem.
Endlich ist die moderne Medizin in allen ihren übrigen Diszipli¬
nen soweit ausgereift, dass sie darangehen kann, ihrem Bau die
Kuppel aufzusetzen. Die moderne Therapie erscheint. Wir stehen
heute noch mitten in ihrer Entwicklung; doch lassen sich ihre charak¬
teristischen Züge schon deutlich erkennen.
Die hippokratische Diätetik wird auf Grund der modernen Phy¬
siologie und Pathologie der Ernährung und des Stoffwechsels voll¬
ständig umgestaltet. Der Gewinn für die Praxis ist schon jetzt gross;
am grössten vielleicht in der Kinderheilkunde.
Ganz analog wird eine neue Arzneimittellehre geschaffen. Die
von B u c h h e i m und seinem Schüler Schmiedeberg begrün¬
dete experimentelle Pharmakologie steht zu der arabischen Pharma¬
kologie in demselben Verhältnis wie die moderne Chemie zur Al-
chymie. An die Stelle der Lehre von den Arkanis tritt eine exakte
Wissenschaft, die der modernen Physiologie ebenbürtig zur Seite
steht. Zweierlei allerdings bleibt; der, wenn auch gemilderte, toxiko-
therapeutische Charakter und das symptomatische Prinzip con¬
traria contrariis.
Aber die moderne Medizin gestaltet nicht nur die hippokratische
Diätetik und die arabische Pharmakologie gänzlich um; sie verwirk¬
licht vor allem die spezifische Therapie, von der schon Para-
2*
1142
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr,
celsus träumte und die Sy den ha ms ungestillte Sehnsucht war.
Die spezifische Therapie ist im engsten Sinne modern; dem Hippo-
kratismus und dem Arabismus ist sie fremd.
Schon die moderne Diätetik hat dank ihrer scharfen Indikations¬
stellung eine gewisse spezifische Färbung. Die eigentlich spezifiscnen
Teile der modernen Therapie sind jedoch die Vitamintherapie, die
substituierende Organtherapie und die antitoxische Therapie der In¬
fektionskrankheiten.
Die Vitamintherapie ist eine streng spezifische Diätetik. Die
substituierende Organtherapie ist eine ebenso streng spezifische
Pharmakologie; hier hat das symptomatische Prinzip contraria
contrariis keine Geltung mehr. Doch sind die Inkrete auch einer
symptomatischen Verwendung fähig bei Zuständen, die nicht auf
funktioneller Insuffizienz der betreffenden Organe beruhen. Die Organ¬
therapie zerfällt also in zwei ihrem Geiste nach grundverschiedene
Teile; der eine gehört zur symptomatischen Pharmakologie, der
andere fällt zusammen mit der spezifischen Substitutionstherapie.
Vitamintherapie und substituierende Organtherapie packen bei
richtiger Indikationsstellung die Krankheit an der Wurzel. Der Be¬
griff spezifisch verschmilzt mit dem Begriff ätiologisch.
Rein ätiologischen Charakter trägt schliesslich die dritte und
wichtigste der drei spezifischen Richtungen innerhalb der modernen
Therapie, die antitoxische Therapie der Infektionskrankheiten. Ihre
vier grossen Namen sind Jenner, Pasteur, Koch und
Behring.
Jenner erreicht mit der Vakzination einen langfristigen Schutz
gegen eine der schlimmsten Seuchen; fast ein Jahrhundert vergeht,
bis an diesen gewaltigen ersten Erfolg der antitoxischen Therapie
sich weitere anschliessen.
Pasteur überträgt Jenners Prinzip der Immunisierung mit
abgeschwächtem Virus auf Hühnercholera, Milzbrand, Schweinerot¬
lauf und Hundswut. Bei der Hundswut gelingt ihm dank der langen
Inkubation der Krankheit die Immunisierung auch noch beim schon
Infizierten.
Koch tut mit der Erfindung des Tuberkulins den grossen Schritt
vom Erreger zum gelösten Impfstoff und von der Immunisierung zur
Behandlung nach Ausbruch der Krankheit. Es dürfte zweifelhaft sein,
was grösser ist; alle bakteriologischen Entdeckungen Kochs zu¬
sammengenommen oder seine Erfindung des Tuberkulins.
Koch setzt noch keineswegs die Toxine der pathogenen Mi¬
kroben diesen selbst gleich. Behring erkennt von Anfang an, dass
die Infektionskrankheiten nichts anderes sind als Vergiftungen du:ch
die Toxine der Erreger. Dem Sinne nach gehört, schon die Vakzi¬
nation zur antitoxischen Therapie; die Begriffe und die Bezeichnungen
„antitoxisch“ und „Antitoxin“ stammen von Behring. Er weist die
Antitoxine im Blute nach und begründet die Serumtherapie. Das
Tetanusantitoxin bewährt sich in glänzender Weise für die Pro¬
phylaxe, das Diphtherieheilserum auch für die Therapie. Wieder hat
die antitoxische Therapie einen grossen Schritt vorwärts getan.
Behring hat sich ursprünglich das Ziel gesetzt, ganz allgemein
eine ätiologische Therapie der Infektionskrankheiten zu schaffen.
Dass er trotz seiner grossartigen Leistungen dieses hochgesteckte
Ziel nur zu einem kleinen Teil erreicht hat, liegt nicht nur an der un¬
geheuren Grösse und Schwierigkeit der Aufgabe, sondern auch dar¬
an, dass seine Lebensarbeit noch mitten in die aufsteigende Entwick¬
lung der antitoxischen Therapie fällt. Behring schliesst die ai’ti-
toxische Therapie nicht ab; er ist einer ihrer grossen Bahnbrecher.
Wie revolutionär das Auftreten Behrings gewirkt hat, wer¬
den diejenigen, welche die ersten Kämpfe um die Serumtherapie nicht
mit erlebt haben, vielleicht am besten aus seinem schweren Kampfe
mit V i r c h o w ersehen können. Der Schöpfer der Zellularpatho¬
logie ist in seinen therapeutischen Anschauungen sein Leben lang
Anhänger des symptomatischen Prinzips contraria contrariis
geblieben. Die Idee der spezifischen Therapie hat er gelegentlich
„eine geistige Verirrung“ genannt. Da Virchow im vollen Besitze
seiner erdrückenden Autorität noch lebte, als Behring mit der
Serumtherapie hervortrat, so war der Bruch zwischen beiden unver¬
meidlich.
Genau gleichaltrig mit Behring ist Ehrlich. Jenner,
Pasteur, Koch und Behring bilden eine fortlaufende Reihe.
Ehrlich bildet eine Gruppe für sich allein; und er ist eine faszinie¬
rende Erscheinung. Die verschlungene Linienführung seiner Seiten¬
kettentheorie; seine Vorstellung von den Antitoxinen als „Zauber¬
kugeln“, die sich ihr Ziel selbst suchen; endlich seine Altersschöpf uns,
die Chemotherapie, die es unternimmt, Giftstoffe in Heilstoffe zu ver¬
wandeln, das alles hat einen ganz eigenartigen Reiz und ist himmel¬
weit verschieden von der Gedankenwelt Kochs und Behrings.
Von den vielen grossen Leistungen E h r 1 i c h s ist die Begrün¬
dung der Chemotherapie wohl die grösste und die für seine Eigenart
am meisten charakteristische. Auch hat er gerade auf diesem Gebiete
eine blühende Schule hinterlassen, 'die mit grossem Erfolg in seinem
Geiste weiterarbeitet.
Die Chemotherapie ist eine ätiologische Toxikotherapie; sie geht
darauf aus, durch spezifisch wirkende Mittel die Krankheitserreger
im lebenden Körper zu vergiften, ohne gleichzeitig den Kranken
toxisch zu schädigen; das ZieList also eine ideale innere Desinfektion.
Mit der symptomatischen Pharmakologie verträgt sich die spezifische
Chemotherapie recht gut; Ehrlich würde niemals darauf verfallen
sein, die Schriften von B u c h h e i m und Schmiedeberg zu v
brennen.
Im Grunde ist die Chemotherapie der höchst interessante, i
einem enormen Aufwand von Geist, Kenntnissen und Arbeit unt
nommene Versuch, einem modernisierten Arabismus auch in der s;
zifischen Therapie der Infektionskrankheiten, und damit in der r.
dernen Therapie überhaupt, zur Herrschaft zu verhelfen. Nur i
Genie wie Ehrlich konnte diesen Versuch wagen. Denn dass i
der Chemotherapie hinter einer sehr modernen Maske das Gesi ;
des Arabismus hervorblickt, ist nicht zu verkennen.
Doch kehren wir zur antitoxischen Therapie zurück. Die
tamintherapie, die substituierende Organtherapie und die antitoxisc
Therapie der Infektionskrankheiten gehören zueinander. Die Ai
toxine sind Inkrete; andererseits verhüten und heilen die Inkrete t|
die Vitamine spezifische Intoxikationen. Wollte man den Beg|
„Antitoxin“ einmal ausnahmsweise weiter fasseR als es üblich ist, I
könnte man sagen: Die Vitamine sind exogene Antitoxine gegen ein
gene Intoxikationen; die Inkrete sind endogene Antitoxine ges
endogene Intoxikationen; die Antitoxine Behrings sind endogi
Antitoxine gegen exogene Intoxikationen. In diesem Sinne wäre (
antitoxische Charakter allen drei Richtungen gemeinsam.
Die Vitamintherapie ist ein Teil der modernen Diätetik, die sn
stituierende Organtherapie ein Teil der modernen Pharmakoloi;
So entfernt und so indirekt die historischen Zusammenhänge mit dl
Hippokratismus und dem Arabismus sind: man kann nicht sagen, d;i
sie gänzlich fehlen. An der antitoxischen Therapie der Infektio :
krankheiten ist nicht s, was an Hippokratismus oder Arabismus i
innert. Die antitoxische Therapie verkörpert den Geist der modertj
Medizin völlig rein; sie ist die Krone der modernen Therapie.
Vitamintherapie und' substituierende Organtherapie führen nj
wendige Stoffe, die gefehlt haben, zu; die antitoxische Theral
schaltet Toxine, die ungehörigerweise in den Körper hineingera
sind, aus. Beides lässt sich auf einen Ausdruck bringen. Bezei
net man die Wiederherstellung der gestörten stofflichen Integrität
Integration, so kann man alle drei Richtungen als Integrationsthera
zusammenfassen.
Der Ausdruck Integrationstherapie passt sogar auch auf die r
derne Chirurgie; nur ist ihre Aufgabe die Integration nicht chei
scher, sondern mechanischer Funktionen. Das letzte Ziel der C
rurgie ist es, sich in Orthopädie aufzulösen; natürlich in dem Sin
dass z. B. auch die operative Geburtshilfe zur Orthopädie gcrecli
wird. Die chirurgische Behandlung von Infektionen und von b
artigen Geschwülsten ist, soweit es sich nicht um die Beseitig!
mechanischer Störungen, also um Orthopädie, handelt, ein, bisl
freilich unentbehrliches," Provisorium; die Strahlentherapie nicht ai
genommen.
Die hippokratische Therapie kennt keine Chemie und brau
keine. Im schärfsten Gegensatz dazu ist die arabische Pharmakolo
nichts anderes als angewandte Chemie; speziell pharmazeutisi
Chemie und Toxikologie, die beide aufs engste miteinander zusa
menhängen.
Die hippokratische Therapie ist atoxisch. Die antitoxische T
rapie ist das auch; aber sie geht aktiv darüber hinaus. Für die hip
kratische Therapie ist der Kranke der Freund, den sie hegt i
pflegt; für die antitoxische Therapie ist die Infektion der Feind, <
sie zu vernichten strebt. Die hippokratische Therapie sagt natu
sanat; die antitoxische Therapie sagt das auch, aber sie zwin
die Natur dazu, die Heilung zu vollbringen.
Die nächsten Jahrzehnte werden uns ein grosses Schausj
bringen; den Kampf um die endgültige Herrschaft zwischen (
beiden ätiologischen Richtungen innerhalb der Therapie der
fektionskrankheiten.
Die Chemotherapie hat sehr schnell überraschende Erfolge I
zielt. Trotzdem wird sie zum Schluss unterliegen. Zurzeit hat
Chemotherapie noch Bewegungsfreiheit; aber die antitoxische T
rapie kann hoffen, auch die besten Leistungen der Chemotherapie
verdrängen; und jede Stellung, in der die antitoxische Therapie Fi
gefasst hat, ist für die Chemotherapie endgültig verloren. Der Ctt
der modernen Medizin verlangt und verbürgt den Sieg der ai
toxischen Therapie.
Wie wird sich nun die antitoxische Therapie weiter entwicke:
Sehr fraglich dürfte jedenfalls sein, ob die bisherigen Formen i!
aktiven Immunisierung und der Serumtherapie bestehen bleiben w
den. Es wird Möglichkeiten geben, die Idee der antitoxischen T
rapie reiner und umfassender zu verwirklichen. Bisher haftet. <i
antitoxischen Therapie, zwar nicht im wesentlichen und endgültig
dem antitoxischen Zweck, wohl aber im unwesentlichen und vork
figen, den Mitteln, ein gewisser toxikotherapeutischer Schein an. 1
gilt ebenso von der Vakzination, wie von der Tuberkulinbehandla
wie von der Heilserumtherapie. Die Entwicklung wird dahingeh
die Verwendung von, wenn auch abgeschwächten, Erregern, v
Toxinen und auch von Serum auszuschliessen.
Dann wird auch endlich ein weitverbreitetes Missverständ
aufhören. Die Impfgegnerschaft richtet sich nicht gegen i
Pockenschutz, sondern gegen die Impfung; nicht gegen den Zwe
sondern gegen das Mittel; nicht gegen das, was an der Vakzinat
antitoxisch ist, sondern gegen das, was an ihr an die Toxikothera
erinnert. Ganz ebenso verhält es sich mit der Gegnerschaft ge>
die Heilserumtherapie. Deshalb ist auch die Bezeichnung „Seru
September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1143
•rapie“ so unglücklich, die das wesentliche verschweigt und das
ursächliche und noch unzulängliche betont.
Neben der immer reineren Herausarbeitung des antitoxischen
arakters wird es das Ziel der antitoxischen Therapie sein, mög¬
est vieler, zuletzt aller Infektionen sich zu bemächtigen.
Mit der schliesslichen Vollendung der antitoxischen Iherapie wird
■ moderne Medizin ihre eigenste Aufgabe gelöst haben.
,s dem organisch-chemischen Laboratorium der Technischen
Hochschule München.
Ueber Porphyrinurie und natürliche Porphyrine.
Von Hans Fischer.
Fleischenthaltung Koproporphyrin und können auch die Ursache des
S c h u m m sehen Misserfolges angeben. Die S a i 1 1 e t sehe Methode
besteht darin, dass der Harn mit Essigsäure angesäuert, mit Essig¬
äther extrahiert und dem Essigäther mit Salzsäure das Porphyrin
entzogen wird, das dann spektroskopisch identifiziert wird. S c h u m m
Verwendete statt Essigäther Acther und trocknete diesen mit Natri¬
umsulfat. Dadurch werden, wie wir gefunden haben, geringe Mengen
von Porphyrin quantitativ dem Aether entzogen, und so erklären sich
die negativen Befunde Schümm s. Auffallend bleibt jedoch, dass
Schümm nach Fleischgenuss eine offenbar erhöhte Porphyrin¬
menge im Harn fand; denn sonst hätte er es ja nicht finden können.
Der Gedanke liegt nahe, dass Fleisch Koproporphyrin enthält und so
sich die Befunde Schum m s erklären lassen. Schümms Mit¬
arbeiter Papendiek [7] jedoch stellte ausdrücklich fest, dass
Fleisch kein Porphyrin enthält.
Unter pathologischen Verhältnissen tritt bei der Porphyrinurie
Harn ein roter Farbstoff auf, der früher ziemlich allgemein als
■ntisch mit Hämatoporphyrin, einem Abbauprodukt des Blutfarb-
>ffes, gehalten worden ist. Durch die Untersuchungen von H. Fi¬
lier 1 1 1 konnte dieser Farbstoff rein dargestellt werden, und cs
t sich herausgestellt, dass zwei verschiedene Farbstoffe vorliegen,
roporphyrin und Koproporphyrin. Uroporphyrin ist
s Hauptprodukt, Koproporphyrin Nebenprodukt. Koproporphyrin
immt im Kot dieser Kranken vor allen Dingen vor, daher auch der
,me. Die Krankheit selber, die Porphyrinurie, ist besonders von
ü n t h e r [2] des näheren studiert worden, und man findet dort auch
eitere Literaturangaben, auf die hier nur kurz verwiesen werden
mn. Eines der wichtigsten und hervorstechendsten Symptome dieser
krankung ist die Lichtempfindlichkeit dieser Kranken. Im strahlcn-
‘u Sonnenlicht bzw. überall an den Stellen, die dem Lichte zugäng-
•h sind, entwickeln sich schwere Entzündungserscheinungen, und
■ unterliegt keinem Zweifel, dass diese Erscheinungen in ursäch-
;hem Zusammenhang mit dem Farbstoffgehalt stehen; denn die
:iden rein isolierten Farbstoffe, Uro- und Koproporphyrin, wirken
tensiv sensibilisierend auf weisse Mäuse und Paramäzien, eine
eststellung, die zuerst von Hausmann [3] mit dem allerdings
ich unreinen Harnporphyrin erhoben wurde.
Neuerdings ist nun von Kämmerer |"4l, nachdem Snapper
>1 bei Darmblutungen und nach Genuss bluthaltiger Nahrung Por-
fiyrine im Stuhl nachgewiesen hatte, festgestellt worden, dass
urcli Bakterieneinwirkung auf Blut in vitro Porphyrin entsteht,
ieses Kämmerersche Porphyrin ist von H. Fischer und
c h n e 1 1 e r [6] in kristallisiertem Zustande gewonnen worden und
onnte auch aus normalem Kot nach Eingabe von Blut in einer Reihe
on Fällen isoliert werden. Im Lichte erwies sich dieses Käm-
lerer sehe Porphyrin als intensiv sensibilisierend gegen
’aramäzien. , ,. .. ...
Wir haben also nunmehr 3 natürliche Porphyrine, die sensibili-
ierend wirken, quantitativ in ihrer Wirkung allerdings verschieden
ind: 1. Uroporphyrin, 2. Koproporphyrin 3. Kam
lerers Porphyrin.
Ob das Kämmerer sehe Porphyrin nun, das also exogen
lurch Darmfäulnis bei vorhandenem Blut und z. B. auch nach Fleisch-
enuss entstehen kann, für die Porphyrinurie von Bedeutung ist, ist
tir den Praktiker sehr wichtig, weil man sich ja vorstellen könnte,
lass durch Einnahme von Blut bzw. bluthaltigem Fleisch bei sen-
iblen Personen Entzündungserscheinungen ausgelöst werden könn¬
en. Wir haben deshalb in einer Reihe von Fällen an Studierenden
■ystematisch Versuche mit Blutzufuhr gemacht. Die Versuchsper¬
sonen assen 10 — 20 ccm Blut täglich, 8 — 10 Tage hindurch. Chemisch-
spektroskopisch wurde das Vorkommen des K ä m m e re r sehen
’orphyrins im Stuhl einwandfrei nachgewiesen; es konnte aber trotz
stundenlanger Belichtung keinerlei Sensibilisierung konstatiert wer-
ien. Wir kommen also zu dem Resultat, dass die exogene P ’o r -
shyrinbildung im Gegensatz zu der Ansicht von Papendieck 171
s'ollkommen b e d e u t un g s 1 o s ist. Dies wird auch weiter be¬
stätigt dadurch, dass es uns nie gelungen ist, im Harn unserer Ver¬
suchspersonen Kämmerers Porphyrin, das durch einen sehr cha¬
rakteristischen Spektralbefund ausgezeichnet ist, nachzuweisen.
Kämmerers Porphyrin wird im Kot nach Blutzufuhr immer ge¬
bildet, aber es erscheint nicht im Harn, und demgemäss erhalten wir
auch beim Menschen keine Sensibilisierungserscheinung.
Durch die Untersuchungen von MacMunn, Stokvis und
besonders A. Garrod [8l, der 1. c., S. 616, ausführliche spektro¬
skopische Zahlen angibt, kann es keinem Zweifel unterliegen, dass
auch im normalen Harn Koproporphyrin vorkommt. ie
spektroskopischen Zahlen nach Zusatz von Salzsäure sowie der be
sonders beweisende alkalische Spektralbefund stimmen nur auf Ko¬
proporphyrin. Diese Untersuchung von G a r r o d ist neuerdings
von Schümm [9l nach der Methode von Sa Gl et |10| m vollem
Umfange bestätigt worden und von Schümm ist auch zuerst <Jci
Schluss gezogen worden, dass Koproporphyrin im normalen
Harn vorkommt. Schümms Resultate weichen nur insofern ab
als er angibt, dass nur nach Fleischgenuss Koproporphyrin un Harn
auftrltt. während ohne Fleischgenuss er es scheinbar regelmässig
vermisst. Dies steht im Gegensatz zu den alten Befunden, besonders
von Garrod, und wir können die G a r r o d sehen Befunde durci
aus bestätigen. Wir finden nach der S a i 1 1 e t sehen Methode m
jedem bis jetzt untersuchten normalen Harn auch bei vollkommener
Wir finden im Fleisch regelmässig Koproporphyrin, aber erst
nach Aufschluss durch Fäulnis; so klären sich die posi¬
tiven Befunde Schn m m s nach Fleischnahrung restlos auf. Das
Porphyrin des Fleisches, entstanden durch Fäulnis im Darm, geht
eben in den Harn über, und dadurch ist eine solche Anreicherung
vorhanden, dass es nicht mehr durch das Natriumsulfat völlig entfernt
wird. Papendieck hat weiter festgestellt, dass im Kot fleischfrei
ernährter Menschen kein Porphyrin nachweisbar ist. Auch hier ist
er wieder demselben Missgeschick verfallen wie Schümm. Durch
Trocknen mit Natriumsulfat ist offenbar das Porphyrin dem Lösungs¬
mittel durch das Trocknungsmittel entzogen worden. Wir finden in
jedem untersuchten Kot von fleischfrei ernährten Personen Kopro¬
porphyrin. .
Das Koproporphyrin ist also ein normales btott-
wech sei Produkt, und es fragt sich, woher das Kopro¬
porphyrin stammt. Wenn wir die alten englischen Arbeiten bachsehen,
insbesondere die Arbeit von Mac Munn flll, erhalten wir auch
hierüber Auskunft. Mac Munn hat festgestellt, dass im Muskel
ein vom Hämoglobin verschiedener Farbstoff, der von ihm Myo-
hämatin bezeichnet wurde, vorkommt. Dieses Myohämatin unterschei-
det sich spektroskopisch vom Hämoglobin. Was für uns aber am
wichtigsten ist, ist die Tatsache, dass MacMunn durch Behandlung
seines Myohämatins mit konz. Schwefelsäure ein Porphyrin ei hielt,
das er für identisch mit Hämatoporphyrin hielt. Betrachten wir aber
seine Originalzahlen, S. 60, so kann es keinem Zweifel unterliegen,
dass auch hier Koproporphyrin vorliegt. Wir können diese Unter¬
suchungen vollinhaltlich bestätigen, da es uns gelungen ist, durch
Fäulnis von Fleisch neben Kämmerers Porphyrin deutlich den
spektroskopischen Befund des Koproporphyrins zu erhalten. Der
Nachweis dieser biologischen Bildung des Koproporphyrins ist eine
wichtige Erweiterung der Mac Munn sehen Befunde, weil bei der
brutalen Einwirkung von konz. Schwefelsäure allerhand sekundäre
Reaktionen möglich sind und die Methodik des Nachweises des Kopro¬
porphyrins nach der Fäulnis eine weitgehende Beobachtung der phy¬
sikalischen Eigenschaften der Porphyrine in sich schliesst, wodurch
im Verein mit dem spektroskopischen Befund dann die Erkennung des
Porphyrins gesichert ist.
Das normale Porphyrin entsteht also zweifellos durch Zerfall
des Myohämatins (auf welche Weise, muss noch festgestellt
werden), das man vielleicht zweckmässiger als Myohämoglobin
bezeichnet, und es ergibt sich die Frage, was wohl aus der Liweiss-
komponente des Myohämoglobins wird. Auch hierüber können wir
Auskunft geben. Schon seit langem ist bekannt, dass neben dem
eigentlichen Porphvrin bei der Porphyrinurie noch ein brauner Farb¬
stoff vorkommt, und es scheint, dass in allen Fällen wo genügend
darauf geachtet worden ist, immer der braune Farbstoif zur Beobacn-
tung gelangte. Die Ausscheidung des braunen Farbstoffes scheint in
direktem Zusammenhang zum Erscheinen des Porphyrins zu stehen.
wie besonders aus einer neueren Untersuchung von W e i s s 1 121
hervorgeht. W e i s s hat in der R o m b e r g sehen Klinik zwei Por¬
phyrinuriefälle beobachtet, bei denen intermittierend kurze Zeit hin¬
durch Porphvrin im Harn auftrat, und regelmässig wurde dabei der
braune Farbstoff beobachtet. Wir haben nun schon in Wien uns mit
dem normalen gelben Harnfarbstoff beschäftigt und festgestellt,
dass dieser normale gelbe Harnfarbstoff mit grosser Wahrscheinlic 1-
keit zu den Eiweisskörpern zu zählen ist bzw. ein Körper ist, der
zum Eiweiss in nahen Beziehungen steht. — Herr Geheimrat v. Koni¬
berg hatte nun die Freundlichkeit, den Kranken P e t r y, aus dessen
Harn ich seiner Zeit Uro- und Koproporphyrin dargestellt habe, in
seine Klinik aufzunehmen, und dadurch wurden wir wieder in die
Lage versetzt, den frischen Harn Petrys zu untersuchen. Ls ge¬
lang uns. den braunen Farbstoff zur Abscheidung zu bringen. Aller¬
dings haben wir diesen Farbstoff ebenso wie den gelben Harnfarb¬
stoff noch nicht im kristallisierten Zustande dargestellt, weshalb wir
die folgenden Angaben mit einer gewissen Reserve wiedergeben
müssen.
Nach der analytischen Zusammensetzung ist er ausserordentlich
ähnlich dem Harnfarbstoff und stellt diesem Farbstoff nahe, wenn er
nicht identisch mit diesem ist. Die Menge dieses Farbstoffes den wir
als ein Eiweissabbauprodukt auffassen, ist nicht unbeträchtlich. Die
Porphyrinurie erscheint demgemäss in etwas anderem Lichte. Wir
sehen, dass es zwei Hämoglobine gibt, das gewöhnliche rlamoglobin
und das Muskelhämoglobin. Das gewöhnliche Hämoglobin wird _ in
Bilirubin umgewandelt. Bei diesem Prozess treten keine Porphyrine
1144
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
auf; jedenfalls sind sie auch hierbei nie beobachtet worden. Das
Myohämoglobin dagegen wird ständig in geringer Menge ab¬
gebaut zu Kotporphyrin, das dann im Harn und im Stuhl erscheint.
Durch Einfluss von Giften, insbesondere Sulfonal, Blei u. a., wird nun
dieser normale Prozess in erheblichem Masse gesteigert, ganz ähn¬
lich wie bei der Hefegärung das normalerweise entstehende Glyzerin
durch Zusatz von Sulfit eine gewaltige Vermehrung erfährt. So' kann
man annehmen, wie dies zuerst W e i s s getan hat, dass bei der Por¬
phyrinurie das auslösende Moment eine noch unbekannte Giftsubstanz
ist, die die Erkrankung bewirkt. Die Erkrankung ist nun an sich eine
viel schwerere, weil sie auch den Eiweissstoffwechsel mit ergreift.
Wir sehen, dass im Harn, wenigstens des Kranken Petry (und wir
sind überzeugt, dass es immer der Fall sein wird), eine beträchtliche
Menge eines eiweissartigen Körpers mit zur Ausscheidung gelangt,
der vermutlich aus der Globinkomponente des Myohämoglobins
stammt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass vielleicht unter
pathologischen Verhältnissen auch beim Hämoglobinstoffwech¬
sel Analoges erfolgt. Der Eiweissgehalt der Rindergallensteine ist be¬
kannt, und H. Fischer [13] hat darauf hingewiesen, dass das Bilirubin
meistens schwefelhaltig ist. Das spricht dafür, dass geringe Mengen
von Eiweiss es begleiten, und so erklären sich wohl auch die ab¬
normen Löslichkeitsverhältnisse des Bilirubins im Harn. Es wird von
besonderem Interesse sein, auch bei anderen Bluterkrankungen, ins¬
besondere beim hämolytischen Ikterus, auf unseren braunen Farb¬
stoff und Porphyrine zu fahnden, und ebenso wichtig wird
es sein, bei der Porphyrinurie den Stoffwechsel quanti¬
tativ zu verfolgen, eine Untersuchung, die bis jetzt noch
nicht gemacht wurde. Durch die Einwirkung von Giftstoffen
erfolgt nun primär ein vermehrter Zerfall des Myohämo¬
globins zum Harnfarbstoff und Koproporphyrin. Dieses besitzt nun
sehr schlechte Ausscheidungsmöglichkeiten, wie wir ebenfalls experi¬
mentell festgestellt haben, und nun setzt ein neuer Prozess ein, näm¬
lich eine Karboxylierung. Das Kotporphyrin, das nur drei
Karboxylgruppen enthält, wird mit 4 weiteren Karboxylgruppen ver¬
sehen und erhält so ideale Ausscheidungsmöglichkeiten, wird aber
intensiv lichtgiftig und verursacht so zweifellos die schweren Gift¬
erscheinungen, die die Kranken haben. Durch die Kombination mit
dem braunen Farbstoff scheint dann eine Entgiftung herbeigeführt zu
werden. Die Karboxylierung nun fassen wir als einen atavistischen
Prozess auf, weil es uns gelungen ist, auch beim Farbstoff in den
Schwungfedern des Turakus (einem in Afrika vorkommenden Vogel),
fussend auf den Analysen von Church [14], nachzuweisen, dass
dort das Uroporphyrin vorkommt, allerdings in Form des Kupfer¬
salzes. Noch fragt es sich, wo die Karboxylierung im Organismus
einsetzt. Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Karboxylie¬
rung in der Niere erfolgt, und stützen diese Ansicht auf das Resultat
der Blutuntersuchung bei dem Porphyrinuriker Petry. Bei diesem
Kranken haben wir im Serum eindeutig Koproporphyrin spektro-
pisch und durch physikalische Eigenschaften nachgewiesen, im Gegen¬
satz zu Schümm, welcher Uroporphyrin fand. Für dieses zeigte
sich kein Anhaltspunkt. Demgemäss muss die Karboxylierung in der
Niere erfolgen, und so erklären sich auch die verschiedenen Schmelz¬
punkte der Uroporphyrine bzw. deren Ester; denn offenbar gelingt
die Karboxylierung nicht immer vollständig. Wir sind zurzeit am
Kaninchen mit der Erforschung dieser Verhältnisse beschäftigt. Auch
bei diesen pflanzenfressenden Tieren haben wir Koproporphyrin
nachgewiesen und spurenweise Uroporphyrin. Es macht den Ein¬
druck, als ob nur manche Nieren zur Karboxylierung befähigt sind.
Diese Verhältnisse erklären vielleicht auch die schwankenden Re¬
sultate bei der experimentellen Sulfonal-Porphyrinurie [15]. Bei der
Bleivergiftung tritt nach Schümm nur Koproporphyrin auf, jedoch
muss betont werden, dass nach der von ihm angewandten Methode
Uroporphyrin nicht auffindbar ist.
Vom physiologisch-chemischen Standpunkt aus ist das Vorkom¬
men des Koproporphyrins von besonderem Interesse. Wir haben
früher schon das Koproporphyrin dem weitgehenden Abbau unter¬
zogen und festgestellt, dass es in wesentlichen Punkten im chemi¬
schen Bau vom Hämin, dem färbenden Bestandteil des Hämoglobins,
abweicht. Wir haben auch bis jetzt keinerlei Anhaltspunkte dafür
gewinnen können, dass das Koproporphyrin etwa aus dem Hämo-
hervorgehen kann, wie man vermuten könnte. Fäulnisversuche
mit Hämoglobin haben ein durchaus negatives Resultat gegeben, nur
Kämmerers Porphyrin entsteht hierbei. Wir sehen also dass
beim höheren Tier ein Dualismus herrscht. Zwei Hämoglobine
bestehen nebeneinander, in der Konstitution in bezug auf die fär¬
bende Komponente verschieden, wenn auch zweifellos gemeinsame
Beziehungen sich offenbaren. Es besteht also beim Säugetier in
bezug auf seinen Blutfarbstoff eine vollkommene Analogie zu den
Pflanzen. Auch beim Chlorophyll unterscheiden wir nach den Unter¬
suchungen von Stokes, Tswett und W i 1 1 s t ä 1 1 e r [16] zwei
Chlorophylle, a und b, die sich in der Zusammensetzung vör allen
Dingen dadurch unterscheiden, dass das Chlorophyll b ein Sauerstoff¬
atom mehr besitzt als das Chlorophyll a. Hier bei den Farbstoffen
des höheren 1 ieres finden wir diesen Dualismus wieder, Myo¬
hämoglobin und Hämoglobin, die sich scharf in bezug auf
den Farbstoff unterscheiden. Der eisenfreie Bestandteil des Muskel¬
farbstoffes besitzt eine Karboxylgruppe und zwei Sauerstoffatome
mehr (vielleicht auch 2 Karboxylgruppen) als das Hämin, der Farb-
stoffanteil des Hämoglobins.
Nr.
Von den englischen Autoren, insbesondere von MacMunn [l
ist schon festgestellt worden, dass Hämatoporphyrin vorhanden si
soll in Regenwürmern und anderen Tieren. Wir haben gesehen, d;
im Hämoglobin der höheren Tiere ein Dualismus herrscht, und
wird von besonderem Interesse sein, zu verfolgen, wieweit dies
geht, ob zu allen Zeiten der Entwicklungsleiter der Tiere wir dies
Dualismus finden. Diese Untersuchungen sind natürlich erst im B
ginn und es kann hierüber noch wenig Auskunft gegeben werden. Na
den bisherigen Angaben der Literatur, insbesondere den Angaben v
Mac A4 u n n, ist das Hämatoporphyrin, wie er sich ausdrücl
ausserordentlich verbreitet. Man könnte versucht sein, überall st;
Hämatoporphyrin Koproporphyrin einzusetzen. Das ist jedoch durc
aus nicht berechtigt, denn wir haben das Porphyrin aus Eisen
foetida in kristallisiertem Zustande darstellen können und haben fes
gestellt, dass es von Hämatoporphyrin vollkommen verschieden i:
übrigens auch von Uro- und Koproporphyrin, und ebenso haben w
gefunden, dass in den gefärbten Schalen vieler Vogeleier Porphyrii
Vorkommen. Aus Möweneierschalen haben wir das Porphyrin
kristallisiertem Zustand dargestellt. Dieses Porphyrin steht intere
santerweise nach der bisherigen Untersuchung dem Hämoglobin bz\
dem Hämin näher als dem Uro- und Koproporphyrin. Alle die:
Porphyrine verbindet nun ein gemeinschaftlicher Zug: Sie gebt
komplexe Eisensalze, die untereinander und mit dem Hämin in di
spektroskopischen Erscheinungen sich gleichen, so dass im chetr
sehen Bau immerhin weitgehende Analogien vorhanden sein müsse
Auch aus dem Phylloporphyrin, einem künstlich aus Chloropiiy
gewonnenen Porphyrin, gelingt es nach den Untersuchungen vc
Marchlewski [17], einen dem Hämin ähnlichen Körper, d;
Phyllohämin, zu erhalten, und von Willstättcr [16] ist durc)
weitgehenden Abbau des Chlorophylls bzw. des Hämins, die gemeii
schaftliche Grundsubstanz der beiden Farbstoffe, das Aetiohäm
bzw. Aetioporphyrin, dargestellt worden. Es ist möglich, dass dit
selbe Grundform auch all diesen mannigfaltigen Porphyrinen zi
kommt; hierüber müssen die weiteren Untersuchungen Auskun
geben.
Der experimentelle Teil dieser Untersuchungen ist in der Zei
schrift für physiologische Chemie teils veröffentlicht, teils in Druc
und ist durchgeführt worden gemeinschaftlich mit den Herre
Hilger, Kögl, Schau mann, Schneller, Zerweck.
Literatur.
I. H. Fischer: M.m.W. 1916 S. 377. Dort auch weitere Litcratu
angaben. — 2. Günther: D. Arch. f. klin. M. 1911, 105, 89. — 3. Hau:
mann: Grundzüge der Lichtbiologie und Lichtpathologie. Urban & Schwa
zenberg. 1923. Dort auch die gesamte Literatur. — 4. Kämmerer: Kl:
Wschr. 1923, 2, 1153. — 5. Snapper: B.khW. 1921, 58, 800 u. a 0 -
6. H F l s c h e r und Schneller: Zschr. f. physiol. Chemie (im Druck). -
7. Papendiek: Zschr. f. physiol. Chemie 1923, 128, 110 u 114. -
8. Garrod: Journ. of Physiol. 1892, 13, 598. Dort auch die gesamte alte:
Literatur — 9 Schümm: Zschr. f. physiol. Chemie 1923, 126, 170. -
.du - .«ii ReVue de Med- 1896’ 16- 542- — 11. MacMunn: Jour
of Physiol .1887, 8, 60. — 12. W e i s s: Inaug.-Diss., München 1922 (Klin
von Romberg). — 13. H. Fischer: Zschr. f. physiol. Chemie 1915, 9
k ö lf C?Urch: Proc- Roya! Soc- 1892- 51 ' 399- Bort weitere Literatu
15. 0. Neubauer: Arch. f. exp. Path. u. Pharm. 1900, 43, 456. Dort am
nVi,e,’,ifrecLl eratUr;nT7 16r' Wlllstättcr und Stoll: Unters, über Chlori
phyH Springer 1913. Dort die gesamte Literatur. — 17. Marchlewsk
und Robl: Ber. d. D. chem. Ges. 1912, 45, 816
Aus dem klinischen Institut der II. medizinischen Klinik i:
München (Prof. F. v. Müller).
lieber Porphyrinbildung bei Lungengangrän und putridei
Bronchiektasie.
Von Prof. Dr. H. Kämmerer.
Zu den kennzeichnenden Eigenschaften des Lungengangränspu
lums„.?el]ört ausser dem aashaften Eäulnisgeruch und der relath
dünnflüssigen Konsistenz meist auch schmutzigbraune bzw
schokoladefarbige oder zwetschgenbrühartige Beschaffenheit. Das:
der braunrötliche Ton dieser Verfärbung von mehr oder wenigei
verändertem Blutfarbstoff herrührt, bedarf keines Beweises; die Frage
ist nur, in welcher Weise das Hämoglobinmolekül in der Faul-
llussigkeit des Gangränherdes verändert oder abgebaut wird. Das-
der Abbau unter Umständen sehr weitgehend sein kann, ergibt siel
aus dem gelegentlichen Befund von amorphem Hämosiderin
Leyden hat ferner sowohl bei Lungenabszess, als bei Lungen¬
gangrän dem Nachweis von Hämatoidin kristallen grosse
Bedeutung beigemessen. Das sogenannte Hämatoidin ist ein
Körper, um dessen chemische Identifizierung man sich lange bemüht
'’ap , Der Name stammt von Virchow, der die charakteristischen
Kristalle auch in sterilen, nicht nur in bakteriell infizierten alten
Blutextravasaten, nachwies. Schon Virchow beschäftigte sich
mit der Frage, ob Hämatoidin etwa mit Bilirubin identisch sei oder
nicht. Dass dies tatsächlich der Fall und dass somit eine extrahepa-
tische Bilirubinbildung im Körper möglich ist, hat jüngst
H. Fischer1) einwandfrei bewiesen. Hierbei handelt es sich aber,
wie gesagt, um sterile Blutextravasate und Zellwirkungen des
menschlichen Organismus. Wird in Gangrän- oder Abszesshöhlen
*) Hoppe-Seylers Zschr. f. phys. Chemie 1923, 17.
.eptember 1923. _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
latoidin gefunden, so ist, abgesehen von der Wirkung mensch-
er Zellen, auch an Bakterienwirkung zu denken. Nach meiner
ntnis ist bis jetzt eine Hämatoidin- bzw. Bilirubinbildung aus Blut-
stoft durch bakterielle Zersetzung nie beobachtet worden. Es
lieint einer eigenen Beobachtung wert, ob es in vitro gelingt, mit
e geeigneter Bakterien oder Bakteriengemische eine Wirkung zu
eien, wie wir sie hier von den Körperzellen sehen. Die Por-
erine, ebenfalls eisenfreie Blutfarbstoffderivate, werden vielfach
Vorstufen der Gallenfarbstoffe, Zwischenstufen zwischen diesen
dem Blutfarbstoffmolekül angesehen, üb die Porphyrine Abbau¬
en des Blutfarbstoffes oder andersartige — vielleicht rniss-
,ktc — Synthesen des Blut- bzw. üallenfarbstoffes darstellen —
noch ungeklärt. Zunächst schien mir auf Grund früherer Unter-
tiungen die Frage leichter angreifbar, ob durch Verimpfung des
ilts von Gangränherden in Blutbouillon Porphyrin gebildet werden
ne. Von dem Gemisch von Fäulnisbaktcrien dieser faulig
henden Flüssigkeiten durfte eine besonders starke Aktivität be-
ders in der Richtung reduzierender und hydrolytisch spaltender
kung erwartet weden.
Ich habe in früheren Arbeiten 2) die Fähigkeit der medizinisch
htigeren Bakterien, den Blutfarbstoff zu zersetzen, untersucht.
Verimpfung einzelner Reinkulturen in bluthaltige Nährböden ist
mir bis jetzt nie geglückt, etwas anderes als Hämatin nacli-
/eisen. Mehr als die Abspaltung von Eiweiss aus dem Häino-
binmolekül scheinen die in Betracht kommenden einzelnen Bak¬
enarten nicht fertig zu bringen. Anders wenn verschiedene Bak¬
enarten in bestimmten, den gleichen Zweck fördernden Syner-
i m e n Zusammenwirken. So konnte ich nachweisen 3), dass ge-
se Fäulnisbakteriengemische des menschlichen Kotes imstande
j, aus dem Hämoglobin eisenfreie Farbstoffe, Porphyrine, entstehen
lassen. Es lässt sich durch Weiterzüchtung in Blutbouillon (und
: :li in gewöhnlicher Bouillon) das wirksame Bakteriengemenge fast
iebig lange fortzüchten, ja sogar in seiner Wirksamkeit steigern
i Porphyrin auf diese Weise in grösster Menge aus Blutbouillon
vinnen. Dieses von mir durch Darmbakterienwirkung gewonnene
rphyrin wurde von Hans Fischer1) näher chemisch untersucht,
konnte feststellen, dass es keineswegs mit dem N e n c k i sehen
matoporphyrin und mit den von Fischer selbst dargestellten
n- und Kotporphyrin chemisch identisch ist, aber ebenfalls bei
lichtung des Versuchstieres sehr stark sensibilisierend wirkt, also
en für den Organismus keineswegs gleichgültigen, sehr giftigen
rper darstellt. Da nun nach meinen bisherigen Ergebnissen nicht nur
bestimmter Grad, sondern wohl auch eine bestimmte Qualität der
ulnis zur Porphyrinbildung notwendig sind, erschien die Unter-
:hung des Fäulnisgemisches eines gangränösen Sputums von Inter¬
im. Lange nicht jedes Fäulnisgemisch ist nämlich zur Porphyrin¬
dung geeignet. Ich untersuchte z. B. eine Faulflüssigkeit, die durch
I ulenlassen von Fleisch durch einfaches Stehenlassen im Brut-
irank gewonnen war, ohne damit Porphyrinbildung zu erzielen,
;h viele Fäulnisstühle lieferten trotz intensiven Fäulnisgestankes
in Porphyrin. Von vornherein ist es also keineswegs sicher, dass
irgendeinem Gangränsputum gerade die geeignete Bakterien-
schung vorhanden ist.
Kürzlich kam an der. II. med. Klinik ein Fall von Lungen-
ngrän zur Beobachtung. Aus der Krankengeschichte bei fol-
ndes bemerkt:
Der Kranke lag vom 5. I. 23 bis Juli wegen Arteriosklerose. Gicht, Gicht-
irumpfniere, linksseitiger Apoplexie im Krankenhaus. Er zeigte schon von
fang an Symptome von Bronchitis. Am 8. VI. Anfall von Rindenepilepsie,
r sich am 4. VI. mehrfach wiederholte. Wahrscheinlich in Zusammenhang
t dieser Bewusstseinstrübung und auf dem Boden der chronischen Bron-
tis bildete sich im rechten Unterlappen eine Lungengangrän aus mit stark
elfiechendem Auswurf und hohen Temperatursteigerungen. Ueber der
impfungszone rechts hinten unten waren amphorisches Atmen und gross-
isiges metallisch klingendes Rasseln zu hören. Das Sputum war schoko-
lebraun bis grünbraun, dünnrahmig und von fauligem, kotartigem Gerucli.
e mikroskopische Untersuchung ergab Zellen, besonders Leukozyten meist
stark zerfallenem Zustand, reichlich kohlenartiges Pigment, Stücke von
lilecht erhaltenem Lungengewebe, Fettsäurenadeln und Neutralfett, spär-
he elastische Fasern und zahllose Bakterien. Hämotoidinkristalle wurden
:ht gefunden.
Von dem Sputum wurden entsprechend der bei den Stuhlunter-
chungen ausgearbeiteten Technik 4 Oesen auf 20 ccm 5 proz. Blut-
millon verimpft und dann 5 Tage bebrütet. Es tritt wie gewöhnlich
machst Hämolyse ein, am 4. Tag Braunfärbung, des Blutfarbstoffs,
:r als brauner Niederschlag ausfällt. Am 5. Tag wird die Flüssig¬
st mit 30 proz. Essigsäure versetzt und dann mit Aether aus-
rschüttelt bis der Farbstoff völlig in den Aether übergegangen ist.
er Aether ist nun ziemlich dunkelbraun gefärbt, enthält grössten-
lis saures Hämatin. Der Aether wird abgehoben, zu gleichen 1 eilen
it 20 proz. Salzsäure versetzt und durchgeschüttelt. Die wässerige
ilzsäurelösung setzt sich bald vom Aether ab und ist hellkarminrot
-färbt. Spektroskopisch zeigt die Salzsäurelösung sehr kräftig d i e
harakteris tischen Streifen des sauren Por-
hyrins. Ein zweites schon intrabronchial sehr faulig zersetztes
pirtum eines Falles schwerer Bronchiektasie, das ich der chirur-
*) D. Arch. f. klin. Med. 88 und Kongr. f. inn. Med. 1914.
3) Klin. Wschr. 1923 Nr. 25 u. Kongr. f. inn. M. 1923.
*) Erscheint demnächst in der Zsclir. f. phys. Chemie; vergl. a. die vor-
eiiende Arbeit.
gischen Klinik verdankte, lieferte bei der gleichen Versuchsanord¬
nung eher noch mehr Porphyrin als das erste.
Somit ist erwiesen, dass von dem Bakterien¬
gemisch des fauligen Inhalts von gangränösen und
bronchiektatischen Höhlen Porphyrin in reich¬
licher Menge aus Hämoglobin gebildet werden
kann. Die bakteriologische Untersuchung ergab neben aeroben
Arten (vorwiegend eine Mesenterikusart, Streptokokken und Proteus)
zahlreiche Anaerobier (Tennisschlägerformen, in der Kultur wurzel¬
förmig verästelte Kolonien) 5). Also auch hier wieder das Zusam¬
menwirken aerober und anaerober Arten. Dadurch ist zunächst das
letzte Schlussglied der Beweiskette geliefert, dass Bakterien be¬
stimmter Art und Mischung allein im Körper Porphyrin bilden
können und dass auch für das im Kot nach Blutgenuss auftretende
Porphyrin kein anderer, etwa zellulärfermentativer Entstehung¬
mechanismus in Frage kommt. Es ist bisher noch nicht sichergestellt,
ob das im Darm aus Blutfarbstoff durch Fäulnisvorgänge unter Um¬
ständen reichlich gebildete Porphyrin seine toxische Wirkung auf
den Organismus entfalten kann. Es ist eben fraglich, ob es zur Re¬
sorption kommt, weil man gleichzeitige Porphyrinurie bisher nicht
nachweisen konnte. Dass aber die fehlende Porphyrinurie für das
Ausbleiben einer Resorption kein hinreichendes Kriterium ist, konnte
0. Neubauer6) zeigen, der bei sulfonalvergifteten Kaninchen Por¬
phyrin in der Galle nachweisen konnte, ohne dass Porphyrinurie be¬
stand. Ich habe früher schon darauf hingewiesen, dass wir wohl nicht
berechtigt sind, aus der bisherigen Unmöglichkeit eines chemischen
Nachweises auf das völlige Fehlen jeder Resorption, vielleicht nur
sehr geringer Mengen, zu schliessen und dass unter Umständen schon
kleinste resorbierte Mengen biologische Wirkungen entfalten können.
Wird aber aus dem in gangränösen Herden meist reichlich vor¬
handenen Blutfarbstoff Porphyrin gebildet, so ist die Möglichkeit einer
Resorption des Porphyrins ohne weiteres gegeben und damit eine
toxische Allgemeinwirkung dieses biologisch so differenten Körpers.
Freilich wird es auf die erzeugte Menge ankommen, ob charakteri¬
stische Erscheinungen auftreten oder nicht, zudem werden die son¬
stigen toxischen Produkte der Eiweissfäulnis wohl meist ihrerseits
so schwere Erscheinungen hervorrufen, dass das Bild einer leichten
Porphyrinvergiftung zurücktritt. Man wird vielleicht besonders auf
Juckreiz, Urtikaria und sonstige Reizerscheinungen der Haut infolge
von Lichtsensibilisierung achten müssen. In den beiden Fällen, die
ich allerdings selbst klinisch nur ungenau beobachten konnte, waren
meines Wissens weder Hauterscheinungen vorhanden, noch war im
Urin Porphyrin nachzuweisen. Bei dem zweiten Fall war allerdings
von einem Bluterguss in die jauchige bronchiektatische Höhle nichts
wahrzunehmen. Trotz dieser Lücken entschloss ich mich zu der vor¬
liegenden Mitteilung, um die Aufmerksamkeit der Kliniker auf die
Möglichkeit von Porphyrinwirkung bei jauchigen Prozessen zu len¬
ken. Die mehr theoretisch interessante Frage, ob Bakteriengemische
imstande sind, Blutfarbstoff über Porphyrin in Hämatoidin-Bilirubin
überzuführen, deren Lösung Analogien für den intermediären Stoff¬
wechsel höherer Organismen liefern könnte, soll weiterer Bearbeitung
unterzogen werden.
Aus dem Krebsinstitut Hamburg-Eppendorf.
Untersuchungen über Krebsbildung.
Von Dr. R. Bierich.
Es sind zwei allgemeine Eigenschaften, die das Verhalten der
Krebszelle im Organismus biologisch charakterisieren: ihre, ge¬
steigerte Vermehrung und ihre Fähigkeit, in andere Gewebe einzu¬
wuchern. Von diesen Eigenschaften wurde in früheren Unter¬
suchungen1) das Zustandekommen des Tiefenwachstums beim Teer¬
krebs untersucht und festgestellt, dass es erst eintritt, nachdem in
der bedrohten Zone bestimmte qualitative Veränderungen eingetreten
sind. Diese lassen zwei Phasen unterscheiden: eine erste, bei der
im Bereich der lokalen Epithelzellenvermehrung die kollagenen
Fasern des angrenzenden Bindegewebes gequollen und aufgelockert
erscheinen und dichte Netze feiner Fasern nachweisbar werden, die
I sich mit Resorcinfuchsin oder Orcein elektiv anfärben lassen, und
eine zweite Phase, bei der diese Veränderungen quantitativ zerstört
werden. Erst mit dieser Zerstörung tritt das Tiefenwachstum ein.
Um das Zustandekommen dieser Veränderungen, die als Sym¬
ptome einer kolloidchemischen Zustandsänderung aufgefasst
wurden2), aufzuklären, wurde lebenswarm entnommene Haut von
Mäusen. Ratten, Kaninchen und Menschen für 24 — 48 Stunden in
sterile Lösungen verschiedener organischer Säuren und Salze ein¬
gebracht und danach in derselben Weise fixiert und gefärbt, wie das
Tumorgewebe, von dessen Veränderungen unsere Untersuchungen
ausgegangen sind. Hierbei traten, abhängig von Konzentration und
Art der verwandten Stoffe — speziell unter Wirkung organischer
Säuren — , Veränderungen im Bindegewebe auf, die in grosser Voll¬
kommenheit den Veränderungen beim Teerkrebs entsprachen^ Hotz
B) Genauere Artbestimmung der Bakterien muss einer spateren Arbeit
Vorbehalten bleiben.
6) Arch. f. exp. Path. u. Pharm. 1900, 43.
Virch. Arch. 239 H. 1.
2) Vortrag im Aerztl. Verein Hamburg am 5. VI. 1923.
1146
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ihrer verschiedenen Konstitution ergaben die organischen Säuren im
wesentlichen formalgleiche Quellungsgrade der kollagenen Fasern3)
und gleichstarke Vermehrung der Resorcinfasern. Untersucht wurde
die Wirkung der Oral-, Zitronen-, Milch- und Dichloressigsäure, ihrer
Natrium-, Kalium- und Kalziumsalze, der Salze einiger mehrwertiger
Kationen, einiger Basen u. a. 4).
Aus dem Konzentrationsoptimum der Säuren für Quellung und
Anfärbbarkeit konnte bisher nicht geschlossen werden, welche von
ihnen im Organismus die Veränderung hervorbringt; unter Berück¬
sichtigung des geringen Diffusions- und Hydrolysevermögens der
Milchsäure im Gewebe nahmen wir an, dass eine Wirkung dieser
Säure vorlicgt, was sich am Gelatinemodell bestätigen Hess. Diese
Annahme erscheint dadurch wertvoll, dass durch sie das Wesen der
Krebsbildung auf bekannte Eigenschaften tierischer Zellen zurück-
fiihrbar wird. Auf Grund der Feststellung E m b d e n s sind tierische
Zellen fähig, Zucker durch einen gärungsartigen Vorgang unter
Milchsäurebildung aufzuspalten; die bei der Krebsbildung auftretende
Milchsäure wäre danach aufzufassen als Stoffwechselprodukt einer
bei der Krebszelle gesteigerten physiologischen Glykolyse5).
Diese Annahme gewinnt eine weitere Stütze durch die vor
kurzem erfolgte Mitteilung Warburgs*), dass Gewebe von Impf¬
tumoren imstande ist, aus zugesetztem Zucker Säure — mit Wahr¬
scheinlichkeit Milchsäure — zu bilden. Dabei soll das Krebsgewebe
aus Zucker mindestens 70 mal mehr Säure bilden, als normales
Gewebe.
Wenn wir auf Grund unserer Versuche annehmen, dass das
Wesen der ersten Phase bei der Krebsbildung eine Milchsäure¬
wirkung ist, ergibt sich die Frage, in welcher Weise die hierbei auf¬
tretenden Resorcinfasern zustande kommen. Beobachtungen am
Krebsgewebe und an der normalen Haut unter Säurewirkung Hessen
bisher die Frage nicht entscheiden, ob die Resorcinfasern durch Ent¬
quellung (Synaeresis) der kollagenen Fasern oder aus einem anderen
Material entstehen. Eine Entscheidung dieser Frage ist zu erwarten,
sobald die Bedingungen der zweiten Phase des Tiefenwachstums
— der Auflösung der kollagenen und Resorcinfasern — festgestellt
sind.
Der Nachweis von Milchsäure in der Einbruchszone des Kar¬
zinoms gibt die Möglichkeit, die zwei anfangs genannten allgemeinen
Eigenschaften der Krebszelle folgendermassen aufzuklären: Durch
die Glykolyse wird das Material zu der gesteigerten Vermehrung der
Krebszellen in dem angrenzenden Gewebe aufgeschlossen und die
als Stoffwechselprodukt der Glykolyse auftretende Milchsäure be¬
dingt durch kolloidchemische Zustandsänderung des Nachbargewebes
die erste Phase des Tiefenwachstums.
Aus dem bakteriologischen - serologischen Laboratorium der
Stadt Essen, Krankenanstalten (Dr. Hohn) und dem Krupp¬
schen Wöchnerinnenheim (S.-R. Dr. Qummert).
Eignet sich das Retroplazentarblut zur Serodiagnostik
der Syphilis?
Von. Dr. Joseph Hohn und S.-R. Dr. Ludwig Qummert.
Die Frage nach der Eignung des Retroplazentarblutes (RPIB1.)
zur Luesdiagnose vermittelst der serologischen Untersuchungsmetho¬
den wird von den Geburtshelfern sehr verschieden beantwortet.
Viele, wenn nicht die meisten von ihnen, verhalten sich hierzu ab¬
lehnend. Besonders in den Arbeiten von Krukenberg [l],
Brünn er [2], Stühmer und Dreyer [3] wird das RP1B1. auf
Grund der Untersuchungsergebnisse als ungeeignet angesehen zur
Ermittlung luetischer Infektionen. Den gleichen Standpunkt vertreten
Esch und Wieloch Dl, jedoch geben die beiden Autoren bereits
zu, dass mit der M e i n i c k e sehen Methode weit bessere Resultate
zu erzielen sind als mit der WaR.
Schon über die Verwertbarkeit der Untersuchungsresultate des
Schwangerenblutes überhaupt gehen die' Meinungen der Geburts¬
helfer weit auseinander, ja sie stehen sich im extremsten Fall dia¬
metral gegenüber. Wir sehen das, wenn z. B. Loeser [5l einen
gesetzlichen Wassermannzwang befürwortet und Opitz l6l auf
Grund der Untersuchungen von Stühmer und Dreyer [3] den
Standpunkt einnimmt, dass die regelmässigen Untersuchungen nicht
die darauf verwendeten Kosten und Mühen lohnen.
Bei einem derartigen Auseinandergehen der Meinungen in fach¬
ärztlichen Kreisen über den Wert der Blutuntersuchungen von
Schwangeren und Wöchnerinnen überhaupt und des RP1B1. insbeson¬
dere glauben wir, dass jeder Beitrag, der zur weiteren Klärung in dieser
Frage dienen kann, erwünscht ist. Wir wollen daher über unsere Er¬
fahrungen der Untersuchung des Retroplazentarblutes von 944 Wöch¬
nerinnen aus dem Wöchnerinnenheim Arnoldhaus in Essen berichten.
3) cf. die Befunde Kuhns, Kolloidchem. Beihefte XIV, 1921.
) Die ausführliche Wiedergabe der gemeinsam mit Dr. F. V. v. Hahn
ausgeführten Untersuchungen wird in der Kolloidzeitschrift erfolgen.
’) Auf die Bedeutung dieses Befundes zur Aufklärung der physiologischen
und pathologischen Prozesse, bei denen „Resorcinfasern“ vermehrt sind, sei
hier nur hingewiesen.
®) Klin. Wschr. 1923 Nr. 17.
Nr. 36
Das Arnoldhaus für Wöchnerinnen ist eine Stiftung der Familie Krupp1
v. Bohlen u. Haibach für die Frauen Kruppscher Werksangehöriger, der Be-
amten und Arbeiter des Werkes. Die Geburten vollziehen sich unter der
Leitung von Hebammen. Soweit ärztliche Hilfeleistung in Frage kommt
wird sie von dem einen von uns (Gümmer t) geleistet, unter dessen Lei¬
tung die Anstalt steht.
Von 1921 ab wurden regelmässige Untersuchungen des RP1B1. der
Wöchnerinnen nach Wassermann im bakteriologischen Institut
(H o h n) vorgenommen. Wir beobachteten dabei zahlreiche unspezi¬
fische Hemmungen, so dass diese Untersuchungen wenig befriedigten.
Seit April 1922 fingen wir an, das RP1B1. neben der WaR. auch mit
den Präzipitationsmethoden zu untersuchen, und nur über diese I
Untersuchungen bis Mitte Februar 1923 wollen wir hier berichten
Dabei fallen die Blutproben im Oktober 1922, deren Untersuchung]
aus äusseren Gründen anderswo vorgenommen wurden, fort.
Die Entnahme des RP1B1. geschieht so, dass nach Ausstossung
der Plazenta das nachfolgende Blut womöglich in einem Strahl durch
Druck auf den Uterus in einem vorgehaltenen sterilen Reagenzglas ;
aufgefangen wird. Wenn in der ersten Probe, was zuweiien vor¬
kommt, sichtbare Verunreinigungen sich befinden, so wird eine zweite j
entnommen. Bis zur Untersuchung, die 2 mal wöchentlich stattfindet,
wird das Blut im Eisschrank aafgehoben. Dieser Modus der Blut¬
entnahme stellt sowohl für den Arzt, wie für die Wöchnerin die bc-j
quemste Art dar. Die Wöchnerin erfährt überhaupt nichts von der
Entnahme, bis ev. bei Luesverdacht eine Nachuntersuchung des Arm¬
venenblutes vorgenommen wird. Es wird somit jede Beunruhigung
und Aufregung von der Wöchnerin fcrngehalten, womit immerhin
die regelmässigen Entnahmen aus der Armvene verbunden sind. I
Auf Grund unserer Resultate, die an 944 Wöchnerinnen gewon-1
men sind, stehen wir, um es gleich vorwegzunehmen, auf dem
Standpunkt, dass sich das Retroplazentarblut zur Er¬
mittelung der Fälle von Lues vermittelst der sero¬
logischen Untersuchungen vollkommen eignet. Wir
verlangen aber dabei, dass neben der WaR. die Präzipitationsmetho- 1
den herangezogen werden, oder es genügen sogar, wie wir
zeigen werden, die Flockungsmethoden allein bei
der ersten Untersuchung des RP1B1. Wir fordern ferner,
dass das positive Resultat durch die Nachuntersuchung des Arm¬
venenblutes mit beiden Methoden kontrolliert wird.
Was zunächst die Zahl der auf diese Weise ermittelten Luesfällei
anbetrifft, so betrug sie bei 944 Wöchnerinnen 14, d. i. 1,48 Proz,1).
Es ist dies eine auffallend kleine Zahl, besonders wenn man hiermit i
andere Prozentzahlen vergleicht (Heynemann-Halle 10 Proz.,
P e t r l n i - Mailand 10,7 Proz., Sänger- München 9 Proz.). Alan
wird aber bei diesen letzteren Angaben zu berücksichtigen haben,
dass die Zahlen durch die WaR. allein gewonnen sind. Bei der ge- ]
ringen Anzahl von Luesfällen des Arnoldhauses wird man vor allem
das Milieu zu bedenken haben. Es handelt sich hier um verheiratete
Frauen Kruppscher Werksangehöriger, von denen 15 Proz. der
Beamten- und 85 Proz. der Arbeiterschaft angehören. Auch ander¬
wärts hat man die Erfahrung gemacht, dass die Zahl der Luesfällc
bei verheirateten Wöchnerinnen geringer ist als bei ledigen. So be- ]
richtete neuerdings Wagner [7l aus der Prager deutschen Um"1-]
versitäts-Frauenklinik über 5 Proz. positiver WaR. bei Verheirateten >
und 8 Proz. bei Ledigen. Die bedeutend niedrigere Lueszahl der
Wöchnerinnen des Arnoldhauses zeigt, dass trotz Krieg und allen I
Zeitumständen die Lues unter den Familien der Krupp sehen
Werksangehörigen bei weitem weniger verbreitet ist, als man wohl
durch Rückschluss anderer Zahlen hätte annehmen können. Dies gibt
uns die Berechtigung zu einem etwas optimistischeren Standpunkt
bezüglich der Ausbreitung der Lues, als er jetzt allgemein eingenom¬
men wird, zumal auch für die Familien des Arbeiterstandes. Viel¬
leicht lassen sich hierin Früchte der vom Staat und den Aerzten ge¬
leisteten Arbeit zur Bekämpfung der Lustseuche bereits erkennen.
Auf Grund der früheren Untersuchungen des RPIB1. waren wir
uns von vornherein darüber klar, dass die WaR. allein nicht zu einem
eindeutigen Resultat führen konnte. Wir kombinierten daher von
April 1922 ab die WaR. mit den Präzipitationsmethoden, und zwar
wurden 462 Proben zugleich mit der älteren MTR. untersucht. Bei
482 Proben wurde die WaR. mit DM. und SGR. verbunden; daneben
wurde als dritte Präzipitationsmethode die HO.-Modifikation fsl der
DM. und SGR. herangezogen. Ferner wurden als dritte Methode
neben DM. und SGR. bei einer grossen Zahl von Untersuchungen die
stabilen Wa. -Extrakte nach der Methode des einen von uns (Hohn ■
[8]) verwendet.
Bei dieser Kombination von WaR. und Flockungsmethoden er¬
hielten wir- in 49 Fällen einen positiven Ausschlag mit der WaR. Von *
diesen 49 Wa.-positiven Fällen stimmten aber nur 14 überein mit den i
positiven Präzipitationen, und nur diese 14 konnten durch die spätere
Nachuntersuchung des Annvencnblutes der Wöchnerinnen endgültig
mit beiden Methoden als positiv festgestellt werden. Wir hatten i
also 35 unspezifische Hemmungen mit der WaR., d .i.
3,7 Proz., während die Präzipitationen in keinem
Fall unspezifisch ausfielen. Die Zahl von 3,7 Proz. uu-
spezifischer Reaktionen bei der WaR. des RP1B1. ist gering zu be- '
') Vom Februar d. J. bis zum Abschluss der Arbeit Ende Mai wurden
weitere 346 RPIBI.-Proben untersucht mit 6 positiven Fällen. Die Gesamtzahl
der in der Berichtszeit Untersuchten beträgt somit 1290 mit 20 positiven
Resultaten = 1,55 Proz.
September 192.3.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1147
chiien gegenüber anderen Angaben, z. B. Winkler 1 9] 6,5 Proz.,
ühmer und Dreyer 10 Proz. In allen Fällen von Hemmung
• WaR. des RP1BI. wurde ohne Rücksicht auf das Resultat der Prä-
itationen eine Nachuntersuchung des Armvenenblutes vorgenom-
n, und zwar meist 6—7 Tage nach der Geburt, so dass diese Nach¬
ersuchungen mit der späteren aufgestellten Forderung von Escli
I Wie loch 1 4] übereinstirnrnen. Hierbei zeigte sich, dass nur
Wa.-Proben des RP1B1. als positiv anzusehen waren, bei denen
h gleichzeitig mit den Präzipitationsmethoden ein positives Re-
tat erzielt worden war .Wir können also als Richtlinie aufstcllen,
-s bei allen Proben von RP1B1., bei denen ein negativer Präzipi-
;onsausfall neben einer positiven WaR. eintritt, die WaR. von
nherein als unspezifisch verdächtig erscheint. Wir haben dagegen
neu Fall feststellen können, der in der primären Untersuchung des
1BI. mit den Flockungsreaktionen positiv ausgefallen wäre und in
Nachkontrolle des Armvenenblutes negativ reagiert hätte. Es
ab sich somit stets eine Uebereinstimmung des Resultates der
sflockungsmethoden des RP1B1. mit dem der Nachuntersuchung
Armvenenblutes der Wöchnerin. Die Präzipitations-
■thoden haben sich demnach bei der Unters u -
u ng des RP1B1. der WaR. überlegen erwiesen.
Was nun die 14 so ermittelten Luesfälle anbelangt, so ergaben
klinische Untersuchung und die anamnestischen Feststellungen, die
m Versagen der Frau auch auf den Ehemann ausgedehnt wurden,
cendcs:
Bei 4 Frauen konnte die Lues auch klinisch festgestellt werden. 3 Wöch-
innen gaben an, dass sie schon früher wegen Lues behandelt worden
en. ln den 7 weiteren Fällen war den Frauen nichts von Lues be-
nt. Bei 4 von diesen konnte bei den Ehemännern festgestellt werden,
s sie vor der Ehe syphilitisch infiziert waren. Bei 3 Fällen gaben auch
Ehemänner keine syphilitische Infektion zu. Bei diesen Wöchnerinnen
den wir zu einem bestimmten Untersuchungsergebnis dadurch zu kommen,
5 wir längere Zeit nach der Geburt das Blut der Frauen und ihrer Männer
Bakteriologischen Institut nochmals entnahmen und untersuchten. Dabei
;te sich bei dem ersten Ehepaar, dass das Blut von Mann und Frau nach
Monat stark positiv reagierte. Der Mann gab an, dass die Frau im
mg der Ehe an reichlichem Ausfluss gelitten habe; die Frau, jetzt 22 Jahre
war früher Dienstmädchen gewesen. Im 2. Falle reagierte das Blut der
u nach l/i Monat stark positiv, das des Mannes bei zweimaliger Unter-
mng negativ. Die jungverheiratete, 27 Jahre alte Frau gab zum Schluss
dass sie vor der Ehe mit einem Mann verlobt gewesen sei, von dem sie
II 'nfiziert sein könne. Endlich bei der dritten Frau ergab das Blut
Monate nach der Geburt ebenfalls wieder eine stark positive Reaktion.
$e Frau gab bei der Blutentnahme an, dass ihr Mann gestanden habe,
der Ehe syphilitisch infiziert gewesen zu sein.
Dass wir mit unseren Untersuchungen alle Luesfälle erfasst
en, dürfen wir wohl annehmen, da die 7 klinisch schon verdäch-
n Fälle sämtlich von den Reaktionen erfasst worden sind. In
ällen hat aber erst die serologische Untersuchung die Lues aufge-
kt, und hierin liegt der Hauptwert der RP1B1. -Untersuchung für
tter und Kind. Noch segensreicher würden zweifellos, worin wir mit
tgner [7] vollkommen eins gehen, die Blutuntersuchungen sein,
in sie in der 1. Hälfte der Schwangerschaft erfolgten, wobei ein-
noch jegliche Beeinflussung des Blutes durch die Gravidität fehlt,
n aber auch bei festgestellter Syphilis eine Bekämpfung der kind-
en Lues durch Behandlung der Mutter möglich wäre.
Was die Untersuchungen des Nabelvenenblutes anbe-
?t, so haben wir sie in 556 Fällen durchgeführt. Es zeigte sich
r, dass auch in Verbindung mit den Flockungsmethoden wegen
Stabilität des Serums der Neugeborenen die Resultate bei den
itiven mütterlichen Fällen zu unregelmässig waren, um irgend
as auszusagen über den Gesundheitszustand des Kindes, und
in stimmen wir mit anderne Untersuchern überein. Bald versagte
eine Methode, bald die andere, mehr noch die Präzipitation als
WaR. Wir haben daher von weiteren Untersuchungen Abstand
ommen. Es kommt ja vor allem darauf an, zu wissen, ob die
tter als luetisch infiziert zu betrachten ist. Bei unbehandelten
ien müssen wir dann annehmen, dass auch das Kind syphilitisch
und dass sich bei ihm nach kürzerer oder längerer Zeit Symptome
;en werden, deren Deutung allerdings für den behandelnden Arzt
er Umständen ohne Kenntnis der mütterlichen Syphilis sehr
wierig, wenn nicht überhaupt unmöglich sein kann. Sämtliche
der der syphilitischen Mütter des Arnoldhauses boten bei der
lassung keinerlei Symptome. Bei der Bodenständigkeit der
uppschcn Werksangehörigen werden wir versuchen, das Schick-
dieser Kinder weiter zu verfolgen. Der Wert der Untersuchungen
t also vor allem für die Kranken des Wöchnerinnenheims darin,
s die Wöchnerinnen auf Grund der Blutuntersuchungen in Ver¬
lang mit der klinischen Untersuchung und den anamnestischen Er-
ungen auf die Lues aufmerksam gemacht werden und die ent-
ichenden Anweisungen bekommen über das Verhalten für sich
’st, das Neugeborene und die weitere Nachkommenschaft.
Wir gehen nun auf die Frage der so häufig beobach-
en unspezifischen Reaktionen bei der WaR. des
‘Bl. ein. Wir konnten, wie gesagt, dieses Vorkommnis in 35
en feststellen.
Zunächst kann man ganz allgemein sagen, dass es sich hierbei
it um Stoffe im Serum handelt, die etwa durch den veränderten
misrnus infolge der Schwangerschaft die Komplementbindung in
WaR. irgendwie in spezifischem Sinne der Reaktion beeinflussen, j
in wir sehen ja in den Präzipitationen ein einwandfreies negatives 1
Nr. 36.
Resultat in Uebereinstimmung mit der Nachuntersuchung des Arm¬
venenblutes. Im Wesen beruhen ja beide Methoden, die WaR. und die
Präzipitation, auf dem gleichen Prinzip der Lipoidbindung. Nur kom¬
men sie auf verschiedenen Wegen zur Anzeige des Resultats. Aus
dem differenten Verhalten von WaR. und Präzipitation im RP1B1.
(Wa.-positiv gegenüber Präz.. -negativ) machen wir daher direkt den
Schluss auf das unspezifische Verhalten des Serums in der WaR.
Von den verschiedenen Autoren werden zur Erklärung der so
häufigen unspezifischen Hemmungen in der WaR. des RP1B1. immer
wieder bakterielle Verunreinigungen des Serums herangezogen. Wie
verhält es sich nun hiermit bei unseren Proben? Gerade auf diesen
Punkt haben wir von Anfang unser Augenmerk gerichtet und immer
wieder die Serumproben auf Sterilität geprüft. Wir kommen auf
Grund von Hunderten solcher Untersuchungen zu dem Schluss, dass
das RP1B1., welches auf die obenangegebene Art
entnommen ist, so steril ist, wie die sonstigen
einem Untersuchungslaboratorium zugehenden
Blutproben. Wir benutzen das Serum des RP1B1. sogar mit Vor¬
liebe als Zusatz zum Nährboden, z. B. bei der Gonokokkenzüchtung,
wobei an das Serum die höchsten Anforderungen in bezug auf Ste¬
rilität gestellt werden müssen. Wir sind zuletzt aus Sparsamkeits¬
gründen dazu übergegangen, nur die RPlBl.-Proben, die eine unspe¬
zifische Hemmung in der WaR. ergaben, auf Sterilität zu prüfen:
Sämtliche Proben — es sind im ganzen 15 gewesen — erwiesen sich
steril. Wir können also die auf die obenbeschriebene Weise entnom¬
menen RPlBl.-Proben als keimfrei betrachten und stellen fest,
dass die unspezifischen Hemmungen bei den von
uns untersuchten Sera nichts mit bakterieller Ver¬
unreinigung zu tun haben. Wir wollen damit keineswegs
sagen, dass nicht bakterielle Verunreinigungen resp. deren Folge¬
zustände zu unspezifischen Ausschlägen bei der WaR. führen können,
und gehen auf diesen Punkt noch ein.
Die Frage nach der Natur der im RPl.-Serum bei der WaR. be¬
obachteten Hemmungskörper (HgKp.) beschäftigten den einen
von uns (Hohn) besonders, und wir wollen im Nachfolgenden die
experimentellen Studien hierzu im Zusammenhang mitteilen, behalten
uns dabei vor, die ausführlichen Protokolle an anderer Stelle zu ver¬
öffentlichen.
Es ist bekannt, dass das Resultat der WaR. durch gewisse Substanzen
im positiven Sinn beeinflust werden kann. So zeigte zuerst M a h 1 o [10],
dass Glykokoll in Verdünnung 1: 10 bis 1: 1000 000 in vitro Hemmung bewirkt;
desgleichen sind hierzu Leucin, Tyrosin, Dimethylharnstoff imstande. Bach-
mann LllJ konnte diese Resultate nachprüfend bestätigen. Von besonderem
Interesse für uns war die Prüfung der Beeinflussung des RP1B1. in den
Präzipitationen durch Zusatz solcher Substanzen. Wir benutzten hierzu das
Glykokoll (Kahlbaum). Glykokoll (Amidoessigsäure, Leimsüss, Leimzuck jrj
stellt farblose, luftbeständige, monokline Kristalle dar, die sich im Wasser
leicht lösen. Es wurde von einer Lösung 1: 10 dem RP1B1. 0,1 ccm zugesetzt,
und dann wurden die WaR. sowie die Präzipitationen vorgenommen. Es
zeigte sich, dass Hemmung der WaR. eintritt, wie das auch Bachmann
sah, und zwar regelmässig, wenn man mit der einfachen Komplementdosis,
weniger regelmässig, aber noch in zahlreichen Proben, wenn man mit der
doppelten Komplementdosis arbeitet. Regelmässig tritt Hemmung ferner ein,
wenn man die doppelte Glykokolldosis, also 0,2 ccm, zusetzt auch bei dop¬
pelter Komplementdosisj Auf die Präzipitationen dagegen
Glykokoll gar keinen Einfluss: die negativen
Proben blieben einwandfrei negativ auch bei Zusatz von 0,2 Glykokoll. Posi¬
tive sonstige Blutproben — wir untersuchten 20 — flockten nach Glykokoll-
zusatz genau so prompt wie im Hauptversuch. Wir gingen dabei mit der
Glykokolldosis sogar bis 0,3 ccm. Diese Präzipitationsversuche wurden in
der DM. und SGR. durchgeführt. Nicht unerwähnt wollen wir lassen dass
auch bereits Meinicke [12] fand, dass Glykokoll und Leucin keinen Ein¬
fluss ausübten auf den Floc'kungsprozess seiner zweizeitigen Methode (MR.).
Das Glykokoll ist demnach eine Substanz, welche Hemmung der WaR. her-
vorrufen kann, also einen HgKp. für die Komplementbindung darstellt, während
dte Flockungsreaktionen gänzlich unberührt davon bleiben.
Man kann auch HgKp. der WaR. künstlich im Serum erzeugen, und zwar
durch Bakterieneinwirkung. Dönges [13] hat bereits früher auf die Hem¬
mungen infolge von Bakterienverunreinigung hingew'iesen. Es konnte nun zu¬
nächst gezeigt werden, dass durch Einimpfen von Bakterien in steriles Serum
HgKp. entstehen. Zu diesen Versuchen benutzten wir Staphylokokken, Bact.
coli und Cholerabazillen. Die Röhrchen wurden während der Versuchsdauer
bei 37 gehalten zusammen mit einer Karbolserumkontrolle. Die HgKp.
traten langsam auf z. B. bei Einwirkung von Cholera (auf 8 ccm Serum
1 Oese Kultur) nach 6 10 Tagen bei 37°. Man kann nun ferner zeigen,
dass die Hemmung unabhängig ist von der Anwesenheit der Bakterien.
1 ötet man nach Auftreten der HgKp. die Mikroorganismen durch Zusatz von
0,5—0,75 Proz. Karbol bei weiterem Aufenthalt im Brutschrank und zentri-
AKi!.er* Sle a*D’ c‘ann behält das Serum die Hemmung. Es müssen also Körper,
Abbauprodukte des Eiweiss, infolge der Bakterienwirkung entstanden sein,
die inaktivierend auf das Komplement wirken und dadurch zur Hemmung der
Hämolyse führen.
Es war nun die weitere Frage, lassen sich solche Spaltprodukte im
Serum mit einfachen Reaktionen nachweisen. Zu diesem Zweck experimen¬
tierten wir mit den Indolbildnern Koli und Cholera. Man nahm bisher an, dass
Indolbildung durch diese Bakterien nur aus angedauten Eiweisskörpern mög¬
lich sei, die also in die Albumose- oder Peptonstufe umgewandelt und demnach
schon reich an Tryptophan sind. Am besten zur Indolbildung eignet sich
ja bekanntlich die Hottingerbouillon, die infolge der Pankreatinverdauung
des Fleisches überreich an Tryptophan ist. Zdansky [14] fand, dass die
Peptone sich verschieden gut zur Indolbildung eignen je nach ihrem Gehalt
r n Trypt?pban. Es konnte nun gezeigt werden, dass die
Indolbildner auch aus Serum, also aus nativem,
genuinem Eiweiss in vitro Indol erzeugen können. Das
j.eruJP> w‘e w*r es inaktiviert zu den Reaktionen benutzen, enthält bereits
die Tryptophangruppe wahrscheinlich in gebundener Form, wie man mit der
MÜNCHENER MEDIZINISCH!: W< )CU UMSCHRIFT.
Nr. :
!148
Qlykoxylsäurereaktion nach Hopkins nachweisen kann. Mischt man nun
2 ccm steriles Serum mit 8 ccm eiweissfreier Stammnährlösung nach Zipfel
[15] und beimpft die Röhrchen mit Koli resp. Cholera, so zeigt sich, dass
nach 4 — 5 Tagen Indol auftritt, welches sich mit der Zeit, etwa nach
10 Tagen zu einem Maximum steigert. (Nachweis mit Böhmes Aldehyd¬
reaktion.) Man kann auch so Vorgehen, dass man von Zeit zu Zeit 1 ccm
aus dem mit den Bakterien beimpften Seren entnimmt, mit 4 ccm phys. NaCl-
Lösung mischt und nun die Indolprobe anstellt. Bei 8 ccm Serum und
1 Oese Cholerakultur erhält man etwa am 10. Tage eine positive Indolreaktion.
Die Indolbildung aus Serumeiweiss tritt also bedeutend langsamer auf, als
wenn man den Bakterien tryptophanhaltige Nährflüssigkeit bietet. Und
nun ergab sich, um auf die HgKp. der WaR. zurückzu¬
kommen, dass das Auftreten derselben parallel ver¬
läuft mit dem Erscheinen des Indols im Serum. Die unter
denselben Bedingungen gehaltene mit 0,5- — 0,75 Proz. Karbol versetzte, sterile
Serumprobe zeigte keinerlei Hemmung. Die HgKp. treten dann bald so reich¬
lich auf, dass es zur Eigenhemmung des Serums kommt. Frühzeitiger lassen
sich die HgKp. nachweisen, wenn man mit schwächeren Systemen arbeitet
ganz analog den Glykokollversuchen. Wir wollen nun nicht behaupten, dass
das Indol allein der gesuchte HgKp bei Koli und Cholera sei, sondern wir
betrachten dasselbe als den Exponenten einer Reihe von Abbauprodukten des
Eiweiss, die erst in ihrer Gesamtheit zur Systemhemmung führen.
Bei den mit Staphylokokken beimpften Sera standen keine sinnfälligen
Reaktionen zur Verfügung, die uns die Umsetzung des Eiweiss anzcigen konn¬
ten, und doch traten gerade bei diesem Bakterium die Hemmungen vielfach
rascher und intensiver auf als bei den Indolbilnern. Hier zogen wir den
Tierversuch zum Nachweis der Abbauprodukte heran. Injiziert man das
Serum in Mengen von 0,5 — 0,2 — 0,1 ccm weissen Mäusen subkutan, nachdem
Hg.-Kp. aufgetreten sind und man durch 0,5 — 0,75 Proz. Karbolzusatz bei
37 0 die Bakterien abgetötet hat, so treten fast momentan die schwersten
Erscheinungen besonders bei den mit 0,5 ccm injizierten Tieren äuf: Die
Mäuse lagen schnell atmend auf der Seite, das Fell gesträubt, die Hinter¬
extremitäten abgespreizt, mit krampfartigen Zuckungen über den ganzen
Körper. Kontrolltiere, mit sterilem Karbolserum gespritzt, zeigten keine Re¬
aktionen. Die Tiere erholten sich im Laufe des Tages rascher oder lang¬
samer je nach der injizierten Serumdosis. Ein Tier kam am nächsten Tage
zum Exitus; das Herzblut war steril. Diese Versuche zeigen also, dass unter
der Einwirkung von Staphylokokken Eiweiss-Spaltprodukte entstanden sind,
die einmal in hohem Maasse toxisch auf den Mauskörper wirken, andererseits
Hemmungen bei der WaR. hervorrufen.
Wir glauben, aus den unspezifischen Hemmungen des RPl.-Se-
rums in der WaR., aus den Glykokollversuchen, aus den künstlich
durch Bakterieneinwirkung im sterilen Serum erzeugten Hemmun¬
gen in Verbindung mit dem gleichzeitigen Auftreten von
Indol resp. der Auswirkung im Tierversuch den Schluss
ziehen zu können, dass die HgKp. aus Spaltprodukten
des Eiweiss bestehen, die als abnorme Substanzen des inter¬
mediären Stoffwechseln sich im RP1B1. befinden. Diese HgKp. können
einmal im Blut der Wöchnerinnen und Schwangeren kreisen und so
der Ausdruck eines abnormen Stoffwechsels sein; dann können diese
Substanzen ausserdem bei der Entnahme des RP1B1. in dieses hinein¬
gelangen aus dem Fruchtwasser, den Geweben des Geburtstraktus
und der Blase. Wir haben uns vorzustellen, dass diese HgKp. unter
dem Einfluss der letzten Schwangerschaftsmonate, dem Geburtsakt
und der beginnenden Laktation im Blut auftreten. Zu suchen haben
wir sie wahrscheinlich in der Gruppe der organischen Säuren
(Aminosäuren), die durch ihre Wirkung das Komplement in der WaR.
inaktivieren und dadurch zur Hemmung der Hämolyse führen, d i e
aber — und das ist das Praktisch-Wichtige aus die¬
sen Untersuchungen — den Präzipitationsprozess
auch im RP1B1. nicht beeinflussen. Von anderen Autoren
werden die unspezifischen Hemmungen der WaR. bei Wöchnerinnen
und Kreissenden auf den gestörten Lipoidstoffwechsel bezogen, was
in einer Vermehrung des Cholesteringehaltes im Serum seinen Aus¬
druck finden soll.
Von diesen Untersuchungen fällt vielleicht ein Licht auf die un¬
spezifischen Hemmungen der WaR., wie sie auch bei einer Reihe von
anderen Krankheiten beobachtet werden, z. B. bei Scharlach, bei
Pneumonie in der Krise, bei Karzinomatose, bei Bakteriämie usw.
Weitere Untersuchungen in dieser Richtung sind eingeleitet. Von
hier aus wäre dann auch der Versuch zu machen, die Komple¬
mentinaktivierung zu einer Untersuchungsmethode ganz allgemein
auf abnorme Substanzen des intermediären Stoffwechsels bei ver¬
schiedenen Krankheitsprozessen auszugestalten, ein Weg, der nach
unseren ersten Versuchen gangbar zu sein scheint.
Bei der Untersuchung des RP1B1. haben sich uns also die Prä¬
zipitationsmethoden der WaR., die so häufig dabei zu unspezifischer
Hemmung neigt, zweifellos überlegen erwiesen. Wir sind daher der An¬
sicht, dass die WaR. bei der Prüfung des RP1B1. entbehrlich wird.
Wir verlangen aber bei der Kontrolluntersuchung des Armvenen¬
blutes der betreffenden Wöchnerinnen, 7 Tage nach der Geburt, die
Kombination der Präzipitationen mit der WaR. Denn für den Unter¬
sucher gewinnt das Endresultat um so grössere Sicherheit, wenn auf
verschiedenen Wegen das gleiche Ziel erreicht wird. Aus diesem
Grunde bevorzugen wir auch bei der primären Untersuchung des
RP1B1. mit der Präzipitation das Arbeiten mit verschiedenartigen
Extrakten.
Zur Frage der Flockungsmethoden des RP1B1. noch einige
Bemerkungen:
Sehr bewährt hat sich hier in letzter Zeit die Verbindung der DM. in HO.-
Modifikation (also 0,4 Serum ü. 0,25 Extrakt) [8] und der neuen Aktivmethode
M e i n i c k e s [16], Zeitweise haben wir auch mit der SGR. gearbeitet,
vielfach auch hier in der HO-Modifikation. Letztere eignet sich nach unseren
weiteren Erfahrungen besser in Verbindung mit dem DM.- als mit dem SG.-
Exlrakl. Auf Grund unserer Erfahrungen müssen wir das SG. -Extrakt als
ein labiles bezeichnen; bekannt sind die gelegentlichen Flockungen desselb
auch mit dem Serum von Geschwulst-, lnfektionskranken und Tuberkulöse 2
Es wirkt sich diese an sich schon vorhandene Labilität des Extraktes no
mehr in der HO-Modifikation aus. Im Gegensatz zu dem SG.-Extrakt ka
man das DM.-Extrakt als ein schwerfälliges, hartes charakterisieren, welch!
zu wenig anzeigt, aber durchaus spezifisch flockt. Es kommt erst zu seir
vollen Wirksamkeit in der HO-Modifikation. Eine fast völlige Uebereinstii
mung ergab sich zwischen der neuen Aktivmethode M e i n i c k e s mit vt
dünntem, cholesterinfreiem MTR.-Extrakt und der DM. in HO-Modifikatii
so dass die interessanten Ausführungen Meinickes [17] zu der Arbeit d
einen von uns (H o h n [8]) dadurch ihre volle Bestätigung finden. . Wir 1
nützen diese beiden Präzipitationsmethoden mit dem besten Erfolg jetzt at ,
schliesslich bei der Untersuchung des RP1B1.
Ganz nebenher erwähnen wir, dass das RP1B1. für die Präzipitation
besonders gut zentrifugiert sein muss, damit das Serum durchaus klar u i
frei von korpuskularen Elementen ist. Ein einfaches Absitzenlassen ütl
Nacht, wie es wohl hier und da vorgenommen wird, mit Abpipettieren d
Serums genügt für die Flockungsreaktionen keineswegs.
Einen anderen Punkt bei den Präzipitationen wollen wir dann noch ku
berühren: das ist der Begriff der „Frische“ der Sera. Die Autor
legen auf diese Eigenschaft des Serums für die Flockungsreaktionen gross
Gewicht. Es handelt sich aber nach unseren Untersuchungen nicht so sei
um die „Frisch e“ der Sera als um die normale „Dicht e“ derselbe!
Ein Serum kann frisch sein und doch eine veränderte Konzentration habil
z. B. durch Hämolyse, durch abnormen Fettgehalt; es eignet sich dann wenid'
zur Ausflockung, während es für die WaR. durchaus brauchbar sein kann. Durl
Eintrocknungsversuche kann man den Einfluss der Dichte auf das verschiede!
Verhalten der Sera in der WaR. und den Präzipitationen zeigen: trocknet mi
abgemessene Mengen von positiven Proben, also 0,1 resp. 0,2 ccm, wie :
zur WaR. und zur SGR. gebraucht werden, über Nacht bei 37° ein — vl
benutzten hierzu wie überhaupt zur WaR. kurze, weite Reagenzgläser vl
4 cm Höhe und 1,5 cm Weite — nimmt dann das getrocknete Serum in 0
resp. 1,0 NaCl-Lösung wieder auf und stellt nun die WaR. bzw. die SGR. .!
so sieht man, dass die WaR. ganz normal verläuft, während die Präzipitati:
versagt. Infolge veränderter Konzentrationsverhältnisse sind die Widl
stände so gestiegen, dass der feine Flockungsprozess nicht mehr dem Au(
sichtbar erfolgt, während die Komplementbindung, die ja auf einem ulti
visiblen Flockungsprozess beruht, unbeeinflusst bleibt. Im Zusammenha
hiermit sind die Untersuchungen Bachmanns [18] bemerkenswert, c
durch interferometrische Messungen zeigte, wie verschieden die Dichte eit
Serums sein kann sogar von derselben Person zu verschiedener Tagesze
Auch durch Inaktivieren tritt nach seinen Messungen eine Verschiebung i
Dichte ein. Es genügt auch schon allein der Aufenthalt eines positiv
Serums bei 37° unter Karbolzusatz für einige Tage, um den Flockungsprozi
durch Verschiebung der Dichte zu unterdrücken, während die WaR. dadui
unbeeinflusst bleibt. Bereits der 0,5 proz. Karbolzusatz reicht hin, um d
Flockungsprozess wesentlich abzuschwächen, auch wenn das Serum dabei
Eisschrank aufgehoben wird, während die WaR. wiederum normal verläi
Man kann also im Gegensatz zur WaR. die Sera für die Flockungsreaktion
durch Karbol nicht konservieren.
Das gleichzeitige Ansetzen der RPl.-Sera mit verschiedenen Präzij
tationsextrakten bevorzugen wir, um dadurch das Maximum der positiv)
Fälle zu erfassen. Man sieht immer einmal wieder, dass ein Serum auf eir
Extrakt nicht anspricht. Die gleiche Beobachtung macht man auch hei dl
Präzipitationsmethoden gegenüber der WaR. Beim Armvenenblut wird c
Maximum der positiven Fälle nur durch die Kombination der Kompleme
bindung und der Präzipitationen, sämtliche Reaktionen mit verschiedenen I
trakten angesetzt, erreicht werden können.
Wir setzen die Präzipitationen bereits am Abend vor dem Wa.-Tag ;
so dass die Resultate zusammen mit denen der WaR. abgegeben werdi
können. Auf diese Weise sind wir auch am Wa.-Tag schon über die posi;
flockenden RP1B1. -Proben unterrichtet und können diese zugleich in o
WaR. mituntersuchen. Um ein doppeltes Pipettieren zu vermeiden, füli
wir auf Grund der Eintrocknungsversuche auch die Wa-Sera schon am Abe
vorher ein und heben die Röhrchen über Nacht im Eisschrank auf, so dass
Wa.-Tag sofort mit der Zugabe der NaCl-Lösung begonnen werden kann.
Die Präzipitationen werden prinzipiell mit der Lupe (Coddiapton-) geg
eine künstliche Lichtquelle abgelesen, die Trübungsreaktionen Vorschrift
mässig bei Tageslicht.
Auf Grund der Untersuchungen des RP1B1. von 944 Wöchr
rinnen des Arnoldhauses kommen wir zusammenfassend zu d<
Endergebnis, dass das Retroplazentarblut durchaus zur sero
gischen Luesuntersuchung bei der obenangegebenen Art der Ei
nähme geeignet ist. Bei der primären Untersuchung des RP1B1. fl
nügen für die Serodiagnostik der Syphilis die Präzipitationsmethod
unter Verwendung verschiedenartiger Extrakte. Im Fall der positiv:
Flockung ist bei der Kontrolluntersuchung des Armvenenblut
7 Tage nach der Geburt die Kombination der Präzipitationen und d
WaR. zu fordern. Die klinische Untersuchung und die anamnestisch
Erhebungen, die sich eventuell auch auf den Ehemann zu erstreck
haben, ergänzen und sichern den serologischen Befund.
Wir glauben, auf Grund dieser Untersuchungen verlangen .
müssen, dass die Hebammenschülerinnen in den Lehranstalten F
der kunstgerechten Entnahme des RP1B1. vertraut gemacht werd
sollten, damit sie in der Praxis bei Luesverdacht auf Veranlasst
des Arztes oder aus eigenem Antrieb eine solche Probe richtig '
entnehmen in der Lage sind.
Literatur.
1. Kruckenberg: Zschr. f. Geburtsh. 74. — 2. Brünner: Msc,
f. Geburtsh. 57. — 3. Stühmer und Dreyer: Zschr. f. Geburtsh. 84.
4. Esch und W i e 1 o c h: M.m.W. 1922 Nr. 25. — 5. L o e s e r: Zbl. f. 0
1920 Nr. 44. — 6. O p i t z: Zbl. f. Gyn. 1921 Nr. 22. — 7. W a g n e r: M.
1923 Nr. 1. — 8. H o h n: M.m.W. 1922 Nr. 51. — 9. W i n k 1 e r: M. Kl. 1 :
Nr. 4. — 10. Mahlo: Beitr. z. Klin. d‘. Infekt. Krkh. 1913. — 11. Bac
mann: Zschr. f. Immunitätsf. 33. — 12. M e i n i c k e : D.m.W. 1919 Nr. 7.
13. Dönges: Zschr. f. Hyg. u. Infekt. Krkh. 75. — 14. Zdansky: Zbl
Bakt. 89. — 15. 7. i p f e 1: Zbl. f. Bakt. 64. — 16. M e i n i c k e: D.m.W. 1 '
| Nr. 23. — M ei nicke: D.m.W. 1923 Nr. 2. — 18. Bach mann: Zsc-
1 f. Immunitätsf. 33.
1149
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
September 1923.
s der äuss. Abt. des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt.
(Leiter: Prof. Werther.)
Pachtungen zur Frage des Leukozytensturzes nach
trakutanimpfungen, besonders bei allgemeinen Der¬
matosen.
Von Dr. med. Werner Müller.
Das rege Interesse, das die Untersuchungen von E. F. Müller
er den Leukozytensturz nach intrakutanen Injektionen gefunden
ben, ist zum grossen Teil darauf zurückzuführen, dass eine cigcn-
:ige, in ihrem Wesen neue Beziehung zwischen Haut und Gesamt-
ganismus, speziell den weissen Blutkörperchen des peripheren
•fässgebiets, gefunden wurde. Erneut wird dadurch die Tatsache,
ss die Haut neben ihren Funktionen nach aussen auch bedeutungs-
lle nach innen gerichtete besitzt, in den Vordergrund gerückt.
F. Müller fand nach intrakutanen Injektionen von Aolan, physio-
jischer Kochsalzlösung, Luft usw. eine vorübergehende Verminde-
ng der Leuko'zytenzahl im peripheren Gefässgebict und
klärt diesen Leukozytensturz nach intrakutaner Injektion durch
■ukozytenverschiebung vom peripheren in das zentrale Gefäss-
biet. Auf Grund von pharmakodynamischen Prüfungen macht er
r diese Verschiebung der Leukozyten einen durch die intrakutane
jektion ausgelösten autonomen Reflex verantwortlich, der eine Er¬
eiferung der vom Splanchnikus versorgten Gefässe bewirke.
Auf Anregung von Herrn Prof. Werther habe ich an der
usseren Abteilung des Friedrichstädter Krankenhauses in Dresden
einer giösscren Anzahl von Fällen die Aenderungen der Leuko-
tenzahl nach intrakutanen Injektionen untersucht und konnte bis
i wenige Ausnahmen, auf die ich noch besonders eingehe, den von
F. Müller beschriebenen Leukozytensturz feststellen. Und zwar
hwankten die Leukozytenzahlensenkungen zwischen 25 und
Proz. der vor der Injektion festgestellten Leukozytenzahl . Der
urkozytensturz trat aber nicht nur nach intrakutanen Injektionen,
adern, wie bereits von anderer Seite berichtet, auch nach \ er-
hiedenen Hautreizen, auf. In den meisten Fällen war unmittelbar
ch der intrakutanen Injektion eine Leukozytensenkuug nachweis-
ir. In einigen Fällen war die maximale Leukozytendifferenz bereits
ich 2 — 3 Minuten erreicht, so dass man mit Recht von einem Leuko-
tensturz sprechen kann. Bei der Mehrzahl der Fälle wurde die
edrigste Leukozytenzahl 5 — 10 Minuten nach der intrakutanen Fi¬
ktion erzielt. Bemerkenswert erscheint mir dabei ferner, dass die
;nkung der Leukozytenzahl in der Regel rascher erfolgt als die
ückkehr zur Norm. Was die Intensität der Senkung anbelangt, so
heint jedem Individuum eine nur geringen Schwankungen unter-
orfene maximale Leukozytensenkung nach intrakutaner Injektion
izukommen, vorausgesetzt, dass unter gleichen äusseren Bedingun-
:n untersucht wird. Um diese möglichst gleichartig zu gestalten,
ibe ich bei jeder Intrakutanimpfung mit 0,5 Caseosan 3 Quaddeln
je % cm Abstand angelegt. So wies ein Kranker am 1. Unter-
ichungstage eine maximale Leukozytendifferenz von 30 Proz., am
eine von 36, am 3. eine von 32 Proz. auf, ein anderer am l.Unter-
jchuugstage eine Leukozytendifferenz von 52 Proz., am 2. eine von
1 und am 3. eine von 47 Proz. Andere Fälle verhielten sich ähnlich,
s ist nun die Frage, ob die Intensität der Leukozytensenkung von
er Beschaffenheit der Haut abhängt, ob dafür im Anschluss an die
eberlegungen von Glaser und E. F. Müller der Tonus des
egetativen Nervensystems verantwortlich gemacht werden kann,
der ob andere unbekannte Faktoren auf die Leukozytensenkung ein-
irken. Hoff und Waller beschuldigen bei einem Fall für das
usbleiben des Leukozytensturzes die welke Beschaffenheit der
aut. Ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass bei schlaffer atro-
hischcr Haut, besonders bei älteren Leuten, die Leukozytensenkung
ach intrakutaner Injektion häufig geringer ist als bei Jugendlichen;
och habe ich ein gesetzmässiges Verhalten nach dieser Richtung
in nicht feststellen können. Dagegen ist die Ansicht von Glaser
nd E. F. Müller, dass die Leukozytenzahl nach Auslösung von
trtonomen Reflexen Anhaltspunkte für die Tonusverhältnisse im
egetativer Nervensystem gibt, nicht von der Hand zu weisen,
edoch muss man sich vergegenwärtigen, dass die Leukozytenzahl
icht nur vom vegetativen Nervensystem bestimmt wird; es können
i.E. nur häufig vorgenommene Auszählungen und wiederholte Be¬
timmungen der Leukozvtendiffererrz nach intrakutanen Injektionen
inen Schluss auf den Tonus im vegetativen Nervensystem zulasren.
Nach subkutaner Applikation von 0,02 Pilokarpin sah ich in den
on mir untersuchten (4) Fällen ausgesprochene, langdauernde Lcu-
openie auftreten, so wie sie von E. F. Müller beschrieben wurde,
eukozytose. die Hoff und Waller in einem Fall nach Pilokarpin
gesehen haben und die nach Meyer und Gott lieb die Regel sein
oll, konnte ich an den von mir untersuchten Fällen nicht beobachten,
•lach subkutaner Adrenalinzufuhr beobachtete ich regelmässig Leu-
;ozytose, die durch intrakutane Injektion aufgehoben, zum I eil in
.eukonenie verwandelt wurde. Ausgesprochene. Leukopenie sah ich
lach Zufuhr von 0,01 Pikrotoxin subkutan. Diese Leukozyten sen-
;ung iibertrifft, besonders was die Dauer anbelangt, die durch mtia-
uitanc Injektion ausgelöste wesentlich. Bei einem Kranken, bei dem
ch vor der Pikrotoxininjektion 15 400 Leukozyten zählen sonnte,
-cnkte sich die Leukozytenzahl nach der Injektion allmählich auf 340 t
und erreichte erst nach 1 Stunde 35 Minuten wieder den ursprüng¬
lichen Wert. In einem anderen Fall senkte sich die Leukozytenzahl
von 7100 nach 40 Minuten auf 4800 und erreichte nach 1 Stunde
25 Minuten wieder den ursprünglichen Wert. Da dem Pikrotoxin
neben anderen Wirkungen eine zentrale Vaguserregung zukommt,
so liegt es nahe, diese Leukozytensenkung als autonome Reizung auf¬
zufassen und mit der nach Pilokarpin beobachteten Leukozytensen¬
kung in Parallele zu setzen. Nur in einem Fall, auf den ich wegen
fehlender Leukozytensenkung nach intrakutaner Injektion noch ein-
gehc, sah ich auf subkutane Pikrotoxinapplikation eine ausgespro¬
chene Leukozytose.
Bei der Untersuchung verschiedener Hautkranker auf Leuko¬
zytensenkung stiess ich auf einen Kranken, dessen seit Jahren am
linken Unterschenkel bestehendes Ekzem sich im Anschluss an eine
Skabies fast über den ganzen Körper ausgebreitet hatte. Ich injizierte
an einer unveränderten, nicht ekzematös erkrankten Hautstelle 0,5
Caseosan intrakutan. Die Quaddeln Hessen sich gut anlegen und
blieben bis zum Ende der Untersuchung bestehen. Eine wesentliche
Aenderung der Leukozytenzahl Hess sich nach der Injektion nicht
feststellen, eine 2., 3. und 4. Nachuntersuchung im Laufe der nächsten
Woche ergaben das gleiche Resultat. Auf 0,02 Pilokarpin subkutan
erfolgte ebenfalls keine Leukozytensenkung, und auf Pikrotoxin 0,01
subkutan trat im Gegensatz zu den obenerwähnten Befunden eine
Leukozytose ein, und zwar stieg die Leukozytenzahl von 6800 auf
1 1 400 nach 40 Minuten.
Einen zweiten ähnlichen Befund konnte ich bei einem 4 Wocnen
bestehenden, fast den ganzen Körper einnehmenden Salvarsanerythem
erheben. Auch hier Hess sich sowohl anfänglich wie bei Nachunter¬
suchungen kein Leukozytensturz nachweisen. Bei einem anderen, eben¬
falls längere Zeit bestehenden Salvarsanerythem trat auf intrakutane
Caseosaninjektion nur eine geringgradige Leukozytensenkung ein; die
Leukozytendifferenz betrug 15 Proz., während sie in der Norm nicht
geringer als 25 Proz. ist. Nachuntersuchungen ergaben auch in die¬
sem Fall das gleiche Resultat. Ich glaube, dass man deshalb hier von
einem abgeschwächten Leukozytensturz sprechen kann.
Bei einem fast generalisierten Ekzem konnte ich bei den beiden
ersten Untersuchungen keinen Leukozytensturz nachweisen; später,
als das Ekzem fast abgeheilt war, zeigte sich bei nochmaliger Prü¬
fung ein abgeschwächter Leukozytensturz mit 12 Proz. Leukozyten¬
differenz.
Ausserdem fand sich noch bei einer über den ganzen Körper
ausgebreiteten Dermatitis herpetiformis (D u h r i n g) ein abge¬
schwächter Leukozytensturz mit 13 Proz. Leukozytendifferenz; dreh
ist dieser Fall deshalb nicht zu verwerten, da das Anlegen der intra¬
kutanen Quaddeln wegen der Hautbeschaffenheit auf Schwierigkeiten
stiess.
Diese Befunde könnten zu der Ansicht verleiten, dass man bei
allen generalisierten Dermatosen einen fehlenden oder abgeschwäch¬
ten Leukozytensturz zu erwarten habe. Dem ist aber nicht so; ich
habe eine Anzahl von generalisierten Dermatosen mit vollständig
normalem Leukozytensturz untersuchen können, doch hat es den
Anschein, als ob vorwiegend lange bestehende generali¬
sierte Dermatosen einen fehlenden oder abgeschwächten Leukozyten-
sturz aufweisen.
Zusammenfassend wäre zu sagen, dass beim Normalen der auf
intrakutane Injektion eintretende Leukozytensturz eine Leukozyten¬
differenz von mindestens 25 Proz. bedingt und dass bei einigen gene¬
ralisierten Dermatosen fehlender und abgeschwächter Leukozyten¬
sturz beobachtet wurde. Die Versuche machen enge Beziehungen
zwischen Hautorgan und vegetativem Nervensystem wahrscheinlich,
und es ist besonders mit Rücksicht auf die N e v e r m a n n sehen
Untersuchungen zu vermuten, dass der Leukozytensturz nur als Teil
einer grossen, den Gesamtorganismus beeinflussenden Schutzfunktion
der Haut gegen äussere Einflüsse aufzufassen ist.
Literatur.
Müller: M.m.W. 1921 Nr. 29. — Müller: M.m.W. 1922 Nr. 43. —
Müller: M.m.W. 1922 Nr. 51. — Glaser: Med. Klinik 1922 Nr. 11. —
Nevermann: M.m.W. 1921 Nr. 5. — N e v e r m a n n: M.m.W. 1922 Nr. 4.
— Hoff und Waller: M.m.W. 1923 Nr. 22.
Aus dem Institut für Kolloidforschung zu Frankfurt a. M.
Silberkohle und Silberbolus.
Von Prof. Dr. H. Bechhold.
Die „Adsorptionstheorie“ kann zwar auf eine ehrwürdige Ver
gangenheit zurückblicken (schon Dioscorides empfahl 1 on gegen
Rotlauf Gifte usw.), aber erst im Weltkrieg hat sie eine ausgedehnte
Anwendung gefunden. — Ihr Grundgedanke ist folgender: Indifferente,
unlösliche Pulver mit grosser Oberflächenentwicklung haben die
Eigenschaft, viele gelöste und suspendierte Stoffe der Lösung zu
entziehen und festzuhalten. Es ist bekannt, dass man Bleicherde,
Fullererde zur Klärung von Flüssigkeiten, Oelen usw. verwendet;
Holz- oder Blutkohle entzieht gefärbten Lösungen den Farbstoff. Ls
gehörte früher ja zu den üblichen Schulversuchen, aus Rotwein Weiss¬
wein zu machen, indem man ihn mit Kohle schüttelte und filtrierte.
Auch Harn kann man durch Kohle den Farbstoff entziehen; ein so ent¬
färbter Harn lässt sich dem blossen Aussehen nach von Wasser nicht
3*
1150
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. a
unterscheiden. — Aber nicht nur gelöste Stoffe werden adsorbiert,
sondern, wie oben bereits angedeutet, auch suspendierte Trübungen,
z. B. Bakterien. — W ie ich in einer früheren Untersuchung1) dar¬
gelegt habe, hängt die Adsorptionskraft eines Pulvers für Bakterien
von seiner Oberflächenentwicklung ab, d. h. die gleiche Menge
gleicher Substanz adsorbiert stärker als feines Pulver, wie als
grobes. Nähert man sich jedoch in den Dimensionen der Pulverteil¬
chen der Grössenordnung der Bakterien, die 1—2 n beträgt, so besteht
k e ine Proportionalität mehr zwischen der äusseren Obor-
ilächenent Wicklung und dem Adsorptionsvermögen, wie nachstehende
Tabelle zeigt:
Tabelle 1.
Adsorbus
Mittlerer Durchmesser
des Korns in ß
Grad der Adsorption in Proz.
d. absorb. Bakterien
Barium“uFat . .
1.13
95 9
Kalziumoxalat . .
1.41
97 1
Ton, fein
2.9
75 35
Ton, grob ...
5.06
62 32
.Eisenoxyd . .
5.44
9 .67
Tie» kohle . .
6.09
99.93
Bolus . .
6.47
94.93
Kieselsäure .
6.84
89.85
Fullererde . ...
6.9
99 94
Pflanzenkoble ...
7.3
91197
Trotz ihres relativ groben Kornes überragen Tier- und Pflanzen¬
kohle sowie Fullererde alle übrigen Adsorbentien. Diese Verhältnisse
bleiben auch die gleichen, ob man Gram-positive Staphylokokken oder
Gram-negative Bact. coli adsorbiert. Die Eigenschaft, gelöste Stoffe
(z. B. I oxine, giftige und übelriechende Stoffwechselprodukte u dgl )
sowie Suspensionen (Bakterien) zu adsorbieren, führten Stumpf
und Wiechowski dazu, sie für therapeutische Zwecke zu empfeh¬
len. Aeusserlich kamen infizierte und stark sezernierende Wunden in
Betracht, ferner katarrhalische Prozesse an Schleimhäuten (z. B. der
Vagina). Weit ausgedehnter aber ist die Anwendungs¬
möglichkeit bei Magen-Darmaffektionen, bei Hyperazidität, Diarrhöen,
Flatulenzen u. dgl. — Teilweise recht gute Ergebnisse soll ihre A.r-
Wendung bei I yphus, Paratyphus, Dysenterie, Cholera gezeitigt
haben. Es wird angenommen, dass damit das Eindringen der Toxine
in den Organismus vermindert wird und dass die in ihrem Bereich
befindlichen Bakterien adsorbiert und mit dem Stuhl nach aussen
befördert werden. Stumpf propagierte vor allem Bolus, Wie¬
chowski Kohle. — Der weisse Bolus ist an sich eine sympathi¬
schere Substanz als die schwarze Kohle, welche Kleidung und
Wäsche bei unvorsichtigem Gebrauch stark verunreinigt. — Bolus
besitzt jedoch das weit geringere Adsorptionsvermögen und hat d,e
üble Eigenschaft, bei Benutzung per os im Darm zu klumpen und die
Peristaltik in zuweilen gefährlicher Weise herabzusetzen, zu üblen
Obstipationen zu führen. Trotz der Farbe wird man deshalb im all¬
gemeinen, bei internem Gebrauch der Kohle den Vorzug geben, wäh¬
rend äusserlich auch Bolus, oder, was sich auf Grund obiger Ergeb¬
nisse mehr empfehlen würde, Fullererde in Frage kommt.
Vor einigen Jahren verfolgte ich nun den Gedanken, mit dem
rang der Bakterien durch adsorbierende Pulver auch eine Abtötun"
derselben zu verbinden. Die betreffenden Pulver sind zwar „Bak¬
terienfallen“, aber die Entwicklung der Bakterien wird durch sie 'nicht
gehemmt. Es handelte sich für mich darum, ein möglichst indiffc-
r e n t e s Desinfiziens zu finden, das von den Sekreten oder bei der
Passage durch Magen und Darm nicht abgelöst wird. — Da ich in
dem Silber einen Stoff kennen gelernt hatte.* der höchste Desinfek¬
tionskraft mit den obigen Forderungen verband, so stellte ich mir zu¬
nächst zur Ausprobierung der Wirkung Bolus her, dessen Einzel¬
körnchen mit einer zarten Silberschicht bedeckt waren; in meinen
Voraussetzungen hatte ich mich nicht getäuscht.
Für die Durchführung eines solchen Verfahrens in ausgedehn¬
terem Maasse genügen jedoch nicht die Laboratoriumsverhältnissc
Ich wandte mich daher an die „Chemische Fabrik von Heyden“, die
mich in dankenswerter Weise bei meinen weiteren Studien unter¬
stützte.
Zunächst handelte es sich darum, festzustellen, ob Bolus und
Kohle in ihrer Adsorptionskraft durch die Versilbe¬
rung nicht geschädigt werden. Dazu wurde in Vorversuchen die
Adsorptionsfähigkeit an Methylenblau geprüft, wie sie das „Ergän¬
zungsbuch zu dem D. Arzneibuch“, herausgegeben vom Apotheker¬
verein, vorschreibt. Die Stärke der Adsorption wurde an der über¬
stellenden (nicht adsorbierten) Methylenblaulösung durch Vergleich
an einer Farbenskala gemessen. Es wurden 0,7, 0,6 und 0,5 g Bolus
mit je 10 ccm einer 1 prom. Methylenblaulösung 2 Minuten lang ge¬
schüttelt. Als besonders instruktiv greife ich den Versuch mit 06 g
heraus (siehe Tabelle 2). .
c • ParauS ,erRibt s„icfl die überraschende Tatsache, dass sämtliche
"u'b,e/bo,lu,spräparate ’n ihrer Adsorptionsfähigkeit gegen¬
über Methylenblau dem ursprünglichen Bolus überlegen
sind Das gleiche ergab sich, bei Verwendung von 0,5 und 0,7 g
Die stärkste Adsorptionskraft zeigte das 0,2 proz., das 0,5 proz. und
das 1 proz. Silberpräparat.
*) Bechhold: Probleme der Bakterienadsorption,
o. 35 u. ff.
Kolloidzeitschr. 23,
Tabelle 2.
0.6 g Bolus mit einem Ge¬
halt von Silber in Proz. des
Bolusgewiehts
Befund i ausgedrückt in der
Konzentration des nicht
adsorbierten Methylenblau!
_
1 : 125 000
0,1 Proz. Ag
<1 : 400 000
0,2 „
fast farblos
fyö „ ft
1,0 „ „
1 : 200000 (missfarbig,
Auf entsprechende Versuche an Kohle konnte ich um so ehe
verzichten, als die nachstehend beschriebenen Versuche an Bak
terien, die ja den Kern der Frage behandeln, auch mit Kohle an
gestellt wurden.
Bevor ich auf diese eingehe, sei jedoch erwähnt, dass für Kohl«
zunächst ein Präparat von besonderer Adsorptionskraf
ausgesucht wurde. Vor allem durch die umfangreichen Versuche i.i
Krieg zur Verbesserung der Gasmasken, bei denen Kohle zur Ad
Sorption von Gasen diente, ist allgemeiner bekannt geworden, wk
verschieden die Adsorption von Kohle, je nach Herkunft und Behand¬
lung sein kann.
Es wurden 5 verschiedene Kohlesorten mit 0,5 Proz. ihres Ge¬
wichts an Silber imprägniert. Je 1,5 g davon wurden 5 Minuten lans
mit 50 ccm einer 1 proz. Methylenblaulösung geschüttelt und durch
ein kleines Filter filtriert; der Gehalt des Filtrats an Methylenbla';
wurde Kolorimetrisch bestimmt. Es ergab:
Tabelle 3.
Von 100 g der Kohlesorte wurde Methylenblau adsorbiert
26,6 g
32,0
21,7
21,7
33,0
ein-
Es ergab sich somit, dass Silberkohlesorte 5 ein Drittel ihres
Gewichts an Methylenblau zu adsorbieren vermochte.
Bakterie n adsorption durch Silberbolus und
Silberkohle.
Bei der Anstellung dieser Versuche wurde von folgender Ucber-
legung ausgegangen: Schüttelt man ein Adsorbens mit einer Bak-
terienaufschwemmung und zentrifugiert alsdann kurz, so wird sich die
Starke der Adsorption aus der Keimabnahme in der über dem Zentri-
Rundlichen Flüssigkeit ergeben. In dem vorliegenden Fall muss
die Zeitdauer des Schütteins und des Zentrifugierens möglichst abge¬
kürzt werden, da sonst Keimschädigung durch Silberionen
treten kann.
i Y 0 s 11 c h s a n o r d n u n g: 2 Oesen einer Bakterienkultur wu
den m 20 ccm physiol. Kochsalzlösung verteilt und vermittels Ni
P lelometers auf ihre Dichtigkeit an einem Trübungsstandard') g'
messen; a sdann wurde sie soweit verdünnt, dass sie V« des Tri
bimgsstandards entsprach. Davon wurden je 2 ccm mit physiol. Kocl
Salzlösung verdünnt und mit 5 ccm einer Bolus- bzw. Silber
b o 1 u s - bzw. Ko hie- bzw. Silberkohleaufschwemmun
1 Minute geschüttelt. Von B o 1 u s bzw. S i 1 b e r b o 1 u s wurde ein
4 proz. Aufschwemmung genommen, von Kohle bzw. Silber
Koni e in Anbetracht von deren weit höherem Adsorptionsvermöge
eine nur - proz. Nach dem Schütteln wurde eine Minute zentrifi
giert und 1 ccm von der überstellenden Flüssigkeit auf Platten gc
gossen. — Als Testbakterium diente B.-Koli. — Auf die Anführun
es umfangreichen Zahlenmaterials will ich hier verzichten und mic
aut das Ergebnis beschränken. Es zeigte sich nämlich, dass ebens
wie gegenüber Methylenblau auch gegen Bakterien durc
. -eL+VerASJ beru.ng der Bolus und die Kohle eine er
h o (i t e A d s o r p t i o n s k r a f t gewinnen. Am besten bewährt
sich wieder die mittlere Silberkonzentration (bei Bolus 1 Proz. um
0,5 Proz. Ag, bei Kohle 0,5 Proz. und 0,2 Proz. Ag).
iJ-eitinfi.ek1t.0rische WirkunS von Sil b erhol us unc
Silberkohle gegen verschiedene B a k t e r i e n a r t e n
Am wichtigsten für unsere Frage war der desinfektorische Effek
dieser versilberten Pulver. •
c-n,AIJCl1 Ilier yu.Tde wieder aus technischen Gründen mit 4 proz
er u rJi ° R .Rd 2proz- Silberkohleaufschwemmungen operiert -
(Tabelle 4 siehe nächste Seite.)
Ql.,Pei sämtlichen geprüften Bakterienarten wurde somit durch dei
S. Iberbolus die Zahl der lebenden Keime ausser-
ordentlich herabgesetzt. Wie nicht anders zu erwarten
bestand eine gewisse Proportionalität zwischen Silbcrgehalt und des-
k 0^cherA W-rhung Es ist sogar überraschend, dass ein Gehall
von 2 Proz Ag (des Bolusgewichts) genügte, um sämtliche Keime an
der Entwicklung zu hindern. — Die Verschiedenheit der verschiedener
Bakterienarten ergibt sich aus deren verschiedener Resistenz gegen
2) Vgl. Bechhold
zeitschr. 31, S. 132 u. ff.
und Hehler: Ein Trübungsstandard. Kolloid-
September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1151
Tabelle 4.
SH& -
Bolus
Silberbolus
Silberbolus
Silberbolus
Bakterienart
(Kontrolle)
mit 2 Proz. Ag
mit 1 Proz. Ag
mit 0,5 Proz. Ag
Coli . ■
OO
0
1844
1817
ratyphus ....
OO
0
0
2289
phus .
•h 24 h •) . . . .
00
00
0-18
954-800
48 b *) . . . •
oo
0
6
, 72h *) ...
aphylokokken
00
80
' 0
eh 24 h .
00
4
, 48h .
00
0
80
-) Nach 24 h, 48 h, 72 h heisst: nachdem die Agarplatte 24, 48, 72 h im Brut-
hrank gestanden hat, so dass geschwächte Keime auswachsen können.
Bei der Kohle wurde von geringerem Silbergehalt ausgegangen.
ie Ergebnisse zeigt
Tabelle 5.
Bakteriennrt
• Kohle
(Kontrolle)
Silberkohle
mit 0,5 Proz. Ag
Silberkohle
mit 0,2 Proz. Ag
SilberkohleT
mit 0,1 Proz. Ag
. Coli .
OO
200
954
aratvphus ....
ach 24 h . . .
00
0—3
47—640
3688-4722
72h . .
00
3 -100
vphus . . .
oo
0
381—400
4—450
taphylok. (aureus)
00
5596
Aus dieser Tabelle ergibt sich, dass auch Silberkohle die Zahl
er entwicklungsfähigen Keime ausserordentlich herabgesetzt und dass
ine 0,5 proz. Silberkohle (0,5 Proz Ag) in 2 proz. Aufschwemmung in
irer Wirkung etwa einem 1 proz. Silberbolus in 4 proz. Aufschwem-
lung entspricht. Die Silberkohle ist somit unter gleichen Bedin-
ungen dem Silberbolus weit überlegen. — Nur gegen Staphylo-
okken ist dem Silberbolus eine stärkere desinfektorische Wirkung
uzuschreiben; es mag dies vielleicht mit den physikalischen Eigen-
chaften des Bolus gegen die Bakterienhaufen von Staphylokokkus
usammenhängen. Verwendet man 2 proz. Silberkohle, so kann man
ucii bei Staphylokokken die Keimzahl auf 0 herabsetzen.
Schliesslich war noch im Tierversuch zu prüfen, ob Silber-
cohle bei Eingabe per os keine schädigende Wirkung hat. — Es
vurden 2 Sorten 0,5 proz. Silberkohle mit der neunfachen Menge
Vasser angerührt und davon je 100 ccm wiederholt an verschiedenen
Tagen Kaninchen durch Schlundsonde eingeführt. — - Beim Anrühren
nit Wasser gab das eine Präparat eine leichtflüssige Suspension,
.vährend das andere stark klumpte und bei der Sondenfütterung ziem-
iche Schwierigkeiten machte.
Durch die Fütterung mit Silberkohle wurde die Temperatur der
Tiere nicht wesentlich verändert; dieFresslust war im allgemeinen un¬
verändert; nur einmal war am dritten Tage nach Zuführung des einen
Präparats die Fresslust etwas vermindert, was aber auch anderen
Umständen zugeschrieben werden kann. Der Kot war unverändert.
Gewicht nicht erkennbar verändert. — Die sehr grossen Dosen
Silberkohle haben keine erkennbare Einwirkung auf das Befinden
von Kaninchen gezeigt. — - Für die Klinik wäre noch erwähnenswert,
ob nicht der erhöhte desinfektorische Effekt 3) nutzbar gemacht wer¬
den sollte, der sich aus der Mischung von Pulvern mit verschiedenen
Metallüberzügen ergibt, die sich auch in den Kombinationen kolloi¬
der Metalle (Kuprokollargol, Aurokollargol) bewährt.
Zusammenfassung: Silberkohle mit einem Gehalt von
0,5 bis 0.2 Proz. Silber und Silberbolus mit einem Gehalt von
0,5 bis 1 Proz. Silber haben ein höheres Adsorptionsver¬
mögen für Bakterien als gewöhnliche (unversilberte) Kohle bzw.
Bolus. Das gleiche zeigt die übliche Adsorptionsprobe gegen Me¬
thylenblau.
Die von der Silberkohle bzw. dem Silberbolus adsorbierten
Bakterien werden in ihrer Entwicklung ausserordentlich
geschädigt, so dass bei genügendem Silbergehalt die Zahl der
entwicklungsfähigen Keime auf 0 herabgesetzt werden kann. Auch
bei geringem Silbergehalt (0,5 bzw. 1 Proz.) wird die Keimzahl von
oo (unendlich) je nach der Bakterienart auf eine geringe Zahl bis
0 herabgesetzt (s. Tabelle 4 und 5). Im allgemeinen erweist sich
Silber kohle sowohl im Adsorptions-, als auch Desinfektionsver¬
mögen dem Silberbolus von gleichem Silbergehalt weit
überlegen. Nur gegenüber Staphylokokken trifft dies für das
Desinfektionsvermögen nicht zu.
Schlundsondenfütterung von Kaninchen mit 0,5 proz;
Silberkohle hatte keine nachteilige Einwirkung aui
deren Befinden.
3) Bechhold' Adsorptivdesinfektion durch Metallkombinationen und
disperse galvanische Ketten. Zschr. f. Elektrochemie 1918 Nr. 11/12.
Nr. 36.
Aus der Universitäts-Kinderklinik zu Köln.
(Leiter: Qeheimrat Siege rt.)
Aus der Neurologie des Kleinkindesalters.
Von Prof. Dr. Erwin Thomas, Oberarzt der Klinik.
1. Eigenartige Stereotypien bei Kreuzschädel und Anämie.
Zufällig konnten hier gleichzeitig zwei Kleinkinder beobachtet
werden, welche bezüglich einer Anzahl von krankhaften Zeichen der¬
artig übereinstimmten, dass die Frage nahelag, ob es sich hier um
Typen handle mit einem bestimmten Syndrom, zumal mir ähn¬
liche frühere Fälle im Gedächtnis sind, über die ich aber keine Auf¬
zeichnungen besitze.
1. Kind Kl. Hans, 2 Jahre alt. Kopfumfang 45 cm, Brustumfang 42 cm,
Länge 74>4 cm, Gewicht um 7000 g. Massiger Ernährungszustand. Bleiche
Farbe von Haut und Schleimhäuten. Stirn steil aufsteigend (nach Art eines
Turmschädels), Stirn- und Scheitelbeinhöcker stark prominent, bedingen einen
Längs- und einen Quersattel, die sich rechtwinklig schneiden. Gr. Fontanelle,
2 cm vom Schnittpunkt aus nach vorn gelegen, noch ein wenig offen. Rän¬
der an dieser Stelle aufgeworfen und hart. Hinterkopf hart, etwas abgeplattet,
Haare abgescheuert. Mässiger Exophthalmus, kein Nystagmus. Nasenatmung
frei, lymphatische Gebilde im Rachen nicht vergrössert. Verbreitete kleine,
harte Drüsenschwellungen. Keine rachitischen Veränderungen am Brustkorb.
Innere Organe o. B., Milz eben tastbar, Epiphysenenden nicht aufgetrieben,
auch röntgenologisch o. B. 2 Knochenkerne (Kapitulum und Hamatum).
Keine Zeichen von Spasmophilie. Pi. — ; Wa. — .
Blutbefund bei wiederholten Untersuchungen: Erythrozyten um 4 000 000; .
Hämoglobin stark vermindert (35° bis 40 Proz. Authenrieth). Leukozyten
wenig vermehrt, geringe Vermehrung der einkernigen Elemente, besonders
der Lymphozyten. Starke Verminderung der Eosinophilen. Spärliche kern¬
haltige Rote.
Kind sitzt mit leichter Kyphose aufrecht, hält den Kopf gut. Beschäftigt
sich wenig mit seiner Umgebung, führt hingegen fast ununterbrochen kompli¬
zierte Handbewegungen aus (s. u.). Dabei häufig Grimmassieren und,
im Liegen Wackeln mit dem Kopf. Reagiert prompt auf Schmerzreize.
Die Ernährung des Kindes, welche neben Milchreduktion ausgiebig
Fleisch- und Pflanzensaft heranzog, gestaltete sich schwierig bei der Zufuhr
von Breien.
2. Kind K. Heinrich, lX> Jahr alt. Kopfumfang 47,5 cm, Brustumfang
44 cm, Länge 75 cm, Gewicht um 8000 g. Der übrige somatische Befund wie
bei 1, nur hier Epicanthus, und zu Beginn mittelgrosser Milztumor, der
schliesslich verschwindet. Die Schädeldeformität war gegenüber dem vori¬
gen Fall etwas geringer ausgeprägt.
Der Blutbefund bei wiederholten Untersuchungen: Erythrozyten um
3 000 000, Hgl. um 35 Proz., Leukozyten ca. 12 000, Lymphozyten ca. 50 Proz.,
Mononukleäre ca. 10 Proz., Neutrophile 35 Proz., einzelne kernhaltige Rote.
Zur Zeit seiner Aufnahme war das Kind viel mehr abweisend und nur
mit sich beschäftigt, während es später nach Spielzeug griff, um sich aller¬
dings nur kurz damit zu befassen. Die Bewegungen, welche unten näher
geschildert werden sollen, wurden in der letzten Zeit nur selten mehr mit
beiden Händen ausgeführt. Die Aufnahme von breiartiger Nahrung machte
während der ganzen Dauer der Anwesenheit ausserordentliche Schwierig¬
keiten. Die Milchmenge war stark reduziert und Fleisch- sowie Frucht¬
säfte in grösserer Menge dargereicht.
In beiden Fällen handelte es sich um den pseudochlorotischen Typ
der alimentären Anämie, den Kleinschmidt als leichte Erschei¬
nungsform der letzteren bezeichnet.
Eigenartig war das psychische Verhalten der beiden Kinder. In
wachem Zustand führten sie fast ununterbrochen mit den Händen,
dem Gesicht oder der Zunge, mit dem Kopf Bewegungen aus. Ihr
Interesse an der Umwelt war ein geringes, das zweite Kind spielte
später mit einfachen Gegenständen, die man ihm in die Hand gab.
Aber auch dabei erlahmte das Interesse sehr schnell. Die Kinder
waren zu sehr mit sich und den eigenartigen Bewegungskombina¬
tionen beschäftigt. Während z. B. die Innenfläche der einen Hand
mit bedeutender Kraft gegen die Wange geschlagen wurde, führte
die andere Hand eine Art Winkbewegungen aus. Oder die Finger
der einen Hand zeigten bizarre Ueberstreckungen und Verdrehungen,
während der Daumen der anderen kräftig gegen die Stirne gestossen
wurde. Dabei wurde der Kopf auf der Unterlage hin und her gedreht.
Kind 1 machte mit dem Gesicht öfters grimassierende Bewegungen;
Kind 2 schnalzte mit seiner dicken, etwas vorliegenden Zunge. Im
allgemeinen wurde jede Bewegungskombination in den oberen Ex¬
tremitäten etwa 3 — 6 mal hintereinander ausgeführt, und zwar mit
absoluter Gleichmässigkeit, dann kam eine neue Serie von unter sich
gleichen Kombinationen anderer Art. Plötzlich wurden die
Hände ruhig gehalten und die Kinder betrachteten schein¬
bar mit dem grössten Interesse die Rückseite ihrer Finger. Dann
begannen sie von neuem. Da die unter sich verschieden¬
artigen Aktionen der beiden Hände mit Kopfwackeln und \ er-
ziehungen kombiniert waren, boten die Kinder das Bild einer
ausserordentlich verbreiteten und vielseitigen Unruhe dar. Vor
| allem musste die Unabhängigkeit auffallen, mit der die ein¬
zelnen Bewegungen ausgeführt wurden. Während wir wissen, dass
j besonders beim Kind kräftige Bewegungen des einen Arms eine
mehr oder minder gleichartige Mitbewegung des anderen hervorruien,
also eine Abhängigkeit der nicht bewusst innervierten Seite von
| den Impulsen der bewusst innervierten beobachten, finden wir hier
I eine weitgehende Dissoziation, nicht nur unter den Muskeln der
gleichen, sondern vor allem auch der entgegengesetzten Seite, so
dass es sogar für den Erwachsenen schwer wäre, beide Hände so
unabhängig von einander kräftig in 'Tätigkeit zu setzen, ganz ab¬
gesehen davon, dass die bizarren Stellungen der Finger zu einander
1152
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
im späteren Leben nicht mehr ausführbar sind. Die Fähigkeit weit¬
gehender Ueberstreckung, der Verlust der allseitigen Beweglichkeit
in den Fingern III— V usw. geht im Laufe der normalen Entwickelung
dadurch verloren, dass durch die Anforderungen des praktischen
Lebens die Finger allmählich nur auf bestimmte Bewegungsrichtungen
festgelegt werden, während sie bei jenen schwachsinnigen Kindern,
welche, autonom, ihre Uebcrstreckungs- und Verdrehungsbewegungen
fortsetzten, erhalten bleibt.
Wie verhalten sich die hier beschriebenen Bewegungsfolgen anderen
wohlcharakterisierten gegenüber? Bei choreatischen Bewegungen
gleicht keine der vorausgehenden Bewegungen der folgenden, während wir in
unseren Fällen Serien von ganz gleichen haben. Die Ticks zeigen eine
deutliche Monotonie, selbst wenn sie als sog. 'koordinatorische den
Eindruck von Zielbewegungcn machen. Als einfache Ticks wären höchstens
das Zungenschnalzen, das Kopfwackeln hierher zu rechnen.
Neben, diesen kommen bei unseren Kindern auch solche vor,
welche Aehnlichkeit mit Affekt- und Zielbewegungen haben, z. B.
Winkbewegungen. Es ist eben dann Zufall, dass unter den Be¬
wegungen einmal eine solche gewählt wird, welchen einen bestimm¬
ten Sinn unterzulegen man sich gewöhnt hat.
Die erhöhte psychomotorische Dissoziationsfähigkeit der beiden
oberen Extremitäten kommt übrigens bei Schwachsinnigen oder
wenigstens zeitweise geistig zurückgebliebenen Kindern öfters vor.
Bei einem mongoloiden Idioten konnte sie ebenfalls beobachtet
werden, es waren ähnliche Serien stereotyper Bewegungen, welche
das Kind schon mit 4 Monaten ausführte. (Ausserdem betrachtete
das Kind schon in dieser Zeit anscheinend mit grossem Interesse die
Rückseite seiner Finger.) Der frühe Eintritt einer weitgehenden
Dissoziationsfähigkeit in den beiderseitigen kräftigen Hand¬
bewegungen wie des Fingerbetrachtens hatte hier zweifellos etwas
Auffallendes.
Ebenso wie man übrigens von erhöhter Dissoziation spricht, könnte man
freilich auch von mangelnder Konsoziation sprechen. Der Hergang ist offen¬
bar der, dass durch die manuelle Beschäftigung mit Gegenständen der Um¬
gebung immer mehr Konsoziationen ausgebildet werden, allmählich wird,
wenn schon beide Hände gleichzeitig benutzt werden, eine immer grössere
Anzahl von synergischen Innervationen der Hände stabilisiert, gleichlaufend
mit der Ausbildung des linken Praxiezentrums. Was bei dem mongoloiden
Kind auffiel, war, dass die beschriebenen Bewegungen schon in frühen Lebens¬
monaten auftraten, ebenso wie das Fingerbetrachten auffallend häufig bemerkt
werden konnte. Man könnte hierbei an Ueberwertigkeiten denken, wie sie
bei Schwachsinnigen auf anderen Gebieten etc. bekannt sind.
Die Bewegungen, die ans Winken, an Händeschütteln usw. er¬
innern, werden von älteren Säuglingen schon einmal ausgeführt, auch
doppelseitig und dissoziiert. Sie treten aber nicht in Form von
Serien auf. Ebenso treffen wir das Fingerbeobachten bei Säuglingen
öfters an. Es verschwindet dann wieder, oder wird selten, weil das
normale Kind, in regem Konnex mit der Aussenwelt stehend, alsbald
seine Beobachtung und auch seinen Spieltrieb von der eigenen Person
ab- und der Umwelt zuwendet. Bei konstitutionell Minderwertigen
nehmen die eigenartigen Bewegungen grössere Intensität an
und erhalten sich bis in ein späteres Alter. Begünstigend
auf ihre Dauer und Intensität wirkt offenbar der Aufenthalt
in Anstalten, wo sie psychisch nicht in der Weise angeregt werden,
wie durch Eltern und ältere Geschwister. Solche Kinder zeigen oft
Spasmus nutans (ohne Nystagmus) nebenher. Bei gewissen
Arten von Idioten bleiben die stereotypen Be¬
wegungen sodann während des ganzen Lebens er¬
halten.
Das Kind D., eine Vollidiotin von 12 Jahren, welche die merkwürdig¬
sten, öfters dissoziierten Bewegungen mit beiden Händen machte, schüttelte
unter einer Art Brummen den Kopf und neigte den Körper vor und zurück,
uleichzeitig fanden z. B. rotierende Bewegungen mit der Spitze des Zeige-
fingers auf der Innenfläche der anderen Hand statt. Plötzlich hielt sie still
und betrachtete mit grossem Interesse ihre Finger, eine komisch aussehende
Bewegung, die oft auftrat.
Dieses Händebesehen ist aber zweifellos ein infantilistisches Merk¬
mal, das Symbol einer egozentrischen Einstellung, und die Stereotypien,
welche Weygand t und Kraepelin geradezu als Kennzeichen schwerer
Idiotien bezeichnen, sind m. E. Aeusserungen eines auf die eigene Person be¬
schränkt gebliebenen gefrorenen Spieltriebes, der allmählich etwas Starres
und Unveränderliches bekommt, durch Eintönigkeit, Dauer und Maniriertheit
ausgezeichnet ist.
Es möge übrigens daran erinnert werden, dass ein Teil dieser Be¬
wegungen, namentlich der einfacheren, z. B. die Ticks, zweifellos eine o r g a -
n i s c h e Grundlage haben können, oder wenigstens häufig bei solchen Idioten
gefunden werden, deren Gehirn anatomische Veränderungen als Folge der
verschiedenartigsten Prozesse darbot. Es ist hier besonders auf Wey¬
gand t zu verweisen (Aschaffenburgs Handbuch).
Bei unseren beiden Kindern Hess sich nur am Schädel Rachitis
Nachweisen (Kreuzschädel, offene Fontanelle, Rückständigkeit der
Dentition). Der Einfluss der Rachitis auf das psychische Verhalten
ist kürzlich durch Czerny ausführlich dargelegt worden. Im
Vordergrund steht die Bewegungsunlust, die Apathie, die geminderte
Reaktionsfähigkeit auf optische und akustische Reize. Das psychische
Verhalten dieser beiden Kinder entsprach indessen nicht diesem Bilde,
da ja auch eine floride Rachitis nicht bestand. Sie sassen oft lange
Zeit aufrecht und zeigten dabei die beschriebene erhöhte Motilität,
die sich durch ihre mangelhafte Reaktionsfähigkeit der Aussenwelt
gegenüber auszeichnete.
- • ^,r 0 u kürzlich eine Schädelform bei alimentärer An¬
ämie beschrieben, die in ähnlicher Form bei unseren Kindern auftrat.
Nr. 361
Der nach Aron „für schwere Säuglingsanämie charakteristisch«!
Sfirnsattel“ war hier nicht nur in sagittaler, sondern auch in fron¬
taler Richtung vorhanden. Beide Sättel schnitten sich rechtwinklig
und bildeten den tiefsten Punkt der Schädeldecke, während die nocl
offene grosse Fontanelle etwas vor dem Schnittpunkt lag. Auel
Y 1 p p ö hatte bei schwerer Anämie starke, symmetrische Höcker be¬
schrieben, die von v. Hansemann als rachitisch bezeichnet
wurden. Unsere Fälle sind typische Kreuzschädel, wie sie charak¬
teristisch für Rachitis beschrieben und abgebildet werden. Klein¬
schmidt, der auf diese Frage näher eingeht, hat besondere Formen
der Schädelrachitis bei gleichzeitig bestehender alimentärer Anämie
nicht gesehen: Manchmal war Kraniotabes, manchmal aber symme¬
trische üsteoidhyperplasie am Schädel nachweisbar, die er mit
v. Hansemann und B e n d a als zweifellos rachitisch auffasst.
In welchem Verhältnis steht nun die bei unseren Kindern nach¬
weisbare Verzögerung der geistigen Entwickelung zu der
Anämie? Das konstitutionelle Moment bei der Entstehung der
alimentären Anämie ist durch Schwenke und besonders durch i
Kleinschmidt gewürdigt worden. Es handelt sich um minder¬
wertige Kinder, die in einem ausserordentlich .hohen Prozentsatz
nervöse und psychopathische Züge erkennen lassen. Unter 45 Fällen
tand er 3 mal Imbezillität, 2 mal Hypalgesie. Es wäre von Interesse
gewesen, zu erfahren, ob diese Kinder dieselben Eigentümlichkeiten
aufwiesen, wie die anderen. Ueber die frühere Lebenszeit fehlen uns!
Angaben, es handelt sich aber um solche, welche nach langem An-i
staltsaufenthalt zu uns kamen. Wir müssen annehmen, dass kon¬
stitutionelle Minderwertigkeit, zusammen mit schädigenden exogenem
Faktoren den beschriebenen Komplex von Erscheinungen erzeugt '
haben. Die Anämie ist eine koordinierte Erscheinung, nicht etwa i
den anderen Erscheinungen übergeordnet.
Die Kinder hatten bis weit ins 2. Lebensjahr hinein nur flüssige
Nahrung bekommen, ob die Milchmengen besonders gross waren, I
hess sich nicht feststellen. Auch bei uns setzten sie der Darreichung i
breiartiger Nahrung ausserordentlichen Widerstand entgegen. Pall 2
machte in psychischer Beziehung während seines Aufenthalts gewisse
Fortschritte. Fall 1 hingegen kaum. Bei ihm ist es fraglich, ob nicht
eine Imbezillität, wenn nicht Idiotie, vorliegt.
Wir haben also hier einen Symptomenkomplex bei zwei männ-
lichen Klcmkmdern. der sich zusammensetzt aus pseudochlorotischem
1 yp der alimentären Anämie, Kreuzschädel, eigen-
a 1 t 1 g e 11 stereotypen Bewegungen, teilweise mit
e r ti o i h t e r Dissoziation und geistigem Zurück- i
bleiben*).
i. rruhe Kennzeichen des Striatumsyndroms.
Es wird von der Kinderheilkunde als sichere Tatsache an¬
genommen, dass die Entwicklung der statischen Funktionen, des Kopf¬
haltens, mtzens usw. der intellektuellen Entwicklung parallel läuft.
Das idiotische Kind hat kein Bestreben, mit der Aussenwelt sich in
Beziehung zu setzen, es lernt deshalb verspätet, den Kopf zu heben
und aufrecht zu stellen, allein zu sitzen usw. Auch solche Kinder
welche infolge einer früh eingetretenen zerebralen Lähmung vorüber¬
gehend oder dauernd in ihrer intellektuellen Entwicklung geschädigt
sind, gelangen erst spät in den Besitz der statischen Funktionen.
Im ersten Lebensjahr fällt der Kopf hin und her, beim Hinsetzen des
Kindes bildet sich eine ausgiebige Kyphose. Bringt man einen Idioten
*7 .f°rn> s0 kann er schon viel früher den Kopf halten, oder die
Wirbelsaute strecken, als ihm das in sonstigem Zustand möglich ist.
ur die zerebralen Lähmungen hat 0. Forst er darauf hingewiesen
(er mlirt das gegenüber Freund als Beweis an), dass keine Lähmung
der Halsmuskeln vorliege. Wir müssten allerdings bei der zerebralen
eine spastische Lähmung der Halsmuskulatur erwarten. Wir kennen
die einseitige Dauerlähmung des Kopfnickers bei Hemiplegien des
frühen Kindesalters recht wohl in Form eines Torticollis spasticus.
Viel seltener scheint der doppelseitige Dauerspasmus der Hals-
muskulatur zu sein. Ich konnte einen derartigen Fall noch nicht be¬
obachten, wahrend Dauerspasmus beider Adduktoren und auch der
gesamten Bauchmuskeln sehr häufig ist. Diese Tatsache ist zweifel¬
los von Interesse und der Aufklärung bedürftig.
Dass der Nacken bei den zerebralen Diplegien in den meisten
Fallen schlaff ist, zeigt uns zunächst, dass die Hals- und Nacken¬
muskulatur an dem allgemeinen Spasmus sich nicht beteiligt. Sie ge-
langt allmahhch zu einer normalen Leistung, indem sie mit dem Fort¬
schritt der geistigen Funktion immer öfter innerviert wird. Manche
:5f™,g^Pen das direkt an, dass in dem Maasse, wie das Kind geistige
rtschritte machte, das Halten des Kopfes möglich wurde. *
Aber nicht nur durch kortikale Impulse kann die Hals- und
Nackenmuskulatur angespannt werden, sondern auph durch solche,
welche von den grossen Stammganglien ihren Ausgang nehmen In
einem eigenartigen Gegensatz zu der Schlaffheit des Nackens und des
Rückens stehen Nacken- und Rückensteifungen, die bei gewissen
ormen der zerebralen Lähmung plötzlich einschiessen, die sogar zur
Lordose der Wirbelsäule und zu kreisbogenartigen Stellungen
fuhren können. Diese Lordose ist bei allgemeiner Athetose
und I orsionsspasmus öfters beobachtet, sie bildet eine*
jener Symptome, welche die Athetosis duplex mit dem Torsions-
schr,vL?emiaHminK hat -1?11 (Verh‘ d' D‘ Qes- f- Kinderhlk.) Fälle be-
we giftigen ist nfchts e'rSn?"6" mancher Beziehun* ähneln' V°n ße*
September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1153
asmus verbinden. Die kreisbogenartige Stellung in der frühen
ndheit, im Gegensatz zur Nackenschlaffheit wurde von F o e r s t e r
d von mir gleichzeitig beschrieben *)•
Die kreisbogenartige Stellung tritt mit grosser
‘gelmässigkeit auf bei allen Kindern, die das sog. Striatumsyndrorn
igen. Dieses Striatumsyndrom, dessen bekanntestes Zeichen die
hetose ist, kommt verhältnismässig häufig vor und es konnten hier
2 Jahren nicht weniger als 8 Fälle schon in früher Kindheit be¬
achtet werden. Es scheint sicher zu sein, dass sie zum mindesten
.■r viel häufiger sind als die Fälle von spastischer Diplegie und
■miplegie. Dass diese Fälle in den ersten Lebensjahren noch so
mig beschrieben worden sind, ist dadurch zu erklären, dass
: nicht sofort und auf den ersten Augenblick zu erkennen sind,
e athetotischen Bewegungen z. B. sind meist nur ganz gering aus-
sprochen und wenig deutlich. Das ausserordentlich prägnante Bild,
dches etwas ältere Kinder mit doppelseitiger Athetose bieten, ist
;r meist nur angedeutet. Auch den Eltern entgehen die atheto-
chen Bewegungen im ersten Lebensjahr fast immer, zumal da die¬
sen eine oberflächliche Aehnlichkeit mit manchen Bewegungen des
rmalen Säuglings besitzen. Indessen treten doch schon manche
ellungen der Finger auf, die ungemein charakteristisch sind. Das
namentlich eine ausserordentliche Ueberstreckung der
-undgelenke der Finger. Die hochgradigen und bizarren Massen¬
wegungen im Rumpf und in den grösseren Gelenken kommen erst
mählich zum Vorschein, soweit die beobachteten Fälle schliessen
>sen •). In dem Stadium, wo die Intelligenz wenig entwickelt ist,
>o in den ersten Lebensjahren, werden wenig willkürliche Be¬
rgungen vorgenommen, kommt es auch deshalb nicht zu ausgeb rei-
:en Mitbewegungen, denn bei voller Ruhe ist der Kranke mit dop-
lseitiger Athetose ruhig, sowie er sich bewegt, beginnen die gene-
lisierten Mitbewegungen, welche das Bild einer grossen, all¬
meinen Unruhe hervorrufen. Je mehr nun eine Bewegung Willkür-
wegung ist, je mehr sie intendiert wird, desto verbreiteter werden
|; Mitbewegungen am ganzen Körper. Beim Säugling, besonders bei
m intellektuell geschädigten, stehen die Willkürbewegungen durch-
s im Hintergrund und daher auch die generalisierten Mit¬
wegungen.
Viel mehr als die athetotischen Bewegungen fällt den Eltern die
: e i f i g k e i t des ausgestreckten Aermchens auf, wenn
m Kinde z. B. das Jäckchen angezogen werden soll. Diese Steirig-
it des Aermchens ist nicht immer vorhanden. Beobachten wir ein
lches Kind länger, so finden wir, dass der Arm ab und zu auch
Beugehaltung fixiert erscheint und dass eine beträchtliche Kraft
zu gehört, ihn zu strecken. Dasselbe Spiel im Wechsel von Beuge-
d Streckhaltung kann man dann im Bein beobachten. Wir haben
:ht, wie bei einer pyramidalen Lähmung, einen Dauerspasmus vor
s, sondern hier liegt ein wechselnder Spasmus (Sp. mobilis) vor,
r in kurzen Zwischenräumen bald die eine, bald die andere Muskei-
uppe erfasst. Eine Muskelgruppe, die sich jetzt hart anfühlt, wird
rze Zeit später vollkommen erschlafft befunden.
Es sollen an dieser Stelle keineswegs die pathophysiologischen
gentümlichkeiten extrapyramidaler Lähmungen, insbesondere des
riatumsyndroms geschildert werden. Einige Eigentümlichkeiten der
trapyramidalen Lähmungen im Kindesalter wurden an anderer
eile hervorgehoben. Es sollte hier nur auf einige Zeichen aufme.k-
m gemacht werden, welche die Erkennung derselben im frühesten
ndesalter erleichtern. Die ausserordentlich wichtige Erhebung
ler Vorgeschichte über Beginn des Leidens usw. wird mit jedem
ig späterer Erkennung immer mehr erschwert. Es wird sich auch
rausstellen, dass mancher Fall, der angeblich erst im 4. oder
Lebensjahr begonnen haben soll, bei Kenntnis der Frühsymptome
tsächlich schon im Säuglingsalter bestanden hat.
In früheren Fällen, über die an anderer Stelle berichtet wurde,
wie in neuerdings beobachteten, konnten als frühes klinisches Syn-
om der Striatumerkrankung folgende Zeichen regelmässig beobachtet
erden : S p a s m u s mobilis, Nacken Schlaffheit, Kreis-
ogenstellung, Verzögerung der geistigen Ent-
i c k 1 u n g.
Literatur.
0. Fo erst er: D. Arch. f. klin. Med. 1910, 98 (aton.-astat. Kinder-
imung). — Derselbe: Zur Analyse und Pathophysiol. d. striären Be-
egungsstörungen. Zschr. f. d. ges. Neurol. u. Physiol. 73. — E. Thomas:
idem 73. — Derselbe: Jahrb. f. Kinderhlk. 97. — Rosenthal: Arch.
Psych. u. Neurol. 1923, 68.
*) Es dürfte richtiger sein, von kreisbogenartiger Stellung zu sprechen,
s von arc de cercle, da dies eine Bezeichnung ist, die für hysterische Stei¬
ngen eingeführt worden ist. Es muss übrigens bemerkt werden, dass diese
reisbogenstellung nichts zu tun hat mit dem obenerwähnten zornigen Auf-
lumen. Die Kreisbogenstellung kommt plötzlich zustande, ohne offenbar
it einem Affekt in Zusammenhang zu stehen.
*) Meisterhafte Lichtbilder bringt die Arbeit von O. Foerster (Zschr.
Neurol. u. Psych. 73), dazu einen ausgezeichneten lehrbuchmässigen Text.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik Freiburg i. Br.
(Direktor: Geh. Med. -Rat Prof. Dr. E. Lex er).
Die Hedonalnarkose im frühesten Kindesalter.
Von Dr. med. Paul Dreverniann, Assistent der Klinik.
Die Frage nach dem besten Narkotikum bei chirurgischen Ein¬
griffen im frühesten Kindesalter ist noch nicht befriedigend geklärt.
Stellen schon die kurzen Chloroform- und Acthernarkoscn an den
jugendlichen Organismus gesunder Säuglinge unter Umständen grosse
Anforderungen, so ist die Narkosengefahr von vorneherein eine er¬
heblich grössere, sobald es sich um dekomponierte Kinder oder solche
mit Neigung zu Lungenkomplikationen (Hasenschartenoperationen!)
handelt oder sobald die Operation grösser wird, die Narkose daher
länger dauern muss. Zwar lässt sich die Extremitäten- und Gesichts¬
chirurgie im allgemeinen in nur oberflächlicher Inhalationsnarkose
ausführen, schwieriger liegen die Verhältnisse bei Operationen im
Abdomen, die an und für sich für den jungen Säugling grosse Ein¬
griffe darstellen.
Bei der Abdominalchirurgie der Säuglinge war mir schon längst
die durch den Wundschmerz bedingte oberflächliche Atmung nach
dem Erwachen aufgefallen. Mir schien es daher gerechtfertigt, den
Versuch zu machen, unter Zuhilfenahme eines Schlafmittels zu ope¬
rieren, das einerseits erlaubte, den Eingriff in gehöriger Ruhe nut-
zuführen, das anderseits dem Kinde nach der Operation noch längere
Zeit Schlaf gab, ohne jedoch die Atmung oberflächlich werden zu
lassen.
Das geeignete Narkotikum schien mir das von Eckstein und
Rom in ge r1) als Schlafmittel im Säuglingsalter experimenteil aus¬
geprobte Hedonal [Methylpropylkarbinolurethan] 2). Nach den Unter¬
suchungen dieser Autoren ist Hedonal, selbst in relativ hohen Dosen,
als Klysma verabfolgt, frei von bedrohlichen Nebenerscheinungen,
ruft einen mehrstündigen, tiefen Schlaf hervor und bewirkt, was mir
besonders wichtig schien, eine wesentliche Steigerung des absoluten
Atemvolumens. Da die Untersuchungen Ecksteins und Ro¬
min g e r s sich nur auf dife Eigenschaft des Hedonals als Schlaf¬
mittel beschränkten, schien es mir zunächst -von Wichtigkeit, fest¬
zustellen, ob die erreichte Tiefe des Hedonalschlafes auch grössere
Schmerzreize überwinden könnte. Ich habe daher bei zahlreichen
Kindern bis zu 2 Jahren, bei schmerzhaften Verbandwechseln
(Osteomyelitiden, Verbrennungen, Frakturen) sowie bei Röntgen¬
aufnahmen, bei denen die Glieder in schmerzhafter Stellung (Ge¬
lenkerkrankungen, Frakturen) festgespannt wurden, das Mittel
versucht. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass weder beim jungen,
noch beim älteren Säugling ein vollkommenes Aufheben der Schmerz¬
empfindlichkeit, etwa wie in der Inhalationsnarkose, erzielt wurde.
Die Schmerzäusserungen waren jedoch durchweg sehr gering, und
zwar um so geringer, je jünger das Kind. Der kleine Kranke reagierte
im allgemeinen nur in dem Augenblick, in dem der Schmerz ausgelöst
wurde, um dann ruhig weiterzuschlafen, oder weinte, ohne stärkere
Abwehrbewegungen, tief schlaftrunken vor sich hin. Ich habe der¬
artige kleine Eingriffe zunächst möglichst ohne Narkotikum, später
im Hedonalschlaf vorgenommen, um jedesmal den deutlichen Unter¬
schied im Verhalten des Kindes feststellen zu können. Die Abschwä¬
chung des Schmerzgefühls erleichtert die beabsichtigten Verrich¬
tungen an dem Kinde ausserordentlich. Nachdem mir so neben der
Schlafwirkung die Aufhebung des Schmerzgefühls, wenigstens bis zu
einem gewissen Grade, sicher schien, bin ich dazu übergegangen, im
Hedonalschlaf zu operieren. Im Durchschnitt habe ich bei jungen
Säuglingen, bis zu 3 Monaten, 0,75 — 1,0 g, bei Kindern bis zu 18 Mo¬
naten 1,0 - 1,5 g als Klysma verabfolgt. Das Mittel wurde in etwa
30 ccm Haferschleim verrührt. Wichtig scheint mir, darauf zu
achten, dass das Hedonal gleichmässig in dem Schleim verteilt ist,
da einzelne Versager im Anfang der Versuchsreihe darauf zurück¬
zuführen waren, dass sich ein Teil des Hedonals zu Boden setzte,
nicht mit einlief und somit nicht zur Wirkung kam. Ein anderer Teil
von ursprünglichen Versagern fand seine Ursache in den Kotmassen
des Rektums, die zweifellos einen Teil des Schlafmittels absor¬
bierten. Es ist daher jedesmal das Rektum durch einen Einlauf zu
reinigen, ehe das Narkoseklysma verabfolgt wird. Nach dem Ein¬
lauf müssen die Gesässbacken etwa 10 Minuten zusammengedrückt
werden, um ein Auspressen aus dem Darm zu verhindern. Die ganze
Verabfolgung scheint zunächst etwas umständlich, ist jedoch das
Pflegepersonal erst einmal darauf eingearbeitet, so sind die kleinen
Schwierigkeiten leicht überwunden. Der Schlaf setzt im allgemeinen
innerhalb einer Stunde nach der Verabfolgung ein und erreicht nach
meinen Beobachtungen etwa nach lVz Stunde seine grösste Tiefe.
Nach dieser Zeit muss mithin der Operationsbeginn festgesetzt wer¬
den. Eine Verabfolgung per os empfiehlt sich nach Eckstein und
R o m i n g e r des regelmässig auftretenden Singultus wegen nicht.
Bei der Beurteilung der Hedonalnarkose hat mich die Beobach¬
tung 2 Gruppen unterscheiden lassen, die der jungen Säuglinge, etwa
in den ersten 6 — 7 Lebenswochen, und die der älteren Kinder, etwa
bis zu 18 Monaten (auf ältere wurden die Versuche nicht ausgedehnt).
1. Beim jungen Säugling, besonders auch beim dekomponierten,
lassen sich operative Eingriffe ohne Schwierigkeiten und ohne jede
*) Eckstein und Rominger: Beiträge zur Physiologie und Patho-
logie^der Atmung im Kindesalter. Arch. f. Kinderhlk. 1922, 70, S. 1.
2) Bayer & Co., Leverkusen.
1154
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 36.
Narkosenschädigung für den Kranken im alleinigen Hedonalschlaf
ausführen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Dekomposition nicht
so hohe Grade erreicht hat, dass der Eingriff als solcher nicht über¬
standen wird. Mein Beobachtungsmaterial erstreckt sich neben Abs¬
zess- und Phlegmoncninzisionen und Hämangiomexstirpationen, bei
denen man ja zur Not auch ohne jedes Narkotikum auskommt, in
erster Linie auf abdominale Eingriffe, vor allem auf inguinale und
umbilikale Hernien. Von besonderer Wichtigkeit scheinen mir vier
Laparotomien wegen Pylorusspasmus neben zwei inkarzerierten Her¬
nien. Die Kinder, von denen eins schwer dekomponiert war, stan¬
den im Alter von 3 — 7 Wochen. Die Laparotomie, das Vorziehen des
Magens, verliefen ohne sonderliches Reagieren von seiten des Kin¬
des, so dass sich in grösster Ruhe der Pylorus durchschneiden Hess.
Wie wichtig bei derartigen Eingriffen die Notwendigkeit ungestörten
Operierens ist, wird jeder wissen, der den Uebergang des starken
hypertrophischen Pylorus in die dünne Duodenalwand und damit die
Gefahr der Duodenalperforation kennt. Nach dem Eingriff schliefen
die Kinder im allgemeinen 5 — 6 Stunden und tranken sofort gut nach
dem Erwachen.
Anders lagen die Verhältnisse bei der zweiten Gruppe. Bei den
Kindern bis etwa zum 18. Lebensmonat genügte nur in ganz verein¬
zelten Fällen bei hoher Dosierung (bis zu 1,5 g) der Hedonalschlaf
zur Ausführung der hier am häufigsten vorkommenden Eingriffe (In¬
guinal- und Nabelhernien, Hydrozelen usw.). Im allgemeinen kamen
die Kinder zwar fest schlafend auf den Operationstisch, reagierten
auf geringe Schmerzreize, wie Kneifen, nur ganz oberflächlich, jedoch
war die Schmerzempfindung, z. B. beim Hautschnitt, noch so gross,
dass die Kinder lebhaft schrien und durch die Abwehrbewegungen
ein ruhiges Operieren sehr erschwerten oder unmöglich machten.
Auffallend war hier, ähnlich wie bei den Vorversuchen, dass der
Schlaf den einmal ausgelösten Schmerz bald zu überwinden schien,
wenn man nach dem Schnitt oder dem Auseinanderhalten der Wund¬
ränder sich eine Zeitlang ruhig verhielt und keine neuen Schmerz¬
reize einwirken Hess. Von dieser Beobachtung ausgehend, habe ich
nun versucht, die Schmerzkomponente durch Injektion der üblichen
Novokain-Suprareninlösung in Vs proz. Konzentration zu beseitigen.
Das Operieren in alleiniger örtlicher Betäubung ist beim Kinde,
wie ich mich überzeugen konnte, sehr misslich. .Eine absolute
Schmerzfreiheit, z. B. beim Eröffnen und der Naht des Bruchsackes,
beim Unterbinden von Gefässen, ist nur schwer zu erzielen, und diese
Schmerzempfindungen genügen, um das Kind so unruhig zu machen,
dass man schliesslich doch zur Narkose greift. Ich stellte nun zu¬
nächst vorsichtig dosierend fest, dass Vs proz. Novokain-Suprarenin¬
lösung für sich allein, sowie nach rektaler Verabfolgung von etwa
1,0 g Hedonal mit diesem zusammen bis zu einer durchschnittlichen
Menge von 5 — 6 ccm auch vom Säugling ohne jede Störung vertragen
wurde. Bei den kleinen Veihältnissen genügen diese Mengen zur
Anästhesierung vollkommen. Das Kind reagierte jetzt nur beim
Einstich der Injektionsnadel, schlief im allgemeinen, wenn man nur
die wenigen Minuten bis zum Einsetzen der anästhesierenden Wir¬
kung wartete, ruhig, so dass ich seit längerer Zeit bei allen operativen
Eingriffen in den ersten \XA Lebensjahren ohne Inhalationsnarkose
ausgekommen bin.
Von 15 Fällen alleiniger Hedonalnarkose und 43 Fällen Hedonal-
Novokainbetäubung haben wir einen Fall der letzten Gruppe ver¬
loren, dessen Tod jedoch nicht dem Betäubungsverfahren zur Last
zu legen ist.
Es handelte sich um ein rhachitisches, 10 Monate altes Kind mit
schwerer Bronchitis, das wegen inkarzerierter Inguinalhernie ein¬
geliefert wurde. Die Hernie wurde aus vitaler Indikation trotz der
Lungenkomplikation sofort operiert und ohne Schwierigkeiten be¬
seitigt. Das Kind schlief nach der Operation 5 Stunden lang, um nach
dem Erwachen ruhig zu trinken. Aus der Bronchitis entwickelte sich
am nächsten Tage eine Pneumonie, der das schwächliche Kind erlag.
Zusammenfassend lässt sich die alleinige Hedonalnarkose für
Säuglinge — insonderheit für dekomponierte und schwächliche —
in den ersten Lebenswochen, die Hedonalnarkose in Verbindung mit
örtlicher Novokain-Suprareninbetäubung bei Kindern in den ersten
beiden Lebensjahren ihrer Gefahrlosigkeit der Inhalationsnarkose
gegenüber nur empfehlen.
Aus der Hautabteilurig des Städt. Krankenhauses Karlsruhe.
Neosalvarsan in Mischspritze mit Novasurol.
Von General-Oberarzt a. D. Dr. v. Pezold.
Während des Weltkrieges erprobte Linser an dem grossen
Luesmaterial des Reservelazaretts Weingarten sein neues Verfahren,
bei dem er Neosalvarsan oder Salvarsannatrium als Erster mit einer
einprozentigen Sublimatlösung gemischt in die Armvene spritzte.
Die Vorzüge dieser einzeitig kombinierten Methode gegenüber der
bisher üblichen kombinierten Spritzkur, die Schmerzlosigkeit und das
seltenere Aufsuchen des Arztes haben dem Linseryerfahren rasch
grosse Verbreitung besonders in der ambulanten Behandlung ver¬
schafft, zumal da die Kranken diese beiden Vorteile sehr begrüssten.
Gegen die Methode ist geltend gemacht worden, dass das Aus¬
schalten der Depotwirkung der unlöslichen intramuskulären Injek¬
tionen von Hg die Dauerwirkung beeinträchtige. Die Entscheidung
über die Berechtigung dieses Einwandes kann naturgemäss erst im
Laufe einer längeren Zeitspanne erfolgen.
Der Einwand, dass es nicht ungefährlich sein könne, wenn man
eine ihrer chemischen Natur nach unbekannte Mischung einspritze
und ein in Zersetzung begriffenes Salvarsanpräparat in die Blutbahn
bringe, ist durch zahlreiche Veröffentlichungen widerlegt worden,
welche die Seltenheit toxischer Nebenwirkungen betonen.
Die dritte Bemängelung betrifft den Umstand, dass man in der
entstehenden schwärzlichen Mischung das Einströmen des Blutes in
die Spritze nicht sieht und dass man deshalb leichter schmerzhafte
Infiltrate setzt. Dieser dritte Punkt führt dazu, dass man das
Sublimat, von dem man im übrigen Schädigungen der Venenwaml
fürchtete, durch andere lösliche Quecksilbersalze ersetzte, die in der
Mischspritze das einströmende Blut erkennen lassen. Dahin gehören
das Embarin, das Cyarsal und das Novasurol.
Kolle sieht in der Mischspritze eine Verstärkung der Wirkung
des Salvarsans ohne erhebliche Giftung, zugleich eine gewisse Ent¬
giftung des Hg. Er empfiehlt aber, ein möglichst wenig oxydierendes
Hg-Präparat zu nehmen und gibt deshalb dem Novasurol vor dem
Sublimat den Vorzug.
Im Jahre 1920 veröffentlichten Bruck und Becher ihre Ab¬
änderung des Linserverfahrens. Sie sahen neben der Erschwerung
der Technik im Linsergemisch eine zu geringe Bemessung der Hg-
Dose. Sie fürchteten aber bei Verstärkung der Sublimatmenge eine;
Schädigung der Venen und ersetzten dieses deshalb durch Novasurol,
ein in organischer komplexer Bindung Hg enthaltendes Präparat der'
Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer in Leverkusen. Dieses kommt
in Ampullen von 1 ccm und 2 ccm in den Handel. Die Arztpackung
enthält 50 Ampullen. Dieses Novasurol kann auch ungemischt intra¬
venös gegeben werden, so dass man nötigenfalls die Mischspritzenkur
mit reinen Novasurolspritzen fortsetzen kann, wenn man mit der
Neosalvarsandose nicht höher gehen will.
Es spricht für die von Kolle angeführte Entgiftung des Hg inj
der Mischspritze, dass diese besser vertragen wird, als die reine
Novasurolspritze. Bei letzterer sahen wir mehrfach Uebelkeit,
Erbrechen, Schläfrigkeit und Durchfall, einmal Ohnmacht, einmal
Wadenkrämpfe. Bei einem Herzfehler trat eine sehr bedeutende
Steigerung der Diurese ein, die angenehm empfunden wurde, aber
bei der Mischspritze nicht beobachtet wurde. In der überwiegenden
Mehrzahl der Fälle wurde die reine Novasurolspritze sehr gut ver¬
tragen.
Die unangenehmen Nebenwirkungen der Neosalvarsan-Novasurol-
Mischspritze waren bei annähernd 2000 Mischspritzen sehr gering
Die Spritzen wurden meist vorzüglich vertragen, eine Störung der
Arbeitsfähigkeit fast nie beobachtet.
Temperatursteigerungen waren sehr selten. In einem Fall kamen,
nach jeder Spritze Urtterteniperaturen zur Beobachtung.
Leichte Stomatitis trat in 10 Fällen ein, Ikterus nur in 2 Fällen.
Neurorezidive in keinem, Nierenreizung in einem Fall. In je einem
Fall trat Blut im Stuhl und Blut im Auswurf auf, in einem weiteren;
Fall starker Speichelfluss. In 3 Fällen wurde über starke Schmerz¬
haftigkeit der Venen geklagt, in keinem Fall aber sah man Throm¬
bose. Dermatitis wurde keinmal beobachtet, während sie in der
gleichen Zeit bei einfacher Neosalvarsankur 6 mal auftrat. Der augio-l
neurotische Symptomenkomplex wurde nur in einem Fall festgesrcllt.
Einmal führte die Mischspritze bei einer Kranken mit Mitralinsuffi¬
zienz zu einem schweren Kollaps. Todesfälle kamen nicht vor. .
Die sichtbare Wirkung der Novasurol-Mischspritze auf die Sym¬
ptome der Lues ist eine eklatante. Nur in einem Fall wurde das'
Wiederauftreten von breiten Kondylomen beobachtet. Sonst zeigte
sich das Rezidiv nur in der wieder positiv werdenden Wasser¬
mann sehen Reaktion.
Ein Urteil über die Dauerwirkung der Methode ist dadurch sehr
erschwert, dass sich sehr viele Kranke der serologischen Nach¬
prüfung entziehen und bei den heutigen Verhältnissen schwer heran¬
zuziehen sind. Dies fällt um so mehr ins Gewicht, als bei diesen
Mischspritzen vielfach der Umschlag der positiven Wasser ma nn-
schen Reaktion nicht schon am Ende der Kur, sondern erst in den
nächsten Wochen erfolgt. So ist die Zahl der genügend lang sero¬
logisch beobachteten Fälle prozentual klein und die gewonnenen
Ziffern würden bei der Kürze der Beobachtungszeit zu falschen Er¬
gebnissen führen.
Der allgemeine Eindruck ist der, dass den Vorteilen der grossen
Bequemlichkeit der Methode für Arzt und Kranken der Nachteil der
geringeren Dauerwirkung gegenübersteht. Dieser Nachteil lässt sich'
aber in den in Betracht kommenden Fällen durch kürzere Abstände
der ersten Kuren ausgleichen.
Auf jeden Fall bietet das Verfahren besonders in der ambulanten
Praxis so viele und grosse Vorteile, dass eine weitere klinische;
Nachprüfung zu empfehlen ist.
September 192.?.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1155
Ueber eine antionkische Wirkung des Aachener
Mineralwassers.
Von Q. Keysselitz (Aachen).
Die Methodik der Untersuchungen über die therapeutische Wir-
ng von Mineralwässern auf die Magenschleimhaut ist bisher wenig
sgebaut.
Die bekannten Versuche an Eistelhuuden und mit dem Paw-
w sehen kleinen Magen geben nur Aufschluss über bestimmte
nktionen des Organs. Der Einfluss auf die Motilität bzw. das
akuatorische Vermögen und die sekretorische Tätigkeit wird ge-
irt, ein Anhalt für den Wirkungsmechanismus des umspülenden
neralwassers auf die Schleimhaut aber nicht gewonnen. Genauere
irstellungen über einen in dieser Hinsicht in Frage kommenden
irapeutischen Effekt stehen noch aus. Nur die „praktische Etfali-
ag“ spricht im Sinne einer günstigen Beeinflussung erkrankter
hleimhaut durch Trinkkuren mit Mineralquellen von bestimmter
emischer Zusammensetzung, namentlich bei Reizzuständen und
tarrhalischen Erkrankungen des Magens.
Bei diesen Leiden liegt eine Störung der kolloidalen Beschaffen¬
it der Zellkolloide im Sinne einer Quellung des Protoplasmas und
der Richtung der Lockerung der einzelnen Zellen im Zellver-
nde vor.
Die Zurückführung dieser Veränderungen zur Norm ist eines der
irapeutischen Ziele bei der Verordnung von Trinkkuren.
Die therapeutische Bewertung eines Mineralwassers erfordert
her neben anderem auch eine Prüfung, inwieweit durch seine An-
mdung eine solche Art kolloidaler Zellkorrektur, die Schade als
ntionkische Wirkung“ ') bezeichnet, angebahnt wird.
Er versteht darunter eine bestimmte Form der therapeutischen
Istringierung an entzündlich gequollenen und in ihrem Zellverband
lockerten Zellen. Sic besteht in einer Kolloidverdichtung des ge-
ollenen Protoplasmas und der gelockerten Interzellularmasse, die
; zum Ausgleich des abnormen Zustandes fortschreitet und mit Er-
chung der normalen, für das Leben günstigsten Quellungsvcrhält-
se ihr Ende findet. Die vielerörterte „antikatarrhalische Wirkung“
r Mineralwässer bei Katarrhen des Intestinaltraktus beruht nach
• h a d e auf solch einer antionkischen Beeinflussung der entzünd-
ii gequollenen und in ihrem natürlichen Verbände gelockerten
llen.
Zur Klarstellung eines diesbezüglichen Einflusses von Mineral-
ssern sind Versuche an Menschen wenig aussichtsreich. Man
iss zum Tierexperiment greifen.
Bei Versuchen zur Klärung der etwa vorhandenen „antionkischen
rkung“, das Aachener und Burtscheider Wassers * 2) habe ich nach
in Vorgang von Schade3) Kaulquappen von Ra na fusca
mtzt. Bei diesen Tieren lassen sich durch Anwendung sehr ver-
inter Salzsäurelösungen Zellquellungen und Lockerung von Zell-
rbänden in abstufbarer Weise leicht erreichen. Ein Maass für die
■letzte Kolloidschädigung gewinnt man durch Feststellung der Le¬
nsdauer der Tiere. Der therapeutische Effekt der Mineralquell-
landlung ergibt sich aus dem gegenüber der Kontrolle lebensver-
gernden oder rettenden Einfluss auf die säurebehandelten Larven.
Bei den zu den Versuchen benutzten Kaulquappen waren die Kiemen
ch die Operkularfalte bereits überwachsen und das Kiemenloch beiderseits
intlich.
Die unvorbehandelten Tiere halten sich in Aachener und Burt-
leidcr Wasser lange Zeit (Bcobachtungsdauer 6 Tage), in Aqua
d: und 0,1 proz. Natr. bicarb. - Lösung waren sie jedesmal nach
Stunden noch unverändert am Leben.
Die Versuchstiere werden zuerst in eine bestimmt konzentrierte,
rk verdünnte HCl-Lösung gebracht und dann nach bestimmten
iträumen in das zu prüfende Thermalwasser überführt, das sich
hrend der Nacht abgekühlt hat und dabei seines Gasgehaltes ver-
tig gegangen ist. Als Kontrolle dient das Verhalten der Tiere
:h Einsetzen in gewöhnliches Leitungswasser oder in eine 0,1 proz.
tr. bicarb. - Lösung (Natr. bicarb. purissimum in Aqua dest.). In
er Anzahl von Kontrollversuchen ging der Ueberbringung in Lei-
igswasser ein kurzfristiges Abspülen in 0,1 proz. Natr. bic'arb. -I.ö-
ig voraus.
In den stark verdünnten HCl-Lösungen bewegen sich die Kaul-
ippcn anfangs lebhaft umher. Bald aber werden die Körperbewe-
igen träger und erfolgen schliesslich nur noch auf mehr oder
niger starke Berührung oder Stoss.
Die anfangs glatte und spiegelnde Epidermis verändert sich all-
hlich, sie wird grau und opak und sieht wie aufgelockert aus. Bei
rkerer Berührung fallen dann kleinere und grössere Epithelfetzen
m Körper ab; man kann schliesslich mit Leichtigkeit ganze Epithel-
:en vom Ruderschwanze abstreifen. Schade glaubt, dass dei
‘) Schade: Die physikalische Chemie in der inneren Medizin. 1921.
*) Quelle des Kaiserbades in Aachen, Quelle auf dem Markt in Burtscheid,
wr die Zusammensetzung dieser Thermen orientiert das Deutsche Bäder-
h 1907. Nach den neuesten chemischen Analysen von Dr. Feder-
■.licn und den Gasanalysen von Prof. Henrich- Erlangen sind die dies-
üglichen Angaben des Deutschen Bäderbuches nicht mehr in allen Punkten
reffend. Eine Veröffentlichung der neuen Ergebnisse steht bevor.
3) Schade, Giesecke und K i e 1 h o 1 z: Untersuchungen zur Frage
et therapeutischen Kolloidkorrcktur („antionkische Therapie“). M.m.W. 1923,
43, S. 1<<7 ff.
lod der Tiere im wesentlichen auf die Kolloidveränderungen der
Epithelien der Kiemen, des lebenswichtigsten Organs, zurückzuführen
ist. Die Allgemeinschädigung der Epitheldecke des ganzen Körpers,
durch die das tiefergelegene Gewebe seinen natürlichen Schutz
verliert, dürfte daneben auch keine zu unterschätzende Rolle spielen.
Die Umleitung der mehr oder weniger geschädigten Tiere in ein
Medium anderer Zusammensetzung führt gewöhnlich nach dem Ab¬
klingen des ersten, durch die andersgeartete Flüssigkeit bedingten
Reizes zur Einstellung der Spontanbewegungen; meist verringert sich
dann auch vorübergehend die Beweglichkeit auf Stoss und Berüh¬
rungsreize.
Irn I hermalwasser verlieren die säurebeeinflussten Larven sehr
bald als äusseres Zeichen der einsetzenden Zellkorrektur das matte,
graue Aussehen, das sie in zunehmender Weise unter der Säure¬
behandlung erlangt haben. Die Haut wird wie früher glatt und spie¬
gelnd; Epithelfetzen oder ganze Zellagen lassen sich nicht mehr ab¬
streifen. In den Kontrollen dagegen behalten die Kaulquappen ent¬
weder die veränderte Beschaffenheit der Oberflächenschichten bei
oder gewinnen nur allmählich ihr normales Aeussere zurück.
Ein lebensbegünstigender bzw. rettender Effekt des Aachener
und Burtscheider Wassers lässt sich in den Versuchen ohne weiteres
nachweisen. Er macht sich besonders dann geltend, wenn die Tiere
erst nach längerem Verweilen in der für sie giftigen HCl-Lösung umge¬
setzt werden, zu Zeiten, da sie ihre Spontanbewegungen mehr oder we¬
niger ganz eingestellt haben und nur noch auf Berührung oder Stoss
mit matten Bewegungen antworten. Führt man sie schon früher über,
so bleiben sie auch in den Kontrollversuchen am Leben. Die noch
wenig weit vorgeschrittene Säureschädigung der Oberflächendecke
vermag sich aus eigener Kraft auszugleichen und bedarf dazu nicht
notwendig der Hilfe des die Zellkorrektur durch seine antagonistische
Wirkung auf die Kolloidauflockerung fördernden Mineralwassers.
Gleichwohl zeigt sich auch dann ein günstiger Einfluss darin, dass
die Larven rascher ihre spontane lebhafte Beweglichkeit und ihr
„normales“ Aussehen zurückerlangen.
Ueber die Wirkungen im einzelnen mögen die folgenden Tabellen
orientieren. Sie geben nur einen kleinen Teil der Versuche wieder, die
sich im wesentlichen nicht voneinander unterscheiden und s^ziell
auch keine Differenzen in der Wirkung zwischen Aachener und Bur;-
scheider Wasser erkennen lassen 4).
Tabelle 1.
500 ccm Aqua destillata
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+ 15 ccm
+ 20 ccm
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bicarb. pur.-Lösuug in Aqua destillata.
1156
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 36.
Tabelle 3.
Unvorbehandelte
Kontrollen
500 Aqua aestiiiata 4- io ccm
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■) Indicator Methylorange zeigt gelbe Färbung.
**) Indicator Methylorange zeigt orange Färbung.
Nach diesen Tabellen ist der schützende bzw. rettende Einfluss
des Mineralwassers jedesfalls nicht durch den Gehalt an Alkali allein
bedingt. Wie Tabelle 3 zeigt ist er sogar von diesem
weitgehend unabhängig. Selbst nach Neutralisierung des Aachener
und Burtscheider Wassers und sogar bei gering saurer Reaktion zeigt
sich gegenüber den Kontrollen eine das Leben bewahrende Wirkung.
Spätere Untersuchungen sollen zeigen, welche von den gelösten Sub¬
stanzen den Schutz gewährleisten.
Es dürfte gewiss nicht richtig sein, die Ergebnisse dieser Ver¬
suche, die gewonnen sind durch die Beobachtung der Wirkung von
Säuren und Mineralwasser auf die Hautdecke einschliesslich der
Kiemen von Wassertieren, unmittelbar oder in vollem Umfang auf
das feinere therapeutische Geschehen an der Magenschleimhaut bei
Trinkkuren mit bestimmten Mineralwässern zu übertragen.
Immerhin scheinen sie doch den Weg zu zeigen, wie man dem
Verständnis einer der Wirkungskomponenten eines Mineralwassers
näherzukommen vermag.
Man wird annehmen können, dass Trinkkuren und Spülungen mit
Aachener und Burtscheider Wasser oder einer ähnlich zusammenge¬
setzten Quelle alle Zustände durch eine therapeutische Adstringierung
feinster Art günstig beeinflussen, die mit Veränderungen des Kol¬
loidzustandes der Schleimhautzcllen im Sinne einer Quellung des
Protoplasmas oder Lockerung der Kittsubstanz einhergehen. Das ist
bei katarrhalischen Erkrankungen und mannigfachen akuten und
chronischen Reizzuständen des Magens (ebenso der Mundhöhle,
Speiseröhre und des Dickdarmes, der Harnblase [Spülungen]) der
Fall. Durch eine Einwirkung auf den gestörten Kolloidzustand in der
Richtung der Rückkehr zur Norm wird die Wiederherstellung der
„Eukolloidität“ angestrebt. Eine solche „antionkische Wirkung“ eines
alkalischen Mineralwassers kann sich auch dann noch geltend machen,
wenn das alkalische Mineralwasser durch HCl, wie z. B. im Magen,
neutralisiert oder zu schwachsaurer Reaktion übergeführt ist.
Wielange darf sich ein Kassenarzt bei einer Kreissenden
aufhalten?
(Fall von Kollision der Zwillinge.)
Von W. Zangemeister - Marburg a. L.
Vor kurzem war ich als Sachverständiger vor Gericht geladen
in einer Klage des Kassenarztes Dr. E. gegen eine Krankenkasse in
C. Auf Grund der Beanstandung ihres Vertrauensarztes, des Kreis¬
arztes Dr. N. N., hatte die Kasse die Honorarforderung des Dr. E.
nicht anerkannt. Die Beanstandung bezog sich auf die 3Vz tägige
Aufenthaltsdauer des Arztes bei einer Kreissenden und auf die An¬
rechnung der Gebühren für eine Wendung, obwohl es bei einem Wen¬
dungsversuch geblieben war.
Abgesehen davon, dass der Geburtsfall als solcher bemerkens¬
wert ist, verdient die Beurteilung desselben hinsichtlich der obigen
Fragen durch den anderen Sachverständigen, den Vertrauensarzt
der Kasse, allgemeines Interesse.
*) Gleichsinnige Versuche mit Daphnien zeigen ebenfalls den lebens¬
verlängernden bzw. rettenden Einfluss des Aachener Wassers. Eine ähnliche,
wenn auch geringere Wirkung übt 0,1 proz. Natr. bicarb. pur.-Lösung aus,
einer 0,36 proz. Natr. chlorat. -Lösung, die dem Aachener Mineralwasser an¬
nähernd isotonisch ist, fehlt sie. Unvorbehandelte Daphnien starben in einer
solchen Lösung innerhalb 24, spätestens 36 Stunden ab.
Zunächst will ich den Fall kurz schildern: Wehenbeginn bei der 39 lähr.
I-para 23. XI. früh; die Hebamme wurde am 24. XI. früh gerufen, beobachtete
Mekoniumabgang und rief den Arzt Dr. E., der 7 km weit entfernt
wohnte. — Blasensprung nicht bemerkt. — Der Arzt fand den Mutter¬
mund fünfmarkstückgross, I. Steisslage. Er blieb bei der Kreissenden, da er
im Hinblick auf die Entfernung von seiner Wohnung fürchtete, zu einem wahr¬
scheinlich nötigen Eingriff nicht rechtzeitig zur Stelle zu sein. Wehen
schwach. Am 25. XI. Mekoniumabgang, Steiss nach rechts abgewichen, Kopf
links, kleine Teile rechts und links; Herztöne nirgends mit Sicherheit zu
hören. Abends Iiess sich Dr. E. durch einen Vertreter ablösen. Am 26. XI.
I. dorsoanteriore Querlage, Muttermund kleinhandtellergross. Deshalb linke
Seitenlagerung. Die Wehen wurden allmählich kräftiger; der Muttermund
erweiterte sich aber nur sehr langsam. Am 27. XL lag die linke Schulter
vor; es sollte nunmehr die Wendung vorgenommen werden. Es gelang aber
Dr. E. nicht, an den Fuss zu kommen, so dass die Wendung aufgegeben
werden musste. Deshalb und weil die Angehörigen die in Aussicht gestellte
zerstückelnde Operation nicht im Hause wünschten, Transport in die Mar-
burger Frauenklinik (2 Stunden im Auto).
In der Klinik stellte der Assistenzarzt eine I. dorsoposteriore Quer¬
lage fest; keine Herztöne, Muttermund vollständig erweitert, linke Schulter
vorliegend. — 10 Minuten später Untersuchung durch den Oberarzt (Prof.
Esch): Retraktionsring deutlich ausgeprägt, schräg von links oben nach
rechts unten. Unteres Segment nicht druckempfindlich. Uterus stark
retrahiert. Kindsteile nicht deutlich durchzufühlen ln der Vagina bräun¬
liches fötides Sekret Im Beckeneingang der Steiss.
Narkose; Herunterholen des Fusses; Extraktion: Nach der Arm-:
lösung macht der Uterus einen so grossen Eindruck, dass ein Hydrozephalus •
vermutet wird, um so mehr als der Kopf noch sehr hoch steht. Aber beim
Eingehen wird entdeckt, dass in der Kreuzbeinaushühlung der Kopf eines
II. Kindes neben dem Hals eingekeilt ist, während der Kopf des I. Kindes über ]
dem Becken steht.
Da die Früchte zweifellos tot waren und an den Kopf nur schwer heran¬
zukommen war, wurde der Hals des I. Kindes durchtrennt. Dann folgte die
Perforation und Kranioklasie des LI. Kindes und schliesslich die Extraktion J
des Kopfes des I. Kindes (I. Zwilling 44 cm, II. 49 cm). — Wochenbett o. B.
Die Geburt war demnach recht kompliziert, einmal durch das ,
Alter der Erstgebärenden und die damit zusammenhängende Wehen- ;
schwäche und Verzögerung der Eröffnungsperiode, zweitens durch ;
Wechsel der Fruchtlage (Steisslage, Querlage, Steisslage), welche ,
ermöglicht wurde durch den vorzeitigen Sprung beider Frucht- ;
blasen bei Zwillingen ; offenbar hat ein Zwilling den anderen am Ein¬
tritt ins Becken gehindert; die dritte Komplikation entstand durch
Verhakung der Zwillinge bei der Extraktion.
Im Hinblick auf diese Verhältnisse wird man die Notwendigkeit |
einer dauernden ärztlichen Ucberwachung dieser Geburt nicht bestrei¬
ten können, und ich habe mich gutachtlich dahin geäussert, dass der
Arzt nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet war, bei der Kreissen¬
den zu bleiben. Wollte man einwenden, dass Dr. E. die Komplikatio¬
nen nicht alle erwarten konnte, so wäre darauf zu erwidern, dass 1
schon das Vorhandensein einer Beckenendlage (bei einer alten Pri¬
mipara) das Verlassen der Kreissenden bei der in Betracht kommen¬
den räumlichen Entfernung nicht erlaubte, dass ganz allgemein der ,
Arzt eine ihm anvertraute Kreissende nur dann verlassen darf, wenn
er die Verantwortung dafür übernimmt, dass in der Zwischenzeit
nichts passiert, also nur, wenn er bei Bedarf in Kürze wieder zur I
Stelle sein kann. Wäre z. B. die Geburt plötzlich in Beckenendjage ;
zu Ende gegangen und das Kind infolge Abwesenheit des Arztes er¬
stickt, so hätte ich als Sachverständiger vor Gericht ein Verschulden
des Arztes anerkannt, wenn sich derselbe 7 km weit (Wohnung des ,
Dr. E.) weg begeben hätte.
Die lange Dauer der Geburt war aber vorher mit Sicher¬
heit nicht zu übersehen; denn selbst bei alten Primiparen, sogar
mit vorzeitigem Blasensprung verläuft die Geburt bisweilen schnell.
Je mehr aber die Zeit verstrich, um so näher konnte Dr, E. das Ge¬
burtsende bevorstehend erachten und um so weniger durfte er dann
noch Weggehen; als er dies schliesslich doch musste, hat er rich¬
tigerweise einen Vertreter gerufen, der ihn ablöste.
Da die Dauer der Geburt und ihre weiteren Komplikationen für
Dr. E. nicht zu übersehen waren, lag auch kein zwingender Grund
vor, auf die Leitung der Geburt von vornherein zu verzichten und
die Kreissende in die Klinik zu schicken. Namentlich in der Jetztzeit
ist das Bestreben des Praktikers verständlich, die Behandlung eines 1
Falles nicht unnötig aus der Hand zu geben.
Dr. E. hat m. E. die Geburt der Frau gewissenhaft und mit gros- 1
sen Zeitopfern überwacht (ein Lob, welches man den geburtshilflich
tätigen Praktikern keineswegs immer spenden kann). Er hat durch¬
aus im Interesse der Kreissenden gehandelt und damit auch in dem¬
jenigen der Krankenkasse, welche bestrebt sein muss, ihren Mitglie¬
dern die bestmögliche ärztliche Hilfe zu gewähren.
Wohin sollte es führen, wenn der Kassenarzt das finanzielle Interesse !
einer Krankenkasse über die Sorge um das Wohlergehen seiner Schutz¬
befohlenen setzen müsste? Dass Kassenärzte, um ihre kümmerlichen
Kassenhonorare günstiger zu gestalten, gelegentlich mehr unternehmen, als im
Interesse der Behandlung ihrer Kranken gerade nötig ist, sei .nicht bestritten.
Im vorliegenden Fall kann davon keine Rede sein.
Im Gegensatz zu meinem Gutachten stand nun dasjenige
des Vertrauensarztes der Kasse, des Kreisarztes Dr. N. N. Auf Grund
seiner „umfangreichen geburtshilflichen Erfahrung“ hat derselbe
Grundsätze vor Gericht ausgesprochen, um seine — ohne genaue
Kenntnis des Geburtsfalles! — abgegebene Beanstandung des Hono¬
rars zu rechtfertigen, die an den Pranger gestellt werden müssen, da¬
mit Aehnliches nicht in anderen Fällen versucht wird.
September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1157
Er sagte: Wenn eine Geburt nicht soweit sei. dass der Arzt ein¬
reifen könne, so solle dieser wieder Weggehen! Länger als liöch-
ens 12—18 Stunden dürfe der Arzt bei einer Kreissenden nicht
leiben; dann müsse er einen zweiten Arzt zuziehen oder die Kreis¬
ende in eine Klinik schicken. Sein Urteil, wie lange der Arzt bei
iner Kreissenden bleiben muss, machte Dr. N.N. von der I rage
blüingig, wie lange der Praktiker im allgemeinen bei einer
reissenden zu warten „pflegt“, ferner davon, wie lange die Ange-
öfigen und die Kreissende sich ein solch abwarteudes Verhalten
efallen Messen! Ferner behauptete er, durch das lange Abwarten
ürden die geburtshilflichen Eingriffe schwerer und gefährlicher.
Schliesslich argumentierte dieser „Sachverständige“ noch damit,
ass eine Reihe von Kollegen, denen er den Fall vorgetragen habe
^B. ehe er alle Einzelheiten kannte!), ihm in seiner Ansicht, dass
>r. E. zu lange bei der Geburt geblieben wäre, zugestimmt hätten.
Demgegenüber habe ich betont: 1. Die Aufgabe des Geburts-
elfeis besteht in erster Linie in der Ueberwachung der Geburt,
iclit in Eingriffen: letztere sind nur dann berechtigt, wenn sie
ö t i g, und nicht wenn sie möglich sind. Der Arzt, der eine
[reissende lediglich deshalb verlässt „weil er noch nicht ein¬
reifen k a n n“, zeigt, dass er von Geburtshilfe nichts versteht.
Eine zeitliche Begrenzung der ärztlichen Ucberwachungsnotwen-
igkeit auf 12, 18, selbst auf 24 und mehr Stunden ist ein Unding. Es
ibt Geburten, bei welchen eine dauernde Ueberwachung noch weit
änger nötig ist (enges Becken, Placenta praevia, Eklampsie u. a.).
Das Verhalten der Praktiker bei Geburten bildet keinen Maass¬
tab für das, was notwendig ist, da in der Praxis gerade in der Ge-
mrtshilfe aus äusseren Gründen viel gesündigt wird, und da dem
Taktiker häufig auch die Beurteilungsfähigkeit und Erfahrung in
liesen Dingen fehlt. 4. Die Kreissende selbst und ihre Angehörigen
ind noch weniger kompetent; sie sind Laien. Ein Arzt, der sein
landein von diesen Personen abhängig macht, ist kein Arzt; er muss
einer Ueberzeugung gemäss handeln oder die Verantwortung ab-
eluien. 5. Die exspektative Leitung der Geburten ist das einzig
Richtige; sie erschwert notwendige Eingriffe nicht; im Gegenteil,
neist erleichtert sie sie und macht sie weniger gefährlich; natürlich
;ann ein zu langes Abwarten auch einmal schaden (z. B. wenn
iei Querlage die Wendung nicht rechtzeitig gemacht wird); im all¬
gemeinen aber wird in der Praxis weit mehr geschadet durch z u
rüh zeitiges — oft unnötiges — als durch zu spätes Eingreifen,
i. Das Forum von praktischen Aerzten, auf welches sich Dr. N.N.
icruft, ist in derartigen Fragen nicht absolut massgebend; ausserdem
iber kommt es ganz darauf an, wie ein Fall dargestellt wird.
Schliesslich ist auch noch Folgendes zu betonen: Bei Beurtei-
ung eines Geburtsfalles nach Ablauf desselben ist man öfters kluger
ds zuvor. Bei Bewertung der ärztlichen Handlungsweise muss man
sich in die Situation hineinversetzen, welche bestand, als der Arzt
einen Entschluss fassen musste. Der weitere Verlauf des Falles, seine
lange Dauer und seine weiteren Komplikationen zeigen zwar, dass
der Arzt besser getan hätte, die Kreissende früher in die Klinik zu
schicken; aber das war vorher für ihn nicht zu übersehen.
Der zweite Punkt der Beanst andun g betraf den Wen¬
dungsversuch. In der Gebührenordnung gibt es keine Taxe für den
„Wendungsversuch“. Deshalb verlangte der Vertrauensarzt
Streichung der für die „Wendung“ liquidierten Gebühr. Er führte an,
dass für nicht ausgeführte Operationen, z. B. für die nichtgelungene
Reposition einer Hernie, eines Knochenbruches, auch nichts vergütet
würde. Zunächst sind nun diese Vergleiche nicht stichhaltig; sie wur¬
den allenfalls in Parallele zu setzen sein, wenn ein Arzt die Zange
anlegt, sie aber nicht vollenden kann. Schon der Versuch der
„hohe n“ Zange (vor der Perforation) ist jedoch ein u. U. berech¬
tigtes, zweckmässiges und vollgültiges Unternehmen, auch wenn er
schliesslich nicht zum Ziel führt. Der Wendungsversuch erfordert —
im Gegensatz zum Repositionsversuch einer Hernie und dergl., müh¬
same Vorbereitungen; ausserdem ist er ein verantwortungsvolles
Unternehmen, bei welchem oft mehr Mühe, mehr Kritik und mehr
Erfahrung nötig ist als bei einer gelingenden Wendung. Er kann des¬
halb nicht einfach unhonoriert bleiben. Der Wendungsversuch ist
nicht lediglich eine missglückte Massnahme, sondern ein Eingriff sui
generis, bei dem oftmals die wahre, schwierige Situation erst richtig
erkannt wird; er wird unternommen, um das Leben des Kindes mög¬
lichst zu erhalten (dass das Kind resp. die Kinder im vorliegenden
Fall bereits tot waren, stand damals nicht sicher fest).
Ganz abgesehen von diesen Erwägungen, enthält die Gebüh¬
renordnung aber gar keinen Passus, aus dem hervoi
ginge dass ärztliche Verrichtungen, falls sie den
erzielten' Erfolg nicht haben, nicht zu honorieren
wären' In der Ausgabe der Preussischen Gebührenordnung von
Jorn träger (15. III. 1922, Berlin, Kabitzsch) hebt der Autor
iogar ausdrücklich hervor (S. 3): „Man zahlt dem Arzt nicht bloss,
venn seine Ratschläge, Leistungen, Operationen einen Lrtolg
lehabt haben.“ Im „Deutschen Aerzterecht“ (Joachim u. Korn,
Jerlin, Vahlen, 1911, S. 376) wird gesagt: „Unerheblich für den
Anspruch ist Weiter, ob seine Bemühungen von Erfolg gekrönt waren
>der nicht; denn die vom Arzt übernommene Vertragspfhcht geht
lur dahin, die zur Herbeiführung des Erfolges von der Wissenschaft
/orgeschriebenen Dienste zu leisten.“ Die Gebührenordnung selbst
rnthält folgendes zur Sache (S. 5): Eine Gebühr kann nur für solcne
Verrichtungen in Ansatz gebracht werden, die eine selbständige
Leistung darstellen. § 10: Verrichtungen, für die diese Gebühren¬
ordnung Gebühren nichts auswirft, sind nach Massgabe der Sätze,
die für gleichwertige Leistungen gewährt werden, zu
vergüten.
Der „Wendungsversuch“ ist — sachgemäss unternommen —
zweifellos eine selbständige Leistung. Da keine Taxe für ihn vor¬
gesehen ist, muss er als Wendung in Anrechnung gebracht werden;
denn nach Beschaffenheit und Schwierigkeit der Leistung steht er
hinter zahlreichen glatten Wendungen nicht zurück.
• Wenn man den Fall im ganzen überblickt, muss man zwei
Dinge als höchst bedauerlich bezeichnen; Einmal dass sich ein Arzt
(beamteter Arzt!) dazu hergibt, die Liquidation eines Kollegen ohne
genaue Kenntnis des Falles und nach gänzlich unrichtigen Gesichts¬
punkten bei einer Krankenkasse zu beanstanden, und dass er diese
lieanstandung nicht einmal zurücknimmt, nachdem er über die Kom¬
plikationen unterrichtet worden war. Zweitens dass es ein Arzt
unternimmt, Grundsätze vor Gericht auszusprechen, welche unseren
— keineswegs nur auf theoretischer Grundlage beruhenden — Leh¬
ren, die wir im Interesse zweckmässiger Behandlung unseren Schü¬
lern einzuprägen bemüht sind, geradezu ins Gesicht schlagen. Was
mich veranlasst, hier eine scharfe Sprache zu reden, ist auch noch die
Tatsache, dass ich vor einigen Jahren, ebenfalls von einem beamte¬
ten Arzt, als Leiter der Hebammenlehranstalt ein vorwurfsvolles
Schreiben erhielt, weil ich meine Hebammenschülerinnen nicht dazu
erzogen hätte, sofort bei einer Kreissenden innerlich zu untersuchen.
Es sei ihm mehrfach vorgekommen, dass er von diesen Hebammen
gerufen wurde, ehe der Muttermund so weit war, dass er sofort die
Zange anlegen konnte. Seine Zeit gestatte ihm nicht, mit derartig
mangelhaft ausgebildeten Hebammen zu arbeiten! — Ich verwies den
Kollegen in meiner Antwort auf das Hebammenlehrbuch, das sich
über die Notwendigkeit der inneren Untersuchung klar ausspricht. —
Und das verlangte ein Kreisarzt, zu dessen Obliegenheiten es gehört,
die Hebammen eines Bezirks zur Befolgung des Hebammenlehrbuches
anzuhalten! _
Für die Praxis.
Behandlung der Nierenleiden im Kindesalter.
Von Prof. Dr, M. Klotz-Lübeck. *
II, Die chronischen entzündlichen Nierenerkrankungen.
Praktisch die grösste Bedeutung hat die chronische
hämorrhagische Herdnephritis, die von Heubner zu¬
erst beschriebene und herausgearbeitete sog. Pädonephritis.
Hervorstechendstes Symptom: Intermittierende,
meist massige Hämaturie. Geringgradige, oft jahrelange Albuminurie.
Oedeme sind sehr selten. Urämie soll Vorkommen. Blutdrucksteige¬
rung fehlt, kann aber, wie L. Mendel jüngst berichtet, doch ge¬
legentlich später sich einfinden. Dadurch würde bedauerlicherweise
die günstige Prognose, die man bisher der Pädonephritis zu stellen
pflegt, eine Einschränkung erfahren.
Es muss aber daran erinnert werden, dass leichte akute diffuse Glo-
merulitiden anfänglich unter dem Bilde der Herdnephritis verlaufen können,
d. h. ohne Blutdrucksteigerung, so dass eine sichere Abtrennung nicht mög¬
lich ist. Nach unseren derzeitigen Kenntnissen ist es schwer vorstellbar,
wie bei der Herdnephritis eine Hypertension zustande kommen soll. L. Me n -
d e 1 s verdienstliche Funktionsprüfungen haben auch gelehrt, dass eine Stö¬
rung bei Pädonephritis nicht vorkommt, abgesehen von der sog. „verzöger¬
ten Verdünnungsreaktion“, die auf eine Trägheit der Nierenfunktion hindeuten
soll, aber nichts für die Pädonephritis Charakteristisches ist.
Harnsediment: Wie bqi akuter mittelschwerer oder chro¬
nischer Nephritis.
Vielfach wird die Pädonephritis zufällig ent¬
deckt gelegentlich einer besonders auffälligen hämorrhagischen
Harnkrise oder bei einer Harnprüfung auf Eiweiss. Das akute Sta¬
dium der Herdnephritis ist meist unerkannt vorübergegangen, und un¬
bekannt bleibt oft auch die Aetiologie. Das Hauptkontingent der
Pädonephritiker stellen die blassen, leicht ermüdbaren, appetitlosen,
und mit allerlei vagen neuropathischen Symptomen behafteten Schul¬
kinder. Für manche dieser Kinder ist es, wie schon Heubner
gesagt hat, geradezu ein Unglück, dass die Nephropathie entdeckt
worden ist. Denn nun ist zu den vielen kleinen Sorgen, die diese
sensiblen Kinder den ebenso gearteten Eltern machen, ein ganz be¬
sonders grosses Moment der Beunruhigung hinzugetreten.
Die Therapie ist eine dankbare, wenngleich die Chronizität
der Erkrankung an Geduld und Vertrauen grosse Ansprüche stellt.
Den Uebergang in Schrumpfniere, deY Vorkommen soll, habe ich nicht
gesehen, auch auf Umfragen bei beschäftigten Kinderärzten nichts
darüber erfahren können.
Bettruhe, Nierendiät und das ganze sonstige Rüstzeug der Thera¬
pie kommen nur für akute Exazerbationen in Frage ; das
gleiche gilt von Liegekuren, Badekuren, Schulbesuchsverbot! Die
Kinder können ruhig leichten Sport treiben, z. B. radeln, reiten,
Schulwanderungen mitmachen. Anstrengendes Turnen an Geräten,
ermüdende Freiübungen sind verboten. Kalte Bäder, Schwimmsport
ebenfalls. Aeusserst wichtig ist eine eingehende Belehrung und Auf¬
klärung der Eltern.
1158
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 36.
Sollte die Albuminurie orthotischcn Charakter zeigen so ist
ein therapeutischer Versuch mit dem von Je hie angegebenen
Mieder angezeigt.
Mit einigen Worten muss hier auch noch der a k u t e n Form der
oben geschilderten Pädonephritis gedacht werden: der hämor¬
rhagischen herdförmigen Glomerulonephritis,
ka,rz * ,erd.n?.ph,ri.tlis genannt. Sie wird veranlasst durch
anlasst durch die gleichen Infekte wie die diffuse akute Glomerulo-
nephritis, tritt aber ebne Latenz, gleichzeitig mit dem Infekt auf. Die
Unaufdringlichkeit ihrer Symptome bewirkt, dass sie zunächst oft
übersehen die Albuminurie als febril aufgefasst wird. Harneinweiss
gering, 1—2 Prom.; Anurie kommt nicht vor, Oligurie wird als Fieber-
fo ge vorgetauscht. Nierenfunktion ungestört. Oedeme. Urämie
fehlen, desgleichen Blutdrucksteigerung. Die von Volhard be-
tonte Bakteriurie scheint differentialdiagnostisch nicht verlässlich zu
i° ™ * !' ° e j* e ?. Harnsymptom: Hämaturie, von
mikroskopischen Graden bis zum blutigen Bodensatz im Urinal.
M *°"stlgeKr morphologischer Harnbefund wie bei akuter diffuser
Nephrits, aber quantitativ geringgradiger. So ist tatsächlich die
fiStUnw- daMeinz,Ige kl[nisch bedeutungsvolle Symptom und der
?'C Herdnephritis auch als monosympto¬
matische akute Nephritis zu bezeichnen.
woeenIed^er«25h«!^rH?ntn-* ^eS JSlin!,schen Bildes hat namhafte Kliniker be-
zuwenden df«ba- d‘gileirt d.er, Herdnephritis abzulehnen. Dagegen ist ein-
zuwenden, dass die pathologisch-anatomische Grundlage gesichert ist. Auch
Herdnenhn'ti/ SC^e M- lnlk ZUr ,Vorsicht' bev°r man sich zur Diagnose
di fu fe Lnh af ' n1\/eVVSSe Erscheinungsformen leichter akuter
Man mfi« in cni n ohne Blutdrucksteigerung sich ähnlich verhalten können,
den , i -hL ZWelfejhaften EäHen sehr sorgfältig auf Oedeme fahn-
u 11 Hin od mit- der schwereren Erkrankungsform rechnen, bis
ünverändRn t iVne'fUng’ Prüfung auf Bakteriurie. gleiche,
Lge klären d te SvmPtomenarmut und andere Momente die Sach-
sCDtisScehhermSe^eHnr|Un^ SCfllWCre Jormuen der akuten Herdnephritis, wie die bei
1' *,™ H«hH nh,-*-ferinxr dle bei malignen Endokarditiden auftretende
embolische Herdnephritis können hier unerörtert bleiben.
Wichtig für den Praktiker: Die in der ersten Woche bei Schar¬
lach auftretende sog. Fruhnephritis dürfte eine Herdnephritis sein.
rv-+ *1' d ' U ? g d e.r a k u 4 e n Herdnephritis mittels
besonderer Diät kommt — wie schon bei der chronischen Form, der
Pädonephritis, erwähnt wurde, nicht in Frage. Eine Einwirkung auf
die zerstreuten entzündlichen Herde in der Niere ist nach dem der¬
zeitigen Stande unseres Wissens und Könnens nicht möglich.
Gegen die Hamaturie wird man nach den bei der akuten diffusen
Glomerulonephritis geschilderten Richtlinien Vorgehen
Die Diagnose der chronischen diffusen Glomerulo-
nephritis ist unter Berücksichtigung der anamnestischen Daten,
der Blutdrucksteigerung, des Harnbefundes, der Dilatation und Hyper¬
trophie des linken Ventrikels nicht schwierig. Zu bemerken ist nur,
dass man dieser Form der Nephropathie im Kindesalter ganz extrem
selten begegnet, was die Reinheit der Symptome anbelangt. Meist
nimmt parallel mit der Chronizität auch der parenchymatöse, nephro¬
tische Einschlag zu, gelegentlich bis zu einem Grade, dass auch die
ypertension nicht mehr zustande kommt und Lipoidurie auftritt.
Reine Schrumpfnieren begegnen dem Arzt etwas weniger selten erst nach
. Eebensjahrzehnt. Aetiologisch spielt Scharlach gewiss die von
jeher betonte Rolle, aber oft bleibt der Ursprung der chronischen diffusen
NePhnt.S in Dunkel gehüllt. Spärlich und lückenhaft ist die über die kindliche
ä1*?™ vorliegende pädiatrische Literatur. Ueber das u U Jahre!
!fPrgen u Mtln' de f LaJenz- u,ber die Blutdruckverhältnisse beim Uebergang
teilungen611 dl USCn GIomerulonephntis in die chronische Form fehlen Mit-
Besonders erschwert wird die Sachlage nun weiter noch dadurch
dass entzündliche und degenerative Prozesse sich bei der chronischen
Nephropathie mit Vorliebe vermengen. Im Gegensatz zur
reinen Schrumpfniere trifft der Praktiker die
Mischform, d. h. die glomerulo-tubuläre chronische
Nephropathie weit häufiger an.
, . Scbon. bei der Schilderung der akuten diffusen Glomerulonephritis
£L®sJfjh , darauf hm, dass der nephrotische Einschlag hier oftmals be¬
trächtlich ist. Besonders bei Kindern mit exsudativer Diathese ist
diese Mischform nach Noegge rat h die bevorzugte Erschei-
nungsform der akuten Nephritis, während Scharlach und Diphtherie
weniger in Frage kommen.
. Ber Verlauf der akuten M i s c li f o r m richtet sich in Einzel-
huten nach der Starke der Komponenten. Die Oedeme können gleich von
6” f n.g. an hochgradig sein. Die Hypertension kann durch den nephrotischen
Einschlag verdeckt werden. Harnbefund sonst wie bei akuter diffuser Glo¬
merulonephritis. Hamaturie zuerst anfailsweise, dann monatelang anhaltend
PädoneDhHHWN2 !St uberw'egend *“t. Uebergang in Schrumpfniere oder
1 udonephritis (Noeggerath) habe ich nicht gesehen.
So dankbar die Behandlung der akuten diffusen Nephritis so
r®nzt n11!* d,ie Aussichten bei der chronischen diffusen oder
Mischform. . Bettruhe bei akuten Schüben (stärkere Hämaturie,
edeme, urämische F rodrorne), nach dem Abklingen, worüber oft
mehrere Wochen, ja Monate verfliessen können, lässt man trotz Rest-
albummurie usw trotz leichter Oedeme aufstehen und beobachtet
das Ergebnis Meist erfolgt keinerlei Verschlechterung des Niercn-
befundes, im Gegenteil: Zirkulation, Stimmung, Appetit, Farbe bessern
nnu', SSb*Stvie^tandl,«hr asst man einige Stunden am Tage ruhen
nd wendet Kleidung, Wohnung, Lebensgewohnheiten usw. Aufmerk-
samkeit zu. Quellen neuerlicher Infektion: Adenoide, vergrösserte
zerklüftete Mandeln, Alveolarpyorrhöe, kariöse Zähne sind zu bc.‘
seitigen. Bei drohender oder manifester Urämie gilt das über pro
teinarme Diät Gesagte. Sonst aber kann man die Kost liberaler ge.
stalten; es hat nur bei Oedemen Sinn, auf salzarme und fleischarme
Uiat zu dringen. Das für die akute Nephritis geltende Verbot zahl¬
reicher Gemüse, Früchte, Gewürze hat für das chronische Stadium
wenig Zweck mehr. Man kann also Sellerie, Pilze, Leguminosen Ge
wurzkrauter in mässigen Mengen ruhig gestatten. Alkohol ist natür¬
lich verboten.
...... Von der Klimatotherapie bei Morbus Brightii wurde einst viel
Rühmens gemacht. Kritik, Forschung und Erfahrung haben zu einer
Klärung geführt. Das Ergebnis ist bescheiden.
Von Möglichkeiten, mittels klimatischer Faktoren (trockenheisses
Klnna: nordafrikanische Küste, Aegypten, spanische Südküste) auf
Nephropathien einzuwirken, kommen folgende in Frage- Ver¬
ringerung der Harnproduktion, Entlastung der
Nieren. Wahrend aber die extrarenale Wasserabgabe in
Aegypten usw. eine sehr beträchtliche ist, kommt die extrarenale
N- u n d S a 1 z a u s s c h e i d u n g kaum ernstlich in Betracht. Findet
also keine einschneidende Umstellung der Kost statt, dann sind die
sog Nierenfericn höchst problematisch. Weiterhin muss bei dieser
Sachlage immer vorausgesetzt werden, dass die Nierenfunktion un-
fvonlarV'6 Konzentrationsfahigkeit n°rmal oder fast normal ist
öden, Sn TrhJUgeg^en werden so'1- dass 'm trockenheissen Klima bei
odemutosen Kranken neben grossen Wassermengen durch Haut und Lunge
.ni?ht unbeträchtliche Mengen harnpflichtiger Stoffe durch die Haut aus-
gcschieden werden und die Zirkulation sich bessert, so lässt sich das gleiche
doch auch in unserem Klima durch geeignete Massnahmen erreichen. Man
ba.. betoat\ dass deLr durc'h das eigenartige Wüstenklima auf die Haut aus-
geubte Reiz, welcher zu besserer Durchblutung der Peripherie, gleich-
undniRDtdEnmkctenwng ^ Nierengefässe, vermehrter Durchblutung der Nieren
nur ^mlrniv kS k ”g fjhrtJ ln dleser natürlichen, dauernd vorhandenen Form
O l -, uny>oI1.k°'[nmen und durch komplizierte Massnahmen ersetzbar sei
W er m, AbbazIa “P Qcgensatz zu den feuchtwarmen
7„Jla»h t aJ Sommer ohne jedes Diuretikum auskommt. Das soll alles
Spezffikum WRpdrp1if tr°t.z.dem lst dle Klimatotherapie bei Nephropathie kein
bpezifikurn. Bere ts stabil gewordene Folgen der Nierenerkrankung an Herz
und Gefassen sind auch durch Aegypten nicht mehr reparabel
Akute Nephritiden oder langsam in Heilung übergehende nach
Aegypten zu schicken ist überflüssig; chronische Nephropathien mit
NeobGtidSe,t0r-ing:i a,SCli- ,■ Höchstens kämen chronische diffuse
Nephritiden im Latenzstadium, Mischformen, schwere Fälle von
nnd0pni?Phn!LLn Frage: V05,auIfgesetgt’ dass es sich um Raffkekinder
sich nLr i ™ ^esint,llch.e7 ablehnende Stellungnahme richtet
sich aber selbstverständlich nicht gegen durchaus rationelle Mass¬
nahmen, wie z. B. die, Kranke aus klimatisch ungünstiger Lage in
erlauben611 zutraglichere zu verbringen, wenn die Mittel - es irgend
Ein Heilbad für chronische Nephritis gibt es nicht (L i c h t w i t z).
Und so kann man mit Resignation von Brunnen- und Trinkkuren
sagen, dass sie in der Regel wenigstens keinen Schaden stiften. J
Ob wirklich für manche Form chronischer hämorrhagischer Neohritis p'n»
«wÄ »"fÄ W. wie M ÄWSÄÄ«
Ueber Urämiebehandlung siehe unter Nephrose.
(lj Be,1+<rUSgan.g der chronischen Glomerulonephritis ist entweder
die akute urämische Intoxikation, die interkurrente Infektion oder
ter zunehmenden Oedemen das Erlöschen an Herzschwäche.
Bücheranzeigen und Referate.
nm^Z.^npy^e,Ie/U D?s lindes Ernährung, Ernährungsstö-
rnugen und Ernahrungstherapie. Ein Handbuch für Aerzte. I. Band,
preis 36 MAUflaSe' Verlag D e u * 1 c k e- Leipzig und Wien. Grund¬
war DVnn ZS1P Z1?386 des Czerny - Keller sehen Handbuches
war von allen Fachgenossen lang ersehnt. Denn die erste Auflage
Z" fSr "cif e'UdhlTn Vergnffen- Das Buch von CzernT-Keller
nat tur die I adiatrie eine grundlegende Bedeutung, denn hier
Sichtung6 unterzo^p in" ,un,d ausIandische Literatur einer kritischen
der Ernähn 1 die ,gesamten Fragcn des Stoffwechsels und
dfe er fÄ fl l! besprochen. Die zweite Auflage lehnt sich an
gearbeitet ^düf/k an’ lst, ,ab9r d°ch so vollkommen neu durch-
Einzelne Tode derkaPUnl W0AhIfleme Seite unverändert geblieben ist.
nicht noch n, Pb! ten Auflage sind fortgelassen, um den Umfang
rst in den letzten ^ N,C[gr0SSCrn’ denn der Zuwachs neuer Arbeiten
• , n ,en *etzfen 15 Jahren ein ausserordentlich grosser. Der Stoff
■ in der zweiten Auflage vielfach anders geordnet. Der erste Teil
sunderKfndeseSri5rfÄSiChbhaVPtSä^lich mit der Ernährung des ge-
zeit bisK zmn F,meSt?f Wec lfe V0,rgange während der ersten Lebcns-
sammensetzun^dl ^°S erSte,n LebensJ?hres, der chemischen Zu-
Anatomie mui^b ForPers> der verschiedenen Milcharten und der
atomie und Physiologie des Magendarmtraktus. Das Buch ist für
BuchTsnv™fH'Se"wP^iate' 7T,elie"os mentbehrifdL a Ist S
Pädiatrisches rS I au? alle Eragen bespricht. Ein solches
Es darf ri ie i , hat k£iUIS e,in ausserdeutshes Land aufzuweisen.
Zeit dies Buch m°nen ft0'Z erfüllen’ dass gcrade in jetziger
t dies Buch in neuer Auflage erscheinen kann, ein Zeichen, dass
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1159
September 1923.
itsclie Forschung und Wissenschaft gewillt ist, weiter zu arbeiten
II nicht die Waffen zu strecken. Ist doch deutsche Wissenschaft
man möchte fast sagen — das einzige, um das das Ausland
; noch beneidet. Deshalb gebührt den Autoren für ihre Arbeit
er aufrichtigster Dank. Das Buch wird für jeden, der wissen-
aftlich Kinderheilkunde bearbeitet, ein literarischer Führer sein,
unentbehrlich ist.
Was den Inhalt der Kapitel angeht, so kann bei der Fülle nicht
einzelnes cingegangen werden. Doch erscheint uns auffallend,
s die Autoren beim Kapitel der künstlichen Ernährung als Normal-
irung angeben, dass „man beim gesunden Kinde in den ersten
lensmonatcn zur Zubereitung der Nahrung mit Kuhmilch, Schleim-
i Mchlabkoclumgen und Zucker vollkommen auskomme“. Das
natürlich richtig, aber die Fettnahrung, für die ja Czerny durch
le Buttermehlnahrung selber eine Lanze gebrochen hat, wollen
für das normal gedeihende Kind nicht als Nahrung gelten lassen,
d doch sind wir überzeugt, dass Fettnahrungen im allgemeinen
jüngeren Kindesalter für das gesunde Kind eine weit bessere
lirnng darstellen wie die Kohlchydratmisclning, wenn wir von
i heissen Sommermonaten absehen, freilich auch kostspieliger sind,
ch solche Angaben, dass „auch das stärkste Kind im ersten Lebens-
r nie mehr als 800 g Flüssigkeit aufnehmen soll“, scheint uns doch
as zu apodiktisch. Die Erfahrung lehrt, dass eine zu streng systc-
tisiertc künstliche Ernährung immer mit gewissen Misserfolgen zu
hnen hat. Auch in der strengen Einhaltung der 5 Mahlzeiten sehen
\ besonders bei jüngeren Kindern, nicht immer einen Vorteil,
r vermissen ferner, z. B. bei der Besprechung des Harnsäure-
irkts. die Untersuchungen Birks. Doch sollen alle diese Dinge
ne wirkliche Kritik bedeuten, zumal sie ja der Ausdruck persön-
icr Ansichten sind. Wir möchten hoffen, dass die Fortsetzung des
ches recht bald folgen möge.
Einen wirklichen Schönheitsfehler besitzt das Buch aber doch,
den allerdings nicht die Autoren, wohl aber der Verlag verant-
rtl ich ist. Das ist der ausserordentlich hohe Preis. Matt bedenke,
;s der ganze 1. Band der 1. Auflage, der im wesentlichen die
ichen Abbildungen bringt, vor dem Kriege 20 — 24 M. kostete und
1. Teil des 1. Bandes der 2. Auflage kostet als Grundpreis 36 M.
I solcher Unterschied widerspricht eigentlich den Normen des Ver-
sbuchhandels, der immer wieder betont, dass die Grundzahl än¬
dernd der Friedenswährung gleichkäme. Gewiss wird das Buch
:h im Ausland einen sicheren Leserkreis finden. Wir wünschen
l dies von Herzen, aber bedauerlich würde es bleiben, wenn
itschc Forscher durch den hohen Preis gezwungen wären, auf
ses Buch verzichten zu müssen und wir wissen aus Erfahrung,
;s dies bei gar nicht wenigen der Fall ist. Vielleicht macht der
rlag den ersten Fehler dadurch gut, dass er bei weiteren Erschei¬
nen auf diese wichtige Frage mehr Rücksicht nimmt.
Rietschel - Würzburg.
Kahn: Studien über Vererbung und Entstehung geistiger Stö-
igen. Berlin, 1923, Springer. 144 S. Gdpr.: 7 M.
Nach einer eingehenden theoretischen Darlegung des Themas
: neuem Material und neuen Gesichtspunkten berichtet Verfasser
.‘r acht genisch möglichst genau erforschte konjugale Schizophre-
n mit zusammen 25 ins erwachsene Alter gekommenen Kindern, ln
ren derselben sind alle Nachkommen schizophren, in den andern
•ind 4 schizoide und 8 als normal gerechnete Nachkommen, wobei
• Begriff der Norm nicht eng gefasst ist. Die zahlenmässigen Ver-
tnisse und die aus den Untersuchungen der Vorfahren und anderer
itsverwandten sich ergebenden wahrscheinlichen Erbmassen
tzen mit einiger Wahrscheinlichkeit die aus anderen Erfahrungen
geleitete Vermutung Kahns, dass die Schizophrenie aus dem Zu-
nmenwirken einer die schizoide Psychopathie bedingenden, und
er „destruktiven“, den Verblödungsprozess verursachenden (ein-
hen oder komplexen) Anlage entstehe. Das schizoide Gen wäre
rninant, das destruktive rezessiv. Als durchgehende Eigenschatten
ihänotypisches Radikal“) in dem vielgestaltigen Bild des Schizoids
' teil der Autismus und die schizoide psychästhetische Proportion
etschmers (Körperbau und Charakter. Springer, 1921,
116, Mischungsverhältnis der hyperästhetischen und anästhetischen
imente). Die Zahlen an sich sind natürlich noch viel zu klein, um
• t Vermutung Kahns mehr als eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu
äen. Aber auch gegen derartige Arbeiten mit grossen Zahlen hatte
ferent einmal eingewendet, dass zwar die Rechenoperationen ganz
htig seien, aber was die Rechenpfennige für eine Bedeutung haben,
bekannt sei, namentlich weil in der ununterbrochenen Linie ge-
id — schizoide Psychopathie — verblödete Schizophrenie nirgends
e Grenze oder eine Abbiegung zu finden sei. Der einmal schwer
isteskrank gewesene Schizophrene z. B. kann nachher weniger
rk abnorm sein als sein als bloss psychopathisch geltender Bruder.
It wird die Anlage durch eine blosse psychogene Reaktion von he¬
iliger Schwere manifest — ist ein solcher Kranker schizoid oder
lizophren? Ausserdem ist fraglich, ob und inwiefern die vielgestal-
I en äusseren Bilder der Schizophrenie und des Schizoids genisch
iheitlich sind. Diese Schwierigkeiten sind auf klinischem Gebiete
lr schwer, vielleicht gär nicht zu überwinden. Durch die Methodik
js Verfassers werden sie in glücklicher Weise umgangen, und wenn
l iehe Untersuchungen an grösserem Material ähnliche Resultate er¬
ben würden, so wäre damit bewiesen, nicht nur dass die Schizo-
Irenie aus der dominanten schizoiden und der rezessiven destruk¬
tiven Anlage resultiert, sondern auch, dass der jetzige Rahmen der
Schizophrenie und die Begriffe des Schizoids und der zur Schizo¬
phrenie führenden destruktiven Anlage je eine natürliche Einheit
wären. Man hätte sich dann nur noch abzufinden mit den Einwänden,
dass die Schizophrenie als Krankheit bis jetzt nach zufälligen sozi¬
alen statt nach biologischen Gesichtspunkten umgrenzt sei, und dass
die schizophrenen Syndrome durch allerlei organische und z. B. auch
durch manisch-depressive Störungen, wie analog manisch-depressive
Auftritte durch schizophrene Prozesse ausgelöst werden können und
ähnliches, und man müsste dann eine Erklärung suchen für die Tat¬
sache der gleitenden Uebergängc von gesund zu schizophren.
Diese Andeutungen mögen die Wichtigkeit der Arbeit dartun und
die Bitte des Verfassers unterstützen, ihm Krankengeschichten von
eingehender Untersuchung zugänglichen Familien mit konjugaier
Schizophrenie und konjugalem manisch - depressiven Irresein zuzu¬
weisen. E. B 1 e u 1 e r - Burghölzli.
Aerztliche Behelfstechnik. 2. Auflage, bearbeitet von Professor
C. Franz. Berlin, Verlag Julius Springer, 1923.
Im Jahre 1919 erschien die erste Auflage dieses eigenartigen,
wertvollen Werkes, welches der Initiative des inzwischen verstorbe¬
nen Innsbrucker Chirurgen Professor v. Saar entsprungen war.
Mit einer Gruppe von Fachärzten für die besonderen Abschnitte des
Werkes, selbst die chirurgische Behelfstechnik übernehmend, hatte
er das Werk herausgegeben, aus „dem Felde“, und ganz besonders
für die Zwecke des Krieges verfasst. Das Buch muss im Weltkrieg
von ausserordentlichem Nutzen gewesen sein, indem es anleitend
und anregend die technische Lösung gestellter Aufgaben unter Durch¬
führung wissenschaftlicher Grundsätze ermöglichte. Jetzt ist die
Kriegszeit mit ihren eigenartigen Aufgaben vorüber, aber die Frie¬
denszeit, welche wir jetzt unter dem Druck der Feinde geniessen,
zwingt uns vielfach zur einfachsten, billigsten Technik, um Anschaf¬
fungen in märchenhaft erscheinender Preislage zu vermeiden. Da ist
die Neubearbeitung des Buches durch Professor Franz ein ver¬
dienstliches, zeitgemässes Werk. Der von ihm selbst bearbeitete
Abschnitt (Chirurgie) und der von Spitzy (Orthopädie) füllen 295
von den 584 Seiten des ganzen Buches; der andere Teil umfasst die
innere Medizin (v. Velde n), Kinderheilkunde (H o 1 1 e i), Augenheil¬
kunde (Hess e), Ohr, Nase, Kehlkopf (M a y e r), Kiefer und Zähne
(Mayrhofer), Gynäkologie und Geburtshilfe (Jaeschke), Haut
(H ü b n e r), Bakteriologie und Hygiene (F ii r s t). Der reiche Inhalt
und die grosse Brauchbarkeit des mit 372 Textabbildungen bereicher¬
ten Buches, ein gutes Register, werden den Leser befriedigen.
H e 1 f e r i c h.
L. R. Grote: Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarstel¬
lungen. Leipzig, 1923, bei Felix Meiner. 227 S. Gr 8°. Grdpr.:
10 M. geb.
Der Gedanke des Verlags und des Herausgebers, der sich seiner
Aufgabe durchaus gewachsen zeigt, ist nicht bloss neu, sondern
auch, was nicht so sehr oft zusammentrifft, ganz vorzüglich. Die
Absicht ist, eine fortlaufende Serie von Biographien grosser Aerzte
zu geben und als Autoren die heranzuziehen, die am besten über die
Entwicklung des Darzustellcnden Bescheid wissen und dabei meist
auch schriftstellerisch sehr gewandt sind, nämlich die grossen Män¬
ner selbst. Was dieser Gedanke wert ist, empfindet man so recht,
wenn man sich vorstellt, das Unternehmen wäre bereits ein Men¬
schenalter früher ins Leben getreten und wir besässen die Entwick¬
lung eines Koch, Virchow, Pettenkofer usw. in Selbstdar¬
stellung. Der Schwerpunkt wird vom Herausgeber und von den
Autoren gelegt auf die wissenschaftliche Entwicklung, die Schilderung
des Lebenswerkes, daher nennt Grote die Stücke auch „Autoergo-
graphien“. Biographische Dokumente mit stark persönlicher Fär¬
bung sind diese Selbstdarstellungen glücklicherweise trotzdem ge¬
worden. Es ergibt sich aber aus dem Programm von selbst, dass wir
auf diese Weise zu einer Geschichte der Wissenschaften kommen, die
von denen geschrieben ist, die es am besten können, da sie ja die
Wissenschaft selbst mit schaffen geholfen haben. Die subjektive
Färbung bildet dabei nur einen Reiz mehr und wird für den zukünf¬
tigen Historiker, der in diesem Werke eine seiner wichtigsten Quel¬
len finden wird, dadurch korrigiert, dass aus jedem Wissenschafts¬
gebiet die verschiedensten Richtungen zum Worte kommen werden.
Die noch nicht geschriebene Geschichte der Medizin im 19. Jahrhun¬
dert hat damit- Anfang und Fundament gefunden. Der Verlag hat mit
Selbstdarstellungen aus der Philosophie begonnen und aus dieser
Wissenschaft schon drei Bände herausgebracht. Es befinden sich
darunter von Philosophen, die für die Medizin besonders wichtig
sind: Erich Becher, Hans Driesch, Fritz Mauthner; Theodor
Ziehen folgt im kommenden vierten Band. Der erste Band der
Medizinerserie enthält: Ho che. Klimm eil, March and, Mar-
tius, Roux, Wiedersheim. Man sieht, der Herausgeber be¬
müht sich, die Vertreter der verschiedenen Zweige zu Worte kom¬
men zu lassen. Es ist ungemein reizvoll, zu sehen, wie die ein¬
zelnen Forscher sich ihrer Aufgabe verschieden entledigt haben
und wie deutlich Temperament und Charakter herauskommen, nicht
minder in der Darstellung, wie in den sechs photographischen Cha¬
rakterköpfen, die in sehr guter Wiedergabe beigegeben sind. Es ist
ebenso schwierig wie unnütz, die sechs Darstellungen, die alle in
ihrer Art köstlich sind, zu vergleichen, aber unwillkürlich tut man cs
doch und gibt dann der herrlichen Selbstdarstcllung Hoch es mit
1160
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ihrer Feinheit, ihrem Geist und vollendeten Stil den Preis. Nebenbei
gesagt, auch der Fachmann, der Bescheid über Ziel und Stand seiner
Fachwissenschaft haben will, darf an diesen Darstellungen nicht vor¬
übergehen. Kurz, es ist ein Buch, das jedem etwas bringt und jedem
Freude machen wird. Voll Spannung erwarten wir die nächsten
Bände. Wir wünschen dem Herausgeber, dass es ihm gelingen
möge, bei allen unseren bedeutenden Männern, deren wir ja viun-
haben, die gleiche Bereitwilligkeit zur Selbstdarstellung zu finden,
vor allem bei denen, die emeritiert sind oder der Emeritierung nahe¬
stehen. Es wäre uns schmerzlich, ihre Selbstdarstellung in diesem
Werke, das sich ohne Zweifel zu einer grossen biographischen Serie
gestalten wird, vermissen zu müssen. Kerschensteine r.
Pharmazeutische Rundschau.
Von Dr. R a p p - München.
Im nachfolgenden soll eine Behandlungsweise wieder in Erinnerung ge¬
bracht werden, die seit Beginn des Krieges mehr oder weniger in Ver¬
gessenheit geraten ist, die Radiumtherapie. Wenn man die schönen
Werke von Prof. Q u d z e n t und von Prof. F a 1 1 a gelesen und studiert hat,
so kann man nur bedauern, dass die in Deutschland noch manchenorts vor¬
handenen Radiummengen nicht viel mehr therapeutisch nutzbar gemacht wer¬
den, da gerade diverse Gelenkerkrankungen auf Radiumbehandlung erfahrungs-
gemäss spezifisch reagieren.
Man unterscheidet heute bei den radioaktiven Elementen die Uran-,
die Thorium- und die Aktiniumreihe. Von diesen besitzt bekanntlich das
Radium die wunderbare Eigenschaft zu leuchten, Strahlen auszusenden, welche
ausser Lichtwirkung, einer Fluoreszenz, elektrischen, chemischen und Wärme¬
wirkung noch spezifische Eigenschaften entfalten. Die Strahlen, im Jahre 1896
entdeckt, nennt man nach dem französischen Physiker Becquerelstrahlen und
die Substanzen, welche diese Eigenschaft besitzen, radioaktive. Die Rndium-
strahlen werden nach Rutherford in a-, ß- und «y-Strahlen eingeteilt.
Die ß- und y-Strahlen gleichen am meisten den Röntgenstrahlen mit sehr
hohen Härtegraden und sehr starkem Durchdringungsvermögen.
Alle drei radioaktiven Familien zeigen die gemeinsame Eigenschaft, dass
sich in ihrer Zerfallsreihe je ein gasförmiges Zerfallsprodukt — die Emana¬
tion — einschiebt. Die Emanationen sind Edelgase mit einatomigen Mole¬
külen. Das prinzipiell neuartige der radioaktiven Umwandlungen liegt
darin, dass hier aus Elementen neue Elemente entstehen. Die Löslichkeit
der Emanation in Wasser ist sehr verschieden, solche in Lipoiden sehr be¬
deutend, was für die Praxis wichtig ist.
In chemischer Hinsicht erfahren anorganische Substanzen unter dem
Einflüsse starker aktiver Präparate tiefgehende chemische Umsetzungen;
organische Substanzen erfahren mehr oder weniger tiefgehende chemische
Veränderungen. Bedingung ist nur eine entsprechend hohe Aktivität des ver¬
wendeten Präparates und dass sie absorbiert werden. Die chemische Wir¬
kung ist eine ähnliche wie die der ultravioletten und der Röntgenstrahlen.
Als Anwendungsformen sind zu nennen: die äussere direkte Bestrahlung
und die Einverleibung per os in Form diverser Mineralwässer oder durch
Inhalation (innere Bestrahlung). Das Ziel der Behandlung ist, gewisse Organe
und Gewebsarten in. ihrem Wachstum anzuregen oder zurückzuhalten resp.
sie zu zerstören. Für die äussere Bestrahlung benutzt man die sog. Dominici-
röhrchen und Fiächenträger. Schwache radioaktive Präparate sind die
Joachimsthaler Säckchen, Auflegepräparate und Radiogenkompressen. Die
Einverleibung» radioaktiver Substanzen geschieht durch Bade-, Trink- und
Inhalationskuren. Von den genannten Kuren verdient die Inhalationsbehand¬
lung die weitgehendste Beachtung. Prof. Falta schreibt darüber:
„Als die Radiumbehadlung modern wurde, sind eine Unzahl von
Emanatorien in Kliniken, Sanatorien und Instituten errichtet worde.n.
Sie stehen heute grösstenteils leer, weil man sich mit homöopathischen
Imsen begnügte und weil mit den geringen Erfolgen der Enthusiasmus
rasch verflogen ist. Und doch bin ich der Ueberzeugung, dass die Emana-
tionsbehandlung bei manchen Krankheitsformen zu dem wirksamsten ge¬
hört, was wir in dieser Beziehung besitzen und in einzelnen Fällen alle
anderen Behandlungsmethoden übertrifft.“
Ausser den schon genannten Geienkaffcktionen sind es Stoffwechselkrank¬
heiten, Nervenkrankheiten und Hautkrankheiten, welche in dieses Behand¬
lungsgebiet gehören. Die echte Gicht gehörte von jeher in das Indikations¬
gebiet der Gasteiner Kur. Es scheint, dass besonders der Purinstoffwechsel
dadurch beeinflusst wird. Bei Chlorose soll die Thorium-X-Behandlung ;n
manchen Fällen unverkennbar günstigen Einfluss haben. Verschiedene Formen
von Pruritus können ausserordentlich günstig beeinflusst werden. Der Er¬
folg ist oft verblüffend. Auch bei Ischias soll die Wirkung besonders starker
Emanationsdosen eklatant sein. In Fällen von Ischias, bei welchen andere
Behandlungsmethoden nicht mehr reagierten, zeigte sich die Emanations-
behandltfng ausserordentlich wirksam. Selbst bei Tabes und Arteriosklerose
sind Teilerfolge, allerdings nur mit schwachen Dosen verzeichnet worden.
Die von Falta u. a.'veröffentlichten Erfolge der Radium- und Thorium¬
behandlung dürfen uns nie zur Ruhe kommen lassen, diese Behandlungs¬
methoden weiter zu verfolgen; keineswegs sind sie zu vernachlässigen. Sie
müssen uns vielmehr veranlassen, die wirklich gute Seite dieser Behandlungs¬
weise mit Liebe weiters zu klären. Letzteres ist um so mehr möglich, als
wir in deutschen Kliniken vielfach noch mehr oder weniger kleine Mengen
von Radiumsalzen nutzlos liegen haben und sich damit die genannten Be¬
handlungsmethoden durchführen Hessen. Ich würde mich freuen, wenn durch
diese Zeilen eine Neubelebung dieser Behandlungmethoden erreicht werden
könnte, zumal in der jetzigen schnellebigen Zeit manche Therapie, die anfangs
erfolgversprechend erschien, vorzeitig und unbegründet gar zu rasch wieder
verlassen wurde.
In den vergangenen Monaten hat sich die Arzneiversorgung entsprechend
der verschlimmerten politischen Lage konstant verschlechtert, indem die
Preise rapid auf der ganzen Linie gestiegen sind und mit Ausnahme der
Kassenpatienten Kranke des Mittelstandes sich tatsächlich oft nicht mehr die
nötigen Arzneimittel leisten können. Eine Reihe von Firmen ist dazu über¬
gegangen. die Arzneimittel nur mehr in Goldmark zu verkaufen, welcher Um¬
stand eine noch grössere Verwirrung gebracht hat. Gleich den Arzneimittel¬
preisen sind auch die Verbandstoffpreise und die Medizinglaspreise ins ufer¬
lose gestiegen, so dass es den armen Kranken doppelt mit Besorgnis erfüllen
muss, wenn Hilfe beansprucht werden soll. Mancher Kranke sieht sich infolge
Nr. 36.
prekärer finanzieller Lage gezwungen, auf ärztliche Hilfe zu verzichten und
sich dem Pinscher anzuvertrauen, dessen Geschäfte heute mehr denn je blühen.
Neuere Arzneimittel, Spezialitäten. Geheimmittel und Vorschriften,
zusammengestellt vom Oktober 1922 bis April 1923 nach den Veröffentlichungen
der pharmazeutischen Presse *).
I. Als Antipyretlka, Antineuralglka sind zu nennen:
Cinchona febrifuge = besteht aus den kristallisierbaren Gesamt-
Alkaloiden (54,6 Proz.) der Chinarinde. Herstellerin: Engl. Ban-
doengsche Ühininfabrik-Mungpoo.
Caje-Balsam = enthält Methylsalizylat, Ameisensäure und iipoid- i
lösende Stoffe und ist ein perkutanes Antineuralgikum. Hersteller: I
W. Käthe A.G. -Halle a. S.
Gardan = Novalgin und Pyramidon. Herstellerin: Farbwerke vorm. •
Meister, Lucius & Brünings-Höchst a. M.
Kalkospirin = salizylsaurcs Kalzium als Ersatz für Azetylsalizylsäure. |
Hersteller: Th. Teichgraeber A.G.-Berlin.
II. Als Antirheumatika. Gichtmittel sind bekannt geworden:
Atophanyl = ein Atophan-Salizylpräparat zur intravenösen und intra- j
muskulären Einspritzung bei Gelenkerkrankungen und -entzündungen. I
Herstellerin: Chern. Fabrik auf Aktien vorm. E. Schering-Berlpi 3
N 39.
Leukotropin = 10 proz. Lösung der Pher.yl-Cinchonin-Karbonsäure zur
intravenösen Injektion. Hersteller: E. Silten-Berlin SW. 6.
Schwefel-Diasporal = ein 5 mg kolloiden Schwefel (pro 1 ccmj,
Flüssigkeit) enthaltendes Injektionspräparat. Hersteller: Dr. Volkmar:
Klopfer, chem. Werke-Dresden.
Tctrophan = Chinolinkarbonsäure mit der hydrierten Seitenkette C6H4C2H1
von gleicher Wirkung wie Hydroatophan. Hersteller: J. D. Riedel j
A.G. -Berlin-Britz.
III. Als Hypnotika sind zu erwähnen:
C u r r a 1 = Diallylbarbitursäure-Tabletten zu je 0,1 g. Herstellerin: Chem. |
Werke Grenzach A.G.-ürenzach/Baden.
V 0 1 u n t a 1 = Trichlorurethan. Herstellerin: Farbenfabriken vorm. F. Bayer (
& Cie. -Leverkusen.
IV. Als Sedativa sind zu nennen:
Dicodid — Hydrocodeinonbitartrat oder Hydrochlorid, bestimmt zur t
Schmerzstillung. Die physiologische Wirkung steht in der Mittel
zwischen typischer Morphium- und typischer Kodein-Wirkung ohne I
Stopfwirkung auf den Darm. Hersteller: Knoll & Cie., chem. Fabrik-!
Ludwigshafen.
Pantolaudan = nicht die Gesamtalkaloide des Opiums, sondern nur 1
die wirksamen Alkaloide des Opiums unter Ausschaltung aller |
Ballaststoffe. Hersteller: E. Tosse & Cie.-Hamburg 22.
Paracodin-Sirup — Paracodinbitartrat 0,2, Extr. Grindel. 1,5, Extr. I
Senegae 1,0, Extr. Altheae 1,0, Acid. benzoic. 0,2, Sir. simpl. 84,0, j
Aq. ad 100,0. Hersteller: Knoll & Cie. A.G.-Ludwigshafen.
V. Kardiaka, Diuretika, Gefässmittel. Hierher gehören:
Ad astra - Tab letten = enthalten Koffein, Phosphate, Kakao, Zucker. I
Herstellerin: Hageda-Berlin.
Calo rose = ist durch Invertieren von Rohrzucker hergestellt und dient«
als Traubenzuckerersatz bei Herzkrankheiten. Herstellerin: Chem. I
Fabrik Güstrow-Giistrow.
Digitalis-Di spert == Digitalis-Kaltextrakt in Trockenform. Her- 1
stellerin: Krause Medico Gesellschaft-München.
D i g 0 t i n = enthält die kristallisierenden Bestandteile der Fingcrhutblätter. ,
Hersteiler: Gehe & Cie. A.-G.-Dresden N.
Eurhyton = ein flüssiges Extrakt aus den Früchten von Crathaegusl
oxyacantha, ein Herzmittel bei Infektionskrankheiten. Hersteller:!!
Hausmann A.-G.-St. Gallen.
Scilli cardin — ein nach besonderem Verfahren bereitetes Scillapräparat.l
Hersteller: Dr. Degen &. Kuth-Düren (Rhld.).
VI. Mittel bei Erkrankung des Digestionstraktes.
Es sind zu erwähnen:
Als Magen - und Darmmittel.
A n t u 1 c a n = ein Atropinpräparat nach W. Fischer mit praktischer und
genauer Dosierung. Hersteller: Wilh. Natterer, Fabrik pharmaz.a
Präparate-München.
Aristocarhon = 80 Proz. einer auf bestimmten Adsorptionstiter einge¬
stellten Tierkohle und 20 Proz. Magnesiumkarbonat. Herstellerin::
Chem. Fabrik Norgine Dr. Viktor Stein-Aussig und Prag.
Als Gallensteinmittcl:
Bilival = sind Pillen, die 0,15 Lecithincholsäure enthalten. Hersteller:!
Böhringer Sohn-Niederingelheim.
Als Wurmmittel:
Paraffitoria anthelmintica Stuhlzäpfchen, die Naphthalin.
Chenopodiumöl und Lebertran enthalten. Hersteller: Dr. R. und
Dr. O. Weil-Frankfurt a. M.
Oxyuratum pro Klysma = Quassiin, durch Extraktion guajakol-
und phenolhaltiger Essigsäure erhalten.
Oxyuratumtabletten — hydroxyliertes, mit Essigsäure gekuppeltes«
Naphthalin. Hersteller für diese beiden Präparate: E. Tosse & Co.-
Hamburg 22.
Oxural Chenopodiumöl-Emulsion. Hersteller: Dr. R. und Dr. O. Weil-
Frankfurt a. M.
VII. Nähr- und Blutpräparate (Tonika, Roborantia).
Hierher gehören:
Arsoferobin = kolloide Arsen-Eisenlösung für subkutane und intra¬
venöse Einspritzung mit 0,05 Proz. Arsen und 1,5 Proz. Fe-Gehalt.
Herstellerin: Chem. Fabrik Dr. Robisch-Münchcn 25.
*
') Vgl. M.m.W. 1923 Nr. 4.
!. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1161
Eisen-Diasporal = eine 4 mg kolloides, hochdisperses Eisen (pro
Ampulle) enthaltende Flüssigkeit zur intravenösen Behandlung. Her¬
steller: Dr. Volkmar Klopfer-Dresden.
i c y d c n 456 - eine Lösung von 0,05 Proz. Fe in elektrokollider Form
und 0,025 Proz. Arsen und 0,04 Proz. Kresol. Herstellerin: Chem.
Fabrik von Heyden-Radebeul b. Dresden.
lod-Elarson = Tabletten, die 0,005 As in Form des Elarson und
0,065 Jodkali = 0,050 Jod enthalten. Indikation: Arteriosklerose,
Skrophulose etc. Herstellerin: Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer
& Cie. A.-Q. -Leverkusen.
Uetogen — vitaminhaltiger Körper in Kapseln zu je 0,32g. Hersteller:
Parke, Davis & Cie.-Detroit.
slutrainon — wird von der chem. Fabrik Helfenberg A.Q. -Helfenberg
i. S. hergestellt und nicht von der chem. Fabrik Promonta, wie
kürzlich infolge eines Versehens mitgeteilt wurde.
Pfomonta — Nervennahrung; Phosphatide, Kalziumglyzerophosphat, Ca-
und Fe-Salze, Hämoglobin, Eiweissstoffe, Kohlehydrate und Vitamine
enthaltend. Herstellerin: Chem. Fabrik Promonta-Hamburg.
»rmosyl = neuer, wortgeschützter Name für Ovaradentriferrin. Her¬
steller: Knoll & Co. A.-G.-Ludwigshafen a. Rh.
ivoplasma = hochwertiges Eier-Lecithin-Albumin. Hersteller: E. Tosse
& Cie. -Hamburg 22.
VIII. Als Styptika und Antidysmenorrhoica sind zu nennen:
Canadrast = neuer Name für Hydrastinin. hydrochloric. in Ampullen
und Tabletten der Firma Farbenfabriken vorm. Frdr. Bayer & Cie.-
Leverkusen.
C I a v i p u r i n = 0,1 proz. weinsaure wässerige Lösung der nach be¬
sonderem Verfahren gewonnenen Basen des Mutterkorns. Hersteller:
Gehe & Cie. A.-G. -Dresden N.
IX. Dermatika, Hautmittel.
Hierher gehören:
Caramba = eine Seife, die in einem neutralen Seifenkörper Schwefel in
hochdispersem kolloidem Zustande enthält. Hersteller: Max Elb,
G.m.b.H. -Dresden.
Cup re x = ein Kupferpräparat von Mar blaugrüner Farbe zur Bekämpfung
aller Parasiten und deren Eier der menschlichen und tierischen Haut.
Hersteller: E. Merck, chem. Fabrik-Darmstadt.
Htlls gereinigtes Teerpräparat = Pinogen und Pinosol ge¬
nannt ist eine hellbraune Flüssigkeit mit vollständig erhaltener Wirk¬
samkeit. Hersteller: Hell &. Cie. A.-G.-Troppau.
Ncisscrs Zink-Wismutsalbe = Zinc. oxydat. Bismuth. subnitric.
aä 5,0, Ungt. simpl. Ungt. leniens aä 20,0.
Pulv. Enzym i inspersorius — 2 Proz. Pankreasextrakt, Zinkoxyd
und Talkum.
Ungt. Enzymi comp. = 2 Proz. Pankreasextrakt enthaltende Zink¬
oxydvaseline. Hersteller für diese beiden Präparate: Rohm & Haas
A.-G.-Darmstadt.
X. Als Antigonorrhoica sind bekannt geworden:
Choleval-Einulsion =. ist eine neue Form des Cholevals und besteht
aus Spritzkapseln zu 5 g Inhalt, die eine 2,5 proz. Emulsion des
Cholevals enthalten. Hersteller: E. Merck chem. Fabrik-Darmstadt.
(i o n o b a 1 1 i = Gelatinekapseln mit 2 proz. Protargol. Hersteller : P. Beiers¬
dorf & Cie. A.-G. -Hamburg.
Qono-Yatren = eine Aufschwemmung von Gonokokken in Yatrenlösung.
Packung A. Behandlung nicht komplizierter Gonorrhöe; Packung B
Behandlung komplizierter Gonorrhöe. Herstellerin: Behringwerke
A.-G. -Marburg.
Pilugon = Kobalt-Eisenverbindung, ein Trippermittel. Herstellerin:
Deutsche Schutz- und Heilserum-Gesellschaft m. b. H. -Berlin NW. 6.
P r o t o s i 1 = Silbereiweissverbindung mit 20 Proz. Ag. Hersteller: Parke,
Davis & Cie.-London W. 1.
XI. Als Antisyphilitika sind zu erwähnen:
Calomel-Diasporal = enthält pro Ampulle 15 mg kolloides hochdis¬
perses Kalomel. Hersteller: Dr. Volkmar Klopfer-Dresden.
C u t r e n = orthooxychinolinsulfosaures Wismut zur intramuskulären Ein¬
spritzung. Herstellerin: Chem. Fabrik Passek & Wolf G.m.b.H.-
Hamburg 26.
Embial = ölige Lösung mit 8 Proz. Wismutgehalt bisher M/B 310. Her¬
steller: E. Merck chem. Fabrik-Darmstadt.
S t y 1 o n e M.B.K. = sind Stäbchen aus Cacaobutter, welche als medikamen¬
töse Zusätze HgCl, metallisches Hg, Hydr. salicylic., Hydrarg.
thymolo-acetic. enthalten. Nach Einführen der Stäbchen in die Re¬
kordspritze werden sie über einer kleinen Flamme geschmolzen und
dann injiziert. Hersteller: Merck, Knoll, Böhringer.
Sulfarsenol = ist keine Nachahmung von Neosalvarsan. sondern ein
Dinatrium 3,3 diamino, 4,4 dihydroxy-arsenobenzol-N-dimethylen-
sulfonat (18 — 20 Proz. As).
Weitere:
Wismutverbindungen = das „graue Ocl“, ein Wismut-Quecksilber-
Amalgan; Trepol und Trabisol, ein Natrium-Kalium-Tartrobismutat;
Muthanob. und Curalues ein Wismuthydroxyd, BischJorol ein
Wismutoxychlorid, Quinbi oder Quiniobismuth = Chininjodbismutat;
Natriumtrioxybismutobenzoat ; Neo-Trepol — Bismuthum praec'pi-
tatum; Wismut-Diasporal = kolloides hochdisperses Wismuthydroxyd
(10 mg in 1 ccm) n. Pharmaz. Zentralhalle.
XII. Als Antiseptika, Desinfizientia sind bekannt geworden:
Desinfex = Desinfektionsmittel für Instrumente. Herstellerin: Merz-
Werke-Frankfurt a. M.
Jodonascin = Lösung von Natriumjodit und -jodat, Chlor- und Sulfat-
Ionen, der P r e g 1 sehen Lösung ähnlich mit 0,03—0,04 proz. freiem
Jod. Hersteller: B. Braun-Melsungen.
Ja Ion = Kollargolpräparat mit 0,1 Proz. löslichem Silber. Herstellerin:
Chem. Fabrik Helfenberg vorm. Eug. Dieterich A.G.- Helfenberg.
Dresojod = P r e g 1 sehe Jodlösung. Herstellerin: Cedenta-Werke A.G.-
Berlin NO. 55.
St er sin III = Pepsin sterilisatum mit der Verdauungskraft 1:3000; besitzt
hervorragende Wirkung auf infizierte Gelenke und infiziertes Peri¬
toneum. Hersteller: W. Käthe A.O.-Halie a. S.
XIII. Mittel bei Erkrankungen der Atmungsorgane und Tuberkulose-Heilmittel.
Kresival = 6 proz. sirupöse kresolsulfosaure Kalziumlösung bei Erkran¬
kungen der Atmungsorgane. Herstellerin: Farbenfabriken vorm.
Frd. Bayer & Cie. -Leverkusen.
Salvysatum = Dialysate aus frischer Salvia officinalis. Anwendung als
Antihydrotikum beim Schweissc der Phthisiker. Hersteller: Bürger-
Wernigerode.
S i 1 i q u i d = 0,3 proz. hochdisperse wässerige Kieselsäurelösung ohne
Schutzkolloid. Hersteller: C. F. Böhringer & Sohn-Mannheim.
Tebecein — Salbe mit Salizylsäure, Tuberkulin Koch, zermahlenen Tu¬
berkelbazillen und ätherischen Oelen, ein diagnostisches Hilfsmittel.
Herstellerin : Behringwerke-Marburg.
Tualum = ein Tuberkulin, aus dem die hochtoxischen Substanzen entfernt
sind, bei rein fieberfreier Tuberkulose. Hersteller: Thamm-Berlin.
VaccinapplyvalentaAndreatti — polyvalente reaktionsschwache
Va'kzine bei tuberkulösen Mischinfektionen. Hersteller: Thamm-
Berlin.
XIV. Organotherapeutische Präparate sind:
Anteglandol = eiweiss- und lipoidfreies Hypophysenvorderlappen¬
extrakt. Herstellerin: Chem. Werke Grenzach A.G.-Grenzach.
Hypophen = ein Extrakt von Pars nervosa und Pars intermedia frischer
Schweinhypophysen. 1 ccm = 0,25 frischer Drüsen. Hersteller:
Gehe & Co. A.G. -Dresden N.
Moloco = Plazentahormone, ein milchtreibendes Mittel für stillende Frauen.
Hersteller: Hausmann A.G. -St. Gallen.
P i t u i g a n = phys. eingestelltes Extrakt aus dem Infundibularteile der
Hypophyse. Hersteller: Dr. Georg Henning-Berlin W. 35.
Rejuven = nach C. Pariser aus der entsprechenden Drüse hergestelltes
Steinachpräparat, 3,5 g frischer Drüse entsprechend. Hersteller:
Chem. Fabrik Dr. Laboschin A.G. -Berlin.
Sexualoptone = Corpus luteum-Opton und Plazentaopton zur intra¬
muskulären Injektion bei Migräne. Hersteller: E. Merck, chem.
Fabrik-Darmstadt.
Thymophorin = Ampullen mit Extrakt aus Thymusdrüse; l ccm —
5 g Drüse. Hersteller: Dr. Freund & Dr. Redlich-Berlin.
Tumorimpfstoff „Dr. Keysser“ — ' eine Suspension aus Tumoren in
dreifacher Konzentration zur Verhütung von Metastasen nach er¬
folgter Radikaloperation. Hersteller: Chem. Fabrik und Seruni-
institut „Bram“, G.m.b.H. -Oelzschau b. Leipzig.
XV. Bakteriotherapeutische Präparate.
E. G. Lymphe — Eukupinotoxin-Glyzerin-Schutzpockenlymphe. Herstel¬
lerin: Impfanstalt-Hannover.
Ozaena-Vakzine = aus Coccobacillus foetidus Ozaenae bereitete
Vakzine. Hersteller: Staatl. Serotherap. Institut in Wien IX/20.
XVI. Zur parenteralen Therapie.
Novoprotin — keimfreie Lösung eines kristallisierten Pflanzeneiweisses.
Herstellerin: Chem. Werke Grenzach A.G.-Grenzach.
Protenterol = natürliche Milch gesunder Tiere. Herstellerin: Pharmaz.
Institut W. Gans-Oberursel (Taunus).
Protopressin = Proteinkörpertherapeutikum. Hersteller: Dr. Labo-
schin-Hageda A.G.-Berlin. *
XVII. Bei Stoffwechselerkrankungen.
Antisclerosevakzine nach Dr. med. C i 1 i m b a r i s — ein Chole¬
sterin lösendes Mittel.
Arteriovakzine = sterilisierte Aufschwemmung von solchen Bakterien
der Darmflora, die C i 1 i m b a r i s für Entstehung der Arterio¬
sklerose beschuldigt. Herstellerin: Simons Apotheke-Berlin C 2.
D i a g 1 y k o 1 — Tabletten mit Hefeextrakt und Fermenten der Bauchspeichel¬
drüse bei Zuckerkrankheit. Herstellerin: Pharm. Schöbelwerke-
Dresden A 16.
Insulin = eine durch Alkoholextraktion aus fötalem Rinderpankreas ge¬
wonnene Substanz von Hormoncharakter. Es wird an der Uni¬
versität Toronto hergestellt und ist im Handel noch nicht zu haben.
J u v e n i n — Tabletten und Ampullen mit 0,01 methylarsinsaurem Yohimbin
und 0,0005 methylarsinsaurem Strychnin bei Erschöpfungszuständen,
sexuellen Neurasthenien. Hersteller: Farbenfabriken vorm. Frd.
Bayer A.G., Leverkusen.
Lipohysin femininum et masculinum — ein auf Hormon¬
wirkung beruhendes Entfettungsmittel für subkutane i ld orale An¬
wendung. Hersteller: Dr. Georg Henning-Berlin W. 35.
XVIII. Röntgenkontrastmittel.
Idraba ryum = eine pulverförmige Baryummischung. die mit Wasser
anzurühren ist. Hersteller: J. D. Riedel A.G. -Berlin-Britz.
Röntyum = gleichfalls eine Baryummischung.
Umbrenal =. eine 25 Proz. starke Jodlithiumlösung in Ampullen. Kon¬
trastmittel für die Pyelographie. Hersteller für die letzten beiden
Präparate: C. A. F. Kahlbaum, chem. Fabrik-Berlin-Adlershof.
XIX. Verschiedene Präparate.
P a n i t r i n == Papaverinnitrit, verwendet bei verschiedenen Ohrenleiden.
Es wird hinter und über dem Ohre eingespritzt. Hersteller:
C. H. Böhringer & Sohn-Nieder-Ingelheim a. Rh.
Phlogetan — zur phlogetischen Behandlung von Tabes und Paralyse
sowie zu deren Vorbeugung. Hersteller: C. F. Norgine Dr. Victor
Stein-Aussig.
Perlingual-Tabletten = die wirksamen Stoffe sind mit Hilfe eines
lipoiden Lösungsmittels in einer Kohlensäure entwickelnden Grund¬
masse äusserst fein verteilt und lösen sich zwischen Zunge und
Gaumen unter Kohlensäureentwicklung. (Die wirksamen Stoffe sind
Atropin, Codein, Morphium, Nitroglyzerin und Natrium diaethyl-
barbituricum.) Hersteller: Dr. Ernst S i 1 1 e n - Berlin NW. 6.
1162
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3f
Zeitschriften - Uebersicht.
Zentralblatt fiir Herz- und Gefässkrankheiten. 1923. Nr. 12 u. 13.
Hugo S c h m i d t - Bad Nauheim: Beitrag zur Kenntnis hypertonischer
und anderer Zustandsänderungen im Gefasssystem.
Aus eigenen Beobachtungen schliesst Verf.. dass cs eine eigentliche
essentielle Hypertonie, d. h. ohne Organsklerose in der Tat gibt. Eine be¬
sondere Form einer essentiellen, nicht selten auch familiären. Hypertonie
findet sich bei leicht erregbaren, temperamentvollen Menschen, zuweilen
kombiniert mit ncurasthenischen und arthritischen Zuständen. Die Voraus¬
setzung ihrer Entstehung dürfte in „Erregbarkeitsänderungen übergeordneter
nervöser Zentren“ liegen, eine verminderte Widerstandsfähigkeit gegen
psychogene Einflüsse ist dabei oft mit wirksam. Eine andere Form der Hyper¬
tonie zeigt sich bei geistigen Arbeitern, welche gleichzeitig durch Genuss-
mittel ihr Gefasssystem schädigen. Im übrigen weisen Schwankungen des
auf 150 — 180 erhöhten Blutdrucks auf beginnende Sklerose der Aorta und
Arteriosklerose hin. Verf. schildert dann noch einen andern, mit niedrigem
Druck einhergehenden Symptomenkomplex, mit Kapillarpuls, Vasodilatation,
welcher in der Pubertät sich entwickeln kann. Die seelische und körperliche
Leistungsfähigkeit bei solchen Jugendlichen ist meist vermindert. Mangel¬
hafte vasomotorische Anpassung pflegt diese Fälle zu begleiten.
E. Stolz- Wien: lieber die Aetlologie und die Folgen der Isolierten
diffusen interstitiellen Myokarditis.
Ein bis zum 20. Jahre gesunder Mann erkrankte nach ganz leichtem
Gelenkrheumatismus an Herzbeschwerden, welche immer mehr Zunahmen.
Es entwickelte sich eine Dilatation und Hypertrophie des Herzens mit hoch¬
gradiger Insuffizienz, schliesslich Exitus. Bei der Obduktion fand sich ein
mächtig vergrössertes und erweitertes Herz mit rezenter interstitieller Myo¬
karditis. auch Zeichen einer schon vor längerer Zeit bestandenen toxischen
Schädigung des Herzmuskels. Epikritische Erörterungen.
R u m p f - Bonn-Volkmarsen: Zur Behandlung der Kreislaufstörungen mit
Kohlensäurebädern.
Die Wirkung des kohlensauren Salzbades ist in der Regel viel stärker
als die des reinen C02-Bades. Verf. konnte auch feststcllen, dass unter der
Einwirkung des kohlensaurcn Salzbades eine Verkleinerung des Thorax¬
umfanges sich einstellt, was günstig auf die Zwerchfellatmung und auf die
Verhältnisse des negativen Drucks auf das Herz sich bemerkbar macht.
Grassmann - München.
Deutsche Zeitschrift fiir Chirurgie. 179. Bd„ 3. — 4. Heft.
Aladar K r e i k e r und Jenö O r s o s: Die Verwertbarkeit der v. I m r e -
v. Blascovics sehen Plastik in der Chirurgie. (Aus der Universitäts-
Augenklinik in Debrezin. Prof. L. v. Blascovics.)
Die Plastik besteht in einer Defektdeckung durch bogenförmige Lappen¬
verschiebung unter Zuhilfenahme eines Burow sehen Dreiecks, das eine
spannungslose Naht ermöglicht. Das Verfahren kann an den verschiedensten
Körperstellen (z. B. bei Defekten nach Mammaamputation, am Schädel etc.)
erfolgreich angewandt werden. Näheres im illustrierten Original.)
Rudolf Nissen: Die Bronchusunterbindung. ein Beitrag zur experimen-
nicntcllcn Lungeripathologie und -Chirurgie. (Aus der Chirurg. Universitäts¬
klinik München. Geheimrat Prof. Dr. Sauerbruch.)
Experimente an Hunden, Kaninchen und Katzen. Die Bronchusunter¬
bindung führt zu einer Kollapsinduration des betroffenen Lungenlappens mit
gleichzeitiger massiger Schleimansammlung in den peripherisch von der Unter¬
bindungsstelle gelegenen Bronchen. Pleuraverwachsungen bleiben aus. die
Knorpel der beteiligten Bronchen verfallen einer fortschreitenden Atrophie,
die Unterbindungsstelle bleibt völlig verschlussfest. Die beiden letzten Be¬
funde legen den Gedanken nahe, die präliminare Bronchusunterbindung der
Exstirpation der Lunge in geeigneten Fällen vorauszusctiicken.
L. Drüner: Die Stereoskopie der Harnkonkremente im Nierenbecken
und in den Ureteren und der Fremdkörper in ihrer Nachbarschaft. (Aus dem
Fischbachkrankenhause Quierschied.)
Vortrag auf der Versammlung Mittclrheinischer Chirurgen am 6. I. 1923
in Frankfurt a. M. Das Verfahren der Rekonstruktion nach Hasselwan¬
der kommt nur für die Wiedergabe eines Oberflächenreliefs in Frage, in der
Stereoröntgenographie ist die richtige Einstellung auf das durchsichtige
Raumbild das viel bessere Verfahren, wie Dr. an einigen schwierigen Fällen
aus der Chirurgie der Harnkonkremente erläutert.
W. Suermondt: ;Ueber einen Fall von Oesophagospasmus. (Aus der
Chirurg. Klinik zu Leiden. Prof. J. H. Zaaijer.)
Es ist zu unterscheiden zwischen der primären Form des Spasmus, bei
der dieser die einzige Ursache der Verengerung der Speiseröhre und der
Schluckbeschwerden ist, und der sekundären Form, die durch verschiedene
Krankheiten der Speiseröhre (Ulcus, Verwundung etc.) ausgelöst wird.
Beschreibung eines Falles von Karzinom des Oesophagus, in dem ein
so starker Spasmus bestand, dass das ursächliche Leiden erst durch wieder¬
holte mühevolle Oesophagoskopien mit Atropindarreichung aufgedeckt werden
konnte.
M. Friedemann: Ueber Misserfolge nach Operation wegen Magen-
und Zwölffingerdarmgeschwür. (Aus dejn Knappschaftskrankenhause IV,
Langendreer.)
Zunächst Beschreibung von 6 operierten Fällen von Ulcus pept. jejuni;
5 mal bestand vorher ein Zwölffingerdarmgeschwür, das mit Gastroentero¬
stomie mit oder ohne Pylorusausschaltung behandelt war. Erst die ergiebige
Resektion mit Entfernung des Pylorus nach Billroth I oder II (modifiziert)
brachte die Kranken zur Heilung. Ebenso wurde vorgegangen in 4 Fällen von
Rezidivulccra nach früherer kragenförmiger Resektion, ln 2 weiteren Fällen
war das Geschwür nach der früheren Gastroenterostomie nicht zur Ausheilung
gekommen, auch hier brachte die grosse Resektion Heilung. Von besonderem
Interesse erscheinen mir die letzten 3 Fälle, in denen es nach der Gastro¬
enterostomie zu ausgedehnten Verwachsungen mit Darmverschluss gekommen
war, die zahlreiche mühevolle Nachoperationen erforderten, bis auch hier die
grosse Resektion wenigstens vorläufig Heilung brachte. Auf Grund dieser
Erfahrungen betrachtet Verfasser die grosse Resektion womöglich nach Bill¬
roth I als das Verfahren der Wahl für die Operation des Ulcus vcntriculi
und duodeni.
A. Kessler: Spastischer Ileus mit doppelseitiger inkarzerierter Krural-
hernie. (Aus der Chirurg. Abteilung des Landeskrankenhauses Homburg-Saar.
Dr. O. O r t h.)
Bei dein 47 jährigen Mann war es nach einer akut einsetzenden Enteritis
zur Einklemmung einer doppelseitigen Schenkelhernie gekommen. Bei de
Operation zeigte sich, dass die Verfärbung der inkarzerierten Dünndarm
schlinge nach oben weiter ging, fast der ganze Dünndarm war stark gebläh
und hämorrhagisch infarziert, während das untere Ende des Ileum in scharfe
Grenze ganz dünn spastisch kontrahiert und anämisch war in einer Aus
dehnung von etwa 20 cm. Reposition, Heilung unter Atropin, die linksseitig.
Inkarzeration löste sich spontan. Wahrscheinlich ist in den voraufgegangcnei
Entzündungsvorgängen der Darmwand die Entstehungsursache für den reflek
torischen Enterospasmus zu erblicken. Gewöhnlich wird man mit anti
spastischen Mitteln therapeutisch zum Ziele kommen.
V. E. Mertens: Ueber die diagnostische Anwendung des Serums voi
bestrahlten Krebskranken und über die Wirkungsweise der Röntgenstrahlen
(Aus der chirurgischen Universitätsklinik München. Geheimrat Prof. Dr
Siauerbruc h.)
Im Blute von Krebsträgern, deren Geschwulst unter dem Einflüsse voll
Röntgenstrahlen zurückgeht, treten anscheinend Stoffe auf, deren intrakutan, j
Einspritzung bei Trägern gleichen Krebses eigentümliche violette Flecke' S
hervorruft. Weiterhin wirft Verf. die Frage auf, warum nicht selten bej
Verschwinden des Primärtumors unter Röntgenlicht neue Tochtergeschwulst. 1
auftreten. Er ist der Ansicht, dass in solchen Fällen die von der Primär ^
geschwulst ausgehenden „Schadstoffe“ die „Schutzstoffc“ überwiegen.
Hugo Maass: Zur Frage der Rachitis tarda.
Das pathologisch-anatomische Bild der rachitischen Wachsturnsstörun; .
ist als mechanischer und dynamischer Effekt der aus dem Kalkmangel resul *
tierenden pathologischen Druck- und Zugspannungen auf das Knochen wachstur ä
aufzufassen. Die rachitischen Veränderungen an der Knorpel-Knochengrenz J
erklären sich aus der Einwirkung des physiologischen Wachstumsdrucke ]
auf die weichblcibenden spongiösen Wachstumszonen. Gleiche Verändej
rungen können am gesunden Knochen experimentell durch mechanische Hem1:
mutig des Längenwachstums erzeugt werden. Wachstumsdeformitäten (Gen
valgum etc.) können für Spätrachitis nur verwertet werden bei sonstige j
Zeichen pathologischer Knochenweichheit. Die Spätrachitis ist besonder i
eine Erkrankung der Adoleszenz und der Pubertätsjahre und kann hier z ;
Wachstumsdeformitäten Anlass geben. Die meisten Wachstumsdeformitäte
haben mit Spätrachitis nichts zu tun, sondern sind örtliche Wachstums.
Störungen infolge örtlicher mechanischer Einwirkungen. Sie entwickeln sic;
in Perioden intensiven Knorpelwachstums am völlig gesunden Skelett un
finden in der Empfindlichkeit der spongiösen Wachstumszonen gegen patho
logische Druck- und Zugspannungen ihre Erklärung.
Paul Seulberger: Ueber primäre Sarkombildung in beiden Nieren
(Aus dem pathol. Institut des Landeskrankenhauses zu Braunschweig. Pro
W. H. Schul tze.)
Sektionsbefund bei einer 42 jährigen Frau, es handelte sich um ein „pri
märes beiderseitiges grosszeiliges Rundzellcnsarkom der .Nieren“ mit Meta
stasen in den Ovarien, den Lungengefässen und im Gehirn. „Die Entwicklun
der Tumoren in beiden Nierenrinden ist so gleichmässig, dass eine Ueber
tragung von einem Organ auf das andere überhaupt nicht in Frage kommt.
W. Tonndorf: Wahre Zwerclifellhernien als Folge einer Wachstums
hemmurig der Speiseröhre. (Aus dem anatomischen Institut der Universitä
Göttingen. Prof. Dr. Fuchs.)
Ausser dem eigenen Fall fand Verf. in der Literatur 3 Fälle von wahre
Zwerchfellhernie, in denen das Foramen oesophageum Bruchpfortc war uni
bei welchen übereinstimmend der verkürzte Oesophagus in den Bruchsaci
mündete. Für diese wohlcharakterisierte Gruppe schlügt Verf. den Name]
„Hcrniae diaphragmaticae oesophageae verae“ vor. E
handelt sich um Missbildungen, die in sehr früher Embryonalzeit durch ein
Wachstunishemmung der Speiseröhre Zustandekommen.
H. Flörckcn - Frankfurt a. M. '
Zentralblatt für Chirurgie. 1923. Nr. 32.
B r e i t n e r - Wien : Ulcus pepticum Jejuni nach Billroth II wegei
Karzinom.
Bezugnehmend auf die Arbeit von Wiedhopf (Nr. 1, 1923) übeji
„Rezidiv eines Magenulcus nach Schlcimhautnaht mit Seide“ schildert Verl
heute kurz einen Fall von Magenresektion nach Billroth II, bei den]
2 Monate später bei der Sektion ein beginnendes peptisches Geschwür ad
einer Ecke der Anastomosennaht sich fand, als dessen Ursache mit Sicherhejl
zwei am Rande dieses Substanzdefektes liegende Seidenknopfnähte anzijj
sprechen waren.
H. Z o e p f f e 1 - Hamburg-Barmbeck: Chronische arteriomesenterial
Duodenalstenose bei Ulcus callosuin ventriculi. Prinzipielles zur Frage;
Billroth II oder Billroth I.
Verf. schildert kurz einen Fall von chronischer arteriomesenteriale
Duodenalstenose kombiniert mit einem peptischen Magengeschwür: al
Operationsmcthode kann hier nur Resektion nach Billroth II in Frag
kommen, da Billroth I die Duodenalstenose nicht beseitigen und ehe
noch eine Riickstauung im Magen verursachen würde. Dagegen haben ui
angenehme Störungen im postoperativen Verlaufe die Gefahr eines Ulcus
rezidivs im Duodenalstumpf, die Möglichkeit von Verwachsungsstenose t
oder das Auftreten von Duodenalstcnosen im Sinne eines arteriomesenteriale i
Verschlusses nach Billroth I den Verf. veranlasst, ganz zur Resektio
nach Billroth II zurückzukehren.
Fr. L i n d e - Gelsenkirchen: Die Konzentration der peristaltische.
Kräfte auf Stellen passiven Widerstandes die Ursache des Ulcus pepticui
chronicum.
An einem Beispiel sucht Verf. seine Ansicht, dass ein Ulcus pept. chror
an der Stelle passiver Resistenz durch Konzentration aller pcristaltischet--
Kräfte entstehen könne, zu begründen. Fast stets sitzt das Magenulcus aF
der Magenstrasse; Zunahme der Stauung am Magenausgang,- nicht genügend
Durchlässigkeit des Pylorus, erhöhte Peristaltik der Magenwände und di
grossen Kurvatur isnd die Kräfte, die sich auf den Isthmus konzentrieren, di
so zum Prädilektionssitz des Ulcus wird. Dementsprechend muss auch d
Therapie Sorge für Herstellung möglichst physiologischer Verhältnisse trage
was am besten durch Billroth I geschieht; Gastroenterostomie un
Billroth II kommen nur als Notbehelf in Frage. Dringt die Ansicht di
Vcrf.s über die Entstehung des Geschwüres in weitere Kreise, dann müsst
man die Bezeichnung Ulcus peristalticum vorschlagen.
Fr. L o t s c h - Berlin : Ueber Hängebrustplastlk.
Die vom Verf. mit Erfolg geübte Methode besteht in einer plastische
Verlagerung des Warzenhofes nach aufwärts mit Hautplastik in der untere
7. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1163
Mammahälfte; sic wird kurz beschrieben; eine beigegebene Skizze zeigt den
kosmetischen Erfolg. , , <
Herrn. F e c h t - Weizen: F.in neues Händedeslnfektionsverfahrcn.
Nach einem interessanten Ueberblick und Aufzählung aller bisher
empfohlenen Desinfektionsmethoden erwähnt Verf. seine eigene, die in
folgendem Verfahren besteht: 2 Minuten waschen mit Heisswasser-Seifc-
Diirste, 5 Minuten bürsten mit 2 proz. Saprotanlösung, 3 Minuten bürsten
mit 1 prom. Sublaminlösung. Saprotan ist bakterizider als Lysol und reizt
auch empfindliche Hände nicht; das gleiche gilt von Sublamin, das weniger
giftig ist. wesentlich tiefer wirkt und länger sich hält als Sublimat.
R. R o d z i n s k i - Lemberg: Ueber eine neue Betäubungsmethode der
unteren Körpergebiete: Sakrolumbalanästhesie.
Die Sakrolumbalanästhesie wird erzielt durch eine gleichzeitige intra-
und extradurale Injektion von 1 proz. Novokainlösung. Im Liegen wird dem
Kranken zuerst in den Extraduralraum 40 — 50 ccm 1 proz. Novokainlösuug
und dann etwas später 4 — 5 ccm einer 1 proz. Novokainlösung intradural
eingespritzt (zusammen also 0,44 — 0,55 g Novokain). Abgesehen von leich¬
teren Kopfschmerzen hat Verf. keine üblen Nachwirkungen beobachtet; die
Methode verdient weitere Nachprüfung. E. H e i m - Schwcinfurt-Oberndorf.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 32.
H. Eymer (Univ.-Frauenklinik Heidelberg): Zur Symptomatologie und
Therapie des sog. Uterus duplex.
Verdoppelungsmissbildungen des Uterus führen ausser zu partieller
Atresie mit Blutungsretentionsgeschwülsten besonders zu pathologischen
(ieburtsverhältnissen, aber auch, was weniger oft beachtet wird, zu Dys¬
menorrhöe und protrahierten Blutungen infolge Muskelschwäche der zu
dünnen Uteruswände.
Verf. beschreibt 2 Fälle von Verdoppelung, die er nach Strassmann
operierte und wobei er Beseitigung der Schmerzen bzw. der Blutungen er¬
zielte. Er berichtet weiter über einen sehr eigenartigen Fall von Ver¬
doppelung von Uterus und Scheide, wobei dem weiteren Vaginalteil die
atretische, dysmenorrhoische Uterushälfte, dem engeren Vaginalteile der
gesunde grosse Uterusteil entsprach. Er empfahl daher nach Dilatation der
engeren Vaginahälfte dem Ehemann, der selbst Arzt war, Kohabitation durch
die engere Vaginahälfte, worauf sofort Befruchtung eintrat. Steissgeburt
unter Zerreissung des Septums.
R. Hornung (Univ.-Frauenklinik Leipzig): Das Verhalten der
Thrombozyten bei klimakterischen Blutungen und ihre Beeinflussung durch
Kalkmedikation.
Verf. untersuchte 40 Fälle reiner klimakterischer Blutungen, um fest-
zustellen, ob bei denselben die Zahl der Thrombozyten vermindert sei. Es
ergaben sich aber überall normale Zahlen. Wurde nun eine 10 proz.
Chior-Kalziumlösung (10 ccm intravenös) injiziert, so stand die Blutung in
80 Proz. der Fälle nach der ersten, spätestens der zweiten Injektion. Dabei
trat aber kein Anstieg, sondern ein Sturz der Thrombozyten ein. Verf.
erklärt diese paradox erscheinende Tatsache so, dass das Kalzium einen
erhöhten Zerfall der Thrombozyten bewirke, wodurch Thrombogen und
Thrombokinase frei werden. Dadurch findet eine Steigerung der Gerinnungs¬
faktoren des Blutes im Sinne Stephans statt.
E. Klaften (I. Univ.-Frauenklinik Wien): Beitrag zur Kenntnis der
Schwangerschaftshemeralopie. . ....
Bei dieser Erkrankung ist nicht etwa e i n Organ allem als auslosender
Faktor anzusehen, sondern die Untersuchungen ergaben, dass die Betroffenen
immer auch Nieren-, Leber- und Kreislaufschädigungen aufwiesen. Während
hinsichtlich der Nieren immerhin Wasser- und Konzentrationsversuche
normale Zahlen gaben und nur mässige Albuminurie und Neigung zu Oedem
vorhanden waren, ergaben die Leberfunktionsprüfungen nach W i d a 1, H a y,
auf Urobilin und Urobilinogen sowie alimentäre Lävulosurie positive Reaktion.
Die Schwangerschaftshemeralopie wird daher durch die mangelhaft ent¬
giftende Funktion der Leber, die verminderte Eliminierungsfähigkeit der
Nieren und schliesslich die Mehrbelastung des Kreislaufs und dadurch
Stauung im Säfteaustausch hervorgerufen werden.
F. ü e p p e r t -Hamburg: Wert und Methode der Blutsenkungsreaktion
in der gynäkologischen Praxis. (Bemerkung zu der Arbeit von v. Molnär
in Nr. 21 d. Zschr.) ........ . ,
Der praktische Wert der Prüfung der Senkungsgeschwindigkeit beruht
nur in der Erkennung der latent infektiösen Vorgänge bei entzündlichen
Adnexerkrankungen, wodurch die Indikationsstellung zur Operation er¬
leichtert wird. Verf. verweist auf seine Priorität in dieser Hinsicht gegen¬
über Linzenmeier. Man braucht nicht die vollständige Sedimentierung
abzuwarten, sondern es genügt Feststellung der Sedimentierungshöhe nach
1 Stunde^ ^ q g s und gt K e s z 1 y (Elisabethspital Oedenburg [Ungarn]) :
Echinokokkus des Ovariums und der Tube.
Von Echinokokkus der inneren Genitalien sind nur 2 Falle Ivon
B Schul tze und D o 1 e r i s) bekannt. Verf. veröffentlicht nun einen in
der Literatur alleinstehenden Fall von Ovar- und Tubenechinokokkus, der
sich bei Eröffnung der Bauchhöhle infolge Vorhandenseins vieler Zysten als
inoperabel erwies. Die Diagnose war vor der Laparotomie nicht gestellt
worden Robert Kuhn- Karlsruhe.
Medizinische Klinik. Heft 32.
W. L i e p m a n n - Berlin: Die eingebildete Schwangerschaft.
Die Erkrankung ist im Wesen der weiblichen Psyche begründet,
welches einer charakteristischen Gesetzesdreiheit folgt, nämlich dem Gesetz
der Hemmung, dem der Vulnerabilität und dem des Pansexualismus.
A. G ü 1 1 i c h - Berlin: Der vestibuläre Schwindel.
Fortbildungsvortrag. ...
W Ba u m a n n - Kiel: Untersuchungen über den klinisch-diagnostisc.ien
Wert des Nachweises okkulten Blutes im Stuhl bei chirurgischen Magen¬
erkrankungen mit besonderer Berücksichtigung des Magenkarzinoms.
Die Kieler Erfahrungen sprechen durchaus zugunsten der Methode, und
zwar kommt beim Karzionm dem positiven Ausfall, noch mehr dem
negativen, eine fast sichere diagnostische Bedeutung zu. Am meistern zu
empfehlen ist das Verfahren mit Benzidintabletten, da cs auch für den 1 Tak¬
tiker leicht und einwandfrei zu verwenden ist.
U m b e r - Berlin: Ueber Pankreasinsulin und seine Anwendung bei
Diabetikern.
Nach eigenen Erfahrungen wirkt das Insulin in erstaunlich sicherer
Weise herabsetzend auf die Hyperglykämie, die Glykosuric und die Azidose
der Diabetiker; allerdings dauert die günstige Wirkung nur während der
Insulindarreichung.
H. K i o m k a - Jena: Ueber Scheidendesinfektion.
Untersuchungen über Agressit, dessen Wirkung auf Abspaltung von
Chlor und Sauerstoff und auf der Beimischung von Chininum bihydro-
chloricum beruht.
G. D e t h 1 c f s e n - Berlin : Erfahrungen mit dem Blutstillungsmittel
Clauden in seiner neuen, flüssig gebrauchsfertigen Form.
Lokal wirkt die Pulverform am besten. Subkutane Injektionen von
10 ccm bewährten sich bei akuten Blutungen und auch prophylaktisch.
C. Fürth- Wien: Multiple Rippenknorpeleiterungen. durch Bact. coli
verursacht. .
Mitteilung eines Falles, der durch operative Eingriffe, unterstützt durch
Vakzinebehandlung, zur Heilung kam.
J. S c h u s t e r - Pest: Kurze Bemerkung zur Therapie des Herziagens
(paroxysmale Tachykardie).
Der Anfall konnte bei dem beobachteten Kranken durch intravenöse
Injektion von 1 ccm Tonogen oder Suprarenin sofort zum Schwinden ge¬
bracht werden.
B. Günther- Bad Nauheim: Ein praktischer feuchter Verband.
Der wasserdichte Stoff wird ringsum mit Heftpflaster befestigt.
H. H. Spronck - Utrecht: Experimentelle Studien über die beiden Art¬
agonisten der Tuberkulinreaktion.
Die Untersuchungsergebnisse sprechen deutlich für die bekannte Theorie
von Wassermann und Bruck sowie für die Auffassung von N e u f e 1 d.
E. R u n g e - Berlin: Die Gynäkologie des praktischen Arztes. S.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 26.
H. S t a r c k - Karlsruhe: Diagnose und Behandlung der spasmogenen
Speiseröhrenerweiterung. .
Zusammenfassende Uebcrsicht mit besonderer Berücksichtigung der
Therapie, auf Grund der grossen Spezialerfahrung des Verfassers.
E. H a n h a r t - Zürich: Ueber Fehldiagnosen bei Knochenmarkskrebs.
Bericht über 30 Fälle, davon 26 mit Sektionsbefund. In 19 von 24 mani¬
festen Fällen waren von den behandelnden Aerzten Fehldiagnosen gestellt.
Das typische Blutbild (sekundäre Anämie mit zahlreichen Norinoblasten,
daneben reichlich Myelozyten und Leukozytose) ist sehr selten und darf
deshalb in seinem diagnostischen Wert nicht überschätzt werden. Auch die
Röntgendiagnostik versagte in einer Anzahl der schwersten Fälle,
so dass vollständig von Metastasen durchsetzte Knochen (Wirbelsäule)
normale Bilder ergaben; es ist also nur ein positiver Röntgenbefund für die
Diagnose verwertbar. Ein Kardinalsymptom sind die meist un¬
erträglichen, doppelseitigen Schmerzen (Ischias, Interkostal-Brachial-
neuralgien), bei denen man stets an Knochenmetastasen denken muss. Diese
sind am häufigsten bei Mamma-, Prostata- und Schilddrüsentumoren, können
aber auch bei allen anderswo lokalisierten Vorkommen.
G o n in - Lausanne: Kasuistischer Beitrag zur Kenntnis der echten
Diphtherie des Oesophagus (und des Magens).
S t r eb el -Luzern: Zur Behandlung des perforierten zentralen Horn-
hautgeschwürs.
Ausführliche Mitteilung von 3 Fällen, in denen Verf. mit Kollargol-
atropinsalbe sehr gute Erfolge erzielte. Die so vielfach kritiklos angewandte
Iontophorese zur Aufhellung von Hornhautnarben ist ganz nutzlos (19 Falle
bis 30 mal behandelt). L. Jacob- Bremen.
Auswärtige Briefe.
Danziger Brief.
(Eigener Bericht.)
Generalstreik der Arbeiter und Angestellten. Vertragloser Zustand
zwischen Aerzten und Krankenkassen. , ., .
Die Berufsvereinigung der Aerzte unseres Freistaates hat gestern Abend
nach langen Verhandlungen einstimmig beschlossen, den Krankenkassen die
„Kreditgewährung“ zu verweigern, d. h. Mitglieder der Kassen nur noch
gegen Barzahlung, zu den Mindestsätzen der Gebührenordnung, zu behandeln.
Zahnärzte und Apotheker haben sich diesem Vorgehen angeschlossen, eine
Arbeitsgemeinschaft der drei Berufsstände ist geschaffen.
Seit Monaten war es jedem klar, dass die Dinge dem „vertragslosen
Zustande“ notwendig zutrieben. Völlig unzureichende und zu spate Be¬
zahlung der Honorare bedrohte von Tag zu Tag immer druckender den
Haushalt des Arztes. Bei der Aussprache sagte z. B. ein Kollege, der
hauptsächlich Kassenpraxis ausübt, er habe kürzlich von den Kassen für seine
ärztlichen Leistungen während eines ganzen Monats (Juni) 2 Mdhonen Mark
erhalten und am gleichen Tage für das Besohlen seiner Schuhe 3 Millionen
Mark zahlen müssen. Versprechungen betreffs Vorschuss- und Konto¬
zahlungen haben die Kassen nicht eingehalten. „Wir haben kein Geld ,
wurde den Unterhändlern achselzuckend geantwortet. Sollten die Aerzte
nicht buchstäblich verhungern, so konnte der Versuch, aus _ “51?
herauszukommen, nicht länger verschoben werden. Die Forderungen de
Aerzte, die dem Senat unterbreitet sind, laufen im wesentlichen _ auf drei
Punkte hinaus:. 1. Sofortige Bezahlung der von den Kassen geschuldeten
Honorare. 2. Umgehende Aufstellung einer neuen Gebührenordnung auf de
Grundlage wertbeständiger Honorare. 3. Tätige Mitwirkung der Aerzte in
der sozialen Gesetzgebung. . _ .•
Gerade auch die Forderung der wertbeständigen Honorare hofft d
Aerzteschaft durchsetzen zu können. Haben doch eben erst Arbeiter un
Angestellte nach zweitägigem Generalstreik (1Ü. und 11. VIII.) die i
löhnung und zwar den halben Friedenslohn, zugobilligt erhalten. Wird
der Arzt wieder anständig bezahlt, sagen wir mit halbem Friedenswert, nun
so ist Frau Sorge einstweilen aus unseren Hausern verscheucht.
Ich kann diese fröhliche Zuversicht nicht ganz teilen Wie m No¬
vember 1918 ein politischer Irrsinn weite Kreise unseres Volkes übern J.
wie damals, seien wir aufrichtig, auch viele von uns im Ernst Raubten, . die
Vernichtung unseres Heeres sei eine gute Tat für uns und die Welt, unse
Sclbstentmannung bedeute den Anbruch einer neuen Zeit allgemeiner Brude -
1164
MÜNCHENER. MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3(
liebe, so umnebeln jetzt auf wirtschaftlichem Gebiet Vorstellungen selt¬
samster Art die Köpfe. Auf politischem Gebiet ist die Ernüchterung längst
erfolgt. Auch der Einfältigste glaubt nicht mehr an „Freiheit, Frieden,
Brot“. die uns doch der „Sieg des Volkes auf der ganzen Linie“ bringen
sollte. Kein Vernünftiger glaubt mehr an den Völkerbund und an den ewigen
Frieden. Aui wirtschaftlichem Gebiet steht das Aufwachen unmittelbar bevor.
Der Zusammenbruch der Papiermark, in Deutschland die kommende Fmanz-
aufsicht mit dem Sklavenvogt an der Spitze, werden für die Aufklärung
sorgen, mehr als uns lieb ist.
Es genügt leider nicht, wie unsere Volksbeglücker es seit fast 5 Jahren
tun, alle Nöte auf dem Papier wunderschön zu beseitigen. Um bei einem
Gleichnis zu bleiben: Vor dem. Kriege hatte Mutter Deutschland Brot genug
für ihre Kinder. Gewiss, es erwischte der Stärkere oder Klügere auch
einmal ein besonders grosses Stück, der Schwächere und Unbegabtere ein
kleineres, aber satt wurden sic doch alle. Das ist jetzt ganz anders: Das
Brot ist zu klein geworden im Vergleich zur Zahl der Esser. Von mancher
Seite wird uns freilich gesagt, Brot sei genug vorhanden, es käme nur auf
eine gerechte Verteilung an. Zuzugeben ist nur, dass es in der neuen
deutschen Republik — von unserem Freistaat ganz zu schweigen —
Schiebern und Wucherern so gut geht wie niemals unter dem verruchten
alten System. Aber ausschlaggebend ist das letzten Endes auch nicht. Es
gibt nur zwei Wege, das Missverhältnis zu beseitigen: Vermehrung des
Brotes oder Verringerung der Esser. Von der ersten Möglichkeit sind wir
leider weit entfernt. Ein besiegtes, verstümmeltes und ausgepresstes Volk
führt den Achtstundenarbeitstag ein, das ginge schliesslich noch, es arbeitet in
den acht Stunden aber nicht annähernd so wie früher. Dafür wird geredet
und wieder geredet. Als ich im Frühling einige Tage in München weilte,
las ich in einer Zeitung eine ausgezeichnete Uebersctzung für das Fremd¬
wort „Parlamente“; „Redebedürfnisanstalten“ wurden sie genannt. Wenn
Reden, Aussprachen, Vereine, Ausschüsse, Versammlungen, neue Aemter,
flammende Proteste, Streiks usw. auch nur das Geringste helfen könnten,
wären wir längst über den Berg; denn davon haben wir mehr als genug.
Nebenbei, eine der schlimmsten Lügen der Revolution war die Versicherung,
man werde uns zu freien Bürgern machen, von Burcaukratie und Beamtentum
befreien. Und jetzt ersticken wir in Papier und Tinte, das Beamtenheer
verschlingt restlos die Einnahmen des Staates, die Bureaukratie ist nie
so obenauf gewesen wie jetzt. Der Bogen z. B. für unsere letzte Steuer¬
erklärung war geradezu ein Wunderwerk der Feder; unter den zahllosen
Fragen und Unterfragen fehlte auch nicht die, wieviel Briefmarken ich am
31. XII. 22, drei Monate vor der Steuererklärung, besessen. Nach den
furchtbaren Katastrophen, wie sie in Gestalt des dreissigjährigen oder des
siebenjährigen Krieges oder der napoleonischen Kriege unser Land heim¬
suchten, wurde schwer gearbeitet, Heide urbar gemacht, Kanäle gezogen,
Sümpfe getrocknet, kurz Brot geschaffen. Wenn ich heute durch das Land
wandere, den Bauer am Pfluge, den Schmied am Amboss, den Müller am
Mühlstein sehe, das leuchtet mir ein; hier werden Brot und Werte erzeugt.
Wie aber das zu knappe Brot durch Reden und straff organisiertes Nichtstun
grösser werden soll, will mir nicht in den Kopf.
Was ich soeben von unserem Volke sagte, gilt leider auch von den
Acrzten. Es genügt nicht, einfach zu bestimmen, wieviel Brot jeder erhalten
soll. Erste Bedingung bleibt, dass das Brot vorhanden ist. Arbeiter
und Angestellte haben die Goldlöhne durchgesetzt. Gut, aber was folgt?
Unmöglichkeit, die Betriebe aufrecht zu halten, zum mindesten ausge¬
dehnte Entlassungen (in manchen Betrieben bis zu zwei Dritteln der Arbeiter),
Aufwärtsschnellen der Preise für die ganze Lebenshaltung. Genau das
Gleiche werden auch wir Aerzte erfahren. Wir müssen uns darüber klar
sein, dass die Nachfrage nach ärztlicher Tätigkeit in einem verarmten Volk
notwendig viel geringer ist als in einem reichen. Kommt noch, wie bei
uns ein täglich steigendes Angebot hinzu, so ist das Elend unabwendbar.
Umstellung in andere Berufe oder Auswanderung werden notwendig.
Das Gefühl, viel schlechter kann es nicht werden, macht die Aerzte-
schaft für die bevorstehenden Kämpfe zuversichtlich. Kommt hinzu, dass
die Arbeit bei den Kassen, abgesehen von der schlechten Bezahlung, vielen
Aerzten auch keine innere Befriedigung gibt. Soeben, am Abend des ersten
Tages der Kreditverweigerung, traf ich einen befreundeten, vielbeschäftigten
Kassenarzt. Der Kollege strahlt und ist glücklich. Er hat etwas weniger
zu tun, aber ein grosser Teil seiner früheren Kassenkranken ist ihm treu
geblieben. Die ausreichende und sofortige Bezahlung erleichtert die Sorge
um die Familie. Aber, was die Hauptsache ist, er fühlt sich wieder in
seiner Eigenschaft als helfender Arzt; zwischen Mensch und Mensch ist
die Wand — die bureaukratische Kassenverwaltung mit all ihrem Schreib¬
kram — gefallen. Nie wieder Friede! sagt der Kollege. E. L.
Vereins- und Kongressberichte.
Gesellschaft für Natur- u. Heikunde in Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 26. März 1923.
Vorsitzender: Herr Mann.
Schriftführer: Herr Grunert und Herr Wemmers.
Tagesordnung.
Herr Galewsky: Die Behandlung der Geschlechtskrankheiten durch
Laienbehandler.
Der Vortragende gibt einen kurzen Ueberblick über die Frage der
Behandlung der Geschlechtskrankheiten durch Laienbehandler und berichtet
dann über die durch den jetzt vorliegenden Gesetzentwurf neu geschaffene
Lage.
Aussprache: Herren Rostoski, Fr. Meier, Galewsky,
Wachtel, Panse.
Herr Galewsky: Ueber die Wismutbehandlung der Syphilis.
Nach einer kurzen historischen Einleitung über die bisherigen Wismut¬
präparate und deren Anwendung, gibt der Vortr. einen Ueberblick über die
Entwicklung der Wismuttherapic in Frankreich und in Deutschland. Er hat
bisher 40 Fälle von Syphilis mit Wismut (Bismogenol, Milanol und Nadisan)
behandelt und glaubt, soweit man aus der geringen Anzahl der Fälle und
der kurzen Behandlungsdauer schliessen kann, das Wismut empfehlen zu
können als ein zwischen Hg und Salvarsan stehendes Mittel, das insbe¬
sondere angezeigt ist zur Nebenbehandlung mit Salvarsan, dessen schnell I
Wirkung es nicht erreicht, zur Behandlung der Spät- und Liquorlues m
Jod, und zu der der Arsen- und Hg-resistenten Fälle, in denen Hg ode '
Salvarsan nicht mehr wirken, ganz besonders aber bei denjenigen Krankei I
die diese Medikamente nicht vertragen. — Ausser den gewöhnlichen leid i
teren Nebenwirkungen hat G. bisher einmal Ikterus bei der kombinierte i
Anwendung von Salvarsan + Wismut gesehen.
Aussprache: Herr Schulze berichtet über die Rekurrtnsbcham: :
lung der Paralyse in der Heilanstalt Arnsdorf. Zu einer endgültige j
Beurteilung genügt das Material noch nicht.
> Herr Wachtel.
Herr Faust: Nach den Ausführungen des Herrn Galewsky ist di I
therapeutische Wirkung der Wismutsalze auf die Syphilis mit der del
Quecksilbers zu parallelisieren. Theoretisch lag es näher mehr eine arsenll
ähnliche Wirkung zu erwarten. Gehört doch auch im Lothar Meyer 1
A s s a n a s j e w sehen periodischen System das Bi zur As- bzw. N-Gruppt I
genau so wie das auch bei Syphilis neuerlich verwendete Antimon. All [1
drei bilden besonders unbeständige säureähnliche Oxyde.
Herr Hans Haenel: Die von H. Schultz erwähnten Fälle voi I
Paralyse, die durch eine Fieberbehandlung mit Rekurrens günstig beeinilussjl
waren, sind noch dadurch besonders beachtlich, als bei einigen von ihneiH
nicht nur die geistigen Leistungen sich weitgehend besserten, sondern auclH
die erloschene Pupillenreaktion sich wieder einstellte. Da der Argylljl
Robertson im allgemeinen doch als irreparbles Lucssymptom gilt, ist eiill
solcher Erfolg umso bemerkenswerter, als ausser der einmaligen RekurrensB
impfung keinerlei antiysphiliticshe Behandlung in dieser Zeit vorgenommei I
wurde.
Herr Galewsky: Schlusswort.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Juli 1923.
Vor der Tagesordnung: Herr Ulrich: Demonstration: Kalkgicht.
Tagesordnung:
Herr Ulrich: Besprechung eines Falles von Bronchitis fibrlnosa slx
plastica, mit Demonstration der Gerinnsel zweier Röntgenplatten.
Bemerkenswert war entgegen der Einteilung von Fr. Müller, dasfij
sich, nachdem anfangs Mangel bzw. Schwund der Eosinophilen im Blute be¬
standen hatte, allmählich eine. Eosinophilie von 8 Proz. herausbildete, so dasi)
der Fall, sonst unter dem Bilde der akuten Form verlaufend, eine Mittel-:
Stellung zwischen der akuten und der chronischen Form einnimmt, bzw. an
einen Uebergang von der akuten Form zu der nach Müller wesens-l !
verschiedenen chronischen Form denken lässt. Im Sputum fanden sied]
während der Beobachtungszeit keine deutliche Eosinophilie, keine Cursch-
m a n n sehen Spiralen oder Charcot-Leydensche Kristalle. Während
von Fr. Müller und anderen das Leiden nicht als Infektionskrankheit an¬
gesehen wird, kommt in diesem Falle Streptococcus pleomorphus
Wiesener ernsthaft als Erreger in Betracht.
Herr Grober: Zur pharmakologischen Prüfung des vegetativen Nerven¬
systems.
Vortr. berichtet über Untersuchungen, die er gemeinsam mit seinen Mit-*
arbeite™ Rausche und Hornig, sowie über solche, die der letztere unten]
seiner Leitung angestellt hat. Zur Ausschaltung des individuellen Resorptions¬
fehlers Vergleich der Reaktionen nach subkutaner und intravenöser Injektion!
der Pharmaka (Prüfung der Dosis) und Feststellung der Gleichmässigkeitj
letzterer. Auf Grund dessen Durchprüfung einer grossen Zahl erwachsener»
Männer verschiedensten Gesundheitszustandes mit intravenösen Injektionen
von Adrenalin (0,05 mg), Atropin (0,5 mg) und Pilokarpin (5,0 mg) bei gleich-) ,
zeitiger Kontrolle des gesamten und des vegetativen Nervensystems mittelst»
mechanischer Reize. Ergebnis: Gegenüberstellung von Vagotonle und
Sympathikotonie lässt sich nicht aufrechterhalten. Feststellbar lediglich eine j
allgemeine Labilität des vegetativen Nervensystems, in einzelnen Fällen mit ]
besonderer Betonung der Vagus-, in anderen der Sympathikuserregbarkeit, 1
meist aber beider. (Ausführliche Veröffentlichung folgt.)
Herr Gutzeit: Ueber die Verteilung der Albumine und Globuline im
tierischen Organismus.
Die bisherigen mannigfachen Methoden zur Bestimmung der Albumine i
und Globuline geben Werte, die nicht miteinander vergleichbar sind. So -
erklären sich auch die differierenden Resultate des Albumin-Globulin-
Mischungsverhältnisses der Körperflüssigkeiten unter physiologischen und'
pathologischen Verhältnissen. Die Bestimmung der Eiweisskörper durch
Salztrennung and die Analyse des Stickstoffs mittels des Mikrokieldahl-;
Verfahrens erweist sich als zuverlässig. In 6 Tierversuchen (Kaninchen):
konnte bei Durchspülungen bis zur Blutleere festgestellt werden, dass die
Gewebsflüssigkeit bedeutend globulinreicher ist als das Serum der betreffenden
Tiere. Alter und Geschlecht sowie Fütterungszustand der Tiere ist hierbei
ohne Belang. Eine Albuminvermehrung im Serum bei Flüssigkeits¬
verschiebungen zwischen Gewebe und Blut ist somit ausgeschlossen. (Er¬
scheint ausführlich an anderer Stelle.)
Herr Brinkmann: Experimentelle Untersuchungen zur bakteriziden
Wirksamkeit iormaldehydabspaltender Präparate.
Unter Vorlegung zahlreicher Tabellen und Kurven wird über Unter¬
suchungen berichtet, die vorzugsweise mit den sulfosalizylsauren Abkömm-:
hngen des Urotropins, dem Hexal und Neohexal, ausgeführt wurden. Die1
Untersuchungsmethode bestand im Abtötungsversuch unter gleichzeitiger An¬
wendung der Suspensions- und Endmethode. 0,1 proz. Hexal und Neohexal
wirken schon nicht mehr sicher bakterizid gegenüber Bakterienaufschwem¬
mungen in physiologischem NaCl. Noch geringer ist die bakterizide Wirkung
gegenüber Bakterienaufschwemmungen in eiweisshaltigen Nährmedien,
namentlich in Blut, weil Hexal und Neohexal in diesen unter Bindung der
beiden wirksamen Agenzien, der Sulfosalizylsäure und des Formaldehyds, im
Eiweisskörper einen fein- bis grobflockigen, z. T. nach 24 Stunden fest
zusammenbackenden Niederschlag geben. Und zwar bilden sich erst Sulfo-
salizylsäure-Liweissverbindungen, die dann für die allmählich ausreichende
rormaldehydwirkung die „Gerbungskeime“ im Reiner sehen Sinne ab-
|.n‘ ^‘ne sPe.z>fische Wirkung gegen eine der geprüften Bakterienarten
(Kon. Typhus, Shiga-Kruse, Staphyloc. aur„ Streptoc. haemol., Pneumokokken.
7. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1 165
Diploc. NViesner, Diphtherie) Hess sich nicht feststellen. Träger der bakteri¬
ziden Wirkung ist der Formaldehyd. Seine Abspaltung aus dein Hexa¬
methylentetramin erfolgt unter besonderem Einfluss der Sulfosalizylsäure.
Diesen Vorgang der Formaldehydabspaltung unter Säureeinfluss haben Hexal
und Neohexal mit verschiedenen anderen Urotropinabkömmlingen gemeinsam.
Diese lassen sich nach dem Orad ihres Einflusses auf die Wasserstoffionen¬
konzentration der Lösungsmittel rangieren. Am stärksten in diesem Sinne
wirken Hexal und Neohexal. Zwischen ihnen steht das Helmitol. Dem Orad
der Forlaldehydentwickelung entspricht auch die bakterizide Kraft der ein¬
zelnen Mittel. Auch hierin sind Hexal und Neohexal den anderen Präparaten
im allgemeinen überlegen. Die bakterizide Wirkung kommt freilich erst nach
Stunden zur vollen Entfaltung. Der Uebertritt des Formaldehyds in den Harn
nach stomachaler Darreichung äussert sich in einer weitgehenden Hemmung
des Baktcrienwachstums. Und zwar hält diese entwickelungshemmende
Wirkung bei einer Gabe von je 1 g Hexal und Neohexal für 6 — 10 Stunden
vor. Formaldehyd lässt sich nach einer solchen Gabe erstmalig nach
30 Minuten nachweisen, zu einer Zeit, wo sich an der Hand der PH-Werte
ein« deutliche Aziditätszunahme feststellen lässt. Es findet schon im Magen
eine weitgehende Formaldehydabspaltung statt, wie sich an der Hand von
Probefrühstücken nachweisen lässt, die je 1 g Urotropin oder Neohexal ent¬
halten. Nach stomachaler, namentlich aber auch nach intravenöser Dar¬
reichung erhält das Blut deutliche entwicklungshemmende Eigenschaft. Die
Sulfosaiizylsäurekomponente des Hexals und Neohexals hemmt die Diphtheric-
toxinbildung. Daher auch experimentelle Diphtheriewundinfektion des Meer¬
schweinchens durch genügend hohe Hexal- oder Neohexaldoscn geheilt,
während die Pneumokokkenwundinfektion der weissen Maus unbeeinflusst
bleibt.
Münchener Gesellschaft für Kinderheilkunde.
• (Eigener Bericht.)
Sitzung vom 22. Februar 1923.
Herr Lange spricht über die Haltungsfehler der Kinder.
Die auf intrauteriner Schädigung beruhenden Skoliosen und Kyphosen,
erstere auf Bildungsfehlern, letztere auf Fruchtwassermangel beruhend, sind
selten; sie neigen zur Versteifung und sind schwer zu beeinflussen.
Günstig ist die Prognose des auf Fruchtwassermangel beruhenden Schief¬
halses; Behandlung; Liegeschale in Ueberkorrektur.
Die Haltungsfehler im Säuglingsalter sind auf Rachitis zu beziehen.
Kyphosen entstehen durch frühzeitiges Sitzen bei abnormer Knochenweichheit ;
Versteifung ist häufig. Bei lockeren Kyphosen genügt zur Behandlung Bauch¬
lage, bei versteifenden ist Liegeschale erforderlich.
Skoliosen sind die Folge statischer Deformierung (Tragen auf einem Arm)
bei rachitischen Kindern. In Japan, in dessen nördlichem Teil die Rachitis
häufig sein soll, fehlt diese Skoliose, weil die Kinder auf dem Rücken ge¬
tragen werden. Die Skoliosen sind sehr ernst zu nehmen, weil fortschreitende
Verschlimmerung eintritt. Behandlung: Liegeschale in Ueberkorrektur. Fast
alle schweren Skoliosen sind auf solche Säuglingsskoliosen zurückzuführen.
In der Vorschulzeit entstehen selten schwerere Haltungsanomalien. Der
häufigste Fehler ist die unsichere Haltung. Während bei echten Skoliosen
meist schon im Beginn leichte Unterschiede in der Dornfortsatzlinie bei
Rechts- und Linksbeugen vorhanden sind, fehlen diese hier.
Von den Haltungsanomalien des Schulalters ist die häufigste der runde
Rücken (hohlrunder Rücken, Totalkyphose, letztere im Zusammenhang mit
Rachitis). Er entsteht auf dem Boden von Muskelschwäche und Muskel¬
faulheit. Die Wirbelsäule wird lediglich durch Bänderspannung fixiert,
während die Schultern nach vorn sinken. Später Versteifung und Verkürzung
des M. pectoralis. Ziel der Behandlung (die dankbar ist, wenn Sie vor
völliger Versteifung einsetzt) ist die Dehnung der verkürzten Weichteile und
die Lockerung der Versteifung durch S a y r e sehe Schwebe und Gewichts¬
züge sowie Verstärkung des M. erector trunci und der Schulterrückwärts-
strecker durch aktive Uebungen; Haltung beim Schreiben ist zu kontrollieren
und durch geeignete Vorrichtungen zu bessern; Geradehalter sollten nur
6 — 8 Stunden täglich getragen werden; orthopädisches Schulturnen!
Die meisten schweren Skoliosen entstehen im Säuglingsalter, leichtere
auch später; ein Teil von diesen ist auf Rachitis zu beziehen, die sich im
Vorhandensein eines Rosenkranzes manifestiert. Die Orthopäden sprechen
dann von Rachitis tarda. Fehlt der Rosenkranz, so scheint die Skoliose mit
Blutarmut, Chlorose, lymphatischem Habitus in Beziehung zu stehen, — Zu¬
stände, die die Knochen ebenfalls erweichen können. Auch Gewohnheits¬
haltungen (Bettlage, Violinspiel, Schultasche, Schreibhaltung) führen zu
Skoliosen. Da völlig versteifte Skoliosen nur schwer zu beeinflussen sind,
muss die Behandlung rechtzeitig einsetzen. Die Diagnose der Form der Ver¬
biegung und der Gegenbiegung ist nicht einfach (zu beachten: seitliche Kon¬
traktur, Dornfortsatzlinie, Schulterstand, Torsion, Beckenstellung, Ver¬
steifung). Bei Skoliosen mit beginnender Versteifung besteht die Therapie in
passiver und aktiver Ueberkorrektur. Wenn Gegenbiegungen da sind, dürfen
sie an der Ueberkorrektur nicht teilnehmen. Gipsbehandlung führt zu
schnelleren, überraschenden, aber vorübergehenden Besserungen. Unterstützt
wird die Behandlung durch passive und aktive Gymnastik, Liegeschalen und
Korsetts, doch dürfen die beiden letzten Methoden nicht allein angewandt
werden. Niemals durch den Bandagisten allein einen Apparat anpassen
lassen, sondern stets durch den Facharzt! Nie Skoliosen bei Laienturnlehrern
turnen lassen!
Aussprache: Herren Schneider und G ö 1 1.
Sitzung vom 22. März 1923.
Demonstrationen aus der Kinderabteilung des Krankenhauses Miinchen-
Schwabing.
Herr Cailloud (a. G.): Vorstellung zweier Fälle von chronischer
primärer Polyarthritis im Kindesalter, deren einer (Knabe von 4 Jahren) neben
beidseitiger multipler Gelenkschwellung mit Beteiligung der Halswirbelsäule,
hochgradige Muskelatrophie, Knochenatrophie, stellenweise Periostverknöche¬
rung und Zurückbleiben des Längenwachstums aufweist. Im zweiten Fall
(Mädchen von 12 Jahren), schon seit dem 2. Lebensjahr erkrankt, sind an
verschiedenen Gelenken sämtliche Grade der Erkrankung (Ausheilung, noch
aktive Entzündung, knöcherne Verwachsung) beobachtet worden. Beiden
Fällen gemeinsam sind Schwellung der regionären Lymphdrüsen und Fieber¬
attacken, deren völlige Unabhängigkeit von dem Grad der entzündlichen Er¬
scheinungen betont wird. Weitere Begleiterscheinungen des ersten Falles
sind hochgradige sekundäre Anämie, des zweiten Exantheme flüchtiger Art;
Endo- und Perikarderkrankungen fehlen ebenso wie eine Vergrösserung der
Milz. Differentialdiagnostisch wird ausgeschlossen akuter und chronischer
sekundärer Gelenkrheumatismus, Hydrops tubcrculosus bzw. Rheumatismus
tuberculosus (Poncet) und Still sehe Krankheit. Aetiologisch kommt
vielleicht in Betracht das endokrine System (auffallend starke Gesichts¬
behaarung und Pigmentierung im ersten, Exophthalmus und starke Mikro¬
genie und Struma im zweiten Fall), ferner familiäre Veranlagung und kon¬
stitutionelle Krankheitsbereitschaft. Die Prognose ist nicht absolut ungünstig.
Therapeutisch waren Salizylate unwirksam, Wärme und passive Bewegungen
zeigten nicht ungünstige Wirkung.
Aussprache: Herren v. Pfaundler, Benjamin, Keins.
Herr Stuben rauch berichtet über einen ernährungsgestörten Säug¬
ling, der in der Reparation einen perinephritlschen Abszess mit Durchbruch
ins Nierenbecken durchmachte; Heilung.
Herr Gött demonstriert:
a) einen bald 2 jährigen Knaben mit einer indolenten Hautaffektion: über
die ganze Körperoberflächc verstreute, namentlich im Gesicht sitzende,
gelblich-bräunliche, oberflächliche, flach erhabene bis knötchenförmige, an
ihrer Oberfläche manchmal feinst gerunzelte Einzeleffloreszenzen von Hanf¬
korn- bis Linsengrösse. Dermatologische Diagnose: Haeniangioendothelioma
cutis tuberosum multiplex.
b) das Bild einer von einem kongenitalluetischen Säugling stammenden,
offenbar durch diffuse Infiltration der Schleimhaut hervorgerufenen, an eine
gepflasterte Strasse erinnernden Lingua dissecata.
c) Uebersichtskurven vom Krankheitsverlauf zweier Säuglinge mit
Rumination, die durch Breikost und Ablenkung nach der Mahlzeit in wenigen
Wochen geheilt wurden. Versuche ergaben, dass Geschmacksstörungen bei
diesen beiden Kindern nicht Vorlagen; der Lustgewinn beim Ruminieren schien
also nicht auf gustatorischem Gebiet zu liegen.
Beifütterung von Chininum tannicum zur Breimahlzeit hatte beim einen
Säugling keinen, beim anderen einen zweifellos hemmenden Einfluss auf die
Rumination, was gelegentlich vielleicht der Therapie nutzbar gemacht werden
kann.
d) einen Fall von chronischer Nephritis bei einem 12 jährigen Knaben, bei
dem Herzhypertrophie, erhebliche Hypertonie und Einschränkung des
Konzentrationsvermögens der Niere den Liebergang in Schrumpfniere wahr¬
scheinlich machen.
e) die Fieberkurve eines luetischen Säuglings, bei dem infolge schwerer,
zu wochenlangem Sopor führender Enzephalomeningitis und hämorrhagischer
Pachymenlngitls völlige Anarchie der Temperatur mit Schwankungen zwischen
31 und 41 0 bestand. >
Kleine Mitteilungen.
Sport und Arzt.
In der Preussischen Hochschule für Leibesübungen
(Landesturnanstalt) in Spandau wurde in der letzten Juni- und ersten Juli¬
woche vom Ministerium für Volkswohlfahrt ein ärztlicher Fortbildungskurs
auf dem Gebiete der Leibesübungen veranstaltet. Zu dem Kurse, dessen
Leitung in der Hand des Herrn Medizinalrat Prof. Dr. Müller lag, hatte
sich eine beträchtliche Zahl von Aerzten, insbesondere Kreis-, Kommunal-,
Schul- und Polizeiärzte, _ eingefunden.
Der Stundenplan umfasste neben einer Anzahl von Vorlesungen prak¬
tische Uebungen in der Turnhalle und, soweit es das Wetter irgend erlaubte,
auf dem Sportplatz, sowie verschiedene Besichtigungen. Zu erwähnen sind
besonders die Vorlesungen des Herrn Prof. Dr. Müller über Physiologie
der Leibesübungen, Prof. Dr. B r u g s c h über Konstitution und Sport,
Dr. Schulte über Psychologie des Sports, Geh. Rat H i s, Ministerialrat
Ottendorff, Regierungsrat M a 1 1 w i t z, sowie der Vortrag des Herrn
Prof. Klapp über orthopädisches Turnen mit Vorführung der Kriechmethode.
Herr Studienrat Dr. Maeder, als Leiter der praktischen Uebungen, war
bemüht, die Teilnehmer in den Uebungen der Leichtathletik (Laufen, Springen,
Werfen usw.) zu unterweisen. Mit grossem Eifer führten die Hörer im Sport¬
oder Badeanzug die Uebungen in der Halle und im Freien aus. nachdem es
anfangs wohl so manchem komisch vorkam, dass er selbst hier auch turnen
sollte.
Der diesjährige Kursus, der der erste seiner Art war. war in jeder Hin¬
sicht gelungen. Gerade für den Arzt, insbesondere den Sozialhygieniker, ist
eine gründliche Kenntnis des Wertes des Sports notwendig, einerseits damit
mit seiner Unterstützung optimale Leistungen erzielt, andrerseits damit
Uebertreibungen vermieden werden.
Eine halbjährige Wiederholung derartiger Kurse in der Preussischen
Hochschule für Leibesübungen in Spandau erscheint dringend erforderlich.
(gez.) Kreisarzt Dr. Weinberg, Grevenbroich, Niederrhein.
Therapeutische Notizen.
Terpestiolseifenschm*erkui bei Tuberkulose.
In Nr. 32 d. Wschr. (S. 1073) gibt Dr. Mosberg - Bielefeld bei der
Besprechung der von mir eingeführten Terpestrolseifenschmierkur an, ich
hätte gegen Tuberkulose eine Kombination von 10 Proz. Terpentinöl und
Schmierseife empfohlen und wundert sich gleichzeitig über meine
„Verkennung der Wirkung der Schmierseife“. Schmierseife ist (absichtlich)
ungereinigte, alkalische (Pottasche-haltige) Kaliseife. Sie wirkt einmal stark
keratolytisch, anderseits hautreizend, hyperämisierend. Die Hyperämie geht
bis in beträchtliche Tiefe und vermag krankhafte Prozesse an Pleura und
Lungen günstig zu beeinflussen. Anders wirkt sicher auch das von Mos¬
berg angezogene Sudian nicht: mit (dem verharzenden, daher hautreizenden)
Leinöl hergestellte weiche Seife. Bei meiner Terpestrolseifenschmierkur
dient als Konstituens (für 10 proz. Terpentinöl) gereinigte, neutrale Na-K-
Seife. Diese vermag — vermöge des Terpentinöls — bei der Einreibung
ebenfalls Hyperämie hervorzurufen und dadurch mit günstig zu wirken. Das
Wesentliche ist aber das von der Haut aus resorbierte T erpentin-
ö 1. Terpentinöl ist ein altes, bei den verschiedensten Affektionen der Atem¬
wege angewandtes, die Sekretion der erkrankten Bronchialschleimhaut ver¬
minderndes Heilmittel. Ausserdem ist das Terpentinöl ein ausgesprochen die
Zellen und Gewebe (im günstigen Sinne) „reizendes“ Mittel, dessen An¬
wendung als „Heilmittel mit indirekter Wirkung“ sich immer steigender
1166
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIET.
Beliebtheit erfreut (vgl. meinen Aufsatz „Terpentinöl als Heilmittel“ in Nr. 20
d. Wschr.). Auf der gewebsreizenden, granulationsfördernden Wirkung des
Terpentinaöls beruhen ja auch die überraschenden Heilerfolge der äusseren
Anwendung von Terpcstrolsalbe bei Unterschenkelgeschwür, diabetischem
und Dekubitalgeschwür, Röntgengeschwür und Lupus exulcerans (s. Platz
in Nr. 16 d. Wschr.L Dr. W a g n e r - Essen berichtet neuerdings (Seite 103
d. Wschr.) über 5 Fälle von schwerem, zum Teil jahrelang vergeblich be¬
handeltem Lupus, die auf Terpestrolsalbe innerhalb 4 Wochen zu glatter
Heilung kamen. Ein solcher Erfolg wäre mit Schmierseife oder Sudian wohl
niemals zu erreichen! Dass tatsächlich bei meiner Terpestrolseifenschmierkur
das Terpentinöl das Wesentliche ist, ergibt sich schlagend daraus,
dass Dr. H i r s c h - Vach seine überraschenden Erfolge, bei Tuberkulose in
den ersten 60 Fällen durch Schmierkur mit Terpestrolsalbe erzielte; erst
später wurde die Terpestrolsalbe zur „Schmierkur" durch die reinlichere und
zweckmässigere Terpestrol seife ersetzt. Prof. Heinz- Erlangen.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 5. September 1923.
— Im preussischen Wohlfahrtsministerium haben am 25. August unter
dem Vorsitz des Ministers Hirtsiefe.r Verhandlungen zwischen
Kassenvertretern und Aerzten über die künftige Vergütung der
ärztlichen Leistungen stattgefunden. Der Minister machte folgenden Vor¬
schlag; Eriedensgrundgebühr von 1 M., wodurch zugleich die Berüfsunkosten
abgegolten sein sollen, und Vervielfältigung mit dem vollen Reichs¬
teuerungsindex. Dieser Vorschlag wurde von den Aerzten angenommen, von
den Kassen abgelehnt, die folgenden Gegenvorschlag machten: Grundgebühr
60 Pfg., dazu ein kleiner Zuschlag für Berufsunkosten, zusammen Grund¬
gebühr von 75 Pfg. mal vollen Reichsteuerungsindex oder Grundgebühr 1 M.
mal % Reichsteuerungsindex. Dieses Angebot wurde von den Aerzten ab¬
gelehnt. Die Entscheidung des Ministers steht noch aus.
— Der Ausschuss des Württembergischen Aerzte-
verbandes hat durch Beschluss vom 26. August die Berechnung
der ärztlichen Privathonorare wie folgt geregelt: Das ärzt¬
liche Honorar wird künftig im allgemeinen nach Abschluss der Behandlung,
jedenfalls aber spätestens halbmonatlich in Rechnung gestellt, und zwar in
Festmark. Die Zahlung hat in Papiermark sofort nach Erhalt der Rech¬
nung, spätestens innerhalb 7 Tagen zu erfolgen. Die Umrechnung der Fest¬
mark in Papiermark geschieht über den amtlichen Berliner Dollarbriefkurs
des Vortages der Zahlung nach der Formel: Dollarkurs mal Festmarkbetrag,
geteilt durch 4,2 und abgerundet auf einen durch 1000 teilbaren Betrag. Bei
verspäteter Zahlung müssen für jeden Tag 1 Proz. Verzugszinsen berechnet
werden. — In derselben Sitzung des Ausschusses wurde ein Antrag H a i 1 e r
einstimmig angenommen, beim Todesfall eines württembergischen Arztes von
jedem Kollegen ein Sterbegeld in Höhe einer jeweiligen Be¬
ratungsgebühr zu erheben. Bei 1500 württembergischen Aerztm
errechnet sich damit zurzeit ein Sterbegeld von 900 Millionen Mark, eine
Summe, die die Hinterbliebenen eines Kollegen einigermassen über die erste
schwere Zeit hinwegzuhelfen imstande ist und deren Aufbringung den ein¬
zelnen beisteuernden Kollegen nicht zu schwer fallen dürfte. (W. Korr. Bl.)
— Durch Regierungserlass wurde bestimmt, dass zu den Sätzen der
Teile II A und B sowie III der Preussischen Gebührenordnung vom
10. XII. 22 über die Gebühren der Aerzte und Zahnärzte in
der P r i v a t p r a x i s, für Bayern übernommen durch die VO. vom
29. XII. 22, mit Wirkung ab 23. VIII. 23 ein Teuerungszuschlag von
599 900 v. H. tritt.
— Wie der Vertreter des Finanzministeriums im Hauptausschuss des
Reichstags mitteilte, soll die vom Reich für die Notgemeinschaft
der deutschen Wissenschaft bereitgestellte Summe von 4,4 auf
900 Milliarden erhöht werden.
— Das National Research Council of Japan gibt unter dem Titel:
„Japanese Journal of medical Sciences“ eine Zeitschrift
heraus, deren Zweck es ist, über die in den japanischen medizinischen Zeit¬
schriften niedergelegten Arbeiten ausführlich zu referieren. Es sind bisher
3 Hefte erschienen, die ein überraschendes Bild von dem Umfang und der
Reichhaltigkeit der japanischen Fachliteratur geben. Ein vorausgeschicktes
Verzeichnis führt die Titel von 102 in Japan erscheinenden Fachzeitschriften
an. Ein grosser Teil von ihnen ist ganz oder teilweise deutsch, wie auch die
meisten in der neuen Zeitschrift enthaltenen Referate in deutscher Sprache
geschrieben sind. — Den grossartigen wissenschaftlichen Aufstieg, den
Japan in den letzten Jahrzehnten genommen, wird die furchtbare Erdbeben¬
katastrophe, die das Land in diesen Tagen heimsuchte und seine reichsten
Städte zerstörte, notwendigerweise beeinträchtigen. Wir vergessen in
diesem Augenblicke alles, was Japan uns während des Krieges angetan und
nehmen erschüttert teil an seinem unermesslichen Unglück.
— Zu unserer Notiz über französische Werbetätigkeit an der Uni¬
versität Dorpat wird uns von einem Kenner der Ostfragen und ehe¬
maligem Dorpater Studenten geschrieben: „Die Namen Tartu und Talinn
sind die alten esthnischen Bezeichnungen für diese Orte und wurden von den
Esthen stets benutzt, wenn sie esthnisch sprachen. Sie sind wohl auch älter,
als die von den kolonisierenden Germanen geschaffenen Namen Dorpat und
Reval. Im jetzigen esthnischen Staate, dessen Landessprache die esthnische
ist, ist die offizielle Bezeichnung natürlich die esthnische. Es ist selbst¬
verständlich, dass man, wenn man deutsch redet, die germanischen Namen
gebraucht; die Franzosen gebrauchen die offiziellen Namen. Der Vergessen¬
heit werden die esthnischen Namen nicht verfallen, solange das esthnische
Volk besteht, jedenfalls aber nicht, solange der esthnische Staat besteht; und
diesem wollen wir einen langen Bestand wünschen und ihm dazu mit den
Kräften des deutschen Volkes helfen, damit er nicht weggespült wird vom
Osten her, überflutet vom russischen Volksimperialismus, ln diesem letzten
Fall würde allerdings der Name Tartu verschwinden, aber „Jurjew“ an seine
Stelle treten. Dann wäre aber auch das Werk des deutschen Ordens und
der sieben Jahrhunderte unwiederbringlich verloren. Bei einer Symbiose des
deutschen Volkes und des esthnischen wird der Name Tartu zwar neben
dem Namen Dorpat leben, aber nicht zum Nachteil von unseres Volkes Er¬
gehen.“ Es ist bei uns leider nicht selbstverständlich, dass man, wenn man
deutsch redet, die germanischen Namen gebraucht. „Jurjew“ war auf dem
besten Wege sich in der deutschen Schriftsprache einzubürgern, ähnlich wie
Nr. 3(
„Petrograd“, „Kolosvar" u. a. Für das Festhalten an den alten deutsche
Städtenamen einzutreten, war der Zweck jener Notiz. 3
— Der Reichsgesundheitsrat ist am 21. Juni d. J. voi
Reichsrat für die Jahre 1923 bis einschliesslich 1927 neu gewählt wordei
Gewählt sind 143 Mitglieder. Zum Vorsitzenden wurde der Präsident di
Reichsgesundheitsamts Dr. Bum m, zum stellvertretenden Vorsitzende
Geheimrat R u b n e r ernannt.
— Die Münchener Fürsorgestelle für Alkoholkrank
hält Samstags von 5 — 6 Uhr Sprechstunde in der Geschäftsstelle. Blutei
burgerstr. 10b, ab. Im Jahre 1922 waren 88 Fälle bei der Stelle angemelde
Der Einfluss des Uebergangs vom Dünnbier zum Vollbier und Starkbier wi
deutlich erkennbar.
— Nach dem neuen Verzeichnis der zur Annahme von Medi
zinalpraktikanten berechtigten Krankenhäuser und mediziniscil i
wissenschaftlichen Anstalten, veröffentlicht in der Beilage zu Nr. 33 de j
Reichsministerialblattes, ist die Zahl dieser Anstalten von 876 auf 966, un .
die Zahl der anzunehmenden Praktikanten von 1857 auf 2075 gestiegen.
— Prof. Dr. R. Kraus, Leiter des Seruminstituts in Sao Paulo, ha
veranlasst durch die für Deutsche dort schwierigen Verhältnisse, die Direktion
des Instituts niedergelegt und kehrt nach Wien zurück.
— Die Berliner Dozentenvereinigung für ärztlich !
Ferienkurse veranstaltet im Oktober d. J. wiederum ihre bekannte!
Ferienkurse. Es finden Kurse aus allen Gebieten der Medizin statt. Bd
sonders hervorgehoben wird ein Spezialkurs „Die Bedeutung der Röntgei ■
diagnostik für die innere Medizin“. Vorlesungsverzeichnisse und alles Näher j
durch die Geschäftsstelle der Dozentenvereinigung, Berlin NW. 6. Luisei
platz 2 — 4 (Kaiserin-Friedrich-Haus).
— Auf der Tagesordnung des 6. Kongresses der Deutsche ;
Gesellschaft für Urologie (Berlin, 26. — 29. September) stehejä
folgende Hauptthemata: Urcteren-Katheterismus; chirurgische Behandlung dt«
Nephritis; Hauptprobleme der Kolloidchemie; Chirurgie der Samenwegi
Vorsitzender ist Geh. Rat P o s n e r.
— Die für den 19. und 20. September geplante Jahreshauptversaminlun :
der Deutschen Gesellschaft für Gewerbehygiene wurdt
infolge der überaus kritischen Lage auf unbestimmte Zeit vertagt. — Ebensl
ist die diesjährige Jahresversammlung des Deutschen Vereins fü
öffentliche Gesundheitspflege zu Münster wegen der wir
schaftlichen Not abgesagt worden.
— Der 18. Kongress der Deutschen orthopädischen Ge]
Seilschaft findet vom Montag, den 24. bis Mittwoch, den 26. Sei
tember 1923 in Magdeburg statt. Es ist vorgesehen, möglichst in di
Bürger- und Aerzteschaft freie Unterkunft für die Kongressteilnehmer zu bil
schaffen; Herren, welche ein solches Quartier wünschen, wollen sich baldig:'
beim Vorsitzenden, Prof. Dr. Bleneke, Walter Rathcnaustr. 67/69, melde i
Als Hauptthemata gelangen zur Verhandlung am 24. September die Fusl
deformitäten Klumpfuss, Plattfuss und Hohlfuss und die Frage des orthJ .
pädischen Schuhwerks, am 25. September Mittel und Wege zur Verbilliguij i
der orthopädischen Behandlungsmethoden und die Frage der Sonderturi|
kurse, während nachmittags über '„Absetzung und Kunstglied“ und sonstig!
Prothesenfragen verhandelt wird. Für den Mittwoch vormittag stehen ein
Reihe weiterer Themata auf der vorläufigen Tagesordnung.
— ln der 30. Jahreswoche, vom 22. bis 28. Juli 1923, hatten vd
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Hambuii
mit 14,7, die geringste Barmen mit 5,5 Todesfällen; in der 31. Jahreswoch j
vom 29. Juli bis 4. August, die grösste Sterblichkeit Wiesbaden mit 18,7, d,'
geringste Ludwigshafen mit 6,0 Todesfällen; in der 32. Jahreswoche, vo
5. bis 11. August 1923, hatten die grösste Sterblichkeit Oberhausen mit 17,:
die geringste Braunschweig mit 6,3 Todesfällen pro Jahr und 1000 Ei;
wohner. Vöff. R.-G.-A. .
Hochschulnachrichten.
Berlin. Dem a. o. Professor für Anatomie an der Berliner Uni
versität Dr. med. Richard Weissenberg wurde ein Lehrauftrag zur Ve!
tretung der Biologie der Zelle erteilt. — Der Privatdozent für Volksgesum| ■
heitslehre an der Berliner Technischen Hochschule Stabsarzt a. D. Dr. mej
Max Christian wurde zum nichtbeamteten ausserordentlichen Profess«
ebenda ernannt. — Der Abteiiungsvorsteher der parasitologischen und ve I
gleichenden pathologischen Abteilung am Pathologischen Institut, Priva 1
dozent für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie Dr. me
et phil. Max H. Kuczynski, wurde zum ausserordentlichen Professor |
der medizinischen Fakultät ebenda ernannt. — Das bis 1919 von Geh. Med
Rat Prof. Gruitmach bekleidete Extraordinariat für Untersuchungen n
Röntgenstrahlen in der Mediz. Fakultät der Universität Berlin ist in e
Ordinariat für Strahlenforschung umgewandelt und dem a. p. Professor aj
der Universität Freiburg i. B. Dr. Walter Friedrich unter Ernennui;
zum ordentlichen Professor übertragen worden. Friedrich, der zugleh
die Leitung des neu zu errichtenden Instituts für Strahlentherapie übeL
nehmen wird, leitete bisher das radiologische Institut der Freiburger Fraucj
klinik. (hk.)
Düsseldorf. Der bisherige a. o. Professor an der Universit,
Leipzig Dr. Paul Huebschmann, zuletzt Leiter des Pathologisch-! ;
Instituts am staatlichen Krankenstift in Zwickau, ist zum ordentlichen Pr
fessor der allgemeinen Pathologie und der pathologischen Anatomie an d
Medizinischen Akademie in Düsseldorf ernannt worden, (hk.)
Hamburg. Dr. med. Heinrich Ein b den wurde zum Oberarzt d:
111. mediz. Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Barmbeck gewählt, j
Heidelberg. Der a. o. Professor der inneren Medizin an d
Heidelberger Universität Dr. med. Viktor Frhr. v. Weizsäcker ist zu:
planmässigen a. o. Professor ebenda ernannt worden, (hk.)
Königsberg i. Pr. Dem ausserordentlichen Professor für Ncurolog
und Psychiatrie Dr. med. Otto Klieneberger wurde ein Lehrauftrag f
Kriminalpsychopathologie erteilt, (hk.) — In der med. Fakultät waren i
S.-S. 1923 eingeschrieben 212 männliche und 39 weibliche Studierend
ausserdem 49 männliche und 4 weibliche Ausländer.
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnu
und Kleidung betrug am 7. August 149 531, am 13. August 436 935 und a
20. August 753 733. Basiszahl 1913/14 = 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist am 4. Sept. 2 000 06
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MÜNCHENER
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Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
r. 37. 14. September 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Aus der Universitäts-Hautklinik in Bonn.
Vortäuschung primärer Syphilis durch gonorrhoische
Lymphangitis (gonorrhoischer Pseudoprimäraffekt).
Von Erich Hoffmann.
Die Differentialdiagnose des weichen Schankers und gewisser Ba-
nitiden, selbst die des Herpes progenitalis und entzündlich geschwol-
ner Skabiesgänge gegenüber dem syphilitischen Primäraffekt findet
ch in den meisten Lehrbüchern fast regelmässig mit genügender Ge-
luigkeit erörtert; nur selten dagegen oder meist gar nicht wird die
ortäuschung eines syphilitischen Primäraffektes durch eine mit Lym-
langitis dorsalis penis komplizierte Gonorrhöe erwähnt. Und doch
t diese Verwechselung in der Praxis nicht ganz selten möglich, und
übst hervorragende Fachärzte können nach meinen Erfahrungen in
ieser Hinsicht einen sehr bedauerlichen Fehler begehen. Obwohl mir
iese Lücke in unseren Lehrbüchern schon seit langer Zeit aufgefallen
t und ich in meinen Vorlesungen seit meiner Tätigkeit an der Ber¬
ber Charitee hierauf stets hinzuweisen pflege, habe ich es bisher
ersäumt, in einer dem praktischen Arzt zugänglichen Wochenschrift
if die Möglichkeit dieses schwerwiegenden diagnostischen Irrtums
ichdrücklich aufmerksam zu machen. Nach neueren Erfahrungen
;heint es mir trotz der spärlichen Hinweise, die z. B. B u s c h k e und
h in Lehrbüchern oder Leitfäden gegeben haben, nun doch not¬
endig, diese Eehldiagnose, der gerade der praktische Arzt ausge-
ctzt ist, einmal näher zu beleuchten.
Aus der nicht ganz kleinen Zahl meiner Beobachtungen möchte
h nur zwei charakteristische Fälle kurz erwähnen, in denen die
diglich an Gonorrhöe leidenden Kranken von hervorragenden
erzten als Syphilitiker erklärt worden waren und bei denen es mir
ach in letzter Minute möglich war, den verhängnisvollen Irrtum auf-
jklären.
Der eine Fall betraf einen jungen Offizier, den der treffliche Dermato-
ge und Strahlenforscher Frank Schultz, ein Schüler E. Lessers und
adassohns, an Gonorrhöe behandelte. Ich traf Frank Schultz mit
:inem Kranken auf der Treppe der Berliner Universitätspoliklinik, und das
:stürzte Gesicht seines Kranken veranlasste mich zu der Frage, ob es sich
n einen besonders schlimmen Fall handelte. Darauf erklärte mir Schultz,
.iss der Kranke von ihm in der Privatpraxis an Gonorrhöe behandelt würde
:id nun plötzlich, ohne dass er sich die neue Ansteckung erklären könne,
nen syphilitischen Primäraffekt bekommen habe. Darauf fragte ich
c h u 1 1 z, ob Spirochäten nachgewiesen seien, und als er dies verneinte,
Jt ich ihn, den Kranken doch einmal ansehen zu dürfen, da ein Primäraffekt
jch durch gonorrhoische Lymphangitis vorgetäuscht werden könne. Wir'k-
oh fand sich nun eine auffallend starke Lymphangitis dorsalis penis, die
ch oben am Sulcus coronarius in zwei kurze harte Stränge gabelte, die
iit der Vorhaut verlötet waren, so dass beim Zurückziehen derselben
ne grubig vertiefte Härte mit darüber gelegener balanitischer Erosion zum
orschein kam.
Durch diese ovaläre, ein wenig tief gelegene Härte, die Verlötung
iit der Vorhaut und die Lokalisation einer balanitischen Erosion ge-
lde in ihrem Bereich war ein so erfahrener und sorgfältiger Diagno-
:iker wie Frank Schultz vollständig getäuscht worden, so dass
r, ohne den Nachweis der Spir. pall. zu versuchen, die spezifische
ur beginnen wollte. Es war das zu jener Zeit, als auch G. Arndt
ocli auf die morphologische Diagnose z. B. eines Herpes progenitalis
lehr Wert legte als auf den Spirochätenbefund und es mir erst all-
lählich gelang, ihn sowohl wie Frank Schultz von dem über-
tgenden Wert einer genauen Spirochätenuntersuchung für die Dia-
nose der primären Syphilis zu überzeugen.
Als nun sorgfältig auf Spir. pall. untersucht war, die starke
nd mehr entzündliche Schwellung des dorsalen Lymphstranges und
ie geringe, nicht besonders harte Schwellung der Lymphdrüsen von
iir festgestellt worden waren, liess sich Frank Schultz davon
berzeugen, dass wohl eine Täuschung vorliege, und verzichtete auf
ie antisyphilitische Behandlung. Der weitere Verlauf bestätigte dann
uch, dass eine syphilitische Infektion nicht hinzugekommen war.
Aehnliche Fälle habe ich an dem grossen Berliner Material
nd später auch in Halle und Bonn mehrfach beobachten können
nd fast immer wieder erlebt, das selbst gute Diagnostiker sich zu-
ächst täuschen Messen. Nur ein Fall aus der letzten Zeit möge noch
rwähnt werden, in dem wiederum ein vortrefflicher Arzt mit vollster
Kstimmtheit auf Grund einer solchen gonorrhoischen Lymphangitis
Nr. 37.
eine primäre Syphilis annahm und sehr erstaunt war, als ich ihn über
die Täuschung aufklärte.
Der Kranke, ein junger Gutsbesitzer, der von einem praktischen Arzt
seit einigen Monaten an Gonorrhöe behandelt worden war. hatte in letzter
Zeit von diesem ungemein starke Lösungen (Albargin 1,5/200 und Kali. perm.
2,0/200 ccm) zum Spritzen erhalten. Hierdurch war nicht nur eine Schwel¬
lung und Schmerzhaftigkeit am Penis, sondern auch ein derber Knoten in
der Kranzfurche entstanden, der den Kranken ängstlich machte und ihn ver¬
anlasste, einen sehr erfahrenen Bonner Kollegen aufzusuchen. Dieser hielt
trotz Fehlens erneuter Ansteckungsmöglichkeit eine primäre Syphilis für
vorliegend und überwies mir den Kranken. Auch hier bestand eine starke
Lymphangitis dorsalis penis von der Dicke eines dünnen Blei¬
stiftes und endete, nach dem Sulcus sich gabelnd, in einen länglichen derben
Knoten von grosser Härte, der mit der darüberliegendcn, etwas geröteten
und erodierten Vorhaut fest verwachsen war und beim Zurückziehen eine
grubenförmige Vertiefung bildete. Die Lymphdrüsen waren beiderseits ge¬
schwollen, schmerzlos, aber weniger -hart als bei Syphilis. Am Lymphstrang
fehlte auch die plastische Induration und die kleinen an den Klappen lokali¬
sierten knotigen Anschwellungen. Die Gonorrhöe war noch ausserordentlich
stark sezernierend und erstreckte sich auf die Urethra ant. und post.. Gono¬
kokken waren noch sehr zahlreich vorhanden.
Auch in diesem Fall konnte ich die Diagnose schon nach
dem klinischen Befund richtig stellen. Die sorgfältige
Untersuchung auf Spir. pall., auch mittels Drüsenpunktion, er¬
gab ein vollständig negatives Resultat, ebenso waren die serologi¬
schen Reaktionen negativ. Nach Spülungen und Einspritzungen mit
schwächeren Lösungen liess die Schwellung bald nach, und der derbe
Knoten im Sulkus bildete sich schnell zurück.
Derartige Beobachtungen sind natürlich nicht unbekannt. So
findet sich in dem R i e c k e sehen Lehrbuch zwar nicht bei der Go¬
norrhöe diese Täuschungsmöglichkeit erwähnt, wohl aber in Busch-
kes Abhandlung über Syphilis, wo es heisst: „Durch entzündliche
Schwellung von kleinen Lymphdrüsen und zirkulären Lymphgefässen
im Sulcus retroglandularis bei Gonorrhöe und Balanitis usw. ent¬
stehen häufig Verwechselungen mit Primäraffekt. Hierzu ist zu be¬
merken, dass der Primäraffekt kutan sitzt, während die erwähnten
Affektionen subkutan liegen, so dass über ihnen die Haut faltbar ist
im Gegensatz zum Primäraffekt.“ Aber in dem sonst so voll¬
ständigen Lesser sehen Lehrbuch, sowie in dem neuen von Stein
findet sich diese Fehldiagnose nicht erwähnt. Etwas eingehender
schildert Havas in der ziemlich unbeachtet gebMebenen Less er¬
sehen Enzyklopädie der Haut- und Geschlechtskrankheiten diese
Affektion, doch auch hier vermisse ich Wesentliches. Ich selbst habe
in meinem Leitfaden über Behandlung der Haut- und Geschlechts¬
krankheiten (4. Aufl. S. 133) bei der gonorrhoischen Lymphangitis
dem Charakter des Leitfadens entsprechend ganz kurz gesagt:
„Derbe entzündliche Schwellung des dorsalen Lymphstranges, mit¬
unter mit einer eine syphilitische Sklerose vortäu¬
schenden Härte im Sulkus.“ Auch in Schwalbes Werk über
diagnostische und therapeutische Irrtümer und deren Verhütung ist in
dem von Riecke bearbeiteten Heft über venerische Krankheiten
(S. 27) dieser gonorrhoische Pseudoprimäraffekt, wie
ich ihn nennen möchte, nicht mit genügender Schärfe geschildert,
wenn auch auf die Täuschungsmöglichkeit eben liingewiesen wird.
Deshalb halte ich es für wünschenswert, eine so wichtige
Fehldiagnose dem Arzte unter Prägung einer
eigenen Bezeichnung eindringlicher zur Kenntnis zu
bringen. Denn es ist ein schwerer und ungemein bedauer¬
licher Fehler, wenn auf Grund dieser an sich harmlosen Kom¬
plikation ein Gonorrhoiker zum Syphilitiker gestern-
p e 1 1 und sofort antisyphilitisch behandelt wird. Geschieht das
nämlich, so ist es selbst für den erfahrensten Diagnostiker nach¬
träglich fast unmöglich, ihn von diesem Fluch wieder zu befreien.
Wer sich aber diese Irrtumsmöglichkeit auch nur einmal klarge¬
macht hat und grundsätzlich ohne positiven Spir. pall. -Befund
eine Kur nicht einleitet, kann einen solchen Fehler nicht begehen.
Diese gonorrhoische Lymphangitis penis wird nicht ganz selten,
wie es auch in Fall 2 beschrieben wurde, durch zu starke und
unzweckmässige Spülungen oder Injektionen pro¬
voziert, zuweilen durch ein zu enges, den Penis abklemmendes
Suspensorium befördert und manchmal auch durch ein vom
Kranken nicht gut vertragenes Antigonorrhoikum hervorgerufen; mit¬
unter tritt sie auch spontan auf, ohne dass sich eine besondere Ur¬
sache nachweisen lässt. Das Täuschung'sbild eines gonor¬
rhoischen Pseudoprimäraffektes entsteht eigentlich
aber nur dann, wenn an den zirkulär in der Kranzfurche verlaufenden
2
Ilü8
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 37
Wurzeln des dorsalen Lympli Stranges, zumal an seiner
gabelförmigen Teilungsstelle ein harter Knoten
sich ausbildet und nun eine Verlötung mit der darüber ge¬
legenen Vorhaut neben Röte und Erosion an dieser beim
Zurückziehen der Vorhaut sich grubenförmig einziehen¬
den Stelle hinzutritt. Ist, wie Buschke, H a v a s u. a.
es schildern, nur ein verschieblicher harter Strang zu fühlen, so ist
die Differentialdiagnose für den aufmerksamen Untersucher eigent¬
lich kaum zu verfehlen ; tritt aber Verlötung und Erodierung
nebst mehr oder weniger derbem entzündlichen 0 e d e m hinzu, so
ist die Täuschung durch dieses eigenartige klinische Bild auch für
den Geübteren wohl möglich. Aber auch in diesem Ealle ei gibt
schon die sorgfältige klinische Untersuchung einige
wichtige Unterscheidungsmermale, die zur vorsich¬
tigen Beurteilung veranlassen müssen. So ist das Oedem mehr
akut entzündlich und eher etwas schmerzhaft, als es bei Lues I
zu sein pflegt; der dorsale Lymphstrang ist dicker, weniger plastisch
induriert und entbehrt der kleinen derben knotigen Schwellungen, die
die syphilitische Erkrankung oft aufweist; auch die Lcistendrüsen-
schwellung ist weniger hart und nicht so charakteristisch. Endlich
ergibt die genaue Palpation den tieferen Sitz und mehr
strangförmigen Charakter des harten Knotens und
die Erosion ist nicht so scharf begrenzt und kreisförmig, falls sie
überhaupt in einer sich mit dem Knoten deckenden Form vor¬
handen ist.
Unerlässlich ist aber heutzutage in jedem solchen
Falle- die genaueste Untersuchung auf Spir pall.,
nicht nur an der Erosion (Reiz- oder Schabeserum!), sondern auch
mittels Punktion des Knotens und der Drüsen. Hierbei
ist natürlich meine Regel, dass zur Diagnose nur reine,
lediglich den Typ Pallida enthaltende Präparate
benutzt werden dürfen, streng zu beachten, da in auch gröbere
Formen enthaltenden Mischpräparaten feine Balanitisspirochäten
selbst geübte Untersucher täuschen können. Die W a R. kommt
erst in zweiter Linie in Betracht und hat für den örtlichen
Befund keine ausschlaggebende Bedeutung; denn ein latenter Syphi¬
litiker mit positiver WaR. kann bei bestehender Gonorrhöe auch ein¬
mal einen gonorrhoischen Pseudoprimäraffekt bekommen, und ander¬
seits wird im frühen primären Stadium der Lues die Reaktion nega¬
tiv ausfallen (Lues I seronegativa).
Schliesslich sei noch ein Wort über das Hinzutreten einer
primären Syphilis zu einer bestehenden frischen
Gonorrhöe gesagt. Oft habe ich es erlebt, dass zwar bei Ulcus
molle, langdauerndem Herpes und Balanitis auf die etwaige Kompli¬
kation mit Lues sorgfältig geachtet wird, was ja auch der in den
Lehrbüchern vielfach ausgesprochenen Mahnung entspricht, dass da¬
gegen bei der so viel häufigeren Gonorrhöe diese Wach¬
samkeit weniger geübt und auch in den Lehrbüchern nicht immer
genügend betont wird. Und doch ist die gleichzeitige (oder
konsekutive) Infektion mit der nach etwa 3 Tagen auftretenden
Gonorrhöe und der erst nach etwa 3 Wochen beginnenden Lues
durchaus nicht selten, und die schleichende be¬
schwerdelose und unauffällige Ausbildung eines
'Primäraffektes nicht nur im S u 1 k u s oder sonst an Prä¬
putium und Penishaut, sondern auch im M e a t u s oder vor¬
dersten Abschnitt der Urethra ist Tei Gonorrhöe um die 3. Woche
oder später stets möglich und darf nicht übersehen werden, damit die
Frühheilung nicht in Frage gestellt wird. Wichtig ist daher die
Vorschrift, bei der Behandlung einer akuten Gonor¬
rhöe stets auf jede Erosion oder Härte und vor allem
auch auf die geringste derbe Drüsenschwellung recht¬
zeitig zu achten. Nicht ganz selten leitet sich die Komplikation mit
Lues durch einen anscheinend harmlosen Herpes progenitalis
ein, der aber bei Sekretabnahme mit Oese oder Spatel schon eine
leichte Pergamenthärte eben erkennen lässt und bei sorgsamer Ent¬
nahme typische Pallidae zeigt (mein „Herpes promonito-
r i u s“, dessen histologisches Bild schon recht charakteristisch sein
kann).
So komme ich am Schluss zu der durch meine langjährigen
Erfahrungen berechtigten Mahnung, bei jeder Gonor¬
rhöe auf die Möglichkeit des Hinzutretens einer
primären Lues bei Mann und Frau zu achten und diese
durch sorgsame klinische Ueberwachung (Erosion, Herpes,
geringe Härte, derbe Drüsen) und eingehendste Spirochäten¬
prüfung (Reiz-, Quetsch- oder Schabeserum, auch aus Urethra
und Zervix, Drüsenpunktion) rechtzeitig festzustellen, ehe noch die
WaR. positiv wird, damit die günstigste Frühheilungs¬
chance nicht versäumt wird. Anderseits aber darf das Auftreten
einer harmlosen knotigen Lymphangitis gonorrhoica,
besonders eines harten Knotens an der Gabelungsstelle im Sulcus
coronarius, nicht dazu verführen, eine Komplikation
mit syphilitischem Schanker anzunehmen. Die Fehl¬
diagnose eines solchen gonorrhoischen Pseudopri¬
märaffektes liegt dann besonders nahe, wenn der derbe
Knoten mit der Vorhaut verlötet und von einer bala-
nitischen Erosion überdeckt wird. Auch hier schützt g e -
naue klinische Untersuchung (mehr längliche, tief gelegene
Härte, entzündliches Oedem, dickerer, nicht plastisch indurierter und
perlschnurartig beschaffener, zuweilen von geröteter Haut überzoge¬
ner Lymphstrang) im Verein mit dem Ergebnis sorgfältige
Spirochätenprüfung vor einer Verwechselung, die frühi|
verständlich war, seit Ausbau der Spirochätendiagnose aber unen
schuldbar ist und im Interesse des Kranken durchaus vermiede
werden muss. Dass die Methode der Konfrontation (klinisch
parasitologische und serologische Untersuchung der Infektionsquelh ■
für die Beurteilung von besonderem Wert werden kann, sei nebei
bei erwähnt; wo sie möglich ist, sollte sie nicht versäumt werden.
Aus der medizinischen Poliklinik der Universität HamburJ
Die Bedeutung des autonomen Nervensystems für di
Klinik der septischen Erkankungen.*)
Von Piivatdozent Dr. Ernst Friedrich Müller,
Hamburg-Eppendorf.
Das Problem der Sepsis und die Frage nach dem Wesen di
septischen Erkrankungen dürfen letzten Endes noch nicht als gelö
betrachtet werden, weil es gelungen ist, das Bild der Sepsis als klart,
und eindeutigen Krankheitsbegriff von anderen Krankheitsbildei
abzugrenzen. — Die Arbeiten von Lenhartz und seinen Schülei
haben auf Grund eingehender bakteriologischer Untersuchungen a
Krankenbett und exaktester klinischer Beobachtung und Durcharbe
tung eines enormen Materials zu dem modernen Begriff der Seps
geführt, den Schottmüller in seinem Referat auf dem Deutsche
Kongress für innere Medizin im Jahre 1914 folgendermassen definie
hat : „Eine Sepsis liegt dann vor, wenn sich inner
halb des Körpers ein Herd gebildet hat, von demau
konstant oder periodisch pathogene Bakterie
in den Blutkreislauf gelangen, derart, dass durc
diese Invasion subjektiv und objektiv Krankheit
erscheinungen ausgelöst werde n.“
Mit dieser Definition war ein eindeutiger Begriff geschaffen, dt
den Zusammenhang zwischen Sepsisherd, Bakteriämie und Met;;
stasenbildung aufdeckte und gegenüber allen andersartigen Erkl
rungen ein klares Bild von der Art der Erregerwirkung auf den G'
Samtorganismus und die einzelnen Organe entwarf und damit de
vielgestaltigen Bilde der Sepsis einen einheitlichen Charakter gab.
Der gesamte Krankheitsvorgang der Sepsis ist jedoch damit noe
nicht endgültig erklärt. Schüttelfrost, Fieber, Leukozytose und Leukiii
penie, die wachsende oder abnehmende Bakterizidie des strömende
Blutes und die Eiteransammlung um die metastatisch verschleppte
Bakterienemboli stellen klinische Manifestationen von Vorgängtj
dar, die sich in ihrem Wesen, ihren Ursachen und in ihrer Bedeutui
sowie in ihren Zusammenhängen untereinander noch völlig unser'
Beurteilung entziehen.
Hier die noch ungeklärten Begriffe einem Verständnis nähe
zubringen, musste das Ziel der weiteren Forschung darstellen. Di
Weg, der dabei zu gehen war, wird bereits mit der alten V i r c h o \
sehen Definition der Krankheit „als Leben unter veränderten Bedii
gungen“ gegeben, die auch heute noch für unsere Anschauung vc
den septischen Erkrankungen die Grundlage bildet. Wir dürfen uit
daher nicht damit begnügen, nur Wesen" und Art der veränderten L
bensbedingungen zu ergründen, sondern wir werden, um dem Gesam
Problem Rechnung zu tragen, versuchen müssen, zu erkennen, welclt
und inwieweit veränderte Lebensvorgänge im Organismus z
stände kommen und wie dieser sich in seinen einzelnen Organen uit
in seiner Gesamtheit funktionell diesen charakteristisch veränderte!
Lebensbedingungen anpasst.
Wir wissen, dass der Organismus imstande ist, den eindringendi
Krankheitserregern eine Anzahl von Kampfmitteln gegenüberzustellci
deren tatsächlich erfolgreiche Wirksamkeit an den geheilten Fällt
von septischen Erkrankungen ausser Frage steht. — Wieweit Fieb
und Schüttelfrost in diesem Sinne zu verwerten sind, wird solang
dahingestellt bleiben müssen, als wir die anatomischen' und funktionella
Grundlagen dieser klinisch sicherlich hochbedeutsamen Sympton
noch nicht zu erkennen vermögen. Einfacher scheinen die Verhüt
nisse bei der Leukozytose zu liegen, deren ebenfalls bedeutungsvot
Rolle für die Klinik der septischen Erkrankungen ausser Frage steh
Hier handelt es sich, wie wir seit den grundlegenden Untersuchung!!
Naegelis, Arneths und anderer wissen, um den Ausdruck ein-
hochgradigen biologischen Aenderung der Knochenmarksfunktio
die durch die doppelte Möglichkeit anatomischer und klinischer U
tersuchungen eher einen Einblick in ihren Mechanismus gestattffi
Es ist zweifellos, dass die Neubildung myeloischer Zellmar
abschnitte im Fettmark der Röhrenknochen, das vermehrte Auftretu
voll ausgebildeter Leukozyten im strömenden Blute und deren A
Sammlung in den infizierten Gewebsabschnitten, sowohl a
Sepsisherd, wie an den Metastasen, einen Abwehrvorgang da
stellen, der auch dann nicht anders beurteilt werden darf, wenn d
Unschädlichmachung der Krankheitserreger, und damit die endgülti
Heilung der Sepsis, nicht gelingt.
Diese Tatsache für die Therapie auszunutzen, war seit lang
Zeit das Streben der verschiedenartigsten, allerdings fast stets re
*) Vortrag, gehalten auf dem 35. D. Kongr. f. inn. M., Wien, April llje
14. September 1923.
MÜNCHEN!3 R MEDIZINISCHE WÖCHENSCHRIF 1 .
1169
empirisch vergehenden Versuche. Und wenn es auch bisher nur selten
gelungen ist, mit derartigen Versuchen, die bis auf den Haarseil¬
abszess zurückgehen, einen therapeutischen Erfolg zu erzielen, so
war es doch durch das genaue Studium der klinischen Symptome bei
diesen, fast wie ein Experiment am Menschen anzusehenden, thera¬
peutischen Eingriffen möglich, ganz neue Einblicke in das Problem
der Knochenmarksleistung bei den septischen Erkrankungen zu ge¬
winnen und damit die hohe Bedeutung eines weiteren Organsystems
für die Klinik der septischen Erkrankungen aufzudecken.
Mitteilungen über den Beginn und die Art der dazu notwendigen
Untersuchungen würden im Rahmen dieser Ausführungen zu weit
führen. Es soll deshalb hier- nur auf eine wesentlich erscheinende
Erage eingegangen werden, und zwar auf die frage nach der Aus¬
lösung der Leukozytose einerseits und dann auf die Frage nach der
Leitung der neugebildeten Leukozyten zum Krankheitsherd, für die
Ergebnisse von Wichtigkeit sind, die sich aus dem Studium über die
Wirkung parenteral zugeführter Stoffe beim Gesunden und Kranken
ergeben.
Nach der subkutanen und intramuskulären Injektion der ver¬
schiedenartigsten Stoffe pflanzlicher oder tierischer Herkunft, ebenso
wie lebender Krankheitserreger, kommt es in dem Gewebe ihrer
unmittelbaren Umgebung zur Entstehung von Impulsen auf den para¬
sympathischen Anteil des autonomen Nervensystems, die sich zuerst
in einer aktiven Erweiterung der in unmittelbarer Umgebung liegen¬
den Gefässe erkennen lassen. Klinische, anatomische und kapillar¬
mikroskopische Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass diese
aktive Gefässerweiterung solange bestehen bleibt, als Teile des In¬
jektionsstoffes noch unresorbiert an der Einspritzungsstelle vorhan¬
den sind, d. h. bei reizlosen Eiweissstoffen (z. B. A o 1 a n, physiolo¬
gische Kochsalzlösung usw.) wenige Minuten bis zu einer halben
Stunde, bei lebenden Erregern bis zu mehreren Tagen, Wochen und
Monaten.
Diese Impulse auf den parasympathischen Anteil des autonomen
Nervensystems sind nicht örtlich begrenzt. Es ist vielmehr nach
unseren bisher vorliegenden Untersuchungsergebnissen über diesen
Gegenstand anzunehmen, dass sie fast im gleichen Augenblick einen
grossen Teil des parasympathischen Systems durcheilen. Denn es
lässt sich, wie ich bereits früher zeigen konnte, eine unmittelbar
darauf einsetzende Erweiterung der im Splanchnikusgebiet hegenden
Gefässe nachweisen, deren Dilatation an einem sofort einsetzenden
Leukozytensturz der peripherischen Gefässe erkennbar ist. Diese
Erweiterung wird sehr bald durch die Wirkung der Antagonisten aus¬
geglichen, im Gegensatz zu dem unveränderten Bestehenbleiben des
parasympathischen Uebergewichts in der Umgebung des Fremd¬
stoffherdes, obwohl dieser an sich nicht etwa — ähnlich dem Pilo¬
karpin — imstande ist, pharmakologisch auf die parasympathischen
Fasern zu wirken.
Auf die Wichtigkeit und die Bedeutung dieses Bestehenbleibens
eines aktiven parasympathischen Uebergewichtes in der Umgebung
des Fremdstoffherdes wird später noch zurückzukommen sein.
Eine weitere wichtige Einwirkung der auf parasympathischen
Bahnen weitergehenden Impulse zeigt sich an den Gefässen des
Knochenmarks. Am Zellmark der Wirbelknochen sind eindeutige
Befunde nicht zu erheben, die eine Erklärung für die Art der Reiz¬
übertragung bilden können. Günstiger liegen dagegen die Verhält¬
nisse am Fettmark der Röhrenknochen. Hier kommt es zuerst zu
tüner Erweiterung der Gefässe mit starker Blutfüllung, an die sich
dann eine Vaskularisation und das erste Auftreten myeloischer Ele¬
mente in vorher reinem Fettmark anschliesst. Dass diese Einwirkung
als selbständig vom Organismus geleistete Vorgänge auf Tonus¬
änderungen der gefässregulierenden Nerven zurückgeht, steht
zweifellos fest. Auch hier steht die Vasodilatation, also die Wirkung
von Impulsen über das parasympathische System, im Vordergrund,
und die Annahme ist daher durchaus berechtigt, dass diese, ähnlich
wie die Fernwirkung auf die Gefässe im Splanchnikusgebiet, unmittel¬
bar von der Umgebung des Infektionsherdes ausgesandt werden.
Die nun einsetzende, stark gesteigerte Zellneubildung im myeloi¬
schen System kann auf sämtliche umbildungsfähigen Markabschnitte
übergreifen. Sie führt bei ungestörtem Ablauf zu einer absoluten
Vermehrung normal ausgebildeter und voll entwickelter myeloischer
Zellen, die sich klinisch als echte Leukozytose darstellt. Ihre wich¬
tigen, durch Störungen innerhalb des Knochenmarkes zustande kom¬
menden Abweichungen qualitativer und quantitativer Art über¬
schreiten den Rahmen dieser Ausführungen, so dass auf ein näheres
Eingehen verzichtet werden muss. Festgestellt sei hier
nur die grundsätzliche Bedeutung der parasym¬
pathisch bedingten Erweiterung der Knochen-
niarksgefässe, die als Beginn und Anlass der K no¬
ch enmarksmetaplasie feststeht und aktiv auf den
Fremdstoffreiz hin zustande kommt.
Von grundlegender Wichtigkeit ist weiterhin die Frage
nach der Leitung dieser neugebildeten Zellen zum Infektions¬
herd, die besonders auffällig wird, sobald diese in grösserer
Anzahl im strömenden Blute auftreten. Auch hier spielt
das vegetative Nervensystem — und zwar wiederum dessen para¬
sympathischer Anteil — eine entscheidende Rolle. — Untersuchungen,
die ebenfalls in ihren Einzelheiten hier zu weit führen würden, haben
ergeben, dass bei aktiver Erweiterung oder sonstiger Aende-
rung in dem normalen Zustand der Gefässwand sofort eine grosse
Anzahl von weissen Blutkörperchen aus dem Blutstrom ausscheiden.
Unter diesen überwiegen im Experiment die vollausgebildetcn
myeloischen Leukozyten, während nicht nur die lymphatischen Zellen,
sondern auch die Eosinophilen, Monozyten, selbst die Stabkernigen,
für gewöhnlich auf diesen, von der veränderten Gefässwand aus¬
gehenden Reiz nicht reagieren, sondern weiter im Blutstrom ver¬
bleiben.
Die Kenntnis dieser, an sehr zahlreichen Fällen in auffallender
Uebereinstimmung nachweisbaren Reflexwirkung des parasympathi¬
schen Systems auf die myeloischen Zellen des strömenden Blutes gibt
die eindeutige Erklärung für die wunderbare, an sich so selbstver¬
ständlich erscheinende Wanderung der Leukozyten vom Knochen¬
mark mit dem strömenden Blut zum Infektionsherd. Damit tritt die
Bedeutung des parasympathischen Systems auch hier in den Vorder¬
grund. Die Erkenntnis, dass auch die in der Blutbahn befindlichen
Leukozyten einem ausserhalb der Gefässe liegenden Organsystem
unterstellt sind, lässt nicht nur den Vorgang der Leukozytenwande¬
rung in einem ganz anderen Lichte erscheinen, sondern wirft eine
ganze Reihe weiterer Probleme und Fragen auf, die ebenfalls über
den Rahmen dieser zusammenfassenden Darstellungen hinausgehen
würden.
Wir erkennen damit die Ursache für die Anreicherung der Leuko¬
zyten in den aktiv erweiterten Gefässen des Infektionsherdes in
einer parasympathisch bedingten Reflexwirkung, während ihre Durch¬
wanderurig der Gefässwand und das Eindringen in das bedrohte Ge¬
webe, die höchstwahrscheinlich auf eigentliche Zellenergien zurück¬
zuführen sind, noch einer weiteren Erklärung bedürfen. Damit ist
eine Kreisbahn geschlossen, die es dem Organismus mit Hilfe des
Knochenmarks und des autonomen Systems ermöglicht, den be¬
drohten Herd zu schützen. Was wir sahen, ist ein komplizierter und
trotzdem in der Einfachheit seiner Anlage um so bewunderungs¬
würdiger Vorgang, dessen innere Zusammenhänge ausser Frage
stehen. Er stellt in seiner Gesamtheit eine in sich untrennbare Ein¬
heit dar, die in der ihr eigenen Gesetzmässigkeit weder dem Be¬
wusstein des Trägers, noch seinem Willen unterworfen ist. Ich
glaube deshalb berechtigt zu sein, eine autonome Reizleitungsbahn
anzunehmen, die ohne Beteiligung des Zentralnervensystems auto¬
matisch in der Umgebung des Fremdstoffherdes entstandene Impulse
auf parasympathischen Bahnen dem Erfolgsorgan zuführt.
Wenn auch die Möglichkeit besteht, durch Blockade oder Unter¬
brechung an verschiedenen Stellen hemmend in den beschriebenen
Vorgang einzugreifen 1), so geht aus weiteren experimentellen Er¬
fahrungen hervor, dass es möglich ist, diesen als Selbsthilfe auf¬
zufassenden Vorgang quantitativ willkürlich zu beeinflussen.
Diese neuen Einblicke in die Bedeutung des autonomen Nerven¬
systems für die Entstehung der echten Leukozytose auf Grund aktiver
Knochenmarksmehrleistung sind für die klinische Beurteilung der sep¬
tischen Erkrankungen und ihrer Symptome in mehrfacher Hinsicht
von Bedeutung. Sie erklären uns verschiedene, in ihren Zusammen¬
hängen bisher noch unbekannte Erscheinungen, in erster Linie den
wichtigen Unterschied der örtlichen Leukozytenanhäufung und Eite¬
rung ohne Blutleukozytose auf Grund geringer, nur örtlich wirk¬
samer Reize, z. B. bei chronischen Schleimhautentzündungen
(Zystitis, Urethritis), im Gegensatz zu den starken Reizen bei akut
ins Gewebe eindringenden Krankheitserregern, wie wir es bei
Phlegmonen und Abszessen zu sehen bekommen. Auch
hier müssen wir auf eine Wiedergabe der einzelnen Versuchsanord¬
nungen verzichten2), da es nur darauf ankommt, die Bedeutung des
autonomen Nervensystems auch innerhalb dieser Vorgänge zu
betonen. Es genügt daher der Hinweis, dass auf Grund der ver¬
schiedenartigen Beziehungen der einzelnen Organe zum autonomen
Nervensystem ganz enorme Unterschiede zutage treten, je nachdem
in welchen Organen die künstliche Einspritzung oder die echte In¬
fektion stattfindet. So übt die Haut auffallend starke Reize auf das
autonome System bereits bei kleinen Dosen aus, die in der Mus¬
kulatur und in der Subkutis erst bei grösseren Erregermengen zu¬
stande kommen. Besonders wichtig ist der Befund, dass auch intra¬
venöse Injektionen mässig grosser Fremdstoffmengen ohne besondere
Einwirkungen auf das autonome System bleiben können. Und es
erscheint daher die Annahme berechtigt, dass die Impulse auf das
autonome Nervensystem gering sind, wenn Erreger und Fremdstoffe
innerhalb der Gefässe vorhanden sind, dagegen wesentlich stärker
werden, wenn eine Einwanderung der Erreger oder eine parenterale
Fremdstoffzufuhr unmittelbar ins Gewebe stattfindet. Diesen Erfah¬
rungen entsprechen eine Anzahl der bekannten Beobachtungen an den
septischen Erkrankungen.
Wir kennen die häufig niedrigen Leukozytenzahlen bei septischen
Endokarditiden sowie bei der isolierten Endophlebitis oder
Thrombophlebitis, wie wir sie z. B. bei den puerperalen Erkrankungen
zu sehen bekommen. Obwohl dauernd oder periodisch infolge der
anatomischen Lage des Sepsisherdes verhältnismässig grosse Men¬
gen von Krankheitserregern in die Blutbahn eingeschwemrnt werden,
kommt es sehr häufig nicht zu den hohen Leukozytenzahlen der
Pneumonien oder der metastasierenden Sepsisformen, obwohl die
Sektion keine Veränderungen des Knochenmarks gegenüber den mit
hohen Leukozytenwerten einhergehenden Formen ergibt.
T M.m.W. 1922 S. 1753. Med. Kl. 1923 S. 569.
2) Erscheint ausführlich in den Erg. d. inn. Med. u. Kinderheilk.
1170
Wir wissen weiterhin, dass bei dem Auftreten von Metastasen,
d.h. dem Eindringen der embolisch verschleppten Erreger, meist un¬
mittelbar anschliessend die Leukozytenzahlen in die Höhe zu schnel¬
len pflegen, Vorgänge, die z. B. denen bei interkurrenten Pneumonien
im Verlauf eines Typhus abdominalis entsprechen würden. Diese ur¬
sächlich bisher nicht geklärten Tatsachen lassen sich mit den neuen
Ergebnissen über die Bedeutung des autonomen Nervensystems jetzt
ohne Schwierigkeiten erklären. Der fehlende Reiz auf das autonome
System von der Blutbahn aus, der starke Reiz infolge der Erreger¬
verschleppung in die Gewebe, bringt nun die Erklärung für die in
diesen Fällen nicht etwa durch Lähmung oder Steigerung der Kno¬
chenmarksfunktion erklärbaren Unterschiede in den klinischen Befun¬
den der Leukozytenzahlen. An dieser Annahme möchten wir auch
dann festhalten, wenn einzelne Fälle nicht ganz den oben vertretenen
Anschauungen zu entsprechen scheinen. Bei den zahlreichen und
verschiedenartigen Komplikationen des septischen Krankheitsbildes
lassen sich eben nur die Fälle verwerten, die wirklich unter den be¬
schriebenen Voraussetzungen zur Untersuchung kommen.
Wenn man sich auch bewusst sein muss, das die neuen Befunde
über die Mitwirkung und Bedeutung des autonomen Nervensystems
für das Zustandekommen bestimmter Symptome innerhalb der sep¬
tischen Krankheitsbilder nicht imstande sind, nun alle offenen Fragen
des Sepsisproblems zu lösen, so können sie doch durch die damit
zweifellos erreichte Erweiterung unserer Kenntnisse über den Vor¬
gang der Sepsis neuen Untersuchungen zur Pathologie und Therapie
der septischen Erkrankungen von Nutzen sein.
Sie zeigen zusammengefasst, dass für das Zustandekommen der
echten Leukozytose über das vegetative Nervensystem verlaufende
Reize auf die Blutbildungsstätten notwendig sind, die automatisch im
Organismus in der Umgebung des Fremdstoffherdes entstehen. Sie
zeigen weiter, dass ebenfalls über das autonome Nervensystem
und zwar dessen parasympathischen Anteil — verlaufende Impulse,
die zur Erweiterung der üefässe im Entzündungsgebiet führen, auch
die Anreicherung der Leukozyten in diesem Gebiet veranlassen.
Damit ist für die von vielen Autoren als Ursache der örtlichen
Leukozytenanhäufung am Entzündungsherd mit Recht abgelehnte
Chemotaxis eine aktive und unter besonderer Mitwirkung des vege¬
tativen Nervensystems zustande kommende örtliche Leukozyten¬
anhäufung als echte Körpcrleistung einzusetzen, deren Zustande¬
kommen nicht der Erreger, sondern der Organismus auf dem Wege
des autonomen Nervensystems veranlasst.
Ueber die Behandlung des Klumpfusses, insbesondere
über die transversale Keilosteostomie des Kalkaneus bei
schweren und rezidivierenden Klumpfüssen und defor¬
mierten Plattfüssen.
Von Dr. Georg Hohmann, Privatdozent für orthopädische
Chirurgie in München.
Wir sehen eine ganze Anzahl von Rezidiven schwerer Klumpfiisse
in unseren Sprechstunden auftauchen, die alle das eine gemeinsam
haben, dass die Ferse in einer mehr weniger starken Supination steht.
Zum Teil sind das solche Füsse, die in der Kindheit nur ungenügend
redressiert worden sind oder bei denen die Ienotomie der Achilles¬
sehne vor dem ausgiebigen Redressement gemacht wurde, so dass
dann die übrigen Komponenten des Fusses nicht entsprechend mehr
korrigiert werden konnten, nachdem die Fixierung des hinteren Fuss-
abschnittes durch die Achillessehne fortgefallen war. Ausserdem
gibt es schwere Klumpfüsse der Erwachsenen, bei denen das unblutige
Redressement auf schwere Widerstände stösst, die nicht ohne wei¬
teres vollständig überwunden werden können. Auch das Pelotten-
druckverfahren Schul tzes kann uns in solchen Fällen in Stich
lassen. Es sind das Fälle, bei denen das Fersenbein wie eingemauert
in der falschen Stellung, in der Supination steht und nicht wanken und
weichen will. Bewegungen zwischen Talus und Kalkaneus sind in
solchen veralteten Fällen oft weder aktiv, noch passiv möglich, offen¬
bar infolge Verödung bzw. schwerer Deformierung dieses Gelenkes.
Talus und Kalkaneus erscheinen oft wie ein einziger Knochen. So
kommt es, dass eine Reponierung der verschobenen Knochen nicht
zum Ziele führt, was auch Schult ze gesehen hat und darum die
Umformung dieser Knochen durch Umpressung, wie er sich aus¬
drückt, mit Hilfe der Pelottenwirkung zu erzielen sucht. Nicht immer
ist dies von Erfolg. Begnügt man sich nun mit einer Teilkorrektur,
d.h. besteht man nicht auf einer vollen Umbiegung des supinierten
Kalkaneus bis zur Pronationslage, so folgt mit ziemlicher Sicherheit
ein Rezidiv der Klumpfussstellung. Denn genau wie beim kontrakten
Knickplattfuss der Ausgangspunkt der Deformierung die Valgusstel-
lung des Fersenbeins ist und sich von da aus zwangsläufig die Ver¬
schiebung der übrigen Fusswurzelknochen und die eigentümliche
Stellung des Vorderfusses entwickeln, so trifft dies in gewissen
Grenzen auch für den Klumpfuss zu. Auch bei ihm ist der springende
Punkt die pathologische Stellung des Fersenbeins,
das aus seiner Mittellage herausgetreten ist. Wir können es an
Klumpfüssen, die wir im Entstehen beobachten, wie den paralyti¬
schen, sehen, wie nach der Lähmung der Peronei der Fuss zuerst
hinten umkippt und sich dann sekundär die Stellungsänderungen des
Nr. 37.
Vorderfusses entwickeln, der zum Hinterfuss in eine 1 ronations- und j
Plantarflexionslage gerät. Und so wie wir bei der Korrektur des l
Knickplattfusses darauf achten müssen, dass das Fersenbein aus
seiner Vnl$£usluKe dauernd licruusKornint und die ivuttelltiüe dl heilt, *
weil sich sonst von hinten her die falsche Fussstellung unerbittlich ,
wieder einstellen muss, so müssen wir auch beim Klumpfuss
verfahren.
Die Untersuchungen von Klumpfussskeletten stellen als wesent- ;
lichste Veränderungen, soweit sie die Fussknochen betreffen, die j
eigentümlichen Deformierungen des 1 alus und Kalka- (
neus fest. Der Talus zeigt eine Verkürzung seines Halses und eine
aussenkonvexe Form, so dass die Aussenseite länger als die innere ist. »I
Der Kalkaneus zeigt eine ausgesprochene Höhenentwicklung d
des Processus anterior, eine schräg nach m e d i a 1 - I
wärts abfallende obere Gelenkfläche, ein Fehlen oder i
geringeres Ausgebildetsein des an der Innenseite gelegenen Sustenta- j
culuin tali, während der an der Aussenseite befindliche I rocessus I
trochlearis stärker ausgeprägt ist. Die Längsachse des Kalkaneus ist I
so verbogen, dass an der Innenseite eine Konkav itätl
entsteht: sowohl der Processus anterior als das durch die Achilles- >
sehne in die Höhe gezogene Tuber sind medianwärts gebogen. Diese rl
Aenderungen der Gestalt des Kalkaneus haben folgende Wirkung: ;|
Die starke Hühenentwicklung des Processus anterior hemmt die
Pronation der Ferse, und der Fortfall des Sustentaculum tali des !
Kalkaneus bedeutet, dass für die Supination des Fersenbeins keine |
Hemmung mehr besteht. Ferner zeigte sich der Processus l
lateralis des Tuber calcanei wiederholt starker'
als der Processus medialis entwickelt. Infolgedessen ,
sitzt der in seinem Hals konvex verbogene Talus auf einer schräg i
nach innen abfallenden Gelenkfläche des Kalkaneus, dessen vorderer
Abschnitt und dessen Processus lateralis des hinteren Fortsatzes er-;
heblich stärker ausgebildet und zugleich nach innen gebogen sind,!
so dass wie am Talus eine aussenkonvexe Gestalt resultiert.
Die Rezidive des Klumpfusses gehen auf dem äusseren Fussrand. •
kippen leicht um, und der Vorderfuss steht etwas adduziert. Unter- i
suchen wir solche Fälle, so fällt in erster Linie die charakteristische j
Stellung des Fersenbeins auf. Es steht in einer gewissen S u p i - |
nation und kann gar nicht oder nur in geringem Grade in Mittel¬
stellung überführt werden. Die Beweglichkeit im 1 alo-calcaneal-;j
Gelenk erscheint infolge der obengeschilderten Veränderungen sehr ,
eingeschränkt oder ganz aufgehoben, so dass beide Knochen fast ein!]
einheitliches Ganze bilden. Die Stellung des Vorderfusses, durch dieij
der Ferse bedingt, ist eine adduzierte und mehr oder weniger pro- ]
liierte. Sie scheint eine supinierte zu sein, so wie die Stellung des i
Vorderfusses beim kontrakten Knickplattfuss eine pronierte zu sein j
scheint, was auf einem Beobachtungsirrtum beruht. Es fragt sich :
immer nur, von wo aus man die Deformität ansieht. Der Klumpfussll
ist gegenüber dem Unterschenkel und dessen Achse gewiss eineji
Supinationskontraktur, aber sein Vorderfuss steht zum Hin¬
terfuss in relativer Pronation. Auf diese Verhältnisse hat ,
Böhler auf dem Orthopädenkongress 1922 nachdrücklich aufmerk¬
sam gemacht. Und wie die Erkenntnis dieser Stellungsverhältnisseli
für die Korrektur des Knickplattfusses und die Art des Gipsverbandeslj
von entscheidender Bedeutung ist, so auch beim Klumpfuss vice versa. ;
Das durch die Pronation-Plantarflexionsstellung des Vorderfusses;!
übermässig hohe mediale Längsgewölbe wird durch die
noch vielfach übliche und in Lehrbüchern zu sehende Pronation s-j;
Stellung des Vorderfusses im Gips verband in sei¬
ner pathologischen Form erhalten. Der Vorderfuss:!
muss zum korrigierten, d.h. in Valgusstellung gebrachten Hinterfuss
in leichte Supination gebracht werden, erst dann ist die gegenseitige;!
Verdrehung von Vorder- und Hinterfuss ausgiebig, d. h. bis zur
Ueberkorrektur redressiert. Gelingt es nicht, die Ferse m genügende
Valgusstellung zu bringen, lässt sie sich nur bis zur Mittelstellung
redressieren und macht das untere hintere Sprunggelenk einem
starren Eindruck, so bedeutet das keine ausreichende Korrektur
Meist wird dadurch nicht ein plantigrades Auftreten des Fusses er¬
zielt. Insbesondere sind das die Fälle, in denen das Fersenbein s<a
deformiert ist, dass eine Korrektur dieses Knochens in sich selbsfi
nicht genügend gelingt. In solchen Fällen weicht nach kurzer Zeil
trotz aller Versuche, durch Schienen oder Uebungen die Stellung zv
erhalten, das Fersenbein wieder in Varusstellung ab, der Klumpfuss'
wird als „rebellisch“ gescholten.
Das sind die Fälle, denen ich nicht mit einer Wiederholung de:-
Redressements mehr beizukommen suche, sondern die ich mit einer
blutigen Operation korrigiere. Die meisten der bisher geübten Ope-1
rationsverfahren gehen davon aus, die Aussenseite des Klumpfusses
durch eine Keilosteotomie aus der Fusswurzel zu verkürzen, um da¬
durch die abnorme Konvexität zu beseitigen. Die Basis:
des Keils liegt dabei auf der Aussenseite, der Keil wird aus Kuboii
und vorderen Teil des Kalkaneus, bisweilen bis in die Cuneiformi;
oder das Naviculare hinein, genommen. Der Keil selbst steh
senkrecht. Andere Verfahren greifen den Talus an und ent
nehmen ihm einen Keil oder durchmcisseln den Hals dieses Knochens
um die konvexe Verbiegung dieses Knochens zu beseitigen. Von de
totalen Exstirpation einzelner Knochen, wie des Talus, will ich ab
sehen.
Mein Verfahren, über das ich hier berichten möchte, greift nu
den Kalkaneus an. Es will die anderen operativen Verfahren durch
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
14. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1171
aus nicht als wertlos und unnütz hinstellen, sondern will eher eine
Ergänzung zur Erzielung eines möglichst vollkommenen Resul¬
tats sein. Ehe ich es beschreibe, will ich, um Missverständnisse zu
vermeiden, meinen Standpunkt zu der Frage, ob grundsätzlich un¬
blutig oder blutig beim Klumpfuss verfahren werden soll, kurz dahin
zusammenfassen:
Bei allen Klumpfiissen, bei Erwachsenen wie bei Kindern, soll
stets zuerst das Redressement vorgenommen werden,
um die möglichst ausgiebige Korrektur zu erzielen. Bei Kindern, bei
denen die Knochen noch weicher und plastischer sind, werden wir im
allgemeinen auch damit vollkommen auskommen. Ist in einem Fall
unser Ziel, den Kalkaneus in genügende Valgusstellung zu bringen,
nicht ganz erreicht worden oder haben wir ein wiederholtes Rezidiv
vor uns, so haben wir ein Recht, die falsche Stellung des Fersenbeins
in gründlicherer Weise auf einem operativen Wege zu beseitigen.
Beim schweren Klumpfuss des Erwachsenen ist ausserdem oft noch
dazu eine Beseitigung der starken Konvexität des äusseren Fuss-
randes nötig. Alles dies aber erst, nachdem wir mit aller Energie
und mit allen verfügbaren Mitteln und genügender Technik das
Redressement des Fusses haben vorausgehen las¬
sen. Dasselbe gilt auch für den deformierten Plattfuss, wie ich
dies in meinem Buch „Fuss und Bein, ihre Erkrankungen und deren
Behandlung“ (Bergmann, 1923) ausführlich behandelt habe. Macht
man die Osteotomie ohne genügendes vorhergehendes Redressement,
so ist man meist genötigt, einen viel grösseren Knochenkeil zu ent¬
fernen und wird oft nicht die gute Fussform erreichen, die entsteht,
wenn vorher alle Weichteilhindernisse beseitigt und die verschobenen
Knochen möglichst reponiert sind.
Wenn also das Haupthindernis der dauernden Geraderichtung
des Fusses die Varusstellung der Ferse ist, so suche ich diese auf
folgende Weise zu beseitigen: Durch die Deformität ist das Fersen¬
bein in falscher Richtung gewachsen, wie ich das oben beschrieben
habe. Einmal haben wir die aussen konvexe Gestalt dieses
Knochens und zweitens die einseitige Höhenentwicklung
der lateralen Seite. Durch diese letztere vor allen Dingen
ist die dauernde Geraderichtung dieses Knochens sehr erschwert.
Der Kalkaneus stützt sich auf den vergrösserten Processus lateralis
des Tuber auf den Boden auf. Der normale Fuss stützt sich be¬
kanntlich auf den medialen Prozessus auf, der grösser als der laterale
ist (Abb. 1). Ferner ruht beim Klumpfuss der Talus auf der schräg
abfallenden Gelenkfläche des deformierten Kalkaneus auf und wird in¬
folgedessen immer einer Abweichung des Kalkaneus folgen müssen.
Man versteht nunmehr, warum eine senkrechte Keilosteotomie aus der
Abb. 1. Der normale Fuss, von hinten gesehen. Das Fersenbein ruht
auf dem Processus medialis. Der Talus liegt horizontal auf dem Kalkaneus.
Abb. 2. Klumpfuss, von hinten gesehen. Der Kalkaneus ruht auf dem
vergrösserten Processus lateralis. Der Talus ruht auf einer schrägen Gelenk¬
fläche des Kalkaneus. Die Strichelung zeigt den zu entfernenden trans¬
versalen Keil aus dem Fersenbein.
Abb. 3. Kalkaneus, von der Aussenseite gesehen. Die Strichelung zeigt
den zu entfernenden transversalen Keil, der von hinten nach vorn durch den
Processus trochlearis hindurchgeht.
Fusswurzel mit der Basis an der Aussenseite diese wichtige, ja vielfach
entscheidende Komponente des Klumpfusses nicht anzugreifen ver¬
mag. Sie trifft sie nicht. Der Kalkaneus bleibt supiniert, und wenn
er auch durch das Redressement bis zu einem gewissen Grade in
seiner Stellung zum Unterschenkel korrigiert worden ist, wird die
Tatsache der einseitigen lateralen Höhenentwicklung das Eintreten
des Rezidivs ausserordentlich, ja entscheidend begünstigen. Legt
die Ferse sich wieder um, d. h. weicht sie wieder in Varusstellung ab,
so folgt ihr der Vorderfuss in der für ihn charakteristischen, oben¬
besprochenen Weise.
Ich suche nun die laterale Höhenentwicklung des Kalkaneus zu
beseitigen bzw. auszugleichen. Ich führe eine transversale,
wagerechte Keilosteotomie aus dem Kalkaneus
mit der Basis des Keils an der Aussenseite des Kno¬
chens aus. Nach der Entfernung des Keils wird das sohlenwärtige
Stück der Ferse gegen das kopfwärtige hochgeklappt und die Kno¬
chenschnittflächen wieder zur Vereinigung gebracht. Die laterale
Höhenentwicklung ist damit ausgeglichen, und die Ferse kann nun
entweder auf dem medialen Prozessus oder auf beiden zugleich auf¬
ruhen. Der Talus ruht dann auch nicht mehr auf einer schräg ab¬
fallenden Gelenkflächc des Kalkaneus auf, sondern durch unsere
Korrektur haben wir ihm eine annähernd horrizontalc Unterlage ge¬
geben. Dieser Eingriff sieht wie ein Teileingriff aus, er greift aber an
dem Schliisselpunktc des Klumpfusses an, dem Punkte, von dem aus
die übrige Fussform orientiert wird. Es ist weiterhin verständlich,
weshalb ich oben gefordert habe, dass vor dem blutigen Eingriff
eine energische und möglichst gründliche Korrektur der ganzen De¬
formität durch das Redressement mit oder ohne Tenotomie
der Achillessehne geschehe. Erst nach diesem Redressement lässt
sich übersehen, welche Verbesserungen noch notwendig sind. Ist
das noch am meisten störende die Konvexität des Kalkaneus an der
Aussenseite, so tritt die bekannte senkrechte Keilosteotomie aus der
Fusswurzel, die sich bis in den Processus anterior des Kalkaneus
erstreckt, in ihr Recht. Sie wird nicht allzu häufig in Betracht kom¬
men, weil diese aussenkonvexe Komponente des Klumpfusses dem
Redressement am ehesten weicht. Anderseits sieht man, wie es mit
der Supinationsstellung des Kalkaneus steht, ob er durch das Re¬
dressement genügend locker geworden ist und in Pronationsstellung
gebracht werden kann, oder ob er wie eingemauert feststehen ge¬
blieben ist. Das sind die Fälle, in denen das Gelenk zwischen Talus
und Kalkaneus erheblich deformiert, verödet ist. Hier tritt der Ein¬
griff in sein Recht, den ich beschrieben habe. 1883 hat Rydygier
einen ähnlichen Gedanken ausgesprochen und einen horizontalen Keil
aus dem Processus anterior calcanei und dem Talus entfernt. Der
Gedanke ist nicht weiter verfolgt worden, auch fehlt bei ihm das
meiner Meinung nach unbedingt der Osteotomie vorauszuschickende
Redressement der Deformität. Die Osteotomie aus dem Talus halte
ich nicht für nötig, weil der Talus durch die Korrektur der Stellung
des Kalkaneus, auf dem er ruht, ganz automatisch richtig orientiert
wird.
Die Operation führe ich folgendermassen aus: Von einem leicht
bogenförmigen, etwa 7 cm langen Hautlängsschnitt an der Aussen¬
seite des Kalkaneus etwa in Höhe seiner Mitte wird zunächst die
Sehne des M. peroneus longus, die hinter dem meist stark entwickel¬
ten Processus trochlearis verläuft, um bald in der Fusssohle zu ver¬
schwinden, nach Spaltung ihres Retinakulums nach oben beiseite
gezogen. Nun wird mit einem scharfen, dünnen und breiten Meissei
(L e x e r scher Meissei) oder mit der Kreissäge aus der ganzen Länge
des Kalkaneuskörners samt Processus anterior ein wagerecht liegen¬
der Keil mit der Basis aussen gemeisselt (Abb. 2 und 3). Die Spitze
des Keils liegt innen. Man muss mit dem Meissei durch die ganze
Spongiosa hindurch bis an die Compacta der medialen Seite gehen.
Die Länge des Keils beträgt etwa 7 — 8 cm, der Schnitt durch den
Knochen beginnt hinten am Tuber und reicht nach vorn durch
den vorderen Fortsatz hindurch; er liegt ferner unmittelbar unter¬
halb des Processus trochlearis, bei sehr starker Vergrösserung des¬
selben geht er mitten durch diesen hindurch, um ihn so zu ver¬
kleinern. Seine Basis beträgt je nach der Schwere der Deformität
1/4* — 2 — 3 cm. Man muss den Keil sauber herausmeisseln, um gut auf¬
einander passende Knochenschnittf'ächen zu erhalten. Nun klappt
man das sohlenwärtige Stück nach oben, wobei die mediale Kortikalis
einknickt, und befestigt es am kopfwärtigen Stück mit ein paar Kat-
eutfäden durchs Periost und die benachbarten Weichteile, legt die
Peroneussehne wieder in ihr Bett und schliesst das durchtrennte
Retinakulum und die Haut. Der Giosverband wird in der erreichten
Korrekturstellung der Ferse, in Abduktion und gerader Mittelstellung
des Vorderfusses angelegt. Nach 10 Tagen Verbandwechsel mit Ent¬
fernung der Nähte und Anlegung eines neuen, polsterlosen Gipsver¬
bandes für etwa 5 Wochen, in dem der Kranke die letzten 2 Wochen
gehen kann. Damit ist die Behandlung beendet.
Dieses Prinzip der Beeinflussung der Stellung des Kalkaneus
durch Berücksichtigung der deformen Gestalt dieses Knochens ist
aber nicht nur für die obenbezeichneten Formen des Klumpfusses die
folgerichtige Lösung, sondern auch für die schwereren Formen des
versteiften deformierten Plattfusses. Nur dass hier
die Richtung der Verschiebung und die Deformierung des Fersen¬
beins und dementsprechend auch die Korrektur die umgekehrte ist.
Der Ausgangs- und Schlüsselounkt ist der gleiche: das Fersenbein.
Wie es beim Klumpfuss in Varusstellung steht, so gerät es beim
Knickplattfuss in Valgusstellung und zieht die anderen Fussknochen
entsprechend mit sich und orientiert von sich aus den Vorderfuss,
wie wir oben gesehen haben. Die transversale, wn gerechte Keil¬
osteotomie des Kalkaneus mit Lage der Basis des Keils an der
Innenseite beseitigt in besonders hartnäckigen Fällen von schwer
deformiertem Knickplattfuss. wobei das Fersenbein wie fest ge¬
mauert in der Valgusstellung beharrt und infolge Verödung
des Talokalkanealgelenkes die Beweglichkeit im hinteren
unteren Sorunggelenk verloren gegangen ist. die Deformität auf das
gründlichste und sichert gegen das Rezidiv. Selbstverständlich muss
auch hier der Osteotomie das allergründlichste Redressement vor¬
ausgehen, und die Osteotomie darf nur zur Vervollkommnung des
Resultats angeschlossen werden, weil sonst eine wirkliche Korrek¬
tur der Deformität nicht erzielt wird.
1172
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 37
Aus der Röntgenabteilung der 2. Universitätsklinik für Frauen¬
krankheiten in München. (Vorstand: Prof. Dr. Franz Weber.)
Epilepsie und Menstruation* *).
Von Oberarzt Dr. F. Winter.
Bei der genuinen Epilepsie treten Krampfanfälle regellos, ge¬
wöhnlich ohne äussere Ursache auf. Die Psychiatrie kennt aber doch
Fälle echter Epilepsie, bei denen Krämpfe im Anschluss an äussere
Ursachen auftreten; es kommt auch vor, dass Anfälle durch psy¬
chische Einflüsse ausgelöst werden. Verhältnismässig selten, aber
sicher beobachtet, sind nun Epilepsien, bei denen das Auftreten der
Anfälle zweifellos mit den Vorgängen bei der Menstruation in Be¬
ziehung steht insofern, als sie nicht völlig regellos, sondern grössten¬
teils oder immer kurz vor, während oder direkt nach der Periode
eintreten. Dieses, wie die Tatsache, dass das erste Auftreten der
epileptischen Krämpfe in den meisten Fällen echter Epilepsie in die
Pubertätszeit fällt, und die Beobachtung, dass die Anfälle häufig
während der Schwangerschaft aussetzen, spricht für einen Zusammen¬
hang der Krämpfe mit der Funktion des Eierstocks. Bei diesen durch
die menstruellen Vorgänge ausgelösten Krämpfen ist die Differential¬
diagnose gegenüber der Hysterie besonders schwierig und muss mit
besonderer Vorsicht gestellt werden.
In solchen Fällen, in denen die Anfälle besonders oder aus¬
schliesslich um die Periodenzeit auftreten, liegt der Gedanke nahe,
durch Ausschaltung der periodisch auftreteriden auslösenden Ursache,
der Menstruation, eine Einwirkung auf die Krämpfe zu verursacnen.
Nun gibt uns die in der letzten Zeit ausgebildete Methode der tem¬
porären Kastration durch Röntgenstrahlen die Möglichkeit, ein vor¬
übergehendes Pausieren der Menses zu bewirken. Erst seit dieser
Zeit glaubte ich zu dem Versuche berechtigt zu sein, durch Unter¬
drückung der Menstruation die Anfälle zu beeinflussen, denn bei der
noch vollkommen ungeklärten Aetiologie der genuinen Epilepsie er¬
schien mir eine dauernde Ausschaltung der Ovarialtätigkeit doch zu
grosse Gefahrmöglichkeiten in sich zu schliessen.
Als erster hat Ewald eine Kranke mit periodisch bei der Men¬
struation auftretenden stuporösen Zuständen bestrahlt und trotz
Röntgenkastration, ja trotz folgender operativer Kastration zu den
Zeiten, zu denen ohne Kastration die Menstruation zu erwarten ge¬
wesen wäre, die periodische Wiederkehr dieses psychischen Zu¬
standes beobachtet 1).
Das verhältnismässig seltene Vorkommen hierher gehöriger
Fälle echter Epilepsie bringt es mit sich, dass ich bisher nur über
vier einschlägige Kranke berichten kann. Die Ergebnisse waren aber
so eindeutig und so zufriedenstellend, dass ich doch in Kürze darüber
berichten möchte.
Die Diagnose „genuine Epilepsie“ stammt in allen Fällen von
fachmännischer Seite und wurde durchwegs durch längere Be¬
obachtung erhärtet.
Es handelt sich in allen 4 Fällen um junge Mädchen zwisenen 17
und 21 Jahren: die Anfälle traten in 3 Fällen erstmals mit der Puber¬
tät auf; in einem Fall traten sie schon 4 Jahre vor der ersten Pe¬
riode — im 10. Lebensjahre — ein. Abgesehen davon, dass alle
Kranken sehr früh, zwischen 13 und 14 Jahren, menstruiert wurden,
waren bisher keine gemeinsamen Züge zu finden, die irgendeine
bestimmte Gruppierung ermöglicht hätten.
Im ersten Falle, der mir von dem damaligen stellvertretenden Direktor
der Klinik. A 1 b r e c h t, mit der Indikation zur Röntgenkastration übergeben
wurde, handelte es sich um eine damals 19 jährige Kranke (W. R. 1919) von
infantilem Habitus. Die erste Periode war mit 14 Jahren eingetreten, anfangs
längere Zeit aussetzend, später regelmässig, in den letzten Jahren mittelstark,
von 4 — 5 tägiger Dauer. Seit dem 10. Lebensjahre, also 4 Jahre vor Beginn
der Periode, traten Krämpfe auf, die sich etwa alle 4 Wochen wiederholten.
Sie bestanden in monatlich 7 — 8 Anfällen, von denen stets 2 — 3 Krampfanfälle,
die übrigen nur kurzdauernde Bewusstseinstrübungen waren. Ueber heredi¬
täre Belastung ist nichts festzustellen. Die Kranke ist ein schwächliches, in¬
fantiles Wesen mit vielen degenerativen Merkmalen, klagt über Angst¬
zustände, zeigt Schreckhaftigkeit und ist umständlich in ihrem Wesen. Der
Anfall selbst beginnt mit einer Aura, die als „ein Aufsteigen im Inneren“ be¬
zeichnet wird. Er besteht in Aufschrei, Bewusstlosigkeit, Umfallen, tonisch¬
klonischen Krämpfen, Zungenbiss und gelegentlichen Verletzungen. Nach dem
Anfall Zittern, Weinen, Beklommenheit Der Zeitpunkt des Eintrittes ist ge¬
wöhnlich wenige Tage vor der Periode, öfter auch während derselben. Am
15. Nov. und 29. Dez. 19 wurde prämenstruell eine Bestrahlung mit etwa
% Ovarialdosis ausgeführt. Sie ergab keine deutliche Besserung. Eine
Wiederholung der Behandlung am 23. März 1920 bewirkte vollkommenes Aus¬
bleiben der leichten Anfälle und eine gewisse Verminderung der Zahl der
schweren Anfälle. Als sich vom Oktober ab die schweren Anfälle wieder
zu häufen begannen, wurde am 29. und 30. Dez. 20 eine temporäre Kastra¬
tion mit Röntgenstrahlen ausgeführt. Daraufhin kam, wie erwartet, im Januar
und Februar noch die Periode. Auch die Krampfanfälle blieben nicht aus.
Vom März 21 bis September 22 (so lange war die Kranke in Beobachtung der
Klinik) bestand die Menopause fort. Während dieser Zeit trat monatlich
höchstens ein schwerer Anfall auf. Die kleinen Anfälle sind vollkommen
weggeblieben. Die Kranke hat sich körperlich und psychisch gut erholt, hat
nur leichte Ausfallserscheinungen, die in der letzten Zeit kaum mehr störend
empfunden wurden.
In diesem Fall wurde also durch 'A Ovarialdosis eine dauernde
Unterdrückung der Bewusstseinstrübungen und vielleicht eine Her¬
absetzung der Häufigkeit der schweren Krampfanfälle erreicht. Einen
weiteren Erfolg brachte auch die temporäre Kastration nicht.
Der zweite Fall betrifft eine 18 jährige. kräftige Kranke, bei der sich
mit 12 Jahren die erste Periode eingestellt hatte. Die Periode blieb dann
ein Jahr ganz aus, um seither regelmässig, dreiwöchentlich, stark, mit drei-:,
tägiger Dauer ohne Dysmenorrhöe aufzutreten. Seit dem 12. Lebensjahr,
mit Beginn der Periode, wurden nun ausschliesslich um die Menstruation*- :
zeit Zuckungen in den Augenlidern oder der Stirnhaut, sowie Schielen be- '
obachtet. Mit 14 Jahren trat ebenfalls zur Zeit der Menstruation der erste !
epileptische Anfall auf. Die Krämpfe kamen dann eine Zeitlang gehäuft und jj
völlig regellos. Später hielten sie sich streng an die Periodenzeit, traten kurz!
vor, während oder gleich nach ihr auf; nur ausnahmsweise in der Mittel
zwischen zwei Perioden. Bei der Geburt der Kranken war keine Kunsthilfe I
notwendig, die üeburtsdauer war kurz. Hereditär ist nur festzustellen, dass]
ein Bruder des Vaters an „Anfällen“ leidet. Kranke ist kräftig entwickelt,!
sieht älter aus als sie ist, zeigt mehrfach Degenerationszeichen. Sekundärei
Geschlechtsmerkmale normal, Sehnenreflexe gesteigert. Wassermann netra-'i
tiv. Sie ist lügenhaft, unzuverlässig, sexuell sehr erregbar. Der Anfall selbst u
tritt zu verschiedener Tageszeit auf. Manchmal wird sein Herannahen durchl
Auftreten eines eigenartigen Schwindelgefühls bemerkt. Dann treten Bewusst-J
losigkeit, tonisch-klonische Krämpfe dazu; es zeigt sich Schaum vor dem b
Munde. Der Krampfanfall ist von kurzer Dauer; nachher klagt Kranke überl
heftige Kopfschmerzen und verbringt den Rest des Tages schlafend. Fastl
immer kommt es zu Zungenbiss; viele Narben vom Aufschlagen sind fest-1
zustellen. Einmal hat sich die Kranke im Anfall eine Haarnadel in dem]
Kopf gestossen, mehrfach Zähne ausgebrochen. Einmal war sie längere!
Zeit krank, nachdem sie im Sturz auf eine Stuhllehne aufgefallen war.
*) Nach einem auf dem 18. Gynäkologenkongress (1923) gehaltenen
Vortrag.
*) Die Richtigkeit dieser Darstellung des Falles gegenüber einer Dis¬
kussionsbemerkung D y r o f f s - Erlangen hat mir Ewald brieflich be¬
stätigt.
Aus der Tafel sehen wir, dass die Krampfanfälle fast immer um die
Periodenzeit auftreten. Nur im Mai sehen wir einen Anfall am 12. Tage, also!
intermenstruell, und vielleicht im März 22 die Bewusstseinstrübungen. Am,
26. und 27. Juli wird die Kastrationsbestrahlung durchgeführt. Die Kranke*
glaubte, dass nun Periode und Anfälle ausbleiben werden. 'Am 11., 12. und
13. August traten aber doch Anfälle und erst am 14. VIII. die Periode auf!
Dann kein Anfall mehr. Die Periode tritt noch im September auf. Dann
Menopause und Sistieren der Anfälle. Im Dezember werden wieder ganz i
unvermutet mehrere Bewusstseinstrübungen und Zuckungen beobachtet. ■
Gleich darauf tritt die Periode ein. Weiterhin ergibt sich das gleiche Bild'
wie vor der Bestrahlung. Eine neuerliche Strahlenbehandlung wird in die
Wege geleitet werden.
Die zwei weiteren Fälle zeigen in den wesentlichen Punkten s-
weitgehende Uebereinstimmung mit dem 2. Fall, dass ihre besondere1
Besprechung an dieser Stelle unterbleiben kann. In den beiden Fället
handelt es sich ebenfalls um jugendliche Kranke im Alter von 18 rn
21 Jahren.
Aus den vier Fällen geht wohl mit Sicherheit hervor, dass durch»
die Bestiahlung, besonders durch die temporäre Kastration, eine Ver-h
ringerung, in 3 Fällen vorläufig sogar eine Beseitigung der Anfälle
erreicht werden konnte. Die Fälle beweisen nach Art des Eintrittes
der Menstruation, dass das Aufhören der Krampfanfälle nicht aut
suggestive Einflüsse zurückzuführen ist. Denn die Kranken glaubten,
dass nach der Bestrahlung überhaupt keine Menstruationsbl.itungj
mehr auftreten wird. Trotzdem kam es im Prämenstruum wieder zu
Krampfanfällen. Ebenso beweisend ist der Umstand, dass nach
mehrmonatiger Menopause typische „abortive Anfälle“ beobachtet!,
wurden und erst etwas später die Menstruation wieder einsetzte. |
Diese Beobachtungen dürften beweisen, ebenso ein kürzlich von
M. Fränkel mitgeteilter Fall, dass in derartigen Fällen ein kau¬
saler Zusammenhang zwischen Menstruation und epileptischem
Krampfanfall besteht.
Wie ist dieser Zusammenhang zu denken? Die Frage führt uns
zu den neueren Theorien über die Epilepsie. Es wird z. B. die An¬
sicht vertreten, die Epilepsie sei gar keine Gehirnerkrankung, sondern
eine endokrine Störung. Bolten glaubt, sie auf eine Hypo¬
funktion der Schilddrüse, Fischer auf eine Hyperfunktion der
Nebenniere zurückführen zu können. Die therapeutischen Auswir-
September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
117,1
ngen dieser Ideen waren dann sogenannte Röntgenreizbestrahlung
s Thymus und der Schilddrüse, anderseits operative Reduktion der
benniere nacli Fischer-Brüning. Eine gewisse, voriiber-
rtende Einschränkung der Anfallshäufigkeit scheint durch diese
■thoden erreichbar zu sein. Eine Kombinationstherapie glaubt auf
und theoretischer Erwägungen 0. Strauss empfehlen zu dürfen,
hat mit der Bestrahlung der Milz, des Thymus und der Leber mit
inen, der linken Nebenniere mit grossen Dosen günstige Erfah¬
rnen gemacht.
Obwohl diese Beobachtungen das grösste theoretische Interesse
rdienen, sollte man sich doch hüten, auf ein so knappes Material
nun schon Theorien über das Wesen der Epilepsie aufzubauen,
r wissen durch die Erfahrungen der Psychiater, dass bei der ge-
nen Epilepsie häufig die verschiedensten, gelegentlich die gering¬
sten Massnahmen, wie Uebernahmc in eine Anstalt, Bettruhe,
endeinc Laparotomie u. a. mehr, ein vorübergehendes Sistieren
- Anfälle mit sich bringen können.
Deshalb gewinnt die Ansicht an Wahrscheinlichkeit, dass alle
gebannten Massnahmen nicht gegen die Epilepsie als solche ge¬
lltet sind, sondern nur Eingriffe in das Gefüge des vor¬
bildeten Krampfmechanismus darstellen. Durch Stö-
ig dieses Krampfmechanismus an irgendeiner Stelle mag die
impfbereitschaft herabgesetzt und damit die Zahl der Anfälle ein-
ichränkt oder ganz aufgehoben werden. Ob ausser der erwähnten
irung der Krampfauslösung irgend etwas gegen die epileptische Er-
inkutig selbst erreicht wurde, erscheint durchaus fraglich.
In ähnlicher Weise möchte ich die Vorgänge bei der Einscnrän-
ig oder vollständigen Aufhebung der epileptischen Anfälle nach
iporärer Kastration erklären. Der nach H. Fischer im Organis-
s vorgebildete Krampfmechanismus geht in solchen Fällen offenbar
;r das Ovarium. Gelingt es, durch die Bestrahlung an dieser Stelle
unterbrechen, so scheint eine Herabsetzung der Krampfbereit-
mft zu erfolgen und ein günstiger Einfluss auf die Anfallshäufigkeit
;geiibt zu werden.
Eine andere Möglichkeit wäre die, dass der zur Zeit der Menstru-
>n vorhandene labile Zustand der Frau einen günstigen Boden für
Mobilisierung des Krampfmechanismus abgeben könnte. Dieser
fte durch die Unterdrückung der Ovulation und Menstruation hint-
tchaltcn werden, wodurch eine Ursache für die Auslösung des
impfmechanismus in Wegfall käme.
Zur Klärung der Frage, ob ausser dem Eingriff in den Ablauf
Krampfmechanismus irgendeine Einwirkung auf die epileptische
crankung selbst möglich ist, soll eine grössere Anzahl von Epi-
sien ohne Rücksicht auf den Zusammenhang der Krämpfe mit der
nstruation durch temporäre Kastration behandelt und ausserdem
Wirkung der Hodenbestrahlung auf die Anfälle beim Manne unter¬
st werden.
Literatur.
Ewald: Bestrahlungsergebnis bei einer menstruell rezidivierenden
cliose. Mschr. f. Psvch. u. Neurol. 52. — Bolten: D. Zsclir. f. Nerven-
1915, 53 und 1917. 57. — Fischer: Zsclir. f. d. ges. Neurol. u. Psych.
0, 56. ' — M. F r a e n k e 1: Zbl. f. Qyn. 1923 Nr. 7.
m Thema der Stauungsgallenblase und des Gallen¬
kolikrezidivs*).
Von Prof. Dr. Paul Zander, Darmstadt.
M. H.l Sie alle kennen jene Fälle, von denen ich heute sprechen
1. Es sind die Fälle, die uns vom Internisten mit der Diagnose
ilezystitis-Cholelithiasis überwiesen werden. Fälle, die wir vicl-
ht selbst beobachteten und bei denen wir auf Grund dieser Diagnose
Indikation zur Operation stellen. Wir machen auf und finden —
hts. Nichts oder bei wohlwollender Beurteilung das, was man als
olecystitis sine concremento, als Pericholecystitis oder als Stau-
tsgallenblase bezeichnet. Jene Fälle, bei denen sich Chirurg wie
ernist gleichmässig über die falsche Diagnose oder Indikation
:ern.
Für diese Fälle erbitte ich Ihr Interesse. Und ich erbitte es
ichzeitig für jene ebenfalls sehr unangenehmen und für Arzt wie
uiken gleich peinlichen Fälle, bei denen nach glücklich ausge-
rter Exstirpation der steingefüllten entzündeten Gallenblase auf
mal wieder die alten Beschwerden sich neu einstellen.
Um zunächst mit den zuerstgenannten Fällen zu beginnen, so
>e ich November 1920 an dieser Stelle über das Thema der Stau-
tsgallenblase gesprochen. Das Missverhältnis zwischen der Er-
'üchkcit des klinischen Bildes und der Geringfügigkeit des autop-
hen Befundes, sowie der häufig unbefriedigende Erfolg der opera-
Jn Behandlung weckten in mir immer wieder Zweifel an der Ricli-
<eit der Diagnose oder der Richtigkeit der Deutung der Krankheit
Das häufige Vorhandensein gleichzeitiger unbestimmter Sensa¬
len im Bereich der Blinddarmgegend, der Adnexe, des Magens,
1 das ebenso häufige Vorliegen einer Enteroptose brachte mich
nals immer mehr zu der Ueberzeugung, dass es sich bei einem
1 dieser Fälle gar nicht um eine echte, isolierte Stauungsgallen¬
se handele, sondern dass bei ihr die Gallenstauung nur ein ein-
*) Vortrag, auszugsweise gehalten, auf der Mittelrlicinischcn Chirurgcn-
u|>g am 6. Januar 1923.
zelncs Symptom einer allgemein bedingten funktionellen Störung sei.
Weitere Erfahrungen Hessen mir eine Beobachtung immer wieütiger
erscheinen, die ich damals ganz nebenbei erwähnte, ohne sie er¬
klären zu können.
Mir fiel bei den Operationen auf, dass recht oft nicht nur eine
Vergrösserung der prall gespannten Gallenblase, sondern auch eine
mehr oder weniger ausgesprochene Erweiterung des Ductus hepa-
tico - choledochus vorlag1).
Der daraus sich ergebende Schluss ist eigentlich sehr einfach:
Die Ursache der Gallenstauung kann hier nicht auf einem Ventil¬
verschluss im Bereich des Ductus cysticus beruhen, sondern sie weist
auf ein tiefersitzendes Hindernis hin.
Dies brachte mich auf die Vermutung eines Spasmus im Bereich
des Sphinkters der Papilla duodeni.
Ein Spasmus dieses Schliessmuskels würde sowohl das klinische
Bild der heftigen Gallenkolik erklären, als auch die im auffallenden
Gegensatz dazu stehende Geringgradigkeit des autoptischen Befundes
einer Erweiterung des Ductus hepatico - choledochus und Vergrösse¬
rung der Gallenblase.
Aber — bevor ich weiter darauf eingehe — diese Annahme wirft
auch ein neues Licht auf das, trotz aller Arbeiten, noch so ungeklärte
Gebiet der Rezidivkoliken nach Exstirpation der Gallenblase wegen
echtem entzündlichen Steinleiden.
Wie kommt es, dass wir mehr oder weniger oft — die Statistiken
der einzelnen Autoren geben sehr verschiedene Häufigkeit an — nach
Galleinsteinoperationen wieder die alten Beschwerden neu auftreten
sehen? Ich übergehe die seltenen Fälle von echtem und die sehr
häufigen Fälle von falschem Steinrezidiv; ich nehme an, die Gallen¬
gänge sind so sorgfältig revidiert, dass wirklich kein Stein zurück¬
geblieben sein kann, und die Technik der Versorgung der üallenwege
und des Leberbettes war so sorgfältig, dass eine Stenose oder Knik-
kung der Gänge ausgeschlossen ist, und schliesslich setze ich voraus,
dass nicht etwa ein Ulcus duodeni, besonders an der Hinterwand,
übersehen oder dass eine nebenbei bestehende Kolitis richtig erkannt
und behandelt worden ist — was kann hier die Ursache der Be¬
schwerden sein?
Verwachsungen? Diese erste gewöhnlich genannte Erklärung
trifft in dem fast allgemein angenommenen Umfange nicht zu1*). Wie
ich schon vor zwei Jahren hier sagte: der Vergleich mit der soge¬
nannten chronischen Appendicitis liegt nahe. Auch da sollen post¬
operative Verwachsungen die Ursachen der Beschwerden sein; und
dabei sehen wir nach schweren Appendizitis-Peritonitis-Operationen
nach wochenlanger Drainage so gut wie nie Verwachsungsbeschwer¬
den. Nein, Verwachsungen allein sind an und für sich bestimmt nicht
die Ursachen der neuen Beschwerden. Sonst müssten wir gerade bei
den schweren, mit frischer oder abgeklungener örtlicher Peritonitis ein¬
hergehenden Gallensteinfällen viel häufiger als bei den Fällen mit
geringen Veränderungen Rezidivbeschwerden sehen. Es ist aber
nach meiner Erfahrung gerade umgekehrt: je schwerer die anatomi¬
schen Veränderungen waren, je länger das Gallensteinleiden bestand,
desto seltener sind postoperative Beschwerden.
Infektion? Besonders nach den Arbeiten Po pp er ts und seiner
Klinik hat die Annahme, dass Infektionen die Ursache der neuen Be¬
schwerden sind, wieder sehr an Boden gewonnen. Ich will durchaus
nicht die Bedeutung der chronisch-latenten Infektion der Gallenwege
bestreiten; im Gegenteil, ihre rechtzeitige, ja ich möchte sagen: pro¬
phylaktische Therapie durch regelmässige, internistische Nachbe¬
handlung nach der Operation scheint mir von nicht zu unterschätzen¬
der Bedeutung. Aber es stimmt eben oft nicht! Und völlig erklärt
werden die Rezidivbesch-^verden durch die Annahme einer Infektion
an und für sich doch nicht, abgesehen davon, dass diese Infektion
sich auch gar nicht so selten als nicht vorhanden beweisen lässt.
Auch hier ist wieder derselbe Einwand wie vorher zu beachten: wenn
die Infektion allein eben als Infektion das Zustandekommen des
Pseudorezidivs erklärte, ja warum treten dann diese Rezidive so
selten in den schweren verschleppten Fällen auf, in denen die oft
mächtigen Veränderungen der Leber, der Gallengänge, des Pankreas,
des Duodenums, das Weiterbestehen der Infektion gerade zu er¬
zwingen scheinen?
Und wenn man nun gar die Fälle nimmt, in denen Perforationen
der Gallenblase in den Darm zu einer dauernden groben Infektion mit
manchmal virulenten Erregern führen, die müssten doch ganz be-
*) Der erste sich ohne weiteres aufdrängende Gedanke war natürlich die
mechanische Erklärung. Eine durch den Zug des gesenkten Magens bedingte
Abknickung zwischen oberem und absteigenden Zwölffingerdarm (vergl.
Perthes) schien zunächst zwanglos eine Stauung in den Gallenwegen mit
folgender Erweiterung zu erklären. So dachte ich mir auch anfangs das
Zustandekommen der Stauungsgallenblase bei Entroptosc. Aber ihre rein
mechanische Auffassung genügt nicht: der richtige Kern wird zwar durch die
Erfolge der Ptoseoperationen bewiesen, aber ihre Misserfolge beweisen auch
das Mitspielen anderer Momente. Abgesehen davon aber würde die mechani¬
sche Erklärung allein wohl eine chronische Gallenstauung verständlich
machen, unklar bliebe jedoch das anfallsweise Auftreten richtiger Koliken.
Hier müsste also eine von den regelmässigen Funktionen und Belastungen
unabhängige Ursache von launischem Charakter vorliegcn.
Und gerade dieser launische Charakter der Erscheinungen brachte mich
auf den Gedanken, dass hier — wie auch sonst bei der Enteroptose —
nervliche Dinge, vor allem Spasmen mitspielen müssten.
l*) Anm. während d. Korrektur: Vgl. zu dem Thema der Verwachsungs-
iioschwerrien die interessanten Untersuchungen mittels Pneumoperitoneum von
N c g e 1 i aus der Garrc sehen Klinik.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRl ET.
sonders leiden. Und docli ist es gerade für die genaue klinische Dia¬
gnose so charakteristisch, dass diese Fälle zwar die vitale Bedeutung
der Infektion in Form von Schüttelfrösten, interessanten Fieberkur¬
ven und unvollständigem Ikterus zeigen, dass sie aber fast nie oder
selten schwere Koliken haben.
Die Erklärung liegt auf der Hand, und ich würde damit nur längst
Bekanntes wiederholen. In unserem Zusammenhänge gewinnen aber
gerade diese Fälle Bedeutung, wenn man sie gegenüberstellt den
Fällen von Hydrops der Gallenwege.
In der Tat springt — so paradox es zunächst klingt — das Ge¬
meinsame sofort in die Augen:
Die Fälle von Gallenstein— Darmfisteln bekommen keine schweren
Koliken, weil es bei ihnen nie zu einer maximalen akuten Stauung vnd
Ueberdehnung der Gallenblase und der Gallenwege kommen kann,
da ja, auch wenn die Papille durch Choledochussteine völlig ver¬
schlossen ist, immer ein Ventil im Vorhandensein der Fistel besteht.
Und die Fälle von Hydrops haben meistens weder vor, noch nach
der Operation echte Koliken, weil bei ihnen infolge des chronisch
gewordenen völligen Verschlusses des Ductus cysticus ein kontinu¬
ierliches Abfliessen der Lebergalle in den Darm eingetreten ist. Der
Sphincter papillae ist chronisch insuffizient oder inkontinent ge¬
worden.
Liegt somit nicht der Schluss nahe: Die Pseudorezidive nach
Operationen von anatomisch noch nicht schwer veränderten Gallen¬
blasen sind deshalb besonders häufig, weil der Schliessmuskel am
Choledochusausgang noch völlig ungeschädigt ist und weil die Gallen¬
wege in ihrer Zartheit noch nicht an jede stärkere Dehnung an¬
gepasst sind?
Die Annahme eines Spasmus des Schliessmuskels der Papilla
duodeni bringt uns zu einer alles erklärenden, einheitlichen Auffas¬
sung von dem Wesen des Pseudorezidivs nach Gallensteinoperation.
Und wenn wir zu der Stauungsgallenblase zurückkehren, so er¬
scheint jetzt der Gedanke, ihr klinisches und autoptisches Bild mit
einem Spasmus des Choledochusschliessmuskels zu erklären, ein¬
leuchtender als es zum Anfang war.
Ich habe dabei zunächst nur die Fälle im Auge, bei denen eine
Erweiterung des Ductus hepatico - choledochus autoptisch festzu¬
stellen ist, bei denen also das Hindernis tiefer als am Ductus cysticus
liegt. Ein Eingehen auf die rein mechanisch bedingte, isolierte Stau¬
ungsgallenblase im Sinne eines Ventilverschlusses am Gallenblasen¬
hals und Ductus cysticus (Schmieden) liegt nicht in der Richtung
dieser Mitteilung. Mein Bestreben war vielmehr, für die Fälle eine
Erklärung zu finden, die sich mechanisch bisher nicht erklären
Hessen.
Es bleibt noch übrig, zu untersuchen, wodurch es zu diesem
Spasmus bei der Stauungsgallenblase und beim postoperativen Gal-
lcnkolikrezidiv kommt.
Die Ursachen können sehr verschiedenartig sein. Alle Reize or¬
ganischer oder funktioneller Natur können ihn auslösen. Eigentlich
ist ja auch der regelrechte Gallensteinanfall nichts anderes als das
Ergebnis eines durch den Reiz des Steines und der Infektion ausge¬
lösten Krampfes des Oddischen Schliessmuskels und der Gallenblase.
Es leuchtet ohne weiteres ein, dass wenn nach Exstirpation der
Gallenblase noch eine Infektion in den Gallenwegen zu¬
rückgeblieben ist, diese durch den Reiz des Sphinkters der
Papilla duodeni einen Spasmus auslösen kann. Wogegen ich
mich nun wende, ist, dass P o p p e r t bzw. Gundermann
alle Rezidivkoliken auf eine Infektion zurückführt. Regel¬
mässige bakteriologische Untersuchungen haben mir gezeigt, dass in
sehr vielen Fällen die bakteriologischen Kulturen (Untersuchungs¬
amt Giessen, bakteriologische Abteilung Merck [Dr. E i c h h o 1 z]
und bakteriologische Abteilung des Versorgungslazarettes Darmstadt
[Dr. Sttihlinge r]) steril waren. Es können eben auch andere
Reize anfallerregend wirken, Reize toxischer oder nervlicher Art.
Die enge Verflechtung des viszeralen Nervensystems bedingt ein
ausserordentlich leichtes Ueberspringen eines irgendwo in der Bauch¬
höhle lokilisierten Reizes auf ein anderes Organgebiet. Wir kennen
ja das initiale Erbrechen bei Appendizitis, die Pylorospasmen bei
Nierenkolik.
So können auch Fernreize Krämpfe im Bereich der Gallenwege
erregen. Diese Reize werden naturgemäss besonders dann auf das
Gallensystem wirken, wenn sie benachbarte Organe betreffen, vor
allem Magen und Duodenum. Eine erhebliche Rolle in dieser Richtung
scheint auch das Ulcus duodeni zu spielen. Der Reiz des Geschwürs
bedingt nicht nur einen Krampf des Pylorus, sondern er kann auch
einen Spasmus im Bereich der Gallenwege und des Sphincter pa¬
pillae duodeni erregen. Ich meine, also hier nicht die Wirkungen
eines unmittelbaren Uebergreifens der Geschwürsentzündung auf die
Gallenwege. Diese sehen wir ja bei der Operation fast regelmässig
in der überwiegenden Zahl der Fälle von Ulcus duodeni, anfangend mit
den leichten Verwachsungen am Gallenblasenhals bis zu den Ent¬
zündungen und Steinbildungen der Gallenblase. Auf das häufige Zu¬
sammentreffen von Zwölffingerdarmgeschwür und Gallenblasener¬
krankungen hat W a 1 z e 1 schon 1920 an dem Material der E i s el s -
bergschen Klinik hingewiesen. Wenn man oft Gelegenheit gehabt
hat, Ulcera duodeni im floriden Stadium, besonders im Frühstadium
der Perforation zu operieren, so bekommt man eine Vorstellung von
dem Umfang der Entzündung und versteht die weite Ausbreitung der
daraus entstehenden Verwachsungen, die bei der Operation des
Nr. 31
ruhenden Geschwürs oft in so auffallendem Gegensatz zu der Kleir
heit des Ulcus steht. Sitzt gar das Geschwür mit seinem Grunde ai
dem herangezogenen Ductus choledochus, so versteht man ohn
weiteres, dass diese Fälle klinisch nicht so selten den Eindruck eint
schweren akuten Cholezystitis, bisweilen mit Ikterus, machen. Abt
ich glaube, dass nicht nur das unmittelbare Uebergreifen der En
Zündung auf die Gallenblase diese Gallenkoliken bedingt. Den
erstens liegt die Gallenblase häufig doch zu weit entfernt, und zwe
tens würde dadurch nicht erklärt — ich weiss nicht, ob dieser Bcfun
auch anderen Operateuren aufgefallen ist — , warum beim Ulcus du<
deni so häufig eine deutliche Erweiterung des Ductus choledoclu
vorliegt. Ich möchte glauben, dass diese ebenso wie in dem ober!
geschilderten Zusammenhänge nur durch den häufigen Spasmus dt -
Sphinkters der Duodenalpapille zu erklären ist.
Auch über den Umweg eines Pylorospasmus kann solch eine E:
regung entstehen. Wir sehen ja auch physiologisch ein enges Zusan i
menarbeiten der Antruin-Pylorusfunktion mit der Tätigkeit der Gal
lenwege. Wie eng diese Beziehungen sind, wissen wir durch d
Arbeiten von Rost. Es wäre gut zu verstehen, wenn e'H
Krampf des Pylorus auch einen Krampf des Schliessmuskc
der Gallenwege bedingt. Eine Entfernung des Pförtners müsste den:
gemäss eine Wirkung auf den Gallenabfluss haben. Entsprechenci
Untersuchungen bei Magenresezierten mittels der Duodenalsoncg
sind im Gange. Ob sich daraus irgendwelche therapeutische Folg':'
rungen ergeben, wird sich erst entscheiden, wenn diese Verhältnis<|
tierexperimentell gründlich nachgeprüft sind. Jedenfalls habe ich de.
Eindruck gewonnen, dass Reize, die den Pylorus treffen, auch an
den Schliessapparat des Choledochus wirken.
Damit sind wir bei den funktionellen Störungen angelangt, d, :
auf neurogenem Wege entstehen. Ich möchte sie vergleichen m
den bekannten Spasmen bei der Bleikolik, bei Tabes dorsalis, b
Angina abdominis. Ebenso können auch peripher-nervliche und ztij'j
tralnervliche und psychische Reize zu Krämpfen im Gebiet de!
Schliessmuskulatur der Gallenwege führen.
Je niedriger die Reizschwelle des Nervensystems liegt, um :
geringere Reizgrade sind nötig, um erhebliche funktionelle Wirkung«
und Störungen auszulösen. Während wir bei indolenten Mensch«
selbst hochgradige Veränderungen der entzündeten Steingallenblal
finden, ohne dass die Anamnese nennenswerte Koliken aufweist, g,j
nügen dort leichte Stauungen in den Gallenwegen, um den EindruJ
eines schweren Gallensteinanfalles zu machen. Alles, was die Eire il
barkeit des Nervensystems steigert, gewinnt hier Bedeutung. DaL
finden wir bei diesen Kranken die Anfälle besonders häufig tu
schwer zu Zeiten der Menstruation oder allgemein seelischer Ei
regungen. Auch örtliche Reize können so wirken; darin sehe ich dl:
einzige Bedeutung der Verwachsungen: sie können eine schon vcfl
handene nervliche Uebererregbarkeit steigern, aber nicht erzeuge!!
Wenn wir mit diesen Gedanken die uns persönlich bekannten Fäl
von Pseudorezidiv nach Gallensteinoperation oder die Fälle von Sta
ungsblase uns vergegenwärtigen, so ergibt sich in der Tat — weni
stens für mein Material ganz zweifellos — , dass es sich bei dies«
Kranken sehr oft um vasomotorische Menschen mit leicht erregt), ir<
und rasch erschlaffendem Nervensystem handelt. Schon in meinen
Vortrag 1920 wies ich darauf hin, dass die Fälle von Stauungsgalle
blase zum grossen Teil Astheniker mit Enteroptose sind; diese schei
mir viel weniger durch die anatomische Lageanomalie von klinisch!
Bedeutung, als vielmehr durch die funktionellen Störungen in dr
Art von Spasmen, Atonien, Supersekretion. Nicht selten sehen v,
bei diesen Kranken schon Narben von früheren Operationen,
wegen „Blinddarmentzündung“, „Eierstockentzündung“ usw. vord
nommen wurden. Kurz und gut: es sind konstitutionelle (nervlicfl
oder endokrine) Schwächlinge und Vasoneurotiker.
Die Durchsicht der Literatur zeigte mir, dass auch Treplin
kürzlich Spasmen als die Ursache der Pseudorezidivbeschwerd.
nach Gallensteinoperationen angenommen hat. Er weist darauf hu
dass deshalb auch manche Rezidivkoliken rasch durch Massage b
seitigt werden können. Die Erklärung der Stauungsgallenblase at
neurogen bedingte funktionelle Krankheit habe ich in der chirurf
sehen Literatur nicht gefunden. Durch ein Gespräch mit Her
v. Bergmann wurde ich vor kurzem (Dezember 1922) darauf ai
merksam gemacht, dass er und Westphal2 3) auf dem letzten Ko;
gress für Stoffwechselkrankheiten 1922 dieselbe Auffassung ausg-
sprochen haben. Ich freue mich, dass ich durch meine chirurgisch
Beobachtungen seine Auffassung bestätigen kann. Sie gründen si
auf eine Zahl von 22 operierten Fällen.
Ich habe aus dieser Auffassung die Folgerung zu ziehen versuc
Zunächst bei den Fällen von postoperativen Rezidivkoliken. Die ei
zig logische Folge aber war, auf irgendeine Weise den Sphincter P
pillae duodeni auszuschalten. Folgende Wege standen dafür zur Vt
fügung: Sprengung der Papille durch Dilatation von einer ChO'
dochusöffnung oder vom Zystikusstumpf aus; um einer nachträ
liehen narbigen Schrumpfung vorzubeugen, kann man für einige Z
noch eine transduodenale Drainage des Choledochus nach Voe-
2) Bruns Beitr. z. klin. Chir. 1922, 76.
3) Anm. während d. Korrektur: Ich verweise auf die inzwischen '
schienene grundlegende und wichtige Arbeit Westphal s: „Muskclfunkti'-
Nervensystem und Pathologie der Gallenwege“, Zschr. f. klin. M. 96, sov
die diesjährigen Verhandlungen der D. Ges. f. Chir. (A s c h o f f, Berg)
4. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1175
kcr hinzufügen. Spaltung der Papille (Clioledochotomia trans-
uodenalis interna Kocher), für die Qöpel neuerdings wieder ein-
etreten ist. Cliolcdoclio-duodenostomie, die zeiner Zeit von Sasse,
■n letzten Jahre von Elörcken und von Uöpel aus inderen,
ehr beachtlich erscheinenden Gesichtspunkten empfohlen wurde und
ogar als Normalmethode bei der Choledocholithiasis angeselien
vird.
. Die bisherigen Erfolge sind — ich will noch zurückhaltend sein,
a die Zahl der Fälle1) noch zu gering ist — ermutigend. Besonders
renn man beachtet, dass die Fälle vor der Sekundäroperation ver-
eb lieh mit gegen eine vermeintliche latente Infektion gerichteten
\itteln behandelt worden waren. Wenn sich diese Beobachtungen
estätigen, dann scheint mir der Beweis für die Richtigkeit meiner
uiffassung geliefert, dass es Rezidivbeschwerden nach üallenstein-
perationen gibt, die durch Spasmen des Sphincter papillae be-
ingt sind.
Für die Auffassung der Stauungsgallenblase als einer Cholepathia
pastica oder nach v. Bergmann einer Gallenneurose würde jedoch
rst dann die gleichsam experimentelle Bestätigung erbracht sein, und
ie völlige Beweiskraft, wenn man eine Reihe von diesen Fällen ohne
Exstirpation der Gallenblase nur mit Ausschaltung des Choledochus-
chliessmuskels operierte.
Dazu wird man sich aber nicht so leicht entschlossen. Denn die
uriicklassung der Gallenblase wäre nur dann zu verantworten, wenn
och keine sekundären Veränderungen an ihr vorliegen und vor allem
och keine Infektion besteht. Denn wie ich auf der Mittelrheinischen
hirurgentagung 1920 im November an einem Fall zeigen konnte,
ann, entsprechend der Asch off sehen Anschauung, aus einer ein-
ichen Stauungsgallenblase im Laufe eines Jahres durch Dazutreten
iner Infektion ein echtes entzündliches Gallensteinleiden entstehen,
utoptisch lassen sich diese Möglichkeiten nicht ohne weiteres ent¬
kleiden.
Dazu kommt, dass ja, wie durch Rost bekannt, allein die Cliolc-
ystektomic eine wenn auch vielleicht nur vorübergehende Insuffi-
ienz des Sphinkters der Papille bedingt (Nachprüfungen mit der
'uodenalsonde an einer grösseren Zahl von Cholezvstektomierten
ird mein Assistent Dr. G e o r g i mitteilen.) Und in der Tat bleibt
i ein grosser Teil der Kranken danach beschwerdefrei. Vielleicht
nd das die Fälle von echter, isolierter Stauungsgallenblase im
inne Schmiedens, wo also ein mechanisches Ventilhindernis
in Ductus cysticus vorliegt.
An sich wäre es wünschenswert, bei den rein spastisch bedingten
allen von funktioneller Stauungsgallenblase zu einem Verfahren zu
elangen, das besser der Ursache und dem Wesen des Leidens ge-
-cht wird, als die Entfernung der Gallenblase.
Aber da wir ausser an der etwa deutlich vorhandenen Erweite-
ing des Ductus hepatico - choledochus auch autoptisch nicht fest-
ellcn können, welchen Kranken Rezidivbeschwerden drohen, so
ürdc man den leichten Eingriff der Cholezystektomie unnötig kom-
izieren, wenn man in jedem Fall noch eine den Sphinkter am>schal-
inde Operation hinzufügte. Um so richtiger ist es, jeden derartigen
all einer entsprechenden internistischen Nachbehandlung zu unter-
eben. Diese erscheint bei konsequenter Anwendung durchaus nus-
chtsvoll. wenn man neben den unmittelbar gegen Gallenstauung
id Infektion gerichteten Massnahmen alles, was die körperlich-ner v-
kie Asthenie umzustellen geeignet ist (also allgemeine Hygiene,
iätetik, Gymnastik, Psychotherapie! usw.) berücksichtigt. Denn es
andelt sich letzten Endes bei dem Leiden der Stauungsgallenblase
n die Aeusserung einer fehlerhaften Konstitution.
Deshalb wäre es eine Verkennung meiner Absicht und eine Miss-
-utung meiner Auffassung, wenn man sie so auffassen würde, als
>llte hier ein neues Operationsverfahren empfohlen werden. Gerade
e Erkenntnis, dass bei der Stauungsgallcnblase nervliche und k,,n-
itutionelle Dinge bestimmend sind, müsste uns in der Indikauons-
ellung sehr zurückhaltend machen. Unser Bestreben sollte es sein,
enn möglich bei diesen Fällen nicht zu operieren und statt der
peration eine gründliche, auf Aenderung der Konstitution cingc-
ellte internistische Allgemeinbehandlung treten zu lassen.
Für mich gibt es eigentlich nur eine Indikation. Und die hat ihre
rsache in dem Ungenügen unserer Diagnostik. Es wird schon jedem
> gegangen sein wie mir — davon geht ja diese ganze Untersuchung
is — : man glaubt, ein entzündliches Gallensteinleiden annehm n zu
üssen und findet nur eine Stauungsgallcnblase. Oder auch das Um-
.‘kelirte: man stellt die Diagnose auf eine funktionelle Erkrankung,
ltschliesst sich nur widerwillig und gedrängt zur Operation und
idet eine mit Steinen gefüllte Gallenblase (warum soll nicht auch
u Neurastheniker Gallensteine bekommen?). Und das ist der ('rund,
■r immer wieder vorläufig den Internisten und den Chirurgen
■vingen wird, im Zweifelsfall und wenn jede internistische Beliaud-
ng erfolglos blieb, doch die Laparotomie zu machen.
Aber wichtiger als alle Vorschläge neuer, operationstechniscner
ethoden ist eben der weitere Ausbau der Diagnostik. Die kritische
ergleichung des klinischen und autoptischen Befundes ist die < inzig
^lässliche Grundlage dafür. Sic ergibt schliesslich dem Erfahrenen
ichtlinien, die ihn immer sicherer in der Differentialdiagnose zwi-
hen organischen und funktionellen Gallenerkrankungen das Richtige
effen lassen.
*) 9 operierte, 4 konservativ antispastisch behandelte Fälle.
Nr. 37.
Die Regeln, die sich mir dafür bewährt haben, sind die, die ich
an dieser Stelle schon 1920 ausführte.
Für ein funktionelles und gegen ein organisches Gallenleiden
spricht:
Anamnese: Beginn des Leidens in der Pubertät oder im
Klimakterium, den Zeiten innersekretorischer Störungen. Hinweise
auf Colica mucosa. Nikotin-Abusus. Auftreten der Anfälle zu Zeiten
der Menstruation oder körperlich-seelischer Erregungen
Status: Allgemeine oder örtliche Disharmonie des vegetativen
Nervensystems oder gar allgemeine Neurasthenie. Gefässkrisen bei
Arteriosklerose, üefässdruckschmerz bei der Palpation der Aorta
und Iliacae. Druckschmerz nicht nur in der Gallenblasengegend, son¬
dern während und vor allem nac h dem Anfall auch am Zoekum,
Colon ascendens. Subfebrile Ficbererscheinungcn sind weder positiv,
noch negativ mit Sicherheit zu verwerten; bisweilen sind sie mit
den Spasmen ein Frühsymptom einer scheinbar latenten Tuberkulose.
Probebehandlung: Nachlassen der Schmerzen bei Bett¬
ruhe und bei Anwendung von Antincrvina (Brom, Luminal-Natrium
usw.) spricht für funktionelle und gegen organische Gallenleiden.
Zusammenfassung:
1. Die Rezidivkoliken nach Gallensteinoperationen können neben
den bekannten Ursachen, vor allem der noch zu wenig berücksich¬
tigten latenten Infektion (P o p p e r t), auf einem Spasmus des Sphinc¬
ter papillae duodeni beruhen. Die sinngemässe Operation ist dem¬
nach seine Ausschaltung durch Dilatation oder Spaltung der Papille
oder durch Choledocho-duodenostomie.
2. Auf Grund der epikritischen Vergleiche der diagnostischen und
autoptischen Befunde an 22 Fällen der letzten Jahre bin ich zu der¬
selben Ansicht gekommen wie v. Bergmann und Westphal.
Es gibt neben der mechanisch bedingten Stauungsgallenblase
(Aschoff, Sch mieden) ein nervlich durch Spasmus des
Schliessmuskels der Duodenalpapille bedingtes Gallenleiden, Chole-
pathia spastica oder nach v. Bergmann und Westphal „Gallen¬
neurose“.
Die . spastisch bedingte Stauungsgallenblase verlangt Zurück¬
haltung in der Indikation zur Operation; denn sie ist meistens keine
isolierte Erkrankung der Gallenwege, sondern Teilerscheinung eines
allgemeinen, oft konstitutionell bedingten Leidens.
Das Ziel muss die Differentialdiagnose zwischen organischen und
funktionellen Gallenerkrankungen sein.
Aus dem Säuglings- und Mütterheim (Prof, Dr. Schoedel)
der staatlichen Frauenklinik Chemnitz (Direktor: Ob. -Med. -
Rat Prof. Dr. Kr u 11.)
Schwachgeburt und ärztliche Praxis.
Von Johannes Schoedel.
Schwachgeburten sind immer Stiefkinder der Natur. In sehr
vielen Beziehungen stehen sie hinter den vollgewichtigen reifen Neu¬
geborenen zurück. Ihr besonders kleines Gewicht erhöht die Ungunst
des Verhältnisses von Oberfläche zu Masse, unter der der Säugling
an sich schon zu leiden hat, und erhöht dadurch nochmals die Schwie¬
rigkeiten der Wärmeregulierung, so dass Wärmestauung und Aus¬
kühlung leicht als ernste Schädigungen auftreten. Das mangelnde
Fettpolster steigert diese Gefahr um einen weiteren Grad, ganz
abgesehen davon, dass hier Sparbestände für den Stoffwechsel
fehlen, über die das gut genährte Neugeborene verfügt. Das musku¬
läre Kräftemaass des Schwachgeborenen ist gering, so dass er sich
selbsttätig noch viel weniger Schädigungen fernhalten kann als ein
kräftiges Neugeborenes und dass ihm Widerstandsbewegungen gegen
Uebererwärmung, Unterkühlung und Nässe noch viel weniger ge¬
lingen. Seine Oberhaut ist besonders zart und deshalb auch beson¬
ders verletzlich: Mechanische und bakterielle Schädigungen ent¬
wickeln hier mit Leichtigkeit ihre verderblichen Einflüsse. Minder¬
wertig ist das Kraftmaass, das der Schwachgeburt für die regel¬
mässige Atmungsfolge zur Verfügung steht. Minderwertig ist auch
der Halt ihrer Gefässwandungen, so dass Zerreissungen und Blut¬
ergüsse sie oft in lebenswichtigen Organen bedrohen. Stiefmütter¬
lich behandelt die Natur diese Kinder, indem sie sie mit nur mässiger
Saugkraft begabt und so befriedigende und dauernde Leistungsfähig¬
keit der mütterlichen Brust in Frage stellt. Stiefmütterlich ist oft
die Innenausstattung bedacht, und an der Unfertigkeit der Innen¬
organe scheitert bei Schwachgeborenen nicht selten alle ärztliche
Kunst.
Leider zieht aber auch diese ärztliche Kunst nicht immer alle
vorhandenen Register. Die Schwachgeburt ist nicht nur ein Stiefkind
der Natur, sondern nicht zu selten auch ein Stiefkind der ärztlichen
Kunst. Ganz bezeichnend ist dafür das Beispiel Oberwarths,
der über eine Frühgeburt von 750 g Anfangsgewicht berichtet, die
zunächst einmal nach der Geburt 7 Stunden lang in Zeitungspapier
verpackt in der Sofaecke lag, bis endlich ihr klägliches Schreien ihr
Recht auf Lebenserhaltung betonte.
Warum ist die Schwachgeburt öfter ein Stiefkind der ärztlichen
Praxis? Einmal deshalb, weil der Praktiker nicht streng die verschie¬
denen Zustandsformen scheidet, in die man die einzelnen Schwach¬
geburten einzuordnen hat, will man ihre Lebensaussichten einiger-
1176
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 37. 1
massen gerecht beurteilen. Ihm sind die Begriffe Untergewichtigkeit
und Unreife nicht selten gleichbedeutend. Je kleiner das Gewicht,
um so unreifer das Kind, um so geringer seine Lebensaussichten.
Leicht kann man den Gedankengang fortsetzen: Um so nutzloser die
Anstrengung. Die Schwachgeburt, die, in Handtuch, Waschschüssel
oder Zeitungspapier achtlos beiseitegesetzt, plötzlich mit lauter
Stimme ihr Lebensrecht fordert, ist jedem Geburtshelfer nicht nur
aus der ärztlichen Satire, sondern aus der Erfahrung bekannt. Unter¬
gewicht und Unreife sind durchaus nicht gleichbedeutend. Es gibt
zahlreiche, am Ende der Entwicklungszeit oder nahe diesem Ende
geborene Untergewichtige, und zwar hochgradig Untergewichtige, die
nicht nur das jeder Schwachgeburt zustehende Recht auf Lebens¬
erhaltung, sondern auch einen hohen Grad von Lebensfähigkeit mit
zur Welt bringen, und die die Mühe, die Elternpaar, Arzt und Heb¬
amme darauf verwenden, reichlich lohnen.
Als Arzt sollte man immer versuchen, sich ein Urteil über die
Wesensart der Schwachgeburt zu bilden, und oft kann man das nach
folgenden Gesichtspunkten: Wir können unterscheiden
1. die Frühgeburt — das unausgetragene, also unreife Kind,
2. die Schwachgeburt = das ausgetragene, also reife, aber
untermaassige Kind,
In der Abteilung 1 lassen sich folgende Untergruppen bilden:
a) Die Frühgeburt, die durch Unfall,
b) die Frühgeburt, die in operativer Absicht entbunden ist.
Beide Male handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um an sich
gesunde Kinder. Neben ihnen stehen in der Abteilung der Früh¬
geburten
c) die Frühgeburten, die durch Krankheit der Mutter oder der
Frucht vorzeitig entbunden wurden, z. B. im Gefolge von Lues,
Tuberkulose, akuten Infektionskrankheiten, akuten und chro¬
nischen Intoxikationen;
d) die Frühgeburten, die durch konstitutionelle Schwäche der
Eltern verschuldet sind.
Diese beiden letzten Untergruppen sind in prognostischer Be¬
ziehung natürlich um ein ganzes Teil ungünstiger zu beurteilen.
Die Abteilung 2 lässt sich in folgende Gruppen teilen:
a) Schwachgeburten von hypoplastischer Keimanlage, also aus¬
getragene Kinder, die sich vom normalen Neugeborenen durch
nichts ausser der Kleinheit aller Maasse unterscheiden;
b) Schwachgeburten infolge von Raum-, vielleicht auch Nah¬
rungseinengung im Mutterleib, z. B. bei Mehrlingsschwan¬
gerschaft;
c) Schwachgeburten als reife, aber untergewichtige Abkömm¬
linge kranker Mütter;
d) Schwachgeburten als ebensolche Abkömmlinge unterernähr¬
ter, übersorgter Mütter.
Ueber diese letzte Gruppe lässt sich streiten. Die Kriegsjahre
haben den Beweis nicht erbracht. Die Nachkriegszeit, die mit neuen
Sorgen, neuen Bedrückungen, neuen Entbehrungen über ein ge¬
schwächtes Geschlecht von Müttern hinzieht, scheint auch diese
Gruppe zu zeitigen.
Diese Abteilung der Schwachgeburten bietet naturgemäss in der
Gruppe der hypoplastischen Untergewichtigen und der Mehrlings¬
geburten recht günstige Aussichten. Die ausgetragenen untergewich¬
tigen Abkömmlinge kranker Mütter können dagegen in ihrer Wider¬
standskraft oft Frühgeburten, denen einwandfreie, gesunde Organe
eigen sind, unterlegen sein.
Immer lässt sich gewiss eine solche reinliche Scheidung der
untergewichtigen Kinder, die unserer Beurteilung unterliegen, nicht
treffen. Wie oft ist z. B. die untergewichtige Zwillingsgeburt gleich¬
zeitig auch unreif. Wie oft ist das regelrechte Ende der Schwanger¬
schaft aus den anamnestischen Angaben nur unsicher zu errechnen.
Das darf den Arzt jedoch nicht hindern, sich im jeweils vorliegen¬
den Fall möglichste Klarheit zu verschaffen.
Man könnte noch eine dritte Abteilung von Schwachgeburten
angliedern: Es gibt nämlich noch eine Reihe von Kindern, die zwar
vollgewichtig und am Ende der Zeit geboren werden, die sich aber
in der weiteren Entwicklungszeit doch durch ihren Mangel an Wider¬
standskraft auf der einen Seite und durch die Minderwertigkeit ihres
Entwicklungsvermögens auf der anderen Seite als Schwachgeburten
ausweisen. Auch die Begriffe „ausgetragen“ und „reif“ decken sich,
wie Pfaundler mit Recht sagt, nicht immer. Doch diese letzte
Abteilung bleibt ausserhalb unserer Betrachtung. In der Neugebore-
nenzeit ziehen diese Fälle nicht in gleicher Weise wie die unterge¬
wichtigen Schwachgeborenen die Aufmerksamkeit des Arztes
auf sich.
Noch in anderer Richtung ist man berechtigt, die Schwachge¬
burten zuweilen als Stiefkinder ärztlicher Kunst zu betrachten. Neben
dieser Unsicherheit in der Beurteilung der Wertigkeit des einzelnen
Falles beeinflussen den Arzt nicht selten noch Hemmungen beson¬
derer Art: Der Luesverdacht liegt oft nahe und macht manchem die
Aufzucht fragwürdig. Funktionelle und organische Hirnschäden
(Idiotie, Little) drohen im Hintergrund. Körperlich stehen auch
zahlreiche Mängel zu befürchten (Anämie, Rhachitis, Tetanie). So
ist für viele Aerzte das schwachgeborene Kind von Anfang an zum
Astheniker, zum rassehygienischen und volkswirtschaftlichen Hin¬
dernis gestempelt. Dazu kommt oft das Gefühl der Ohnmacht in der
Behandlung, weil die Ernährung an der Brust meist in Frage gestellt
ist. Das alles hemmt natürlich, besonders da solche Vorurteile und
Kenntnisse auch im Volke leben, unbewusst und halbbcwusst die
Energie des ärztlichen Helfers. Dazu kommt endlich noch, dass die .
Behandlung in ihren Möglichkeiten und Zielen in ärztlichen Kreisen f
nicht immer völlig bekannt ist.
In Wirklichkeit sind die Aussichten der Schwachgeburt, wenn sie
auch geschmälert sind, nicht so ungünstig, wie vielfach angenommen I
wird. Die Schwierigkeiten der Aufzucht sind zu überwinden, so dass |
Hingabe an dies Unterfangen lohnt, besonders wenn man die Häufig- 1
keit eines solchen Vorkommnisses bedenkt. Unter 4341 Lebend¬
geburten der hiesigen Klinik (1919,22) waren
18 Geburten unter 1000 g = 0,4 Proz.
46 Geburten von 1001 — 1500 g = 1,1 Proz.
81 Geburten von 1501 — 2000 g = 1,9 Proz.
260 Geburten von 2001 — 2500 g — 5,9 Proz.
405 Geburten = 9,3 Proz.
Das sind Zahlen, die in den Rahmen der 5—15 Proz. fallen, die,,
von den einzelnen Kliniken je nach der Umgrenzung des Begriffs I
Schwachgeburt angegeben werden (Rommel). Sie müssen natür-jj
lieh ärztlichem Tun Nachdruck verleihen. Wir können ihn erhöhen, I
wenn wir zufügen, dass Lues seltener als Grundübel in Frage kommt. |
als gemeinhin geglaubt wird: Unter 38 länger beobachteten und sero-l
logisch geprüften Fällen waren nur 3 sicher, 1 fraglich syphilitisch. I
Das stimmt gut mit Kehrers letzter Aufstellung überein, wonach!
7 Proz. aller Frühgeburten luetisch waren. Zu betonen ist auch, dass!
wir geistige Schwächezustände nicht öfter als bei Normalgeborenen!
auftreten sahen, obwohl cne monatelange Beobachtungszeit zur Ur-i
teilsbildung Gelegenheit gab. Wir beobachteten das in Uebereinstiin-B
mung mit vielen Geburtshelfern und Kinderärzten und im Gegensatz!
zu Y 1 p p ö, der bei 3,1 Proz. Little sehe Krankheit und bei 7,4 Proz.!
Schwachsinn als Folgezustand fand.
Trotzdem kann der Erfolg enttäuschen. Die Sterblichkeit ist hoch
(B u d i n 23 Proz., Reiche 31,5 Proz.,). Unter den 56 Fällen des|
hiesigen Säuglingsheims hatten wir 22 mit tödlichem Ausgang!
39 Proz. Dabei ist aber zu beachten, dass alle Fälle mitgezählt!
sind, auch die, welche von der Frauenklinik oder von auswärts so»
gut wie hoffnungslos eingeliefert wurden.
Ganz sicher ist ein hoher Prozentsatz der Schwachgeburten aml
Leben zu erhalten, wenn man nur vom Augenblick der Geburt an, 3
besser schon vor der Geburt, entsprechende Massnahmen getroffen
hat. Von diesen darf allerdings auch nicht eine einzige versagen, denn
jedes Versehen kann dem zarten Organismus verderblich werden.;.
Deshalb ist als erste Frage stets die, zu erörtern, ob die gegebenen:,
Verhältnisse überhaupt Gewähr für Zuverlässigkeit der Pflege und:
Ernährung geben. Ist das nicht sicher der Fall, so tut man am besten, ij
man überweist die Schwachgeburt unmittelbar nach der Geburt, (■
besser noch unter der Geburt, einer Frauenklinik bzw. einem Säug¬
lingsheim. Nicht nur weil hier Sondereinrichtungen (Wärmeziintner,
•Wäremebetten, Ammenernährung) vorhanden sind, die solche Pflegcjj
ungemein günstiger gestalten, sondern auch ganz besonders weil hier!
geübte Kräfte walten, die aus vielfältiger Erfahrung die Schwach-!
gehurt und ihre Bedürfnisse zu beurteilen wissen und in allen Pflege-
massnahmen die hier ganz besonders erwünschte Ucbung und Fertig-]
keit haben. Nur wo das Alter des Kindes (etwa ab 34. — 36. Woche)t!
gute Lebensaussichten gibt, wo sein Gewicht annähernd 2000 g er¬
reicht, wo seine Lebenskraft nicht zu bezweifeln ist, wo neben guteil
Nahrungsaufnahme ausgiebige und regelmässige Atmung beobachtet:!
wird, nur da darf man zuversichtlich auch im wohlgestellten Eltern¬
hause das Wagnis unternehmen. Wie unterschiedlich Elternhaus und
Klinik hier wirken, ergibt annähernd folgende Gegenüberstellung von.
Schwachgeburten, die mit einem Gewicht von mehr als 1500 g, alsoii
in der Regel erhaltungsfähig, zur Aufnahme kamen:
Unter 16 solcher Aufnahmen von auswärts hatten wir 5 Tödesfälle
= 31 Proz.
Unter 27 solcher Aufnahmen aus der Frauenklinik hatten wir 6 Todes-l
fülle = 22 Proz.
Dabei ist zu bedenken, dass dort schon eine Auswahl stattge-jl
fanden hatte, während hier eine Ucberweisung sämtlicher Fälle er-;,
folgte. Lehrreich ist in dieser Beziehung auch eine Aufstellung!
B u d i n s:
Aufnahmegewicht Sterblichkeit
Von auswärts mit unter 1500 g 97 Proz: *
32 — 35 0 Rektaltemperatur 1500 — 2000 g 85,9 Proz.
aufgenommen: über 2000 g 69,2 Proz.
Dagegen nur 23 Proz. Sterblichkeit bei den Schwachgeburten
seiner Klinik, die vor Abkühlung bewahrt wurden.
Nach welchen Gesichtspunkten ist nun zu urteilen, wenn die
Pflege im Elternhaus beabsichtigt wird? Zunächst ist immer er¬
wünscht, den wahrscheinlichen Grad der Lebenserhaltung festzu-
stellcn. Anamnestische Erkundungen müssen zu klären suchen, in
welche der erwähnten Gruppen der vorliegende Fall gehört. Steht;
der Empfängnistag fest oder wird gleichzeitig mit dem untergewich¬
tigen Kind ein vollgewichtiger, ausgetragener Zwilling geboren, so
ist die Entscheidung leicht. In vielen Fällen bleibt jedoch der Arzt
mit seinem Urteil in der Schwebe. Jedenfalls eins muss er im Auge
behalten: Je näher er das Kindesalter der 28. Schwangerschaftswoche
schätzt, um so geringer sind die Lebensaussichten, um so dring¬
licher die Austaltspflcgc an Stelle der Hauspflege. Sein Urteil über
die Lebenswahrscheinlichkeit kann er sich ja auch nach der Froe-
b e 1 i u s sehen Formel V = (b — c) — (a — b) bilden (V = Vitalität.
4. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T.
1177
> r Brustumfang, c = halbe Körperlänge, a — Kopfumfang), wobei
»ositiver Ausfall der Rechnung Lebensfähigkeit bedeutet. Doch wird
uan sich mit gleichgrosser Sicherheit oder Unsicherheit auch an fol-
tende einfachere Maassbetrachtungen halten können: Fine Schwach-
ioburt liat um so grössere Lebensaussicht, je weiter sie sich von
olgciiden Mindermaassen entfernt (Reiche):
Brustumfang 22,5 — 23 eni
Kopfumfang 26,5 — 27 cm
Körperlänge 34 cm
Körpergewicht 1Ü00 g
Ein gewisses Urteil erlauben aucli die P f a u n d 1 e r sehen
daasse: Kinder unter 45 cm und unter 2000 g sind immer unreif,
(inder über 50 cm und über 3000 g sind immer reif. In der Praxis
vird man sich mit Messungen nicht allzu oft aufhalten. Hier geben
lie Gewichte den einfachsten Maassstab ab, etwa in der Wer-
ung, dass
Schwachgeburten bis 1000 g selten erhaltungsfähig,
Schwachgeburten von 1000 — 1500 g oft erhaltungsfähig,
Schwachgeburten von 1500 — 2000 g meist erhaltungsfähig sind.
Je kleiner das Qewicht, um so grösser ist in der Regel der cr-
orderliche Pflegeaufwand. In der Regel! Pfaundler, Finkel¬
ite i n und andere machen mit Recht darauf aufmerksam, dass das
jewicht nicht immer entscheidet. Manchesmal gedeiht ein minder-
rewichtiges Kind viel besser als ein höhergewichtiges. Die Begriffe
Mindergewicht und Lebensschwäche decken sich eben durchaus nicht
mmer. Das ist auch hiesige Erfahrung.
In der Behandlung gilt die ärztliche Aufmerksamkeit immer
.vieder folgenden 5 Punkten:
I. Der Wärmeregulierung.
Sie ist bei dem Schwachgeborenen immer erschwert. Hier wirkt
Jie Ungunst des Verhältnisses von Körpermasse und Körperober-
läclie, wie sie schon dem normalen Säugling eignet, noch viel mehr
iber der untergewichtigen Schwachgeburt. Sie hält sich noch dazu
>ft wegen muskulärer Schwäche gestreckt und verliert damit noch
lusserdem die Wärmeersparnis, die das normale Neugeborene durch
Anziehen von Armen und Beinen an den Körper erwirkt. Hinzu
’commt der Mangel an Unterhautfettgewebe und die mangelhafte
Wärmeerzeugung, die in geringer Muskelbetätigung und geringem
-Toffumsatz ihre Ursache hat. Die physikalische und die chemische
Wärmeregulierung sind also behindert! Dazu kommt endlich noch die
nangelhafte Betätigung des Wärmezentrums, die sich oft trotz Wär-
uezufuhr in langanhaltender Hypothermie zeigt. Welche Bedeutung
Jein Wärmehaushalt der Schwachgeburt zukommt, das spiegelt sich
im besten in der Jahressterblichkeitskurve wieder, die eine Umkehr
icr Sterblichkeitskurve des Säuglingsalters darstellt, d. h. einen win¬
terlichen Gipfel und eine sommerliche Abflachung zeigt (G r o t h bei
Rommel).
Deshalb lauten in dieser Richtung die Behandlungsmassnahmen:
Wo nach Anamnese und Befund eine Schwachgeburt zu erwarten
steht, da ist schon intra partum für möglichst warme Umgebungs¬
temperatur zu sorgen, damit das Kind in sehr warmer Stube mit vor¬
gewärmtem Bett, angewärmter W'äsche und wohltemperiertem Bad
empfangen wird. Die Bedeutung des Wärmeverlustes darf nicht
unterschätzt werden. Wenn wir in der Klinik mehr Schwachgeburten
am Leben erhalten als im Privathaus, so liegt das zum guten Teil
daran, dass dort hinreichend Kräfte vorhanden sind, die nach der
Geburt nicht nur an die Mutter denken, sondern auch für das Kind
umfassend wirken. Untertemperaturen, die nicht zu überwinden sind,
sehen wir nur selten bei einer untergewichtigen Kliniksgeburt, häufig
aber bei Schwachgeburten, die von auswärts eingeliefert wurden.
Dann nützen uns alle Künste der Ernährung und Pflege nicht. Ein
untergewichtiges Kind haben wir freilich auch in der Klinik an Unter¬
kühlung eingebüsst. Das sei als lehrreiches Beispiel hier angeführt.
Es geschah, als anlässlich des Gemeindearbeiterstreiks der Anstalt
das Gas unterbunden wurde und damit die Wärmflaschenversorgung
des Frühgeburtenzimmers in der Nacht aufhörte. In Berücksichtigung
der Wärmeversorgung wird das 1. Bad besser auf 38 "C erwärmt.
Weitere Bäder unterbleiben bis zur Nabelheilung und werden auch
dann vorteilhaft nur in mehrtägigen Pausen vorgenommen.
Aus eigner Kraft kann das Schwachgeborene die Normaltempe¬
ratur längere Zeit nicht halten. Deshalb ist dauernde Wärmezufuhr
und Temperaturbeaufsichtigung nötig, bis durchschnittlich ein Ge¬
wicht von 2üüü g erreicht ist bzw. bis bei Unterbrechung der Wärme¬
zufuhr das Kind seine Wärmebeständigkeit erweist. Das Frühgebur¬
tenzimmer, die Couveuse und die elektrisch betriebene Wärmewanne
der Klinik sind nicht unerlässliche Forderungen. Ein gut warm ge¬
haltenes Wohnzimmer (26 — 24 — 22 0 C) und eine warme Bettstatt
genügen in vielen Fällen. Wir halten unsere Schwachgeburten in
gleichmässig gut gewärmtem, mittelbar ausgiebig gelüftetem Zimmer
im gewöhnlichen eisernen Säuglingsbett. Dieses wird durch Auslegen
mit Wolldecken seitlich abgefüttert. Als Wärmequelle werden 3
steinerne Kruken um das Kind gelegt, und nach oben wird durch einen
Gazeschleier abgedichtet. Vor plötzlicher Zugwirkung und schnellem
Wärmeverlust sind die Kinder so genügend geschützt. Ein mitein¬
gebundenes Thermometer überzeugt uns dabei immer von dem Vor¬
handensein der gewünschten Umgebungstemperatur (30 — 26 — 24 0 C)
und verhütet Ueberhitzung, die bei ungenügender Ueberwaclmux
Vorkommen kann. Spitzen der Temperaturkurve, die durch Vermin¬
derung der Wärmezufuhr sofort zu beseitigen sind, deuten diesen
Zustand an. Wir haben ein Kind, das versehentlich zu warm abge¬
deckt und nur zwei Stunden lang unter diesem Wärmeschutz bis auf
40" überhitzt wurde, verloren, obwohl es bis zu diesem Unfall schon
hervorragend gute Gewichtserfolge aufzuweisen hatte, also recht
lebenskräftig war. Gelegentlich ist der in der Erwärmung gleich-
mässigst und richtigst gehaltene Aufenthaltsort das mütterliche Bett.
Eins der kleinsten Kinder (etwa 750 g), von dessen Erhaltung die
Literatur berichtet, ist bekanntlich in den ersten Wochen im mütter¬
lichen Bett warmgehalten worden. Hier kann also ausnahmsweise
erlaubt werden, was in der Regel verboten ist. Jedenfalls darf die
Umgebungstemperatur nicht höher als die Körpertemperatur steigen.
Auch verbietet sich nach den Erfahrungen in der Couveuse andau¬
ernde und gleichmässige Hochhaltung der Umgebungstemperatur
(30 — 36 °C). Es kommt dann der gelegentliche Hautreiz kühleren
Luftstroms in Wegfall, der unentbehrlich für Vertiefung der Atmung
und für Förderung des Stoffumsatzes ist (P f a u n d 1 e r). Dass auch
für Zuführung genügenden Wassergehaltes in der Luft Sorge ge¬
tragen werden muss, ist ja eine bekannte Erfahrung der ersten Ver¬
suche mit unzweckmässigen Brutapparaten.
Anderseits haben uns die Mitteilungen von Eröss, Schmidt
u. a., aber auch eigene Erfahrungen gelehrt, dass vorübergehende,
wenn auch nur kurz einwirkende Abkühlungen (1. Ausgang, nächt¬
liche Abkühlung des Zimmers) deutlich wahrnehmbare ungünstige
Ausschläge in Temperatur- und Gewichtsverlauf erzeugen können.
Die Bekleidung der Schwachgeburt war früher mit Rücksicht auf
die Wannhaltung ausserordentlich anliegend, und mit Vorliebe wählte
man Watteeinpackungen. Davon ist man mit zunehmender Wärme¬
technik mehr und mehr abgekommen, einmal wegen der Gefahr zu
grosser Wärmestauung, dann aber auch mit der Begründung, dass
so eng anliegende Kleidung die an sich oft ungenügende Atmungs¬
breite hoch mehr einengt.
II. Der Ernährung.
Sie bietet die grössten Schwierigkeiten. Die intrauterine Ent¬
wicklung wird bei der Schwachgeburt gerade in der Zeit unterbro¬
chen, die dem Fötus das schnellste Wachstum bringt. Für ihr Nah¬
rungsbedürfnis hat deshalb die Schwachgeburt einen höheren Energie¬
quotienten nötig als das ausgetragene Kind. Sie muss eben in ihren
ersten Lebensmonaten den Wachstumsausfall ihrer fehlenden Fötal¬
zeit nachholen, und das tut sie auch in Massen- und Längenwachstum
(Reiche, Y 1 p p ö) bei geschickter Abwartung. Rechnet man bei
dem ausgetragenen Kind mit 100 — 110 Kal., so genügen bei der
Schwachgeburt erst 120 — 150 Kal. Diese Mengen geben auch B u d i n,
Salge, Langstein - Meyer, Czerny-Keller, Ober¬
warth und Birk an. Reiche berechnet wie folgt: Das Wachs¬
tum der Frühgeburt beginnt, sobald die Nahrungsmenge = Strecken¬
gewicht X 7 erreicht ist (Streckengewicht = Körpergewicht : Kör¬
perlänge). Auch folgende Angaben macht er:
Frühgeburten unter 1500 g haben einen Bedarf von 130 Kalorien,
Frühgeburten bis 1800 g haben einen Bedarf von 120 Kalorien,
Frühgeburten über 2000 g haben einen Bedarf von 100 Kalorien.
Nach Berechnungen an gut gedeihenden Schwachgeburten hiesi¬
ger Klinik wurden folgende Mengen pro kg getrunken:
Ende der 1. Woche
Ende der 2. Woche
Ende der 3. Woche
Ende der 4. Woche
In der 6.-8. Woche
bei Brusternährung
130—175 g
140—190 g
145—210 g
150—250 g
bei Ernährung mit abgedriiekter
Ammenmilch
95—150 g
140—240 g
160—240 g
165—235 g
165—225 g
Man muss also nach allem für einen Verzehr von 150 — 180 — 200 g
Frauenmilch Sorge tragen.
Neben der Beobachtung des höheren kalorischen Nahrungswertes
muss noch eine zweite Rücksicht laufen: Der Uebergang zur kalorisch
genügenden extrauterinen Ernährungsform muss im allgemeinen bei
der Schwachgeburt schneller vollzogen werden als bei dem Normal¬
geborenen. Die Schwachgeburt hat grössere Wärmeverluste, sie ist
unfertig in ihrem Organaufbau und erschöpft sich infolgedessen
schneller in ihren Körperfunktionen insbesondere in Saug-, Verdau-
ungs- und Atmungskraft. Bei knapper Nahrungszufuhr in der ersten
Lebenszeit macht sich diese leichte Erschöpfbarkeit oft überraschend
schnell geltend. Uns wurde das wiederholt durch Auftreten asphyk-
tischer Anfälle gegen Mitte und Ende der 1. Woche bewiesen, wo wir
nur langsam und vorsichtig, zu langsam und zu vorsichtig, die Nah¬
rungsmenge gesteigert hatten. Mit entsprechend erhöhter Zufuhr ge¬
lang es alsbald, die bedrohlichen Zufälle zu beseitigen. Zum Beweis
folgende 2 Krankengeschichten:
1. Diter M., Priv.-Abt. 15/22. Geburtsgewicht 1950 g. An mütterlicher
Brust mit ungenügenden Mengen genährt. Am 3. Tag schwerer asphyktischer
Anfall. Nach nunmehr reichlicher Zufütterung abgedrückter Ammenmilch kein
neuer Anfall und einwandfreies ferneres Gedeihen.
Hans Sch., Priv.-Abt. 1/22. Geburtsgewicht 1600 g. 5 Stunden nach der
Geburt eingeliefert. In den ersten 5 Tagen mit abgedrückter Ammenmilch
in Mengen genährt, die allmählich von 40 auf 100 g stiegen. Am 6., 7. und
8. Tag schwerste asphyktische Anfälle. Jetzt energische Erhöhung der Nah¬
rungsmenge unter Zuhilfenahme der Sonde auf 280 g. Alsbaldiges Ende der
Anfälle und stetige Zunahme.
Das bewiesen uns aber auch mehrfache Erfahrungen mit
Schwachgeburten, die in der Klinik entbunden wurden und brust¬
genährt ohne Anfälle am 10. — 12. Tag zur Entlassung kamen. Solche
Kinder wurden wiederholt 8 — 14 Tage später wegen schwerer as-
3‘
1178
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
phyktischer Anfälle wieder eingeliefert. Bei reichlicher Zufütterung
von Ammenmilch sahen wir diese Anfälle mehrfach alsbald ver¬
schwinden. Die Gewichtsabnahme in dem Zeitraum vom Abgang
bis zur Wiederaufnahme in die Klinik bestärkte uns in der Annahme
der Unterernährung ebenso wie die mütterlichen Angaben, dass diese
Kinder in den Tagen vor der Neuaufnahme nur noch ungern und un¬
genügend oder gar nicht an der Brust getrunken hatten.
Hieraus ergibt sich die Forderung: Man beschleunige bei der
Schwachgeburt die Zufuhr von Nahrung, so dass man nicht wie bei
dem Neugeborenen in 10 — 14 Tagen die für Unterhaltungs- und
Wachstumsbedürfnis nötigen Mengen erreicht, sondern schon in
6—8 — 10 Tagen. Das ist in vielen Fällen bei reiner Brusternährung
unmöglich. Denn einmal gibt die Brust der frisch entbundenen Mutter
oft nicht so schnell ausgiebige Mengen, zum andern ist die Saug¬
kraft des Schwachgeborenen oft zu gering, um den nötigen Reiz für
schnelle Ergiebigkeit der Brust auszuüben. Hier hilft manchmal Ver¬
mehrung der Mahlzeiten von 6 auf 8 und 10. Dann darf man nicht
davor zurückschrecken, das Kind vor der einzelnen Mahlzeit zu
wecken. Klug handelt man immer, wenn man in diesen Fällen die
Nachtpause nicht allzu lang ausdehnt, sondern durch eine Mahlzeit
unterbricht, worauf auch Schmidt schon hinweist.
Sind aber Schläfrigkeit und Saugschwäche des Kindes zunächst
nicht zu überwinden, so muss mit allen Mitteln der Kunst (Abdrücken,
Absaugen) die Leistungsfähigkeit der mütterlichen Brust schnell ge¬
steigert werden und das so gewonnene Mehr dem Kinde neben der
Brust zur Erfüllung seines höheren Wachstumspotentials zugeführt
werden. Wir gehen, wie gesagt, meist schnell auf 150 — 200 g Mutter¬
milch pro kg in die Höhe und sehen sogar häufig Schwachgeburten,
die an der Ammenbrust trinken, wochenlang dieses Maass über¬
schreiten. Gewiss gibt es auch Ausnahmen, d. h. Schwachgeburten,
die bei wenigen Mahlzeiten und kleineren Mengen gut gedeihen. In
der Regel erzielt man aber bessere Ergebnisse bei grösseren Trink¬
mengen. Bei ausschliesslicher Ernährung mit abgedrückter Milch
aus der Flasche ist man jedenfalls meist im Vorteil, wenn man sich
an die Regel, nicht an die Ausnahme hält. Wir steigen hier also
grundsätzlich in 6 — 8—10 Tagen auf 150 — 200 g pro kg.
Mit der Flasche solche Mengen dem Kinde beizubringen, scheitert
nicht ganz selten an seiner Schwäche, die sich öfter in Saug-, ja
Schluckunfähigkeit äussert. Die erstcre kann man mit Löffel, Pipette
oder Undine überwinden. Gegen letztere muss man zur Sonde
greifen. Hierbei ergeben sich im Privathaus natürlich neue Schwie¬
rigkeiten: Selten kann der Arzt zu jeder Sondenfütterung kommen,
und nicht immer ist jemand an seiner Statt vorhanden, dem man diese
Form der Ernährung sorglos überlassen kann. Wird sie mangelhaft
ausgeführt, so droht die Gefahr der Schluckpneumonie. Wo man
längere Zeit zu ihr seine Zuflucht nehmen muss, ist übrigens mit der
Möglichkeit zu rechnen, dass der spätere Uebergang zur Flaschen¬
oder Brusternährung erhebliche Schwierigkeiten bereitet, denn son¬
dengenährte Kinder sind manchmal wochenlang nicht zu Saugbewe¬
gungen zu veranlassen.
Am einfachsten löst sich natürlich die Frage der Ernährung an
der leichtgehenden Ammenbrust, die durch ein gesundes, kräftig
saugendes Ammenkind dauernd in guten Fluss gehalten wird. Gleich¬
zeitig kann dieses im Austausch die mütterliche Brust der Schwach¬
geburt in Gang bringen. Die Gefahr der Ueberfütterung an der
Ammenbrust ist durch Ueberwachung der Tagestrinkmengen zu um¬
gehen. Grösser ist dagegen die Gefahr der luetischen Ansteckung der
Amme, worauf Rücksicht zu nehmen bei jeder Schwachgeburt ern¬
steste Pflicht des Arztes ist.
Neben der Beachtung des höheren und schnelleren Nahrungs¬
bedürfnisses ist eins noch bei der Ernährung mit Muttermilch nicht
zu vergessen: Die intrauterine Entwicklung des schwachgeborenen
Kindes wurde zu einem Zeitpunkt unterbrochen, wo es starke Salz-
und Eiweisszufuhr für seinen schnell wachsenden Körper brauchte.
Das normalgeborene Kind hat diese Zeitspanne bereits hinter sich,
und ihm ist deshalb der diesbezügliche Gehalt der Muttermilch ge¬
nügend. Nicht selten sehen wir aber aus diesem Grunde bei
Schwachgeburten trotz reichlicher Zufuhr von Muttermilch flache
Gewichtskurven. Eine kleine Aufbesserung der Nahrungsmenge mit
Buttermilch oder mit 5—10 g Plasmon, in 15—30 g Emser Kränchen
oder abgedrückter Ammenmilch aufgeschwemmt, führt da oft zu
gutem Gewichtsansatz.
Dass die Erfolgsaussichten bei widernatürlicher Ernährung we¬
sentlich verschlechtert sind, braucht bei der Fülle der Fährnisse keine
Erörterung. Die gegensätzlichsten Verfahren sind vorgeschlagen.
1 »er Erfolg, der damit hier und da beschieden ist, dürfte mehr vom
Zufall als von der Berechnung abhängen.
Seitenlagerung nach vollzogener Nahrungsaufnahme ist hier noch
erwünschter als bei dem normalen Neugeborenen. Dieser und jener
plötzliche Todesfall eines Schwachgeborenen dürfte bei Ausseracht-
lassung dieser Regel auf Erstickung nach Regurgitation von Magen¬
inhalt und nicht auf einen asphyktischen Anfall zurückzuführen sein.
III. Den asphyktischen Anfällen.
Sie sind bekannt und mit Recht gefürchtet. Man ist gern geneigt,
den Eintritt dieses Ereignisses als unumgängliche Tatsache hinzu¬
nehmen, die zum Teil Folge muskulärer Schwäche (Brustmuskulatur),
zum Teil Folge zerebraler Unfertigkeit (Atmungszentrum), zum Teil
aber auch Folge zerebraler Blutungen ist. Aber gelegentlich sind sie
nach obigen Ausführungen auch unsererseits verschuldet und des¬
Nr. 37.i
halb vermeidbar. Soweit sie erst mehrere Tage nach der Geburt
eintreten, sind sie unserer Erfahrung nach öfter durch Unterernäh¬
rung hervorgerufen. Diese Ansicht äussert übrigens auch Budin.
Die Behandlung des Kindes im Anfall selbst erstreckt sich — |
abgesehen von allenfallsiger erhöhter Nahrungszufuhr — immer wie¬
der auf Hautreize, Sauerstoffzufuhr und Stiinulantien. Zu warnen isi
vor kräftiger Ausübung der Herzmassage, künstlicher Atmung odei
gar vor S c h u 1 1 z e sehen Schwingungen. Die Arbeiten Y 1 p p ö s ;
haben auf die grosse Neigung zu üefässzerreissung und Blutung be
der Schwachgeburt nachdrücklichst aufmerksam gemacht, und untei
dieser Erkenntnis verbietet sich jeder gewalttätige Eingfif.
solcher Art.
IV. Der Infektionsverhütung.
Das ausgetragene Neugeborene ist bekanntlich bakteriellen Ein¬
wirkungen in vielen Richtungen ausserordentlich zugängig und muss
deshalb möglichst keimfrei versorgt werden. Das schwachgeborent
und besonders das frühgeborene Kind besitzt diese Eigenschaft ir
noch gesteigertem Maasse. Deshalb muss in seiner Behandlung mög¬
lichste Asepsis angestrebt werden. Der behandelnde Arzt kann ir
dieser Beziehung nicht vorsichtig genug sein und muss jeglichei
Uebcrtragung von Infektionserregern vorbauen. Dieselbe Vorsicht
ist dem Pflegepersonal und der ganzen Familie zu predigen. Urr
mehrfache Infektionsquellen zu meiden, ist die Pflege möglichst aui
eine Person zu beschränken. Sie muss für diesen besonderen Fall
besonders angelernt werden und sich in den Pflegevornahmen (Bad
Trockenlegung) und Pflegegegenständen (Wäsche, Flasche, Sauger
u. s. f.) weitgehendster Sauberkeit befleissigen. Sie muss aber auch
allen verdächtigen Krankheitsfällen fernbleiben, damit sie nicht Ur¬
sache eines Schnupfens, einer Grippe, einer Bronchopneumonie, eines
Erysipels, einer Pyodermie wird. Die Pflegerin scheidet, wo irgend
möglich, sofort aus, sobald sie selbst katarrhalisch erkrankt oder
infektionsverdächtig wird. Welche Rolle Infektionen unter den
Todesfällen der Schwachgeborenen spielen, das mögen die Ursachen
unserer Verlustfälle zeigen:
Infektiöse Todesursachen:
Bronchopneumonie 6 t
Grippe 3 = 10.
Erysipel 1 >
Nichtinfektiöse Todesursachen:
Lebensschwäche •
Unterernährung
Asphyxie
Unterkühlung
Tentoriumnss
V. Der Neigung zu Gefässverletzungen und Blutungen.
Auf die Leichtverletzlichkeit der Gefässwandungen, die schor
bekannt war (R o in m e 1), hat neuerdings mit besonderem Nachdruck
Y 1 p p ö die Aufmerksamkeit gerichtet. Ihrer Bedeutung für die
Lebenserhaltung der Schwachgeburt wurde schon gedacht bei deir
Verbot lebhafter Wiederbelebungsversuche , besonders der
Schnitze sehen Schwingungen. Zuzufügen wäre an dieser Stelle
dass Y 1 p p ö manchen Todesfall einer Schwachgeburt auf eine ente-
rale Sepsis zurückführt, die er sich auf Schleimhautblutungen irr
Magendarmkanal aufbauen lässt. Es wäre zu überlegen, ob sich nicht
auch die Bronchopneumonien, die häufig das Leben der Schwach¬
geburt beenden, öfter auf solcher Grundlage vorbereften. Wieder¬
belebungsversuche, die zu Blutungen ins Lungengewebe führen
könnten, machen sich jedenfalls bei der Häufigkeit asphyktischer An¬
fälle oft nötig. Sie werden auch öfter gleich im Anschluss an die
Geburt erforderlich, denn diese erfolgt gern in Steisslage bzw. durch
Wendung. Wir hatten unter 54 Fällen 11 Steisslagen und 2 Quer¬
lagen. Wenn solche Lageabweichungen nun öfter das Eingreifen des
Geburtshelfers verlangen, so ist auch hier möglichst schonungsvolles
yorgehen dringend geboten. Die Gefahr des Tentoriumrisses, der
Sinusverletzungen und der intrakraniellen Blutungen liegt infolge der
Gefässverletzlichkeit ausserordentlich nahe. —
Wenn man so rückblickend die Gefährdung der Schwachgeburt
überschaut, so drängt sich jedem Gewissenhaften die Ansicht auf,
dass solche Kinder nur in seltenen Fällen in Privatpflege, in der Regel
in klinische Verwahrung gehören. Denn hier treten fast selbsttätig
sofort und geschlossen alle Vorsichtsmassregeln in Kraft. Nicht nur
der Arzt verfügt hier über die grössere Erfahrung, sondern neben
ihm steht die „Frühgeburtenschwester“, die mit einem durch Uebung
und Anschauung unendlich verfeinerten Empfinden über diesen Pfleg-
j ling wacht. Diese fortdauernde bewusste Ueberwachung ist aber!
; das wichtigste für die ersten Wochen, und damit schaltet im Privat-j
; haus selbst die beste und gewissenhafteste aller Mütter nicht J
Unter diesem Gesichtswinkel wird der gelegentlich gehörte Einwurf.1
Anstaltsbehandlung wäre dem Schwachgeborenen wegen gehäufter!
Infektionsgefahr gefährlicher, hinfällig. Deshalb sollte sich der prak¬
tische Arzt dort, wo die Möglichkeit klinischer Behandlung gegeben
i ist, öfter zur Ueberweisung entschliessen, um so eher, je näher das
i Alter der 28. Woche, das Gewicht der 1000 g- Grenze, die Länge der
34 cm - Grenze ist. Wo aber dieser Entschluss einmal gefasst ist, da
tut Eile not. Dann sind Ernährungsversuche an der mütterlichen
: Brust besser zu unterlassen. Sie werden erfolgreicher in der Klinik
unternommen, wohin man zu diesem Zweck die Mutter mit ver¬
bringen kann, wenn man den berechtigten Wunsch hat, dem Kinde
•14. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCH!; WOCHENSCHRIFT.
1179
die Mutterbrust zu erhalten. Keinesfalls darf uns diese Absicht zu
lause zu Hause aufhalten. Immer müssen wir uns dabei bewusst
sein, dass die Stillung solcher Kinder an der Mutterbrust oft an der
Schwache des Kindes und der anfänglichen Schwergängigkeit der
Milchdrüsen scheitert, an Schwierigkeiten, die an der Brust einer ge¬
übten Anstaltsamme viel leichter zu überwinden sind. Sobald wie
möglich soll die Ueberführung stattfinden, also möglichst sofort nach
der Geburt, selbstverständlich stets unter Vermeidung jeglichen
Würmcverlustes für das Kind. Das ist leicht mit Hilfe von Wärm¬
flaschen, Decken und geschlossenem Wagen zu jeder Jahreszeit zu
bewerkstelligen.
Literatur.
Ober wart li: Jahrb. f. Kinderhlk. 60. — Pfaundler: Döderleins
Hb. d. Geburtshilfe 1915. — Rommel: Hb. d. Kindcrhlkd. von Pfaundler-
Schlossmann. — Kehrer: Zbl. f. Gyn. 1923 Nr. 6. — Ylppö: Zschr. i.
Kinderhlkd. 1919, 20. u. 24. — Budin: Zitiert nach Pfaundler. —
Reich: Zschr. f. Kinderhlkd. 1915, 12. u. 13 und Erg. d. inn. Med. 1917, 15.
— Finkeistein: Lehrb. d. Säuglingskrkli. 1921. — Eröss: Zschr. f.
Heilkunde 24. — Schmidt: Jb. f. Kinderhlkd. 42. — C z e r n y - K e 1 1 e r:
Handbuch. — Langstein-Meyer: Grundriss der Säuglingsernährung.
Aus dem Allgemeinen Krankenhause Hamburg-Barmbeck.
(Direktor: Prof. Dr. Th. Rumpel.)
Zur Kasuistik der Meningokokkenmeningitis mit einer
Bemerkung zur Serumtherapie.
Von Dr. med. Walther Jantzen.
Unter den im hiesigen Krankenhaus beobachteten Fällen von
epidemischer Genickstarre, die besonders in diesem Frühjahr ver¬
hältnismässig häufig auttraten, können 2 Fälle ein besonderes Inter¬
esse beanspruchen. Die Auszüge aus den Krankengeschichten seien
liier daher kurz wiedergegeben.
Fall 1. Die Patientin erkrankte zum ersten Male an epidemischer
Genickstarre im 15. Lebensjahre am 25. 111. 1915 unter den üblichen Er¬
scheinungen mit heftigen Kopfschmerzen, Benommenheit, Unruhe und hohem
Fjeber. Der Lumbaldruck war stark erhöht; im wiederholt abgelassenen
Liquor stets reichliche Mengen von polynukleären Leukozyten und zahlreiche
Gram-negative, meist intrazellulär gelegene Diplokokken, die kulturell typi¬
sches Meningokokkenwachstum zeigten. Im Blut konnten keine Meningo¬
kokken nachgewiesen werden, dagegen wurden dieselben sowohl im Nasen-
wie auch im Rachenabstrich mikroskopisch und kulturell festgestellt. Verlauf
unter ganz unregelmässigen, teils remittierenden, teils intermittierenden
Fieberbewegungen. Nach 43 Tagen fieberfrei. Nachdem nach mehrwöchiger
lokaler Behandlung der Nasen- und Rachenschleimhäute Meningokokken auf
denselben nicht mehr naehgewiesen werden konnten, wurde die Kranke als
geheilt entlassen. Sie hat dann bei vollem Wohlbefinden, ohne irgendwelche
Störungen und Beschwerden ihren Beruf als Kontoristin ausüben können. Am
9. VIII. 1922. also nach fast 7/4 Jahren, erkrankte sie plötzlich erneut mit
heftigen Kopfschmerzen und mit hohen Temperaturen. Bei der Aufnahme im
Krankenhaus am 12. VIII. 1922 waren Nackensteifigkeit und Kernig deutlich
vorhanden. Der unter starkem Druck stehende Liquor enthielt reichlich
Eiterkörperchen und Meningokokken, die auch kulturell nachgewiesen
werden konnten. Ebenso waren im Rachenabstrich kulturell und mikro¬
skopisch Meningokokken nachweisbar. Am 19. Krankheitstage plötzlich aus
bestem Wohlbefinden Bewusstlosigkeit. Exitus innerhalb 2 Tagen. Die Ob¬
duktion ergab eine typische eitrige Meningitis mit starkem Hirnödem.
Es handelt sich also in diesem Falle um zwei miteinander nicht
in direktem Zusammenhang stehende Erkrankungen von epidemischer
Genickstarre. Wiederholte Erkrankungen sind bisher, soweit ich
unterrichtet bin, nicht bekannt. Die Literaturangaben erstrecken sich
nur auf Beobachtungen über Rezidive, die innerhalb eines Jahres
nach dem Beginn der Erkrankung auftreten können. Diese Rezidive
entstellen jedoch nicht im Anschluss an ein völlig erscheinungsloses
Intervall. Es sind vielmehr stets mehr oder weniger intensive Be¬
schwerden vorhanden, die zeigen, dass der Entzündungsprozess nicht
völlig abgelaufen ist. In unserem Falle haben wir einen völlig be¬
schwerdefreien Zeitraum von über 7 Jahren, der wohl, ohne den
Tatsachen besonderen Zwang anzutun, dafür spricht, dass es sich
um zwei völlig gesonderte Erkrankungen handelt. Ob allerdings
die Erkrankung von demselben Herd und durch denselben Errcgcr-
stamm — es wurden beide Male Meningokokken auf der Rachen¬
schleimhaut festgestellt — liervorgerufen wurde, oder ob eine zu¬
fällige Neuerkrankung vorliegt, das lässt sich natürlich schwer ent¬
scheiden. So ganz möchte ich den Gedanken nicht von der Hand
weisen, dass ein in den Hirnhäuten bei der ersten Erkrankung zurück¬
gebliebener Herd erneut aufgeflackert ist. Dann würde es sich also
auch in diesem Falle letzten Endes um ein Rezidiv handeln.
Der 2. Fall betrifft ein 16 jähriges, kräftig entwickeltes Mädchen, das ■
plötzlich am 6. II. 1922 mit heftigen Kopfschmerzen und Erbrechen erkrankte. 1
sie wurde im benommenen Zustande ins Krankenhaus eingeliefert. Nacken- 1
Steifigkeit und Kernig waren vorhanden, die Reflexe in Ordnung. Die Lumbal¬
punktion ergab sehr hohen Liquordruck; im Liquor waren reichlich Eiter¬
körperchen und vereinzelte intrazellulär gelegene Gram-negative Diplokokken !
vorhanden; kulturell gelang der Nachweis des Erregers nicht. Nach 4 Tagen 1
gingen die Erscheinungen zurück und die Kranke war fieberfrei. Am j
-h II. 1923 erneuter Temperaturanstieg bis 39,5°. Heftige Kopfschmerzen
und Erbrechen. Die Pupillen waren mittelweit, die linke grösser als die
rechte; träge Reaktion auf Licht und Konvergenz. Geringe Nackensteifigkeit.
I-jquordruck stark erhöht; im Liquor keine Zellvermehrung, Nonne +. Am ,
nächsten Tage Zunahme der Erscheinungen. Die erneut vorgenommene
Lumbalpunktion ergab stark eitrigen Liquor. Am 23. II.. also am 3. Tage
des Rezidivs, Temperaturabfall. Leichte Parese beider Beine. Am 24. 11.
nur noch geringe Temperaturen. Beide Beine sind schlaff gelähmt. Patellar-
reflexe fehlen, Babinski ist Die Empfindung für Berührung ist an den
unteren Extremitäten aufgehoben, die Schmerzempfindung ist verzögert, ln
den nächsten I agen bei völliger Fieberfreiheit langsame Zunahme der Läh¬
mungen. Völlige Blasen- und MastdarmUilunung; völlige sensible Lähmung
vom Nabel an abwärts. Herabgesetzte Lieht- und Gohörsempfindurig. Deichte
bulbäre Symptome. Am 8. 111. sind nach zeitweiligen heftigen Schmerzen
auch beide Arme fast völlig gelähmt. Am 12. III. nur noch reine Zwerchfell¬
atmung. Die bulbären Symptome haben sehr zugenommen. Die Licht- und
Gehörsempfindung ist stark herabgesetzt. Am 13. III. Exitus infolge Atem¬
lähmung. Die Obduktion ergab geringe Trübung und Verdickung der Häute
des Kleinhirns. Die Häute des Rückenmarkes sind trübe und rötlich-grau. Das
gesamte Mark bis hinauf zur Medulla oblongata ist besonders in der Gegend
der Hinterstränge gelblich erweicht und stellenweise von kleinen Blutungen
durchsetzt. Im Ausstrich des Dorsalmarks Gram-negative Diplokokken vom
J ypus der Meningokokken. Die mikroskopische Untersuchung ergab eine
leukozytäre Infiltration des Rückenmarkes mit zahlreichen kleinsten Blu¬
tungen.
Wir haben also das Bild einer aufsteigenden, sowohl die moto¬
rischen wie die sensiblen Nerven umfassenden Lähmung vor uns
neben Paresen, die das Hirnnervengebiet betreffen. Abgesehen von
Lähmungen in diesem letzteren Gebiet, die häufiger beschrieben sind,
kommen Paresen im Verlauf der Meningitis epidemica im allgemeinen
selten vor. Bei den in der Literatur erwähnten seltenen Lällen
handelt es sich zumeist um spastische Paresen (Diplegien) ohne
Sensibilitätsstörungen oder um Hemiplegien von flüchtigem Cha¬
rakter.
Die Therapie, die wir bei der Meningokokkenmeningitis an¬
wandten, beschränkt sich in der Hauptsache auf die Lumbalpunktion
zur Druckentlastung, zumeist mit anschliessender Spülung des
Rückenmarkskanals mit physiologischer Kochsalzlösung, Trypaflavin
oder Vuzin. In der letzten Zeit verwandten wir auch wieder, ver¬
anlasst durch die günstigen Berichte von Knöpfeimacher (s. Hb.
Kraus-Brugsch) und von anderen Autoren, Meningokokkenserum, das
intralumbal und intravenös appliziert wurde. Eine eindeutige günstige
Wirkung von Meningokokkenserum haben wir jedoch nicht feststellen
können. Entscheidend für die Beurteilung der Wirksamkeit kann
meines Erachtens nur der Einfluss auf das Krankheitsbild jedes ein¬
zelnen Falles sein, nicht statistische Erhebungen, wie sie vielfach als
Beweismittel für die günstige Wirkung des Serums verwandt wurden.
Ganz besonders die epidemische Genickstarre hat einen so wechsel¬
vollen Charakter, dass man aus einer mehr oder weniger grossen
Mortalität noch nicht auf die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit einer
Therapie schliessen kann. Die Beschaffenheit des Liquors scheint mir
ein gutes Bild von der Schwere der Erkrankung zu geben. Sind im
Liquor reichlich Leukozyten und wenige oder gar keine Meningo¬
kokken nachweisbar, ist dabei der Lumbaldruck hoch, so dass man
annehmen kann, dass die Rückenmarksflüssigkeit in Kommunikation
mit der Ventrikelflussigkeit steht, so sind wir berechtigt anzunehmen,
dass der kranke Organismus bisher zu einem gewissen Grade Herr
der Erkrankung geblieben ist. Sind dagegen reichlich Meningokokken
im Liquor vorhanden und zeigen dieselben durch leichte Züchtbarkeit,
dass sie wenig geschädigt sind, so spricht das für eine schwere In¬
fektion. Abgesehen von mechanischen Verhältnissen wird die Be¬
urteilung der Serumwirkung von diesem Gesichtspunkte aus zu ein¬
wandfreieren Resultaten kommen, als statistische Erhebungen oder
rein klinische Betrachtungen. Ich habe solche nach dem Liquorbefund
als schwer zu bezeichnende Erkrankungen auch durch konsequente
Serumtherapie nicht heilen sehen.
Aus der Chirurg, Abt. des städt. Katharinenhospitals Stuttgart.
(Leitender Arzt: Prof Dr. Stein thal.)
Darmzerreissung durch eigenhändige Reposition einer
Schenkelhernie.
Von Dr. med Gustav Krauss.
In einer grossangelegten Arbeit aus der Tübinger chirurgischen
Klinik unter der ehemaligen Direktion des Prof. v. Bruns hat
Sänger 5 Fälle von Darmrupturen durch Taxisversuche mitgeteilt
und aus der Literatur noch weitere 35 Fälle gesammelt, so dass er
an der Hand von 40 Fällen die wichtigsten Punkte über diese eigen¬
artige Verletzung zusammenstellen konnte. Sänger beschäftigt sich
hauptsächlich mit dem Mechanismus dieser Rupturen und gelangt zu
dem Ergebnis, dass es sich in den meisten Fällen um sog. Berstungs-
rupturen gehandelt hat, wobei die Darmwand an der kontramesen¬
terialen Seite des Darmes am häufigsten einen spaltförmigen
Riss aufwies. Da die Arbeit an leicht zugänglicher Stelle, in den
B r u n s sehen Beiträgen zur kl in. Chir. veröffentlicht ist, kann wohl
von einem ausführlichen Referat abgesehen werden. Es mag nur
betont werden, dass von den 40 mitgeteilten Fällen 5 Fälle durch
Selbsttaxis zustande kamen, darunter Fall 4 aus der Bruns sehen
Klinik, die übrigen 4 Fälle aus der Literatur.
Seit dieser Arbeit, welche aus dem Jahre 1910 stammt, sind
nur 2 weitere kurze Mitteilungen erschienen, die eine von Gutzeit,
die andere von Hilgenreiner, woraus hervorgeht, dass eine
Darmruptur bei Selbsttaxis immerhin zu den selteneren Ereignissen
gehört. So ist die Veröffentlichung eines weiteren Falles wohl ge¬
boten.
1180
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 37.1
Es handelt sich um eine 66 jähr. Kranke F. W„ die seit 25 Jahren an
einer rechtseitigen Schenkelhernie litt, die sich 6 Wochen vor der Aul-
nähme einklemmte. Sic wurde damals von dem zugczoKcnen Arzt anstandslos
reponiert. Am 27. XI. v. J. mittags um Yi3 Uhr Wiederaustreten der
Hernie, die von der Kranken mit einer gewissen Gewalt reponiert wurde,
worauf sich gleich das Geiühl einstellte, als ob im Leibe etwas zerrissen sei.
Der herbeigeholte Arzt fand die Bruchpforte frei, konnte zunächst nichts Ab¬
normes feststellen, gab gegen die Schmerzen Morphium. Als sich dann
am folgenden Tage der Zustand verschlechterte (Erbrechen, Sistieren von
Wind und Stuhlgang) wurde Prof. Steinthal gebeten, der die Diagnose
mit grösster Wahrscheinlichkeit auf Darmruptur stellte und die sofortige
Ueberführung ins Krankenhaus zur Operation veranlasste. Beim Eintreiien
im Krankenhause um 6 Uhr abends wurde folgender Befund erhoben: Mittel-
grosse Kranke in mittlerem Ernährungszustand. Leidender Gesichtsausdruck.
Zunge feucht, kaum belegt. Lungen o. Bes. Herz: 11. Pulmonalton etwas
akzentuiert, Töne nicht ganz rein. Puls etwas beschleunigt, mittelkräftig, ab
und zu ein Schlagausfall. Temperatur 38,7°. Abdomen: leicht aufgetrieben,
in der rechten inguinalfalte ebenfalls eine leichte Vorwölbung, die sich aber
auf Husten nicht weiter vorwölbt, nicht druckempfindlich ist. keine abnorme
Dämpfung zeigt. Leberdämpfung etwas hochstehend, erstreckt sich von der
5. Rippe bis zum oberen Rand der 6. Rippe. Leib diffus schmerzhaft.
Keine Darmgeräusche zu hören, Peritonealreiben nicht mit Sicherheit. Per
vaginam: leichter Prolaps der vorderen Vaginalwand, Douglas sehr druck-
empfindlich. Urin: Indikan nicht nachweisbar, Eiweiss und Zudker negativ.
Diagnose: Peritonitis, wahrscheinlich Darmruptur nach Selbstreposition einer
Kruralhernie. t
Operation: Am 28. XL 22 abends 6 Uhr 30 Min. in Mo.-Chlorof.-
Aether-Tropfnarkose (Prof. S t e i n t h a 1). Eröffnung des Unterleibes mittels
eines etwa 12 cm langen Schnittes, der etwa 4 Querfinger unterhalb des
Nabels beginnt und sich in der Mittellinie nach abwärts zieht. Nach Durch¬
trennen des Peritoneums stellen sich zunächst einige leicht geblähte, etwas
injizierte Dünndarmschlingen ein. Beim Auseinandernehmen derselben Hiesst
etwas trübe Flüssigkeit ab. Beim Eingehen mit einem Tupfer in die 1 iete
gegen das kleine Becken zu kommt noch stärker getrübte Flüssigkeit nach.
Nun werden die Dünndarmschlingen abgesucht und dabei zeigt es sich, dass
die aus dein kleinen Becken her^usgeholten Schlingen fibrinös-eitrig belegt
sind, aber eine Perforationsöffnung findet sich zunächst nicht. Dieselbe wird
in der Zoekalgegend vermutet wegen der rechtseitigen Kruralhernie, und da
sich das Zoekum mit den untersten lleumschlingen nicht gut freilegen lässt,
wird ein 4 cm langer Querschnitt durch den rechten geraden Bauchmuskel
hindurchgeführt. Nun erhält man genügend Raum, um das ganze Da,m-
konvolut herauszuführen samt dem Zoekum, zunächst findet sich auch hier
keine Perforationsöffnung. Erst nachdem die höhergelegenen Darmschlingen
abgesucht werden, findet sich vielleicht 50 cm von der lleozoekalklappe ent¬
fernt eine etwas stärker fibrinös-eitrig belegte Stelle, die in der Längs¬
richtung einen feinen Spalt zeigt, aus dem Luft herauszischt. Dies ist die
Perforationsstelle. Sie wird in querer Richtung in zweireihiger Etagennaht
geschlossen und dann aus dem kleinen Becken eine Menge trüber Flüssigkeit
herausgetupft und ausgespült. Das Peritoneum parietale des kleinen Beckens
ist stark injiziert, ebenso die dorsale Mesenterialplatte des Mesenteriums
sehr stark injiziert. Zum besseren Durchspülen des kleinen Beckens wird
der Douglas mit einer Kornzange durchgestossen und ein langes Drainrohr
von dem tiefsten Punkt des kleinen Beckens durch die Vagina herausgeführt;
dann kommt noch eine Hegarröhre in das kleine Becken, worauf der Bauch
in zweireihiger Etagennaht geschlossen wird unter Herausleiten der Hegar¬
röhre zum untersten Wundwinkel. Austamponieren der Vagina mit Jodoform¬
gaze.
Aus dem Verlauf ist noch hervorzuheben, dass die Kranke sofort nach
der Operation viel besser aussah. In den nächsten Tagen haben sich die
peritonitischen Reizerscheinungen vollständig zurückgebildet. Die Sekretion
war anfänglich sehr stark. Am 6. Tag wird das vom Douglas zur Scheide
herausgeführte Drain entfernt. Die in die Hegarröhre eingelegten Tampons
werden noch mehrmals täglich gewechselt, wobei sie regelmässig mit reich¬
lich eitrigem übelriechendem Sekret durchtränkt sind. 10 Tage nach der
Operation kam es noch einmal zu einer Temperatursteigerung (bis 39 u) infolge
Sekretverhaltung. Es wird deshalb durch die Hegarröhre hindurchgespült.
3 Wochen nach der Operation ist die Eiterabsonderung so gering, dass auf
Drainage verzichtet werden kann. Nunmehr granuliert die Bauchwunde all¬
mählich zu, das Allgemeinbefinden der Kranken hebt sich zusehends, so dass
die Kranke am 13. 1. 23 — also etwa 7 Wochen nach der Operation —
geheilt entlassen werden kann.
Bei1 unserem Fall fand sich wie bei Hilgen reiner die Per¬
forationsstelle an einem nicht irgendwie durch Narben oder sonst
veränderten Darmabschnitt vor. Die vorhandenen fibrinös-eitrigen
Beläge waren ja ohne Zweifel sekundär durch die nach der Darm¬
ruptur einsetzende Peritonitis bedingt. Nun ist ja eine Berstungs-
ruptur auch des nicht pathologisch veränderten Darmes bei enger
Bruchpforte, wie sie bei Schenkelhernien die Regel ist, möglich. In
der engen Bruchpforte findet eine Abknickung oder Abklemmung des
zuführenden und abführenden Darmschenkels statt. Bei einem gewal-
samen Repositionsversuch wird auf den zum Teil flüssigen, zum Teil
gasförmigen Darminhalt ein Stoss ausgeübt, der, wenn ein Ausweichen
des Darminhaltes nicht möglich ist, zum Bersten des Darmes führen
kann. Dass die Frequenz der Taxisruptur im höheren Lebensalter
eine grössere ist, worauf auch Sänger hinweist, dürfte wohl in
einer vermehrten Zerreisslichkeit des Darmes infolge allgemeiner
Altersatrophie und starker Abnahme der elastischen Elemente zu
suchen sein. Insofern sind bei unserem heutigen Falle die physi¬
kalischen Verhältnisse geklärt, während es andere Fälle von Darm¬
rupturen gibt, bei denen die Verhältnisse komplizierter liegen und ein
Erklärungsversuch auf Schwierigkeiten stösst. So haben wir kürz¬
lich folgenden Fall erlebt:
47 jähr. Landwirt fiel beim Sturz mit seinem Fahrrad auf die Lenkstange
etwa zwischen Symphyse und Nabel. Bei der etwa 9 Stunden nach dem
Unfall ausgeführten Operation fand sich an der kontramesenterialen Seite
einer nicht übermässig stark belegten Dünndarmschlinge, die keine Spur einer
direkten Quetschung aufwies, eine 5 mm lange, längsgestellte, schlitzförmige
Oeffnung mit evertieiter Schleimhaut. Dieser Fall, der in glatte Genesung
ausgegangen ist, bot bei der Operation keine sicheren Anhaltspunkte zu seiner
physikalischen Erklärung. Schön leb er hat dieses vielumstrittene 1 heina
in einer Arbeit aus unserer Abteilung an der Hand früherer Fälle ausführlich
besprochen, allerdings ohne die Frage restlos zu klären.
Aber wichtiger als diese theoretische Erörterung ist die früh¬
zeitige Stellung der Diagnose, da die Prognose der sich selbst über-ij
lassenen Darmruptur durch T axis sehr schlecht ist. Für die Diagnose¬
stellung ist man hauptsächlich auf anamnestische Angaben ange¬
wiesen, da man bei gelungener (!) Selbstreposition von einer Hernie
überhaupt nichts sieht. Darauf weist besonders Hilgen reiner
hin der bei seinem Full die Ursache der Durmruptur erst nacht räglic#i
festgestellt hat. In allen bis jetzt mitgeteilten Fällen ist ausdrücklich
ein plötzlicher, sehr heftiger Schmerzanfall beschrieben, der sofort
bei dem Zurückbringen des Bruches oder ganz kurz nachher auftrat
Dies wurde auch in unserem Fall angegeben. Dazu kommen die
objektiven Zeichen der mehr oder weniger ausgedehnten Peritonitis.
Druckempfindlichkeit, Aufhören der Peristaltik, 1 emperatursteige-
rung, die Alteration des Pulses und ein gewisser leidender Ciesichts-
ausdruck. , , A , .
Was die Operation betrifft, so kann schon das Auffmden der
Perforationsstelle besonders dann, wenn die Därme in grösserer Aas-
dehn ung fibrinös-eitrige Beläge aufweisen, Schwierigkeiten machen
worauf Sänger hinweist. Neben dem Verschluss der Perforations-
stelle ist die Reinigung der Bauchhöhle von grösster Bedeutung. Auel
eine Ableitung der Sekrete ist wichtig. Bei Frauen ist das Probleir
insofern verhältnismässig einfach, als man den Douglas als tiefster
Punkt für die Ansammlung der zu erwartenden Nachsekretion zui
Scheide hinausdrainieren kann. Bei Männern ist die Lösung diesei
Aufgabe schwieriger. Hier muss man eine Hcgar- oder Dreessmann-
röhre vom unteren Winkel des Bauchschnittes aus ins kleine Beckei
hinabführen. Wir haben öfters mit solchen Röhren erfolgreic!
drainiert, ohne ein Missgeschick zu erleben, wie es kürzlich im Zbl. f
Chir. 1922 Nr. 48 beschrieben worden ist, weil wir genau so wie
Dreessmann nur Röhren verwenden, deren Oeffnungen relativ
klein sind. Diese Drainage — dies mag nochmals betont werden —
ist nur nötig, wenn bei der Operation eine ausgedehnte Peritonitis
mit reichlich flüssigem Exsudat vorhanden und ein weiteres Auftrete;
von Exsudat zu erwarten ist. Ist dies nicht der Fall, so kann man
wie in unserer zweiten oben mitgeteiltcn Beobachtung den Leit
drainlos schliessen.
Bei dem wider Erwarten günstigen Verlauf unseres ersten Falle:
bat zweifellos die von Prof. S t e i n t h a 1 angewandte Methode dci
Sekretableitung eine grosse Rolle gespielt. Bei dem Alter dei
Kranken, der langen Zeitdauer zwischen dem Eintritt der Ruptur uni
der Operation (28 Stunden) und der Lage der Rupturstelle (im unter
sten Ileum, wo der Darminhalt sehr bakterienreich ist), war die Pro
gnose sehr zweifelhaft. Die Spülungen abwechslungsweise durch dii
durch die Bauchwunde eingelegte Hegarröhre und durch das durc!
die Scheide eingelegte Drain haben ebenso wie das häufige Wechsel)
der Tampons in der Hegarröhre grosse Mengen infektiösen Material:
aus der Bauchhöhle entfernt, sonst wäre der Körper der Infektioi
sicher nicht Herr geworden. Da die heutige Zeit, in der man siel
scheut, den Arzt rechtzeitig zu holen, dieses Ereignis öfters in diij.
Erscheinung treten lassen dürfte, so wird die Veröffentlichung noca
besonders gerechtfertigt sein.
Literatur.
G u t z e i t: Dartnzerreissung durch eigeilhändige Zurückbringunfl
eines Schenkelbruches. M.m.W. 1921 Nr. 36. — H i 1 g e n r e i n e r: Darin!
zerreissung durch eigenhändige Reposition eines freien Leistenbruche^
M m.W 1922 Nr. 22. — 0. Kapp eie r: Die Ruptur des inkarzerierte|
Darms bei der Taxis. D. Zschr. f. Chir. 1909, 100. — F. Sänger: WJ
Taxisrupturen des eingeklemmten Bruchdarmes. Brutis Beitr. 1910. 68.
W. Schönleber: Zur Frage, wie Berstungsrupturen des Darmes entt
stehen. Bruns Beitr. 121, H. 3.
Familiäres Auftreten von Ulcus im Gastroduodenaltraktus
Von Dr. Adolf Ohly-Kassel.
• Familiäres Auftreten von Ulcus ventriculi et duodeni war bereit
den alten Aerzten bekannt und hat auch in der neueren Literatu
wiederholt Erwähnung gefunden. Während Wegele [l| in seiner
Lehrbuch mit einem kurzen Hinweis auf diese Tatsache aufmerksam
gemacht hat, haben Huber [2], v. Czernecki [3l und Plitel
1 4] Fälle von familiärem Auftreten von Ulcus ventriculi veröffentj
licht. Auch Bergmann [5] und sein Schüler W e s t p h a 1 [6] habe’
in ihren Arbeiten immer wieder auf die Heredität und das konstitutioj’
nelle Moment als ätiologisch wichtigen Faktor in der Ulcusgenesj
hingewiesen.
In allerletzter Zeit ist eine Arbeit von Frenkel-Tissot 171
erschienen über „Familiäre Schleimneurose des Magens auf detj
Boden der Vagotonie“. Beide Autoren sehen die gemeinsame UH
sache dieser seltenen familiären sekretorischen Störung des Magen;
in einer hereditären Vagusneurose.
Sehr eingehend haben sich Bauer und Aschner |8l in eine
ausführlichen Arbeit mit dem Problem „Konstitution und Vererbun
bei Ulcus pepticum ventriculi et duodeni“ befasst. Diese Autorc
kommen zu dem Resultat, dass es keinen speziell für das Ulcus cha
rakteristischen oder bei Ulcusträgern besonders häufig Vorkommen
den Habitustypus gibt. Auch das häufige Vorkommen von Ulcus bi
Tuberkulosefamilien wird von ihnen abgelehnt. Anerkannt wird vo
1181
14. September 1923, _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Jicsen Autoren, dass die minderwertige Erbanlage unter den Men¬
schen ausserordentlich verbreitet ist und dass es eine konstitutionelle
Minderwertigkeit des Magens gibt.
Bei dem Interesse, das man heute noch allerseits der Ulcusgenese
jntgegenbringt, dürfte die kasuistische Mitteilung von selbstbeobach¬
teten Ulcusfamilien und von 60 Fällen von Ulcus und Karzinom im
iastroduodenaltraktus, bei denen obige Erkrankungen sowohl in der
Aszendenz, als auch bei den Kollateralen festgestellt werden könn¬
en, gerechtfertigt sein. Ich glaube, dass die verhältnismässig grosse
Anzahl dieser Fälle, auch ohne dass bei ihnen di'c Methodik der Unter¬
suchung von Bauer und Aschner zur Anwendung gelangt ist,
„•ine gewisse Beweiskraft für das konstitutionell-hereditäre Moment
nt der Ulcusgenese abgeben kann.
Die 9 Ulcusfamilien sollen kurz angeführt und die 60 anderen
Fälle aus redaktionellen Gründen in einer kurzen Zusammenstellung
erläutert werden.
1. Familie St. aus B. in Hessen. Grossmutter lange Jahre magenleidend,
starb an einer Magenblutung, deren Sohn gestorben an Ulcus carcinomatosum
(operiert), jahrelang von mir behandelt. Von diesem verstorbenen Vater
Sind 5 Kinder vorhanden. Der Aelteste wegen Ulcusstenose operiert (hintere
Gastroenterostomie), vor einem Jahr an Appendizitisperforation gestorben.
Der Zweitälteste Sohn leidet seit 1914 an einem chronisch rezidivierenden
Ulcus parapyloricum oder duodeni, bisher 3 Magenblutungen gehabt. Der
dritte Bruder wegen Ulcusstenose operiert, hintere Gastroenterostomie. Eine
Schwester leidet seit 1916 an einer chronischen Hyperazidität und Katarrh
| aiit periodisch auftretenden Schmerzen im Magen. Röntgendurchleuchtung gibt
Verdacht auf chronisch rezidivierendes Ulcus der kleinen Kurvatur. Der
iüngste und letzte Bruder leidet an einem leichten Spitzenkatarrh mit
Hyperazidität und -Sekretion, ohne sichere Anzeichen eines manifesten Ulcus.
Ausser der ürossmutter und dem verstorbenen ältesten Bruder sind alle
Familienmitglieder von mir behandelt worden.
Wir haben also in dieser Familie in der Aszendens zweier Generationen
und in den Kollateralen der 3. Generation bei 4 von 5 Geschwistern Ulcus.
Dabei handelt es sich in dieser Familie um kräftige Bauern ohne Habitus
.isthenieus, keine Lues, Trauma oder Missbrauch von Alkohol oder
Nikotin. Ein besonders hervorstechendes Merkmal der ganzen Familie
— auch des Vaters — war Leichterregbarkeit, Neigung zu Jähzorn. Von den
5 Geschwistern leiden 4 an spastischer Obstipation, haben gesteigerte Sehnen-
und Bauchdeckenreflexe und ausgesprochenen Dermographismus.
2. Familie V. aus M. in Hessen. Eltern nicht magenleidend, 8 Ge¬
schwister. Von diesen ist die Zweitälteste, jetzt 58 Jahre alte Schwester seit
30 Jahren magenleidend, 2 mal Hämatemesis, operiert wegen relativer Darm-
>tenosc. Der Operationsbefund ergab hochsitzendes, haselnussgrosses, kallöses
Ulcus an der kleinen Kurvatur mit starker Perigastritis und Netzadhäsionen
lein solcher Netzstrang hatte das Colon transversum in seinem lienalen Teile
rbgeklemmt). Ein Bruder, 54 Jahre alt, seit seinem 22. Lebensjahr magen¬
eidend, 1 mal Hämatemesis. Röntgenologisch: chronisches Ulcus pylori mit
relativer Pylorusstenose. Ein zweiter Bruder, 52 Jahre alt, seit 5 Jahren
magenleidend, chemische Magensaftuntersuchung ergab Hyperazidität und
-Sekretion. Blutprobe (Benzidin) im Magensaft und im Stuhl positiv. Also
iiich hier wahrscheinlich ein chronisch rezidivierendes — vielleicht noch ober¬
flächliches — Schleimhautulcus, als dessen Sitz nach dem Röntgenbefund die
deine Kurvatur angesprochen werden muss. Die älteste Schwester, jetzt
b5 Jahre, seit 30 Jahren magenleidend, 3 mal Magenbluten gehabt. Die Kranke
ist von mir nicht untersucht und behandelt, der Bericht stammt von 3 sich
n meiner Behandlung befindenden Geschwistern. Die anderen 4 Geschwister
isind gesund. Also auch hier 4 Fälle von Magenulcus in einer kräftigen
Bauernfamilie, bei der ebenfalls die obenerwähnten ätiologischen Faktoren
ausgeschlossen werden konnten.
Bei den 3 von mir behandelten Geschwistern — kräftige grosse
Bauern, alle leicht erregbar, mit lebhaften Sehnen- und Bauchdecken¬
reflexen — spastische Obstipation. _
3. Familie 0. M. (Balten). Beide Grossväter jahrelang magenleidend
gewesen, häufig Schmerzen, Magenblutung, also wahrscheinlich Ulcus.
Fine Schwester des Grossvaters von mir seit Jahren behandelt, leidet an
chronisch rezidivierendem Ulcus pylori mit Pylorusstenose. 2 Enkel, eine
Tochter von 22 und ein Sohn von 18 Jahren, leiden an einem Ulcus duodeni
und Ulcus der kleinen Kurvatur. Keine Blutung gehabt, aber klinisch und
röntgenologisch sichere Symptome für die obenerwähnten Ulcera. Hier
handelt es sich um eine Familie mit ausgesprochen asthenischem Typ und
Neigung zu Lungentuberkulose. Es sind alles ausserordentlich grosse,
schlanke, blasse Menschen.
4. Familie G. J. Mutter an Magenkarzinom operiert und gestorben.
Fine Schwester wegen Ulcusstenose operiert. Zweiter Bruder wegen
klinisch und röntgenologisch sichergestellten Ulcus duodeni in meiner Be¬
handlung. Eine Schwester nach Bericht des Bruders magenleidend mit
heftigen Schmerzen. Ganze Familie kräftig, aber neurasthenisch.
5. Familie H. Vater Magengeschwür. Zweiter Stiefbruder von dem¬
selben Vater Magengeschwür, Blutung gehabt. Eine Schwester ebenfalls
Magengeschwür — Blutung. Der Kranke selbst seit Jahren Magenlciden.
Hyp crazidität und Hypersekretion, die auf ein chronisch rezidivierendes Ulcus
ventriculi hinweisen. Die ganze Familie ist nach Angabe des Kranken nervös
und menschenscheu, alle Mitglieder sind lang, blass, leicht erregbar (astheni¬
scher Typ).
8 6. Familie M. Mutter seit dem 20. Lebensjahr magenleidend, einmal
itung. Eine Schwester ebenfalls seit 4 Jahren magenleidend. Die Kranke
bst leidet an einem Ulcus in der Nähe des Pylorus. Ganze Familie
neurasthenisch veranlagt.
7. Familie W: aus R. Mutter Magengeschwür, Blutung gehabt, ein
Bruder Magengeschwür. Schwester Ulcus parapyloricum. Die ganze Familie
steht in meiner Behandlung und zeigt deutlich asthenischen Typ.
8. Familie Kl. Grossmutter und Mutter chronisches Magengeschwür.
Die Kranke Magenkatarrh mit Uebersäuerung, Magengeschwür klinisch und
röntgenologisch sichergestellt.
9. Familie L. aus M. Vater an Magenkarzinom gestorben, Mutter
Magengeschwür, 2 mal Blutung gehabt, beide Kinder — Bruder und
Schwester — leiden an chronisch rezidivierendem Magengeschwür. Mutter
u:d Kinder längere Zeit von mir behandeft.
Ausser diesen 9 Ulcusfamilien finde ich bei der Durchsicht meiner
Krankengeschichten der letzten 5 Jahre noch 60 Fälle von Ulcus des
Gastrointestinaltraktus, bei denen in der Aszendenz und bei den
Kollateralen Ulcus oder Karzinom festgestellt werden konnte. Von
allen diesen Fällen wurde ein, meistens mehrere Mitglieder der Fa¬
milie von mir behandelt. Anamnestisch wurde Ulcus nur dann ange¬
nommen, wenn Magenblutung nachgewiesen werden konnte oder
von einem behandelnden Arzt die Diagnose Ulcus gestellt worden
war. Alle anderen Fälle sind unter Magenleiden registriert. Aus re¬
daktionellen Gründen sehe ich von einer ausführlichen Mitteilung ab
und begnüge mich mit einer kurzen Zusammenfassung.
Von diesen 60 Fällen hatten 22 einen ulcuskranken Vater, 19 eine ulcus-
kranke Mutter, 6 einen ulcuskranken Bruder oder Schwester. Ausser diesen
47 Fällen hatte eine Mutter (eigene Beobachtung chronisch rezidivierendes
Ulcus) 3 magenleidende Schwestern. Eine weitere Mutter mit Ulcus (eben¬
falls eigene Beobachtung) 7 Geschwister, welche alle magenleidend sind, ln
2 weiteren Fällen Mutter, Onkel und Tante magenleidend. Bei 2 weiteren
Kranken litt die Mutter an Karzinom und je 2 Geschwister sind magenleidend.
2 Fälle — Sohn und Tochter — chronisches Ulcus (eigene Beobachtung),
Vater und Mutter Magengeschwüre, beide mit Blutungen, ln 3 anderen
von mir wegen chronischem Ulcus behandelten Fällen Vater, Mutter und eine
Schwester magenleidend. Ein weiterer Ulcusfall: Mutter und Tante an Magen¬
krebs gestorben. Endlich 1 Fall von Ulcus: Schwester, Mutter und Tante
Magengeschwür mit Blutungen. (Alle 4 Kranke von mir behandelt.)
Ausgesprochen asthenischen Typ fand ich bei den jüngeren Kranken in
16 Fällen, 6 mal war die Asthenie mit Lungentuberkulose kombiniert.
28 Fälle waren unter 25 Jahren, 14 unter 30 und der Rest zwischen 30 und
54 Jahren. In 24 Fällen konnte durch genaue anamnestische Erhebungen das
erste Auftreten der Magenbeschwerden in der Pubertätszeit festgcstellt
werden. Ausgesprochen neurasthenische Symptome im Sinne eines stark
erregbaren und gereizten vegetativen Nervensystems konnten in 34 Fällen
festgestcllt werden.
Zusammenfassend haben wir hier eine solche Anzahl von Ulcus¬
familien, dass ein zufälliges Zusammentreffen ausgeschlossen werden
kann und als ihre Ursache Heredität angenommen werden muss. Ein
Hinweis auf die Wichtigkeit dieses hereditärkonstitutionellen Faktors
in der Pathogenese des Ulcus erscheint schon deshalb berechtigt, weil
bei den vielen Faktoren, die für das Entstehen eines Gastroduodenal-
ulcus verantwortlich gemacht werden, die Disposition zur Krankheit
— die sich eben in diesem familiären Auftreten klinisch dokumen¬
tiert — doch von grösserer Bedeutung ist, als mancherseits angenom¬
men wird. Ueber die Entstehung der ersten Schleimhautläsion kann
man verschiedener Meinung sein.
Hier dürften zweifellos Embolien, Thrombosen, Venenstauungen
bei Herzfehler und Lungenerkrankungen chemische, toxische und
rein mechanische Schädigungen der Schleimhaut häufig die erste
Läsion dieser verursachen.
Wie häufig heilen jedoch solche oberflächlichen Ekchymosen und
Erosionen der Schleimhaut bei vielen Kranken in verhältnismässig
kurzer Zeit aus, ohne jemals wieder Beschwerden zu verursachen.
Es ergibt sich unwillkürlich die Frage: Weshalb vollzieht sich
diese Ausheilung bei dem einen Individuum und weshalb entwickelt
sich bei dem anderen aus dieser Schleimhautläsion das chronisch
rezidivierende Ulcus mit seinen deletären Folgen? Hier gibt uns
weder die Anatomie und Pathologie, noch die experimentelle Patho¬
logie die restlose Klärung. Wir müssen auch hier, wie bei so vielen
anderen Erkrankungen, bei der Erklärung ihrer Aetiologie und Genese
auf die Konstitutionspathologie zurückgreifen.
Nicht umsonst tritt gerade neuerdings das Konstitutionsproblem
in der Pathogenese innerer Krankheiten immer mehr in den Vorder¬
grund der medizinischen Forschung, nachdem die pathologische Ana¬
tomie, die Bakteriologie, die Serologie und Immunbiologie uns die
restlose Erklärung für ihre Entstehung nicht gebracht haben.
Kehren wir zur Ulcushcredität zurück, so wird ja nicht das Ulcus
als solches vererbt, sondern die Minderwertigkeit eines Organs, vor
allem die des Nervensystems als Ausdruck einer neuropathischen
Konstitution und damit natürlich auch die Minderwertigkeit des ve¬
getativen Nervensystems einer bestimmten Organgruppe.
Ist diese Minderwertigkeit des Magens erst einmal vorhanden
und hat sich bei dem betreffenden Individuum durch die obenange¬
führten Faktoren die erste Läsion der Schleimhaut entwickelt, so
kommt es hier durch den hereditär-neurogenen Reizzustand des die
betreffenden Organe innervierenden vegetativen Nervensystems leich¬
ter zur Entwicklung eines chronisch rezidivierenden Ulcus. Der stän¬
dige Reizzustand der sekretorischen und motorischen Funktion, in
dem sich der Magen bei solchen hereditär belasteten Individuen be¬
findet, lässt die einmal entstandene Schleimhautläsion nicht ausheilen.
Ich glaube, dass diese Betrachtungsweise imstande ist, viele der
bisher vorhandenen Gegensätze zu überbrücken. Nicht das kranke
Organ allein, sondern die Organgruppe und vor allem die diese
Organgruppe versorgenden Nerven müssen zum Gegenstand unserer
Untersuchung und klinischen Betrachtungsweise gemacht werden.
Es ist das grosse Verdienst v. Bergmanns und seiner Schüler
Katsch und Westphal, auf diese Zusammenhänge von Gastro-
duodenalulcus und vegetativem Nervensystem immer wieder auf¬
merksam gemacht und das Verständnis hierfür durch zahlreiche kli¬
nische und experimentelle Arbeiten unter besonderer Betonung des
hereditär-konstitutionellen Momentes immer weiteren Kreisen der
Aerzteschaft zu gängig, gemacht zu haben.
Zusammenfassend können wir aus der vorliegenden Literatur,
auf Grund der obenerwähnten 9 Ulcusfamilien und der anderen zu-
1182
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 37.
sammengestellten 60 Fälle feststellen, dass das hereditär-konsti¬
tutionelle Moment in der Pathogenese des chronisch rezidivierenden
Ulcus im üastroduodenaltraktus eine doch nicht zu unterschätzende
Rolle spielt. Lediglich als kasuistischer Beitrag hierfür und nicht als
erschöpfende Betrachtung der gesamten Ulcusgenese soll diese Arbeit
aufgefasst werden.
Literatur.
1. Weg eie: Die Therapie der Magendarmerkrankungen. 1911. 4. Aufl.
S. 235. — 2. H u b e r - Zürich: lieber die Heredität beim Ulcus ventriculi.
M.tn.W. 1907 Nr. 7. — 3. v. C z e r n e c k i - Warschau: Ueber den Einfluss
der Heredität auf die Bildung des Magengeschwüres. W.kl.W. 1910 Nr. 18. —
4. P 1 i t e k - Triest: Ueber das familiäre Auftreten des Ulcus ventriculi.
Arch. f. Verdauungskrkh. 1914, 20, S. 461. — 5. Bergmann: Verhandlungen
der zweiten Tagung über Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. 1921.
5. 112. Derselbe: Das spasmogene Ulcus pepticum. M.m.W. 1913 Nr. 4. —
6. Wcstphal: Untersuchungen zur Frage der nervösen Entstehung pep-
tischcr Ulcera. Arch. f. klin. Med. 114, S. 346. — W e s t p h al und Katsch:
Das neurotische Ulcus duodeni. Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Cliir. 26. —
7. Frenkel-Tissot: B.kl.W. 1921, 58. Jahrg., Nr. 17, S. 409. —
8. Bauer-Aschner: Klin. Wschr. 1922, 1. Jahrg., Nr. 25 u. 26, S. 1250
u. 1298.
Für die Praxis.
Hirntumor.
Von Prof. Hans Curschmann.
Chronische Herderkrankungen des Gehirns, also in
erster Linie T umoren und Abszesse, sind im ganzen selten
Behandlungsobjekte des praktischen Arztes. Er muss sie aber zu
diagnostizieren versuchen, und zwar so früh wie möglich, weil nur
bei frühzeitiger Erkennung ein (leider immer noch recht kleiner)
Bruchteil dieser Fälle Aussicht auf Heilung durch Operation oder
Röntgentherapie gibt.
Eine ausführliche Lokalisationsdiagnostik im Rahmen dieser Auf¬
sätze zu geben, ist nicht möglich. Es hiesse das, eine Topik des
Gehirns zu schreiben, die diesen Rahmen sprengen würde. Für den
Praktiker ist es m. E. auch wichtiger, zur Klarheit darüber zu
kommen: hier liegt ein Neoplasma oder ein Abszess vor! Die
topische Diagnose wird fast stets Sache des Fachneurologen und
Chirurgen bleiben.
Bei der Diagnose eines Hirntumors müssen wir sowohl
anamnestisch, als auch klinisch die Allgemeinsymptome, die
jede raumbeengende Erkrankung in dem empfindlichst reagierenden
Organ unseres Körpers hervorruft, und die speziellen Herd¬
symptome unterscheiden.
Zumeist leiten die ersteren die Szene ein und pflegen in zahl¬
reichen Fällen völlig zu dominieren; ja sie können ganz allein bleiben,
wenn die Hirnherde „stumme Regionen“ befallen.
Von diesen Allgemeinsymptomen nenne ich in erster Linie den
Kopfschmerz. Wenn bei einem Jugendlichen oder „Mittelalter¬
lichen“, der nie an Migräne, myogenem Kopfschmerz, Lues, Alkoholis¬
mus oder Bleiintoxikation litt und nicht Arteriosklerotiker oder
Nephritiker ist, auch kein Schädeltrauma erlitten hat, eines Tages
hartnäckige „unerträgliche“ Kopfschmerzen auftreten, so denke man
stets an den Tumor cerebri! Diese Kopfschmerzen können langsam
zunehmen und permanent sein; sie können auch exazerbieren und
wieder verschwinden, in letzterem Fall bisweilen ganz an gewöhn¬
liche Migräne erinnernd. Je schwerer solche Anfälle von Tumor¬
kopfschmerz sind, desto mehr sind ihnen die Zeichen beigemengt, die
im Grunde fast alle Allgemeinsymptome verursachen, die des ge¬
steigerten Hirndrucks: Neben dem ausserordentlichen, ver¬
nichtenden Kopfschmerz vor allem psychische Störungen (besonders
Somnolenz verschiedener Grade), Pulsverlangsamung (infolge
Reizung des Vaguszentrums), Nausea, Erbrechen und in seltenen
Fällen auch Atemstörungen (Cheync-Stokes).
Das wichtigste permanente Hirndrucksymptom aber ist die
Stauungspapille. Sie ist überhaupt das wichtigste und oft
frühest erkennbare Krankheitszeichen. Wer sich dazu erzieht, jeden
Menschen mit chronischem Kopfweh zu augenspiegeln (und
sie alle, nicht nur die Tumorkranken bedürfen dieser Untersuchung;
ich erinnere nur an die Fundussymptome der Nephritis!), dem werden
auch die Frühstadien des Tumors cerebri nicht so leicht entgehen.
Die Stauungspapille tritt nicht bei allen Tumoren auf, aber bei den
häufigsten Lokalisationen doch so oft, dass sie für die Praxis mit
Recht als Kardinalsymptom des Tumors gilt. Sie bedarf,
einmal entdeckt, sorgfältiger Kontrolle unter gleichzeitiger Prüfung
des Visus, um dem Chirurgen Gelegenheit zu geben (selbst bei
okkultem Sitz des Tumors), durch entlastende Trepanation den
Kranken vor Erblindung zu schützen.
Erbrechen, oft unstillbar, heftigster Art zugleich mit Nausea,
als Zeichen gesteigerten Hirndrucks wurde bereits erwähnt. Es
findet sich bei Hirntumoren seltener als Dauersymptom, denn als Be¬
gleiterin der zephalischen Anfälle. Gleiches gilt, wie bereits bemerkt,
auch von der Pulsverlangsamung, wenn auch Fälle mit permanenter
Bradykardie Vorkommen. Sie sind bei Meningitiden sicher häufiger,
als bei Tumoren.
Auf den gesteigerten Hirndruck müssen wir im wesentlichen
wahrscheinlich auch die psychischen Veränderungen der
Kranken beziehen, die — sicher zum Teil aus konstitutionell-psychi¬
schen Gründen — sehr verschiedenartig auftreten können. Am
häufigsten sind aber einfache Apathie, die sich im Laufe des Leidens
zu immer höheren Graden von Somnolenz, ja bis zum tiefen Koma 1
steigern kann. Ad finem überwiegt ohne Zweifel die Somnolenz, j
Im Beginn täuschen die Fälle nicht selten allerlei neurasthenische j
oder hysterische Reaktionsformen oder auch Psychosen mannig-
fachster Art vor, von leichten zyklothymen Phasen bis zur Schizo¬
phrenie und Paralyse oder Presbyophrenie. Jeder erfahrene Psy¬
chiater weiss, wie wichtig bei unklaren Psychopathien das Fahnden
nach einem Hirntumor ist. Besonders bei Kopfarbeitern habe ich
grobe psychische Veränderungen als erstes Allgemcinsymptom einer
Hirngeschwulst gesehen.
Dass auch der Schlaf leidet, ist selbstverständlich, häufiger
im Sinne einer Schlafsucht, die auch tagsüber (z. B. beim Essen, wäh¬
rend der Unterhaltung usw.) zum Einschlafen führt; seltener scheint
hochgradige Schlaflosigkeit zu sein (viel seltener z.B. als bei post¬
enzephalitischen Zuständen); sie kommt besonders bei nächtlicher
Exazerbation der Kopfschmerzen vor.
Nicht nur als Herdsymptom, sondern als Allgemeinzeichen ist
auch der bei wenigen Hirntumoren fehlende Schwindel zu be¬
trachten, der zum mindesten alk subjektive Gleichgewichtsstörung
auft ritt, sich oft aber auch in objektiverem Taumeln äussert. Auch
der Schwindel kann, wie der Kopfschmerz, gemeinsam mit den an¬
deren Symptomen des periodisch gesteigerten Hirndrucks exazer¬
bieren.
Diese Hirndrucksteigerung bei Tumorverdacht nun durch die
Druckprüfung bei der Lumbalpunktion zu prüfen, wie das vor¬
geschlagen wurde, ist dem Praktiker nicht ohne weiteres zu raten.
Bei Tumoren der hinteren Schädelgrube ist die Gefahr der Mors
subita (durch plötzlichen Verschluss des Foramen magnum infolge
Ansaugung des betreffenden Hirnteils) nicht gering. Bei Hirn¬
tumorenverdacht ist die Lumbalpunktion m. E. aus¬
schliesslich Sache der Klinik! (Dass sie aber aus diffe¬
rentialdiagnostischen Gründen — Lues, Meningitis usw. — und zu
diagnostischen Zwecken — Pneumoenzephalographie — oft dringend
indiziert ist, sei vorgreifend bemerkt.)
Zu den Allgemeinsymptomen dürfen auch die ziemlich seltenen
Anfälle von scheinbarer Epilepsia vera gerechnet werden. Die
Kranken erleben — im Gegensatz zur echten Epilepsie — nicht selten
nur wenige „typische“ Anfälle, dann beendet ein solcher oder auch
ein scheinbarer Status epilepticus die Krankheit und das Leben.
Diesen Verlauf habe ich beispielsweise (ohne jedes sonstige Herd¬
symptom) bei Zystizerkose besonders der Gegend des IV. Ventrikels
gesehen. Rindenepileptische Anfälle dagegen möchte ich in
erster Linie als (wichtige!) Herdsymptome auffassen.
Wie bereits bemerkt, sind alle diese allgemeinen, d. i. Hirn¬
drucksymptome nur zum kleineren Teil Dauersymptome, sondern nei¬
gen — wenigstens im Beginn und in der Mitte des Leidens — mehr
zum anfallsweisen An- und Abschwellen, zum Kommen und Gehen.
Nicht selten werden Allgemein- und Herdsyndrotne auf das schwerste
verschlimmert durch apoplektiforme Anfälle, die wir tastächlich als
Folgen von Blutungen in den Tumor kennen gelernt haben; auch sie
beenden das Leben oft plötzlich.
Endlich sei bezüglich der Allgemeinsymptome noch bemerkt,
dass sie durchaus nicht immer der Grösse der Geschwulst zu ent¬
sprechen brauchen, eher und öfter ihrem Sitz. Es wird das klar aus
zwei Beispielen: Ein grosser Tumor (z.B. Zyste) des rechten Stirn¬
oder Schläfenlappens kann lange ohne alarmierende Allgemeinerschei¬
nungen verlaufen, während, wie bereits bemerkt, ein winziger Zysti-
zerkus im III. oder IV. Ventrikel oder ein kleines Tuberkulom im
Wurm -des Kleinhirnes äusserst schwere derartige Symptome auszu¬
lösen vermag.
So beginnen und begleiten die geschilderten Allgemein- bzw.
Hirndrucksymptome das Leiden, bald mehr, bald minder in den Vor¬
dergrund tretend und den Kranken bis zum Ende nicht verlassend.
Ja, man darf sagen, dass das typische Ende der Kranken, das tiefe
Koma mit endlicher Athemlähmung, eine Folge des allgemeinen Hirn¬
druckes ist.
Wenn wir nun auf die Herdsymptome eingehen, so muss betont
werden, dass sie als wirklicher Ausdruck einer durch den Tumor
selbst gesetzten Schädigung (Lähmung oder Reizung) einer bestimm¬
ten Hirnpartie mit einiger Sicherheit nur dann angesehen werden
dürfen, wenn sie frühzeitig und einiger massen dauernd
in bestimmter Form auftreten. Beispiel: Ein frühzeitiger, lange iso¬
liert bleibender kortikaler Krampf mit motorischer und sensiblen
Störung eines Extremitätenabschnittes oder auch eine frühzeitige
konsequente und dauernde Lähmung eines Akustikus plus Trigeminus
sind ungemein wichtige, topische Symptome (s. u.). Gänzlich
belanglos in topischer Beziehung aber ist es, wenn auf der Höhe
des Leidens auch einmal vorübergehend eine partielle Okulomotorius- .
oder Fazialislähmung oder ein einseitiger Babinski auftreten.
Von Herdsymptomen erwähne ich als praktisch wichtige: 1. Einen i|
etwaigen örtlichen Schädelschmerz, spontan oder auf
Druck und Klopfen. Er ist nicht selten und bei Konstanz (häufige,
unsuggestive Prüfung!) ein wichtiges topisches Zeichen. Auch Head-
sche Uebcrempfindlichkeit der Haare und Haut über der Tumorregion
kommt vor. Bei Sitz des Tumors in der hinteren Schädelgrube
kommt es oft zu heftigem Nackeflschmerz und einer gewissen Steifig-
14. September 192.1.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1183
keit, die an die der Meningitis und Spondylitis erinnern kann. Ob
die Perkussion des Schädels etwas leistet, weiss ich nicht. Manche
meinen es. Die Auskultation vermag Aneurysmen festzustellen. Oert-
lichc Verwölbungen des Schädels sieht man bei Erwachsenen selten,
bei Kindern habe ich sie (z. B. bei grosser Stirnhirnzyste) gesehen.
2. Für die Seite des Tumors ist oft genug die (meist nur anfäng¬
liche) Einseitigkeit der Stauungspapille ein wichtiges
Entscheidungsmittel, inbesondere bei bezüglich ihres Sitzes unklaren
Kleinhirntumoren.
3. Sehr wichtige topische Zeichen sind endlich Jackson sehe
Rin d e n k r ä m p f e, die — sehr frühzeitig auftretend — oft genug
mit grosser Bestimmtheit auf bestimmte Rindengebiete, vor allem der
motorischen Region, hindeuten.
4. Endlich erweist sich in nicht wenigen Fällen das Röntgen-
verfahren als nützlich für die topische Diagnose. Schon lange
vermochte man grobe Veränderungen der Schädelkontur, insbeson¬
dere der Basis (vor allem des Türkensattels bei Hypophysentumo¬
ren!), festzustellen, weniger sicher sehr dichte Tumoren (z. B. Psam¬
mome). Neuerdings gelingt es, durch die von A. B i n g e 1 ausgebil¬
dete Pneumoenzephalographie (Lufteinblasung in den Du¬
ralraum nach Lumbalpunktion) sehr schöne Röntgenbilder von Tu¬
moren zu gewinnen, vor allem, wenn diese die Ventrikel kompri¬
mieren oder verdrängen. Das differente Verfahren kann natürlich
nur in einer Klinik geübt werden, ist dann aber bezüglich der mo¬
mentanen Gefahr und der Nachwirkungen nicht gefährlicher, diagno¬
stisch aber bei Tumoren ungleich wirksamer a's die einfache Lumbal-
' punktion. Die von Dandy ausgebildete Lufteinblasung direkt in
den Seitenventrikel ist gefährlicher und diagnostisch weniger er¬
giebig als das B i n g e 1 sehe Verfahren.
Einige wichtige Lokalisationen: Grosshirn-
i hemisphären. Tumoren der motorischen Region, beson¬
ders der Zentralwindungen, verraten sich durch frühzeitig auf¬
tretende, erst monoplegische (bisweilen nur Teile eines Gliedes be¬
treffende), später meist mehr oder minder vollständige hemiplegische
Lähmungen mit dem obligaten Py.-B.-Zeichen, oft auch durch anfangs
oft ganz umschriebene rindenepileptische Krämpfe; bei Lokalisierung
linkerseits oft motorische Aphasie, bei Sitz im linken Schläfenlappen
sensorische Aphasie, während Tumoren der Okzipitalregion Seelen¬
blindheit und Hemianopsie verursachen. Ueber die Symptome des
| Stirnhirntumors ist viel geschrieben worden. Rechtzeitig
i lokalisierte können — abgesehen von den Allgemeinsymptomen (s. o.)
— symptomlos verlaufen, linksseitige bewirken sicher bisweilen apra-
! xieähnliche Störungen. Auch Ataxie des Ganges kommt vor. Psy-
j chische Störungen sind ausserordentlich häufig, aber nicht gleich-
i artig; die vielzitierte Witzelsucht ist sicher nicht allzu häufig; einfache
i Störungen des Intellektes, der Aufmerksamkeit, Somnolenz usw. kom¬
men ebenfalls vor.
Gegend des III. und IV. Ventrikels: Motorische (spa¬
stische) Diplegien, auch Tetraparesen, oft unsymetrisch angeordnet.
! Bei Sitz in der Vierhügelgegend doppelseitige Augenmuskellähmun-
| gen, besonders solche gleichnamiger Muskeln, Pupillenveränderun¬
gen, grobe Seh- und Hörstörungen, Ataxie des Rumpfes (S t r ü in -
pell) usw. Daneben natürlich die typischen Allgemeinsymptome
des Tumors. Tumoren des IV. Ventrikels, besonders oft Zystizerken,
können lange aller Allgemeinzeichen (auch der Stauungspapille) ent¬
behren, falls sie klein sind. Bisweilen zeigen sie infolge Fernwirkung
zerebellare Störungen (Ataxie), Abduzenslähmungen. Ich habe
schwere allgemeine Epilepsie dabei gesehen. Kleinhirn:
Bei diesem relativ häufigen Sitz (besonders oft Tuberkel)
sind die Allgemeinzeichen (Stauungspapille, Schmerz, Erbrechen
usw.) meist besonders stark und früh ausgeprägt. Ausser¬
ordentlich markant sind der zerebellare Schwindel und die
Ataxie. Beim Gehen und Stehen schwanken die Kranken
gewöhnlich nach der Seite des Tumors; auch zerebellare Asynergie
oder Ataxie tritt homolateral auf, desgleichen die vielzitierte Adia-
dochokinesie (Unmöglichkeit rasch wechselnder antagonistischer
Gliedbewegungen), übrigens keineswegs ein ausschliessliches Zere¬
bellarsymptom. Wichtig sind ferner: Nystagmus, besonders nach der
kranken Seite, das dementsprechende Vorbeizeigen beim Zeigever¬
such, halbseitige (homolaterale) Sehnenhyporeflexie und Hypotonie
(inkonstant, aber sehr charakteristisch), Lähmungen einzelner nahe¬
gelegener Hirnnerven (Trigeminus, Akustikus, Fazialis, Abduzens
u. a.); sehr wichtig ist m. E. die homolaterale Kornealanästhesie und
-ärcflcxie (H. Oppenheim). Tumoren des Wurms machen beson¬
ders starke Allgemeinsymptome, die der Hemisphären ausgeprägter
homolaterale, wenn sie klein sind, allerdings bisweilen auch gar
keine. Auf Nackenschmerz und -Steifigkeit sei nochmals hingewiesen.
Die relativ häufigen Tumoren des Klei’nhirnbrückenwin-
kels, meist von der Scheide des Nervus acusticus ausgehende
Fibrome, pflegen neben den typischen Zerebellarsymptomen (bis¬
weilen mit Fehlen der Papillitis) meist das charakteristische Syn¬
drom: nervöse Hyp- oder Anakusis, gleichseitige Vestibularsym-
ptome, desgleichen Trigeminussymptome (Anästhesie, Schmerzen),
seltener solche des Fazialis und Abduzens, gekreuzte Pyramiden-
bahnsymptome, konjugierte Blicklähmung u.a.m. zu zeigen. Beson¬
ders die Gleichzeitigkeit und -seitigkeit von zerebellaren, Akustikus-
und Trigeminussymptomen ist ungemein typisch. Diese Tumoren
sind oft mit Glück operiert worden.
Hirnbasis: Auch hier sind Geschwülste relativ häufig, oft
von der Schädelbasis, oft auch von Hirnteilen oder der Hirnhaut aus¬
gehend. Neben den allgemeinen Tumorerscheinungen, von denen die
Stauungspapille aber auch hier fehlen kann, treten naturgemäss die
Hirnnervenlähmungen, besonders mehrfache einer Seite,
hier hervor. Häufig sind Okulomotorius, Abduzens, Fazialis, Optikus,
seltener Olfaktorius, bei Sitz mehr hinten auch Akzessorius und
Hypoglossus befallen; diese Lähmungen zeigen das Verhalten der
peripheren Lähmung (Atrophie, elektr. E.A., Vollständigkeit der Fa¬
zialislähmung). Bei Kompression des Optikus charakteristische Seh-
und üesichtsfeldstörungcn, z. B. bei Hypo physisge schwül¬
sten die bekannte bitemporale Hemianopsie. Die letztgenannten
können entweder zur Akromegalie oder (bei Jugendlichen) zum
eunuchoiden Riesenwuchs oder aber zur Dystrophia adiposogenitalis
führen; häufig auch zum Diabetes insipidus, seltener mellitus, man¬
nigfachen Stoffwechsel- und psychischen Störungen, die sämtlich
neuerdings weniger auf die Hypophyse selbst, als auf den Druck der
Geschwuslt auf die subthalamischen trophischen und Stoffwechsel¬
zentren des Zwischenhirns zurückgeführt werden. (Ueber Hypo¬
physentumoren vergl. das Kapitel der endokrinen Erkrankungen.)
Auch Tumoren der Epiphyse seien hier erwähnt, die, fast immer
in früher Kindheit auftretend, zu dem eigentümlichen Bilde der geni¬
talen und körperlichen, bisweilen auch psychischen Frühreife
führen.
Brücke, Hirnschenkel, verlängertes Mark: Hier
sind echte Geschwülste sehr selten, relativ am häufigsten Tuberku-
Iome. Die allgemeinen Tumorzeichen sind bei dieser Lokalisierung
oft gering, Stauungspapille fehlt zumeist. Geschwülste der Pons
erzeugen, falls sie noch klein und halbseitig sind, das bekannte Syn¬
drom der Hemiplegia cruciata inferior (Lähmung des gleichseitigen
Fazialis, Trigeminus, Abduzens, seltener Hypoglossus und der kontra¬
lateralen Glieder mit entsprechender Hypästhesie). Auch konjugierte
Blicklähmung kommt dabei vor. Geschwülste des Pedunkulus führen
zur Hemiplegia cruciata superior (homolaterale Lähmung des Okulo-
molorius, gegenseitige motorische und sensible Exremitätenlähmung).
Bei derartigen Syndromen sei man übrigens mit der Diagnose Tumor
möglichst zurückhaltend und berücksichtige, dass sie weitaus häufiger
durch Lues, multiple Sklerose oder kleine Blutungs- oder Erwei¬
chungsherde veranlasst werden! Die ungemein seltenen Tumoren des
verlängerten Marks erzeugen das Bild einer anfangs unsymmetrischen
Hirnnerven- bzw. Bulbärparalyse mit obligaten Pyramidenbahnsym¬
ptomen. Sie von der progr. Bulbärparalyse abzugrenzen, ist anfangs
äusserst schwierig; süäter treten öfter sensible Störungen, solche der
Augenmuskeln u. a. dazu, die dieser fremd sind und die Tumordia¬
gnose stützen. Auch die Differentialdiagnose gegenüber thrombo¬
tischen Erweiterungen oder diffus sklerotischen Prozessen in der
Medull. obl. ist sicher sehr schwierig. Im ganzen denke man in praxi
bei chronischen Bulbärsyndromen lieber zuletzt als zuerst an Neu¬
bildungen!
Anatomisches: Am häufigsten sind vielleicht Gliome,
an sich gutartige, oft überaus langsam wachsende, sehr gefässreiche
Geschwülste, die selten scharf umschrieben, „ausschälbar“. sondern
meist ohne deutliche Grenze in das gesunde Gewebe übergehen.
Meist treten sie unilokulär auf. Sie entwickeln sich relativ oft in der
Marksubstanz der Hemisphären, seltener im Kleinhirn und den Stamm¬
ganglien. Etwas seltener sind Sarkome, die meist von der harten
Hirnhaut. Periost und Knochen ausgehen, relativ am häufigsten an
der Schädelbasis. Gar nicht selten sind Solitärtuberkel, besonders
in Kleinhirn und Brücke, seltener im Grosshirn; es kommen auch
multiple Tuberkulome vor. Ueber Gummata vergl. ein späteres Ka¬
pitel! Karzinome sind überaus selten primäre Hirngeschwülste, relativ
häufig aber metastatische, besonders nach Karzinomen der Mamma,
der Prostata und der Lungen. Sie sind überwiegend multilokulär.
Seltene Geschwülste sind auch die vom Endothel der Gefässe oder
der Meningen ausgehenden Endotbeliome. bisweilen multipel auf¬
tretend. Aus ihnen entwickeln sich bisweilen kalkreiche Psammome.
Relativ häufig, besonders an der Hirnoberfläche (Stirn- und Parietal¬
lappen, Kleinhirn), sind Zysten, die ihrem Ursprung nach bisweilen
gliomatös sind. Als sehr seltene Tumoren seien Teratome, Chon¬
drome. Cholesteatome und Angiome genannt. Recht häufig sind ein¬
fache oder multiple Zystizerken des Gehirns.
Der Verlauf der Tumorerkrankung ist fast stets chronisch
und — mit Ausnahme von Gummen und einigen stationär verlaufen¬
den Zysten, Zystizerken, gutartigen Tumoren und Tuberkulomen an
„stummen“ Stellen — stets letal. Das Ende tritt bei Primärtumoren
innerhalb einiger Monate bis 2 — 3 Jahren ein, bei metastatischen Ge¬
schwülsten oft viel rascher. Bisweilen verursachen Blutungen in
Gliome oder Zysten ganz plötzlichen Tod, der, wie bemerkt, auch bei
kleinen Geschwülsten (Zvstizerken. Solitärtuberkel usw.) an beson¬
ders differenten Stellen (IV. Ventrikel), z. B. im „Status epilepticus“
oder in Form eines „Hirnschlages“ auftreten kann.
Die Therapie hat in erster Linie eine syphilitische
Neubildung zu erkennen oder auszuschliessen, die stets —
wenn auch oft vergeblich — Objekt spezifischer Behand¬
lung sein muss. Im übrigen wird sie — in Ermangelung
besserer Mittel — meist chirurgisch sein. Der Praktiker sei aber
nicht zu eindringlich in der Empfehlung eines operativen Eingriffs
und bleibe sich bewusst, dass die Sterblichkeit der operierten Fälle
auch bei speziellen Hirnchirurgen sehr gross (bis zu 60 Proz.), bei
1184
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 37.
anderen Operateuren noch wesentlich höher ist! Wenn man auch die
Art des Tumors nie mit Sicherheit erkennen kann, so möchte ich doch
raten, manche Tumoren, deren Natur wir vermuten dürfen, a limine
auszuschliessen, z. B. vor allem Tuberkulome bei Kindern und Jugend¬
lichen, die auch sonst nicht frei von Tuberkulose sind. Gleiches gilt
selbstverständlich auch von metatstatischen Karzinomen. Entschei¬
dend für den Entschluss zur Operation ist aber auch der Sitz der Ge¬
schwulst. Wir werden leichter an gut lokalisierbare Tumoren der
Hemisphären, vor allem der motorischen Rindenregion, des Klein¬
hirns und des Stirnhirns herangehen, als an Tumoren der Stamm¬
ganglien, der Brücke, des verlängerten Markes oder Tumoren un¬
klaren Sitzes. Relativ oft ist es gelungen, Kleinhirnbrückenwinkel¬
und Hypophysengeschwülste operativ zu beseitigen. Haben wir be¬
gründeten Verdacht auf ein Sarkom (z. B. Osteosarkom) oder Endo-
theliom, so ist nach neueren Erfahrungen die Röntgentherapie ein
sehr erfolgversprechendes Verfahren. Noch kürzlich sah ich ein
Osteosarkom der Basis unter intensiver Röntgenbehandlung „wie
Butter vor der Sonne“ vergehen. Die Röntgentherapie sollte auch
bei anderen, schwer angreifbaren Tumoren häufiger versucht werden!
(Jeher die Art des chirurgischen Vorgehens und die Röntgendosierung
zu sprechen, ist nicht meine Sache.
Zum Schluss seien noch als Palliativoperationen gegen drohende
Erblindung die Trepanation und gegen den übermächtigen Hirndruck
der Balkenstich nach Bramann-Anton genannt. Vor Lumbal¬
punktionen zu diesem Zweck sei nochmals, insbesondere bei der
Möglichkeit einer Geschwulst der hinteren Schädelgrube, nachdrück¬
lich gewarnt.
In Fällen, die der Operation aus ärztlichen oder anderen Gründen
nicht zugeführt werden konnten, hat man bisweilen nach Schmierkur
Remissionen, ja Heilung gesehen. In solchen Fällen lag wohl ein
..Pseudotumor cercbri“, Meningitis serosa oder Hirnschwellung
(Re ic har dt) vor.
Alles in allem: Man sei nicht zu operationsfreudig! Der Stand¬
punkt H o r s 1 e y s, dass es ein ebensolcher Kunstfehler sei, einen dia¬
gnostizierten Hirntumor nicht anzugreifen, wie eine festgestellte Ap¬
pendizitis, dürfte von den meisten Neurologen und Chirurgen auch
heute noch mit Recht abgelehnt werden.
Bücheranzeigen und Referate.
R. R o s e m a n n - Münster: L a n d o i s’ Lehrbuch der Physio¬
logie des Menschen, mit besonderer Berücksichtigung der praktischen
Medizin. 18. Aufl. 2. Hälfte. 485 S. mit 158 Abb. im Text und 1 färb.
Tafel. Verlag von Urban & Schwarzenberg, Berlin-Wien,
1923. Grdpr.: 10 M.
Von dem in 18. Auflage erscheinenden Landois-Rose-
m a n n sehen Lehrbuch ist nun auch die zweite Hälfte, die Physio¬
logie der animalen Funktionen und der Zeugung und Entwicklung
enthaltend, zur Ausgabe gelangt.
Während bei der 16. und 17. Auflage wesentliche Aenderungen
nicht vorgenommen werden konnten, sollte diese neue Auflage gründ¬
lich durchgearbeitet und auf den heutigen Stand des Wissens ge¬
bracht werden. Auf sorgfältige Zusammenstellung der Literatur
wurde besonderer Wert gelegt.
Beim Vergleich dieser Auflage mit der vorhergehenden ergibt
sich in der Tat eine gründliche Neubearbeitung, die schon für die
erste Hälfte des Buches konstatiert werden konnte, auch für die
zweite Hälfte, ohne dass aber der Umfang des Buches wesentlich
zugenommen hätte. Um nur einiges zu nennen, so wurde bei der
quergestreiften Muskulatur die Quellung derselben und die Ionisation
der Muskcleiweisskörper eingehender behandelt und auf die beson¬
ders von E m b d e n und Meyerhoff untersuchten Stoffwechsel¬
vorgänge bei der Tätigkeit genauer eingegangen. Auch die Hoff-
m a n n sehen Arbeiten über die propriozeptiven und exterozeptiven
Erregungen, welche schliesslich auf die Muskulatur wirken, sind be¬
rücksichtigt. Erwünscht wäre wohl, wenn die Physiologie der glatten
Muskulatur etwas eingehender behandelt würde. Aber nicht nur in
dem Kapitel über die Physiologie der Bewegungsapparate, auch in
allen andern macht sich die Neubearbeitung mehr oder weniger
durch Eingehen auf die neueste Literatur, Beseitigung von überholten
Anschauungen, Aenderungen im Druck und Ersatz veralteter oder
entbehrlicher Figuren durch neuere, wichtigere bemerkbar.
Die Aerztewclt, an die sich dieses sehr geschätzte Buch ja ganz
besonders wendet, wird dem Verfasser Dank wissen, dass er die
grosse und verantwortungsreiche Aufgabe übernommen hat, sie über
den gegenwärtigen Stand der Physiologie auf dem Laufenden zu
halten und es ihr durch die Literaturangaben auch noch ermöglicht,
bis zu den Quellen vorzudringen. K. B ü r k e r - Giessen.
Adolf Ba cm eiste r: Lehrbuch der Lungenkrankheiten. 3.,
neubearbeitete Auflage. Leipzig, 1923. Grdpr.: 7.50 M., geb. 10 M.
Im allgemeinen hält sich diese neue Auflage im Rahmen der vo¬
rigen. Einzelne Kapitel sind klarer bearbeitet, z. B. die Qualitäts¬
diagnose, die Röntgentiefentherapie. Die Einteilung der Lungen¬
tuberkulose dürfte für den Praktiker noch etwas einfacher zu ge¬
stalten sein. Auch über Reizbehandlung, Kieselsäure, Krysolgan er¬
fahren wir mehr, während mit Recht Friedmann in kleinen
Druck zurückgedrängt wurde. Bei manchen Sätzen müsste sich der
Verfasser noch klarer ausdrücken und sich bewusst sein, dass man
wirklich bei den Lesern, für die das Buch bestimmt ist, recht be¬
scheiden in seinen Ansprüchen sein muss. Was heisst es beispiels¬
weise bei der heutigen, im Volke verbreiteten Erkältungsfurcht:
„jede Erkältungsgefahr ist zu vermeiden“? (S. 275.) Soll der Prak¬
tiker nach diesem Satze handeln: „Fiebernde Kranke gehören aus¬
schliesslich ins Bett“ (S. 284), oder: „Bei Blutungen ist absolute Bett¬
ruhe die erste Forderung“? (S. 287.) Hierdurch kann oft schwerer
Schaden erzeugt werden. Einzelne Aussetzungen möchte ich doch
machen. Der Speisezettel (S. 275) dürfte heute auch in den Heil¬
anstalten ein wenig Achselzucken erregen. Die Bedeutung des Zu¬
sammenhanges von Tuberkulose und Alkohol wird nicht gewürdigt.
Mit dem Urteil über P o n n d o r f und Pctruschky sind wohl
nicht alle Fachärzte einverstanden. — Die Frage der Unterbrechung
der Schwangerschaft kommt gera.de für den Praktiker zu kurz weg.
— Vor Morphium bei Blutungen ist entschieden mehr zu warnen;
es ist in der Praxis so bequem, während ich die hypertonische Koch¬
salzlösung vermisse. — Viel zu kurz, und namentlich die notwen¬
digen Diätvorschriften vergessend, ist das, was (S. 291) über Durch¬
fall gesagt wird. Da gibt es auch allerlei physikalische Mittelchen. —
Was sind „schwache Nieren“? Das Heilstättenverzeichnis muss
gründlich durchgesehen werden und wird besser aus einem Lehrbuch
weggelassen, da es sich immer ändert.
Wie schon bei früheren Besprechungen gesagt, sind die Röntgen¬
bilder bei der Druckvervielfältigung vielfach schlecht (vgl. Abb. 19,
46, 47, 59, 71). Wenn auch einzelne gegen die 2. Auflage wesentlich
besser sind, so sollte man doch, wenn schon Röntgenbilder mit¬
gegeben werden, Chromopapier verwenden.
Eine Kleinigkeit: In der 3. Auflage eines sonst so tüchtigen und
empfehlenswerten Lehrbuches, das wirklich den gesamten Stoff in
geschickter Weise zusammenstellt, sollte nicht mehr stehen Zwcrg-
fell (Abb. 21). L i e b e - Waldhof-Elgershausen.
Storch: Das archaisch-primitive Erleben und Denken der
Schizophrenen. Springer, Berlin, 1922. 89 S. Grdpr.: 3.60 M.
Storch führt die Parallele zwischen archaischem und schizo- I
phrenem Denken im einzelnen durch, und zwar unter folgenden Ge¬
sichtspunkten geordnet: Handlungen („Motorik“), Zustandsbewusst- |
sein, anschaulich-komplexes Denken, Ichbewusstsein (Zerfall des Ichs
und Verlust der Ichgrenze, Verschmelzung von Ich und Gegenständ¬
lichkeit: die magisch-tabuistischen Einstellungen mit den „numinösen I
Urgefühlen“ und primären Wahnerlebnissen, die Persönlichkeitsum- l
Wandlungen (Geschlechtsumwandlung, mystische Einigung, kosmische i
Identifizierung, Wiedergeburt, ekstatische Versenkungen). Ein letztes i
Kapitel umschreibt die Grenzen dieser Betrachtungsweise und ver- I
folgt die Erscheinungen theoretisch bis ins Biologische.
Die verdienstliche Arbeit fasst klar und knapp unser Wissen über
diese Dinge zusammen, nicht nur in der Stoffbehandlung, sondern auch
in Beispielen und Auffassungen manches hinzufügend. Eine noch zu i
ergänzende Lücke darf vielleicht erwähnt werden: Schizophrene I
haben nicht nur die Neigung, sinnlich anschauliche Vorstellungsbilder i
zu erzeugen, sondern daneben auch die gegensätzliche, zu weitgehend
zu abstrahieren. Auch das hat der Schizophrene mit dem primitiven
Denken gemein. Hüten sollte man sich, Begriffsabgrenzungen aus I
ganz anderen Vorstellungskreisen hereinzuziehen, und wenn auch nur
in einer nebensächlichen Bemerkung, wie die Auffassung V o I k e 1 1 s, i
dass die Vorstellungen mancher 'Tiergruppen nicht dinghaft, sondern
gefühlsartig seien. Ein solcher Begriff der Dinghaftigkeit ist in der i
naturwissenschaftlichen Psychologie nicht brauchbar, und wenn man
solche intellektuelle Psychismen, wie die Vorstellung einer Tier¬
gruppe, wieder als Gefühle bezeichnen wollte, so würden wir um
Jahrzehnte zurückgeworfen, nachdem es uns endlich gelungen ist, '
diesen vielleicht wichtigsten Begriff der Psychopathologie brauchbar
zu umgrenzen.
Dann noch eins, was man nicht durchgehen lassen darf. Storch
selbst weiss ja, dass archaisches und schizophrenes Denken trotz .
aller Analogien nicht das gleiche sind; aber er hat sich doch in der i
Hauptsache an die einmal geläufige, viel zu weitgehende Identifikation ;
der beiden Denkformen gehalten, was namentlich in den theoretischen
Ausführungen sich ausdrückt. Die Auffassung des Zurück¬
sin kensdesschizop hrenen Denkensaufei nefr über
normale, aber weniger entwickelte Stufe ist sicher
falsch l), so sicher, als die senile Psychose, die eine Menge kind¬
licher Eigenschaften besitzt, nicht wieder auf die kindliche Stufe zu¬
rückgefallen ist. Es wird ja nicht zu leugnen sein, dass die Primitiven ,
in gewissen Beziehungen psychische Eigenschaften besitzen, die wir
bei weitentlegenen Vorfahren der Kulturrassen voraussetzen dürfen;
aber dieser Unterschied kommt hier gar nicht in Betracht und ist im ,
wesentlichen denn doch ein qualitativer; die „Primitiven“ sind so j
wenig Ahnen späterer uns gleicher Kulturrassen, als Nachkommen
von Kaninchen Affen werden können. Und wenn Primitive und Schi¬
zophrene mehr Anschauungsbilder benutzen können oder benutzen
müssen als der Kulturmensch, und beide viele Begriffe unscharf be¬
grenzen. so tun sie das aus ganz anderen Ursachen.
Am einfachsten lässt sich der Fehler an französischen Vorstel¬
lungen zeigen, die bei der Schizophrenie von einem Defekt des „sens
1) Dass bei allerlei Störungen die komplizierteren und die jüngeren Funk¬
tionen ceteris paribus am meisten leiden, so dass einfachere und ältere zum
Vorschein kommen können, hat mit dem Prinzip der schizophrenen Denk¬
störung nichts zu tun, so selbstverständlich es ist.
September 192.1
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1185
la r£alitd“ sprechen, den sie als eine phylisch spät erworbene
chstfunktion ansehen. Nun kann aber eine Psyche, je unentwickel-
sie ist. um so weniger von der Realität abweichcn; dazu braucht
eine Uebcrzahl von Assoziationen. Das autistische Denken ist,
veit es normal ist, in seinem Mechanismus nicht prälogisch, son-
; n metalogisch; bloss inhaltlich könnte man es prälogisch nennen,
i ofern, als ihm das genügende Material zu realistischer Logik fehlt.
| r sens de la rdalitd kann bei keiner existierenden Art defekt sein,
i il er eine notwendige Bedingung der Erhaltung ist. Erst die
hsten Geschöpfe können sich den Luxus einer weitgehenden Ab-
, ichung vom Realen leisten und dadurch einerseits autistisch oder,
i : es hier bezeichnet wird, archaisch denken, und anderseits neues
; inden, kulturschöpferisch tätig sein. Das über die Erfahrung hin-
i .gehende Denken bezeichnet sowohl die tastenden Fehlgänge wie
; Erfindung, das erreichte Ziel, dem die ganze Einrichtung dient.
In die autistische Irre geht das Denken aus zwei hier in Betracht
nmenden Gründen: beim Primitiven da, wo seine Kenntnisse zu
listischen Begriffsabgrenzungen und zum Verständnis der wirk-
len Zusammenhänge nicht ausreichen — im übrigen ist er ein aus-
eichneter Realpolitiker, der denWeissen oft überlistet; der Kranke
da, wo eine allgemeine Assoziationsstörung die Realitätsassozia-
icn gelockert hat. Es sind also äusserlich gleiche Erscheinungen,
genetisch so verschieden sind wie Dunkelwerden durch Augcn-
t Hessen und durch Untergang der Sonne. Oder ein anderes Bild:
r Schizophrene entspricht in der Beziehung, worauf es hier an-
nmt, dem Agraphiker, der durch eine Hirnstöfrung eine früher vor-
idene Fähigkeit verloren hat, der Primitive dem Analphabeten,
die Fähigkeit, schreiben zu lernen (wenn auch vielleicht in ein
nig geringerem Maasse) besitzt, aber sie aus äusseren Gründen
benutzt hat. Die Aehnlichkeit besteht nur darin, dass beide nicht
reiben können. So besitzt der Primitive die Fähigkeit der Auf-
irksamkeit, die Assoziationsspannung und alle die Eigenschaften,
zum geordneten Denken gehören, ebenfalls, er wendet sie nur an
leren Orten, in anderer Richtung an. Er bemerkt viele Dinge, die
nicht auffinden können, übersieht aber manches, was uns auffällt,
n vergisst immer, dass schon ein durch Jahrtausende angesam-
Ites Wissen dazugehört, um die Zusammenhänge der Geschehnisse
erkennen.
Bloss deshalb, weil der Primitive so viel weniger weiss, ist für
alles gleich natürlich oder gleich zauberhaft oder gleich möglich,
er mit seinem Pfeil das Ziel trifft, oder einen Stein wirft, oder einen
nd totschlägt, oder ob er auf komplizierte Weise die Pfeilspitze
giftet, oder bestimmte Nahrungsmittel entgiftet, oder ob die Sonne
- und untergeht, oder sich verfinstert, oder ihm der Blitz das Haus
ündet, oder ob der Europäer mit seiner Schrift einem entfernten
und eine Nachricht gibt, oder mit Schiesspulver oder Elektrizität
:r der photographischen Kamera seinen Zauber ausübt.
Das schizophrene Denken wird nun gewiss mit Recht als eine
lamische Störung aufgefasst, was auch Storch annimmt in An-
nung an Berze und K r o n f e 1 d. Bei den letzteren beiden
oren hat aber die Auffassung noch die Nuance einer a 1 1 g e -
inen dynamischen Störung mit „Herabsetzung“ der Denkfunk-
i auf primitive Leistungen und der Genese aus Störungen im
mm, von dem alle psychische Energie ausgeht. Diese spezielle
mee, nicht die Hauptsache, die dynamische Auffassung, ist noch
nicht bewiesen und unterliegt gewichtigen Bedenken; so macht
Schlafkrankheit mit ihrer enormen basalen Herabsetzung der
chischen Energie kein schizophrenes Denken.
E. Bleuler- Burghölzli.
Bychowski: Metaphysik und Schizophrenie. Abhandlungen
der Neurologie, Psychiatrie, Psychologie und ihren Grenzgebieten,
t 21. 160 S.
Eine Anzahl Krankengeschichten, knapp geschrieben, aber gerade
l der nötigen Länge, zeigen die schizophrenen Störungen der Be-
rnngen zur Welt, den schizophrenen Gott, den Welterlöser, den
ipheten, den Verfolgten, den wahrsagenden und den schizophrenen
losophen. Ein Kapitel über „Theoretisch - psychopathologisches“
nt sich zunächst ganz an B e r g s o n an, enthält aber auch noch
i Anzahl sehr guter Beobachtungen. Völkerpsychologische und
gionspsychologische Ausführungen über die r„präIogische und
ische Mentalität“ der normalen Kulturmenschen suchen, gestützt
viel Material der Literatur, die Parallele im schizophrenen und
imitiven“ Denken durchzuführen, wobei allerdings vom primitiven
iken viel mehr berichtet wird als vom schizophrenen. Interessant
in aller ihrer Kürze die vergleichende Herbeiziehung der indischen
i Schopenhauer sehen Philosophie. Noch mehr als bei
orch (vgl. das vorhergehende Referat) kommt dem Leser hier
i Bewusstsein, dass die Aehnlichkeit des schizophrenen und „prä-
ischen“ Denkresultats fälschlich zu einer Gleichheit des Dcnkvor-
ges gemacht wird. Das schizophrene Denken ist denn auch dem
fasser ein Abbau der Funktion und eine Regression auf ältere
fen, und er redet dabei von einer biologischen Betrachtungsweise,
bstverständlich haben ja Schwächungen einer Funktion und Unent-
keltheit gewisse Aehnlichkeit, aber die beiden Arbeiten von
orch und Bychowski machen bei ihrer Ueberschätzung des
neinsamen eine Untersuchung über die Unterschiede
Denkformen dringend wünschbar. Diese Bemerkungen wollen
r der interessanten und anregenden Arbeit keinen Abbruch tun.
E. Bleuler- Burghölzli.
Zeitschriften- Uebersicht.
Zeitschrift für Immunitätsforschung. Orig.-Bd. 37. Heft 1 -3.
Fischer, Jena 1923. (Auswahl.)
Borchardt: Biologische Beiträge zum d ’ H e r e II e sehen Phä¬
nomen.
Im Anschluss an die Beobachtung, dass im Kot von Kaninchen, die in
bestimmter Weise mit Ruhrbazillen gefüttert waren, Lysinc nach d’H. auf¬
traten, wurden die verschiedenen Sekrete geprüft und es wurde festgestellt,
dass der Duodenalsaft von Hunden, zugesetzt zu den Bakterien der Koli-
Typlius-Ruhr-Paratyphus-Reihe, Lysine erzeugte. B. machte die weitere
wichtige Feststellung, dass das Pankreasferment Trypsin der Katze allein
unwirksam ist, aber durch die Enterokinase der Dünndarmschleimhaut wirk¬
sam gemacht wird. Dem Trypsin kommt die Rolle eines natürlichen Immuni¬
tätsprinzips zu, dem die Entkeimung des Darmes bei den Darminfektionen
zuzuschreiben ist. Das proteolytische, aktivierte Trypsin löst die genannten
Bakterienarten auf, wobei das bakteriolytischc Prinzip regeneriert wird bei
denjenigen Keimen, die tryptischcs Ferment oder seine Vorstufen in ihrem
Leibesinnern enthalten.
(Wenn sich diese Feststellungen von B. bestätigen, ist die Aufklärung
des d ’ H e r e 1 1 e sehen Phänomens im ganzen erfolgt und zwar im Zu¬
sammenhang mit bekannten biologischen Vorgängen und nicht durch Auf¬
deckung neuer, wie sie die d ’ H e r e 1 1 c sehen Bakteriophagen darstellen,
(d. Ref.)
F. Rosenthal und R. Freund: Weitere Untersuchungen über die
trypanoziden Substanzen des menschlichen Serums. IV.
Das Trypanozidin des menschlichen Serums ist an die Euglobulin- bzw.
Pseudoglobulinfraktion gebunden. Antigene Eigenschaften sind nicht nach¬
weisbar. Behandelt man eine Maus mit grossen Mengen Menschenserum,
so macht dieses ein später eingespritztes trypanozides Serum in der Maus
unwirksam, und zwar nicht auf Grund eines Immunitätsvorganges, sondern
infolge Erschöpfung eines wahrscheinlich in der Leber gebildeten Körpers, der
aus dem injizierten Menschenscrum die trypanozide Substanz zu bilden
vermag.
v. Leeuwen, Bien, Varekamp: Neuere Erfahrungen und Dia¬
gnose und Therapie von Ueberempfindlichkeitskrankheiten (allergische Krank¬
heiten).
Allergische Krankheiten beruhen auf Ueberempfindlichkeit gegen ver¬
schiedene Gifte und sind von den Anaphylaxien zu trennen. Charakteristisch
ist: Ueberempfindlichkeit der Haut gegen verschiedene Substanzen (z. B.
Bestandteile der menschlichen Haut, Schweinefleisch und eine in vielen
Häusern vorkommende Substanz [Staubextrakte!]), Veränderungen des Blutes
(Blutdrucksenkung, veränderte Gerinnungszeit, Senkung der Leukozyten¬
zahl usw.), Auftreten von Substanzen im Blut, die die glatte Muskulatur
reizen, Ueberempfindlichkeit gegen Tuberkulin usw. Die
Diagnose lässt sich durch die positive Hautreaktion bei Injektion von
Menschenhautschuppenextrakt stellen. Theiapie: Injektion von kleinen
Mengen bei den Kranken wirksamer Substanz, beste Ergebnisse mit Tuber¬
kulin.
Gözony und Kr a mär: Ueber Immunität und Resistenz.
Das Serum empfänglicher Tiere befördert die Reduktionsenergie der be¬
treffenden Bakterienart stärker als das Serum resistenter Tiere.
Katzumi Kojima: Beiträge zur Erforschung der Rauschbranderreger.
I. und II.
Vergleichende Untersuchungen an den Kitt- und Foth-Stämmen. Kitt¬
antitoxin neutralisiert nur Kitttoxin, Fothantitoxin beeinflusst, wenn auch
nicht stark, Fothtoxin.
Katzumi Kojima: Aktivierung der Bildung giftiger Substanzen von
Bac. emphysematos Frankel durch einige Katalysatoren.
Positive Befunde mit Phenanthrenchinon u. a.
Brossa: Antagonismus zwischen Albumin und Globulin und seine
etwaige Verwendung zur Serumdiagnostik.
Kolloidale Farbstoffe werden durch Serumglobulin sensibilisiert, durch
Serumalbumin geschützt. Die Reaktion fiel mit Kongorot bei allen aggluti¬
nierenden Typhusseren positiv aus.
Masanki Yoshioka: Ueber das Bakteriengift, insbesondere das
Typhustrockengift.
Beschreibung der Herstellung eines Typhustrockengiftes, das in dem
Tierversuch spezifisch immunisierte und beim Menschen therapeutisch wirk¬
sam war.
Kafka: Beiträge zur Serologie des Liquor cerebralis.
Die Lumbalflüssigkeit enthält das Mittelstück, so dass nach Zusatz des
Endstückes sensibilisierte Hammelblutkörperchen aufgelöst werden, es
hämagglutiniert hochsensibilisierte Hammelblutkörperchen. Die WaR. kann
auch beim Fehlen von Globulinen im Liquor auftreten. Die Lipoide sind zu
berücksichtigen.
Fleischer und Amster: Einfluss der Reaktion des Medianus auf
die Desinfektionswirkung organischer Farbstoffe.
Basische Farbstoffe weiden in ihrer Desinfektionswirkung gesteigert
durch ganz geringfügige Verminderung, saure durch ganz geringfügige Ver¬
mehrung der Wasserstoff.onenkonzentration. R i m p a u - Solln.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 33.
L. Nürnberger (Univ. -Frauenklinik Hamburg): Zur Therapie des
Scheidenvorfalls bei fehlendem Uterus.
Ein Vorfall der Scheide kann, wenn der Uterus fehlt, entweder durch
operatives Veröden des Scheidensackes geheilt werden, was aber dann nicht
vor Rezidiv schützt, wenn der Defekt im Beckenboden zu gross ist, so dass
die verschlossene und verödete Scheide nur eine freischwebende Narben¬
platte im Hiatus darstellt, oder durch Anheftung an die vordere Bauchwand
oder das Promontorium. Ist die Vagina aber nicht lange genug, so sind diese
Methoden nicht anwendbar. In dem von Verf. beschriebenen Falle wurde
ein 3 cm breiter und 10 cm langer Streifen aus der Rektusaponeurose ent¬
nommen und, während seine Basis in Zusammenhang mit dem Beckenrand
gelassen wurde, mit dem oberen Ende auf die hintere Fläche des prolabierten
Blindsackes mit Silknähten festgenäht. Die Kranke ist bis jetzt, 7 Monate
nach der Operation, ausserordentlich zufrieden. Die Methode ist für Fälle
zu empfehlen, wo die Kohabitationsfähigkeit erhalten bleiben soll.
1186
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3 1
H. Brütt (Chir. Univ. -Klinik Hamburg): Zur operativen Heilung des
puerperalen Uterusgasbrandes.
Die Erkrankung ist wohl häufiger, als man annimmt, wird nur nicht
immer richtig gedeutet. Verf. reiht den 6 von ihm früher beschriebenen
Fällen einen weiteren an. Derselbe war klinisch durch die doppeltfaust¬
grosse, bei Palpieren knisternde Geschwulst oberhalb der Symphyse
zu diagnostizieren. Die Therapie bestand in Exstirpation des Uterus und der
rechten Adnexe. Es war krimineller Abort vorausgegangen. Der lokale
Herd stand iiier im Vordergrund. Deshalb war die Operation indiziert und
führte auch zur Heilung. Handelt es sich aber nur um Allgemeininfekti m
mit dem F r ä n k e I sehen Bazillus, so ist Operation überflüssig und schäd¬
lich. Ausführung über das Zustandekommen der Blutschädigung.
H. Kiehnc (Univ. -Frauenklinik Halle): Zur Therapie des Tetanus
puerperalis.
Verf. berichtet über 4 Fälle. Es wurde jeweils 1 — 5 Tage nach Aus¬
bruch der Krankheit vaginal totalexstirpiert und dann in der Volhard-
schen Klinik mit täglichen Dosen von 50 ccm Tetanusserum nachbehandelt.
2 Fälle kamen ad exitum, einer wurde geheilt, der vierte erlag auf dem Weg
zur Heilung einer Embolie. Verf. empfiehlt neben der Serumbehandlung 'die
Exstirpation, um den Toxinnachschub an das Nervensystem zu bremsen.
K. Herold (Utiiv.-Frauenklinik Jena): Zur Frage der Primäraffekte an
den weiblichen Genitalien.
Verf. betont in dankenswerter Weise die Wichtigkeit, auf die Natur der
Portioulzerationen zu achten. Die Gynäkologen denken zu selten an die
Möglichkeit eines luetischen Primäraffektes. Gerade an den Epitheldefekten
der Portio siedeln sich die Spirochäten gerne an. Er berichtet über 2 Fälle
der Jenenser Klinik. Die Beschwerden waren Schmerzen in Hüfte, Leisten,
im Abdomen, Beschwerden bei Miktion und Defäkation. Bei histologischer
Untersuchung ist an die Gefahr der Verwechslung mit Karzinom und Sarkom
zu denken. (Henkel.)
E. Dubrowitsch (Univ.-Frauenklinik Giessen): Statistisches zur
Frage der Behandlung des fieberhaften Abortes.
Der Standpunkt v. Jaschkes ist, möglichst abzuwarten und erst
3 — 4 Tage nach Entfieberung auszuräumen, sofern es wegen Blutung not¬
wendig ist. Auf 2 grossen Tabellen bringt Verf. nach Dietrichs Grund¬
sätzen das Material der Gicssener Klinik der letzten 10 Jahre, soweit es
statistisch verwertbar ist. Von 445 Fällen fieberhaftet} Abortes wurden
265 aktiv mit 2,26 Proz. Mortalität, 89 rein konservativ mit 1,12 Proz.
Mortalität und 91 exspektativ (Ausräumung nach Entfieberung innerhalb
1 — 6 Tagen) mit 1,1 Proz. Mortalität behandelt. Es gab sonach die ex-
spektative Methode die günstigsten Resultate. (Bedenkt man, dass es sich
immerhin nur um einen Unterschied von etwa 1 gegenüber 2 Proz. Mortalität
zugunsten der exspektativen Methode handelt, dass jeder Statistik ein ge¬
wisser Grad von Willkür anhaftet und dass bei nicht sehr grossen Zahlen
der Zufall eine Rolle spielen kann, so wird diese Statistik, so wertvoll sie ist,
die Ueberzeugung von der unbedingten Ueberlegenheft der exspektativ m
Methode nicht bringen können. Die grossen Kliniken, Berlin, München, Wien,
stehen ja auch noch auf dem aktiven Standpunkt. Ref.)
Robert Kuhn- Karlsruhe.
Klinische Wochenschrift. 1923.
Nr. 32. Fr. v. G r ö e r - Lemberg: Die Dernioreaktloncn mit besonderer
Berücksichtigung pharmakodynamischer Funktionsprüfungen der Haut.
(Schluss.) Uebersichtsaufsatz.
F. Rosenthal und M. v. Falken hausen - Breslau: Weitere Bei¬
träge zur Physiologie und Pathologie der Gallensäuresekretion beim Menschen.
Hinsichtlich des Verhältnisses der beiden Gallcnsäuren ergibt sich eine
Gesetzmässigkeit insofern, als in der weitaus überwiegenden Mehrzahl der
Fälle der Gehalt an Glykocholsäure mehr oder minder beträchtlich die
Konzentration der Galle an Taurocholsäure überragt. 3 Faktoren sind für
die Beziehungen der beiden Gallensäuren von massgebendem Einfluss: 1. die
Menge des zur Kuppelung verfügbaren Glykokolls und Taurins, die ihrerseits
in Abhängigkeit von dem Eiweissstoffwechsel und dem Schicksal des Zystins
im Organismus steht, 2. die Menge der zur Kuppelung verfügbaren freien
Gallcnsäuren und 3. die Affinitäten der Cholsäuren zum Glykokoll und Taurin,
durch die allem Anschein nach zunächst die Bildung der Taurocholsäure be¬
günstigt wird.
W. Hemke- München : Ueber die 2-Phenylchinolin-4-Karbonsäure-
o-Anilidokarbonsäure (Artosin).
Aus den systematischen Untersuchungen ergibt sich, dass das Artosin
eine vermehrte Atophanwirkung besitzt, indem die Harnsäureausscheidung
sowohl hinsichtlich der prozentischen Konzentration als auch hinsichtlich
der Tagesmenge gesteigert wird. Entsprechend sinkt der Harnsäurespiegel
im Blut, die Artosinwirkung tritt etwas später ein, als beim Atophan, hält
etwas länger an. Wirksame Dosis 3 — 5 mal täglich 0,3 g. Unangenehme
Magenwirkungen wurden bisher nicht gesehen.
K. Beringer und P. G y ö r g y - Heidelberg: Polydipsie nach
Encephalitis epidemica.
Im vorliegenden, genau analysierten Falle zeigte sich der nervöse
Charakter der Polydipsie. Auch die Polydipsie führt zu spezifischen Ver¬
schiebungen im Salz- und Wasserhaushalt. Mit Diabetes insipidus hat der
Zustand nichts zu tun.
H. S e 1 1 h e i m - Halle a. S.: Zerstückelung grosser Myome auf vagi¬
nalem Wege.
Unter gewissen Umständen, wie sie an Hand eines Falles näher dar-
gelcgt werden, muss für die Zerstückelung auch heute noch der vaginale
Weg gewählt werden. Die Operation auf abdominalem Wege stellt an den
Organismus im allgemeinen höhere Anforderungen, beim vaginalen Vorgehen
ist die Schonung des Herzens eine grössere.
B u c k y und Kretschmer - Berlin: Röntgenbestrahlungen zur
Hebung des Allgemeinzustandes schwächlicher Kinder.
Bei bestimmier Technik der Bestrahlungen und Wiederholung derselben
frühestens nach 8 Wochen konnten Verfasser bei der Mehrzahl von ca. 50 be¬
handelten Kindern eine Hebung des Allgemeinzustandes fcststellen. mit Ver¬
änderung des Blutbildes, Steigerung des Appetits etc. Für Höhensoime-
bestrahlungen, welche ähnliche Erfolge bewirken, sind viel längere Kuren
nötig.
K. N a t h e r - Zürich: Versuche mit Krebstransplantation.
Es gelang, durch wiederholte Injektion von Mäusekrebsbrei auf Kanin¬
chen einen Mäusekrebs fortzuzüchten, dabei wurde das biologische Ver¬
halten der transplantierten Geschwulst im Sinne einer Virulcnzminderun \
verändert.
G. R i c d c 1 - Frankfurt a. M.: Die P i r q u e t sehe Hautreaktion m
Alt- und Morotuberkulln.
Nach den dortigen Beobachtungen ist das diagnostische Tuberkulin na.
Moro als das wertvollere Tuberkulin zu schätzen, da ein Versager nid
vorkam.
P Rondoni und P. G. Dal C. o 1 1 o - Neapel: Zur Frage der Virulen.
Steigerung der saprophytischen säurefesten Bazillen.
Die Ergebnisse der Versuche waren im Grunde negativ.
W. B ö n n i g e r - Berlin-Pankow: Zur Frage der Gastroptose.
Mitteilung von Zahlenmaterial aus früheren Untersuchungen des Verl
zu dieser Frage.
J. S c h u s t e r - Pest: Zur Kenntnis der Pathohistologie der Schizi .
phrenien als psychische Systemerkrankungen.
Verf. teilt vorläufig mir, dass er bei halluzinierenden Kranken dieser A ‘
eine sehr schwere vesikuläre Degeneration der Ganglienzellen beobachte j
konnte, welche durch fast alle Schichten der Hörrindc und der Tempora«
lappen sich erstreckte.
Iv. Berger-Pest: Zur Blutplättchenzählung.
L. Gozony und E. Kramar-Pest: Ueber den Nachweis vitainii
artiger Substanzen in Seris.
P. S c h e n k - Marburg: Ein Beitrag zur Pathologie und Therapie de
Chloroformnarkose. Kurze wissenschaftliche Mitteilungen.
L. E h r e n b e r g - Falun : Zur Kasuistik der mit L a n d r y scher LU
mutig einhergehenden Porphyrinurie. Grass m.a n n - München.
Deutsche medizinische Wochenschrift.
Nr. 32. F. K. Kleine und W. Fischer: Zwei Berichte über dl
Prüfung von „Bayer 205“ in Afrika.
M. W e s t e n h ö f e r - Berlin: Ueber Artsteigerung.
Siehe Bericht M.m.W. 1923 S. 857.
H. C u r s c h m a n n - Rostock: Ueber unspezifische Steigerung de
Agglutinationstiters (Gruber-Widal) durch andersartige Infekte, im
besondere Grippe, bei ehemals Typhusschutzgeimpften.
F. Blumenthal und L. Halberstädter - Berlin : Gibt es ein
Serumtherapie des Karzinoms?
Bisher gibt es keine spezifischen Heilmittel für Karzinome, auch de:
Tumorzidin kommen nur unspezifische Wirkungen zu.
E. G o h r b a n d t - Berlin: Die Behandlung bösartiger Geschwülste m
Tumorzidin.
Das Tumorzidin entfaltet gewisse unspezifische Wirkungen, wie zah
reiche andere Mittel. Der chirurgischen Behandlung gebührt nach wie vc
der Vorrang.
R. Sey der heim und W. L a m p e -Göttingen: Ueber neue intrs
vitale Verwendungsmöglichkeiten kolloidaler Farbstoffe.
Uebersichi der Probleme namentlich bezüglich der Nierenfunktion;
Prüfung an der Hand der Literatur und eigener Untersuchungen.
F. W o 1 f f -iBreslau: Vergleichserfahrungen mit parenteraler Reb
therapie bei entzündlichen Erkrankungen in der Gynäkologie.
Die Erfahrungen mit Terpentin, Caseosan und Yatren-Kasein ergaben fü
die einzelnen dieser Mittel gewisse gesonderte Indikationen; insgesamt h
die parenterale Reiztheorie, unterstützt von Diathermie und resorbierende^
Heilfaktoren, bei einer recht erheblichen /Suhl von entzündlichen Adnex
erkrankungen geeignet, zu sehr befriedigenden Heilungen und Besscrunge
zu führen. Namentlich bei nichtgonorrhoischen Adnextumoren und Pars'
metritiden ist die Yatren-Kaseinbehandlung oft sehr wirksam. Bei gonot
rhoischen Erkrankungen steht die lokale Behandlung des Prozesses iij
Vordergrund. Neigung zu fortgesetzten Rezidiven bedingt Operation.
Ch. G o 1 1 1 i e b - New York: Zur Frage der Isodosenkurven in de
Röntgentherapie. *5,
I) o w i g - Danzig: Erfahrungen mit dem Schwangerschafts-Frühdiagnost
kum Maturin.
Bei positivem Ausfall ist Schwangerschaft (nur) wahrscheinlich. bi
negativem nicht völlig auszuschliessen.
A. S t e i g c r - Essen: Ueber die Behandlung der Gcbärmutterschlelrc
haut.
Um die Nachteile starrer Intrauterinspritzen zu vermeiden, verwende
St. einen (gekürzten) weichen Katheter, der mit einer Rekordspritze vei
bunden wird.
A. C a 1 m a n n - Hamburg: Kopfschmerz nach Lumbalanästhesie.
H. N a u c k e - Ruppertshain: Ueber Tonophosphan bei der Behandlun
der Lungentuberkulose.
Eine wesentliche aussergewöhnliche Wirkung kommt dem Mittel nicht zi
J. F 1 e ' s c h e r - Wien: Erfolg der C a n t a n i sehen Diät bei der Be
handlung eines Falles von oxalsaurem Kalknierenstein.
B e r g e a t - München.
Medizinische Klinik. Heft 33 u. 34.
H. S e 1 I h e i m - Halle a. S.: Eklampsie und Schwangerschaftstoxikose
als spezifisch menschliche Fortpflanzungs- und Kulturkrankheit.
F. Glasc.r und P. B u s c h m a n n - Schöneberg: Die Bedeutung de
Spontanschwankungen der Leukozyten (besonders für die hämoklasische Kris
und die Verdauungsleukozytose).
Sogar bei Bettruhe und im Nüchternzustand betragen in 53 Proz. vo
333 Fällen die täglichen Zahlendiffercnzen mehr als 2000; dieser Satz steig
bei Untersuchungen an 2 verschiedenen Tagen auf 90 Proz. Die Leuko
zytenschwankungen machen sich viel mehr in den Kapillaren als im Venen
blut bemerkbar. Auch diese Befunde bestätigen die Annahme, dass di
Leukozytenschwankungen als Ausdruck von Tonusveränderungen im Gefäss
System anzusehen sind.
H. P e 1 1 e - Hamburg: Betrachtungen zum Kapitel der frühsyphilitlschci
Erkrankungen des Zentralnervensystems.
Im wesentlichen machen die ungenügend mit Salvarsan behandeltei
Fälle jenes Material aus, über welches Verf. seine seit 1920 erweiterter
Erfahrungen bekanntgibt.
F. S i e g e r t - Freiburg i. B.: Erfolge der supravaginalen Amputatioi
und Kastration bei tuberkulösen Schwangeren.
Von 26 Schwangerschaftstuberkulosen wurden 20 gebessert (daru’ite
12 geheilt), 4 nicht gebessert, 2 blieben unbekannt. Ausfallserscheinungen
. September 192,3. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ul nicht zu fürchten und haben, soweit sie auftreten, keinen schädigenden
ttluss.
0. Holste- Stettin : Zwei ungewöhnliche Orbitalvcrletzungen.
Mitteilung von 2 Fällen mit Stichverletzung der Orbita ohne Bulbus-
rstörung.
H. 7. o e p f f e I - Hamburg: Betrachtungen zur Frage des Megakolon an
oid eines den proximalen Dickdarmabschnitt betreffenden Falles.
I Der Begriff der Hirschsprung sehen Krankheit sollte fallen und die
rinen des Megakolon eingeteilt werden je nach der Entstehung auf organi-
ier oder auf funktioneller Basis; daneben müssen gemischte Fälle zage¬
nden werden.
W. Raab und C. T e r p 1 a n - Frag: Morbus Basedow!! mit subakuter
beratrophie. Krankengeschichte und Sektionsbefund.
E. K I o p s t o c k - Berlin: Zur differentialdiagnostischen Abgrenzung des
erus Simplex (catarrhalis) vom Icterus syphiliticus.
Unter gewissen Einschränkungen kann die Blutkörperchensenkungs-
scnwindigkeit die Entscheidung bringen. Weitere Erfahrungen über deren
Hässlichkeit müssen noch gesammelt werden.
E. v I' o v ö I g y i - Pest: Tracheotomie und Kehlkopftuberkulose.
Tracheotomie wird abgelehnt, weil sie den Lungenzustand schlecht, den
"•köpf nur vorübergehend günstig beeinflusst.
A. M o s e n t h a 1 - Berlin: Die Behandlung der Polyglobulie mit
ntgenstrahlen.
Im mitgeteilten Fall bewirkte die Bestrahlung der erythropoetischen
gane mit kleinen Dosen entschiedene Besserung.
M. I u r o 1 1 - Wieden: Ueber Gynergen.
, Empfehlung. Nebenwirkungen bei neuropathischen Individuen führten
keinerlei ernsten Störungen.
R'- V ».° Erfahrungen mit „Meinickes Trübungsreaktion“.
Die 3. Modifikation ist ebenso spezifisch wie die WaR.. kann aber noch
ht als Ersatz derselben bezeichnet werden.
E. C I a s e n - Itzehoe: Varizen Ulcus cruris und ihre Behandlung. S.
Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie. Band XII
ft 2. Zürich 1923. Verlag Orell Füssli.
Fick: Sp rachpsychologische und andere Studien zur Aphasielehre
irtsetzung und Schluss aus XII/ 1.)
Der Verfasser äussert sich über Aenderungen des Sprachcharakters
Begleiterscheinung aphasischer Störungen, bespricht die verschiedenen
rmen des Agrammatismus in sprachpsychologischer Kritik und den Auto-
i ls™usf und Willkürakt in der Aphasie. Eine bedeutsame Bestätigung der
n vert. vertretenen Anschauungen bringen die Selbstbeobachtungen eines
• s a [ o z über seine eigene Aphasie.
• EM a sb e rg: Die Schwierigkeit intellektueller Vorgänge: ihre Psvcho-
ie, Psychopathologie und ihre Bedeutung für die Intelligenz- und Demenz-
schung. (Fortsetzung und Schluss aus XII/l.)
Bespricht die Abstufungen der Sprachfunktionen nach der Schwierig-
lt in der Aphasieforschung, Begriff und Kritik der objektiven Schwierigkeit
1 Schwierigkeit intellektueller Prozesse nach den Selbstbeobachtungen des
ten Bewusstseins, die zu verwendenden Kriterien, Definition des teleo-
isc hen und des phänomenologischen Intelligenz- und Demenzbegriffes
Oswald: Die Beziehungen der Schilddrüse zum Nervensystem. (Re-
BernamU der Schweizer Neurologischen Gesellschaft
Die Schilddrüse liefert ein Sekret, welches die Eigenschaft hat die
sprechbarkeit des gesamten Nervensystems, sowohl des zerebrospinalen
le des autonomen, gegen äussere und innere Reize zu erhöhen. Auch auf
Wechsel Vorgänge übt sie eine fördernde Wirkung aus und auch diese
rtte ihren Weg über das Nervensystem cinschlagen. Im Gegensatz zu
l anderen endokrinen Drüsen hat sie keine direkte Reizwirkung. Der ge¬
rne, mit einem normal ansprechenden Nervensystem ausgestattete Mensch
igicrt nicht oder nur wenig auf das Schilddrüsensekret, der mit einem
.n, überreizten Nervensystem ausgestattete reagiert dagegen in der
L'ise darauf, dass dadurch die Ansprechbarkcit seines Nervenapparates
r i me ’r gesteigert wird, was zur Folge hat, dass schon physiologische
ize pathologische Effekte auslösen.
Stern Allgemeines und Kritisches zur Methode der Intelligenzprüfung.
Schildert das Verfahren bei der Intelligenzprüfung unter Charakteri-
rung und kritischer Beleuchtung der Methode. B 1 u m m - Hof/Saalc.
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 32. V. P a t z e 1 1 - Wien: Zwischenzeiten und Samenepithel,
a V‘ JiokaV'Pest: Das „Exanthema subitum“ (Zahorsky-
: e d e r - H e m p e 1 m a ii it). Beschreibung zweier typischer Fälle.
R. Po sch ach er- Wien: Die Ergebnisse der Abortusbehandluiig mit
inm bei oraler Verabreichung.
| Bei Abortus incipiens in 82 Proz., bei Abortus incompletus in 30 Proz.
lolg. ln jedem Fall, besonders beim fieberhaften Abortus. soll keine Aus-
mung gemacht werden ohne vorherigen Versuch mit Chinin.
H. Haase: Zur Frage der Kropfbehandlung mit minimalen Joddosen.
n. empfiehlt für die Schulprophylaxe wie für die Behandlung Er-
ensener die Jodostrumittablettcn als durchaus geeignet.
W: Sch war zach er-Graz: Ein interessanter Fall von Mord an
em 5 Wochen alten Säugling. Gerichtsärztliches Gutachten.
Nr. 33. W. Falta und F. D e p i s c h - Wien: Ueber interne Kom-
vationen nach Tonsillektomie und Wurzelspitzenresektion.
Beobachtungen über akute Verschlimmerungen bestehender Nephritis,
aokarditis, Arthritis u. a. im Anschluss an Operationen an den Tonsillen
r kariösen Zähnen.
F. Schlemmer-Wien: Ueber interne Komplikationen nach Tonsill-
omie.
Ergänzung des Vorstehenden, die nicht allzu häufigen Komplikationen
| ch Vermeidung aller quetschenden Manipulationen bei Ausführung der
leration.
K. S c h r e i n e r - Graz: Ueberempfindiichkeit nach Miichinfektion
Krankengeschichte.
J. R e i t e r - Innsbruck: Zum röntgenologischen Nachweis von Askariden
Magendarmtrakt.
Mittels des Holzknccht sehen Distinktors gelang in 2 Fällen der
Nachweis 10 20 Minuten nach der Kontrastmahlzeit.
K. r o I d t jun. -Wien: Ueber die Trombidiasc (durcli Leptus autum-
nalis bedingte Hautkrankheit) in den Alpen.
Weitere Mitteilungen. B e r g e a t - München.
Auswärtige Briefe.
> Brief aus Russland.
Die ausländischen Hilfsorganisationen.
Liner Aufforderung der Schriftleitung, Briefe aus Russland zu veröffent-
lchen, welche die medizinischen und sozialhygienischen Verhältnisse zum
Gegenstand haben komme ich um so lieber nach, als sich mir eine beson-
ders günstige Gelegenheit zu bieten scheint, endlich einmal Beobachtungen
u, Erfahrungen, die sich gesammelt haben, niederzulegen. Ich werde wahr¬
scheinlich Dinge erzählen, die der Mehrzahl der westeuropäischen Kollegen
nicht angenehm klingen werden. Denn kaum ist über ein Land, mit Ausnahme
über Deutschland, wahrend des Krieges und der ihm folgenden Zeit derart
niederträchtig viel bewusst gefälscht und gelogen und mit unglaublich niedri-
gen Mitteln gearbeitet worden, wie über Russland und die Sowjetregierung
Es gibt wohl kaum einen Staat, über den zurzeit soviel Unklarheit herrscht,
wie über Kussland. China oder der Südpol liegen offener vor uns. Ich bin
™r ,,®'fusst> dass ich bei der im Westen herrschenden geistigen Verfassung
der Volker, dem Für und Wider der Meinungen über Nationalismus. Sozialis¬
mus und bei noch manchem, was ich bringe, im vornherein auf Ablehnung
stossen und bei dem so wenig geschichtlichen Sinn der Aerzte im all¬
gemeinen nicht werde verstanden werden. Unbeirrt durch irgendwelche
politische Momente werde ich historisch-biologisch Vorgehen. Für den Natur¬
wissenschaftler der einzig gangbare Weg, unbekümmert, ob es den einen
schmerzt oder den anderen freut. Ich werde festumrissene Kapitel und Einzel-
schilderungen mehr oder weniger locker aneinandergereiht mitteilen.
Ich beginne heute mit den ausländischen Hilfsorgani-
f.at ‘°,ne n> deren Tätigkeit soeben zu Ende geht, über welche die ötient-
liehe Meinung m den europäischen und amerikanischen Staaten noch am ehe¬
sten unterrichtet war.
Anlass zur Einwanderung der fremden Missionen gab die gewaltige
Hunger- und Seuchenkatastrophe, welche im Jahre 1920/21 das Land heim¬
gesucht hatte, in einer Ausdehnung an Raum und in der Bevölkerung, dass
der Aussenstehende sich nur einen schwachen Begriff von all dem Elend
machen kann. Viele Nachrichten hierüber sind masslos übertrieben worden,
wohl bona fide, um die Geldgeber der humanitären Organisationen weicher
zu stimmen, vieles war aber auch furchtbar genug. Zahienmässige Angaben
enthaiten die vorzüglich gehaltenen Hefte der Hygienischen Sektion des
Völkerbundes, m welchen wirklich einmal nach so langer Zeit des Völker¬
hasses ein schwacher Versuch internationaler Zusammenarbeit von Aerzten
gemacht wird. Paritätisch, wie es echter Internationalität
der märchenhaften Zeit vor dem Krieg entsprochen hätte, ist die Zusammen¬
setzung noch lange nicht, denn Russland und Deutschland sind kaum ver-
treten. Ferner geben die vom Internationalen Roten Kreuz und Russischen
Koten Kreuz herausgegebenen Bulletins ein einigermassen zuverlässiges
Material, zuverlässig cum grano salis insoferne, als manche Zahlen zu hoch
oder zu niedrig gegriffen sind. Ergreifend in ihrer sachlichen und zu Herzen
gehenden Berichterstattung sind die Dokumente, die M ü h 1 e n s, Abel und
Utto Fischer geben.
Den Ursachen der Hungers- und Seuchennot hier nachzugehen, ist an
dieser Stelle unmöglich. Ganz so einfach sind die Gründe, die von den
genannten Quellen öfters angegeben werden, nun doch nicht. (So z B.
M ü h l e n s.) Der russischen Katastrophe liegen zu viele sich bedingende
und voneinander abhängige völkerbiologische Vorgänge zugrunde, deren Ent¬
wirrungen noch viel Mühe und Zeit kosten wird. Eines muss aber endlich
einmal mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden: Die Sowjet¬
regierung ist nicht für das Unglück verantwortlich
zu machen, wie es ständig zu betonen in der Welt beliebt worden ist.
Und sollte sich trotz allem eine Schuld feststellen lassen — denn keine Re¬
gierung ist ohne Fehl — , so bleibt die schwerste Schuld auf der Entente, die
Russland in den Weltkrieg hineingezogen hat, an der ungeheuren Misswirt¬
schaft des Zarenregims und den fremden Interventionen gegen die Sowjets
hängen. Was noch von meteorologischen, epidemiologischen, volkswirtschaft¬
lichen Schäden hinzukam, vergrösserte und vergröberte nur das Unglück.
Hiergegen wäre jede Regierung machtlos gewesen, machtlos in einem Lande,
in welches von allen Himmelsrichtungen her Söldnerscharen hcreinbrachen
und aus dem geschundenen Leibe Russlands herauszunehmen sich erdreisteten
was ihnen nur im Namen des Rechts gut dünkte. Machtlos in einem Lande,
in dem das Gold der Entente einen jahrelangen Bürgerkrieg unterhielt. Wer
je die fruchtbaren Gefilde der Krim, der Wolga, der Ukraine und Sibiriens
gesehen und sich vorgestellt hat, dass dort, wo das wogende Meer des Wei¬
zens und des Korns sich dehnte, Stellungskämpfe, Feldschlachten, Verwand¬
lungen in Wüsteneien aus militärischen Gründen stattfanden, wird gerechter
Uber die „Schuld“ einer Regierung denken, die eine Konkursmasse, noch dazu
auf sinkendem Schiff übernommen hatte. Wenn dann diese Regierung gegen
ihre Bürger verfahren hat, wie es beliebte und sie es verantworten zu können
glaubte, so ist es ihre eigene Angelegenheit und kein Staat, der irgendwie
selbst auf Souveränität Wert legt, hat das Recht sich liineinzumischen.
Ueber diese Grundbegriffe muss Klarheit herrschen, ehe wir die Tätigkeit
der fremden Organisationen betrachten. Denn es mutet wie eine Posse an,
wenn die gleichen Herren, welche vorher mit der rechten Hand Armeekorps
von Freibeutern und Tankgeschwader gegen Russland finanzierten, nun mit
der linken den mitleidigen Samariter ausrüsten und dem Sowjet zur Ver¬
fügung stellen. Für denselben Sowjet, in denselben Gegenden, wo Monate
vorher die Entente Feldgeschütze gegen sie gedonnert hatte. Difficile est
satiram non scribere!
Und die Fremden kamen! Nicht alle waren „belastet“ und auch die
„Belasteten“ erschienen ohne Erröten.
Sie fingen an zu arbeiten, zu „organisieren“. Die Amerikaner breiteten
über Russland und einen Teil Westsibiriens ihr grosses Verpflcgungsnetz und
ihre Polikliniken aus. Als erste der Rotekreuzorganisationen kam eine rein
ärztliche Mission des Deutschen Roten Kreuzes, 26 Personen stark, darunter
11 Aerzte. Ihre Arbeit lag in Kasan, Petersburg und Moskau, sowie haupt¬
sächlich in den deutschen Wolgakolonien. Eine zweite Expedition des
1)88
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
Deutschen Roten Kreuzes ging nach der Ukraine im Sommer 1922. Auch
eine nur medizinische Hilfe brachte das Schweizer Rote Kreuz, das am Unter¬
laufe der Wolga, in Zaryzin und Umgebung vorbildliche Krankenhäuser und
Polikliniken mit Schweizerärzten übernahm. Bei den übrigen Organisationen
trat die Hungerhilfe, die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidern völlig
in den Vordergrund. So vollbrachte das Schwedische Rote Kreuz eine aus¬
gezeichnete, wenn auch auf kleinem Gebiet, dafür aber um so wirksamer konzen¬
trierte Hilfe in Samara und Umgegend. Das Holländische Rote Kreuz in der
Krim, das Italienische im Kaukasus, das Französische in Jekaterinenburg
(es trat gar nicht in Erscheinung). Neben den verschiedenen kleineren und
grösseren Organisationen arbeiteten die religiösen oder humanitären Organi¬
sationen, wie die Menoniten und die ausgezeichnete Gesellschaft der Freunde
der Quäcker. Um sie alle fügte sich der Rahmen der Nansenmission, welcher
der ewig junge Polarpionier seinen Namen geliehen hatte, zum grössten Teil
aus Engländern zusammengesetzt. Derselbe Nansen, der Schnee und
Polarkälte überwunden, der seinem losgerissenen Boot im eisigen Wasser
nachgeschwommen war, sah sich auf den Völkerbundstagungen in Genf einer
europäischen Eiswand des Völkermisstrauens, des Hasses und des politischen
Schachers gegenüber. Alle Versuche, das lebensrettende Boot des Verständ¬
nisses zwischen den Ufern der europäischen Staaten zu erreichen, sind letzten
Endes fehlgeschlagen (vergl. seine 12 Leitartikel in der Voss. Ztg. vom
23. III. bis 1. V. 23). Um so herzlicher war der Empfang in Russland. Von
natürlicher Freude getragen. Dieser Norweger mit dem köstlichen Blick
seiner blauen Augen, seine Milde und Weichheit als Stürmer gegen die geistige
Polarnacht westeuropäischer Siegerrentner, die Hilfe in der grössten Not von
der Zahlung alter Kriegsschulden abhängig machten. So hat Nansen rein
menschlich ausgleichend hier gewirkt.
Haben nun die Hilfsorganisationen irgendeinen Erfolg gehabt? Diese
Frage ist wohl zu bejahen. Die tatsächlich geleistete Hilfe war stellenweise
sehr wertvoll und kam zur rechten Zeit, um viele Tausende von Menschen
zu retten. Aber auch der Regierung erwuchsen ungeheure Aufgaben, diese
fremde Hilfe unter ihrer Obhut zu halten und sie sich nicht über den Kopf
wachsen zu lassen. Denn sehr gross waren die vom Sowjet übernommenen
Lasten: Zoll und Transport, freie Personenbeförderung, Wohnung, Heizung,
Benzin. Und dies alles im Augenblick der schwersten Not. Die Leistung der
bei der Regierungsspitze gebildeten Hungerhilfskommission und des Eisen¬
bahnkommissariats, allen Fremden gerecht zu werden und zugleich die Inter¬
essen des eigenen Landes zu wahren, ist ausserordentlich gewesen.
Nun ist der Hunger offiziell „liquidiert“. Nachdem erst aus einer Hunger-
hilfskommission am 1. X. 22 eine Kommission zur Bekämpfung der Hunger¬
folgen gebildet worden war, merkte der Kundige die kühle Morgenwitterurig
kommender Auflösung. Sie musste notwendig eintreten. Ganz abgesehen
davon, dass die Unkosten auf die Dauer im Vergleich zur geleisteten Hilfe
zu hoch waren — konnte man doch den Inhalt eines Ara oder Nansenpakets
billiger freihändig in Russland selbst kaufen, als die Einzahlung betrug — ,
empfand man es wohl mit Recht unbequem, im ganzen Land wirtschaftliche
Elemente hochvalutastarker Nationen zu beherbergen, die auf „Entgegen¬
kommen“, genannt „Konzessionen“, rechneten.
So erging denn ein Rundschreiben über das Ende der Hungerhilfe.
Alle Funktionen der Hungerhilfsorganisationen gingen an das Russische Rote
Kreuz über unter der Bedingung, dass die alten Verträge mit den ausgedehn¬
ten Privilegien als erloschen gelten, entweder neue geschlossen oder die
Ausgaben fremder Organisationen dem Staate nicht mehr zur Last fallen
sollen. So blieben nur das Internationale Rote Kreuz und die Nansenmission
übrig — letztere mit einer Konzession für 3 landwirtschaftliche Muster¬
güter — , das Deutsche und das Schweizer Rete Kreuz mit ihren praktisch¬
wissenschaftlichen Betätigungen in rein medizinischem Sinne.
So rein medizinisch, wie sich die Nansenmission die sogen,
medizinisch-sanitäre Hilfe für Russland dachte, Hess sich die Fortführung ihrer
Arbeit nicht bewerkstelligen. Im Gegenteil, als die mit den grössten Er¬
wartungen eingearbeitete und seit Anfang des Jahres 1923 betriebene An¬
gelegenheit Tatsache werden sollte, hatte der Völkerbund bzw. die Hygie¬
nische Sektion, welche ihren ständigen Vertreter in Moskau hat, kein Geld
mehr. Und dies in einem Augenblick, da eine Malariapandemie zum zwei¬
tenmal das Land überzieht und die Bauernschaft lähmt. In einem Augenblick,
da den wirklich am Wiederaufbau interessierten Völkern es ein leichtes ge¬
wesen wäre, zu helfen. Statt dessen werden in Westeuropa und Amerika
Fluggeschwader gebaut und Unterseeboote auf Stapel gelegt, Milliarden an
Goldeswert in Küstenbefestigungen gesteckt, während Hunderte und Aber¬
hunderte, wie ich es selber gesehen habe, die Ambulatorien, Krankenhäuser
und Feldscherpunkte umlagern, um Chinin zu erbetteln. Denn der Malariatod
ist unerbittlich und hat manchen mitten in der Ernte gefällt.
So sieht sich das Volkskommissariat für Gesundheitswesen nach einem
unsäglich harten Kampf der vergangenen 5 Jahre vor ungeheure Aufgaben
gestellt. Es wird sich zeigen, ob der Leiter des Kommissariats, Prof.
SemaschJro, sie wird bewältigen können. L.
Vereins- und Kongressberichte.
Medizinische Gesellschaft Göttingen
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 12. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr Schultze. Schriftführer: Herr v. Gaza.
Herr H. R e 1 c h e n b a c h: Die Bedeutung der Härte des Trinkwassers
fiir die Häufigkeit der Zahnkaries.
Die Frage, ob die Härte des Trinkwassers auf die Häufigkeit der Zahn¬
karies von Einfluss sei, ist immer noch nicht entschieden. Die Möglichkeit
eines solchen Einflusses wird teils aus theoretischen Gründen geleugnet: die
positiven Ergebnisse von statistischen Untersuchungen verlieren zum Teil
dadurch an Beweiskraft, dass Bevölkerungen verschiedener Rasse und ver¬
schiedener Lebensweise miteinander verglichen worden sind. Der Vortragende
hat deshalb Herrn Nebelung veranlasst, die Frage in den Dörfern der
Umgebung von Göttingen zu prüfen, ähnlich wie das Opitz im Kreise Peine
getan hat.
Es wurden untersucht in 11 Ortschaften mit hartem Wasser (24,2 bis
40.3“) 842 Schulkinder und in 10 Ortschaften mit weichem Wasser (0,3 bis
5,6°) 1116 Schulkinder. Die Resultate sind folgende:
Durchschnittszahl der erkrankten Zähne, pro
Kind . .
Harte Orte:
2,3
Weiche Ort
5,5
Durchschnittlicher Prozentsatz der erkrank-
ten Zähne .
9,1
21.3
Durchschnittlicher Prozentsatz der Gebisse
mit Schmelzhypoplasien .
10,6
58.2
Anzahl und Prozentsatz der völlig gesunden
Gebisse . . . .
171
29
(20,3 Proz.)
(2,6 Proz.)
In allen Ortschaften handelt es sich um rein ländliche Bevölkerung di i
selben Abstammung. Der einzige greifbare Unterschied besteht in der Här
des Trinkwassers, resp. in der geologischen Formation (Muschelkalk bei d
harten. Buntsandstein bei den weichen Orten), durch die die Härte bedin
ist. Ob etwa die geologische Formation in anderer Weise als durch <i
Härte des Wassers einwirkt, ist nicht zu entscheiden.
Herr Fleischer: Ueber die quantitative Ausgestaltung der Flockung
reaktionen zum Nachweis der Syphilis.
Es wird zuerst über Versuche berichtet, die mit einem der von Me
nicke für seine Triibungsreaktion angegebenen Tolubalsam enthaltend
Pferdeherzextrakte und zwar mit Nr. 29 16 angestellt sind, um zu einer quan
tativen Ausgestaltung der Flockungsreaktionen zu gelangen. Diese Versucl
haben ergeben, dass für einen Serumbereich von 0,03 — 0,4 ccm und für 1 cc
der brauchbaren Extraktkochsalzverdünnung (1 Teil Extrakt + 10 Teile 2pro
Kochsalzlösung) diejenige geringste Menge eines Serums, die gerade noi
die stark opaleszierende Extraktkochsalzlösung nach 24 Stunden Aufentln
bei 37° vollständig, unter Bildung eines aus Flocken bestehenden Bode
satzes zu klären vermag, eine quantitativ messbare Menge ausflockend
Substanzen enthält. Klärt z. B. von dem positiven Serum a bereits 0,05 cc
die opaleszierende Flüssigkeit, von einem anderen positiven Serum b dageg'
erst 0,1 ccm, so enthält das Serum a die doppelte Menge ausflockender Su
stanzen wie b. Genügt nun bereits die Serummenge 0,03 ccm zur Klärun
so handelt es sich um ein ausserordentlich stark positives Serum; ist dageg’
von einem anderen Serum die Menge 0,4 ccm zur Erzielung des gleicht
Effektes notwendig, so ist die Positivität dieses Serums nach der Wassei
mann sehen Reaktion etwa mit i zu bezeichnen. Als Indikator für dt
positiven Ausfall der Flockungsreaktion wird infolgedessen die makroskopis.
sehr gut sichtbare vollständige Klärung des Serumextraktkochsalzgemisclu
nach 24 Stunden Aufenthalt bei 37 0 gewählt. Für die quantitative Au
Wertung eines Serums wurde die quantitative Flockungsreaktion mit dt
Serumabstufungen 0,05, 0,1, 0,15, 0,2, 0,3 und 0,4 ccm ausgeführt. Die Unte
suchung von 790 Sera nach Wassermann und nach der eben kurz g
schilderten Methode zeigte in einer Reihe von behandelten sicheren Luesfällt
eine Ueberlegenheit der quantitativen Flockungsreaktion. Mit Hilfe eint
quantitativen Flockungsreaktion nach den hier entwickelten Grundprinzipit
lässt sich quantitativ viel genauer als mit einer quantitativ angestellti
Wassermann sehen Reaktion eine Veränderung des Grades der Positivit
eines Serums zu verschiedenen Zeiten verfolgen. Auf weitere Einzelheit!
kann im Rahmen des Referates nicht eingegangen werden; der Vortrag wii
ausführlich in der Zschr. f. Hyg. u. Infektkrkh. erscheinen.
Herr Stadt müller: Zur Anthropologie des Brustbeins.
St. referiert über die Arbeit Lubosch (Morph. Jahrb. Bd. 51) und b
spricht an der Hand einer kleinen Sammlung von Europäerbrustbeinen d
extremen Formen des menschlichen Brustbeins („primatoider“ ur
„hominider“ Typus) und die Uebergangsformen. Die Verhältnisse bei Anthn
poiden werden nach Lubosch’ und eigenen Erhebungen geschildert, f
folgt eine Besprechung der Zustände bei einigen Rasseskeletten: die Brus
beine eines Chinesen, einer Aegypter-, einer Guanchen- und einer Chilene:
mumie zeigen „primatoide“ Merkmale, die Sterna dreier erwachsener Negt
und eines neugeborenen Kaffernkindes eine auffallende Häufung „primatoide:
Merkmale (Uebereinstimmung mit G e r s c h, 1912); zwei Australierbrustbeii
erscheinen „primatoid“, jedoch zwei andere als Uebergangsformen. Eben«
erweist sich ein Malaiensternum als Uebergangsform, während ein weitert
solches „hominide“ Merkmale darbietet. Die auffallende Aehnlichkeit diese
letzteren mit dem Sternum des Orang wird als Konvergenzerscheinung au
gefasst. Bei dem geringen Material verbietet sich eine Verallgemeinerun
weitere rassenanatomische Untersuchungen erscheinen wertvoll besonders li
die Einschätzung erblich-konstitutioneller Faktoren, die für die Gestaltung dt
Brustbeinkörpers vor allem in Frage kommen.
Aussprache: Die Herren Rosenthal u.;d Voit.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 18. Juli 1923.
Vor der Tagesordnung:
Herr Cobet: Demonstration: Arthritis deforinans, weitgehend gebesse
durch Behandlung mit Yatren-Kasein.
Tagesordnung:
Herr Kayser-Petersen: Einige Grundfragen der Tuberkulosi
fürsorge.
Aus einer gemeinsamen „allgemeinärztlichen“ Einstellung heraus habe:
Sozialarzt und Individualarzt verschiedene Arbeitsmethode
und Arbeitsgebiete. Der Sozialpolitiker muss gegenüber dem Sozialar;;.
zurücktreten (Seuchenbekämpfung, nicht Wohlfahrtspflege). Es werden bt
sprochen die Fragen der Infektion (Kinderinfektion, exogene un
endogene Reinfektion) und der offenen und geschlossenen Tuberkulose, wobt
die Notwendigkeit des Begriffs der ansteckungsfähigen Tuber
kulose dargelegt wird. Die Anzeigepflicht für diese ansteckung:
fähige Tuberkulose, möglichst an die Fürsorgestelle, ist zu fordern. Es mus
dann in erster Linie die Ausschaltung der Ansteckung*
quellen (Tuberkulosekrankenhaus) und die Untersuchung un
Beobachtung der gefährdeten Umgebung erstrebt werde:
Die Aufklärung durch die Schule wurde versucht. Das Z u
sammen arbeiten mit den praktischen Aerzten ist noc
nicht so, wie es sein soll, vor allem fehlt die sozialärztliche Einstellung ai
die Kranken als Infektionsquelle. Eine Erziehung der Studente
14. September 192.3.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1189
in diesem Sinne geschieht durch unsere an die Med. Poliklinik angegliederte
Fürsorgestelle.
Herr 1. o m m e I: Zur Tuberkiilosebehandlung.
Hei Beurteilung von Heilerfolgen darf nie vergessen werden, dass sehr
v'cie Lungentuberkulosen von selbst, ohne ärztliches Zutun, heilen. Fs gibt
keine Mittel, um eine exsudative Form in eine produktive zu verwandeln.
Kavernöser Zerfall von verkästem Lungengewebe bei hoher Allergie wäre eiii
neilungsvorgang, wenn die. anatomischen Verhältnisse der Lunge nicht zu
ungünstig wären. An anderen Körperstellen verlaufende eitrige Einschmel-
,.tl,berkulöser Uerde sehen oft mit auffallender Besserung anderer
tuberkulöser Prozesse einher. So sah Redner oft gleichzeitig oder bald nach
Lympbdrusen-, Periost- und Senkungsabszessen erhebliche Besserungen von
Lungentuberkulose. Fr ist geneigt, solche Abszesse als heilungsfördernde
„spezmsche Fontanellen“ anzusehen. Oefter wurden bei günstig verlaufender
Lungentuberkulose Eiterungen gesehen an Stellen, an denen vorher Bazillen-
cmulsion oder „Partialantigene“ in grösseren Dosen cingespritzt war. Die
Po n ii d o r f sehe Impfmethode entbehrt jeder theoretischen Begründung
F.me besondere immunisierende Fähigkeit der Haut ist so wenig erwiesen,
wie überhaupt eine Wirkung des Tuberkulins durch Immunisierung. Die
Methode verzichtet auf jede wirksame Dosierung. Genaueste Dosierung des
:sehr differenten Tuberkulins ist aber unbedingt nötig. Bei torpiden Tuber¬
kulosen mag das Verfahren wie die anderweitige Tuberkulintherapie Gutes
'leisten. Redner beobachtete viele Fälle von Verschlimmerung und schwerer
Gefährdung durch das P o n n d o r f sehe Verfahren, dessen hemmungs- und
kritiklose Ausbreitung eine Verirrung darstellt.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 18. Juni 1923.
r. b]crr B a D h o r n: Die moderne Behandlung des septischen Abortes mit
Berücksichtigung der violenten Uterusverletzungen.
f- Ca'..u4 P™zi, aIler Ab.orte zeigen während längerer oder kürzerer Zeit
neber über 38,0 . Das Fieber ist entweder saprämischer oder pyämischer
r-oA ,,ur ZU,, baufig Folge eines vorangegangenen kriminellen Eingriffes.
• j i • r?z- nüer Aborte (für Deutschland jährlich fast 300 000 Gesamtaborte)
sind kriminell; an ihren Folgen stirbt eine erschreckend grosse Zahl sonst
gesunder, blühender Frauen. 10 Proz. aller auch von ärztlicher Seite ein-
geleiteten Aborte enden letal, 20 Proz. führen zu Sterilität und dauerndem
Siechtum.
Es gibt 3 Behandlungsmöglichkeiten; 1. das aktive, 2. das konservative
md 3. das exspektative Verhalten.
Ein aktives Vorgehen kommt stets nur in Frage, wenn keine Ent-
mndungserscheinungen in der Umgebung des Uterus vorhanden sind. Ebenso
Client man sich, den Abort zu erledigen, wenn im Vaginal- und Urethral-
,e Gonokokken nachgewiesen wurden, wegen der Gefahr der Aszension
md Mischinfektion. Besprechung der einzelnen Behandlungsarten, von denen
ne exspektative den Vorzug verdient. Unter konservativen Massnahmen
amponade, Wehenmittel, Allgemeintherapie) wartet man die Entfieberung
ib und räumt nach durchschnittlich 5 fieberfreien Tagen aus ohne Rücksicht
„rauf, ob im Uterussekret Streptokokken, insbesondere die gefürchteten
lainolytischen Streptokokken vorhanden sind oder nicht. Zur Vermeidung
/on Perforationen bei grossem, weichen, atonischen Uterus wird empfohlen
or Beginn der Abrasio eine Spritze Hypophysin intravenös zu geben. Nach
er Ausschabung keine Spülung der Gebärmutter mit differenten Mitteln wie
odtinktur etc., Spülungen mit Aether, Alkohol etc. als im Erfolg zweifelhaft
la eine vollkommene Desinfektion des Kavums praktisch nicht möglich.
Zur Klärung der Differentialdiagnose zwischen saprämischem Fieber, bei
lern die Abortausräumung zur Entfieberung führt, und pyämischem Fieber,
yo ein intrauteriner Eingriff eine Sepsis propagieren würde, hat man mit
•-rtolg die Blutuntersuchung herangezogen. Man bestimmt den Hämoglobin-,
-rythrozyten- und Leukozytengehalt des Blutes, die Senkungsgeschwindig-
.e_it und den Blutdruck. Hohe Leukozytenwerte sprechen für eine starke
nfektion oder Intoxikation, gleichzeitig aber auch dafür, dass der Körper mit
len Noxen fertig zu werden scheint; eine gleichzeitig langsame Senkungs-
:eschwindigkeit ist günstig, ebensowie normale Blutdruckwerte. Wir sind
: ' ' "!chf 'n deF Lage zu beurteilen, ob die im Körper befindlichen Bakterien
me Vn-ulen^tmgerung oder -abschwächung erfahren. Diese Frage ist ent-
cheidend für die Therapie septischer Aborte. Runges neues Verfahren,
ut dem geheizten Objektträger unter dem Mikroskop das Wachstum der
üreptokokken zu beobachten und daraus Schlüsse auf die Virulenzsteigerung
er Bakterien zu ziehen, bedarf der Nachprüfung. So ist die exspektative
ibortbehandlung z. Z. noch das gegebene Verfahren. Die Behandlungsdauer
st bei geringerer Mortalität und Morbidität nur im Durchschnitt um 1 Tag
inger als beim aktiven Verfahren. Proteinkörpertherapie, Anwendung von
tgridinfarbstoffen und kolloidalen Metallen ist zu empfehlen als unter-
tützender Faktor der Behandlung. Jeder septische Abort gehört in die Klinik.
Bei jeder Abortausräumung besteht die Möglichkeit der Perforation, sei
ie digital oder instrumenteil. Besonders gefährlich ist die Abortzange. Mit-
-■ilung von 3 Fällen von Perforation, von denen 2 durch sofortige Laparotomie
erettet werden konnten. Viele Perforationen der Gebärmutter werden nicht
rkannt. die meisten werden nicht bekannt. Es ist absolute ärztliche Pflicht,
ach Erkennung einer violenten Uterusverletzung umgehend die Kranke der
»peration zuzuführen.
Sitzung vom 25. Juni 1923.
Herr Schrohe; Vorführung von Lungenaufnahmen.
Auf dem Lichtbildschirme zeigte der Vortragende zahlreiche Röntgeno¬
ramme und besprach ihre Deutung. Besonders fesselten seine Ausführungen
■‘rüber, ob bei Jugendlichen der Thymus das Röntgenbild irgendwie beein-
ächtigt. Vortragender glaubt, dass der Thymus darstellbar sei, bzw. dass
estimmte Bildeigentümlichkeiten auf den Thymus bezogen werden müssten.
Münchener Gesellschaft für Kinderheilkunde.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 24. Mai 1923.
p f 3 u " d *®. r zcigf einen weiblichen Säugling, der als drittes
H Kindern seiner Litern eine Epidermolysis hereditarla hat.
Kindesalter e " 1 a m 1 " berichtet Uber Beobachtungen über Asthenie im
Material, in dem die Knaben 66 Proz. ausmachen, die Mädchen
des h i /n Wei-“?erKSchw1er betroffen sind, umfasst 116 Fälle. Hinsichtlich
des Habitus wird besonders auf die in 80 Proz. der Fälle vorhandene
auf gdieWg^inlUe^pPn-«i?ltat10"- bei zurückbleibendcm Massenwachstum und
fnmdht-SM HSir Disharmonie zwischen staturalem und ponderalem Wachs¬
te h7rb PI bmge.™es?n- ,f?rncr auf «Ke Bänderschwäche (Haltungs-
Haiid P Uf ’ Gclenkuberstreckbarkeit); Analogon zum Plattfuss: schlaffe
Asthenie-30*1 beglciten andere Konstitutionsanomalien die
S ä u glin ge nSU(ffa ut )C nu r" ‘fo Sp r o z .* ä‘tere" Ki"dern (Katarrhe) 50 Pr0Z“ bei
Bronchialdrüsen tlSmUS: ?° Proz-; meist auch TonsiHen und Adenoide, oft
lln i r DyP°P'astische Konstitution, nicht selten auf angeborene Hypoplasie
behaarung8 °re ‘ zUrückzuführen : Genital-, Gefässhypoplasien ; Lanugo-
4. Neuropathie: 90 Proz.
5. Thyreotoxische Züge (?).
6. Bildungsfehler.
Entwickelung: 88 Proz. Brustkinder, davon ein grosser Teil als
„aughnge ernahrungsgestört (Homodystrophiker). Spasmophilie nur bei
schein deiSich ter,Habltus (besonders Wachstumspräzipitation) oft
schon deutlich, ebenso Erscheinungen nervöser Dyspepsie, ferner Katarrh-
Fnuresis, Schlafstörungen. Beim Schulkind manifestiert Sch die
Asthenie vor allem während der Streckung. Von nervösen Erscheinungen
vor allem: motorische Unruhe (50 Proz.), nervöse Dyspepsie mit Erbrechen
fäHeC As^hmnT? UP d 7 meist — Verstopfung (25 Proz.), viel seltener Durch-
a'le, Asthma (7 Proz.), Migräne (7 Proz.). Schlafstörungen (25 Proz ), Angst-
“ ^ ZÄZ7tande (1 /«Pu°Z-)\ EnUres,is <9 Proz-)- hässliche Angewohnheften
6 TUSW-'ii R4Pr0Z7 Tlcs Proz-)> Fazialisphänomen (33 Proz.),
Katarrhneigung, Tonsilhtiden i Otitiden, Adenoitiden. Rektale Hyperthermien
KnahPn nna iii-a7h HyPerthenmen bei Ruhe. Charakterveranlagung bei
ErnfiSncc nd MFadC7n.febr verschl6den; erstere im allgemeinen viel konzen¬
trationsschwacher (schlechtere Schüler), ermüdbarer, gutmütiger, weicher.
Kommen 7rh^iept: ?G1 78 Proz- arthritische Belastung (nichtasthenische
Kontrollen nur 31 Proz.), meist seitens der Mutter, die oft frei bleibt
.1. mV erFbiie: Umgebungswechsel versagt oft, da Konstitution wichtiger
hf Ä"' Lebre.uvom einzigen Kind ist einer Revision zu unter-
Frfil;- Ä 5tkhUre,L Beschreibung der Technik) erzielen oft überraschende
erfolge, sind aber bei kleinen Kindern von 3— 5 Jahren fast nie durchzuführen.
VPrcu-hpS aP/r C h 6: H-Crr Pfaundler meint, dass der Vortr. bei dem
Versuche die Grenzen einer konstitutionellen Abartung abzustecken, zu einer
Art Pandiathese gelangt sei, während vorerst doch eine Teilung und
Scheidung wichtiger sei als eine Synthese. Dass das Gros der B e n j a m i n -
fh^en 7lle7? Asthenien im Stil ler sehen Sinne anzusprechen ist, scheint
ihm auch nicht ausgemacht (bei Stiller überwiegen die Mädchen deutlich,
sowie die Unterlängen und Hypotoniker — im Gegensatz zu Benjamin).
Pfaundler mochte auch die Proteroplasie nicht der Asthenie anschliessen.
da manchen gemeinsamen Zeichen doch konträre gegenüberstehen, und die
Proteroplasie als eine paratypisch bestimmte Erscheinung charakterisiert ist
im Gegensätze zur wahren, anlagenmässigen Asthenie. Manches von dem
was Benjamin schilderte, ist nach Pfaundlers Auffassung Pseudo¬
asthenie, d. h. erworbene Krüppelhaftigkeit infolge Mangels an Körperübung
™ fprube7 Lebensalter. Auch Erblichkeits- und diätetisch-therapeutische
Fragen fordern sicher strenge Analyse und Scheidung in e n g e r umschriebene
Ze.chenkre.se Die widerstreitenden Urteile über das Vorkommen ein"*
angeborenen Asthenie rühren von der Konfusion des Status asthenicus mit
dem Morbus asthenicus her; Folgeerscheinungen der Muskel- und Bänder¬
schwache, wie z. B. die Splanchnoptose, zählt Pf. zum letzteren.
Bei der Beurteilung therapeutischer Erfolge wird man sich die Frage
vorlegen müssen, ob ldiotypische Schäden auf solchem Wege überhaupt
beeinflussbar sind, inwieweit man sie verneinendenfalls zu verdecken vermag
und was für einen Dauernutzen das Individuum von solcher Verdeckung hat.
Dass die bisherigen Ansichten über die Gefahren der Mästung bei neuro-
lymphatischen und exsudativen Kindern irrtümlich seien, hält Pf nicht für
erwiesen, wenngleich man sicher in dieser Richtung sehr übertrieben hat
Die Ermittlung des Nahrungsbedarfes bei asthenischen Kindern dürfte
angesichts der artwidrigen Körpermaasse und der Bedarfsunterschiede
zwischen verschieden muskelkräftigen Kindern nicht einfach sein.
a Berr„ ^ e,* z.,e * ^a' ba* unter den letzten 160 Krankengeschichten
der Sauglingsabteilung 27,5 Proz. Astheniker und 72,5 Proz. Nichtastheniker
gefunden. Unter den Asthenikern überwog unverhältnismässig das männliche
Geschlecht. Der Partus praematurus spielt keine Rolle in der Aetiologie der
Asthenie, Einkindehen kommen in seinem Material auch etwas häufiger bei
Asthenikern als bei Nichtasthenikern vor. Die Letalität der Astheniker ist
etwas höher als die der Nichtastheniker, ebenso die Neigung zu dys-
peptischer Erkrankung; im Verlauf der Ernährungsstörungen zeigen sich
die Astheniker eher besser angepasst, dagegen sind sie durch Infekte mehr
gefährdet. Pylorospasmus nur bei Asthenikern, die Hälfte aller Astheniker
waren schwere Speier.
Lues betraf unverhältnismässig mehr Nichtastheniker; gering ist die
Syntropie von Rachitis und Asthenie, dystropisch verhalten sioh zur
Asthenie Spasmophilie und exsudative Diathese.
Kalorienbedarf der Astheniker durchschnittlich 170 pro Kilo, der Nicht¬
astheniker 150.
An der Aussprache beteiligt sich ausserdem Herr R e i n a c h.
Sitzung vom 21. Juni 1923.
Demonstrationen: Die Herren R e 1 n a c h, H o f s t a d t. H ii s I e r.
1190
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 37.
Kleine Mitteilungen.
Neuer, transportabler Beinhalter.
Der Praktiker hat. besonders in der Gynäkologie und Geburtshilfe,
täglich die Aufgabe zu lösen, den Kranken behufs Untersuchung, Behandlung
oder Operation im Privathause in die typische Steinschnittlage zu bringen.
Das Lösen dieser Aufgabe kann, sobald dringende Indikation zu einem
technisch schwierigeren Eingriffe vorliegt, von grösster Bedeutung sein.
Daher glaube ich mein neues Instrument (D.R.P.), welches sehr handlich und
absolut brauchbar ist, dieser kurzen Bekanntmachung wert.
Dessen Prinzip ist aus den Skizzen ohne weiteres ersichtlich und ver¬
ständlich. Es wurden bei der Konstruktion einfach erzielt: kleines Gewicht
und kleiner Raum bzw. Zusammenlegbarkeit für das Mitnehmen, leichte und
feste Montierbarkeit auf einer horizontalen sowie senkrechten Platte, damit
das mit den Beinhaltern versehene Möbelstück (Tisch oder Querbett) uns
genau dasselbe bietet, wie der gynäkologische Operationstisch. Da die
Grundidee anspruchslos, ihre Bestrebungen selbstverständlich sind, kann der
daran schon Gewöhnte den Apparat nicht mehr entbehren, welchem noch die
heute nicht zu unterschätzende Bedeutung zukommt, dass er die teueren
Untersuchungstische für das Ordinationszimmer ersetzt.
Dr. Ladislaus S c h ä f f e r - Sarkad (Ungarn).
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 12. September 1923.
— Das württembergische Arbeitsministerium hat dem württembergischen
Krankenkassenverband eine Erhöhung des früher zugesagten Kredits
von 40 Milliarden zur Sicherstellung der ärztlichen Forderungen
(d. Wschr. S. 1140) auf 200 Milliarden in Aussicht gestellt. Der Kredit soll
von der Reichskreditgesellschaft gewährt werden; die württembergische
Regierung hat für den Betrag zu bürgen. Auch den bayerischen Kranken¬
kassen ist vom Reichsarbeitsministerium ein Kredit von 400 Milliarden ge¬
geben worden.
— Der Reichsminister der Finanzen hat die Landesfinanzämter er¬
mächtigt, Aerzte und Tierärzte auf Grund des §108 der Reichsabgabenordnung
auf Antrag ganz oder teilweise von der Rhein-Ruhr-Abgabe
von Kraftfahrzeugen zu befreien, wenn sie diese' zur Ausübung ihres
Berufes benötigen und ihre Vermögens- und Einkommensverhältnisse die
Niederschlagung rechtfertigen.
— Die Gebühren für die ärztliche Vorprüfung wurden
neuerdings auf 162 000 M., für die gesamte ärztliche Prüfung auf
420 000 M. festgesetzt. Die Kosten der zahnärztlichen Vorprüfung bzw.
Prüfung betragen 150 000, bzw. 288 000 M.
— Die Kosten für eine ärztliche Leichenschau betragen in
Bayernab 7. September 2 Millionen, dazu 0,3 Millionen Entfernungsgebühr
für jeden Kilometer, zusammen aber nicht mehr als 4 Millionen.
. — Das preuss. Wohlfahrtsministerium hat neue Vorschriften erlassen
über die staatliche Prüfung von Masseuren, nebst Ausführungs¬
anweisung und Ausbildungsplan für die Lehrgänge der Massageschulen. Sie
sind im Amtsblatt „Volkswohlfahrt“ Nr. 17, 1923 veröffentlicht.
— Unter dem Eindruck einer dreitägigen gründlichen Aussprache über
das Problem des Alkoholverbotes, die vom 26. — 28. August in Hamburg
stattfand und an welcher sämtliche alkoholgegnerische Organisationen
Deutschlands beteiligt waren, fasste der Ausschuss für das
Alkohol verbot in Deutschland in seiner Sitzung vom 29. August
einstimmig die folgende Entschliessung: 1. In dem vorliegenden Entwürfe
eines Reichsschankstättengesetzes begrüssen wir die Einführung des Ge¬
meindebestimmungsrechtes, bedauern aber zugleich dessen übermässige Er¬
schwerungen. Gerade für die wichtige Aufgabe einer Befreiung Deutsch¬
lands von der verhängnisvollen Geissei des Alkoholismus sollte man dem
Selbstbestimmungsrecht des Volkes freiesten Spielraum gewähren. 2. Im
schreiendsten Widerspruch zu der gegenwärtigen Ernährungsnot steht die
Vergärung und die Ausfuhr von gewaltigen Mengen auf deutschem Boden
erzeugter Nahrungsmittel für Zwecke der Alkoholerzeugung und des Alkohol¬
genusses. Wir halten ein Notgesetz für erforderlich, das im Interesse der
Erhaltung von Hunderttausenden deutscher Menschenleben einem solchen Wider¬
sinn schleunigst ein Ende macht. 3. Da die Interessen des Gemeinwohles
unbedingt über diejenigen eines besonderen Berufes zu stellen sind, müsste
alles getan werden, um die zurzeit in der Alkoholproduktion beschäftigten
Kräfte auf anderweitige und weniger schädliche Betätigung hinzulenken.
Durch Wanderlehrer und andere Wege der Aufklärung müsste auf Umstellung
der Betriebe bzw. auf alkoholfreie Verwertung unserer Obst- und Frucht¬
ernten hingewirkt werden. 4. Durch planmässigen Unterricht in den Schulen
sollte dafür gesorgt werden, dass die jetzt aufwachsende, durch die Kricgs-
folgen so sehr gefährdete Generation wenigstens vor den Gefahren des
Alkoholismus besser als frühere Geschlechter sich schützen lernte. 5. Nach¬
dem jetzt die ersten wissenschaftlichen zuverlässigen Arbeiten über das
amerikanische Alkoholverbot und seine günstigen Folgen vorliegen, sollte die
Frage eines allgemeinen Alkoholverbotes auch für Deutschland ernsthaft ins
Auge gefasst werden.
— Die Volkszählung der Republik Oesterreich vom
7. März d. J. ergab bei einer Gesamtbevölkerung von 6 526 661 Bewohnern
3 382 568 weibliche und nur 3 144 093 männliche Personen. Die weibliche
Bevölkerung ist damit wieder über den Stand von 1910 gestiegen, während
die männliche noch um 141 255 zurücksteht. Der Ueberschuss der weiblichen
Bevölkerung beträgt im Durchschnitt 76 auf 1000 der männlichen Bevölkerung;
das ist zwar noch immer um 53 mehr als Ende 1910, aber doch schon weniger
als 1920. In den geburtenreichen Ländern Oberösterreich, Salzburg und Tirol
hat nicht nur die Zahl der weiblichen, sondern auch die der männlichen Be¬
völkerung bereits die Höhe von 1910 überschritten, während in Wien, im
Burgenland und in Vorarlbetg sowohl die männliche als auch die weibliche
Bevölkerung noch hinter der damaligen Zahl zurückgeblieben ist. In Nieder¬
österreich, Steiermark und Kärnten ist nur die weibliche Bevölkerung zahl¬
reicher als vor 12 Jahren. In den Städten ausser Wien hat das allgemeine
Wachstum bis 1914 in Verbindung mit der neuerlich wieder einsetzenden Zu¬
wanderung dahin gewirkt, dass fast überall die weibliche Bevölkerung
gegenüber dem Stande von 1910 schon namhaft, die männliche in geringerem
Maasse zugtnommen hat. (W.kl.W.)
— In den Vereinigten Staaten ist die Beobachtung gemacht worden,
dass die Körperlänge der studierenden Frauen in den
letzten 3 Jahrzehnten nicht unbeträchtlich zugenommen hat. Die Berechnungen
stützen sich auf insgesamt 21383 Frauen und sind an 3 Colleges, Stanford,
V a s s a r und Smith, gemacht. Die Zunahme beträgt durchschnittlich
1,2 Zoll und wird von C. D. Mo sh er (Journ. A. M. A., 16. August 1923) |
nicht auf eine vermehrte Einwanderung nordischer Rasse, sondern aufj
Umwelteinflüsse, besonders auf Aenderungen der Mode und bessere körper-|
liehe Ausbildung (Sport) der Frauen zurückgeführt. Die zweckmässigere
Kleidung hat auch einen grösseren Hüftenumfang und ein Seltenerwerden I
dysmenorrhoischer Beschwerden bewirkt.
— Der bisherige langjährige Vorsitzende des Vereins der Apotheker!
Münchens, Herr Dr. Karl B e d a 1 1, hat den Vorsitz dieses Vereins nieder¬
gelegt. Herr Dr. Be da 11 erfreut sich auch in ärztlichen Kreisen hohen
Ansehens. Sein Nachfolger wurde Herr Dr. Max Brenner, Verwalter der
Bonifaziusapotheke.
— Die 2. Tagung der Deutschen Gesellschaft für
Unfallheilkunde, Versicherungs- und Versorgungs¬
medizin findet am 6. Oktober d. J. im Hörsaal der Chirurg. Klinik in,
Frankfurt a. M. statt. 1. Vorsitzender ist Prof. Dr. L i n i g e r daselbst.
— Vom 18. — 21. Oktober d. J. findet in Palermo der 5. italieni¬
sche Kongress für medizinische Strahlenforsch ung
unter dem Vorsitz des Prof. O. M. C orbin o statt.
— In Rücksicht auf die allgemeine wirtschaftliche Lage und insbesondere
auf die enorme Steigerung der Eisenbahnfahrpreise wurde die für 18. bis
20. September in Aussicht genommene XIII. Tagung der Deutschen
Gesellschaft für Gerichtliche und Soziale Medizin in
Bad St eben gleichfalls abgesagt. Hievon werden auf diesem Wege die
Herren Kollegen in Kenntnis gesetzt.
— Das japanische staatliche Institut für Infektionskrankheiten in Tokyo, i
Direkter: Prof. Mataro N a g a y o, hat beschlossen, die aus ihm her ver¬
gehenden wissenschaftlichen Arbeiten, die bisher zumeist in der Monatsschrift!
„Japanese Journal of Experimental Medicine“ veröffentlicht wurden, in einem |
besonderen Bericht (Scientific Reports from the Gover ne¬
in ent Institute for Infections Disseases, the Tokyo imperial
lUniversity) erscheinen zu lassen. Von diesen Berichten liegt der erste!
jetzt vor. Der 454 Seiten starke Band enthält Arbeiten aus den Gebieten!
der Bakteriologie und Serologie und der Pathologie. Er wird für das]
Studium der neuesten japanischen Literatur unentbehrlich sein.
— In Veits Sammlung wissenschaftlicher Wörterbücher (Verlag der
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Walter de Gruyter & Co.,
Berlin und Leipzig) erschien ein Bändchen: C. W. Schmidt, Etymo¬
logisches Wörterbuch der Naturwissenschaften undi
Medizin. Es gibt eine sprachliche Erklärung von rund 5200 Namen und
Ausdrücken aus den verschiedensten Gebieten der Naturwissenschaften, ein-!
schliesslich der Medizin. Es wendet sich in erster Linie an Leute ohne!
Kenntnis der alten Sprachen, ward aber auch akademisch gebildeten Be-]
nützern oft gute Dienste leisten. Grundzahl 3.6.
Hochschulnachrichten.
Göttingen. Der Privatdozent Dr. med. Wilhelm v. Gaza (Chi-,
rurgie), planmässiger Überarzt an der chirurgischen Poliklinik, wurde zum
nichtbeamteten ausserordentlichen Professor ernannt, (hk.)
Heidelberg. Die medizinische Fakultät hat den Holzindustriellen
N. Wolffsohn in Mannheim in Anerkennung seiner namhaften Verdienste
um die tatkräftige Förderung wissenschaftlicher Forschung und seines be¬
sonderen Interesses für alle Bestrebungen der praktischen Medizin zum
Wohle der leidenden Menschheit zum Ehrendoktor ernannt.
Rostock. Der o. Professor der Tierbakteriologie und Tierhygiene
Dr. Richard Reinhardt erhielt einen Ruf in gleicher Eigenschaft nach
Leipzig. — Der o. Professor für Zoologie Dr. Karl v. Frisch hat den Ruf
nach Breslay angenommen; zu seinem Nachiolger ist der a. o. Professor
Dr. Paul Schulze in Berlin berufen.
Wien. Die mit dem Titel eines a. o. Professors bekleideten Privat¬
dozenten Dr. med. Leopold Arzt (Dermatologie und Syphilidologie) und
Dr. Bela Schick (Kinderheilkunde) wurden zu unbesoldeten ausserordent¬
lichen Professoren ernannt und den Privatdozenten Dr. Karl Glaessner'
(Innere Medizin), Dr. Wolfgang Denk (Chirurgie), Dr. Rudolf Müller
(Dermatologie und Syphilidologie) und Dr. Wilhelm N e u m a n n (Innere
Medizin), Primararzt und Abteilungsvorstand im Wilhelminenspital, der Titel'
eines a. o. Professors verliehen, (hk.)
- - — -=.^. . . -arj
Amtsärztlicher Dienst. (Bayern.)
Die Bezirksarztstelle in Landau a. I. ist erledigt. Bewerbungen sind bei
der Regierung. Kammer des Innern, des Wohnorts bis 17. September 1923
einzureichen.
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung, Wohnung
und Kleidung betrug in der Woche vom 20. — 26. August 753 733, in der
Woche vom 27. August bis 2. September 1 183 434, in der Woche vom
3.-9. September 1 845 261. Basiszahl 1913/14 = 1.
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist am 12. Sept. 6 000 000.
Verlag von J. I~. Lehmann in München SW. 2, Paul Heyj>e-Str. 2o. — Druck von E. Mühlthaler's liuch- und Kunstdruckerei Q.m.b.H. München.
Preis der einzelnen Nummer freibleibend M 500000.-. * Bezugs¬
preis in Deutschland und Ausland siebe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitung: Arnmfstr. 26 (Sprechstunden 8! -£ — 1 Uhr),
für Bezug: anj. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-Strasse 25.
MÜNCHENER
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Anzeigenschluss:
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
ORGAN
FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
L_ X V JL. X. X n
Nr. 38. 21. September 1923.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heysestrasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sieh das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
4us der Röntgenabteilung der Universitäts-Frauenklinik Berlin.
(Direktor: Geheimrat Bumm.)
Ueber die Ursachen der Misserfolge der Röntgentherapie
bei malignen Neubildungen.
Von Dr. P. Sippel und Dr. G. Jaeckel.
Wir sehen heute auf einen Zeitraum von elf Jahren zurück, in
welchem an der Berliner Universitäts-Frauenklinik bösartige Ge-
schwulstformen mit Röntgenstrahlen behandelt wurden. In der ersten
Zeit beschäftigen uns nur weibliche Genitalkarzinome. Günstige
Anfangserfolge zogen bald weitere Kreise, auch chirurgische Kli-
Iniken überwiesen uns in der Folgezeit häufiger Karzinome zur Strah¬
lenbehandlung, meist allerdings technisch schwer operabele oder in-
operabele Fälle und Rezidive. So ist unser Material im Laufe der
Zeit recht vielseitig geworden und nicht auf die Genitalsphäre be¬
schränkt geblieben.
Leider sind die schönen Hoffnungen, welche wir auf die Röntgen¬
strahlen im Kampfe gegen maligne Tumoren gesetzt hatten, nicht in
Erfüllung gegangen, und dem anfänglichen Optimismus haben schwere
Enttäuschungen Platz machen müssen. Auch die heutigen Best.ah-
ungsmethoden haben trotz Höchstleistung von Apparaten und Röh-
-en keine Aenderung und Verbesserung der Resultate herbeizuführen
/ermocht. Wir haben bis heute 153 maligne Neubildungen und 224
Rezidive bestrahlt, davon kommen zu der Beurteilung der wirk¬
lichen Dauerheilerfolge nur die Fälle in Frage, welche 5 Jahre zu-
: ückliegen.
Bis zum Mai des Jahres 1918 einschliesslich waren es 71 maligne
i Tumoren und 83 Rezidive, welche ausschliesslich mit Röntgenstrahlen
)ehandelt wurden. Dazu berücksichtigen wir noch die bis zu diesem
Zeitpunkt ausgeführten 144 prophylaktischen Bestrahlungen nach
Operationen, die eine eigene Beurteilung erfordern.
ln aller Kürze seien die wichtigsten Daten über die Dauererfolge
>ei Genital- und Brustkarzinomen zahlenmässig hier angeführt, weil
ie für den Gesamtüberblick von Bedeutung sind.
1. Kollumkarzinome: nur mit Röntgenstrahlen behandelt:
a) operabele: 10, geheilt 1 (im Jahre 1918 gestorben durch Selbstmord,
welcher aus Familiengründen verübt wurde);
b) inoperabele und Grenzfälle: 12, geheilt 2 (davon war ein Fall
operabel geworden und wurde durch die Operation geheilt).
2. Korpuskarzinome (inoperabele): 2, geheilt 0.
3. Vulvakarzinome (inoperabele): 4, geheilt 0.
4. Urethralkarzinome: 2, geheilt 1.
( 5. Ovarialkarzinome (inoperabele): 4, geheilt 0.
6. Brustkarzinome, primär bestrahlt: 9, geheilt 1 = 11 Proz.
7. Blasenkarzinome (inoperabele): 3, geheilt 0.
1 l Ä ^ V'
Postoperative Rezidivbestrahlungen:
1. Zervixkarzinomrezidive: 14, geheilt 0.
2. Ovarialkarzinomrezidive: 8, geheilt 1 = 12,5 Proz.
3. Brustkarzinomrezidive: 38, geheilt 6 = 15,78 Proz.
4. Bl^senkarzinomrezidive: 1, geheilt 1.
Prophylaktische Bestrahlungen nach Operationen:
1. Nach Radikaloperation bei Zervixkarzinomen (meist kombiniert mit
Radium): 108, geheilt 58 = 53,7 Proz.
2. Nach Radikaloperation bei Ovarialkarzinomen: 20, geheilt 7 = 35 Proz.
3. Nach Mammaamputation: 16, geheilt 5 = 31 Proz.
Bei den übrigen Fällen handelt es sich um extragenitale Karzinome und
arkome, auf deren Verhalten wir noch zu sprechen kommen.
Befriedigend sind nur die Erfolge bei der prophylaktischen Be-
trahlung nach Operationen von K o 1 1 u m - und Ovarialkarzi-
omen (53,7 Proz. und 35 Proz.), auch inoperabele Rezidive nach
irustkarzinom Hessen sich zum Teil günstig beeinflussen und noch
l 15,7 Proz. der Fälle zur Heilung bringen, im übrigen sind die Re-
ultate aber bis auf wenige Ausnahmen vernichtend.
Die Ursachen für die häufigen Misserfolge
lussten entweder in der physikalischen Ueber-
chätzung der Tiefenwirkung und Dosierungsfeh-
ern oder aber in der Ueberschätzung der Empfind-
ichkeit bösartiger Geschwülste gegen Röntgen-
trahlen gesucht werden.
Nr. 38.
Wir sahen uns deshalb veranlasst, der Dosierung auf den Grund
zu gehen und insbesondere die auf photographischem Wege gewon¬
nenen physikalischen Diagramme Dessauers, welche die Intensi-
tätsverteilung im Körper darstellten, einer Nachprüfung zu
unterziehen.
Bei allen weit zurückliegenden Fällen lässt sich die verabfolgte
physikalische Dosis nicht mit der wünschenswerten Exaktheit an¬
geben. Dieser Mangel wird aber nicht nur unserer Statistik, sondern
auch vielen anderen Zusammenstellungen anhaften. Die früher ge¬
bräuchlichen Dosierungsmittel — Kienböck-Streifen und Sabouraud-
Noirö-Tabletten — Hessen eben nur eine verhältnismässig geringe
Maassgenauigkeit zu (50 Proz. nach Krönig und Friedrich);
und auch bei gleichlangen Bestrahlungen unter denselben Betriebs¬
bedingungen ist nach unseren Erfahrungen und Messungen die Kon¬
stanz der physikalischen Dosis nicht gesichert, so dass eine nach¬
trägliche Ermittelung der Dosis aus den Aufzeichnungen über Span¬
nung, Stromstärke, Bestrahlungszeit, Fokushautabstand und Filter
nicht möglich ist. Da es sich hier um eine Tatsache von allgemeinem
Interesse handelt — denn die Dosierung nach Kilo-Volt, Milliampere
und Zeit ist gebräuchlich auf vielen Therapiestationen — so seien die
Resultate unserer Jontoquantimetermessungen kurz angegeben.
1. Die Strahlenausbeute von Coolidge-Röhren
gleichen Systems, gemessen am gleichen Tage unter den
gleichen Betriebsbedingungen, kann sehr verschieden
sein. Wir berechneten für 4 verschiedene A.E.G. - Coolidge - Röhren
unter unseren Betriebsbedingungen aus den Intensitätsmessungen
Erythemzeiten von 83, 85, 89, 122 Minuten. Es kommen also neben
annähernd gleichen Röhren auch solche von abnorm niedriger Strah¬
lenausbeute vor (vgl. Jaeckel, Technische Erfahrungen mit den
modernen Röntgentherapieapparaten der Universitäts-Frauenklinik
zu Berlin, Röntgenhilfe, 1922, Heft 4/5).
2. Das Milliamperemeter kann infolge von elektrischen
Aufladungen, die sich auf der vorderen Glaswand durch elektrische
Anziehung anhäufen und die nun ihrerseits auf den Zeiger anziehend
wirken, ganz verschiedene Angaben machen, je nach dem Feuchtig¬
keitsgehalt der Luft und dem Isolationsvermögen der Glaswand: von
2 hintereinandergeschalteten Milliamperemetern zeigte z. B. das eine
2, das andere 2,7 Milliampere, obwohl die Instrumente bei Kontroll-
versuchen mit niedriger Spannung ausgezeichnet übereinstimmten.
Der Fehler bei den Angaben des Milliamperemeters kann aber noch
erheblich höher sein; wir fanden an anderen Tagen 60 Proz.
AbweichungvomwahrenWert: bei niedrigen Stromstärken
nach oben, bei hohen Stromstärken nach unten.
3. Wir fanden bei einem als durchaus verlässlich gerühmten In¬
strumentarium, dass das Kilovoltmeter nach mehrstündigem
Betrieb infolge Erwärmung durch die benachbarten Regulierungs-
widerstände der Schaltafel viel zu niedrige Spannungen
anzeigte. Wenn wir ohne Sicherheitsfunkenstrecke gearbeitet hätten,
so wäre sicher auf gleiche angezeigte Spannung nachreguliert worden
und damit eine Ueberdosierung von 50 Proz. — also eine Röntgen¬
verbrennung — verursacht worden. Ausserdem aber durch die be¬
trächtliche Ueberschreitung der Betriebsspannung auch das Röntgen¬
rohr stark gefährdet worden.
Alle drei Beobachtungen zeigen, welchen Fehlern man ausgesetzt
ist, wenn man nach Kilovolt, Milliampere und Zeit bestrahlt. Wir
können daher nicht eindringlich genug die häufige Intensitätsmessung
der Röntgenröhren anraten und empfehlen ferner, wo eine dauernde
Kontrolle der Intensität unmöglich ist, den elektrostatischen Schutz
des Milliamperemeters (den wir auf dem Röntgenkongress 1922, Vor¬
trag 78, angegeben haben) und die Sicherung des Röntgenrohrs duich
eine Parallelfunkenstrecke. Die Ermittelung der Spannung mit dem
Röntgenspektrometer halten wir für die Tiefenthera-
pie für praktisch ungeeignet. Bei dem Röntgenspektro¬
meter nach March, Staun ig und Fritz wird durch Drehen eines
Sfteinsalzkristalls, das von einem schmalen Röntgenstrahlenbüschel
getroffen wird, rechts und links vom Durchstossungspunkt der direk¬
ten Strahlen ein Röntgenspektrum entworfen. Der Abstand des kutz-
welligen Endes dieser Spektren ist ungefähr proportional der
Wellenlänge a und diese umgekehrt proportional der Spannung V
(V.Z. =12,3 = Kilovolt X Aengström). — Da die Stromstärke der
Therapieröhren sehr gering und ihr Brennfleck unscharf, ist das
Röntgenspektrum aber so lichtschwach, dass nach unseren Erfah¬
rungen selbst bei vollkommener Dunkeladaption und unter Benutzung
einer Ableselupe die Grenzwellenlänge nur auf 0,005 A° genau be-
2
1192
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr. 38.
stimmt werden kann (zwischen den einzelnen Beobachtungen von
Gotthardt und Wertheimer, M.in.W. 1923, p. 459, bestehen
sogar zum Teil nocii grössere Abweichungen). Dieser Fehler macht
aber bei einer Strahlung von 0,06 — 0,07 A° Grenzwellenlänge 8 Proz.
aus und ebensoviel Prozente bei der Spannungsangabe — nach un¬
seren Messungen über die Abhängigkeit der Intensität von der Span¬
nung (Röntgenkongress 1922, Vortrag 62)) entspricht dem aber ein
Fehler von etwa 30 Proz. in der Dosis. — Deswegen
müssen wir das Spektrometer als Dosierungsmit¬
tel für die Tiefentherapie als ungenau ablehnen, so
gut dieses handliche Instrument für die Messung niedriger Span¬
nungen bei höheren Stromstärken auch sein mag. Ob das neue In¬
strument den Anforderungen in bezug auf Messgenauigkeit besser
gerecht wird, müssen weitere Versuche ergeben. Um einerseits die
Schwierigkeiten der physikalischen Dosierung zu vermeiden, ander¬
seits aber dem Körper die grösstmögliche Dosis zuzuführen,
wurde in unserer Klinik vor 1920 die Haut stets solange bestrahlt,
bis ein Erythem auftrat. — Das hatte den Vorteil, dass auf die Kör¬
peroberfläche stets dieselbe biologische Dosis verabfolgt wurde,
den Nachteil, dass die physikalische Dosis je nach der individuellen
Empfindlichkeit der Haut verschieden gross war.
Trotz Verabfolgung der grösst möglichen Dosis
hatte man aber — wie die Statistik zeigt — ungünstigeErgeb-
n i s s e bei der perkutanen Bestrahlung tiefgelegener Geschwülste.
Die Ursache konnte also nur eine Ueberschätzung der Tiefenwirkung
oder eine geringere Sensibilität der Tumoren sein, als man nach den
Anfangserfolgen angenommen hatte.
Zur Feststellung der Tiefenwirkung in 10 cm Tiefe machten wir
mit dem Jontoquantimeter von Reiniger, Gebbert & Schall
zahlreiche Messungen und prüften die erhaltenen Werte für die pio-
zentuale Tiefenintensität biologisch nach, wie in einer früheren Ar¬
beit angegeben (M.m.W. 1923, p. 455 ff.). Wir fanden Uebereinstim-
mung mit den bekannten Messungen von Er i e d r i c h und Körner
(Strahlentherapie Bd. XL, Heft 3, 1920), die mit einer ähnlichen An¬
ordnung ausgeführt waren. Dagegen stellten sich erheb¬
liche Unterschiede heraus zwischen den erwähn¬
ten Ionisationsmessungen und den früher in un¬
serer Klinik benutzten Angaben von Dessauer über
die Tiefenintensität der Röntgenstrahlen.
Die Tabelle I zeigt den Widerspruch zwischen Messungen von
Dessauer und V i e r h e 1 1 e r (Strahlentherapie XII, 1922, Tab. 6)
und Friedrich und Körner unter fast gleichen Betriebsbedin¬
gungen, in die wir für 19 cm Tiefe einen von uns erhaltenen Wert
eingefügt haben, Tabelle 2 den Widerspruch zwischen einer photo¬
graphischen Intensitätsmessung von Dessauer und V i e r h e 1 1 e r
und einer Vergleichsmessung derselben Autoren nach der Ioni¬
sationsmethode.
Tabelle 1.
Messungen von:
Friedricli-Körner
Dessauer-Vierheller
Spannung .
180
181,5 Kilovolt
Filter .... • . . .
1 mm cu.
0,8 mm cu. 1 mm Al.
Feld .
20 X 20
18 X 24
Fokus-Haut .
30 cm
80 cm
Tiefe:
Intensitäten :
0
100
100
1
94,8
90,5
2
88,8
81,5
3
81,8
74,8
4
74,5
66,5
5
67,2
60,0
6
6",0
65,0
7
52,4
51,0
8
45,5
47.5
9
39,0
45,0
10
33,6
43,0
19
6
12,8
Tabelle 2. Vergleichsmessungen von Dessauer und
V i e r h e 1 1 e r. (Zschr. f. Physik 4 (1921) 141.)
Tiefe :
0
5
10
13
19
Intensitäten n. d. Ionisationsmethode
100
46,5
30
14,0
5,0
Nach der Filmmethode .
100
52,0
39
20
10,1
Unterschied: .
0
5,6
9
6
6,1
Prozentualer Unterschied: .
0
12
30
43
102 Proz.
Man sieht aus Tabelle 2 deutlich, dass der prozentuale Unter¬
schied der beiden Messungen mit der Tiefe ständig zunimmt, dass
also wahrscheinlich ein systematischer Fehler der einen Methode
vorliegt, und dass — wenn die Ionisationsmethode biologisch richtige
Werte ergibt — die Angaben Dessauers eine Ueberschätzung der
Tiefenwirkung bedeuten.
Unser Bestreben, Klarheit zu schaffen, veranlasst uns, einige
physikalisch merkwürdige Angaben der Dessauer-
Vierhellerschen Arbeiten einer Nachprüfung zu
unterziehen. Es setzte uns z. B. in Erstaunen, dass ein schräg
von den Röntgenstrahlen getroffener Film stärker geschwärzt werden
sollte als ein senkrecht getroffener (Zschr. f. Physik 4 [1921], p. 137).
Das ist physikalisch nicht einzusehen und würde — wenn cs den
Tatsachen entspräche — die ganze photographische Intensitätsmes¬
sung im Wasserphantom stürzen, da die Streustrahlen die Schicht in
allen möglichen Richtungen durchsetzen und daher systematisch
überschätzt werden müssen. — Unsere Versuche über diese Frage —
die an anderer Stelle ausführlich berichtet werden sollen — ergaben,
dass eine Abhängigkeit der Schwärzung von der Einfallsrichtung in
dem von Dessauer angegebenen Sinne nicht besteht; nur bei fast
streifender Inzidenz zeigte sich eine Beeinflussung durch die Einfalls¬
richtung, aber die Schwärzung war nicht abnorm gross — wie man
nach Dessauer annehmen sollte — , sondern gering, da die ziem¬
lich stark durchstrahlte Bromsilberschicht als Filter wirkt. Weiter
fanden wir, dass die zu starke Schwärzung am Rande des Bestrah¬
lungsfeldes, die Dessauer und Vier hell er Anlass zur Ver¬
mutung des Richtungseinflusses gab, auf den Entwicklungsvorgang
zurückzuführen ist; der „Nachbareffekt“ der unbelichteten Film¬
stellen täuscht zu grosse Intensitäten am Rande des Bestrahlungs¬
feldes vor (diese Erscheinung ist erforscht von Professor Eber¬
hard, „Photogr. Korrespondenz“ 1922, Nr. 736/9). — Ausserdem er¬
gab sich bei unseren Versuchen, dass von zwei Schicht auf Schicht
gelegten, gleich lange bestrahlten Films der von der Röntgenröhre
abgewandte bis zu 38 Proz. stärker geschwärzt war, was darauf zu¬
rückzuführen ist, dass die in der Bromsilberschicht entstandene Se¬
kundär- und Streustrahlung vorzugsweise spitze Winkel mit der Pri- 1
märstrahlung einschliesst. — Wenn man also, wie es Dessauer jj
und V i e r h e 1 1 e r getan haben, mehrere Films übereinander in j
einem mit Entwickler gefüllten Phantom ausspannt und bestrahlt, so &
werden die tiefgelegenen Films auch durch die Sckundärstrahlen der ,
darüberliegenden Films geschwärzt, und man gelangt wegen dieses I
Zusatzes zu einer mit der Tiefe zunehmenden Ueberschätzung!
der Intensität, die mit den Ionisationsmessungen und biologi- ,
sehen Erfahrungen in Widerspruch steht.
Wie sehr die Intensitätsverteilung bei Bestrahlung eines Phan¬
toms von 20 X 38 cm Querschnitt mit 4 Grossfeldern aus 30 cm :
Fokus-Haut-Abstand bei den in
Tabelle 1 angegebenen Betriebsbe¬
dingungen variiert, je nachdem man |
die Dessauer-Vierheller-,
sehen oder die von Friedrich!
und Körner angegebenen und mit I
unseren Messungen übereinstimmen- Ü
den Dosenquotienten benutzt, zeigt :
Tabelle 3 (am Rande des Bestrah- :
lungsfeldes wurden die halben In- 1
tensitäten eingesetzt).
A
x
D x
r
X
L
i
-X-
5 X
x 2 x B
-X-
3
J
X
C
Tabelle 3.
Dosis in Punkt:
1
2
3
1
1. Bestrahl, von A
100
100
12,8
6
,
_
43
33,6
2. ., ., B
6,4
3
100
100
6,4
3
—
—
12,8
6
12,8
6
—
—
100
100
—
—
43
33,6
i- „ „ D
6,4
3
—
—
6,4
3
100
100
12,8
6
Gesamtdosis:
125,6
112
100
100
125,6
112
100
100
111,6
79
Dosenquotient Feld 5. Feld 1: Nach De ssauer - Vierhel 1 er 111,6/125,6 = 89 Proz.;
nach Friedrich-Körner 79,2/112 = 71 Proz.
Man sieht, dass das Verhältnis der Gesamtdosis in der Körper- ^
mitte zur Überflächendosis nach Dessauer 89 Proz., nach Fried¬
rich-Körner 71 Proz. ist. Da die biologischen Vergleichsmes¬
sungen von uns und von Glocke r, Rothacker und Schön¬
leber sowie andere Messungen der Intensitätsverteilung mit den';
Ionisationsmessungen besser übereinstimmen als mit den Werten1
Dessauers, so muss man wohl annehmen, dass in allen auf
Dessauerschen Messungen aufgebauten Abhand¬
lungen die Tiefenwirkung der Röntgenstrahlen
physikalisch überschätzt worden ist. In Wahrheit
haben wir bei einer Vierfeldermethode, wenn wir die Tiefenwirkung
durch Fernfeldbestrahlung und Strahlensammler erhöhen — in der
Körpermitte insgesamt wohl höchstens 85 Proz. der der Haut verab¬
folgten Gesamtdosis (denn beide Kunstgriffe vermehren auch die In¬
tensität auf der dem Bestrahlungsfeld entgegengesetzten Körperseite).
Wir haben in der Mitte des Körpers — also gerade da,
wo wir zur Bekämpfung des Tumors eine möglichst grosse Strahlen¬
intensität gebrauchen — ein Minimum der Dosis, das wir nur
beseitigen können durch Hinzunahme der direkten Be¬
strahlung des Tumors mit Radium oder Röntgen¬
strahlen von der Scheide aus. Dadurch wird ohne Be¬
lastung der Haut eine hinreichende Dosis am Tumor erzeugt, um das
Minimum der Intensität zu beseitigen. Das ist die Erklärung da¬
für, dass wir mit der kombinierten Radium-Röntgenbehandlung und
durch Zusatz von Röntgenbestrahlungen von der Scheide aus bessere
Heilerfolge erzielten als mit der Grossfeldermethode allein.
Die Hauptmasse der Misserfolge beruht aber
in dem biologischen Verhalten der Geschwülste
selbst und kann in physikalischen Berechnungen
allein keine Erklärungfinden. Die Karzinom- und Sarkom-
zellc beim Menschen ist in ihrer Lebensenergie und der Fähigkeit, sich
sekundär im Körper auszubreiten, meist unberechenbar und mit
keiner Zelle aus dem Tier- und Pflanzenreich zu vergleichen. Ihre
Wachstumsenergie und Widerstandskraft gegen die Strahlenwirkung
21. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
assen sieb nicht in ein Schema bringen. Nicht nur die Tumoren ver-
.cluedener Zellstruktur, sondern auch Geschwülste von mikroskopisch
dachartigen Zellformen und gleicher Anordnung der Zellverbände
litterieren oft sehr in ihrer Reaktionsfähigkeit. Wir sind wohl im-
■tande, einige Grade von Röntgenempfindlichkeit festzustcllen, aber
i i n e e i n h e i 1 1 i c h e Dosis, welche zur Abtötung von Ge-
•chwulstzellen nötig ist, müssen wir abweisen.
Nach unseren Erfahrungen sind zu unterscheiden:
i \'/ {,uI^lorcn höchster Sensibilität, welche schon auf
— 7a t.D. reagieren,
2 solche mittlerer Sensibilität, welche auf eine
Strahlenmenge ansprechen, die der Erythemdosis entspricht,
3. Geschwülste von geringerer Sensibilität, wel¬
che sich noch durch hohe Dosen von V/s und mehr E.D beein¬
flussen lassen,
4. Tumoren mit völlig refraktärem Verhalten.
Bei Verabfolgung und Berechnung der zum Rückgang eines Tu-
nors notwendigen Strahlenmenge sind Differenzen von 20—30 Proz.
»ei Geschwülsten, welche im Innern des Körpers liegen, praktisch
licht zu vermeiden. Das Fettpolster, der Umfang der Kranken, die
jrosse der 1 umoren und schliesslich die verschieden grosse Emp¬
findlichkeit der Haut, welche bei der zu verabfolgenden Erythem-
losis eine massgebende Rolle spielt, sind, wie bereits angegeben, die
lauptsächlichen Ursachen für eine differierende Tiefenwirkung. Bei
iner empfindlichen Haut junger Personen ist die entsprechende Tie-
enwirkung eine geringere wie z.B. bei der zähen Bauchhaut älterer
..ranken, welche meist mit höheren Dosen beschickt werden kann.
)icse Momente fordern eine besondere Berücksichtigung bei der
seurteilung der Sensibilität eines 1 umors und der Tiefenwirkung der
itranlen.
Es gibt nur wenige, wirklichse ns ible Geschwülste
: e g e n Röntgenstrahlen, welche schon auf Dosen von 50—70
roz. der E.D. und weniger zurückgehen. Hierzu gehören insbeson-
ere die bösartigen Neubildungen der Lymphdriisen
nd einige Fälle von maligner Struma, welche die grösste
Empfindlichkeit zeigten. Solitäre Sarkome der Lymphdrüsen
Fialse, in der Schenkelbeuge sowie im Nasenrachenraum Hessen
ich günstig beeinflussen und heilen. Auch bei einem Sarkom der
rostata eines jungen Mannes und einem kindskopfgrossen Sar-
om rezidiv, welches vom Mesenterium ausgegangen war
atten wir einen vollen Erfolg zu verzeichnen. Die Fälle von mul-
ipel aufgetretenen malignen Lymphomen erfuhren
ber nur eine vorübergehende Besserung, die Kranken erlagen bei
rtlichem Rückgang der Geschwülste stets der weiteren Aussaat, der
chweren Blutveränderung und Entkräftigung. Auch häufiger ver-
enommene Bluttransfusionen konnten in diesen Fällen das Fort-
chreiten der Erkrankung nicht aufhalten. Oberflächlich gelegene
noten von Brustkarzinomrezidiv en zeigten ebenfalls
aunger ein günstiges Verhalten. Ferner konnten wir ein Rezidiv
ines fibroplastischen Sarkoms, welches vom Becken-
mdegewebe ausgegangen war, und eine diffuse Sarkomatose
es Peritoneums nach vorangegangener Probelaparotomie
urcli mittlere Dosen von 70 — 80 Proz. zur Heilung bringen, auch ein
all von Basalzellenkarzinom Hess sich günstig beein-
ussen.
Die weitaus grössere Mehrzahl der malignen Neubildungen ge-
oren der dritten und vierten Gruppe an (zirka 60—70 Proz.), und
ur cm geringer Prozentsatz (zirka 10-^20 Proz.) bleibt noch für die
weite Gruppe übrig. Gerade die Zervixkarzinome erwiesen
ich ausserordentlich hartnäckig; sie zeigten auf die allseitige per-
utane I iefenbestrahlung bis zum Erythem in den meisten Fällen
ine nur geringe oder gar keine Reaktion, ganz gleichgültig, ob die
lein- oder Grossfeldermethode in Anwendung kam. Sie
eanspruchen weit höhere Dosen als man angenommen hatte. Diese
atsache wird bewiesen durch die besseren Resultate der kombi-
lerten Radium-Röntgenbestrahlung, wobei, wie bereits hervorge-
oben wurde, zentral am Karzinom die direkte Radiumwirkung noch
immierend hinzukommt. Auch die Tumoren des Kehlkopfes,
er Zunge, des Magen-Darmtraktus, des Mediasti-
ums und der Lunge — es handelte sich allerdings stets um in-
perabele Fälle, welche zur Behandlung kamen — ergaben keine
auerresultate. Nach anfänglichem örtlichem Rückgang auf maxi-
lale Tiefendosen zeigten die Geschwülste schon nach kurzer Zeit
neutes Wachstum und rasch fortschreitende Metastasierung, der
ie Kranken erlagen. I n zwei Fällen von Magen- und Rek¬
um k a r z i n o m r e z i d i v ist es uns gelungen, eine Dauer hei-
ang zu erzielen. In dem einen Fall handelte es sich um eine
’ Jahre alte Frau, bei welcher im Jahre 1913 wegen Magenkarzinom
ne Resektion des Magens vorgenommen worden war. Sie bekam
:hon nach wenigeri Wochen ein Rezidiv in der Narbe. Der pflaumen-
;osse Geschwulstknoten ging auf energische Bestrahlung völlig zu-
ick. Die Kranke ist heute, nach 9 Jahren, völlig beschwerdefrei
id gesund. Der andere Fall liegt noch nicht so lange zurück: Es
ar bei einem 59 Jahre alten Manne eine Rektumresektion wegen
arzinom im Jahre 1919 ausgeführt worden, welches sehr bald rezi-
iyierte. Nach Umspritzung mit Rinderblut wurde der in der linken
älfte des kleinen Beckens liegende faustgrosse Tumor intensiv be-
rahlt und ging allmählich zurück. Heute, nach 3 Jahren, fühlt sich
-r Kranke sehr wohl; es handelt sich um einen Kollegen, welcher
seine Praxis ungestört ausüben und täglich 5U km mit dem Rade zu-
rucklegen kann.
Am schlechtesten reagieren nach unseren Erfahrungen zen-
i r a 6 j.n oc‘iensarkome des Beckens, Riesenzellsar-
k o m e, Mclanosarkome, Sarkome am Kollum und der
Mucosa Uteri, Zungenkarzinome sowie die harten ver¬
hornenden Platten-Epithclkarzinomc der äusseren
Genitalien und deren Rezidive. Insbesondere diese letzteren
s*n a meistens sehr hartnäckig und haben auch auf die Fernfeldbe¬
strahlung schlecht angesprochen. Wir haben in letzter Zeit erst
wieder ein gut abgegrenztes zweimarkstückgrosses, karzinomatöses
Geschwür der Vulva bei einer 46 jähri} £n Frau in 30 cm
F.H. Abstand direkt mit einem der Grösse des Tut <ors entsprechen¬
den Einfallsfeld sehr energisch bestrahlt. Da das Karzinom auf eine
Uosis von 80, 100 und 150 Proz. nicht ansprach, wurden innerhalb
8 Wochen nach genauer physikalischer Berechnung unter 1 mm Alu-
mmiumfilter 5 Erythemdosen unmittelbar auf den Tumor
appliziert. Die Folge davon war ein oberflächlicher Zerfall,
eine Verkleinerung des Geschwürs mit Nekrosenbildung Nach
einiger Zeit wurde, da die Nekrose in die Tiefe weiterzufressen
drohte und die Wirkung der Strahlen abgeschlossen sein musste, der
lumor im Gesunden exstirpiert. Im zentralen Strahlenkegel waren
in >-4 cm liefe, also in einer Zone, in welcher mindestens 200 Prcz.
der H.E.D. erreicht war, noch Karzinomzellzüge im Bindegewebe
vorhanden. Jetzt hat die Kranke trotz Gewichtszunahme und sehr
gutem Allgemeinbefinden ein örtliches Rezidiv und eine kirschgrosse
metastatische Diüse in der rechten Leistengrubc. Bei dem refrak¬
tären Verhalten des Karzinoms muss bei der Kranken nunmehr die
weitgehendste, radikale Entfernung der befallenen Teile vorgenom¬
men werden.
Wir legen bei der Beurteilung der Fälle grossen Wert auf die
einwandfreie histologische Diagnose. Bei der Bestrahlung
von Kollumkarzinomen wird die Strahlenwirkung während der Be¬
handlung durch Probeexzisionen fortgesetzt mikroskopisch kontrol¬
liert. Ebenso kann beim Sarkom des Uterus nur die mikro¬
skopische Diagnose ausschlaggebend sein. Wir verlassen uns nicht
auf die von S e i t z und W i n t z gemachte Beobachtung, dass Uterus¬
sarkome unter dem Einfluss der Röntgenstrahlen schneller zurück¬
gehen als einfache Myome. Nach unseren Erfahrungen schrumpfen
Myome, welche nur dje Kastrationsdosis erhalten haben, in der Mehr¬
zahl der Fälle auffallend schnell. Die Verkleinerung der Tumoren ist
nach 4 — 6 Wochen oft schon deutlich erkennbar und schreitet in den
weiteren Monaten fort, so dass wir kindskopfgrosse Tumoren schon
nach 2—3 Monaten haben restlos verschwinden sehen. Anderseits
gibt es bekanntlich auch gutartige Fibromyome, welche selbst auf
höhere Dosen gar keinen Rückgang zeigen. Wie schwer sich gerade
Muskelsarkome unter Umständen durch Röntgenbestrahlungen
beeinflussen lassen, mögen zwei Fälle von fibrozellulärem
Sarkom der Nackenmuskulatur und der Zervix be¬
weisen. Eine 70 jährige Kranke wurde uns vor 3 Jahren von einer
chirurgischen Klinik nach Exstirpation eines Muskelsarkoms der
Nackenmuskulatur zur prophylaktischen Bestrahlung überwiesen. Die
Kranke wurde sehr intensiv im Bereich der Operationsnarbe am
Halse unter genauer Zentrierung serienweise bestrahlt. Unter den
Bestrahlungen entwickelte sich in der Narbe ein schnellwachsendes
Rezidiv, welches zur nochmaligen Exstirpation zwang. Sofort nach
der operativen Entfernung wurde Radium auf die frei zutage
liegenden Granulationen gelegt, ebenfalls ohne jeden Erfolg.
Es trat eine örtliche Nekrose auf, aber in der Umgebung und
schliesslich auch aus der Tiefe heraus erneutes Wachstum. Wir
haben hierauf, da die harte Röntgen- und Radiumstrahlung völlig
versagt hatte, als Ultima ratio ein weicheres Röntgenstrahlengemisch
in Anwendung gebracht und hatten anfangs den Eindruck, dass der
I umer auf die weiche Strahlung eine Reaktion zeigte und örtlich zu¬
rückging. Aber dieser anfängliche Erfolg dauerte nicht lange, bald
setzte trotz hoher Dosen weicher direkter Strahlung (200 Proz. d.
H.E.D.) ein weiteres Wachstum ein, die Kranke ist ihrem Leiden er¬
legen. Im anderen Fall handelte es sich um ein bindegewebiges
Sarkom des Kollums bei einer 29 Jahre alten Frau. Zunächst
wurde örtlich Radium angewandt (78 mg R.E. für 60 Std.), der Tumor
zerfiel, es stellte sich eine ausgedehnte, rasch zunehmende Nekrose
mit starker stinkender Jauchung ein, sehr schnelle Metastasierung.
Eine angeschlossene Serie mit Röntgentiefenbestrahlung blieb völlig
erfolglos. Diese Sarkome des Kollum und der Mucosa uteri ver¬
halten sich nach unseren Erfahrungen oft refraktär.
Ist ein Tumor empfindlich gegen Röntgenstrahlen und zeigt eine
prompte Reaktion, so ist noch immer keine sichere Heilung erzielt.
Die unberechenbare Eigenschaft der Karzinome, zu
rezidivieren und zu metastasieren, verdirbt uns in vie¬
len Fällen den Erfolg. Der Geschwulstknoten geht zwar örtlich zu¬
rück, tritt aber sehr bald an anderer Stelle mit Metastasen wieder
zutage. Wir haben häufiger, wie auch schon von anderer Seite be¬
tont wurde, den Eindruck gewonnen, als ob unter der B e s t r a h-
lungbei örtlichem Schwund der Tumoren die meta¬
statische Ausbreitung begünstigt würde. Bei Brust¬
karzinomen konnte man diese Tatsache am deutlichsten wahrnehmen.
Wir bestrahlten beispielsweise vor zwei Jahren eine 71 Jahre alte
Frau mit ulzerierendem, blutendem Karzinom der linken Brust. Unter
der Bestrahlung gingen die Infiltration und Ulzeration prompt zurück.
2*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
die handtellergrosse Wundfläche epithelisierte, örtlich war der I umor
völlig geschwunden. Aber schon nach kurzer Zeit traten in der Peri¬
pherie zahlreiche koniluierende Hautmetastasen auf, welche auf die
andere Brust übergingen. Dieser Metastasierung ist die Frau schliess¬
lich erlegen. Einen derartigen Ausgang haben wir häufig beobachtet.
Es sei an dieser Stelle nur noch ein klassischer Fall erwähnt, der
wegen der seltenen metastatischen Ausbreitung des Karzinoms von
Interesse ist. Eine 68 jährige. Frau mit vorgeschrittenem Platten-
epithükarzinom der Portio, welches bereits auf die vordere Schei¬
denwand, das Septum vesicovaginale und das rechte Parametrium
übergegriffen hatte, wurde einer intensiven, direkten vaginalen und
perkutanen Röntgenbestrahlung unterzogen. Das Karzinom zeigte
mikroskopisch eine undifferenzierte Zellstruktur. Unter der Bestiah-
lung ging der Tumor örtlich ganz erstaunlich schnell zurück, die
Portio nahm wieder normale Form an, die Infiltrationen waren
völlig geschwunden. Aber schon nach wenigen Wochen traten
Schmerzen in der rechten Leistenbeuge auf, pflaumengrosse harte
Drüsenmetastase in der rechten Fossa ovalis und, dem üefässschlitz
unter dem P o u p a r t sehen Band folgend, nach abwärts druck¬
empfindliche Infiltration. Auf Bestrahlung gingen auch diese Meta¬
stasen auffallend schnell zurück, so dass es der Kranken, welche sich
genau beobachtete, wie ein Wunder vorkam, was die Röntgenstrahlen
vollbracht hatten. Nach weiteren 8 Tagen Anschwellung und heftige
Druckempfindlichkeit des rechten Schienbeines und F ussgelenkes,
knotige Auftreibung und Verdickung des Periostes und der Kortikalis
des Knochens. Das Röntgenbild ergab ausgedehnte destruktive Pio-
zesse im Knochen, Metastasen im Knochenmark. Man hatte den Ein¬
druck, das Karzinom im Lymph- und Blutwege förmlich mit den
Strahlen vor sich hergetrieben zu haben. Die Schmerzen wurden
derartig heftig, dass die Kranke selbst auf schnellste Erleichterung
und Amputation des Beines drang. In der chirurgischen Klinik wurde
das rechte Bein einige Zentimeter oberhalb des Kniegelenkes abge¬
setzt. Das Präparat zeigte eine so ausserordentlich hochgradige Kar¬
zinose des Knochens bis zum Fussgelenk, wie man sie selten zu sehen
bekommt: Endost, Spongiosa und Periost in ausgedehntem Maasse
karzinomatös verändert, auch die umgebenden Weichteile waren
durch die Ausbreitung des Karzinoms zerstört. Die histologische
Struktur entsprach dem Primärtumor an der Portio. Die Kranke ver¬
fällt jetzt zusehends, hat bereits eine taubeneigrosse Metastase in
der linken Oberschlüsselbeingrube und wird bald ihrer Karzinose
zum Opfer fallen. Die rapid fortschreitende und unmittelbar im An¬
schluss an die Bestrahlung auftretende Ausbreitung eines schon
längere Zeit bestehenden Karzinoms spricht doch sehr für die Be¬
günstigung der Metastasierung durch die Strahlenwirkung. Kommen
doch Knochenmetastasen bei Uteruskarzinomen schon ohnedies selten
vor; man schätzt nach den Literaturberichten zirka 5 Proz.! Diese
Fälle beweisen jedenfalls, dass man auch bei den wenigen auf die
Röntgenbestrahlung prompt ansprechenden Karzinomen eine Meta¬
stasierung mit der Strahlenbehandlung nicht zu verhüten vermag
und dass gerade undifferenzierte Karzinome, selbst wenn sie örtlich
reagieren, durch ihre schnelle Wachstums- und sekundäre Ausbrei¬
tungstendenz den endgültigen Erfolg vereiteln.
Die BeschränkungdesTumorsauf den Ausgangs¬
punkt ist neben seiner Grösse eine unerlässliche Vorbedingung für
einen günstigen Verlauf. Ist die erste Etappe überschritten, sind
bereits Fernmetastasen vorhanden — und das ist bei umfangreichen
Tumoren oft der Fall — , dann ist die Bestrahlung völlig zwecklos.
Ein krasses Beispiel erlebten wir vor 3 Jahren nach der prophylak¬
tischen Bestrahlung einer 30 jährigen Frau, die wegen Kollumkarzi-
nom radikal operiert worden war. Die Kranke blieb örtlich rezidiv¬
frei, klagte aber nach einigen Monaten über Schwäche und unbe¬
stimmte quälende Schmerzen im Rücken. Sie wurde deshalb wieder
in die Klinik aufgenommen und starb nach kurzer Zeit. Die Autopsie
ergab eine ausgedehnte Karzinose der rechten Lunge.
Wie sehr die Resultate von der Grösse und dem Umfang
der Tumoren abhängen, sehen wir deutlich in den Fällen von in-
operabelcm Ovarialkarzinom, welche nach vorangegangener Probe¬
laparotomie und intensiver mehrserier Bestrahlung zur Sektion
kamen. Die kleinen metastatischen Knoten am Bauchfell sind im Be¬
reiche der Strahlenkegel restlos geschwunden, während im Kern urd
in der nächsten Umgebung des geschrumpften, schwielig veränderten
grossknolligen Primärtumors noch lebensfähiges, unbeeinflusstes Kar¬
zinomgewebe vorhanden ist. Diese Befunde beweisen, dass sich
kleinere karzinomatöse Zellkomplexe leichter beeinflussen lassen als
grosse solide Tumoren. Hierin finden wir auch die Erklärung für die
günstigeren Erfolge bei den prophylaktischen Bestrah¬
lungen nach Operationen. Die Ansichten über den Wert der
Bestrahlung zur Prophylaxe nach Operationen gehen bekanntlich
noch sehr auseinander. Während insbesondere die Perthessche
Klinik die prophylaktische Bestrahlung ablehnt, sind Adler, Blu¬
menthal, Gauss, Heimann, Lehmann, Schneider,
Strauss u. a. für die postoperative Bestrahlung eingetreten und
haben die Heilungsresultate beim Karzinom noch zu bessern ver¬
mocht. Nach unseren seitherigen Erfahrungen ergab die prophylak¬
tische Bestrahlung nach Radikaloperation bei Zervix- und Ovarial-
karzinom befriedigende Resultate. Die Bestrahlungen wurden in den
meisten Fällen 6 — 8 Wochen nach der Operation vorgenommen und
mit der gleichen Intensität ausgeführt wie bei vorhandenem Kar¬
zinom.
Die Gesamtzahl der Radikaloperationen, welche
wegen Ko 11 umkarzinom vorgenommen wurden, vom 1. Ok¬
tober 1910 bis Mai 1918 einschliesslich betrug 289 Operations¬
mort a 1 i t ä t 38 Fälle = 13 Proz. Von den überlebenden 251 Fä Iler
wurden bestrahlt (meist mit Radium kombime rt): 108
davon sind rezidivfrei und leben heute nach 5 Jahren 58 — 53,7 1 roz.
nicht bestrahlt: 143, davon leben heute nach 13—5 Jahren nocl
51 = 35,6 Proz. Wir konnten also eine Erhöhung der absoluter
Heilungsziffer von 35,6 auf 53,7 Proz. feststellen.
Aehnlich sind die Erfolge nach der Totalexstirpation be
Ovarialkarzinomen. Im ganzen wurden bis zum Jahre 191!
einschliesslich mit Röntgenstrahlen prophylaktisch nachbestrahl
20 Fälle von Ovarialkarzinom, davon leben heute nach 8 — 4 Jahren
7 = 35 Proz.
Es handelt sich um: 7 einseitige, 11 doppelseitige und 2 metastatisclu
Von den 7 einseitigen sind geheilt 4 — 57,1 Proz., von den 11 doppel
seitigen sind geheilt 2 = 18,18 Proz., von den beiden metastatischen ist eil
Fall bis heute geheilt. ...
Die Dauerheilung bei den einseitigen ohne Bestrahlung betrug seltne
44 Proz., bei den doppelseitigen nur 2,2 Proz.
Die absolute Heilungsziffer stieg durch die Bestrahlung von 44 au
57,1 Proz. bzw. von 2,2 auf 18,18 Proz.
Bei der Bestrahlung nach operiertem Ovarialkarzinom kann mai
im Falle einer bereits vorhandenen Metastasierung nur dann auf eine
Dauererfolg rechnen, wenn die Aussaat auf das Deckenbau^hfe
lokalisiert ist. Haben die Metastasen bereits höhere Abschnitte jie
lUAdliaiCll 13t. nauw* - _ - - ,
Abdomens ergriffen, dann ist die Prognose immer schlecht. Lin
i n Ußrfroiiinnrr Hp« crpcsmtpn Raiichraumes können die ge
schwächten Kranken nicht mehr ertragen.
Die Strahlenempfindlichkeit der Karzinomzelle ist bei den post
operativen Bestrahlungen ebenfalls massgebend für den Erfolg. Bi
refraktärem Verhalten haben wir häufiger trotz intensiver be
Strahlung nach Operationen mit hohen und höchsten Dosen Rezidiv
auftreten sehen. Aber, wie bereits hervorgehoben wurde, ist di
Strahlenwirkung nach weitgehendster Exstirpation der befa. ene
Teile unter wesentlich günstigere Bedingungen gestellt, indem kleun
möglicherweise in den Lymphspalten zurückgebliebene Zellkomplex
besser reagieren, als grosse Geschwulstknoten.
Schliesslich spielen bei den zu erzielenden Erfolgen ebenso wi
bei Operationen oder postoperativen Bestrahlungen das A .11 g e
in einbefinden der Kranken, das Alter und der Ernälirungs
zustand eine grosse Rolle, ist das Gefässsystem erkrankt oder bt
stehen gleichzeitig andere Erkrankungen der inneren Organe, dan
ist der Organismus bereits zu sehr geschwächt, dass er des Kai
zinoms und der durch die Röntgenbestrahlungen bedingten Al lg einen
Schädigungen nicht mehr Herr wird. Vor allem ist es der b.u
schädigende Einfluss der Strahlen, der rapide Sturz der Leukozytei
der sehr wohl imstande ist, die Widerstandskraft des Körpers b<
trächtlich herabzusetzen.
Ein Teil der Versager der Bestrahlung maligner Neubildunge
mag hierauf zurückzuführen sein. Die Hauptmasse der Misserfolg
hat aber damit gewiss nichts zu tun, sondern beruht, wie berer
ausgeführt wurde, auf der meist fehlenden Sensibilität und rasch«
Metastasierung der Tumoren. Mit der Bluttransfusion ist zur Hebur
der Blutschädigung insbesondere bei anämischen Personen Gutes 2
leisten. Die Anämie allein verhindert aber nicht immer den Lrfol
wenn der Organismus sonst gesund, das Karzinom empfindlich gegt
Strahlen und auf den primären Herd beschränkt ist. Wir haben z.
bei einer anämischen 47 jährigen Kranken mit einem auf die Scheie
bereits übergegangenen Zervixkarzinom vor 2 Jahren einen sei
guten Erfolg erzielen können, obwohl sie folgenden Blutbefund bo
Hglb. 30 Proz., 2 400 000 rote Blutkörperchen, 1 Proz. basophil
14 Proz. Lymphozyten, 8 Proz. Uebergangsformen, 56 Proz. lieutr»
phile L„ 15 Proz. eosinophile, 4 Proz. Gr. mononukleäre. Es wart
bei der Kranken neben der perkutanen Bestrahlung noch die vag
nale in Anwendung gebracht worden.
Ganz ungeeignet sind die Fälle von Zervixkarzinom, welche ;
septischer Jauchung und Fieber neigen. Oft nimmt der jauchen«
Zerfall des Tumors unter der Bestrahlung rapid zu, die Krankt
siechen unter chronisch septischen Erscheinungen dahin und erliegt
schliesslich der Kachexie und metastatischen Ausbreitungen des Ka
zinoms.
Das refraktäre Verhalten vieler Tumoren gab uns Veranlassun
Strahlengemische von verschiedener Härte anzuwenden. Da d
Mehrzahl der Karzinome auf die harte, stark gefilterte Strahlat
schlecht oder gar nicht ansprach, glaubten wir den Grund für c
Misserfolge wenigstens z. T. in der Qualität der verabfolgt»
Strahlung suchen zu müssen. Wir hofften, dass die leicht reso
bierbare, weiche Strahlung in manchen Fällen doch einen grösser»
biologischen Effekt haben könnte, wie extrem harte Strahlen, obwo
bekanntlich Friedrich eine solche differierende Wirkung a
Grund seiner Versuche abgelehnt hatte. Auch die interessant
physkalischen Untersuchungen von Grebe und M a r t i u s über d
Verhalten von Strahlen verschiedener, bestimmter Wellenlängt
welche auf dem vorjährigen Röntgenologenkongress bekanntgegeb
wurden, berechtigen zu diesen Hoffnungen. Natürlich kamen weic
Strahlengemische nur in Frage bei der direkten Bestrahlung h<
liegender oberflächlich gelegener Tumoren, da sonst eine geeigne
Tiefenwirkung nicht erreicht werden konnte.
Das
Gallensteinmittel
benützt neue Erkenntnisse über die Ur-
Sachen der Gallensteinbildung. Es be-
steht aus Lecithin-Cholsäure und dient
vor allem zur Verhütung der Gallen-
steinbildung, indem es die Nieder-
Schlagsbildung in der Galle verhin¬
dert. Zu einer wirksamen Bekämpfung
der Cholelithiasis muh also Bilival-
Ingelheim längere Zeit hindurch
prophylaktisch gegeben
werden.
OH BOEHB1NGER SOHN XEUE NIEDERLASSmrO HAMBURG5 scHMiuMsrarsmw
Senden Sie mir kostenfrei eine Probepackung
Biliv al - Pillen „Ingelheim“
nebst Literatur
Bitte
Stempel
Die Berechtigung
einer causalen Behandlung von Gallen-
leiden wird durch folgende Überlegungen verursacht:
Mangel an Schutzkolloiden verursacht nach Bolt
und Heeres (Pflüger's Archiv für die gesamte Physio¬
logie, Band 193, Seite 449) in der Galle Konkrement¬
bildung. Anreicherung der Galle und Leber mit Schutz¬
kolloiden verhindert die Bildung von Konkrementen.
Ein geeignetes Schutzkolloid ist Lecithin durch seine
Fähigkeit, schon in geringeren Konzentrationen Cho¬
lesterin, den Grundstoff der Gallensteine, in Lösung
zu halten.
Gallensäuren sind nicht nur ein ausgezeichnetes
Lösungsmittel für Lecithin, sondern addieren es zu sehr
beständigen Verbindungen. Diese Additionsverbin¬
dungen des Lecithins mit Gallensäuren werden vom
Darm aus leicht resorbiert und ermöglichen eine fort¬
währende Anreicherung der Leber mit Lecithin.
Die Galle erhält somit nach und nach ihre nor¬
male chemische Zusammensetzung und ihr natürliches
Lösungsvermögen wieder.
Der Gehalt des Präparates an Gallensäure wirkt zu¬
gleich gallentreibend.
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Dosis: Je nach Bedarf
1—3 Pillen täglich
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An
C. H. Boehringer Sohn
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21. September 1923. _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Wir haben Zervixkarzinome und Vulvakarzinome der
direkten Bestrahlung mittels Bleiglasspiegeln ausgesetzt und brachten
Strahlengemische von verschiedener Qualität in
gleicher Menge in Anwendung. In einer Anzahl von Fällen fil¬
trierten wir mit 1 mm Al. bei einer Spannung von 140 000 Volt, in
einer zweiten Versuchsreihe wurde 0,3 mm Kupferfiltrierung an¬
gewandt bei einer Spannung von 160 000 Volt und schliesslich eine
Filterung von 0,5 mm Cu. bei 180 000 Volt und 0,8 mm Cu. bei
200 000 Volt.
Leider blieben unsere Versuche ergebnislos, einen wirklich
durchgreifenden Erfolg mit weicherer Strahlung haben wir bei der
Verabfolgung gleich hoher Dosen der einzelnen Strahlengemische
nicht feststellen können. Wir hatten wohl häufiger den Eindruck,
dass bei weicherer Strahlung ein schnellerer oberflächlicher Zer fall
der Geschwulst mit Nekrosenbildung eintrat, aber in der Dauer¬
wirkung zeigte sich kein Unterschied. Es wurden gleiche Dosen \ cn
60 Proz. der HED., steigend bis zur 3 — 5 fachen Erythemdosis der
einzelnen Strahlenqualitäten, vergleichsweise verabfolgt.
In neuerer Zeit hat man versucht, durch die häufigen Misserfolge
angeregt, das Heilproblem des Krebses auf andere Bahnen zu lenken.
So versucht Bier durch Umspritzung der Geschwülste und ihrer
Rezidive mit Tierblut oder durch parenterale Eiweisszufuhr regenera¬
tive Prozesse anzuregen und einen Wall gegen das weitere Wacns-
tum zu schaffen. M. Fraenkel (Röntgenologenkongress 1921)
empfiehlt Reizbestrahlungen der Drüsen mit innerer Sekretion und
hofft immunisatorische Kräfte gegen das Karzinom dadurch anregen
und eine Phagozytose hervorrufen zu können. Durch Tierversuche
angeregt, glaubt Ca s pari (Strahlentherapeutische Monographien,
Bd. III) in einer kurzfristigen Gesamtbestrahlung des Körpers den
Organismus gegen das Karzinom gleichsam immunisieren und die
Fibroblasten im Kampfe gegen das Karzinom anregen zu können.
Durch Hineinwachsen des jungen Bindegewebes in den Tumor wurde
auf diese Weise bei Mäusen gegen Impfkarzinome Erfolge erzielt und
bei den Tieren eine gewisse Resistenz gegen das Karzinom ge¬
schaffen. Auf derselben Grundlage baut Opitz seine Versuche auf,
welche auf dem diesjährigen Gynäkologenkongress in Heidelberg zur
Diskussion standen. Es handelt sich bei allen diesen Bestrebungen
darum, durch Reizwirkungen den Organismus widerstandsfähiger
gegen bösartige Geschwülste zu machen und diesen den fruchtbaren
Boden zu entziehen.
Auch wir haben, wie von Herrn Geheimrat B u m m auf dem vor¬
jährigen Gynäkologenkongress berichtet wurde, im Laufe der Jahre
auf alle mögliche Weise versucht, die Abwehrkräfte des
Körpers zu mobilisieren und die Karzinome zu sensi¬
bilisieren. Es wurde Karzinombrei und Thymusbrei auf paren¬
teralem Wege verabfolgt. Auch frisches Plazentar- und Ovnrial-
gewebe wurde in einer Reihe von Fällen transplantiert, Höhensonnen¬
bestrahlungen des ganzen Körpers und zahlreiche Bluttransfusionen
wurden ausgeführt, auch das Knochenmark wurde mit kleinen Dosen
bestrahlt. Wir hofften, dadurch einen Reiz auf den Organismus aus¬
üben zu können, der sich gegen das Karzinom richten und die Wir¬
kung der Strahlen erleichtern sollte. Anderseits haben wir auf die
Resistenzfähigkeit der Karzinomzelle sdlbst einzuwirken versucht
durch Diathermie durch Injektionen von Schwermetallsalzen in den
Tumor, auch wurden Schwermetallsalze von aussen an die Karzi¬
nome herangebracht, weil wir glaubten, durch die Eigenstrahlung
dieser Metallmoleküle am und im Karzinom selbst noch die Strahlen¬
wirkung erhöhen und konzentrieren zu können. Durchgreifende ob-
ektive Erfolge haben wir mit all diesen Methoden nicht erzielt.
Ob die von Wintz angegebene Verkupferung oder die Galva¬
nisation der Karzinome, wie es V o 1 1 z auf dem vorjährigen Gynäko-
ogenkongress vorgeschlagen hat, oder die extrakorporalen Bestrah¬
lungen des strömenden Blutes der Arteria radialis, wie es von anderer
seite empfohlen wurde, oder Hypophysenbestrahlung, wie es Hof-
nauer auf dem diesjährigen Gynäkologenkongress angegeben hat,
mm Erfolg führen können, müssen weitere Versuche entscheiden.
Durch örtliche Reizbestrahlungen (M. fraenkel,
Röntgenologenkongress 1920) ein Karzinom heilen zu wollen, halten
wir bei der Eigenartigkeit des biologischen Verhaltens der Karzinom¬
celle für ein gefährliches Unternehmen. Es wird sich praktisch nicht
iurchführen lassen, eine Strahlenmenge auf das Karzinom zu ver-
ibfolgen, welche nur das Wachstum und die Proliferation des Binde¬
gewebes anregen soll. Auch das Bindegewebe wird eine verschie-
iene Reaktion gegen Röntgenstrahlen in den einzelnen Fällen zeigen,
md die zu einem solchen Reiz erforderliche Dosis wird sich nicht
schematisieren lassen. Operabele Karzinome können deshalb unter
liesen Bestrahlungen leicht inoperabel werden, und inoperabele Kar-
’.inomc werden auch unter Reizbestrahlungen ihre Fähigkeit, Meta¬
stasen zu bilden, nicht einbüssen.
Das rätselhafte ungleichmässige Verhalten bösartiger Ge-
»cli wiilste gegen Röntgenstrahlen hat uns veranlasst, ein genaueres
\ugenmerk auf die histologische Struktur zu richten. Wir haben
•ersucht, in Strukturunterschieden eventuell Anhaltspunkte
ür das refraktäre Verhalten der Karzinome zu finden. Herr Professor
* Meyer stellte eingehende Untersuchungen an. Die Plattenenithel-
<arzinome wurden auf verschiedene Reifestadien (Differenzierung
nrer Zellverbände) geprüft, auch in dem Fettgehalt des Tumors
daubten wir möglicherweise ein ursächliches Moment finden zu
'"önnen. Alle seitherigen systematischen anatomischen Untersucnun-
1195
gen an einem grossen Material haben uns noch keine sicheren Er¬
klärungen für das refraktäre Verhalten vieler Karzinome gegen Rönt¬
genstrahlen gebracht. Wir sind bis jetzt weder anato¬
misch, noch physikalisch imstande, sagen zu kön¬
nen, warum bei demselben histologischen Bau
sich d er eine Knoten (z. B. Szirrhus) empfindlich
gegen Röntgenstra hie n erweist, der andere nicht,
belbst Karzinome mit undifferenzierten, vielgestaltigen Zellformen,
welche die grösste Sensibilität zeigen sollen, haben oft versagt.
Was die Art der Strahlenapplikation anlangt, so haben- uns die
Erfahrungen der Jahre immer wieder bewiesen, dass die direkte Be¬
strahlung, wenn die Karzinome dafür zugänglich sind, viel bessere
Beeinflussung ergibt als die Tiefcnbestrahlung, sei sie ausgeführt
nach welcher Methode man wolle. Gerade die intensive Nahbe¬
strahlung der Karzinome mit Radium bringt uns beim Kollumkarzi-
nom die guten Erfolge, und es wäre zu wünschen, dass durch die
Konstruktion kleiner Röhren auch die Anwendung der Röntgen¬
strahlen in eine direkte Nahbestrahlung bei Zervixkarzinomen über¬
geführt werden könnte. Leider ist es bisher noch nicht möglich ge¬
wesen, _ eine geeignete Röhre herzustellen, welche auch ein Ein¬
fuhren in die Vagina gestattet. Jedenfalls sind wir jetzt wieder zu¬
rückgekommen auf die ähnlich wie Radium wirkende lokale Be¬
strahlung und fügen bei Zervixkarzinomen der allseitigen perkutanen
Tiefenbestrahlung prinzipiell noch die direkte vaginale Be¬
strahlung hinzu, welche den Vorteil hat, nötigenfalls die Verabfol¬
gung mehrerer Erythemdosen zu gestatten.
Die ersten Erfolge, über welche Herr Geheimrat Bumm im
Jahre 1912 berichtete (Zbl. f. Gyn. 1912), waren mit der direkten
Bestrahlung bei Zervixkarzinomen von der Scheide aus mit
hohen Dosen erzielt worden. Die dann eingeführte perkutane Tiefen¬
bestrahlung, über welche Warnekros mehrfach berichtet hat, hat
bei alleiniger Anwendung von Röntgenstrahlen bei Kollumkarzinomen
versagt. Nach unseren Erfahrungen ist der Erfolg bei tief im
Körper gelegenen Tumoren immer zweifelhaft und
gering. Die besten Dauerresultate bei Zervixkarzinomen hatten
wir mit der kombinierten Methode (Radium-Röntgen), aber auch
diese müssen noch hinter den oben angegebenen Operationserfolgen zu¬
rückstehen. Von 108 operabelen kombiniert bestrahlten Fällen, deren
Behandlung 8—5 Jahre zurückliegt, sind 26 geheilt = 24 Proz. Mit
der Operation bei beginnendem Kollumkarzinom haben wir unter Mit¬
hilfe der Nachbestrahlung bei 108 Fällen, welche die Operation über¬
standen, 58 Heilungen über 5 Jahre erzielt = 53,7 Proz.
Wir sind daher wieder auf den Standpunkt zu¬
rückgekommen, operable Karzinome zu operieren,
wenn nicht besondere Gründe einen günstigen Heilverlauf in Frage
stellen oder die Kranken die Operation verweigern.
Bei malignen Tumoren der Lymphdrüsen, Brustkarzinomrezi¬
diven, sowie zur Prophylaxe nach Operationen (insbesondere nach
Zervix- und Ovarialkarzinomen) ist die Bestrahlung anzuraten. Im
übrigen soll man einen Versuch mit der Röntgenbestrahlung bei
Fällen, welche an der Grenze der Operabilität stehen, oder bei Tu¬
moren, welche mit dem Messer schwer zugänglich sind, nicht unter¬
lassen. Dieselbe vermag in einzelnen Fällen noch unerwartet Gutes
zu leisten, zum mindesten lebensverlängernd zu wirken.
Aus dem Knappschaftskrankenhaus in Langendreer.
Heilversuche bei septischen Allgemeininfektionen.
Von Dr. M. Friedetnann, Chefarzt des Krankenhauses.
Die Arbeit Rollys: „Ueber den therapeutischen Effekt von
lokalen Entzündungen und Abszessbildungen“ J) sowie A. Biers
Bemerkungen zu dieser Arbeit ") geben mir die Anregung, aus der
grossen Zahl der seit Jahren von mir mit besonderem Interesse ge¬
sammelten Sepsiskrankengeschichten 3) einige zu veröffentlichen.
Rolly empfiehlt bei Sepsis, und zwar vorläufig nur bei Fällen
mit infauster Prognose, künstliche Entzündungen im Unterhautfett¬
gewebe anzulegen, nachdem er beobachtet hatte, dass ein Fall von
Sepsis unerwartet günstig verlief, bei dem Abszesse durch die ver¬
sehentlich subkutan (statt intravenös) verabreichten Agrochrom-
injektionen entstanden waren.
Dass derartige Versuche schon früher gemacht worden sind,
erwähnt Bier in seiner Bemerkung zu der Arbeit Rollys, und
dieser selbst führt in seiner Erwiderung auf Biers Bemerkung
Czerny als einen Chirurgen an, der das Verfahren bereits in seinen
Vorlesungen empfohlen habe.
Bei Bondy') finde ich ausser den Franzosen F o c h i e r,
F a b r e, F e r r e, V i n a g r e, B o i s s a r d, von Deutschen B r ö s e,
Kocher und Tavel als Autoren genannt, die künstliche Abszess¬
bildung empfohlen haben. Ueber ähnliche Versuche (subkutane Ein¬
spritzung von Bouillonkulturen von Kokken bei Sensis) berichtete
übrigens N o r d m a n n - Berlin auf dem Chirurgenkongress 1922 (Ar¬
chiv f. klin. Chirurg., Bd. 129, S. 39).
*) M.m.W. 1923 Nr. 5. 2) M.m.W. 1923 S. 305.
) Der Ausdruck Sepsis soll hier im weiteren Sinne verstanden werden,
also etwa Allgemeininfektion durch eitererregende Keime.
’) Die septische Allgemeininfektion und ihre Behandlung. Ergehn, d.
Chir. u. Orthopäd. 7, S. 254.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1196
Ich selbst kam. ohne etwas von derartigen Versuchen anderer zu
kennen, auf den gleichen Gedanken durch die Beobachtung, dass die¬
jenigen Fälle septischer Allgemeininfektion, bei denen es nicht zu
Eiterbildung kommt, am allerungünstigsten zu verlaufen pflegen, dass
dagegen die Aussicht auf Genesung nicht selten eine bessere wird,
wenn sich erst mal irgendwo Abszesse lokalisieren.
Im Jahre 1914 spritzte icii zum ersten Male bei einem aussichts¬
los erscheinenden Fall puerperaler Sepsis Eiter unter die Haut des
Oberschenkels der Kranken. Der Erfolg blieb leider aus. In der
Folgezeit ging ich dann — nachdem die Abszesserzeugung durch
Terpentineinspritzung nicht gelungen war — öfter so vor, dass ich
einige Kubikzentimeter des kokkenhaltigen Bluts des betreffenden
Kranken aus der Kubitalvene entnahm und ihm unter die Haut des
Oberschenkels spritzte. Da es meist nicht zur Abszessbildung kam
(Gewebsimmunität den eigenen Blutkeimen gegenüber?), spritzte ich
mehrfach zugleich mit dem Blut flüssigen Agar unter die Haut, oder
ich nahm, wie schon angedeutet, keimhaltigen Eiter aus Abszessen
von anderen Kranken. In dem letzten derartigen Fall benutzte ich
z. B. streptokokkenhaltigen Eiter von einem Halsdrüsenabszess eines
anderen Kranken. Der Abszess am Oberschenkel der Kranken ging
ganz langsam an und entwickelte sich zu Pflaumengrösse.
Niemals sah ich irgend etwas von Erfolg, nicht einmal wurde eine
wesentliche Vermehrung der Leukozyten, deren Zahl ich bei Sepsis
ohne grössere Eiterherde meist herabgesetzt fand, erzielt.
Aber die Zahl meiner Versuche ist nicht gross, und ich werde
sie, angeregt durch diq interessante Arbeit von Rolly und die Auf¬
munterung Biers („immerhin lohnt es sich . . . neue ausgedehnte
Versuche anzustellen“), trotz meiner bisherigen Misserfolge fort¬
setzen.
Es sei mir bei dieser Gelegenheit gestattet, kurz über einige
andere Heilmassnahmen, die ich bei Sepsis versuchte,
zu berichten.
Zuvor sind aber einige Worte zur Einigung über Dia¬
gnose und Prognose nötig, da ich glaube, dass die ungemein
verschiedene Beurteilung, die eine Reihe der bekannten Sepsismittel
von den einzelnen Therapeuten erfahren hat, zum grössten Teil dar¬
auf zurückzuführen ist, dass die Diagnose nicht von allen mit der glei¬
chen Kritik gestellt wird und auch in der Beurteilung der Schwere
der Fälle die Ansichten weit auseinandergehen.
Zwar ist es sicher und allgemein anerkannt, dass es Sepsisfälle
gibt, wo bei vielfachen’ bakteriologischen Untersuchungen Keime im
strömenden Blut niemals gefunden werden (reine Toxinämie?). Aber
wir werden doch gut tun, stets mit der Diagnose Sepsis zurückhaltend
zu sein, wenn der Keimnachweis im Blute nicht gelingt, obwohl die
bakteriologische Untersuchung oft wiederholt und einwandfrei aus¬
geführt wurde (Anaerobenkulturen, relativ viel Nährboden, um die
bakterizide Blutwirkung abzuschwächen, dabei nicht zu absolut kleine
Blutmengen usw.). (Vergl. hierzu die Arbeiten Schottmüllers,
in Sonderheit auch die seines Schülers Bingold: „Der intravitale
Nachweis von Krankheitserregern im Blute und seine Bedeutung für
die klinische Medizin“ TMed. Klin. 1921, Nr. 28.1)
Es müssen in solchen Fällen, wo der Keimnachweis im Blute
nicht gelingt, wenigstens die klinischen Erscheinungen voll ausge¬
sprochen sein, wenn man die schwerwiegende Diagnose Sepsis stellen
will, also vor allem: hohes Fieber, sehr beschleunigter Puls, trockene
Zunge, Beeinträchtigung des Sensoriums. häufig Exanthem, Durchfall,
Schüttelfrost usw. Dabei meist mehr oder weniger schwere Ver¬
änderung des Blutbildes.
Dass anderseits vorübergehender Kokkengehalt des Bluts
ohne wesentliche klinische Symptome nicht zur Diagnose Sepsis be¬
rechtigt, sollte bekannt sein.
Dagegen halte ich es nicht für berechtigt, die Diagnose Sepsis,
wie manche wollen,' von der Vermehrung der Keime im Blute
abhängig zu machen. Ob eine solche überhaupt jemals ilu lebenden
Organismus stattfindet und nicht vielmehr die im strömenden Blute
nachweisbaren Keime stets nur aus irgendeinem lokalen Herd ein-
gcschwemmt sind, darüber wird noch gestritten (vergl. hierzu
Schottmüllers Auseinandersetzungen auf dem Chirurgenkon¬
gress 1922).
Soviel scheint mir sicher, dass in der Regel d i e Fälle die
schlechteste Prognose geben, wo bei ausgesproche¬
nen klinischen Sepsiszeichen fortdauernd Keime
in grosser Zahl im Blute nachgewiesen werden
können, während die Prognose oft günstiger zu stellen ist, wenn
entweder das Allgemeinbefinden zwar schlecht, das Resultat der bak¬
teriologischen Blutuntersuchung aber stets oder fast stets negativ ist
(cf. Krankengeschichte Nr. 14), oder aber die Blutuntersuchung zwar
regelmässig Keimbefund ergibt, das Allgemeinbefinden aber leidlich
ist (Fall 13).
Eine Ausnahme hiervon macht allerdings die Endocarditis sept.
lenta. die uns hier nicht beschäftigen soll, da ist oft das Allgemein¬
befinden wochen- und monatelang ganz leidlich und die Prognose
doch infaust.
Auf die Keimart kommt es nach meinen Erfahrungen im allge¬
meinen nicht an (mit der eben erwähnten Ausnahme von Streptoc.
virid.). Alle Eitererreger können leichtere und schwere Blutvergif¬
tungen erzeugen, vielmehr aber auf die Aetiologie, die Eintrittspforte
oder die hauptsächlichste Lokalisation.
Am ungünstigsten sind die puerperalen septi¬
schen Erkrankunge n, auch die peritoneale Sepsis nach Bauch-
Nr. 38.
Operationen, prognostisch günstiger die Urosepsis, vielfach noch
etwas günstiger Pyämien, die sich z. B. an Karbunkel oder Furunkel
anschliessen oder deren erste und Hauptlokalisation etwa das Ktio-j
chenmark ist (Osteomyelitis).
Die Prognose wird also hauptsächlich durch
3 Momente beeinflusst: 1 . A e t i o lo g i e, 2. klinische
Erscheinungen, 3. Keimnachweis im Blute. Dass man¬
ches andere, z. B. allgemeine Körperkonstitution usw., eine Rollt
spielt, ist selbstverständlich. Aber diese Rolle ist oft nicht so wich¬
tig; auch bisher strotzend gesunde, hühnenhafte Menschen werden
von schwerer Sepsis in kurzer Zeit dahingerafft. Dass Fälle, bei
denen es zu chirurgisch angreifbaren Eiterherden kommt, im allge¬
meinen etwas günstiger zu beurteilen sind als solche ohne jede er¬
kennbare Eiterung, wurde schon angedeutet. Ferner ist noch die
Zahl der auf den Blutplatten gefundenen Kolonien prognostisch
von Bedeutung. Virulenzprüfung am Tierversuch wird der Praktiker
meist nicht anstcllen können, um hierdurch einen Einblick in die
Prognose zu gewinnen.
Ich würde also die schlechteste Prognose stellen, wenn bei einer
puerperalen Sepsis dauernd eine grosse Menge von Keimen
(gleichgültig, ob Staphylok. oder Streptok., hämolytische oder nicht)
im Blute nachzuweisen und die Allgemeinerscheinungen schwere sind
also etwa Puls über 120, Fieber um 40 und darüber, Benommenheit
Durchfälle usw.
Eine einigermassep günstige Prognose ist gestattet, wenn z. B
bei einer Osteomyelitis tibiae zwar täglich Keime im Blut gefunder
werden, aber das Allgemeinbefinden nur mässig beeinträchtigt ist.
Das am meisten angewandte Sepsismittel ist zweifellos das
Collargol. Nach Bondy (Ergebnisse für Chirurgie und Ortho¬
pädie, Bd. 7) gab schon 1911 die Firma Heyden ein Literaturver¬
zeichnis über Collargol von 600 Arbeiten heraus 5).
Für mich ist die Collargolfrage erledigt. Ich habe das Mittel seil
vielen Jahren in weit über 100 Fällen versucht, zuerst, als es aufkam
per Klysma, dann intravenös in der üblichen Dosis von 10 ccm dei
2 proz. Lösung (Präparat Heyden). Später ging ich mit der Dosis
häufig weiter herauf und habe schliesslich in vereinzelten Fällen bis
zu 200 ccm durch intravenöse Tropfinfusion ganz langsam zugeführt
Bei dieser schonenden Art der Zufuhr wurde das Mittel zwar gui
vertragen, aber ich habe auch nicht ein einziges Ma
die sichere Ueberzeugung gewonnen, dem Kranker
mit dem Mittel entscheidend geholfen zu haben
Aber auch das, was man wenigstens von einem Sepsismittel er¬
warten sollte, dass es entweder die Keime im Blut vermindert, odei
die Abwehrstoffe mobilisiert, trat nicht erkennbar ein.
Zahlreiche von meinem damaligen Assistenten Dr. Bover-
m a n n ausgeführte bakteriologische Blutuntersuchungen konnten ein«
Herabsetzung des Keimgehalts des Blutes nach Collargol nicht er¬
weisen. Die Leukozytenzahl wurde nicht mit Sicherheit erhöht. Ekla¬
tanten Fieberabfall, von dem die Collargolfreunde soviel Schönes be¬
richten, erlebten wir nach den Injektionen nicht (cf. Kausch, Arch
f. klin. Chir.. Bd. 102. S. 159).
Plötzlicher Fieberabfall kommt aber bei Sepsis auch ohne The
rapie vor.
Aus meiner Sammlung derartiger Fälle sei folgender mitgeteilt
Fall 1. Emm G., 42 Jahre. 10. II. 19 normale Entbindung. Nach¬
dem am 3. Tage schon etwas Temperatursteigerung, setzt am 5. Tage pos
partum Fieber von 39,5 und Puls von 120 ein. Am nächsten Tage Tem
peratur 39,8, Puls 130. Bakteriologische Blutuntersuchung negativ. Fiebe
bleibt bestehen. Nachdem es am 8. Tage auf 40,2, der Puls auf 130 ge¬
stiegen ist und zweimal Frieren aufgetreten war, soll am nächsten Tagi
die intravenöse Infusion eines Sensismittels vorgenommen werden, doch fie
die Temperatur an diesem Tage kurz vor der beabsichtigten Infusion au
36,8, erreichte noch einmal 38 und blieb dann normal. Heilung.
Mit dem gleichen negativen Resultat wie das Collargol habe icl
in zahlreichen Fällen viele andere, stets sehr gut empfohlene Mitte
(häufig mehrere kombiniert) angewandt, z. B. Elektrargol, Dispargen
Argochrom, Fulmargin, Trypaflarin, Eucupin, Vuzin, Rivanol, Uro
tropin.
Auch Sera und Vakzine (Opsonogen und Leukogen) sowie Pro
teinkörper (Aolan; Caseosan) und Terpentin waren ohne erkennbarei
Einfluss.
Der Gedanke, bei septischen Allgemeininfektionen gewisser
massen eine Durchspülung des Organismus vorzunehmen
ist schon lange und oft wiederholt ausgesprochen und verwirklich
worden. Ich bin früher so vorgegangen, dass ich die Kranken durcl
Fliedertee und Lichtbogen schwitzen Hess, die Diurese anregte um
viel Flüssigkeit durch Mund, Mastdarm oder Vene zuführte. Späte
machte ich grossen Aderlass und ersetzte das Blut durch intravenös«
Kochsalzinfusion.
Der erste Fall, bei dem ich die seit zirka 10 Jahren von mir pro
pagierte intravenöse Dauertropfinfusion 1911 auspro
bierte, betraf eine puemerale Sepsis. Soviel Gutes ich auch sonst voi
dieser Art der Kochsalzinfusion gesehen habe, bei dieser Indikatioi
hat sie mich fast stets in Stich gelassen.
Ich weise in dieser Beziehung auf meine Arbeit: „Erfahrungei
mit der intravenösen Dauertropfinfusion“ (Deutsche Zschr. f. Chir.
Bd. 151, H. 5 — 6) hin. Vor grossen Flüssigkeitsmengen habe icl
5) Einem viel beschäftigten Praktiker ist es schlechterdings nicht möglich'
die Sepsisliteratur auch nur einigermassen durchzustudieren, ich muss dahe
auf Literaturangaben im grossen und ganzen verzichten.
21 September 1923. _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
in dieser Arbeit (S. 386) bei Sepsis geradezu gewarnt. Ich habe
manchmal den Eindruck gehabt, als würde die Ausstreuung der Keime
durch die intravenöse Infusion befördert.
Nur wenn alkalische L ö s u ng eingetropft wurde, war uns
hin und wieder ein bescheidener Erfolg beschieden, oft nur vorüber¬
gehend.
Nachdem V o r s c h ü t z - Elberfeld auf der Naturforscher- und
Aerztcversanimlung in Münster 1912 über die günstige Wirkung der
Alkalien auf septische Prozesse berichtet hatte, lag es für mich nahe,
das Alkali nicht, wie Vor schütz tat, durch den Mund, sondern
intravenös in Form der Dauertropfinfusion zuzuführen. Ich ver¬
wandte 5 proz. Sodalösung, wie solche schon früher von anderer
Seite bei Coma diabeticum benutzt worden ist, und Hess gewöhnlich
1- -2 Liter davon langsam eintropfen. Man muss darauf achten, dass
die Kanüle fest in die Vene eingebunden wird, damit nichts daneben¬
geht. sonst gibt es Hautgangrän.
In diese Gruppe von Mitteln fällt auch das schon obenerwähnte
von B u z e 1 1 o - Greifswald auf dem Chirurgenkongress 1922 (cf.
Arch. f. klin. Cliir., Bd. 121. S. 18 — 20) empfohlene Urotropin (40 proz.).
Ich habe es im letzten Jahre mehrmals angewandt, auch hiervon sah
ich nichts eklatantes .
Fall 5. Elisabeth R.. 21 Jahre. Am 14. I. 19 Aufnahme ins Krankcn-
lans. Beide Beine zeigen Verbrennung III. Grades. Zunächst normaler Vor¬
auf. Die Haut stiess sich in gangränösen Fetzen ab. Etwa 4 Wochen nach
Jer Aufnahme wurde die Kranke unklar, Temperatur um 40, Puls zwischen
120 und 140. Bakteriologische Blutuntersuchung zeigt
staoh vlokokken.
10. II. Injektion von Leukogen, 10 Millionen Keime. Befinden dann
vechselnd. Tags meist klar, nachts öfters unklar; elendes Aussehen, dauernd
’uls und Temperatur hoch. Bakteriologische Blutuntersuchung aus äusseren
Jriinden nicht wiederholt.
25. II. Intravenöse D a u e r t r o p f i n f u s i o n von 1 Liter
i h v s i ol o gischer Kochsalzlösung mit 50 ccm N a t r. c a r b„
ropfenweise von nachmittags 1 Uhr ab bis 5 Uhr. Die Infusion war der
(ranken sehr gut bekommen, fühlte sich subjektiv erheblich wohler. Tem-
icratur fiel am nächsten Tage auf 37.4, erreichte später nur noch 38. wahrend
ie wochenlang vorher um 39 und 40 gewesen war. Puls blieb aber unver-
ndert hoch. Wochenlang hielt die Besserung des Allgemeinbefindens an,
ann wieder Verschlechterung.
31. III. 19 Exitus.
Fall 6. Richard B.. 20 Jahre. Aufgenommen 24. X. 19. Mittelkräftig,
nnere Organe o. B. Puls 100, ziemlich weich. Tenmeratur 39,6. Unter-
pdc kollosal geschwollen, starr infiltriert (Karbunkel). Schwellung und
’ötung setzt sich auch aufs Kinn fort, in geringem Grade auch auf die Wangen,
(akteriologische Blutuntersuchung: Staphylokokken,
heranie: Halsstauung. Zinkpasteverband.
25. X. Schwellung hat sich auch auf das Gesicht fortgesetzt. Äugen¬
der ödematös. Apathie. Aderlass (200 ccm). Intravenöse Dauer-
ropfinfusion von 1 Liter 5proz. Natr. carbon. -Lösung,
bakteriologische Blutuntersuchung ergibt wiederum zahlreiche Sta-
Itylokokken.
26. X. Im Harn Eiweiss, Staphylokokken positiv. Bakterio-
ogische Blutuntersuchung: zahlreiche Staphylo-
°kke n. Gegen Abend unruhig, etwas benommen. Schwellung so stark,
ass die Augen nicht mehr geöffnet werden können.
27. X. Zustand unverändert. Bakteriologische Blutunter-
u c h u n g ergibt wiederum etwa dieselbe Menge Staphylokokken-
o 1 o n i e n. Durch Aderlass werden 50 ccm Blut entleert. Intravenöse
auertropfinfusion von 5 p r o z. Natr. carb. -Lösung,
Liter. Gegen Abend ist die Temperatur etwas gesunken, jedoch Benommen¬
st und Unruhe stärker geworden.
28. X. Bakteriologische Blutuntersuchung: Sta-
hylokokken positiv. Temperatur abends wieder 39,5. 3mal täglich
Messerspitze Natr. bicarb. per os
29. X. Katheterurin enthält viel Staphylokokken.
31. X. Allgemeinbefinden besser. Sensorium olar. Bakteriologi-
che Blutuntersuchung ergibt wiederum Staphylo-
o k k e n. Auf den Wangen, in der Umgebung der Augen, an der Obcr-
jpe. Abszesse, die durch Stichinzision geöffnet werden.
3. XI. Besserung schreitet fort. Bakteriologische Blutuntcr-
u c h u n g ergibt vereinzelte Kolonien von Staphylo-
okken. Es müssen noch mehrere Abszesse inzidiert werden. Dann all-
ählich Besserung. Bei den weiteren Blutuntersuchungen keine Staphylo-
ikken mehr nachweisbar. Heilung.
Auch in einer Anzahl anderer Fälle gewann man den Eindruck,
iss die intravenöse Tropfinfusion von Sodalösung
e Wendung zum Besseren einleitete. Doch will ich aus den ange¬
hrten Krankengeschichten und den anderen Beobachtungen nicht
eitgehende Schlüsse ziehen, wenn auch immerhin in dem ersten Fall
Ir. 5) die Besserung des Allgemeinbefindens und der definitive
bfall der Temperatur, die 42 Tage hintereinander zwischen 39 und
i Grad abends geschwankt hatte, gleich nach der Infusion auffallend
ar: aber, wie schon oben erwähnt, das kommt auch sonst mal ohne
lerapie vor.
Auch der 2. Fall (Nr. 6) ist nicht beweisend. Zwei Punkte spra-
len allerdings für ungünstige Prognose: 1. Dauernder Keimnach-
eis im Blut, 2. schlechtes Allgemeinbefinden: ein Moment liess
ier die Prognose doch etwas hoffnungsvoller erscheinen: die Aetio-
gie, die Hauptlokalisation in Form des Karbunkels (im Gegensatz
ir puerperalen Aetiologie).
Dass derartige Fälle auch ohne eingreifende Therapie heilen
»inen, zeigt folgende interessante Krankengeschichte:
Fall 7. Heinrich M., 26 Jahre. Aufgenommen 13. XII. 21. Guter
äftc- und Ernährungszustand. Puls regelmässig, mittelkräftig, 104. Tcm-
ratur 39,5. Sensorium frei. Die Oberlippe ist besonders in ihrer linken
Ufte stark geschwollen, rüsselartig aufgeworfen, entzündlich gerötet, derb
infiltriert (Karbunkel). Es besteht eine teigige Schwellung der ganzen linken
Wange. Zunge stark belegt. Bakteriologische Blutunter-
s u c h u n g e r g i b t Staphylokokken, durchschnittlich 12 Kolonien
auf jeder Platte. Therapie: Bettruhe. Salbenlappen. Halsstauung. Verlauf:
Temperatur blieb wochenlang zwischen 39 und 40, Puls um 110, zeitweise 120.
Bakteriologische Blutuntersuchung wurde noch 3 m a I
wiederholt mit dem gleichen Resultat: massig viel
Staphylokokken. Der Kranke war zeitweise sehr elend, häufig un-
rulng. Sensorium verschleiert. Es entwickelte sich eine Thrombose
f. ® ,? ® 1 n u * cavernosus. Der konsultierte Augenarzt Prof. Stöwer-
Witten erhebt folgenden Befund: Beiderseits Lidödem. Links Ptosis. Beider¬
seits mittelstarker Exophthalmus mit Chemosis. Linkseitig starke Störung
der Beweglichkeit, rechts mässige Bewegungsstörung. Augenhintergrund: ge-
ringe Verbreiterung der Venen. Ganz allmählich schwanden die Zeichen der
I hrombose. Der Lippcnkarbunkel kam zur Erweichung, die Keime schwanden
aus dem Blut, die Temperatur fiel. Eine Therapie der Sepsis wurde nicht
angewandt, rein konservative Behandlung. Am 30. I. 22 geheilt entlassen.
Der sehr erfahrene Augenarzt, den ich bei diesem Kranken kon-
sultierte, sagte mir, er habe noch keinen Fall von Gesichtskarbunkel
mit Sepsis und Thrombose des Sin. cavernosus durchkommen sehen.
Hier w ar Heilung ohne eigentliche Therapie der
Sepsis erfolgt. Was würde wohl ein Anhänger des Collargols,
wenn er das Mittel auch hier angewandt hätte, aus solchem Fall ge¬
macht haben?
Ich komme dann zu den Versuchen mit Bluttransfusion
Ich habe kleinere Mengen (etwa 20 ccm) zitrierten Bluts von Ge¬
sunden als Reizmittel intravenös injiziert. Ferner Serum oder ganzes
Blut von Rekonvaleszenten, schliesslich wurden auch mehrfach (nach
ausgiebigem Aderlass) grössere Mengen Blut von Gesunden trans¬
fundiert, um eben einen Teil des keimhaltigen und schlechten Bluts
des Kranken durch keimfreies und besseres zu ersetzen.
Die Resultate waren wechselnd, manchmal durchaus ermutigend,
nie beweisend, häufig schlecht.
Fall 11. Giovanni B., 43 Jahr. — Am 7. 1. 19 wegen infizierter Wunde
an der Hand eingeliefert. — Zunächst normaler Verlauf.
21. I. Plötzlich Klagen über die linke Lendengegend, leichte Temperatur¬
steigerung, sonst objektiv zunächst nichts.
27. I. werden im Katheterurin mässig viel Leukozyten, einzelne Kokken,
Spuren von Albumen gefunden.
I. II. Plötzlich hohes Fieber. Im Katheterurin Staphylokokken. I m
Blut ebenfalls Staphylokokken. — Keine Resistenz oder be¬
sondere Klopfempfindlichkeit in der Lendengegend.
6. II. Elendes Aussehen. Temperatur zwischen 37 und 38. Puls nur
wenig beschleunigt. Mässige Schmerzhaftigkeit der 1. Lendengegend. Bak¬
teriologische Blutuntersuchung: Staphylokokken Es
werden 32 ccm zitrierten Bluts in die Armvene des Kranken ein-
gespritzt. 16 ccm stammen von einer Kranken, die sich in Rekonvales¬
zenz . nach, paranephritischem Abszess mit Staphylokokken befindet, 16 ccm
von in Heilung begriffenem Kranken mit Furunkulose.
II. II. Bluttransfusion wurde gut vertragen. Allgemeinbefinden leidlich,
doch elendes Aussehen. Inzwischen ist wiederum bakteriologische Blutunter¬
suchung gemacht worden ; wiederum Staphylokokken und zwar
nach der Bluttransfusion erheblich mehr Kolonien als vorher. Es werden
wiederum 20 ccm zitrierten normalen Menschenblutes in¬
jiziert.
12. II. Bakteriologische Blutuntersuchung: Sta¬
phylokokken weniger als sonst. Bluttransfusion wurde wieder gut
vertragen.
14. II. Allgemeinbefinden wenig verändert. Sensorium frei. Temperatur
um 39, Puls um 100. Intravenöse Infusion von 5proz. Natr.
carb. -Lösung, 1 Liter. Danach behauptet der Kranke, dass er sich viel
besser fühle. Auch weiterhin in den nächsten Tagen gutes Befinden. Tem¬
peratur zwischen 37 und 38.5, Puls zwischen 80 und 90.
16. II. Leukogen 25 Millionen Keime.
17. II. Intravenöse Infusion von 2 Liter 5proz. Natr.
carb.-Lösunr.
18. II. Bakteriologische Blutuntersuchung: keine
Keime.
19. II. Inzision eines Abszesses, der sich an der Brust gebildet hatte.
Die Schmerzhaftigkeit in der Lendengegend ist inzwischen ganz geschwunden,
eine Resistenz war niemals naohzuweisen.
20. II. Wieder Leukogen, 35 Millionen Keime.
23. II. Plötzlich Verschlimmerung, Schwächeanfall. Temperatur 39,
Puls 110.
24. II. Schlechtes Aussehen, blasse, graue Gesichtsfarbe. Husten und
Auswurf. Bakteriologische Blutuntersuchung: keine Keime. Einspritzung von
Leukogen, 75 Millionen Keime.
Intravenöse D a u e r - T r o p f i n f u s i o n von 1 Liter
5proz. Natr. carb. - Lösung.
25. II. Infusion wurde gut vertragen. Objektiv keine Aenderung.
Wiederum bakteriologische Blutuntersuchung: keine Keime. In den nächsten
Tagen geht die Temperatur auf 37 bis 37,8 herunter. Puls um 110.
1. III. Leukogen, 100 Millionen Keime.
3. III. Der Kranke wird zusehends elender. Leibschmerzen. Erguss im
Abdomen. Probepunktion in der I. Unterbauchgegend ergibt seröse Flüssig¬
keit, in der Keime nicht nachgewiesen werden.
7. III. Abdomen aufgetrieben, gespannt. Schmerzen in der 1. Brust¬
seite. Durch Pleurapunktion wurde dünnflüssiger Eiter entleert, 'in dem
Staphylokokken nachgewiesen werden.
Operation: 1. Eröffnung des Abdomens. Entleerung von reichlich viel
leichtgetrübter seröser Flüssigkeit, in der Staphylokokken nachgewiesen
werden. Gründliche Ausspülung der Bauchhöhle. 2. Resektion der 10. Rippe.
Entleerung von trübseröser Flüssigkeit, in der ebenfalls Staphylokokken nach¬
gewiesen werden.
10. III. Operation wurde gut überstanden. Zunächst fühlte sich der
Kranke sehr erleichtert. Puls ging aber auf 140, klein. Der Kranke heute
sehr elend. Einspritzung von O p s o n o g c n, 250 Millionen Keime.
Es trat dann viel Husten auf. Der Kranke wurde immer elender.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1198
Nr. 3i
14. III. Exitus.
Die Obduktion ergab u. a. in der 1. Niere in Heilung begriffenen kleinen
Abszess, ferner einen grossen Abszes in der Milz.
Die folgende Krankengeschichte zeigt u. a. Versuche durch
grössere Mengen intravenös infundierter Vuzinlösung keimabschwä-
chend zu wirken. Dass Vuzin auch von schwachen Kranken in
Mengen von % — 1 Liter 1 prom. Lösung bei tropfenweiser intra¬
venöser Zufuhr vertragen wird, hatten mir Versuche an hoffnungs¬
losen Krebskranken bewiesen.
Die Desinfektion des Blutes wurde auch teilweise
ausserhalb des Körpers (cf. Krankengeschichte) versucht.
Ferner wandte ich in diesem und einigen anderen Fällen den
A e t h e r, der mir inj Reagenzglasversuchen eine mindestens ebenso gute
Keimtötung zeigte wie Eucupin und Vuzin intravenös an und zwar
benutzte ich den Narkosenäther Schering in derselben Weise wie
zur intravenösen Narkose, nur langsamere Zufuhr. Er wirkt zugleich
exzitierend und vielleicht leukozytoseanregend.
Fall 12. Hildegard K., 22 Jahr. 7. VIII. 20 wird, ohne dass eine inner¬
liche Untersuchung vorgenommen ist, im Krankenhaus in Steisslage eine
35 cm lange tote Frucht geboren. Auch später wurde digitale Untersuchung
nicht vorgenommen. 2 Tage nach der Entbindung am 9. VIII. steigt die
Temperatur auf 38,8, Puls auf 92.
10. VIII. Temperatur 39,5. Puls 120. Uebelriechender Ausfluss, schlechtes
Allgemeinbefinden. Bakteriologische Blutuntersuchung, die
sich auch auf anaerobe Keime erstreckt: negativ.
11. VIII. Befinden unverändert. Schüttelfrost. Danach bakteriologische
Blutuntersuchung: keine Keime.
12. VIII. Viel Kopfschmerzen. Uebelriechender Ausfluss. Abdomen ein
wenig aufgetrieben. Mittags 10 Minuten lang dauernder Schüttelfrost, danach
bakteriologische Blutuntersuchung: negativ.
13. VIII. Befinden unverändert. Puls steigt bis 140. Schüttelfros't.
Bakteriologische Blutuntersuchung: Staphylokokken.
Es werden 20 ccm Blut aus der Armvene der Schwester der Kranken
(mit Zusatz von Natr. citr.) infundiert.
14. VIII. Keine Veränderung. Bakteriologische Blutunter¬
suchung ergibt wiederum Staphylokokken. Es werden 20 ccm
lprom. Vuzinlösung intravenös infundiert.
15. VIII. Keine wesentliche Aenderung. Abdomen nicht empfindlich.
Kein Herzgeräusch.
16. VIII. Bakteriologische Blutuntersuchung: Sta¬
phylokokken. Befinden eher schlechter. Sensorium benommen. Zyanose.
Es werden 500 ccm Blut durch Aderlass von der Kranken
entnommen, in sterilem Qefäss aufgefangen und defibriniert, 500 ccm
lprom. Vuzinlösung werden dem defibriniert en Blute
zugesetzt, dann Blut und Vuzinlösung durch intra¬
venöse Tropfinfusion unter Sauerstoffzuleitung (cf.
meine Arbeit Zbl. f. Chir. 1921 Nr. 4) wieder zu geführt; wird gut
vertragen. Abends fühlt sich die Kranke subjektiv besser, ist auch klarer.
17. VIII. Am Tage war das Befinden entschieden besser, abends wieder
Unruhe, aber nicht benommen. Bakteriologische Blutunter¬
suchung ergibt viel weniger Staphylokokken als
sonst. Es werden 10 ccm Blut aus der Vene der Kranken
unter die Haut des Oberschenkels gespritzt.
18. VIII. Sensorium klarer. Es wird 1 Liter physiologischer
NaCI-Lösung + 50 ccm Narkosenäther durch die intra¬
venöse Tropfinfusion zugeführt; wurde gut vertragen.
19. VIII. Wiederum bakteriologische Blutuntersuchung:
Staphylokokken. Schüttelfrost. Am Oberschenkel, wo das Blut ein¬
gespritzt ist, bisher keine Schmerzhaftigkeit. An derselben Stelle wird eine
Injektion von 1 ccm Terpentinöl gemacht.
20. VIII. Keine wesentliche Aenderung. An der Terpentin-Einspritzungs¬
stelle etwas Schmerz, keine Entzündungserscheinungen. Keine Leukozyten¬
vermehrung.
24. VIII. Befinden wenig verändert. Seit gestern rechtsseitige Lungen¬
entzündung, ungenügende Expektoration. Bakteriologische Blut¬
untersuch’ ung: zahlreiche Kolonien von Staphylo-
coccus albus. Nicht nennenswerte Vermehrung der Leukozyten.
29. VIII. In den letzten Tagen immer schlechtes Befinden. Puls bis zu
160, Temperatur zwischen 39 und 40. Pneumonie auf den r. Unterlappen be¬
schränkt. Bakteriologische Blutuntersuchung: zahl¬
reiche Staphylokokken. Es werden 20 ccm Blut aus der
Armvene einer Kranken, die sich in der Rekonvales¬
zenz einer puerperalen Staphylokokkenpyämie be¬
findet (cf. Krankengeschichte Nr. 14) transfundiert.
30. VIII. unter zunehmender Schwäche Exitus.
Schliesslich möchte ich noch erwähnen, dass Ich schon vor
längerer Zeit — da alle üblichen Mittel zur Vermehrung der Leuko¬
zyten unsicher waren — versuchte, auf die Quelle der Leukozyten
zu wirken.
Das Knochenmark, als Entstehungsort der Granulozyten, sollte
gereizt werden. Ich versuchte das mit Beklopfen der Schienbeine
und namentlich des Brustbeins. Vibrationsmassage und Röntgenreiz¬
dosen. Nennenswerter Erfolg trat nicht ein. Ich hatte dann in Aus¬
sicht genommen, eine stärkere Reizung durch Einspritzung von
Jodtinktur in di,'e Markhöhle der Tibia vorzunehmen, ein Ver¬
fahren, das ich schon vor 10 Jahren einigemale bei perniziöser
Anämie angewandt hatte. Es wäre auch an die Bier-Schramm-
sche Ausräumung des Marks zu denken. Ich konnte mich aber zu
diesem eingreifenden Verfahren noch nicht entschliessen *). Jeden¬
falls wird es durch neuere theoretische Anschauungen gut gestützt.
Cf. die Untersuchungen von E. F. M ü 1 1 e r. B u z e 1 1 o sagte von
ihnen auf dem Chirurgenkongress 1922: „Sie machen es sehr wahr¬
scheinlich, dass die pyogenen Keime vom Blut aus zunächst das Mark
*) Anmerkung bei der Korrektur: Inzwischen ist das Verfahren einmal
ohne eklatanten Erfolg ausgeführt worden.
der Wirbelkörper befallen. Damit wird ein wichtiger Teil des leukc
poetischen Systems geschädigt und zugleich der andere Teil, nämlic
das Mark der Röhrenknochen zu erhöhter Anstrengung veranlasst.
Es wäre also wohl denkbar, dass wir durch Reizmittel diese für d
Ausheilung zweckmässige „erhöhte Anstrengung“ des Knochenmarl"
förderten.
Ich könnte den angeführten Krankengeschichten mit Leichtigkel
eine ganze Reihe anderer aus meiner Sammlung hinzufügen, at .
denen hervorgeht, wie nach Anwendung aller möglicher Mittel auc|
Heilung eingetreten ist. Es handelte sich aber stets um nicl|
schwerste Erkrankungen, zu denen es genug Parallelfälle gab, dil
ohne Therapie heilten, dadurch verliert die Beweiskraft fij
die Heilung durch die Mittel natürlich ausserordentlich.
Zwei hierhergehörige Krankengeschichten (ausser dem Fall I
möchte ich zum Schlüsse noch kurz anführen.
Fall 13. Maria H„ 31 Jahr. Die Kranke befand sich etwa in de
7. Woche der Gravidität, als sie am 15. X. 20 plötzlich Schüttelfrost un
Fieber bekam zugleich mit blutigem, übelriechendem Ausfluss aus der Scheidt
Als Ursache dafür gab die Kranke nur Tragen einer schweren Last an. Di
Schüttelfröste wiederholten sich, das Befinden verschlechterte sich.
25. X. 20. Aufnahme ins Krankenhaus. Status: Blass, Zunge feuch
Temperatur 39,7. Puls 90. Abdomen etwas aufgetrieben, nicht stark g<
spannt. Oberhalb der Leistenbänder etwas druckempfindlich; übelrichendc
Ausfluss aus der Scheide. Bakteriologische Blutunter
suchung: keine Keime.
26. X. Gynäkologische Untersuchung. Kurz zuvor geht ein zweimarl
stückgrosses Plazentastück ab. Zervix für den Finger durchgängig. Uteru
leer. Parametrien frei. — Behandlung konservativ. Zunächs
trat Besserung des Befindens und Fieberabfall ein.
30. X. Schvüttelfrost mit Temperatursteigerung bis 38,5. — Bak
teriologische Blutuntersuchung ergibt hämolytisch
Streptokokken. In den nächsten Tagen leidliches subjektives Befindet
Puls bleibt unter 100, Temperatur bis 39,5.
2. XI. Wiederum bakteriologische Blutuntersuchung
mässig viel hämolytische Streptokokken. Weiter leidliche
Allgemeinbefinden. Ausfluss nicht mehr so stark übelriechend. Temperatu
nicht über 38,6.
5. XI. Wiederum bakteriologische Blutunter
suchung: reichlich hämolytische Streptokokken.
8. XI. Weiter leidliches Allgemeinbefinden. Klares Sensorium. Ten
peratur 40 Bakteriologische Blutuntersuchung; keine Keime.
10. XI. Allgemeinbefinden unverändert. Kein Fieber. Puls 80. Bak
teriologische Blutuntersuchung: 78 Kolonien hämo
lytische Streptokokken auf der Platte. Die weiteren Blutuntei
suchungen waren sämtlich negativ. Es entwickelte sich noch ein Blaser
katarrh mit eitrigem Harn, in dem viel Bact. coli nachgewiesen wurdt
Allmählich Besserung.
11. XII. 20. Geheilt entlassen.
Also hier zwei prognostisch ungünstige Momente: puer
p e r a 1 e Erkrankung, mehrfacher Keimnachweis, ein gür
stiges : leidliches Allgemeinbefinden. In derartige
Fällen verzichte ich jetzt nach vielfältigen Erfahrungen mit bester
Gewissen auf jede Therapie, sorge nur für Ruhe und allgemein
Kräftigung. Morphium erscheint mir übrigens oft besser als Digitali:
namentlich bei Thrombose mit Pyämie.
Interessanter erscheint mir schliesslich noch der letzte Fall.
Fall 14. Selma M., 36 Jahr. Am 14. VII. 20 Zwillingsgeburt. Nac
Geburt des 2. Kindes starke Blutung. Der hinzugezogene Arzt nimmt ein
manuelle Ausräumung der Plazenta vor. 5 Tage darauf Fieber, das auch i
den nächsten Tagen anhielt.
19. VII. 20. Aufnahme ins Krankenhaus. Status: Elender Kräfte- um
Ernährungszustand, blass, Zunge stark belegt, aber feucht. Temperatur 38, f
Puls 138, mittelkräftig. Abdomen etwas gespannt, geringe Druckempfindlich
keit. Aus der Scheide stark übelriechender Ausfluss. Behandlung: Eisblase
völlige Ruhe, keine gynäkologische Untersuchung^
21. VII. Temperatur 40,7. Puls leidlich kräftig, um 140. Bakterio
logische Blutuntersuchung: keine Kei me.
23. VII. Schüttelfrost. Temperatur 40,9. Puls um 120. In den nächstei
Tagen Befinden leidlich. Temperatur erreicht nur noch 40,1. Puls 130. Zeit
weise stärkere Remissionen.
27. VII. Gynäkologische Untersuchung ergibt: Fundus Uteri etwa hand
breit oberhaiD der Symphyse. Parametrien frei. Muttermund für Spül
katheter gut durchgängig. Uterus wird mit 50 proz. Alkohol ausgespült, dabe
entleert sich etwa 1 Esslöffel dicken, fetzigen Eiters. Danach bakterio
logische Blut Untersuchung: keine Keime.
31. VII. In den letzten Tagen leidliches Befinden. Heute Schüttei 1
frost. Temperatur danach 41,7. Puls 130.
1. VIII. Heute 2 mal Schüttelfrost, danach Temperatur 41,8»
Puls 160. Bakteriologische Blutuntersuchung: keine Keime.
Auch am 2. und 5. VIII. traten Schüttelfröste auf mit hohem Fieber und
Puls bis zu 160. ■ — Die Kranke wird elender. Es treten Durchfälle cid
biszu 18 Stühlen in 24 Stunden. Die Kranke ist zuweilen unklar)
ln der Nacht vom 9. zum 10. VIII. wiederum Schüttelfrost, darauf T e m
peratur von 41,5. Puls 180. Bakteriologische Blutuntersuchung an:
nächsten Tage ergibt wenig Staphylokokken, auf der Kontrollplattü
keine Keime.
13. VIII. Elendes Aussehen. Leib, namentlich über dem linken Leisten.!
bande. druckempfindlich. Wiederum heftiger Schüttelfrost mi1
39,6 Temperatur und 180 Puls.
15. VIII. Befinden wenig verändert, elend, nachts öfters unklar
Bakteriologische Blutuntersuchung: negativ.
Am 16. VIII. wird ein kleiner parametritischer Abszess links er
öffnet. 1 Esslöffel Eiter mit Staphylokokken.
18. VIII. geht die Temperatur noch einmal auf 40,6, am 21. auf 39,7, nocl
einmal trat Schüttelfrost auf, dann vom 22. VIII. an Temperatur normal. Puh
aber noch 140. — Durchfälle lassen nach. Allmähliche Besserung. — Heilung
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
2D September 1923.
Fs kam also eine puerperale Sepsis mit den schwersten
klinischen Erscheinungen (wochenlang schlechtes Befin¬
den, zeitweise Benommenheit, Puls bis 180, Fieber
3 i S 41,8 ( !), vielfach Schüttelfröste, Durchfälle) ohne
, p e z i e 1 1 e S e p s i s b e h a n d 1 u n g (es wurde nur bei allzu hohem
-icber hin und wieder etwas Chinin gegeben und Narkotika bei Un-
uhe) zur Heilung. Aber auch in diesem schweren Falle war
loch das eine günstige Moment, dass nur ein einziges Mal Keime im
trömenden Blut gefunden wurden (und dass es zu Abszessbildung
tarn). Hätte die Frau Collargol, Dispargen, Trypaflavin oder sonst
•in „Sepsismittel“ bekommen, wie hätte man dieses gepriesen, das
inen so schweren Fall zur Heilung brachte.
Ich würde an die Wirkung eines Sepsismittels glauben, bei dessen
\nwendung mehrmals Fälle puerperaler Sepsis mit schweren
ilinischen Erscheinungen (vor allem Benommenheit,
lohes Fieber, sehr schneller Puls) und mit oft wiederholtem
(eimnachweis im Blut ausheilten. Solche Fälle sind unter
neinen spontan geheilten nicht, alle anderen Kombinationen sind
ertreten. Das heisst, ich sah Sepsiskranke ohne Therapie ausheilen:
. wenn schwere klinische Erscheinungen und langandauernder Keim¬
rehalt des Blutes vorhanden war, aber die Sepsis keine puerperale
var (z. B. Fall 7). 2. Wenn es eine puerperale war mit stetem
ieimbefund aber ohne schwere Allgemeinerscheinungen (z. B.
'all 13). 3. Wenn bei puerperaler Sepsis schwere Allgemeinerkran-
.ung bestand, aber der Keimnachweis nicht oder nur ganz vereinzelt
;elang (z. B. Fall 14).
Es wird einem schwer, eine Veröffentlichung abzuschliessen, in
'er eigentlich nur über Negatives berichtet wurde. Aber der an-
pruchslose Zweck dieser Arbeit soll nur der sein, vor kritikloser
vnpreisung von Heilmitteln zu warnen. Die Beurteilung, ob ein
Mittel hilft oder nicht, ist gerade “bei den septischen Krankheiten
usserordentlich schwierig. Ein einigermassen zuverlässiges Mittel
ibt es nach meiner Meinung noch nicht.
Wichtiger als die meisten beliebten Heilmittel sind für den
■epsiskranken häufig kräftige Ernährung, gute Pflege und vor allem
luhe, die oft durch Vielgeschäftigkeit in der Untersuchung und Be-
andlung gestört wird.
Je unbefriedigender und unzulänglicher aber unsere bisherige
herapie bei Sepsis ist, desto grösser wird Bedürfnis und Anreiz
ein, fortstrebend nach besseren Behandlungsarten zu suchen, um
ine der fürchterlichsten Krankheiten, die wir kennen, wirksamer
ekämpfen zu können.
Das Blutbild der Influenza in den Tropen.
on Prof. Dr. W. M. Hoffmann, Marine-Generaloberarzt a. D
Ich habe in den letzten Jahren in Habana bei einer grösseren
uizahl von Influenzafällen regelmässige Blutuntersuchungen aus-
eführt, die wohl eine kurze Mitteilung rechtfertigen, weil unter den
iesigen Witterungsverhältnissen die Grippe vielfach ein etwas
nderes Aussehen bietet als in den kühleren Gegenden, wo sehr häu-
g die schweren katarrhalischen Komplikationen das Krankheitsbild
nd die Erscheinungen beeinflussen und beherrschen. Natürlich ist
uch hier bei den grossen Epidemien von 1918 und 1919 die Ver-
esellschaftung mit den Erkältungskrankheiten vorgekommen. Aber
:h glaube, dass man hier häufiger als anderswo Gelegenheit hat die
eine Infektion mit dem Virus der Influenza allein zu beobachten, un-
eeinflusst durch die Mitwirkung anderer Krankheitserreger. Man
at in solchen Fällen den Eindruck, dass es sich um eine sehr
chwere, durch Giftstoffe den Körper schädigende Allgemeininfektion
mdelt, die am Anfang begleitet ist von hohem, plötzlich einsetzen-
;m Fieber, schwerem Krankheitsgefühl mit äusserster Abgeschlagen-
-■it. starker Rötung des Gesichts, unerträglichen Kopfschmerzen,
liederschmcrzen, grosser Schwäche, Störung der Herztätigkeit, init¬
iier auch Nierenreizung; katarrhalische Erscheinungen aber fei. len
inz. Schon nach 2 — 3 Tagen fällt gewöhnlich das Fieber ab, und
e schweren Erscheinungen gehen zurück; aber die völlige Genesung
mert doch gewöhnlich 1 — 2 Wochen.
Es handelt sich bei meinen Fällen hauptsächlich um Kranke, die
.•m hiesigen Infektionskrankenhaus Hospital Las Animas durch die
iesundheitsbehörden der Stadt oder des Hafens zur Absonderung
lerwiesen wurden. Wenn auch keine ätiologische Diagnose auf In-
lenza möglich ist, so sind doch alle Fälle aufs sorgfältigste und mit
len Hilfsmitteln der Klinik und des Laboratoriums bis zu ihrer völli-
■n Wiederherstellung beobachtet und untersucht und jedenfalls jede
idere Infektion, also besonders Typhus und Malaria sicher aus-
.■schlossen, so dass in den hier verarbeiteten Fällen die Diagnose
fluenza einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit für sich hat;
t war auch ein Zusammenhang mit kleinen Epidemieherden nach-
cisbar.
Ich habe bei meinen Fällen regelmässig tägliche Blutuntcr-
ichungen vorgenommen. Im ganzen verfüge ich über 55 Beobach¬
tern Wenn diese Zahl auch nicht sehr hoch ist, so besteht doch
ne so grosse Uebereinstimmung zwischen allen einzelnen Beobach-
ngen, dass ich glaube, dass sie ausreichend sind, um Schlüsse auf
ne gewisse Gesetzmässigkeit zu machen, die hier zutage tritt und
e sich in Zukunft für die Diagnose zweckmässig verwerten lässt.
Die von mir gemachten Beobachtungen sind die folgenden:
Am 1. und 2. Krankheitstage besteht eine ausgesprochene Leuko- 1
! Nr. 33 .
penie mit 4 — 6000 weissen Zellen. Regelmässig — in allen meinen
Fällen — werden zu dieser Zeit eosinophile Zellen vermisst. Das
Verhältnis zwischen vielkernigen Zellen und Lymphozyten ist an¬
nähernd normal. Die Polynukleären zeigen eine Kernverschiebung
nach links, das heisst der Arnethindex ist hoch infolge Vermehrung
der jugendlichen Zellformen. Die Leukopenie bleibt für den ganzen
weiteren Krankheitsverlauf eigentümlich.
Am 3. bis 4. läge, mit dem Abfall des Fiebers und dem Einsetzen
der Genesung, stellt sich ein ausgesprochener Wechsel in der Blut¬
zusammensetzung ein. Die Leukopenie tritt noch scharf hervor mit
Gesamtwerten von 3 — 4000 Zellen. Es treten jetzt vereinzelte Eosino¬
phile auf. Die Lymphozyten und grossen Mononukleären sind ein
wenig vermehrt auf Kosten der Vielkcrnigen.
Zwischen dem 5. bis 7. I age besteht noch weiter die Leukopenie.
Die Eosinophilen zeigen jetzt eine starke Zunahme, durchschnittlich
auf 4 Proz., oft auf 8 — 9 Proz.; wohl ein Ausdruck der kräftigen und
erfolgreichen, mit der Genesung einsetzenden Abwehrtätigkeit des
Körpers. Die Zahl der jugendlichen Zellen nimmt ab, und damit sinkt
der Arnethindex unter die Norm. Lymphozyten und grosse Mono¬
nukleäre sind jetzt stark vermehrt und machen 50 Proz. der weissen
Zellen aus.
Vom 8. bis 10. läge ab nähert sich die Blutzusammensetzung
mehr der Norm, aber man erkennt immer noch — und bei langsamer
Genesung sogar noch in der Zeit zwischen dem 10. bis 15. Tage —
sehr deutlich die Leukopenie, Eosinophilie, relative Lymphozytose
und Herabsetzung des Arnethindex.
Die Zahl der roten Blutkörperchen und der Hämoglobingehalt
werden durch die Krankheit nicht wesentlich beeinflusst; vielleicht
um 10—20 Proz. vermindert. Degenerationserscheinungen an den
Zellen treten nicht auf.
Die Veränderungen des Blutbildes bei unkomplizierter Grippe
sind also so eigentümlich, dass sie in zweifelhaften Fällen für die
Diagnose der Influenza Bedeutung haben können; um so mehr,
da ja sichere bakteriologische und serologische Verfahren noch fehlen.
Es ist das besonders wichtig, um in den ersten Krankheitstagen
schnell und zuverlässig eine Differentialdiagnose gegenüber ähnlichen
Krankheitsbildern zu machen, wobei zunächst insbesondere Typhus
und Malaria am meisten in Betracht kommen. Aber bei der Schwere
der Krankheitserscheinungen gerade im Beginn ist in den tropischen
Gegenden, vor allem im Quarantänedienst, auch an Pest und Pocken,
Gelbfieber, Fleckfieber und Rückfallfieber, Weil sehe Krankheit,
Dengue und andere Seuchen zu denken, die alle bei ihren durchaus
abweichenden Blutbildern leicht ausgeschlossen werden können, so
dass wir in die Lage versetzt werden, schnell ein abschliessendes
Urteil zu geben und damit die Beobachtungs- und Absperrungszeit
abzukürzen.
Vielleicht kann das Blutbild der Grippe, wie wir es für unkompli¬
zierte Fälle hier beschrieben haben, auch benutzt werden, um zur
weiteren Klärung der Aetiologie der Grippe beizutragen, ebenso wie
auch der Epidemiologie. Solange wir kein anderes Verfahren zur
Diagnose haben, ist es auf diese Weise vielleicht möglich, jene Fälle
mit grösserer Sicherheit zu erkennen, die sporadisch zwischen den
grossen Epidemien auftreten und möglicherweise das Virus von Epi¬
demie zu Epidemie aufrechterhalten.
Zusammenfassung.
Das Blutbild bei unkomplizierter Influenza zeigt vom ersten Tage
ab eigentümliche Veränderungen, die sich mindestens 2 Wochen lang
verfolgen lassen.
Während der ganzen Krankheit besteht ausgesprochene Leuko¬
penie.
Am Anfang fehlen eosinophile Zellen ganz. Mit der Genesung
stellen sie ‘sich ein und sind bald lebhaft vermehrt. Während der
Genesung besteht auch eine relative Lymphozytose erheblichen Gra¬
des. Der Arnethindex, anfangs erhöht, sinkt später unter die Norm.
Rote Blutzellen und Hämoglobin werden nicht nennenswert ver¬
ändert.
Die Biutveränderungen haben praktische Bedeutung für Diagnose
und Differentialdiagnose.
Aus der Zahnärztlichen Klinik der Allgemeinen Ortskranken¬
kasse in Frankfurt a. M. (Chefarzt: Dr. W. Schminck.)
Zahnersatz bei Epileptikern.
Von Dr. Hans JoachimTholuck, Direktor der Städtischen
Schulzahnklinik in Frankfurt a M.
Die Tatsache, dass Epilepsie bei bestehender Anlage durch
Krankheiten und Störungen im Bereiche der Zähne ausgelöst werden
kann, ist aus einer Reihe von Veröffentlichungen in zahnärztlichen
Zeitschriften bekannt geworden. Namentlich der Reiz, den der Durch¬
bruch der Milchzähne und der Zahnwechsel auf die peripheren
Nerven ausübt, vermag häufig reflektorisch die ersten Krampfanfälle
hervorzurufen (Fr icke, Hering). Ebenso kommt es gelegentlich
durch die Schmerzen, die die Zahnkaries im Gefolge hat, und durch
die nicht immer ausschaltbaren Unannehmlichkeiten der Behandlung
zur Auslösung epileptischer Anfälle (Ritter). Besonders oft ist
das Auftreten von Epilepsie nach dem Zahnziehen beobachtet
worden. Witzei sah zweimal Anfälle, die durch die etwas
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
120Ö
schmerzhafte Vorbereitung einer Zahnhöhle für die Füllung erzeugt I
wurden, ln zwei von L e h f e 1 d und Schwartzkopff mit¬
geteilten Fällen löste die Füllung selbst Krampfanfälle aus. Ich sah
bei einem jungen Menschen in den Entwicklungsjahren Epilepsie in
dem Augenblick auftreten, als ich ihm die Hohlnadel zur Einleitung
der örtlichen Betäubung in die Schleimhäute des harten Gaumens
eingestochen hatte. Ein zweites Mal beobachtete ich während meiner
Tätigkeit am Zahnärztlichen Institut der Landesversicherungsanstalt
Berlin einen Krampfanfall unmittelbar nach dem Nehmen eines Gips¬
abdruckes. Mein damaliger Chef, Prof. Dr. Ritter, der gerade
dazu kam, sagte uns bei Besprechung des Ereignisses aus seiner
reichen Erfahrung heraus, dass unter Umständen auch Zahnersatz
zur Auslösung von Epilepsie führen kann. In der Tat findet sich in
der Fachpresse ein derartiger, von G e r r a t h mitgeteilter Fall ver¬
zeichnet.
Mein Berliner Erlebnis kam mir in Erinnerung, als ich vor
2 Jahren durch den Reiz, den ein neues und daher noch ungewohntes
Zahnersatzstück auf seine Trägerin ausübte, wieder die Auslösung
eines epileptischen Anfalls feststellen konnte.
Es handelte sich um ein 20 jähriges, nicht besonders kräftiges Mädchen,
das die Zahnärztliche Klinik der Allgemeinen Ortskrankenkasse in
Frankfurt a. M., deren zweiter Direktor ich damals war, wegen des
Verlustes von 6 Zähnen im Oberkiefer aufgesucht und eine Kautschuk¬
platte mit 6 künstlichen Zähnen erhalten hatte. Die Vorarbeiten zur
Anfertigung der Platte, das Abdrucknehmen, Bestimmen des Bisses und
Einpassen, waren ohne jeden Zwischenfall erledigt worden. Am Tage
nach der Ablieferung kam das Mädchen mit dem völlig zerbissenen Ersatz¬
stück, das an 2 Stellen im Kautschuk deutliche Zahneindrücke aufwies, in
die Sprechstunde und gab an, dass sie in der Nacht zum erstenmal in ihrem
Leben einen Krampfanfall erlitten und dabei die Platte, die sie trotz ausdrück¬
licher Weisung während des Schlafs im Munde behalten hatte, derart zer¬
bissen habe. Eine frische Verletzung der Zunge und mehrere leichte Blut¬
ergüsse in die Augenbindehäute liesstn keinen Zweifel an der epileptischen
Natur des Anfalls aufkommen. Die starke Zerstörung der Platte zeigte aber
gleichzeitig die üefahr, in die sich das Mädchen durch seine Unfolgsamkeit
gebracht hatte, die Möglichkeit nämlich, dass Teile des Ersatzstücks während
der Bewusstlosigkeit in die Luft- und Speisewege gelangten.
Auf die Folgen, die dadurch hätten eintreten können, brauche ich
nur kurz hinzuweisen. Das Eindringen grösserer Fremdkörper in
den Kehlkopf verhindert die enge Stimmritze. Die zahlreichen
kleinen zackigen Bruckstückchen konnten dagegen leicht durch den
Kehlkopf in die Luftröhre kommen und sich an der Teilungsstelle,
in einem Bronchus oder in der Lunge festsetzen. Der Fremdkörper¬
reiz und der Gehalt an Keimen, die sich im Belag jeder getragenen
Platte zahlreich finden, musste dann zur Entzündung der betroffenen
Teile führen, also zur Bronchitis, Pneumonie oder zum Pleuraempyem
oder Lungenabszess. Weniger gefahrvoll wäre das Verschlucken
von Bruchstücken gewesen, da sie erfahrungsgemäss die Verdauungs¬
gänge meist glatt durchwandern und ihren Träger wieder auf natür¬
lichem Wege verlassen. Doch konnten sich auch hier Teile gerade
wegen ihrer Zacken und Spitzen in der Speiseröhre oder am Magen-
inunde verfangen und Schleimhautverletzungen und Infektion hervor-
rufen, bei der der tödliche Ausgang nicht allzu selten ist. Ferner
muss an die Möglichkeit von Darmdurchbohrungen oder von Blind¬
darmentzündung gedacht werden, wenn ein Bruchstück im Wurm¬
fortsatz liegen geblieben wäre. Kurz, die Folgen, die in meinem
Falle glücklicherweise nicht eingetreten sind, hätten recht unange¬
nehme sein können. Sie nach Kräften zu verhüten, ist unsere Pflicht.
Die Möglichkeit der ersten Auslösung der bis dahin noch nicht
erkannten Epilepsie durch Zahnersatz ist natürlich nicht zu ver¬
meiden. Ist das Leiden aber erst einmal erkannt, so ist, soweit
irgend angängig, von der Anfertigung herausnehmbarer Zahnersatz¬
stücke abzusehen und statt dessen die festsitzende und der Gefahr
des Bruches ungleich weniger ausgesetzte Brücke zu verwenden.
Ist dies aus technischen Gründen oder wegen schwerwiegender wirt¬
schaftlicher Bedenken nicht durchführbar, so sind möglichst umfang¬
reiche, beim Vorhandensein tragfähiger Zähne an diesen durch starke
Klammern befestigte Metallplatten zu wählen, die infolge ihrer
Grösse nicht verschluckt und infolge ihrer Festigkeit nicllt zerbissen
werden können. Hier ist namentlich der Krupp sehe rostfreie Stahl
gut am Platze, den ich in meinem Falle, bis heute mit Erfolg, ver¬
wendet habe. Da die Anfälle meistens des Nachts eintreten, sind
die Kranken ausdrücklich anzuweisen, ihre Zahnersatzstücke während
des Schlafens aus dem Munde zu nehmen, eine Forderung, die schon
aus hygienischen Gründen erhoben werden muss.
In diesem Zusammenhänge sei noch erwähnt, dass in der Zahn¬
ärztlichen Klinik der hiesigen Universität, wie mir Herr Prof. Loos
mitgeteilt hat, auch bei zahnersatzbedürftigen Hirnverletzten Metall¬
platten, meist aus rostfreiem Stahle, zur Anwendung kommen, da ja
hier die gleichen Bedenken wie bei Epileptikern vorliegen.
Quellennachweis.
F ricke: Aus der Praxis. D. Vierteljahrsschr. f. Zahnhlk. 1862 H. 2. —
Gerrath: Ein Fall von Epilepsie. The Dental Cosmos 1860 H. 12. —
Hering: Das Zahnen in seinen Beziehungen zu Krampfanfällen. D. Viertel¬
jahrsschr. f. Zahnhlk. 1867 H. 1. — Lehfeld: Zahnerkrankungen und ner¬
vöse Störungen: einige Fälle aus der Praxis. D. Zahnärztl. Wschr. 1908
H. 11. — Ritter: Dauerndes Aufhören epileptischer Krampfanfälle nach der
Behandlung eines kranken Mundes. D. Mschr. f. Zahnhlk. 1886 H. 7. —
Schwartzkopff: Kann Epilepsie die Folge einer Zahnerkrankung sein?
D. Mschr. f. Zahnhlk. 1885 H. 3. — Witzei: Nervenzufälle bei Zahnopera¬
tionen. D. Zahnärztl. Wschr. 1906 H. 15.
Nr. 38 1
Zur Endemie der Anchylostomiasis in den Siedlungs
gebieten deutscher Einwanderer in Südamerika.
Von Dr. med. et phil. Carl Jaeger, Bompland, Misiones
Die Anchylostomiasis (Uncinariosis), in Rio Grande auch „L a n
deskrankheit“ genannt, nimmt in Misiones, Corrientes, Chaco ,
Formosa sowie in Rio Grande do Sul und Paraguay ständig an Um
fang zu. besonders unter den Kolonisten der Urwaldgebiete.
Auffallende Blutarmut, allgemeine Mattigkeit, Schweissausbruclj
bei der geringsten Anstrengung, Arbeitsunlust, stete Schläfrigkeit
auch Darmkoliken und Blutdiarrhöen sind die Zeichen der Krankheit
Infolge fehlenden Blutfarbstoffes sehen die Kranken leichenblass aus
Oft sind ganze Familien befallen.
Die Behandlung besteht in Verabreichung von Oleum Cheno
podii mit Rizinusöl oder von Isotin Bayer, einem aromatische
Phenol, das als Pulver gerne genommen wird und Wurm und Eie.
rasch zur Ausscheidung bringt, ohne Nieren oder Magendarmkana
zu reizen. Bei Erwachsenen werden 3 mal täglich 2 g Isotin 5 Tagt
lang gegeben unmittelbar nach reichlicher Mahlzeit. Thymol wirt
hier wegen seiner giftigen Nebenwirkung auf Magen und Darm nich
mehr angewandt.
In dem für Deutsche als Einwanderungsgebiet besonders in Fragt
kommenden, sonst sehr gesunden Territorium Misiones fand eint
Aerztekommission unter den beobachteten Personen von 11 Sied
lungen 53 Proz. von dieser Krankheit Befallene, in der Gegend de
Lagunen von Corrientes sogar 80 Proz. Als Beweis der Intensitä
der Wurmkrankheit wurde die Ausscheidung von gegen 1000 Wür
mern bei einer mit Oleum Chenopodii behandelten Kranken kon
statiert.
ln Corrientes mussten über 50 Proz. der zum Militär aus
gehobenen Mannschaften als untauglich zurückgewiesen werden
So stark schwächt diese Endemie die nationale Wehrkraft.
Im brasilianischen Staate Rio Grande do Sul stehen den Wurm
kranken die von Rockefeller-Newyork eingerichteten Aerztestationei
zur Verfügung, in Argentinien liegt die Bekämpfung der Landeskrank
heit in Händen der Aerzte des bakteriologischen Staatsinstitute
(Vorstand: Dr. Alois Bach mann).
Die Würmer kommen in Blutkreislauf und Darm durch die Fuss
sohlen bei Barfussgehenden, bei auf allen Vieren kriechenden kleine)
Kindern auch durch die Handteller.
Als Prophylaxe kommt in Betracht stetes Tragen von guter
Schuhzeug, Verbot des Barfussgehens, sichere Abort- und Brunnen
anlagen, kurz allgemeine Gesundheitsfürsorge der äusserst primiti'
lebenden Siedler.-
Aus der Medizinischen Universitäisklinik Lindenburg-Köln.
(Direktor: Geh. Rat Moritz.)
Ein Fall von diffuser Meningealkarzinose mit Tumor¬
zellen im Liquor.
Von Dr. Gerhard Wüllenweber, Assistent der Klinik.;
Ueber das Krankheitsbild der diffusen Karzinose der weiche;
Hirn- und Rückenmarkshäute hat Pette auf der 11. Jahresversainm)
Iung der Gesellsch. deutsch. Nervenärzte berichtet. Nach Pette wäre
bis 1921 im ganzen 28 Fälle von pathologisch-anatomisch festgestellte;
Meningealkarzinose beschrieben. In 4 von diesen Fällen, denen el
aus dem Material der Nonne sehen Abteilung weitere zwei zufügei
konnte, hatten sich intra vitam Tumorzellen in der Lumbalflüssigkeij
gefunden. Zwei neue analoge Fälle, bei denen ebenfalls Tumorzellel
im Lumbalpunktat festgestellt wurden, sind kürzlich von A 1 s b e r
und von Peter mitgeteilt worden.
Wenn ich im folgenden diesen 8 bisher bekannten Fällen vo
Meningealkarzinose mit Tumorzellenbefund im Liquor einen wcitere:
zufügen kann, so ist das wohl auch ein Zeichen, dass das Krankheits.
bild der Meningealkarzinose — und der charakteristische Zellbefun'
im Liquor bei dieser Erkrankung — keine allzugrosse Seltenheit un
dass nur die Einstellung der ärztlichen Aufmerksmakeit diese!
Meningealaffektion gegenüber in den letzten Jahren eine ander
geworden ist.
Der 39 jährige Arbeiter H. St. wird am 6. IV. 23 in die Med. Klini
Lindenburg-Köln eingeliefert. Nach Angaben der Ehefrau und des Vaters waj
der Kranke von jeher starker Raucher und Alkoholiker. Von Infectio veneret
ist den Angehörigen nichts bekannt. Frau und 2 Kinder sind gesun:
Seit 1913 Magenbeschwerden; 1920 wurde St. (angeblich wegen eines Gr
schwüres am Magenausgang) operiert. Februar bis April 1922 wurde e:
wegen Tbc. pulm. clausa in der hiesigen Klinik behandelt (Krankenblatt !iev
vor); seitdem Hessen die früheren Beschwerden, die ihn ins Krankenhau
geführt hatten — Husten, Nachtschweisse, Appetitlosigkeit — , etwas nach
Im Laufe der letzten 3 Monate fühlte St. sich immer müde und abgespann1
klagte dabei zeitweise über Magenschmerzen. Wegen allgemeiner Mattigke
konnte er nicht mehr recht arbeiten. Seit etwa 10 Tagen klagte er über sei
heftige Kopfschmerzen. Seit dem 4. IV. 23 (vorgestern) redet er undeutlic
und wirr durcheinander, umspannt den Kopf mit beiden Händen, stöhnt dabe
Zeitweise ist seine Aufmerksamkeit zu fixieren. Aufnahmebefund am 6. IV. 2
nachmittags:
Der kräftige Kranke wirft sich unruhig im Bett hin und her. bohrt de
Kopf in die Kissen, brüllt unartikuliert vor sich hin. Jeder Versuch, intern i
21. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1201
untersuchen, scheitert an der Abwehr des Kranken. Vom Schwertfortsatz bis
zum Nabel zieht eine gerade, gut verheilte alte Operationsnarbe.
Befund am Nervensystem: Hochgradige Nackensteifigkeit, kein Kernig,
Andeutung von Kahnbauch. Patellarreflexe beiderseits schwach auslösbar,
Achillesreflex fehlt beiderseits, Babinski und Oppenheim &. Pupillen gleich-
weit, rund, beiderseits stark mydriatisch (der Kranke hat draussen „Spritzen"
bekommen), reagieren nicht auf Lichteinfall, Konvergenz nicht zu prüfen.
Augenhintergrund bei der Unruhe des Kranken nicht zu prüfen. Der Kranke
stösst bei seinen Bewegungen häufig mit dem Kopf gegen die Wand, so dass
man den Eindruck hat, dass er nicht recht sieht. Linksseitige Abduzens-
tarese. Rechter Fazialis in allen drei Aesten gelähmt. Die Sprache ist lallend,
verwaschen, dabei geben seine Worte zuweilen erkennbaren Sinn. Die
Lumbalpunktion war bei der heftigen Abwehr des Kranken erschwert,
lern Liquor Blut beigemengt. Druck stark erhöht (über 300 Wasser). Farbe
zunehmend sanguinolent, erste Tropfen klar. Phase I: Opaleszenz (Blut-
leiniengung ! !). WaR. im Liquor: negativ bei 1,0 (ausgewertet nach Haupt-
n a n n). Zellen: Ausser einigen Lymphozyten sieht man auffallend grosse,
unde Zellen mit wabigem, z. T. auch vakuolären Protoplasma und unregel¬
mässigem, meist etwas länglichen Kern. Der Kern liegt in manchen dieser
Zellen am Rande. Das Protoplasma ist im allgemeinen hell. Es wurden
■j60 derartige Zellen im Kubikmillimeter gezählt. Jede Zelle ist ca. 5 mal
>o gross wie ein Lymphozyt. Mastixreaktion: Schwache Flockung im 1. Glas.
B c f u n d am folgenden Tage (7. IV. 23): Die Patellarreflexe sind beider¬
seits nicht mehr auszulösen. Sonst derselbe Befund wie gestern. Unter zu-
lehmendem Kräfteverfall ändert sich der objektive Befund nicht, der Kranke
ässt unter sich gehen, ist sehr unruhig. Dekubitus!
10. IV. 23. Exitus letalis.
[ ■ Die am 11. IV. 23 im hiesigen Pathologischen Institut vorgenommene
I Sektion ergab: Szirrhöses Magenkarzinom mit Ulzeration; Peritoneal-
jinetastascn im Douglas, frische Peritonitis, Lungenödem. Die Hirnhäute
zeigen an der Konvexität und besonders an der Basis eine diffuse, leicht
nilchigc Trübung. Man erkennt einzelne kleinste, weisse Knötchen in der
Pia. Die mikroskopische Untersuchung der Hirnhäute (Privatdozent
llr. S i e g tn u n d) ergab an zwei zur Untersuchung entnommenen Stellen
iriuzipiell die gleichen Bilder für die Konvexität und Basis:
1 Das Maschenwerk der Arachnoidea ist mit dichten Zellmassen ausgefüllt,
die in grossen, rundlichen Gebilden ziemlich dicht gedrängt nebeneinander
| iegen. Sie bilden breite Mäntel um die Gefässe (Arterien und Venen), füllen
über auch sonst überall die Spalten der Arachnoidea aus. Vielfach sind die
Zellmassen weitgehend nekrotisch und fassen keine Kernfärbung mehr er¬
nennen. In Nähe der Gefässe ist jedoch ihre Struktur sehr gut erhalten. Sie
•rweisen sich auch hier als grosse, rundliche oder unregelmässig polygonale
Kellen mit auffallend wabigem, stellenweise grobvakuolären Protoplasma.
[Der Kern ist sehr unregelmässig, nur selten ganz rund, meist etwas in die
.änge gezogen oder leicht eingekerbt. Das Verhältnis zwischen Kerngrösse
und Protoplasmamasse ist ausserordentlich schwankend. Man findet auch
| Zellen mit zwei Kernen und grosse, chromatinreiche, riesenzellähnliche Ge¬
bilde. Die Zellen liegen mosaikartig nebeneinander, ohne eine besonders
Differenzierte Zwischensubstanz erkennen zu lassen. Sie folgen entlang den
iefässen den Hirnhäuten ein Stück weit zwischen die Hirnwindungen hinein,
ohne aber in die eigentliche Hirnsubstanz vorzudringen1).
Zusammenfassend ist zu bemerken: Ein 39 jähriger Mann, der
jror einem Jahre an Lungentuberkulose behandelt wurde und vor
j Jahren am Magen operiert worden ist (angeblich Ulcus, tatsächlich
rgibt die Autopsie ein Karzinom), erkrankt mit allmählich zunehmen-
leu Kopfschmerzen, Mattigkeit, wird langsam benommen, sehr un¬
ruhig. Im Krankenhaus zeigt er das Bild einer zerebrospinalen
\ffektion: Benommenheit, hochgradige Unruhe, schwache bzw.
ehlende Sehnenreflexe, dabei Nackensteifigkeit, Ausfall basaler Hirn¬
ierven. nicht sicher zu bewertende Mydriasis. Im Liquor finden sich
Grosse Zellen, die ebenso wie die später in den Meningen gefundenen
:harakterisiert sind durch helles, wabiges Protoplasma und einen
neist länglichen Kern.
Der vorliegende Fall zeigt die klinischen Symptome, die P e 1 1 e
ils charakteristisch für diffuse Meningealkarzinose bezeichnet hat:
Schweres zerebrales Krankheitsbild, meningeale Reizsymptome sowie
Ausfallserscheinungen seitens basaler Hirnnerven und spinaler Wur¬
zeln. Nach demselben Autor ist das konstanteste Symptom Areflexie.
Bemerkenswert ist demnach an unserem Fall, dass die Patellarsehnen-
S'eflexe am Tage der Krankenhausaufnahme noch auslösbar waren,
im dann allerdings zu erlöschen. Die Anamnese sprach für tuberka-
öse Meningitis. Diese Diagnose wurde uns im vorliegenden Falle
tber, noch bevor die Liquorzellen untersucht waren, zweifelhaft
lurch den Ausfall der Mastixreaktion2), die nicht den bei tuberkulöser
>zw. epidemischer Meningitis ziemlich konstanten Typ aufwies,
ondern schwache Flockung nur im ersten Glas zeigte.
Ueber die Bedeutung der Kolloidreaktion in solchen Fällen kann
(ein Zweifel sein; die sichere diagnostische Entscheidung kann aber
tur der Befund von Tumorzellen im Liquor bringen. Auffallend ist
in vorliegenden Fall St. die hohe Zahl von Tumorzellen im Liquor.
Meist werden von den Autoren keine bestimmten Zahlen genannt,
’ette fand einmal 280/3, während wir 660 Zellen zählten. Die hohe
-ellzahl im Liquor mag der Intensität und Extensität des ganzen Pr>
'esses in unserem Falle entsprechen, der ja auch das Peritoneum
befallen hatte.
Die Inkubationszeit — in den bisher berichteten Fällen beträgt sie
5 Tage bis iVz Monate — hält sich (mit 3 Monaten), in einer durch¬
schnittlichen Breite.
In anatomischer Beziehung ist hervorzuheben, dass auch im ver¬
legenden Falle der Prozess die Membrana limitans gliae nicht durch¬
*) Demonstriert in der Sitzung der Wiss.-Med. Ges. Köln am 27. VII. 1923.
2) Ich werde auf diesen Fall mit Bezug auf die Mastixreaktion an anderer
'teile ausführlicher zurückkommen.
bricht — es sind ja auch Fälle berichtet worden, in denen der maligne
Prozess auf das Parenchym selbst übergegriffen hatte.
Was die Hypothese von der Toxinwirkung anlangt, die das
Symptombild zustandebringen sollte, so glauben wir (mit Gas¬
si e r e r, F. H. Lewy, Pctte) eine solche Erklärung entbehren zu
können. Die weitgehende Vermauerung der subarachnoidalen und
der adventiellen Räume der Gefässe, die aus ihr folgende Hemmung
des Liquorzu- und -abflusses, daraus wieder resultierende Er¬
nährungsstörungen scheinen uns die Schwere des Krankheitsbildes
vollauf zu erklären.
Literaturverzeichnis:
Alsberg: D.m.W. 1923 Nr. 16. — Peter: Klin. Wschr. 1923
Nr. 19. — Pette: D. Zschr. f. Nervenhlk. 1923, Kongressbericht.
Reflektierende Röntgenplatten.
Von Dr. Pleikart Stumpf, München.
Der bedeutendste Fortschritt, den in letzter Zeit die Röntgen¬
photographische Technik gebracht hat, ist zweifellos der doppelt,
d. h. auf beiden Seiten mit Schicht überzogene Film. Man erreicht
dadurch dasselbe, wie wenn man zwei identische Photogramme auf-
einanderlegen würde, wie dies früher von Buky schon angegeben
wurde, hat aber nur ein Stück photographisch zu verarbeiten. Der¬
artige Filme, die in der Tat eine doppelt so starke Deckung erreichen,
sind in der ganzen Welt im Gebrauch; nur in unserem armen
Deutschland können sie sich nicht einführen, da sie zu teuer sind.
Eine neue einfache Lösung, mit der mindestens dasselbe, teils
sogar mehr erreicht wird, ist durch die Reflexplatte verwirk¬
licht. Auch bei dieser muss das Licht die Schicht zweimal passieren,
zwar nicht bei der Aufnahme, aber bei der Betrachtung. Die wesent¬
liche Eigenschaft der Reflexplatte ist, dass die Schicht auf eine zu¬
gleich weiss reflektierende und durchscheinende Unterlage gegossen
ist. In idealster Weise wird diese Unterlage durch ein bestimmtes
Opalglas erreicht, das auch die Eigenschaft hat, im Röntgenlicht zu
Iuminiszieren. Die Leuchtkraft des Glases ist zwar nicht so gross,
wie die eines Verstärkungsschirmes; doch wirkt das entstehende
Licht zweifellos unterstützend. Von besonderer Bedeutung ist, dass
das Leuchtbild kornfrei entsteht. Abgesehen von dieser Lichtver¬
mehrung entsteht jedoch die Hauptverstärkung bei der Betrachtung
des fertigen Bildes. Man kann die Opalglasplatte sowohl im auf¬
fallenden, wie im durchfallenden Licht, oder in einer Mischung von
beiden Lichtarten betrachten. Die auffallenden Lichtstrahlen müssen
die Schicht zuerst einmal passieren, bis sie zu der reflektierenden
Oberfläche des Glases gelangen. Dadurch wird die Oberfläche der
Opalglasplatte differenziert nach der Schwärzung der Schicht be¬
leuchtet. Dieses Bild auf der Oberfläche der Glasplatte dient nun
als Lichtquelle beim zweiten Durchgang durch die Schicht. Die
dichten Stellen der Schicht empfangen nur geschwächtes Reflexlicht,
die lichten Stellen dagegen fast ungeschwächtes Licht. Auf diese
Weise entsteht eine ganz gewaltige Verstärkung der Kontraste. Man
kann sich von diesem Effekt leicht an jeder beliebigen Röntgenplatte
überzeugen, wenn man sie auf eine weisse Unterlage legt. Je fester
man die Schicht aufpresst, desto deutlicher kommt der Effekt heraus.
Bei der Reflexplatte ist die Schicht aufgegossen; es ist also gar kein
Zwischenraum zwischen Schicht und Reflexfläche, und der Effekt
dementsprechend ein besonders guter. Nun ist aber die Opalglas¬
platte auch durchscheinend. Das auffallende Licht beleuchtet die
Schichtunterlage, wie oben besprochen, differenziert, das durch¬
fallende Licht beleuchtet sie gleichmässig. Stellen, die bei der Be¬
trachtung im auffallenden Licht zu dunkel sind, um noch Struktur¬
einzelheiten erkennen zu können, vermag man durch Rückwärts¬
beleuchtung aufzuhellen in der Weise, wie man es freilich viel um¬
ständlicher durch Abschwächen auf chemischem Wege erreichen
könnte. Bei den lichten Stellen macht diese Abschwächung der Kon¬
traste durch die gleichzeitige Rückwärtsbeleuchtung weit weniger
aus. Es hat dies seinen Grund in dem bekannten Weber-Fech-
n e r sehen Gesetz, das besagt, dass eine gleiche additive Zunahme
der Helligkeiten (wie es bei der Beleuchtung von rückwärts der Fall
ist) sich in der Helligkeitsauffassung bei verschiedenen Lichtintensi¬
täten ganz anders auswirkt. Bei dunklen Stellen ist die Auf¬
hellung sehr erheblich, bei an und für sich hellen da¬
gegen kaum merklich. Nimmt man ein Reflexplattenbild, lässt
Tageslicht darauf scheinen und entfernt und nähert es rückseits
gleichzeitig einer elektrischen Lampe, so lässt sich eine Modulation
der Helligkeitsabstufungen erzielen, die ganz erstaunlich ist und die
immer gestattet, gerade solche Kontraste zu wählen, die für die
Betrachtung einer bestimmten Einzelheit am vorteilhaftesten ist. Bei
photographischen Papieren, die ja ebenfalls das Reflexprinzip be¬
nützen, wirkt oft störend, dass die Strukturfeinheiten verschluckt
werden. Die Ursache dieser Erscheinung und die Tatsache der ge¬
ringeren Empfindlichkeit der Papieremulsionen liegt wohl in dem
unvermeidlichen Korn des Papiers, teils aber liegt es wohl daran,
dass der Reflexeffekt mitunter zu stark wirkt. Beim Papier haben
wir aber nicht wie bei der Reflexplatte die Möglichkeit des Betrach-
tens im durchfallenden Lichte; aus diesem Grunde sind die Papiere
der Platte und dem Film bedeutend unterlegen.
3*
1202
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Ziehen wir einen Vergleich der Reflexplatte mit den üblichen
Fabrikaten» so zeigt sich, dass zur Erzielung eines gleich guten Bildes
nur etwa ein Fünftel der für gewöhnliche Platten notwendigen Be¬
lichtungszeit erforderlich ist. Beim Vergleich ist vorausgesetzt, dass
die gewöhnliche Platte im durchfallenden, die Reflexplatte vor¬
wiegend im auffallenden Licht betrachtet wird. Verglichen mit
derselben Emulsion doppelt begossenen Films leistet die Reflexplattc
bei Aufnahmen ohne Verstärkungsschirm mindestens dasselbe; bei
Aufnahmen mit Verstärkungsschirm ist sie dem Film überlegen. Dies
ist ohne weiteres verständlich, wenn wir bedenken, dass beim Film
unter Anwendung zweier Verstärkungsschirme der zuerst von den
Strahlen getroffene Schirm sehr hell und der zweite infolge der
starken Röntgenlichtabsorption des ersten Schirmes — die Schirme
bestehen aus schwermetallhaltigen Salzen — sehr dunkel leuchtet.
Die zwei Bilder sind in ihrer Intensität ungleich, wie man am besten
bei der Entwicklung merkt und die Gesamtwirkung in der Durch¬
sicht ist nicht gleich dem doppelten Schwärzungseffekt, wie bei der
Verwendung ohne Verstärkungsschirm. Bei der Reflexplatte
brauchen wir nur einen Verstärkungsschirm. Der Schwärzungs¬
effekt ist in demselben Maasse bei der Betrachtung im auffallenden
Licht vervielfacht, ob wir jetzt ohne oder mit Verstärkungsschirm
aufgenommen haben; die Ueberlegenheit der Reflexplatte bei der
Verwendung des Verstärkungsschirmes ist daher ohne weiteres ver¬
ständlich. Ausser der reinen Reflexwirkung und der Verstärkung
durch die Unterlage kommt noch dazu, dass die Emulsion besonders
feinkörnig, weich arbeitend und für Röntgenstrahlen an und für sich
empfindlicher ist als die anderen Fabrikate. Theoretisch Hesse sich
darüber viel sagen.
Den Praktiker jedoch interessiert am meisten, dass diese neuen Plat¬
ten die Belichtungszeit erheblich abkürzen, dass also Apparat und
Röhren geschont werden und die meisten Aufnahmen, auch Lungenauf¬
nahmen, ohne Ueberlastung der Apparatur, ohne Verstärkungsschirm
aufgenommen werden können. Wenn ein Verstärkungsschirm ver¬
wendet wird, so braucht er bloss einen und kann damit die kürze¬
sten Momentaufnahmen fertigen. Bei der Betrachtung ist er nicht
an einen Betrachtungskasten gebunden; und — das darf man aber
nur ganz leise sagen — wenn er noch so sehr gepatzt hat, er kommt
nie in Verlegenheit; hat er zu kurz belichtet, zeigt er die Platte im
auffallenden Licht, ist die Belichtungszeit zu lang geraten, ver¬
wendet er das durchscheinende Licht.
Die Platten sind etwas teurer, wie die gewöhnlichen, erreichen
aber lange nicht den Preis der doppelt begossenen Filme; sie sind
von der Firma Elektromedizinische Werkstätte G.m.b.H., München,
Rottmannstrasse 14 zu beziehen.
Gibt es eine Reizwirkung der Röntgenstrahlen?
Zum Artikel des Herrn Dr. G. Holzknecht in Nr. 24, 1923 d. Wschr.
Von Prof. Dr. Leopold Freund (Wien).
Die Worte des Herrn Holzknecht: „Sie wissen, dass als
Erster L. F. in Wien eine Wirkung nach Röntgenbelichtungen be¬
schrieben und erklärt hat. . . . F. nahm an, dass die Wirkung, die er
an Haut und Haaren sah, eine Folge der elektrischen Luftentladungen
ausserhalb der Röhre sei. Er glaubte, dass die Röntgenstrahlen mit
der Sache gar nichts zu tun hätten“, sind geeignet, den Inhalt und
den Wert meiner erwähnten Publikation in einem falschen, der
historischen Wahrheit nicht entsprechenden Lichte erscheinen zu
lassen. Denn sowohl diese (W.in.W. 1897, 10 u. 19) als auch meine nach¬
folgenden Publikatonen (Compt. rend. 12. intern. Kongr. Moskau IV/2
S. 408 und W.m.W. 1898, 22 — 24) geben auf Grund zahlreicher Ex¬
perimente und Beobachtungen unzweideutig die Röntgen¬
strahlen als das wirksame Agens dieser Therapie an. Von der
Festigkeit dieser meiner Ueberzeugung geben meine in diesen Ab¬
handlungen enthaltenen Mitteilungen über die Schutzwirkung von
Bleiblech, über die Verwendung eines Aluminiumfilters zu thera¬
peutischen Zwecken, über die erste therapeutische Dosierung der
Röntgenstrahlen nach Fluoreszenzphänomenen, über verschiedene
Wirkungen harter und weicher Röntgenröhren, meine Erklärung der
Röntgenstrahlenwirkung aus der Störung eines elektrischen Gleich¬
gewichtes der Zellen durch Ionisation u. a. m. Zeugnis. Ich habe
diese meine Ueberzeugung in einer Debatte in der W. ehern, pliys.
Gesellschaft, in der ich die Unterstützung eines Ernst Mach fand,
gegen K. Boltzmann, vertreten (vgl. J. M. Eder im Feuill. d.
N. fr. Presse, Wien 6. I. 1922). — Holzknechts mir so oft schon
früher und jetzt neuerdings gemachter Vorwurf kann sich nur gegen
meine, erst 3 Jahre später, nachdem viele der wichtigsten Indika¬
tionen dieser Therapie bereits festgelegt waren, erschienene Experi¬
mentalarbeit „Die physiologischen Wirkungen der Polentladungen
hochgespannter Induktionsströme etc.“ (Sitzber. d. Ak. d. W. Wien,
Math.mat. Kl. 109 Abt. 3, Okt. 1900) wenden, in welcher ich, logisch
nicht ganz zutreffend aus an sich richtigen Beobachtungen irrtümliche,
auf die Röntgenwirkung Bezug habende Schlüsse gezogen habe, von
welchen ich übrigens bald nach R. Kienböcks und Scholz’
Beweisführung zu meiner ursprünglichen richtigen Ansicht zurück¬
gekehrt bin.
Nr. 38.
Für die Praxis.
Die Stellung der Qualitätsdiagnose bei der Lungen¬
tuberkulose und ihre Bedeutung für die Therapie.
Von Prot. A. Bacmeister-St. Blasien.
Einer anatomischen und klinischen Einteilung der Formen de
chronischen Lungentuberkulose stehen grosse Schwierigkeiten ent
gegen. Der oft jahrelange Verlauf der Krankheit bringt es mit siel
dass es sich bei ausgedehnten Prozessen gewöhnlich nicht um ein
einzige Form der Erkrankung handelt, sondern dass in bunten
Wechsel produktive und exsudative Formen, Verkäsungen, Ein
Schmelzungen und Narben nebeneinander bestehen oder eine Art de
Erkrankung in die andere übergeht. Die bisher gebräuchliche um
allgemein anerkannte T u r b a n - G e r h a r d t sehe Dreistadien
einteilung verzichtet infolgedessen auch völlig auf eine Qualitäts
diagnose und beschränkt sich auf eine quantitative Einschätzung de
physikalischen Augenblicksbefundes. Sie hat den grossen und un
bestreitbaren Vorzug, dass sie von einer übersichtlichen Einfachhei
ist und von jedem Arzt ohne besondere Fachkenntnisse und dia
gnostische Hilfsmethoden gestellt werden kann, dass sie sich fii
statistische Zusammenstellungen ausserordentlich bequem eignet
Ihr grosser und entscheidender Nachteil liegt aber darin, dass sh
eben über die anatomische Entwicklung und den klinischen Verlau
der Krankheit nichts aussagt, dass die mit ihrer Hilfe gewonnenei
Statistiken wertlos sind. Nicht die Ausdehnung der Krankheit
sondern ihr anatomischer Charakter und ihr klinischer Verlauf ent
scheiden über das Schicksal des Kranken, sie bestimmen di«
Prognose, sie müssen unser therapeutisches Handeln leiten.
Die Behandlung der chronischen Lungentuberkulose hat in der
letzten Jahren neue Bahnen eingeschlagen. Wenn auch di«
klimatisch-diätetische Kur die absolut notwendige Grundlage ge
blieben ist, die allein den durch keine anderen Massnahmen und keh
anderes Regime ersetzbaren Rahmen für eine erfolgreiche Kur
liefert, so haben wir doch eine grössere Reihe von Behandlungs
methoden neu gewonnen, die uns im Kampfe gegen die Tuberkulös«
von grossem Werte geworden sind. Zu der Tuberkulintherapie in al
ihren Formen und Modifikationen sind die Strahlcntherapie, di«
Pneumothoraxbehandlung, die chirurgische Therapie, die Protein
körperbehandlung, die Chemotherapie usw. getreten.
Ueber eines müssen wir uns aber bei der Be¬
handlung der Lungentuberkulose völlig klar sein
wir haben zurzeit kein einziges Mittel, das direk
den Tuberkelbazillus an greift; die Möglich k e i ;
eines therapeutischen Erfolges mit den uns zui
Verfügung stehenden Mitteln liegt nur in einer
Beförderung und Beschleunigung der Natur¬
heilung.
In einem Körper, in dem die Virulenz des eingedrungener
Tuberkelbazillus jedes Heilungsbestreben des Organismus über¬
windet, ist jede ärztliche Behandlung von vorneherein aussichtslos
nur dann, wenn der natürliche „Durchseuchungswiderstand“ des
Körpers den Kampf mit dem eingedrungenen Feind aufzunehmen die
Kraft hat, können wir diesen Kampf unterstützen und zum Siegt
führen. In dieser Erkenntnis liegt eine durch den Zwang der Dinge
gegebene Bescheidung unserer Hoffnungen und therapeutischen Mög¬
lichkeiten, cs geht aus ihr klar hervor, dass keine der oben er¬
wähnten Behandlungsmethoden eine souveräne Stellung einnehmen
kann, dass es unfruchtbar und schädlich ist, wenn man sich in ein
therapeutisches Schema einzwängt, wenn eine Behandlungsmethode
alles leisten soll. Die grundsätzliche Frage liegt nicht darin, ob man
1 uberkulinfreund oder Gegner ist, nicht ob man Bestrahlungen an¬
wenden darf oder sic grundsätzlich verwirft usw., sondern es ist
unsere Aufgabe, alle wirksamen Mittel heranzuziehen, welche die
allgemeine Widerstandskraft des Organismus stärken und lokal die
Vernarbung beschleunigen können.
Grundbedingung für unser therapeutisches Handeln ist daher eine
richtige Einschätzung der anatomischen Vorgänge in der Lunge. Es
würde viel zu weit führen, an dieser Stelle auf die verschiedenen
Entwicklungsformen der Tuberkulose vom Primäraffekt bis zur
chronischen Lungenphthise einzugehen. Wir wissen jetzt, dass sie
zusammenhängende oder sich beeinflussende Krankheitsbilder sind,
wir haben gelernt, dass Charakter und Entwicklung der anatomischen
Prozesse nicht nur von der Virulenz der Bazillen, sondern in erster
Linie von der Art und Stärke der allergischen Kräfte des Organis¬
mus, wie sie im Verlaufe der Krankheit entstehen, abhängig sind.
\\ ir beschränken uns hier auf die Qualitätsdiagnose der für die
Praxis wichtigsten Form der Volksseuche, der bronc bogen
entstandenen chronischen L u n g e n p h t h i s e der Er¬
wachsene n.
Auf den Angriff des Tuberkelbazillus antwortet der Körper stets
in zweierlei Weise, entweder mit einer produktiven Ent¬
zünd u n g, d. h. mit der Bildung eines tuberkulösen Granulations¬
gewebes, das sich bei Ueberwindung der Bazillen in Narbengewebc
umwandelt oder mit einer exsudativen Entzündung, wobei ein
zellarmes Exsudat ausgeschwitzt wird, welches die Tuberkelbazillen
in kleinerer oder grösserer Ausdehnung umgibt. Diese Exsudationen
können, ohne dass es zu grösseren Zerstörungen kommt, wieder
, 21. September 192,4.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1203
resorbiert werden — nach unseren heutigen Erfahrungen findet es
gar nicht so selten statt — , meist aber wird das ganze „pneumoni-
sclie Lungengebiet nekrotisch und verkäst. Klinisch sind daher die
produktiven Formen die gutartigeren, die exsudativen die bös¬
artigeren. Die produktive Tuberkulose kann vernarbend zur
zirrhotischen Tuberkulose, fortschreitend zu käsigen, event. irn
Zentrum zerfallenden Knoten, die von typischem Granulationsgewebe
umgeben sind, sich entwickeln, die exsudativ-käsige durch Fort¬
schreiten und Zerfall zur Verkäsung grösserer Gewebsteile und
Kavernenbildung führen, sie kann aber auch bei Stillstand der
Exsudation und Entwicklung eines Granulationsgewebes um die
primär verkästen Herde in die produktive und damit in die gutartige
rorm übergehen. Es ist das Verdienst von Albrecht-Fränkel
und besonders von A s c h o f f, diese Verhältnisse für die Lungen¬
tuberkulose klar herausgearbeitet zu haben. Wir haben auf dieser
Grundlage ein neues Einteilungsprinzip gewonnen, das die für
Pmgnose und 1 herapie nichtssagende G e r h a r d t - T u r b a n sehe
I Einteilung ersetzt und sich für den klinischen Gebrauch äusserst
nitzbar erwiesen hat. In dieser neuen Einteilung kommen die vor-
j i e r r s c h e n d e n anatomischen Veränderungen nach der Aschoff-
jiclicn Nomenklatur und der klinische Reaktionszustand, wie wir ihn
| annuliert haben und wie er für die Einschätzung des einzelnen
i i die. einzuschlagende Therapie notwendig ist, zum Aus-
: Iruck. \\ ir teilen die chronische bronchogen entstandene Lungen-
uberkulose demnach ein in:
progrediente zirrhotische 1 . .
stationäre nodöse / Produkt‘ve
zur Latenz neigende lobär pneumonische 1 ,
latente bronchopneumonische J cxsudatlve
L Wenn dann noch hinzugefügt wird, ob offene oder geschlossene
uberkulose vorlicgt, der Sitz der Krankheit und etwaige Kavernen-
] nldung angegeben wird (z. B. stationäre, offene nodöse Tuber¬
kulose im rechten Oberteil mit Kaverne und linker Spitze oder zur
j.atenz neigende geschlossene zirrhotische Tuberkulose im rechten
Ober- und Mittelteil etc.), so haben wir eine ausführliche Beschrei-
l'unK des Falles, die uns als Grundlage für die prognostische Ein-
chatzung und unser therapeutisches Handeln dienen kann.
den Praktiker ist die wichtigste Frage, wie
jst klinisch die Qualitätsdiagnose zu stellen,
Deiche praktischen Konsequenzen gehen aus der
Diagnose für die Therapie hervor, welchen Wert
iat sie bei den so häufigen Misch formen.
Am leichtesten ist die reine zirrhotische Tuberkulose zu dia-
j nostizieren.
| Alle Lungentuberkulosen, die jahrelang bestehen, zeigen mehr
jder weniger zirrhotischen Charakter. Bei der Inspektion fallen die
chrumpfungserscheinungen am Thorax, das Nachschleppen der
:ärker befallenen Seite auf. Verkürzungen des Klopfschalles und
ampfungen sind allen Formen der Lungentuberkulose eigentümlich
jas Atemgeräusch ist dagegen bei der zirrhotischen Tuberkulose
|\var \ erschärft, aber ohne bronchialen Beiklang. Der Stimmfremitus
Gegensatz zu den nodösen und exsudativen Formen abge-
L'hwacht, die Temperatur ist meist normal (stationärer Charakter)
Der zeigt ab und zu geringfügige Erhöhungen (langsam oft schub-
I eis pi ogredienter Charakter). Bezeichnend für narbige und
l.hrumpiende, zirrhotische 1 uberkulose sind die ziehenden, unbe-
limmten Schmerzen, die vor und bei Witterungswechsel, besonders
hr Schneefall, Gewitter und bei Föhn auftreten, die aber auch
e i rektaler Messung keine Temperaturerhöhung
ervor rufen. Der Auswurf ist nicht sehr reichlich, hat keinen
hr eitrigen Charakter (ausgenommen bei gleichzeitigen Bronchi-
Ictasien), enthält relativ wenig Tuberkelbazillen und nur selten
astische Fasern, dagegen sind kleinere Blutungen bei dieser Form
) cht seltftn. Im Röntgenbild sehen wir die bekannten allgemeinen
ier lokalen Schrumpfungserscheinungen, daneben meist scharf ab-
j 'setzte Schattenstreifen in den Lungenfeldern, die bandförmig oder
Lrastelt die erkrankten Lungenpartien durchziehen und oft von
"fm dichteren Herde ausgehen. Dazwischen liegen wieder die
einen, scharf abgesetzten knotigen Herde der nodösen Tuber-
Jilose, aus welcher sich die zirrhotische meist zu entwickeln pflegt
t sie aus einer ausgedehnteren und zusammenhängenden exsuda-
en hervorgegangen, was seltener vorkommt, so zeigt die Platte
r‘1r flächenhafte Herdschatten (bei normalen oder subfebrilen
mperaturen) und schrumpfende Partien. Kavernen sind bei der
; otigen I uberkulose stets von einem stark schattengebenden Rand
igeben, welcher der produktiven Granulations- und Bindegewebs-
ne* die diese Kavernen umgibt, entspricht.
| Neigt die zirrhotische Tuberkulose zur Progredienz, d. h.
jnreitet sic in das gesunde Lungengewebe in knotiger oder exsuda-
er Eorm fort, so kommt es darauf an, welcher Charakter das
Imsche Bild beherrscht. Eine nur langsam oder periodisch fort-
, 'reitende Tuberkulose, bei der im ganzen der gutartig vernarbende
larakter überwiegt, wird man als progrediente zirrhotische Tuber¬
lose bezeichnen und therapeutisch angehen. Steht der knotig
1 er exsudativ fortschreitende Charakter im Vordergründe, so ist
1:1 uberkulose prognostisch und therapeutisch als progrediente
lot'ge oder exsudative zu werten ohne Rücksicht darauf, dass sich
jen altere und grössere zirrhotische Partien in der Lunge finden.
Die klinische Unterscheidung der nodösen und exsuda-
tiven, besonders der bronchopncumonischen Form stösst auf
grossere Schwierigkeiten. Bei der reinen nodösen Tuber-
kulose sind gewöhnlich die oberen apikalen Teile der Lunge am
stärksten und ältesten erkrankt, diese zeigen daher die ausge¬
sprochensten physikalischen Veränderungen. Die Dämpfung nimmt
von oben nach unten ab, die älteren Prozesse in der Spitze zeigen
die schaifste, oft bronchiale Atmung, die nach unten in gemischtes
und weicheres Atmen übergeht, die Rasselgeräusche nehmen nach
unten zu an Qualität ab, d. h. sie verlieren gewöhnlich immer mehr
den klingenden Charakter. Bei ausgedehnteren exsudativen
pneumomsch-kasigen Prozessen pflegt dagegen meist ein grösserer
zusammenhängender Abschnitt sehr oft in den mittleren - ein I ieb-
hngssitz der käsigen Pneumonie ist die untere Hälfte des rechten
Oberlappens und unteren Partien der Lunge ziemlich gleichmässig
betroffen zu sein. Die reinen und typischen Fälle der nodösen und
exsudativen Lungentuberkulose sind nicht schwer zu trennen
atypisch verlaufende und kombinierte dagegen physikalisch oft nicht
zu unterscheiden. Die Bewertung des ganzen klinischen
Krankheitsb lldes bringt dann oft weiter. Schnelle Aus¬
bildung der Symptome, höheres stark schwankendes und hektisches
Fieber, kleiner schneller Puls, schneller Kräfteverfall, hochgradige
sekundäre Anämie mit wachsartig verfärbter Haut, blasses ge¬
dunsenes Aussehen oft ohne besondere Abzehrung, grünlicher Aus¬
wurf mit zahlreichen Tuberkelbazillen und elastischen Fasern noch
’m.. 7 l.yeo|arverband, positive Diazoreaktion gehören zum Krank-
heitsbild der exsudativen Tuberkulose, mittlere Temperaturen lang¬
same Entwicklung der Symptome, spärliche und mehr vereinzelt
liegende elastische Fasern sprechen für die nodöse Form. Wenn die
I emperaturen regelmässig und anhaltend über 38,5 irn Darm ge¬
messen maximal gehen, so ist mit grosser Sicherheit die Anwesen-
heit exsudativ-käsiger Herde anzunehmen. Bei ausgesprochenen
Fallen kann auch das Röntgenbild zur Differentialdiagnose heran¬
gezogen werden. Der nodöse Herd gibt auf der Platte eine runde
odei unregelmassig gestaltete, vielfach kleeblattförmige, stets gut be¬
grenzte Verschattung von mittlerer Dichtigkeit, während der lobulär-
exsudative und käsige Herd sich als eine verwaschene, an Dichtig¬
keit nach dem Rande zu abnehmende, keine scharfe Begrenzung
zeigende Schattenbildung darstellt. Alle Formen, die produktiven
und exsudativen, können progredient, stationär oder zur Latenz
neigend sein, und auch diese Feststellung des klinischen Reaktions¬
zustandes ist von grosser praktischer Bedeutung. Zeichen der pro¬
gredienten Tuberkulose sind vor allem Fieber und subfebrile Tem¬
peraturen, Abnahme, Nachtschweisse, fliegende Hitze, elastische
Fasern im Auswurf, Blutungen, Pleuritis etc. Stationär sind die
Formen, die bei manifestem Befunde sich im grossen und ganzen
nach der Anamnese und Beobachtung symptomatisch und im All-
gememzustand irn Gleichgewicht halten. Als zur Latenz neigend
bezeichnen wir die Fälle, bei denen die klinischen Erscheinungen
unter Hebung des Allgemeinbefindens zurückgehen.
Welche praktischen Folgerungen ergeben sich
nun aus dieser Qualitätsdiagnose der Lungen¬
tuberkulose für unsere Therapie?
Jede Tuberkulose heilt dadurch, dass aus dem spezifischen
üranulationsgewebe, das der Körper zur Bekämpfung des Bazillus
bildet, eine Narbe wird. In dem Werte dieses Granulationsgewebes
liegt also die Chance für die Heilung. Die Formen, bei denen es
nicht zu einer Bildung eines solchen Granulationsgewebes kommt,
bei den fortschreitend exsudativ-käsigen muss die
Ai?gn0Si? v?n Anfang an schlecht, unsere Therapie erfolglos sein.
(Wir sehen hier ab von den relativ seltenen exsudativen Fällen, bei
denen es zu einer Resorption des Exsudates vor eintretender Ge-
websnekrose und Verkäsung kommt.) Die Erfahrung hat gelehrt
dass bei diesen fortschreitend exsudativ-käsigen Herden jede Reiz¬
therapie, sowohl die spezifische — Tuberkulin in jeder Form — wie
die unspezifische — Bestrahlungen, Chemotherapie etc. — nur un¬
günstig, zerfallsbefördernd und zu neuer und schnellerer Exsudation
anregend wirkt. Unsere Aufgabe ist es hier, zu versuchen, durch
dlC, S^1TI?t-omatische BehandllinK und die Allgemeinkur mit Schonung
und Kräftigung und durch absolute Ruhe unter den besten All¬
gemeinbedingungen die Progredienz des Leidens aufzuhalten und die
Exsudation zum Stillstand zu bringen. Es gelingt nicht so selten, auf
diese Weise die weitere Bildung pneumonischer Herde zu ver¬
hindern, die alten zu beruhigen. Durch Entstehung eines produktiven
Gewebes um die pneumonischen Herde kann in durchaus nicht
seltenen Fällen die exsudative Tuberkulose sich in die gutartige,
prognostisch günstigere und der aktiven Therapie zugängliche pro¬
duktive umwandeln. Bei einseitiger exsudativer Tuberkulose kann
ferner die chirurgische Therapie, Pneumothorax, Phrenikotomie,
cxtrapleurale Plastik je nach Lage des Falles und Sitz der Erkran¬
kung den Umschwung in die vernarbende produktive Form einleiten.
Hat somit der Ansatz der Naturheilung begonnen, so ist auch die
Grundlage für unsere Reiztherapie gegeben, die — man muss es
immer wiederholen — nur die Naturheilung beschleunigen oder diese,
wenn sie unvollkommen bleibt, fördern und anregen kann. Klinisch
erkennt man den Uebergang der exsudativen in die produktive Form
m erster Linie am Verhalten der Temperatur, die allmählich sinkt,
von febrilen auf subfebrile Werte zurückgeht und endlich normal
wird. Kranke mit exsudativer Tuberkulose, die allmählich in pro-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
duktive übergeht, lässt man am besten bis zur völligen Entfieberung
fest im Bett liegen, wenn sich auch die Periode der subfebrilen Tem¬
peraturen lange hinzieht. Tuberkulinkuren vermeiden wir bei
solchen Kranken vollständig, da wir die Grosse des Reizes nicht
genügend in der Hand haben und neue Exsudationen bei zu starker
Reaktion zu befürchten sind. Sonnenbestrahlungen haben in dem¬
selben Sinne auch bei vorsichtiger Dosierung Gefahren, Röntgen¬
bestrahlungen nahmen wir nur vor, wenn wenigstens drei volle
Wochen Eieberfreiheit bestand, also die Entwicklung eines genügend
kräftigen, erfolgreichen üranulationsgewebes anzunehmen ist und
auch dann noch mit grösster Vorsicht, mit kleinsten Dosen und
langen Reaktionspausen (höchstens ein Eeld in der Woche) uns
langsam vorwärtstastend.
Bei der produktiven Tuberkulose hängt für unser
therapeutisches Handeln wieder alles von dem Werte des spezifischen
üranulationsgewebes ab, das allein die Narbe liefern kann. Ist die
Virulenz des Bazillus so stark, der Reaktionswiderstand des Organis¬
mus so schwach, dass der Bazillus siegt und das Gewebe verkäst,
so ist jede Reiztherapie wieder nur schädlich und gefährlich. Ist aus
dem Granulationsgewebe nichts herauszuholen, ist es bereits im Ab¬
sterben, so wird jeder Reiz diesen Prozess nur beschleunigen, daher
der Misserfolg der Tuberkulin- und Strahlentherapie bei falscher
Indikationsstellung. Hier ist es zunächst wieder die Aufgabe der
allgemeinen klimatisch-dätetischen Kur, die Progredienz des Leidens
aufzuhalten — auch die chirurgische Therapie kann durch Ruhig¬
stellung einer kranken Lunge in diesem Sinne wirken — und den
Körper zu befähigen, ein funktionstüchtiges Granulationsgewebe zu
bilden. Je grösser die Ansätze dazu werden, um so besser wird die
Prognose. Die nur noch langsam progredienten, die stationären und
zur Latenz neigenden Formen der produktiven Tuberkulose — der
nodösen und zirrhotischen — sind das Hauptgebiet unserer aktiven
Therapie, sie in dieses Stadium zu bringen, müssen wir mit allen Mitteln
der Allgemeinkur versuchen. Die beginnende oder unvollständige
Vernarbung können wir dann unterstützen und weitertreiben durch
direkte und indirekte Reiztherapie, in geeigneten einseitigen Fällen
durch chirurgische Massnahmen, die für die Behandlung der Lungen¬
tuberkulose immer grössere Bedeutung gewinnen. Jede Behand¬
lungsmethode hat ihre besonderen Indikationen, alle müssen sich
aber dem anatomischen und klinischen Charakter der Tuberkulose
anpassen; ohne diese Grundlage zu berücksichtigen, ist jedes thera¬
peutisches Handeln eine Arbeit im Dunkeln und die Gefahr einer
Schädigung in drohender Nähe. Für die Indikationsstellung und
Durchführung der Tuberkulintherapic habe ich unter Berücksichtigung
dieser Verhältnisse in dieser Wochenschrift ') bereits Richtlinien ge¬
geben. Eine Besprechung der Strahlentherapie und der chirur¬
gischen Behandlung der Lungentuberkulose wird folgen.
Zum Schlüsse noch ein kurzes Wort über die therapeuti¬
sche Einschätzung der Mischformen. Die allgemein
bekannte und von niemand bestrittene Tatsache, dass fast bei allen
ausgedehnten Prozessen alle Formen der Tuberkulose in einer Lunge
vereinigt sein können, hat vielfach zu einer Ablehnung der Qualitäts¬
diagnose geführt. Diese Bedenken halten der Praxis nicht stand.
Der Arzt und Praktiker kommt glücklicherweise nicht wie der
pathologische Anatom nur mit den ausgedehnten Fällen in Berührung,
die den Tod des Kranken herbeiführen. Unsere Aufgabe ist es vor
allem, die noch beginnenden und räumlich beschränkten Fälle früh¬
zeitig zu erkennen und zu heilen. Diese der Therapie noch am besten
zugänglichen Kranken weisen glücklicherweise in der Mehrzahl reine
Formen — meist der produktiven Tuberkulose — auf; diese gilt es
von der exsudativen zu trennen, dann den klinischen Charakter der
Krankheit festzustellen, ob progredient, stationär oder zur Latenz
neigend und auf dieser Grundlage die Art der Allgemeinkur und in
ihrem Rahmen die aktiven Behandlungsmethoden aufzubauen. Aber
auch bei den schwereren und kombinierten Fällen besteht die
Qualitätsdiagnose durchaus zu recht. Sie soll dann nur den
augenblicklich vorherrschenden Charakter der
Erkrankung, der sich aber nach der guten oder schlechten Seite
jeden Augenblick ändern kann, feststellen und zwar stets den pro¬
gnostisch ungünstigeren, denn dieser entscheidet die Pro¬
gnose des Kranken und gibt unserer Therapie die Richtlinien; sind
z. B. bei einer zirrhotischen oder nodösen Tuberkulose fortschreitende
pneumonische Herde in den unteren Partien vorhanden, so sind es
diese, nach denen sich unsere Therapie zu richten hat. Es ist ferner
gewiss oft sehr schwer, wenn nicht unmöglich, eine schnell pro¬
grediente ausgedehnte nodöse Tuberkulose von einer exsudativen
zu trennen. Das spielt praktisch aber keine Rolle, denn beide
kommen für eine Reiztherapie in irgendeiner Form nicht in Betracht,
bei beiden besteht unsere Aufgabe darin, durch eine Allgemeinkur,
event. durch eine chirurgische Therapie die Progredienz aufzuhalten
und die Bildung eines lebens- und vernarbungsfähigen Granulations¬
gewebes zu erreichen, erst dann ist Hoffnung, die Heilung weiter¬
zutreiben. Aufgabe der Therapie ist es also, die produktive heilbare
Tuberkulose stationär zu machen und zu heilen, die exsudative
Tuberkulose in die produktive überzuführen.
‘) M.m W. 1922 Nr. 14.
rortDildunosuorträpe und uehersichtsrelerate.
Der gegenwärtige Stand der Diphtheriefrage').
Von Dr. Georg Riebold-Dresden.
Die klinische Medizin hat bisher eine Reihe äusserst wertvoller
Ergebnisse der bakteriologischen und serologischen Diphtheriefor¬
schung in. E. bei weitem nicht gebührend berücksichtigt; ich meine:
1 Den Nachweis, dass die Löf fler sehen Diphtherie-,
ba zillen identisch sind mit den Pseudodiphtherie -
ba zillen und anderen ähnlicncn Keimen;
2. den Nachweis, dass die pathogenen oder giftiger;
Diphtheriebazillen unter gewissen Voraussetzungen ihre
Giftigkeit verlieren und dass auf der anderen Seite w e n i -|
ger giftige Keime wieder starke Giftigkeit erlangerl
können; . „ , I
3. den Nachweis, dass alle diese Keime auf allen der Luft|
ausgesetzten Flächen bei den sogenannten Bazillenträgern liberal j
ungemein häufig anzutreffen sind;
4. den Nachweis, dass bei Bazillenträgern nicht nur un-tj
giftige avirulente Formen, sondern sehr häufig aucll
hochvirulente Formen Vorkommen, ohne dass die Bazillen-|
träger erkranken;
5. den Nachweis, dass das Diphtherieantitoxin wahr-l
scheinlich einen Normalantikörper des menschlichen und man!
eher tierischer Sera darstellt, und sehr häufig autochthon, also unabl
hängig von einer diphtheritischen Erkrankung entsteht.
1. Den Nachweis der Identität der echten, giftigen Löffler
sehen Bazillen mit den ungiftigen Xeroscbazillen, und der Identitä
dieser mit den Pseudodiphtheriebazillen und anderen verwandte
Formen, den Paradiphtherie-, diphtheroiden, dermophilen Bazillen u. a
hat als einer der ersten unser Dresdener Ophthalmologe Schau;
(1 5) bereits im Jahre 1894 erbracht. Obwohl schon 1898 Löffle;
und Roux die Sonderstellung der Pseudodiphtheriebazillen auf
gaben und heute wohl die meisten Bakteriologen, auch des Aus
landes, unbedingt auf dem unitarischen Standpunkt stehen, d. h. dafüi
eintreten, dass die verschiedenen Formen der giftigen Diphtherie
und ungiftigen Pseudodiphtheriebazillen identisch sind, wird noct
immer nach kulturellen und morphologischen Eigentümlichkeiten bei
der Arten gesucht, die vor allem darin bestehen sollen, dass bei de
Kultur der echten Diphtheriebazillen schneller als bei der der un
echten die sogenannten Ernst sehen metachromatischen Körnchei
entstehen, und dass im ersteren Fall erhöhte Säureproduktioil
stattfindet.
In dieser Frage herrscht aber durchaus keine Einheitlichkeit Voi
verschiedenen Seiten wird verlangt, dass nur dann echte Diphthcrii
diagnostiziert werden darf, wenn die Ernst sehen Körnchen schoi
nach 9 Stunden auftreten, andere verlangen hierfür 14—16 Stunde),
andere diagnostizieren echte Diphtherie auch noch nach 20 — 24 Stun
den. Sehr einleuchtend ist die Schanz sehe Erklärung, dass be
Bazillen, die von einer Diphtheriemembran stammen, infolge de
günstigen Ernährungsbedingungen, unter denen sie gelebt haben, di
Lebensvorgänge erhöht, und damit das Auftreten der metachromati
sehen Körnchen beschleunigt, und die Säurebildung vermehrt ist, in
Gegensatz zu Bazillen, die von einer gesunden Schleimhaut, z. B. de
Konjunktiva, stammen. Man wird also annehmen dürfen, dass beir
frühzeitigen Auftreten der Körnchenfärbung und bei vermehrte
Säureproduktion meist recht lebenskräftige, virulente und giftig
Keime vorliegen, dass diese Kriterien für Giftigkeit aber durchau
nicht beweisend sind.
Die sichere Unterscheidung, ob „giftig“ oder „ungiftig“, ist nu
durch Prüfung der Tierpathogenität und der Toxinbildung möglicl
Aber auch hierbei handelt es sich nur um einen Gradunterschiec
und es finden sich alle Ucbergänge, von den völlig ungiftigen bis z
den schwer toxischen Formen.
Eine strenge Scheidung des echten „spezifischen“ Löffler
sehen Diphtheriebazillus von ungiftigen Formen ist demnach nicli
durchführbar.
2. Geradezu beweisend hierfür ist der Nachweis des Uebergange
von giftigen in ungiftige Formen oder umgekehrt. Schon R o u x un
Y er sin (zitiert nach Schanz [1]) zeigten, dass durch Züchtun
giftige Diphtheriebazillen rasch ungiftig und dass umgekehrt schwacl
giftige starkgiftig werden können. In den Serumwerken ist es längs
bekannt, dass hochgiftige Kulturen zuweilen plötzlich ihre Giftigkc
verlieren.
Sehr wichtig sind einige Beobachtungen beim Menschen, au
denen der Uebergang von giftigen in ungiftige Formen direkt hervor
geht. — Uhthoff (zitiert nach Schanz 141) fand bei Conjuncti
vitis crouposa höchst giftige Löf fl ersehe Bazillen, die 14 Tag
nach Beendigung der Krankheit immer noch aus der Konjunktiva gi
züchtet werden konnten, aber nunmehr ungiftig waren.
Meyer |7l fand bei Bazillenträgern nach überstandener, oft nu
leichter Diphtherie hochvirulente Bazillen innerhalb der ersten 2
natc nach Krankheitsbeginn; vom 3. Monat ab schwächte sich di
Virulenz sichtlich ab.
*) Nach einem Vortrag in der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde ’>
Dresden.
'1. September 1923.
Münchener medizinische Wochenschrift.
Die Giftigkeit bzw. Virulenz ist demnach eine variable Eigen-
chaft der Diphtheriebazillen, die wanrscliciul ich durch den Nähr-
»eden bedingt ist, auf dem die Keime wachsen. Auf der gesunden
i menschlichen Schleimhaut werden pathogene Formen rasch ungiftig,
nd umgekehrt können wenigpathogene Keime auf geeigneten Nähr¬
üden giftig werden; der Uebergang von völlig ungiftigen in giftige
ormen ist meines Wissens bisher noch nicht erwiesen worden.
3. Nach zahlreichen Beobachtungen kann der 3. Punkt, dass die
liphtheriebazillen überall häufig zu finden sind, nicht mehr bezweifelt
«erden. Die Diphtheriebazillen sind nicht nur auf den Tonsillen der
•iphtheriekranken nachweisbar, sondern bei allen Formen von
«ngina. Ich selbst habe, namentlich in den ersten Jahren meiner
'raxis, systematisch jeden Fall von Angina bakteriologisch unter-
uchen lassen. Zusammengefasst ist das Resultat dieser Untersuchun-
en folgendes:
„Echte“ Diphtheriebazillen, d. h. solche, die von den Unter-
uchungsanstalten als zweifellose, typische, giftige, spezifische
öf fl ersehe Diphtheriebazillen gemeldet wurden, fanden sicii fast
tets (zu 94 Proz.) bei klinisch sicherer Diphtherie, ferner sehr oft
ai 62 Proz.) bei Diphtherieverdacht, aber ebenso recht häufig (zu
twa 20 Proz.) bei einfachen Anginen, bei denen kli-
isch jeder Verdacht einer Diphtherie ausge-
ch'ossen war.
Diphtheriebazillen finden- sich ferner auf der Konjunktiva bei
Uen Formen von Konjunktivitis, auf der Nasenschleimhaut bei Er-
rankungen des Nasenrachenraumes, besonders häufig bei Ozaena,
uf den Wundflächen nach Tonsillektomie (2 eigene Beobachtungen),
:rner sehr häufig (in zirka 15 — 55 Proz. der untersuchten Fälle) auf
iperations- oder sonstigen Wunden, und zwar ebenso, wie wir es
insichtlich der Anginen feststellen konnten, nicht nur auf Wunden,
ie klinisch sich als Wunddiphtherie darstellen, sondern auch auf
v'unden, die nicht die geringsten Symptome einer Wunddiphtherie
eigen. Diese Erkenntnis stammt erst aus den letzten Jahren, nach¬
ein gegen Ende des Krieges aus mehreren Lazaretten über gehäuftes
uftreten von Wunddiphtherie berichtet worden war.
Ich verweise nur auf die Arbeiten von W e i n e r t [8], A n -
c h ü t z und K i s s k a 1 1 [9], Dönges und Elfeid [10], Läwen
nd Reinhardt [11], H et sch und Schlossberger [6],
offmann [12] usw.
Diphtheriebazillen sind weiterhin neuerdings gefunden worden
n Empyemeiter, im eitrigen Sekret bei Otitis media, im Auswurf
uberkulöser (Lippmann [13], Port [14]); sie finden sich aber
ach recht häufig unter völlig normalen Verhältnissen in der gesunden
onjunktiva (Beobachtungen von Schanz), auf der gesunden
äsen- und Rachenschleimhaut, und zwar auch dann, wenn keine
iphtherie oder Angina vorausgegangen ist. In der Universitäts¬
rauenklinik zu Marburg wurden von Kirstein [16] bei 85 Proz.
;er Neugeborenen virulente Diphtheriebazillen festgestellt. Ich selbst
abe sehr oft im Mandelabstrich von gesunden Kindern und Er-
achsenen, auch in Abstrichen meiner eigenen Tonsillen, echte
iphtheriebazillen nachweisen können.
Es wird vielfach angenommen, dass Bazillenträger nur in der
mgebung von Diphtheriekranken vorkämen. Tatsächlich ist auch
jzugeben, dass Diphtheriekranke und -rekonvaleszenten, die ja fast
-■gelmässig virulente Diphtheriebazillen in grosser Anzahl beher-
ergen, bei dei%oft wochenlang bestehenden Reizbarkeit der Schleim¬
te beim Husten und Räuspern ganz besonders zur Verbreitung der
iphtheriebazillen beitragen und dass deshalb stets beim Auftreten
nes Diphtheriefalles, z.B. in der Schule, Bazillenträger in der Um-
abung des Erkrankten gehäuft auftreten. Es ist wohl möglich, dass
der Bazillenträger zu allerletzt schliesslich auf einen Diphtheriefall
arückgeht, dass die Diphtheriebazillen auf der diphtheritisch er-
rankten Schleimhaut, auf der sie besonders günstige Ernährungs-
üdingungen finden, gleichsam' immer wieder regeneriert werden
ad dass so die Diphtheriekranken die hauptsächlichste Quelle für
e Verbreitung der Diphtheriebazillen abgeben, ebenso wie dies
nsichtlich der Tuberkelbazillen von der offenen Lungentuberkulose
lt. Sehr interessant ist endlich der neuerdings, z. B. von L i e t z
,) 8], Wauschkuhn [19], G r u b e r [20] u. a., wiederholt erhobene
iefund von Diphtheriebazillen im Scheidensekret, namentlich von
chwangeren. Hier können sie den Erdenbürger sofort beim Eintritt
s Leben überfallen, und immer mehr bestätigt sich die Anschauung,
e schon Behring vertreten hat, dass gegenwärtig tatsächlich
dermann zu jeder Zeit von Diphtheriebazillen bedroht wird (zitiert
ach Schanz [17]).
4. Neuere Untersuchungen über die Giftigkeit der Diphtherie-
azillen, die mit Hilfe des Tierexperimentes gemacht wurden, haben
ichtige und interessante Ergebnisse geliefert, über die ich kurz
■ferieren möchte:
Selma Meyer [7] fand in einer grossen Untersuchungsreihe,
iss hochgiftige Formen ganz regelmässig bei echter schwerer Diph-
ierie, ebenso aber auch bei klinisch ganz leichten Diphtheriefällen,
jid endlich auch auf völlig gesunden Schleimhäuten Vorkommen,
me dass der Infizierte erkrankt. Wir müssen demnach unsere An-
diauungen in dieser Richtung vollständig ändern. Während man im
eginn der bakteriologischen Diagnostik bei jedem positiven Bazillen-
ifund ohne weiteres eine Diphtherie diagnostizierte, forderte man
>äter zur Sicherstellung der bakteriologischen Diagnose den Ticr-
ersuch, indem man annahm, dass bei einem Befund von tierpatho¬
genen Diphtheriebazillen die klinische Diagnose einer Diphtherie
zweifellos wäre. Heute wissen wir, dass auch der Nachweis von
tierpathogenen Keimen uns nur sagt, dass eine Infektion mit diesen
Keimen stattgefunden hat. Die Frage, ob diese Infektion zu einer
Erkrankung geführt hat oder nicht, vermag nur die Klinik zu ent¬
scheiden.
Ganz ähnlich ging es mit der Wunddiphtherie. Anfänglich wur¬
den einzelne Fälle von Wunddiphtherie beschrieben, bei denen die
Diagnose nur auf Grund des bakteriologischen Befundes gestellt
wurde. Sodann wurde gefordert, dass man Wunddiphtherie nur
beim Nachweis von tierpathogenen Keimen diagnostizieren dürfe.
Heute wissen wir, dass bei der typischen Wunddiphtherie, die genau
wie die Rachendiphtherie zu schweren, allgemeinen toxischen Er¬
scheinungen, wie Polyneuritis usw., führen kann, wahrscheinlich
regelmässig hochgiftige Formen Vorkommen, dass aber ebenso auf
völlig harmlosen Wunden, bei denen kein Arzt an eine Wunddiph¬
therie denken würde, sehr oft äusserst giftige Stämme gefunden wer¬
den, ohne dass der damit Infizierte an einer Diphtherie erkrankt.
Uebrigens hat schon Karl F r ä n k e 1 vor Jahren aus der völlig ge¬
sunden Konjunktiva mehrfach leichtgiftige, einmal aber auch stark-
giftige Diphtheriebazillen gezüchtet (zitiert nach Schanz [1]).
Die mitgeteilten Beobachtungen genügen zur Feststellung der
latsache, dass Bazillenträger häufig starkgiftige Diphtheriekeime be¬
herbergen, ohne selbst zu erkranken.
5. Ueberraschende Ergebnisse lieferten neuere Untersuchungen
über den Antitoxingehalt des Blutes bei Diphtheriekranken und
-rekonvaleszenten.
Auf Grund der Behring sehen Lehre galt es als feststehend,
dass das Diphtherieantitoxin im Blutserum durch das Ueberstehen
einer Diphtherie aktiv gebildet und dass dadurch eine Immunität
gegen die Erkrankung herbeigeführt würde. Es ist auch tatsächlich
nachgewiesen, dass Antitoxin nach einer diphtheritischen Erkran-
Kimg, und zwar etwa vom 8. — 11. Krankheitstage ab, regelmässig
auftritt. Es geht aber häufig 12 — 24 Monate nach Einsetzen der
Erkrankung, in manchen Fällen auch schon früher, wieder verloren.
Es steht weiter fest, dass Antitoxin künstlich durch Injektionen
von Diphtherietoxin aktiv neugebildet, oder das etwa schon vor¬
handene quantitativ gesteigert werden kann.
Ich kann heute kurz berichten, dass in der wissenschaftlichen
Abteilung des Sächsischen Serumwerks zu Dresden seit Beginn des
Jahres 1922 Versuche angestellt werden, die Jenner sehe Methode
der Hautimpfung mit lebenden Keimen systematisch zur Bekämpfung
der Infektionskrankheiten, und zwar zu Schutz- und Heilzwecken,
heranzuziehen und dass es Herrn Dr. Böhme dabei geglückt ist,
durch Hautimpfungen mit lebenden Diphtheriebazillen bei Meer¬
schweinchen verhältnismässig grosse Antitoxinmengen zu erzeugen.
Nun hat sich aber gezeigt, dass Diphtherieantitoxin in nennens¬
werter Menge sehr häufig auch bei Gesunden ohne jede Beziehung
zu einer etwa überstandenen Diphtherie auftreten kann.
v. Gröer und Kassowitz [21] berichten über diesbezüg¬
liche Untersuchungen an 1062 Kindern und geben eine lückenlose
Kurve des normalen Antitoxingehalts aller Altersklassen. Neu¬
geborene wiesen schon in der überraschend hohen Zahl von 84 Proz.
Antitoxin auf, Säuglinge bis zu 9 Monaten besassen in etwa 56 Proz.
der Fälle Antitoxin, Kinder von 9 Monaten bis zum 3. Lebensjahr in
etwa 30 Proz., Kinder vom 3. bis zum 10. Lebensjahr in etwa
50 Proz., grössere Kinder vom 10. bis zum 16. Lebensjahr in
etwa 60 Proz., Erwachsene vom 17. Lebensjahr ab in etwa 82 Proz.
Auch durch andere Untersucher, wie F i s c h 1 und v. Wunsch¬
heim [22], Karasawa und Schick [23], S e 1 i g m a n n [25],
Abel, Hahn, Wassermann u. a. ist das ungemein häufige Vor¬
kommen von Diphtherieantitoxin festgestellt worden.
Wassermann [24l nimmt als Erklärung hierfür an, dass
leichteste, unerkannt gebliebene Formen von Diphtherie sehr häufig
wären und dass es sich tatsächlich in allen Fällen von positiven Anti¬
toxinbefunden um eine durch das Ueberstehen der Krankheit er¬
worbene Funktion handelt.
Da aber der Antitoxingehalt ausserordentlich schwankt und auch
nach einer schweren Diphtherie in verhältnismässig kurzer Zeit ver¬
loren geht, müsste man dann folgern, dass bei allen Menschen nicht
nur einmalige, sondern immer wiederholte Erkrankungen an
Diphtherie vorlägen. Wer nicke glaubt, dass nach einer
Diphtherieerkrankung dauernd spezifisches Antitoxin produziert wird.
Schick [26] endlich nimmt an, dass der Organismus durch das
Ueberstehen einer Diphtherie die Fähigkeit erlangt, bei Neuerkran¬
kungen rascher und reichlicher Antitoxin zu bilden, als bei der ersten
Erkrankung. Das sind alles Theorien, für die zwingende Beweise
nicht erbracht werden können.
Viel wahrscheinlicher ist die neuerdings besonders von
v. Gröer und Kassowitz [21] und Seligmann [25] vertretene
Anschauung, dass das Diphtherieantitoxin einen normalen Bestandteil
des Blutes, einen Normalantikörper darstellt. Sehr beweisend für
diese Anschauung ist die Tatsache, dass man auch bei gesunden,
nicht geimpften Pferden sehr häufig einen verhältnismässig hohen
Diphtherieantitoxingehalt des Blutes gefunden hat.
Nach alledem kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, dass die
alte Lehre von der Spezifität des Löffler sehen Diphtheriebazillus
als einer besonderen, abgrenzbaren Form und des Diphtherieanti¬
toxins als eines besonderen spezifischen Antikörpers erschüttert ist,
1206
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 38
tmü dass unsere Anschauungen über Aetiologie, Diagnostik. Therapie
und Prophylaxe der Diphtherie einer durchgreifenden Revision be¬
dürfen.
1. Aetiologie. Da wir heute wissen, dass Diphtheriebazillen aller
Virulenzgiade überall häufig anzutreffen sind, können sie, wie schon
Behring anerkannt hat, nicht allein die Erreger der Krankheit sein,
denn sonst müssten doch eben alle Menschen überall und beständig
von Diphtherieerkrankungen heimgesucht sein und das Menschen¬
geschlecht wäre wohl schon längst durch die Keime vernichtet
worden. Es muss also entweder zu den Bazillen noch etwas Be¬
sonderes hinzukommen, das sie erst gefährlich für den Menschen
macht, oder es müssen bei gleicher ursprünglicher Empfänglichkeit
aller menschlichen Individuen im Kaufe des Lebens die meisten ihre
ursprüngliche Empfänglichkeit verlieren.
Schanz 1 1 7 ] knüpft an den ersten Punkt an; er hält es für
denkbar, dass die Uebertragung der Diphtherie ganz unabhängig vom
Diphtheriebazillus erfolgt und dass dieser erst in den Erkrankungs¬
produkten Giftigkeit erlangt. Das dabei entstehende Gift veranlasst
die schweren Schädigungen des Organismus.
Wir müssten dann die Diphtherie zu den Infektionskrankheiten
rechnen, deren Erreger uns noch nicht bekannt sind, und müssten
dem Löffler sehen Bazillus dabei eine sekundäre Rolle einräumen.
Diese Schanzsche Theorie kann nicht befriedigen. Alle Er¬
fahrungen sprechen dafür, dass die Diphtherie durch den Diphtherie¬
bazillus übertragen wird. Beim Auftreten einer Diphtherieepidemie,
z. B. in der Schule, kann man verfolgen, dass nach dem ersten
Diptheriefall gewöhnlich in kurzer Aufeinanderfolge eine weitere
Zahl von Erkrankungsfällen, teils leichten, teils schweren, auftritt,
und wenn man jetzt die ganze Klasse bakteriologisch untersuchen
lässt, so findet man nicht nur bei den Erkrankten, sondern gewöhn¬
lich auch bei einer grossen Zahl der Gesundgebliebenen Diphtherie¬
bazillen. Ich habe diese Verhältnisse bei einer Diphtherieepidemie
in einer Ferienkolonie des Gemeinnützigen Vereins zu Dresden gut
verfolgen können und im Jahre 1914 ausführlich beschrieben [27].
Ich konnte damals zeigen, dass die Epidemie durch einen Bazillen¬
träger, der selbst nicht an Diphtherie erkrankt ge¬
wesen war, eingeschleppt wurde, und ebenso konnte ich ver¬
folgen, dass ein gesund gebliebener Bazillenträger bei seiner Heim¬
kehr aus der Kolonie die Diphtherie auf mehrere Hausgenossen
übertrug.
Wenn somit nachgewiesen ist, dass die Krankheit durch
Bazillenträger übertragen wird, auch dann, wenn
diese selbst gar nicht erkrankt gewesen sind, so
kann man wohl kaum daran zweifeln, dass in diesen Fällen d i e
Bazillen auch die Erreger der Krankheit sind, und
dass hierbei nicht noch andere unbekannte Keime mitwirken.
Behring vertritt nun den heute noch allgemein geltenden
Standpunkt, dass die ursprüngliche Empfänglichkeit gegen Diphtherie
während des Lebens verloren geht dadurch, dass Antitoxin im Blute
gebildet wird. Da man aber nun so oft Antitoxin ohne Beziehung
zu einer überstandenen Diphtherie findet, so glaubt er, dass man
den Diphtheriebazillen, den virulenten sowohl wie den avirulenten,
die Fähigkeit zusprechen muss, auch dann eine Antitoxinproduktion
beim Menschen zu veranlassen, wenn eine typische Diphtherie nicht
durchgemacht wurde.
Nach dieser Theorie bildet sich also Antitoxin bei jedem Ba¬
zillenträger, und es erkranken nur diejenigen an Diphtherie, deren
Blut nicht die nötigen Antitoxinmengen besitzt.
Auch diese Theorie ist unbefriedigend. Zunächst wäre es merk¬
würdig, dass spezifische Abwehrstoffe durch die Diphtheriebazillen
auch dann gebildet werden sollten, wenn diese gar nicht zu einer
Erkrankung geführt hätten. Und dann wird die ganze Fragestellung
dadurch doch nur verschoben. Behring sagt: „Die Menschen, die
reichlich Antitoxin haben, erkranken nicht, wenn sie mit Diphtherie¬
bazillen infiziert werden. Er sagt weiter: „Bazillenträger können
Antitoxin bilden, ohne selbst an typischer Diphtherie zu erkranken.“
Er erklärt aber nicht, warum die Bazillenträger, die erstmalig in¬
fiziert werden und auch zunächst noch kein Antitoxin haben, nicht
erkranken, sondern Antitoxin bilden. Die neueren Feststellungen
über die autochthone, unspezifische Bildung von Antitoxin, und die
neueren Erfahrungen, dass häufig auch Menschen mit Antitoxin an
Diphtherie erkranken, sprechen weiterhin gegen die Behring sehe
Theorie, vor allem aber auch noch eine ungemein wichtige Fest¬
stellung, dass nämlich Diphtheriebazillenträger durchaus nicht immer
über Antitoxin verfügen.
Nach Untersuchungen von Kleinschmidt [28], Bauer [29]
und Seligmann [24] fand sich unter zusammen 40 untersuchten
Bazillenträgern — es handelte sich um Säuglinge — nur in 21 Fällen
Antitoxin.
Es ist damit bewiesen, dass die. einfache Infektion mit Diphtherie¬
bazillen ohne folgende Erkrankung nicht zur Bildung von Antitoxin
führen muss, und allein schon durch diese Feststellung ist die
B e h r in gsche Theorie widerlegt.
Es bleibt aber immer wieder die Frage unbeantwortet, warum
die erwähnten Bazillenträger, die, wie ausdrücklich festgestellt sei,
mit teilweise virulenten Formen infiziert waren, nicht an Diphtherie
erkranken, obwohl sie durchaus kein Antitoxin besassen.
Nach meinem Dafürhalten gibt es hierfür nur eine Erklärung, die
zugleich den Schlüssel für das in Frage stehende Problem liefert,
nämlich die, dass die Betreffenden gegen Diphtherie immun waren
dass diese Immunität aber nichts mit dem Diphtherieantitoxin zu
tun hat.
Eine derartige Immunität könnte angeboren sein. Wir kennei
eine gleiche angeborene natürliche Immunität beim Scharlach, wi
auch bei gegebener Infektionsmöglichkeit nur etwa 50 Proz. dei
Gefährdeten erkranken.
Oder aber die Immunität wäre durch das frühere Uebersteher
einer Diphtherie erworben. (Schluss folgt.)
Bücheranzeigen und Referate.
M. Löhlein +: Ueber die sogenannte follikuläre Ruhr. Ver¬
öffentlichungen aus dem Gebiete der Kriegs- und Konstitutions-i
Pathologie. 13. Heft. Gustav Fischer, Jena 1923.
Der Begriff der follikulären Ruhr hat in den letzten Jahren leb-,
hafte Diskussion hervorgerufen; während vor allem Orth an ihm
festhielt und die primäre Vereiterung der Follikel als spezifischen
Ruhrprozess verteidigte, lehnt Löhlein ihn ab und behauptet, dass
die Dysenterie keineswegs primär die Follikel schädige, sondern
alle Gewebsbestandteile der Schleimhaut in Mitleidenschaft zöge;
dass eine frühzeitige Vereiterung der Follikel nicht in Frage käme;
vielmehr würden Vereiterungen von Follikeln vorgetäuscht durch
Vereiterung der Schleimhautzysten, die sich unter der Einwirkung
des Dysenterieprozesses aus schlauchförmigen Epithelproliferationen
der Drüsen bei oberflächlicher Nekrose der Follikel und auch ohne
diese bilden; so komme es zur Entstehung der hemdknopfförmiget:
Geschwüre; der Prozess sei also umgekehrt als er bei primärer
Vereiterung der Follikel gedacht war: primäre Schleimhautzysten
vereitern, nicht primäre Eiterhöhlen epithelialisieren sich, wenn auch
ausnahmsweise bei der Dysenterie letztere Prozesse Vorkommen
können; damit ist eine Konzession an die Orthsche Auffassung
gemacht. Die tiefen Geschwüre bei Amöbiasis und Balantidiosis
des Darmes unterscheiden sich von den dysenterischen in ihrer
Genese wesentlich: „sie entstehen durch Giftwirkung zerfallender
Amöben als Folgen umschriebener Nekrosen, nicht durch Vereiterung.
Mit dieser Arbeit des zu früh gestorbenen Marburger Pathologen
hat die Klärung des anatomischen Bildes bei der Dysenterie einen
wesentlichen Fortschritt gemacht. Oberndorfer - München.
Binswanger und S i e m e r 1 i n g: Lehrbuch der Psychiatrie.,
6. Aufl. Fischer, Jena, 1923. 440 S.
Neu eingefügt ist ein Abschnitt über die Abweichungen des gc-l
schlechtlichen Fühlens und Handelns von Hoc he, stark subjektiv
gefärbt, aber elegant, kurz und scharf pointiert geschrieben. Diel
konstitutionellen Psychopathien des nämlichen Autors sind erweitert'
worden und haben dadurch gewonnen. Bemerkenswert ist die Ein¬
teilung derselben in Schwierigkeiten i'm Verkehr mit sich selben
(„Nervosität“) und Unzulänglichkeit in den Beziehungen zur Umwelt!
(Haltlosigkeit, Pseudologie, Querulenz, moralischer Schwachsinn]
usw.). Im übrigen gilt für das vortreffliche Buch das in der M.m.W.i
1907 Gesagte. E. B 1 e u 1 e r - Burghölzli.
Kurt Schneider: Die psychopathischen Persönlichkeiten.
Handbuch der Psychiatrie, herausgeg. von Aschaffen bürg.
Spezieller Teil: 7. Abt., 1. Teil. VII + 96 Seiten.
Eine zusammenfassende Darstellung der Psychopathen von er¬
staunlicher Kürze bei grösstem Inhaltsreichtum. Nach begrifflicher
Grundlegung und Erörterung der Einteilungsmöglichkeiten gibt
Schneider in zehn Typen Bilder psychopathischer Persönlich¬
keiten: Hyperthymische, Depressive, Selbstunsichere (Empfindsame
und Zwangsmenschen), Fanatische, Stimmungslabile, Geltungsbedürf¬
tige (in diesen gehen im wesentlichen die „hysterischen Persönlich¬
keiten“ der alten Bezeichnung auf), Gemütlose, Willenlose, Asthe-!
nische und Explosible. Ueberall ist der Zusammenhänge gedacht;
und auf die soziale Bedeutung der Typen eingegangen. Die Einzel-
schilderungen sind trefflich gelungen; so eingehend jeweils die ein-;
schlägige Literatur verarbeitet ist, so deutlich tritt doch überall die:
originelle Einstellung des Verfassers hervor. Als Teil des grossen'
Aschaffenburg sehen Handbuchs wird die Arbeit den Nicht¬
psychiatern nicht so sehr in die Augen fallen; deshalb muss auf sie;
gerade hier mit besonderem Nachdruck hingewiesen werden.
Eugen Kahn- München. •
J. Misch: Lehrbuch der Grenzgebiete der Medizin und Zahn-
lieiikunde. 2 Bände. F. C. W. Vogel, Leipzig 1923. 3. Auflage.
Grdz. 40.
Das in seiner Art ausgezeichnete Buch erscheint in 3. Auflage!
nach kurzer, einjähriger Zwischenzeit. Seine Anlage hatte sich be¬
währt und ist erhalten geblieben. Allenthalben sind aber Verbesse¬
rungen bemerkbar, unter denen manche neuere Gesichtspunkte'
bezüglich der Pathogenese und Therapie hervortreten.
Die „Inneren Krankheiten“ sind von C. Fuld und L. Herz¬
feld bearbeitet, die „Kinderkrankheiten“ von G. Tilgendreich,
die „Nervenkrankheiten“ anstelle des verstorbenen H. Krön von
A. Kronfeld, die „Syphilitischen Erkrankungen“ von H. Müh¬
sam, die ..Hautkrankheiten“ von R. Le der mann, die „Frauen¬
krankheiten“ von O. Büttner, die „Hals-, Nasen-, Kehlkopfkrank-
|. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1207
eiten“ von Q. Finder, die „Ohrenkrankheiten“ von F. Qerst-
lann, die „Augenkrankheiten“ von A. Gut mann, die „Gewerbe¬
rankheiten“ von F. K o e 1 s c h.
Für einen Zahnarzt scheint das Stoffgebiet recht gross und die
efalir des Lexikonwissens liegt nahe. Der Herausgeber hat aber
üt Absicht auf eine gewisse Vollständigkeit Wert gelegt; soweit
:r buchhändlerische Erfolg entscheiden darf, muss ihm recht ge¬
lben werden. Freilich sind die einzelnen Abschnitte in ihrer prak-
schen Bedeutung für den Zahnarzt nicht gleichwertig. Aber gerade
> schwierige und umfangreiche Kapitel wie das der „Inneren Krank-
jiten“, oder der „Nervenkrankheiten“ sind glänzend gelungen. Hier
idet der wissensdurstige Praktiker in knappster Darstellung Ant¬
ort auf alle auftauchenden Fragen, auch auf solche, die mit seinem
lgeren Arbeitsgebiet ohne mittelbaren Zusammenhang sind. Frei-
:h lässt es sich bei der ganzen Anlage nicht vermeiden, dass in
ner Reihe von Kapiteln die Darstellung eine oberflächliche bleiben
uss und dass sich zwischen einzelnen Bearbeitern hie und da
-idersprüche ergeben. Nahezu 600, fast ausnahmslos wohlgelungene
ld z. T. in guter farbiger Wiedergabe erscheinende Abbildungen
iterstützen den Text in beinahe verschwenderischer Fülle. Text
ld Anschauungsmaterial erzeigen sich durchaus zweckentsprechend
ld verleihen dem Buch den Charakter eines praktisch lückenlosen
achschlagewerkes. Zahlreiche Literaturhinweise ermitteln den An-
:hluss an Spezialarbeiten.
Ganz besondere Anerkennung verdient die Leistung des Heraus-
;bers Misch, der bei sämtlichen Abschnitten die jeweils für den
aktischen Zahnarzt wichtigen Beziehungen in kurzen Zwischen-
•.haltungen hervorhebt.
Alles in allem stellt das Werk eine hervorragende Leistung dar,
e dem Herausgeber und seinen Mitarbeitern nicht weniger Ehre
acht als dem Verlag. Für die Kaufkraft und vor allem für das
ildungsbestreben des zahnärztlichen Standes wäre es erfreulich,
enn recht viele Praktiker auch in Deutschland das „Lehrbuch der
renzgebiete der Medizin und Zahnheilkunde“ besitzen könnten.
^ S e i f e r t - Wiirzburg.
Richard K a y s e r - Dresden: Anleitung zur Diagnose und Thera-
e der Kehlkopf-, Nasen- und Ohrenkrankheiten. 13. u. 14. Auflage.
it 141 Abbildungen. Berlin, S Karger, 1923. Grpr. 5.50 M.
Das Kompendium ist aus Vorlesungen in ärztlichen Fortbildungs-
lrsen hervorgegangen und bringt in gedrängter Form das für den
lgemeinpraktiker Wichtigste aus unserem Spezialgebiet. Es ent-
>richt dem jetzigen Standpunkt unserer Wissenschaft und ist klar
id mit didaktischem Geschick geschrieben. Zahlreiche gut aus-
iwählte Abbildungen erläutern den Text. Es kann dem prakt. Arzt,
:r eine kurze Anleitung sucht, bestens empfohlen werden.
Scheibe- Erlangen.
Münchener sozialhygienische Arbeiten aus dem Hygienischen
stitut. Herausgegeben von M. v. G r u b e r und J. Kaup. Heft II.
Institution und Umwelt im Lehrlingsalter. Maschinenbauer,
.'hlosser, Schmiede von Dr. med. Epstein. Jugendliche Kaufleute
>n Dr. med. Alexander. J. F. Lehmanns Verlag, Müll¬
en 1922.
Die Untersuchungen von Epstein und Alexander sind im
ihmen der vön J. Kaup angeregten Massenuntersuchungen vor-
■nommen worden, um die Einflüsse darzulegen, welche von der
nwelt, im besonderen der beruflichen Tätigkeit auf die körper-
he Entwicklung der Jugendlichen ausgehen. Der wesentliche Wert
r mit mustergültiger Sorgfalt durchgeführten Arbeiten liegt in der
ireinigung statistischer Erhebungen und klinischer Untersuchungs¬
gebnisse und der erschöpfenden einwandfreien Methodik.
A. G r o t h.
E. Müller: Rezepttaschenbuch. II. Auflage, bearbeitet von
Frey- Marburg. Berlin, J. Springer, 1923.
Das für den Praktiker sehr brauchbare Buch hat gegenüber der
Auflage (1914) einschneidende Veränderungen nicht erfahren. Die
ennung in gebräuchliche und neuere Arzneimittel ist zweckmässig
eggefallen, für einige Abschnitte sind andere eingeschaltet, so die
I.'chnik der diagnostischen und therapeutischen Tuberkulinanwen-
ng von Harms, die künstliche Ernährung von Strassner, die
nstliche Ernährung des Säuglings von Vogt. Das Buch kann dem
aktiker wohl empfohlen werden. V o i t - Giessen.
Margarete Jo dl: Bartholomäus v. Carneris Briefwechsel
t Ernst Haeckel und Friedrich Jodl 1870—1908. Leipzig 1922,
i K. F. K o e h 1 e r. 164 S. Gr.8 °.
I Haeckel lebte 1834 — 1919, der Verfasser der Geschichte der
hik, Friedrich Jodl, 1849 — 1914, der österreichische Parlamcn-
rier, Philosoph und Schriftsteller B. v. Carneri 1821 — 1909. Der
iefwechsel dieser drei bedeutenden und menschlich anziehenden
:rsonen versetzt uns in die Zeit der letzten Dezennien des vorigen
hrhunderts, als der Darwinismus seinen Siegeszug antrat, die
Veiträtsel“ gelöst schienen und der „krasse Materialismus“
rrschte. Wir erleben mit, wie Badeni und Ta affe in Oester-
ich das Deutschtum und damit den Rückhalt des Staates zermürben,
m Schmerze eines klugen und vornehm gesinnten Politikers, der
s Kommende voraussieht; wir erleben mit die Gründung und den
•rfall der Gesellschaft für ethische Kultur, den Pazifismus Bertha
Suttners. Wir haben in diesem Briefwechsel das Gemälde einer
Zeit, die schon anfängt, uns fern und historisch zu werden, die sich
schon mit dem Schimmer des auf immer Vergangenen umkleidet und
schon reif wird zum Verstandenwerden, ohne Hass, Verwirrung und
Erregung, einer Zeit, die für uns freilich immer mehr und mehr den
Charakter der, ach so unverstanden herrlichen, „guten alten Zeit“
bekommt. Biographisch interessiert uns Aerzte natürlich in erster
Linie Ernst Haeckel. Wenn er auch hinter den beiden anderen
Prachtmenschen an Zahl und Qualität der Briefe etwas zurücktritt,
gewinnt doch auch seine ebenso imponierende wie liebenswerte
Persönlichkeit neue Züge. Ueber Ha eck eis Philosophie, wie über¬
haupt über die philosophischen Strebungen der Zeit findet sich viel
beachtenswertes Material, ebenso feine Bemerkungen besonders
Carneris über Politik, Sozialismus, Bodenreform und vieles
andere. Kerschensteine r.
Zeitschriften - Uebersicht.
Deutsches Archiv für klinische Medizin. 142. Bd„ 5. und 6. Heft.
H. Straus s, C. Popescu-Inotesti und C. Radoslav:
Ueber die aktuelle Reaktion des Blutes bei verschiedenen Krankheiten. (Aus
der Med, Klinik zu Halle a. S.)
Die aktuelle Reaktion des Blutes ist normalerweise innerhalb enger
Grenzen eine konstante, auf deren Gleichbleiben der Organismus mit ebenso
feinen Regulationsmechanismen eingestellt ist, wie etwa auf die Körper¬
temperatur, die Isotonie der Körpersäfte und andere für den normalen Ablauf
der Lebensvorgänge notwendige Faktoren. Demgemäss erfordert diese Kon¬
stanz das Ineinandergreifen zahlreicher Vorgänge, so dass wir von vornherein
mit einem komplizierten Mechanismus zu rechnen haben. An der Aufrecht¬
erhaltung dieses Gleichgewichts sind alle Zellen beteiligt, besondere Auf¬
gaben fallen dabei den Nieren, der Leber und den Lungen zu, ausserdem
reguliert das Blut selbst seine Reaktion durch seine Puffereigenschaften.
Diabetiker ohne Azetonkörperausscheidung zeigen eine innerhalb des Nor¬
malen liegende Kohlensäureverbindungskurve und die Eukapnie (Säure-Basen¬
gleichgewicht) des Gesunden; Fälle mit Azetonurie weisen Hypokapnie
(— Azidose des Blutes, = Herabsetzung der Alkalireserve des Blutes) auf
und zwar in der Intensität etwa der Stärke der Azetonkörperausscheidung
und dem klinischen Bilde entsprechend. 1 Fall von Diabetes insipidus ver¬
hielt sich hinsichtlich der Kohlensäurebindungskurve völlig normal. Bei Herz¬
kranken geht die Azidität des Blutes mit der Kompensation bis zu einem
gewissen Grade parallel. Vermutlich bedingt die allgemeine Stauung schlechte
Blutversorgung derselben und diese wieder Oxydationsstörungen mit An¬
häufung saurer Stoffwechselzwischenprodukte. Diese Säuerung kann infolge
mangelhafter Lüftung des Blutes durch die unzureichend durchblutete Lunge
nicht ausgeglichen werden. Die akute Glomerulonephritis zeigt im schweren
Zustand meist Hypokapnie, die aber mit der Besserung zurückgeht, die chro¬
nische Nephritis zeigt sehr verschiedene Bilder, vorwiegend Hypokapnie ver¬
schiedenen Grades, gelegentlich Eukapnie, primäre Hypertonien verhielten
sich normal. Bei schweren Nierenerkrankungen ist in der Regel also die
aktuelle Reaktion des Blutes nach der sauren Seite verschoben, da das Basen-
Säuregleichgewicht durch die Funktionsstörung der Niere gestört ist, vielleicht
kommt dabei auch eine Mehrproduktion saurer Produkte infolge einer Schädi¬
gung des Zellstoffwechsels in Frage.
H. Simmel; Die osmotische Resistenz der Erythrozyten. (Aus der
med. Poliklinik Jena.) (Mit 3 Abbild.)
Mittels der angegebenen Methode lässt sich die Resistenz möglichst un¬
denaturierter Erythrozyten in einem hypotonischen, aber äquilibrierten Milieu
zahlenmäsig verfolgen und aus der Einteilung der Erythrozyten in verschieden
resistente Gruppen ein Resistenzbild gewinnen. Die Resistenzsteigerung
beim Stauungsikterus beruht nicht auf einem Ausfall der wenig resistenten
Gruppen, sondern auf einer Zustandsänderung aller Erythrozyten. Beim
familiären hämolytischen Ikterus können für einzelne Familien charakte¬
ristische Resistenzbilder gefunden werden. Röntgenbestrahlung der Milz be¬
wirkt beim hämolytischen Ikterus noch weiteren Abfall der Resistenz. Bei
perniziöser Anämie kann sowohl ein normales, wenn auch stark verkleinertes
Resistenzbild gefunden werden als auch massige Veränderung der Resistenz
in beiden Richtungen. Chlorose zeigt Zunahme sowohl der sehr hoch wie
der sehr niedrig resistenten Erythrozyten auf Kosten der mittleren Gruppe.
Genuine Polyzythämie kann ein einfach vergrössertes, sonst normales Re¬
sistenzbild zeigen; bei Polyglobulie durch Stauung treten die resistenten
Erythrozyten stärker hervor. Frische Blutungsanämie ergibt verkleinertes,
sonst normales Resistenzbild. Bei subakuter Blutung nimmt die Resistenz
zu, am stärksten bei ganz chronischen Blutungen, auch wenn diese gar nicht
zu einer Anämie führen. Junge Erythrozyten sind nicht immer resistenter
als alte. Die Resistenzsteigerung ergibt kein zuverlässig differentialdiagnosti¬
sches Merkmal zwischen benignen Magendarmerkrankungen und malignen
Tumoren des Verdauungskanals.
R. Plaut; Gaswechseluntersuchungen bei Fettsucht. (Aus dem physio¬
logischen Institut der Universität Hamburg.) (Mit 3 Abbild.)
Bei der thyreogenen Fettsucht ist der Grundumsatz herabgesetzt, die
spezifisch dynamische Wirkung der Nahrung normal. Bei der hypophysären
Fettsucht ist der Grundumsatz normal, die spezifisch dynamische Wirkung
herabgesetzt, wie an 26 neuen Fällen von Erkrankungen der Hypophyse und
konstitutioneller Fettsuoht gezeigt wird, bei denen im Gaswechsel die spe¬
zifisch-dynamische Wirkung des Eiweiss herabgesetzt war. Bei den Fällen,
wo die Keimdrüsenfunktion erloschen war, war auch der Grundumsatz herab¬
gesetzt, aber nicht entfernt so stark wie beim Myxödem. Bei Myxödem und
thyreogener Fettsucht war die spezifisch-dynamische Wirkung stets normal.
In 3 Fällen von primärem Keimdrüsenausfall war der Grundumsatz normal.
Hauck: Beitrag zur Histopathologie der Chorea infectiosa. (Aus der
Med. Klinik zu Bonn.)
Bei einem 15 jährigen Fabrikarbeiter, der an Chorea infectiosa starb,
fand sich im kaudalen Gebiet des Thalamus ein über die Norm hinausgehender
Fettabbau in fixen Gliazellen, besonders zwischen Aquaeductus und Corpora
quadrigemina, sowie in der Gegend des Nuclcus ruber, sowie synzytiale
Gliahäufchen in Form von Knötchen und lockeren Herdchen. Ob der Chorea
eine embolische oder toxische Genesezugrunde liegt, lässt sich aus dem Be¬
funde nicht entscheiden.
M. Mandelstamm: Ein Fall von schwerer chronischer Anämie mit
atypischem Blutbefund und Darmpolypen, Zugleich ein Beitrag zur Differen-
1208
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3?
tialdiagnose und Pathogenese schwerer Anämien. (Aus der Med. Klinik des
Reichsinstituts für ärztliche Fortbildung in Petersburg.)
Im Laufe vieler Jahre litt die Kranke an regelmässigen kleinen Blu¬
tungen aus zahlreichen Darmgeschwüren. Dieser gesteigerte Verbrauch von
Blutzellen hatte eine kompensatorische Hypertrophie des Knochenmarks¬
parenchyms zur Folge, die bis zu einer gewissen Zeit den Verlust aus-
gleichen konnte. Schliesslich musste es aber zu einer Erschöpfung des
erythroblastischen Gewebes und schwerer Blutarmut komrjien.
F. Simper t: lieber Kapillarlähmungen im Darm bei Grippe (Pseudo¬
enteritis anaphylactica). (Aus der Universitäts-Kinderklinik Göttingen.)
Bei einer Reihe von Grippekranken (meist Kinder, einige Erwachsene)
trat nach etwa 6 — 14 Tagen, auch schon nach beginnender Besserung eine
Verschlimmerung unter folgenden Symptomen ein: Temperatursturz, Blässe
mit lokaler Zyanose um den Mund, kleiner oder gar nicht fühlbarer und
mit den gewöhnlichen Herzmitteln nicht beeinflussbarer Puls, Krämpfe und,
soweit darcuf geachtet wurde, Dickerwerden .des Leibes. 'A bis einige
Stunden später trat der Tod ein. Es fand sich autoptisch eine Darmverände¬
rung. die klinisch unter den Anzeichen des anaphylaktischen Schocks ent¬
standen, makroskopisch ganz den Eindruck einer Entzündung machte, deren
nichtentzündlichen Charakter erst die mikroskopische Untersuchung aufklärte
(Pseudoenteritis anaphylactica). Durch starken Bakterienzerfall wird der
Körper plötzlich mit einer grossen Menge Gift überschwemmt. Besitzt der
Kranke von vorneherein genügende immunisatorische Fähigkeiten, so erfolgt
gleich zu Beginn der Erkrankung die Ueberschwemmung des Körpers mit Gift»
und der Veriauf ist foudroyant. In anderen Fällen erwirbt sich der Körper
erst im Verlauf der Krankheit eine genügende immunisatorische Fähigkeit,
und erst dann tritt der anaphylaktische Schock auf, der das Ende einleitet.
Ob das Gift die Kapillarwand direkt schädigt, oder ob die Dilatation eintritt
nach Lähmung des Splanchnikus, ist noch eine offene Frage. Die geschilder¬
ten Darmveränderungen sind das anatomische Substrat des parenteralen
Darmkatarrhs, d. h. des Auftretens vermehrter' schleimhaltiger Stühle, die
ohne grosse diätetische Massnahmen mit dem Abklingen des Grundlcidens
(Grippe etc.) von selbst ausheilen.
L. Bogendörfer und G. Kühl: Untersuchungen über den Ferment¬
gehalt des menschlichen Dünndarmsaftes. (Aus der Med. Klinik der Universi¬
tät Würzburg.)
Die bei Darmgesunden gefundenen Fermentwerte im Dünndarm schwan¬
ken in nicht erheblicher Breite. Der Mittelwert für die obere Hälfte des Dünn¬
darms beträgt für Diastase 512, für Trypsin zwischen 256 und 512 Ein¬
heiten, für Lipase 1,3. Die Fermentwirkung des Dünndarmsafts hält sich
in allen untersuchten Dünndarmabschnitten etwa auf gleicher Stärke und er¬
scheint weitgehend unabhängig von Erkrankungen in anderen Darmabschnitten.
Eine erhöhte Trypsinwirkung fand sich bei mehreren Fällen von Hysterie,
Rentenneurose, einer Athyreose vielleicht infolge einer vegetativ nervösen
Reizung des gesamten Darmtraktus zu vermehrter Sekretion von Verdauungs¬
säften. Die erhöhte Trypsinwirkung bei Achylia gastrica, besonders bei
perniziöser Anämie ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass eine an sich
normale Trypsinwirkung im Darmsaft verstärkt wird durch tryptische Wir¬
kung pathologisch im Dünndarm vorhandener Bakterien. Im Dünndarm ist
sowohl vom Pankreas stammende als auch von der Dünndarmschleimhaut
sezernierte Diastase enthalten. Die Anwesenheit einer pathologischen Bak¬
terienflora kann unter Umständen die Fermentwirkung stören, wie ein Fall
von chronischem Ekzem zeigt.
L. Bogen dörfer und Buchholz: Untersuchungen über die Bak¬
terienmenge im menschlichen Dünndarm. (Aus der med. Klinik der Uni¬
versität Würzburg.)
Bei Darmgesunden enthält der Dünndarm meist relativ wenig Keime,
doch kommen grosse Schwankungen vor. Als obere Grenze des Normalen
scheinen 5000 pro 1 ccm angenommen werden zu können. Bei Achylia
gastrica sind die Kerne deutlich vermehrt. Die höchsten Werte fanden sich
bei 2 Fällen von perniziöser Anämie, hohe Werte bei 3 Fällen von Gärungs¬
dyspepsie.
K. Ho e sch: Ueber das chemische Verhalten, den Nachweis und die
quantitative Bestimmung des Bilirubins im Harn. (Aus der I. med. Abteilung
des städt. Krankenhauses in Nürnberg.)
Zunächst wurde das Verhalten bilirubinhaltiger Harne nach Zusatz von
Diazoniumlösungen studiert und Nebenreaktionen ausgcschaltct, die sich dabei
mit anderen Harnbestandteilen störend geltend machten, dann wird über den
Nachweis kleinster Bilirubinmengen im Harn berichtet und die quantitative
Bestimmung des Bilirubins und des Azobilirubins im Harn geschildert. Einzel¬
heiten müssen iml Original nachgelesen werden.
E. J a c o b i - Berlin: Resistenzprüfungen am menschlichen Muskel unter
normalen und krankhaften Verhältnissen. (Aus der inneren Abteilung des
Krankenhauses Berlin-Lichtenberg.)
Während der Kontraktion des Muskels ändert sich ausser Länge und
Querschnitt seine Konsistenz oder Härte = Resistenz. Die Resistenz ist
um so grösser, je kräftiger ein Muskel ist. Dies gilt besonders für die
maximale Entspannung, weniger für die maximale Spannung, gar nicht für
die Belastung. Im Gegensatz dazu ist die Resistenzzunahme bei Belastung
um so geringer, je kräftiger ein Muskel ist. Der Muskel nimmt an
Resistenz bei Belastung zu. Die Differenz zwischen maximaler Ent¬
spannung und maximaler Spannung ist im allgemeinen um so grösser,
je kräftiger ein Muskel ist. Die einzelnen Muskelgruppen sind verschieden
in bezug auf maximale Spannung, maximale Entspannung. Spannungs¬
differenz und Differenz zwischen rechts und links. Die mit dem
ballistischen Elastometer von Gilde meister vorgenommenen Unter¬
suchungen ergeben keine exakte Ermüdungskurve. Ziemlich konstant ist
die Zunahme der Resistenz bei zunehmender Ermüdung, diese Resistenz¬
zunahme ist ein Zeichen für die Schwäche des Muskels. Bei Apoplexien mit
spastischen, schlaffen und atrophischen Paresen war die Spannungsdifferenz
auf der gelähmten Seite vermindert, in allen Fällen trat die Ermüdung schnel¬
ler ein, die Ermüdungskurvc zeigte eine schnellere Resistenzzunahme beim
gelähmten Muskel. Bei schlaffen Lähmungen ist die Resistenz bei maximaler •
Spannung wie Entspannung herabgesetzt, verhältnismässig am stärksten bei
maximaler Spannung (Tonusverminderung). Bei spastischen Lähmungen ist
die Resistenz bei maximaler Entspannung verstärkt, bei maximaler Span¬
nung gleich der gesunden Seite oder etwas herabgesetzt. Der Einfluss der
Belastung ist bei gelähmten Muskeln wie bei solchen mit verminderter Kraft:
die Ermüdung tritt bei ihnen schneller als auf der gesunden Seite ein und die
Resistenz nimmt bereits bei geringeren Gewichten verhältnismässig mehr zu.
Bei atrophischen Lähmungen findet sich das gleiche Ergebnis wie bei spasti¬
schen. Schlaffe Lähmungen nach Neuritis und Polyneuritis ergaben ver
minderte Resistenz bei maximaler Spannung, mitunter verminderte, inituntc
auch unveränderte Resistenz bei maximaler Entspannung, schnellere Eid
müdung, grössere und raschere Resistenzzunahme sowohl bei verhältnismassi J
geringerer Belastung wie bei Ermüdungsprüfung. Bei Tetanus fand sich vei3
mehrte Resistenz, besonders bei maximaler Entspannung, meist vermehrt I
Resistenz bei maximaler Spannung, stark verminderte bis aufgehobene Spai l
nungsdifferenz. Ganz allgemein findet sich überall dort grössere Muskell
resistenz, wo grössere Kraft vorhanden ist, je kräftiger ein Muskel ist, ui|
so grösser ist seine Fähigkeit, seine Resistenz willkürlich zu steigern. Di
Prüfung mit dem ballistischen Elastometer entspricht den Befunden der Pa!
pation, die ihm an Feinheit aber überlegen ist. B a m b e r g e r - Kronaci'
Archiv fiir experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 98. Bl
5. u. 6. Heft.
G e s s 1 e r - Heidelberg: Ueber den Einfluss des Pyramidons auf dei
Stoffwechsel.
Untersuchungen vorwiegend an Tuberkulösen zeigten, dass da |
Pyramidon durch Herabsetzung der Wärmebildung und Steigerung de I
Wärmeabgabe entfiebert. Wenn die Temperatur einmal normal geworden ist!
kann Pyramidon den Wiederaristieg verhindern durch Unterbindung eine'l
erneuten Vermehrung der Wärmebildung. Zugleich werden mehrere Funkl
tionen des Stoffwechsels in charakteristischer Weise beeinflusst, sehr wahr!
schcinlich durch Wirkung auf das Zwischenhirn; Pyramidon bewirkt nämliclB
eine Herabsetzung des Eiweissumsatzes und Retention von Wasser und voi I
Kochsalz. Bei der Typhusbehandlung hat Verf. die gleichen Er I
fahrungen gemacht, wie sie aus der Moritz sehen Klinik in Strassburg bei
schrieben sind (s. Jacob, d. Wschr. 1910). Demgemäss wird an der Heidcll
berger Klinik Bäderbehandlung fast nur noch in den Fällen angewandt, iJ
denen Pyramidon versagt, also nur ausnahmsweise — gerade bei dieserl
Kranken bleibt aber nicht selten dann auch die Bädertherapie ohne Erfolg!
Bei schweren Tuberkulösen sieht man oft lästige Nebenwirkungen, manchmal
seltener nach Novalgin (1,5 — 2 g täglich), bei mittelschweren oft guten Erfolg]
schon mit geringen Mengen (0,5 — 1,0 g), gelegentlich auch dauernde Ent-P
fieberung.
H. Straus s, Popescu-Inotesti und R a d o s 1 a v - Halle: Zui
Frage der Parenchymverfettung.
Stüber und N a t h a n s o h n - Freiburg i. B.: Kolloidchemische Bei¬
träge zur Wirkungsweise einiger Diuretika. I.
Der erste Akt der Purinwirkung besteht in deren Eintritt in die Zellei
erkennbar an der Quellung, dann folgt der chemische Prozess der Ab-i
dissoziation von Ionen des hydratisierten Eiweisses, der kolloidchcmisclu|
Prozess der Entquellung der Zellkolloide infolge Aenderung der Ladung. Bei
Quellungsversuchen trat diese Quellung an der Nierenrinde stets auf. Dass
Mark wurde nicht gleichmässig verändert. Wenn in klinisch :n Fällen die
Purindcrivate versagen und Harnstoff noch wirksam ist, so kann er das nur'
tun, indem er primär intermolekular angreift und einen Diffusionsweg bahnt!
durch die enorm gequollenen Eiweissmolekel der Zelle hindurch. Die Wirk-p
samkeit bei Nephrosen wird bezogen auf die Beeinflussung der Plasmahaut.h
von der angenommen wird, dass sie sich im Flockungszustand befindet. Esl
ist somit die Harnstoffwirkung grundverschieden von der der Purinderivatc.i
Rosenthal und v. F a 1 k e n h a u s e n - Breslau: Beiträge zur
Physiologie und Pathologie der Gallensekretion. I. Mitteilung: Ueber eine1
quantitative Bestimmung der Gallcnsäuren in der menschlichen Duodenalgalle.j'
Die Verfasser beschreiben eine Methode, die mittelst der gasometrischeir
Methode nach van Slyke in Verbindung mit der Bestimmung des Gesamt-1,
Schwefels in der mit Alkohol enteiweissten Galle eine annähernd quantitative!
Bestimmung der Gallensäuren in toto und der Glykocholsäure und Taurochol-fe
säure im einzelnen in der Duodenalgalle befriedigend genau ermöglicht, j
Külz- Leipzig: Quantitative Untersuchungen über die Wirkung homo¬
loger quartärer aliphatischer Ammoniumbasen.
N o e t h e r - Freiburg i. B.: Quantitative Untersuchungen über das
Schicksal des Nikotins im Organismus nach Tabakrauchen.
Die von Fühner gefundene Methode der Nikotinbestimmung auf
pharmakologischem Wege mit Blutegeln, die noch Konzentrationen von
1 : 2 000 000 nachweist, gab die Möglichkeit vergleichend quantitativer Unter¬
suchungen auf Nikotin in den verschiedenen Organen und des Nachweises der
Ausscheidungsdauer im Harn. Beim Meerschweinchen war 6 Stunden nach,:
der subkutanen Injektion der eben erträglichen Nikotindosis die Hauptmenge1
bereits in den Harn ausgeschieden, der Dünndarm enthielt beträchtliche
Mengen (dessen Inhalt aber nur sehr wenig), geringere Leber und Lunge,
die Trachealschleimhaut war nikotinfrei. Beim Menschen betrug die Aus-1
scheidungsdaucr nach Rauchen einer Zigarre ca. 8 Stunden, schon nach
2 Zigaretten erschien Nikotin im Harn. Die Ausscheidungszeiten waren beim
Nichtraucher, Gewohnheitsraucher und starken Raucher gleich, auch letzterer
(Kettenraucher) wurde durch 12 stündige Karenz im Harn nikotinfrei.
Darnach ist Kumulation des Giftes im Körper unwahrscheinlich.
L. Jacob- Bremen. '
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 179. Band, 5. — 6. Heft.
Walther Sud hoff: Zur Kasuistik und Statistik der Schädelschüsse im
Heimatlazarett. (Aus der Chir. Univ. -Klinik Leipzig. Prof. Payr.)
Beobachtungen an 88 Schädelverletzten des Payr sehen Sonderlazaretts.
Die auffallend geringe Mortalität von 4,5 Proz. erklärt sich aus der Eigenart
des Materials, es handelte sich fast ausnahmslos um Nachoperationen unter
günstigen Vorbedingungen. Für die Deckung von Schädeldefekten wird die
Autoplastik gewöhnlich nach v. Hacker bevorzugt. Einmal wurden
2 grosse Zysten mit Fett-Faszienlappen gedeckt, trotz guten Anfangserfolges
Tod an Basalmeningitis, 2 mal Geschossentfernung mit Erfolg, Prolapse und
Abszesse hatten wie gewöhnlich die hohe Mortalität von 50 Proz. Von Folgen
schwerer Hirnverletzungen verhielten sich die operierten Epilepsien am
günstigsten: Seltenerwerden oder gar Verschwinden der Anfälle nach der
Operation. Die Meningitis serosa traumatica aseptica wurde mit druck¬
entlastenden Eingriffen (Lumbalpunktion, Balkenstich, Subokzipitalstich) erfolg¬
reich behandelt.
Lothar Heidenhain und Georg B. Gr über: Ueber kongenitale
Pylorusstenosen bei Erwachsenen. (Aus der chir.- Abt. des Städt. Kranken¬
hauses Worms und dem Pathol. Institut des Städt. Krankenhauses Mainz.)
Nach klinischen (FI e i d e n h a i n) und pathologisch-anatomischen
(G r u b e r) Beobachtungen a:i einem reichen kasuistischen Material scheinen
September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T.
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j cborene Pylorusstenosen bei Erwachsenen nicht selten vorzukornmen, die
| Jen ersten Lebensjahren durch kompensatorische Hypertrophie der Magen-
skulntur ausgeglichen werden, erst wenn die Kompensation versagt oder
i Pylorospasmus hinzutritt, tritt die Stenose in die Erscheinung. Eine
i erscheidung vom Ulcus ventriculi oder duodeni ist zurzeit nicht möglich.
| hypertrophisch-spastische Pylorusstenose der Säuglinge, die angeborene
: nose der Erwachsenen und das Ulcus beruhen wahrscheinlich auf derselben
istitutioncll-neurotischen Grundlage. Die beste Therapie für jeden Fall
I' deutlicher Pylorusstenose ist die Resektion des Pylorusringes.
Otto W i e m a n n: Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung des
,-okain-Suprarenins auf den Blutdruck. (Aus dem Pharmakol. Institut
af. Flur y] und der Cliir. Klinik der Universität Wiirzburg [Prof. Koni gl.)
Nach voraufgegangener intravenöser Suprarenininjektion wirkt die fol-
i de intravenöse Novokaininjektion blutdrucksteigernd, wenn sie zu einem
•punkte erfolgt, in dem die Suprareninwirkung noch vorhanden ist. Nach
! eklungener Suprareninwirkung wirkt die folgende Novokaininjektion nicht
tr blutdrucksteigernd, sondern sogar in geringem Grade blutdrucksenkend.
I Ergebnisse der Tierversuche erklären die beim Menschen nach Novokuin-
i rarenininjektion unter Umständen auftretende intensive Blutdruckstcigc-
|g •
G. L o t h e i s e n - Wien : Eine seltene Form von Darmzyste (Entero-
i tom im Blinddarm).
1 Die 21 jährige Pat. erkrankte mit Beschwerden in der rechten Untcr-
Ichgcgend, wo ein beweglicher Tumor nachweisbar war. Die Operation
ab eine faustgrosse Zyste, die ganz im Zoekum eingeschlossen war, vor-
igend mit Dickdarmschleimhaut ausgekleidet. Rcsectio ileocoecalis mit
transversostomie, Heilung. Gegen den II. Fötalmonat kommt es im Dünn-
|m und in seltenen Fällen auch im Dickdarm zu Epithelwucherungen, die
i als Knospen bezeichnet und die zu Divertikelbildung Veranlassung geben.
I d die Einschnürung am Halse eines solchen Divertikels immer enger, so
hs es zur Entstehung von Zysten kommen, wie sie Verf. operierte. Der
I ehr iebene Fall ist einzig in seiner Art.
Ferdinand C. L e e - Baltimore: Eine neue Methode zur aseptischen End-
.nd-Anastomose des Dickdarms. (Aus der Cliir. Universitätsklinik Heidel-
J. Prof. E n d e r 1 e n.)
Es handelt sich um zwei Röhrchen mit versenktem Meissei; die Röhrchen
i den mittels Darmumschnürungsfaden an den Darmenden, die zur Ver-
jgung kommen sollen, befestigt. Nach Anlegung der Serosanähte wird
;h Druck auf den Mcissel der Umschnürungsfadcn durchtrennt und so die
ptung hergestellt. Die Verengerung an der Anastomosenstelle ist bei
'fähiger Mechanik gleich Null.
, Ernst Wild: Vom schnellenden Knie. (Aus der I. chir. Abt. des Allg.
(nkenhauses Hamburg-Barmbeck. Prof. S u d e c k.)
Das Schnellphänomen des Kniegelenks beruht auf einem in Form oder
e veränderten Meniskus. Die Ursache der Veränderung ist entweder
I Trauma oder seltener ein krankhafter Gelenkbefund, der zu einer Stö-
t des Bewegungsablaufes führt. Exstirpation des Meniskus bringt Heilung.
I Hans St ein dl: Volvulus nach spastischem Ileus, Beitrag zur Aetioiogie
i spastischen Ileus. (Aus der II. chir. Universitätsklinik Wien. Prof,
c h e n e g g.)
! 6 läge nach hinterer anisoperistaltischcr Gastroenterostomie wegen
osierenden Ulcus am Pyiorus erneute Operation wegen Ileus. Es fand
ein Volvulus des Ileum, Drehung um 180°. Nach der Detorison zeigt
das untere Drittel des Ileum starr kontrahiert. Erst nach 10 Minuten
mg der Starre, Ileostomie, Exitus nach 12 Stunden. Der tetanische
I »Pf des Darms mit dem Passagehindernis soll den Grund gegeben haben
I Bildung des Volvulus. Die histologische Untersuchung der Medulla ob-
I ata erab „schwere Veränderungen entzündlichen und destruktiven Cha-
lers in der Substantia reticularis“. Der Befund wird mit dem Spasmus
(Zusammenhang gebracht.
Hans May: Ein Fall von isolierter Stichverletzung der Gallenblase.
; dem Stadt. Krankenhaus Landau-Pfalz. Dr. Oskar Orth.)
Operation 9 Stunden nach einer Stichverletzung, es fand sich ein Ein-
Ausstich an der Gallenblase. Zystektomie, glatte Heilung.
H. F 1 ö r c k e n - Frankfurt a. M.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 34.
L. Handorn - Heidelberg: Zur Frage der Bewertung der Sero-
i nostik der Syphilis in der Schwangerschaft.
■ Aus der Heidelberger Univ.-Frauenldinik, die sich wiederholt um die
ung des Problems der Wertung der serologischen Luesdiagnostik in
•idität und intra partum bemüht und insbesondere vor kurzem eine
sere Arbeit in Verbindung mit der serologischen Abteilung des Krebs-
Fhungsinstitutes veröffentlicht hat, berichtet Verf. nun über 72 Blutproben
151 sicher gesunden Frauen, wobei die Untersuchungen durch ver-
;dene Institute erfolgten. Nur einmal gab es einen schwach positiven
I all, der vom Kliniker aber nicht als genügend zur Einleitung einer anti¬
schen Therapie angesehen worden wäre. Verf. weist nebenher auf das
mma hin, dass man entweder sehr charakteristische, aber nicht so
I iudliche, oder sehr empfindliche, aber dafür u. U. einmal unspezifischc
Ltion in Kauf nehmen muss. Ergebnis: Die Reaktion ist auch unter der
I irt als zuverlässig und brauchbar anzusehen, was dadurch, dass
stark positiver Ausfall bei 72 Proben von gesunden Frauen nie
I .'treten, erwiesen wird.
L. Schoenholz (Frauenklinik Düsseldorf): Eine seltene Dermoid-
luig des Ovariums mit aussergewöhnlicher Entwicklung des Entoderms.
I Verf. berichtet über ein Dermoidkystom des Ovars, bei dem nach müh-
i r Lösung des Tumors aus vielen Verwachsungen eine vom Tumor aus-
I nde und in ihm wieder verlaufende Darmschlinge als nur dem Tumor
hörig sich herausstellte. Die ausführliche, mit Abbildungen versehene
it gipfelt in der pathologisch-anatomischen Erwägung, dass, während
t gerade das Zurückstehen der entodermalen Einschlüsse für das
'daidermoid charakteristisch ist, hier das Entoderm die zwei anderen
liblätter an Entwicklung überflügelt hat.
Conrad (Rudolf-Virchow-Krankenhaus Berlin): Zur Behandlung der
iperalen Sepsis mit Yatren-Kasein und Strepto- bzw. Staphylo-Yatren.
Unter 40 hochfieberhaften Fällen von puerperaler Sepsis nach Geburt
'Abort hatten 32 positiven Blutbefund und cs wurde nun -je nach diesem
|nd Staphylo- oder Strepto-Yatren injiziert. Methode: Zuerst 2 ccm einer
' 11 K von 2'/i proz. Yatren und 5 proz. Kasein jeden 2. Tag, bei zu starker
Reaktion nur 1 cctn. Dann nach Feststellung des Blutbefundes entweder
Staphylo- oder Strepto-Yatren, 2'A ccm jeden 2. Tag intravenös. Ausführ¬
liche Tabellen bringen vorangegangene Eingriffe, Blutbefund, Verlauf, Kom¬
plikationen. Verf. kommt zum Schluss, dass trotz der schwierigen Unter¬
scheidung zwischen post und propter hoc doch in einigen Fällen prompt ein
kritischer Abfali eingetreten sei, den er dem Mittel zuschreiben müsse, so
dass er dessen Anwendung empfiehlt, zumal es ungefährlich sei, ohne
Nebenwirkungen und exakt dosierbar. — Für den Praktiker von besonderem
Interesse ist die Erwähnung eines hochfieberhaften Falles von inkomplettun
Abort, wo unmittelbar nach digitaler Entfernung der Plazenta Abfall auf 36,5
cintrat, um dauernd anzuhalten. Verf. sieht hierin die Bestätigung des von
B u m m und Warnekros wiederholt vertretenen Standpunktes, dass die
Beseitigung der lokalen Infektionsquelle wohltätig ist,
weil sie die weitere Ucberschwemmung des Körpers mit Keimen hindert.
A. Hillejan (Auguste-Viktoria-Krankenhaus Schöneberg): Ueber einen
Fall voii Eventratio sive Relaxatio diapliragmatica bei einem Neugeborenen.
Die Fälle der Eventratio diaphragmatica kann man seit Anwendung der
Röntgenuntersuchung von Situs inversus oder Dextrokardie leicht, von
Hernia diaphragmatica auch mit ziemlicher Sicherheit unterscheiden. Die
klinischen Symptome sind Atemnot, Herzklopfen, Aufstosscn, Erbrechen,
selbst Bewusstlosigkeit. Bei dem von Verf. beschriebenen Fall war die
rechte Herzgrenze rechts von der Mamille, die linke vom Sternum überdeckt,
das linke Zwerchfell in Höhe der II.— III. Rippe, neben der Magenblase im
Thoraxraum mit Kontrastbrei gefüllte Darmschlingen erkennbar. Der Fall
wurde durch Beobachtung während % Jahren und wiederholte Durch¬
leuchtung sichergestellt. Prognostisch ist die Eventratio nicht so ungünstig
wie die das sichere „Todesurteil“ bedeutende kongenitale Hernia dia¬
phragmatica. Robert Kuhn- Karlsruhe.
Zeitschrift für Kinderheilkunde. 35. Band. 5. u. 6. Heft.
H. Davidsohn und S. Rosenstein - Berlin: Stuhluntersuehiingcn
bei initialer Diarrhöe.
Die initiale Diarrhöe ist das Symptomenbild einer durch exogene Schäden
hervorgerufenen Funktionsstörung im Dickdarm. Bei 15 Säuglingen vor¬
genommene Untersuchungen der Stuhlreaktion ergaben im Stadium der Er¬
krankung eine durchschnittlich erheblich saurere Reaktion als im Stadium guter
Stuhlbildung. Aus diesen Befunden lässt sich die Bedeutung der gärungs¬
dämpfenden Heilnahrung für die Behandlung der initialen Diarrhöe erkennen.
W. G r e u t e r - Zürich: Die Blutgerinnungszeit bei Icterus neonatorum.
Prüfung der Gerinnungszeit des Blutes in der 1. Lebensdekade an Hand
von Serienuntersuchungen. Beim älteren Säugling und beim nicht ikterischen
Neugeborenen konnte Verf. die gleiche Gerinnungszeit wie beim Erwachsenen
(4/4 5/4 Min.) feststellen. Beim ikterischen Säugling dagegen trat in zirka
75 Proz. der untersuchten Fälle eine nicht immer mit der Intensität des Haut-
ikterus parallel gehende deutliche Gerinnungsverzögerung von 5 % bis zu
7/2 Min. ein, die durchschnittlich ihr Maximum am 3. Lebenstag erreichte und
am 8. bis 9. Tag wieder zur Norm zurückkehrte. Als Ursache der Gerinnungs¬
verzögerung kommt eine funktionelle Minderwertigkeit des Leberparenchyms,
hervorgerufen durch vom Darm ausgehende Toxine, in Betracht.
W. S c h e f f e r - Charlottenburg: Scharlach im Säuglings- und Klein¬
kindesalter.
Bericht über eine Mischinfektion von Varizellen und Scharlach bei acht
6—27 Monate alten Kindern. Auftreten des Scharlachs 3—19 Tage nach Be¬
ginn der Varizellenerkrankung auf der Keuchhustenstation, die vor 5 Jahren
der Unterbringung Scharlachkranker gedient hatte. Mit Hilfe des Auslösch¬
phänomens konnte die Diagnose in eindeutiger Weise gesichert und ein Vari¬
zellenrash ausgeschlossen werden.
W. Scheffer- Charlottenburg: Beitrag zur Differentialdiagnose der
Röteln mit besonderer Berücksichtigung des Auslöschphänomens.
In einer Reihe von Rötelnfällen, deren Diagnose durch das charakte¬
ristische Blutbild sichergestellt wurde, konnte das Rötelnexanthem in keinem
Fall direkt d. h. durch Injektion von Normal- resp. Scharlachrekonvales¬
zentenserum - ausgelöscht werden. Mit Rötelnfrühserum dagegen erzielte
Verf. auf indirektem Wege bei Scharlachtestexanthemen in 88,9 Proz. der
Fälle ein positives Auslöschphänomen.
H. Pogorschelsky - Breslau: Zur Frage des Auftretens von „Skor¬
but beim Brustkind“.
Mitteilung eines jener seltenen Fälle von Skorbut bei einem Brustkind,
dessen Mutter während des Stillens von einer Nahrung lebte, die in erster
Linie einen Mangel an Butter, Fett und Milch aufwies. Verf. weist auf
gewisse Unterschiede hin, die sich in dem Auftreten der Krankheitserschei¬
nungen zwischen dem Skorbut des Brustkindes - — sowohl in seinem Fall
wie auch bei den in der Literatur beschriebenen Fällen - — - und dem Skorbut
künstlich genährter Säuglinge geltend machen, und die vor allem in der Art
der Knochenveränderung, der Zeit des Auftretens und der weniger prompten
Reaktion auf antiskorbutische Therapie zum Ausdruck kommen. Vielleicht
liegen in derartigen Fällen neben dem Mangel an Vitamin C. noch andere De¬
fekte in der . Brustnahrung vor. z. B. ein Mangel an dem fettlöslichen Vita¬
min A, die in Verbindung mit einer gewissen individuellen Disposition des
Patienten dieses Krankheitsbild zur Auslösung bringen.
B. Schick und R. Wagner- Wien: Ueber eine Verdauungsstörung
jenseits des Säuglingsalters (Atrophia pluriglandularls digestiva).
Bericht über den Verlauf eines bereits publizierten Falles sowie Mit¬
teilung von drei weiteren ähnlichen Krankheitsbildern. Diese Zustände stellen
einen bereits von H e r t e r, Heubncr u. a. erkannten Symptomenkomplex
dar und pflegen im Anschluss an eine allzu lange fortgesetzte Schonungsdiät
nach einer Magen- oder Darmaffektion aufzutreten. Die Schonungsdiät führt
nach Ansicht der Verfasser infolge ungenügender Inanspruchnahme der Ver-
dauungsergane zu cinei Toleranzschädigung und einer schweren Beeinträchti¬
gung ihrer Funktionen, als deren Folge wir die Symptome der „Verhunge-
rung“ auftreten sehen. Diese Verhungerungserscheinungcn treten durch hoch¬
gradige trophische Störungen der Haut, Nägel und Schleimhäute, durch
Oedeme, Hautblutungen, Xerophthalmie etc. klinisch in Erscheinung, und zwar,
da die Nahrung nicht nur in quantitativer sondern auch in qualitativer Hinsicht ■
unzureichend ist, zum Teil in der Form der klassischen Avitaminose. In 2
letal endigenden Fällen fand sich bei der Obduktion eine hochgradige Atrophie
des Thymus und der Schilddrüse, der Nebennieren und des Pankreas, eine
Atrophie der Darmschleimhaut sowie Verfettung der Leber. Verff. schlagen
vor, dem Krankheitsbild den Namen „Atrophia pluriglandularis digestiva“ zu
geben. Eine Uebungstherapie und keine Schonungstherapie des innersekre¬
torischen Drüsenapparates zur Wiederherstellung der Gesundheit ist geboten.
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MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
J. W i 1 1 m a n n - Wien: Beitrag zur Klinik der Erythrodermia des-
quamatlva (Leincr).
Verf. stimmt auf Grund der klinischen Abgrenzbarkeit der Erscheinungen
mit der Ansicht Leiners überein, dass die Erythrodermie als eine Krank¬
heit sui generis aufzufassen ist, und nicht in das Gebiet der exsudativen Dia-
these fällt. Gewisse klinische Erscheinungen sprechen dafür, dass es sich bei
diesem Krankheitsbild um eine Avitaminose handeln könne, andererseits ist
die Möglichkeit, dass eine Infektionskrankheit vorliegt, nicht von der Hand
zu weisen. Brustmilchnahrung als solche kann nicht als Ursache der Erythro¬
dermie aufgefasst werden. Der Prozentsatz der Brustmilchkinder (75 Proz.
in der vorliegenden Arbeit) scheint nur darum zu hoch, weil die Krankheit
vorwiegend in die ersten Lebenswochen fällt, wo die Kinder gewöhnlich noch
gestillt werden.
F. M ü 1 1 e r - Frankfurt a. M.: Ueber das Pufferungsvermögen der Kuh¬
milch.
Kurze Erörterung der theoretischen Grundlagen der Puffer. Anschliessend
daran Untersuchungsergebnisse der Pufferung der Kuhmilch auf Grund genauer
elektrometrischer Titrationskurven. (Weiteres s. i. Origin.)
H. B e u m e r - Königsberg: Zur Kenntnis der Schutzwirkungen des
Cholesterins.
Bei lipoidgemästeten Meerschweinchen trat nach Einwirkung von Chloro¬
formdämpfen die Narkosewirkung 6 — 8 Minuten später auf als bei den Kon¬
trollen. Nach Injektion von letalen Diphtherietoxindosen trat bei 2 seit
einigen Wochen mit Cholesterin gefütterten Meerschweinchen der Exitus um
4 Tage, resp. 27 Stunden später ein als bei den Kontrollen; bei einem dritten
Versuchstier war die Verzögerung weniger deutlich. Bei den an Diphtherie¬
toxinvergiftung gestorbenen Kontrollen war der Cholesteringehalt in Neben¬
nieren, Leber, Serum und Milz stark vermindert, zum Teil bis auf Spuren
verschwunden. Bei allen Cholesterintieren jedoch war nach der Diphtherie¬
toxinvergiftung noch ein gegenüber der Norm vielfach vermehrter Cholesterih-
überschuss nachzuweisen. Die Cholesterinspeicherung findet in erster Linie
im retikulo-endothelialen Apparat statt und ruft dort eine physikalische
Fremdkörper- und Reizwirkung unspezifischer Art hervor, die zu einer Stei¬
gerung der Abwehrkräfte des Organismus führt.
H. B e u m e r - Königsberg: Der Adrenalindiabetes unter der Einwirkung
verschiedener Salze.
Verf. konnte bei Säuglingen unter bestimmten Versuchsbedingungen durch
Adrenalininjektionen eine temporäre diabetische Azidose mit Hyperglykämie,
Glykosurie und Ketonurie hervorrufen. Es gelang nicht, durch Darreichung
von Nutriumbikarbonat, die den Urin bis zum Ende des Versuchs stark alka¬
lisch machte, diese Adrenalinwirkung abzuschwächen. Verfütterung von Sal¬
miak dagegen bewirkte eine Hemmung aller Adrenalinwirkungen unter Herab¬
setzung der Hyperglykämie, Glykosurie und Azetonurie. Durch Zufuhr von
Na* H . P . O4 wurde die Adrenalinhyperglykämie oft, die Glykosurie immer
stark herabgesetzt.
G. I s e k e - Düsseldorf : Zur Aetlologie der S t i 1 1 sehen Krankheit.
Mitteilung eines Falles, der in typischer Weise den Symptomenkomplex
der Still sehen Krankheit darbot. Aus Endokard, Milz, Lunge und Mittel¬
ohr wurde Streptococcus viridans fast in Reinkultur gezüchtet. Dieser Be¬
fund könnte an eine Endocarditis lenta denken lassen, doch standen im vor¬
liegenden Fall die Erscheinungen von seiten des Herzens nicht genügend
stark im Vordergrund. Vielleicht besteht aber doch ein Zusammenhang zwi¬
schen Still scher Krankheit und Endocarditis lenta.
Kasuistische Mitteilungen.
H. Putzig- Berlin:
I. Zur Symptomatologie des Pylorospasmus.
Verf. beobachtete in vielen Fällen von Pylorospasmus eine gleichzeitig
bestehende starke Doüchozephalie mit Opisthotonushaltung.
2. Zur Differentialdiagnose von Thymushyperplasie und kongenitalem
Stridor.
Mitteilung eines Falles von Kehlkopfmissbildung mit Stenose bei einem
Säugling, die auf Grund der Röntgenaufnahme irrtümlich als Thymushyper¬
plasie gedeutet wurde, und bei der ein akuter Infekt zum vollständigen Ver¬
schluss und Erstickungstod führte. Vorsicht mit der Deutung des Röntgen¬
bildes betreffs der Diagnose Thymushypertrophie ist geboten; das breite
Gefässband des Säuglings kann leicht als Thymus gedeutet werden.
3. Zur Frage der Hautempfindlichkeit nach Pockenimpfung.
Verf. sah bei 3 Kindern am 7. bis 9. Tag nach der Impfung unter dem
gewöhnlichen Leukoplastschutzverband eine Dermatitis auftreten. In einem
der Fälle entwickelte sich gleichzeitig unter einem bereits 10 Tage sitzenden
Nabelverband eine äusserst starke Dermatitis. In diesem Vorgang können wir
einen neuen Beweis für die starken „Umstimmungsvorgänge“ erkennen, die
sich während der Pockenimpfung in der ganzen Haut abspielen, und die auch
das Auftreten anderer Hauterscheinungen, wie z. B. Strofulus etc., nach
der Impfung erklären.
J. B e d ö - Szegedin: Zur der Frage der Keuchhustenbehandlung.
Verf. behandelte mit gutem Erfolg verschiedene Fälle von Pertussis mit
subkutanen oder intramuskulären Injektionen von Aether depuratus oder
Aethercamphor. Bei der grossen Schmerzhaftigkeit des Verfahrens ist seine
Anwendung nur in sehr schweren Fällen oder bei Tuberkulosegefahr ge¬
boten. v. Seht- München.
Monatsschrift für Kinderheilkunde. Bd. XXV. H. 1 bis 6. Fest¬
schrift für Adalbert Czerny.
Ein stattlicher Band der Monatsschrift, Adalbert Czerny zu seinem
60. Geburtstage gewidmet von Freunden und Schülern, bringt 59 Arbeiten,
zum grösseren Teile der deutschen, in nicht geringer Zahl aber auch der
internationalen Kinderheilkunde. Auf Wunsch der Redaktion werden nur
einige Arbeiten aus der Menge referierend herausgehoben, ohne dass damit
ein Werturteil über die nicht referierten Themen ausgesprochen sein soll.
A. B ä 1 i n t - Berlin: Ueber die Alkaleszenz des Liquor cerebrospinalis
im Säuglingsalter.
Bei zerebralen Prozessen geht die Azidose des Liquors mit der des
Blutes nicht parallel; aus der Azidose des Liquors kann man im übrigen in
der Regel auf eine allgemeine Azidose schliessen.
J. B e r n h e i m - K a r r e r - Zürich: Experimentelle Beiträge zur Koli-
infektion des Dünndarms.
Bis jetzt fehlt eigentlich ein zwingender tierexperimenteller Beweis für
die grosse Rolle, welche gegenwärtig von vielen Autoren der Kolibesiedelung
des Dünndarms bei der Auslösung der akuten Ernährungsstörungen des Säug¬
lings zugeteilt wird.
Nr. 3
G. Bessau, S. R 0 s e n b a u m - Leipzig und B. L e i c h t e n t r i 1 1
Breslau: Beiträge zur Säuglingsintoxikation. IV. Mitteilung: Das Intox
kationssyndroin bei Infektiösen Zuständen.
Infektiöse Zustände, die mit dem Intoxikationssyndrom (I.-S.) einhe
gehen, beschränken sich weder auf bestimmte Lebensmonate noch auf b
stimmte Jahreszeit. Die dabei beobachteten Temperaturstörungen werden
der Regel durch die infektiöse Noxe bestimmt. Die grosse Atmung wird m
ausnahmsweise durch bakterielle Infektion bedingt. Auch bei infcktiösi
Zuständen hängt das I.-S. von der Nahrungszufuhr ab; die Exsikkation spie
dabei eine grosse Rolle. Mit der gleichen Konstanz wie bei den aliment.
bedingten Intoxikationen findet es sich bei der infektiösen Laktosurie. AI
Ursache des Wasserverlustes kommen Durchfälle und erhöhte Wasserabgat
durch die Lunge und Erbrechen in Frage. Der Komponente des I.-S.s i
Vergiftungsbilde der infektiösen Intoxikationen ist durch Bekämpfung di
Wasservcrlustes entgegenzutreten.
W. B i r k - Tübingen: Zur Frage der Veränderungen der Frauenmilt
während des Stillens.
C. E. B 1 0 c h - Kopenhagen: Der fettlösliche A-Stoff und die Rachitl
Die klinische Rachitis scheint nicht auf einem Mangel des Organisrat
an A-Stoff oder auf Mangel an A-Stoff in der Nahrung zu beruhen.
Johann v. Bokay-Pest: Neue Beiträge zum Wert der Transparen
Untersuchung nach Strasburger bei chronischem Hydrocephalus internu
(Mit 6 Abbildungen.)
Alex. B r i n c k m a n n - Kristiania: Ueber die Chlornatrlumausscheidur
bei Kindern mit exsudativer Diathese.
Joachim C a s p a r i - Berlin: Diagnostische Probleme bei der Lungei
tuberkulöse des Kindes.
Berthold Epstein- Prag: Die unspezifische Serumbehandlung im Säu,
llngsalter.
£. Fe er -Zürich: Kropf herz und Thymushenz der Neugeborenen ur
Säuglinge.
Der endemische Kropf der Neugeborenen und Säuglinge führt oft :
einer erheblichen Vergrösserung des Herzens. Das Kropfherz wird durc
die Kropfnoxe erzeugt und geht auf Jodbehandlung zurück. Thymushype
plasie bzw. Status thymico-lymphaticus führen an sich häufig zu leichte
Hcrzvergrösserungen. Das häufige Zusammentreffen von Kropf und grosse
Thymus beim Säugling erklärt die besondere Grösse des Kropfherzens
diesem Alter. Grosser Thymus bei jüngeren Säuglingen kann im Röntgenbi
ein grosses Herz vortäuschen.
H. Finkeistein und P. Sommerfeld - Berlin: Zur Pathogene:
des Säugüngssklerems.
Ausser den Fetterscheinungen sind wohl noch Zustandsveränderung;
der Gewebskolloide zu berücksichtigen.
Rudolf Fi sc hl -Prag: Zur Frage der P r 0 f e t a sehen Immunität.
Wir haben nicht das Recht, die zuerst von P r 0 f e t a behaupte
Immunisierungsmöglichkeit der Kinder florid-luetischer Mütter zu leugm
und sein Gesetz analog dem C 0 1 1 e s sehen als unrichtig zu erklären ui
müssen unser praktisches Handeln darnach einstellen.
Max Frank-Prag: Untersuchungen des Liquor cerebrospinalis b
kongenitaler Lues.
A. F r a n k - Leipzig: Ueber die Folgen einseitiger Vitamiiniberfütteruii
(Faktor A) und ihre Korrektur durch Herstellung einer bestimmten Korrelatir
der Vitamine (A : B + C).
Walter F r e u n d - Breslau: Zur Frage der Infektionsverhütung in
stalten.
Empfiehlt ein Boxensystem mit „Ventilationsdämpfung“.
Theodor F r ö 1 i c h - Kristiania : Ueber die praktische Anwendbarke
der Vitamintherapie.
E. Glanzmann-Bern: Die Rolle der akzessorischen Wachstum
faktoren (Vitamine A und B) bei der Biochemie des Wachstums.
Versuch, die Betrachtung der Wachstumsvorgänge besonders in kolloh
chemischer Hinsicht zu vertiefen und die Rolle der akzessorischen Wach
tumsfaktoren zu umschreiben. Als zentrales Problem wird das der Wasser
bindung durch die Kolloide geschildert.
Friedrich 0 ö p p e r t - Göttingen: Beiträge zur Kenntnis der Nase
diphtherie.
Die Rhinoskcpie ist die massgebende Untersuchungsmethode zur Dil
gnose der Nasendiphtherie; sie wird durch die bakteriologische Untersnchml
ergänzt und kontrolliert. — Rhinitis atrophicans wird als Folgeerscheinui?
von Diphtherie geschildert.
E. G 0 r t e r - Leiden: Zur Pathogenese und Therapie des Mehlnält
Schadens.
Grävinghoff - Magdeburg: Zur Pyuriefrage.
Julius Grösz-Pest: Ueber Tuberkulose im Kindesalter, der«
spezifische Diagnostik und Therapie. Empfehlung der Tuberkulinbehandlunf
Richard H a m b u r g e r - Berlin: Weitere Erfahrungen mit Buttermel
nahrung.
Paul Heim- Pest: Die Veränderung des weissen Blutbildes auf Gelati
injektionen bei tuberkulösen Kindern.
Povl H e r t z - Kopenhagen: Tuberkulinuntersuchungen bei Kindern.
John Howland und Benjamin K r a m e r - Baltimore: A Study of tl
Calcium and Inorganic Phosphorus of the Serum in Relation to Rickets ai
Tetany.
Christen J 0 h a n n e s s.e n - Christiania: Kasuistische Mitteilungen zi
Beleuchtung der O 1 1 i e r sehen Wachtstumsstörung.
P. K a r g e r - Berlin: Suggestivbehandlung und heilpädagogischer B
dingungsrefiex.
R. P. van de Kasteele - Haag: Erfahrungen aus der Milchküche ir
Buttermehlnalirung unter den Säuglingen des Fischerdorfes Schevcningen.
H. K 1 e i n s c h m i d t - Hamburg: Zur Lehre vom Habitus asthenlci
im Kindesalter.
Beschäftigt sich vor allem mit der Thoraxform, dem Stiller sclm
Kostalzeichen, dem Plätschergeräusch des Magens, dem Röntgenbild und d>
Beziehungen des genannten Habitus zu Lymphatismus und Tuberkulose.
Kj. Otto af K 1 e r c k e r - Lund: Zur Kenntnis des Stoffwechsels, b
sonders des Mineralstoffwechsels bei Osteogenesis imperfecta.
Wilhelm K n ö p f e 1 m a c h e r - Wien : Schutzimpfung gegen Varizellc
Es gelingt bei Varizellen durch Ueberimpfen des Blaseninhaltes loka
Bläschenbildung zu erzeugen (Varizcllisation). Der Inhalt der Impfbläsch
ist weiter verimpfbar; wahrscheinlich kann auch ein Allgemeinexanthem e
. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1211
ugt werden. Die Varizellen können hiedurch weiterverbreitet werden,
•r Impfschutz tuch lokaler Impferkrankung muss nicht vor dem 19. Tag in
scheinung treten. Wiederimpfung bleibt bei erfolgreich Varizellisiertcn
e bei Kindern, die Varizellen überstanden haben, negativ.
N. K r a s n o g o r s k i - Woronesch: Der Schlaf und die Hemmung.
Cornelia de L a n g e - Amsterdam: Lieber einige bemerkenswerte Tem-
raturkurven.
Richard L c d e r c r - Wien : Zur Pathogenese der Spasmophllie.
Arbeitshypothese: Die "kindliche Spasmophilie ist eine Konstitutions-
nmalie, bedingt durch eine primäre Störung des Gleichgewichts der freien
kali- und Erdalkaliionen mit starkem U eberwiegen der crstcren.
nderung der PH -Konzentration von Blut, Säften und Gewebe. Erscheinen
n giftigen Stoffwechselprodukten sind erst dadurch sekundär bedingt. Ob
: Störung des lonengleichgewichtes endokriner Natur ist, wäre auch noch
dzustellcn.
K. L e w k o w i c z - Krakau : Die epidemische Genickstarre.
Die epidemische Genickstarre ist ihrem Wesen nach keine Meningitis,
. ndern eine Chorioependymitis.
Carl L o o f t - Bergen: Die geistige Entwicklung rachitischer Friih-
burten.
W. Mc. Kim M a r r i o t - St. Louis, Mo.: Zur Kenntnis der Ernährungs-
irungen des Säuglingsalters.
Enrico Mensi-Turin: Endokrines System und vegetatives Nerven-
stem in der Klinik der Kinderkrankheiten. 2. Mitteilung: Das Gesetz
ess-Eppinger.
L. F. M e y e r - Berlin: Die skorbutische Diathcse.
Zum Ausbruch des Skorbuts müssen sich drei Bedingungen vereinigen:
wesentliche (Alter und Konstitution), wesentliche (Infekte) und spezifische
vitaminosen).
M o n r a d - Kopenhagen: Zur Behandlung der akuten toxiinfektiösen
istroenteritis mit besonderer Bezugnahme auf die heilsame Wirkung einer
otrahierten Wasserdiät.
E. M o r o - Heidelberg: Ueber den neotenischen Charakter des Myx-
ems. Eine klinisch-biologische Betrachtung.
Neotenie = Erhaltenbleiben von Jugendzuständen über die Geschlechts-
fe hinaus. „Den vorliegenden Erörterungen kommt im wesentlichen
frierender Charakter zu“ (experimentelle Zoologie).
Karl M o s s e - Berlin: Die Hypnose im Kindesalter. I. Mitteilung.
Ueberall dort, wo wir uns beim Kinde bei der Anwendung der Hypnose
f posthypnotische Wirkungen verlassen müssen, leistet sie Unsicheres; wo
5 Wirkungen in der Hypnose selbst erreicht werden, ist ein therapeutischer
folg wahrscheinlich (Hypnose als Ruhezustand oder als Rahmen einer
■bungstherapie).
A. 0 r g 1 e r - Neukölln: Beobachtungen an Zwillingen. 3. Mitteilung.
Albrecht P e i p e r - Berlin: Ueber den Turraschädel.
Julius P e i s e r - Berlin: Körperbau und Tuberkulose beim Kind.
Valdemar P o u I s e n - Kopenhagen: Erfahrungen mit der Czerny-
leinschmidt sehen Buttermehlnahrung.
Kornöl P r e i s i c h - Pest: Zu dem Problem der Tuberkuloseheilung.
Nicht spezifische Behandlung mit H2O2 bei chirurgischen Tuberkulosen
naler Art, aber auch beim Empyem.
H. S c h e 1 b I e - Bremen: Ist bedeutende Verringerung der Todesfälle
Diphtherie im Kindesalter möglich?
Antwort: Im wesentlichen durch wirksamere Gestaltung der Prophylaxe
ehring-S c h u t z impfung und Volksaufklärung).
Er. Schiff und H. E 1 i a s b e r g - Berlin: Icterus simplex.
Eingehende Studie, zum Referat nicht geeignet.
Arnold S c h i 1 1 e r - Karlsruhe: Ein Fall von autochthoner Malaria im
ndesalter. (Ein Beitrag zur Frage der Ueberwinterung malariainfizierter
1 icken.)
Ernst Slawik-Prag: Die Nebenwirkungen des Salvarsans.
Meist harmloser Natur; bei fieberhaften Prozessen eine Gefahr für die
uglinge, auch bei der Dekomposition zu fürchten.
K. Spiro- Basel: Ionengleichgewicht und Transmineralisation.
Es ist nicht ausreichend, beim Studium irgendeines Mineralstoffwechsels
r solche Ionen zu berücksichtigen, mit denen das Ion in chemische
jechselwirkung tritt. Da es das gesamte Ionenmilieu ist, das für die
tigkeit der Zelle massgebend ist, müssen nicht nur die jeweils reaktions-
ligen, sondern alle für die Zelle wichtigen Ionen berücksichtigt werden.
:rade die durch physikalisch-chemische Studien ergründete
hre vom physiologischen Ionengleichgewicht führt so dazu, in der Trans-
neralisation, zu der im weiteren Sinne auch die von der Czerny sehen
hule studierte Ammoniumbildung gehört, einen feinsten Regulations-
'xhanismus des Organismus zu sehen.
Franz S t e i n i t z - Breslau: Ueber Urotropinzystitis bei Scharlach.
Anführung von 7 Fällen. „Das Urotropin muss jedenfalls als ein
ferenteres Mittel betrachtet werden, als bisher geschehen ist.“
F. S t 0 1 1 e - Breslau: Zur Toxikosefrage.
Die Toxikose ist vermutlich hervorgerufen durch physikalisch-
te mische Veränderungen (in Haut, Hirn, Leber, Niere, Darm und Mus-
latur), die zu einer allgemeinen schweren Protoplasmaschädigung führen.
Felix v. S z 0 n t a g h - Debreczin: Ueber Genius epidemlcus et loci.
Eine Fülle von Einzelheiten, zum Referat ungeeignet.
Fritz B. T a 1 b 0 t - Boston, Mass.: Metabolism Study of a Case
nulating premature Senility. (With 2 Photos.)
Studien an einem Fall (12 jähr. Kind), der vollkommen abweicht von den
kannten Beobachtungen von Progeria.
H. Vogt, G. Piltz und Ad. Gatersleben - Magdeburg: Ueber
J Häufigkeit der Lungentuberkulose im Schulalter.
Richard W e i g e r t - Breslau: Praktische Erfahrungen zur Aetiologie
d diätetischen Therapie der Prurigo infantum.
Die Prurigo, Teilerscheinung der exsudativen Diathese, schliesst sich
ufig an an fieberhafte Erkrankungen der jungen Säuglinge, an die Pocken-
mtzimpfung, an die Ueberfütterung, vor allem mit Zucker und Ei, an Sol-
d Seebäder. Diätetische Massregeln können demgemäss das Neuauftret^n
r Prurigo meist verhindern, gegen das bereits aufgetretene Leiden gibt es
ine medikamentöse Massnahme.
Wilh. W e r n s t e d t - Stockholm: Ungelöste Probleme in der Pylorus-
■nosefrage. (Zugleich ein Beitrag zur Kasuistik der kongenitalen supra-
pillären Duodenalstenose.)
Es ist zu unterscheiden zwischen dein (intermittierenden) Pyloro-
spasmus und der spastischen Pyloruskontraktur (= spastische Pylorus¬
stenose), zwischen denen es fliessende Uebergänge gibt. Die Hypertrophie
ist in der Regel eine sekundäre Arbeitshypertrophie.
Albert Uffenhcimer - München.
Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 101. Heft 3 u. 4.
Reinhold Rühle: Zur Pathogenese der akuten alimentären Ernährungs¬
störungen. X. Mitteilung. Eiweiss und Gährung. (Aus den Kinderkliniken
der Universitäten Marburg und Leipzig. Dir.: Prof. G. B e s s a u.)
Experimentelle Untersuchungen, welche ergaben, dass die Bakterien
(Coli) im eiweissreichen Nährsubstrat mehr Säure bilden, deren Bindung
an Eiweiss sie für die Darmschlcimlraut unschädlich macht, wobei allerdings
noch aufzuklären bleibt, wodurch es seine ausgesprochen antidyspeptische
Wirkung entfaltet. Zur Klärung dieser Frage sollen weitere Untersuchungen
in Angriff genommen werden.
Kurt Sehe er und Fritz Müller: Zur Physiologie und Pathologie
der Verdauung beim Säugling. I. Mitteilung: Azidität und Pufferungsver¬
mögen der Fäzes. (Aus der Universitätskinderklinik in Frankfurt a. M.
Dir. : Prof. v. M e 1 1 e n h e i m.)
Die Verf. fanden, dass die Azidität der Fäzes, ausgedrückt in Prozent,
abhängig sei von der Art der Nahrung — Frauenmilch und Nahrungen
mit viel schwerer resorbierbarem Zucker bewirken saure, Kuhmilch¬
mischungen oder Frauenmilch mit viel Zusätzen von puffernden Substanzen,
mehr alkalische Stühle. Zahlreiche Stühle an einem Tage pflegen sauer, sel¬
tene alkalischer zu sein. Das Pufferungsvermögen der Fäzes ist u a ab¬
hängig 1. vom Puffergehalt der Nahrung, 2. von der Länge des Darmaufcnt-
haltes.
Stefan E d e r e r und Eugen Kramär: Untersuchungen über Azidose
und Hyperglykämie in dem toxischen Symptomkomplexe des Säuglingsalters.
(Aus der Kinderklinik der Kgl. ungarischen Elisabeth-Universität, derzeit
im Weissen Kreuz-Kinderspital zu Pest. Dir. Prof. Paul Heim und dem
physiologischen Institut daselbst. Dir.: Prof. Geza Farkas.)
Nach den bei 20 Fällen von Intoxikationen beim Säugling vorgenommenen
Untersuchungen erweist sich die Azidose als ein obligates Symptom der
Intoxikation jedoch kann ein folgerichtiger Zusammenhang zwischen der
Schwere des klinischen Bildes und dem Grade der Azidose in der Mehrzahl
der Fälle nicht festgestellt werden. Die Schwankungen des Blutzucker¬
spiegels können mit der Azidose als ursächliches Moment allein nicht erklärt
werden. Dagegen wird die hohe Atmung (Säureatmung) gesetzmässig von
der Azidose bedingt. Beim Vorhandensein einer Glykosurie findet man ge¬
wöhnlich — aber nicht immer — hohe Blutzuckerwerte.
F. Rund: Zur Klinik der Encephalitis epidemica im frühen Kindesalter.
(Aus der inneren Abteilung der Kinderheilanstalt zu Dresden. Leit. Arzt:
Sanitätsrat Dr. Brückne r.)
Klinischer Beitrag zur Symptomatologie der Enzephalitis im frühen
Kindesalter.
Hyman L. R a t u 0 f f - Brooklyn N.Y.: Zur Frage vom Wesen des
Icterus neonatorum. (Aus der chemischen Abteilung des Rud. Virchow-
Krankenhauses in Berlin. Dir.: Prof. Dr. J. W 0 h 1 g e m u t h.)
Verf. fand bei 75 Proz. der ikterischen Neugeborenen Blut im Stuhl
und glaubt _ neben anderen Ursachen (Infekt, Funktionsuntüchtigkeit der
Leber) für einen Teil der Fälle eine Schwäche des Gefässendothels bzw. der
Gefässwand als Ursache des im Stuhl solcher Kinder nachzuweisenden
okkulten Blutgehaltes annehmen zu müssen. (Vielleicht auf der Basis eines '
Infektes. Ref.)
Johann v. Petheö: Ueber Scharlach und Laugevergiftung. (Aus der
Kinderklinik in Debreczen. Vorstand: Prof. v. S z 0 n t a g h.)
Mitteilung von sechs einschlägigen Fällen, welche den e Combustione
an die Seite zu stellen sind und nach der Szontagh sehen Schule als
Intoxikationen auf parenteralem Wege zu deuten sind.
Elisabeth Stephani: Pathologisch-anatomische Befunde bei Ernäh¬
rungsstörungen der Säuglinge. (Aus dem pathologischen Institut der Uni¬
versität Leipzig. Dir.: Prof. Dr. Hueck.)
Die Verfasserin teilt zusammenfassend mit, dass bei den akuten Stö¬
rungen, namentlich solchen mit Zeichen von Intoxikation, nahezu konstant
eine schwere Leberverfettung, bei gleichzeitiger Fettarmut oder völligem
Fettschwund in der Nebennierenrinde zu finden ist. Die akuten Störungen
zeigen ferner Hämosiderinablagerungen nur geringen Grades in Milz und
Leber. Bei den chronischen Formen (mit Ausnahme des Mehlnährschadens)
fehlen Leberverfettungen nahezu oder vollständig. Dagegen finden sich ganz
auffallende Hämosiderinablagerungen vor allem in der Milz, in etwas ge¬
ringerem Maasse auch in der Leber. Die übrigen Befunde waren ungleich-
mässig und stimmen nicht völlig mit den verschiedenen klinischen Bildern
überein.
Dimitry Lebe dev: Zur Frage über die morphologischen Variationen
der Askarideneier. (Aus der Kinderklinik der medizinischen Hochschule.
III. Medizinische Fakultät zu Moskau. Dir.: Prof. W. J. Moltschanow.)
Verf. konnte konstatieren, dass die Askarideneier rein morphologisch
verschiedene Varietäten haben können, und speziell, dass die Eiweisshülle
nicht immer typisch gleichmässig, wie eine gefaltete Hülle, von allen Seiten
das Ei umgibt, sondern, dass sie nur angedeutet sein oder auch ganz
fehlen kann.
A. Adam: Bemerkung zur Arbeit Zeissler und Räckell: Zur
Bakteriologie des Säuglingsstuhles. (Aus der Heidelberger Kinderklinik.)
Jahrb. f. Kinderheilkde. 1922, 99.
K. Csdpai: Ueber Adrenalinresorption und Adrenalinwirkung. (Aus
der I. med. Klinik der Universität Pest. Dir.: Prof. Dr. B ä 1 i n e t.)
Bemerkungen zu obigem Artikel von C a h n und Steiner, siehe d.
Zschr. 1922.
Robert Cahn und Böla Steiner: Unsere Arbeit über Adrenalin¬
resorption und Adrenalinwirkung betreffend. Zur Erwiderung auf obigen
Artikel von Herrn C s 6 p a i.
Polemik.
J. Ambrus: Ueber gummöse Syphilis im Säuglingsalter. (Aus der
Universitäts-Kinderklinik Debreczen. Vorst.: Prof. Dr. F. v. Szontagh.)
Kasuistische Mitteilung.
Literaturbericht, zusammengefasst von Dr. R. Hamburger - Berlin.
O. Rommel- München.
1212
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. ■
Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 78. Bd. 3. — 5. u. 6. H.
A s t w a z a t u r o w - St. Petersburg: Ueber biogenetische Grundlagen
der Symptomatologie der Pyramidenerkrankung.
Die spastischen Symptome bei Pyramidenerkrankungen lassen sich am
besten verstehen, wenn man sie unter biogenetischem Gesichtspunkte be¬
trachtet. Durch den Ausfall der kortikalen Einflüsse auf dem Wege, der
Pyramidenbahnen wird die Bedingung für das Wiederauftreten der latent
gewesenen propriospinalen Mechanismen geschaffen. Es treten daher neben
den Ausfallserscheinungen solche Symptome auf, die als Rudimente der
phylogenetisch alten Funktionen gedeutet werden müssen. Hierher gehört
ohne weiteres der Oppenheim sehe Fressreflex, das B a b i n s k i sehe
Zeichen als Teil einer rudimentären Greiffunktion. Beim Hemiplegiker ist
ebenfalls die bei der spastischen Kontraktur charakteristische Stellung des
Fusses als ein Ausdruck der den Vorfahren des Menschen eigentümlichen
Greiffunktion des Fusses zu betrachten, wie auch die Kontrakturstellung der
oberen Extremität als rudimentäre Greiffunktion gelten muss.
T. W a t a n a b e - Zürich: Zur Pathologie der Spinalganglien mit be¬
sonderer Berücksichtigung der Zystenbildung.
Verf. hat an einem grossen Material die Spinalganglien mit Rücksicht auf
das Lebensalter, bei Zirkulationsstörungen, bei Infektionskrankheiten, Ver¬
giftungen und malignen Tumoren untersucht. Bezüglich der Zystenbildung in
den Ganglienzellen liess sich nachweisen, dass diese in keinerlei Zusammen¬
hang mit irgendwelchen krankhaften Prozessen steht. Sie kommen fast nur
bei älteren Leuten unter Bevorzugung des weiblichen Geschlechtes, vor und
können als Aequivalente der Zisternen des Gehirnes angesehen werden.
A. B a r k in a n n - Karlstadt: Ein Fall von Dystrophia myotonlca mit der
paradoxen Fusskontraktion Westphals und einer ähnlichen Erscheinung
der Finger.
K. F r a n z - Heidelberg: 2. Untersuchungen des Drucksinnes mit Reiz¬
haaren nach statistischer Alethode.
Zur Untersuchung des Drucksinnes wurden Reizhaare angewendet, die
beliebig aufgesetzt wurden. Bestimmt man die Prozentzahl der wirksamen
Reize für eine Serie von Reizhaaren steigender Kraft, so erhält man an allen
Körperregionen für die Abhängigkeit zwischen Kraft des Reizhaares und
Häufigkeit korrespondierender Empfindung eine Kurve von charakteristischer
Form. Am pathologischen Objekte angewendet ist diese Methode imstande,
Sensibilitätsstörungen aufzudecken, welche den üblichen klinischen Methoden
völlig entgehen. Zerebral und teilweise spinal bedingte Hypästhesien zeigen
eine absolute' Erhöhung aller Schwellen für Reizhaare und eine sehr starke
Erhöhung der in 100 Proz. wirksamen Reizstärke. Andere spinale und alle
peripheren Erkrankungen zeigen spärliche Punkte mit normaler oder fast
normaler Reizschwelle und ebenfalls eine Erhöhung der in 100 Proz. wirk¬
samen Reizstärke.
H. R e h d e r - Altona: Der akute hysterische Affektreflex. 1. Teil: Ueber
den affektiven Reflexbogen.
Jeder Affekt ist nicht nur von körperlichen, sondern auch von Affekt¬
reflexen im Intellekt (Autosuggestion) primär begleitet; Affektreflexe wie
Autosuggestion können durch sekundäre Leistung des Intellektes korrigiert
werden. Dabei stellt sich die Suggestibilität dar als eine auf Grund affektiver
Ladung herbeigeführte Einengung der objektiven Kritik und Ersatz der Kritik
durch den Glauben an subjektive Wahrnehmungen. Im Affekt besteht eine
auffallende Gebundenheit der 3 Faktoren: Affekt, Kritik, Körper aneinander,
die sich gegenseitig beeinflussen. Das Resultat dieser Beeinflussung ergibt
das subjektive Befinden, Störungen dieses den endogenen Komplex. Dieser
entsteht durch Aufmerkung + Autosuggestion + Affektreflexen. Die Art und
Weise, ob der endogene Komplex unterdrückt oder abreagiert wird, bestimmt
darüber, ob eine neurotrope Tendenz gebildet wird oder nicht. Der endogene
Komplex ist Angstkomplex.
H. R e h d e r - Altona: Ueber Massenhysterie. 2. Teil: Der akute
hysterische Affektreflex.
2 Beobachtungen von Massenhysterie werden im Sinne obenstehender
Ausführungen analysiert.
L. Benedek und E. v. Thurzö - Debreczin: Zur Technik der intra-
karotidealen Injektionen von undurchsichtigen Kolloidlösungen.
Benützung einer gekrümmten Nadel mit Glasansatzstück.
C. Bolten-Haag: Die paroxysmal-exsudativen Syndrome.
Asthma, Migräne, genuine Epilepsie, die flüchtigen Haut- und Schleim¬
hautödeme, Urtikaria, Hydrops articulorum intermittens, auch Dysmennorrhöe
sind als gleichwertige Erscheinungen derselben Genese aufzufassen. Ihnen
liegt eine chronische Autointoxikation zugrunde bei einem minderwertigen
Nervensystem. Die Anfälle für sich müssen als ein Entladungsmechanismus
zur Entfernung intermediär toxischer Substanzen betrachtet werden.
E. K a y s e r - P e t e r s e n - Frankfurt: Zur Geschichte der Gehirn¬
grippe.
Bei 8 Influenzaepidemien der Geschichte von 1580 an kamen jedesmal
Fälle vor, die durchaus dem Bilde der heutigen Grippe-Enzephalitis ent¬
sprechen.
A. B a r k m a n n - Karlstadt: Ein Fall von Myxödem mit Symptomen
vom zentralen Nervensystem.
Fall von Myxödem mit Symptomen von seiten des Kleinhirns und wahr¬
scheinlich auch der Stammganglien. Die gestörte Schilddrüsenfunktion übt
anscheinend einen toxischen Einfluss auf diese Gehirnteile aus.
A. H a n s e r - Mannheim: Sind „zentral entstehende Schmerzen“ auch
auf medullärer Pathogenese möglich?
Anlass zur Aufwerfung obiger Frage gab ein Fall, bei dem jahrelang
heftige Schmerzanfölle in der rechten Bauchseite beobachtet wurden, während
die Operation bzw . Sektion Gallensteine neben rechtsseitigen, anscheinend
von einem Unfall htrrührenden Rückenmarksveränderungen aufdeckte. Es
kann nach Berücksichtigung aller Umstände ang'enommen werden, dass die
Schmerzkrisen ohne die Rückenmarksschädigung nicht aufgetreten wären.
Es kann also im allgemeinen die gestellte Frage bejaht werden. Doch muss
auch andererseits zugegeben werden, dass die ruhenden Gallensteine viel¬
leicht die auslösende Ursache" in der Peripherie für die zentral auftretenden
Schmerzen abgegeben haben.
P. M a t z d o r f f - Hamburg: Zur Frage über den Entstehungsmodus des
Kniephänomens.
Die von K r a h m e r beobachtete Abhängigkeit der Sehnenreflexe von
Beinstellung und Schlagrichtung des Reflexhammers ist dadurch erklärt, dass
die reizperzipierenden Organe für die Auslösung der Sehnenreflexe, wie be¬
kannt, in den Muskeln liegen; sie beweist nichts gegen die Auffassung dl
Schnenreflexe als echte Rückenmarksreflexe, für die andere Tatsachj
zwingend sprechen.
O. M ü 1 1 e r - Heidelberg: Ueber den Einfluss der Kopf- und Augi
Stellung auf die Lokalisationsbewegung des Armes.
Bei der Lokalisation eines median vor der Versuchsperson befindlich 1
Punktes ergeben sich durch gleichzeitiges Kopf- oder Augenwenden seitwii: i
gesetzmässige Abweichungen der Lokalisationsbewegung gegenüber ein 1
Lokalisationsbewegung, die bei median gestelltem Kopf und primärer Blkl
läge der Augen ausgeführt wird. Die Abweichung macht sich geltend 1
Seitwärtsverschiebung der Streuungsfigur. Diese Verschiebung erfolgt I
entgegengesetztem Sinne der Kopfwendung oder Augenstellung. Sie tritt j
gleicher Weise auf, wenn der Zielpunkt ausserhalb der Medianen liegt ul
der Kopf in ihr steht. Die Lokalisationsbewegung an sich hat für das Zl
standekommen der Verschiebung keine Bedeutung. Vielmehr beruht jene a
einer Beeinflussung der Lokalisationsbewegung durch eine im Augenblick d
Bewegung vorhandene, gegen die Norm veränderte optisch räumliche Vc
Stellung. Diese Veränderung besteht darin, dass nicht eine einheitlicll
sondern zwei disparate Raumvorstcllungen wirksam sind. Von diesen beid l
erhält eine das Uebergewicht dadurch, dass sie an das Lokalisationsziel g
bunden ist. Dieses zieht die Aufmerksamkeit auf sioh, wobei ein Impuls z
Augenwendung entsteht. Die Richtung der Aufmerksamkeit oder dieses B
wegungsimpulses ist massgebend für die Richtung der Abweichung.
H. L u c e - Hamburg: Zur Klinik des extraduralen spinalen Raum
(Peripachymenlngitis, Leukämie, Hodgkin).
I. Fall von akuter septischer spinaler Peripachymeningitis lumbalis ul
Ausgang in Heilung. 2. Leukämische Neubildung im extraduralen Rau.ne dl
unteren Halsmarkes mit Kompressionserscheinungen. 3. Extradurale Hodgkil
Neubildung mit Rückenmarkskompression und Heilung.
Renner- Augsburg.^
Klinische Wochenschrift. 1923.
Nr. 33. J. Z e i s s 1 e r - Altona : Die anaeroben Bazillen.
Uebcrsichtsvortrag.
Th. B r u g s c h und H. Hörsters - Berlin: Cholerese und Choleretik
Verfasser setzen auseinander, dass es richtiger ist, auch die Gallel
absonderung vom Standpunkt der Exkretion (nicht der Sekretion!) aus I
betrachten und in der von ihnen so genannten „Cholerese“ einen analog!
Vorgang zur Diurese zu erblicken. Die 24 ständige Cholerese stellt für d,l|
Organismus eine unter gleichen äusseren Bedingungen annähernd konstanl
Ausscheidung fester, hauptsächlich kolloidal gelöster Körper dar, wobei dj
Konzentration auch eine Funktion der Diurese ist. Das Atophan hat g
diesem Sinne eine choleretische Wirkung in hohem Maasse.
E. Freudenberg - Marburg und P. György - Heidelberg: Tetan;
und Alkalosis.
Verfasser bringen neue Momente zu ihrer These bei, dass die idi
pathische Tetanie durch gleichzeitiges Zusammentreffen von alkalotische|r
Stoffwechsel und Phosphatstauung ausgelöst wird.
M. L a u r i t z e n - Kopenhagen: Coma diabetlcum. Behandlung m
Insulin-Adrenalin.
Mitteilung einer Krankengeschichte, einen 4 jährigen Knaben betreffen^
bei dem das Insulin zur Ueberwindung des diabetischen Koma eine beträchr
liehe Hilfe geleistet hatte, wenn der Kranke auch schliesslich plötzlich a
Herztod starb. Mittelst einer passenden lnsulindosis kann ein scftwerl
Diabetes auf ein leichteres Stadium zurückgeführt werden.
B. O. P r i b r a m - Berlin: Die Gastroenterostomie als Krankheit.
Aus seinen Beobachtungen kommt der Verf. zum Schlüsse, dass d|.
nach G. auftretenden Störungen nicht rein aus mechanischen Momenten e/i
klärt werden können, sondern, dass cs sich um funktionelle und reflektorisch
Störungen handelt, besonders nach der hinteren G„ welche wahrscheinlid
vom Pylorus und Duodenum ihren Ausgang nehmen.
C. B. S c h r ö d e r - Hamburg-Barmbeck: Die Behandlung des Reuet
hustens durch Einspritzung von Alkohol in den N. lar. superior.
Verf. fand diese von S p i e s s angegebene Methode nicht für genügen,
begründet. Die Anwendung ist bei Kindern unsicher, kann auch una,
genehme Neben- und Folgewirkungen haben.
A. A d a m - Heidelberg: Diastasebestimmung für klinische Zwecke.
Die jodometrisch den Grad der Stärkeverdauung bestimmende Methocj
beseitigt eine Reihe von Fehlerquellen der bisherigen Methoden.
H. Herxheimer - Berlin: Zum Einfluss des Radfahrens auf die Her:
grosse.
Die Herzgrössc gut trainierter Radfahrer übertraf die der Marathoi
läufer und der Ski-Langläufer erheblich, die berufsmässigen Radrennfahrd
hatten grössere Herzen als die Amateure. Die Herzzunahme erstreckte sic
gleichmässig auf den rechten und linken Ventrikel, dabei ist fraglich, ob s|
als eine für den Organismus nützliche oder schädliche Veränderung anzr
sehen ist.
J. E r d e 1 y i -Pest: Die Differenzierung der im Felde der Lungei
spitzen sichtbaren zirkumskripten Schatten auf Grund des „Schluck
Verfahrens“.
Verkalkte Drüsenherde, Exostosen an Rippen etc., welche schatten
bildend wirken können, werden besser als durch Hustenlassen durch de
Schluckakt hinsichtlich ihres Sitzes erkannt. Zur Untersuchung der Lungerl
spitze genügt die Aufnahme nicht, die Schirmbeobachtung ist für die Bt.
urteilung der Bewegungserscheinungen mit nötig.
E. S c h i 1 1 i n g - Chemnitz: Quantitative Bestimmung des Bilirubins h
Harn. Angabe der Methodik.
Fr. O. Hess- Köln: Zur Adrenalinreaktion beim Menschen.
Bemerkungen zur Arbeit von A s c h n e r, S. 1060 d. Wschr. 1923.
K. S c h 1 ä p f e r - Baltimore: Zur Frage der motorischen Innervatl»
des Zwerchfelles.
Die Versuche beweisen eindeutig die motorische Innervation de
Zwerchfells bei Hund und Macacus durch den Nerv, pbrenicus.
G. S e i f f e r t - München: Komplementbindung bei Tuberkulose. Be
deutung des Antigens. Kurze wissenschaftliche Mitteilung.
A. N i e d e r m e y e r - Schönberg O/L.: Fusospirilläre Mundboder
Phlegmone. Kasuistische Mitteilung.
S a k o r r a f e s - Athen : Sarkom des Mittelhirnes unter dem Bilde de
Encephalitis lethargica.
Kasuistische Mitteilung. Grassmann - München.
September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1213
Deutsche medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 33.
Nr. 33. E r c k 1 e n t z - Breslau: Ueber die Behandlung des Diabetes
Insulin.
Das Insulin ist kein Heilmittel des Diabetes, es unterstützt nur die
; otische Behandlung desselben.
j P. K a r r e r - Zürich: Neuere Anschauungen über den Aufbau der poly-
en Kohlehydrate.
L. Dünner und H. B e r k o w i t z - Berlin: Blutuntersuchungen bei
arlzln.
Betrifft die nach Phlorizin auftretende vorübergehende Abnahme der
izellen (Leukopenie) und ihre Beziehungen zum Zuckergehalt des Blutes.
0. Müller, Schickler, Mayer-List - Tübingen : Ueber Eigen-
: egu ngen des peripherischsten Gefässabschnittes.
Die Verfasser haben bei Hyperämie (Nitroglyzerin, Wärme und
m a r c h sehe Blutleere) in 8 — 13 Proz. der Fälle an den peripherischsten
i i Haren rhythmische (alle lü Sekunden) Kontraktionen feststcllen können,
sie an Arterien und Venen bereits bekannt sind.
L. K u 1 1 n er und Löwenberg - Berlin: Malaria und Schwarz-
i iserfieber.
J Zunehmende Häufigkeit von Malariainfektionen. Beschreibung dreier
e von Schwarzwasserfieber in Berlin. Es scheint die latente Malaria bei
i einen durch Salvarsan, bei dem anderen durch Kalomelinjektionen
voziert worden zu sein.
J. H. Schultz und J. R e i c h m a n n - Dresden (Weisser Hirsch):
Psychopathologie des Asthma bronchiale.
Bemerkungen zu den Aufsätzen von Marx und Costa (Nr. 15, 1923
Nr. 41, 1922).
C. Bruhns und H. D i 1 1 r i c h - Charlottenburg: Zur Frage der intra-
balen Syphilisbehandlung: Inwiefern tritt bei intravenöser Salvarsan-
pritzung Arsen in den Liquor und das Gehirn über?
Nach intravenöser Neosalvarsanbehandlung fanden sich in einzelnen
en im Liquor oder im Gehirn geringe Mengen von Arsen. Die intra-
ale Behandlung ist bei gewissen Fällen von schweren lanzinierenden
merzen, gastrischen Krisen u. ä. der intravenösen Behandlung überlegen.
H. Franck - Kiel: Ueber Struma bei Schulkindern in Kiel und Tübingen.
Statistische Vergleiche,
F. G. M c y e r - Schöneberg: Behandlung torpider oder klinisch
itherieälinlicher Wunden.
M. empfiehlt energische Behandlung: Exzision oder Auskratzen der
idränder und des Wundbettes, Naht mit Drainage; später nach Bedarf
nsplantation.
E. Langer und E. R o s e n b a u m - Berlin: Ueber Trichophytien im
glings- und frühen Kindesalter.
L. Focher-Pest: Ein neuer Weg zur intraparoxysmalen Erkennung
genuinen Epilepsie.
F. benutzt zur Diagnose gewisse Störungen des W e b e r sehen Raum¬
es, die durch subtile Prüfung mit ‘dem S p e a r m a n sehen Aesthesiometer
ittelt und bei organischen Nervenleiden sehr häufig, bei genuiner Epilepsie
0 Proz. gefunden werden.
B o e n n i n g h a u s - Breslau: Ueber das habituelle, nicht aus der
enscheidewand stammende Nasenbluten.
Die Quelle dieser selteneren Blutungen ist eine Vene an typischer Stelle
I Nasenbodens (Vena liminis nasi).
A. E e c k - Szittkehmen: Ueber die interne Chloroformbehandlung des
hus.
E- empfiehlt tägliche Gaben von 3 mal 12 — 15 Tropfen Chloroform, ver-
t in Haferschleim (auch bei Bazillenträgern), welche ohne Störung ver-
en werden.
G. Weil- Horodyszcze: Spasmophilie beim Brustkinde.
Beobachtungen über gehäuftes Auftreten.
P h i 1 i p p s t h a 1 - Berlin: Wundinfektion mit Schweinerotlaufbazillus
l Menschen.
5 Fälle. Prompte Wirkung des Serums (0,1 ccm auf Kilo Körper¬
et. B e r g e a t - München.
Medizinische Klinik. Heft 35.
P e 1 s - L e u s d e n - Greifswald: Ueber Röntgengeschwüre, besonders
I chirurgische Behandlung.
Abgesehen von der Prophylaxe steht an erster Stelle die operative Be-
llung mit Exzision und nachfolgender Plastik.
M. Käppis und F. Gerlach - Hannover: Die differentialdiagnostische
sutung der paravertebralen Novokaineinspritzung.
Die Nachprüfung des L ä w e n sehen Vorschlages an 100 Fällen hat er-
;en, dass bei unklaren Abdominalerkrankungen die paravertebrale Injek-
Vi 1 proz. Novokainlösung grosse Bedeutung erlangen kann zur Ab-
zung der schwer lökalisierbaren Schmerzen. Besonders wertvoll ist das
ahren für diagnostische Schwierigkeiten bei Gallenwcge-, Nieren-, Magcn-
Wurmfortsatzerkrankungen.
J. Sorgo und E. W e i d i n g e r - Wien: Therapeutische Versuche mit
getan bei Tuberkulose.
Durch die Umstimmung des Gesamtorganismus werden nicht nur sub-
! ve Besserungen erzielt, sondern bei Lungen-, Larynx- und Drüsentuber-
I sen haben sich auch wesentliche objektive Veränderungen ergeben,
Lhe ohne bedenkliche Reaktionen auftraten und dadurch die spezifische
Lrkulinbehandlung in den Hintergrund drängten.
K. Die tl- Wien: Ueber Lungenbefunde bei Kindern mit extra-
. lonaler Tuberkulose.
Von 45 Kindern zeigten nur 16 (37 Proz.) Lungenveränderungen, die auch
: . als ausgeheilt angesehen werden konnten.
H. Koopmann - Hamburg: Diagnostische Oberhautimpfungen, mit Alt-
i rkulin Koch und Perlsuchttuberkulin in einer Privatschule.
Ueber die Hälfte der geimpften Schülerinnen war als tuberkulös infiziert
iietrachtcn. Durch das Perlsuchttuberkulin scheint cs gelungen zu sein,
(blich mehr tuberkulöse Infekte zu erfassen.
5 Windrath - Beringshausen: Zur Frage der P o n n d o r f scheu
i ung bei Lungentuberkulose.
Mitteilung von 4 Krankenberichten mit unerwünschten, z. T. sehr
!gen Reaktionen lokaler und allgemeiner Natur. Warnung vor wahllosem
• auch der P o n n d o r f sehen Impfung und besonders des Impfstoffes A.
M. S e r o g - Breslau: Kasuistischer Beitrag zur Frage der Gesundheits¬
störungen durch Hypnose.
W. L ö w c n f e 1 d - Wien: Ueber salvarsanrcsistcnte Lues.
F G e r 1 a c h - Hannover: Zur Therapie des angioneurotischen Oedems.
Guter und dauernder Erfolg mit Kalzium (Ca. lact.) bei einem Fall von
Gelenkschwellungen.
R. Fuchs: Zur Therapie des Magen- und Duodenalgeschwürs.
Empfehlung der Aolan- bzw. Milchtherapie.’ Daneben sind die übrigen
bewährten Hilfsmittel nicht zu vernachlässigen.
H. S a c h s - Heidelberg: Zur Theorie des serologischen Luesnachweises.
S.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 27, 28, 29.
S i 1 b e r s c h m i d t-Zürich: Erfahrungen über Kropfbekämpfung mittelst
jodhaltiger Tabletten bei älteren, schulentlassenen Mädchen.
Verschiedene Autoren haben darauf hingewiesen, dass beim weiblichen
Geschlecht im Pubertätsalter besondere Vorsicht bei Jodgebrauch nötig sei,
so dass noch fraglich ist, bis zu welchem Alter die Kropfprophylaxe in der
Schule zu empfehlen sei. Verf. beobachtete 90 Schülerinnen von 15 bis
22 Jahten und fand bei Gebrauch von Jodostarintabletten in gewöhnlicher
Dosis keine Schädigungen, gute Wirkung auf weiche Kröpfe, keine auf derbe
Kröpfe. Die jüngeren Schülerinnen (15 — 16 Jahre) reagierten besser als die
älteren.
H. W i e 1 a n d - Freiburg i. Br.: Ueber den Verlauf der Oxydations¬
vorgänge. Zu kurzem Referat nicht geeignet.
K o 1 1 a r i t s - Pest (Davos): Beziehungen zwischen Grippeparkinsonis¬
mus, katatonischem Stupor und Torticollis „mentalis“. Ueber polyvalente
‘Einstellung des Zitter-, Spasmen- und Reflexmechanismus.
Verf. nimmt an, dass beim Zittern und bei den Spasmen der Reiz von
vornherein polyvalent auf eine grössere Muskelgruppe eingestellt ist und
dass es deshalb zur Umschaltung auf andere Muskeln kommen kann (z. B. bei
Parkinsonismus aus Beugestreck-Richtung in Supination-Pronationsrichtung,
sobald das Beugen-Strecken unmöglich gemacht wird). Die Starre bei
Parkinsonismus kann solche Achnlichkeit mit katatonischem Stupor haben,
dass man sich fragen muss, ob nicht eine mehr verwandte Lokalisation der
beiden Prozesse bestehen könnte. Der Torticollis „mentalis“ ist kein
psychisches Leiden, sondern beruht wahrscheinlich auch auf Veränderungen
im Linsenkern.
F a v a r g e r - Leukerbad: Balneotherapie unter dem Gesichtspunkt der
unspezifischen Reiztherapie.
Auf Grund seiner Erfahrungen bei ca. 200 Kranken in Leukerbad zeigt
Verf., dass die Zimmer sehen Regeln der Reiztherapie auch auf die Bäder¬
therapie zutreffen und demgemäss diese zu dosieren sind. Der Reiz ist nicht
proportional der Badezeit; er wächst entsprechend der begrenzten Resorp¬
tionsfähigkeit der Haut mit der Badedauer nur in gewissen Grenzen. Eine
bestimmte Badezeit bewirkt die höchste Reizdosis. Für jedes Heilbad sind
demgemäss die Badezeiten verschieden. Nach der Sensibilisierung durch die
ersten Bäder kommt es bei richtiger Dosierung zu optimalem Reiz bei be¬
stimmter Badedauer und dieses Stadium ist durch Einschalten von Bade¬
pausen möglichst lange beizubehalten. Gegen Ende der Kur gesteigerte
Reizbarkeit, deshalb Herabsetzung der Badedauer.
M i c h e 1 - Davos: Gaswechseluntersuchungen an einem Falle von
Morbus Basedowil im Hochgebirge.
Bei einem mittelschweren Fall ging der abnorm hohe Sauerstoffverbrauch
zur Norm zurück, dabei. Zunahme von 10 Pfund und Besserung der Allgemein¬
erscheinungen.
Nr. 28. Loewy-Davos: Ueber den Energieverbrauch beim Skilauf.
Untersuchungen an Skiläufern, die den gleichen Weg bei verschiedener
Schneebeschaffenheit mehrmals mit und ohne Skier zurücklegten. Dabei
ergab sich erheblich höherer Energieverbrauch bei Benützung der Skier.
Erhebliche Energieersparnis fand sich nur, wenn die Versuchsperson den
grössten Teil des Weges abfahren konnte. Da auch auf horizontalem Boden
der Skilauf mit der Empfindung geringeren Arbeitsaufwandes einhergeht,
ergibt' sich das Eigentümliche, dass der scheinbar leichteren Fortbewegung
in Wirklichkeit grösserer Verbrauch gegenübersteht.
J e s s e n - Basel: Die Tuberkulosesterblichkeit in der Stadt Basel
1870—1919.
Ausführliche1 statistische Arbeit mit zahlreichen Tabellen. Sehr deutlich
tritt die Tatsache zutage, dass während des Krieges der Hungerblockade in
Deutschland vor allem auch die Tuberkulösen zum Opfer fielen. Die Ver¬
gleiche, die Verf. hier zwischen deutschen Städten und Basel zieht, zeigen
dies ganz einwandfrei. In Basel wurde durch den Krieg die Abnahme der
Tuberkulosesterbefälle kaum beeinflusst. Interessant ist auch die Tatsache,
dass Paris, an der Spitze der Kultur marschierend, von 1861 — 1900 eine
Abnahme der Tuberkuloscsterblichkeit von nur 13,8 Proz. hat, gegenüber
35 Proz. in London, 38,8 Proz. in Berlin, 40 Proz. in München, 41,8 Proz. in
Wien, 44 Proz. in Hamburg.
Levy-Du Pan -Genf: La Grossesse inter-ligamentaire.
L i e b m a n n - Zürich: Ueber die Verwendbarkeit der Kampfersäure als
Harndesinfiziens.
Kampfersäure 3 — 4 g täglich ist bei akuter und chronischer Zystitis und
Pyelitis ein wertvolles Mittel, oft noch wirksam, wenn die anderen Mittel
versagen. Gesamtdosis nicht über 60 g, da, dann gelegentlich Hämaturie
und Zylindrurie auftreten.
Flach- St. Moritz: Subkutane traumatische Darmruptur ohne be¬
wusstes Trauma.
Sturz beim Rodeln, Kopfverletzung, erst längere Zeit danach die ersten
Baucherscheinungen. Bei der Operation (innerhalb der ersten 6 Stunden)
zehnpfennigstückgrosses Loch im Jejunum, beginnende Peritonitis. Glatte
Heilung.
Nr. 29. Bernheim-Karrer - Zürich: Die moderne Behandlung der
Syphilis congenita und ihre Resultate.
Erst seit energischerer Behandlung, öfter wiederholten Kuren sind die
Resultate besser, Rezidive seltener. Verf. gibt 0,015 g Neosalvarsan per Kilo
Gewicht, steigt auf das Doppelte oder darüber, dazu Kalomelinjektionen nicht
über 0,001 g per Kilo, einmal wöchentlich. Bei ‘Neugeborenen und jungen
Säuglingen vorher 2 Wochen lang Hydrarg. jod. flavum.
F e i s s 1 y - Lausanne: Contribution ä la questlon, du traitement des
plaies atones. (UIc6ration ä bords cyanotiques traltöe par le sdrurn. de
cheval en applications locales.)
1214
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
v. B e u s t - Zürich: Ueber Dialvergiftung.
Ein Kranker, der monatelang Dial in kleinen Dosen genommen hatte
(0,1 — 0,2 g), dann die Dosis auf 0,3 und 0,4 g steigerte wegen schliesslichen
Ausbleibens der Wirkung, bekam grosse Schwäche in den Beinen, so dass er
nicht mehr stehen konnte, Zittern, Gedächtnisschwäche, Sprachstörung.
Nach Aussetzen des Mittels Rückgang aller Erscheinungen. Jedenfalls ist
langdauernder Gebrauch auch kleiner Dosen nicht harmlos.
K i s 1 1 e r - Brestenberg: lieber Herz und Zwerchfellhochstand.
Verf. hat bei dem bekannten Krankheitsbild der Herzbeschwerden bei
Zwerchfellhochstand, auf das er ausführlich eingeht, besonders gute thera¬
peutische Erfolge durch Rudern gesehen, neben entsprechender Diät und
sonstiger Behandlung.
B i s c h o f f - Lugano: Ischaemia cordis intermittens.
Als Ischaemia cordis intermittens bezeichnet Verf. ein Krankheitsbild,
hervorgerufen durch ungenügende Versorgung des Herzmuskels mit Blut,
durch reinen Spasmus (Nikotin etc.), Gefässsklerose etc., und zwar inter¬
mittierend nach Arbeitsleistung, meist nach Gehen. Es treten dabei heftige
Schmerzen unter dem Sternum auf, Erhöhung der Pulsfrequenz und des Blut¬
drucks, keine Dyspnoe. Von der Angina pectoralis sind diese Fälle, von
denen Verf. 4 beschreibt, zu trennen, die Prognose ist günstiger.
L. Jacob - Bremen.
Vereins- und Kongressberichte.
Medizinische Gesellschaft zu Chemnitz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 9. April 1923.
Vorsitzender: Herr Ha uff e I. Schriftführer: Herr König.
Herr Walther: Demonstrationen.
Herr Schuster: Ueber spezifische und nichtspezifische Lungenspitzen¬
veränderungen. .
Zur Feststellung einer tuberkulösen Lungenspitzenerkrankung sind mög¬
lichst alle Untersuchungsmethoden anzuwenden. Als wertvoll hat sich unter
anderem die Tastperkussion und -palpation, die Schwellenwertperkussion
nach Goldscheider und die extrathorakale Perkussion zur Ermittelung
beiderseitiger Lungenerkrankungen von E f f 1 e r erwiesen. Auskultations¬
befunde sind sorgfältig zu erheben. Bei bettlägerigen Kranken und bei
störenden Geräuschen in der Umgebung haben binaurale Stethoskope ihren
Vorzug. Phonendoskope komplizierter Natur können entbehrt werden. Auf
die Röntgendurchleuchtung und die Spitzenaufnahme sollte nicht verzichtet
werden. Mitunter macht sich auch eine klinische Beobachtung mit Kontrolle
der Temperatur, des Gewichtes und der Tuberkulinreaktionen nötig. Aus¬
zuschalten sind Fehlerquellen bei der Perkussion, wie sie durch ungleiche
anatomische Verhältnisse, z. B. durch Kyphose oder Struma, bedingt sein
können. Geringe Veränderungen des Atmungsgeräusches über der rechten
Lungenspitze, besonders bei Greisen dürfen nicht überschätzt werden. Bei
der Deutung des Röntgenbefundes ist auf die gleichen Momente, welche die
perkutorischen Ergebnisse zu fälschen vermögen, Rücksicht zu nehmen.
Als nichtspezifische Lungenspitzenveränderungen kommen in Betracht
Spitzenbronchitiden, Pneumokoniosen, Stauungskatarrhe der Lungen, Spitzen¬
pleuritiden nach Pleuropneumonien oder Verletzungen und infiltrative nicht-
tuberkulöse Lungenprozesse, wie chronische Pneumonien, Lungengangrän und
Neoplasmen.
Herr Schilling: Das welsse Blutbild, seine diagnostische und pro¬
gnostische Bedeutung.
Nach Besprechung der Nomenklatur der weissen Blutzellen und Demon¬
stration normaler und krankhafter Leukozyten und Lymphozyten geht VoHr.
auf die BedeuFung der Zählung der Leukozytenzahl an sich ein. Jedoch ist
die Differenzierung der weissen Blutzellen für Prognose und Diagnose weit
wichtiger als die einfache Auszählung. Das Schema nach A r n e t h ist zu
kompliziert. Die S c h i 1 1 d n g sehe Einteilung ist völlig genügend. Dia¬
gnostisch kann die Differenzierung des Blutbildes für einzelne Krankheiten,
die ein typisches Blutbild haben, wie Vermehrung der Lymphozyten,
Eosinophilen usw. von grosser Bedeutung sein. Findet man eine Links¬
verschiebung, so weist sie mit Bestimmtheit auf eine organische Erkrankung
hin. Zunehmende Linksverschiebung ist prognostisch ungünstig. Abgesehen
von der Linksverschiebung ist die Zahl der Lymphozyten von Bedeutung.
Lymphozytose ist prognostisch günstig. Geringe Linksverschiebung und bei
starker Lymphozytose muss prognostisch günstig angesehen werden. Das
Blutbild soll nur zusammen mit dem klinischen Bilde bewertet werden, ist
aber bei gemeinsamer Betrachtung mit diesem von grösster Wichtigkeit.
Diskussion: Herr Neubert.
Medizinische Gesellschaft Giessen.
Sitzung vom 15. Mai 1923.
Herr Feulgen und Herr Rossenbeck: Neue Methoden zum
biologisch-histologischen Studium des Zellkernes. Vortragender Feulgen.
Versuche mit einer neuen Kernfärbemethode. Sie unterscheidet sich von
den bisher bekannten dadurch, dass sie einen mikrochemischen Nachweis
einer Nukleinsäure vom Typus der Thymonukleinsäure gestattet. Schon
früher hatte R. Feulgen gezeigt, dass bei sehr milder Hydrolyse der
Thymonukleinsäure die Purinkörper aus dem Molekül abgespalten werden,
wobei reduzierende Gruppen frei werden, die eine intensive Violettfärbung
mit fuchsinschwefliger Säure geben (Aldehydreaktion). Zucker geben diese
Reaktion nicht, dementsprechend auch nicht die pentosehaltigen Nuklein¬
säuren (Hefenukleinsäure, Guanylsäure, Inosinsäure). Taucht man ein
fixiertes Eiterausstrichpräparat in die an sich farblose oder schwach gelb
gefärbte fuchsinschweflige Säure, so ist keinerlei Vorbedingung für die Ent¬
stehung eines Farbstoffes gegeben, da Aldehydgruppen in der Thymonuklein¬
säure zwar vorhanden, aber wegen Bindung an den Purinkörper noch nicht
frei sind. Wird das Präparat aber vorher einer milden sauren Hydrolyse
unterworfen, so werden die Purinkörper rasch abgespalten lange vor der
morphologischen Auflösung des Kerns. Taucht man nunmehr das Präparat in
die fuchsinschweflige Säure, so verbindet sich diese mit den freigewordenen.
| aber noch in situ befindlichen Aldehydgruppcn zu einem intensiven Farbstr
Auf diese Weise erhält man eine „Kernfärbung“, die sehr elektiv ist. da
Protoplasma Aldehvdgruppen nicht Vorkommen. Allgemein werden Nukle
säuren, welche diese Reaktion geben, Nuklealkörper genannt, da die Reakti
über das Vorhandensein des Thymins, nachdem die Thymonukleinsäure ihr
Namen trägt, nichts aussagt. Die Färbung als solche heisst Nuklealfärbui
Nuklealkörper wurden in a 1 1 e n tierischen Kernen bis herab zu den Protozn
gefunden. Hefe, welche, wie bekannt, die pentosehaltige Hefenukleinsät
enthält, gibt diese Reaktion nicht. Auch Bakterien verhalten sich negat
Aus höheren Pflanzen hat man (aus Weizenembryonen) die TritikonukU
säure isoliert, die auch Pentose enthält und mit der Hefcnuklcinsäure idente,;
ist. Sie gibt also keine Nuklealreaktion. Da nun die Hefenukleinsäure .%
die „pflanzliche“ Nukleinsäure gilt, so war zu erwarten, dass die pflanzlich!
Kerne die Nuklealfärbung nicht geben würden. Das ist aber nicht der Pa.:
pflanzliche Kerne geben ebenso schön wie tierische Kerne die Nuklealfärbma
womit die überwiegende biologische Bedeutung einer Nukleinsäure vc
Typus der Thymonukleinsäure (Nuklealsäure) erwiesen ist. Es ist au
gelungen, aus pflanzlichen Objekten den Nuklealkörper, wenn auch noch nk
rein, daizustellen ; er gibt genau wie die Thymonukleinsäure, auch in vit
die Nuklealreaktion.
Aussprache: Herren Bürker, Griesbach, Küster, Stepji
Becher.
Sitzung vom 5. Juni 1923.
Herr v. d. Hütten: Ueber Diphtherie der Nasennebenhöhlen ui
Diphtheriebazillennachweis.
Entgegen der bisherigen Ansicht, dass eine derartige Lokalisation d
Diphtherie selten sei, muss nach den Untersuchungen W o 1 f f s angenomm
werden, dass Diphtherie der Nasennebenhöhlen bei Diphtherie der ober
Luftwege häufig vorkommt, nur sind die klinischen Symptome meist so il
charakteristisch, dass die Nebenhöhlenaffektion übersehen wird. Da eini
seits bei Diphtherie die klinischen Erscheinungen im Stich lassen könnt!
andererseits Diphtheriebazillen gefunden werden bei Krankheiten, die nal
unserem heutigen Standpunkt mit Diphtherie nichts zu tun haben, so müssl
sich klinischer Symptomenkomplex und bakteriologische Untersuchung gegi/
seitig ergänzen.
Aussprache: Herren Brüggemann, Gotschlich', v. Ja sch k
Herr Telchert: Neue direkte Untersuchungsmethoden des Kehlkop
Demonstration der Untersuchung mit dem S e i f f e r t sehen Autosk!
am sitzenden Kranken, vergleichende Indikationsstellung mit anderen direkt)
Untersuchungsmethoden des Kehlkopfs unter besonderer Berücksichtigung cp
K i 1 1 i a n sehen Schwebelaryngoskopie und der S e i f f e r t sehen Autoskop!«
Aussprache: Herr Brüggemann.
Medizinische Gesellschaft Göttingen.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 26. Juli 1923.
Vorsitzender: Herr S c h u 1 1 z e. Schriftführer: Herr v. Gaza./ I
Herr Leber: Aerztliches aus Java. (Mit Lichtbildern.)
Nach einem Hinweis auf die spezielle Eigenart der tropenärztlichj
Tätigkeit, die vor allem eine gründliche Ausbildung und das Verfügen üt>
ein ausgedehntes Instrumentarium und I aboratorium voraussetzt, wird J
Näheren eingegangen auf die Akklimatisierungserscheinungen, die sehr br.
nach dem Verlassen der gemässigten Zone eintreten. Die bisher bekannt'
im Chemismus des Blutes und des Stoffwechsels in Erscheinung tretend*
Phänomene (A r n e t h sehe Verschiebung nach links, Blutdrucksteigeruii:
Blutzuckervermehrung) halten in den Tropen an und nehmen zu und erklär,
bis zu einem gewissen Grade, dass bei uns heimische Krankheiten in d
Tropen entweder ganz fehlen oder ein anderes Bild aufweisen (Diabetel
Auf die Beziehungen von Syphilis und Frambösie, Frambösie und Epitheliml
ihre Abweichungen trotz naher Verwandtschaft wird hingewiesen.
Eingehend wird die Tropentuberkulose besprochen, deren Verlauf als <i
stark proliferativer, exsudativer Prozess mit Reparationserscheinungen um!
Fieber dargestellt wird.
Verlauf und Zunahme sämtlicher Infektionskrankheiten in den Trop'
wird bei den primitiven Völkern sehr stark beeinflusst durch die mit d'
Kulturwandel einhergehenden Schädigungen (Veränderung der Beköstigung
form und der Wohnungen, der Arbeitsbelastung usw.). Diese Schädigung)
lassen sich im grossen weitgehend paralysieren durch die Massnahmen, v|
sie bei einer geregelten Plantagenhygiene möglich sind (Dysenterieprophyla
Ankylostomiasisbekämpfung usw.). Eine richtige Plantagenhygiene ist <f
beste Kapitalsanlage und hat sich bei den meisten Kulturunternehmungen dui
eine Gewährleistung gleichmässiger Arbeit seitens der inländischen Arber
bewährt.
Eine Auswanderung für deutsche Aerzte nach den Tropen empfiehlt sj
nur nach gründlicher Aus- und Vorbildung auch in Tropenkrankheiten für dt
jenigen, die bereit sind, die Opfer, welche die Tropen fordern, zu bringen;
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 26. Juli 1923.
Tagesordnung:
Herr Simmel: Fraktionierte Hämolyse.
Bei der Fortführung früherer Untersuchungen (siehe d. Wschr. 1 9|
S. 1742) ergaben sich neue Möglichkeiten der Zerlegung des im Blut vtl
liegenden Gemenges ungleichartiger und biologisch verschieden reagieren,
Erythrozyten. Verdünnt man Blut mit physiologischen Salzlösungen stuf'
weise verschiedenen Hypotoniegrades, so lassen sich zunächst verschied:
resistente Erythrozytenfraktionen rein zahlenmässig festlegen (sog. Resistei'
bild). Innerhalb dieser Fraktionen ermöglicht die Anwendung der vital
Färbung (Brillantkresylblaufärbung in der Zählkammer) nun weih*
Differenzierung. Hierdurch liess sich (zunächst am Kaninchen, Untersuchung
1 am Menschen sind noch nicht abgeschlossen) eine Klärung der umstritten
Frage gewinnen, in welcher Beziehung Alter und osmotische Resistenz t
Erythrozyten zueinander stehen, denn die vital granulären Elemente stell
nach übereinstimmender Ansicht aller Hämatologen die jungen Erythrozyl
fl. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
dar. Es ergibt sieh, dass junge Erythrozyten i ni Durchschnitt
l osmotisch resistenter sind als alte. Die resistenten Fraktionen enthalten
• prozentual mehr, die weniger resistenten Fraktionen weniger vitalfärbbarc
Erythrozyten, als dem Resistenzbild. d. h. dem Verteilungstypus aller
, Erythrozyten auf die verschiedenen Fraktionen, entspricht. Im ci n ■/. e I n e n
es aber vital granuläre Erythrozyten, die weniger resistent sind als
einzelne mchtgranuliertc, also ältere Elemente.
ferner findet sich beim mit Phenylhydrazin (in einmaliger grösserer
v.erKlftet,cn Kaninchen, dass die auf einem vollkommen andersartigen
Mechanismus als die in-vitro-Hämolyse in hypnotischem Milieu beruhende
int r a v i t a Ie Gifthämolyse erst ganz spät, am 4./5. Tag. an den jungen
Elementen mit Granula filamentosa sichtbar wird, obwohl bereits einige
Munden nach der Vergiftung zahlreiche andere Erythrozyten (jift gebunden
haben. Letzteres wird dadurch erkennbar, dass bei der fraktionierten Hämo¬
lyse m grosser, auch zahlenmässig bestimmbarer Menge die Morawitz-
sclien „pachyderinen“ Erythrozyten erkennbar werden. Man sieht in den
Zählkammern, weiche partiell gelöstes Blut enthalten, zahlreiche „Schatten“
abnormer Art: im Raum eines Kreises, dessen Umfang im allgemeinen etwas
kleiner ist als ein normaler Erythrozyt, liegen eine Anzahl grösserer und
kleinerer, meist unregelmässig rundlich gestalteter Körnchen. Sie sind färb-
los, stark lichtbrechend, nicht doppeltbrechend und werden durch ehe auch
iin Dunkelfeld nicht mehr erkennbare „Grundsubstanz“ zusammeng halten
Bei längerer Beobachtung erliegen einzelne dieser „Schatten aus vermehrtem
,,ücl' def Hämolyse, offenbar wird die „Grundsubstanz“ gelöst, denn
; die Körnchen können nur durch Flüssigkeitsströmungen im Präparat aus-
I emandergetrieben werden. Erst nach Tagen sind, wie erwähnt, diese Phäno¬
mene an vital granulären Erythrozyten ebenfalls nachweisbar.
Herr \\ assmann: Pubertätswachstum und Kümmerformen.
Vortr. hat das in der Med. Poliklinik Jena über die Entwicklung jugend¬
licher Arbeiter gesammelte Material zusammengestellt.
Nach kurzer historischer Einleitung gibt er eine Ucbersicht Uber die ge¬
bräuchlichsten Formeln zur Feststellung des Normal- bzw. Optimalgewichts.
Er \ ersucht dann auf Grund des Materials sich eine Normalkurvc des Ge¬
wichts der Körperlänge herzustellerj. Unter normal versteht er nur die best-
entwickelten Individuen. Die Kurven beginnen mit dem 14. Lebensjahr und
•endigen mit dem 18. Beide zeigen anfangs einen ziemlich steilen Anstieg,
jJcr etwa bis zum 16. Jahre reicht, entsprechend der Pubertätsentwicklung
Vom 16.-18. Jahre geringer Anstieg der Kurven. Als Normalzahlen fand er
l'ür die 14jährigen ein Gewicht von 51 kg nackt und eine Länge von 159 cm.
IRir die 18jährigen 64,6 kg und 174 cm. Normalentwickelte wurden in etwa
JO Proz. gefunden.
I Dann geht Vortr. auf den Begriff der Kümmerformen ein. Er fand für
]Jiese bei den 14jährigen ein durchschnittliches Gewicht von 31.1 kg und
dne durchschnittliche Länge von 142,3 ctn. Die Genitalentwicklung setzt
l’ei diesen Individuen etwa erst Ende des 16. Jahres ein. Dies zeigt auch
J deutlich die Kurve des Gewichts und der Körperlänge, die bis zu diesem
i Zeitpunkt einen fast vollkommenen Stillstand aufweist, dann aber vorn
117. Jahre an einen ziemlich steilen Anstieg zeigt. Kümmerformen wurden
n etwa 15 Proz. der Fälle gefunden.
Herr Stiidcmann: Quantitative Messung der Wirkung verschiedener
Vnästhetika auf die Hornhaut.
. .. ,^llr Prüfung wurden von F r e y sehe Reizhaare in neun verschiedenen
'türken verwendet, die eine exaKte Abstufung der Reize gestatten. Die
versuche wurden an Kaninchen in der Weise vorgenommen, dass zunächst
■or dem eigentlichen Versuch die Scnsibilifät der zu untersuchenden Horn-
läute geprüft wurde. Als Kriterium dafür, ob ein Reiz empfunden sei, wurde
iui reflektorischen Lidschlag oder ein Lidzucken geachtet. Es wurden immer
ünf Reize, je einer oben, unten, nasal, temporal und zentral gesetzt. Wenn
lasjenige Reizhaar ermittelt war, bei dem alle fünf Reize gerade mit Reflex
>eantwortet wurden, erfolgte das Einträufeln des zu u Versuchenden An-
isthetikums. Infolge der anfänglichen Unruhe der Tiere war es nicht möglich,
len Anstieg der Anästhesie festzulegen, dagegen gelang cs, ihren Abfall mittels
, allender Reizhaarstärken fcstzustellen und in Kurven wiederzugeben. Es
| verden Kurven gezeigt für verschiedene Konzentrationen von Kokain und
ür miteinander verglichene 4 proz. Kokain-, Novokain-, Alypin- und 2 proz.
lolokaihlösungen. sowie für Kokainlösungen ohne und mit Suprareninzusatz,
iic dessen verlängernde Wirkung zeigten.
—
t
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 13. Juli 1923.
Herr Gg. B. Gruber: Vorweisung pathologisch-anatomischer Befund-
tücke und Besprechung der mit ihnen zusammenhängenden klinischen Er¬
lernungen. Aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fielen dabei heraus:
1. Rechtsseitige Nierentuberkulosc eines alten Mannes. Obliteration eines
'reters durch tuberkulöses Gramilationsgewebe. Kavernenbildung in der
’rostata, Nebenhoden-, Samenleiter- und Samenblasentuberkulose. ulzeröse
uherkulose der Harnröhre, des Orificium externum urethrac und des inneren
orhautblattes. Es bestand eine tuberkulöse Balanitis: das Präputium war
ur massiv geschwellt.
2. Mächtiges Lebersarkom mit Einbruch in die Pfortader, entstanden aus
hi cm primären, gemischtzelligen Sarkom der Gallenblase bei einer an Chole-
thiasis leidenden Frau. Ductus hepaticus war frei. Kein Ikterus. Kleine
lerde von Patikreaslcttgewcbsnekro.sc. Keine Sarkommetastasen.
3. 2 Beobachtungen von Pankreaskopfkarzinom mit Abklcmmung des
•uctus choledochus und hochgradigstem Iktcrus.v Keine Metastasierung des
’ankreaskrebses.
4. Schwerste gummöse und vernarbende Lues der Leber und der Milz
ei einer etwa 50 jährigen Frau. Zugleich bestand massig ausgeprägte Aortcn-
andsyphilis und -atheromatose. sowie eine luetische Meningoenzephalitis.
5. Hochsitzendes, rückwärtiges Oesophagus-Diverticulum pulsionis nach
e n k e r. Es stammte von einem alten Arzt, der das Divertikel an sich
elbst schon 10 Jahre vor seinem Tod festgestcllt hatte. Der Sack war
irschgVoss und konnte nach dem Essen von seinem Träger dadurch will-
iirlich entleert werden, dass er seinen Kopf und Hals stark vorneüber beugte
nd würgte. Der Eingang des Divertikels war weit, er klaffte, etwa 1,5 cm.
'er Divertikelsack entbehrte der Muskulatur. Unter dem Ort des Divertikel¬
ingangs war eine Schleimhautcnge der Speiseröhre; während diese sonst
aufgeschnitten in der Quere 4—5 cm tnass, betrug hier Ihre Breite nur
, . cm. Narben fehlten. Die klinischen Beschwerden des Divertikels waren
ko dem damals über 60 Jahre alten Mann allmählich entstanden. Es ist
anzu nehmen, dass mechanische Umstände (grobe Bissen!) die Schleimhaut
und Submukosa zwischen den an jener Stelle wenig starken Muskelfasern
hernios ausgestülpt haben, entsprechend den Anschauungen von Zenker
!“|V°M U brr’ de,r a,s Vorbedingung auf schlechte Kauwerkzeuge
solcher Menschen hingewiesen hat
Kleine Mitteilungen.
Deutsche Röntgengesellschaft.
.... ", überstürzende Geldentwertung macht eine rechtzeitige Ver¬
öffentlichung entsprechender Tarife unmöglich. Die Tatsache, dass die
Rontgenologen alle Unkosten, Platten, Röhren und Apparate zum Friedens¬
preis in Gold bezahlen müssen, zwingt uns dazu, ebenfalls auf GolJbasis zu
gehen. Die Herbeiführung eines Beschlusses der Mitglieder ist zurzeit un-
moglich Ich mache daher als Vorsitzender der D.R.G. und als Vorsitzender
des Wirtschaftlichen Verbandes den Vorschlag, von heute ab die Honorare
auf Goldbasis zu (berechnen. Als Uebergang wird zunächst der halbe
Eriedenspreis vorgeschlagen, sowohl für die Privat-, wie auch für die Kassen¬
praxis. Eür die Kassenpraxis schlage ich folgenden Organtarif vor:\
Film . . . . .
Finger und Zehen (2 Aufnahmen)
Mittelhand, Mittelfuss. Handgelenk, Fuss, Ellenbogen (2 Aufnahmen)
Oberarm, Unterschenkel, Knie, Obeischenkcl (2 Aufnahmen)
Schulter . ‘
Zweite Aufnahme . ]
Teil vom Becken, z. B. Hüfte
Zweite Aufnahme . '
Ganzes Becken (24/30) ....... i !
Ganzes Becken (30/40) . \ * \ * * j *
Schädel und Nasennebenhöhlen (2 Aufnahmen) .
Kiefer . . . . . .
Halswirbel (2 Aufnahmen) . * *
Wirbel . !..!.[
jede folgende . *
Rippen einschliesslich Durchleuchtung . ’ ’
Niere einseitig/ (3 Aufnahmen) . . . . .
andere Seite (2 Aufnahmen) .
Lungenspitze, Struma, Halsrippe, Sternum (1 Aufn.) einschl. Durchh
Lunge, Oesophagus, Herz, Durchleuchtung (1 Aufnahme) . . . .
Ganze Lunge, Durchleuchtung (2 Aufnahmen) .
Magen 3 Durchleuchtungen (2 — 3 Aufnahmen) .
Darm mit Einlauf, Durchleuchtung (1 Aufnahme)
Einfache Durchleuchtung .
4.—
6.—
9.—
12.—
8.—
4.—
8 —
4. —
10.—
12.—
15.—
7.—
12 —
9.—
5 —
15.—
20.—
12 —
13.—
22.—
26.—
30 —
22.—
5. —
Therapie.
Oberflächentherapie mit oder ohne 1 — 2 mm AI . 0,09
Vollwertige Tiefenfherapie mit Schwerfilter pro M.A.M.: 1 — 250 MA • 0 15,
bis 500 M.A.: 0,12, bis 1000 M.A.: 0,10.
Nicht vollwertige Apparate Filter 3—6 mm Al. 1 — 250 M.A.: 0,12, bis
500: 0,10, bis 1000: 0,08.
Von diesen Preisen also die Hälfte auf Goldbasis, Zahlung wöchentlich.
In der Privatpraxis ebenfalls halber Friedenspreis, bei der Therapie, z. B.
Oberflächenbestrahlung 15, vollwertige 25, nicht vollwertige 20 Goldpfennige.
Den örtlichen Vereinigungen muss es Vorbehalten bleiben, diesen Tarif durch¬
zusetzen. Prof. H a e n i s c h - Hamburg.
Nach Bekanntgabe dieser allgemeinen Richtlinien unterbleibt in Zukunft
die Bekanntgabe des Frankfurter Tarifs. Die Schriftleitung.
Tagesgeschichtliche Notizen
München, den 19. September 1923.
— Auf dem wegen der widrigen Zeitverhältnisse abgesagten Deutschen
Acrztetag in Bremen hätte das 50 jäh ni ge Bestehen des Deut¬
schen Aerztevereinsbundes gefeiert werden sollen. Mit dem
Acrztetag selbst unterblieb auch diese Feier, bzw. sic fand als Jubiläums-
sitzung des Geschäftsausschusses in kleinerem Kreise statt. Für die Aerztc-
sebaft ist der 17. September, an dem vor 50 Jahren der 1. Deutsche Acrztetag
in Wiesbaden stattfand, der Anlass zurückzuschauen und sich klar zu
machen, was wir an dein Acrztcvcreinsbund gehabt haben und haben. Dem
AeVB. verdanken die deutschen Aerzte das Bewusstsein ein Stand zu sein,
dem eine bedeutsame Aufgabe im Staatswesen zukommt und der den An¬
spruch erheben darf, in allen gesundheitlichen Fragen des Staates als solcher,
nicht nur durch die Medizinalbeamtcn, gehört zu werden. In der Tat hat der
ärztliche Stand durch den AcVB. beträchtlichen Einfluss auf die Gesundheits¬
gesetzgebung gewonnen, wenn auch nicht vergessen werden soll, dass di:
Zahl der Fälle nicht gering war, in denen er seine Stimme vergeblich er¬
hoben hat. Dem AcVB. verdanken wir auch das Bewusstsein, dass wir
deutsche Aerzte sind. Auf den deutschen Aerztetagen gab cs keine
Landesgrenzpfähle, keine Scheidung zwischen Nord und Süd; hier arbeiteten
Vertreter aller deutschen Stämme in freundschaftlichem Geiste daran, im
neu errungenen Reiche die Einigkeit auch auf dem Gebiete des Gesundheits¬
wesens und der Modizinalgesetzgebung herzusteilen. Es könnte den Anschein
haben, als ob in den letzten Jahrzehnten der AeVB. in den Herzen der
deutschen Aerzte zugunsten seiner wirtschaftlichen Abteilung, des Leipziger
Verbands, etwas cingcbüsst hätte. Wir glauben das nicht und es wäre un¬
dankbar. Freilich berühren die Fragen des täglichen Brotes, die den L.V.
beherrschen, deu Arzt nahe und er kann ihnen nicht aus dem Wege gehen.
Von den ach so notwendigen Lohnstreitigkeiten des L.V. wird er aber immer
wieder gerne in die reinere L.uft der Aerztetage flüchten, wo er Mensch sein
und an den erhabeneren Aufgaben seines Berufes sieh aufrichten darf. Der
Aerztevereinsbund und seine Aerztetage sind den deutschen Aerztcn un¬
entbehrlich; beiden wünschen wir segensreiche Arbeit in der zweiten Hälft.:
ihres ersten Jahrhunderts.
1216 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _ Nr. 3BM
— Die Gebühren für Aerzte und Zahnärzte werden in
Zukunft nach einer Grundtaxe, vervielfacht mit dem Reichsteuerungsindex,
berechnet. Die betr. Verordnung (sie gilt ebenso für Preussen wie für
Bayern) ist unter „Amtliches“ in d. Nr. abgedruckt.
— Die Preise für die an Apotheken und praktische Aerzte für Privat¬
impfungen von den staatlichen Impfanstalten zu liefernde Lymphe wurden
in Preussen mit sofortiger Wirkung zunächst für September d. J. wie folgt
festgesetzt: Für Apotheken: Einkaufspreis Einzelportion 25 Pfg.,
Abgabepreis an das Publikum 45 PL, Einkaufspreis Fünferportion 6ü PL.
Abgabepreis an das Publikum IM. Für Aerzte: Bei unmittelbarem Be¬
züge von den Impfanstalten: Einzelportion 20 Pfg., Fünferportion 60 Pfg.
(vervielfacht mit der auf 1000 nach oben abgerundeten jeweils zuletzt
bekanntgegebenen wöchentlichen Reichstcuerungsindexzahl). Die für die
Uebersendung der Lymphe entstehenden Portokosten sind von den Bestellern
ausserdem zu tragen.
— Geheimer Rat Prof. Dr. Albrecht K o s s c 1, der ausgezeichnete
Heidelberger Physiologe, Träger des Nobelpreises und Ehrendoktor der
Universitäten Cambridge, Greifswald, Dublin, Genf und Edinburg feierte am
16. ds. seinen 70. Geburtstag.
— Die Lebensrettungsmedaille erhielt der Assistent am Würzburger
Physiologisch-Chemischen Institut Herr Dr. Friedrich Holtz wegen Er¬
rettung der Frau Hildegard Viehwegcr aus einer Gletscherspalte des Höllen-
thalfcrner.
— Man schreibt uns: Den Doktor ing. ehrenhalber der Technischen
Hochschule in München erhielt der Hamburger Feinmechaniker W. H. F.
K uhlmann für den Bau einer Mikrowage, die für die analytische Technik
einen wesentlichen Fortschritt, namentlich auch in der Biochemie, bedeutet.
— Der Fortbildungskurs der Münchener Dozenten¬
vereinigung für Aerzte findet in der Zeit vom 24. IX. bis 6. X. 1923
statt. Beginn Montag den 24. Sept. vorm. 8 54 Uhr s. t. im Hörsaal der
II. Mediz. Klinik, Zicmssenstr. la mit einer Vorbesprechung. Eröffnungs¬
vortrag durch Herrn Geheimrat v. Müller, anschliessend um 9 Uhr über
klinische Hämatologie. Einschreibgebühr 10 Millionen Mark, für Ausländer
20 Goldmark.
— Man schreibt uns aus Hermannstadt: Im Rahmen des 4. deut¬
schen Ferienhochschulkurses fand in Hermannstadt in Siebenbürgen (Ru¬
mänien) vom 12. — 18. August ein ärztlicher Fortbildungskurs
statt. Von deutschen Hochschullehrern beteiligten sich daran als Vor¬
tragende: Prof. Dr. G a s t p a r - Stuttgart (Gesundheitsfürsorge), Prof.
Dr. Schröder - Greifswald (Pkychiatrie), Prof. Dr. S p i t z y - Wien
(Orthopädie). Von Hermannstädter Aerzten lasen: Dr. Süssmann
(Geburtshilfe), Dr. J i c k e 1 i (Augenheilkunde, Röntgenologie), Dr. W e i n d e 1
(Malaria). Der Kurs war gut besucht (70 Teilnehmer) und erweckte allgemein
den Wunsch nach Wiederholung. ,
— Die Tagung Mitteldeutscher Psychiater und
Neurologen findet in Leipzig am 27. Oktober (Begrüssungsabend
549 Uhr im Deutschen Haus, Königsplatz) und am 28. Oktober 1923. 9 Uhr
vorm., in der Psychiatrischen und Nervenklinik, Windmühlenweg 29, statt.
Für billige Unterkunft in der Heilanstalt Dösen ist Sorge getragen; An¬
meldung bei O.M.R. Nit sehe. Reihenfolge der Vorträge: Anton: „Be¬
handlung einiger Epilepsien vom Subtentorium aus.“ Quenscl: „Seelen¬
blindheit.“ N i t s c h e - Dösen: „Psychiatrie und Rassenbygiene.“ Nicssl
v. Mayendorf: „Forum und Tendenzpsychose.“ Pönitz: „Psycho¬
logie der Paralyse.“ R. Sommer: „Hirntumoren.“ Thurrim: „Psy¬
chiatrische Jugendfürsorge.“ Kufs: „Gefässsyphilis des Gehirns.“
Bostroem: „Enzephalitis und Dementia praecox.“ Grünewald: „Die
extrapyramidalen Bewegungsstörungen.“ R. A. Pfeifer: „Anatomische
Darstellung des kortikalen Abschnittes der Sehleitung.“ Bumke: „Die
Unterbrechung der Schwangerschaft bei Psychosen.“ Anfragen an den Vor¬
sitzenden Geh. Med. -Rat Bumke- Leipzig.
— Die Deutsche Gesellschaft für Vererbungslehre
hält ihre 3. Tagung vom 24. — 27. September in München ab.
— ln der „Sammlung K ö s e 1“ (Verlag von Josef Kösel und Friedr.
Pustet, Kempten) erschien als neues Bändchen der Abteilung Mathematik und
Naturwissenschaft: „Die Bakt'erien. Gemeinverständliche Einführung
in die Bakteriologie“ von Dr. H. v. Bronsart, Assistentin an der Land¬
wirtschaftlichen Hochschule Hohenheim-Stuttgart. Aus Vorlesungen ent¬
standen, welche die Verfasserin vor Studierenden der Landwirtschaft gehalten
hat, gibt das Büchlein eine abgerundete, freilich bei der gebotenen Kürze nur
skizzenhafte Darstellung des Baus und der Lebenst-itigkeit der Bakterien,
wobei ihre Bedeutung, besonders für die Landwirtschaft entsprechend hervor¬
gehoben wird. Die krankheitserregenden Bakterien werden kurz besprochen.
Die Schrift ist auch für Mediziner brauchbar.
— Auf Anregung des Rektors der Medizinischen Akademie in Osaka*,
Prof. Dr. S a t a, ist eine Zeitschrift unter dem Namen „Japanisch-
Deutsche Zeitschrift für Wissenschaft und Technik“
begründet worden. Sie wendet sich in erster Linie an die deutscher Bildung
und Wissenschäft nahestehenden Kreise Japans, in erster Linie die Aerzte.
denen sie in Originalbeiträgen der namhaftesten deutschen Gelehrten eine
unmittelbare Teilnahme am deutschen Geistesleben ermöglichen soll. Die
Schriftleitung liegt in den Händen von Prof. Dr. S a t a, Prof. Dr. Härtel
und Dr. Ueberschaar an der Medizinischen Akademie in Osaka, Prof.
Dr. Fnjisljiro an der Universität Kyoto, Prof. Dr. Dören. Prof.
Dr. Haas, Prof. Dr. R a s s o w, Prof. Dr. S p a 1 1 e h o 1 z, Prof. Dr. Sud¬
hoff und Dr. Wedemeyer an der Universität Leipzig. (Verlag der
Firma F. Hoffmann & Co„ Lübeck.) Das erste uns vorliegende Heft enthält
u. a. einen Aufsatz von Geh. Rat Aschoff: Der gegenwärtige Stand der
Pathogenese der menschlichen Lungenschwindsucht.
— In Edinburg erscheint im Verlag von Olivar und Boyd eine neue,
vom Animal breading „rcsearch Department der Universität Edinburg heraus¬
gegebene Zeitschrift: „The British Journal o f Experimental
B i o 1 o g y.“ Sie dient als Organ für britische Arbeiten aus allen Gebieten
der experimentellen Forschung. Botanik. Zoologie. Physiologie. Das erste,
vornehm ausgestattete Heft enthält Arbeiten über innere Sekretion, ver¬
gleichende Physiologie der Verdauung, Parthenogencsis bei Mollusken, ein
Referat über Gcwebekultur u. a.
— Pest. Niederländisch Indien. Im Mai 471 und im Juni 441 tödlich
verlaufene Pestfälle auf Java.
— In der 33. Jahreswoche, vom 12. bis 18. August 1923, hatten von
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Lübeck
mit 18,2, die geringste Barmen mit 7,8 Todesfällen pro Jahr und 1000 Ein¬
wohner. Vöff. R.-G.-A.
Hochschulnachrichten.
Berlin. Preisaufgaben der Mediz. Fakultät: Wieder¬
holung der für 1923 gestellten Aufgaben. Für den Staatlichen Preis: „Es soll
untersucht werden, ob sieh neuerdings ein Rückgang der Erkrankungen an
progressiver Paralyse nachweisen lässt und ob, falls dies zutrifft. Anlass
vorliegt, diese Erscheinung mit einem häufigeren Vorkommen von Radikal-
Leilungen der irischen Lucs seit Einführung der Salvarsanbehandlung in
ursächlich'' Verbindung zu bringen.“ Für den Städtischen Preis: „Es ist zu
untersuchen, ob die Wirkung des Chinins auf Paramaceien durch photo- ;
dynamisch wirksame Substanzen beeinflusst wird.“ Termin vor dem
4. Juni 1924. (hk.) — Der Abteilungsvorsteher der anatomischen Abteilung
am Pathologischen Institut der Universität Berlin, etatsm. a. o. Professor der J
allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie Dr. med. Wilhelm I
C c e 1 e n ist zur Uebernahine der Prosektorstelle am Krankenhaus Berlin- I
Westend aus dem Staatsdienst entlassen worden, (hk.)
Halle a. S. Dem Honorarprofessor Dr. v. D r i g a 1 s k i ist ein Lehr- I
auftrag für Soziale Hygiene erteilt worden.
Jena. Der auf Beschluss des Thüringer Landtages neu errichtete j
Lehrstuhl für Naturheilverfahren ist mit Prof. Dr. Emil Klein- Berlin be- I
setzt worden, der zum ord. Professor an der mediz. Fakultät der Universität I
Jena mit einem Lehrauftrag für klinische Pathologie und Therapie ernannt I
worden ist.
Münster. Der a. o. Professor und Oberarzt an der Frauenklinik der I
Universität Marburg Dr. med. Peter Esch wurde zum ordentlichen Professor I
für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität Münster ernannt, (hk.) I
Pest. Prof. L. T ö r ö k, der bekannte Pester Dermatologe, feierte I
anfangs September seinen 60. Geburtstag; von seinen Schülern wurde dem I
verdienstvollen Forscher eine Festschrift in ungarischer Sprache überreicht. I
Todesfälle.
In München starb. 57 Jahre alt, an den Folgen einer Blutvergiftung I
Dr. Gottfried Trautman n, ein geschätzter Facharzt für Nasen- und Hals- I
kranke und bekannter Schriftsteller auf diesem Gebiete.
ln Berlin starb Sanitätsrat Dr. Josef Alexander, Vorsitzender der I
Wirtschaftlichen Abteilung des Gross-Berliner Aerztebundes.
Prof. Dr. Moritz H e i 1 1 e r ist im 76. Lebensjahre in Wiien gestorben. I
Er war Schüler von Skoda und Oppolzer und ein wichtiger Vertreter!
der älteren, auf Perkussion und Auskultation basierenden Wiener Schule. I
Auch als Poet und feinsinniger Schriftsteller hat er sich hervorgetan.
(Berichtigung.) In der Mitteilung von G. K e y s s e l i t z in 1
Nr. 36 muss cs auf S. 1155 in Tabelle 2 lauten:
Es
leben nach 30 Min .
5
5
5
5
5
5
5
5
5
5
- |
„ 40 „ ...
5
5
5
5
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3
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„ 6 u. s Min. . .
-
3
5
—
0
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0
3
—
0 | 3
Abdruck. Amtliches. (Bayern).
Verordnung des Staatsministeriums des Innern vom 15. IX. 1923 Nr. 5188 a 67 j
über die Gebühren der Aerzte und Zahnärzte in der Privatpraxis.
Auf Grund des § 29 Abs. 1, 80 Abs. 2 der GewO, für das Deutsche Reich j
i:i der Fassung vom 26. VII. 1900 (RGBl. S. 904) und unter Aenderung der I
VO. vom 29. XII. 1922 Nr. 5188 a 45 (GVB1. S. 698, StAnz. 1923, Nr 5) sowie (
unter Aufhebung der VO. vom 30. VIII. 1923 Nr. 5188 a 63 (StAnz. Nr. 201) >
wird mit Wirkung ab 1. IX. 1923 bestimmt:
Die §§ 2 und 3 der Abt. 1, „Allgemeine Bestimmungen“ der durch die ,
VO. vom 29. XII. 1922 für Bayern übernommenen Preuss. Gebührenordnung i
für Aerzte und Zahnärzte vom 10. XII. 1922 (Deutsch. Reichsanz. Nr. 281)
erhalten nachstehenden Wortlaut:
„S 2. Die in den Abteilungen II A und B, sowie III der Gebühren dieser 4
Bekanntmachung enthaltenen Gebührensätze werden zur Anpassung an den
jeweiligen Teuerungsstand auf cuisn Betrag gebracht, der sich ergibt aus |
der Teilung der Gebührensätze durch Hundert und aus der Verminderung t
dieser erhaltenen Beträge um ein Fünftel; die auf diese Weise gewonnenen ;
Beträge gelten als Grundgebühren, die mit der auf 1000 nach oben abge- j
rundeten, wöchentlichen Reichsteuerungsindexzahl allwöchentlich vervielfacht ..
werden. Der sich hierdurch ergebende Gebührensatz gilt jeweils vom Tage
nach der Veröffentlichung des Reichsteuerungsindex an.
Für die Behandlung der gegen Krankheit nach der RVO. Versicherten '
durch Zahnärzte ist die Abt. IV dieser Bekanntmachung massgebend, zu deren ]
Gebührensätzen die zwischen dem Wirtschaftlichen Verband Deutscher Zahn- t
ärzte und den Krankenkassenhauptverbänden vereinbarten Teuerungs- ,
Zuschläge jeweils hinzutreten.
§ 3. Die nach § 2 ermittelten Mindestsätze der Gebühren gelangen zur
Anwendung, wenn nachweislich Unbemittelte oder Armenverbände die Ver- ,
pflichteten sind.
Diese Mindestsätze finden ferner Anwendung, wenn die Zahlung aus
Reichs- oder Staatsfonds, aus den Mitteln einer milden Stiftung, einer (
Krankenkasse ($ 225 RVO.). Knappscbaftlichen Krankenkasse (§ 495 RVO.), (
Ersatzkasse (§ 503 RVO.) oder Gemeinde (8 942 RVO.), aus den Mitteln der
Träger der Unfallversicherung (III. Buch RVO.), der Invaliden- und Hinter-
bliebenenversicherung (IV. Buch RVO.) oder der Angestelltenvcrsicherung
(Gesetz vom 20. XII. 1911, RGBl. S. 989) zu leisten ist. soweit nicht he- *
sondere Schwierigkeiten der ärztlichen Leistung oder das Mehr des Zeit- ;
aufwands einen höheren Satz rechtfertigen. Die Bestimmung über die An- j
Wendung der Mindestsätze bei Krankenkassen gilt nur, wenn sich die bei 1
einer Krankenkasse Versicherten bei der Inanspruchnahme eines Arztes f
(Zahnarztes) durch eine Bescheinigung als Kassenmitglieder ausweisen.
In dringenden Fällen sind von den gegen Krankheit nach der RVO. >
Versicherten nur die Mindestsätze zu entrichten, und zwar auch dann, wenn
die Bescheinigung nach Abs. 2 nicht beigebracht wird.“
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung, Heizung, Beleuchtung. Wohnung
und Kleidung beträgt in der Woche vom 10. — 16. September 5 051 046.
Basiszahl 1913/14 = 1.
Die B u c h h ä n d 1 e r - S c b 1 ü s s e 1 z a h 1 ist ab 17. Sept. 21 000 000.
Verlag von ]. F. L eh mann in München SW. 2, Paul Heyse-Str. 26. — Druck von F. Miihlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei G.m.ü.M. München.
reis der einzelnen Nummer freibleibend .« 500000.-. • Bezugs-
reis :n Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
r die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8%— 1 Uhr),
r Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-Strasse 26.
Anzeigen-A nnahtne :
Leo Waibel, München, Theatinerstrasse 3.
Anzeigenschluss:
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Medizinische Wochenschrift
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
p. 39. 28. September 1923. Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Wt ■ _ Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
70. Jahrgang.
, Der Verlag behält sieh das ausschließliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Aus der Medizinischen Universitätsklinik Frankfurt a. M.
(Direktor: Prof. Dr. Q. v. Bergmann.)
Ueber systolisches und diastolisches Herzklopfen.
Von Prof. Dr. ü. Katsch.
Ausführliche Werke über den Kreislauf sagen vom Herzklopfen
ei Sätze. Der heutige Arzt achtet dies Alltagssymptom gering; cs
> ihm kein Zeichen für organisches Kranksein. — Vor 100 Jahren sah
jjrvisart die Palpationen als Vorboten ernster Herzkrankheiten
• Später finden sich — wie bei Bainberger — noch ausführ-
he klinische Schilderungen (die sich besonders auf das Basedow-
jrz beziehen). Dann sank die Wertung des Symptomes, je mehr
|r Arzt an objektiver Kreislaufdiagnostik gewann. Heute wissen
r. dass Herzklopfen nicht nur mit ernsten Herzleiden, sondern
| ifiger mit nervöser Ueberempfindlichkeit oder Erregtheit sich ver-
Eellschaftet, dass es bei Herzinsuffienz wenig hervortritt, dagegen
\ bei Basedowischen, bei initialer Tuberkulose und einem Heer von
ervösen“. Es gilt als Sensibilitätsneurose des Herzens, als Hyper-
hesie, die eine normale oder etwas erregte Herztätigkeit subjektiv
s bar werden lässt. Und wo überhaupt auf das Wesen dieser Emp-
1 c"? ^in2egangen wird, da wird angegeben: Es handle sich um
rühlbarwerden des Anschlages an die Brustwand (Mackenzie
1 viele andere), ln der neueren Literatur findet sich ausser kurzen
imerkungen über das Herzklopfen (soweit ich sehe) nur ein klassi-
es Kapitel von K r e h 1 in seinen „Erkrankungen des Herzmuskels“,
(lies in allem sind unsere Kenntnisse über das Herzklopfen sehr
inge", so fasst K r e h 1 zusammen. Er zeigt aber auch die Pro-
me auf, die das Symptom umgeben und Wege, seinem Wesen
lerzukommen. Krehl geht über die landläufige, wohl etwas
i vi liehe Ansicht hinweg, die n u r abnorme Empfindlichkeit sen-
ler Nerven als Ursache der subjektiven Wahrnehmung des Herz-
pfens anschuldigt. „In der Regel ist die Herzaktion verändert.“
i Massgebende ist vielfach ein „sich stark kontrahierendes Herz
Ider Grenze seiner Leistungsfähigkeit“. Er zieht eine Reizung der
| siblen Herznerven durch „besondere Kontraktionsformen“ — wie
den Extrasystolen — auch für manche anderen Fälle in Betracht,
i stellt die Aufgabe, bei verschiedenen Formen von Palpitationen
Verhalten der Herzrevolution eingehend zu untersuchen.
j\. Müller, der (1895) eine Anzahl Spitzenstosskurven bei ner-
1 em Herzklopfen aufgenommen hat, betont, dass weniger eine „ver-
J kte Herzaktion dem Herzklopfen zugrunde liegt, wie meist an-
ommen wird, sondern ein „veränderter Modus der Ventrikel-
. traktion“.
]..Per Zeitpunkt, wo solche Untersuchungen fruchtbringend weiter-
lahrt werden können, ist heute vielleicht näher gerückt durch die
ilyse der Herzrevolution, die der F r a n k sehe Kardiograph ge-
2 lr • s. fr“her ermöglicht. Denn, dass sehr häufig geänderte
manische Herzaktion mit dem Auftreten von Palpitationen zu-
iimentrifft, dürfte kaum zu bestreiten sein. In vielen Fällen schlägt
Herz stärker, oft frequenter oder irregulär mit ungleichen Würf¬
ligen. Der Spitzenstoss kann erschütternd sein und die Systole er¬
lernt verkürzt (Fr. v. M ü 1 1 e r). Ein Problem liegt vielmehr darin,
is nur manche objektiven Aenderungen der Herz-
peit das subjektiv e Gefühl des Herzklopfens aus-
'■ e n.
I Ein bemerkenswerter Hinweis liegt in der von manchen Klinikern
«lachten Beobachtung, dass unter den Kranken mit Herzklappen-
ser es vorwiegend die mit Aortenklappeninsuffizienz sind, die
hger Herzklopfen angeben (vergl. K u e 1 b s). Bei dem Aorten-
imzienzkranken, der körperlich arbeitet, ist Herzklopfen sehr oft
Symptom, das ihn zuerst zum Arzt führt, wie die Atemnot den
Talkranken. Mir sind einige Fälle aus der Kriegszeit plastisch in
Erinnerung, wo Soldaten erhebliche Körperanstrengungen
;:eten, aber dabei durch heftiges Herzklopfen belästigt wurden. Es
' en Menschen mit gut kompensierter Aorteninsuffizienz, mit kom-
'sa torisch wieder erworbener Reservekraft, bei denen aber für
pse Körperleistung, wie langen Marsch mit schwerem Gepäck, die
zarbeit ganz ausserordentlich gesteigert werden musste. Das
z leistete diese mächtige Pumparheit, hei der zum Nutzlosen ein
pses Nutzquantum gefördert wurde. Der Kranke aber empfindet
• es heftige Pumpen. Ich zweifle nicht, dass man diese Empfindung
Nr. 39.
mit Annahme einer Sensibilitätssteigerung, oder von Ueberlagerung
nervöser oder psychogener Störungen unrichtig erklärt. Sie tritt ja
gerade bei Menschen auf, die noch nichts von ihrem Herzfehler
wissen. Bleibt das exzessiv gesteigerte Schlagen über die Zeit des
Bedarfes hinaus bestehen und raubt den Schlaf, so mag man an Mit¬
schuld nervöser Regulationen denken; doch fällt dies in das äusserst
schwierige Kapitel der überschiessenden Reaktion, die in ihrem Aus¬
masse krankhaft, auch neurotisch sein kann, qualitativ aber ein phy¬
siologisches Grundphänomen ist (Weigert). Aber eine Scnsi-
bilitätsneurose ist dieses Herzklopfen nicht.
Bei gewaltiger Grösse der Anforderungen kann ein gesundes,
kräftiges Herz ähnliche Erscheinungen bieten, wie das von abnorm
grosser Ruhearbeit ausgehende Aortenherz. Ich werde weiter unten
von einem kräftigen, gesunden Kanonier berichten, der nach über¬
eifrigem Verladen schwerer Geschosse vorübergehend ein sehr
starkes, objektiv nachweisbares Herzklopfen bekam.
Man kann einwenden, dass von unzähligen Ungeübten über Herz-
klopfen geklagt wird, sobald sie sich geringe Arbeit zumuten, der ihr
gesundes Herz völlig gewachsen ist. Aber auch bei ihnen spielt bei
der Erzeugung des Symptoms mindestens neben neu rast he-
nischen Faktoren die Aenderung und Umstellung
der Herztätigkeit eine Rolle, die der Uebergang vom Stuben-
nockerdasein zum sportlichen oder militärischen Training verlangt,
rür ihre Verhältnisse arbeiten solche Herzen stark.
Auch andere Aenderungen in den Arbeitsbe¬
dingungen des Herzens rufen Klopfen hervor, selbst
bei Menschen, die nie daran leiden — so das plötzliche Anwachsen
eines Exsudates, die Anlegung des künstlichen Pneumothorax. Bei
Klappenfehlern kann man beobachten, dass das werdende Vi¬
tium häufiger Palpationen erzeugt als das konsolidierte. So auch
der werdende Hypertonus. Dieselbe Beobachtung (wenn
auch mit anderer Deutung) findet sich u. a. bei B a m b e r g e r ver¬
zeichnet. „. ... häufiger aber kommt es bei Klappenfehlern vor, dass
die Kranken sich allmählich so sehr an die gesteigerte Herzaktion ge-
wohnen, dass sie davon durchaus keine Perzeption haben und dem¬
nach nie über Herzklopfen klagen“.
Ferner ist ein starkes und wechselndes Arbeiten des Herzens
vorauszusetzen in vielen Fällen, wo Basedow, Hypertension, Anämie,
übermässiger Kaffeegenuss oder seelische Aufregungen zu Herz¬
klopfen führen.
Aber es gibt Fälle, wo gerade das Gegenteil zu erwarten sein
sollte. Herklopfen bei ausgesprochen schwacher
Aktion. Bei Myokarditis, bei Endokarditiden, bei manchen Kachek-
tischen und Anämischen, bei zahllosen Rekonvaleszenten und ein¬
zelnen Dekompensierten. Fälle, in denen die Herztöne leise, die Pulse
klein und weich sind; Fälle, in denen kein Zweifel sein kann, dass
das Herz matt und die Aktion unternormal ist. Sehr bemerkenswert
ist auch das Herzklopfen, das nach grossen Blutverlusten auftritt.
Bei geschwächter wie bei heftig gesteigerter Herzaktion kommt
Herzklopfen vor, bei Ausgebluteten und bei Plethora. Da kann man
in der lat versucht sein, den üblichen Schluss zu ziehen: das Herz¬
klopfen sei eine Sensibilitätsneurose — aufgepflanzt auf die verschie¬
densten Herzbefunde. In der Tat ist feinere Analyse der Herzaktion
während des Herzklopfens zu fordern.
Ich glaube indessen, dass man auch einen Schritt weiter kommt,
wenn man versucht zu analysieren, was denn beim Herzklopfen emp¬
funden wird. Herzklopfen ist (nach Mackenzie u. v. a.) das
Bewusstwerden des Anschlagens gegen die Brustwand. Trifft dies
für alle oder auch nur die Mehrzahl der Fälle zu? — Der Kranke
muss bei der Sensationsanalyse helfen. Nur intelligente Kranke
eignen sich. Sie müssen über die Herzaktion und deren Phasen unter¬
richtet werden. Dann können sie zunächst einmal aussagen, in
welchem Moment der Herzrevolution ihre Sensation fällt. ... Dabei
stellt sich heraus, dass es ganz verschiedene Arten von Herzklopfen
gibt. Das Herzklopfen fällt bald in die Ventrikel¬
systole, bald trifft es deutlich mit dem 2. Ton zu¬
sammen: Systolisches und diastolisches Herzklopfen. Ich bringe
kurz einige derartige Beobachtungen.
Dr. K. wurde im Verlauf einer nekrotisierenden Angina sehr matt.
Mehrere untersuchende Aerzte haben Mühe den 1. Ton wahrzunehmen. Auch
an der Herzspitze wird verschiedentlich nur der etwas klappende, 2. Ton
gehört. Im übrigen normaler Herzbefund. Der Kranke verspürt Herzklopfen
schon nach geringen Bewegungen im Bett. Er kann deutlich feststcllcn, dass
die abnorme Sensation mit dem 2. Herzton zusammenfällt. Sie bestand nur
wenige Tage.
2
1218
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 30.
Derselbe Arzt macht später in voller Gesundheit, aber untrainiert, eine
Bergtour, ln der Nacht darauf verspürt er Herzklopfen: die Empfindung fällt
in die Systole.
Ruft er durch starken Kaffee künstlich Herzklopfen bei sich hervor, so
ist es ebenfalls systolisch. .
Der Fall ist besonders instruktiv, weil er zwei Arten des Herz¬
klopfens zu verschiedenen Zeiten beim selben Individuum vorführt.
Die Deutung muss wohl die sein, dass während einer infektiösen
Herzschwäche oder geringen Myokarditis der üefässtonus erhalten
oder nicht in gleichem Maasse geschädigt war. Infolgedessen hatte
schnelle diastolische Erschlaffung des Ventrikels ein beschleunigtes
und darum heftiges Schliessen der Seminurlarklappen zur Folge. Dies
wurde als diastolisches Herzklopfen empfunden. — Nach der Berg¬
tour anderseits arbeitet in überschiessender Reaktion der untrainierte
Herzmuskel heftig. Einen erhöhten üefässtonus wird man nachts
bei Bettruhe nicht als wahrscheinlich annehmen. So wird erklärlich,
dass eine Sensation in der Systole eintritt. Dabei bleibt noch offen,
was denn empfunden wird. Das Anschlägen des Herzens gegen die
Brustwand scheint es nicht zu sein. Man könnte sich fragen, ob die
energische Herzkontraktion als solche empfunden wird. Bei der
Empfindungslosigkeit des Herzens chirurgischen Insulten gegenüber
ist solche Vorstellung nicht ohne weiteres einleuchtend, aber bei der
Unklarheit, die noch immer über den Mechanismus der Viszeral-
schmerzen, z. B. der Bauchorgane, herrscht, wäre sie nicht, un¬
denkbar. Ich halte für möglich, dass auch die systolische Palpitations-
empfindung oft in den grossen Gefässen entsteht. Es scheint, dass
sie bisweilen gerade am Ende der Systole (in der Austreibungszeit)
„zwischen den Tönen“ empfunden wird. Schnelles Ausströmen eines
vergrösserten Schlagvolumens würde so als plötzlichere Dehnung der
grossen Gefässe empfunden werden. Man denke an die Sensation,
die den 1. Herzschlag nach einer Extrasystole begleitet. Dass auch
Schmerzempfindungen häufig von den grossen Gefässen ausgehen
Aortalgien — ist uns durch Beobachtungen von R. Schmidt wahr¬
scheinlich geworden. Gelegentlich pflanzt sich die systolische Emp¬
findung bis in die Karotiden fort, so bei starker Kaffeewirkung, so
bei Basedowischen, bei denen dem Herzerethismus oft ein niederer
Gefässtonus gegenübersteht. Es würde sich so erklären, warum die
kompensierte Aorteninsuffizienz Herzklopfen erzeugt, die dekompen-
sierte Mitralinsuffizienz, trotz hebenden mächtigen Spitzenstosses oft
nicht.
M. M. Im Anschluss an Polyarthritis rheumatica entstandene, zirka
Yi Jahr bestehende Mitralstenose mit geringer Mitralinsuffizienz. 2. Pul¬
monalton klappend und gespalten. Bisweilen starkes Herzklopfen. Objektiv
ist zu diesen Zeiten nichts Besonderes festzustellen. Die leicht erhöhte
Frequenz verhält sich wie sonst. Er behauptet, er spüre den 2. Herzton.
Ebenso gibt ein zweiter Mitralstenosekranker mit Bestimmtheit an. dass
seine Klopfsensation auf den 2. Ton fällt.
V., ein sehr intelligenter, etwas nervöser Sekundaner, bekommt unter
meiner Beobachtung eine Scharlachendokarditis. Systolisches Geräusch, stark
betonter 2. Ton. Klagt über Herzklopfen. Er spürt während einer Herz¬
revolution manchmal nur eine Sensation, manchmal zwei. Er imitiert die
beiden Möglichkeiten so:
Tick — tack - tick — tack
wupp - wupp
Man kann sich fragen: ist es ein subjektives Aequivalent für einen
verstärkten 2. Pulmonalton, das in solchen Fällen als diastolische
Palpitationsempfindung gemeldet wird? Sehr wohl aber kann man
annehmen, dass bei der Mitralstenose eine beschleunigte, diastolische
Erschlaffung der Kammer eintritt, wodurch ohne periphere Druck¬
erhöhung ein beschleunigter heftiger Klappenschluss auch der Aorten¬
klappen erzeugt und empfunden werden kann. Diese Beschleunigung
des Aortenklappenschlusses wird ja herangezogen, um die Spaltung
des 2. Tones zu erklären (vergl. Sahli).
Es scheint nun, dass die instruktiven Fälle, bei denen isoliert eine
Palpitationsempfindung zeitlich mit dem 2. Ton zusammentrifft, nicht
sehr häufig sind. Die Analyse der Sensationen wird noch schwieriger,
wenn deren zwei jeden Herzschlag begleiten. Immerhin gelingt sie
bei intelligenten Kranken gelegentlich. So sagte eine Kranke mit
Endocarditis rheumatica und der Signatur der Mitralinsuffizienz bei
mässig nach links vergrössertem Herzen, sie habe bei jedem Herz¬
schlag zwei Empfindungen, die sich durch ihre Stärke unterschieden
und von verschieden langen Pausen gefolgt, auch „anders seien.
Der stärkeren Sensation folgte die grössere Pause — wodurch sie
als diastolisch, als dem 2. Ton zeitlich zugeordnet, gekennzeichnet
wird.
Ein systolisches Herzklopfen bot z. B. folgender Fall.
Frl. B„ 59 Jahre. Seit Juni 1921 zuerst Herzklopfen, damals durch Ruhe¬
kur Besserung, jetzt seit einer Woche erneut besonders starke Palpitationen.
Sie wurden angeblich ausgelöst durch zahnärztliche Behandlung mit Kokain-
betäubng. Aufregungen jeder Art geben oft den Anlass zu lang anhaltendem
Herzklopfen. Die Kranke leidet dann an Schlaflosigkeit und in der Nacht
klopft das Herz bis in den Hals hinein. Sonst schläft sie ausgezeichnet und
liebt eine lange Nachtruhe. Die Menopause ist vor 11 Jahren eingetreten,
seitdem schon leidet sie an Blutwallungen. Objektiv bietet der Kreislauf
keine Symptome für Arteriosklerose. Die Nierenfunktion ist intakt. Herz
mässig nach links verbreitert. 2. Aortenton bisweilen stark klingend. Oefter
sieht man klopfende Halsarterien, ja, wenn Herzklopfen da ist, eine Andeutung
von Müsset schem Zeichen. Der Blutdruck ist dauernd hoch, dabei sehr
labil. Wenn Herzklopfen da ist, Maximum meist über 200, sonst oft nur 180.
Die nächtliche Senkung des Blutdrucks ist erheblich (85 mm Hg). Ein ge¬
nauer Parallelismus zwischen Blutdruckhöhe und Stärke des Herzklopfens
besteht dabei nicht. — Diagnose: Essentielle Hypertonie.
Die Kranke lernt mit dem Schlauchstethoskop die Herztöne auskultieren, r
Ihren eigenen 2. Herzton erkennt sie sehr leicht an seinem klingenden >
Charakter. Sie gibt ganz präzise und zu wiederholten Malen an. sie fühle das;
Herz klopfen „nicht gleich nach dem 1. Ton (also in der Austreibungszeit?.). j
Derartige Beobachtungen legen die Frage nahe, ob die Empfindung auch des
„systolischen“ Herzklopfens nicht von der Aorta ausgeht. Die plötzliche
Dehnung durch ein ungewohnt grosses Schlagvolum könnte fühlbar werden.
So ist die grosse Systole fühlbar, die auf eine Extrasystole folgt. Auch diese
Klopfsensation setzt sich bisweilen bis in die Karotiden fort.
Häufig wird gerade beim Hypertonikerherzen angegeben, dass.
2 Empfindungen vorhanden sind. Bringt man dem Kranken das Aus-,
kultatieren bei, so mag bei manchen eine gewisse Suggestion mit¬
spielen die sic „zwei 1 öne“ fühlen lässt. Aber häufig scheint mii
diese Doppelempfindung echt. Starke Ventrikelarbeit oder unge¬
wohnt starke schnelle Dehnung in der Aorta macht eine systolische
Sensation, wie energischer Schluss der Aortenklappen die diastolische
Man könnte sich vorstellen, dass ein Fortbleiben der systolischer
Empfindung prognostisch gelegentlich verwertbar wäre: es würde
ein Erlahmen der Herzkraft gegenüber dem Druck der Peripherie
anzeigen. Das diastolische Herzklopfen müsste gleichzeitig noch be¬
tonter werden. Indessen ist mir unter der kleinen Zahl für derartige!
Analysen geeigneter Kranker ein solcher Fall bisher nicht begegnet
Eine interessante Kombination beider Empfindungen, der systoli¬
schen und diastolischen, fand ich bei dem obenerwähnten Kanonier
Kanonier B„ im Zivilberuf Zimmermann, 21 jährig, ist ein grosser!
kräftiger Mann mit gut entwickelter Muskulatur. Seine Vorgeschichte ist ohnd
Belang. Vor 2 Tagen hat er stundenlang schwerkalibrige Geschosse eines!
Frontdepots in Eile verladen, weil das Depot vor dem Anrücken des Feindes!
geräumt werden musste. Dieser grossen Anstrengung hatte sich der Pflicht I
eifrige Soldat mit ganzer Kraft und zugleich voller Erregung über die heraui
ziehende Katastrophe des deutschen Zusammenbruchs hingegeben. Seitderrj
leidet er an heftigstem, quälendem Herzklopfen, das sich bei jeder Anstrengung
noch verstärkt. ... .... ,1
Objektiv ging die Herzdämpfung nach links kaum über die Mitteil
Schlüsselbeinlinie hinaus. Geringe Pulsation iin Epigastrium am stehendeij
Kranken sichtbar. Vor dem Röntgenschirm nach links im unteren Bogen eiml
Spur ausgeladenes Herz, das sehr starke Exkursionen macht. Frequenz o. B.
Kapillarpuls. Blutdruck 160/60 mm Hg. Sonst nichts für Aorten¬
insuffizienz.
Schon am nächsten Tag Kapillarpuls verschwunden. Ausser einer un¬
reinen Systole bietet die Auskultation keinen Befund. Blutdruck 150/70 mmHg!
Herzklopfen besteht weiter. Der Kranke lernt zunächst an anderen Kranken!
dann am eigenen Herzen mit dem Schlauchstethoskop auskultieren. Er bei
hauptet übrigens — auch schon vor dem Unterricht — er fühle zwei Dinge
die er später als ziemlich genau mit den beiden Herztönen zusammenfailemj
erkennt. J
Nach 2 weiteren Tagen war der Maximaldruck bereits 130. Durcl
Räumung des Lazaretts konnte ich die Beobachtung nicht fortsetzen.
Es handelt sich wohl um eine selten schwere akute Ueberanstrenguntj
eines kräftigen elastischen Herzens. Ein Herz, das kräftig und schlaff zugleicll
ist, das ein grosses Volum mit Kraft auswirft, dann aber schnell crschlafiu
So könnten die zwei Empfindungen zustande kommen. Dehnung der Aorta
durch das grosse Schlagvolum macht die eine Sensation, die andere entsteh!
rion Vifsfticrpn crvhnpllpn nnftnschlllSS.
Ich bin mir vollkommen darüber klar, dass die Ermittelung, oli
ein Kranker systolisches, ob er diastolisches Herzklopfen hat ode,
2 Sensationen empfindet, sehr selten einwandfrei durchgeführt werj
den kann. Die Frage beschäftigt mich seit 6 Jahren; ganz allmählich
nur habe ich weniges brauchbares Material gewonnen. Sehr vieh
Kranke sind ungeeignet für eine feine Sensationsanalyse.
Und seitens des Arztes bedarf es dafür eines bisweilen rech
zeitraubenden Eingehens auf die Kranken. Ich teile nicht deshall
meine Beobachtungen mit, weil ich glaubte diese Sensationsanalys'
sei zu breiter praktischer Anwendung zu empfehlen, sondern nui
weil einige Folgerungen aus dem Angeführten gezogen werdei:
können.
Dass es verschiedene Arten von Herzklopfen gib«
dass das Symptom bei heftiger wie bei geschwächte;
Herzarbeit — und durch diese Aenderung — auftreten kann, haj
ein gewisses Interesse.
Wichtiger scheint mir, dass wir radikal brechen müssen mit de
Auffassung, es sei das Herzklopfen Ausdruck einer Empfindungs
Störung am Herzen. Eine Arbeitsstörung mit inneres
Re ibungen liegt vor — ganz abgesehen von der Grösse und Gütl
der Kreislaufleistung. Es fehlt etwas an der feinen Harmonie in de
Abstimmung der Kräfte und Bewegungen des Kreislaufapparates, di
zu einem geordneten asensiblen Arbeiten gehört — das zugleicj
auch das ökonomischste sein dürfte.
Empfunden wird die starke Welle, die einer Extrasystole mi
kompensatorischer Pause folgt; empfunden wird die Arbeitsänderun
im tachykardischen Anfall, aber auch heftigste Arbeitssteigerung au
grosse Anforderungen oder grosse Reize. Empfunden wird das Hi.
und Her der Arbeitsänderung, das einhergeht mit der launische;
Druckkurve der labilen Hypertonie. Empfunden wird die noc
nicht harmonische Arbeitsänderung, mit welcher de
Kreislauf ein junges Vitium kompensiert, wie ja allgemein die wer¬
dende Wandlung empfunden wird — nicht die ge
wordene. ImDysergischenliegtdieQuellederOr
gan Sensationen. Und wenn wir weiterhin gelten lassen, dass di
Palpitationen mancher organisch Herzkranker ein überlagertes ner
vöses Symptom bedeuten, so werden wir dieses nicht mehr a-
Hyperästhesie oder sensible Neurose betrachten, sondern als ein
funktionelle Dysergie, die an einem kranken Herzen leichter einsetz
8. September 19 23.
MÜNCHfeNER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
uirker sich auswirkt als am gesunden. Neu geänderte mechanische
reislaufyerlialtnisse erfordern eine geänderte inadäquate Arbcits-
.unteJ s°lchen Umständen kann das feine, exakte Zusammen-
nel der Kontraktions- und Tonusphänomene am Herzen und i m
anzen Kreislauf besonders leicht Störungen erfahren. Inso-
J'rn müssen I alpitationen bei einem Vitium den Verdacht erwecken
iss eine Iliase der Wandlung mit neuen Einstcl¬
ingen und der Disposition zu Dysergien v o r 1 i.e g t.
i-.,wUC 1 101 rein fraktionellen Herzklopfen werden wir nicht Sensi-
Utats neu rose, sondern den Ausdruck solcher Dysergien sehen. M;i'T
;. slcl1 nun, um eir! Adoleszentenherz oder die Palpitationen der
ima.vum den psychisch Verstimmten oder den „vegetativ Stigmati-
erten , um den Lnteroptotiker oder den künftigen Hypertoniker
indeln — wir werden an solche Dysergien zu denken haben. Unser
-rstandnis für deren Möglichkeit ist gerade jetzt im Wachsen. Ich
,‘rweise auf die höchst bemerkenswerten Ausführungen von O h in
’er den Ak lonstonus des Herzens. Ich darf auch hinweisen auf
S.Sben,e,rs,clHenen,e Kapillarwerk Otfried Müllers, in dem er sehr
chdruckhch von den funktionellen Dysergien des Kreislaufs handelt.
i schildert vasoneurotische Menschen „deren psycho-physisches Ge¬
liehen ganz oder teilweise unter dem Signum der Unausgegliche.i-
it, des mangelnden Gleichmaasses steht“. — Ueberlagerung organi¬
nen Krankseins mit solchen Dysergien ist nicht ungewöhnlich. Wir
ichten uns beschränken auf den Hinweis, dass gerade beim schwer
■rzkranken in den Nöten der Dekompensation sich psychogene
I ’sergien mit Herzsensationen unheilvoll aufpflanzen. Dann kann
ii beruhigendes Wort wertvoller sein als Herzmittel. Ebenso die
| bekannte Morphiumdosis. Sie wirkt wahrhaft kurativ, indem sie
jn Circulus vitiosus blockiert zwischen Organsensation und
| v'chogen sich steigernder Dysergie.
L^eanderHUng’ m^h.r weniger Plötzliche Umstel¬
lt d 5 r Herzarbeit und Disharmonisierung der
” S^he?uUüd dynamischen Faktoren, die den
eislau f beherrschen, das sind die Bedingungen,
mVrSeTe|V„kf'0P'fes" e.rz'ue?"; bei organisch k?a£
*7 i p S j,?’ ,wle fr e 1 m Kreislaufneurotiker.
Dass Empfmdhchkeitssteigerung sensibler Nerven eine Nebenbc
: gung darstellt, soll hiermit nicht bestritten sein.
1219
I, Literatur.
aumueller? ^SS72i-T:-> LTehrbuch, der Krankheiten des Herzens. Wien
. . , . . . Krehl: Die Erkrankungen des Herzmuskels.
Lnc PZI? (M2,lde^ 1913‘ ~ 3- Kuelbs: Erkrankungen der Zir-
jitionsorgane im Handbuch der Inneren Medizin von Mohr und
en hühL\nP't t B ‘r (SpJinge") }?14: ~ 4 • Mackenzie: Herzkrank-
l W Üisol c1 ° r So,6- Berhn (Springer) 1910. — 5. Fr. M u e 1 1 e r :
! m- 1895US- 757 u- 783‘ — 6- Otfried Müller: Die Kapillaren der
ischhchen Haut. 1922. - 7. 0hm: Klin. Wschr. 1922. — 8. R. S c h rn i d t:
Kl. 1 b. 0 U. 36.
, Aus der Chirurgischen Universitätsklinik München.
(Vorstand : Geh. Hofrat Prof. Dr. F. Sauer bruch.)
h Verflüssigung fibrinreicher Pleuraempyeme durch
’psinsalzsäure als Hilfsmittel der Bü lau sehen Heber¬
drainagebehandlung.
i Dr. med. et phil. Adolf Herrmannsdorfer, Assistent
der Klinik.
I Einer der wichtigsten Grundsätze für die Behandlung der akuten
liraempyeme ist die vollständige, dauernde Entleerung des Er-
, pSV i!e f HOpKenlegung des Brustraumes. Das älteste Verfahren
s Erfüllung dieser Forderung — schon von Hippokrates ge-
— ist die breite Eröffnung der erkrankten Brusthälfte. Der
Bache Zwischenrippenschnitt musste im Laufe der Zeit der Pleuro-
Iie mit Entfernung eines Rippenstückes weichen. Seit König
J 2alt die Rippenresektion als Verfahren der Wahl Allerdings
i) es nie an Gegnern dieser Operation gefehlt. Besonders von
Urner Seite wurde immer wieder betont, dass sie bei allen
veren Empyemen mit fibrinarmem Ergüsse und fehlenden Brust¬
genfellverklebungen sehr gefährlich sei. Der Operations-
o c k und vor allem der offen« Pneumothorax mit seinen
idigunger i der Atmung und des Kreislaufes stellten an einen ge-
^achten Kranken zu grosse Anforderungen. Der Berechtigung
er Kritik haben sich auch die Chirurgen nicht verschlossen. Die
"• Prin?are RjPPenresektion bei frischen Eiteransammlungen
er Hrusthöhle wird daher heute auch von ihnen verworfen und
1 Funktions- oder Saugvorbehandlung verlangt. Die plötzlichen
I™. der Zusammenziehung der Lunge, der Verschiebung des
iciteldes und des Herzens, der schlagartig eintretenden Druck-
t rung im Brustraume durch einen operativ gesetzten Pneumo-
ix werden durch Verlötungen des Lungen- und Rippenfelles, die
Funktionen sich zu bilden pflegen, eingeschränkt. Erst das
i e r b r u c h sehe Druckdifferenzverfahren jedoch hat die von der
lindert 100 drohenden Schädigungen des Kranken wesentlich
öie reichen Erfahrungen, die während des Krieges und bei den
•PeepKiemien der Jahre 1918 und 1919 mit ihrer Häufung eitriger
ttellentzundungen gesammelt werden konnten, boten Gelegen¬
heit, die verschiedenen Behandlungsvorschläge für das Pleura-
empyem knHsch miteinander zu vergleichen. Als Ergebnis zeigt sich
-chrifttum des letzten Jahrzehnts ein unverkennbares Hinneigen
»J fu11 Massnahmen. Die einfache Punktion freilich, aber
auch wiederholtes Absaugen des Eiters nach Di e-ulafoy oder Potain
erwies sich nach wie vor nur für ganz wenige, günstig geartete'
/Kokungen als ausreichend. In Wettbewerb mit der Rippenresektion
d.gegen neuerdings wieder mehr denn je die Bü lausche
Hcbcrdrainage und diejenigen Verfahren, welche vermittelnd die
verbinden^110*1 mit nachfoIgender luftdicht angelegter Saugdrainage
Biilau hat seine 1876 veröffentlichte Behandlung ausgesprochen
von dem Gesichtspunkt aus ersonnen, die Vorteile des offenen und
geschlossenen Vorgehens beim Empyem miteinander zu vereinigen.
Im l vdlgC 4ad dauernde Entleerung des Eiters
solite bei Vermeidungdes offenen Pneumothorax be-
wirkt werden. Dieses Ziel wurde indessen nur halb erreicht Dass
nffHis er ir,a‘nT Cn ver.häIt,lismässig leichter und schonender Ein-
gritt ist, dass der Operationsschock dabei zu fehlen nflcsrt rLcc
grossere Druckschwankungen in der Brusthöhle durch das 'regel-
£fre un,d laiJSsame Abfliessen des Ergusses vermieden werden, dass
fernei die Vorzüge der geschlossenen, subkutanen Heilung (Bier)
damit verbunden sind, und dass nicht zuletzt die Wiederentfaltung
der Lunge durch die Saugkraft des Hebers in wünschenswerterWeise
ftriHpn1"! W Hd’ ai e diese .Vor,teile werden allgemein anerkannt. Be-
stünmJ w^.rde abe.r von je, dass die Ableitung des Exsudates voll-
Pamit aber stebt und falIt das Verfahren. Schon
Schede und neuerdings Moszkowicz haben darauf hin¬
gewiesen, dass auch dünnflüssiger Eiter durch Heberdrainage öfters
nicht restlos entfernt werden könne. Denn nach physikalischen Ge-
setzen höre der Abfluss auf, sobald die Kraft der Heberwirkung nicht
mehr hinreiche, die _ zusammengezogene und oft auch schon ge-
schrumpfte Lunge weiter zu dehnen. Dieser Einwand ist theoretisch
berechtigt; praktische Bedeutung kommt ihm aber nicht zu. Sobald
infolge mangelnden Nachrückens der Lunge an die Brustwand die
. ekretentleerung stockt, kann man durch das Heberrohr Luft in die
Hohle gelangen lassen und so den letzten Rest der Flüssigkeit ent-
fernen. Dadurch entsteht zwar ein Pneumothorax, aber ein ge-
schlossencr, denn der Drainageschlauch wird sofort wieder
unter den Spiegel des Auffanggefässes getaucht. Dünnflüssige
Pleuraempyeme lassen sich also durch Heb!r-
r a i n a g e g an z 1 i c h entleeren. Anders ist dagegen der Sach¬
verhalt, wenn der Erguss zäh und f i b r i n r e i c h ist Ver¬
stopfung des engen Abflusses durch Faserstoff
P'ni!s,,eI mit Eiterverhaltung, Fieber, Verklebungen und
Kammerbildung im Brustraume sind Nachteile, die man der Bülau-
lmu\Be£a“d Recht zum Vorwurf macht. Zwar kommen
vor 1CHhn ,Zw.ls^hei.lfal’i? aucl? bel der Drainage nach Rippenresektion
nnH n! V1-? S1(h hie£ 1(:lchter zu beheben: durch Herausnehmen
n!i? ^nHCphSPHU 6 VdeS Drains’ durch Lösen frischer Abkapselungen
mit Sonde oder Koinzange von der Wunde aus. Bülau und nach
ihm andere haben zur Beseitigung abflusshemmender Fibrinfetzen
Durchspritzen des Heberschlauches, Ausstreichen des Rohres und
Saugen daran empfohlen. Das sind Hilfsmittel, die vielfach die Lei-
a wieder in Gang bringen, aber nicht immer zuverlässig genug
Auch begeisterte Anhänger BÜIaus sehen sich daher bei ES
wieder auftretenden Verlegungen gezwungen, durch nachträgliche
Rippenresektion diesem Uebelstande abzuhelfen.
Das Fibrin kann bei der Heberdrainage nicht nur mechanisch
Hinderlich sein, sondern auch aus anderen Gründen die Heilung
r,srZSfnf0del ?arnz p-,Frage stellen- v- Beust betont, dass es
als Schlupfwinkel für Eitererreger dient und dadurch die Infek¬
tion u n t er h a 1 1. Er wie auch Schaedel, Odermattu a
landen gerade das Grippeempyem sehr fibrinreich. Die Höhle ist
e Faserstofflappen, die nach Schaedel 3 Handflächen
gross sein können, förmlich austapeziert. Solche Beläge sind wie
em Schwamm vollgesaugt mit Keimen. Zur Reinigung des
Brustfell raum es gehört daher nicht nur die Ent¬
fernung der flüssigen, sondern auch dieser bak-
tenenhaltigen, fibrinösen Ausschwitzungen,
bchaedel, Kleinschmidt u. a. verlangen ferner die Beseiti¬
gung des Faserstoffes mit dem Hinweis, dass er den Grund zur
{i‘ld u.n,g dicker Pleuraschwarten lege. A. W. F i s c h e r
behauptet, dass die konservativen Behandlungsarten des Pleura¬
empyems hauptsächlich deshalb erfolglos seien, weil sie die Säube-
AUngv, ~.-r , rpsthdhle., von dem keimhaltigen Fibrin nicht erlaubten.
Auch die besten Spülungen könnten „diese schwammigen, voll Bak-
tenen sitzenden Gebilde nicht entfernen, wenn die Pleura nicht weit
offen ist Die konservativen Verfahren seien nur da anwendbar,
wo der Eiter keine Fibrinmassen enthalte. Fischer geht sogar
soweit, zu erklären: „Der Kernpunkt bei der Behandlung des Pleura¬
empyems ist die Entfernung des Fibrins.“ Diese Auffassung ist aller¬
dings zu einseitig. Sie vernachlässigt z. B. die äusserst wichtigen
Bestrebungen, die auf Beseitigung der Höhle und Wiederausdehnung
der Lunge abzielen. Sicher ist aber, dass gegen die aus¬
geb reitetere Verwendung der Heberdrainage die
Störungen seitens des Faserstoffgehaltes vieler
r‘ : r er Ergüsse das Haupthindernis ausmachen,
hsei aller Anerkennung ihrer mannigfachen Vorzüge glauben die
1220
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT^
39
meisten Chirurgen daher doch, wenn es sich nicht um dünnflüssige
und harmlose Exsudate handelt, zur Sicherung gründlicher Entleerung
und Säuberung des Brustraumes an der breiten Eröffnung durcli
Rippenresektion festhalten zu müssen. Verkannt wird dabei keines¬
wegs, dass eine wirksame Saugdrainage ohne Rippenopera¬
tion' unzweifelhaft idealer sei (Schede, J e h n, A. W. bischer
U abie Aufgabe, das Bülausche Verfahren durch zuverlässigere
und ausgiebigere Entleerung des Empyems zu verbessern, lauft
darauf hinaus, die Weite des Abflusskanales zu Viskosität und festen
Bestandteilen des Ergusses in das richtige Verhältnis zu bringen.
Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man reseziert eine
Rippe, reinigt die Pleurahöhle und bringt eine luftdicht schliessende
dicke Saugleitung an, wie es zuerst Perthes, dann H a r t e r t,
I s e 1 i n, Schmerz u. a. empfohlen haben. Damit passt man
den Durchmesser der Ableitung der Beschaffen¬
heit des Exsudates an. Oder aber man verfl u s s i g t
den Erguss und macht ihn so geeignet, auch durch einen dünnen
Heberschlauch abzuströmen. Es ist auffallend, dass dieser zweite
Weg bisher noch nicht beschritten worden ist. Nur G e r h a r d t hat
einmal versucht, mit Papayotin- und Trypsin s p ü l u n g e n (.)
rahmige und fibrinreiche Empyeme zu verdünnen. Erfolg war ihm
nicht beschieden. ...
Seit nunmehr zwei Jahren benutzen wir an der Münchener
chirurgischen Klinik Pepsinsalzsäure zum Zwecke der Pleuraexsudat¬
verflüssigung. Die Ergebnisse sind sehr befriedigend. Heberdrainage
und Fermentbehandlung verbinden wir folgendermassen miteinander:
Am tiefsten Punkte des Ergusses, am besten im 8. oder 9. Zwi¬
schenrippenraum, möglichst in der hinteren Axillarlinie wird nach
örtlicher Betäubung ein etwa 7 mm dickes Rohr aus starkem, derbem
Gummi durch einen Trokar in der üblichen Weise soweit in die Hohle
eingeführt, dass seine Mündung eben in das Exsudat eintaucht. Der
Schlauch ist währenddessen am unteren Ende zugeklemmt.
Dann wird ein zur Hälfte eingeschnittener, mit Zinkpaste einseitig be¬
strichener Tupfer um das Rohr auf die Brustwand gelegt. Lieber den Schlau .h
streift man ein festes, in der Mitte durchloohtes Gummischeibchen, wie es
die Bierflaschenverschlüsse besitzen, und schiebt es bis an den Tupfer heran.
Zwei mit einem knopilochartigen Schlitz versehene Pflasterstreifen folgen
dem Gummiplättchen und werden kreuzweise an die Brustwand geklebt.
Dadurch ist das Scheibchen auf dem Tupfer und an der Brust befestigt. Es
fasst den Heberschlauch elastisch und hält ihn doch sicher in der gewünschten
Lage; dabei kann das Rohr jederzeit nach Belieben weiter in die Empyem¬
höhle hineingeschoben oder mehr herausgezogen werden. Legt man aber
Tupfer, Gummiplättchen, Pflaster noch ein paar Bindentouren, so ist damit
auf Wochen hinaus der Verband des Kranken erledigt.
Das Heberrohr wird nun nach unten durch ein Ansatzstück ver¬
längert und in die antiseptische Flüssigkeit des Auffanggefässes ein¬
geführt. Jetzt wird der Sekretabfluss freigegeben.
Diese Drainage lässt sich in 3—5 Minuten anlegen. Der Kranke
sitzt dabei mit Unterstützung oder liegt halb auf der Seite. Die
kleine Operation greift ihn nicht mehr an als eine Punktion. Bei
schlechtem Allgemeinzustand lässt man den Eiter ganz langsam oder
in Pausen austreten. Mit Hilfe einer zuschraubbaren Schlauch¬
klemme ist das leicht zu regeln. In mehrkammerige Höhlen kann
man mehrere Heberdrainagen einlegen. Ist das Exsudat sehr rahmig,
oder stockt der Abfluss durch Fibrinfetzen, so wird mit der Spritze
oder besser aus einem Irrigator körperwarme Pepsinsalzsäurelösung
durch den Heberschlauch in die Brust gefüllt. Das Fermentgemisch
soll frisch bereitet sein, da es nach ungefähr 2 mal 24 Stunden an
Leistungsfähigkeit einbüsst. Erwärmen über 45 0 C zuerstört das En¬
zym. Unsere Lösung hat folgende Zusammensetzung'):
Rp. Pepsin 20,0
Acid. mur.
Acid. carbol. aä 2,0
Aq. dest. ad 400,0
Ist viel Fibrin zu lösen, oder soll in veralteten Empyemen be¬
ginnende Schwartenbildung bekämpft werden, kann die Höhle mit
y2 proz. HCl-Lösung vorgespült werden. Das verstärkt die nach¬
folgende Pepsinverdauung. Eingedenk der Gefahren, die allen
Pleuraspülungen anhaften, ist jeder Druck dabei zu vermeiden. Der
Irrigator ist, wie nochmals hervorgehoben sei, der Spritze vor-
zuziehen.
Reagenzglasversuche im 37 0 C warmen Wasserbade haben er¬
geben, dass daumenglieddicke Fibrinklumpen aus Pleuraempyemen
in etwa 6 Stunden völlig aufgelöst werden. Daraus erhellt, dass
einfache Spülungen mit einem noch so kräftigen Verdauungs¬
gemisch zur Verflüssigung eines Exsudates nicht genügen
können. Die Pepsinlösung bleibt daher für 6—8—12 Stunden
in der Brust. Dazu klemmt man die Heberdrainage nach dem Ein¬
füllen für diese Zeit zu. Nach Abnahme des Schlauchverschlusses
fliesst dann eine dünne Flüssigkeit aus dem Rohre ab, das gelöste
Exsudat. Oft genügt einmalige Anwendung. Wenn nicht, wird
nach 2—3 Tagen oder auch täglich, je nach der Menge des
zu verdauenden Faserstoffes und nach demAlter des Empyems, in glei¬
cher Weise verfahren. Fibringehalt und Fassungsvermögen der Empyem¬
höhle bestimmen, wieviel von der Fermentlösung einzubringen ist.
Ueber 150—250 ccm sind wir nicht hinausgegangen. Der Kranke
wird während des Einfliessens auf das Sorgfältigste beobachtet.
Eine Hilfsperson kümmert sich nur um den Puls und die Atmung.
Werden die geringsten Klagen über Druck oder Spannungsgefühl auf
einen Teil der Flüssigkeit ab, bi;
der Brust laut, lässt man sofort
zu völliger Beschwerdefreiheit. ,. ., u ,
Ueber den weiteren Verlauf der Behandlung, die ihr Hauptaugen
merk auf Wiederentfaltung der Lunge richtet, ist hier nicht zu i eilen
Es genüge, die Mittel gezeigt zu haben, mit denen sich a u c h d a :
fibrinreichste und zäheste Exsudat s o v erflussi-
gen lässt, dass es durch ein 7 mm dickes Qummiroh
restlos entleert werden kann.
Welche Bedenken bestehen gegen dieses Verfahren? Zur Beant
wortung dieser Frage muss kurz auf einige wichtige, physiologisch.
Leistungen des Fibrins eingegangen werden. Im gesunden Körpe
findet sich dieser Stoff nicht, sondern nur die im Blute kreisend.
Vorstufe das Fibrinogen. Erst unter krankhaften Verhältnissen winl
daraus durch Gerinnung Fibrin. Seine funktionelle Rolle ist vornehm
lieh die eines Kitt- und Ab d i c ht u ng s m ittel s, z. B. bei de
Blutgerinnung, aber auch bei der E n t z u n d u n g. Bei diese 4
kann Faserstoffabscheidung unter Umständen so im Vordergrum
stehen, dass man geradezu von einer fibrinösen oder kruppösen Ent,
Zündung spricht. Sic ist ausgezeichnet durch verhältnismässige Gut
artigkeil Das ist verständlich, wenn man die Gewebsvorgange bej
rücksichtigt. Ein dichtes Faserstoffnetz schlägt sich bei ihr m del
Lymphspalten, Saftlücken und auf den Wundflächen wie ein all
Fugen verschliessender Mörtel nieder und hindert dadurch die Aul
saugung giftiger entzündlicher Stoffe, umgrenzt den Krankheitsherd
bis zur Abkapselung und macht ihn so unschädlich für den Korpeifi
Lunge und Pleura haben die Fähigkeit, bei entzündlicher Reizung mu
Fibrinausschwitzung zu antworten, in besonders hohem Masse. Wirk!
hier die Pepsinverdauung des abdichtenden Faserstoffes nicht schau,
lieh, indem sie den kämpfenden Organismus einel
wichtigen Schutzmittels beraubt? Die Frage darf wolj
verneint werden. Nach unseren Erfahrungen folgen den Pepsinful
hingen weder Temperaturerhöhungen noch sonstige Zeichen all|
gemeiner Vergiftung, die bei vermehrter Aufsaugung entzündliche!
Stoffe zu erwarten wären. Am ausgiebigsten, weil ringsum, wird daj
frei im Brustraum liegende klumpige und fetzige Fibrin von der FeiJ
mentlösung umspiilt und verflüssigt. In geringerem Grade können di
weniger allseitig angreifbaren Wandbeläge der Höhle eingeschmolzej
werden Aber selbst wenn sie ganz beseitigt sind, verbleibt noch dal
i m Gewebe der Pleura liegende Fibrinnetz, das die Saftlucken vei|
schliesst. Hierhin gelangt das Ferment gar nicht oder nur ausser!
schwer, denn lebendes Gewebe ist gegen Pepsinverdauung eftall
rungsgemäss sehr widerstandsfähig, wie schon John Hunter U/h |
wusste. Der bekannte physiologische Versuch, bei dem ma
durch eine Magenfistel den Schenkel eines Frosches oder das Uli
eines Kaninchens der Pepsinwirkung aussetzt, spricht nicht hiergegen
In dieser Anordnung sind die Verhältnisse für das Gewebe doc
wesentlich ungünstiger. Einmal wird das dünne Glied von allcj
Seiten von dem Verdauungsgemisch umspült. Dazu kommt, da:
nach Ansicht der Physiologen zunächst die Mineralsäure mit ihn
Aetzwirkung das Gewebe des Froschschenkels abtötet und dann er
das Ferment peptolytisch zu wirken beginnt. In der eiternden I lcurij
höhle aber wird die Salzsäure durch das alkalische Exsudat sehr bal
abgestumpft, wodurch das nur in saurer Lösung wirksame Magei
enzym beträchtlich an Angriffskraft einbüsst. Immerhin wäre t
denkbar, dass frische Verklebungen zwischen I leur
p u 1 m o n a 1 i s und p a r i e t a 1 i s der Verdauung v en
fallen könnten und so aus einem abgekapselten ein totalt
Empyem entstände. Aber auch diese Gefahr scheint nur gering ,
sein 'da die Lösung die Kittschicht zwischen den Brustfellblattern m
an der Schmalseite berührt. Bei unseren Kranken haben wir dies*}
Ereignis auch niemals beobachtet. I
Die künstliche Fibrinolyse, die wir einleiten, erstreckt sich haup
sächlich auf das freie Exsudatfibrin und auf die Oberfläche der Warn
beläge. Das aber wollen wir. . I
Die Widerstandsfähigkeit lebenden Gewebes gegen Pepsinve,
dauung ist wohl auch der Grund dafür, dass wir häufigere!
Auftreten von L u n g e n f i s t e 1 n, mit dem gerechnet wurd
vermissten. Ausgangspunkt eines Pleuraempyems sind ja häufig ?
der Lungenrinde gelegene Entzündungsherde. Zu ihrem Duic
brechen in die Brusthöhle trägt das Pepsin jedenfalls nicht mehr bl
als das peptolytische Eiterferment.
Eiweissstoffe werden durch Pepsin bis zu den Peptonen hin.
abgebaut.
Der Karbolsäuregehalt kann auch geringer sein.
Das Molekül der Albumine, Globuline und Proteide wird dadurch ze
trümmert und in löslichere Form übergeführt. (Hämoglobin zerfällt in nämat
und Globin; das Globin aber wird weiter peptonisiert. Die Stoffe des ze
kernes, die Nukleoproteide, werden gleichfalls aufgespalten.
Dies ist bedeutungsvoll; geht doch daraus hervor, dass nicht nj
das Fibrin eines pleuritischen Ergusses durch das Pepsinsalzsaur
gemisch gelöst wird, sondern dass auch eine allgemeine Verflüssigui
dicken, rahmigen Eiters zu erwarten ist. Andererseits wissen w.,
dass die parenterale Aufnahme von Eiweisszerfallskörpern giuj
wirkt. Wir haben bei unseren Kranken auch auf die Erscheinung'
einer solchen Pepton - oder Eiweissvergiftung geaclitj
aber nichts bemerkt, was auch nur entfernt daran erinnern könnt
Die Resorption aus einer Empyemhöhle ist ja infolge der Blocka'
der Lymphwege durch entzündliches Infiltrat gering. Ausserdt
leiten wir vdas verdaute Exsudat immer sehr bald nach aussen ab.
„Künstlichen Magensaft“ in eine Brusthöhle zu bringen, mag a
den ersten Blick unphysiologisch erscheinen. Unser D
mutet aber weniger befremdend an, wenn man bedenkt, dass su
28. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1221
Pepsin lind das Eiterkörperchenenzym nicht nur in ihrer eiweissspal-
enden Fähigkeit, sondern auch in einer ganz auffälligen chemischen
Affinität zum Fibrin gleichen! Darauf hat auch v. Gaza hin¬
gewiesen. Durch die Untersuchungen Er. v. Müllers und seiner
'chiiler wissen wir, dass der Körper überschüssiges oder nicht mehr
genötigtes Fibrin durch fermentative, autolytische Verflüssigung be¬
seitigt, Das hiezu erforderliche Enzym entstammt vor allem den
veissen Blutzellen. Es ist ferner bekannt, dass der Faserstoffgehalt
■itriger Brusthöhlenergüsse mit der Zeit erheblich zurückgeht und
chliesslich ganz verschwindet. Die Fibrinolyse besorgen dabei die
Eiterkörperchen, die durch positive Chemotaxis vom Fibrin angelockt
yerden. Demnach ist cs unzweckmässig, von einem fibrinös-eitrigen
xsudat den Eiter abzuleitcn. den Faserstoff aber zurückzulassen. Er
mterhält die Eiterung, auch wenn er nicht mit Bakterien durchsetzt
st. da er Leukozyten zur Verflüssigung braucht. Lassen wir an Stelle
les Eiters Pepsin in die Empyemhöhle gelangen, so arbeiten wTr
leichsinnig wie die Natur: wir lösen den Faserstoff. Darüber hinaus
leseitigen wir eine Quelle der Eiterung, sparen dem kämpfenden
Irganismus weisse Blutkörperchen, rauben krankmachenden Keimen
iren Unterschlupf und beugen der Schwartenbildung vor. Die Wir-
ung des Pepsins fällt also weitgehend mit der der Eiterzellen zu-
ammen. Vor Eiter hat es den Vorzug der Bakterien- und Giftfrei-
eit, ia es besitzt, wie schon Spallanzani (1785) bekannt war,
usgesnrochen gärungs- und fäulniswidrige Eigen-
chaften. Hievon wird in der Bauch- und Gelenkchirurgie Ge-
rauch gemacht (v. E i s e 1 s b e r g: Verband!, d. D. Chir.-Kongr. 1922,
ifhönbauer). Auch für die Behandlung des Pleuraempyems ist
ieser Umstand willkommen. Freund empfahl Pepsinsalzsäure
/ährend des Krieges wegen seiner reinigenden Wirkung für die
Vundb'ehandlung, U nna und seine Schüler rühmen sie für dermato-
igische Zwecke, Pavr wies auf zahlreiche Möglichkeiten, in denen
e r .Chirurg davon Nutzen ziehen kann, hin. Jen ekel erweicht
amit die starren Wände von Empyemresthöhlen. Ueber nennens¬
werte Schädigungen oder Gefahren bei zweckentsprechendem Vor-
'ehen findet sich im Schrifttum nichts. Die Verdauungsgemische der
utoren unterscheiden sich in unwesentlichen Punkten etwas von¬
unander. Von der Auffassung ausgehend, dass der Magensaft
; ii r die Eiweis s Spaltung jedenfalls das beste Fer¬
ne ii t s ä u r e g e m i s c h ist, haben wir uns der oben angegebenen,
'iner Zusammensetzung am nächsten kommenden Rezeptformel be-
ient.
I heoretische Erwägungen wie die klinische Beobachtung zeigen,
'iss Pepsinsalzsäure bei der Empyembehandlung mit Bül au scher
eberdrainage ohne Bedenken und mit Vorteil zu Hilfe gezogen wer-
m kann. Mitteilung ausführlicher Krankengeschichten verbietet der
aum. Einige kurze Auszüge mögen indes hier folgen:
1. S. Br., 42 jähr. Schneider. Diagnose: Grippe. Broncho-
neiimonie. Linikss. Totalempyem. Streptoc. long. haemolyt.
ässig viel Fibrin, aber doch Abflusshindernis. Pepsin-Salzsäurefüllung 2 mal.
irauf Exsudat flüssig. Behandlungsdauer des Empyems: 5 Wochen. Mit
illig entfalteter, der Brustwand anliegender Lunge, bei freiem Sin.
irenicocost., ohne Schrumpfung oder Schwartenbildung, mit fest vernarbter
stel entlassen.
2. J. G„ 22 jähr. Installateur. Diagnose: Grippe, Broncho-
neumonie. Links s. Pleuraempyem. Fibrinreicher Erguss,
reptoc. long. haemolyt. Nach 3 wöchiger Krankheitsdauer Beginn chirur-
scher Behandlung. Bülau. Pepsinfüllung 4 mal. Heilungsdauer: 12 Wochen,
mgenkapazität 3000, Lunge völlig wieder ausgedehnt. Wunde fest geheilt,
i.'ine Schrumpfung.
3. J. P„ 33 jähr. Hilfsarbeiter. Diagnose: Kruppöse Pneumonie,
et a pneumonisches, sehr fibrinreiches links s. E m -
IV em. Streptoc. long. 3 Wochen lang von Internem mit Punktionen und
osaugen behandelt. Bülau. Pepsin 1 mal. Heilungsdauer: loU Wochen,
mgenkapazität 3000. Geringe Schwarte. Mit fest geschlossener Fistel
heilt entlassen.
4. F. F ., 29 jähr. Metzger. Diagnose: Kruppöse Pneumonie,
et a pneumonisches, links s. Totalempyem. Pneumokokken,
st nach 6 Wochen Beginn chirurgischer Behandlung. Bülau. Pepsin 1 mal.
ilung durch erschwerte Wiederausdehnung der Lunge verzögert. Dauer:
Wochen. Ohne Resthöhle, mit 3000 Lungenkapazität, bei massiger
hrumpfung der linken Brusthälfte, mit geschlossener Fistel entlassen.
5. S. B., 36 jähr. Elektrotechniker. Diagnose: Friedländer-
n e u m o n i e. Interlobärer Abszess. Empyem. Mehr-
mmerige Höhle, daher 2 Heberdrainagen. Seröses Exsudat der anderen
itc verschwindet auf Punktion. Trotz völligem Sekretabfluss aus den
iden Höhlen bei Bülau-Pepsinbehandlung keine Heilungsneigung. Rippen-
'ektion erweist die Kammern des Empyems leer von Sekret! Derbe
hwarten. Später Durchbruch eines interlobären Abszesses in die obere
mmer der Höhle und in die Lunge. Dann Ausheilung.
6. F. Schw., 26jähr. Kaufmann. Diagnose: Links s. Lungentuber-
jilose. Künstlicher Pneumothorax. Pneumothorax-
n p y c m. Streptoc. long. und Bact. proteus vulg. Zunächst Punktionen.
nn Bülau. Exsudat äusserst fibrinreich, wird auf Pepsin (zeitweise täglich)
nnflüssig. Entfieberung. Wohlbefinden. Nach 4 wöchentlichem Bülau
j herrohr wegen heftiger Interkostalneuralgien entfernt. Temperaturanstieg,
rschlechterung. Punktionsweiterbehandlung. Extrapleurale Thorakoplastik.
mperatur bleibt septisch, rascher Verfall. Resthöhlenoperation. Un-
• haltsame Verschlimmerung. Exitus.
Zusammenfassung und Indikationen.
Der Anwendungsbereich der B ii 1 a tt sehen Heberdrainage lässt
h durch Zuhilfenahme der Exsudatverdauung mit Pepsinsalzsäure-
’Ung erweitern. Die mannigfachen Vorteile einer möglichst ge¬
flossenen Empyembehandlung stehen fest. Die bei den Grippe¬
epidemien gemachten Erfahrungen zeigen, dass man die Gefahren des
offenen Pneumothorax und eines grösseren Eingriffes Schwerkranken
nicht immer zumuten darf (L owenburg, Moszkowicz, Nae-
geli, Schacdel. Heller usw.). Rippenresektion sollte jedenfalls
stets unter Druckdifferenz nach Sauerbruch und Jehn vor¬
genommen und mit luftdicht schliessetidem Verbände beendigt wer¬
den. Wechsel der Verbände erfolgt ebenfalls unter Ucberdruck-
atmung. Nach Sauerbruch ist diese Methode „am besten bei
metapneumonischen Empyemformen im Kindcsaltcr und allen weniger
virulenten Infektionen der Erwachsenen“. „Bei allen Fällen, wo eine
Infektion mit hochvirulenten Eitererregern besteht, und wo das erste
Gebot eine breite Drainage der Brusthöhle ist“, empfiehlt er Vorsicht
mit der Druckdifferenz. Hier kann das B ii 1 a u sehe Verfahren in
Verbindung mit der Exsudatverdauung einsetzen. Denn je schwerer
der Allgemeinzustand des Kranken ist, und je weniger Verlötungen
zwischen den Brustfellblättern bestehen, um so schonender soll der
operative Eingriff sein. Freilich nicht auf Kosten der Wirksamkeit
der Drainage. Punktions- und Saugbchandlung erfüllen diese For¬
derung als alleinige Massnahmen ungenügend.
Der Flüssigkeitsgrad eines Empyems ist für die Zulässigkeit der
Heberdrainage nicht massgebend, da wir über ihn mit Pepsinlösung
verfügen können. Noch weniger kommen bakteriologische Gesichts¬
punkte in Betracht. Die Grenzen für die Anwendbarkeit
der Bülau drainage sind in viel wichtigeren, patho¬
logisch-anatomischen Verhältnissen zu sehen.
Geeignet für Biilau-Pepsinbehandlung sind nur solche Pleura¬
empyeme, die nicht von einer chirurgisch anzugrei¬
fenden Herderkrankung ausgehen und unterhalten werden.
Tn Frage kommen also für das Verfahren besonders para- und meta¬
pneumonische Empyeme, sowohl bei lobärer als auch lobulärer Pneu¬
monie. Metastatische Brustfelleiterungqn dürfen in den Fällen, in
denen man zugrundeliegende Lungenabszesse nicht operieren kann,
nach Bülau drainiert werden. Aehnliches gilt für traumatische
Empyeme, die jedoch ungleich häufiger breite Thoraxeröffnung ver¬
langen. Bei mischinfizierten tuberkulösen und Pneumothoiax-
empvemen ist ein Versuch mit Heberdrainage berechtigt. Ausheilung
wird man damit allein kaum erzielen. Extrapleurale Thorakoplastik
(Spengler und Sauerbruch) oder Resthöhlenoperation werden
hinzukommen müssen.
Ganz ungeeignet für die Bül au sehe Behandlung sind
aber alle Empyeme bei Lungenabszessen, Lungengangrän, Bronchi¬
ektasen, Steckschüssen, Lungensequestern und die. welche von Nach¬
barorganen (z. B. bei subphrenischem Abszess, Perikarditis, Medi¬
astinitis und Oesophagusdurchbruch) ausgehen. Breite Eröffnung
des Brustraumes unter Druckdifferenz, Angehen des Herdes und
Tamoonade sind hier geboten.
Der Rippenresektion Vorbehalten bleiben schliesslich auch alle
Plenraeiterungen, die infolge ihrer versteckten Lage für den Trokar
nicht erreichbar sind. Dazu gehören die meisten interlobären, die
mediastinalen und die diaphragmatischen Empyeme.
Schriftennachweis.
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11. Jen ekel: M.m.W. 1921 S. 1156. — 12. K 1 e i n s c h m i d t: D. Zschr.
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burg: New York med. journ. 1920, 112. Nr. 4. — 16. Moszkowicz:
M.K1. 1920 Nr. 8. — 17. Fr. v. Müller: Verh. d. Naturforsch. -Ges. in Basel
1901. 13. H. 2: Verh. d. 20. Kongr. f. inn. Med. 1902, Wiesbaden. — 18. Nae-
geli: Bruns’ Beitr. 1920, 119, H. 3. — 19. Odermatt: D. Zschr. f. Chir.
1920, 155, H. 1/2. — 20. Payr: Zbl. f. Chir. 1922 Nr. 1; Verh. d. D. Ges. f.
Chir. 1922, 46. Tagg. — 21. Perthes: Mitt. a. d. Grenzgeb. 1901. 7. —
22. Sauerbruch: Chir. d. Brustorg. 1920. 1. S. 108: Hdb. d. ges. Ther. v.
Pentzoldt und Stintzing 1914, 3, 5. Aufl., S. 389; Hdb. d. prakt. Chir. 1913, 2,
4. Aufl.. S. 763. — 23. Schaedel: D. Zschr. f. Chir. 1920, 153. H. 3/4. —
24. Schede: Hdb. d. Ther. inn. Krankh. 1902. 3. S. 547. — 25. Schmerz:
Zbl. f. Chir. 1916 S. 1. — 26. Schön bau er: Arch. f. klin. Chir. 1922, 120,
H. 1. — 27. Spengler und Sauerbruch: M.m.W. 1913 Nr. 51. —
28. Unna: Dermat. Wschr. 1916, 1917, 1920.
Die endolumbale Salvarsanbehandlung der meningealen
Syphilis.
Von Prof. Dr. Wilhelm Gennerich in Kiel.
1. Allgemeiner Teil.
Die Urteile, die über die Zweckmässigkeit der endolumbalen Be¬
handlung bisher vorliegen, sind trotz zehnjährigen Alters der Me¬
thode ungemein widersprechend, so dass sich der Fernerstehende
über die wirkliche Sachlage kein rechtes Bild zu machen imstande ist.
Die meisten Neurologen und Psychiater Deutschlands verhalten sich ab¬
lehnend; sie halten die Behandlung für zu gefährlich und glauben mit der
Allgemeinbehandlung dasselbe zu erreichen. Nonne und Jako bi- Jena
beobachteten je zwei Todesfälle und D r e y f u s - Frankfurt einen schweren
Meningitisfall, der nur mit grosser Mühe am Leben erhalten wurde. D r e y -
1222
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
f u s, F u c K s und Jakobi betonen ausserdem, dass die von mir ange¬
gebene Technik genau eingehalten sei. D r e y f u s hat etwa 100 endolumbale
Behandlungen ohne einen nennenswerten Erfolg ausgeführt. Als Dosierung
hat er nur ‘/io mg gegeben, eine viel zu geringe Dosis, welche auch nach
unseren Erfahrungen absolut wirkungslos ist. Lieber diese Tatsache lesen
aber leider viele Autoren hinweg, weil sie selbst über Technik und Do¬
sierungsfrage gar nicht unterrichtet sind.
Auch aus dem Auslande liegen einige ablehnende Berichte vor. So hält
Villa verde die endolumbale Behandlung der Tabes für wenig ver¬
sprechend, bzw. aussichtslos. David Kaliski und Israel S t r a u s s sind
ebenfalls gegen die intraspinale Methode; sie halten es nicht für erwiesen,
dass Salvarsanserum spirochätentötend wirkt. Die Anwendung von Salvarsan
selbst im Spinalkanal sei gefährlich oder bei Anwendung nichttoxischer Dosen
unwirksam. ‘-r ‘
Hierzu ist zu bemerken, dass bei uns in den letzten 10 Jahren wohl
vereinzelt geringe chemische Irritationen durch Ueberdosierung des intra-
spinal gegebenen Salvarsans beobachtet worden sind, dass sich aber toxische
Einwirkungen des eniolumbal einverleibten Salvarsans bisher noch niemals
gezeigt haben. Auch Förster, Cassirer, Siemerling u. a.
Autoren haben sich gegen die endolumbale Methode ausgesprochen; För¬
ster- Berlin hat sich dahin geäussert, dass keinerlei Beweis dafür erbracht
sei, dass das endolumbal eingeführte Salvarsan an den Krankheitsherd hin¬
gelange und dort zur Wirkung komme.
In ähnlicher Richtung bewegen sich auch die Ansichten von R. D. Ru¬
dolf und F. M. R. Bulmer (Canada). Da ihre Versuche sowohl von
ihnen selbst, als auch von ihrem Berichterstatter U 1 1 m a n n - Wien gänzlica
falsch ausgelegt und verwertet worden sind, und für den Uneingeweihten
Anlass zu einem verhängnisvollen Missverständnis werden könnten, müssen
wir auf die Arbeit der beiden genannten Autoren kurz eingehen. Sie prüften
das Schicksal des Arseniks nach intravenöser und endolumbaler Injektion. Es
ist besonders zu beachten, dass es sich um Injektionen handelte. Sie fanden
an Kaninchenversuchen, dass nur bei grösseren Dosen intravenös oder in den
Lumbalsack eingespritzter Arsenik- (Salvarsan-) Präparate ganz geringe
Spuren davon auch in der Rückenmarkssubstanz nachweisbar wurden, und
zwar nach endolumbaler Injektion deutlich in dem unteren Teile (der der
Stichöffnung näher lag) etwas mehr als in dem etwas mehr oberen, dem
Halsmark näheren Teile, was auf eine lokale Adsorption hinweist, zumal ja
der Rückenmarkskanal der Tiere nicht wie beim Menschen vertikal, sondern
nahezu horizontal verläuft. Sie fanden später durch physikalische Versuche
mit langen Olastuben, dass eine nennenswerte Diffusion des Arsens von einer
bodenständigen konzentrierten Arsenlösung aus auf eine überschichtetfe arsen¬
freie destillierte Wassersäule selbst in der Zeit von vielen Stunden nach
obenhin nicht stattfindet, demnach beim Menschen die «Verhältnisse noch
ungünstiger seien, als wie beim Kaninchen. Ganz besonders gering war der
Arsengehalt des Rückenmarks, wenn man nach der Methode von Swift
und E 1 1 i s salvarsanisiertes Serum in den Rückenmarkskanal einspritzte.
Sie belegen ihre Versuche mit den nötigen Kontrollen und Arsenmaassskalen,
die photographisch eine sehr genaue Abschätzung der Arsenmengen mit freiem
Auge gestatten. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten werden dahin zusammen¬
gefasst, dass Arsenik (Salvarsan), intravenös beigebracht, nur in verhältnis¬
mässig sehr geringen Mengen in das Zentralnervensystem gelangt, in thera¬
peutischen, dementsprechend also kleineren Dosen, intralumbal injiziert, es
nicht einmal in diesen kleinen Mengen chemisch im Rückenmark nach¬
zuweisen sei.
Hierzu äussert sich U 1 1 m a n n - Wien, wie folgt:
Durch diese Untersuchungen wird ein weiteres und wichtiges Beweis¬
mittel gegen die seit einigen Jahren in übertriebener Weise gehegten Hoff¬
nungen von dem Werte intralumbaler, also scheinbar rationeller Therapie,
die auf die Ausheilung der Syphilis des Zentralnervensystems gesetzt werden,
erbracht. !V(U'Ä!
Hierzu ist zu bemerken:
1. Zunächst beweisen die Versuche von Rudolf und Bulmer nichts
anderes, als was bei uns in Deutschland schon seit 10 bis 30 Jahren bekannt
ist. Der H e n s e n sehe Versuch, der wohl mehr als 30 Jahre alt ist, zeigt,
dass ' Farblösungen in einem 1 m langen Glasrohr ca. 14 Tage gebrauchen,
um von einer Seite aus durch die Wassersäule hindurch auf die andere Seite
des Rohrs zu diffundieren. Weshalb soll das bei chemischen Lösungen, wie
z. B. Arsenikalien, anders sein? Dieser Tatsache musste bei der endolumbalen
Behandlung Rechnung getragen, bzw. von ihr ausgegangen werden.
2. Seit fast 10 Jahren haben wir die Anschauung vertreten, dass die
Liquorströmung praktisch gleich Null ist, jedenfalls für eine wirksame Ver¬
teilung des Salvarsans im Lumbalsack nicht in Betracht kommt. Die klini¬
schen Erfahrungen haben gelehrt, dass die Wirkung des endolumbal einver-
leibtcn Salvarsans nur so hoch in den Lumbalsack nach oben hinaufreicht,
als es der in die Bürette abgelassenen und hier mit Salvarsan vermischten
Liquormenge entspricht. Seit dem Jahre 1915 war es jedenfalls völlig klar,
dass endolumbal zu gebendes Salvarsan nur so weit in den Lumbalsack nach
oben gelangen konnte, als es mit der Bürette nach oben gebracht wurde.
Während anfänglich nur 20 ccm Liquor zur Salvarsanmischung entnommen
wurde, gingen wir in allmählicher Steigerung sehr bald zu 60 bis 90 ccm
über, d. h. wir entnahmen zur Mischung so viel, als der einzelne Lumbalsack
ohne Gefahr hergab. Der prompte klinische Erfolg bewies uns, dass wir
auf diese Weise leicht das Salvarsan an die zerebralen Meningen heran¬
bringen konnten.
Die endolumbalen Versuche von Rudolf und Bulmer stehen also
nicht einmal auf dem Niveau unserer ersten endolumbalen Versuche aus dem
Jahre 1913, weil sie lediglich eine Injektion von Arsenlösung intraspinal aus¬
führten, die selbstverständlich mehr oder minder um die Einstichstelle herum
liegen bleibt, bzw. dort zur Adsorption gelangen musste.
3. Ebenso selbstverständlich, wie die vorstehenden Ergebnisse der
Rudolf und Bulmer sehen Versuche, ist auch das Endergebnis ihrer
Arbeit, dass sie nämlich nach der intraspinalen Injektion therapeutischer
Arsendosen nichts davon im Rückenmark selbst nachweisen konnten. Würde
die intakte Pia bei endolumbaler Injektion grössere Salvarsanmengen zum
Nervengewebe durchlassen, so würden beim Rückenmark Irritationen und
Funktionsausfall die Folge sein. Aber selbst in diesem Falle würde die
Zirkulation das dorthin gelangte Salvarsan sofort aufnehmen und fortführen,
so dass der am lebenden Organismus angestellte Versuch nichts weniger als
massgebend sein würde. Nur an ganz frischen Kadavern lässt sich der Ueber-
tritt von Chemikalien aus dem Lumbalsack in die Nervensubstanz nachprüfen.
Unsere diesbezüglichen Versuche zeigen, dass gewisse Chemikalien weder
von der normalen Pia. noch von der gewöhnlich syphilitisch verdickten Pia
direkt zum Nervengewebe durchgelassen werden. Nur dort, wo die Pi:
durch den chronischen syphilitischen Infiltrationsprozess aufgelockert und zer i
mürbt ist, erfolgt, wie wir späterhin noch erörtern werden, ein unbehinderte
Durchtritt der Chemikalien durch das Gewebe der Pia in das mit diesen
verwachsene Rindengewebe. Ohne den genannten Zerstörungsprozess ii
der Pia lassen sich nur geringe Mengen von Chemikalien in den binde
gewebigen Teilen der pialen Gefässscheiden und Media und hier nur stellen
weise erkennen. Im übrigen sind jedoch die gewöhnlichen Resorptionsverhäh
nisse der in den Liquor einverleibten chemischen Produkte durch die Pia
wie es besonders Lewandowski für eine Reihe von Alkaloiden gezeigt
hat, verschieden. Die pialen Durchtrittsverhältnisse für Farben und Chemi
kalien vom Liquor aus sind bereits in meinem Buch „Die Syphilis des Zentral
nervensystems“ ausführlich erörtert, so dass wir hier auf ein weiteres Ein!
gehen auf diese Fragen verzichten können.
Alles zusammengenommen sind die Untersuchungen von Ru*
d o 1 f und Bulmer, die auf dem Washingtoner Aerztekongress 192.
vorgetragen wurden, für uns längst bekannte Tatsachen. Sic habei
uns nicht von der endolumbalen Behandlung abgehalten, sondert
waren gerade der Anlass zu ihrem weiteren Ausbau. Ihre Berück
sichtigung brachte uns in letzter Konsequenz auch die Doppelpunk
tionsbehandlung, bei welcher am Rückenmark vorbei hohe zerebral
Dosen nach oben geschickt werden, während das weit empfindlicherqj
Rückenmark selbst von der Behandlung ausgeschaltet wird.
Wer den Entwicklungsgang der endolumbalen Therapie verfolg«
hat, für den kann es nur ein Rätsel bleiben, weshalb Ullmann-Wiet
in den Rudolf - und Bulmer sehen Versuchen ein weiteres wich
tiges Beweismittel gegen die seit einigen Jahren in übertriebene
Weise gehegten Hoffnungen von dem Wert intralumbaler Thcrapi
erbracht sieht.
M. H.! Die intraspinale Injektion hat mit unserer endolumbale:
Behandlung nichts weiter gemeinsam als den Einstich. Auf die son
stigen Beweise Ul 1 man ns gegen den Wert der endolumbale)
Therapie darf man wohl gespannt sein.
Als Anhänger der endolumbalen Salvarsanbehandlung haben sic
in Deutschland besonders B e n e d e k und Anneliese W i 1 1 g e n
stein hervorgetan. Ersterer berichtet über zahlreiche subjektiv
und objektive Besserungen und nur über Vereinzelte Versager be
Tabes und Lues cerebri.
Wittgenstein berichtet über 3 Kategorien von Fällen:
1. Bei symptomloser Liquorlues wurden von 7 Spätfällen 3 intravenös
die anderen endolumbal assaniert.
2. Bei Lues cerebri 10 Fälle: und zwar 2 unbehandelt und 8 erfolglo
intravenös behandelt. Von ihnen wurden 8 endolumbal assaniert, 1 blie
resistent.
3. Tabes, 16 liquorpositive Fälle: 9 erfolglos intravenös behandelt, 3 Fäll
intravenös gebessert, 4 Fälle nur endolumbal behandelt. Von den 16 Falb
wurden 12 endolumbal assaniert.
In der Schweiz ist die endolumbale Behandlung durch Theodor Brun
n e r - Zürich eingeführt, er berichtet über eine Reihe von Paralysefällcn. di
er wieder ihrem Erwerbsleben zuführen konnte. Septische Störungen hat c
nicht beobachtet und hält sie bei richtiger Tecknik für ausgeschlossen. Ebens
günstig äussert sich über die endolumbale Behandlung Müllcrn-Aspe
g r e n - Stockholm, der die Methode in Schweden eingeführt hat. Neben de
klinischen Besserung betont er vor allem die Rückbildung der pathologische
Liquorwerte bei planmässiger endolumbaler Durchbehandlung.
Der führende Syphilologe Amerikas F o r d y c e - New York gibt ein
eindringliche Empfehlung der intraspinalen Behandlung der Nervenlues.
Mit der intravenösen Salvarsanbehandlung sei nicht dasselbe zu erreichet’
Er hat besonders Optikusatrophie zum Stillstand gebracht.
In ähnlicher Weise äussern sich auch K e y d e 1 und Moore- Baltimore;
L a f o r a - Madrid steht auf dem Standpunkt, dass bei der aus
gesprochenen Wirksamkeit der endolumbalen Behandlung der Ner
vensyphilis diese Behandlung stets angewendet werden muss un
keinesfalls für die der Allgemeinbehandlung widerstrebenden Fäll
reserviert werden darf. Die Mehrzahl der Versager und Schädi
gungen führt Lafora auf fehlerhafte Technik, auf unrichtige Dosie
rung und auf die bei der Auswahl der Kranken, begangenen Irrtiime
zurück, alles Fehler, für die man den Arzt verant
wörtlich machen muss und nicht das Verfahre
als solches. Jeder Typus der pathologischen Prozesse gebrauch
eine bestimmte Anwendungsart der Methode, besonders was die Häu
figkeit der Behandlung und die Dosierung betrifft. Die Methode dflrf
nur in denjenigen Fällen angewendet werden, wo ein meningovasku
Iärcr Entzündungsprozess vorliege, nicht aber in jenen anderen Fäl
len, wo es sich fast ausschliesslich um sklerotische Läsionen handelt
M. H.! Ueber die Häufigkeit latenter meningealer Prozesse nac
Salvarsan- und Quecksilberbehandlung habe ich in den Jahren 191
bis 1917 wiederholt berichtet. Die Durchsicht des Krankenmaterial
zu verschiedenen Zeiten ergab, dass in zirka 40 Proz. aller Fälle trot
vielfacher und starker Vorbehandlung mit meningealen Entzündunge
zu rechnen ist. Aehnliche Beobachtungen über die Häufigkeit eine
pathologischen Liquors finden sich auch bei denjenigen Autorer
welche bei alleiniger Allgemeinbehandlung mit Quecksilber und Sa!
varsan das Verhalten des Liquors kontrolliert haben.
Bei D r e y f u s bleiben von 54 Fällen mit pathologischen Pupillcnphäm
menen 39 pathologisch, bzw. progredient, nur bei 4 Fällen wurde ein normale
Liquor konstatiert. Fast 70 Proz. bleiben ungeheilt..
Bei Finger- und Kyrles-Behandlungsergebnissen sehen Sie, in. H
vor allem jene bekannte Tatsache hervortreten, dass die im Latenz
Stadium vorhandenen pathologischen Liquors mit zunehmendem Ir.
fektionsalter gegen Allgcmeintherapie immer resistenter werden.
Im zweiten Krankheitsjahr wurden von 43 Fällen noch 25 Fälle glek
58 Proz. durch Allgemeinbehandlung im Liquor saniert, im 3. und 4. Kran!
28. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1223
hcitsjahr / gleich 37 Proz., im 5. Krankheitsjahr von 56 Fällen 7 gleich
12,5 Proz., und bis zum 10. Krankheitsjahr von 41 Fällen auch nur noch 7 gleich
12 Proz. Bei 17 Fällen, die bis zu 20 Jahren und darüber hinaus alt waren,
wurde überhaupt keiner mehr saniert. Von 77 älteren Fällen unbekannten
Infcktionsalters wurden nur 15 gleich 19 Proz. saniert.
Auch die Behandlungsergebnisse von Viktor Muclia und Viktor Satkc
ergaben nach Allgemeitibehandlung Fortbestand pathologischen Liquors in
35 Proz. der FäMe mit einem Infektionsalter Uber 2 Jahre hinaus, und in
45 Proz. bei rällen unbestimmten Infektionsalters.
|, H.! Die angegebenen Zahlen stimmen im grossen und ganzen
mt denen überein, die auch noch von anderen Autoren über die
läufigkeit eines pathologischen Liquors bei Syphilisfällen der ver-
-chiedensten Vorbehandlung gebracht worden sind. Die patholo¬
gischen Liquores schwanken in den älteren Luesstadien zwischen 35
ind 60 Proz., je nach der Güte der Behandlung. Jede Behandlung
unterlasst soviel Meningorezidive, als sie verdient, d. h. eine gute
lehandlung nur wenig und eine schlechte Behandlung einen erheb-
ichen Prozentsatz.
Lieber die Bedeutung eines pathologischen Liquors in Latenzfällen be¬
stehen noch geteilte Ansichten. Spontane Rückbildungen kommen auch in
nseren Breiten zweifellos noch vor, weil die Zahl der Metaluesfälle wesent-
j ger,nSer ]st, als der Prozentsatz der latenten meningeaien Prozesse.
, unserem Krankenmaterial, das allerdings sehr viel frische Luesstadien
utwdst, betragen die latenten meningeaien Prozesse 90 Proz. und die klini-
F..J1 nur 10 Proz. Auf die sonstige statistische Forschung über die
läufigkeit der Metalues soll heute nicht näher eingegangen werden; es liegen
enugetid Beweisgründe dafür vor, die Häufigkeit der gesamten Spätsyphilis
m C.N.S.^ auf ca. 20 Proz. einzuschätzen.
i • De(. Standpunkt Nonnes und seiner Schüler, dass ein pathologischer
'q.i0r-..ei-esfa s !mm?r einen späteren Ausgang in Metalues bedeutet, mag
ic leicht für eine beschränkte Anzahl biologisch sehr träge verlaufender In-
:k‘l0,le" zutl;effen, aber keinesfalls für die überwiegende Mehrzahl der vor-
lehandelten alteren Fälle mit erheblich pathologischen Liquorwerten, die
egen der bei unserer heimischen Syphilis überwiegend vorhandenen Allergie-
Lhwache die zweifellose Anwartschaft auf Metalues besitzt. Jedenfalls cr-
i 'eisen sich die schwereren Liquorveränderungen der älteren Luesstadien
ine endolumbale Behandlungen als vorwiegend progredient, was oben bereits
ei dem D r e y f u s sehen Material erwähnt wurde.
Endlich sollte die absolute Zahl der Fälle mit nervöser Syphilis
"d ailch die schwere Bedeutung der eingetretenen Ausfallerschei-
ungen am C.N.S. einen genügenden Anlass geben, neue Wege zur
lquorassanierung zu beschreiten, falls diese dazu auch nur einige
ussicht bieten.
I .Zunächst muss eine möglichst frühzeitige Feststellung des patho-
bgischen Liquors durch planmässige Liquorkontrollen sichergestellt
erden Sodann muss die Erfahrung, dass die spezifische Allgemein-
, Handlung sehr häufig zur Assanierung der meningeaien Infektion
eilt ausreicht, noch mehr Allgemeingut aller Aerzte werden. Bei
:n älteren meningeaien Entzündungen wirkt die Allgemeinbehand-
ng gar nicht selten dadurch ungünstig, dass sie nur die Körpcr-
jfektion immer mehr einschränkt, wodurch die nur wenig beeinfluss-
Itre meningeale Infektion früher zu klinischen Erscheinungen führt
s ohne spezifische Behandlung.
Pie ungenügende Wirkung der Allgemeinbeliandlung erklärt sich, wie in
iheren Arbeiten ausführlicher behandelt, daraus, dass das C.N.S. und seine
l e Cy- e • n,lc^ von durchbluteten Geweben, sondern von einer wässe¬
rt11 Llüssigkeit umgeben ist. Die Plexus lassen die wenigsten Chemikalien
d meist nur geringe Spuren von ihnen hindurchtreten; dies gilt besonders
die organischen Stoffe. In den obersten Piaschichten gelangen keine ge¬
igenden Salvarsanmengen zur Wirkung, besonders dann nicht, wenn der
^quor bereits in die entzündlich aufgelockerte Pia eindringt und den Ge-
■bssaft erheblich verwässert. Das ist schon in dem Latenzstadium 1er
ninge-Uen Entzündung in hohem Maasse der Fall; dieser Missstand steigert
h. wie Sie aus den vorhin angegebenen Behandlungsergebnissen gesehen
(aen, mit zunehmendem Infektionsalter. Im späten Latenzstadium der menin-
plen Syphilis kommen nach unseren allerneuesten Untersuchungen sogar
;ion Liquordiffusionsvorgänge bis in die beiden obersten Rindenschichten vor.
Inwiefern mm das uns vorschwebende Ziel der Assanierung der
mingen auf dem Wege der endolumbalen Salvarsanbehandkmg zu
reichen ist, möchte ich Ihnen, m. H.. in möglichster Kürze vor Augen
iren. Die einzelnen Entwicklungsphasen der neuen Behandlungs-
ithode möchte ich heute übergehen und Ihnen nur über den jetzigen
ind der Erfahrungen berichten.
M. H.! Eine technisch einwandfreie endolumbale Behandlung
ordert die Erfüllung von zwei Voraussetzungen. Die erste betrifft
e völlig exakte Ausführung der aseptischen Vorbereitungen und
ie sichere Beherrschung der technischen Fortschritte der Methode,
-'rzu ist eine praktische Einführung an geeigneter Stelle und atis-
lliesslichc Krankcnhausbehandlung unbedingt notwendig. Da schon
■ richtige Ausführung einzelner Handgriffe sowohl bei der Vorbe-
tung der aseptischen Massnahmen, wie bei der Behandlung selbst
den aseptischen Verlauf und für die Wirkung bedeutungsvoll ist.
ist es dringend zu empfehlen, dass auf den vorliegenden 10 jährigen
Nahrungen weiter aufgebaut wird. Selbst die Beherrschung unserer
nktionstechnik ist zweckmässig, weil es sonst schwierig ist. die
eine wirksame Behandlung notwendigen Liquormengen zu erzielen.
In zweiter Linie ist es notwendig, dass der endolumbale Thera-
it ganz auf dem Boden der mehrfach von uns beschriebenen Ge-
-e der Metasyphilis steht. Auf andere Weise ist es völlig ausge-
ilossen, sich bei der Auswahl der Kranken für die endolumbale
handlang und in der Dosierungsfrage bei den verschiedenartigen
inkheitsbildern zurecht zu finden.
Ein direkt ncurotropes Virus gibt es nicht. Es sind vielmehr, wie
her nachgewiesen, durchaus bekannte biologische Vorgänge,
welche den Infektionsverlauf eines jeden Virus im menschlichen Or¬
ganismus entscheidend beeinflussen. So führt z. B. ein durch spezi¬
fische Therapie in den Vorwirten abgeschwächtes Virus zu einer be¬
sonders langen und starken Durchseuchung und damit auch zu einer
recht ausgiebigen meningeaien Infektion, die aus bekannten Gründen
tur die weitere Prognose des Falles von ernster Bedeutung ist.
Auch durch ungenügende und schlecht dosierte spezifische Be-
handlung wird kein Syphilisvirus neurotrop. Wird die meningeale
Infektion durch insuffiziente Allgemeinbehandlung in den Vordergrund
des weiteren Verlaufs gedrängt, so liandelt es sich um den als Provo¬
kation vielfach von mir beschriebenen Krankheitsvorgang, der zum
1 eil in den gewöhnlichen biologischen Lebensäusserungen des Virus
zuin I eil in den anatomisch-physiologischen Anlagen des Organismus
S p°r !'n g eUr!) hat' Sie le die Syphilis des ZNS. im Verlag von
„0.c?if-riJebergatlK,deir c£ronischen syphilitischen Meningitis zu den
T!i ‘,m|nen h Ctu uCtl?Cu en Blldunsen erfolgt sodann, wie seit dem
Jahre 1915 vielfach berichtet, mit dem Einbruch der Liquordiffusion
I^SunernVOS!,0e^be (Rinde’ Hinterstränge, Optikus). Sie bricht
durch hochgradige Verwässerung des Gewebssaftes und durch Aus¬
laugung der Nervensubstanz die genuine Resistenz dieses Gewebes
gegen die Spirochäten, so dass diese hier auf den ungewohnten Nähr¬
boden einwandern können.
Während die Liquordiffusion früher nur durch klinische Beobach¬
tungen nach der endolumbalen Salvarsanbehandlung, und zwar an
den Irritationen die nur an den metaluetischen Läsionen zustande
kam erkenntlich war,. ist es uns seit einem halben Jahre geglückt,
die Liquordiffusion mittels eines Niederschlags bei allen metalueti-
schen Bildungen histologisch zur Darstellung zu bringen. Dieser
Niedei schlag wird bei Tabesparalyseleichen durch endolumbale In-
fundierung eines Chemikaliums (Ferrozyankalium), das im Schnitt
durch ein zweites Chemikalium (Kupfersulfat) ausgefällt wird er-
zeugt Es zeigt sich nur dort ein Niederschlag im Parenchym ’(Ge-
hirn, hintere Wurzel, Rückenmark und Optikus), wo unter' der in¬
filtrativ aufgelockerten und mit ihm verwachsenen Pia die charak¬
teristischen degenerativen Veränderungen zu finden sind. Eine nor¬
male Pia ist frei von Niederschlag und lässt auch nichts davon zum
arenchym hindurch. Nur in den Gefässscheiden und in der Media
können geringe Spuren vorhanden sein.
Mit diesem Nachweis der Liquordiffusion an den metaluetischen
Krankheitsherden wird nicht nur ihre ätiologische Bedeutung für das
Zustandekommen der charakteristischen metaluetischen Verände¬
rungen des Nervengewebes auf ein sicheres Fundament gestellt
sondern es wird damit auch mit plötzlicher Tageshelle die therapeu¬
tische Sachlage beleuchtet. Der Liquoreinbruch, sei es nur in der
Pia, oder auch schon im C.N.S., muss das im Kreislauf herangeführte
Sa^arsan hochgradig verwässern, während das mit dem Liquor her-
angetuhrte Salvarsan direkt in den Krankheitsherd hineindringt.
So erfreulich an sich die Feststellung dieser Tatsache auf den
ersten Blick scheinen möchte, so lehrt doch die praktische Erfah¬
rung, dass das mit dem Liquor so leicht in das Nervengewebe ein-
dringende Salvarsan auch mehr oder weniger erhebliche Reizungen
und Funktionsstörungen hervorrufen kann.
Es hat sich herausgestellt, dass nur’ die Hirnrinde relativ un-
empfmdheh ist, während die Leitungsbahnen am Rückenmark ausser¬
ordentlich verletz ich sind und entsprechend der Lokalisation des
meningeaien Krankheitsherdes nur ganz bestimmte endolumbale Do¬
sierungen vertragen. Lumbale Tabes und degenerative Myelitis bei
denen keine nennenswerten meningovaskuläre Entzündungen iiiehr
vorhanden sind, zeigen die grösste Empfindlichkeit, während die
hoher lokalisierten spinalen Herde meistens einer grösseren endo¬
lumbalen Durchschnittsdosierung noch zugänglich sind.
Solange Nonne und seine Schüler oder andere Autoren mit
^ pp verschiedensten Einwänden, auf die ich an anderer Stelle aus¬
führlich eingehen werde, die Liquordiffusion bei der Metalues ab¬
lehnen, bleiben ihnen die theoretischen und praktischen Grundlagen
der endolumbalen Behandlung völlig unverständlich und damit dieser
Behandlungsweg verschlossen.
.... M,\ H-! D.ifr sanze Dosierungsfrage finden Sie in meinem Buche
über die Syphilis des C.N.S. eingehend erörtert, desgleichen auch die
biologischen Grundlagen des Syphilisverlaufs, nämlich die durch die
spezifische Behandlung der frischen Syphilisstadien erzeugte Viru-
lenzsch ädigung und Allergieschwäche, welche für die Entstehung der
Metalues von ausschlaggebender Bedeutung sind.
Wir unterscheiden nun heute 2 Arten der endolumbalen Salvar¬
sanbehandlung: 1. die einfache mit einer Bürette und 2. die Doppel-
punktionsbehandlung mit 2 Büretten.
Die erstere kommt in Frage bei allen RiickonmarkssfPktioncn
und für alle diejenigen Fälle, bei denen, wie z. B. bei den akuten Me¬
ningorezidiven der frischen Stadien, die ganze Peripherie des ZNS.
behandelt werden soll. Die zweite dient zur Behandlung aller zere¬
bralen Prozesse, wo höhere endolumbale Dosierungen gegeben wer¬
den sollen, als für ein gesundes, bzw. krankes Rückenmark statt¬
haft sind.
Bei der einfachen endolumbalen Behandlung wird an der Lenden¬
wirbelsäule zwischen 2. und 3. oder 3. und 4. Dornfortsatz cinge-
stochcn: die ganze Situation soll vorher in gut desinfiziertem Terrain
durch feine Jodstriche angczeiclmet werden. Sobald der Liquor
tropft, wird der Schlauchkonus der Bürette aufgesetzt und Liquor
1224
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
bis zur erträglichen Grenze sehr langsam unter häufigem Zudrücken
des Schlauches abgelassen. Bei Frauen lassen sich meistens 45 bis
60 ccm. bei Männern 60— 90 ccm zum Abfluss bringen. Sobald belüge
Kopfschmerzen vorhanden sind, wird Salvarsan zugesetzt, der
Schlauch zur Bürette hin ausgedrückt (während oben am Konus ab¬
gekniffen wird), umgeschüttelt und das Salvarsan-Liquorgemisch zum
Rücklauf gebracht.
Die Dosierung beträgt in den frischen Stadien und auch späterhin
bei intaktem Rückenmark und bei zwei- bis dreiwöchentlicher Be¬
handlung 1,35—1,5 mg Neosalvarsan auf 60—70 ccm Liquor Bei
Myelitis, ataktischer Tabes oder Tabes mit gänzlich erloschenen
Reflexen, Blasen- und Potenzstörungen darf Vz mg auf 60—70 ccm
Liquor für gewöhnlich nicht überschritten werden. Bei höherem Sitz
der Tabes, bei erhaltenen Achillessehnenreflexen kann allmählich eine
langsame Steigerung der Dosierung erfolgen, wie ich schon früher
ausführlich beschrieben habe.
Bei der Doppelpunktionsbehandlung wird die obere Nadel zwi¬
schen ersten und zweiten und die untere zwischen 4. und 5. Dorn¬
fortsatz eingestochen. In die obere Bürette werden 5 10 ccm ent¬
leert, dann wird Neosalvarsan zugesetzt, der Schlauchinhalt, während
der Schlauch oben abgekniffen wird, zur Bürette hin ausgedrückt,
geschüttelt, der Schlauch bis zum Konus von der Bürette aus wieder
gefüllt und eine Schlauchklemme angelegt. In die untere Bürette er¬
folgt dann weitere Liquorentnahme, bis über heftige Kopfschmerzen
geklagt wird. Sodann erfolgt zunächst der Rückfluss der oberen
Bürette, während die untere Bürette nur wenig erhoben wird, um zu
verhindern, dass aus der oberen Bürette salvarsanisierter Liquor
kaudalwärts abfliesst. Nach Rücklauf der oberen Bürette wird hier
wieder Schlauchklemme angelegt, während von der unteren Bürette
noch 30—50 ccm je nach der abgelassenen Gesamtliquormenge sehr
langsam unter geringer Erhebung der Bürette eingelassen werden.
Der Rest, 30—50 ccm, wird zu Untersuchungszwecken zurückbe¬
halten. Bei jeder endolumbalen Behandlung soll wenigstens LI der
entnommenen Gesamtliquormenge zurückgelassen werden, damit im
Lumbalsack ein Unterdrück bleibt.
Es ist ferner zu beachten: 1. Dass die Liquorentnahme bei den
ersten Behandlungen über 60—80 ccm nicht hinausgeht. Manche
Fälle haben bei der Entnahme nur wenig Kopfschmerzen und Be¬
schwerden, so dass man leicht versucht ist, noch mehr Liquor zu
entnehmen. Es können sich dann Krampfanfälle und schwere medul¬
läre Störungen entwickeln, die ohne grosse Erfahrungen des Thera¬
peuten einen unglücklichen Ausgang nehmen. Man muss sich auch
mit den Liquorentnahmeverhältnissen erst in jeden Fall allmählich
hineinarbeiten. Während der Liquormengc muss Pulsverlangsamung
vermieden werden.
2. Dass der Liquorrückfluss sehr langsam und ohne Ueberdruck
erfolgt. Letzteres ist besonders für Paralyse wichtig, damit Krampf¬
anfälle, die ausserhalb des Rahmens einer H e r x h e i m e r sehen
Reaktion liegen und durch ein gewaltsames tieferes Eindringen des
Liquors in die Hirnrinde entstehen, vermieden werden. Auch bei der
Doppelpunktionsbehandlung ist der langsame Rückfluss der unteren
Bürette sehr beachtenswert, damit die hohe zerebrale Dosierung
restlos nach oben befördert wird und keine spinale Irritation hervor-
rufen kann.
3. Dass jeder Kranke nach der Behandlung 2—3 Tage Bettruhe,
und zwar 24 Stunden bei erhöhtem Fussende, innehält, damit sich das
Punktionsloch im Lumbalsack (nicht an der Haut!) leichter schliesst.
Stellen sich beim Aufstehen Kopfschmerzen, Schwindel und Uebelkeit
ein. so ist das ein Zeichen dafür, dass das Punktionsloch noch offen,
und dass durch den Druck des Gehirns auf die Liquorsäule Liquor
abgeflossen ist. Es ist dann nochmals 2 — 3 Tage Bettruhe, anzuordnen,
bis das Punktionsloch geschlossen ist und der als Meningismus be-
zeichnete Symptomenkomplex sich nicht wieder einstellt. Vor allem
sind die Kranken zu belehren, dass gegen diesen gelegentlich sich
cinstellendcn Eolgezustand, der an sich, d. h. bei Bettruhe völlig
harmlos ist, nichts anderes als Bettruhe hilft.
Was die sonstigen Begleiterscheinungen der endolmubalen Be¬
handlungen anbelangt, so sind diese recht verschieden, je nach Art
und Lokalisation des Prozesses und je nach der verschiedenen
Empfindlichkeit der Hirnrinde.
Bei umfangreichen Spirochätenherden, wie bei den frischen me-
ningealen Entzündungen und auch bei Paralyse ist höheres Fieber
gar nichts seltenes. Auch mehr oder minder heftige Kopfschmerzen
sind besonders bei zerebralen Prozessen ziemlich regelmässig zu
beobachten. In den ersten 24 Stunden nach der Behandlung ist auch
häufig mit Uebelkeit und Brechreiz zu rechnen, doch ist gerade diese
Erscheinung individuell und unabhängig vom Krankheitsherd sehr
verschieden. Nur sehr selten sind diese Beschwerden so hochgradig,
dass sie ein Hindernis für die weitere endolumbale Behandlung
bilden.
Bei Tabes kommt es stets über 1 — \'A Tag zu mehr oder minder
deutlichen Schmerzanfällen oder Krisen, je nach der Lokalisation des
Prozesses. Sie müssen durch Analgetika, Eukodal oder Morphium
gelindert werden. Bei sehr heftigen gastrischen Krisen schicken wir
ev. eine paravertebralc Behandlung (mit Novokain-Antipyrininjek-
tionen) 1 — 2 Tage voraus.
Bei Paralyse und Meningoenzephalitis sind bei den ersten Be¬
handlungen manchmal Krampfanfälle zu erwarten, die aber fast immer
gutartiger Natur sind. Eine direkte Lebensgefahr kann nur dann ent¬
stehen, wenn zuviel Liquor entnommen oder reinfundiert wird. Beim
Rücklauf ist ein zu hoher Druck stets gefährlich. I
M. H.! Wir kommen nunmehr zur Betrachtung der endolumbalet
Therapie bei den einzelnen Krankheitsformen.
Neben der endolumbalen Behandlung soll in allen Fällen eim
planmässige Allgemeinbehandlung in Kuren und Zwischenkuren ge
ordnet einhergehen. Es ist auch zweckmässig, am Tage der endo
lumbalen Behandlung oder 1—2 Tage später eine intravenöse Sal
varsaninjektion zu geben. Zur intravenösen Salvarsanbehandlum
benutzen wir fast ausschliesslich Natrium-Salvarsan und zur endo
lumbalen Behandlung Neosalvarsan. Auf Hg-Kombination kann be
älteren anfälligen (debilen) Kranken verzichtet werden, währemj
das meist recht gut verträgliche Jod im Behandlungsplan beizube,
halten ist.
Bei den frischen meningealen Entzündungen, sowohl bei den
latenten Prozessen, wie bei klinischen Neurorezidiven, erfolgt endoj
lumbale Behandlung alle 14 Tage, und zwar zunächst zweimal mi
einfacher Methode (Dos. 1—1,8 mg auf 50—90 ccm Liquor) und da j
nach mittels Doppelpunktion. Bei letzterer kann die zerebrale Do|
sierung in der oberen Bürette bis 2,5 mg betragen, wodurch di>
Assanierung der Meningen in 4—5 endolumbalen Behandlungen er
ledigt ist.
Bei der Lues cerebrospinalis wird in ähnlicher Weise vorgej
gangen; die zerebrale Dosierung soll hier nur allmählich gesteigerl
werden (1—2,5 mg auf 10 ccm Liquor), damit spinale Reizungen vcr.
mieden werden. Bei diesen Fällen sind oft schon degenerative spir
nale Veränderungen in Vorbereitung, d. h. die Pia ist bereits ai
einigen Stellen durchlässig geworden, ohne dass klinische Symptom
schon darauf hinweisen. Es ist also notwendig, sich langsam mit de
Dosierung einzuschleichen und eine etwas häufigere Behandlung nich
zu scheuen. Solange der zerebrale Prozess bei diesen Fällen noc
nicht als eine tiefere Meningoenzephalitis oder Paralyse anzusprechej
ist, kann man mit der heutigen Doppelpunktionsbehandlung eine de,
finitive Ausheilung erzielen.
Ein sehr umfangreiches Gebiet ist das der endolumbalen Tabes
behandlung. Es ist hier zunächst zu unterscheiden zwischen pro)
gredienten und stationären Fällen.
Die progedienten Fälle sind ausnahmslos endolumbal zu be
handeln. Es gelingt dadurch, die Schmerzanfälle und das Schwindel
gefiihl zu beseitigen, Ataxie-, Blasen- und Potenzstörungen zu besser
und den Allgemeinzustand ausserordentlich zu heben. Besonder,
günstig ist der Behandlungserfolg bei inzipienten Tabesfällen, be
denen noch höhere Zellwerte im Liquor auf das Vorhandensein eine
fortschreitenden meningovaskulären Entzündung hinweisen. Derartig
Fälle sind, wie 6—7 jährige Dauerbeobachtungen zeigen, meistens z
einem völligen Stillstand zu bringen. Ausserordentlich besserungs
fähig sind auch alle älteren Fälle, bei denen noch einige entzündlich
Liquorwerte das Vorhandensein mem'ngovaskulärer Entzündungen zun;
Ausdruck bringen; zum Teil sind auch sie zu einem definitiven Still;
stand und normalen Liquor zu bringen, zum Teil behalten sie aber auc
nach Assanierung des Liquors noch einen Strangprozess zurück, de!
von Zeit zu Zeit symptomatisch, d. h„ sobald sich geringe rückfällig
Erscheinungen melden, mit geringer Dosis weiter behandelt werde
muss. Auch liquornormale Tabesfälle (d.h. mit abgelaufener menin;,
gealer Entzündung) mit heftigen Beschwerden, Parästhesiei
Schmerzanfällen oder Krisen sollen mit kleiner Dosis {XA — Vz mg
endolumbal behandelt werden, zumal wenn das Krankheitsbild ein
ständige Verschlimmerung aufweist. Trotz diesfcr kleinen endo:
lumbaien Dosierung lassen sich in diesen Fällen oft noch erheblich
Besserungen und Linderung der Beschwerden erzielen. Die weiter!
Behandlung soll auch hier nur symptomatisch erfolgen; aber auf ein
völlige Erfassung des schon recht hoch in den Strang aufgestiegenei
tabischen Prozesses ist bei diesen älteren Fällen mit der angegebene)
kleinen Dosierung nicht mehr zu rechnen.
Die endolumbale Dosierung richtet sich, wie bereits erwähnt, voi
wiegend nach der Lokalisation des spinalen Prozesses. Bei de
schwer ataktischen Formen soll K — Vs mg auf 70 ccm Liquor nich
überschritten werden; nur bei höheren Lokalisationen ist eine al
mähliche Erhöhung der Dosis auf 1,2 — 1,3 mg zulässig. In diese D<j
sierung ist stets dasjenige Salvarsan mit einberechnet, das in dei
in der Bürette zurückbleibenden Liquor enthalten ist.
Bei höheren Eiweiss-, WaR.- und Kolloidbefunden des Liquor
ist trotz eines rein tabischen Krankheitsbildes zur Dopnclpunktion1
behandlung überzugehen, weil diese Befunde stets ein Anzeicbe
eines mehr oder minder umfangreichen zerebralen Prozesses sine
der in absehbarer Zeit zur Paralyse führt. Die zerebrale Dosierun
ist in diesen Fällen recht vorsichtig zu handhaben (1 — 1,8 mg), un
zwar besonders in ataktischen Fällen. < ■!
Die Erfolge der endolumbalen Behandlung bei gastrischer Tabej
hängen ganz besonders vom Alter des Prozesses und von einer
bisher noch unbekannten Faktor ab, der wahrscheinlich in der vei
schiedenen Lokalisation des Liquoreinbruchs (hintere Wurzel ode,
über den Hinterstrang selbst) zu suchen ist. Ganz frische Fälle lasse
sich bei vorsichtiger Dosierung binnen 4 — 5 Monaten zur völlige
Ausheilung bringen. - J
Aeltere Fälle sprechen teilweise recht gut auf die endolumbal
Behandlung an. so dass die gastrischen Krisen schon nach 2—3
handlangen definitiv verschwinden. Bei anderen Fällen gelingt e
wohl, den Liquor völlig zur Norm zu bringen, während die Krise
über viele Tage hin in schwerster Form fortbestehen und das Lebe
28. September 192,"?.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT .
ernsthaft bedrohen. Hier wirken paravertebrale Einspritzungen mit
15 — 20 proz. alkoholischen Antipyrinlösungen mit einem maximalen
Novokainzusatz oft lebensrettend. Der Erfolg dieser paravertebralen
Behandlung, die zwischen 6. und 10. Brustwirbel beiderseits vorge¬
nommen werden muss, hält jedesmal 14 Tage an. Gelingt es, auf diese
Weise die Kranken, welche auf eine endolumbale Behandlung nicht
mehr ansprechen, wieder in einen guten Allgemeinzustand zu bringen,
so rate ich zur E ö r s t e r sehen Operation. Die verschiedene Zu¬
gänglichkeit der älteren gastrischen Tabes beruht, wie schon vorhin
angedeutet, sehr wahrscheinlich darauf, dass die resistenten Fälle den
Liquoreinbruch nur an der hinteren Wurzel haben, so dass der weit
in den Strang aufgestiegene Prozess nur sehr schwer mit der zu¬
lässigen Dosierung erfassbar ist, während die leicht zu beeinflussen¬
den Falle auch über den Hintersträngen selbst eine piale Läsion
haben, durch die der salvarsanisierte Liquor leichter zum Krankheits¬
herd Vordringen kann.
Geradezu glänzend zu beeinflussen ist heute die tabische Optikus¬
atrophie mittels der Doppelpunktionsbehandlung. Zum mindesten
wird ein völliger Stillstand des Prozesses erreicht. Die zerebrale
Dosierung entspricht hier derjenigen bei Tabesparalysen.
Bei den stationären Tabesfällen, die nur noch, selten von
Schmerzanfällen heimgesucht werden, soll bei normalem Liquor,
von jeder spezifischen Behandlung, ausser Jodkali, abgesehen werden!
Stationäre 1 abesfälle mit stark pathologischem Liquor müssen
i stets mittels Doppelpunktion behandelt werden, weil die hohen Li¬
quorwerte auf einen ernsten zerebralen Prozess binweisen.
Seit der Einführung der Doppelpunktionstechnik hat auch die
I endolumbale Behandlung der Paralyse erhebliche Fortschritte zu
j verzcicli n en . Lohnend ist natürlich nur die Behandlung der inzipierten
balle, und zwar besonders solcher, bei denen noch entzündliche
Liquorveränderungen (höhere Zellzahl) vorhanden sind, und nach
| f— 6 Behandlungen auch ein wesentlicher Rückgang der chronischen
Liquorwerte zu verzeichnen ist. Die dementen Formen sind für die
I endolumbale Therapie mehr geeignet als die expansiven und agitierten
Formen. In prognostisch zweifelhaften Fällen ist ein therapeutischer
Versuch immer empfehlenswert. Sollte dieser nach 4—6 Behand¬
lungen keinen befriedigenden Erfolg herbeiführen, oder sollten sich
I auch bei den späteren endolumbalen Behandlungen immer wieder
schwere Krampfanfälle einstellen, so muss auf die weitere Behand-
, lung als nicht lohnend verzichtet werden.
I ’i • Höhe der zerebralen Dosierung hängt ab von der erzielten
Liquormenge und von der ev. Beteiligung des Rückenmarkes. Bei
intaktem Rückenmark oder bei sehr günstiger Lokalisation eines
[ gleichzeitig vorhandenen tabischen Prozesses können 3—4 mg auf
| 10—15 ccm Liquor rein zerebral in 2— 3 wöchigen Abständen gegeben
werden, bei tiefer Lokalisation der Tabes darf die zerebrale Dosis
j aber nur selten mehr als die Hälfte betragen. Die Technik der Dop-
j pelpunktionsbehandlung, die einschleichende Dosierung und die 2-3-
j tägige Bettruhe sind stets peinlich innezuhalten, damit spinale Rei-
\ zungen, welche für lange Zeit oder überhaupt der Weiterbehandlung
einen Riegel vorschieben können, vermieden werden.
M. H.l Die Schwierigkeit der endolumbalen Behandlung liegt
weder in der Asepsis, noch in der Technik begründet; beides lässt
sich in kurzer Zeit erlernen. Etwas anderes ist es mit der Vermei¬
dung der spinalen Irritation durch Ueberdosierung, welche entweder
| von einer unrichtigen Beurteilung des Krankheitsbildes herrührt, oder
j darauf beruht, dass man darauf aus ist, möglichst schnell eine Rück¬
bildung der klinischen Erscheinungen zu erreichen. Jedenfalls bedarf
es einer genügend langen Erfahrung, um das in Frage stehende
Krankenmaterial (hauptsächlich Tabesparalysen) im Hinblick auf die
endolumbale Dosierung richtig zu beurteilen, die sich unter der Be¬
handlung ergebenden Beobachtungen sachgemäss zu deuten und da¬
mit die Gefahr einer spinalen Irritation mit zuriickbleibendcm Funk¬
tionsausfall zu vermeiden. Letzten Endes hängt also der Erfolg der
endolumbalen Therapie bei der Spätsyphilis des C.N.S. davon ab. ob
der betreffende Therapeut über den Diffusionsvorgang des Liquors in
die Pia, bzw. in das Nervenparenchym genau unterrichtet und dadurch
m der Lage ist, sich mit seinen therapeutischen Massnahmen den am
Krankheitsherd sich abspielenden Vorgängen anzupassen. Jedenfalls
ist jede Art von hartnäckiger spinaler Schädigung durch die endo¬
lumbale Therapie leicht zu vermeiden, wenn die Dosierung streng
l den individuellen Verhältnissen angepasst wird. Bei uns ist nur ein
■ einziger Fall dieser Art beobachtet worden, und zwar bei einem
Kranken, der bereits 12 Stunden nach der Doppelpunktionsbehand-
' lung, die bereits 7 mal bei der gleichen Dosierung reaktionslos ver-
; tragen worden war, mehrere Stunden aufgestanden war, was dem
Arzt nicht sofort gemeldet wurde. Bei sofortigem Bekanntwerden
| dieses Vorfalles hätte man durch eine gründliche Normosalspülung
den Eintritt der schweren motorischen Störung verhüten können.
Fassen wir den Stand der heutigen Erfahrungen nochmals zusam¬
men, so ist zunächst die Mortalität infolge septischer Zwischenfälle
gleich Null, falls der Operateur unsere Technik beherrscht und sämt¬
liche Vorbereitungen und Eingriffe eigenhändig ausführt. Die Mor¬
talität durch Krampfanfall oder andere im Krankheitsfall beruhende
Reaktionen beträgt unter 0,1 pro Mille. Die Häufigkeit vorüber¬
gehender spinaler Reizungen beträgt nicht mehr als A Proz.
Vermittels der heutigen endolumbalen Technik lässt sich das
Salvarsan an diejenigen Stellen der Meningen hinbefördern, wo es
benötigt wird. Eine Verteilung des endolumbal gegebenen Sal-
Nr. 39.
varsans durch den Liquor selbst kommt für therapeutische Zwecke
nicht in Betracht.
. Die endolumbale Behandlung der syphilitischen Meningitis ist
m den frischen Stadien ungemein einfach und gewährleistet eine defi¬
nitive Assanierung der Meningen und damit eine Vorbeugung jeder
metaluischen Prozesse.
• Im endolumbale Behandlung der Spätsyphilis des C.N.S. ist hin¬
sichtlich der Auswahl der Fälle und der richtigen Dosierung erheblich
schwieriger. Hier gibt cs eine gewisse Anzahl von Fällen, wo die
Behandlung nicht mehr lohnt oder wegen schlechter Verträglichkeit
aufgegeben werden muss. Im Zweifelsfall ergeben Liquorbefund
und therapeutischer Versuch die für das therapeutische Handeln not¬
wendigen Anhaltspunkte. Bei Tabes wird oft ein definitiver Still-
, erzielt, während bei Paralyse trotz Wiederkehr von Erwerbs-
au , u . normaIer Liquorverhältnisse meist in mehrmonatlichen
Abständen eine gewisse Nachbehandlung erfolgen muss, um den
therapeutischen Erfolg festzuhalten. Die Optikusatrophie kommt
durchdie neue Doppelpunktionsbehandlung in jedem Falle zu einem
definitiven Stillstände.
P. , die Kombination der endolumbalen Behandlung mit der
rieberbehandlung. die vorwiegend für die wenig vorbehandelten
expansiven Formen der Paralyse in Betracht kommt, wird noch im
speziellen I eile an der Hand von praktischen Beispielen näher ein¬
zugehen sein.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik zu Marburg a. L.
(Direktor: Prof. Dr. A Läwen.)
Der Einfluss funktioneller mechanischer Beanspruchung
auf das Längenwachstum der Knochen.
Von Priv.-Doz. Dr. Walther Müller, Assistent der Klinik.
Wie frühere Untersuchungen mir zeigten, reagieren die Wachs¬
tumszonen, speziell die enchondralen Ossifikationsprozesse ausser¬
ordentlich empfindlich auf alle mechanischen Zug- oder Druckkräfte,
•ruck hemmt die Bildung neuen Knochengewebes. Unter der Wir-
von Zug- und Druckkräften erfährt auch das schon fertig-
gebildete junge Knochengewebe wieder regressive Veränderungen,
es kommt zur Bildung knorpeliger und osteoider Zonen.
Um umgekehrt auch die Wirkung dauernder Druckentlastung an
den wachsenden Knochen experimentell nachprüfen zu können, habe
ich die fügenden Versuche an jungen Ratten angestellt: Es
wurde bei diesen Tieren die eine vordere oder hintere Extremität
nach Entfernung des Hautüberzuges in die Muskulatur der Thorax-
oder Bauchwand durch sorgfältige Naht hineinverlagert. Die be-
treffende Extremität heilte in fast allen Fällen reaktionslos ein und
war je nach der Ausdehnung der Naht mehr oder weniger fest fixiert
Jeglicher Gebrauch der Extremität zu irgendwelcher Belastung war
ausgeschlossen. Die Tiere entwickelten sich im übrigen ohne alle
11/ MUn? kräftig weiter. Es zeigte sich nun schon nach
i 2 5n bei den Deren ziemlich regelmässig eine Verlängerung
der 1 lbia bzw. des Radius und der Ulna im Vergleich zur normalen
Kontrollseite. Die Verlängerungen wurden an genau gleich auf¬
genommenen Röntgenbildern der anatomischen Präparate geprüft
und betrugen an den kleinen Rattenknochen immer etwa 1—1A mm.
Schon 0 1 1 i e r hatte bei jungen Kaninchen den Oberarmknochen entfernt
und gefunden, dass dann die Vorderarmknochen erheblich mehr in die Länge
wachsen als auf der Kontrollseite, offenbar auch infolge des Wegfallens von
Druckwirkungen.
Damit scheint mir experimentell der Beweis erbracht zu sein,
dass jegliche Druckbelastung überhaupt eine Hemmung des enchon¬
dralen Wachstums bedeutet, dass bei Wegfall der Druckbelastung
sich ein Glied mehr in die Länge streckt.
Dass der Reiz durch die Operation reflektorisch die Verlänge¬
rung bewirkt, scheint mir nach Kontrollversuchen nicht wahrschein¬
lich.
Kassowitz hatte beobachtet, dass bei wachsenden Tieren (Kaninchen)
nach Nierendurchschneidung die Knochen sich schneller verlängern als an der
normalen beite und erklärte dieses schnellere Wachstum durch vasomotorische
imalyse. Cjhillini wiederholte diese Versuche, liess aber einen Teil
aer Here in engen Käfigen halten, während die anderen Tiere möglichst be¬
wegt wurden. Bei den kaum bewegten Tieren trat Verlängerung auf. bei den
andeien nicht, hier war das gelähmte Glied im Gegenteil oft kürzer als das
normale. Cjhillini folgert daraus, dass die Verlängerung einem veimin-
derten Druck zuzuschreiben ist.
Für diese Tatsache spricht überdies auch eine ganze Anzahl kli¬
nischer Beobachtungen.
Ein Beispiel dafür, dass Druckwirkungen auf die Wachstums¬
zone hemmend wirken und dass ohne derartige Einwirkungen ein
stärkeres Wachstum erfolgen würde, ist die typische Verlängerung
des Radius, wie sie regelmässig bei sehr früh aufgetretenen, nicht
reponierten Luxationen des Radiusköpfchens aufzutreten pflegt
(H a a b).
Es ist weiterhin eine immer wieder gemachte Beobachtung, dass
Kinder, die wegen irgendeines mit dem Knochensystem durchaus
nicht in Zusammenhang stehenden Leidens längere Zeit das Bett
hüten mussten, in dieser Zeit ein ganz auffallendes Längenwachstum
aufwiesen.
3
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
\ 2h>
Nach V e r n e u i I, R e c 1 u s, Karewski u. a. ist verminderter Druck
bei Huftgelcnksluxationen, bei spinaler Kinderlähmung etc. die Ursache der
Knochenverlängerung.
Von Interesse sind in dieser Hinsicht auch klinische Beobachtungen von
Verlängerung der einen Extremität bei poliomyelitischer Lähmung in Fällen,
wo gleichzeitig Rachitis bestand. Neurath konnte 2 derartige Beo" -ch-
tungen anführen, wo an der gelähmten Seite eine Verlängerung um 2 cm be¬
stand. Ich habe kürzlich ebenfalls einen derartigen Fall gesehen, wo
bei bestehender erheblicher Rachitis die gelähmte Seite fast 2 cm langer war
als die nichtgelähmte. Ich möchte mich hier durchaus der Neurath sehen
Erklärung anschliessen, dass die Ursache nicht in einer Längenzunahme am
gelähmten Bein liegt, sondern in einem Zurückbleiben des gesunden Beines
im Wachstum infolge der Belastung wobei die Rachitis als begünstigender
Faktor insofern anzusehen ist, als hier die Empfindlichkeit der Wachstums¬
zonen für BelastungswiPkungen erheblich gesteigert ist.
Kalbs zeigte, dass bei Hunden gleichen Wurfes die schwer arbeitenden
Tiere geringeres Längenwachstum der Wirbelsäule, aber kräftigere Muskula¬
tur hatten. Nach Stuhls Beobachtungen hatten die Schiffsjungen auf Schul¬
schiffen bei der anstrengenden körperlichen Arbeit trotz guter Gewichtszunahme
nur geringe Längenzunahme, die aus höheren Ständen stammenden Jungen
gingen sogar in ihrer Länge etwas zurück. Aus ähnlichen Gründen ist nach
A r o n auch das relativ geringere Längenwachstum bei den körperlich meist
schwer arbeitenden Landkindern gegenüber Stadtkindern zu erklären.
Endlich sei noch an das Wachstum jugendlicher Amputations-
stümpfc erinnert. Hier ist in Anbetracht der sicher vorhandenen
Inaktivität, die sich auch in einer röntgenologisch stets nachweis¬
baren Knochenatrophie äussert, eher auch an ein Zurückbleiben des
Wachstums zu denken. Dies ist aber nicht der Fall, wie Reich
in seinen Untersuchungen über die Folge von Amputationen im
Kindesalter angibt. Er betont, dass der hemmende Einfluss der
Funktionsbeschränkung auf das Längenwachstum kindlicher Stümpfe
weder konstant noch erheblich ist, dagegen ist er geneigt, in der
Verringerung des physiologischen Gegendruckes für den wachsenden
Knochen ein direkt wachstumsförderndes Moment zu sehen. Auch
V e r n e u i 1 kam bei Nachuntersuchungen kindlicher Amputations¬
stümpfe zu dem Ergebnis, dass diese Stümpfe mit einer durch die
Amputation von gewissen Hemmungen befreiten Energie so in die
Länge wachsen, dass die ursprüngliche Proportionalität zugunsten
der amputierten Seite geändert wird. Die Stümpfe mit Erhaltung
der aktiveren Epiphyse (OberaVm- und Unterschenkelstümpfe) neigen
am meisten zu einem die Proportionalität zu ihren Gunsten durch¬
brechenden Längenwachstum, und je früher im Wachstumsalter die
Amputation erfolgte, um so lebhafter ist dieses Wachstum.
Nach Oberschenkelfrakturen ist bei Kindern trotz deutlicher, auf
dem Röntgenbild sichtbarer Dislocatio ad longitudinem klinisch häufig
keine Verkürzung vorhanden, was freilich auch als Fernwirkung der
Fraktur auf die Epiphysenfugen erklärt werden kann. Auf Grund der
oben angeführten eigenen Untersuchungsergebnisse, des 0 1 1 i e r -
sehen Experimentes und der zahlreichen, auf klinische Beobachtungen
gegründeten Tatsachen wäre also folgendes festzustellen: Wegfall
von Druckbeanspruchung, insbesondere das Fehlen der durch den
Gebrauch der Extremität durch Belastung und Muskelwirkung her¬
vorgerufenen Druckwirkungen hat ein Längerwerden der be¬
treffenden Extremität zur Folge. Druckwirkungen sind
demnach für das Längenwachstum stets ein hem¬
mender Faktor, und die Längenentwicklung geht
ohne dieselben unverändert, ja sogar besser vor
sich. Dieses Ergebnis steht freilich- in einem gewissen Gegensatz zu
vielen bisher zu diesem Punkte geäusserten Anschauungen und
fordert jedenfalls zu einer Nachprüfung der bisher herrschenden
Meinungen, insbesondere über die funktionellen Reize auf.
Gustav Jäger (1870) vertrat den Standpunkt, dass das
Längenwachstum der Knochen in geradem Verhältnis zu ihren
mechanischen Leistungen sowie zur Stärke ihrer Belastung
durch das Körpergewicht und dem Grade bzw. der Häufig¬
keit des in ihrer Längsachse geübten Muskeldruckes steht,
dass Förderung des Längenwachstums durch Druck auf die
Endknorpel erfolgt, dass also erhöhter Gebrauch ein stärkeres
Wachstum bedingt. Schwalbe brachte das raschere Wachstum
von Tibia und Fibula gegen Ende des ersten Lebensjahres in Zu¬
sammenhang mit den beginnenden üehbewegungen. Roux lehrt,
dass bei häufigerem Wechsel der Beanspruchung, z. B. bei vielem
Springen, die jugendlichen Knochen durch Anregung des Wachstums
der Epiphysenfugen und dadurch vermehrter Ossifikation länger
werden. Roux spricht aber jedenfalls auch der Druckent¬
lastung eine erhebliche Rolle zu, indem er betont, dass im Gegensatz
zu der offenbar schädlichen dauernden Druckwirkung intermittierende
Druckbeanspruchungen den funktionellen Reiz für das Längenwachs¬
tum abgeben. Erinnert sei auch an die schon erwähnte Anschauung
B c n e k e s, dass die wiederholten Stosswirkungen den Anlass zu
Knochenansatz geben können. Weiter konnte J o r e s experimentell
zeigen, dass Druck, auch wenn er niedrig ist, sehr bald das enchon-
drale Knochenwachstum hemmt, dass Wegfall des Druckes dagegen
einen Wachstumsreiz ausübt, dass jedenfalls Wachstum nur dann zu¬
stande kommen kann, wenn die druckfreien Perioden in ihrer Wir¬
kung überwiegen. Damit nähert er sich dem Standpunkt, den ich
auf Grund der oben angeführten Tatsachen gewonnen habe, dass
das Fehlen von Druckwirkung gerade das günstige Moment für
das Längenwachstum darstellt, dass aber die Bedeutung intermit¬
tierender Druckwirkungen als funktionelle Reize (Springen etc.) doch
wohl dabei überschätzt worden ist, dass sie wohl gar nicht eine
conditio sine qua non darstellen und dass die Längenent¬
wicklung jedenfalls um so besser vor sich geht, je
weniger Druckinsulte auf die Knorpelfuge einwirken.
Je mehr Druckwirkungen erfolgen, desto mehr erfolgt Dicken¬
zunahme der Knorpelfuge (infolge mangelhafter Knorpeleinschmel-
zung) und diese ist immer das sichere Zeichen einer Wachstums-
hemmung. Das bedeutet also, dass der Einfluss, funktioneller Be¬
anspruchungswirkungen für das Längenwachstum jedenfalls nicht als
ein fördernder Faktor angesehen werden darf und jedenfalls höch¬
stens indirekt (Besserung der Zirkulation etc.) etwa wirken könnte.
Das Längenwachstum bedarf zu seinem normalen
Ablauf nicht der funktionellen Reize.
Dass der Prozess des Längenwachstums völlig selbständig und
unabhängig verläuft, das ergibt sch auch aus der Iatsache, dass wie
Aron nachweisen konnte, bei absolutem Nahrungsmangel das
Längenwachstum trotzdem ungehemmt weiterging und dass die not¬
wendigen Aufbaustoffe dann den anderen Körpergeweben entnommen
werden, es tritt dann wohl Gewichtsverlust ein- aber das Längen¬
wachstum geht trotzdem ungehemmt weiter, ein Verhalten, das, wie
Bier betont, bei dem Prozess der Knochenregeneration, also im Ver¬
laufe einer Frakturheilung in ganz ähnlicher Weise zu beobachten ist.
Aus dem Hygienischen Institut der Universität Giessen.
(Direktor: Prof. Dr. E. Gotschlich.)
Ueber das Vorkommen von Mikroorganismen in den
Körperorganen und ihre „Ausscheidung“ durch Leber
und Niere*).
Von Prof. Dr. Huntemüller.
Die Art und Weise, wie sich der Körper der eingedrungenen
Krankheitskeime wieder entledigt, hat naturgemäss schon bald nach
ihrer Entdeckung das Interesse der Forscher rege gemacht. Man
glaubte zunächst, dass durch die Niere physiologischer Weise nicht
nur gewisse gelöste sondern auch organisierte Gifte ausgeschieden
würden, und dass deshalb der Harn „ein ausgezeichnet günstiges
Objekt für die Untersuchung auf die Anwesenheit von Organismen
im Körper darbiete“ (Klebs).
Die Untersuchungen von Biedl und Kraus und anderen
Autoren, die nachweisen konnten, dass in die Blutbahn injizierte Bak¬
terien nach kurzer Zeit im Urin und in der Gallenflüssigkeit er¬
schienen, konnten diese Annahme zunächst bestätigen und auch für
andere drüsige Organe nachweisen Doch haben weitere Unter¬
suchungen gezeigt, dass diese Ausscheidung erst nach Schädigung
der Organzellen stattfindet und daher nicht als ein physiologischer
Vorgang bezeichnet werden kann.
Als Erster hat Wissokowitsch das Schicksal der ins Blut
gelangten Mikroorganismen verfolgt und feststellen können, dass sie
in den Organen, besonders in denen mit langsamer Blutströmung
(Leber, Knochenmark, Milz) abgelagert werden. Er fand sie kurz
nach der Injektion in den Kapillaren der Wand angelagert und später
in den Endothelzellen. I
Die Ablagerung der in den Blutkreislauf eingeführten Farbstoffe
war schon früher von den Pathologen beobachtet worden. Doch
während diese indifferenten Bestandteile, ohne irgendwelche Erschei¬
nungen zu machen, ruhig in den Endothelzellen liegen bleiben, kommt
es bei der Phagozytose von lebenden Bakterien zu einem Kampf, in
dem diese entweder unterliegen und vernichtet, d. h. verdaut werden,
oder sich infolge ihrer Virulenz vermehren und die Endothelphago¬
zyten schädigen oder selbst zerstören können.
Neuerdings sind diese Untersuchungen wieder aufgenommen und
die Befunde der älteren Autoren bestätigt worden. W Rosenthal
kommt zu dem Ergebnis, „dass die Gefässendothelien aller Organe
zur Phagozytose befähigt sind, dass aber die Endothelzellen der
Leberkapillaren in dieser Beziehung am tätigsten erscheinen, die
Kupff er sehen Sternzellen sind vermutlich besonders geeignete Zu¬
stände der letzteren“.
Nach J. K o c h hat die Injektion von Farbstoffteilchen, Fett, Milch
oder Proteinkörpern den Erfolg, dass es in den Organen, wo die Ab¬
lagerung stattgefunden hat, also insbesondere in Leber, Milz, Kno¬
chenmark, zu einer Hyperämie und damit zu einer Leistungssteige¬
rung kommt. Er glaubt, dass durch eine solche erhöhte Tätigkeit alte
Infektionsherde wieder mobil gemacht werden können und erklärt
auf diese Weise die Malariarezidive nach Milchinjektionen. Aber
auch bei einem starken Zerfall von roten Blutkörperchen sehen wir
analoge Vorgänge, und „die charakteristische Melanämie der inneren
Organe und der Haut der Malariakranken kommt zum Teil so zu¬
stande, dass das Hämosiderin und Melanin der zerstörten Blutkörper¬
chen von den Kapillarendothelien der Leber, Milz und des Knochen¬
markes sowie der Haut oft in enormer Menge aufgenommen und dort
festgehalten werden. Die Verteilung des Melanins deckt sich voll¬
kommen mit dem Verhalten der experimentell in die Blutbahn ein¬
gespritzten Farbstoffe“.
Demgegenüber scheint Sigismund ein wesentlicher Koeffizient
der Reizkörperwirkung in einer durch erhöhte Resorption bedingten
Aktivierung mesenchymaler Zellen zu suchen zu sein.
*) Nach einem in der Mediz. Gesellschaft in Giessen am 24. Juli ge¬
haltenen Vortrage.
28. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1227
Eine wichtige Aufgabe fällt den Kapillarendothclien auch bei den
Bakteriämien, den septischen Allgemeininfektionen, zu, denn sic sind
es vorzüglich, die die im Blute kreisenden Krankheitserreger fassen
und unschädlich machen müssen. Ihrer Tätigkeit gegenüber tritt die
Leistung der Leukozyten bei weitem zurück.
Wie As ch off und Kiyono nachweisen konnten, entstammen
auch die grossen Mononukleären, deren Auftreten wir besonders bei
der Malaria beobachteten und diagnostisch verwerten können, dem
retikulo-endothelialen System. Sie sind losgelöste Endothelzellen und
A s c h o f f bezeichnet sie daher- auch als „Endotheliozyten“ oder
„Histiozyten“.
Sind nun eine grössere Zahl von Krankheitskeimen von den Kapil-
larendothelien aufgenommen, oder haben sie sich in ihnen vermehrt,
so können die engen Kapillaren verstopft werden, und es kommt
dann zu lokalen Hyperämien. Durch Zerstörung der Endotlielzcllen
kann es aber auch zu Blutaustritten aus den Gefässen kommen. Diese
Vorgänge sind an der Haut am besten zu beobachten, auf ihnen be¬
ruhen die Roseolen bei Typhus, Fleckfieber und Syphilis, ferner die
Petechien bei septischen Erkrankungen und der Pest.
Aber nicht nur das Blut sondern auch die Krankheitskeime selbst
können aus den Gefässen in das benachbarte Gewebe gelangen und
hier mehr oder minder starke Entzündungserscheinungen oder Ab¬
szesse hervorrufen. Die perivaskuläre Infiltration, die von Eugen
Fränkel bei Fleckfieber und von Diirck bei Malaria nach¬
gewiesen wurde, ist wohl auf diese Weise zu erklären.
Auf einigen Diapositiven *), die Herr Gundermann nachher
demonstrieren wird, und die aus angereichertem Leber- und Gallen¬
blasenmaterial stammen, ist diese Infiltration entlang der Gefässe
mehrfach gut zu erkennen.
In den inneren Organen bekommen wir diese Veränderungen erst
durch die Operation bzw. die Autopsie zu Gesicht. Häufig lassen sich
aber derartige Schädigungen von Leber und Niere durch Nachweis
von Bakterien in Galle und Harn feststellen, denn wie schon oben
erwähnt, ist die Ausscheidung von Bakterien in Galle und Harn kein
physiologischer Vorgang, sondern wir haben immer mit Gewebs-
läsionen zu rechnen, die aber so geringfügig sein können, dass sie oft
gar nicht festzustellen sind.
Diese Bakterien sind infolge des Kampfes mit den Abwehrkräf¬
ten des Körpers häufig sehr geschwächt und in ihrer Wachstums¬
energie herabgesetzt; sie sind daher auf unseren festen Nährböden,
auf die beim Ausstreichen von Untersuchungsmaterial zugleich
Immunstoffe mit übertragen werden, oft nicht ohne weiteres zum
Wachstum zu bringen. Ich habe daher in gleicher Weise, wie wir
für die Blutkultur eine Anreicherung in flüssiger Galle vorzunehmen
pflegen, auch Exkrete und Organstücke einer Anreicherung in flüssi¬
gen Nährmedien unterzogen und so in einem weit höheren Prozent¬
sätze als bisher Bakterien nachweisen können. Ja, aus der Gallen¬
blasenwand konnten in 100 Proz. der zur Operation gekommenen
Cholezystitisfälle Bakterien nachgewiesen werden.
. Diese Untersuchungen haben nun noch eine sehr interessante Tat¬
sache ergeben. Bisher galt das Bact. coli als der Haupterreger der
Zystitis und Cholezystitis. Demgegenüber fanden wir im steril ent¬
nommenen Harn [1] in 23,5 Proz. Staphylokokken, in 28 Proz. Bact.
coli bei 64,34 Proz. positiven Befunden, während 28,66 Proz. der
Proben steril und 7 Proz. verunreinigt waren. In den Gallen¬
wegen [2l, wo bei der Entnahme Verunreinigungen leichter ver¬
mieden werden können, fanden sich bei 100 positiven Befunden sogar
in 59 Proz. Staphylokokken und nur in 12 Proz. Bact. coli.
Diese häufigen Staphylokokkenbefunde sind dem Kliniker sehr
überraschend gekommen. Dies erklärt sich daraus, dass das Bac-
terium coli seinen Infektionsweg aufsteigend durch die Urethra bzw.
durch den Choledochus nimmt und daher mit den Abwehrkräften des
Körpers nicht in dem Maasse in Berührung kommt, wie die auf dem
Blutwege eingeschleppten Staphylokokken, daher auch nicht so sehr
in seiner Wachstumsenergie geschädigt wird und leicht durch das
Plattenkulturverfahren nachgewiesen werden kann.
Ich möchte an dieser Stelle nochmals hervorheben, dass es bei
nicht einwandfreier Entnahme des Harns sehr leicht zu Verunreini¬
gungen kommen kann, und dass die Voraussetzung für steriles Arbei¬
ten die absolute Beherrschung der Entnahmetechnik ist. Wie unsere
Erfahrungen gezeigt haben, lässt sich aber nur durch einen gewissen¬
haften und geschulten Fachmann durchaus einwandfreies Unter-
suchungsmaterial gewinnen.
Bei den obigen Befunden handelt es sich fast ausschliesslich um
aerobe Keime, nur einmal wurde in der Blasenwand ein anaerobes
Stäbchen gefunden, das aber nicht näher bestimmt werden konnte.
Nachdem von mir ein neues, einfaches Verfahren zur Anaeroben-
zucht [3] ausgearbeitet ist, soll auch den anaeroben Keimen künftig
mehr Beachtung geschenkt werden.
Literatur.
I. Huntemüller: Ein Anreicherungsverfahren von wenigen oder in
ihrer Wachstumsenergie gehemmten Keimen im menschlichen Harn.
M.m.W 1922 Nr. 10. — 2. Derselbe: Die entzündlichen Erkrankungen
der Gallenwege vom Standpunkte des Bakteriologen. Erscheint spater
mit eingehender Literaturangabe. — 3. Derselbe: Ein neues, einfaches
Verfahren zur Anaerobenzucht. Erscheint im Zbl. f. Bakteriol.
*) Siehe Gundermann: Bakteriologie und Pathologie der Erkran¬
kung der Gallcnwege. Erseh. i. d. Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Cliir.
| Aus dem patholog. Institut des Krankenhauses München-
Schwabing. (Prof. Oberndorfer.)
lieber Amyloiddegeneration der Leber während der
Nachkriegsjahre.
Von Hans Schrank, med. Praktikant.
Die in unserem Institut gemachte Beobachtung, dass nach Ein¬
setzen der Hungersnot in Deutschland die Zahl der schweren Amy¬
loiderkrankungen sich auffällig vermehrte*), gab Anlass zu einer
statistischen Untersuchung der während der Jahre 1919, 1920 und 1921
im Krankenhause München-Schwabing zur Sektion gekommenen
Fälle. Sie erstreckt sich auf 2056 Sektionen dieser 3 Jahre. Zum
Vergleich wurden die 1089 Sektionsbefunde der Jahre 1911, 1912 und
1913 herangezogen. Dabei ergibt sich folgendes:
1. Die Gesamtzahl der Amyloiderkrankungen.
Im Jahre 1919, das den Hungerjahren am nächsten liegt, beträgt
der Prozentsatz der Amyloidfälle 2,1, eine Zahl, die vom Jahre 1912
mit 3,6 und vom Jahre 1921 mit 2,3 wesentlich überschritten wird.
Noch geringer ist die Zahl der Amyloidosen im Jahre 1920, sie beträgt
nur 1,8 Proz. der Gesamtsektionen, während sie im Jahre 1921 2,3
beträgt. Die Prozentzahlen der Jahre 1911, 1912 und 1913 sind 1,6,
3,6 und 1,3. Fasst man die Jahre 1919—1921 und 1911—1913 zu¬
sammen, so stellt sich das überraschende Ergebnis heraus, dass die
Gesamtzahl der Amyloidfälle aus den Nachkriegsjahren mit 2 Pioz.
um V io Proz. hinter der 2,1 Proz. betragenden Gesamtzahl der Amy¬
loidosen aus der Vorkriegszeit zurücksteht; von einer absoluten
Vermehrung in der Nachkriegszeit kann also keine Rede sein. Eine
wichtige Rolle für das Zustandekommen dieser Zahlen spielt der
merkwürdig hohe Prozentsatz aus dem Jahre 1912, für den schwer¬
lich eine Erklärung zu finden sein dürfte. Er überragt den höchsten
Prozentsatz der Nachkriegsjahre, vom Jahre 1921, um fast J/3.
2. Die Zahl der Leberamyloidosen.
Ganz anders wird das Bild, wenn man die Schwere der Fälle
berücksichtigt. Dazu eignet sich besonders die verhältnismässig sel¬
tene Leberamyloidose. Unter den 1089 Sektionen der Jahre 1911 bis
1913 finden sich nur 6 solche Erkrankungen, das sind 0,55 Proz.,
während von 1919 bis 1921 unter 2056 Sektionen 18 Leberamyloidosen
Vorkommen, also 0,88 Proz. Merkwürdig ist die Tatsache, dass im
Jahre 1913 keine einzige Leberamyloidose beobachtet ist; der Pro¬
zentsatz der übrigen Amyloiderkrankungen dieses Jahres ist 1,3, der
geringste während der 6 in Frage kommenden Jahre. Die Zahlen der
Leberamyloidosen von 1911 und 1912 mit 0,97 Proz. und 0,90 Proz.
überschreiten die der Jahre 1920 und 1921, jedoch ist der Prozentsatz
des Jahres 1919 mit 1,1 Proz. unerreicht.
3. Die Schwere der Leberamyloidosen.
Nicht nur der Zahl nach, sondern auch nach dem Maasse der Amy¬
loidausbreitung in den befallenen Organen, zumal in der Leber, mehrt
sich die Erkrankung in der Nachkriegszeit. Einen Massstab • dafür
gibt am besten das Gewicht der Organe, natürlich ohne Anspruch
auf quantitative Genauigkeit. Nimmt man das Durch¬
schnittsgewicht der Leber normaler Erwachsener
zwischen 1400 — 1600 g an, so zeigt sich, dass in den Vor-
kr. iegsjahren das Normallebergewicht durch die
Amyloiderkrankung überhaupt nur einmal wesent"
lieh überschritten ist, nämlich bei einer 48 jähri¬
gen Frau von 4 2XA kg Körpergewicht mit 2900 g. Zu¬
grunde lagen tuberkulöse Koxitis, chronische Lungentuberkulose, Ne¬
phritis und Zystitis. Zwei andere Fälle mit 1700 bzw. 1650 g Leber¬
gewicht bei einem 51jährigen Mann und einer 38 jährigen Frau über¬
schreiten das Durchschnittsgewicht so wenig, dass sie kaum als
schwerere Fälle in Betracht kommen dürften. Die übrigen 3 Leber¬
amyloidosen bei Kranken im Alter von 16, 6 und 20 Jahren weisen
ein so geringes Lebendgewicht auf, dass es gewiss hinter der physio¬
logischen Breite zurückblcibt.
Die Jahre 1919 b i s 1921 dagegen schliessen allein
7 Fälle von Leberamyloidose ein, bei denen das
Normallebergewicht bedeutend überschritten ist.
Dabei handelt es sich nicht, wie bei den 3 Vorkriegsfällen, um Er¬
wachsene zwischen 38 und 51 Jahren, sondern nur in einem Fall um
eine 59 jährige Frau; die übrigen Kranken waren ein 23 jähriges Mäd¬
chen mit dem in allen 6 Jahren nicht erreichten Lebergewicht von
3230 g, ein 20 jähriges Mädchen mit 2140 g, ein 18 jähriges Mädchen
mit 2000 g, -ein 15 jähriger Junge mit 2150 g und zwei 14 jährige
Jungen mit 2750 und 2010 g Lebergewicht. Von den übrigen Kranken,
deren Lebergewicht die physiologische Gewichtsbreite nicht über¬
steigt, ist ein 7 jähriges Mädchen bemerkenswert, bei dem das Leber¬
gewicht die für das Alter beträchtliche Höhe von 1140 g erreicht;
auch hier besteht also, obwohl das in unserer Statistik nicht zum Aus¬
druck kommt, eine bedeutende Gewichtsvermehrung. Die übrigen
Fälle betreffen Erwachsene zwischen 23 und 46 Jahren.
Während die erwähnten 3 Vorkriegsfälle von schwererer Amyloi¬
dose der Leber 1 mal Lues und 2 mal Tuberkulose zur Grundlage
hatten, sind die schweren Nachkriegsfälle der Jugendlichen sämtlich
*) Vergl. O. Meyer und E. Wolff: Zur Amyloidfrage. M.K1 1919
Nr. 23.
3'
1228
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
auf Tuberkulose zurückzuführen. Nur die 59 jährige Frau mit der
Leber von 3000 g hatte einen Grawitzschen Tumor.
4. Durchschnittsgewichte der amyloid erkrankten Milzen und Nieren.
Die Gewichtsverhältnisse der amyloid erkrankten Milzen und
Nieren sind nicht mit derselben Genauigkeit wie bei den Lebern fest¬
zustellen, da die Gewichtsangaben in den Sektionsberichten zuweilen
fehlen. Unter Ausschluss der bei Kindern vorkommenden Amyloi¬
dosen dieser Organe ergeben sich für die der Erwachsenen folgende
Zahlen: Von 1911—1913 beträgt das Durchschnittsgewicht
der Amyloidmilzen 185 g, das der Amyloidnieren 326 g (beide
Nieren zusammen). Von 1919 — 1921: Gewicht der Amyloidmilzen
212 g, das der Amyloidnieren 375 g.
Also auch für Milz und Niere scheint sich. aus den Durchschnitts¬
zahlen der Gewichte eine Zunahme der Schwere der Amyloiderkran¬
kung nach dem Kriege zu ergeben. Die für normale Milzen und
Nieren geltenden Durchschnittsgewichte von 150 bzw. 250 g, letztere
für beide Nieren zusammen, sind demnach bei den Nachkriegs¬
amyloidosen erheblich überschritten.
5. Die Grundkrankheiten.
Eine Betrachtung der Grundkrankheiten, die, soweit das aus den
Sektionsberichten ersichtlich ist, der Amyloidose zugrunde liegen,
ergibt folgendes:
Bei den 23 Amyloidfällen der Jahre 1911 — 1913 kommt 18 mal
Tuberkulose, 1 mal Lues, 1 mal Sepsis, 1 mal Bronchiektasie und
Empyem, 1 mal Lungengangrän und Ulcus varicosum, 1 mal chro¬
nische Nephritis als Grundkrankheit vor. Der Anteil der 1 uberkulose
beträgt also 78 Proz. Die 42 Amyloidosen der Jahre 1919 — 1921 wei¬
sen 34 Tuberkulosen, 2 Karzinome, 2 Grawitzsche Tumoren,
1 Empyem der Pleurahöhle, 1 chronische Nephritis, 1 Pyelitis und
Pyelonephritis und 1 perniziöse Anämie auf. Die Tuberkulose be¬
teiligt sich mit 80 Proz., also 2 Proz. mehr als vor dem Kriege.
Für die Leberamyloidose allein ergibt sich eine Zunahme des
Tuberkuloseanteils bei den Grundkrankheiten um 6 Proz. Ueber-
haupt ist der Anteil der Tuberkulose beim Leberamyloid grösser als
beim Amyloid der übrigen Organe, er beträgt in den Vorkriegsjahren
83 Proz., in den Nachkriegsjahren 89 Proz. Auch diese Zahlen be¬
stätigen, dass die Tuberkulose während des Krieges und nach dem
Kriege sowohl der Zahl wie der Schwere nach zugenommen hat. —
Was die übrigen Grundkrankheiten für die Leberamyloidose an¬
betrifft, so findet sich ausser Tuberkulose nur 1 mal Lues (Aortitis
luica) vor dem Krieg, nach dem Krieg 1 mal Carcinoma uteri und
1 mal ein G r a w i t z scher Tumor.
Ein einfaches Verfahren zur Behandlung atrophischer
Nasenschleimhäute.
(Vorläufige Mitteilung.)
Von Dr. R. v. Scheven, Spezialarzt für Ohren-, Nasen-
und Halskranke in Hainmi.W.
Die Beobachtung, dass eine irgendwie erzielte Verengerung des
Lumens atrophischer Nasen geeignet ist, eine Verminderung des Se¬
kretes und der Borkenbildung herbeizuführen, hat im Laufe der Zeit
zu verschiedenen dahinzielenden Methoden geführt. Neben der
Paraffinplastik hat man neuerdings zu plastischen, zum Teil jedoch
sehr eingreifenden Operationsmethoden gegriffen. Wie alle nicht¬
dringlichen Operationen, erfährt deren Anwendung in der heutigen
Zeit aus äusseren Gründen eine starke Einschränkung.
Die bei guter Ausführung der Paraffinplastik schon recht be¬
friedigenden Erfolge Hessen mich die Frage erwägen, ob es nicht
eine Methode gäbe, die noch vorhandenen funktionellen oder binde¬
gewebigen Bestandteile der atrophischen Schleimhäute wieder zu
einer Volumenvermehrung für die Dauer zu bringen.
Aeussere Applikation auf der Schleimhaut auch unter Zuhilfe¬
nahme der Massage versprach keine grossen Dauerwirkungen oder
nur in leichteren Fällen. Es lag daher nahe, zu einer Injektions¬
behandlung zu greifen. Es war wünschenswert, eine Lösung von
physiologisch gut bekannter Wirkungsweise zu benutzen. Anderer¬
seits musste eine starke Reizkomponente vorhanden sein. Ich wählte
aus diesen Gründen 10 proz. sterile Kochsalzlösung. Der sicheren
Sterilität halber empfiehlt sich der Bezug in 5 ccm-Ampullen durch
die Apotheke. Die Technik ist kurz folgende:
Nach Säuberung der Nasenschleimhaut durch Spülung werden
die Injektionsstellen mit 10 proz. Kokainlösung unempfindlich ge¬
macht. Je nach dem Grade der Atrophierung setzt man mehrere
Depots von hinten nach vorn, bei nicht zu hochgradiger Atrophie ge¬
nügt eine Injektionsstelle in der Nähe des vorderen Kopfes der
Muscheln. Es empfiehlt sich, nicht zu zahlreiche Stellen zu injizieren,
da bei den folgenden Injektionen die früheren Stiche die Lösung noch
leicht austreten lassen. Als Menge kommt für die unteren Muscheln
etwa 2Va ccm auf jeder Seite in Betracht. Im ganzen sind wenig¬
stens zwanzig Einspritzungen zu geben, zwei, besser drei in der
Woche. Zu Hause täglich ein bis zwei Nasenspülungen. Die Injek¬
tion geschehe langsam. Manche Kranke klagen kaum über irgend-
! welche Beschwerden, andere haben einige Stunden Kopfschmerzen.
Sonstige Nebenwirkungen habe ich nicht beobachtet. Die Aetiologie
der Atrophie spielt keine Rolle.
Die Zahl meiner Fälle und die Beobachtungszeit ist noch zu
klein, um allgemein bindende Schlüsse zu ziehen. Ich kann aber auf
Grund meiner bisherigen Erfahrungen einen Versuch mit dieser Me¬
thode nur warm empfehlen. Es gibt vielleicht auch noch wirksamere
Stoffe als 10 proz. Kochsalzlösung, für den Praktiker kam aber nur
ein physiologisch gut bekannter in Frage.
Aus dem Kranken- und Mutterhaus vom Roten Kreuz
Auguste- Viktoria-Heim, Eberswalde.
(Leitender Arzt: Prof. Dr. A. Hildebrandt.)
Tunnelierung des Beckenknochens zur Geschoss¬
entfernung.
Von Dr. A. Lehrnbecher, Assistenzarzt.
Ein 24 jähriger Polizeiwachtmeister wurde am 24. X. 22 im Kampfe mit
einem Einbrecher von diesem aus der Entfernung von etwa 4 m mit einer
8 mm Militärpistole in die rechte Unterbauchgegend geschossen. Zwei Stun¬
den nach der Verletzung Aufnahme in das Äuguste-Viktoria-Heim.
Schwerer Schock, schlechter Puls. Kalibergrosser Einschuss 1 Quer¬
finger medial vom MacBurney. Ausschuss nicht vorhanden.
Kochsalzinfusion, Excitantia, dann Laparotomie (Prof. Hildebrandt).
Längsschnitt nach oben und unten von der Einschussstelle. Zoekum durch
Explosivwirkung stark zerfetzt. Naht desselben. Die übrigen Därme intakt.
Ausgiebige Spülung mit NaCl-Lösung. Gummidrainage der Nahtstelle des
Zoekums. Der schlechte Zustand des Verletzten drängte zur raschen Be¬
endigung des Eingriffes und verbot ein Suchen nach dem vermutlich nach dem
Becken zu gelegenen Geschoss.
Kranker erholte sich gut. Es entwickelte sich jedoch nach einigen Tagen
unter intermittierendem Fieber vorn oberhalb des Lig. Pouparti, der Lacuna I
musculorum entsprechend, ein grosser Abszess, der am 18. XI. inzidiert 1
wurde; hierauf zuerst Absinken der Temperatur, dann wieder erheblich wech- 1
selnde Temperatursteigerungen. Eine Röntgenaufnahme ergab, dass ein wenig
deformiertes Geschoss sich auf die hintere Randpartie der Beckenschaufel i
projizierte, 1 Querfinger von der Articulatio sacro-iliaca entfernt, l'A Quer¬
finger oberhalb der Linea terminalis. Dass das Geschoss im Knochen selbst
stak, bewiesen Einschmelzungsvorgänge; es lag in einer deutlichen Knochen- ,
höhle mit reaktiver Sklerose der Umgebung.
Dieser Befund stellte sicher, dass das Geschoss als Keimträger die In- i
fektion unterhielt, hiermit war die absolute Indikation zu seiner Entfernung
gegeben. Man war sich darüber klar, dass die Operation bei der schweren
Zugänglichkeit und ausserordentlichen Tiefe des Fremdkörpersitzes technisch
sehr schwierig sein würde.
Am 17. III. 23 Operation (Prof. Hildebrandt); Geringe Verlange- |
rung des Inzisionsschnittes nach oben. Nach einigem Suchen lässt sich am
Grunde der trichterförmig gegen die Articulatio sacro-iliaca zu sich ver¬
jüngenden Wunde mittels einer langen Kornzangc in etwa 15 cm Tiefe der
Knochendefekt feststellen. Es gelingt jedoch nicht, das Geschoss mittels einer i
feinen Greifzange zu erreichen, auch nicht beim Ausleuchten des Wundgrundes. ;
mit Rektoskoplampe und bei Entfernung der Umrandung der Knochenhöhle
mittels vorsichtiger Meisseischläge.
Unbedingt kontraindiziert war der Versuch, durch Verlängerung des Haut-
muskelschnittes nach oben oder medial eine grössere Zugänglichkeit zu
schaffen, es bestand die Gefahr in unübersichtliche Verwachsungen zu kommen
und die Peritonealhöhle unversehens zu eröffnen.
Es blieb nun noch die Möglichkeit, von hinten aussen her an das Ge¬
schoss zu gelangen. Ohne Leitsonde von aussen durch die Glutäalmuskulatur
an die dem Geschosssitz entsprechende Stelle der Beckenschaufclaussenscite
vorzudringen erschien zu gewagt, es bestand bei diesem Vorgehen zu wenig
Aussicht, die gewünschte Stelle im Knochen richtig zu erkennen, da ver¬
mutungsweise irgendwelche pathologische Veränderungen hier nicht zu er¬
kennen gewesen wären.
Es wurde daher ein elektrischer Bohrer von der Inzisionswundc aus in j
die Knochenhöhle eingeführt und Knochen und Weichteile nach aussen durch¬
bohrt, bis der Bohrer unter der Haut fühlbar war. Dabei wurde die Rich¬
tung des Bohrers so gewählt, dass derselbe dicht unterhalb der Crista iliaca ,
nahe der Spina iliaca post. sup. zum Vorschein kommen musste, da hier
keine grösseren Gefässe und Nerven verletzt werden konnten; lediglich
kleinere, zum Ursprungsbereich des Musculus glutaeus maximus aufsteigende I
Muskeläste der Art. glutaea sup. waren gefährdet.
Der prompte Erfolg rechtfertigte den Entschluss. Sobald der Bohrer
unter der Haut sichtbar war, wurde hier ein 3 cm langer Querschnitt angelegt,
die Muskulatur stumpf auseinandergetrennt und nach Freilegung der Becken¬
schaufel die Durchtrittsstelle des elektrischen Bohrers mittels einiger Meissei¬
schläge erweitert. Es ergab sich nun das eigenartige Bild, dass man bei seit¬
licher Lagerung des Kranken durch das tunnelierte Becken durchschen konnte.
Das Geschoss Hess sich mit einer schmalen Zange ergeifen und mit Leichtig¬
keit entfernen. Es war ein seitlich abgeplattetes Kupfermantelgeschoss mit
leicht gerundeter Spitze. Drain in die äussere Inzisionswunde, entsprechend
der Lage sehr günstige Abflussbedingungen.
Nach der Operation einige Tage lang stärker erhöht'- Temperatur, dann !
Entfieberung; am 18. IV. 23 mit nahezu verheilten Wunden in ein Genesungs¬
heim entlassen.
Es handelte sich um einen Steckschuss in der spongiosareichen
hinteren Randpartie der Beckenschaufel. Entsprechend der Weich¬
heit des Knochens an dieser Stelle und der geringen lebendigen Kraft
des Geschosses war nur ein kalibergrosser Defekt entstanden. An
der spröden Darmbeinschaufel sind im Gegensatz hierzu unregel¬
mässige Substanzverluste und ausgedehnte Fissuren typisch (Hilde-
b r a n d t). Das Geschoss, welches Kleidung, Haut und Darm durch¬
schlagen hatte, wirkte als Keimträger und implantierte Infektions¬
erreger in den Knochen. So resultierte eine Einschmelzungsstelle
September 1923.
M ÜNCHF.NER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRI FT.
1229
demselben, und es wurde von hier aus eine lang dauernde Eiterung
| rvorgerufen, die allen konservativen therapeutischen Massnahmen
>tzte. Ls sind ja auch nach den Erfahrungen des Weltkrieges bei
rletzungen der spongiösen Partie des Darmbeines langsam fort-
iechende Eiterungen, manchmal mit Sepsis im Gefolge, nicht selten
, es wurde radikales Vorgehen in dieser Gegend dringend emp-
uen (rranz).
Dass schon einmal bei einer Steckschussoperation unsere etwas
roisch anmutende Methode angewandt worden ist, konnte in der
eratur nicht gefunden werden. Es ist jedoch bei dem ungeheuren
itenal des Weltkrieges zu erwarten, dass in ähnlichem Falle auf
: icliem Wege vorgegangen wurde.
Es fiagt sich, ob auch andere Operationsverfahren hätten in
I ige kommen können.
Ob die Anwendung eines grossen Elektromagneten zum Ziele
I unrt hatte, sei dahingestellt. In vielen Fällen widerstehen ein-
l capselte Fremdkörper selbst der Zugkraft grosser Magneten oder
1 rden durch Knochenkanten am Austreten verhindert.
Mehr Aussicht hätte wohl die röntgcnoskopischc Operation ver-
ochen, doch ist natürlich, ganz abgesehen von der in den heutigen
teil kaum zu beschaffenden Einrichtung, die Technik dieses Ver-
rens absolut nicht einfach.
Selbstverständlich kann die im Vorliegenden beschriebene Me¬
ide nur dort Anwendung finden, wo die topographischen Verhält-
ise ! ernstere Nebenverletzungen ausschliessen. Die Durchbohrung
1 Deckenschaufel in unserem Falle ist ohne jede Bedeutung selbst
s ssere Defekte der Beckenknochen heilen in der Regel anstandslos
|l ohne Funktionsstörungen aus (Franz).
Literatur.
Carl Franz: Becken- und Schenkelschüsse im Handbuch der ärztlichen
ihrungeri ,m Weltkriege. - Graf und Hildebrandt: Die Verwun-
gen durch die modernen Kriegswaffen. 2. Bd. Bibi. v.Coler —
Fnlfürnn c ll£d Tietze: Steckengcblieben c Fremdkörper und
Entfernung. Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege.
y der 3- medizinischen (Nerven) Abteilung des Allgemeinen
Krankenhauses Hamburg St. Georg.
1 Sedimentator für Zellen- und feine Niederschläge,
besonders für Liquorzellen.
Von Dr. Ernst I rö m n e r - Hamburg.
Bei meinen Liquoruntersuchungen vermisste ich schon lange ein
iaiiren, welches gestattet, spärliche Zellinhalte einer Körperfliissig-
i direkt auf Glasplatten niederzuschlagen. Das übliche Verfahren
tniugate im Spitzröhrchen zu sammeln und aus diesem durch
I illai pipette auf Objektträger zu übertragen, bedeutet einen Um-
E, weicher unzuJängliche Resultate liefern muss, weil nur ein
! abler 1 eil des Sedimentes auf den Träger gelangt, weil dabei ver-
elte Bakterien oder zerstreute Sonderzellen meistens verloren
r“ und wei1 ausserdem besonders die sehr lädablen Liquorzellen
nt verletzt werden. Deshalb erschien es mir erwünscht, ein Ver-
s en zu besitzen, welches sozusagen das ganze Plankton einer
aerfluKs.gke.t niederzuschlagen ermöglicht. Nachdenken und Ver-
le haben mir schliesslich folgendes Verfahren als einfachstes ge-
™.c,ht 7U dünnwandiges Röhrchen von Fingerlänge, in eine
mugenhulse hineinpassend, wird an einer Seite mit gut sitzendem
nmi- oder Korkstopfen geschlossen und auf diesen Stopfen ein
Hes, nicht zu dünnes Deckgläschen gelegt (Fig. 1). Dann schüttet
hre» man den Liquor hinein, zentrifugiert 10—15 Minuten
s| (falls elektrisch, nicht mit zu grosser Geschwindigkeit,
Ul | ,§>\ um Liquorzellen nicht zu schädigen), giesst ab, entnimmt
£ das Deckgläschen, färbt dann den Niederschlag in üb-
|&j , gl) lieber Weise und bringt das Sediment tragende Deck-
K ! <S/ gäschen schliesslich umgekehrt auf den Objektträger.
I ^ Natürlich erheischt die Behandlung des dünnen Deck¬
gläschens einige Vorsicht. Vorher muss man die Unter¬
seite mit einem Glasstift markieren; sodann, um das Haf¬
ten der Zellen zu befördern, empfiehlt sich dünne Be¬
feuchtung der Oberseite mit Eiweissglyzerin, entweder
mit Hilfe des Fingers, oder noch sauberer mit Hilfe eines
Ijj DEC gummibezogenen Glasstäbchens; dann nach dem Wieder-
l gws herausnehmen klemmt man das dünne Plättchen in eine
u% geeignete Klemmpinzctte, fixiert nun entweder durcli
Eg \ Wärme, odeF Methylalkohol, oder in Formoldämpfen
^.nac*1 Scöczi), oder in Sublimateisessig (nach
Iw • Schlüchter) und färbt schliesslich in gebräuchlich-
J Weise mit eosinsaurem Methylenblau nach May- Jenner,
auch mit Azur-Eosin nach Giemsa, oder mit Tri-
i von Ehrlich, oder dem Hämatoxylin-Eosin nach Kafka usf.,
ach Sonderbedürfnis. Schliesslich überträgt man den Objckt-
’-'x in Glyzerin oder Kanadabalsam.
iJass bei diesen Prozeduren die zarten Deckgläschen gelegent-
Izerbrechen, ist ein Nachteil der Methode, welcher sich vielleicht
jh Verwendung von Zellon- oder Galalithscheibchen umgehen
wenn diese Glasersatzstoffe sich nicht leicht bögen und vor
'i die Einwirkung von Hitze ertrügen. Solange uns also die
Technik noch keinen unzerbrechlichen Glasersatz liefert, wird uns
Uebung an diese Behandlung gewöhnen müssen.
, kiicKro^sen Vorteile meines Röhrchens, welches ich übrigens
schon 1916 in primitiver Form probierte, zeigten sich schon bei den
ersten Versuchen, ln mehreren Fällen von tuberkulöser Meningitis,
wo das bisherige Verfahren nur geringen Zellbeschlag und keine
Bazillen ergab, zeigte mein Sedimentator wesentlich reicheren Zell-
beschlag; die Zellen selbst weniger lädiert und zwischen den Zellen
deutlich farbbare 1 uberkelbazillen. In mehreren Fällen von Neo¬
plasmen fanden wir Geschwulstzellen.
Ein weite, er Vorteil ist der, dass sich der Sedimentator auch zur
quantitativen Zellbestimmung verwerten lässt; denn da der Nieder¬
schlag nach genügend langem Zentrifugieren ein absolut vollkom¬
mener und gleichmassig über die ganze Plättchenfläche verteilt ist,
so braucht man nur einen kleinen I eil eines mikrotomierten Quadrat-
m1 lmeters, ev. mit Okularmikrometer, auszuzählen, um den gesamten
Zellinhalt der Flussigkeitssäulc bestimmen zu können.
Selbstverständlich kann der Sedimentator auch zur Untersuchung
Ln-d^i-e^ ,Kornerflussi^-lte.n, dienen’ zweckmässig natürlich nur bei
möglichst zellarmen Flüssigkeiten; sonst müsste die Flüssigkeit ent¬
sprechend verdünnt werden, damit der Zellniedersciilag nicht zu dicht
und unübersichtlich wird; oder man müsste nur eine ganz kurze
Llussigkeitssaule benützen, oder endlich nur kurze Zeit zentrifugie-
£®n\ Uibe! wurden allerdings zunächst nur die spezifisch schwersten
Bestandteile sinken. Mit Benutzung dieses Momentes würde es aber
in exakter Weise möglich sein, gewissennassen eine fraktionierte
1 rennung verschiedener Zellarten zu bewirken, je nach ihrer Grösse
oder Schwere. Man würde nach nur kurzem Zentrifugieren (1—5 Mi¬
nuten) die Flüssigkeit in ein zweites Röhrchen abgiessen, dies noch¬
mal Kurz zentrifugieren, dann in ein drittes giessen usw So könnte
man eine Reihe verschieden schwerer resp. verschieden grosser
Zellen und Zellbestandteile gewissermassen absieben können. Ob
dies Verfahren der fraktionierten Sedimentierung noch eine Bedeu-
lung für die Klinik, speziell die der organischen Zentralncrvenkrank-
beiten erlangen wird, muss weitere Bearbeitung lehren.
Hergestellt wird das Röhrchen nebst Zubehör und geeigneter
Klemmpinzette von der Firma La u t e n s ch I äg e r - Berlin
Chausseestrasse.
Ein ungewöhnlicher Fall von Oesophagusstenose.
Von Dr. Alfred Hirsch, Facharzt für Magen- und Darm¬
krankheiten und Dr. Julius Wagner, Facharzt für Chirurgie
in Stuttgart.
... cPcr folgenden mitzuteilende Fall von Oesophagusstenose
uiiiite, soweit wenigstens die Durchsicht der uns zugänglichen Litera-
tur ergab, in seiner Art noch nicht beschrieben sein. Seine völlig
aus dem Rahmen der bisher bekannt gewordenen Ursachen einer
üesophagusstenose herausfallende Aetiologie dürfte die Veröffent¬
lichung in dieser Wochenschrift rechtfertigen, weil er die dringende
Mahnung dem Praktiker vor Augen führt, bei Fällen zunehmender
Erschwerung der Durchgängigkeit des Oesophagus in höherem
Lebensalter stets auch an die Möglichkeit einer nicht malignen Ent¬
stehung der Stenosierung zu denken und demgemäss auf eine Zu¬
ziehung chirurgischer Hilfe in allen Fällen der Stenose beim Kranken
Innzuwirken, wenn nicht unbedingt sichere Anzeigen gegen einen
chirurgischen Eingriff überhaupt bestehen.
Der 55 jährige Metzger Q. aus L., der sonst nie krank gewesen war,
suchte den einen von uns (Dr. H.) am 24. VII. 1922 mit der Klage auf. dass
seit 4 Wochen Erbrechen der Nahrung aufgetreten sei, das sich rasch immer
mehr verschlimmert habe, so dass jetzt auch flüssige Nahrung sehr bald nach
der Aufnahme wieder erbrochen werde. 14 Tage vorher habe er eine
Uruversitätspoliklinik aufgesucht, dort habe sich bei röntgenologischer Unter¬
suchung keine Magenerkrankung fcststellen lassen, dagegen stiess man laut
Bericht von- dort beim Versuch, das Probefrühstück auszuhebern, mit der
Magensonde auf einen unüberwindlichen Widerstand. Der Verordnung nach
zu schliessen, war damals ein spastisches Hindernis angenommen worden.
Der. Zustand habe, sich seitdem wesentlich verschlimmert. Der mittclgrosse
kräftig gebaute Mann war infolge des zunehmenden Erbrechens enorm ab-
gemagert. Seine Angabe, dass das Erbrechen reichliche Mengen von Schleim
herausbefördere, erweckte den Verdacht einer Oesophagusstenose. In der
Tat war es nicht möglich, mit dem weichen Schlauch in den Magen zu
kommen. In etwa 30 cm Tiefe (von der Zahnreihe an) stiess der Schlauch
auf ein unüberwindliches Hindernis, das auch für mittlere Olive des
Troussea.u nicht durchgängig war. Diie dünnste Olive gelangte dagegen
glatt in den Magen. Nun Hess sich nach und nach die ganze Serie der
Oliven durchbringen, wobei das Gefühl bestand, dass mit zunehmender
Stärke der Olive ein zunehmender Widerstand überwunden werden musste.
Da bei der vorletzten Nummer Blut an der Olive bemerkt wurde, wurde auf
die Einführung der stärksten Nummer verzichtet. Die Diagnose einer
Stenosierung der Speiseröhre durch malignen Tumor schien keinem Zweifel
unterworfen. Das Lebensalter, die rasche Entwicklung bei einem bisher
stets gesunden Mann, der deutliche Widerstand, der sich bei der Dilatation
fühlbar machte und das an der Olive beobachtete Blut schienen die Diagnose
zu sichern. Auffallend blieb nur die ungewöhnlich rasche Verschlimmerung,
die so gedeutet wurde, dass eine Schleimhautwucherung, die beim
Hindurchführen der Sonde abgelöst worden war, das Lumen plötzlich
ganz verlegt hatte. Um dem Kranken unnötige Kosten zu ersparen, wurde
zunächst auf eine radiologische und ösophagoskopische Untersuchung ver¬
zichtet. Der Kranke, der nach gelungener Dilatation sofort wieder gut
1230
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3
—
schlucken konnte, wurde mit der Weisung entlassen, sich nach 4 Wochen
wieder vorzustellen. Am 2. VIII. 1922 kam er wieder mit 10 kg Gewichts¬
zunahme und der Angabe, dass er seither wieder jede Nahrung anstandslos
schlucken könne. Bei der Einführung der zweitstärksten Trousseauolive war
diesmal nur ein leichter Widerstand zu überwinden, auch trat dabei keine
Blutung auf. Am 30. X. 1922 stellte sich dtr Kranke wieder vor und gab an,
dass in letzter Zeit feste Nahrung wieder schwieriger geschluckt werde und
nur noch flüssig-breiige Nahrung gut durchgehe. Das Gewicht hatte um 3 kg
abgenommen. Bei der jetzt vorgenommenen Untersuchung gelang es nicht
einmal mit der dünnsten Olive an dem Hindernis vorbeizukommen, keine Ver¬
änderung der Körperlage ermöglichte ein Durchkommen durch die verengte
Stelle. Dem Kranken wurde die sofortige Anlegung einer Magenfistel angeraten,
da die Befürchtung bestand, dass die Stenosierung sich rasch wieder zu der
ursprünglichen Höhe des Leidens entwickeln würde. Am 4. XI. 1922 trat der
Kranke ins hiesige Ludwigsspital ein, wo er am Abend vor der Operation
noch ösophagoskopiert und durchleuchtet wurde. Bei der Oesophagoskopie
fiel uns auf, dass das Rohr in 30 cm Tiefe aufgehalten wurde, dass sich aber
im Lumen des Rohres kein Tumor einstellen liess: die wie ein Segel dem
Rohr aufliegende Schleimhaut zeigte keine entzündlichen Veränderungen, nur
an einzelnen Stellen punktförmige Blutungen. Auf Grund dieses Befundes
nahmen wir an, dass durch eine oberhalb des Tumors in das Lumen vor¬
springende Schleimhautfalte der Tumor selbst der Besichtigung entzogen sei.
Beim Schlucken eines Baryumbissens vor dem Leuchtschirm wurde handbreit
oberhalb des Zwerchfells ein Steckenbleiben des Bissens und Auf- und Nieder¬
steigen desselben, ferner eine leichte Erweiterung der Speiseröhre oberhalb
des Hindernisses beobachtet. Bei der am 6. XI. vorgenommenen Gastro¬
stomie wurde bei der Betastung des Magens und des zugänglichen Teiles der
Speiseröhre keine wahrnehmbare Veränderung festgestellt. Am 2. Tag p. op.
trat rechts eine Pneumonie auf, die sich rasch auf die linke Seite ausdehnte
und zu schweren Herz- und Kreislaufstörungen führte. Am 11. Tag p. op.
ergab die Probepunktion etwas Eiter, bei dem moribunden Zustand wurde
von einem weiteren Eingriff abgesehen. Noch am selben Tage trat der
Exitus ein.
Bei der Sektion wurden die Brustorgane im ganzen herausgenommen.
Die Lungen zeigten eine Infiltration beider Unterlappen mit zahlreichen
kleinen Abszessen. Im rechten Unterlappen war ein hühnereigrosser Gangrän¬
herd in die Pleura durchgebrochen. Die Besichtigung der Brustorgane von
hinten ergab normale Verhältnisse, vor allem fand sich zu unserer Ueber-
raschung der erwartete Tumor nicht. Der Oesophagus war, soviel man von
aussen sehen konnte, nirgends verdickt, verengt oder abgedrängt, das
Gewebe in der Umgebung der Speiseröhre, oberhalb des Zwerchfells war
weich und zeigte keinerlei krankhafte Veränderungen, die einen Druck auf
die Speiseröhre hätten erklären können. Nun wurde der Oesophagus an der
Hinterwand aufgeschnitten. Dabei verfing sich die geknöpfte Schere etwa
5 cm über dem Zwerchfell. Die Prüfung dieser Stelle mit dem eingeführten
kleinen Finger ergab sowohl bei Untersuchung von oben wie vom Zwerchfell
her glatte Wände und eine Stenose etwa für einen Bleistift durchgängig.
Die Speiseröhre wurde vollends aufgesohnitten, es war jedoch ausser einer
Verschmälerung von etwa 4 mm und kleinen Schlcimhautblutungen an der
fraglichen Stelle nichts zu sehen. Die Schleimhaut war überall erhalten, von
normaler Farbe, Dicke und Festigkeit und zeigte keinerlei narbige Ver¬
änderung. Auch auf dem Längsschnitt war an der Wand makroskopisch
nichts Auffallendes. Ueber die weitere pathologisch-anatomische Unter¬
suchung erhielten wir von Herrn Obermed.-Rat Dr. Walz, dem wir auch an
dieser Stelle für seine gütige Unterstützung in der Aufklärung des Falles
unseren Dank aussprechen, folgenden Bericht:
„Das eingesandte Stück der Speiseröhre ist 15 cm lang, im oberen Teil
4,2 cm, im unteren 3,8 cm breit, durchschnittlich ziemlich gleichmässig 4 mm
dick. In natürlicher Lage, die sich auch bei der Formalinhärtung erhielt,
zeigt der Oesophagus in seinem unteren Drittel eine S-förmige Krümmung
seines Längsschnittes. Denkt man sich das Rohr des Oesophagus ge¬
schlossen, so muss in vivo ein Bild ähnlich einer leichten Invagination vor¬
handen gewesen sein. Eine Fixierung durch Narbenzug von aussen oder
Narbenbildung in der Wand konnte weder makroskopisch noch mikroskopisch
festgestellt werden. Histologisch lässt sich nur konstatieren, dass die obere
Hälfte des Speiseröhrenabschnittes unverletzte Schleimhaut zeigt, während
die untere Hälfte nur noch Epithelreste aufweist und die Submukosa grossen-
teils frei liegt, jedoch ohne stärkere entzündliche Erscheinungen, nur hie und
da minimale Lymphozytenherdchen. Nach meiner Erfahrung trifft man nicht
selten hochgradig verschiebliche Schleimhaut der Speiseröhre an. Ich halte
es auch nicht für ausgeschlossen, dass gelegentlich einmal die ganze Wand
der Speiseröhre gegenüber dem umgebenden Zellgewebe stark gelockert und
verschieblich ist und halte es nicht für undenkbar, dass das am Darm so
gewöhnliche Bild der Invagination auch einmal an der Speiseröhre zustande
kommen kann.“
Das Ungewöhnliche des mitgeteilten Falles liegt in dem bis jetzt
anscheinend nicht beobachteten Vorkommen einer Invagination der
Speiseröhre im untersten Abschnitt ihres thorakalen Verlaufs, die
post mortem an dem in situ belassenen uneröffneten Organ als ring¬
förmige Verengerung des Lumens bis auf Bleistiftdicke imponierte
intra vitam zu Beginn des Leidens für jegliche Art der Nahrung, dann
nach zweimaliger gelungener Dilatation der Speiseröhre für festere
Nahrung einen völligen Verschluss bewirkte. Die fortgesetzt zu¬
nehmende Lockerung und Verschieblichkeit in der Längsrichtung
scheint innerhalb der 4 monatlichen Beobachtungszeit sich derart ge¬
steigert zu haben, dass beim dritten Versuch, mittels Trousseauolive
in das Lumen zu kommen, die Olive sich in der wie ein Segel vor¬
springenden Faltung veifing, und dass auch im Oesophagoskop kein
Lumen einzustellen war. Die Einfaltung der Speiseröhre in der
Längsrichtung erklärt auch die Tatsache, dass das Hindernis der
Kardia wesentlich näher lag, als der Befund bei der Sondierung hätte
erwarten lassen, der einem Sitze bei 30 cm von der Zahnreihe ent¬
sprach. Die vorgenommene Gastrostomie hätte dem Kranken, wenn
die hinzutretende Lungenkomplikation nicht den vorzeitigen Exitus
herbeigeführt hätte, eine weitere Aufklärung und voraussichtlich Hei¬
lung bringen können.
Christian Eijkman.
Am 1. Oktober jährt sich zum 25. Mal der Tag, an de
Christian Eijkman die Leitung des Hygienischen Instituts
Utrecht übernommen hat. Ich möchte diesen Gedenktag benütze
um die Erinnerung an die bedeutsamen Forschungen von Chr
stian Eijkman (geboren 1858 in Nijkerk, Provinz Gelderland
Holland) wachzurufen. Eijkman ging im Jahre 1883 als Militärar
nach Java und wurde Mitglied der wissenschaftlichen Expedition vc
Pekelharing und Winkler zur Erforschung der Beri-Bei
Diese Krankheit forderte schwere Verluste unter den Truppen d;
Besatzungshecres und der Blokadetruppen in Atjeh. Eijkman h
seine Forschungen über die gestellten Probleme nach den Ursache
der Beri-Beri in einem sehr primitiv eingerichteten Laboratoriuf
in Weltevreden (Batavia) durchgeführt. Es galt damals die Ber(
Beri ganz allgemein als Infektions- bzw. Intoxikationskrankhe-
E i j k m a n hat die Forschung dadurch auf einen ganz neuen BodC
gestellt, dass er zu Tierversuchen überging und nachwies, da::
Hühner, die mit geschliffenem Reis ernährt wurden, unter Kramp,
und Lähmungserscheinungen erkrankten. In Uebereinstimmung rrj;
Vorder man kam Eijkman auf Grund seiner Tierversuche :
der Ueberzeugung, dass die Ursache der beim Menschen und bS
Tieren (Hühnern) nach Aufnahme x'on geschliffenem Reis auftretei)
den schweren Erscheinungen auf das übermässige Abschleifen d',
Reiskornes zurückzuführen ist. Eijkman hat mit dieser Fes|
Stellung, an deren Ausbau sein Schüler Gryns grosse Verdienst:
hat, den Grund zur Vitaminforschung gelegt. Er hat die Grundstein
zu einem Gebäude zusammengetragen, das mit der Zeit sich zu ein«
stattlichen Grösse ausgewachsen hat.
Eijkman hat ausser den genannten Forschungen zahlreiche Pr
bleme, die mit dem Einfluss des Tropenklimas auf die Ernährung, dt
Stoffwechsel usw. in Zusammenhang stehen, verfolgt. Er kehrte 18|
nach Holland zurück und übernahm das Hygienische Institut r
Utrecht. Er setzte in dieser Stellung seine Ernährungsstuditj
fort. Dazu kamen dann noch Arbeiten auf dem Gebiete der Erio
schung der Lebensbedingungen einzelliger Lebewesen (Bakteriei
Die gesamte Wissenschaft verdankt Eijkman so ausserorder
lieh viel, dass auch die deutsche Wissenschaft ihm zu seinem Geden
tage die herzlichsten Wünsche und grossen Dank zum Ausdruiii
bringen darf. Möge es Eijkman vergönnt sein, seine Forschungj
gleich erfolgreich fortzusetzen wie bisher.
Emil Abderhalden - Halle a/S.
Für die Praxis.
Die Behandlung der Placenta praevia.
Von Prof. Dr. Opitz, Freiburg i. Br.
Drei Gefahren sind es, welche die Placenta praevia zu eini
unheilvollen Komplikation der Geburt für Mutter und Kind macht,
Das ist die Blutung, die Rissgefahr und die vermehrte Gefahr d
Infektion. Wie gross die Gefahr auch heute noch ist, möchte ich n
einigen Zahlen belegen, die ich der Monographie von H i t s c h m a
entnehme.
Nach einer Sammelstatistik von 5116 Fällen aus vielen deutsch]
Kliniken beträgt die Gesamtsterblichkeit an Placenta praev:
7,6 Proz. Davon entfallen auf Blutung 5,8 Proz., auf Sepsis 1,8 Pn,
der Todesfälle. Was das bedeutet, wird dann deutlich, wenn in;»
sich vergegenwärtigt, dass die Sterblichkeit an Kindbettfieber an gji
geleiteten Kliniken durchschnittlich 0,02 bis höchstens 0,1 Prtj
beträgt. Dass andererseits auch bei Placenta praevia sehr Gut]
geleistet werden kann, ergibt sich aus der Zusammenstellung v<|
1332 Fällen aus Polikliniken, wo die Gesamtmortalität 2 Proz., di
jenige an Blutung 1,3 und an Sepsis 0,6 Proz. beträgt.
Das durfte so ziemlich das Erreichbare an Erfolgen bei Behan
lung der Placenta praevia darstellen. In der Praxis sieht sich dr
Sache leider viel schlimmer an. Auch heute noch beträgt die Ster,
lichkeit bei Placenta praevia nach den allgemeinen Statistiken je na]
den verschiedenen Landestcilen zwischen 10 bis 38 Proz.; also ei
Vielfaches der in der Klinik und gar in der poliklinischen Prav
erzielten Erfolge.
Sind so die Resultate für die Mütter höchst bedenklich, so ste-
es für die Kinder noch sehr viel schlimmer, so weit man sich bishv
nicht entschlossen hat, in der Behandlung der Placenta praevia zu»
Kaiserschnitt überzugehen.
Bei Behandlung der Placenta praevia nach Braxton Hicl
lassen sich die angeführten guten Erfolge nur dann erzielen, wei
auf das kindliche Leben vollkommen verzichtet wird. Ergebnis: n-
etwa 20 Proz. der Kinder werden lebend geboren.
Ein wenig bessere Erfolge gibt die Behandlung der Placen
praevia mittels Metreuryse. Aber auch da beträgt die Sterbiichki
der lebend in Behandlung eingetretenen Kinder noch immer zwiscL
20 bis 40 Proz., und da beinahe ebensoviele Kinder schon abgestorb
sind, wenn die Frauen in Behandlung kommen, so ist auch damit d
Ergebnis wenig befriedigend.
Es besteht also aller Grund zu dem Versuch, die Erfolge in d
Praxis wesentlich zu verbessern. Deshalb ist es keine ganz leich
. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1231
d angenehme Aufgabe, dem Praktiker heute Ratschläge über die
'Handlung dieser gefährlichen Komplikation zu geben.
Der Zug der Zeit drängt die Aerzte dazu, möglichst wenig Halle
is der Hand zu geben. Aber gerade für die Placenta praevia gipfelt
l; Weisheit für den Praktiker darin, die Fälle möglichst frühzeitig
r klinischen Behandlung zuzuführen, weil in dieser für Mutter und
:id weitaus Besseres geleistet werden kann, als in der Praxis mög-
ti ist. Denn dem Kliniker stehen ausser der grösseren Erfahrung
(i.Ue.l’l!n£ der Geburtshilfe zwei Vorteile zur Seite. Das ist
die Möglichkeit, bis zum Eintritt starker Blutungen abzuwa: teil,
die Möglichkeit, die Entbindung sofort durch Kaiserschnitt \ or-
•lehinen. Dieser spart, so merkwürdig das klingen mag, Blut und
treit Mutter und Kind im Augenblick aus der ihnen drohenden
' tahr. Die Schnittentbindung ist, vorausgesetzt, dass die Erau
I -htzeUig und nicht infiziert in die Hand des Klinikers kommt, fast
Jllst an dg sicher im Erfolg für Mutter und Kind. Das kann kein
! 'eres Verfahren von sich behaupten und deshalb ist dieses Ver-
i ren in der Mehrzahl der deutschen Kliniken das Verfahren der
lull bei Placenta praevia geworden. Ob die Begründung, die
nerzeit Krönig und Seilheim fast gleichzeitig für die Auf-
ime des älteren amerikanischen Vorschlages, die Placenta praevia
te s Sectio caesarea zu behandeln, zutreffend ist, bleibe dahin-
te t- Die l atsache ist jedenfalls über allem Zweifel erhaben, dass
es, bei Beginn der Operation noch lebende Kind vermittels des
iserschnittes auch lebend zur Welt befördert werden kann und
s für die Mütter die Gefahr der Entbindung durch Kaiserschnitt
neswegs grösser, nach unseren Erfahrungen sogar gerniger ist,
bei Entbindung auf natürlichem Wege. Hitschman, der sich
.en den Kaiserschnitt bei Placenta praevia gewandt hat, hat an
Hand eines grossen Materials tatsächlich nur den Beweis ge-
ert, dass die eben aufgestellte Behauptung richtig ist. Voraus-
zung aber bleibt, dass der Praktiker die Fälle „rechtzeitig
d nichtinfiziert“ einweist.
Bei der Placenta praevia treten in der Mehrzahl der Fälle schon
,?.tei?. [ei' der Schwangerschaft, meist etwa von der 28. Woche
plötzlich Blutungen auf, mit Vorliebe nachts, die nach einiger
t wieder stehen. Wenn der Arzt kommt, findet er meist die
uen m einer Blutlache liegend, ohne weitere Blutung und ohne
hen. Meist wird dann die Tamponade gemacht, nach einigen
nden entfernt. Es blutet dann bei Bettruhe einige Tage nicht
ter, die Frau steht auf, arbeitet wieder und nach längerer oder
zer Zeit wiederholt sich das Spiel, bis die Frau endlich so aus-
lutet zur Geburt kommt, dass ein nur geringer Blutverlust genügt
die weitere Lebensmöglichkeit abzuschneiden. — Sehr viel sel-
2r ist es, dass die Blutungen erst unter der Geburt anfangen,
iei sie dann verhältnismässig häufig von Anfang an gleich be-
ders stark sind, gelegentlich so stark, dass die Frauen bei Ein¬
ten des Arztes schon verblutet sind.
Andere Ursachen für die Blutungen in der Schwangerschaft sind
en Die nächst häufige Ursache ist die vorzeitige Lösung der
mal sitzenden Plazenta; alles übrige, z. B. geborstene Varizen,
zinome, Polypen sind ungewöhnlich selten. Alles Ereignisse, die
leswegs einfach in der Behandlung sind und in der Mehrzahl’ der
e die Ueberfuhrung in die Klinik notwendig machen.
Deshalb sollte der Praktiker jede Frau, bei der es in der letzten
te der Schwangerschaft stark blutet, ohne Untersuchung sofort
nächst gelegenen, ihm vertrauenswürdig erscheinenden Klinik
Behandlung uberweisen und zwar möglichst ohne zu tam-
eren.
Sämtliche Statistiken beweisen übereinstimmend, dass die In-
lonsgefahr für die Frau durch die Tamponade ganz erheblich
int wird. Zudem wird die Tamponade, wie ich nach meiner Er-
ung sagen muss, sehr häufig unsachgemäss ausgeführt. Einige
in den Blutgerinnseln der Scheide schwimmende Wattekugeln
locker eingelegte Gazestreifen haben selbstverständlich gar
en Einfluss auf die Blutung, sie stellen nur den Schein einer
rapie dar und bedeuten eine grosse Gefahr für die Frau. Zudem
“s fast immer so, dass die erste Blutung zwar stark, aber kurz-
:rnd zu sein pflegt und von selbst steht, wenn auch Ausnahmen
cornmen. Der praktische Arzt gewinnt bei der Ueberweisung
Vorted, dass er einer Verantwortung überhoben ist, die eine
lerholte Blutung ihm aufbürdet, ohne dass er doch ihren Zeitpunkt
lersagen und rechtzeitig Hilfe bringen kann.
Die Erzwingung der Diagnose ist zwecklos und gefährlich, da
ihe Gefahr der Infektion und stärkeren Blutung einschliesst; des-
i sollte man von vornherein darauf verzichten.
,i Nun bleiben freilich Fälle genug übrig, in denen entweder die
«ung so stark ist und so wenig beherrscht werden kann, dass des-
■ ein Transport in die Klinik unmöglich oder wo die äusseren
lande ein Fortschaffen nicht ermöglichen. Hier muss also der
:tiker selbst eingreifen.
Für die Praxis stehen eine Reihe von Verfahren zur Verfügung:
1- dje Wendung nach Braxton H i c k s,
2. die Einführung des Metreurynters,
3. die Tamponade,
4. die Blasensprengung.
Für die Behandlung ist im allgemeinen, von den später noch zu
innenden Ausnahmen abgesehen, die Ausdehnung des vorliegenden
i'ens der Plazenta nicht von besonderer Bedeutung. Ob es sich
um eine Placenta praevia lateralis oder sog. tiefen Sitz, oder Pla¬
centa praevia partialis, bei der, Eröffnung des Muttermundes voraus¬
gesetzt, nie 1 lacenta nur einen Teil des Muttermundes überdacht,
oder ob es sich um Placenta praevia totalis handelt, macht im
grossen Ganzen für die Gefährlichkeit der Komplikation einen ge¬
ringen und für die Behandlung fast gar keinen Unterschied. Wir
brauchen das also nicht zu berücksichtigen. Fälle, wie z. B.
die sog. I lacenta praevia centralis, bei der gerade die Mitte der
accnta über dem inneren Muttermund gelegen ist und einige andere
Besonderheiten bilden wohl eine Ausnahme, aber sie lassen sich
v.° m.c„t erkennen und können deshalb das Handeln des Arztes
nicht beeinflussen.
Die Wendung nach Braxton H i c k s besteht bekanntlich darin,
,man , zxYe’ Fingern durch den Zervikalkanal eingeht, die
Eihohle eröffnet, einen Fuss hcrunterzieht, bis der Steiss die Plazenta
gegen die Uteruswand andrückt und nun die Geburt sich weiter
selbst uberlasst Vorbedingung für die Behandlung ist, dass der
Muttermund auch wirklich für zwei Finger durchgängig ist. Diese
Vorbedingung ist in der Mehrzahl der Fälle erfüllt, auch wenn die
Blutung in der Schwangerschaft ohne Wehen eintritt. Ich empfehle
dringend, bei solchen Fällen nicht, wie es häufig geschieht, erst auf
das Eintreten von Wehen zu warten, sondern sofort die Wendung
vorzunehmen. Das Kind ist doch so gut wie verloren, so dass also
ein weiteres Abwarten des Kindes wegen nicht viel Zweck hat; die
Mutter kommt durch die Wiederholung der Blutung, die bei fort¬
bestehender Schwangerschaft mit fast absoluter Sicherheit zu er¬
warten ist, in schwerste Gefahr.
Es hat sich da gezeigt, dass in der Mehrzahl der Fälle eine sog.
acenta praevia totalis nicht vorliegt, wenn auch der eben für zwei
ringer durchgängige Muttermund ganz von Plazentargewebe erfüllt
ist, sondern dass man bei der Untersuchung schon erkennen kann,
nach welcher Seite die freien Eihäute liegen. Geht man nämlich mit
dem Finger am inneren Muttermund herum, so fühlt man gewöhnlich
dass an einer Seite, die Plazenta fest an der Uteruswand haftet, an
der anderen sich leichter ablösen lässt. An dieser Seite kommt man
an die freien Eihäute. Es ist besser, diese zu durchbohren, statt
sich ein Loch durch die Plazenta hindurchzugraben. Ist die Wen¬
dung vollendet, so ist ganz unbedingt jeder stärkere Zug am herab¬
geschlagenen Fuss zu unterlassen. Nur ein leichtes Anziehen des
Steisses, bis Wehen eingetreten sind, oder ein ständiger Zug am
heruntergeschlagenen Bein ist gestattet, der aber nicht mehr als
500 g, höchstens 1000 g betragen darf. Jedes Mehr ist von Uebel.
j ,, 1 Geburt muss bis zum Ende den Naturkräften überlassen werden
Belbst die sog. Steisslagenhilfe ist nicht gestattet, denn die Erfahrung
hat. gezeigt, dass auch das Herausbefördern des Kopfes aus dem
Uterus noch häufig Einrisse in die Zervix zur Folge hat. Die Riss-
gefahr ist eben bei Placenta praevia ganz ungeheuer gross und zwar
deshalb, weil das untere Uterinsegment oder der Isthmus uteri in-
tolge der Ansiedelung der Plazenta in diesem Gebiete ganz ausser¬
ordentlich zerreisslich wird. Wo regelmässig Sektionen gemacht
werden, zeigt sich mit erschreckender Deutlichkeit, dass jeder stär-
kere Zug am Kind, ja schon die blosse Herausbeförderung des Kopfes
nach Spontangeburt des Steisses in einer grossen Anzahl von Fällen
Risse zur Folge hat. Ein Drittel aller Todesfälle sind nach Placenta
praevia laut Ausweis der Sektionsprotokolle auf Einrisse zurück-
zutuhren. Man muss also, wenn man die Placenta praevia nach
Braxton Hicks behandeln will, bewusst auf das Leben des Kindes
v erzichten, denn es ist erklärlich, dass ein Kind in Beckenlage, das
durch die Blutung schon schwer gefährdet ist, in den letzten Stadien
der üebuit ersticken muss, wenn der Kopf nicht schnell nach der
Geburt des Steisses herausbefördert wird.
Wenn das Verfahren in diesem Sinne durchgeführt, d. h. nach
der Wendung nach Braxton Hicks der Spontanablauf abgewartet
wird, so sind die Resultate für die Mütter ausgezeichnet, die Blut¬
stillung ist sicher und Rissgefahr besteht nicht. Das Ergebnis ist
dann das oben für die Polikliniken mitgeteilte. Wenn ärztliche Hilfe
sofort bei der ersten Blutung geholt und sofort die richtige Therapie
emgeleitet wird, so verbluten sich nur sehr wenige Frauen. Dafür
muss man aber die grosse Kindersterblichkeit in Kauf nehmen.
Diese zu verringern, ohne die Mütter grösserer Gefahr auszu¬
setzen, hat man das Verfahren der intraovulären Metreuryse er¬
sonnen, das zuerst in grösserem Umfange in der Breslauer Klinik
von Küstner angewandt und erprobt worden ist. Die Vor¬
bedingungen sind hier die gleichen. Es ist eine irrige Anschauung,
anzunehmen, dass man die intraovuläre Metreuryse bei geringerer
Erweiterung des Muttermundes vornehmen könne, als die Wendung
nach Braxton Hicks. Der zusammengelegte Metreurynter in der
Zaijge hat etwa denselben Umfang, wie ein dicker Finger; der Zeige¬
finger muss mit in den Zervikalkanal eingeführt werden, um dem
Ballon den Weg zu zeigen und die Eihäute zu sprengen. Das Ver¬
fahren ist nach meiner Erfahrung etwas schwieriger, als das der
Wendung nach Braxton Hicks. Man führt den Metreurynter (am
besten den unnachgiebigen zugfesten nach Arthur M u e 1 1 e r) in die
Eihöhle ein. Der Metreurynter muss mindestens den Umfang haben
wie der kindliche Kopf, d. h. einen Umfang von 35 cm, was einem
Durchmesser von II Vn cm entspricht. Nach Enführen wird der
Ballon mit sterilem Wasser oder einer dünnen, desinfizierenden
Lösung aufgefüllt; auch an ihm darf man höchstens einen Gewichts¬
zug von 500 bis 1000 g anbringen und dann wird die Ausstossung den
1232
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.;
Naturkräften überlassen. Sowie die Erau presst, ist das ein Zeichen,
dass der Metreurynter den Uterus verlassen hat und in die Scheide
geboren ist. Nun heisst es aufpassen. In der Mehrzahl der Fälle
ist der Kopf seitlich abgewichen, da ja sein Platz durch den Ballon
eingenommen wird; es muss nun unmittelbar an die Geburt des
Metreurynters die Wendung und Extraktion angeschlossen werden,
die, wenn richtig ausgeführt, ohne Gefahr ist, da der Muttermund
vollständig erweitert worden ist. In etwa einem Drittel der Fälle
folgt der Kopf von selbst. Dann kann die Geburt bis zum Ende den
Naturkräften überlassen werden. Wenn aber dieses nicht geschieht,
und mit der Wendung und Extraktion ein wenig gezögert wird, so
erfolgt gewöhnlich eine ungeheuer starke Blutung, der die Frauen
erliegen können.
Die Ergebnisse für die Mütter sind ungefähr gleich, wie mit der
Wendung nach Braxton H i c k s, vielleicht ein wenig schlechter, weil
sich die erwähnte Blutung nach Ausstossung des Metreurynters
nicht immer mit Sicherheit vermeiden lässt. Für die Kinder sind
sie erheblich besser, als bei der Wendung, weil ja eben das Kind
nach Ausstossung des Metreurynters sofort aus der Gefahr befreit
werden kann. Immerhin geht auch da ein grosser Teil der Kinder
während des Liegens des Ballons durch die Kompression der Pla¬
zenta zugrunde.
Diese beiden Verfahren dürfen dem Praktiker als das Normal¬
verfahren bei Placenta praevia empfohlen werden, wobei allerdings
die Wendung, als das sichere und weniger schwierige, für den Un¬
geübten den Vorzug verdient. Die Metreuryse ist auch noch in ihrem
Erfolge abhängig von einem tadellos in Stand gehaltenen Ballon.
Wird der Metreurynter nicht häufig benützt, so ist er meistens un¬
dicht und verfehlt deshalb seinen Zweck. Die Gefahr der Blutung
nach Ausstossung des Ballons ist auch nicht zu unterschätzen, denn
diese kann sehr stark sein und sie erfordert die ständige Anwesen¬
heit des Geburtshelfers am Gebärbette, weil sonst der richtige Zeit¬
punkt verpasst werden kann.
Sind diese beiden Verfahren sozusagen das normale, so gibt es
doch Ausnahmen. Diese betreffen die freilich seltenen Fälle, bei
denen die Zervix sehr rigide und weder genügend erweitert, noch
erweiterbar ist, so dass man die Wendung nicht vornehmen kann.
Von kräftigen Versuchen, die Zervix, wenn sie nicht durchgängig ist,
durchgängig zu machen, kann ich nur aufs allerdringendste abraten.
Sie führen sehr häufig zu tiefen Einrissen, die sich bei der Aus¬
stossung des Kindes noch mehr vertiefen. Etwa mit H e g a r sehen
Dilatatoren erweitern zu wollen, ist ein Unding. Für einen Finger
ist der Zervikalkanal, da es sich in der weitaus überwiegenden Mehr¬
zahl der Fälle um Mehrgebärende handelt, bei Placenta praevia so
gut wie stets durchgängig; und Hegarsche Dilatatoren, die
grösser sind als die Dicke eines Fingers ausmacht, führt ganz gewiss
der Praktiker nicht in seiner geburtshilflichen Tasche mit sich
Sollte es doch der Fall sein, so wird das stete Bohren in die Pla¬
zenta mit dem Dilatator ganz abgesehen von der Rissgefahr, stets
die Blutung erheblich vermehren. Erweiterung nach B o n n a i r e
ist grundsätzlich zu verwerfen.
Sollte also der Praktiker in einem Fall finden, was sehr selten
vorkommt, dass es bei rigider Zervix und uneröffnetem Muttermund
sehr stark blutet, so ist das einzige Hilfsmittel in solchen Fällen die
Tamponade. Diese kann ausgeführt werden mit einem Kolpeurynter,
der aber aus weichem Gummi sein muss, oder mit Mull, oder
Gaze oder Watte. Dieses Ausstopfen kann aber nur dann seinen
Zweck erfüllen, wenn es die Scheide aufs äusserste ausdehnt.
Nur dann übt die Tamponade einen solchen Druck von aussen gegen
die Plazenta, dass die Blutung aus den abgelösten Partien verhindert
wird. Das Einführen einiger Wattekugeln hat nicht den geringsten
Zweck.
Ist schon sonst peinlichste Asepsis gerade bei Placenta praevia
vonnöten, so gilt das ganz besonders für die Tamponade. Gründliche
Ausspülung der Scheide mit Wasserstoffsuperoxyd oder einem
anderen Desinfiziens (nicht Sublimat oder Karbolsäure! Vergiftungs¬
gefahr!), Entfalten der Scheide im Spiegel, festes Ausstopfen, ohne
dass die Gaze bei der Einführung mit den äusseren Geschlechtsteilen
in Berührung kommt, sind unbedingtes Erfordernis. Die Tamponade
darf 6, höchstens 12 Stunden liegen bleiben. Nach ihrer Entfernung
nochmals gründliche Ausspülung der Scheide. Man findet dann
gewöhnlich die Zervix so erweitert, dass nunmehr die Wendung
nach Braxton Hicks vorgenommen werden kann. Die Tamponade
ist wirksam, aber nur als Notbehelf anzusehen, wegen der trotz aller
Vorsicht sehr grossen Infektionsgefahr.
Schliesslich gibt es Fälle, wo man mit der einfachen Blasern-
Sprengung ankommt. Es sind das diejenigen, bei denen der Mutter¬
mund schon handtellergross oder darüber ist, wo nur ein kleiner Teil
des Muttermundes von der Plazenta überdacht ist und Geradlage
besteht. In solchen Fällen kann man mit guter Aussicht auf Erfolg
durch gründliche Zerreissung der Blase und Abfliessenlassen des
grössten Teiles des Fruchtwassers die Blutung fast sicher zum
Stehen bringen. Sind diese Vorbedingungen nicht erfüllt, so ist es
auch in Fällen von Placenta praevia lateralis besser, die Wendung
nach Braxton Hicks zu machen oder bei Steisslage einen Fuss
herabzuholen, weil die Blutstillung in diesem Falle keinesfalls durch
die Blasensprengung allein mit der genügenden Sicherheit herbei¬
geführt werden kann. Und ist erst einmal die Blase gesprengt, so
ist die nachfolgende Wendung nach Braxton Hicks wegen des
Fruchtwasserabflusses erheblich erschwert und die Rissgefahr di
halb vermehrt.
Noch ein Wort zur Infektionsgefahr. Diese ist bei Placei
praevia aus drei Gründen soviel grösser, als bei anderen Geburt.
Jede Frau bei Placenta praevia verliert Blut und ist deshalb me
gefährdet durch Infektionen, als andere Frauen. Zweitens sind 1
Placenta praevia jedesmal geburtshilfliche Eingriffe nötig, die t]
kanntlich ebenfalls die Infektionsgefahr erhöhen. Und schliessli
vollzieht sich der Eingriff regelmässig an oder in der Nähe der P
zentarstelle, die ja an den inneren Muttermund heranreicht. Gera
die Plazcntarstelle ist es, von der aus Infektionserreger am all.,
leichtesten unheilvolle Wirkungen ausüben. Deshalb ist noch me1;
als sonst allerpeinlichste Wahrung der Asepsis Vorbedingung jed \
Eingriffes bei Placenta praevia.
Die Nachgeburtsperiode, bei der es ja schon physiologisj
bluten muss, bildet natürlich auch eine besondere Gefahr für J
Frau mit Placenta praevia, die schon Blut verloren hat. Es koml
noch hinzu, dass bei Placenta praevia häufiger als sonst die Lösul
der Plazenta Schwierigkeit macht. Die Ursache will ich hier nk|
erörtern. Die praktische Folgerung daraus ist die, dass man al
weichend vom normalen Geburtsverlauf bei Placenta praevia gut t|
sofort nach der Geburt des Kindes den C r e d 6 sehen Handgriff 1
versuchen und falls dieser nicht Erfolg hat, die manuelle Lösung cj
Plazenta vorzunehmen und den Blutverlust bei Lösung der Plazeu
zu verhindern. Es empfiehlt sich weiter, während der Geburt ci
Kindes schon eine Doppelspritze Sekakornin oder ein anderes zuvii
lässiges Sekalepräparat zu verabfolgen, um die Kontraktion ci
Uterus nach Möglichkeit anzuregen. Sollte es doch bluten, I
werden die Mittel zur Stillung der Blutung angewandt werdi
müssen, wie ich sie vor kurzem an gleicher Stelle beschrieben hall
Schnelles Handeln und peinlichste Asepsis sind vonnöten.
Wenn ich meine Ratschläge noch einmal kurz zusammenfasL
so sind es folgende:
Wenn irgend möglich: Ueberweisung jeder Frau mit starlt
Blutung gegen Ende der Schwangerschaft ohne Untersuchung u|
falls es nicht zu stark blutet, auch ohne Tamponade in eine EC
bindungsanstalt. Nur wenn das nicht möglich ist, selbst handti
Bei Blutung, einerlei ob Wehen vorhanden sind oder nicht, Wetiduji
nach Braxton Hicks oder Metreuryse je nach Erfahrung und Uebuj
des Arztes. Sind diese beiden Verfahren noch nicht anwendbar, all
nur dann, feste Tamponade. Bei schon stark erweitertem Mutt*
mund, Placenta praevia marginalis und Geradlage genügt die einfact
ausgiebige Zerreissung der Eihäute.
In der Klinik wird bei uns regelmässig der Kaiserschnitt ail
geführt. In allen Fällen, die aseptisch eingeliefert werden und !i
denen das Kind noch lebt, können wir nach Ausweis unserer f|
fahrungen regelmässig Mutter und Kind durch den Kaiserschnitt
der Gefahr befreien. Ist die Frau durch Untersuchung oder gar duil
Tamponade gefährdet, so wird die Prognose des Kaiserschnittes durl
Infektionsgefahr erheblich getrübt, während wir freilich das Kil
noch retten können.
Die durchschnittliche Sterblichkeit beim Kaiserschnitt einschiiei
lieh der infiziert eingelieferten Fälle beträgt bei uns rund 5 Pro;
sämtliche bei Einlieferung lebenden Kinder sind auch lebend geboii
worden. Aber auch wo die Schnittentbindung bei Placenta orae't
in Kliniken nicht durchgeführt wird, lassen sich in der Klinik weitrs
bessere Erfolge für Mutter und Kind durch die konservativen Vl
fahren erzielen. Mütterliche Sterblichkeit unter 6 Proz. bei ase
tischen Fällen von nur 1 Proz. lässt sich dann erreichen, währel
freilich die Kinder bei allen anderen Verfahren eine Sterblichkeit vi
etwa 20 Proz. bis 40 Proz., soweit sie bei der Einlieferung noch 1<|
ten, aufzuweisen haben. Das sind Ergebnisse, die in der allgemeir)
Praxis vorläufig jedenfalls unerreichbar sind.
Fortbildungsuorträge und uebersichtsreferate.
Der gegenwärtige Stand der Diphtheriefrage.
Von Dr. Georg R i e b o 1 d - Dresden.
(Schluss.)
Es ist demnach zunächst die Frage zu erörtern, ob nach klinisch
Erfahrungen das Ueberstehen einer Diphtherie vor einer Wied-
erkrankung schützt. Die alte Schule, ich nenne nur Heubrni
stand unbedingt auf diesem Standpunkt.
Behring hat seinerzeit in der ganzen Literatur kein
nennenswerten Autor gefunden, der nicht mindestens zugesteht, d;>
eine mein malige Erkrankung an Diphtherie zu den Ausnahmen ;t
hört. Auch jüngere Autoren, z. B. Paul Krause [30] vertre'i
diese Anschauung. Ebenso hat Zucker T31] zweimaliges Ueb-
stehen der Diphtherie nur in 0,9 Proz. der Fälle beobachtet.
Demgegenüber will man in den letzten 10 — 15 Jahren Wied1
erkrankungen an Diphtherie häufig beobachtet haben. Escherii
z. B. urteilt folgendermassen: „Die durch das Ueberstehen d
diphtherischen Prozesses erworbene Immunität ist eine ku-
dauernde; sie vermag, wie ich mich an der Hand zweifelloser, bij
teriologisch kontrollierter Beobachtungen überzeugen konnte, nid
vor einer zweiten Erkrankung zu schützen.“ Dieses Zitat erkl
die neue Lehre; der springende Punkt liegt in der „bakteriologisch
28. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Kontrolle“. Nach Einführung der bakteriologischen Schnelldiagnose
der Diphtherie ist das klinische Bild zur Nebensache geworden. Die
Diphtherie wird heutzutage viel zu oft diagnostiziert und alle
Statistiken aus den letzten Jahren, die fast ausschliesslich auf der
bakteriologischen Diagnose beruhen, sind, wie Schanz [37] seit
über 20 Jahren wiederholt hervorgehoben hat, wenig zuverlässig.
So erklärt es sich, dass man in neueren Statistiken über 3, 4, 5, ja
sogar über 9 malige Diphtherieerkrankung derselben Person be¬
richtet hat.
Ich zweifle nicht, dass es sich hierbei um „bakteriologisch kon¬
trollierte . aber nicht um klinische Diagnosen gehandelt hat.
Einen fast zwingenden Beweis für die Richtigkeit der alten Lehre
lieferen ältere Statistiken über die Beteiligung der verschiedenen
Lebensalter an der Krankheit. Nach einer 70 0000 Fälle umfassenden
Statistik aus dem Jahre 1878 (Lancet 1878) erkrankten an Diphtherie
zu 80 Proz. Kinder in den ersten 10 Lebensjahren, zu 14 Proz
Kinder und Jugendliche vom 10. bis zum 20. Lebensjahr, und nur
zu 6 Proz. Erwachsene vom 20. Lebensjahr ab. Diese Feststellung
kann kaum anders erklärt werden, als dass, ebenso wie bei Masern
und Scharlach, das einmalige Ueberstehen der Krankheit wohl in den
weitaus meisten Fällen eine nahezu völlige Immunität für das ganze
Leben gewährt. Ich erkläre nun die Aetiologie und Pathogenese der
Diphtherie folgend ermassen: Erreger der Krankheit sind die Di¬
phtheriebazillen. Die Frage, ob der Infektion mit Diphtheriebazillen
eine Erkrankung folgt, richtet sich nach dem Verhältnis von Schädi¬
gung zu den Widerständen.
| Als schädigende Faktoren kommen Zahl und Virulenz der Keime
m Betracht. Virulenz ist in diesem Falle identisch mit Pathogenität
oder Giftigkeit. Wahrscheinlich können bei fehlenden Widerständen
auch die nahezu ungiftigen Formen in geringer Zahl eine Erkrankung
herverrufen, und umgekehrt. Die Frage, ob beim Menschen die
völlig ungiftigen Formen in giftige übergehen und dann zu einer
Erkrankung führen können, steht noch offen. Uffenhauer [32l
bekennt sich zu dieser Anschauung, wenn er sagt: „Wer kann dafür
stehen, dass ein als apathogen erkannter Stamm nicht beim neuen
Auftreffen auf den menschlichen Körper wieder pathogen wird.“ Die
I klinische Frfahrung scheint dagegen zu sprechen, denn sonst müssten
auch Bazillenträger mit ungiftigen Formen öfter die Krankheit ver¬
breiten, als es der Fall zu sein scheint.
, Die Widerstände, die der Organismus gegen die Erkrankung ins
reld fuhrt, sind zweierlei Art:
1. die Immunität, die durch das Ueberstehen der Krankheit er¬
worben wird:
2. das Diphtherieantitoxin, das einen variablen, sehr schwan¬
kenden Bestandteil des Blutes darstellt.
Es ist anzunehmen, dass diese „Widerstände“ durch das Ueber¬
stehen oder gleichzeitige Bestehen anderer akuter oder chronischer
Infektionskrankheiten, durch äussere Einflüsse, klimatische Ein¬
wirkungen, Ernährungsstörungen u. dgl. abgeschwächt, gegebenen¬
falls aber auch gesteigert werden können.
So ist es verständlich, dass Keime derselben Giftigkeit, die aus
ierselben Infektionsquelle, z. B. von einem schweren Diphtheriefall
dämmen, in dem einen Fall eine schwere Erkrankung, in dem
mderen Fall eine leichtere Erkrankung bedingen, in einem dritten
'all aber ganz wirkungslos bleiben, oder dass Bazillenträger, die sich
ange Zeit gegen eine diphtheritische Erkrankung wehrten, plötzlich
hre W iderstandskraft verlieren und an Diphtherie erkranken.
Ich unterscheide also zwischen dem Krankheitsschutz, der durch
las Diphtherieantitoxin gewährleistet wird, und einer wirklichen
klinischen Immunität, die unabhängig vom Antitoxin auftritt, und die
lurch das Ueberstehen der Krankheit, wenn auch in einer ganz
eichten Form, erworben wird. Schon Wassermann [25],
(lein Schmidt \28] u. a. waren der Ueberzeugung, dass leichte,
arvierte Formen der Diphtherie viel häufiger Vorkommen, als all¬
gemein angenommen wird. Gestützt wird diese Anschauung, die
iuch ich vertrete, durch neuere Mitteilungen von Grub er [20]
-otte L a n d 6 [33l, Rominger [34, 36). Elisabeth H o 1 1 a t z \35]
i. a., aus denen hervorgeht, dass typische diphtheritische Erkran¬
kungen bei Neugeborenen und Säuglingen ungemein häufig sind. Es
iandelt sich dabei vorwiegend um Nasendiphtherie, die meist einen
eichten Verlauf nimmt, nur als Säuglingsschnupfen in die Erschei-
ung tritt und deshalb leicht übersehen wird.
' Es scheint mir sehr wahrscheinlich, dass ein grosser Teil der
Menschheit auf diese Weise schon im Säuglingsalter an leichtesten
'ormen der Diphtherie erkrankt, und dadurch immunisiert wird;
benso wird wahrscheinlich ein grösserer Prozentsatz in den ersten
ebensjahren durch leichte, larvierte, unerkannte diphtheroide Er-
rankungen Immunität erwerben. Rechnet man hierzu die vielen,
ie eine ausgesprochene, typische Diphtherie durchmachen, so
4 es verständlich, dass eine fast allgemeine Durchseuchung mit
•iphtherie, und infolgedessen eine fast allgemeine Immunisierung in
en ersten Lebensjahren stattfindet, ähnlich wie bei Masern, dass
-‘nseits des 15. Lebensjahres Diphtherieerkrankungen nur selten vor-
ommen und dass man deshalb ungemein häufig Bazillenträger an-
'ifft. die nicht an Diphtherie erkranken, weil sie immun sind.
2. Ich komme jetzt zur Bedeutung der neueren Untersuchungen
ir die Diagnose der Diphtherie. Schanz [5. 37] hat seit dem
ahre 1896 wiederholt darauf hingewiesen, dass die bakteriologische
chnelldiagnose, die noch heute in den bakteriologischen Unter¬
suchungsanstalten angewendet wird, wenig zuverlässig ist. Gleich¬
wohl wird auch heute in der Praxis nach wie vor das Hauptgcwicnt
bei der Diagnosestellung auf den Nachweis von Diphtheriebazillen
gelegt. Es gilt als eine Unterlassung, wenn bei zweifelhaften, aber
auch bei zweifellosen Diphthericfällen nicht zunächst der Mandel¬
abstrich bakteriologisch untersucht wird.
Dabei ist es unbestritten, dass man Diphtheriebazillen sehr oft
aU<4 j nn ™det, wenn von Diphtherie gar keine Rede sein kann,
und dass man gelegentlich in sicheren Diphtheriefällen mit allen
typischen Komplikationen, wenigstens im Beginn der Erkrankung,
keine Bazillen findet. Für die Diagnosestellung sind aber ja gerade
dm ersten Untersuchungen im Beginn des Krankheitsfalles wichtig.
Jedenfalls steht es fest, dass die bakteriologische Diphtherie¬
diagnose weder im positiven, noch im negativen Sinne völlig zuver¬
lässige Resultate liefert.
Um so unverständlicher ist es, dass diese Auffassung sich nicht
schon langst Bahn gebrochen hat, und dass in der Praxis der bak-
> teriologischen Diagnose noch immer eine so grosse ausschlaggebende
Bedeutung zugesprochen wird. — - Wie oft ist mit Rücksicht auf das
negative Resultat der bakteriologischen Untersuchung eine recht¬
zeitige, energische I herapie unterlassen worden, um wie vieles öfter
ist aber bei einem positiven Bazillenbefund eine harmlose Angina
..iphtherie gestempelt und damit unnötig Angst und Sorge
in die Familie gebracht worden.
Wir müssen also wieder lernen, die Diphtherie nach dem klini¬
schen Bilde zu diagnostizieren, d. h. nur dann, wenn wirklich ein
diphtheritischer Prozess vorhanden ist.
Die Abortivfälle, in denen Diphteriebazillen nur leichte, katar¬
rhalische Erscheinungen der Nasen-, Rachen- oder Gaumenschleim¬
haut ohne jeden Belag verursachen, können wir vorläufig nicht
diagnostizieren. Da aber anscheinend nur im ausgesprochenen
diphtheritischen Prozess die so gefürchteten Toxine entstehen, die
die mannigfachen schweren Komplikationen der Diphtherie bedingen,
so haben jene Abortivfälle praktisch keine grosse Bedeutung. Es sei
noch besonders betont, dass klinisch leichte Diphtheriefälle, die aber
doch als solche durch die Bildung diphtheritischer Membranen kennt-
hch sind, im Gegensatz zu den völlig larvierten Diphtherien schwere
Komplikationen verursachen können.
3. Die Folgerungen, die sich aus alledem für die Therapie
ergeben, sind überaus klar und eindeutig.
In jedem Fall, in dem klinisch auch nur der leiseste Verdacht
einer Diphtherie vorliegt, soll man so früh als möglich und in ge¬
nügend grosser Dosis, ohne das Resultat einer eventuellen bakterio-
Irischen Diagnose abzuwarten, das Diphtherieheilserum anwenden,
das nach dem heutigen Stande der Wissenschaft als ein spezifisches
Heilmittel gegen die im Diphtherieprozess entstehenden Toxine an-
zusehen ist. Die von Bingel [38] im Jahre 1918 vertretene An¬
sicht, dass mit gewöhnlichem „Normalpferdeserum“ derselbe günstige
Einfluss auf den Krankheitsverlauf ausgeübt werden könne, wie mit
dem Diphtherieserum, hat sich nicht bestätigt, wenigstens haben
übereinstimmend wohl alle Autoren, die die Methode, zum Teil auch
experimentell, nachgeprüft haben, sich entweder dagegen gewendet,
r doch die Entscheidung offen gelassen, ich nenne nur"
Meyer [39], Bon hoff [40], Friedberg [4ll, Dorn T42l
Joannovics [43l, Feer [44], Elisabeth Herzfeld [45]!
Kastenmeyer [46], Brückner [47], Kraus und Sor-
d e 1 1 i [48],
Von verschiedenen Seiten (Feer, Brückner, Kraus und
S o r a e 1 1 i) wird die Möglichkeit erörtert, dass bei den Bingel-
sehen Versuchen antitoxinhaltiges Pferdeserum entweder von früher
behandelten Pferden oder von Pferden mit einem normalen Anti¬
toxingehalte angewendet worden ist.
4. In der Prophylaxe der Diphtherie sind wir in den letzten
15—20 Jahren nicht recht vorwärts gekommen. Alle Massnahmen, die
seither ergriffen worden sind, sind auf den Verlauf der Epidemie
fast ohne Einfluss geblieben, insbesondere ist es nicht geglückt, die
Verbreitung der Krankheit einzudämmen.
Schanz [49] hat mit Recht wiederholt darauf hingewiesen,
dass wahrscheinlich die Voraussetzungen, auf denen unsere gegen¬
wärtigen erfolglosen prophylaktischen Massnahmen aufgebaut sind,
falsche sind. Unsere heutige Prophylaxe zielt darauf ab, die Löff-
1 e r sehen Bazillen zu vernichten und die Bazillenträger zu isolieren.
Die Vernichtung der Löf fl ersehen Bazillen etwa durch
Wohnungsdesinfektion oder dergl. ist von vornherein als völlig aus¬
sichtslos zu betrachten. Alle Versuche, die Diphtheriebazillen auf
der Schleimhaut der Bazillenträger durch chemische Mittel ab¬
zutöten, sind fehlgeschlagen.
Auch mit biologischen Methoden, mit Bakterienextrakten wie
Pyozyanase oder Bakterienaufschwemmungen von Staphylokokkus,
Bacillus vulgaris oder Bacterium coli communine (van der
Reis [50], Pesch und Zschocke [51 1), die man auf die
Schleimhaut des Nasenrachenraumes bei Bazillenträgern aufgetragen
hat. ist den Diphtheriebazillen nicht beizukommen. Das Diphtherie¬
heilserum ist nur wirksam gegen die Toxine, aber nicht gegen die
Bazillen.
Kurz, es wird uns niemals gelingen, die Diphtheriebazillen zu
vernichten.
So ist man dazu gekommen, die Bazillenträger nach iiber-
standener Diphtherie solange zu isolieren, bis einer oder auch
1234
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
mehrere aufeinanderfolgende Mandelabstriche ein negatives Re¬
sultat ergaben.
Dabei ist ausser acht gelassen worden, dass in solchen Fällen
oft schon der nächste Abstrich wieder Bazillen zeigt. Wenn man
sich vergegenwärtigt, dass diese wahrscheinlich nur gelegentlich
schubweise aus ihren Verstecken, den Buchten der Mandeln, ent¬
leert werden, so ist es ganz verständlich, dass man bei Bazillen¬
trägern 2, 3, 4, 5 mal keine Bazillen findet und der folgende Ab¬
strich ist doch wieder einmal positiv. Natürlich spielt auch die
Technik beim Abstreichen der Mandeln eine Rolle. Ein tieferes Ein¬
drücken in die Mandelbuchten wird häufiger Bazillen zutage fördern,
als ein leichtes oberflächliches Darüberstreichen.
Die wahllose Isolierung der Bazillenträger bis zu dem Zeit¬
punkte, wo zufällig einmal ein oder mehrere Mandelabstriche negativ
waren, wird uns also in der Prophylaxe der Diphtherie nicht einen
Schritt weiterbringen.
Wir haben nun aber gesehen, dass wahrscheinlich nur die g i f -
t i g e n Bazillen infektiös sind. Die zahllosen Bazillenträger mit
ungiftigen Formen sind demnach harmlos, und es ist ganz zwecklos,
sie zu isolieren. Der Kampf braucht sich nur gegen die „giftigen“
Bazillenträger zu richten. Diese herauszufinden, ist praktisch un¬
durchführbar, da in dieser Richtung die üblichen bakteriologischen
Untersuchungsmethoden versagen, und nur kostspielige und zeit¬
raubende Tierversuche Klarheit bringen können.
Wir müssen also nach einem anderen Ausweg suchen. Nach
den Versuchen Selma Meyers [7], und nach den täglichen Er¬
fahrungen, ist anzunehmen, dass die giftigen Formen des Diphtherie¬
bazillus sich auf der gesunden Schleimhaut allmählich entgiften.
Nach überstandener Diphtherie scheint die Entgiftung bis zu
8 Wochen in Anspruch zu nehmen; bei Bazillenträgern, die mit gif¬
tigen Formen infiziert wurden, ohne selbst zu erkranken, wird die
Entgiftung vielleicht etwas schneller vor sich gehen; nach meiner
eigenen Beobachtung [27] war allerdings ein derartiger Bazillenträger
noch 3 Wochen nach der Infektion für seine Umgebung infektiös. In
dieser Richtung sind weitere Untersuchungen dringend nötig.
Es scheint mir demnach vorläufig wohl begründet, jeden
Diphtheriekranken 8 Wochen lang zu isolieren, und ihn dann als
gesund und nicht mehr ansteckungsfähig zu betrachten, gleichgültig,
ob man dann noch bei ihm Bazillen findet oder nicht, ebenso, wie
wir ja auch beim Scharlach schon 6 Wochen lang isolieren.
Uebrigens ist nach Mitteilung von Klose und Knappe [52] in
Preussen durch Erlass des Ministeriums für Volkswohlfahrt bereits
verfügt worden, dass Bazillenträger 8 Wochen nach erfolgter Ge¬
nesung wie Gesunde zu behandeln und demnach wieder zur Schule
zuzulassen sind. Diese Verordnung wäre also zweckmässig auf alle
Diphtherierekonvaleszenten zu erweitern.
Die Forderung, alle gesund gebliebenen Bazillenträger aus der
Umgebung eines Diphtheriekranken ebenfalls längere Zeit, etwa
4 Wochen lang, zu isolieren, ist wohl kaum durchführbar, denn
einmal müsste man hierfür bei jedem Diphtheriefall in der Schule
die ganze Klasse durchuntersuchen, und dann müsste man gegebenen¬
falls völlig Gesunde längere Zeit absperren. Wir müssen uns in diesen
Fällen damit abfinden, dass die gesund gebliebenen Bazillenträger
nach unseren Erfahrungen weit weniger die Bazillen verbreiten, als
die hustenden Kranken und Rekonvaleszenten, und deshalb weniger
gefährlich sind.
Die Isolierung der Bazillenträger stellt aber nur eine Behelfs¬
massnahme dar, die niemals zu voll befriedigenden Resultaten führen
wird. Eine wirksame Bekämpfung der Diphtherie wäre nur dann
denkbar, wenn es gelänge, ein Mittel zu finden, das den Eintritt der
Krankheit sicher verhütet, wie wir es z. B. bei den Pocken in der
Pockenimpfung kennen.
Alle Versuche, die bisher in dieser Richtung unternommen
worden sind und die in der Literatur als Immunisierungsversuche
beschrieben werden, zielen darauf ab, dem Körper Antitoxin zu¬
zuführen, oder die Bildung von Antitoxin anzuregen. Wie ich mehr¬
fach erwähnte, wissen wir aber heute, dass das Diphtherieantitoxin
keinen spezifischen Körper darstellt, dass es in seinem Gehalt
grossen Schwankungen unterworfen ist, dass es für längere Zeit
völlig schwinden kann, dass es zwar zweifellos einen nicht
unerheblichen Schutz gegen eine Erkrankung an
Diphtherie, aber durchaus keine wirkliche Immunität gewährt.
Die Bezeichnung „Immunisierungsversuch“ ist demnach für diese
Fälle irreführend, es handelt sich hierbei nur um Schutzmass-
n ahme n.
Die Schick sehe Probe, bei der auf intrakutane Injektion von
Diphtherietoxin in den Fällen, in denen kein Antitoxin im Körper
vorhanden ist, eine örtliche Hautreaktion erfolgen soll, woraus man
auf Empfänglichkeit für Diphtherie geschlossen hat, möchte ich nur
beiläufig erwähnen. Einmal wird die Zuverlässigkeit der Methode
von R ä d e r [56], Grosser [57] u. a. bestritten und sodann haben
wir gesehen, dass Mangel an Antitoxin nicht unbedingt mit Di¬
phtherieempfänglichkeit identisch ist, denn antitoxinfreie Individuen
können gegen Diphtherie völlig unempfänglich sein und solche mit
Antitoxin können an Diphtherie erkranken.
Die einfachste Methode, einen Diphtherieschutz herbeizuführen,
der überdies sofort eintritt. besteht in Injektionen des Behring-
schen Heilserums. Da aber artfremde Schutzstoffe sehr rasch aus¬
geschieden werden, hält dieser „passive“ Schutz nur kurze Zeit,
etwa 3 Wochen lang. Deshalb versuchte schon Behring, und
zwar mit Erfolg, durch Injektionen von Toxinverdünnungen, oder von
Toxin-Antitoxingemischen mit geringem Toxinüberschuss die Bildung
von Antitoxin im Körper „a k t i v“ anzuregen. Neuerdings ist be¬
sonders Opitz [53, 54, 55] auf diesem Wege fortgeschritten und
hat gezeigt, dass ein Toxinüberschuss zur Erzielung einer Anti¬
toxinproduktion nicht nötig ist, sondern dass eine solche auch
durch intrakutane Injektionen von überncutralisicrten Toxin-Anti¬
toxingemischen herbeigeführt werden kann, wodurch der Beweis
erbracht ist, dass in vivo eine Lösung der Bindung Toxin-Antitoxin
stattfindet. Da aber die aktive Erzeugung des Antitoxins immer erst*
eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, suchte man, um einen schnellen^
und länger dauernden Schutz herbeizuführen, die aktive und passive^
Methode zu kombinieren, indem man getrennte Injektionen von Heil¬
serum und Toxin-Antitoxingemischen vornahm. Während diese Me-'
thode angeblich in Amerika mit Erfolg angewandt wurde, konnte!
Opitz zeigen, dass eine Hcilserumbehandlung gewöhnlich die aktive!
Produktion von Antitoxin ausschlicsst.
Bei der grossen Abneigung, die in Laienkreisen ganz allgemein'
gegen das Diphtherieheilserum herrscht und bei der Kostspieligkeit^
des Verfahrens wäre es sehr zu begrüssen, wenn es gelänge, eine!
andere, einfachere und billigere Methode zu finden, um die Anti-,
toxinproduktion im Körper anzuregen. Nach den oben mitgeteilteä
Tierversuchen Boehmes aus dem Sächsischen Serumwerk scheint^
cs nun möglich zu sein, durch einfache Hautimpfungen mit lebenden:
Diphtheriebazillen nach Art der Pockenimpfungen auch beim Men¬
schen eine Antitoxinbildung herbeizuführen. Eigene Versuche inl
dieser Richtung, die ich zusammen mit Herrn Dr. B o e h m e mache,;
und über die wir später berichten werden, haben tatsächlich diese!
Möglichkeit bestätigt. Ob es glücken wird, auf diesem Wege, d. h.|
durch eine künstliche Infektion des menschlichen Organismus mit
lebenden Diphtheriekeimen, unter der Voraussetzung, dass diese In¬
fektion zu einer, wenn auch nur ganz leichten örtlichen Erkrankung
führt, neben dem Diphtherieschutz durch Erzeugung von Antitoxinen,
auch eine wirkliche klinische Immunität, wie z. B. bei den Pocken,
herbeizuführen, ist eine Frage der Zukunft.
Neben den von mir zunächst angewandten Haut impfungen
käme auch die direkte Uebertragung ayirulenter oder doch sehr
wenig virulenter Keime auf die Schleimhaut, am zweckmässig-:
sten wohl auf die Nasenschleimhaut, in Betracht, womit man eine
völlige Analogie zum natürlichen Krankheitsvorgang beim Säugling,
schaffen würde. Aehnliche Versuche haben kürzlich Moss und1
Guthrie [58] in Amerika bei 5 Erwachsenen angestellt, allerdings
nicht zu limnunisicrungszweckcn, sondern um die Unschädlichkeit
avirulenter Diphtheriebazillen darzutun.
Jedenfalls stehen uns noch Wege offen, um vielleicht doch
noch eine wirkliche Diphtherieimmunisierung, das
letzte Ziel einer allein wirksamen Diphtherie -[
Prophylaxe, zu erreichen.
Literatur.
I . Fr. Schanz: D.rn.W. 1894 Nr. 49 u. B.kl.W. 1896 Nr. 12. — 2. Der -J
selbe: M.rn.W. 1898 Nr. 11. — 3. D e r s e 1 b e: Zschr. f. Hyg. 1899. 32. — I
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Zschr. f. Hyg. 1921, 94. — 8. W e i n e r t: M.m.W. 1919 Nr. 51. — 9. An¬
se h ii t z u. K i s s k a 1 1: M.m.W. 1919 Nr. 2. — 10. Dönges u. E 1 f e 1 d t:
D.m.W. 1919 Nr. 33. — 11. Läwcn u. Reinhardt: M.m.W. 1919 Nr. 20.
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1921 Nr. 25. — 14. Port: M.m.W. 1921 Nr. 30. — 15. Schanz: M.K1.
1913 Nr. 8. - — 16. Kirstein: Zbl. f. Gyn. 1918 Nr. 40. — 17. Schanz:!
Reichs-Med.-Anz. 1919 Nr. 24. — 18. Lietz: Monatsschr. f. Geburtsh. u.
Gyn. 1920, 52. — 19. Wauschkuhn: Zbl. f. Gyn. 1920 Nr. 30. —
20. G ruber: M.m.W. 1919 Nr. 49. — 21. v. Gröer u. Kassowitz:1
Zschr. f. Immun. Forsch. 1919, 28. — 22. Fi sc hl u. v. Wunsch heim:
Prag. rn. Wschr. 1895 Nr. 45 — 51. — 23. Karasawa u. Schick: Jahrb.;
f. Kindcrhlk. 1910, 72. — 24. Wassermann: Zschr. f. Hyg. 1895, 19. — J
25. Selig mann: Zschr. f. Hyg. 87. — 26. Schick: Verh. d. Natur-
forschervers., Königsberg 1910. — 27. Riebold: M.m.W. 1914 Nr. 17. — !
28. Kleinschmidt: Jahrb. f. Kinderhlk. 1913, 78. — 29. Bauer: Verh.l
d. Rhein. -Westf. Ges. f. inn. M. 1913. — 30. Krause: Handb. f. inn. M.
von Mohr u. Stähelin 1911, 1. — 31. Zucker: zitiert nach Krause. —
32. Uffenhauer: M.m.W. 1921 Nr. 34. — 33. Lande: B.kl.W. 1917
Nr. 51. — 34. Romminger: Zschr. f. Kinderhlk. 1919, 23. — 35. Hol¬
latz: Zbl. f. Gyn. 1920 Nr. 8. — 36. Romminger: Zschr. f. Kinderhlk.
1921, 28. — 37. Schanz: B.kl.W. 1897 Nr. 3. — 38. Bingel: D.m.W.
1918 Nr. 47. — 39. Meyer: D.m.W. 1920 Nr. 38. — 40. B o n h o f f: D.m.W.
1918 Nr. 42. — 41. F r i ed b e r g: B.kl.W. 1919 Nr. 7. — 42. D o r n: B.kl.W.
1919 Nr. 42. - — 43. Joannovics: W.kl.W. 1919, Nr. 9. — 44. Feer:
M.m.W. 1919 Nr. 13. — 45. Herzfeld: M.m.W. 1919 Nr. 34. -
46. Kasten in eyer: Arch. f. Kinderhlk. 67. — 47. Brückner: Jahres¬
bericht d. Ges. f. Natur- u. Heilk., Dresden 1919. — 48. Kraus u. Sor->
delli: Zschr. f. Immun. Forsch. 31. — 49. Schanz: M.K1. 1913 Nr. 8. —
50. van der Reis: M.m.W. 1921. — 51. Pesch u. Zschocke: M.m.W.
1922 Nr. 35. — 52. K 1 o s e u. Knappe: M.m.W. 1922 Nr. 31. — 53. Opitz:
Jahrb. f. Kinderhlk. 1920, 92. — 54. Derselbe: Jahrb. f. Kinderhlk. 1921.
96. — 55. Derselbe: Mschr. f. Kinderhlk. 1921, 22. — 56. Rae der:
Norsk Magazin for Lacgcvidenskaben 1921. — 57. Grosser: M.m.W. 1922
Nr. 28. — 58. Moss und Guthrie: Johns Hopkins Hosp. Bull., Baltimore
1921.
28. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCH RI FT.
1235
Aerztliche Standesangelegenheiten
Zur bayerischen Aerzteversorgung.
Von Sanitätsrat Dr. Bergeat
Nunmehr ist in Nr. 35 und 36 des Bayer, ärztl. Korr. Bl. die
Satzung der Aerzteversorgung, die auch schon die Genehmigung des
Staatsministerium des Innern erhalten hat, veröffentlicht. Ueber ihren
nhalt hat bereits S t a u d e r auf dem Aerztetag in Nürnberg berichtet
1s. M.m.W. Nr. 30 und Bayer, ärztl. Korr.Bl. Nr. 31). Wenn die
Satzung an dieser Stelle eine Besprechung erfahren soll, so kann
liese nur von dem Ausdruck der Anerkennung ausgehen, dass und
n welcher Weise das schwere Werk vollendet worden und der
“reude, dass in dieser durch und durch brüchigen Zeit gerade in
iayern und uns bayerischen Aerzten diese Tat des Aufbaues ge¬
lingen ist. Es wird wohl Schwer sein, etwas vorzubringen, was nicht
n den überaus gründlichen Vorverhandlungen erörtert worden wäre;
mmerhin möchten doch einige Punkte einer gewissen Nachprüfung
vert erscheinen.
Zunächst die Fiage der Aerztinnen: die Satzung bestimmt, dass
erheiratete Aerztinnen nicht in die Versorgung aufgenommen, sich
erheiratende mit Verlust der Hälfte der geleisteten Beiträge (§11)
usscheiden sollen. Was die bayerischen Aerztinnen selbst davon
.alten, ist nicht bekannt, ganz befriedigend erscheint diese Regelung
iiclit. Sie scheint von der formalen Auffassung auszugehen! dass
ine jede Frau mit ihrer Verheiratung an sich als „versorgt“ zu gel-
en habe. Wenn die Vermutung zutrifft, dass gerade Aerztinnen
ich vielfach mit Angehörigen freier Berufe (Aerzte, An¬
halte, Künstler, Schriftsteller) verheiraten, so weiss man, wie
chlecht es da oft mit der wirklichen Versorgung aussieht. Wenn
ann weiter angenommen werden darf, dass heute in gar manchen
allen der selbständige Erwerb der Frau als Aerztin eine wichtige
/irtschaftliche Grundlage der Eheschliessung bildet, so wird man
uch die Sicherung der Zukunft dieses selbsterwcrbcnden Eheteiles
nd der Familie als eine Notwendigkeit oder ein berechtigtes Inter-
sse gerne anerkennen. , Demnach sollte nicht so sehr die Ver-
eiratung, sondern nur das Ausscheiden aus dem Beruf den Grund
)Um Auscheiden aus der Versorgung bilden und würde wohl einer
egelung von Fall zu Fall Raum gegeben werden können. Stauder
at sich auf Bedenken gegen eine Doppelversorgung bei der Ehe
jines Arztes mit einer Aerztin bezogen. Will man wirklich die
^legcntliche Kumulation rechtmässiger Versorgungsansprüche
-heuen, so könnten für solche Fälle ja eigene Bestimmungen ge-
often werden. Alles, wie gesagt, vorbehaltlich der Meinung der
olIeginncn*selbst! —
Ein zweiter Punkt sind die §§ 6 und 18, wonach einem Arzt „aus
:hwer wiegenden Gründen“ die Aufnahme versagt oder die Mit-
iedschaft durch Entscheidung des Spruchausschusses entzogen wor¬
an kann. Es ist klar, dass in einer Einrichtung, die durchaus aus
am idealen Standesgedanken herausgewachsen ist, kein Platz ist für
lemente, die ausserhalb der ethischen Aerztegemeinschaft stehen,
s wäre aber zu empfehlen, diese recht dehnbare allgemeine Bestim-
ung wenigstens etwas näher zu umschreiben. In Betracht kommen
obe Verstösse gegen die allgemeine oder berufliche Ehrenhaftigkeit
ld gegen die Einrichtung der Versorgung selbst. In ersteren Fällen
ird es nur gut sein, wenn sich die Entscheidung des Spruchaus-
Jiusses auf feststehende gerichtliche und ehrengerichtliche Urteile,
r- auf Gutachten der Aerztekammer stützt und möglichst wenig
Ibst mit einem richterlichen Verfahren belastet wird, wie ich es
ich für selbstverständlich halte, dass die Versorgung als öffentliche
echtsanstalt nicht zum Organ allgemeiner Standes- und Organi-
tionspolitik werden soll. Dass (§ 18/1) das Ruhegeld Und die Alters-
nte auch noch einem Arzt entzogen werden können, der sich be-
lts auf Grund erworbener Rechte im Bezug von Versorgungs-
'stungen befindet, erscheint rechtlich doch etwas überraschend;
•n jran testgehalten, so wird jedenfalls nur in den schwersten
dien davon Gebrauch zu machen sein. —
Nebenbei bemerkt wäre betreffend die Bildung des Spruch-
sschusses wohl eine Bestimmung am Platz, aus welchem Personcn-
oo/,(ÄedenfalIs der Mitglieder) die Beisitzer zu entnehmen sind
Der wichtigste Teil der Satzung sind die finanztechnischen Bc-
immungen. Hier liegt von Anfang an und heute mehr wie je das
nze Problem der Versorgung. Hier besteht die Aufgabe nicht in
lern starren Vollzug, sondern in der möglichsten Anpassung an die
sserordentlichen Zeitverhältnisse. Deshalb sind die Vollmachten,
dche dem Vcrwaltungsausschuss in die Hand gegeben sind (§§ 10,
usw.) fast wichtiger als die bindenden Vorschriften. Nur in einem
hr bedeutungsvollen Punkt scheinen mir die Vorschriften noch zu
irr und wegen der kurzgesetzten Frist eine baldige Aendcrung er¬
lischt zu sein. Im § 17 ist die Möglichkeit einer Abminderung der
ahrigen Wartezeit um Monate bis auf 3 Jahre vorgesehen und hier¬
zugleich eine Frist von 6 Monaten nach Errichtung der Vcrsor-
ng gesetzt. Die entsprechenden monatlichen Sonderzahlungen sollen
i zum 5. Jahr der Praxis je 1ls o. später je Vio des pensionsfälügen
onatsgehaltes eines Beamten der Klasse AI (z. B. Schranken-
irters) betragen; in letzterem Fall sind demnach von einem älteren
i\A ’ wenn er 2 Jahre Nachlass an der Wartezeit anstrebt, innerhalb
1 Monaten neben dem normalen Jahresbeitrag 31 Iw, d. i. der 2% fache
Monatsgehalt eines Schrankenwärters aufzubringen, d. h. zu eriibri-
gen, was heute einen beträchtlichen, vielleicht sehr beträchtlichen
Bruchteil einer Milliarde ausmachen wird. Da bei der bekannten,
unter Aufsicht von Wohlfahrtsministerien geübten Lohndrückerci der
ärztliche Stand bei jeder Teuerungsflut sich noch mehr von dem er¬
träglichen Erwerbsdurchschnitt entfernt, so wird die Zahl derer,
welche dieses Opfer bringen können, immer geringer werden und eine
Erleichterung gerade dieser Bestimmung gewiss vielseitig begrüsst
werden. —
{m übrigen wäre nur noch die Frage aufzuwerfen, ob nicht aus¬
drückliche Bestimmungen nachzuholen wären über die Beitragspflicht
oder das Ende der Beitragspflicht derer, welche in den Genuss des
Alters- oder Ruhegeldes eingetreten sind.
Es würde mich freuen, wenn die eine oder andere dieser wenigen
Anregungen als nützlich anerkannt würde. Die schwersten Aufgaben
stehen der Leitung der Versorgungsanstalt erst noch bevor in der
praktischen Durchführung des Gesetzes, vor allem bei den Versor-
gungsfällen, welche in die 5 jährige Wartezeit hineinfallen. Um diese
Wartezeit durchzuhalten, werden alle möglichen Hilfsmittel heran¬
gezogen werden müssen. Darum sei es mir zum Schluss noch ge¬
stattet, einen Gedanken anzudeuten: Die gewiss auch für viele Aerzte
einschlägige, gewiss aber nur wenigen bekannte und von wenigen
benutzte gesetzliche Kleinrentnerfiirsorge Hesse sich wahrscheinlich
in den Händen der gesetzlichen Aerzteversorgung in segensreicher
Weise nutzbar machen für notleidende Standesgenossen, denen vor¬
erst das Alters- und Ruhegeld doch auch bestenfalls nur eine be¬
scheidene Beihilfe gewähren kann. Dem Studium dieser Frage näher¬
zutreten dürfte sich, soweit ich sehe, wohl verlohnen und zur Er¬
leichterung mancher Schwierigkeiten dienen können.
• \ - -
Bücheranzeigen und Referate.
Katz und Blumenfeld: Handbuch der speziellen Chirurgie
des Ohres und der oberen Luftwege. 3. vermehrte und verbesserte
Auflage. Mit 285 Abbildungen im Text und auf 151 Tafeln. Leipzig
Curt Kabitzsch, 1922.
Die erste Auflage des von Katz, B 1 u m e n f e 1 d und von dem
jetzt ausgeschiedenen Pr ey sing 1911 herausgegebenen Hand¬
buches hat die auf dasselbe gesetzten Erwartungen übertroffen. Sie
hat nicht nur eine Zusammenfassung der gebräuchlichen Operations-
methoden usw. gebracht, sondern sie hat auch die Chirurgie des
Ohres und der oberen Luftwege mächtig gefördert.
Die zweite Auflage des gross angelegten Handbuches ist bereits
1913 erschienen und zwar ohne wesentliche Aenderung.
Um so zahlreicher sind die Umarbeitungen und Ergänzungen,
welche die dritte Auflage bringt. Bisher sind der 1. Band! erste und
zweite Hälfte, sowie der 4. Band erschienen. Mit welchen Schwierig¬
keiten die Herausgeber zu kämpfen hatten, ersieht man daraus, dass
von der ersten Auflage die Kapitel über Totalaufmeisselung und
otitische Komplikationen sowie über Operation der Tumoren und der
Iuberkulose bis jetzt noch nicht erschienen sind. Es ist das eine
recht unangenehme Störung.
Die topographische Anatomie der Nasenhöhle und ihrer Neben¬
höhlen konnte von 0 n o d i kurz vor seinem Tode neu überarbeitet
werden. S t e n g e r hat wieder die topographische Anatomie des
Gehörorgans, S o b o 1 1 a die des übrigen Kopfes, des Mundrachens,
des Halses und Mediastinums und Most den Lymphgefässapparat
des Kopfes und Halses übernommen.
An der zweiten Hälfte des ersten Bandes haben einige neue
Autoren mitgearbeitet. An Stelle des verstorbenen Pieniazek hat
J host die Behandlung der Stenosen, an Stelle des verstorbenen
P o r t hat L o o s die Prothesen bearbeitet, und an Stelle des zurück¬
getretenen Kuttner haben Pfeiffer und Albanus sich in
Röntgenuntersuchung und Strahlentherapie geteilt. Im übrigen sind
die Autoren die gleichen geblieben, und zwar entfallen auf Haecker
allgemeine Anästhesie, auf Hey m ann Lokalanästhesie des Halses
und der Nase, Voss Lokalanästhesie am Ohr, I s e m e r Stauungs¬
therapie, Röpke Begutachtung Operierter, Joseph korrektive
Nasen- und Ohrenplastik, S t e i n Paraffintherapie, Bocken h ei imer
plastische Operationen, E. Meyer die phlegmonösen Entzündungen
der oberen Luftwege und schliesslich Kissling septische Erkran¬
kungen.
Im vierten Band hat anstatt Hansberg, der zurückgetreten
ist, Seifert die Laryngofissur übernommen, die übrigen Mit¬
arbeiter sind die gleichen geblieben. Gluck und Soerensen
haben diesmal ihr Arbeitsgebiet in scharf begrenzte Unterabteilungen
geteilt und zwar Exstirpation und Resektion des Kehlkopfes, Opera¬
tionen am Pharynx und am Anfangsteil des Oesophagus, Chirurgie
des Oesophagus, der Trachea, der Mandibula, der Zunge, der Schild¬
drüse und der Thymus und schliesslich Ligatur der Karotis. Die
endolaryngealen Operationen hat wieder B 1 u m e n f c I d, die
I raclieotomie Bockenheimer, die Tracheo-Bronchoskopie
Mann und die Oesophagoskopie Stark übernommen.
Die Rücksicht auf den zur Verfügung stehenden Raum verbietet
es, auf die einzelnen Kapitel näher einzugehen. Jedenfalls bedeutet
die neue Auflage, soweit sie bisher vorliegt, einen wesentlichen Fort¬
schritt gegenüber den früheren Auflagen. Auch die Ausstattung lässt
kaum etwas zu wünschen übrig. Das Handbuch sollte in der Hand
1236
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
jedes Oto-Laryngologen, aber auch jedes Chirurgen sein. Leider
wird das durch den naturgemäss hohen Preis verhindert, der fast
nur für das Ausland erschwinglich ist. S c h e i b e - Erlangen.
Heyraans: Die Gesetze und Elemente des wissenschaftlichen
Denkens. Barth, Leipzig, 1923. 4. Aufl. 438 S. Gdpr.: 12 M.,
geb. 15 M.
Eine auch dem Arzt, der sich nicht viel mit Philosophie beschäf¬
tigt hat, leichtverständliche und deshalb gewiss manchem willkom¬
mene klare Darstellung der Gesetze des Denkens, wie die Philosophie
sie behandelt (an einer einzigen Stelle gehen mathematische Voraus¬
setzungen über das dem Arzt gewöhnlich Zugängliche hinaus). Inter¬
essant ist, wie der philosophische Logiker beim „naturwissenschaft¬
lichen Denken“ sich mit der „Wahrscheinlichkeit“ abfinden muss, die
in seine logischen Schemata nicht recht hineinpasst; er kennt nur
„a = b“, „a nicht = b“, „einige a = b“ und „einige a nicht = b“. Ge¬
rade das, was den Nutzen sowohl wie die Schwierigkeit des Denkens
ausmacht, das Schliessen aus Analogie auf etwas vorher Unbekann¬
tes, d.h. die bei biologischer Betrachtung so selbstverständliche Ab¬
wägung von vielen a und wenigen a, die b sind, muss da auf Um¬
wegen erkünstelt werden, und wenn man die verschiedenen Mei¬
nungen über synthetische und analytische Urteile a priori und
a posteriori liest und dabei an das denkt, was man alles geleistet hat,
ohne sich darum zu kümmern, so kann man den Gedanken nicht unter¬
drücken, hier wäre das Wichtigste eigentlich eine
Untersuchung, ob diese vier Begriffe überhaupt
noch einen verwendbaren Sinn haben. Diese Bemer¬
kung gilt natürlich nicht der hübschen Darstellung Heymans',
sondern der alten philosophischen Richtung.
E. Bleuler- Burghöl :li.
F. Walther: Ueber Grippepsychosen. Ernst B i r c h e r,
Bern, 1923.
W. bearbeitet ein recht grosses Material (im ganzen 60 Fälle)
von Psychosen, die in irgendeinem Zusammenhänge mit der Grippe
stehen, und zwar trennt er nach reinen Grippepsychosen und
Psychosen mit geringerem Grippeanteil, bei welch letzteren andere
Ursachen wesentlich mitbestimmend sind. Alle Psychosen, lassen
sich in zwei grosse Gruppen ordnen, solche mit vorwiegenden Be¬
wusstseinsstörungen und andere mit vorwiegenden affektiven Stö¬
rungen, die durchaus nicht selten sind. Den ersteren ist im Vergleich
mit anderen Infektionspsychosen eine Vorliebe zu höheren Graden
von Verwirrtheit, zu psychomotorischer Erregung und zu depressiv¬
ängstlicher Stimmungslage eigen. Die letzteren zeichnen sich fast
immer durch exogene Beimischungen aus (besondere Labilität des
gesamten Seelenlebens, Sinnestäuschungen und Wahnideen, Bewusst¬
seinstrübung). Die g&fährlichste Zeit ist die Rekonvaleszenzperiode.
In der eigentlichen Krankheitszeit überwiegen die Zustände mit vor¬
wiegender Bewusstseinsstörung, nachher die vorwiegend affektiven
Krankheitserscheinungen. In die spätere Zeit fallen auch die meisten
Störungen mit geringerem Grippeanteil.
In dem Buch wird allenthalben der Versuch deutlich, den neueren
und neuesten klinischen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen. Doch
laufen die theoretischen Auseinandersetzungen des Verfassers recht
lose neben seinem Material her. Der Hauptwert der Arbeit liegt
zweifellos in den zum grossen Teil sehr guten Krankheits¬
beobachtungen. Johannes L a n g e - München.
Trattato di Anatomia Pathologica publicato dal Prof. Pio F o ä.
Es ist eine mit Wehmut gemischte Freude, das Fortschreiten
dieses grossen Handbuches zu verfolgen; mit Wehmut, weil in abseh¬
barer Zeit ein so grosszügiges zusammenfassendes Werk der ge¬
samten Pathologie in Deutschland aus bekannten Gründen keinen
Absatz finden könnte, mit Freude, weil hier wirklich etwas Ganzes
geschaffen wird, wobei auch die modernsten Forschungsergebnisse
bereits mit verarbeitet sind. An neuen Abschnitten liegen vor: von
Ottolenghi: Pflanzliche Mikroparasiten, in handbuchartiger
Breite geschildert, von Belfanti: Immunität, mit einem ausser¬
ordentlich interessant geschriebenen Aufsatz von Cesaris Demel
über die pathologische Anatomie der Anaphylaxie; von Volpino:
Filtrierbares und unbestimmbares Virus; von Fontana: Spirochä-
tosen; von Sangiorgi: Menschen- und tierpathogene Protozoen;
von Ravenna: Tierische Parasiten; von A 1 m a g i a: Physikalische
Krankheitsursachen. Besonders erfreulich ist, dass die Tierkrank¬
heiten überall ausführlich berücksichtigt werden, über die der Arzt
auch orientiert sein muss, wie ja überhaupt die vergleichende Patho¬
logie noch ein weites und dankbares Feld darbietet *).
Oberndorfer - München.
Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. Ableitung
und Erklärung der gebräuchlichsten Fachausdrücke aller Zweige der
Medizin und ihrer Hilfswissenschaften. 16. bis 20. Auflage mit
537 Abbildungen. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien,
1923.
Gutt man ns Terminologie erneuert sich beständig. Der 12.
bis 15. Auflage (1920) ist rasch die 16. bis 20. gefolgt. So ist es mög¬
lich. das Buch fortwährend zu ergänzen, überflüssig gewordene Stich¬
worte auszuschalten, neu in der Literatur aufgetauchte zu erklären.
*) Dank dem Entgegenkommen des Herrn Oberndorfer ist das
Werk aus der Bibliothek des Aerztlichen Vereins München erhältlich.
Der ausserordentliche Fleiss, die erstaunliche Belesenheit, die der
Verfasser. Gen.O.A. Marie, auf die Neubearbeitungen seines Buches
verwendet, bringen es zuwege, dass das Buch tatsächlich „vollstän¬
dig“ zu nennen ist und so gut wie nie versagt. Möge die Gunst der
Aerzte dem vortrefflichen Buche treu bleiben und auch fernerhin
häufige Neuauflagen ermöglichen. Das Bedürfnis nach einem Führer
durch die immer schwieriger zu beherrschende medizinische Termino¬
logie ist ja für jeden Arzt gegeben.
Zeitschriften - Uebersicht.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1923. Nr. 35 u. 36.
Nr. 35.
A. L a b h a r d t - Basel: Subtotale Kolpoperineoklelsis als Prolaps-
Operation bei alten Frauen.
Statt nach Le Fort-Neu gebaucr die Scheide bis auf 2 seitliche
Kanäle zu schliessen, verschliesst Verf. sie bis auf einen medianen sub¬
urethral gelegenen engen Kanal. Es wird nicht nur, wie bei der gewöhn¬
lichen Plastik, der Introitus, sondern auch die Scheide auf 3 — 4 cm weit ins
Innere hinein verengert, wodurch ein sehr dicker, gewebsreicher Damm ge¬
bildet wird.
W. Kocrting (Univ. -Frauenklinik Prag): Eine seltene Form der
Eklampsie.
Der Fall war durch besondere psychotische Momente, puerile Sprache,
Greifen in den eigenen Kot ausgezeichnet und deshalb die Abgrenzung gegen¬
über Epilepsie und Hysterie erschwert. Bei Epilepsie ist nie Eiweiss vor¬
handen, bei Hysterie müssen neben Krämpfen auch andere hysterische
Symptome zu finden sein.
G. Conrad (Rud.-Virchow-Krankenhaus Berlin): Schwangerschaft im
rudimentären Nebenhorn.
Bei der Nebenhornschwangerschaft ist ein derber Strang meist in Höhe
des inneren Muttermunds abgehend im Gegensatz zu Adnextumor und ge¬
stieltem Myom neben anderen Schwangerschaftszeichen zu fühlen. Wegen
Ruptur- und Verblutungsgefahr ist das Horn zu amputieren.
B. Ragusa (Univ.-Frauenklinik Rom): Zur sicheren Asepsis bei
manueller Lösung der Plazenta und bei Wendung.
Die untersuchende Hand ist von einem Gummischlauch umhüllt, der sich
oben durch Fingerspreizen öffnen lässt, sobald die Finger sich der Zervix
gegenüber befinden. Dadurch wird das Verschleppen von Keimen nach oben
vermieden.
F. Eberhard t-Baden-Badeu: Augenerkrankungen, speziell Chorioiditis
disseminata, und künstlicher Abort.
Die Chorioiditis disseminata ist Indikation zur Unterbrechung der
Gravidität, weil erhebliche Gefahr völliger Erblindung besteht.
E. E c k s t e i n - Teplitz-Schönau: Ueber die Indikationen und die
Technik der Intrauterintamponade.
Verf. verwendet seit 30 Jahren mit bestem Erfolg die intrauterine
Tamponade nicht nur bei atonischen Blutungen, sondern auch, was heute zu
Unrecht in Vergessenheit geraten sei, zur Einleitung des artifiziellen Abortes
mensis I — V nach vorheriger Dilatation bis Hegar 6, sowie auch beim fieber¬
haften Abort, wenn Retention von Eiresten nicht mit Sicherheit ausgeschlossen
werden kann.
Nr. 36.
O. Gragert (Univ.-Frauenklinik Greifswald): Ein vereinfachtes Ver¬
fahren zur Erzeugung eines künstlichen Pneumoperitoneums.
Die durch Watte filtrierte Luft wird mit steriler J e a n n e t scher,
200 ccm fassender Spritze, die mit Schlauch, Dreiwegehahn und gewöhnlicher,
abgestumpfter Lumbalpunktionskanüle versehen ist, in das Abdomen zur
Röntgenuntersuchung cingeblasen. Abbildungen und genaue Beschreibung
der Technik.
K. Fritsch (Städt. Kraikenhaus Gera): Ueber Behandlung des Tetanus
puerperalis.
Die Behandlung des ausgebrochenen T. p ist entgegen Simon nicht
aussichtslos, Verf. empfiehlt die subdurale Injektion von beiderseits je etwa
5 ccm Tetanusantitoxin (Lösung 100 A.E.) nach Betz und Duhamel in
Lokalanästhesie mittels Trepanation in Kombination mit subkutaner und
intralumbaler Injektion von Antitoxin (etwa 15 ccm) sowie 3 mal täglich
10 ccm einer 20 proz. Magnesiumsulfatlösung als Klysma.
A. Kaltner (Tierärztl. Hochschule Wien): Studien über das Corpus
luteum graviditatis beim Rind.
Während bei Schweinen und anderen multiparen Tieren nachgewiesener-
massen mehr Eier abgegeben und befruchtet als später Früchte im Uterus
gefunden werden, fand Verf. beim Rinde unter 300 Fällen 295 mal zahlen-
mässiges Uebereinstimmen der gelben Körper und der im Uterus vor¬
handenen Föten.
E. Schwab (Krankenhaus Hamburg-Barmbeck): Zur Frage der Be¬
handlung der Uterusperforation.
Nichts Neues. Jede ausserhalb der Klinik gesetzte Perforation soll in
die Klinik gebracht werden. Bei stärkerer Blutung, Infektionsgefahr und
Verdacht auf Nebenverletzungen ist zu laparotomicren. Kasuistik von
9 Fällen.
H. S t r u b e - Berlin-Moabit: Ist Morphium ein „Antidot“ bei Skopo¬
laminvergiftung?
Sehr interessante Arbeit mit genauer Pharmakologie des Skopolamins.
Verf. warnt vor ihm als dem „Chamäleon“ unter den narkotischen Mitteln.
Morphium ist kein sicheres Antidot dagegen. Skopolamin-Morphium kann
sogar potenzierte Wirkung haben und ist besser zu meiden.
Robert Kuhn- Karlsruhe.
Monatsschrift fiir Kinderheilkunde. Bd. XXVI. H. 1 u. 2.
Heft 1. S c h i f f - Berlin: Das asthenische Kind.
Referat, gehalten in der Berl. Ges. f. innere Med. u. Kinderhlk. am
11. XII. 1922 (vgl. d. Wschr. Jahrg. 1922).
K. L c w k o w i c z - Krakau: Die spezifische Behandlung der epidemi¬
schen Genickstarre. VII. Mitteilung: Die Bedingungen für die Serumbehand¬
lung bei Verengerung der Gehirnventrikel.
In schweren Fällen der Genickstarre muss man zur Erzielung eines
therapeutischen Effekts unbedingt für ununterbrochene Einwirkung des Serums
28. September 1923.
MÜNCHHNHR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1237
n den Ventrikeln sorgen. Sind infolge von Gehirnödem die Ventrikel ver-
iigert. so genügen, selbst bei beiderseitiger Applikation durch die Temporal-
lUnktion, nicht einmal jeden Tag wiederholte Einspritzungen, weil in solchen
allen das Serum aus den Ventrikeln durch die Strömung der Zerebrospinal-
lüssigkeit sehr bald weggeschwernint wird. Hei starker Ventrikelverengerung
and die Einspritzungen 2— 3 mal täglich zu wiederholen.
A. Reiche- Braunschweig: Ueber Neuralgien im Kiudcsalter.
Diese treten, insbesondere bei Knaben, sowohl im Spiel- wie im Schul¬
der häufiger, als bisher angenommen wurde, auf. Als Ursache der Häufung
ler Erkrankung in den letzten Jahren sind die immer wiederkehrenden
irippeepidemien anzusprechen. In erster Linie erkranken Neuropathen. Die
rognose fiir Ausheilung ist besser als beim Erwachsenen. In schweren
allen wird Vakzineurinbehandlung angeraten.
Ake S c h e 1 e -Lund: Ein Fall von spät auftretender geburtstraiimati-
eher Meningealblutung.
Erscheinungen im Alter von 6 Wochen. Riss im Tentorium.
Otto Iezner-Wien: Weitere Liquoruntersuchungen bei kongenital-
uetisclien Kindern.
Positiver Liquorbefund in 43,3 Proz. der Fälle. Im Säuglingsalter sogar
ei 5b, 1 1 roz. positiver Befund. Oie Liquorveränderungen scheinen mit dem
velterweruen der Kinder spontan zu schwinden. Aus dem positiven Befund
m . äuglingsalter kann ein Schluss auf eine später auftretende Nerven-
rkrankung nicht gezogen werden.
L ü art je - Riga: Ueber Ueberempfindllchkeit bei konstitutionellem
:kzem der Kinder.
I Unter den mit konstitutionellem Ekzem behafteten Kindern gibt es eine
iruppe, die eine Hautüberempfindlichkeit gegenüber Fett besitzt, die sich als
Ekzem kundgibt. Es handelt sich um magere Kinder mit trockenem Ekzem,
leist frei von anderen exsudativen Erscheinungen, ln hartnäckigen Fällen
leser Art kann die intrakutane Injektion von Fettlösungen eine gewisse
Uerapeutische Bedeutung beanspruchen.
, K o z i t s c h e k - Wien: Ueber den Einfluss von Gemüsepress-
aft auf den Kalkstoffwechsel bei Rachitis.
Ein fördernder Einfluss des Pressaftes auf den Kalkansatz wird für einen
all angegeben, bei dem bei spontan heilender Rachitis die Kalkbilanz schon
(bernormal positiv war.
Alf. Koleczek: Diabetes mellitus und Ikterus. Kasuistik.
Otto R i e ih sch n eid e r - Breslau: Ueber eine tödliche Blutung infolge
iefassarroslon durch Soor.
Oesophagussoor ohne klinische Erscheinungen. Die sonst beobachtete
eukozytenanlockung und Thrombenbildung blieb aus.
. . M<|ft t2' L,ewk°wicz- Krakau: Die spezifische Behandlung der
Pidemischen Genickstarre. VIII. Mitteilung: Die Schwitzbehandlung und das
mmedullar sowie intraventrikulär eingespritzte Serum.
Die Aussichten der Schwitzbehandlung sind sehr begrenzt. Das Serum
mgegen wirkt in spezifischer Weise gegen die Infektion und erlangt, wenn
le zu seiner Wirkung nötigen prinzipiellen Bedingungen erfüllt sind, in der
egel in 4—5 Tagen eine völlige Unterdrückung der Infektion. Wenn keine
rschwerungen im Durchflusse der Flüssigkeiten zwischen Subarachnoideal-
lum des Rückenmarks und Hirnventrikeln bestehen, so kann das epimedullär
jizierte Serum genügende Wirkung ausüben. Wo aber die Einwirkung sich
cht auf die Ventrikel erstreckt, ist die Beeinflussung des Infektionsprozesses
igenugend; in solchen Fällen ist die — in jedem Falle überlegene — intra-
entnkulare Einspritzung nötig.
Walter Singer-Basel: Die Osteochondritis deforraans juvenilis.
Diese Erkrankung bietet klinisch und besonders röntgenologisch ein
irchaus eigenartiges Krankheitsbild des kindlichen Hüftgelenks. Das Leiden
:ginnt nur ausnahmsweise vor dem 3. Lebensjahre und zeigt sich selten nach
im ersten Dezennium. Im Gegensatz zur tuberkulösen Koxitis, mit deren
nlangsstadium die juvenile Osteochondritis häufig verwechselt wird, ist die
rognose in bezug auf funktionelle Wiederherstellung fast immer eine gute
etiologisch kommen in Betracht das Trauma, die Rachitis und eine lokale
isserst milde verlaufende Entzündung vielleicht infektiös-rheumatischer
* tx t: : - ““i» »1V1H.1UU xuicivuua-i iieuriiauscner
atur event Kombination solcher Prozesse. Die Therapie, im wesentlichen
achtlos, hat dem Schmerz und einer aus der Gelenkdeformierung" re sül¬
zenden ungünstigen Beinstellung entgegenzuarbeiten.
Robert S t e i n k o - Wien: Die röntgenologische Untersuchung des
lysmas im Sauglmgsalter.
Durch das Klysma wird auf das gesamte Kolon ein reflektorischer Reiz
?« «7 f,6 bxSt bei einer Flüssigkeitsmenge von 50 ccm (vor- und rück-
unge Wellen).
Th. Fahr und C. S t a m m - Hamburg: Kurzer Beitrag zur Frage der
denomegalie Typ Gaucher.
| Genaue Analyse eines neuen Falles. Die definitive Aufklärung des
Mdens gelingt vorläufig nicht.
M Semerau-Siemanowski und Fr. Xaver Cieszynski-
arschau: Zur Extrasystolie des Kindesalters.
Scherung eines Falles von Kammerextrasystolie mit den Kennzeichen
aer echten Bigemime. Die Erkrankung stand vermutlich in Beziehung mit
ler abnormen Tätigkeit des vegetativen Nervensystems und besonders einer
regbarkcitssteigerung des sympathischen Apparates. Die Einverleibung
gotomscher Mittel wie Physostygmin und Digitalis führte zu einem vorüber-
nenden Verschwinden der Bigeminie.
Referate. - Albert Uffenheimer - München.
Jahrbuch für Kinderheilkunde. Bd. 101. Heft 5 u. 6.
Karl Kundratitz: Ueber Lues congenita. (Aus der Säuglings-
. in ■ TT A L 1 vuimeimd. irtus ucr »augnngs-
teiiung IPrim. Dir. Dr. ZuppingerJ und der internen Abteilung [Prim.
. Dr- L e*nerJ des Mautner-Markhof sehen Kinderspitals in
'aii 'FHrsorge> Schicksal und Behandlung derselben, Liquorbefunde )
Alle bisherigen Fürsorgemassnahmen gegenüber der Lues congenita sind
ch Ansicht des Verf. unzureichend, bzw. zwecklos, da der grössere Teil der
Krankten Kinder doch nicht einer ausgiebigen Behandlung zugeführt wird.
"• ordert den gesetzlichen Behandlungszwang. Zur Erkennung und
irchführung empfiehlt Verf. die zuerst von Gerhard inger empfohlene
esetziiche Neugeborenenschau“ in etwas erweitertem Umfange. Die
ortalitat der gesamten luetischen Säuglinge beträgt nach K. ca. 24 Proz.
. ^ chc1 Slch durch eine energische spezifische Behandlungsweise auf
1 T0Z- herabdrücken lässt. Als Behandlungsform verwendet Verf die
liehe chronisch mterrfiittierende Art mit Neosalvarsan allein oder mit ver¬
schiedenen Quecksilbcrpräparaten kombiniert — es wurden dabei 31,7 Proz.
Dauerheilungcn erzielt. Positive Liquorbefunde fand K. in 1 /B der unter¬
suchten Lalle bei fast einem Drittel der Fälle pathologischer Befund.
Literaturverzeichnis.
•i uAlf°r1*S M j d 6 ,r.: ßie essentiellen Aminosäuren In der Kuh- und Frauen-
milch. 'Ans den Univ. -Kinderklinik in Frankfurt a. M. Direktor: Prof
Dr. v. M e 1 1 e n h e i m.)
Als zusammenfassendes Ergebnis teilt Madcr mit: Mit Hilfe einer für
quantitative Bestimmung ausgearbeiteten Ninhydrinreaktion gelingt es, in
den Ultrafiltraten von Kuh- und Frauenmilch essentielle, intraglandulär prä-
forimerte, abiurete Eiweissstoffe nach Art und Menge zu bestimmen. Es
handelt sich um Aminosäuren mit einem N-Gehalt von 18—25 mg für Kuh¬
milch und 51 60 mg für Frauenmilch im Liter. Einen wesentlichen Einfluss
auf die Oberflächenspannung ihres Lösungsmittels besitzen diese Substanzen
nach den stalagmometrischen Befunden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht;
ihre biologische Bedeutung ist zurzeit noch nicht geklärt.
A Adam: Ueber die Biologie der Dyspepsie coli und ihre Beziehungen
zur Pathogenese der Dyspepsie und Intoxikation.
Die bisher vorliegenden Ergebnisse über die Bakteriologie der In¬
toxikation ergaben folgende Erscheinungen als eng zusammenhängende
Glieder in der. Pathogenese der Dyspepsie und Intoxikation: Stoffwechsel-
storung infolge exogener oder endogener Schädigung; darauf beruhend
runctio laesa des Dünndarmes mit verminderter Produktion alikalischer
.aenzen, damit Möglichkeit der Ansiedelung von Keimen, insbesondere
garungstuchtiger Kolirassen, und endlich Bakterienvermehrung durch Angebot
wachstumsfördernder Nahrungsbestandteile.
L. S c h a p s - Berlin: Pathologie und Therapie der Ernährungsstörungen.
a er‘- (ent seine erfolgreichen Ergebnisse der Behandlungsweise mit
„Acilacton (Wulfling Berlin) mit, die sich ihm bei Dyspepsien, habituellem
Erbrechen, mangelhaftem Gedeihen und Toxikosen — endlich auch gegenüber
dem Strophulus und Prurigo vielfach bewährt haben. Die anregend ge¬
schriebene Arbeit sei zur Einsicht im Urtext empfohlen.
Martin H o h 1 f e l d - Leipzig: Erfahrungen mit der Intubation. (Aus der
Univ. -Kinderklinik m Leipzig.)
„Die falschen Wege“ — zu deren Prophylaxe nach H. Uebung,
Schonung und Selbstbeherrschung dem Intubator die Hand führen mögen.
, Erich A sch en h e i m: Ueber psychische Inanition der Säuglinge. (Aus
dem Kleinkinderheim Remscheid-Ehringhausen.)
T •ifY!rf' ™acht auf die „Vernachlässigung der Seele des Kindes“ als
1 eilfak.or des Hospitalismus aufmerksam; „psychische Inanition" nach
Pta und ler; — Vorschläge zur Vermeidung derselben.
0. Rommel- München.
Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 79. Bd. 1. Heft.
L. B e n e d e k - Debreczin: Erloschensein der Patellarreflexe und ge-
steigertes idiomuskuläres Phänomen bei Erschöpfung.
. , Beobachtung obenstehender Erscheinungen an 3 Kriegserschöpften ohne
jede spinalen Symptome.
J. Schuster-Pest: Untersuchungen zur Frage der multiplen Sklerose.
Verf. konnte in 3 Fällen von multipler Sklerose, denen 1 — \Vi Stunden
post mortem Stücke zur Untersuchung entnommen wurden, sowohl in den
Kapillaren, wie um die Kapillaren der Umgebung von den Markfleckenherden
und Rindenherden, spirochätenähnliche Gebilde sowohl mit Giemsafärbung
wie mit Silberimprägnation nachweisen.
E. H e r ma n - Warschau: Cavernoma cerebrl, Haeinorrhagia spinalis
memngealis epi-, mtra- et subduralis.
.. ,r.al! von Kavernom, bei dem es im Status epilepticus zu Blutungen in
die Ruckenmarkshäute kam. Letzteres wohl infolge Platzens der brüchigen
und gestauten Duralgefässe.
,. 2: H- H i g l e r - Warschau: Die gegenseitige Stellung in klinischer,
pathologischer und anatomisch-pathologischer Hinsicht der selteneren Formen
der entzündlichen, degenerativen und blastomatösen Hirnsklerosen im Lichte
der neuesten Forschungen.
Kritische Besprechung.
•* °A 1 nn r£" Pfbreczin: Ueber die Bestimmung der Liquorkonzentration
mit Hilfe des Refraktometers.
_ Duich die Refraktometrie lässt sich die Konzentrationsänderung des
Liquors feststellem Der Normalwert des refraktometrischen Index liegt
zwischen 1,33486 bis 1,33517, ist bei organischen Erkrankungen des Zentral¬
nervensystems höher. Bei den luetischen Erkrankungen geht der R.I nicht
parallel mit der Stärke der Globulinreaktion. Die Refraktometrie ist neben
den anderen qualitativen Proben als eine bequeme und genaue Methode zu
verwenden- Renner- Augsburg.
Archiv für Hygiene. 93. Band,
v. Q r u b e r.
1923. Festschrift für Max
H. 1 1 z h ö f e r - München: Ueber den Einfluss des Trainings auf Grund¬
umsatz und Arbeitsnutzeffekt.
Die Untersuchungen wurden an 9 Sportsleuten während und ausserhalb
des Trainings für den Streckenlauf ausgeführt und zwar mit dem Zuntz-
u e p p e r t sehen Respirationsapparat. Bei den meisten Personen war der
T->rUn UmSa^- ^ raining auffallend hoch — der Energieverbrauch um
22 Proz. grösser als ausser Training. Die Lungenventilation wurde durch
das Training günstig beeinflusst. Das Training für eine bestimmte Muskel-
arbeit verbesserte nicht den Nutzeffekt einer mit ganz anderen Muskel-
gruppen ausgeführten Arbeitsleistung. Die Nachwirkung der voraus¬
gegangenen Muskelarbeit auf den Stoffumsatz hielt im Training weniger lange
an, denn kurze Zeit (10 Minuten) nach Arbeitsbeendigung war der Energie¬
verbrauch schon fast zu dem vor der Arbeit vorhandenen Ruhewert zurück¬
gekehrt.
Karl v. A n g e r e r - München: Ueber das optische Verhalten der
Bakterien.
Die Trübung in einer flüssigen Bakterienkultur ist um so stärker, je
grösser der Brechungsexponent der Teilchen und je kleiner der der Flüssig¬
keit ist. Trübungen, welche durch Partikelchen von Bakteriengrösse bewirkt
werden, nehmen mit dem Quadrat des Teilchenradius ab. Die Schlieren, die
beim Schütteln einer homogenen Suspension eines Stäbchen- oder ketten¬
förmigen Organismus entstehen, beruhen darauf, dass diese Gebilde sich mit
ihrer Längsachse in die Richtung der Flüssigkeitsstrümung einstellen. In aggluti-
1238
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3Ü.
liierten Stäbchenaufschwemmungen verschwindet die Schlierenbildung. Der
Brechungsexponent von Bakterien liegt zwischen 1.33 und 1,40. Die ver¬
schiedene Durchsichtigkeit von Kolonien beruht wahrscheinlich darauf, dass
die Zellen in durchsichtigen Kolonien ohne Zwischensubstanz dicht aneinander
liegen, während sie in undurchsichtigen von anders brechenden Schichten
umgeben sind.
Rudolf S c h n e i d e r - München: Vergleichende Untersuchungen über
den K o c h - W e e k s sehen Bazillus und das Pfeiffersche Influenza¬
stäbehen.
Dem Bakteriologen ist längst bekannt, dass die Koch-Week sehen
Bazillen den Pfeiffer sehen Influenzabazillen morphologisch sehr ähnlich
sind. Durch genaue Vergleichsuntersuchungen des Verf. kann nunmehr ais
bewiesen gelten, dass sie in der Form und in der Kultur nicht auseinander¬
zuhalten sind. Die Identität geht aber noch weiter. Koch-Week-Scra
agglutinicren auch Influenzabazillen und Iniluenzasera agglutinieren Koch-
Week-Bazillen bis zum Endtiter. Hochwertige agglutinierende Koch-Week-
Sera präzipitieren auch Influenzabazillenextrakte und umgekehrt. Ein Unter¬
schied zwischen beiden Arten ist also nicht festzustellen. Der Schluss der
Arbeit bringt eine Kritik der Korrelationsrechnung.
Traugott B a u m g ä r t e 1 - München: Untersuchungen über Algen¬
phagozytose.
Den Studien über Algenphagozytose, die erstmalig vom Verf. unter¬
nommen wurden, ist zu entnehmen, dass die Algen unter bestimmten Um¬
ständen von den Leukozyten aufgenommen werden. In Zitratblutmischungen
bzw. mit aktivem Normalserum geht die Aufnahme am besten, während die
Phagozytose im Versuch mit Chlornatriumlösung vollständig und mit in¬
aktivem Normalserum fast vollständig ausblieb. Darnach werden die Algen¬
zellen nur dann gefressen, wenn sie hierfür durch einen wärmeempfindlichen
normalen Blutbestandteil präpariert werden. Bei dichten Algenaufschwem¬
mungen bleibt die Phagozytose nahezu aus, weil die Algenzellen unter dem
Einfluss des Plasmas zu grossen Haufen verkleben.
R i m p a u - München: Die Regelung der Massnahmen gegen Typhus¬
bazillenträger durch das Reich.
Es wird in einer ausführlichen Besprechung dargelegt, wie wenig ein¬
heitlich die Bestimmungen über die Typhusbazillenträger in Deutschland sind.
Eine erfolgreiche Bekämpfung ist daher nicht gewährleistet. Verf. gibt seine
Vorschläge in Form von Beiträgen, die die einzelnen Punkte regeln sollen, an.
Th. Fürst: Die Münchner Fortbildungsschuliugend nach dem Kriege.
Albert Uffenheimer - München: Das Frühexanthem der tuberkulösen
Infektion beim Kinde. (Zugleich ein Beitrag zum tuberkulösen ,, Initialfieber“.)
Verf. erörtert die Frage der initialen Fiebererscheinungen und des
Exanthems für die Frühdiagnose der Tuberkulose. Nach 2 Monaten, nach
denen in der Regel die Tuberkulinempfindlichkeit ausgebildet ist, wird man
mit den ersten auf Tuberkulose hinweisenden Erkrankungssymptomen rechnen
können. Exantheme sind zwar nicht allzu häufig beobachtet, aber bei sorg¬
fältigem Augenmerk auf diesen Zustand wird man sie weit häufiger finden.
Fritz L e n z - München: Die Uebersterblichkelt der Knaben im Lichte
der Erblichkeitslehre.
Die Untersuchung bezieht sich auf das Tatsachenmaterial aller Länder,
die statistische Angaben machen. Ueberall ist die Uebersterblichkeit der
Knaben nachzuweisen. Ueber die Ursachen dieser Eigentümlichkeit ist viel
diskutiert worden. Lenz ist der Meinung, dass sich die Uebersterblichkeit
zwanglos mit der modernen Erblichkeitslehre erklären lässt. Da das weib¬
liche Geschlecht homogametisch, das männliche heterogametisch in bezug auf
seine Erbanlagen ist, kann angenommen werden, dass damit ein Teil der
rezessiven krankhaften Erbanlagen in der Regel nur im männlichen Ge¬
schlecht zur Auswirkung kommt.
J. K a u p - München: Der Wert der Cholera- und Typhusschutz¬
impfungen nach den Kriegserfahrungen.
Der Wert der Cholera- und Typhusschutzimpfung, der nach den Kriegs¬
erfahrungen als ausserordentlich gross angesehen werden muss, ist besonders
von Weil und Friedberger angezweifelt und einer starken Kritik
unterzogen worden. Die vorliegende Arbeit ist eine Entkräftung dieser
Kritiken und bringt in streng sachlicher Ausführung zum Ausdruck, dass die
Anschauungen der beiden Autoren nicht aufrechtzuerhalten sind.
F. K o e 1 s c h - München: Die gewerbeärztliche Beurteilung der Arbeit an
automatischen Webstühlen.
Die Automatenweberei ist für die deutsche Textilindustrie von ausser¬
ordentlicher Wichtigkeit. Sie muss und kann aufrechterhalten werden, da die
Tätigkeit an den Webstühlen, wenn sie auch flotte, umsichtige und gesunde
Arbeiter benötigt, keineswegs gesundheitsschädlich ist. Die Klagen über
schädliche Einflüsse auf den Magen und das Nervensystem sind nach den
Erhebungen des Verf. unbegründet. Ein geschickter Mann kann ein 16-Stuhl-
system bequem beaufsichtigen, Leistungen bis zu 20 Stühlen würden aber nur
unter bestimmten Bedingungen zuzulassen sein. Wichtig erscheint eine ärzt¬
liche Auslese schon bei den in die Lehre' eintretenden Jungen.
E. K a 1 1 e r t - Hamburg: Die Hygiene des Gefrierfleisches.
Unter den derzeitigen Verhältnissen ist es nicht mehr möglich, dass der
Fleischbedarf des deutschen Volkes, der dauernd gesunken ist, mit deutschem
Vieh gedeckt werden kann. Es ist daher zu begrüssen, dass von seiten
grosser Gesellschaften der Fleischimport vom Auslande propagiert wird, ln
erster Linie kommt argentinisches Fleisch, das im Ursprungslande einer sehr
genauen sanitären Untersuchung unterzogen und in vorzüglicher Qualität ge¬
liefert wird, für uns in Frage. Es unterliegt einer Vorkühlung und gelangt
dann in die Gefrierräume, die auf 10 — 20° C unter Null gehalten werden.
Je nach der Grösse und Dicke der Stücke dauert der Gefrierprozess 80 bis
100 Stunden. Vor dem Verbrauch wird das gefrorene Fleisch am geeignetsten
in Auftauräumen aufgetaut. Die Gefahr einer nach dem Auftauen einsetzenden
sofortigen Zersetzung ist nicht sehr gross, da bei sachgemässem Vorgehen
das Fleisch ruhig 8 — 10 Tage' aufbewahrt werden kann, ohne ein Verderben
befürchten zu müssen. Der Nähr- und Genusswert leidet durch den Gefrier¬
prozess nicht. Auch für Kenner ist ein sachgemäss behandeltes und zu¬
bereitetes Gefrierfleisch von frischem Fleisch mit Sicherheit nicht zu unter¬
scheiden.
Martin Hahn-Berlin: Die Verbilligung der Leichenbestattung., Eine
hygiensch-wirtschaftliche Studie.
Wenn sich auch in manchen Städten die Leichenverbrennung wirt¬
schaftlich rentiert und billiger gestellt hat wie die Leichenbestattung, so tritt
doch zur Zeit der finanziellen Not die letztere in den Vordergrund. Die
Leichenbestattung ist aber so teuer, dass armen Privaten ernstliche Sorgen
erwachsen, wie sie ein Begräbnis Angehöriger erschwingen sollen. Man hat
eine Verbilligung gesucht in der Art der Ersatzsärge aus Pappe, dünnstem
Holz. Gips etc. Auch „Leihsärge“ und „Uebersärge" sind in Vorschlag ge¬
bracht worden. Es befriedigen aber nicht alle die hygienischen An¬
forderungen. Ersatzsärge, die leicht unter der Last der Erde zusammeu-
brechen, sollen vermieden werden, weil die schnellere Zersetzung eine
massenhafte Ausstreuung (bei infektiösen Leichen) von gefährlichen Bakterien
in die Umgebung bedingt, die durch einen resistenten Sarg hintangehalten
wird. Verf. empfiehlt zur allgemeinen Einführung einen Normalsarg von
40 — 50 cm Höhe und 2 cm Wandstärke in billigster Ausführung. Sammel¬
transporte von Leichen und die Verringerung der Grabestiefe auf 1,2 m.
Nach Berechnungen sollen auf diese Art die Begräbniskosten auf etwa die
Hälfte reduziert werden können.
R. G r a s b e r g e r - Wien: Krankheit, Fortschritt und Hygiene.
Eine lesenswerte Studie.
A. W a I d m a n n - Berlin: Sportärztliche Erfahrungen im Reichsheere.
Neben dem früheren Geräteturnen und Freiübungen werden z. Z. auch
Bewegungsformen, wie Laufen, Springen, Werfen und Spiele getrieben.
Ueber die hierbei gemachten Erfahrungen wird berichtet. Grössere Reihen
von Beobachtungen über das Kreislaufsystem, den Puls, den Blutdruck, das
Herz, die Blutkörperchen, die Atmung und die Körperwärme liegen vor und
werden besprochen.
K. S ü p f 1 e - München: Mikrochemische Untersuchungen über das Ein¬
dringen des Sublimates in den Bakterienleib.
Durch eine sehr geschickte Darstellungsmethodc konnte gezeigt werden,
dass Sublimat in Milzbrandbazillen allmählich cindringt und alsdann durch
Umwandlung in Quecksilbersulfid mittels Schwefelwasserstoff sichtbar ge¬
macht wird. Man beobachtet dann das Quecksilber als kleinste schwarze
Pünktchen, besonders schön aber bei Dunkelfeldbeleuchtung.
A. N i s s 1 e - Freiburg: Theoretische Erwägungen über die Beziehungen
zwischen Parasit und Krankheit unter besonderer Berücksichtigung der
progressiven Paralyse.
Verf. gibt nach Besprechung der Literatur eine Erklärung für das Zu¬
standekommen des Paralyseprozesses unter dem Einfluss der Spiro :häten
und geht dann auf die anscheinend sehr wichtige Beteiligung der Haut über,
deren Alteration im Syphilisverlauf später vor Paralyse zu schützen scheint.
Therapeutisch würde eventuell eine Superinfektion der Haut mit Spirochäten,
um der Paralyse aus dem Wege zu gehen, angebracht sein.
Alois L o d e - Innsbruck: Hemmung und Bakterlophagenwlrkung beim
Bacillus pyocyaneus.
Rudolf H e c k e r - München: Studien über Sterblichkeit. Todesursachen
und Ernährung Münchner Säuglinge.
Infolge der ausgezeichneten Regelung der Münchner Kinderfürsorge be¬
finden sich 80 — 84 Proz. aller Münchner Säuglinge in Fürsorge. Die Sterb¬
lichkeit beträgt (1915 — 1919) 13,1 Proz., gegenüber den Kindern ausserhalb
der Fürsorge (Mittelstand, Oberschicht), deren Sterblichkeit 19,5 — 23 Proz»
beträgt. Ein sog. Sommergipfel der Säuglingssterblichkeit fehlt vollkommen,
dafür zeigt sich ein Spätwintergipfel, der aus den Atmungserkrankungui
(Grippe) zu erklären ist. Ernährungsstörungen geben keine Veranlassung zu
vermehrten Todesfällen. Die Nichtgestillten haben eine mehr als doppelt
so hohe Sterblichkeit als wie die Gestillten (21,9 Proz. gegenüber 10,3 Proz.).
Von Fürsorgekindern werden etwa 70 Proz. gestillt und zwar meist
18 Wochen, die Unehelichen erhalten die Brust im Mittel 10 Wochen.
P. Uhlenhut h, L. Lange, H. E. Kersten: Ueber das Fried¬
man n sehe Tuberkuloseschutz- und Heilmittel. II. Mitteilung: Immun!-
sierungs- und Heilungsversuche mit den Friedmann sehen Schildkröten¬
bazillen an Meerschweinchen und Kaninchen.
Die Verfasser sprechen sich summarisch dahin aus, dass, abgesehen von
einer gewissen Verzögerung in einzelnen Fällen, eine durchgreifende Schutz-
und Heilwirkung der Friedmannbazillen an den von ihnen geprüften
Laboratoriumstieren nicht festzustellen war.
Uhlenhut h und E. Heiler: Die Desinfektion tuberkulösen Aus¬
wurfes durch chemische Mittel. IV. Mitteilung: Die Verwendung des
Chloramins.
Das Chloramin T (Para-Toluolsulfonchloramid-Natrium) eignet sich
zur Desinfektion des Sputums sehr gut. Es ist in 5 proz. Lösung (nicht über
8 Tage alt) in doppelter Menge dem Sputum zuzusetzen. Die Desinfektion
soll 4 Stunden betragen. R. O. Neumann - Hamburg.
Klinische Wochenschrift. 1923. Nr. 34.
G. B a e r - München : Ueber die Indikationen zur chirurgischen Behand¬
lung der Lungentuberkulose. Uebersichtsaufsatz.
W. Stepp und G. Düttmann - Giessen, z. T. gemeinsam mit
B. Behrens: Ueber die Gewinnung von Gallenblaseninhalt mittelst der
Duodenalsonde.
Experimentell-klinische Studien über den Gallenblasenentleerungsreflcx.
U. a. ist durch den Augenschein der Beweis erbracht, dass die Gallenblase
durch Einspritzung von Wittepepton ins Duodenum zur Austreibung des
Inhalts veranlasst werden kann.
E. P r i b r a m - Giessen: Zur Gewinnung von Blasengalle mittelst des
Wittepeptonreflexes.
Verf. konnte bei Laparotomien direkt die Wirkung eingespritzten Witte¬
peptons auf die Gallenblase sehen.
G. Musa- Berlin: Ueber die Senkungsreaktion der roten Blut¬
körperchen und ihre Ursachen.
Für die Diagnose der Gravidität leistet die Senkungsreaktion nicht mehr
als die bisherigen anderen Methoden. Zu den Höher sehen Anschauungen
wird Stellung genommen.
J. S t r a s b u r g e r - Frankfurt a. M.: Behandlung der Migräne mit
Lumlnal.
Es werden auffallend günstige Wirkungen an einer Anzahl von Fällen
mitgeteilt. (0,1 g pro Tag, sehr lange Zeit fort.)
A. W. F i s c h e r - Frankfurt a. M.: Ueber eine neue röntgenologische
Untersuchungsmethode des Dickdarm: Kombination von Kontrasteinlauf und
Luftaufblähung.
Vergl. Bericht über den Chirurgenkongress 1923. (Hier bildliche
Wiedergaben.)
F. Glaser- Berlin-Schöneberg: Die Vcrdauungsleukozytose.
Untersuchungen an 300 lebergesunden Menschen zeigten, dass es weder
eine alimentäre Leukozytose, noch alimentäre Leukopenie gibt, sondern der
>8. September 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1239
vVechscI ist das normale Verhalten. Auch der Salzsäuregehalt des Magens
st nicht das entscheidende Moment. Gewisse Spontanschwankungen sind
\usdruck von Tonussehwankungen im Gelässsystem.
i m } r a c h und I r. S i m h a n d 1 - Wien: Ueber den Ca- und K-Gehalt
les Blutserums bei Ekzematikern.
Die Ansicht, das konstitutionelle Ekzem sei eine vagotonischc Erkran-
ung. hisst sich aus dem Verhältnis des Ca- zu den K-Werten nicht be¬
tätigen, dieses Verhältnis ist vielmehr bei den Ekzematikern normal.
'Ve'tuclle Erfolge der Ca-Therapie sind hieraus nicht zu erklären.
A. M ü I 1 e r - Rostock : Ueber Galvanopalpation.
(aa'van°Palpation als diagnostische Hilfsmethode wird abgelehnt
W. H e u b n e r - Göttingen: Ueber eine Wirkung fein disperser an-
rganischer Substanzen.
F. K r ö m c k e - Bonn: Ueber die Chlninempfindliclikeit von Serum- und
irganhpasen. Kurze wissenschaftliche Mitteilung.
K. H e 1 1 in u t h - Hamburg: Beitrag zur operativen Behandlung der
amatometra etc. Kasuistisches. Grassmann - München.
Deutsche medizinische Wochenschrift.
Ni . 3-4. O. Minkowski- Breslau: Zur Insulinbehandlung des Diabetes.
Bericht über gute Erfolge, über die Bezugsquellen und weitere Her-
ellungsmöglichkeiten des Präparates.
J. van der H o e d e n - Utrecht : Die Komplementbindungsreaktion zur
lagnostik der Echinokokkenkrankheit beim Menschen.
90 Echinokokkenseren reagierten positiv. Auch Syphilisseren reagieren
lspezifisch oft positiv. Seren von Band- und Spulwurmträgern können eine
ruppenrcaktion geben (unspezifische Reaktion in weniger als 1 Proz der
alle).
• in' P 1 e 1 n e w - Moskau: Zur Frage über die Azidität des Magensaftes
ii Ulcus ventriculi und duodeni in Zusammenhang mit Unterernährung.
1 . Die Geschwüre finden sich oft bei normaler oder niedriger Azidität Die
zidität ist nur ein Symptom, nicht die Ursache des Geschwürs. Gesteigerte
ziditüt fand sich bei Hungernden ausnahmsweise nur beim Duodenal-
pschwür, die Regel scheint eine Abnahme der Azidität zu sein.
.R\. F- e, iss-Berlin: Zur Diagnose des Magen- und Duodenal-
iscinvurs mittels Proteinkörperinjektion.
Nach intravenöser Injektion von Novoprotin tritt bei organischen Er-
ankungen des Magens oder Darms eine Herdreaktion in Form gesteigerter
jnschriebcner Druckempfindlichkeit auf, welche zur Unterscheidung nament-
h von psychogenen Beschwerden dienen kann.
i . Schürmann - Dresden: Ausgedehnte Achseldrüsenverkäsung im
.»folge einer Ponndorfimpfung. Siehe Bericht M.m.W. 1923 S. 547.
T e g t m e i e r - Landeshut: Die Senkungsgeschwindigkeit der roten
utkörperclien im Zitratblut bei der Lungentuberkulose.
B. I e n c kh o f f - Elberfeld: Die Entstehungsursache der Achsen-
ehung innerer Organe und die Erklärung des K ü s t n e r sehen Gesetzes.
T. erörtert namentlich den Einfluss der Gehbewegungen auf die Dreh-
:htung lateral gelegener Organe.
J: ,Na K e [-HaHe: Therapeutische Wirkung des Bismogenols in der
pbilisbehandlung.
Das Bismogenol (T o s s e) ist ein zur Syphilisbehandlung durchaus ge-
tnetes Präparat.
E. \\ e i s s - Pistyan : Zur Physiologie der ,, Sprechphänomene“.
R. Klotz- Dresden: Hypophysenextrakt bei Kreislaufschwäche und bei
rmiähmung.
K. betont die sehr guten Erfolge des Hypophen-Gehe bei kapillarer
leislauisch wache und bei Tonusverminderung der Darmmuskulatur.
B r ü c k e n - Köln: Ueber chronische Benzolvergiftung
2 Krankengeschichten mit Blutbefunden.
I. A lsbe r g - Hamburg: Eine einfache und praktische Stuhlunter-
.•mungsmethode.
I A. empfiehlt die Benzidinprobe nach Gregersen-Boas.
.... Sc hur ig- Berlin: Zur Behandlung von Neuralgien mit hochfrequenten
* onJen* uute Erfolge bei Ischias, Okzipital-Supraorbitalneuralgie usw
jhand^rmH Hö^ensS“8 ** C°niunCtivitis vernaIis durch
: Pu st- Jena: Eine Querstandszange. (Mit Abbildungen.)
Bergeat - München.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1923. Nr. 30^32.
Nr. 30 G a 1 1 i - Va 1 e r i o et M. de W e r r a - Lausanne: Premier cas
lfection a Hypoderma bovis de Geer chez l’homme du Suisse.
Ii Ga^en15 P ' BaSCl: ZUF Frage d6r Keratitis traumat'ca infolge Einwirkung
• Aüf ,Qrand 2°iahrieer eigener Erfahrung betont Verf. gegenüber
-re bei, dass traumatische Keratitis nicht nur durch Gaseinwirkung in
kosefabriken sondern auch bei Arbeiten mit Dimethylsulfat, Chloressig-
re, Allylalkohol auftritt. Er weist auch hin auf die Einwirkung von H2S
I der Kampfgase (Gelbkreuz) auf die Hornhaut.
O. B a y a r d - St. Niklaus: Ueber das Kropfproblem. (Schluss folgt.)
K r a n z f e 1 d - Zürich: Intraabdominale Blutungeil aus dem Corpus
mm.
Beschreibung von 3 Fällen mit genauer histologischer Untersuchung des
pus luteum. Es ergab sich kein Anhaltspunkt für Gravidität, sondern nur
kulansation. Die Blutung wird begünstigt durch die Hyperämie während
Periode und durch Traumen.
X a v l e r - Lausanne: La recherche de l’hömoclasie digestive dans les
uelles d encüphalite lethargique.
Nr. 31. H o 1 s t - Kristiania: Kolilehydratstoffwechsetanomalien und Pan-
asveranderungen bei Morbus Basedowil.
\erf. fand an grösserem Material (191 Fälle) von Basedowkranken in
„--,r.oz\ Diabetes, der als thyreogen aufzufassen ist. Er berichtet über
alle, in denen die Kohlehydrattoleranz kontrolliert wurde und fand nicht
en. dass die Herabsetzung derselben den Basedowsymptomen parallel
und dass günstig durch Operation beeinflusste Kranke die Glykosurie
leren. Bei 10 Sektionen war 6 mal das Pankreas verändert, die Zahl der
ngerhans sehen Inseln vermindert.
Je s sen - Davos: Ueber das Friedmann sehe Tuberkulosemittel.
Das Mittel wird jetzt auch in der Schweiz hergestellt und Verf.
empfiehlt seine Anwendung bei geeigneten Fällen, da die Erfolge in der Tier¬
medizin 1 (C a sp a r i u s) für seine Wirksamkeit sprechen. Verf. selbst hat
früher das Mittel in einer kleinen Reihe von Fällen angewandt und ausser-
ordenthehe, jahrelang anhaltende Erfolge gesehen und auch einige schlechte
. ’e» Er ‘lelrf hervor, dass man mit Geduld auf den Erfolg warten müsse, der
sich erst nach Jahren einstelle.
W. Hoff man n-St. Gallen: Zur Verhütung der Diphtherie.
minhthpriPin'vL w', c?\ 50 Kindt;rn das Behring sehe Schutzmittel
( lphthentloxin-antitoxin) angewandt und keine Diphtherieerkrankung danach
gesehen trotz ungünstiger äusserer Verhältnisse (kinderreiche Proletarier-
iamilicn), auch keinerlei unangenehme Nebenwirkungen.
c ty a NllcIlauts: Ucber das Kropfproblem. (Schluss.)
Schon 1916 hat Verf. in 5 Familien seines Praxisbereichs die Kropf-
prophy laxe und -therapie durchgeführt, indem er dem Kochsalz bestimmte
Mengen Jodkali zusetzte. Die guten Erfahrungen bewogen ihn, die Versuche
auf breiterer Grundlage fortzuführen. An die ganze Bevölkerung von
,\561 und 577 Einwohner) wurde jodiertes Kochsalz verabreicht
wo nW3ci °’°“ S dodkah, au[. 5 kE Kochsalz (die Jahresmenge pro Kopf).
, . ^ 1 j. ® rumen gmsen deutlich zurück, um so ausgesprochener, je jünger
die Individuen waren Unbeeinflusste Strumen verkleinerten sich noch bei
Erhöhung der Dosis (auf 0,1 g Jodkali), ohne dass unangenehme Neben-
S!:TrraU^ten' 1',örJ,‘llr a|fgemeine Kropfprophylaxe in der Schweiz
empfiehlt Verf. „A mg Jodkali auf 5 kg Kochsalz im ersten Jahr und
Steigerung auf 5, lA und 10 mg in den folgenden Jahren. Er glaubt, dass
Ia der Schwdz durch die Kropfprophylaxe auch mehr als die Hälfte der
Krebsfallc vei hüten lässt, weil die Schädigungen durch Hypothyreose und die
Veränderung der Schilddrüse leichter zu Krebs führen.
Nr. 32. W i n l e r - Luzern: Akute gewerbliche Quecksilbervergiftungen.
In einer Kunstseidefabrik erkrankten 10 Arbeiter, die Hg-Dämpfen aus-
gesetzt waren, nach 1—3 Tagen an typischer Hg-Vergiftung, alle mit
Stomatitis und Allgemeinerscheinungen (Kopfschmerz, Frösteln), ein Teil auch
mit Durchfällen oder Verstopfung, Albuminurie und Nephritis.
5’ 1 t?,e r." Zü™k: Die Röntgenbehandlung des Brustkrebses.
Bericht über 86 eigene Fälle, davon 34 nicht operierte, die z. T. vorüber¬
gehend gebessert wurden, 52 operierte und nachbestrahlte. Von den letzteren
sind^22 wenigstens 3 Jahre nach der Operation beobachtet, davon 8 gestorben,
17 — 77 Proz. haben den 37. Monat erlebt. Die Methode der Wahl ist
Operation und Nachbestrahlung, nicht Bestrahlung allein.
v R 0 ’-.n m, a n n " Ragatz-Lugano : Ueber einige wenige praktisch wichtige
Kontraindikationen der Ueberweisung kompensierter Herzkranker in unsere
schweizerischen Kurorte.
Kurortaufenthalt in der Schweiz ist Uebungstherapie; kontraindiziert ist
er bei kompensierter Koronarsklerose, wenn der Puls frequent ist und bei
Bewegungen rasch ansteigt unter Schmerzen, wenn Pulsus alternans besteht,
dessen Propiose infaust ist, wenn latente Angstideen vorhanden sind, die '
zu Hause oft durch das Milieu beherrscht werden, im Kurort aber zum Aus¬
bruch kommen und den Zustand wesentlich verschlechtern. Bei kompen¬
sierter Dilatation bildet ebenfalls die latente Angstidee eine Kontraindikation
besonders bei gelegentlichem Versagen der Digitalis, und toxische Infektions¬
reste nach überstapdener frischer Infektion besonders bei alten Herzen.
Silber st ein: Ueber ein neues Heilmittel in der Herztherapie.
Empfehlung eines Mittels Eurython, dargestellt aus dem einheimischen
Weissdorn (Hausmann A.G., St. Gallen), das an Stelle von Digitalis und mit
dieser kombiniert günstig wirken soll.
W a s e r - Lausanne: Primäres Spindelzellensarkom des Menschen.
L. Jacob- Bremen.
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
o 34‘ B r e ' t n e r - Wien: Bemerkungen zur Jodwirkung auf die
Schilddrüse.
Das Kolloid ist als Speichersekret der Schilddrüse aufzufassen und wird
durch Jod aktiviert und nach Bedarf in den Kreislauf übergeführt. Im
Parenchymkropf wird durch Jod die Abfuhr zunächst gehemmt. Diese
Abfuhrhemmung gelangt auch bei gewissen Formen von Basedow, welche auf
Hyperthyreoidismus beruhen, zur günstigen Wirkung.
D. Scherf -Wien: Zur Frage der akuten Leukämie und Leuko-
sarkomatose. Krankengeschichten und Obduktionsbefund von 4 Fällen.
P r i t z i und L i c h tm a n n-Wien: Ueber Azetonurie in der Schwanger¬
schaft.
Die Untersuchungen bestätigen die Angabe von N o va k und P o r g e s
über die erhöhte Bereitschaft zur Azetonurie bei Schwangeren und die
diagnostische Verwertbarkeit dieser Tatsache. Positive Reaktion ist sicher
beweisend, negative macht Schwangerschaft unwahrscheinlich.
F. Fis c hl- Wien: Die Hauttuberkulose als Organsystemerkrankung.
Nr. 35. L. K a r c z a g - Pest: Ueber die Tangentialperkussion.
Beschreibung; der Methode und ihrer Vorteile besonders zur Abgrenzung
sternaler Dämpfungsbezirke.
K. B a r c h e 1 1 i - Wien: Beitrag zur Klinik der Tuberkulose im Säug-
hngsalter.
Beschreibung eines Falles mit längerdauernder Röntgenkontrolle (Bilder).
R. Latzei- Wien: Beeinflussung der Harn- und Blutzuckerwerte und
Azetonurie beim Diabetes mellitus.
Versuche mit Seruminjektionen und mit Darreichung von rohem
Schweinepankreas.
L. St ein- Wien: Zur medikamentösen Therapie der Angstzustände.
Es gibt Angstzustände (Phobien) bei gewissen Psychopathen und
Neurasthenikern, bei welchen eine Hyperämie der kortikalen und sub¬
kortikalen Arteriengebiete im Spiele zu sein scheinen; hier wirken Herzmittel
oft günstig ein, z. B. das Digipurat, bisweilen auch in eklatanter Weise
Nitroglyzerintabletten (0,0005 g).
Wiener medizinische Wochenschrift.
Nr. 24. E. M a y e r h o f e r - Wien: Ueber die epidemiologische Be¬
ziehung zwischen Herpes zoster und Varizellen.
M. verzeichnet 2 Fälle von Herpes zoster, an die sich (in der Klinik)
je einige Varizellenfälle inndrhalb der Inkubationszeit anschlossen. Es
empfiehlt sich daher die Isolierung solcher Herpesfällc.
1240
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
Nr. 25. E. Sit ta- Wien: Beitrag zur Frage der Salvarsanerytheme.
Fall von universellem Erythem (nach der 3. Injektion) mit sekundärer
infektiöser Dermatitis, das sich bei einer späteren Neosalvarsaninjektion
wiederholte.
Nr. 26. K. K u n d r a t i t z - Wien: Ueber Masernprophylaxe mit Masern¬
rekonvaleszentenserum.
K. bestätigt vollauf den Wert des Verfahrens. Es konnten unter den
nötigen Vorsichtsmassnahmen die Diphtherie- und Masernabteilung der Klinik
zusa-mmengelegt werden.
Nr. 27. F. T u r a n - Franzensbad: Gebärmutterblutungen und Moor¬
bäder.
Die günstige Wirkung von Moorbädern bei verschiedenen Formen der
krankhaften Gebärmutterblutungen ist bekannt. T. wendet auch bei Dys¬
menorrhöen und bei der physiologischen Menstruation mit Erfolg kurze kühle
Moorhalbbäder an, wie er überhaupt dem Bade während der Menstruation
das Wort redet. B e r g e a t - München.
Auswärtige Briefe.
Briefe aus China.
Peking, 24. VII. 23.
Medizinschulen in China. — Das Peking Union Medical College.
Das Medizinstudium in China hat hauptsächlich durch die Arbeit und
Hilfe der verschiedenen Missionsgesellschaftcn in den letzten Jahren grosse
Fortschritte gemacht. Unter den 27 Medizinschulen in China eine auf
je 15 Millionen Einwohner! — sind 14 rein chinesische Einrichtungen, 3 davon
werden von der Zentralregierung, 7 von den einzelnen Provinzen und 4 von
privaten Vereinigungen aufrechterhalten und betrieben. Als Volluniversität
in unserem Sinne kann höchstens die Nationaluniversität in Peking angesehen
werden, die übrigen Hochschulen sind alle mehr oder minder unvollständig.
Von den 11 ausländischen Medizinschulen sind 8 in Händen von Missionen,
teilweise recht stattliche, modern eingerichtete Institute, an 2 Schulen sind
Ausländer und Chinesen gemeinsam beteiligt, 3 weitere — davon eine rein
chinesisch — dienen ausschliesslich der medizinischen Ausbildung weiblicher
Studierenden. Von all diesen Schulen sind nur 3 im eigentlichen Innern, alle
andern an oder nahe der Küste gelegen. Die Gesamtzahl der Medizin¬
studierenden beträgt nach den neuesten Zusammenstellungen etwas über 2000,
darunter etwa 100 Frauen, % aller studieren in den von Ausländern geleiteten
Instituten.
Die Ausbildung an den chinesischen Regierungsschulen lässt durchweg
noch viel zu wünschen übrig, Laboratoriumseinrichtungen fehlen entweder
ganz oder sind recht dürftig, der Unterricht in Anatomie und Naturwissen¬
schaften wird rein theoretisch an Hand von Büchern, günstigenfalls mit Hilfe
von Wandtafeln und Präparaten gegeben. Nicht viel besser steht es meist
mit dem klinischen Unterricht.
Unter den fremden Schulen nehmen das Hunan-Yale Medical College in
Changsha, eine Gründung früherer Schüler der amerikanischen Universität
Yale; die South-Manchurian University in Mukden, von Japanern gegründet
und von der South Manchurian Railway Co. unterhalten; die Shantung Christian
University in Tsinan, die englische Universität in Hongkong und schliesslich
das Peking Union Medical College eine hervorragende Stellung ein.
Diese letztere Anstalt entspricht nicht nur allen Anforderungen eines
wissenschaftlichen Lehr- und Forschungsinstituts, sondern ist durch seine
grosszügige und aufs modernste und praktischste ausgestattete Anlage zu
einem einzig in seiner Art dastehenden Musterinstitut geworden.
Ursprünglich eine Gründung der Londoner Mission im Jahre 1906 wurde
das Institut durch Zusammenschluss zweier weiterer englischer und dreier
amerikanischer Missionen vergrössert, die Kaiserin-Witwe und führende
chinesische Beamte wurden für Zuschüsse gewonnen und früh schon wurde
das College, in dem damals der Unterricht in chinesischer Sprache erteilt
worden war, vom Unterrichtsministerium als Hochschule anerkannt und den
Absolventen der Doktortitel verliehen. Im Jahre 1915 hatte die Rockefeller-
stiftung, welche durch mehrere Kommissionen seit 1908 die Verhältnisse in
Ostasien mit Rücksicht auf die Gründung eines grossen medizinischen Zentral¬
instituts hatte studieren lassen, durch Vermittlung des inzwischen von ihr
eingerichteten China Medical Board das ganze College übernommen und mit
dem Neubau der Anlagen und der Reorganisation begonnen. Das mit einem
Aufwand von ca. 8 Millionen Golddollar errichtete neue Union Medical
College der Rockefellerstiftung wurde im Herbst 1921 unter Anwesenheit
vieler namhafter medizinischer Gelehrten und hoher chinesischer Würden¬
träger eingeweiht.
Die 14 grossen Gebäude auf weitem Areal sind im Stil der klassischen
chinesischen Tempel und Paläste gebaut und reihen sich mit ihren ge¬
schweiften, mit grünen Lasurziegeln belegten Dächern von weitem schon
wohltuend in die Gesamtarchitektur der Stadt ein. Die scharlachroten
Säulen, die grün, blau und gold bemalten, reichen Verzierungen der Dach¬
friese, die breiten Drachenmuster aus karrarischem Marmor, welche die
Aufgangstreppen zu den Gebäuden im vordem Hof teilen, sind von chinesi¬
schen Künstlern nach Muster des kaiserlichen Sommerpalastes entworfen und
tragen dazu bei, den chinesischen Kranken, die das im selben Stil gehaltene
Hospital besuchen, die Scheu vor dem Fremdländischen zu nehmen und sie
in gewohnter Umgebung sich heimischer fühlen zu lassen.
Grosse, hohe Räume und weite terrazzobelegte Gänge, welche durch
eine Saugluftanlasre und elektrische Ventilatoren kühl gehalten werden, er¬
leichtern die Arbeit im Sommer, wenn Temperaturen über 40° im Schatten
an der Tagesordnung sind. Besondere Räume zur Aufbewahrung von
Laboratoriumsmaterial werden durch eisgekühlte Luft ständig auf niederer
Temperatur gehalten. Die einzelnen Institute, jedes in besonderen Gebäuden
untergebracht, sind mit Räumen für Unterricht, Laboratorien und Sammlungen
aufs modernste eingerichtet, jedes der vielen Laboratorien ist mit Kalt- und
Heisswasser, elektrischem Strom für 2 Qualitäten, Gas und Druckluft ver¬
sehen, eine besondere Leitung liefert eisgekühltes, keimfreies Trinkwasser,
eine hier draussen im Osten besonders wohltuende und geschätzte Ein¬
richtung. Der rege innere Verkehr zwischen den einzelnen Abteilungen wird
durch etwa 200 Telephone erleichtert, während schriftliche Mitteilungen durch
eine Anzahl ständiger Boten, die regelmässig die einzelnen Institute durch¬
wandern, übermittelt werden. Das Rufsystem für die Aerzte besteht aus
Lichtsignalen, die in den Gängen und Abteilungen aufflammen.
Die Krankensäle der dreistöckigen Hospitalsbauten haben grosse lages-
räume und geräumige Veranden und sind mit 25 Betten belegt, die aui der
Kinderstation durch hohe Glasscheidewände voneinander getrennt sind.
Die üesamtbettenzahl ist auf 250 beschränkt, da das Hospital wesentlich
Unterrichts- und Studienzwecken dienen soll. Angenehm und die Nachtruhe
der Kranken nicht störend wirkt die Bodenbeleuchtung, eine in die Mitte des
Saalbodens eingelassene und mit dickem blauen Glase bedeckte Glühlampe,
durch Steckkontakt mit Anschluss an den Elektrokardiographen in allen
Krankenräunien und dem physiologischen Laboratorium wird die Aufnahme
der Kurven für Arzt und Kranken bedeutend vereinfacht. Die 4 Operations¬
säle befinden sich im luftigsten und ruhigsten obersten, 4. Stock, da aber alle
Räume der durch 5 Lifts untereinander verbundenen einzelnen Stockwerke
auf gleicher Ebene liegen, lässt sich der Transport der Kranken auf Roll¬
betten leicht und schnell überallhin bewerkstelligen.
Während das anatomische Institut über hinreichend Leichenmaterial ver¬
fügt, das in grossen mit Steinöl gefüllten Tanks aufbewahrt sich ausgezeichnet
hält,’ ist die Zahl der Autopsien einstweilen noch recht klein. Obwohl seit
1913 die Sektion von Leichen gesetzlich erlaubt ist, stösst man, wenn es sich
darum handelt, die Erlaubnis von den Anverwandten zu erlangen, noch auf
grosse Schwierigkeiten und oft wird ein Schwerkranker noch in extremis
nach Hause weggeholt; so geht dem -pathologischen Institut viel klinisch
interessantes Sektionsmatcrial verloren, wofür das aus allen Teilen Chinas
zugehende Untersuchungsmaterial einigen Ersatz bildet. Die parasitologische
Abteilung findet dagegen ein um so grösseres Feld der Betätigung, die reiche ,
Helmintliensanimlung zeigt, welche Arbeit unter der Leitung von Dr. Faust
schon geleistet wurde. Die Versuchstierstation umfasst mehrere. Tausend
Tiere, die das Herz jedes jetzt von Deutschland kommenden Mediziners ent¬
zücken würden, nicht minder wie das Arbeiten in der überaus reich aus- i
gestatteten Bibliothek, die über 22 000 Bände und ca. 450 laufende, zum .
grössten Teil medizinische Zeitschriften aller Lander, darunter allem 120
medizinische in deutscher Sprache enthält! Besondere Agenten haben
seinerzeit Europa bereist und ganze Jahrgänge aufgekauft.
Die von modernen Hilfsmitteln weit entfernte Lage des Instituts macht
zur rationellen Bewirtschaftung natürlich die Angliederung einer Anzahl von
technischen Betrieben und grosser Materialienlager nötig. Neben eigenen
elektrischen Kraft-, Gas- und tiefen Quellwasseranlagen, die das Institut
unabhängig von den städtischen Zentralen machen, besorgen eigene
Schreinereien, Schlosser-, Mechaniker- und Malereiwerkstätten die nötigen
Reparaturen und Neuarbeiten, Schneider und Nähstuben fertigen Kranken- und ,
Operationswäsche, die Wäscherei bewältigt maschinell täglich ca. 3000 Stück
Wäsche, eine photographische Abteilung, Druckerei und Poststation ver¬
vollständigen den Betrieb. In 2 abgegrenzten Vierteln mit zusammen
36 Häusern in der Nähe des Instituts hat jeder der Dozenten sein eigenes,
mit allem Komfort eingerichtetes Heim, 10 prächtig gehaltene Tennisplätze
bieten Dozenten und Assistenten Gelegenheit zur nötigen Körperbewegung, t
von der sich kaum einer fernhält.
Die Zahl der Dozenten und Aerzte am College und Hospital beträgt
47 Amerikaner und Engländer, nebst einer geringen Anzahl Angehöriger
anderer Staaten und 43 Chinesen, die zum grossen Teil ihre Ausbildung in
Amerika erhalten haben. Ausserdem halten noch Besuchsprofessoren
(Visiting Professors), die führende Stellungen im Ausland innehaben. Vor¬
lesungen, für die sie auf kurze Zeit bis zu einem Jahr eingeladen sind. Auf
diese Weise hat uns Prof. E. Fuchs aus Wien im letzten Herbst besucht
und einen Vorlesungskurs hier gehalten.
Die Studenten setzen sich aus Schülern und Schülerinnen chinesischer
Mittelschulen aller Provinzen zusammen, die dann noch 4 — 5 Jahre in einem
der amerikanischen oder englischen Colleges zum Medizinstudium vorgebildet
werden; durch pekuniäre Zuwendung des obenerwähnten China Medical
Board an etwa 15 Erziehungsinstitute im Lande — worunter auch an die
Medizinschule der Nationaluniversität — ist für guten Nachwuchs für das
Rockefellerinstitut gesorgt. Der Lehrplan am Medical College umfasst
3 Jahre Vorklinikum mit englischem und wahlweise deutschem oder französi¬
schem Sprachunterricht und 2 Jahre klinischem Studium, nach einem weiteren
praktischen Jahr auf den verschiedenen Stationen des Hospitals wird wie in
Deutschland erst die Approbation erteilt.
Zu einer besonderen Aufgabe hat sich das College die Entwickelung und
Ausbildung der Krankenpflege in China, gemacht. Bis jetzt sind noch eine
Anzahl chinesischer Wärter auf den Abteilungen tätig, die aber nach und
nach durch weibliches Personal ersetzt werden sollen, neben 26 amerikani¬
schen Krankenschwestern versehen ca. 40 chinesische -den Pflegedienst. Die
4 jährige Ausbildung zur geprüften Krankenschwester umfasst nicht nur
theoretischen und praktischen Unterricht in Krankenpflege und Diätküche,
sondern auch Kurse in englischer Sprache und Mittelschulfächern auf der
hiesigen amerikanischen Universität, die nach bestandenem Examen den
Bachelor-Grad verleiht. Die Pflegeschule des Instituts bildet somit einen
wichtigen Faktor bei der Förderung der modernen weiblichen Erziehung in
China..
Der „Medizintempel“, wie -die Chinesen das Institut nennen, erfüllt
schliesslich noch über den engeren Rahmen eines Krankenhauses hinaus eine
Mission als soziale Wohlfahrtseinrichtung. Eine besondere Abteilung (Social
Service) hat die Aufgabe, aus dem Spital entlassenen Kranken das Fort¬
kommen zu erleichtern, sie mit Kleidern, Krücken u. dergl. zu versorgen,
ihnen geeignete Stellen zu verschaffen, der Schonung Bedürftige und leicht
Tuberkulöse möglichst passend unterzubringen; ein Erholungsheim steht zu
diesem Zweck zur Verfügung. Durch Verbindung mit Wohlfahrtseinrichtungen
verschiedener Missionsgesellschaften, der Y. M. C. A., die hier in China eine
grosse Rolle spielt, der Heilsarmee usw. wird in selbstloser Weise unendlich
viel Gutes getan. Durch Vermittlung genannter Abteilung wird ferner die
Wiedervorstellung entlassener Kranker, die von besonderem klinischen
Interesse sind, bewerkstelligt, so dass in den ärztlichen Fortbildungskursen,,
die 2 mal im Jahre stattfinden und an denen Aerzte aus ganz China ieil-
nehmen, besonders reiches und ausgesuchtes Material gezeigt werden kann.
Für die Erziehung der Studenten ist auf mannigfache Art gesorgt, sie
wohnen in Alumnaten zusammen, haben ihre eigenen Lese- und Spielzimmer
und Bücherei, treiben Sport, der in China noch sehr vernachlässigt wird und
verbringen abwechselnd in Gruppen das Wochenende in einem schön ge¬
legenen Tempel der nahen Westberge, wohin sie mit dem grossen Lastauto
des Instituts gefahren werden. Im Auditorium maximum, das ein besonderes
Gebäude umfasst, finden neben regelmässigen Kinovorstellungen Theater- und
28. September 1923.
^MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
^uniessi'anUffÜhrUngen Statt’ deren ErträKnisse z- T- dcm Social service-Fond
Vorträge über die verschiedensten Themata allgemeinen Interesses,
für die das Institut namhafte Männer aller Nationen bei ihrem Aufenthalt in
Peking zu gewinnen weiss, tragen weiter dazu bei, das Peking Union Medical
LoHege zu einem geistigen Zentrum im fernen Osten zu machen, das unseren
westlichen hohen Bildungsstätten ebenbürtig, als Gegengewicht gegen die Hin¬
auf raschen Gelderwerb und flaches Geniesscn gerichtete Lebensweise eines
grossen Teils aller Ausländer hier draussen schon eine ganz neue Atmosphäre
in Peking geschaffen hat.
Auf dem Gebiete der Reinlichkeit und Gesundheitspflege hat der Einfluss
“*5 Instituts schon manche sichtbaren Erfolge erreicht: Barbierstuben,
Wäschereien und ähnliche Betriebe fangen an durch das „Wci-Sheng“ auf
ihren ausgehängten Schildern das Publikum darauf hiiizuweisen, dass in
ihren Laden nach sanitären Regeln verfahren wird. Das wachsende Ver-
trauen der Bevölkerung, die andernorts sich den westlichen Heilmethoden
gegenüber noch recht misstrauisch verhält, zeigt sich in der ständigen Zu¬
nahme der ambulanten Fälle — 15300 im letzten gegen 11400 im Vorjahre —
auch erlebt n,al1 als Arzt nicht selten Beweise rührender Anhänglichkeit und'
Dankbarkeit, die man im allgemeinen von Chinesen nicht gewohnt ist. v. P.
1241
Vereins- und Kongressberichte.
Medizinische Gesellschaft Giessen.
Sitzung vofh 19. Juni 1923.
Herr J e s s: 1. Demonstrationen:
a) Doppelseitiges Gliom der Netzhaut unter Behandlung mit Röntgen-
>trahlen.
b) Das Hesssche Pupilloskop mit Hinweis auf die Bedeutung der
uodernen 1 upilloskopie für beginnende Störungen der Lichtreaktion und die
irkennung der Farbensinnstörungen.
Aussprache: Herr Erhard.
2. Zur vergleichenden Ophthalmologie (Glaukom und Linsenluxation bei
I feren. Augenhintergrundsbilder).
| E*lc bpi Tieren bisher beobachteten Glaukome waren stets sekun-
a r e, meist hervorgerufen durch vorausgegangene Entzündungen und Ver-
I Hebungen des Kammerwinkels oder des Pupillarrandes. Im Gegensatz zum
umschlichen Auge ist auch das ausgewachsene Auge vieler Säugetiere erheb-
cher Ausdehnung fähig. Die Festigkeit der Horn- und Lederhaut scheint
enn Ger im allgemeinen geringer zu sein, jedenfalls wurde die Ausbildung
ines Hydrophthalmus von oft enormer Ausdehnung bei ausgewachsenen
terden, Rindern, Hunden, Katzen u. a. Tieren beobachtet. Es kommt dabei
lei seltener zur typischen Sehnervenexkavation. Primäre Glaukome sind
lSher im Tierauge nodh nicht mit Sicherheit festgestellt.
Makroskopische und mikroskopische Bilddemonstration eines doppel-
eitigen, kongenitalen Hydrophthalmus bei einem 1 tägigen Küken Es
anddtc sich um eine angeborene Verwachsung der Vorderblätter der Iris
ti I upillargebiet und Verklebung zwischen Pupillenrand und vorderer Linscn-
apsel mit resultierender hochgradiger Na.pfkucheniris und enormer Aus-
ehnung der ganzen vorderen Bulbushälfte. Der Sehnerv war nicht exkaviert
le wachsende, noch weiche Linse war durch den ständigen Zug der Zonula-
isern völlig abgeflacht, am Aequator vakuolisiert und zum Teil getrübt.
■a blj'dfpphthplnius einer 17jährigen Katze, als Folge chronischer endogener
idozyklitis bei gleichzeitigem Diabetes und Pankreasnekrose. In wenigen
ochen hatte das vorher ganz normale Auge sich enorm vergrössert durch
olhge Abflussbehinderung infolge Verklebung der Iris mit der Hornhaut-
nterflache. Starke Sehnervenexkavation. Die Linsenkapsel geborsten, als
urchsichtiges Diaphragma noch an den Zonulafasem hängend. Der getrübte
ern unten im verflüssigten Glaskörper, wie eine mazerierte Linse stern-
rmige Einschnürungen zeigend.
Aussprache: Herren Henneberg, Vossius.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 17. Juli 1923.
Herr Gg. B. G r u b e r: Besprechung einiger dunkler Krankheitsfälle und
rer pathologischen Anatomie am Lichtbildschirm.
1. Lymphangioma polycysticum subperitoneale von einer Frau, beob-
litet und operativ gewonnen von Ernst P u p p e 1. (Wird im Arcli f Gvn
•röffentlicht.) ‘ ’
2. Ueber primäre und sekundäre Sarkome im Bereich der Leber. Primäre
trkome auf dem Boden des Lebergewebes sind häufiger als diejenigen,
eiche aus der Gallenblase hervorgehen. Von letzteren liegt etwa ein
itzend Beobachtungen überhaupt vor. Lebersarkome entstehen nicht selten
zirrhotischen Lebern. Die Erfahrung eines aus mehrfachen Knoten be¬
henden Sarkoms in einer zirrhotischen Leber, deren Trägerin nach langem
tcheii noch ein kleines periostales Wirbelsäulensarkom auffinden liess. mahnt
r Vorsicht bei der Festlegung -der Diagnose primärer Lebersarkome.
3. Zahlreiche Beispiele von Zystennieren Erwachsener teils mit mächtiger
ganvergrösserung, teils ohne Volumzunahme der Nieren. Vorweisung eines
Ucs einer kugeligen, vorspringenden polyzystischen Gewebsbildung im
:reich eines Renculus des unteren Nierenpols eines alten Mannes. Histo¬
risch erwies sich die Bildung als ein sehr zellreiches Cystadenoina renis.
beweist die Richtigkeit der Anschauung, welche in den Zystennieren Fehl¬
dungen ersieht, welche durch geschwulstartiges Wachstum exzedieren
nnen. Klinisch war in diesem Fall der Tumor ohne Belang.
Kleine Mitteilungen.
Antialk oholkongresse.
.. ,E^e Sommcrs fanden unmittelbar aneinander anschliessend drei Anfci-
albliotagfeMc^ statt, ein internationaler in Kopenhagen, ein nationaler in
Mitteblnun.ktl,Id-ei|n ”nordwestdeUtscher Alkoholgegnertag" in Bremen. Im
Mittelpunkt des Interesses stand auf allen drei Tagungen die Verbotsfragc.
TCrhnM.1 ZT dao X^n01 Amerika, irl Finnland, in Island, das Halb-
I ?inH°prn Norw.CKU" ? So11 und ^nn man ähnliche Gesetze in den anderen
hafteste «rä/wt " ? UfS Warc" dlc Fragcn« die immer wieder auf das leb-
2(1 fahrpn Aii er w,lflrdetl- Au,lld dle Gemüter erregten, ähnlich wie vor
nicht mehr sTricf/t Abstlnenz oder Massigkeit, über die man jetzt
ri«r r 1 k a Schatze" die Vcrbots Regner, dass der Verbrauch nach
dHf. Trockenlegung um 70 Proz., also auf 30 Proz. zurückgegangen sei Das
schien vielen ein sehr anerkennenswerter Erfolg, anderen genügte cs nicht, um
ÄL?« bekannten Nachteile des Verbots in Kauf zu nehmen. Dilrch Z
i lt“ng,fn glng letzthin eine Mitteilung, dass sich in Amerika die
„Medical Alliance gegen das Verbot ausgesprochen habe. Das ist aber ein
k1riere1tenusew W<n!K angesebener Aerzteverein, von Leuten, die brieflich
kurieren _ usw. Die „American medical Association“ aber, der
nl.sc,he -A c r z 1 ey e r ei n “ , ha t kürzlich seine Meinung dahin kundgegeben:
A'kohol hat therapeutisch häufig günstige Wirkungen, ist aber ni.ht un-
Äf1?’ u".d da. jede, ärztliche Verordnung den Genuss alkoholischer
Getränke im allgemeinen begünstigt, sollte man sie vermeiden. Im Verbots¬
lande Amerika also stellt der allgemeine Aerzteverein diese Richtlinien auf
die ungefähr dem entsprechen, was die Abstinenten bereits 1907 auf dem
internationalen Antialkoholkongress in Stockholm forderten.
.. n F 1 a n d ilält ™ie in Amerika trotz der grossen’ Widerstände, die
die Durchführung des Verbots zu überwinden hat, Bevölkerung und
Pä r Iain ent mit grosser Majorität an dem Verbotsgedanken fest. Einem groben
Missbrauch der diesbezüglichen Gesetze durch Apotheker und Zahnärzte
wurde neuerdings durch drakonische Strafbestimmungen die Spitze abge¬
brochen. Auch in Norwegen wird viel über einen groben Missbrauch ge¬
klagt, den die Aerzte mit der Erlaubnis, alkoholische Getränke zu verordnen
treiben. Die skandinavischen, insbesondere die Verbotsländer, leiden
ausserdem schwer durch die bezüglichen Handelsverträge, insbesondere mit
Frankreich und Spanien; Norwegen musste mit Rücksicht darauf den er-
laUibten Alkoholgehalt von 12 auf 25 Proz. heraufsetzen.
Sehr lebhaft wurde über den Schmuggel geklagt, der die Wirkung
der Gesetze, namentlich von Deutschland aus in Skandinavien, aber auch im
allgemeinen in Ameiika schwer beeinträchtigt. Seine Bekämpfung wird in
Skandinavien durch die grosse Valutadifferenz sehr erschwert. Aber man
war sich doch darüber einig, dass zur Bekämpfung des Schmuggels und zur
Bekämpfung des Alkoholismus im allgemeinen internationale Vereinbarungen
unbedingt erforderlich sind.
In H a m b u r g handelte es sich um eine geschlossene Alkoholverbots¬
konferenz, die gemeinsam vom allgemeinen Zentralverband zur Bekämpfung
des Alköholismus (dem Zusammenschluss der deutschen Abstinenzvereine) und
dem Ausschuss für Alkoholverbot in Deutschland zur Klärung der Verbots¬
frage einberufen war. ln den Berichten wurde von Gästen aus Amerika.
Finnland, Norwegen, England, Dänemark, von Deutschen, die die Frage in
Amerika studiert hatten, eine Fülle von interessantem Material zur Sprache
gebracht. In der lebhaft benutzten Aussprache fehlte es nicht an Stimmen,
die dringend vor einer sofortigen Einführung eines Verbots in Deutschland
warnten, weil das deutsche Volk noch nicht reif dafür sei. Aber auch unter
ihnen erklärte z. B. Geheimrat W e y m a n n vom Deutschen Verein gegen
den Alkoholismus, er würde sich mit einem Verbot in einzelnen deutschen
Gliedstaaten nach dem Vorbild Amerikas wohl einverstand m erklären
können, warne aber vor der Forderung des Verbots für ganz Deutschland,
aus Rücksicht auf Bayern und das Rheinland, da dort sicher solche Forde¬
rungen den heftigsten Widerstand hervorrufen würden. — Konflikte, die
unter den jetzigen Verhältnissen zu vermeiden wären. Auf der anderen ’srite
aber wurde ein sofortiges Alkoholverbot für Deutschland von manchen
Seiten mit viel Temperament gefordert und findet bei vielen Alkoholgegnern,
aber offenbar auch in nicht alkoholgegnerisch orientierten Kreisen immer
mehr Anhänger. Bestimmte Richtlinien wurden in Hamburg nicht aufgestellt,
wohl aber im Anschluss an die Konferenz von dem deutschen Verbots¬
ausschuss (bereits in Nr. 37 d. W. veröffentlicht); ausserdem kam als Er-
gebnis der vorhergehenden Kongresse die allgemeine Stimmung wohl richtig
zum Ausdruck in zwei Entschliessungen, die in Bremen ange-
nommen wurden. Die eine forderte eine sofortige Notverordnung der Reiclis-
regierung, wodurch jede Verwendung von Nahrungsmitteln zur Herstellung
berauschender Getränke verboten wird aus Rücksicht auf die gegenwärtige
Not und den zunehmenden Alkoholismus. Die andere Entschliessung verlangt
möglichst baldige Verabschiedung des Schankstättengesetzes vom Reichstag
mit dem Gemeindebestimmungsrecht, allerdings mit den not¬
wendigen Verbesserungen gegenüber dem vorliegenden Entwurf.
Das Gemeindebestimmungsrecht wurde auch in Kopenhagen und Ham¬
burg begreiflicherweise eingehend besprochen und als geeignete, wenn nicht
unerlässliche Vorstufe für die Erlangung eines Verbotes hingestellt. In
Dänemark hat man damit in einer sehr eigenartigen Form bekanntlich sehr
gute Ergebnisse erzielt. Der Rückgang des Verbrauchs alkoholischer Ge¬
tränke und die daraus sich ergebende wesentliche Besserung der Gesund¬
heitsverhältnisse wurde allerdings in Kopenhagen von H i n d h c d e auf die
seiner Initiative entsprungene ' Kricgsrationierung zurückgeführt. Er trug
seine Grundsätze, die Vermeidung des Umweges durch das Schwein usw.,
mit viel Temperament vor und konnte sich für die Richtigkeit seiner
Statistiken auf die Aitorität des Volkswirtschaften We'stcrgaard in
Kopenhagen berufen.
Der Kopenhagener Kongress war von Deutschen und auch Deutsch-
Oesterreichern recht zahlreich besucht, was uns natürlich nur möglich war
durch eine sehr weitgehende Gastlichkeit der dänischen Abstinenten, für die
wir ihnen zu grossem Dank verpflichtet sind. Am Abend des ersten Kongress¬
tages in Kopenhagen wurde der Kongress durch die städtischen Behörden in
dem wunderschönen Rathaus empfangen, das erstemal, dass einer Abstinenz¬
organisation diese Ehre zuteil wurde. Im Anschluss hieran brachte uns die
abstinente Jugend Kopenhagens einen Fackelzug.
Delbrück - Bremen.
1242
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 39.
Frequenz der Scliweizerischen medizinischen
Fakultäten i m S.-S. 1923: Basel 264 (239 m., 25 w.), Bern 376 (338 m..
38 w), Genf 245 (213 m.. 32 w.), Lausanne 149 (137 in.. 12 w.). Zürich 447
(368 in., 79 w.). insgesamt 1385 (1211 tn„ 174 w.), davon 1075 (953 m., 122 w.)
Schweizer, 310 (258 in., 52 w.) Ausländer.
Assistenten- und Studentcnbelange.
Oesterreichische Studentenhille.
Der Kreis VIII (Deutsch-Oesterreich) der Deutschen Studentenschaft
hat 50 rcichsdcutsehe Studenten zum Studium für das kommende Semester
an die Wiener Hochschulen eingeladen. Die Studenten erhalten freie Fahrt
von Fassau bis Wien, unentgeltliche Unterkunft in den Studentenheimen.
Frühstück, Mittag- und Abendessen. Die Kollcggebührcn werden vollständig
erlassen. Im Falle grosser Mittellosigkeit wird auch Taschengeld abgegeben.
Bevorzugt sind Studenten, die aus dem besetzten Gebiet stammen. An¬
meldungen und Auskünfte beim Vorstand der Deutschen Studentenschaft.
Charlottenburg, Berlincrstr. 171.
Therapeutische Notizen.
Behandlung der epidemischen Kinderlähmung.
Ich habe im Jahre 1913 6 Fälle von epidemischer Kinderlähmung, darunter
2 schwere zerebrale Formen, mit Diphtherieserum behandelt. Sämtliche so
Behandelte sind ohne Hinterlassung irgendwelcher Lähmungen geheilt, lm
Herbste 1922 habe ich eine akut aufgetretene Lähmung der linken unteren
Extremität bei einem 5 jährigen Jungen, der nach der Anamnese eine nicht
ärztlich behandelte Kinderlähmung vor ungefähr einer Woche diirchgem.icht
hatte, nach Diphtherieseruminjektion in kurzer Zeit heilen gesehen. Ich bitte
um Nachprüfung dieser Beobachtungen. Dr. Bausewein - Koding.
Als Rasierseife bei Personen mit empfindlicher Gesichtshaut oder
Hauterkrankungen empfiehlt A. Jacobsberg nach eigenen und an der
Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten des Krankenhauses Friedrichs-
hain-Bcrlin angestellten Versuchen Obermeyers Mcdizinal-
Herba-Rasierseife. Die Seife ermöglicht ziemlich schmerz.oses
Rasieren und scheint auch den Krankheitsprozess wohl durch den Hcilwert
der in ihr enthaltenen Kräuter (Angelica 25 Proz., Ocium 30 Proz^ Solanum
20 Proz., Clematis 25 Proz.) günstig zu beeinflussen. (Darstellung: Obermeyer
& Co., Hanau.) (Ther. d. Gcgenw., Juli 1923.) K. b.
Privatdozent Dr. H. v. Hayek- Innsbruck nahm experimentelle Unter¬
suchungen über Stibenyl-Heydcn, p-aectylaminophenylstibinsaures Natron
vor. Es ergab sich, dass Stibcnyl, bei Hunden von etwa 5 kg per os gegeben,
erst bei einer Dosis von etwa 2,5 g brechreizend wirkt, bei Dosen von 3 g
und darüber erfolgt Erbrechen und vorübergehend Dünndarmreizung, Ver-
giftungserscheinungen, speziell Nierenreizung treten nicht auf. Die Aus-
Scheidung von Antimon im Harn erfolgt ziemlich rasch. Bei der raschen
Resorption und Wiederausscheidung erscheinen therapeutische Versuche mu
Stibenyl per os im Indikationsgebiete des Antimon, so bei Leishmaniosen,
Kala-Azar u. a., statt der bisher üblichen Injektion in Muskel oder Vene nicht
aussichtslos. — Stibenyltartrat-Hcyden scheint etwas giftiger und zeigt im
übrigen die gleichen Verhältnisse wie Stibenyl. (Arch. f. Schiffs- u. 1 ropen-
Hyg. 1923.) _ b-
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 26. September 1923.
— Nach der in der vor. Nr. d. W. abgedruckten Verordnung über die
Berechnung der Gebühren für Aerzte und Zahnärzte nach
einer gleitenden Skala sind unter denjenigen Körperschaften, die Anspruch
auf Anwendung der Mindestsätze haben, auch die Berufsgenossenscluiitcn,
die Landesversicherungsanstalten und die Reichsversicherungsanstalt für An¬
gestellte genannt. Diese ausserordentliche Erweiterung des Kreises der zu
den Mindestsätzen zu behandelnden Personen ist vom preuss. Minister für
Volkswohlfahrt verfügt (und vom bayer. Staatsministerium des Innern über¬
nommen) worden, ohne dass den Vertretungen der Aerzte überhaupt Ge¬
legenheit zur Stellungnahme geboten war. Der Hartmannbund hat
in seiner Hauptversammlung in Leipzig am 16. ds. mit Recht gegen diese
„unerhörte Vergewaltigung des ärztlichen Standes“ Verwahrung eingelegt
und die wirtschaftlichen Vereinigungen und einzelnen Aerzte aufgef.irdcrt,
auf der Durchführung aller bestehenden Verträge mit jenen, die bessere
Bedingungen vorsehen, zu bestehen. Mit den Berufsgenossenschaften be-
steht aus diesem Anlasse bereits der vertragslose Zustand.
— Die Hauptversammlung des Hartmannbundes hat ferner Widerspruch
erhoben gegen die vom preuss. Minister für Volkswohlfahrt in seiner Ver¬
ordnung vom 28. August den Aerzten zugemutete Verminderung
der bisherigen Gebührensätze um 20 Proz. gegenüber der von
ihnen begründeten Forderung einer mässigen Erhöhung mit Rücksicht auf die
ungewöhnliche Steigerung der Berufsunkosten. Die Versammlung beauftragte
den Vorstand bei weiteren zentralen Verhandlungen die Anerkennung der
ärztlichen Forderungen durchzusetzen und nötigenfalls auch vor schärfsten
Mitteln der Selbsthilfe nicht zurückzuschrecken.
— Des weiteren billigte die Hauptversammlung in Würdigung der schwe¬
ren Bedrängnis, in die zahlreiche Krankenkassen geraten seien, den Plan einer
Notgemeinschaft mit dem Hauptverband deutscher
Krankenkassen und das zwischen diesem und ihren Unterhändlern ver¬
abredete Uebereinkommen in dem Sinne, dass es bei Aufrechterhaltung seiner
wesentlichen Bestimmungen auch als Grundlage fiir eine gesetzliche Rege¬
lung der Kassenarztfrage dienen kann. — Mit Rücksicht auf den Ablauf
des Berliner Abkommens vom 23. Dezember 1913 am Ende dieses
Jahres und um für alle Fälle die Hände freizubekommen, verpflichtet die
Hauptversammlung sämtliche Organisationen und einzelne Aerzte, alle jetzt
noch laufenden kassenärztlichen Verträge, die auf diesem Abkommen beruhen,
rechtzeitig für den 31. Dezember 1923 zu kündigen und der Hauptgeschäfts¬
stelle des Verbands in Leipzig davon Mitteilung zu machen, vor dem Ab¬
schluss neuer Verträge aber deren Weisungen abzuwarten.
— Eine neue Verordnung zur prcussischen Gebühren¬
ordnung besagt: Erfolgt die Zahlung der Gebühr nicht innerhalb einer
Woche nach der Zahlungsanforderung, so ist die zur Zeit der Zahlung
geltende Reichsindexziffer der Berechnung zugrunde zu legen, falls diese
Ziffer nicht niedriger ist, als die Reichsindexziffer zur Zeit der Verrechnung.
Dieses gilt mit Wirkung ah 16. September. . .
— Zu Wilhelm Uhthoffs 70. Geburtstag erschien Band 71 der Klini¬
schen Monatsblätter für Augenheilkunde als Festschrift. Den zahl¬
reichen wissenschaftlichen Arbeiten des Bandes geht voraus die Rede, die
Prof A x e n f e 1 d zur Abschiedsfeier in der Breslauer Universitäts-Augen¬
klinik am 25. März d. J. auf U h t h o f f gehalten hat.
— Der Reichsverband der privaten g e in c l n n u t z t g e n
Kranken- und Pflegcanstalten Deutschlands hält Sonn¬
abend den 29 September 1923. vorm. 10 Uhr, im ehemaligen Herrenhaus
Berlin W., Lcipzigerstr. 3 eine Tagung ab. Einziger Gegenstand der Iages-
ordnung: Durchgreifende finanzielle Selbsthilfe der Anstalten durch die
„ Hilfskasse gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen G. m. b. H.“
— Wegen der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse ist der auf
26. — 29. September d. J. angesetzt gewesene Urologenkongress in
Berlin verschoben worden.
— Die fiir den 6. X. 23 in Frankfurt a. M. angesetzte 2. Tagung
der Deutschen Gesellschaft für Unfallheilkunde, Versiehe rungs- und Ver¬
sorgungsmedizin kann aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht
- — Man schreibt uns aus Utrecht: Die Notiz in Nr. 30. S. 1004 Ihres
Blattes, der Direktor des Hygienischen Instituts in Utrecht, Prof. Uhr. Ei )k-
man, sei vom Lehramt zurückgetreten, ist unrichtig. Wahrscheinlich liegt
eine Verwechslung mit Prof. R. H. Salt et in Amsterdam vor.
— Pest. Türkei. Am 16. August 2 Erkrankungen in Konstantmopel. —
Griechenland. Im August 7 Erkrankungen und 4 Todesfälle in Syra, am
3. August 1 Erkrankung in Piräus. — Palästina. Vom 19. bis 28. Juni n Er¬
krankungen in Jaffa. — Syrien. Vom.-J0. März bis 10. Juli 7 Erkrankungen
in Beirut. — Aegypten. Vom 23. Juli bis 19. August 103 Erkrankungen,
davon in Alexandrien und Suez je 4 und in Port Said 7. In der Woche
vom 12.— 18. August in Paris 1 Erkrankung festgestellt.
— Pocken. England und Wales. Vom 26. August bis 8. September
38 Erkrankungen, davon in Gross-London 2.
— Flcckfieber. Niederlande. Vom 2. — 8. September 2 Erkran¬
kungen in Boxmeer (Proth Nordbrabant).
— ln der 34. Jahreswoche, vom 19. bis 25. August 1923. hatten von
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Gelseu-
kirehen mit 20,9, die geringste Ludwigshafen mit 6.9 Todesfällen pro Jahr
und 1000 Einwohner. . .
— In der 35. Jahreswoche, vom 26. August bis bis 1. September 19-3.
hatten von deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterb¬
lichkeit Buer mit 23,9, die geringste Gelscnkirchen mit 4,2 lodcsfallen
pro Jahr und 1000 Einwohner. Voff. K.-U.-A.
Hochschulnachrichten.
Berlin. Der nichtplanmässige a. o. Professor mit dem Lehr¬
auftrag für soziale Hygiene an der Universität Rostock Dr. med. Hans
Reiter hat einen Ruf zur Vertretung von Geh. Med.-Rat Prof. Martin
Ficker an das Kaiscr-Wilhelms-Institut für experimentelle Therapie in
Berlin-Dahlem angenommen, (hk.) — Geh. Med. -Rat Prof. Dr. Julius
Hirschberg feierte am 18. ds. in erstaunlicher Rüstigkeit seinen 80. Ge¬
ll r e s I a u. Der a. o. Professor Geh. San. -Rat Dr. Arthur Gro e n ob w
erhielt einen Lehrauftrag zur Vertretung der sozialen Gesetzgebung in ihrer
Beziehung zur Augenheilkunde, der a. o. Professor Dr. Georg Lenz einen
Lehrauftrag zur Vertretung der Hygiene des Auges.
Hamburg. Prof. Dr. Eugen F r a e n k c 1, der Vertreter der patho¬
logischen Anatomie an der Universität Hamburg und Prosektor am Eppen-
dorfer Krankenhausc, feiert am 28. ds. seinen 70. Geburtstag. J
Köln Dem a. o. Professor für allgemeine und pathologische Fhjsn-
logic Dr. med. Bruno Kisch wurde ein Lehrauftrag zur Vertretung der
Pathologie der inneren Sekretion erteilt, (hk.)
Marbur g. Prof. Dr. Hermann D o 1 d - Marburg wurde zum Direktor
des Instituts *ür experimentelle Therapie Emil v. Behring in Mu.biirg als
Nachfolger des Geh. Rats Uhlenhuth ernannt. Zugleich ist der Privat-
dozent Dr. Hans S c h m i d t - Hamburg als Abteilungsleiter in das gleiche
Institut eingetreten, (hk.) . . .
Münster i. W. Der a. o. Professor und Oberarzt an der chirur¬
gischen Klinik der Universität Breslau Dr med. Hermann Cocncn wurde
zum ordentlichen Professor der Chirurgie und Direktor der chirurgischen
Klinik in der neuerrichteten medizinischen Fakultät der Universität Munster
ernannt — Der Ordinarius der inneren Medizin Geh. Med.-Rat Proi.
Dr. Paul Krause in Bonn hat den Ruf an die Universität Münster ange¬
nommen; seine Versetzung in gleicher Eigenschaft nach Münster ist bereits
erfolgt, (hk.) _ '
Bitte der Witwenkasse des bayer. Invalidenvereins.
Die Witwenkasse bittet dringendst um Gaben. Die Unterstützungs-j
bedürftigen mehren sich täglich, z. Z. 165. Das Elend wird immer grosser.
Die Teuerung, so wuchtig und nervenzerrütteud, schreitet ständig vorwärts..
Was ist da eine Unterstützung von 5 Millionen und wieviele 5 Millionen*
brauchen wir, um allen 165 zu Unterstützenden geben zu können! Daru.i
rule ich die Kollegen in der Heimat und im Ausland und alle Gönner zum
Kampf auf gegen die furchtbare Not unserer armen hungernden und frierenden
Witwen und Waisen. . „ .. ■ „
Senden Sie uns eine Weihnachtsgabe! Helfen Sie bitte alle mit. unseren
Armen einigermassen sorgenfreie Festtage zu bereiten!
Gaben nimmt dankbarst entgegen:
Die Witwenkasse des Invalidenvereins
Dr.
Postscheckkonto 6080 Nürnberg.
Hollerbusch - Fürth, Mathildenstr. 1.
Reichsteuerungsindex.
Der Reichsteuerungsindex für Ernährung. Heizung, FScIeuchtung, Wohnunc
und Kleidung betrug am 17. September 14 244 900. Basiszahl 1913 14 *1.,
Die Buchhändler-Schlüsselzahl ist am 26. Sept. 35 00U uw
Verlag von J. F. Lehmann in München SW. 2. Paul lleyse-Str. 26. - Druck von E. Mühlthaler's Buch- und Kunstdruckerei Q m.b.H. München.
r rtls «ft-r einzelnen Nummer freibleibend . s. u. • RezugS-
ireis n Deutschland und Ausland siehe unter Bezugsbedingungen.
Zusendungen sind zu richten
iir die Schriftle tune : Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8%— 1 Uhr),
fir Bezug :/an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-Strasse 26.
Anzeigen-Annahnte :
Deo Waibel, München, Theatinerstrasse t
Anzeigenschluss!
Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Medizinische Wochenschrift
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
r. 40. 5. Oktober 1923.
Schriftleitung : Dr. B. Spatz, Arnulfstrassc 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
70. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Becht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Aus der Universitäts-Frauenklinik Leipzig.
(Direktor: Qeheimrat Stoeckel.)
ie Senkungsgeschwindigkeit der roten Blutkörperchen
und ihre praktische Bedeutung.
Von Prof. Dr. Georg Linzenmeier.
Seit der ersten Bekanntmachung meiner Methode zur Bestim-
ing der Blutkörperchensinkgeschwindigkeit auf dem Gynäkologen-
ngress in Berlin 1920 *) hat das Problem dieser Reaktion nicht nur
der Gynäkologie, sondern auch in vielen anderen Disziplinen
mer grössere Bedeutung erlangt. Neben der praktischen ist auch
i theoretische Seite besonders durch Arbeiten aus dem Höher-
hen Institut in Kiel, wo ich meine ersten Blutstudien begann, weit-
hend gefördert worden. Wenn auch nicht alle Fragen dieses
enso interessanten wie schwierigen Gebietes gelöst sind, so haben
r doch allmählich eine gute Vorstellung über die Vorgänge, die bei
r Sedimentierung des Blutes am Werke sind, gewonnen. Es schien
r daher angebracht, über den heutigen Stand der Forschung zu
richten, um damit eine gewisse Grundlage für weitere Unter-
chungen zu geben und vor allem, um der praktischen Verwertung
r Senkungsreaktion in den Kreisen Geltung zu verschaffen, wo
: Methode bisher noch nicht Eingang gefunden hat.
Auf die theoretische Seite der Frage werde ich nur insoweit
igehen, als es zum Verständnis der Reaktion notwendig erscheint.
Wir können das Blut als eine Suspension der Blutkörperchen im
isma auffassen, und dabei besonders bei Versuchen in vitro Gesetze
Anwendung bringen, die sonst bei Suspensionen in der Physik
bräuchlich sind. Wir nennen eine Suspension stabil, wenn die
ilchen im Medium sehr lange und gleichmässig verteilt schwebend
üben. Die Schnelligkeit der Sedimentierung richtet sich nach der
rmel von Stokes: v = — • g • ü ^ d • r2.
= Senkungsgeschwindigkeit, g = Beschleunigung durch Schwere,
= spez. Gewicht der Flüssigkeit, v = Koeffizient der inneren Rei-
ng, r = Radius der Körperchen.
Da für gewöhnlich r gleichbleibt, spielen die Differenzen der
3z. Gewichte und die Viskosität bei der Sedimentierung die grösste
Ile. Eine Verminderung der Stabilität ist fast immer verursacht
rch ein höheres spez. Gewicht der suspendierten Teilchen. So
chtig an sich diese Tatsache ist, so können wir damit allein die
armen Unterschiede in der Blutsenkung bei den verschiedenen
ysiologischen und pathologischen Zuständen oder bei verschie-
len Tierbluten nicht erklären. Die spezifischen Gewichte der
ythrozyten und des Plasmas, z. B. bei Pferde- und Ochsenblut,
d ganz gering different, trotzdem sedimentiert das Pferdeblut in
—30 Minuten, beim Ochsenblut dauert es bis zu einer Woche; oder
anderes Beispiel: das Neugeborenenblut senkt sich frühestens in
Stunden, das normale Frauenblut in 3—5 Stunden. Also mit
:zifischen Gewichtsunterschieden wie B ü r k e r 2) andeutete, ist
> Problem nicht zu lösen. Auch die Viskosität kann es allein nicht
n, denn wir erleben, wie wir später sehen werden, den paradoxen
fund, dass mit steigender Viskosität auch die Senkungs-
schwindigkeit steigt.
Schon Fahraeus3), der sich zuerst eingehend mit der Unter-
:hung über das Wesen der Senkungsgeschwindigkeit beschäftigte,
te bald herausgefunden, dass die massgebende Ursache eine ver-
rkte Geldrollenbildung der Erythrozyten ist. Durch Zusammen-
: len der Blutkörperchen zu Aggregaten sinken sie infolge Ver-
■ inerung ihrer Oberfläche und damit ihrer Reibungsfläche nach
n physikalischen Gesetzen entsprechend rasch zu Boden.
Also der Faktor r spielt die Hauptrolle, er verändert sich bei
' Agglutination ganz bedeutend, denn man kann ja mit blossem
ge bei rasch sinkendem Blut die Klümpchenbiidung sehen, sie sind
o zum Teil 100 mal grösser, als die einzelnen Blutkörperchen, und
nit verkleinert sich die Oberfläche und Reibungsfläche um das
dfache.
Aber damit war die Frage nur verschoben, nicht erklärt, wo-
ch es zu einer verstärkten Geldrollenbildung kommt.
*) Zbl. f. Gyn. 1920 Nr. 30. 2) M.m.W. 1922 Nr. 16.
*) The Suspension-Stability of the Blood. Stockholm 1921.
Man kann sich vorstellen, dass im Blut ebenso wie es die Kolloid¬
chemie für ihre Suspensionen annimmt, dadurch die Agglutination
verhindert wird, dass sich die Blutkörperchen als elektrisch geladene
Teilchen gegenseitig abstossen, dass aber andererseits die Erythro¬
zyten auch entladen werden können, die sich dann zusammenballen
und dadurch ihre Stabilität verlieren.
Tatsächlich hat nun H öb e r schon 1904 erwiesen, dass die roten
Blutkörperchen elektrisch negativ geladene Teilchen sind und
Fahraeus4) konnte durch Katophorese einen Parallelismus zwi¬
schen Ladungsabnahme und Senkungsbeschleunigung feststellen.
Damit war die Bedeutung kapillarelektrischer Kräfte für die
Blutsedimentierung erkannt und es galt in diesem Sinne weiterzu¬
forschen. Es gelang mir selbst5) den Nachweis zu führen, dass bei
schnellsinkendem Blute im Plasma Stoffe mit positiver Ladung vor¬
handen sind, die ich mit negativen Adsorbentien wieder entfernen
konnte. Diese Stoffe, die wahrscheinlich durch Umhüllung der
Erythrozyten eine Aenderung ihrer Oberflächenladung bewirken, sind
die Globuline: Fibrinogen und andere Serumglobuline. Wir finden
immer bei schnell sedimentierendem Blute eine Zunahme der Glo¬
buline und Abnahme der Albumine. Neuerdings wurde der Haupt¬
wert auf die Vermehrung des Fibrinogens allein gelegt; das
Fibrinogen kann aber das wirksame Glied schon aus dem Grunde
nicht allein sein, weil, auch nach der Defibrinierung deutliche Unter¬
schiede zwischen rasch und langsam sinkenden Blutsorten bestehen
bleiben. Ausserdem wird durch die Zunahme der Globuline an sich
die Stabilität des Plasmas selbst verändert, sein kolloidaler Zustand
wird ein anderer, er wird grobdisperser, das Plasma wird labil, wie
Sachs das nennt, es nimmt die Neigung zur Flockung zu mit der
Zunahme an Fibrinogen und Globulin und der Abnahme der Albumine.
Neben diesen kapillarelektrischen und kolloidchemischen Wir¬
kungen auf die Bildung von Agglutination kommt noch ein Moment
zur Geltung, was ich schon bei meinen ersten Versuchen in den
Vordergrund gestellt habe, was aber wenig Anerkennung fand, und
nun neuerdings durch H ö b e r s Schüler wieder stark betont wird,
nämlich die Klebrigkeit des Plasmas bei Vermehrung der Globulin¬
fraktion. Durch Zusatz von Gelatine und Gummi arabicum zu Blut
konnte ich eine sehr starke Senkungsbeschleunigung hervorrufen,
und bei solchen viskosen Substanzen kam es nicht zu einer Ent¬
ladung der Erythrozyten. Es war also bei solchen Modellversuchen
das kapil-larelektrische Moment ausgeschaltet. Eigentlich musste
man infolge der erhöhten inneren Reibung eine Verlangsamung er¬
warten, aber das Gegenteil war der Fall. Hierbei spielt die Klebrig¬
keit eine Rolle, wie es schon G r u b e r bei seiner Theorie über die
Bakterienagglutination angenommen hat, so kommt es auch bei den
Blutkörperchen infolge Vermehrung von Fibrinogen und Globulinen,
die ja besonders klebrig sind, wovon man sich beim Arbeiten mit
Plasma leicht überzeugen kann“ zu einer gegenseitigen Verklebung
und Verklumpung. Diese Theorie konnte in jüngster Zeit durch
Arbeiten aus der Höher sehen Schule neugestützt werden.
Neben den bisher angeführten Momenten spielen andere Dinge
für die Blutstabilität nur eine untergeordnete Rolle. Beim bekannten
Reichtum des Schwangerenblutes an Cholesterin lag es nahe, an den
Einfluss der Lipoide zu denken. Ich konnte aber durch künstliche
Vermehrung von Cholesterin keine Wirkung erzielen. Kürten6),
ein Schüler Abderhaldens, wollte eine Senkungsbeschleunigung
mit Cholesterin erreicht haben, inzwischen wurden aber seine Ver¬
suche von Abderhalden selbst wieder in Frage gestellt. Da¬
gegen konnte ich durch Lezithin eine starke Verlangsamung
bewirken, was auch von anderen Untersuchern bestätigt worden
ist. Besonders für klinische Untersuchungen wichtig zu wissen ist,
dass die Zahl von Erythrozyten von Einfluss ist; Verminderung der
Erythrozyten macht Beschleunigung, Vermehrung Verlangsamung
der Sedimentierung.
Bei den bisherigen Besprechungen haben wir den Einfluss der
Blutkörperchen selbst ganz ausser acht gelassen. Meine Unter¬
suchungen an Tierblutkörperchen haben aber gezeigt, dass auch die
Blutkörperchen selbst in Rechnung zu stellen sind. So lässt sich
nämlich zeigen, dass die rasch sinkenden Pferdeblutkörperchen im
Ochsenplasma ihre schnelle Sinkgeschwindigkeit beibehalten und
ebenso ihre langsame die Ochsenblutkörperchen im Pferdeplasma.
4) Biochem. Zschr. 1918, 89.
5) Pflügers Arch. 1920, 181.
8) Pflügers Arch. 1921, 185.
2
1244
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
In neuester Zeit sind von V o r s c h ü t z 7) Resultate bekannt
gegeben worden, die vielleicht <iuch diesen noch dunklen Punkt «.iui-
zuhellen in der Lage sind. Er fand nämlich bei chemischer Prüfung
auf den Eiweissgehalt der verschiedenen Tierblutkörperchen einen
sehr unterschiedlichen Gehalt an Nukleoproteiden: so beim Pferd
34 Proz., beim Rind nur 20 Proz. und glaubt, dass ähnlich wie im
Plasma auch ein erhöhter Gehalt der Erythrozyten an Globulinen
die Blutsenkung erhöht.
Wie aus klinischen und experimentellen Erfahrungen hervorgeht,
hängt die Veränderung des Blutes im Körper, also die Verschiebung
der Eiweissfraktion von der Albumin- nach der Globulinseite hin,
von der parenteralen Zufuhr von Eiweisskörpern oder von Abbau¬
produkten ab, die im Körper selbst, sei es bei der Gravidität, sei es
bei entzündlichen oder ähnlichen Prozessen, entstehen. Für diese
Blutveränderungen ist die Senkungsreaktion ein feines quantitatives
Reagens. Fahraeus hatte bereits den Unterschied zwischen
Männer- und Frauenblut entdeckt, das letztere sedimentiert mehr wie
doppelt so schnell, als das Männerblut. Dann habe ich die enorm
langsame Sedimentierung des Nabelschnurblutes gefunden, das nor¬
malerweise immer länger als 24 Stunden braucht zur vollkommenen
Sedimentierung, Frauenblut braucht nur 3—5 Stunden.
Am interessantesten und für Fahraeus der Anlass zu seinen
Blutsenkungsstudien, ist die Senkungsbeschleunigung des Schwan¬
ge renblut es, die mit dem Fortschreiten der Gravidität schritt¬
weise zunimmt. . ..
Unter pathologischen Verhältnissen finden wir die schnellste
Blutsenkung bei entzündlichen Prozessen, und zwar geht die Sen¬
kungsreaktion parallel mit der Ausdehnung und Heftigkeit der Ent¬
zündung und mit der Möglichkeit und Schnelligkeit der Resorption
entzündlicher Produkte.
Es war klar, dass man versuchen würde, ein so einfaches und
offenkundiges Symptom für klinisch-diagnostische Zwecke heranzu¬
ziehen. Fahraeus8 *) selbst glaubte, in der Senkungsreaktion ein
ausgezeichnetes Frühdiagnostikum für die Gravidität gefunden zu
haben. Tatsächlich stellt auch, wie ausgedehnte eigene Unter¬
suchungen“) bestätigt haben, die Senkungsbeschleunigung ein kon¬
stantes Merkmal der Schwangerschaft in der 2. Hälfte dar, aber sie
ist keine spezifische Reaktion für Schwangerschaft, da ja jeder Ei¬
weisszerfall im Körper besonders bei entzündlichen Prozessen die¬
selbe Wirkung ausübt; also nur, wenn andere Ursachen sich aus-
schliessen lassen, kann die Senkungsbeschleunigung für die
Schwangerschaftsdiagnose verwertet werden. Damit verliert die
Reaktion besonders für die jungen Graviditäten viel an Wert, weil
gerade in dieser Zeit andere, besondere entzündliche Affektionen mit
der Schwangerschaft differentialdiagnostisch in Konkurrenz treten.
Grosse praktische Bedeutung hat die Senkungsreaktion in der
Gynäkologie gewonnen. Infolge der feinen Ausschl^ge> ^ie
auch noch geringgradige entzündliche Prozesse anzeigen, die keine
Temperaturerhöhungen mehr machen, kann die Senkungsreaktion für
die Indikationsstellung zur Operation entzündlicher Adnextumoren
herangezogen werden. Wir können bei langsamer Blutsenkung mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit akute und subakute
Prozesse ausschliessen. Gerade bei den Adnexoperationen, bei
fixierten Lageveränderungen und ähnlichem hängt die Operations¬
mortalität und -morbidität und auch das Dauerergebnis im wesent¬
lichen ab von dem richtigen Zeitpunkt des vorzunehmenden Ein¬
griffes. Dafür gibt uns die Senkungsreaktion vorzügliche Hinweise.
Bei Blutsenkungszeiten unter 1 Stunde nach meiner Methode können
noch virulente Keime vorhanden sein, wir werden in solchen Fällen
besser mit der Operation noch warten. Bei einer Senkungsreaktion
über 2 Stunden können wir mit grosser Beruhigung laparotomieren;
es sind sicher keine latenten Infektionsherde mehr zu befürchten.
Auch zur Unterscheidung zwischen Eileiterschwanger¬
schaft und frischer Adnexerkrankung kann die Senkungsreaktion
mit herangezogen werden. Beide Affektionen können akute Erschei¬
nungen hervorrufen und bedürfen oft einer raschen Klarstellung zur
Bestimmung des therapeutischen Vorgehens. Bei Extrauterin¬
gravidität liegt im allgemeinen die Senkungszeit nach meiner Me¬
thode zwischen 40 und 60 Minuten, bei frisch entzündlichen Pro¬
zessen ist die Senkungszeit kürzer. Doch gibt es hierbei Ausnahmen:
1. ist bei foudroyanten intraabdominalen Blutungen die Senkung sehr
rasch und 2. sind Extrauteringraviditäten nicht so selten mit Ent¬
zündung kombiniert, weil doch hin und wieder in Unkenntnis der
Sachlage uterine Abtreibungsversuche vorgenommen werden.
Hier wäre noch anzufügen, dass bei Stieldrehung von
Ovarialtumoren und bei Myomnekrose ebenfalls starke Be¬
schleunigung der Blutsenkung zustande kommt.
Interessant, aber noch nicht genügend durchforscht ist die Sen¬
kungsbeschleunigung bei Karzinom. Bezüglich der Verwendung bei
beginnenden Uteruskarzinomen bin ich nach meinen Er¬
fahrungen sehr skeptisch geworden, obwohl neuerdings gerade für
die Frühdiagnose der Wert der Senkungsreaktion von Gragert10)
hervorgehoben wird. Aber bei den operierten Karzinomen haben
wir schon in Kiel beobachtet, dass mit der Heilung des Karzinoms
die Senkungsreaktion zur Norm zurückkehrt, und dass ein post¬
7) Arch. f. klin. Med. 1923, 97, H. l/3.
8) Hygiea 1918.
•) Arch. i. Gyn. 1920. 131.
10) Arch. f. Gyn. 1922.
operatives Rezidiv durch die Senkungsreaktion angezeigt winl
bevor wir noch mit Palpation etwas von Karzinom finden können
Damit sind die Hauptanwendungsgebiete in der Gynäkologie ei
schöpft Wir haben uns an unserer Klinik allmählich so an die Mi
hilfe der Senkungsreaktion bei der Diagnose gewöhnt, dass wir fa;
bei jedem Fall, der zur Operation kommt, die Senkungsreaktion at
stellen, genau wie wir die Temperatur messen. Stimmt der Ausfa
nicht zum sonstigen klinischen Befund, so ist das für uns ein Wai
nungssignal und eine Aufforderung zur Suche nach einem Grund fi
die Unstimmigkeit, und oft fand sich dann ein versteckter Infektion¬
herd, an anderer Stelle. Ich möchte bei dieser Gelegenheit noc
darauf hinweisen, dass nach einem stattgehabten infektiösen 1 nizes
immer eine grössere Spanne Zeit vergeht, bis die Senkungsreaktio
wieder normale Werte zeigt. Wenn die Temperatur schon läng;
zur Norm zurückgekehrt ist, so zeigt die Senkungsreaktion an, das
das Plasma noch nicht normale Zusammensetzung gewonnen ha
Diese Erkenntnis ist natürlich besonders wichtig für Aufstellung vo
Normalwerten. . , . . |
In der Chirurgie sind auf meine Anregung hin besondetf
von W. L ö h r “) an der Klinik in Kiel zahlreiche Untersuchungel
angestellt worden. Besonders in der Knochenpathologie fand er veil
wertbare Resultate. Osteochondritis, Gelenkmausbildung, CalvG
Perthes sehe Hiifterkrankungen haben keinen Einfluss auf di
Blutsenkung, während chronische, klinisch fast abgeheilte Gelen!!
knochentubcrkulosen, vollkommen fieberlose Fälle von Arthritf
chron. rheumatica eine sehr deutliche BlutsenkungsgeschwindigkeJ
aufweisen. , „ . !
Ob sich die Differentialdiagnose zwischen Ulcus und Carcinoml
ventriculi durch die Senkungsreaktion stellen lässt, scheint mir noc
nicht hinreichend geprüft.
Neuerdings wurde von chirurgischer Seite auf den Wert de
Senkungsreaktion für die Unterscheidung zwischen akuter Appen!
d i z i t i s und Adnexerkrankung hingewiesen. Bei Appendizitiden i*
ganz akuten Stadium, bei denen die ersten Symptome nicht langü
als 30 Stunden zurückliegen, soll die Senkungsreaktion noch norm;!
sein, erst später soll der entzündliche Prozess sich geltend mache'!
während bei akuter Adnexerkrankung schon von vornherein bei de1
ersten akuten Symptomen rasche Blutsenkung bestehen soll, d;
hierbei der entzündliche Prozess im Genitale ja immer schon längt!
besteht. Eine Nachprüfung dieser Befunde erscheint mir wichtig. !
ln der inneren Medizin hat sich die Senkungsreaktion nac
den Studien von Westergren“) besonders zur Erkennung un
Beurteilung der Lungentuberkulosen bewährt. Vor aller
beweisen normale Werte, dass nur ein latenter tuberkulöser Proze;
oder überhaupt keine Tuberkulose vorliegt. I
Die Senkungsreaktion soll ein feinerer Indikator für die Aktivit;
eines tuberkulösen Prozesses sein, als die I emperaturmessung un
soll der Bösartigkeit des anatomischen Prozesses in den Lunge
parallel gehen. . I
Wichtige Ausblicke gewähren die Mitteilungen von Grafe
über Beobachtung von Senkungsbeschleunigung bei klinischen It
berkulininjektionen. Es steht mir selbst kein massgebendes Urte
über den Wert der Reaktion bei der Tuberkulose zu, aber nach de!
Berichten über den T u b e rkulosekongress in Mannheim wir
der Senkungsreaktion gerade von den Heilstättenärzten grosse B<
deutung zugemessen. Eine neue Anwendungsform scheint die Sei
kungsreaktion zu finden bei der funktionellen Leber
Prüfung nach W i d a 1, als Ersatz für die Leukozytenzählung. !
Bekanntlich hat ja W i d a 1 gefunden, dass bei Leberkranke
die nüchtern z. B. 300 g Milch trinken, eine Blutveränderun
auftritt, die er hämoklastische Krise nennt und auf den Ausfall dd
eiweissabbauenden Tätigkeit der Leber zurückführt. Er fand a
Kennzeichen dieser ohne sichtbare klinische Symptome verlaufende
Blutveränderung: Blutdrucksenkung, refraktrometrische Unterschiec
des Serum und vor allem Leukopenie. Bei der praktischen Au1
fiihrung der W i d a 1 sehen Probe hat man sich im allgemeinen aij
die Leukozytenzählung beschränkt. In jüngster Zeit ist dj
W i d a 1 sehe Probe stark bekämpft worden, man hat besonders dt
Leukozytensturz anders erklären wollen. Und doch muss an de
Grundprinzip der W i d a 1 sehen Anschauung etwas Wahres sei
denn die Plasmaveränderungen sind in der Tat vorhanden. Dafi
bildet die Senkungsreaktion als feinstes Reagens von Eiweissve
Schiebungen im Plasma einen guten Beweis.
Wiechmann”) hat zuerst über die Verwendung der Sei
kungsreaktion bei der W i d a 1 sehen Probe publiziert. Ich selb:
hatte schon früher bei meinen Untersuchungen über den Icteri
neonatorum als Kontrolle der Leukozytenzählung die Senkung
reaktion angestellt, aber wieder aufgegeben, weil die ersten Ri{
sultate nicht recht stimmten und eine weitere Prüfung an d<
Schwierigkeit der Blutgewinnung beim Neugeborenen scheiterten.
Grössere Reihenuntersuchungen wurden dann von Adels
b e r g e r - Berlin bekanntgegeben, die sehr hoffnungsvolle Ausblick
eröffnen. Wir haben auch mit dieser modifizierten Widal
sehen Probe bei Schwangeren begonnen, und ich glaube, wir habe
damit eine aussichtsreiche Funktionsprüfung der Leber gewönne
“) Zbl. f. Chir. 1921 Nr. 35.
12) Acta med. scandin. 1921, 54, 247.
13) Klin. Wschr. 1922 Nr. 19.
14) Klin. Wschr. 1923 Nr. 6.
Oktober 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCH E WOCHENSCHRIFT.
1245
rner sind zu erwähnen die Veränderungen der Reaktion durch
irphilis. Schon Plaut1®) fiel eine bedeutende Blutsenkungs-
schwindigkeit bei der Paralyse auf, was von anderen Autoren
stätigt wurde. Aber noch auffallendere Ausschläge geben die pr i-
iren und sekundären Luesstadien. Ob für die Diagnose der
pliilis bei Erwachsenen die Senkungsreaktion grössere praktische
deutung gewinnen wird, möchte ich bei den sonst vorhandenen
rzüglichen Serumreaktionen bezweifeln. Dagegen messe ich der
nkungsreaktion bei der Lues congenita der Neugeborenen
icn grossen Wert bei. György18) hat diese Entdeckung der
;chen Blutsenkung bei Neugeborenenlues gemacht. Ich konnte
ne Befunde bestätigen. Bei der sonst so sehr langsamen Sedi-
ntierung des Nabelschnurblutes und bei der Konstanz dieses Be¬
ides ist die rasche Reaktion besonders in die Augen springend,
i glaube, man kann aus der Senkungsbeschleunigung des Nabel-
murblutes, da andere Infektionen kaum in Frage kommen, mit der
ergrössten Wahrscheinlichkeit die Diagnose Lues stellen.
Bei der Billigkeit der Methode haben wir es in der Hand, durch
pelmässige Anstellung der Senkungsreaktion die Lues congenita,
[ ja sehr zugenommen hat, rechtzeitig zu erkennen.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit eine die Pädiater inter-
iiercnde Beobachtung mitteilen. Beim sogen. Durstfieber ist die
iikungsreaktion langsam, während sie bei allen infektiös bedingten
i'bern sehr schnell ist. Damit habe ich nicht alles, aber doch wohl
I Hauptpunkte erwähnt, in denen die Senkungsreaktion praktische
iJ theoretische Bedeutung erlangt hat, ich glaube aber doch, dass
::h andere Fächer noch mit Hilfe der neuen Reaktion für ihr spe-
jlles Gebiet Früchte pflücken können, zumal die Senkungsreaktion
ä einfach und so billig ist.
I Was speziell die Methode der Senkungsreaktion betrifft, so hat
äh neuerdings in der Literatur ein Streit entwickelt zwischen der
Ghodc von Westergren und der meinigen. Ich will auf den
. ruchtbaren Streit an dieser Stelle nicht näher eingehen, nur er-
shnen, die W e s t e r g r e n sehe Methode ist zweifellos gut, aber
j meinige ist für den praktischen Betrieb handlicher und billiger.
Ich verwende 6,5 cm hohe Röhrchen mit einer Weite von 5 mm;
i Inhalt ist 1 ccm bei Marke 1, 18 mm tiefer ist eine zweite Marke,
i zu beobachtende Grenze zwischen Plasma und Blutkörperchen-
; le. Zur Flüssigerhaltung des Blutes verwende ich 5 Proz. Natr.
: ic.-Lösung. Bei Ausführung der Reaktion werden 0,2 ccm der
i;ung in eine graduierte 1 ccm-Spritze aufgesogen, durch Venen-
I iktion die Spritze gefüllt und dann in ein Senkungsröhrchen ein-
: pritzt ; zweimal umgeschüttelt und die Zeit notiert. Das Intervall
|i Marke 1 ccm bis 18 mm wird von verschiedenen Blutsorten in
r, schieden langer Zeit durchlaufen. Es ist dies die zu bestimmende
Jikungszeit.
| So einfach die Methode ist, so müssen doch einige Vorsichts-
Issregeln beachtet werden. Natürlich muss auch mit dieser Me¬
lde exakt gearbeitet werden, es müssen also genau die Mengen
i|i Natr. citric. und Blut, wie ich sic angegeben habe, gemischt
»rden. Ist z. B. beim Aufsaugen von Blut Luft in die Spritze gc-
änmen, so muss ein neuer Versuch angesetzt werden. Dann muss
ji mit genau geeichten Spritzen arbeiten, die Spritzen sind heut¬
ige recht ungenau. Die Spritze muss ganz trocken sein, oder
firmals mit Natr. citric. durchgespritzt werden. Auch die Sen-
äigsröhrchen müssen peinlich sauber und trocken gehalten werden,
pn ist die Natr. citric.-Lösung öfter zu erneuern, da sie sich leicht
; setzt oder konzentrierter wird.
Zum Schluss noch ein Ueberblick der Senkungszeiten nach
rner Methode, verglichen mit den Zahlen der Westergren-
len Methode, der nach 1 Stunde in Millimeter abliest.
Linzenmeier
Westergren
jjnales Nabelschnur!) lut . .
über 1500 Min.
1 mm
i congenita .
10—60 Min.
35 — 120 mm
1 lerblut . .
600 Min.
2—3 mm
1 enblut .
200—350 Min.
6—10 mm
I'idität .
55 Min.
35 mm
|*n. entzündlich, noch virulent .
unter 100 Min.
mehr wie 15 mm
Ite exudat Entzündungen .
unter 35 Min. 3
50 — 130 mm
dem pathologisch-anatomischen Institut der deutschen
Iversität in Prag und der deutschen Forschungsanstalt für
Psychiatrie in München.
Veränderungen im Zentralnervensystem bei Parkin-
nismus in den Spätstadien der Encephalitis epidemica.
Von Franz Lucksch und Hugo Spatz.
(Vorläufige Mitteilung.)
' Während wir bei den akuten Stadien der Encephalitis epidemica
pn seit längerer Zeit über die anatomischen Veränderungen durch
i grundlegenden Untersuchungen v. Economos und seiner Nach¬
her unterrichtet sind, fehlt vorderhand eine einwandfrei dargetane
ttomische Grundlage für die Endstadien der genannten Krankheit,
besonders für die Formen, welche durch die Erscheinungen des sog.
lÄ) M.m.W. 1920 Nr. 10. la) M.m.W. 1921 Nr. 26.
I „Parkinsonismus“ ausgezeichnet sind. Durch Beobachtungen von
Tretjako ff, L h e r m i 1 1 c und C o r n i 1 in Frankreich, K. Gold-
stein und H. Spatz in Deutschland bei einzelnen derartigen
Fällen ist die Aufmerksamkeit hier auf ein ganz bestimmtes Zentrum,
die Substantia nigra Sömmeringii, gelenkt worden.
Es galt nun an einer grösseren Reihe von Fällen Untersuchungen
zur Klärung dieser Frage vorzunehmen und dazu eignete sich das
grosse Prager Material in ganz besonderer Weise; im Münchener
Forschungsinstitut bereits vorhandene und im Laufe der Unter¬
suchungen hinzugekommene Fälle vermehrten dasselbe noch, so dass
wir nunmehr über 18 untersuchte Fälle berichten können. Das Re¬
sultat dieser Untersuchungen, deren Einzelheiten wir mit Zugrunde¬
legung der Krankengeschichten noch ausführlich mitteilen werden,
sei hier gleich vorweggenommen und kurz zusammengefasst:
Währe n d sich in den meisten (besonders in den
älteren) Fällen von Parkinson ismus an den übri¬
gen Prädilektionsstellen der Encephalitis epi¬
demica und auch sonst im Zentralnervensystem
keine oder nur geringgradige Veränderungen mehr
nachweisen liessen, waren diese im Bereiche der
Substantia nigra Sömmeringii so konstant vor¬
handen und von solcher Intensität, dass wir sie
als die Ursache des „Parkinsonismus“ und als
pathognomonisch für diesen hin stellen möchten.
Welcher Art waren nun diese Veränderungen in der Substantia
nigra? Meist manifestierten sie sich schon makroskopisch
in einer mehr oder minder deutlichen Abblassung oder Verwaschen-
heit des sonst deutlich sichtbaren schwarzen Bandes und einer Ver¬
kleinerung, einer Atrophie dieses Gebietes.
Mikroskopisch konnte eine lückenlose Reihe zusammen-
gestellt werden, an deren unterstem Ende Befunde standen, die sich
an die Bilder anreihen, welche bei den akuten Stadien der Encepha¬
litis epidemica gerade auch in der Substantia nigsa gefunden werden.
Neben der Anwesenheit von ausgedehnten perivaskulären Infiltraten,
von freien Infiltratzellen im Gewebe, von diffuser und herdförmiger
Gliawucherung frischen Charakters und der charakteristischen Pig¬
mentverlagerung ist hier aber auch schon ein erheblicher Nerven¬
zell a u s f a 1 1 im Bereich der schwarzen Zone der S. n. nachweis¬
bar. Am oberen Ende der Stufenleiter lagen die Fälle, bei denen die
so typischen, bandförmig angeordneten, dunkel pigmentierten Gan¬
glienzellgruppen der schwarzen Zone durch eine
Glia narbe ersetzt sind, in der nur mit Mühe eine oder die
andere melanotisch pigmentierte Ganglienzelle zu entdecken war,
während die Erscheinungen der Entzündung und der frischen Glia¬
wucherung völlig verschwunden sind. Zwischen diesen beiden Polen
lag die lange Reihe der verschiedentlichst zusammengesetzten Ucber-
gangsbilder. Die Rote Zone *) der Substantia nigra war meist un¬
verändert. — Besonders betont sei, dass sowohl das Striatum (Nu-
cleus caudatus + Putamen) als das Pallidum keinen Nervenzellausfall
aufwiesen; übrigens gehören diese Zentren auch nicht zu den
Prädilektionsstellen der akuten Veränderungen.
Es fragt sich nun, ob der von uns in so konstanter Weise er¬
hobene Befund imstande ist. die so schweren klinischen Erschei¬
nungen zu erklären. Diese Frage glauben wir bejahen zu können.
Es erscheint uns die S. n. als ein wichtiger Bestandteil des extra-
pyramidal-motorischen Systems, deren Bedeutung auch hier, wie so
oft, erst durch ihren Wegfall erkannt wurde. Wir hätten diesem Teil
des genannten Systems von nun an grössere Aufmerksamkeit zu
widmen.
Auf die Unterscheidung zwischen den Veränderungen, die wir
bei enzeDhalitischem Parkinsonismus fanden, und denen der Paralysis
agitans (echter Parkinson scher Krankheit), von der unsere Affek¬
tion den Namen hat und die nach Tretjakoff gleichfalls zum Teil
wenigstens ihren Sitz in der S. n. haben soll, wollen wir in unserer
ausführlichen Mitteilung näher eingehen. Bei zahlreichen Kontroll-
untersuchungen haben wir die S. n. niemals ähnlich verändert ge¬
funden. Interessant erscheint die aus unseren Untersuchungen her¬
vorgehende Tatsache, dass trotz der grossen Ausdehnung und Ver¬
breitung, die der enzephalitische Prozess während des akuten
Stadiums für gewöhnlich zeigt, einzig die S. n. dasjenige Zentrum ist,
welches anscheinend recht häufig einen sichtbaren dauernden Scha-
d c n erleidet. Diese Erscheinung könnte in zweierlei Weise ihre
Erklärung finden: es kann entweder die Einwirkung des Virus an
dieser Stelle eine besonders intensive gewesen sein — hiefiir scheint
u. a. zu sprechen, dass schon in den Frühstadien die Entziindunes-
erscheinungen hier besonders akzentuiert sind — oder den Nerven¬
zellen der Substantia nigra kommt eine besondere Empfindlichkeit
gerade gegenüber der Schädlichkeit der Encephalitis epidemica zu.
Eine Entscheidung darüber getrauen wir uns vorderhand nicht zu
treffen, vielleicht treffen beide Annahmen zu. Schliesslich möchten
wir noch darauf hinweisen, dass, ebenso wie einerseits die so mannig¬
faltigen und wechsclvollen klinischen Erscheinungen während des
akuten Stadiums sehr gut mit den ausgebreiteten Veränderungen im
Zentralnervensystem in Einklang gebracht werden können, anderer¬
seits auch die Eintönigkeit des klinischen Befundes beim Parkinsonis¬
mus mit der Gleichartigkeit dsr von uns gefundenen anatomischen
Veränderungen gut übereinstimmt.
*) Siehe Spatz: D. Zschr. f. Nervhlk. 1923, 77. Die Substantia nigra
und das extrapyramidal motorische System.
1246
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 40
Aus dem Stadtkrankenhaus im Küchwald Chemnitz.
(Direktor: Prof. Dr. Clemens.)
Indikanämie als Zeichen der chronischen Azotämie.
(Vergleichende Reststickstoff-Indikanuntersuchungen im Serum
Nierengesunder und -kranker).
Von Dr. Erich Schilling und Dr. Paul Holzer.
Die Nierenfunktionsprobe im Urin nach V o 1 h a r d und
S t r a u s s, die sich aus den Streitigkeiten über das Wesen und die
Einteilung der Nierenkrankheiten herausgebildet hat, gibt uns nur
einen Einblick in den augenblicklichen Zustand der Niere, ohne dass
wir daraus wesentliche Schlüsse auf die Prognose des Nierenleidens
ziehen können. Wesentlich wertvoller für uns sind die Nierenfunk¬
tionsproben im Serum. Neben dem Reststickstoff hat man in letzter
Zeit im Serum noch andere Eiweissschlacken, wie Indikan, Harnstoff,'
Kreatinin usw. untersucht, um dadurch die Funktionen der Niere und
ihre Störungen zu prüfen. Besonderes Interesse hat man in letzter
Zeit der Untersuchung des Indikans im Serum zugewandt.
Nachdem 1911 Obermeyer und Popper [l] die Gegenwart
von Indikan im Serum Urämischer nachgewiesen hatten, haben viele
Autoren ihre Befunde nachgeprüft. Auf technische Einzelheiten der
Methodik und die verschiedenen Modifikationen wollen wir hier nicht
eingehen. Wenn auch alle Autoren darin übereinstimmen, dass einer
Vermehrung des Rest-N im Serum oft eine Erhöhung des Indikans
entspricht, so gehen doch die Ansichten darüber im einzelnen aus¬
einander.
Als erster führte Haas (2] quantitative Indikanbestimmungen im Serum
aus und verglich sie mit den ermittelten Rest-N-Werten. Als Norm fand er
Indikanmengen von 0,2 — 0,8 mg im Liter Serum, bei abnormer Indikanurie
waren diese Werte bis 1,45 mg gesteigert. Bei Kranken mit Nieren¬
insuffizienz jedoch betrugen sie ein Vielfaches. Haas nimmt daher 1,4 mg
als die höchste Grenze bei einem Nierengesunden an, Werte, die höher
liegen, sprechen seiner Ansicht nach mit Sicherheit für eine Niereninsuffizienz.
Er fand bei dieser Rest-N-Erhöhung auch eine Vermehrung des Indikans. In
einzelnen Fällen aber war das Indikan vermehrt bei normalem Rest-N.
Haas schliesst daraus, dass sich eine Niereninsuffizienz früher durch eine
Vermehrung des Indikans zeigt als durch eine solche des Reststickstoffes.
Bei einer Nachprüfung dieser Befunde erhielt Rosenberg [3] andere
Resultate. Einmal fand er die Grenze des normalen Indikanspiegels viel
höher, eine Differenz, die sich nach den Untersuchungen von Snapper [4]
ohne Schwierigkeit durch die verschiedene Methodik der Untersucher er¬
klären lässt. Weiter wies er zuweilen im Serum eine beträchtliche Rest-N-
Erhöhung bei völlig normalem Indikan nach. Dabei handelte es sich stets
um Fälle von akuter Nephritis.
Auch Snapper fand bei akuten Nephritiden hohe Ureawerte, ohne
dass er eine Erhöhung des Indikans nachweisen konnte.
Nach Umber [5] kann der maximale Normalwert von 0,8 g Indikan
im Liter Serum auch ohne Niereninsuffizienz bei Darmerkrankungen bis auf
das Vierfache gesteigert sein, bei Niereninsuffizienz sogar bis auf das Hundert¬
fache. Aus einer alleinigen Reststickstofferhöhung glaubt er daher auf eine
akute Azotämie schliessen zu können, eine Erhöhung des Indikanspiegels
spricht für chronische Azotämie und drohende Urämie. Deshalb hält er den
Vergleich zwischen Rest-N und Indikanbefund für besonders wertvoll.
Auch wir prüften prinzipiell stets den Rest-N- und Indikan-Gehalt
des Serums vergleichsweise1). Wir haben etwa 300 Fälle besonders
gründlich untersucht und wollen 40 Fälle als Beispiel für die gesamten
Untersuchungen in einer Tabelle demonstrieren.
Bestimmungen bei nierengesunden
Personen.
Rest-N
Indikan
1. S. Asthma bronchiale 36
0,8
2. B. Perikarditis
32
0,5
3. S. Polyarthritis
18
0,5
4. R.
36
0.6
5. A. Diabetes
34
0,4
6. S. Ikterus
38
0.8
7. D. Hysterie
24
0,23
S. P. Parametritis
28
0.8
9. F. Neurasthenie
40
0,7
10. O. Zystitis
35
0.75
Bestimmungen bei nierengesunden
Personen mit starker Indikanurie.
Rest-N Indikan
11. R. Ulcus ventr.
40
1.4
12. B. Insufficientia cord.
25
1.0
13. J. Enteritis
32
1,2.
14. D. Ulcus ventr.
28
0.9
15. L. .,
26
1.5
16. K. „
38
1.2
17. L. Ulcus duodeni
38
0,8
18. V. Insufficientia cord.
30
0.6
19. G.
32
1,2
20. H. Enteritis
36
1.4
Bestimmungen bei nierenkranken
Personen ohne Reststickstofferhöh¬
ung.
Rest-N
Indikan
21. J. Nephrosklerose
34
0,8
22. N.
28
1,6
23. B.
34
2.0
24. A. Nephrose
32
0.8
25. A.
35
1,5
26. S. akute Nephritis
28
0,4
27. N. chronische „
26
0,6
28. D. Pyelitis
35
0.8
29. N. akute Nephritis
24
0,9
30. H. chronische ,.
35
0,5
Bestimmungen bei Nierenkranken
mit Reststickstofferhöhung.
Rest-N Indikan
31. S. akute Nephrttis
85
3,2
32. H. .,
80
0,7
33. B. Nephrosklerose
50
1,6
34. H. akute Nephritis
60
2,7
35. W. Pyelitis, Prostata¬
hypertrophie
58
1.8
36. T. chron. Nephritis
83
9,5
37. >N. akute „
76
0,9
38. B. Nephrosklerose
95
10,0
39. R. chron. Nephritis
85
8,6
40. L. Nephrosklerose
120
1,8
Bei organisch völlig gesunden Personen fanden wir stets normale
Reststickstoff- und Indikanwerte. Die Reststickstoffwerte schwank-
*) Die Rest-N-Bestimmung führten wir nach Strauss,. die Indikan-
bestimmung nach Jolle aus.
ten zwischen 18 und 40 mg, die Indikanwerte zwischen 0,4 und 0.8 ms
im Liter Serum. Ein Parallelismus zwischen beiden bestand iveht
Sodann suchten wir uns Fälle aus, bei denen eine abnorme Indikan¬
urie bestand. Es handelte sich dabei um Kranke mit Herz- um
Magendarmaffektionen. Auch in diesen Fällen war der Reststickstoi
überall normal ; wir konnten also die Befunde von Gunderraam
und Dkttmann [6] bei Magen- und Duodenalulcera nicht bestäti
gen. Die Indikanwerte waren in etwa 75 Proz. der Fälle erhöht, sii
schwankten zwischen 0,6 und 1.5 mg. Höhere Werte als 1,5 fandei
wir auch bei den stärksten Indikanurien niemals. Unsere Befumh
stimmen also mit denen von Haas und M a 1 1 h e s überein, die nui
bei Niereninsuffizienzen Werte von mehr als 1,6 mg feststellten.’
während Umber ja auch bei anderen organischen Störungen Werte
bis zu 3 mg fand. Solche Fälle scheinen also doch immerhin rechia
selten zu sein.
In der dritten Gruppe stellten wir Fälle von Nierenerkrankurgerj
zusammen, bei denen wir normale Rest-N-Werte ermittelten. Unteil
etwa 100 derartigen Fällen fanden wir nur einmal das Indikan er¬
höht; die Steigerung des Rest-N trat allerdings auch bald ein.
Es handelte sich um einen Kranken, der vor einigen Jahren eine akute
Nephritis durchgemacht hatte, die in ein chronisches Stadium übergegangen
war. Als er in unsere Beobachtung kam, stand eine Herzinsuffizienz im
Vordergrund der Erscheinungen. Er klagte über Kurzatmigkeit und Herz-I1
klopfen, besonders bei Anstrengungen. Die Untersuchung ergab ein hyper-i
trophisches und etwas diktiertes Herz. Der Blutdruck betrug 240 mm Hs
nach Riva-Rocci, der Reststickstoff 36, das Indikan 2,0 mg. Bei der
Nierenfunktionsprobe zeigte sich Isosthenurie. Unter entsprechender Be-j
handlung besserten sich die Herzerscheinungen, doch betrug der Reststick- j
Stoff nach 2 Monaten 60 mg, das Indikan 4,6. Nach knapp 2 weiteren Monaten
starb der Kranke unter urämischen Erscheinungen. Es handelte sich also
um eine chronische Azotämie. Der Verlauf bestätigte aus dem erhöhten
Indikanwert trotz normalen Rest-N-Wertes die von uns ungünstig gestellte
Prognose.
In die letzte Gruppe reihten wir endlich Fälle zusammen, bei*
denen sich eine Erhöhung des Reststickstoffs als Folge einer Nieren¬
insuffizienz fand. Im allgemeinen fällt auf, dass die Werte des Rest-)
Stickstoffs kaum bis auf das Doppelte bis Dreifache, die Indikanwerte
dagegen bis auf das Vielfache der Norm steigen. Auch diese Be¬
funde sind ja schon früher erhoben worden. Besondere Besprechung!,
verdient Fall H. Nr. 34 und Fall L. Nr. 40.
Der erste Kranke kam mit einer akuten Nephritis ins Krankenhaus. Es;
fanden sich Oedeme an den Beinen, im Gesicht und an Schleimhäuten des
Rachens. Der Blutdruck betrug 150 mm Hg. Im Urin fand sich reichlich1
Albumen (etwa 6 Prom.), im Sediment zahlreiche Erythrozyten, massig1
reichlich hyaline und granulierte Zylinder. Der Reststickstoff betrug 80, das
Indikan 0,7 mg. Nach 3 Tagen wurden die anfänglich nur geringen Kopi-i
schmerzen unerträglich, und heftiges Erbrechen setzte ein. Ein Aderlass von |
700 ccm Blut brachte wesentliche Erleichterung. In dem entnommenen Blut I
betrug der Reststickstoff 120, das Indikan 0,8 mg. Nach 5 Tagen waren die
stürmischen Erscheinungen abgeklungen, der Kopfschmerz war fast ganz
verschwunden, kein Erbrechen mehr. Der Reststickstoff war wieder auf 85l
gesunken, das Indikan betrug noch 0,8. Nach 3 weiteren Wochen unten
Schonungsdiät usw. war weitere allgemeine Besserung eingetreten, etwa
3 Prom. Albumen, Blutdruck 120 mm Hg, Reststickstoff 35, Indikan 0,7 mg.|
Nach 3 Monaten bestand nur noch geringe Albuminurie, im Sediment ver¬
einzelte Zylinder, keine Erythrozyten mehr, Blutdruck 100 — 120 mm Hg,,
Reststickstoff 36, Indikan 0,6 mg, und der Kranke verliess wesentlich ge¬
bessert das Krankenhaus. Es bestand also hier eine akute Nephritis mit
Urämie bei einem Reststickstoff bis 120 mg. Doch stellten wir aus dem stets’
niedrigen Indikangehalt des Serums die, Prognose günstig. Es war die Er¬
höhung des Reststickstoffs wohl nur eine Folge des gesteigerten Eiweiss-j
Stoffwechsels, der Indikanspiegel war ein Beweis dafür, dass die Aus- 1
Scheidungsfähigkeit der Nieren ungestört war.
Der zweite Fall L. betraf eine Kranke, die im ganzen dreimal das
Krankenhaus aufsuchte. Zum erstenmal kam sie_ wegen Kopfschmerzen. Ein
Arzt hatte bei der Untersuchung Eiweiss im Urin gefunden und die Diagnose:
auf Urämie gestellt. Es bestanden nur geringe Oedeme an den Beinen, nnr
Spuren von Albumen im Urin, das Södiment zeigte vereinzelte Erythrozyten
und Zylinder. Der Blutdruck betrug 110 mm Hg, der Rest-N 36, das Indikan.
0,6 mg. Eine Blutentnahme brachte keinerlei Besserung der Beschwerden.
Da der Wassermann 4 — I — I — b war. wurde eine spezifische Kur eingeleitet,
darauf wichen die Kopfschmerzen. Die Kranke verliess vor Beendigung der •
Kur das Krankenhaus auf eigenen Wunsch. Nach etwa einem Jahr kam die.
Kranke wegen Sehstörungen, Kopfschmerzen und zeitweisem Erbrechen
wieder. Der Urinbefund war wie früher. Der Blutdruck betrug 180 mm Hg.
der Reststickstoff 40, das Indikan 0,6 mg. Es wurde von neuem eine
spezifische Kur eingeleitet, worauf Kopfschmerzen und Erbrechen ver¬
schwanden. Die Sehstörungen waren unverändert. Nach 6 Monaten kam die
unterdessen völlig erblindete Kranke wieder, doch hatte sie nie mehr Kopf- i
schmerzen und Erbrechen gehabt. Nur unmittelbar vor der Aufnahme hatte |
sie eine Hämatemesis, die sich kurz nach der Aufnahme wiederholte, aber 1
keine Kopfschmerzen. Nach einigen Tagen verfiel die Kranke zusehends,
sie jammerte über Uebelkeit und Kopfschmerz und wurde bald bewusstlos, i
Der Blutdruck betrug 205 mm Hg. der Urin enthielt V: Prom. Albumen. im
Sediment waren vereinzelte Erythrozyten und Zylinder, der Reststickstoff
betrug 120, Indikan 1,8 mg. Nach 3 Tagen erlag die Kranke einer kruppösen
Pneumonie. Die Sektion ergab neben einem Magengeschwür eine beider¬
seitige Schrumpfniere. Wir glauben das Verhältnis zwischen dem hohen
Reststickstoff und dem relativ niedrigen Indikan so deuten zu können, dass
es sich hier um ein plötzliches Fortschreiten handelt, daher auch der plötz¬
liche Verfall der Kranken.
Ueberblicken wir unsere Befunde, so glauben wir sagen zu
können:
1. Bei Nierengesunden ist der Reststickstoff- und Indikangehalt
, im Serum nie erhöht.
Oktober 1923.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1247
2. Auch bei abnormer Indlkanurie übersteigt das Indikan den
Wert von 1,5 nicht.
3. Hei hohem Reststickstoffgehalt ist die Prognose zweifelhaft,
denn die Erhöhung des Rest-N-Spiegels kann entweder eine
Folge des vermehrten Eiweisszerfallcs sein oder eine Folge
von Niereninsuffizienz.
4. Bei erhöhtem Indikan ist die Prognose stets ernst, denn sie
weist mit Sicherheit auf eine chronische Azotämie mit drohen¬
der Urämie als Folge einer Niereninsuffizienz hin.
5. Der Vergleich zwischen Indikan und Reststickstoff erscheint
daher als das wertvollste. Eine alleinige Indikanbestimmung
ist wertvoller als eine alleinige Reststickstoffbestimmung, da
sich aus ersterer die Prognose des Falles stellen lässt.
Literatur.
1. Zschr. f. klin. Med. 72, 232. — 2. D. Arch. f. klin. Med. 119. M.m.W.
15 Nr. 31, 1917 Nr. 42. — 3. M.m.W. 1916 Nr. 4 u. 26. — 4. Klin. Wsclir.
?2 Nr. 15. — 5. D.rn.W. 1923 Nr. 13. — 6. Grenzgeb. 33, 4.
Zur Behandlung der Coxa vara.
Von A. Schanz -Dresden.
Bei der Behandlung der Coxa vara stellen sich uns zwei Auf-
ben: erstens die Aufgabe, den Prozess, welcher die Deformität
'eugt und vermehrt, unwirksam zu machen; zweitens die Aufgabe,
> entstandene Deformität zu korrigieren.
Diese beiden Aufgaben können sich verschieden kombinieren, und
: Behandlung, die bei einer Coxa vara auszuführen ist, muss dem-
tsprechend in verschiedenen Fällen verschieden zusammengesetzt
n.
Ich will die in Frage kommenden Möglichkeiten nicht durch-
•echen, ich will auch ganz die Frage der Behandlung des defor-
arenden Prozesses der Coxa vara beiseite lassen. Ich will mich
r mit der Behandlung der Deformität befassen.
Es sind eine ganze Reihe Korrekturoperationen für die Coxa
ra angegeben worden. Ich habe von jeher nur die subtrochan-
re Osteotomie ausgeführt.
Ich osteotomiere dicht unterhalb des Trochanter minor, horizon-
lineär. Dann knicke ich das proximale und das distale Fraktur-
ck so gegeneinander ab, dass ein nach der lateralen Seite offener
nkel entsteht. Das Maass der Abknickung entnehme ich dem
asse der Abbiegung des Schenkelhalses. Um so viel, als der
lenkelhals nach abwärts verbogen ist, knicke ich den Femurschaft
:h aussen ab.
Die Zurückführung des Beines in Parallelstellung zur Längsachse
; Körpers ergibt dann eine Aufrichtung des Schenkelhalses und
e Einstellung der Schenkelhalsachse in ihre normale Richtung.
Welche schönen funktionellen Resultate diese Operationen er¬
teil. habe ich auf dem diesjährigen Chirurgenkongress gezeigt durch
Vorstellung des Kranken, von dem die Röntgenskizzen Fig. 1
I 2 gewonnen sind.
Der Kranke, jetzt 13 Jahre alt. hatte vor 2 Jahren beim Rodeln einen
ss gegen die rechte Hüfte erlitten. Er hatte zunächst davon gar keine
rungen. Nach einiger Zeit stellten sich Schmerzen und Hinken ein. Als
ihn sah, bestand starkes Hinken, die Hüfte war fast unbeweglich. Das
itgenbild (Fig. 1) zeigte eine starke Abbiegung des Schenkelhalses. Ich
Je die hohe subtrochantere Osteotomie aus und stellte eine Abknickung
fast 60° her.
Fig. 1. Fig. 2.
Als ich den Knaben 5 Monate nach der Operation dein Chirurgcnkon-
f>s zeigte, war von dem Hinken auch für ein geschultes Auge kaum mehr
• ■ Spur zu sehen. Das Gelenk hatte ein fast normales Bewegungsfcld.
1 Kranke konnte ausdauernd und ohne Beschwerden gehen.
: Wenn man das Röntgenbild Fig. 2, welches so schwere Veränderungen
Anatomie der Hüfte zeigt, betrachtet, und daneben sieht, wie glatt und
• der Kranke läuft, so ist das auch für den Fachmann eine Ueberraschung.
Ich habe in Berlin nur den einen in dieser Art operierten Fall
.eigt. Der war aber nicht etwa ein Ausnahmefall, sondern er war
>us. Jeder analoge Fall, der ebenso angegriffen wird und bei dem
Durchführung des Operationsplanes gelingt, ergibt ein ebenso
'-s Resultat.
Nun eignen sich aber doch nicht alle Fälle von Coxa vara für
1 ^e Operation.
Die angeborene Coxa vara zeigt in Frühstadien das ein¬
fache, bekannte Bild (Fig. 3). Der Schenkelhals steht ungefähr hori¬
zontal, und senkrecht durch ihn herunter läuft auf dem Röntgenbild
eine helle Zone.
Die Kinder zeigen einen an die angeborene Htiftluxatlon erinnern¬
den Gang. Beschwerden haben sie nicht.
Dieser Zustand ändert sich, ob in allen Fällen, weiss ich nicht,
aber jedenfalls in sehr vielen, mit dem Laufe der Jahre. Das Hinken
wird stärker, es treten Schmerzen auf, das Bcwegungsfeld schränkt
sich mehr und mehr ein.
Wenn die Kranken als Erwachsene zu uns kommen, dann findet
man ein ganz anderes Röntgenbild.
Der Schenkelhals ist jetzt in einem spitzen Winkel nach abwärts
gebogen. Es sieht aus, als sei der Hüftkopf über den Halsansatz
nach abwärts gedreht, und — das ist die auffälligste Veränderung —
der Trochantersteh t über den Ansatz des Schenkel-
halses wie ein Zapfen hoch in die Höhe. Man hat den
Eindruck, als wäre der Schenkelhals nicht nur nach abwärts gebogen,
sondern als wäre er am Schenkclschaft heruntergerutscht.
Fig. 4 zeigt einen solchen Befund. Die Skizze ist gewonnen von einem
24 jährigen landwirtschaftlichen Arbeiter.
Die Anamnese ergab, dass der Kranke an einer angeborenen Coxa
vara litt. Er suchte Hilfe, weil das Bein mit den Jahren immer kürzer und
kürzer geworden war, besonders aber, weil sich in letzter Zeit so hoch¬
gradige Schmerzen eingestellt hatten, dass er seinem Beruf nicht mehr nach¬
gehen konnte.
Für einen Fall mit einem Röntgenbefund, wie ihn dieser hier zeigte,
eignet sich die hohe subtrochantere Osteotomie nicht. Man kann nicht einen
Knickwinkel einstellen, der die hochgradige spitzwinklige Abbiegung des
Schenkelhalses kompensiert.
Für den Weg, den ich hier eingeschlagen habe, gaben mir die Resultate,
die ich mit der tiefen subtrochanteren Osteotomie bei nichtreponibler a n -
g e b o re ne r. Luxation erreicht habe, die Richtlinien an. Ich sagte mir,
wenn sich bei diesen Coxa-vara-Fällen, die Luxationsfällen in so vielen
Beziehungen ähneln, eine Situation herstelle, die eine Wesensgleichheit mit
der Luxation bedeutet, so kann ich erwarten, dass die Coxa-vara-Fälle. ebenso
behandelt wie die Luxationsfälle, ähnlich gute Resultate ergeben.
Ich resezierte den Schenkelkopf und führte die
tiefe subtrochantere Osteotomie aus.
Fig. 3. Fig. 4. Fig. 5.
Die Situation, die ich so erzielte, zeigt die Röntgenskizze Fig. 5.
Die funktionellen Resultate, die ich damit er¬
reichte, haben meine Rechnung bestätigt. *
Der Kranke, von dem Skizze 4 und 5 stammen, ist völlig schmerzfrei
geworden. Er ist wieder als landwirtschaftlicher Arbeiter in
voller Tätigkeit.
Das Gangbild hat das eigentümliche Einknicken des Oberkörpers,
das man bei diesen Fällen sieht, und das so stark an das Gangbild
der angeborenen Luxation erinnert, völlig verloren. Es besteht nur
ein ganz geringes Verkürzungshinken.
Noch mehr Freude habe ich an einem anderen Fall. Da handelt es sich
um eine 24 jährige Kranke mit doppelseitiger Coxa vara. Hier wurde Be¬
seitigung der Schmerzen erreicht, eine normale Rückenlinie hergestellt. Der
watschelnde Gang ist verschwunden. Es ist nur ein ganz leichtes Wippen
in den Füssen geblieben. Vor allem aber wurde das absolute Kohabitations-
hindernis, welches durch die Einengung des Bewegungsfeldes beider Hüft¬
gelenke gesetzt war, beseitigt. Auch diese Kranke habe ich dem Chirurgen¬
kongress dieses Jahr vorgestellt.
Von den bisher in dieser Weise von mir operierten Fällen ent¬
spricht nur ein Fall meinen Erwartungen nicht. Woher der Unter¬
schied kommt, ist mir noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich habe
ich in diesem Falle bei der Resektion des Kopfes die Verbindung der
Kapsel mit dem Halsstumpf durchschnitten, und habe dadurch das
feste Band zwischen oberem Femurrand und Pfanne, welches durch
die Kapsel hergestellt wird, geschädigt. In Zukunft werde ich auf
die Erhaltung der Kapselverbindung sorgfältig achten, und ich emp¬
fehle, das zu tun.
1248
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 40.
Zur Klinik der Impotentia generandi ejaculatoria*).
Von Heinrich Higie r- Warschau.
Zum Zustandekommen eines regelrechten Koitus müssen drei
physiologische Akte in bestimmter Reihenfolge stattfinden: Erektion,
Orgasmus und Ejakulation. Tritt irgendwelche Störung in dieser
zeitlichen Reihenfolge ein oder fällt der eine oder der andere Akt
aus, so können wir von Impotenz sprechen, die somit dreierlei Her¬
kunft sein kann.
Im Eheleben spricht man in der Regel von zwei Hauptformen
der Impotenz. Am bekanntesten ist die psychische Impotenz der
Flitterwochen mit Erektionsschwäche des Gliedes (Impotentia
crectiva), die im günstigsten Falle plötzlich schwindet. Meist
stellt sich jedoch nach Ueberwindung der Impotentia coeundi Aus¬
bleiben des Ejakulationsreflexes oder verspäteter Erguss (Ejacu-
latio retardata) mit allmählichem Uebergang zur Norm ein.
Die zweite Form von Impotenz, die ziemlich banale, meist gemischte
Impotentia coeundi et 'generandi, ist der verfrühte Samenerguss
(Ejaculatio praecox s. praecipitata). Der Orgasmus ist
in beiden Fällen etwas herabgesetzt.
Es gibt noch eine dritte, bedeutend seltenere, den Aerzten
weniger bekannte Varietät, die eher schon zur Gruppe der reinen
Impotentia generandi gehört, für die seinerzeit Fürbringer den
Vergleich mit bedauernswerten Jägern geprägt hat, deren zur Unzeit
sich entladende Schusswaffe für das gewollte Ziel versagt. Zu¬
fälligerweise hatte ich die Gelegenheit, im Laufe eines Monats
zwei Kranke mit dieser seltenen Form von Impotenz, die ich als
„ejaculative Generationsimpotenz“ bezeichnen möchte,
zu behandeln und zu demonstrieren. Sie besteht darin, dass
der mit intakten Genitalien und normalem Trieb
a u s g e s t a 1 1 e t e Kranke den Koitus regelrecht mit
ausreichender Erektion auszuführen versteht,
dass er jedoch trotz fortgesetzter Friktionen
und stattgefundenem Orgasmus keine Ejakulation
erreichen kann.
Es sollen hier die Krankengeschichten dieser praktisch bedeu¬
tungsvollen Sexualstörung im Auszug angeführt werden, die, wie ge¬
sagt, dem Gros der Praktiker kaum geläufig ist.
Beobachtung I. 28 jähriger Kaufmann. 5 Jahre verheiratet. Tadel¬
loses Vorleben. Vollkommene Keuschheit. Gut gebaut. Genitalien intakt.
Regelrechter Geschlechtstrieb mit einer ihn liebenden und von ihm geliebten
Frau. Trotz mehrjährigen ehelichen Verkehrs hat er
bei starker und andauernder Erektion kein einziges
Mal einen Samenerguss erzielt. Der Koitus pflegt bis
zu beiderseitiger Erschöpfung und beiderseitigem
Orgasmus fortgesetzt zu werden. Normale Erektionsfähigkeit
mit Ejakulation bei der nur wenige Male im Leben stattgehabten Selbst¬
befriedigung. Kranker erinnert sich nicht, im Schlafe unter erotischen Träu¬
men und spezifischen orgastischen Sensationen einen Samenerguss erlebt zu
haben. Harn eiweiss-, zucker- und samenfrei. Weder psycho- noch 'neuro-
pathisch belastet. Konsultiert viele Aerzte wegen heisser Sehnsucht nach
Kindern. Keine Antipathie gegen die Gattin.
Beobachtung 11. 29 jähriger neurasthenischer, psychisch sensitiver
Schriftsteller. Solides Vorleben. Nie onaniert. Gelegentlich nächtlich libidi-
nöse Pollutionen. Seit dem 22. Lebensjahre massige Kohabitationsversuche.
Herkulisch gebaut. Hat es nie, trotz kräftiger und nach¬
haltiger, jedenfalls ausreichender Erektion zum
regelrechten Samenerguss gebracht. Die ersten paar Jahre
vermochte er dem Mechanismus des Geschlechtsverkehrs vollkommen zu ge¬
nügen, es wurde ihm jedoch unerträglich die Qual des Nichteintritts der
orgastischen Befriedigung trotz stundenlangen Bemühens. Zuweilen reich¬
liche Schlafpollution nach misslungenem Koitus. Im letzten Jahre ist
es ihm wiederholt gelungen. Orgasmusgefühl zu er¬
reichen. Ejakulation trat jedoch erst nach dem Koitus
bei halberschlafftem Gliede ein. Harn eiweiss-, zucker- und
samenfrei. Genitalien stattlich entwickelt. Behandlung erfolglos. Keine
sexuellen Triebanomalien.
Wir sehen somit hier nicht die längst bekannte Abspaltung des
Ejakulations- vom Erektionsmechanismus (z. B. Ejakulation ohne
Erektion oder Erektion ohne Ejakulation), sondern die viel weniger
geläufige Abspaltung der Ejakulations- vom Orgas¬
musmechanismus, den Wegfall der Endphase des geschlecht¬
lichen Aktes infolge ungebührlicher Verzögerung oder gänzlichen Aus¬
falles des Ejakulationsreflexes trotz scheinbar regelrecht stattgehabter
Frektion und Orgasmus. Der zweite unserer Kranken mit verspäteter
Ejakulation gehört zu den Raritäten, die nur vereinzelte Aerzte
(Stekel, Löwenfeld) beobachteten. Von der an unseren
Kranken geschilderten Ejaculatio deficiens gibt es, wie die
spärliche diesbezügliche Literatur beweist, ziemlich bunte Abarten.
Bei Einem besteht vollständiger Mangel an Samenergüssen in
jeder Form und jeder Situation.
Beim Anderen geschieht die Ejakulation nachträglich post coitum
statt intra coitum, bei halberigiertem oder kollabiertem Glied, ge¬
radezu fliessend.
Beim Dritten kommt cs nach solch einem trotz normaler Potenz
und Libido misslungenen Koitus gelegentlich zur normalen Schlaf¬
pollution oder zur masturbatorisch auslösbaren Ejakulation.
Beim Vierten bleiben auffallenderweise die durch selbsteigene
Onanie lebhaft ausgelösten Ejakulationen sowohl beim Koitus als bei
mutueller konjugaler Masturbation aus.
*) Nach einer Demonstration im Warschauer Aerztevcrein (16. Januar
1923).
Orgasmus ohne Ejakulation — diese seltenste Impotenzform —
kommt somit bei jeder der drei Hauptvarietäten sexueller Betätigung
(Koitus, Pollution, Onanie) vor, jedoch nicht bei allen gleichzeitig.
M a r c u s e meint, gleichzeitiges Vorkommen im Traum und Wachen
sei selten, dagegen sei weniger selten Verbindung von kohabitativer
und masturbatorischer Störung.
, Differentialdiagnostisch kommt vielleicht bei unserem ,
nervösen Aspermatismus mit mangelnder Ent¬
leerung des Spermas nach aussen nur eine, ebenfalls
äusserst seltene Form von Aspermatismus in Betracht, Aspermatismus
organischer Herkunft infolge Deviation der Ductus ejaculatorii öden
narbigem — meist postgonorrhoischem — Verschluss derselben. 1
Beide Hessen sich jedoch ohne weiteres von einander trennen; beimi
nervösen Aspermatismus besteht ausgezeichnete Potenz und keine/
ejakulatorische Entlastung, beim organischen bestehen nach Für-)
b ringer charakteristische libidinös-orgastische, unter Umständenl
schmerzhafte Reflexstösse als Ausdruck des inneren Samcnergusses.l
der gelegentlich in die Blase geleitet wird und später im Harn als]
regurgitiertes Sperma nachweisbar ist.
Zur Pathogenese mich wendend, will ich vorausschicken,'
dass die Mehrzahl der Autoren, die dieses Thema berührten, eine Un-i
erregbarkeit oder Funktionsunfähigkeit des Ejakulationszentrums an-|
nimmt, die einen (Cur sch mann) infolge Exzesse, die anderen^
(Fürbringer) infolge Abstinenz. Ob es überhaupt physiologisch <
gedacht ist, von einer Trennung des Erektionszentrums (vasomotori¬
sche Funktion) vom Ejakulationszentrum (myomotorische Funktion)!
zu sprechen, oder von verschiedenen Erregbarkeitsgraden derselben!
resp. von totaler Abspaltung des Ejakulationsmechanismus voml
Erektionsmechanismus, mag vorderhand dahingestellt bleiben. Richtig!
ist in der ganzen Frage nur die Tatsache, dass das Zusammen-,
spielen des psychischen und rein mechanischen',
Reizes in verschiedener Weise sich gestalten!
kann: bei Einem ist die Wirkung der Psyche intensiver, beim
Anderen die des mechanischen Reizes und hier auch individuell,!
stärker bei vaginaler, bei manueller, bei mutueller Friktion. Auch;
der psychische Reiz wirkt hier mehr im Wachen, dort mehr im Traum:
beim Wegfall der zerebralen Hemmungswirkung.
In dieser Weise Hesse sich meines Erachtens am einfachsten die
Vielförmigkeit erklären, speziell wenn man die Tatsache in Betracht
zieht, dass man schon im Kindesalter Orgasmus ohne Ejakulation
resp. ohne Erektion zu treffen pflegt. Der Orgasmus und die Ejakula¬
tion sind somit beim Erwachsenen nur beim Sexualakt normaliter mit¬
einander funktionell verknüpft. Es kann somit in Wegfall kommenl
bloss die Ejakulation oder Orgasmus + Ejakulation. Die gelegentliche
Aufhebung dieser Funktionsgemeinsehaft muss nach Marcusej
nicht auf organischen Veränderungen beruhen, sie ist vielmehr durch
psychische Einflüsse hinreichend erklärbar.
Die Grundursache des funktionellen Asper¬
matismus oder Funktionsunfähigkeit des Ejakula¬
tionszentrums scheint jedenfalls kaum im Coitus
interruptus, in der Abstinenz oder in sexuellen
Abschweifungen zu liegen. Die Abstinenz ist doch bis zu
einem bestimmten Alter physiologisch und der funktionelle Aspcrnu-
tismus wird ab und zu schon bei jungen Leuten gefunden, die Exzesse
führen wiederum schlimmsten Falles zur Impotentia coeundi, aber
nicht zur Impotentia generandi.
In prognostisch-therapeutischer Hinsicht lässt
sich nur soviel sagen, dass beim gänzlichen Ausfall der Ejakulations-
möglichkeit die Vorhersage sich infaust gestaltet, wo sie dagegen
partiell erwiesen ist (bei Pollutionen oder A'lasturbation) — Im¬
potentia sejuncta — die Prognose nicht als absolut ungünstig
zu beurteilen ist. Einer meiner Kranken wurde durch einen Kur¬
pfuscher ganz rationell in der Weise belehrt, dass er die Einführung
des erigierten Gliedes in die Vagina unmittelbar vor der onanistischen
Ejakulation zu bewerkstelligen habe.
Kommt eine ähnliche Impotentia generandi beim Weibe vor? Es
fehlt uns leider an genauen physiologischen Daten. Es muss als Tat¬
sache gelten, dass eine Frau auch ohne jede geschlechtliche Erregung
befruchtet werden kann. Dennoch scheint die im Volke allgemein
verbreitete Anschauung die für die Mehrzahl sicher zutreffende zu
sein, dass auch bei der Frau der Höhepunkt der Erregung erzielt sein
muss, der etwa dem männlichen Orgasmus und Ejakulation entspricht.
Für sehr kalte, wenig erregbare Naturen gilt jedoch und galt immer
die Regel der Anwendung extraordinärer Reizungen, um beiderseitige
und gleichzeitige geschlechtliche Stimmung und Routine herzustellen.
Bekannt ist die langjährige Unfruchtbarkeit und der spätere reiche 1
Kindersegen der gesunden, fortpflanzungsfähigen, mit einem ganz
potenten Manne versehenen Kaiserin Maria Theresia. Der bekannte
und erfahrene Kliniker van Swieten erteilte bei der Konsultation
dem Ehemanne der frigiden Frau den erfolgreichen Rat (zit. nach
Orlowski): Ego vere censeo, vulvam sacratissimae MajSstaiis
ante coitum diutius esse titillandam.
Zum Schluss ein Wort über die Terminologie. So arm
die Kasuistik an Fällen ist. so reich ist sie an Bezeichnungen: Im¬
potentia coeundi (Moll), Aspermatismus psychicus
(Orlowski). Aspermatismus functionalis (Güter-
bock), Ejakulationsirtipotenz (G. F 1 a t a u). E j a c u -
1 a t i o deficiens inter congressum (Fürbringer).
Ejaculatio sejuncta (Hirsch fei d), Orgasmus prae-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
5. Oktober 1923.
c i p i t a t u s (R o h I e d e r), Orgasmus sine e j a c u I a t i o n e
(M a r c u s e).
Mir schien die im Titel angeführte Bezeichnung „I m p o t e n t i a
generandi ejaculatoria“ als die weitumfassendste, indem
sie darauf hinweist, dass die Impotenz nicht durch fehlende Erektion,
abwesenden Orgasmus oder wirklich bestehenden Aspermatismus
bedingt ist und dass sie, zur Gruppe der Generationsimpotenz ge¬
hörend. nicht als Kohabitationsimpotenz oder Impotentia coeundi auf-
gefasst werden kann. Die Frau wird jedenfalls solch' einen Partner
als potent bezeichnen, sie wird auch seinen Orgasmus wecken und
bei fehlender Ejakulation ihn auf den zum Bewusstsein des Mannes
nicht immer gelangenden Aspermatismus eventuell aufmerksam
machen.
Literatur s. bei Für b ringer: 1. Nothnagels Spezielle Pathologie
u. Therapie 19, 3; 2. D.m.W. 1922 Nr. 18.
Aus der Pester Hebammenanstalt.
(Direktor: Prof. Dr. Josef Lovrich.)
Die konservative Behandlung des Abortus.
Von Josef Lovrich.
Im Jahre 1913 begann ich bei der Abortusbehandlung Versuche
in konservativer Richtung anzustellen und überzeugte mich von deren
Zweckmässigkeit. Die aktive Behandlung führt bei einer grossen
Zahl infektiöser Fälle zu schweren Komplikationen, Verletzungen,
oft sogar zum Tode. Ich habe mich lange mit dem Gedanken ge¬
tragen, eine solche Methode auszuarbeiten, die auch vom praktischen
Arzte gut durchgeführt werden kann und die ungefährlicher ist als die
aktive Behandlung.
In dieser Frage beeinflusste mich auch der Umstand, dass wir
noch immer nicht festzustellen vermögen, ob die Infektion sich nur
innerlich in der Gebärmutterhöhle ausgebreitet, oder ob sie sich schon
parauterin eingenistet hat. In solchen Fällen, wo absolut keine kli¬
nischen Anzeichen auf Infektion hindeuteten, haben wir bei aktiver
Behandlung äusserst schwere Komplikationen gesehen. Alltägliche
Erfahrungen lehren, dass das Hervorrufen des Abortus durch un¬
befugte Hände — welche leider fast immer im Dunkeln bleiben —
schwere Fiebeierscheinungen und Schüttelfrost mit sich bringt, in
welchem Zustande dann die Kranken nicht nur auf die Hilfe des
Arztes, sondern auf Aufnahme in eine Klinik angewiesen sind. Solche
Fälle bringen dem Arzte oft unangenehme Ueberraschungen. Wenn
nun bei schon vorhandener Infektion, ob mit oder ohne klinischen
Anzeichen, der Arzt auf infektiösem Gebiete oder in dessen Um¬
gebung aktive Eingriffe vornimmt, so ist die infektiöse Ausbreitung
fast unvermeidlich und unaufhaltsam treten die Symptome der Sepsis,
Pyämie oder gar die tödliche Peritonitis auf. Häufig wird der be¬
handelnde Arzt für diesen unglücklichen Ausgang verantwortlich ge¬
macht, welchen doch andere verursacht haben; einzig und allein
aus dem Grunde, weil dieser Arzt als letzter die Behandlung der
Kranken übernommen hat.
Durch diesen Gedankengang geleitet, gab ich 1914 in der Pester
gynäkologischen Sektion meine ersten Berichte über die konservative
Behandlung der Fehlgeburten heraus. Bei nicht sehr grossem Ma¬
terial behandelte ich während 9 Jahren 324 Fehlgeburten, ausschliess¬
lich mit der konservativen Methode. Selbst die schwersten I alle
inbegriffen, hatte ich an Todesfällen nur 3 zu verzeichnen. Wenn ich
nun dazu die in den letzten 9 Jahren vorgekommenen 120 künstlichen
Aborte rechne, wobei wir den immer wegen schwerer Krankheit
mittels Blasenstich eingeleiteten Abort den Kräften der Natur über-
liessen, und niemals eine Kranke verloren haben, so kann ich mit
ruhigem Gewissen die konservative Behandlung dem praktischen
Arzte anempfehlen.
Unser Verfahren ist folgendes:
Wir geben bei Abortus (incipiens oder incompletus) Chinin; in
den ersten 24 Stunden nicht mehr als 1 g. Laut der H e r f f scheu
Methode geben wir später Chinin mit Veronal in gleichem Quantum,
und zwar halbstündlich eine Dosis von Vi g. Oder wir verteilen
1 g in 5 Pulver mit gleichem Quantum Veronal in Dosen zu 0,2 g,
welche wir gleichfalls halbstündlich verabreichen. Verschiedentlich
geben wir auch im Anfänge eine Dosis zu 0,4 g und später halbstünd¬
liche Verabreichungen von Dosen zu 0,2 g. Beginnt nun das Chinin
Schmerzen auszulösen, so geben wir Hypophysenextrakte.
Wir verwenden nur zuverlässig gute Hypophysenpräparate
(ungarisches Glandnitrin, Pituitrin oder Pituglandol). Wenn stärkere
Blutung einsetzt, geben wir im Zeiträume von 10 — 15 Minuten 3 bis
4 intravenöse Hypophysininjektionen. Dabei müssen wir bemerken,
dass bei nicht gestörter Schwangerschaft weder das Chinin noch das
Hypophysin einzeln oder zusammen irgendwelche wehetierregendc
Wirkung hat. Wir haben böse Erfahrungen mit schlechtem Kriegs¬
chinin und Kriegshypophysenextrakten gemacht.
Unsere Statistik lautet:
Zahl der Aborte . 324
Primiparae . 83 (ca. 25 Proz.)
Pluriparae . 241 (ca. 75 Proz.)
1. Monat . 21 ( 6,48 Proz.)
2. Monat , 1 . 80 (24.69 Proz.) '
Nr. 40.
1249
3. Monat . 66 (20,37 Proz.)
4. Monat . 54 (16,66 Proz.)
5. Monat . ' . 47 (14,50 Proz.)
6. Monat . 41 (l2,65 Proz.)
7. Monat . 15 ( 4,63 Proz.)
Inzipiens . 212 (65,43 Proz.)
Inkomplett . 112 (34,56 Proz.)
Bei der Aufnahme schwer fiebernd, mit jauchigem Ausfluss 26 ( 8,02 Proz.)
fiebernd . 34 (10,49 Proz)
subfebril (37,5 — 38) . 60 (18,52 Proz.)
Bei der Aufnahme fieberfrei . 192 (59,26 Proz.)
fieberfrei, aber vorher fiebernd gewesen . 12 ( 3,70 Proz.)
sicher kriminalgerichtlicli gemeldet . 5 ( 1,54 Proz.)
Chinin gaben wir in . 170 (52,47 Proz.)
Der Abort war durchschnittlich in 38 Stunden
Dosis Chinin beendet.
nach der ersten
0,5 g
1,0 „
1.5 ..
2,0 „
3,0 „
4,0 „
4.5 „
5,0 „
6,0 „
10,0 „
12,0 .,
Chinin gaben wir in
. 4
Fällen
( 2,35
Proz.)
,,
(41,20
Proz.)
**
(15,30
Proz.)
. 37
»»
(21,76
Proz.)
. 15
,,
( 8,82
Proz.)
. 7
,,
( 4,12
Proz.)
Fall
( 0,58
Proz.)
. 4
Fällen
( 2,35
Proz.)
»*
( 2,35
Proz.)
. 1
Fall
( 0,58
Proz.)
1
»»
( 0,58
Proz.)
zusammen in 170 Fällen.
C h i n e o n a 1 gaben wir in . 66 Fällen (20,37 Proz.)
(kleinste Dosis 0,2 g, grösste Dosis 4,0 g)
Qlanduitrin . 122 „ (37,65 Proz.)
(kleinste Dosis 1 ccm, grösste Dosis 29 ccm)
Pituitrin . 23 „ ( 7,13 Proz.)
(kleinste Dosis 1 ccm, grösste Dosis 11 ccm)
Chinin (allein) . 51 „ (15,74 Proz.)
(der Abort war in durchschnittlich 18 Stunden beendet)
Qlanduitrin (allein) . 8 Fällen ( 2,46 Proz.)
(Beendigung des Abortes in 12 Stunden, durchschnittlich 1,5 ccm)
Pituitrin (allein) . 1 Fall ( 0,31 Proz.)
(gegeben wurde 1 ccm)
Pituglandol (allein) . 2 Fällen ( 0,62 Proz.)
(hinnen 24 Stunden beendet)
Hypoglan d in (allein) . . 1 Fall ( 0,31 Proz.)
Chinin + Qlanduitrin . 77 Fällen (23,77 Proz.)
Chinin + Pituitrin . .20 „ ( 6,17 Proz.)
Chinin + Pituglandol . 6 ., ( 1,85 Proz.)
Chinin ~F Hypoglan d in . 11 „ ( 3,39 Proz.)
Spontane Beendigung unter 324 Aborten,
bei denen wiir gar nichts verabreichten in . 64 „ (19,70 Proz.)
Auffallend gut ist das Schicksal derjenigen Kranken, die im Fieber¬
zustande aufgenommen wurden. In 2 — 3 Tagen verschwand die Tem¬
peraturerhöhung sowie der böse Ausfluss, und der Puls der Kranken
sank auf das Normale. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl der Ruhe
und Sicherheit, wenn der Abort ohne Komplikation durch Schüttel¬
frost oder Peritonitis abläuft. Solche, welche Fiebernde oder in in¬
fektiösem Verdachte stehende Kranke neuerdings aktiv zu behandeln
wünschen, wollen wir darauf aufmerksam machen, dass wir noch
immer keine sicheren klinischen Anzeichen haben, welche die
schwache Virulenz der infektiösen Keime beweisen würden. Ich
selbst werde nie das Gefühl der Unsicherheit vergessen, welches mich
in der Geburtsabteilung der Poliklinik bei den vielen tausenden durch
aktiven Eingriff behandelten Kranken erfasste, wenn es sich um einen
infektiösen oder im Verdachte der Infektion stehenden Abort han¬
delte. Der Hauptvorteil der konservativen Behandlung besteht darin,
dass man damit keinen aktiven Schaden anrichten kann. Sein Nach¬
teil hingegen ist, dass man dadurch den Verlauf des Abortes ver¬
längert und hauptsächlich der Umstand, dass sich die schwangere Frau
solange nicht ruhig fühlt, bis sie nicht von der Schwangerschaft gänz¬
lich befreit ist. Darum finden wir nicht nur in den Aerzten, sondern
in den Frauen selbst die grössten Gegner der konservativen Behand¬
lung. Mit dieser Behandlungsmethode wünsche ich durchaus nicht
denjenigen Fachmännern entgegenzutreten, die durch ihre grosse
Technik, Umsicht und Erfahrung die Kranken vor schweren Kompli¬
kationen und vor allem vor Verletzungen durch aktives Vorgehen zu
behüten wissen. Der Triumph der konservativen Behandlung ist das
gute Wochenbett. Wir verzeiclineten bei unseren Abortwöchne¬
rinnen in 268 Fällen kein Fieber = 82,7 Proz. Einmal Fieber
— 18 Fälle = 5,6 Proz., und längeres Fieber = 28 Fälle = 8,64 Pioz.
Leichtere Erkrankungen beobachteten wir in 4 Fällen = 1,23 Proz.
Schwere Erkrankungen in 3 Fällen = 0,92 Proz. Von den Verstor¬
benen == 0,9 Proz. ist eine nach 9 Tagen an Pyämie, eine nach
4 Tagen an Peritonitis verschieden. Bei letzterer musste wegen Blu¬
tung die aktive Behandlung angewendet werden. Die dritte starb
nach 20 Tagen auch an Peritonitis. Ich muss betonen, dass ab¬
gesehen von I — 2 Tamponaden und der erwähnten aktiven Behand¬
lung, Eingriffe nicht gemacht wurden. Bei Aborten mit Blutungen
ist eine aktive Behandlung nicht notwendig, da ja derartige Blutungen
von der Plazentalösung stammen, zu deren Entfernung aus der Ge¬
bärmutter der Hypophysenextrakt genügt.
3
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4Ö.
liSii
Aus der Universitäts-Hautklinik in Erlangen.
(Direktor: Prof. Dr. Leo Hauck.)
Wismut in der Syphilistherapie.
Von Assistenzarzt Dr. F. Dietel.
Seitdem aus Frankreich Mitteilungen über Erfolge in der Syphi-
I ist licrapie mit Wismut (in erster Linie von Levaditi) erschienen
sind, hat sich auch die deutsche chemische Industrie mit der Her¬
stellung von Wismutpräparaten befasst und in verhältnismässig kur¬
zer Zeit ist eine grosse Zahl von Wismut enthaltenden Mitteln zur
Behandlung der Lues empfohlen worden. Ihre Zahl wächst von
Woche zu Woche. Es gehört nun wohl auch mit zu den Aufgaben
einer Klinik, diese Präparate — soweit sie a priori Aussicht auf Er¬
folg bieten und im Tierversuch bezüglich ihrer Toxizität erprobt
sind — am klinischen Material nachzuprüfen, um sie dann bei ihrer
Eignung dem in der Praxis stehenden Arzt zur Behandlung anzuraten.
Auch an unseren klinischen und ambulatorischen Kranken finden
seit längerer Zeit von verschiedenen chemischen Fabriken zu Ver¬
suchszwecken überlassene Wismutpräparate Verwendung, und zwar
sind Cs deren vier: Bismogenol, Bisuspen, Wismulen und
Wismut-Diaspora 1.
Wenn ich zunächst auf die chemische Zusammensetzung der ein¬
zelnen Präparate eingehen darf, so handelt es sich beim Bismogenol, das von
der Firma Tosse in Hamburg hergestellt wird, um eine Bismuthylverbindung
einer physiologisch hochwertigen Oxybenzoesäure. Sein Qehalt an metal¬
lischem Wismut beträgt 59 — 60 Proz. ln der gewöhnlich gegebenen Einzel¬
dosis von 1 ccm sind 0,05 — 0,06 g metallischen Wismuts enthalten.
In dem aus der Chemischen Fabrik von Heyden stammenden Bisuspen
(früher Wismut Heyden) haben wir es mit einer Oelsuspension zu tun, die
Wismutsubsalizylat in sehr feiner Verteilung enthält, ln 1 ccm der Sus¬
pension ist etwa 0,06 g metallisches Wismut.
Im Gegensatz zu diesen beiden intramuskulär zu verabreichenden
Wismutverbindungen wurde von Stroschein in Berlin ein wasserlösliches,
organisches Bi-Präparat, das Wismulen, angegeben, das die chemische
Formel CoHioNOsBi hat und neutrale Reaktion besitzt. Es geht mit Salvarsan
keine Verbindungen ein, führt auch nicht zu Ausfällungen, so dass es sehr
gut in Mischspritzen Verwendung finden kann, ln 1 ccm der neuerdings
hergestellten Ampullen ist 0,04 g metallisches Wismut enthalten.
Ebenfalls für intravenöse Anwendung wurde von Dr. Klopfer in
Dresden das Wismut-Diasporal in die Luestherapie eingeführt, ein kolloidales,
hochdisperses Wismuthydroxyid, das in 1 ccm-AmpuIlen mit 10 mg Bi(OH)a
vertrieben wird.
Diese Wismutpräparate kamen zur Behandlung aller Stadien
der Lues in Anwendung, insgesamt bei weit über 100 Fällen. Bei
seronegativen Primäraffekten wurde immer Neosalvarsan oder Neo-
silbersalvarsan sofort mitgegeben, um das Gelingen einer Abortiv-
heilung nach Möglichkeit zu gewährleisten. Bei seropositiven Fällen
kam zuerst immer nur (bei den klinisch behandelten Kranken) ein
Wismutpräparat zur Verwendung, um die Einwirkung auf die mani¬
festen Erscheinungen festzustellen. Die stärkste Wirkung konnten
wir hier beim Wismut-Diasporal beobachten, wo manchmal schon
nach 2 Spritzen Epithelisierung der breiten Papeln eingetreten war.
In der Regel war dies erst nach 5 — 6 Injektionen zu beobachten.
In einem Fall allerdings konnten noch nach viermaliger Verabreichung
von Wismut-Diasporal im Dunkelfeld lebende Spirochäten nach¬
gewiesen werden. Eine sehr gute Wirkung entfaltete auch das
Bismogenol und in etwa gleichem Maasse das Bisuspen, während das
Wismulen einen geringeren Einfluss auf die klinischen Erscheinungen
der Lues ausübte. In die gleiche Reihenfolge wären die einzelnen
Präparate bezüglich ihrer Einwirkung auf Manifestationen des Ter¬
tiärstadiums zu bringen und hier erfolgte ebenfalls die Rückbildung
der Prozesse in recht befriedigender Weise.
Zusammenfassend können wir sagen, dass das Wismut — was
das Verschwinden der manifesten Erscheinungen in allen Stadien der
Lues anlangt, eine sehr prompte Wirkung entfaltete, so dass wir
den Eindruck gewannen, dass dieselbe die des Quecksilbers noch
übertrifft.
Weniger deutlich ausgesprochen war die Beeinflussung der
Seroreaktionen bei allein mit Wismut behandelten Fällen, bei
denen eine Gegenindikation gegen Salvarsanbehandlung voilag.
Immerhin gelang es in einzelnen Fällen mit Wismut allein einen Um¬
schlag der Reaktion ins Negative zu erzwingen. Ich möchte hier
nebenbei bemerken, dass an unserer Klinik immer mit der Wasser-
m ann sehen auch die Meinicke-Trübungsreaktion vorgenommen
wird, die sich uns als feinerer Indikator als die WaR. für die Lues¬
diagnose erwiesen hat und häufig noch positiv ausfällt, wenn die
WaR. schon ein negatives Ergebnis zeigt. Gegenüber der geringen
Beeinflussung der Seroreaktion durch alleinige Wismutbehandlung
war der häufig beobachtete rasche Umschlag ins Negative bei Kran¬
ken, die kombiniert mit Salvarsan und Wismut behandelt wurden,
recht auffallend. Im Verlauf der antiluetischen Kuren mehrmals \or-
genommene Blutuntersuchungen ergaben oft schon nach 2% g Sal¬
varsan und 7 — 8 ccm Wismut negativen Befund.
Bezüglich der Dosierung ist zu sagen, dass wir zweimal
wöchentlich 1 ccm und für eine Kur im Durchschnitt 15 ccm der ein¬
zelnen Wismutverbindungen verabreichten.
Es wäre noch nachzuholen, dass wir bei keinem unserer Fälle
eine Herxheimer sehe Reaktion auftreten sahen.
Bezüglich seiner Wirksamkeit möchten wir nach unseren Er¬
fahrungen dem Wismut seinen Platz zwischen dem Salvarsan und
dem Quecksilber zuweisen, wobei es sich bis jetzt natürlich nur
darum handeln kann, die Einwirkung auf manifeste Erscheinungen
festzustellen.
Nach diesen Erörterungen über den Heileffekt der Wismut¬
behandlung sei auf die dabei beobachteten Nebenerschei¬
nungen eingegangen. Hier mögen zuerst die bei der Injektion der
unlöslichen Bi-Präparate eingetretenen Reaktionen Erwähnung fin¬
den. Sie waren durchweg auffallend gering. Wer gesehen hat, was
die Injektion unlöslicher Hg-Salze für Schmerzen, ja manchmal sogar
Gehstörungen verursacht hat, ist von der guten Verträglichkeit der
Wismutsuspensionen in dieser Beziehung aufs angenehmste über¬
rascht. In den allermeisten Fällen spürten die Kranken von der In¬
jektion überhaupt nichts, bei einzelnen Kranken kam es zu geringen
ziehenden Beschwerden, während das Auftreten direkter Schmerzen
nie geklagt wurde. Auch das erwähnte Ziehen hielt nur etwa 1 bis s
2 Tage an, um dann wieder vollständig zu verschwinden. In ganz
vereinzelten Fällen nur (3) konnte bei späteren Injektionen durch die
eingestossene Nadel ein von einer früheren Einspritzung stammendes I
Infiltrat festgestellt werden.
Allgemeinerscheinungen sahen wir bei Bismogenol
und Bisuspen nicht, dagegen traten bei Verwendung des Wismut-
Diasporal in seiner früheren Form einige Male sehr stürmische Stö-
rungen in Gestalt von Schüttelfrost, hohem Fieber und heftigsten
Kopfschmerzen auf, 3 mal kam es eine halbe Stunde nach der Injektion
unter hohem Fieber zu polyneuritisähnlichen Zuständen, die in voller
Heftigkeit bis zu 5 Stunden anhielten, die Anwendung von Morphium
erforderlich machten und noch von mehrere Tage anhaltenden Mus¬
kelschmerzen gefolgt waren. Die Ursache für die damals beobachtete
schlechte Verträglichkeit des Mittels lag an der Art des Schutz¬
kolloids, denn seit dieses eine Aenderung erfahren hat, wurde nur
noch gelegentlich der ersten Injektionen geringer Temperaturanstieg
(bei einigen Kranken im Verlauf der ersten 4 Einspritzungen) bis zu
38 0 gesehen, dabei mehrere Stunden anhaltende, nicht sehr heftige
Kopfschmerzen und das Gefühl von Mattigkeit und Schwäche. Nach
Wismulen wurde in einem Fall am Nachmittag nach der Injektion
über leichte Abgeschlagenheit geklagt.
• I
Ob man es einer Einwirkung des Wismuts auf den Darmtrak-
tus zuschreiben darf, dass wir bei 2 unserer mit Wismutpräparaten
behandelten Kranken Durchfälle auftreten sahen, erscheint mehr als
zweifelhaft, da zu dieser Zeit noch mehrere andere Kranke der Klinik
(Hautkranke) an Enteritis litten. Dagegen war ein Zusammenhang
zwischen der Injektion von Wismulen und sofort nach der Einverlei¬
bung bei 2 Kranken auftretenden heftigen Leibschmerzen, die nach
etwa halbstündiger Dauer wieder abklangen, unbedingt anzunehmen, i
Diese Schmerzen waren in diesen beiden Fällen so heftig, dass die
Kranken nicht aufgerichtet vom Behandlungsraum zum Saal gehen
konnten. Bei dem einen dieser beiden Fälle waren die Schmerz¬
attacken in den nächsten Tagen von Obstipation gefolgt.
In der bis jetzt über Nebenwirkungen bei der Wismuttherapie
erschienenen Literatur finden sich hie und da Angaben über auf¬
getretene Leberschädigungen. Wir konnten eine solche bei
keinem unserer Fälle beobachten, nie trat Ikterus auf oder wurden
Abbauprodukte von Gallenfarbstoffen im Urin nachgewiesen.
Ein besonderes Augenmerk wurde der Beobachtung von
Nieren Veränderungen gewidmet und bei einer grösseren Anzahl
von Kranken, die mit den verschiedensten Wismutpräparaten be¬
handelt wurden, täglich das Harnsediment untersucht. Dabei machte
sich ein deutlicher Unterschied zwischen den intravenös verabfolgten
Mitteln gegenüber den intramuskulär injizierten bemerkbar. Wäh¬
rend beim Wismut-Diasporal und eigentlich noch weniger beim Wis¬
mulen nur in selteneren Fällen eine Veränderung im Sediment im
Sinne geringgradiger Epithelurie auftrat, war dies bei den mit Bi¬
suspen und Bismogenol behandelten Kranken die Regel. Hier konn¬
ten nur vereinzelte Fälle beobachtet werden, bei denen der Urin
auch mikroskonisch während der Dauer der Wismutkur unbeeinflusst
blieb. Ich möchte gleich hier vorausschicken, dass die Urinverände¬
rungen bei keinem Kranken so waren, dass ein Aussetzen der Wis¬
mutbehandlung erforderlich erschienen wäre. Nach den ersten 2 oder
3 Injektionen von Bismogenol oder Bisuspen war das Urinsediment
unbeeinflusst, die Eiweissproben waren negativ. Dann machte sich
allmählich eine Wirkung von den gesetzten Wismutdepots aus gel¬
tend, denn nun konnten im Zentrifugat vermehrte Epithelien, z. T. ge¬
schwänzte, festgestellt werden, nachdem vorher schon Leukozyten,
reichlicher als der Norm entsprechend, angetroffen wurden. In eini¬
gen Fällen fanden sich auch wenige rote Blutkörperchen. In den
nächsten Tagen mehrten sich dann die Epithelzellen und erschienen
manchmal in Verbänden. Dies hielt dann entweder bis zum Schluss
der Kur an oder verminderte sich wieder, und nach unseren Be¬
obachtungen war das letztere eigentlich häufiger der Fall. Zur Er¬
klärung dieses Befundes haben wir eine allmählich eingetretene An¬
passung der Nieren an die Schädigung durch das Wismut an¬
genommen. Nierenzylinder haben wir in keiner Form sehen können,
ln 4 Fällen ergab die Eiweissprobe unter der Kur geringe Opaleszenz,
eine deutliche Albuminurie trat bei der von uns geübten Dosierung
an keinem Kranken in Erscheinung. Es ist klar, dass gerade bei
diesen 4 Fällen die Fortführung der Kur unter genauester Harnkon¬
trolle vor sich ging; dabei zeigte sich, dass die Opaleszenz bei
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
1251
5 ^Oktober 1922.
3 Fällen nur vorübergehend war, im vierten Fall nicht stärker ge¬
worden ist, obwohl bei allen 4 Kranken keine Aenderung in der Wis¬
mutbehandlung stattgefunden hatte. Nachzuholen wäre noch, dass
bei diesen 4 Kranken Konzentrations- und Wasserversuch angestellt
wurde und gute Nierenfunktion ergab. Bezüglich der Einwirkung
der Wismutpräparate auf die Nieren wäre also zu sagen, dass ein
schädigender Einfluss bei Wismut-Diasporal und Wismulen praktisch
nicht in Frage kam, bei Bisuspen und Bismogenol sich in Form -ver¬
mehrter Epitheldesquamation äusserte, die in 4 Fällen vom Auftreten
geringer Opaleszenz im Urin begleitet war. Bei keinem der von uns
behandelten Kranken kam es zu einer Nephrose oder Nephritis.
Für das Zustandekommen von Veränderungen in der M und-
höhle war der Zustand, in dem sich diese befand, sowie die von
den Kranken betriebene Mundpflege von erheblicher Bedeutung.
Kranke mit einem guten Gebiss bekamen nie Zahnschmerzen oder
einen deutlicheren Wismutsaum, wenn sie unter der Behandlung von
Wismut-Diasporal, Bisuspen oder Bismogenol standen. Das Wismu¬
len nahm hier eine Sonderstellung ein. Bei diesem Präparat traten
nämlich fast regelmässig kurze Zeit nach der Injektion Zahnschmer¬
zen — teils ganz kurzdauernd teils bis zu einer halben Stunde anhal¬
tend — auf, die bei späteren Injektionen manchmal zu einem Reissen
im ganzen Unterkiefer ausarteten. Die Beschwerden waren mehr¬
mals so heftig, dass ein Wechsel mit dem Wismutpräparat vor¬
genommen werden musste. Eine interessante Beobachtung war bei
Behandlung mit Wismulen in einer Reihe von Fällen festzustellen, in¬
dem nämlich bei mehreren Kranken am Tag deY Injektion ein deut¬
licher Wismutsaum meist an der Prädilektionsstelle, den untern mitt¬
leren Schneidezähnan, auftrat, der am nächsten Tag fast ganz oder
auch vollständig wieder verschwand. Bei Wismut-Diasporal wurde
seltener und nur geringgradig Wismutsaum beobachtet. Unter der
Behandlung mit Bismogenol und Bisuspen kam es bei mehreren Kran¬
ken an kariösen Zähnen zu Zahnschmerzen infolge von Pulpitis
oder Periodontitis, so dass die Zähne extrahiert werden mussten.
Bei den mit den letztgenannten 2 Bi-Präparaten behandelten Kranken,
bei denen ein Wismutsaum auftrat, konnte man in der Regel schon
mehrere Tage vorher eine entzündliche Schwellung der Gingiva be¬
obachten, dann trat meist an den beiden itinern untern Schneide¬
zahnen, manchmal auch zuerst an andrer Stelle, an der Zahnfleisch¬
grenze ein feiner, grauschwarzer Strich auf, der sich allmählich ver¬
breiterte. Zu einer schweren Stomatitis, insbesondere mit Ge-
schwiirsbildung, sahen wir es bei keinem Kranken kommen, obwohl
wir bei einigen Kranken mit Wismutsaum eben zum Zweck der wei-
. ereil Beobachtung von jeder Behandlung der Mundhöhle abgesehen
hatten. Die durch Wismut gesetzten Veränderungen Hessen sich
leicht durch Mundspülen mit Kalium chloricum oder Pinseln mit
10 proz. Chromsäure beheben.
. , An der Art und dem Verlauf des Wismutsaums glaubten wir einen
iinweis auf die Wirkung und Ausscheidung des Wismuts bezüglich
ler Art der Verabreichung sehen zu können. Bei der intravenösen
Darreichung kam es entweder zu gar keinen oder nur flüchtigen Ver-
üiderungen, die dann aber sehr schnell verlaufen konnten. Das
wismut wirkt hier rasch, aber nur kurze Zeit. Bei der intramusku-
ar en Anwendung trat der Wismutsaum erst später (nach einigen
njektionen) in Erscheinung, um dann dauernd anzuhalten. Hier
commt die Wirkung des Wismuts nicht sofort in voller Stärke zur
-ntfaltung, durch die gesetzten Depots bleibt aber der Körper viel
ängcr unter dem Einfluss des Medikaments.
Sonstige Nebenerscheinungen bei der Bi-Behandlung an den übri¬
gen Organen des menschlichen Körpers haben wir nicht beobachten
:önnen.
Zusammenfassend lässt sich demnach sagen, dass unsere
-rfahrungen mit der Wismuttherapic insbesondere bei Verwendung
’n,i Bismogenol, Bisuspen und Wismut-Diasporal in seiner neuen
.usammensetzung als sehr günstig bezeichnet werden können, sowohl
vas ihre Wirkung auf die Lues als auch was die Art und Schwere
er Nebenwirkungen anlangt. Nie wird das Wismut das Salvarsan
•erdrängen. Schon der Nachweis noch lebender Spirochäten im
.eizscrum nach mehreren Injektionen beweist dies deutlich. Jedoch
cheint das Wismut sich bei der kombinierten Behandlung mit Sal-
arsan gut zu bewähren, obwohl natürlich in bezug auf Daucr-
esultate noch abwartende Haltung geboten ist. Gegenüber dem
'uecksilber sind die fehlende Schmerzhaftigkeit bei der intramusku-
|ren Verabreichung, die geringfügigen Nierenveränderungen sowie
ie relativ harmlosen Erscheinungen in der Mundhöhle — ganz ab¬
eschen von der stärkeren Wirkung auf die Syphilis — hervor-
uheben. Aus den zuletzt angeführten Gründen kann das Wismut
ehr wohl in Verbindung mit Salvarsan zur ambulanten Behandlung
mpfohlen werden. Die oben ausgeführten Momente und die guten
henste, die uns das Wismut in solchen Fällen geleistet hat, wo Sal-
arsaii aus irgendwelchen Gegenindikationen heraus nicht oder nicht
lehr gegeben werden konnte, haben uns schon jetzt die Wismut-
lerapie so wertvoll erscheinen lassen, dass wir sic nicht mehr in
"'-'“rem Rüstzeug gegen die Lues missen möchten.
Lösliche Quecksilbersalze bei der Luesbehandlung,
Von Sanitätsrat Dr. Ries, Stuttgart.
Die grosse Reihe löslicher und unlöslicher Mittel zur Bekämpfung
der Syphilis, die in den Handel kommen und alle als Spezifika an¬
gepriesen werden, lässt leider den Schluss zu, dass das Antilueti-
kum, d. h. ein solches, auf dessen unbedingte und dauernde Wirkung
man sich verlassen kann, noch immer nicht gefunden ist.
Unter den vielen Mitteln, die in der letzten Zeit versucht wurden,
verdient zweifellos das Novasurol (Bayer) an vorderster Stelle
i- ij- t-u' ^as Novasurol, ein lösliches Quecksilberpräparat, das
die Einführung relativ höherer Hg-Dosen ermöglicht, stellt ein Dop¬
pelsalz dar von oxymercurichlorphenoxylsaurem Na und Diäthyl-
malonylliarnstoff und enthält 33,9 Proz. Hg. Es hat alle Vorzüge und
Schwächen löslicher Präparate, d. h. die löslichen Präparate sind
nicht fähig, gleich den unlöslichen, Depots mit ihrer nicht zu unter¬
schätzenden Wirkung zu schaffen, die Ausscheidung aus dem Organis-
niiis ist eine zu schnelle, infolgedessen treten bei löslichen Präparaten
Rezidive schneller auf wie bei unlöslichen. Dagegen muss anerkannt
werden, dass mit dem raschen Ausscheiden auch eine rasche Wir-
kung, d. h. eine unmittelbare und schnelle Beseitigung ansteckender
Erscheinungen erreicht wird. Es ist also durch dieses schnell¬
wirkende Mittel die Gefahr einer Weiterübertragung der Lues zwei¬
fellos herabgemindert.
Die Injektionen mit Novasurol sind wie die meisten mit löslichen
Präparaten zumeist schmerzlos, ein Vorzug vor den Injektionen mit
unlöslichen Mitteln, die zuweilen erhebliche Schmerzempfindungen
auslösen und dem Kranken die nicht ganz unwillkommene Ver¬
anlassung geben, sich der Behandlung zu entziehen. Tatsächlich sind
am Tage der Injektion und an den beiden nächsten Tagen zuweilen
die Schmerzen nach Einverleibung unlöslicher Präparate so empfind¬
lich und heftig, dass die Kranken geradezu arbeitsunfähig sind und
dass auch die gewissenhaften unter ihnen in ihrer Absicht, sich streng
den Anordnungen des Arztes zu fügen, schwankend werden. Hand
in Hand mit der raschen Ausscheidung des Novasurols gehen auch
seine geringen Nebenwirkungen. Stomatitis, Erbrechen, Albuminurie
treten nur ganz vereinzelt auf. Nach meinen Erfahrungen dürfte sich
das Novasurol ganz besonders als Zwischenkur zwischen zwei Haupt¬
kuren oder aber kombiniert mit Salvarsan empfehlen. Auch bei Kin¬
dern, sogar bei ganz kleinen, erzielte ich mit dem Präparat gute Er¬
folge. Vor allem durfte ich beinahe in allen Fällen eine nicht un¬
erhebliche Gewichtszunahme feststellen.
Die günstigen therapeutischen Erfolge bei Syphilis mit der kom¬
binierten Quecksilber-Salvarsan-Behandlung nach Linser wurden
dadurch noch gesteigert, dass man das Salvarsan statt mit Sublimat
mit Novasurol kombinierte und es so ermöglichte, ein Quecksilber-
piäparat einzuführen, das auch in höheren Einzeldosen ohne jede
Venenschädigung verabfolgt werden kann. Diese sog. einzeitige
intravenöse Novasurol-Neosalvarsan-Behaudlung wird von den
meisten Autoren als unschädlich bezeichnet und die Erfolge sind so¬
wohl klinisch als serologisch gut. Ebenso wie mit Novasurol wurden
sodann andere lösliche Quccksilbersalze mit Neosalvarsan gemischt
oder das Neosalvarsan durch Silbersalvarsan ersetzt; bei
allen diesen Modifikationen konnten gute Erfahrungen gesammelt
und befriedigende Resultate beobachtet werden, besonders wenn es
sich um frische Infektionen handelte, die noch unbehandelt waren oder
aber auch um solche Fälle, die sich refraktär verhielten, bei denen
trotz energischer wiederholter Behandlung der Wassermann immer
noch oder wieder positiv war.
Rein technisch haben die Mischspritzen mit Novasurol plus Nco-
salvarsan den Vorteil, dass bei ihnen nicht wie bei der Mischung
Neosalvarsan-Sublimat ein schwärzlicher Niederschlag entsteht, der
das Einströmen des Blutes in die Spritze zu sehen verhindert, sondern
es zeigt sich nach anfänglicher Trübung eine Lösung, die je nach der
Dosis der beiden gemischten Präparate von gelblichgrün bis olivgrün
schwankt.
Die Technik erfolgt am einfachsten nach den Angaben von
Bruck und Becher in der Weise, dass selbstverständlich die
Mischung jedesmal frisch bereitet wird, und zwar am besten in der
Spritze selbst: die zu verwendende Neosalvarsandose wird am besten
in etwa 5 ccm destillierten Wassers gelöst, in die Glasspritze auf¬
gesogen und die Novasuroldose direkt aus der käuflichen Ampulle
durch die Nadel nachgesaugt. Dann wird mit einer Luftblase in der
Spritze umgeschüttelt und etwa eine halbe Minute gewartet, bis die
Umsetzung der Mischung sich vollzogen hat. Die entstandene gelb¬
lichgrüne oder olivgrüne